Der Elysée Vertrag und die katholische Kirche in Deutschland

Von Frankreich nichts gelernt – Der Elysée Vertrag und die katholische Kirche in Deutschland

Ein Kommentar von Christian Modehn

Der Elysée – Vertrag (22. Januar 1963) versteht sich ausdrücklich als Freundschaftsvertrag. Er will die deutsch – französische Zusammenarbeit fördern, möchte für menschliche Begegnungen und Partnerschaften sorgen, etwa auch zwischen Schulen und Vereinen. Der Elysee – Vertrag will mit anderen Worten auch die Gesellschaft von falschen Vorstellungen und Feindbildern befreien. Deswegen ist es normal, auch die Kirchen und Religionen mit dem Thema „Elysée – Vertrag“ zu konfrontieren, sind sie doch Teil der Gesellschaft.

Sind Franzosen und Deutsche in den letzten 50 Jahren einander näher gekommen? Wurden tief sitzende Missverständnisse überwunden? Sind Freundschaften über die Grenzen hinweg entstanden? So pauschal gefragt, wird man diese Fragen als journalistischer Beobachter – 50 Jahre nach dem Elysée Vertrag – sicher positiv beantworten.

Schwieriger wird es, wenn man einen Sektor der deutschen Gesellschaft näher anschaut, z.B. die katholische Kirche in Deutschland: Haben Katholiken hierzulande von ihren französischen Freunden gelernt? Gab es Austausch, der über das muntere Feiern und kulturell „hoch interessierte“ Besichtigen (etwa von Klöstern, Gemeinden) hinausging? Hat man sich vom französischen (katholischen) Freund anregen oder verunsichern lassen im eigenen Selbstverständnis? Diese Fragen werden im Umfeld der „Elysée – Feierlichkeiten“ nicht gestellt. Darum einige Hinweise, die dokumentieren: Wirkliches Lernen in der Begegnung mit den Religionen in Frankreich fand in Deutschland offenbar nicht statt. Was französische Katholiken von deutschen gelernt haben, ist eine eigene Frage, die später beantwortet werden kann.

Aber zuerst ein Wort in eigener Sache: Die Fragen nach der konkreten Gestalt einer bestimmten Religion gehören auch zu einem weiten religionsphilosophischen Interesse. Hegels Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie etwa bietet genaue Analysen der damaligen faktischen Religionen und Konfessionen… Mit Frankreich (und mit Franzosen) verbindet mich recht viel: Ich habe als Journalist und Theologe von 1989 bis 2005 im Saarländischen Rundfunk (SR2) ca. 50 Halbstunden – Sendungen unter dem Titel: „Gott in Frankreich“ gestaltet, Redakteur war Norbert Sommer. Diese Sendungen verstand ich als Form des Dolmetschens, also des Erklärens, was jenseits des Rheins religiös lebt. Die Ausgangsthese war, die immer wieder bestätigt wurde: Religiöses Leben ist dort –vergleichsweise – vielfältiger und experimentierfreudiger als in Deutschland, das galt auch für die katholische Kirche… Außerdem habe ich 1993 das Buch „Religion in Frankreich“ (Gütersloher Verlagshaus) veröffentlicht sowie etliche Filme für die ARD über die katholische Kirche in Frankreich realisiert, u.a. zwei Halbstundenfilme über Bischof Jacques Gaillot (in Evreux, dann nach der Absetzung durch den Papst im imaginären Wüstenbistum Partenia) oder über eine Gemeinde in Ivry, in der Banlieue von Paris, geleitet von der „Mission de France“ (2005).

Aufgrund dieser und vielfältiger anderer Arbeiten über die Religionen, vor allem den Katholizismus, in Frankreich, versuche ich anlässlich der Erinnerungen an den Elysée – Vertrag (22.1. 1963) zu dokumentieren: Ein echter Dialog, im Sinne der Lernbereitschaft zwischen der katholischen Kirche in Frankreich und der in Deutschland ist öffentlich nicht sichtbar geworden, obwohl doch gerade der Elysée – Vertrag gesellschaftliche Kräfte mobilisieren wollte, offen dem „anderen“ zu begegnen und lernbereit aufeinander zuzugehen.

Es gab bescheidene Initiativen, die auf den (finanziellen) Austausch setzten, wie die Aktion „Contact Abbé“, vor allem in Speyer: Sie war entstanden, um dem (finanziell) äußerst bescheiden lebenden französischen Klerus beizustehen. Tatsächlich erhalten französische Priester und Bischof einheitlich ein Gehalt, das dem Mindestlohn entspricht, momentan etwa 1.000 Euro monatlich.

Aber der Eindruck herrscht vor: Es gab immer – auch nach dem Elysée – Vertrag – eine starke Abwehr in katholischen Kreisen Deutschlands, das französische Modell von Kirche als Anregung zu diskutieren und wahrzunehmen. Immer lief es auf die Behauptung hinaus: Die französische Kirche ist ganz anders, da gibt es nichts zu lernen. Vor allem in grundlegenden Fragen der Kirchenfinanzierung gab und gibt es eine heftige Abwehr in führenden katholischen Kreisen: Da wird die Kirchensteuer wie ein hochheiliges Gut verstanden und verteidigt, und man bedauert eher die französische Kirche, ohne Kirchensteuer auskommen zu müssen. Das Vertrauen ins (viele) Geld ist hierzulande so stark, dass man gar die heutige offenkundige  Schwäche französischer Theologie auf die schlechte finanzielle Ausstattung zurückführt. Dabei sieht man nicht, dass von 1950 bis 1975 viele französische katholische Theologen weltweit hoch angesehen waren, wie Pater Chenu oder Pater Congar: Auch sie lebten bereits in einer „armen“, kirchensteuerfreien Kirche: Die Gründe für die Produktivität der Theologie ist eher in einem Klima der Freiheit zu suchen; dieses gibt es im katholisch – theologischen Raum bekanntlich nicht (mehr)…

Jedenfalls haben viele maßgebliche Beobachter in Deutschland nie wahrnehmen wollen: Die französische Kirche und der französische Klerus wünschen für selbst ausdrücklich kein anderes Modell der Kirchenfinanzierung als über Spenden, also ohne Kirchensteuer. Die Priester und Theologen wollen heute die Gesetze der Laicité (1905), also die Gesetze, die die Trennung von Kirchen und Staat formulieren, beibehalten. Dabei wurden diese Gesetze im Laufe der Jahre weiter entwickelt, meist zugunsten der Kirche: Staatspräsident Sarkozy sprach etwa von einer „milden“, reformierten laicité: Aber bis jetzt verbietet es sich der französische Staat, dass religiös geprägte Vorstellungen unmittelbar staatliches Gesetz werden. D.h. es herrscht nach wie vor ein gewisser Abstand, manchmal Misstrauen, zwischen der Regierung und der Kirche. Man trifft sich zum Dialog, verbietet sich aber wechselseitiges Sich Einmischen. Es wurde in Deutschland nie darüber im positiven Sinne diskutiert, ob nicht dieser „skeptische“ Abstand für die ganze Gesellschaft und den Staat hilfreich ist: Die katholische Kirche mag ja ihre eigenen Gesetze und eigenen religiös motivierten ethischen Vorstellungen haben. Aber diese dürfen niemals allgemeines Gesetz für alle werden (angesichts der religiösen Pluralität und des zunehmenden Atheismus eigentlich eine Selbstverständlichkeit). Es wäre an der Zeit, auch in Deutschland dieses Modell der laicité in Frankreich unverstellt zu diskutieren…

Gerade beim Thema Kirchensteuer wurde und wird auf deutscher Seite auch immer rühmend und stolz kundgetan, dass die Kirchensteuer doch ein viel besseres kirchliches Leben ermögliche. Dabei ist z.B. die Statistik der Teilnehmer an den Messen etwa im Kirchensteuer finanzierten Köln oder im kirchensteuerlosen Paris praktisch identisch, vor allem, was die Teilnahme jüngerer Menschen angeht. Auch die Milliarden Kirchensteuereinnahmen in Deutschland machen die Gottesdienste nicht „attraktiver“ und „voller“; die reiche  deutsche Kirche ist genauso erfolgreich bzw. erfolglos wie die arme französische. Diese Erfolglosigkeit beider Modelle hat offenbar nicht so sehr mit der Geldmenge zu tun, sondern mit der heute mangelnden geistigen Offenheit, der offiziellen römischen Abweisung von Freiheit, der Bindung an Dogmatismen usw.

Dabei wird auch übersehen, dass es zumindest bis ca. 1990 zahlreiche Initiativen in Frankreich gab, die weltweit als wegweisend empfunden wurden: Etwa die Arbeiterpriester und die Ordenskommunitäten, vor allem von Frauen, die mitten in der Stadt, oft unter den Armen, leben und den Alltag der Menschen (Ausländer usw.) teilen. Diese „typisch französischen Experimente“ wurden in Deutschland nicht aufgegriffen. In Frankreich lebten im Jahr 2000 etwa 500 Arbeiterpriester, in Deutschland 20. Es wurde hierzulande auch übersehen, dass es in Frankreich den lange Jahre andauernden Versuch gab (und gibt), neue, moderne Gemeindeformen einzurichten, mit einer Gleichberechtigung der Laien, demokratischen Leitungsstrukturen usw. (etwa die Gemeinden St. Merri in Paris oder die Chapelle St. Bernard in Paris). Es wurde in Deutschland niemals als Anregung wahrgenommen, eine halbwegs offene und wenigstens halbwegs objektive katholische Presse zu gestalten, die auch am Kiosk „für alle“ erreichbar ist, wie etwa La Croix (Tageszeitung) oder La Vie (wöchentliches Magazin) in Frankreich. Und das funktioniert ohne Kirchensteuer! Die Experimente neuer Kirchenmusik (Sylvanès etwa mit Pater Gouzes OP) wurden in Deutschland nicht wahrgenommen; es wurde kaum gesehen, dass gerade die Klöster in Frankreich Ortes des Gesprächs mit so genannten Nichtglaubenden sind. Man interessierte sich in Deutschland etwas für das Modell der Gemeindeleitung durch Laien im Erzbistum Poitiers, aber man war in Deutschland doch schnell mit dem Urteil: „Das passt doch für Deutschland nicht“. Man hat gern den vom Papst abgesetzten progressiven Bischof Jacques Gaillot eingeladen, aber seinen Ansatz einer Solidarität mit Menschen in größter Not (les sans papiers etwa) nicht übernommen. Es ist bezeichnend, dass viele Bischöfe, allen voran Kardinal Meisner, mehrfach Redeverbot für Bischof Gaillot erteilt haben. Ein Zeichen deutsch – französischer Freundschaft? Ein Zeichen dafür, den anderen als anderen zu respktieren? Die meisten Gemeinden beugten sich der autoritären Willkür Meisners, dieses „Herren der Kirche“, die Laien gingen jedenfalls nicht auf die Barrikaden.

