Feindesliebe heute. Drei Fragen an Prof. Wilhelm Gräb

WEITERDENKEN:  „Liebet eure Feinde“

3 Fragen an Prof. Wilhelm Gräb, Theologe an der Humboldt-Universität Berlin

Die Fragen stellte Christian Modehn

Frankreichs Präsident Hollande hat dem IS den Krieg erklärt. Viele andere europäische Politiker sprechen heute mit einer gewissen Selbstverständlichkeit von Krieg. Der aber bedeutet bekanntlich nichts anderes als Auslöschung des Feindes. Dabei rechnen die Europäer als die „Guten“ durchaus auch mit Toten in den eigenen Reihen. Viele Europäer, manche nennen sich Christen, schließen aus, den mörderischen IS auf andere Weise als durch Krieg auszuschalten. Lassen wir die Erkenntnis beiseite, dass international agierende Terroristen nicht durch Kriege zur Vernunft gebracht werden können.

Viele hier bewegt die Frage: Was hat angesichts dieser verworrenen Kriegs-Geschehens noch das Wort Jesu Christi aus dem Matthäus Evangelium zu bedeuten: „Ich aber sage euch: Liebet eure Feinde, segnet, die euch verfluchen, tut Gutes denen, die euch hassen, bittet für die, die euch beleidigen und verfolgen“ (Mt 5, 44). Werden da nicht Utopien verbreitet? Wird Unmögliches von den Menschen verlangt und das Gesetz einer neuen Welt beschworen, die es (noch) gar nicht gibt?

Als ich vor einigen Wochen in einem der vielen Kommentare zur „Flüchtlingskrise“ las, dass nichts die gegen den „Westen“ kämpfenden Islamisten so sehr verunsichert habe wie die „Willkommenskultur“, die die deutsche Bundeskanzlerin im August vergangenen Jahres auszulösen verstanden habe, da dachte ich, ja, das ist wahr. Dem IS und der Al Qaida und all den anderen islamistischen Gewalttätern drohte das Feindbild abhanden zu kommen. Das hätte den Durchbruch zu einer Siegeschance gegenüber den Islamisten bedeuten können.

Dass man den IS und Al Qaida militärisch nicht besiegen kann, ist klar. Diese neuen, asymmetrischen Kriege lassen sich weder mit nationalen noch internationalen Streitkräften „erfolgreich“ führen. Gegen Selbstmordattentäter gibt es zudem keine Möglichkeit einer kalkulierten Verteidigung. Eine Chance, diesen Krieg, den die Islamisten in der Form eines global vernetzten Systems von Terrorakten führen, zu gewinnen oder zumindest nicht immer weiter eskalieren zu lassen, wird sich niemals durch Anwendung von Gewalt ergeben. Eine Chance auf Frieden könnte sich allenfalls dadurch eröffnen, dass der verhasste „Westen“ endlich anders reagiert als er es bislang immer getan und damit selbst an dem Feindbild gebaut hat, durch das die Islamisten sich zu ihren grausamen Terrorakten berechtigt glauben – eben in Orientierung am Ideal der Feindesliebe.

Utopisch ist es überhaupt nicht, auf einen politischen Erfolg eines Verhaltens zu setzten, wie es der Bergprediger empfohlen hat. Vielleicht ist es, wenn wir an den IS und Al Qaida denken, etwas viel verlangt, gleich von „Liebe“ zu reden. Wie sollte das auch gehen, wir kennen sie ja gar nicht persönlich, wissen überhaupt nicht, mit wem wir es da eigentlich zu tun haben. Aber dass uns aus der „islamischen Welt“ eine aus langen Erfahrungen der Erniedrigung resultierende Welle des Hasses und eine ungeahnte Aggressivität entgegenschlagen, und der Einsatz militärischer Gewalt diese immer weiter steigern werden, ist auch unbestreitbar.

Was hilft da? Eben garantiert nicht der „Krieg gegen den Terror“, sondern einzig und allein dies, was die Bundeskanzlerin zu tun unternommen hat: „Ein freundliches Gesicht zeigen“, denen Gutes zu tun, die uns hassen, für die zu bitten, die uns beleidigen und verfolgen.

Die Ethik der „Feindesliebe“ ist ganz rational, auch wenn mehr als rationale Beweggründe dazu gehören, sie auch zu befolgen, nämlich ein Herz, das zur Liebe fähig ist, ein Tun, das Böses nicht mit Bösem vergilt und Gewalt nicht mit Gegengewalt beantwortet.