Kurzum, es wurde viel gesprochen über den Katholizismus in Frankreich, aber es blieb so zusagen bei der Neugier, um nicht zu sagen beim interessierten Geplauder. Von wirklichen Lernschritten also keine sichtbare Spur. Mag ja sein, dass der eine oder andere mal privat einen Text von Pater Chenu gelesen hat…

Zusammenfassend kann gesagt werden: Im Bereich der katholischen Kirche in Deutschland hat der Elysée Vertrag, als Einladung zu tieferer Kenntnis und Freundschaft, keine Wirkungen gezeigt.

Und heute steht die französische katholische Kirche sozusagen ohne ésprit da: Die modernen, progressiven Ansätze sind fast verschwunden oder wurden gar verboten. Auch in Frankreich nimmt die Zahl reaktionärer Bischöfe stetig zu, man denke etwa an das Bistum Fréjus – Toulon, wo sich alle nur denkbaren äußerst konservativen „neuen Bewegungen“ sammeln. Längst sind die meisten jungen Priester mit den neokonservativen Bewegungen (Charismatiker, Communauté St. Jean usw.) verbunden: Das bis ca. 1985 noch pluralistische Gesicht des französischen Katholizismus ist zuungunsten von Gleichförmigkeit und Strenge und Dogmatismus verschwunden. „Ein trauriger Zustand“, sagt etwa der frühere Pfarrer von St. Eustache in Paris, Gérard Béneteau in seinem lesenswerten, sehr realistischen Buch „Journal d un curé de Ville“, Fayard, Paris 2011. So darf man wohl mit gutem Grund sagen: Die progressiven Kreise wurden ausgegrenzt, sie wurden ermüdet, durch immer neue Verbote in die Resignation getrieben, mundtot gemacht (Kardinal Lustiger von Paris hat darin enorme „Verdienste“, er hat das konservative, autoritäre Gesicht der französischen Kirche bestimmt, beinahe wöchentlich weilte er bei Papst Johannes Paul II). Die am Konzil noch lebhaft interessierten Kreise führen jedenfalls heute ein marginales Dasein, sind ohne Einfluss. Die traditionsreiche linke und progressive Wochenzeitung Témoignage Chrétien wird jetzt noch einmal wiederbelebt. Es gibt einige Klöster als Treffpunkte der Progressiven; es gibt die progressiven „Reseau du Parvis“, eine Bündelung kleiner Gruppen; immerhin gibt es noch die konsequent aufklärerischen Publikationen von „GOLIAS“ (Lyon): Aber die sind so unbeliebt in offiziellen Kreisen, dass selbst die große und angesehene Buchhandlung „La Procure“ in Paris die Golias Zeitschriften nicht mehr verkauft (vor einigen Jahren waren sie wenigstens noch als sogen. Bückware, ganz unten im Regal unsichtbar plaziert). Es breitet sich – wie überall im Katholizismus – eine Angst vor der Freiheit aus.

So bleibt als Gesameinschätzung: Die katholische Kirche in Frankreich ist jetzt auch von Angst besessen, sperrt sich ein, sie verliert deswegen immer mehr kreative Mitglieder. Iin manchen Regionen, wie in Centre, Burgund oder im Limousin, wird das kirchliche Leben in den nächsten 20 Jahren fast ganz verschwinden, weil dann praktisch alle Priester ausgestorben sind und niemand mehr zur Kirche geht. Die Diskussionen um den Pflicht – Zölibat, seit 1960 Dauerthema französischer Theologen, wurden von Rom, später auch von den Bischöfen, abgewürgt. Jetzt sehen diese rigoros dogmatischen Bischöfe, wie sie alsbald fast die einzigen Priester in ihren Bistümern sein werde (siehe etwa die ehrlich und mutigen Äußerungen des Bischofs von Moulins). Auch der Niedergang der französischen Kirche ist sozusagen amtlich verursacht.

Zu lernen gibt es jetzt also eigentlich nicht mehr viel, höchstens, was die Verwaltung des Niedergangs angeht. Natürlich: Einige Klöster halten sich tapfer, sind offen und einladend, und manch ein Pfarrer bemüht sich um moderne Verkündigung. Aber diese kleinen Kreise (zu denen immer noch die hoch interessante und wegweisende „Mission de France“ gehört) sind alles andere als tonangebend. Es herrscht der raue Wind des Autoritären. Und ein Frühling ist nicht in Sicht.

Copyright: Christian Modehn

 

 

 

 

 

Jacques Gaillot: Aus Gewissensgründen Nein sagen

Dieser folgende Text gehört zu dem empfehlenswerten Buch von Roland Breitenbach, “Die Freiheit wird euch wahr machen”. Über Bischof Jacques Gaillot. R. Maier Verlag. 2010.
Das Buch ist im September 2010 anläßlich des 75. Geburtstages von Jacques Gaillot erschienen.

Bischof Gaillot ist unseres Erachtens auch für alle philosophisch und religionsphilosophisch interessierten Leser eine wichtige (und bisher im katholischen Raum Westeuropas einmalige) Gestalt der Religionsgeschichte des 20. /21. Jahrhunderts. Er hatte über etliche Jahre den Versuch unternommen, Katholizismus und Moderne praktisch wie theoretisch zu verbinden. Dass er letztlich ausgegrenzt wurde, ist ein weiterer Beleg für das entschieden “antimoderne” Verhalten des offiziellen Katholizismus….Deswegen bieten wir den folgenden Beitrag als Anlaß zur Diskussuion an.

Aus Gewissensgründen nein sagen
Die konstruktive Kritik von Jacques Gaillot

Von Christian Modehn

„Christus ist außerhalb der Stadtmauern gestorben wie er auch außerhalb der Mauern geboren wurde. Um das Licht zu sehen, die Sonne von Ostern, müssen wir selbst aus den Mauern heraustreten“. Mit diesen Worten beendete Jacques Gaillot seine „Botschaft zum Osterfest 1983“, die er als Bischof von Evreux (dort seit dem 30. Juni 1982) an die Menschen im Département Eure (Normandie) richtete. Und diese kurze „Botschaft“ können wir heute wie ein Programm für Jacques Gaillots weiteres Wirken lesen: “Christus ist auferstanden, damit die Menschen leben“, schreibt er, „und eine Kirche, die nicht ein Zeichen der Hoffnung und der Freiheit für die Verstoßenen, die Arbeitslosen, die Einwanderer ist, muss sich fragen, wie sie denn als Kirche ihre Treue dem Evangelium gegenüber lebt“. Mit anderen Worten: Die Kirche ist nicht dann christlich oder katholisch, wenn sie immer dieselben Worte der offiziellen Dogmatik wiederholt, sondern wenn sie wie Jesus an der Seite der Schwachen und Ausgeschlossenen lebt.
Tausendmal hat Jacques Gaillot diese Worte wie sein „persönliches Bekenntnis“ in immer neuen Formulierungen wiederholt: Leben ist mehr als Lehre. Jacques Gaillot hat die „jesuanische Solidarität“ immer zuerst selbst gelebt, bevor er von ihr gesprochen hat. Es ist wohl das deutlichste Symbol für sein Wirken als Bischof, dass seine erste öffentliche Aktion in der französischen Gesellschaft die ausdrückliche Unterstützung für einen Wehrdienstverweigerer war. Im März 1983 nahm er an den Gerichtsverhandlungen in Evreux teil, nicht um als Zeuge auszusagen, sondern um als Zuhörer seine Sympathie für den Wehrdienstverweigerer Michel Fache unübersehbar zu machen. Die gut bürgerlichen Kreise dort waren entsetzt, galt doch das Militär und der „Dienst“ als heilige Sache der Nation. Aber Jacques Gaillot verwies sanft auf die Bergpredigt Jesu und die Gewaltlosigkeit. Als Mitglied der gewaltfreien Bewegung mit dem französischen Kürzel „MAN“ (Mouvement Alternatif Nonviolente) entschuldigte er sich nicht etwa für seine „ungehorsame Tat“, sondern verteidigte deutlich die Priorität der Gewaltfreiheit! Er ging seinen Weg weiter, schon damals angefeindet und missverstanden von Menschen, die den christlichen Glauben mit einer gutbürgerlichen Ideologie verwechselten. „Objecteur de conscience“ werden Wehrdienstverweigerer in Frankreich genannt, wörtlich übersetzt „Verweigerer aus Gewissensgründen“. Wer das weitere Leben Jacques Gaillots überschaut, kommt zu der Einsicht: Er selbst ist zu einem anderen, zu einem kirchlichen „Verweigerer aus Gewissensgründen“ geworden, d.h. zu einem Bischof, der nicht nur Nein sagt zu einem bürokratischen System von Staat, Gesellschaft und Kirche, sondern der, wenn diese paradoxe Formulierung erlaubt ist, zu einem lebendigen „Nein“ wurde. Dieses Nein darf nicht im Sinne von destruktiver Ablehnung verstanden werden. Es ist ein Nein, das der Überwindung des nur noch als leidvoll (oder überholt) erfahrenen Bestehenden gilt – zugunsten eines konstruktiven Neubeginns jenseits der eingefahrenen Üblichkeiten.
Schon wenige Monate nach seinem NEIN zur Ausgrenzung von Wehrdienstverweigerern sagte Jacques Gaillot erneut NEIN zur Absegnung der atomaren Abschreckung durch die französische Bischofskonferenz. Am 12. November 1983 gab er bekannt, „Das von der Bischofskonferenz verabschiedete Papier „Gagner la paix“ (Den Frieden gewinnen) wagt nicht eine prophetische – kritische Stimme zur atomaren Rüstung“. So etwas hatte es noch nicht geben, dass ein einzelner Bischof sich von der absoluten Mehrheit seiner Kollegen absetzt UND dies auch noch öffentlich sagt. Wie hatte Paul Bernardin, ein Arbeiterpriester, anlässlich der Einführung Jacques Gaillots in der Kathedrale von Evreux gesagt: “Der neue Bischof wird den Finger auf die Wunde legen und Fragen stellen, die die Kirche nicht stellen will“. Schon am 13. Juni 1985 widersprach Jacques Gaillot öffentlich Kardinal Ratzinger. Er warf dem Chef der Glaubenbehörde vor, die Freiheit, die das 2. Vatikanische Konzil gebracht hat, wieder einzuschränken. Die Liste des Nein zugunsten eines lebensbejahenden, kreativen Ja ließe sich lange fortsetzen: Er solidarisierte sich 1987 mit dem inhaftierten Apardheitsgegner Pierre – André Albertini aus Evreux, er bewies seine Solidarität in Südafrika selbst und konnte deshalb an der „klassischen“ Diözesan – Wallfahrt nach Lourdes zu gleichen Termin nicht teilnehmen. „Ich kann es als Bischof nicht ertragen, dass man einen Menschen erniedrigt und ausstößt. Für ihn zu kämpfen, macht mir keine Angst“. Im September 1987 wurde Pierre – André Albertini freigelassen. Jacques Gaillot lässt „ Situationen der Ungerechtigkeit in seinem Gewissen ein Echo finden“, wie er damals sagte, deswegen auch sein Eintreten für die Menschenrechte der Palästinenser seit 1987.
Der Kern der Theologie Jacques Gaillot ist so einfach – und schwierig zugleich: Im praktischen Dienst der Nächstenliebe und der Solidarität hat der christliche Glaube seine Mitte, und eben nicht in Dogmen und Liturgien, nicht in Hierarchien und Traditionen. Glaube ist in Gaillots Sinne etwas elementar Einfaches. Er will einen freien Raum schaffen, in dem alle Menschen gleichberechtigt atmen und leben können. Und dieser „einfache“ Glaube wirkt für viele so befremdlich, die sich an ein hochkomplexes riesiges Lehrgebäude mit tausenden von Paragraphen und einer langen Tradition von klerikaler Diplomatie gewöhnt haben; die sich ohne ein lateinisches Pontifikalamt im Petersdom mit viel Weihrauch und bei Palestrina Musik keinen Katholizismus vorstellen können. Dieses „Befremdlich – Einfache“ in der Spiritualität Gaillot muss alle kirchlichen Machthaber und Freunde einer mächtigen Klerus Kirche irritieren.
Im Oktober 1988 sagte Jacques Gaillot öffentlich Nein zum Gesetz des Pflichtzölibats für Priester, im Frühjahr 1989 sagt er NEIN zur Ausgrenzung homosexueller Menschen in der Zeitschrift „Gai Pied“. Er plädiert für die Anerkennung homosexueller Lebensformen. Am 12. Dezember 1989, als das Gedenken an die Französische Revolution vor 200 Jahren einen ersten Höhepunkt erreichte, war Jacques Gaillot als einziger französischer Bischof dabei, als dem Priester Abbé Grégoire (1750 – 1831) von Staatspräsident Mitterrand ein Ehrengrab im Pariser Panthéon zugewiesen wurde. Alle wussten: Abbé Grégoire verteidigte die richtigen Anliegen der Revolution, die Durchsetzung der Rechte der Juden und der Schwarzen, insgesamt ein Verteidiger Menschenrechte, im damaligen Klerus eine Ausnahme. Vor allem forderte Abbé Grégoire demokratische Strukturen in der katholischen Kirche. Gaillots Anwesenheit 1989 im Pantheon war eine Ungeheuerlichkeit für die Kreise, die das ancien régime mehr schätzten als die positiven Ergebnisse der Revolution.
Im Bistum Evreux bemühte sich Jacques Gaillot, mit Menschen aus allen sozialen Schichten, und nicht nur mit den Kirchgängern, die Zukunft der Kirche dort vorzubereiten. Von 1989 tagte für zwei Jahre die Diözesansynode. Der Bischof selbst dominierte nicht, er meldete sich als ein „Bruder im Glauben“ zu Wort, vor allem, wenn es darum ging, die Rechte der Armen und Ausgestoßenen zu verteidigen. Den Laien im Bistum Evreux wollte er so viele Mitgestaltungsmöglichkeiten bieten, wie es der sehr enge Rahmen des Kirchenrechts eben erlaubte. Nebenbei: Niemals hat Bischof Gaillot dazu aufgefordert, dass ein Laie Eucharistie feiert, er blieb immer auf dem Kurs der Orthodoxie! Er unterstützte lediglich die „Equipen“ von Frauen und Männern, die in den Dörfern als Team das Gemeindeleben koordinieren. Sie kümmerten sich um den Religionsunterreicht, die Vorbereitung auf die Sakramente usw…Damit sollte auch, aber das war nur als Nebeneffekt gemeint, das bevorstehende Ende der Kleruskirche vorbereitet werden. Um nur einen kleinen statistischen Eindruck zu vermitteln: 1997 hatte das Bistum Evreux noch 129 Priester. Im Jahr 2010 waren bei gleich bleibender Bevölkerungszahl noch 44 aktiv in der Gemeindearbeit, „In einigen Jahren gibt es fast keine Priester mehr in Frankreich“, sagen Religionssoziologen in Paris übereinstimmend. Jacques Gaillot wollte Frauen und verheiratete Männer aufs Priesteramt vorbereiten, so viel Sinn für gute Utopie war ihm eigen: Er gründete deswegen eine „école des ministères“, eine Schule der Dienstämter, die Kurse wurden von 400 Personen besucht, aber geweiht werden durfte bei den römischen Gesetzen „natürlich“ niemand. Heute zerfällt heute mangels qualifizierter hauptamtlicher Mitarbeiter, vor allem wegen des Mangels an noch nicht ganz vergreisten Priestern (das Durchschnittsalter der aktiven Priester beträgt in Frankreich jetzt 72 Jahre) das religiöse Leben in den meisten Départements. Die vielen Wallfahrten oder die „attraktiven Klöster“ dürfen darüber nicht hinwegtäuschen. Laut jüngsten Umfragen gehen jetzt noch 4 Prozent der Katholiken regelmäßig sonntags zur Kirche, vor 20 Jahren waren es noch 9 Prozent, wobei regelmäßig bedeutet: Mindestens einmal im Monat! Und die Jugend bleibt längst fast vollständig weg. Lediglich die Charismatiker mit ihren Hallelluja – Rufen oder andere, so genannte neue „geistliche“ Gemeinschaften haben noch junge Leute, die sich zur alten römischen Lehre bekennen. Der Katholizismus in Frankreich heißt heute Seniorenkatholizismus, das ist eine Beschreibung und natürlich keine Bewertung, aber aufgrund dieser Altersstruktur eben doch eine „sterbende Kirche“…
Jacques Gaillot hatte als Bischof zahlreiche Kontakte mit jungen Menschen, auch mit Atheisten, mit Menschen, die durch ihn wieder Interesse an der Kirche fanden. Aber „dieser Hoffnungsträger“ wurde von Rom abgesetzt. Unverschämt geradezu der Vorwurf seiner vatikanischen Richter: „Gaillot hat sich als Bischof als unfähig erwiesen“. Im Rückblick muss man die Absetzung Bischof Gaillots als Beispiel für die „Selbstzerstörung des Katholizismus“ durch die Kirchenführung selbst interpretieren. Indem sie sich in den alten Mauern einschließt, gibt sie dem lebendigen Leben keine Chance. Ausdruck für den versteinerten Geist und die versteinerte Institution ist das Bemühen Benedikt XVI., die besonders Versteinerten, die in das Uralte verliebt sind und den Antisemitismus verteidigten, die Pius-Brüder, wieder in die römische Kirche „zurückzuholen“. Psychologen sprechen in dem Zusammenhang von der Lust am Morbiden…
Gleichermaßen politisch wie theologisch konservative bzw. reaktionäre Kräfte haben Jacques Gaillot zu Fall gebracht. „10 Jahre wurde Gaillot vom Vatikan beobachtet“, also praktisch seine ganze Zeit als Bischof von Evreux, betonte ganz freimütig einer seiner Richter im Vatikan, Msgr. J. Tauran im Januar 1995 in einem Zeitungsinterview. Danke für die Offenheit! Zu Gaillots heftigsten Widersachern gehörte, um nur ein Beispiel von vielen anderen Beispielen zu nennen, Abt Gérard Calvet vom traditionalistischen Benediktiner Kloster Le Barroux bei Avignon. Ursprünglich eng mit den Lefèbvre Leuten (den „Piusbrüdern“) verbunden sowie den Ideen des rechtsextremen Front National (Le Pen), war es Kardinal Ratzinger gelungen, diese Mönche mit ihrem Abt Calvet wieder an den Papst zu binden…Auf ihn hörte der Vatikan, als man Gaillot zu Fall brachte. Der „Fall Gaillot“ war also immer auch ein „politischer Fall“, wobei sich der Vatikan stets auf der sehr rechten Seite präsentierte…
Das offizielle römische Presse – Kommuniqué vom 13. Januar 1995 zur Absetzung Gaillots sollte mit großer kritischer Aufmerksamkeit gelesen werden. Denn darin steht die schon genannte ungeheuerliche Behauptung, „der Prälat (Jacques Gaillot) hat sich nicht als geeignet erwiesen für die Ausübung des Amtes der Einheit, das die erste Pflicht eines Bischofs ist“. Den Dienst der Einheit verstehen die Herren der Kirche in Rom nicht etwa als Einheit mit dem Evangelium, nicht als Vorschlag, den Weisungen Jesu aktuell zu folgen, sondern, so wörtlich, „als Gemeinschaft mit der Lehre und der Pastoral DER Kirche“, und Kirche wird hier wieder mit dem Papst gleichgesetzt. Nebenbei möchte ich darin erinnern, dass der Vatikan eigentlich vorhatte, Jacques Gaillot (Im Januar 1995 war er 59 Jahre alt) zum „freiwilligen“ Rücktritt zu bewegen („demissioner“) und ihm dann den Titel „Emeritierter Bischof“ zu verleihen. Sozusagen als „Altbischof“ von Evreux hätte er dann Rosen züchtend seinen langen Ruhe/Schweigestand verbringen können. Aber Jacques Gaillot bestand darauf, dass er „als offiziell abgesetzter Bischof“ doch als Titular Bischof den Vatikan verlassen könne: So wurde er dann zum „Titular-Bischof von Partenia“ ernannt, dem inzwischen weltberühmten Wüstenbistum in Algerien…Dorthin sollte er „abgeschoben“ werden und in der Öffentlichkeit verschwinden…aber daraus ist in all den Jahren seit 1995 – nicht zuletzt durch das andauernde Engagement von Katharina Haller, Zürich – auch ein blühendes Internet – Bistum geworden mit weltweiten Freunden von Partenia.
Die Absetzung Jacques Gaillots als Bischof wurde zu recht schon damals als das symbolische Ende eines um Freiheit und Evangelium bemühten Flügels innerhalb der römischen Kirche wahrgenommen. Historiker werden bei noch größerem zeitlichen Abstand feststellen: Jacques Gaillot war als Bischof eine für katholische Verhältnisse „einmalige Gestalt“ im Europa des 20. Jahrhunderts, eine Verbindung von Moderne und Evangelium, wie sie sonst kaum möglich erschien, vergleichbar vielleicht den von Rom ebenso ungeliebten Bischöfen Pedro Casaldaliga oder Dom Helder Camara, beide Brasilien…Dass auch Jacques Gaillot (wie alle anderen Bischöfe auch) einmal sozusagen im Dauerstress übereilt reagierte oder dabei Fehler machte, versteht sich von selbst. Aber seine theologische Linie, Moderne und Katholizismus zu verbinden, blieb und bleibt zweifelsfrei vorbildlich und, sagen wir es ruhig, einmalig.
Auch wenn jetzt noch einige „Reformkatholiken“ die ewig selben Reformvorschläge wiederholen und wiederholen: Der „Fall Gaillot“ hat meines Erachtens klargemacht: Reformen grundlegender, radikaler Art haben im römischen System keine Chance. Einzig eine neue Reformation hätte Sinn, dann bliebe aber zumindest ein Teil der römischen Kirche nicht mehr „der selbe“ wie vorher…(siehe Martin Luther). Jacques Gaillot hat sich entschieden, nicht zum Reformator zu werden, er wollte kein französischer Luther sein. Das ist seine Entscheidung, die es zu respektieren gilt, auch wenn niemals wenigstens gedanklich durchgespielt wurde und auch heute nicht durchgespielt wird, was denn eine neue Reformation bedeutet hätte und immer noch bedeuten würde, gerade angesichts der tiefen Krise und des absoluten Vertrauensverlustes des Katholizismus etwa jetzt im Frühjahr 2010.
Im Rückblick bleibt auch das Bedauern, dass Jacques Gaillot nie deutlich spürbare Unterstützung von prominenten Theologen gefunden hat: Die Namen der „großen“ Theologen z.B. in Tübingen oder Münster brauchen hier nicht genannt zu werden, sie haben meines Wissens diesem bescheidenen Mann des Evangeliums niemals öffentlich und deutlich zur Seite gestanden. Waren sie sich – von der Solidarität Eugen Drewermann einmal abgesehen – zu fein, waren sie sogar so unbescheiden, dass sie meinten, dieser Bischof aus Evreux und später in Partenia „biete theologisch zu wenig“? So viel Arroganz wäre schlechthin unverständlich.
Eine andere entscheidende Frage lautet: Wird Jacques Gaillot noch zu Lebzeiten rehabilitiert werden? Wird sich Rom bei ihm für die Absetzung entschuldigen und sich dann bedanken für die zahlreichen Impulse, die er den Menschen von heute gegeben hat? Wird sich die französische Bischofskonferenz entschuldigen, dass sie ihn seit 1995 weitestgehend ignoriert hat und praktisch niemals mehr zu ihren Versammlungen eingeladen hat? Wird sie diesem Bischof mit der einfachen und deswegen so befremdlich wirkenden Botschaft die Hand reichen? Gibt es noch Menschen, die glauben, der römische Katholizismus könne sich wie durch ein Wunder reformieren und dem Geist des Evangeliums entsprechen? Was bleibt für die anderen? „Um das Licht zu sehen, müssen wir aus den Mauern heraustreten“, so Bischof Jacques Gaillot zu Ostern 1983.