Noch mal zugespitzt nachgefragt: Was wäre denn, wenn die Menschheit das Ideal der Feindesliebe völlig aufgeben und vergessen würde: Dann würde das bestialische Recht des Stärkeren schrankenlos gelten? Wie kann man als Theologe dafür sorgen, dass das jesuanische Ideal der Feindesliebe aus dem inneren religiösen Kontext befreit wird und als vernünftige, also allgemein zugängliche Maxime (der Gewaltlosigkeit) verbreitet wird?

Es ist meine tiefste Überzeugung, dass das Ideal der Feindesliebe gerade kein weltfremdes religiöses Hirngespinst darstellt, sondern aus der völlig rationalen Überlegung geboren ist, dass anders die Gewaltspiralen in der Welt nicht zu durchbrechen sind. Wo Gewalt nur mit neuer Gewalt beantwortet wird, ist kein Ende der Gewalt absehbar. Dort nur, wo das völlig Unerwartete geschickt, wie es mit der Ausrufung der „Willkommenskultur“ im letzten Sommer der Fall war, kann die Gewaltbereitschaft zumindest verunsichert und in der Folge möglicherweise sogar überwunden werden.

Gewiss kommt sie nicht sofort zum Erliegen. Im Gegenteil, sie wird sich jetzt erst recht noch einmal aufbäumen. Aber wer der – nur zu verständlichen – Versuchung widersteht, mit Gegengewalt zu antworten, sondern stattdessen die fortgesetzte Bereitschaft zur Aufnahme der Flüchtlinge erkennen lässt, hält die Option auf friedliche Konfliktlösungen offen. Statt sich von Frankreich in den Krieg gegen den IS hineinziehen zu lassen, hätte für die Kanzlerin z.B. auch die Möglichkeit bestanden, zu sagen, dass dies Deutschland finanziell überfordere, angesichts der Milliarden, die es jetzt für die Unterbringung der Flüchtlinge braucht – und außerdem, hätte sie hinzufügen können, sei dies im Kampf gegen den Terror ohnehin die wirksamere Maßnahme.

Es zeigte sich auch in der Vergangenheit (denken wir nur an Mahatma Gandhi und Nelson Mandela), dass die Feindesliebe, die Fähigkeit Böses mit Gutem zu vergelten, im Grunde der einzige Weg ist, die Todesspirale von Gewalt und Gegenwalt zum Stoppen zu bringen.

Ist das Jesus-Wort von der Feindesliebe auch eine Aufforderung, die eigene, immer schon von eigenen Feindbildern geprägte Seele zu reinigen? Also in sich selbst zu schauen, die eigene Feindseligkeit zu erkennen und zu bearbeiten: Etwa anzuerkennen: Auch „wir“, die angeblich „Guten“ (gegenüber dem bösen IS) handeln feindselig, attackieren Flüchtlingsheime, misshandeln Frauen und Minderheiten usw.? Wie dringend nötig haben wir Europäer eigentlich eine Analyse unserer eigenen Psyche, unseres eigenen „wilden“ Denkens?

Das Ideal der Feindesliebe ist überhaupt nicht irrational oder utopisch. Im Gegenteil, es ist von geradezu überwältigender, uns im Grunde überfordernder Rationalität. Es geht über unsere Kräfte. Denn niemand ist von Feindseligkeiten gegen andere frei. Feinbilder sitzen tief. Sie entstehen aus unseren Ängsten, vor allem aus der Angst zu kurz zu kommen, sich nicht durchsetzen zu können, um das eigene Lebensglück betrogen zu werden. Vielleicht ist es gar nicht nur der IS, dem gegenüber wir uns als die Guten fühlen. Vielleicht sind es auch die Leute von Pegida, die, die Flüchtlingsheime attackieren, die, die man mit geschwellter Brust auch schon einmal als „Pack“ bezeichnen darf, die, denen wir uns nicht nur moralisch überlegen meinen, sondern von denen wir glauben, dass es ganz falsch wäre, sie auch noch zu lieben.

Ist das Gebot der Feindesliebe gar so gemeint, dass wir das Böse nicht mehr Böse nennen dürfen. Nein, das gewiss nicht. Aber es warnt uns vor der Schwarz-Weiß-Malerei, hält uns dazu an, den blinden Fleck auch im eigenen Herzen bzw. den Balken auch vor den eigenen Augen zu sehen.