Das Buch mit dem treffenden Titel “Die Freiheit wird euch wahr machen” aus dem Reimund Meier Verlag in Schweinfurt enthält 24 Beiträge über Bischof Jacques Gaillot. Das Buch hat die ISBN Nr.: 978-3-926300-64-5.

“Sucht die Religion in euch selbst”. Friedrich Schleiermacher

Philosophen und Theologen, selbst wenn sie verstorben sind, so sind sie nicht tot: Ihr Denken lebt weiter. Von dieser Voraussetzung ausgehend habe ich mehrere „Salon – Abende“ mit Philosophen und Theologen fürs Radio (RBB) gestaltet. Die „Berühmtheiten“ treffen auf Zeitgenossen, die ihre Stellungnahmen, “O TÖNE, beitragen. Diese etwas „surreale“ Form soll bei Hörern und Lesern Interesse an der Philosophie und (philosophischen) Theologie wecken.
Der folgende Text bezieht sich auf eine Sendung zu Schleiermacher, die Radio – Sendung lief am 26. 12. 2010 im RBB. Das hier vorgestellte Manuskript ist etwas ausführlicher als die Ra­dio­sen­dung.

„Sucht die Religion in euch selbst“
Ein theologischer Salon im Hause Friedrich Schleiermache
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Von Christian Modehn

„Schleiermacher langweilt nie. Zu jedem Thema weiß er was Neues zu sagen. Das liegt daran: Er hatte Künstlerfreunde, die ihn inspiriert haben, er war in den Salons, den Berliner Salons zu Hause…“, sagt die Theologin Miriam Rose über Schleiermacher.
In seiner Wohnung wird der Dialog über religiöse Fragen fortgesetzt. Wilhelm Gräb, Theologe an der Humboldt Universität Berlin meint:
„Die Religion wächst in einem jeden Menschen Herz. Das was, Religion im Grunde unserer menschlichen Seele ist, ist gerade das, was uns in der einen Menschheitsfamilie miteinander verbindet“.
Und Martin Schuck, Theologe in Speyer, gibt zu denken:
„Das Unendliche bedeutet, dass ich etwas gelassener werden kann, weil ich als Mensch weiß: Ich bin nicht alles. Es gibt eine Dimension, wo ich mich aufgehoben wissen kann, die nicht vom Urteil anderer Menschen abhängt“.

Romantische Klänge des vielseitig begabten E.T.A. Hoffmann eröffnen den Salon im Hause Schleiermacher. Diese Musik fördert die innere Sammlung, lässt vielleicht das Göttliche ahnen. Mit dieser musikalischen Einstimmung überrascht der Theologe Friedrich Schleiermacher seine Gäste bei sich zu Hause, in der Taubenstraße, im Zentrum Berlins. Schleiermacher war an der Universität Unter den Linden von 1801 bis zu seinem Tod im Jahr 1834 Professor für evangelische Theologie. Er genießt auch als Philosoph, Pädagoge und Übersetzer hohes Ansehen. Bescheiden im Auftreten und klein von Gestalt, überzeugt er durch die Weite seines Denkens, zumal bei den gebildeten Bürgern; sie schätzen ihn als Prediger an der Dreifaltigkeitskirche. Schleiermacher blickt eine Weile freundlich in die Runde, dann sagt er:
„Es sind nicht fromme Pietisten oder gehorsame Kirchenvorstände, sondern normale Mitbürger, die meine Theologie mögen. Sie wissen: Ich plädiere für eine Religion ohne dogmatische Enge. Die Religion gehört zu unserem Leben, sie macht es tiefer und schöner“.
An seinem großen Tisch haben die Gäste inzwischen Platz genommen; es ist ein großer Kreis, solche Runden Schleiermacher sehr. Er ist ein geselliger Mensch, dem die Freundschaft alles bedeutet. Von den Gästen sind Miriam Rose und Karl Rahner aus München angereist. Sie sind Theologieprofessoren wie auch Werner Zager aus Worms und Martin Schuck aus Speyer. Wilhelm Gräb arbeitet als Theologie – Professor an der Humboldt Universität, er ist ein besonderer Freund Schleiermachers. Auch der Philosoph Peter Sloterdijk willkommen geheißen. Und dann weist Schleiermacher noch auf zwei Gäste, die sich bescheiden an in einer Ecke niedergelassen haben:
„Auch zwei Bischöfe sind unter uns: Der Lutheraner Karl Gustav Hammar aus Schweden und der Katholik Jacques Gaillot aus Frankreich“.
Schleiermacher bittet seinen Freund Wilhelm Gräb das Thema des heutigen Salons zu umschreiben:
„Religion ist ein Vollzug der Einkehr des Menschen in sich selbst. Wobei eben dann diese Fragen auftreten nach dem Woher und Woraufhin des eigenen Lebens, nach dem Grund, in dem ich selbst unbedingt gründe und von dem ich mich gehalten und getragen wissen kann auch in den Krisen des Lebens, die ich machen muss“.
Der Gastgeber nickt bedächtig, während er ein großes rundes Landbrot auf den Tisch legt. Butter, Käse und Schinken stehen schon bereit. Es hat sich in den Berliner Salons längst herumgesprochen: Kulinarische Überraschungen darf man im Hause Schleiermacher nicht erwarten. Schließlich muss der Gastgeber für eine große Familie sorgen … und sparsam ist er außerdem. Nebenbei sagt er:

„Mein Appetit ist recht gut, ich habe schon einen langen Tag hinter mir. Wie üblich bin ich um 5 Uhr früh aufgestanden, denn – kaum zu glauben – um 6 Uhr habe ich schon meine erste Vorlesung gehalten. Und vor Mitternacht komme ich ja nie ins Bett. Irgendwie hält mich die Religion immer wach und lebendig. Sie hat ja nichts mit der Erfüllung eines langen Katalogs von Pflichten und Geboten zu tun. Sie ist das Lebensgeheimnis, das ich das Unendliche nenne“.
Mit diesen Worten erinnert Schleiermacher an seine Kindheit und Jugendzeit. 1768 in Breslau geboren, wuchs er als Sohn eines Pfarrers in einem konservativ – frommen, pietistischen Milieu auf. Den Gott der Bibel, mal strafend und gütig, dann wieder lieb und zornig, verehrte man ohne Vorbehalte.
„Ich habe aber schon als junger Mann gesagt: Wir müssen denkend glauben; wir sollten verstehen, was alte religiöse Bilder heute bedeuten. Ich lehne aber den platten theologischen Rationalismus ab. Der macht aus Gott einen Gegenstand, man will Gott in nüchteren Begriffen einsperren. Wo bleiben denn da unsere Gefühle?“
Miriam Rose will diesen Gedanken gleich noch vertiefen:
„Das ist ein höchst modernes Konzept von Religion, nämlich Religion einzig und allein von dem Gefühl des einzelnen her zu verstehen. Er hat es genannt: Frömmigkeit ist das Gefühl schlechthinniger Abhängigkeit von Gott. Es war für ihn ein Innewerden des ganzen, ungeteilten Daseins. Also Gefühl ist mehr als eine Stimmung, es ist etwas, was einen ganz und gar bestimmt“.
Martin Schuck findet den typisch Schleiermacherschen Begriff der „schlechthinnigen Abhängigkeit“ des Menschen von Gott sprachlich missraten und deswegen gewöhnungsbedürftig… Aber wichtig sei der Gedanke trotzdem:
„Also das religiöse Bewusstsein lebt bei Schleiermacher davon, dass es einen Sinn und Geschmack für das Unendliche gibt und das bezeichnet er später dann in der Glaubenslehre als eine schlechthinnige Abhängigkeit. Er kann ohne diese Dimension des Unendlichen im Grunde nicht leben. Für Schleiermacher ist Abhängigkeit von Gott durchaus etwas Positives. Für ihn wäre es im Gegenteil schlimm, wenn es diese Abhängigkeit von Gott nicht gäbe, weil der Mensch dann auf sich selbst gewiesen wäre und dann würde ihm etwas Entscheidendes fehlen“.
Schleiermacher liebt die Momente, wenn mitten im Gespräch Ruhe eintritt und das Denken sich sammeln kann. Besonders provozierende Einsichten kann er dann sanft und liebevoll formulieren:
„Wir Menschen brauchen Muße und Geduld, um uns mit einer zeitgemäßen Form von Frömmigkeit vertraut zu machen: Die alte abstrakte Theologie ist vorbei. Mit meinen eigenen Vorschlägen sprenge ich die alten dogmatischen Gewissheiten. Deswegen liebe ich ja die Musik, weil sie mich auf das Wesen der Religion verweist: Wie die Musik als Hintergrund unseren ganzen Alltag begleiten kann, so ist auch das religiöse Gefühl ständig in unserem Leben präsent.
Wenn wir unsere echten religiösen Gefühle spüren, also diesen Übergang vom Greifbaren und Weltlichen in den anderen, den transzendenten Bereich, wenn wir die Enge des Alltags überwinden, dann passiert das Entscheidende. Wir werden in das Unendliche hineingeführt. Ich spreche noch gar nicht vom Christentum, sondern von den vielfältig gelebten Religionen“.
Ein Gedanke, den Professor Peter Sloterdijk recht sympathisch findet. Er ist als Philosoph der religiöse Skeptiker in Schleiermachers theologischem Salon. Wenn die Transzendenz eher unbestimmt und offen bleibe, so meint er, dann hätten streng konfessionell geprägte
Fanatiker oder viele von religiösem Wahn Erfasste keine Chancen, ihr fix und fertiges Gottesbild anderen Menschen aufzudrängen. Das Plädoyer Schleiermachers für die offene Transzendenz und das unergründbare Geheimnis fördere also die Toleranz, meint Peter Sloterdijk:
„Das Feld der Transzendenz ist das Feld dessen, was für uns Geheimnis bleibt, was wir nicht ganz durchdringen, was wir noch nicht sind. Transzendenz ist ja auch eine Metapher für das, was wir noch werden können. Das Feld der Transzendenz umfasst die Poesie, es umfasst die Kunst, es umfasst die Summe dessen, was die Wissenschaften noch nicht wissen, und worauf sie sich mit immer kunstvolleren Formen des Vermutens beziehen. Das heißt, unser Sinn für Transzendenz bleibt nicht unbeschäftigt, auch in Zeitläufen, in denen das religiöse Fieber wieder sinken sollte, was sehr zu hoffen ist. Denn aus diesen Überhitzungen des religiösen Bedürfnisses erwächst nach allen historischen Erfahrungen nichts Gutes“.
Die Gäste im Hause Schleiermacher greifen eher nebenbei mal schnell zu den belegten Schnitten und genießen den feinen Bordeaux. Ihnen ist längst klar geworden: Ihr Gastgeber ist vom Geist der Romantik geprägt. Aber darf man die Romantik pauschal als „abgehoben“, versponnen und irreal verdächtigen? Warum sollte denn ein Mensch mehr recht haben, für den nur das kalt rechnende Kalkül gilt oder die Begrenzung auf ein wissenschaftlich angeblich völlig durchschaute Natur? Romantiker wie Schleiermacher sind vielleicht sogar besonders mutige Theologen, wenn sie alle Religion, auch allen Glauben, im Bewusstsein des einzelnen begründen wollen, wenn sie sich gegen alles sture Einpauken von Glaubenstatsachen wehren. Schleiermacher wendet sich den beiden Bischöfen zu:
„Ich denke, das ist doch jetzt ein schöner Moment, wo die Herren Bischöfe, trotz Ihrer Bescheidenheit, doch einmal Ihre Perspektiven formulieren sollten“.
Zunächst will der Gast aus Schweden sprechen. Karl Gustav Hammar ist der Alt – Erzbischof von Uppsala, der sich gern „moderner, Theologe“ nennt: „Ich meine, unsere Spiritualität ist nicht kirchlich geprägt; die Leute sind nicht mehr kirchlich gebunden. Aber sie sind doch spirituell. Die Kirche ihrerseits muss betonen: Nicht die Beziehung zur Kirche als einer Institution ist wichtig. Entscheidend ist die Verbindung mit der Tiefe unserer Wirklichkeit. Darüber muss man öffentlich sprechen: Die Kirche muss in dieser Situation ein Partner sein, nicht jemand, der die Lösungen und die Antworten parat hat. Wir müssen die Leute nicht „erwecken“, sondern mit ihnen zusammen unterwegs sein“.
Die ganze Zeit hat der katholische Bischof Jacques Gaillot aus Paris seinen protestantischen Kollegen mit großen Augen angeschaut. Immer wieder hat er zustimmend genickt. Schließlich praktiziert auch er diese Offenheit; zusammen mit einigen Freunden ein katholisches Glaubensbuch der besonderen Art herausgegeben. „Wir haben uns gesagt: Es ist wichtig, dass wir einen Katechismus gestalten, der nicht dem üblichen Schema von Fragen und Antworten folgt. Wir hingegen wollen helfen, Sinn vermitteln, Ratschläge zu geben, sagen, was wirklich wichtig ist. Eine kleine Gruppe von Frauen und Männern hat dieses Buch verfasst, als Einladung an die Leser, gemeinsam zu suchen und nachzudenken. Wir geben keine definitiven Antworten, wir wollen einen Blick auf die Zukunft öffnen. Darum gehen wir grundsätzlich von konkreten Erfahrungen von Männern und Frauen aus. Wir wollen diese Menschen begleiten und nicht beurteilen“.