Es ist ja so, dass „Achsen des Bösen“ ganz schnell gezogen werden, sei es dass der IS und Al Qaida dann dort aufgereiht werden oder eben in den erbitterten Meinungskämpfen, wie sie zur Zeit bei uns im Lande toben, jeweils die anderen. Das sind für die einen die Flüchtlinge und für die anderen die, die die Flüchtlinge hier nicht haben wollen. Es ist zurzeit doch erschreckend, wie unsere Gesellschaft auseinanderdriftet und nach allen Seiten hasserfüllte Feindbilder aufgebaut werden. (Spiegel-Online lässt zum Thema „Flüchtlinge“ keine Block-Einträge mehr zu, weil sie derart unverschämt geworden sind und eine unerträgliche Polarisierung befördern.)

Ich weiß nicht, ob es etwas hilft. Aber hier kommt für mich die Religion bzw. ein Grundgedanke der christlichen Theologie ins Spiel, der von der Schuldverstrickung und Sündhaftigkeit des Menschen. Die Feindesliebe ist die Pointe christlicher Ethik und wie wir gesehen haben, kann diese Ethik zugleich als durch und durch vernünftig gelten. Es ist gut und rational nach dem Gebot der Feindesliebe zu handeln. Und das gilt es auch zu sagen, also ein Verhalten, das ihm nicht folgt, anzuklagen. Es ist in dieser „Flüchtlingskrise“ vollkommen klar, was gut und richtig (und christlich) ist. Aber wir sind das alles (gut, richtig, christlich) nicht so ohne weiteres. Wir brauchen vor allem immer Feindbilder, und seien es die Leute von Pegida, die dazu herhalten müssen, oder, von der anderen Seite, die „Gutmenschen“. Wir brauchen andere, auf die wir mit dem Finger zeigen können, damit wir selbst als die Gerechtfertigten dastehen – gerechtfertigt insbesondere vor uns selbst.

Könnte es nicht sein, dass sich an unserer Unfähigkeit zur Feindes- und Nächstenliebe zeigt, wie sehr uns der Gott fehlt, der, der den Sündern gnädig ist, der der uns in unserem Lebensrecht anerkennt, unabhängig von unseren guten Taten, der, der uns vergibt, wenn wir wieder ganz unvernünftig gehandelt und das Übel in dieser Welt nur noch schlimmer gemacht haben, der der uns vorbehaltlos liebt?

Eine Analyse unserer Psyche würde uns also bestimmt nicht schaden. Denn wir erliegen nicht nur immer wieder der Versuchung, Böses mit Bösem zu vergelten, sondern sind auch ständig darauf aus, uns selbst als die Guten hinzustellen. Und dies beides hängt eng miteinander zusammen. Denn, gerade wenn wir Böses mit Bösem vergelten, meinen wir doch in der Regel vollkommen im Recht zu sein.

Wenn wir vom Selbstrechtfertigungsdruck loskämen, dann würden wir vielleicht fähig, den blinden Fleck auch bei uns selbst zu sehen, die Feindseligkeiten, in die wir uns immer wieder hineinsteigern. Zu merken und einzugestehen, dass ein solcher Gott fehlt, einer, der die, die auf ihn ihr Sinnvertrauen setzen, zur wechselseitigen Anerkennung ihres Lebensrechtes führen könnte, damit wäre zumindest ein Anfang gemacht, dahin gehend, dass das Ideal der Feindesliebe kein frommer Wunsch bleiben muss.

 

copyright: Prof. Wilhelm Gräb und Religionsphilosophischer Salon Berlin

Gott wird Mensch: Wird der Mensch Gott? Drei Fragen an Prof. Wilhelm Gräb

Drei Fragen zu Weihnachten 2015 an Professor Wilhelm Gräb:  Gott wird Mensch – Wird der Mensch Gott?

Die Fragen stellte Christian Modehn

Eine Deutung der Weihnachtsgeschichte heißt im Anschluss an das Johannes-Evangelium: „Gott wird Mensch in Jesus von Nazareth“. Wenn in dem Menschen Jesus aber Gott selbst lebt, dann betont das Johannes-Evangelium auch: Grundsätzlich lebt Gott in jedem Menschen, zum Beispiel „in jedem, der liebt“, wie der Autor sagt. Von dieser Deutung ist heute selten die Rede. Aber wäre sie nicht eine aktuelle Konsequenz der Weihnachtsgeschichte?