Bischof Gaillot wurde wegen seiner theologisch wie politisch progressiven Ansichten vor fast 20 Jahren vom Papst als Bischof von Evreux in der Normandie abgesetzt; den Titel Bischof durfte er behalten, seine offene Glaubenshaltung ließ er sich nicht nehmen.
Katechismen sollten das Fragen fördern, die Suche, die Leidenschaft fürs spirituelle Leben, bemerkt Schleiermacher voller Zustimmung. Dann wendet er sich dem anderen Katholiken in der Runde zu, dem Theologen und Jesuiten Karl Rahner. Trotz aller Ausgrenzungen durch die römische Glaubensbehörde betont er immer wieder: Die Basis aller christlichen Religion sei nicht das Dogma, sondern die Gotteserfahrung in jedem einzelnen: „Diese Gotteserfahrung ist nicht das Privileg einzelner Mystiker, sondern in jedem Menschen gegeben. So etwa, wenn der Mensch plötzlich einsam wird, wenn alles einzelne wie in eine schweigende Ferne hinein sich zurückzieht und darin auflöst. Wenn alles fraglich wird, wenn die Stille =dröhnt=, eindringlicher als der übliche Alltagslärm. So etwa, wenn man plötzlich unerbittlich seiner Freiheit überantwortet erfährt, die das ganze Leben umgreift. Man müsste so von der Freude, der Treue, der letzten Angst, der Sehnsucht, die alles einzelne überfordert sprechen, von der Erfahrung des Schönen, die lautere Verheißung dessen ist, was noch künftig ist“.
Die protestantischen Kollegen sind begeistert über so viel ökumenische Gemeinsamkeit. Aber die Frage bleibt: Wie können Christen bei aller Wertschätzung der individuellen religiösen Erfahrungen die vorgegebene traditionelle christliche Glaubenslehre verstehen? Miriam Rose hat einen Vorschlag: „Darauf kam es Schleiermacher an, dass Christen in den Dogmen, in den christlichen Lehren, auch in den biblischen Aussagen, ihr eigenes Gefühl formuliert finden, dass sie entdecken, das ist ja das, was ich fühle, das ist ja das, was mich in meinem religiösen Erleben ausmacht“.
Die kirchliche Lehre, auch die Bücher der Bibel, sind also nicht als heilige Schriften vom Himmel gefallen. Sie sind auch nicht vom lieben Gott diktiert worden. Sie sind vielmehr Ausdruck religiöser Erfahrungen früherer Generationen. Die biblischen Texte etwa des „Neuen Testaments“ finden besondere Wertschätzung, denn sie sind schon historisch gesehen eng verbunden mit der Person Jesu von Nazareth. Auch die großen christlichen Feste, wie zum Beispiel Weihnachten, müssen mit der Gefühlswelt der Menschen verbunden sein, ein Anliegen, dafür setzt sich Wilhelm Gräb ein: „Wir feiern an Weihnachten die Geburt Gottes auf dem Grunde der eigenen Seele. Und das in Anlehnung an Angelus Silesius: Und wärest du tausendmal geboren, du Gotteskind, und nicht in mir, so blieb ich ewiglich verloren. Also diese Geburt des Heilandes, diese Geburt des Gottmenschlichen auf dem Grunde der eigenen Seele, das ist es, was wir an Weihnachen feiern. Wir feiern die Menschwerdung Gottes, die Menschlichkeit Gottes, dass wir als diese Menschenwesen, die wir in diese Welt hineingeworfen sind, nicht nur ein Zufallsprodukt der Natur und Geschichte sind, sondern dass wir uns uns gehalten und getragen wissen können auch in den Krisen des Lebens“.
Wilhelm Gräb weist auf ein kleines Buch Schleiermachers hin. „Die Weihnachtsfeier“ ist der Titel. Natürlich geht es darin nicht nur um lieb gewonnene Traditionen, wie Christbaum und Lametta oder um das Festessen und die Geschenke. Spirituelle Impulse sind genauso wichtig. Am Ende des Textes schreibt Schleiermacher: „Meine Freude heute zu Weihnachten kann ich wie ein Kind nur lächelnd und jauchzend ausdrücken: Alle Menschen sind mir heute wie Kinder und sie sind eben darum so lieb. Ihre Augen glänzen und leben. Und es ist eine Ahnung eines schönen und anmutigen Daseins in ihnen. Auch ich bin jetzt ein Kind geworden … zu meinem Glück“.
Friedrich Schleiermacher mag Weihnachtslieder genauso wie andere Choräle; etliche hat er früher selbst fürs Evangelische Gesangbuch verfasst. Er summt die Melodie zuerst noch mit, dann sagt er: „Die singende Frömmigkeit ist es, die am geradesten und
herrlichsten zum Himmel aufsteigt“.
Zum Weihnachtsfest erinnern sich viele Leute auch an die überlieferten religiösen Begriffe ihrer Kindheit: „der Retter wird gefeiert“, „der Heiland ist geboren“. Schleiermacher ermuntert seine Gäste, diese uralten Worte doch einmal neu zu übersetzen oder verständlich zu umschreiben. Mirjam Rose verweist auf Vorschlag ihres Gastgebers, den traditionsreichen Begriff des „Gott – Menschen Jesus Christus“ neu zu verstehen: „Das hat jetzt Schleiermacher versucht so umzuformulieren, dass es modernen Menschen verständlich wird. Er hat gesagt: Was Jesus Christus auszeichnet, ist, dass er beständig sich Gottes bewusst war. Das ist das Göttliche an ihm; dass in allen seinen Lebensvollzügen war ihm bewusst, dass er in Abhängigkeit von Gott steht. Die Frömmigkeit war nicht, was mal auftauchte und mal wieder verschwunden ist, sondern hat alle Lebensvollzüge begleitet und hat ihn ganz und gar bestimmt“.
Der Theologe Martin Schuck ist von diesem Gespräch unter Freunden ganz begeistert, er möchte an dieser Stelle unbedingt sagen, was denn die Christen im Salon Schleiermachers vereint: Es sei die großzügige, die tolerante und deswegen „liberale“ Theologie.“Natürlich gibt es ein Profil liberaler Theologie, und dieses Profil besteht darin, dass man den Menschen ernst nimmt mit seinen religiösen Fragen und versucht Dinge, die dem heutigen Menschen vielleicht mit einer traditionellen Sprache nicht mehr klar zu machen sind, auf einer anderen Sprachebenen auszusagen. Man versucht die Inhalte zu retten zugunsten einer erneuerten Darstellung“.
Aber diese liberale Theologie ist trotz des hoch verehrten Friedrich Schleiermacher längst keine Selbstverständlichkeit in den Kirchen. Wilhelm Gräb legt wert darauf, dass auch diese Probleme benannt werden: „Mir ist nach wie vor eine Denkungsart in der Kirche allzu verbreitet, wo man sich auf Wahrheitsbesitz beruft. Und behauptet, etwas zu haben, was den anderen zu geben sei. Man setzt nicht voraus, dass die Leute schon haben, worum es eigentlich geht, wenn sie in die Kirche kommen. Dass sie ihre Religion mitbringen, ihren Glauben oder auch ihre Zweifel, ihren Nichtglauben, und dass es im Grunde nur darum geht, darüber ins Gespräch zu kommen, was da ist und was die Leute mitbringen“.
Eine solche offene Haltung kann im Alltag manchmal Nerven kosten. Friedrich Schleiermacher war z.B. gar nicht so erbaut, als seine Frau längere Zeit esoterische Geheimlehren hochschätzte. Aber er hat es ihr nicht auszureden versucht, geschweige denn verboten, freundschaftliche Kontakte mit einem Hellseher und Anhänger des „Magnetismus“ zu pflegen. Er wollte zudem nicht als eifersüchtig sein, hatte doch mehrfach geschrieben: „Eifersucht ist eine Leidenschaft, die mit Eifer sucht, was Leiden schafft“.
Wilhelm Gräb meint sogar, für einen liberalen Theologen ist Großzügigkeit eine Art Hauptgebot: „Schleiermacher war nicht der Meinung, dass man durch eine normativ auftretende kirchliche Verkündigung oder durch eine normativ auftretende theologische Lehre dagegen vorgehen sollte, sondern dass es Gelegenheiten zu schaffen gilt zu religiöser Kommunikation, zur Verständigung über das, was sie religiös bewegt und beschäftigt“.
Aber geht es denn den liberalen Theologen tatsächlich immer nur um die Innerlichkeit, um die spirituellen Erfahrungen? Wie wichtig sind ihnen denn politische und soziale Fragen? Schleiermacher hat sich für die Ideen der Demokratie stark gemacht und sogar die Französische Revolution verteidigt mit ihrer Forderung nach Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit. In feierlichen Ton wendet sich Schleiermacher an seine Gäste: „Jetzt seufzen Millionen Menschen, Frauen und Männer, aus allen Ständen unter dem Druck mechanischer und unwürdiger Arbeiten. Das ist die Ursache, warum sie den freien und offenen Blick nicht gewinnen. Es gibt kein größeres Hindernis für die Religion als dieses, dass wir unsere eigenen Arbeits – Sklaven sein müssen. Denn ein Sklave ist jeder, der etwas verrichten muss, was nur durch mechanisches Tun geleistet werden kann“.
Gesellschaftskritische Töne, verbunden mit dem Eintreten für politische Reformen, das sind wesentliche Elemente einer modernen, einer „liberalen“ Theologie, meint Werner Zager: „Ich sehe also da keinen Hinderungsgrund, dass sie nicht gesellschaftspolitisch auch wirksam sein kann. Gerade wenn man sich orientiert an der Gestalt Jesu von Nazareth, jetzt nicht diesen Jesus meint kopieren zu müssen, aber die Impulse, die von ihm ausgehen, dann produktiv aufnimmt. Und so war es nicht zufällig eben der liberale Theologe Albert Schweitzer, der sich gewandt hat gegen die Atomversuche, und der auch einen Beitrag geleistet hat, dass es auch zum Moskauer Abkommen gekommen ist und wo er sich in Nachfolge mit Albert Einstein gesehen hat“.
Für die Salon – Teilnehmer ist es keine Frage: Auch liberale christliche Gemeinden, offen und undogmatisch im Sinne Schleiermachers, sollten sich für umfassenden Frieden und für mehr Gerechtigkeit einsetzen. Das gelingt aber nur, wenn die Gemeinden im Geiste Schleiermachers Orte des unzensierten Gesprächs werden, betont Wilhelm Gräb: „Und so hat er sich deshalb auch Kirche vorgestellt, im Grunde als einen Ort eines religiös – geselligen Verkehrs, religiös geselligen Miteinander Umgehens, und in Austausch kommen über das, was einzelne als religiöse Erfahrung meinen gemacht zu haben. Und er sagt, dass das uns religiös Bewegende etwas ist, was uns auch menschlicher sein und werden lässt. Keine Mission mit dem Hammer! Und ihm schwebte eben eine offene Kirche vor, des Dialogs“.
Und diese offene Kirche darf sich nicht ängstlich von Menschen abgrenzen, die sich Nichtglaubende, Konfessionsfreie oder Atheisten nennen: „Wenn man auf der Linie Schleiermachers die Frage nach dem Atheismus angeht, dann stößt einem sofort ins Auge, dass für ihn die Rede vom Glauben als einem Glauben an Gott im Sinne einer objektiven, gegenständlich fassbaren metaphysischen Größe ein nicht nach vollziehbarer Gedanke war. Sondern er hat gesagt: Ich glaube, dass ich mich unbedingt gegründet wissen kann, unbedingt gehalten wissen kann. Und auf dieser Basis würde ich auch heute versuchen, mit denen ins Gespräch zu kommen, die sich Atheisten nennen. Also sie nicht davon zu überzeugen, dass es doch auch für sie besser wäre, an einen Gott zu glauben. Sondern mit ihnen ins Gespräch zu kommen, über das, was ihnen selbst wichtig ist im Leben. Vielleicht sogar unbedingt wichtig ist im Leben, woran sie ihr Herz hängen, was ihrem Leben ein Ziel gibt und sie darin bestärken“.
Schleiermacher will da unbedingt etwas ergänzen: „Sie haben vollkommen recht. Aber dieser Austausch mit Menschen, die sich Ungläubige oder Atheisten nennen, findet doch in den Gemeinden fast gar nicht statt. Sie werden immer mehr zu geschlossenen Zirkeln von Frommen, von Leuten, die meinen, die Wahrheit gepachtet zu haben“.
Werner Zager hält dagegen: Immerhin gäbe es doch in seinem Umfeld Gespräche zwischen Christen und Naturwissenschaftlern, missionarische Absichten gäbe es da nicht, sondern Lernbereitschaft:
„Schöpfungsglaube zeichnet sich ja nicht dadurch aus, dass wir bestimmte Vorstellungen der biblischen Schöpfungsberichte eins zu eins jetzt für wahr halten, sondern es kommt eben darauf an, dass wir Schritt halten mit dem Erkenntnisfortschritt in der Naturwissenschaft. Die Vorstellungen wandeln sich im Laufe der Zeit und so müssen wir versuchen, auch die Vorstellungen vom Urknall mit dem Schöpfungsglauben in Verbindung zu bringen, d.h. dass hinter diesem ganzen evolutiven Geschehen doch eine göttliche Macht steht, wie auch immer das im einzelnen dann zu denken ist“.

Schleiermacher blickt seine Gäste an: „Es ist Zeit aufzubrechen. Abschied nehmen heißt ja immer, dass wir Vertrautes verlassen und neuen Zielen entgegen streben. Gilt das nicht auch für alle überlieferten Glaubensformen? Ist Glauben nicht wesentlich Bewegtsein, Lebendigsein? Darf ich Martin Schuck vielleicht um ein zusammenfassendes Schlusswort bitten?“ Der Theologe aus Speyer sagt: „Der Sinn und Geschmack für das Unendliche, das ist, finde ich, für die heutige Zeit ein wunderbarer Satz, der sagt: Mensch, denk immer dran, es gibt eine Dimension, die für dich unverfügbar ist und die du immer mit bedenken musst, in deinem Handeln“.

Literaturhinweise:
Friedrich Schleiermacher, Reden über die Religion. Reclam Stuttgart, 6 Euro.

Wilhelm Gräb, Religion als Deutung des Lebens. Perspektiven einer praktischen Theologie gelebter Religion. Gütersloher Verlagshaus, 2006, 206 Seiten, 19, 95 Euro.

Hermann Fischer, Friedrich Schleiermacher. Becksche Reihe, München 2001, 168 s. 12,50 Euro.

Jacques Gaillot, Ein Katechismus, der Freiheit atmet. Edition K.Haller. Zürich 2004. 16 Euro.

Catechismus van de Compassie. (Katechismus der Mitgefühls, in Holland 2010 erschienen), Uitgerverij Skandalon, Vught, Holland. Für alle, die Niederländisch lesen können, ein inspirierendes Buch „liberaler“ Theologie.

Für einen modernen Katholizismus

Katholizismus und Moderne verbinden.
Perspektiven von Jacques Gaillot.

Auszüge aus einem Buchbeitrag von Christian Modehn

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Jacques Gaillot hatte als Bischof von Evreux (1982 bis 1995) zahlreiche Kontakte mit jungen Menschen, auch mit Atheisten, mit Menschen, die durch ihn wieder Interesse an der Kirche fanden. Aber „dieser Hoffnungsträger“ wurde 1995 von Rom abgesetzt. Unverschämt geradezu der Vorwurf seiner vatikanischen Richter: „Gaillot hat sich als Bischof als unfähig erwiesen“. Im Rückblick muss man die Absetzung Bischof Gaillots als Beispiel für die „Selbstzerstörung des Katholizismus“ durch die Kirchenführung selbst interpretieren. Indem sie sich in den alten Mauern einschließt, gibt sie dem lebendigen Leben keine Chance. Ausdruck für den versteinerten Geist und die versteinerte Institution ist das Bemühen Benedikt XVI., die besonders Versteinerten, die in das Uralte verliebt sind und den Antisemitismus verteidigten, die Pius-Brüder, wieder in die römische Kirche „zurückzuholen“. Psychologen sprechen in dem Zusammenhang von der Lust am Morbiden…
Gleichermaßen politisch wie theologisch konservative bzw. reaktionäre Kräfte haben Jacques Gaillot zu Fall gebracht. „10 Jahre wurde Gaillot vom Vatikan beobachtet“, also praktisch seine ganze Zeit als Bischof von Evreux, betonte ganz freimütig einer seiner Richter im Vatikan, Msgr. J. Tauran im Januar 1995 in einem Zeitungsinterview. Danke für die Offenheit! Zu Gaillots heftigsten Widersachern gehörte, um nur ein Beispiel von vielen anderen Beispielen zu nennen, Abt Gérard Calvet vom traditionalistischen Benediktiner Kloster Le Barroux bei Avignon. Ursprünglich eng mit den Lefèbvre Leuten (den „Piusbrüdern“) verbunden sowie den Ideen des rechtsextremen Front National (Le Pen), war es Kardinal Ratzinger gelungen, diese Mönche mit ihrem Abt Calvet wieder an den Papst zu binden…Auf ihn hörte der Vatikan, als man Gaillot zu Fall brachte. Der „Fall Gaillot“ war also immer auch ein „politischer Fall“, wobei sich der Vatikan stets auf der sehr rechten Seite präsentierte…
Die Absetzung Jacques Gaillots als Bischof wurde zu recht schon damals als das symbolische Ende eines um Freiheit und Evangelium bemühten Flügels innerhalb der römischen Kirche wahrgenommen. Historiker werden bei noch größerem zeitlichen Abstand feststellen: Jacques Gaillot war als Bischof eine für katholische Verhältnisse „einmalige Gestalt“ im Europa des 20. Jahrhunderts, eine Verbindung von Moderne und Evangelium, wie sie sonst kaum möglich erschien, vergleichbar vielleicht den von Rom ebenso ungeliebten Bischöfen Pedro Casaldaliga oder Dom Helder Camara, beide Brasilien…Dass auch Jacques Gaillot (wie alle anderen Bischöfe auch) einmal sozusagen im Dauerstress übereilt reagierte oder dabei Fehler machte, versteht sich von selbst. Aber seine theologische Linie, Moderne und Katholizismus zu verbinden, blieb und bleibt zweifelsfrei vorbildlich und, sagen wir es ruhig, einmalig.
Auch wenn jetzt noch einige „Reformkatholiken“ die ewig selben Reformvorschläge wiederholen und wiederholen: Der „Fall Gaillot“ hat meines Erachtens klargemacht: Reformen grundlegender, radikaler Art haben im römischen System keine Chance. Einzig eine neue Reformation hätte Sinn, dann bliebe aber zumindest ein Teil der römischen Kirche nicht mehr „der selbe“ wie vorher…(siehe Martin Luther). Jacques Gaillot hat sich entschieden, nicht zum Reformator zu werden, er wollte kein französischer Luther sein. Das ist seine Entscheidung, die es zu respektieren gilt, auch wenn niemals wenigstens gedanklich durchgespielt wurde und auch heute nicht durchgespielt wird, was denn eine neue Reformation bedeutet hätte und immer noch bedeuten würde, gerade angesichts der tiefen Krise und des absoluten Vertrauensverlustes des Katholizismus etwa jetzt im Frühjahr 2010.
Im Rückblick bleibt auch das Bedauern, dass Jacques Gaillot nie deutlich spürbare Unterstützung von prominenten Theologen gefunden hat: Die Namen der „großen“ Theologen z.B. in Tübingen oder Münster brauchen hier nicht genannt zu werden, sie haben meines Wissens diesem bescheidenen Mann des Evangeliums niemals öffentlich und deutlich zur Seite gestanden. Waren sie sich – von der Solidarität Eugen Drewermann einmal abgesehen – zu fein, waren sie sogar so unbescheiden, dass sie meinten, dieser Bischof aus Evreux und später in Partenia „biete theologisch zu wenig“? So viel Arroganz wäre schlechthin unverständlich.
Eine andere entscheidende Frage lautet: Wird Jacques Gaillot noch zu Lebzeiten rehabilitiert werden? Wird sich Rom bei ihm für die Absetzung entschuldigen und sich dann bedanken für die zahlreichen Impulse, die er den Menschen von heute gegeben hat? Wird sich die französische Bischofskonferenz entschuldigen, dass sie ihn seit 1995 weitestgehend ignoriert hat und praktisch niemals mehr zu ihren Versammlungen eingeladen hat? Wird sie diesem Bischof mit der einfachen und deswegen so befremdlich wirkenden Botschaft die Hand reichen? Gibt es noch Menschen, die glauben, der römische Katholizismus könne sich wie durch ein Wunder reformieren und dem Geist des Evangeliums entsprechen? Was bleibt für die anderen? „Um das Licht zu sehen, müssen wir aus den Mauern heraustreten“, so Bischof Jacques Gaillot zu Ostern 1983.

Den vollständigen Text und viele andere interessante Beiträge zu Jacques Gaillot finden Sie in dem neu erschienen Buch:

„Die Freiheit wird euch wahr machen“, herausgegeben von Roland Breitenbach, Reimund-Maier-Verlag Schweinfurt: ISBN 978-3-926300-64-5, Preis: 18,80 Euro
Direktbestellung des Buches: info@reimund-maier-verlag.de

Die Freiheit zuerst: Jacques Gaillot wird 75

Die Freiheit zuerst
Jacques Gaillot wird 75 Jahre alt.
Ein katholischer Bischof, der für eine moderne und evangelische Kirche eintritt

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Auch ein katholischer Bischof kann sich im „Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon“ wohl fühlen, weil er mit den Philosophen die Hochschätzung der Freiheit (von keiner Institution antastbare Freiheit zu denken, zu sprechen, als Freiheit eines jeden Menschen) teilt:
Bischof Jacques Gaillot (Paris) wird am 11. September 2010 75 Jahre alt. Er ist zweifellos eine der bedeutenden religiösen Gestalten der Gegenwart, weil er innerhalb des Katholizismus über viele Jahre ausdauernd und unermüdlich für demokratische Reformen, für grundlegende Veränderungen (z.B. Aufhebung des Zwangzölibates, für das Priestertum der Frauen usw.) eingetreten ist. Dabei ist sein Hauptanliegen die einfache, möglichst dogmenfreie „praktische“ Spiritualität im Sinne Jesu von Nazareth: Nächstenliebe, Solidarität, Gewaltfreiheit. Seit seiner Absetzung als Bischof von Evreux, Normandie, durch den Papst im Januar 1995 ist er Bischof des imaginären Wüstenbistums Partenia. Der Vatikan glaubte, den Reformer kalt zu stellen, aber das Gegenteil war der Fall: Über das Internet, meisterhaft betreut durch die Verlegerin Katharina Haller (Küsnacht, Zürich), haben sich weltweit Glaubende und „Nichtglaubende“ zusammengefunden. Partenia.org wird auch nach seinem 75. Geburtstag noch als Archiv fortbestehen. Gaillot war als Bischof von Partenia vielfach zu Gast in Deutschland. Kardinal Meisner hat ihm noch im Jahr 2004 einen Auftritt in Bonn verboten. Reisefreiheit und Redefreiheit gibt es offenbar nicht im Katholizismus….

Aus philosophischer Sicht ist bemerkenswert:

-Bischof Gaillot hat als einziger katholischer Bischof an den Feierlichkeiten zu Ehren des republikanischen Priesters Abbé Grégoire (1750 – 1831) teilgenommen, dessen Gebeine zum 200. Gedenken an die Französische Revolution im Panthéon 1989 in Paris einen Ehrenplatz erhielten. Abbé Gregoire wollte im 18. Jahrhundert als Förderer der Republik eine demokratische katholische Kirche in Frankreich aufbauen, er ist angesichts der Machtverhältnisse gescheitert. Michelet schreibt über Abbé Grégoire: “Er glaubte an zwei göttliche Wesen: Christus und die Demokratie. Beide waren eng für ihn verbunden, denn es ist das dasselbe Ideal: Gleichheit und Brüderlichkeit”. Abbé Grégoire war übrigens alles andere als ein leidenschaftlicher (gewaltbereiter) Jacobiner. Bischof Gaillot aber wollte die Erinnerung an diese ungewöhnliche Gestalt fördern und seinerseits Demokratie und Katholizismus verbinden. Auch er ist in diesem Punkt gescheitert, aber in ca. 500 Jahren werden sich dann vollends demokratische Katholiken an Gaillot als „Vorläufer“ erinnern.

-Es kommt äußerst selten vor, dass ein katholischer Bischof ausdrücklich den Religionskritiker und Philosophen VOLTAIRE lobt, Bischof Gaillot hat dies getan. In seinem Buch „Ma liberté dans l Eglise“, Albin Michel, 1989, S. 189 f. verteidigt er sogar ausdrücklich das „Recht auf Gotteslästerung“, auf „Blasphemie“. Dieses Recht verteidigt er im Blick auf den damals in katholischen Kreisen äußerst umstrittenen Film von Scorsese „Die letzte Versuchung Christi“. Gaillot hat den Film als Ausdruck der Freiheit der Kunst ausdrücklich unterstützt. Er schreibt in dem genannten Buch: „Ich bezog mich damals ausdrücklich auf Voltaire, im Moment, als die Affäre des Chevalier de la Barre 1766 die Gemüter bewegte. Der Chevalier wurde angeklagt, ein Kreuz beschädigt zu haben. Er gestand auch ein, dass er antireligiöse Lieder singe und das Philosophische Wörterbuch von Voltaire lese. Er musste öffentlich Abbitte leisten, dann schnitt ihm der Henker die Zunge aus dem Mund, dann köpfte er den Chevalier. Danach wurde sein Körper verbrannt. Der Philosoph Voltaire versuchte ohne Erfolg, ihn zu rehabilitieren. Der Nationalkonvent (der Revolution von 1789) tat es dann später. Voltaire sagte damals: Es gibt ein Recht auf Blasphemie, sonst gibt es keine wahre Freiheit“.
Ich habe dieses Wort aktuell aufgegriffen, weil ich eine wesentliche Frage nach der Dimenison der Freiheit stellen wollte. Indem die Kirche mit Verboten um sich schlägt, entfernt sie sich von allen Menschen, die die Freiheit lieben. Die Kirche wird dadurch sektiererisch und sie pflegt die Jagd auf Hexen. Voltaire meinte: Wenn man die Freiheit garantieren will, dann akzeptieren wir wenigstens auch das Recht auf Gotteslästerung. Verdient denn ein Filmemacher den Tod, wenn er einen „unfrommen“ Film dreht? Oder wenn ein Schriftsteller ein Buch über den Propheten schreibt, verdient er dann den Tod? Unser wesentliches Ziel muss darin bestehen: Bewahren wir die Freiheit, und sicherlich, auch die Freiheit des kreativen Ausdrucks. Um diese Freiheit zu verteidigen, muss man bis zur Gotteslästerung gehen”. In einem späteren Interview hat Bischof Gaillot betont, dass die so verstandene Gotteslästerung natürlich dem von Menschen gemachten, dem von Herrschern konstrierten “ideologischen” Gott glt, wahrscheinlich sollte man da eher von Göttern sprechen. Der wahre, der transzendente, ewige Gott ist in der Gotteslästerung nicht gemeint. Gotteslästerung kann also einen reinigenden, kritischen Aspekt haben…

-Philosophisch bedeutsam ist auch, dass Bischof Gaillot den Einladungen von Freimaurern zum Dialog folgte. In dem Buch „Eine Kirche, die nicht dient, dient zu nichts“, Herder Verlag (!) 1990, S. 127, schreibt Gaillot: „ Kürzlich haben die Freimaurer mich zu einer „Sitzung in Weiß“ eingeladen, d.h. zu einem Vortrag mit anschließender Diskussion ausschließlich für Initiierte in der Loge des “Großen Orient” in Paris. Eine wirkliche Überraschung! Mit 400 Teilnehmern. Ich spreche vom Evangelium, von der Freiheit. Ein Funke springt über. Ein Teilnehmer fragt mich: „Können Sie mir einmal ganz offen sagen, ob ein Priester Freimaurer werden kann? Ohne Zögern antworte ich: „Heute abend haben Sie in Ihrer Versammlung einen Priester“. …Die Freimaurer haben Vertrauen in den Geist der Wissenschaft, ihre Bindung an die Vernunft ist eine Errungenschaft der Französischen Revolution“…

Ein neues Buch:
Am 10. September 2010 erscheint das Buch (mit verschiedenen Beiträgen seiner Freunde) über Jacques Gaillot: Der ihm gemäße Titel heißt: “Die Freiheit wird euch wahr machen“. Hg. von Roland Breitenbach. ISBN: 978-3-926300-64-5.
PS:
Ich habe zahlreiche Ra­dio­sen­dungen über J. Gaillot verfaßt und über ihn auch seit 1984 Beiträge in PUBLIK FORUM geschrieben. Hinzu kommen zwei Halbstundenfilme über diesen außergewöhnlichen Bischof:
-Im Oktober 1989 im Saarländischen Rundfunk für die ARD 1. Programm mit dem Titel:”Machtlos und frei”. Red. Norbert Sommer
-im Februar 1995 im Westdeutschen Rundfunk für die ARD 1. Programm mit dem Titel „In die Wüste geschickt“. Red. Friedhelm Lange.

Aus der Gemeinde des Herausgebers des neuen Buches über Jacques Gaillot, Pfarrer Roland Breitenbach in Schweinfurt:

„Eine Kirche, die nicht dient, dient zu nichts“

Bewegende Geburtstagsfeier für Bischof Jacques Gaillot in St. Michael am12. 9. 2010:

SCHWEINFURT · Außergewöhnlich ist es schon, wenn eine deutsche Gemeinde den 75. Geburtstag eines französischen Bischofs, noch dazu in dessen Abwesenheit, feiert. Seit 15 Jahren ist St. Michael mit Jacques Gaillot, diesem außergewöhnlichen Kirchenmann durch Besuche, gemeinsame Tagungen und dessen Texte, zum Beispiel seinem „Katechismus, der Freiheit atmet“, verbunden.

Von einigen deutschen Bischöfen, so auch vom Würzburger Oberhirten, ist der liberale Bischof, der sich ganz im Geist des Evangeliums für die Außenseiter und Randständigen der Kirche wie der Gesellschaft einsetzt und deswegen auch Konflikte mit dem Staat und seiner Kirche nicht scheute, zur „unerwünschten Person“ erklärt worden.

Der festliche Gottesdienst in St. Michael, musikalisch eindrucksvoll vom Chor Cantate Vocalis (Leitung und Orgel Bernd Pawellek) aus Lage in Nordrhein-Westfalen gestaltet, lebte vor allem aus den Texten Jacques Gaillots: „Wer gegen die Ausgrenzung von Menschen kämpfen will, muss ihnen zunächst auf die Beine helfen“. Oder: „Christen freuen sich darüber, dass Gott sich auf der Straße zeigt.“ Und: „Wenn er echt ist, kann der Ungehorsam zum Gehorsam werden.“ Aber auch: „Eine Kirche, die nicht dient, dient zu nichts.“

Besonders geprägt wurde der Jubiläumsgottesdienst durch Christof Bretscher, der statt einer Predigt, unter lang anhaltendem Beifall seinen Beitrag aus dem Buch „Die Freiheit wird euch wahr machen“, der Geburtstagsgabe von St. Michael an Jacques Gaillot, las. Er verglich die Absetzung des Bischofs vor 15 Jahren durch den Vatikan und seine Verbannung in das untergegangene Wüstenbistum Partenia in Algerien mit dem Absurdum, als Chefarzt durch die Würzburger Generaloberin an das Krankenhaus von Pompeji, das vor 1900 Jahren durch den Vesuv zerstört wurde, ausgesetzt zu werden. „Dieser Bischof“, so Bretscher in der Lesung, „vermittelt mir das Gefühl einer freien Gottsuche und der Ahnung einer Kirche, die nicht von ihren eigenen Systemen und Strukturen erstickt wird. Jacques Gaillot hat mir gezeigt, wie einfach und fruchtbar Gespräch und Kommunikation in der Kirche sein können, wenn man es will und ohne Hintergedanken tut.“

Nach dem Gottesdienst, der von Roland Breitenbach und Diakon Stefan Philipps liturgisch gestaltet wurde, trafen sich die zahlreichen Gottesdienstbesucher zu einem Frühschoppen und nutzten die Gelegenheit, das neue Buch zu erwerben, das ab sofort auch im Buchhandel zu haben ist.

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Quelle: Schweinfurter Volkszeitung