Für das Verständnis von Weihnachten wie überhaupt für die religiöse Gedankenwelt des Christentums ist die Auffassung von der Menschwerdung Gottes zentral. Die Theologie spricht zu Recht von einer vollständigen Revolutionierung des Gottesgedankens zu der es im Christentum gekommen ist. Sie besteht darin, dass Gott nicht mehr für eine alles beherrschende Macht steht, sondern für die subversive Kraft, die in den Schwachen mächtig ist.

Diese Revolutionierung des Gottesgedankens stellt die Symbolik des Weihnachtsfestes plastisch vor Augen: Das göttliche Kind, in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegend. Dieses schwache, der Liebe bedürftige wie auch Liebe erweckende Kind ist der Gott, in dessen Anblick die Engel vom Frieden auf Erden singen.

Es ist wichtig, diese Rede von der Menschwerdung Gottes in ihrem symbolischen Sinn zu verstehen, nicht sie wörtlich zu nehmen. Dann legt sie die Rede von der Geburt Gottes auf dem Grunde der eigenen Seele nahe. Wir begegnen ihr zudem in der Ermahnung des Dichters Angelus Silesius (1624-1667): „Wär Christus tausendmal in Bethlehem geboren und nicht in dir, du bliebest doch in alle Ewigkeit verloren.“

Dieses Wort des Mystikers nimmt dem Gedanken von der Menschwerdung Gottes das Äußerliche der Vorstellung. Es befreit von dem Missverständnis, als handele es sich dabei um eine historisches Geschehen, möglicherweise sogar datierbar als die Stunde null in der christlichen Zeitrechnung. Es geht an Weihnachten nicht um die Erinnerung an ein längst vergangenes Geschehen, sondern um dessen permanente Wiederholung – in jedem einzelnen Menschen.

Was wir an Weihnachten feiern, das ist der Einstieg in diese Verwandlung, die mit einem Menschen vorgeht, wenn er seiner Angewiesenheit auf Liebe und Zuwendung bewusst wird. Im Grunde unseres Daseins sind wir Menschen doch alle Empfangende, die, denen das Leben und alles, was sie zum Leben brauchen, geschenkt wurde. Letztlich ist es ganz und gar Gnade, leben zu dürfen, geliebt zu werden – und lieben zu können.

Im Grunde sind wir alle aus Gott geboren. Dann jedenfalls, sofern wir nur hoch genug von uns und der Bestimmung unseres Daseins denken. Wer einiger Selbstachtung fähig ist, wird sich schließlich nicht als ein peripheres Zufallsprodukt rein biologischer Evolutionsprozesse verstehen wollen.

So zeigt das göttliche Kind in der Krippe auf das, was mit uns allen vorgeht, wenn wir nur erkennen, wie sehr wir auf Liebe angewiesen sind und anderen, die darauf ebenso warten wie wir, Liebe geben können.

Wenn eine „göttliche Struktur“ in jedem Menschen angelegt ist, dann wird keine totale Gott-Mensch-Identität angedacht. Denn bei einer völligen Identität von Gott und Mensch würden beide als solche aufgelöst und verschwinden. Was könnte dann aber eine gewisse Vergöttlichung des Menschen als Menschen bedeuten? Könnte der absolute, der heilige Wert des Menschen gemeint sein?

Schauen wir auf das Kind in der Krippe, diesem Zeichen für die Menschwerdung Gottes, dann ist das Göttliche, das in jedem Menschen angelegt ist, gerade keine Struktur von Macht und Herrschaft. Dann ist „das Göttliche in uns allen“ vielmehr unsere Verletzlichkeit und Verwundbarkeit, unsere abgrundtiefe Bedürftigkeit, dass wir Nahrung, Kleidung, ein Zuhause, dass wir Liebe und Zuwendung brauchen.

Dann aber auch, dass jeder Mensch auf die Befriedigung dieser elementaren Bedürfnisse einen Anspruch hat. Und das unabhängig von seinen nationalen, kulturellen und religiösen Zugehörigkeiten. Jeder Mensch hat allein aufgrund seines Menschseins, dem diese göttliche Struktur des Angewiesenseins eingezeichnet ist, ein Recht auf die Inanspruchnahme der elementaren Menschenrechte.

Insofern könnte man auch sagen, Weihnachten ist als der Tag der Menschwerdung Gottes zugleich der Tag der Menschenrechte. Deshalb feiern wir Weihachten, weil Gott in jedem Wesen, das Menschenantlitz trägt, zur Welt kommt, alle Menschenkinder damit aber auch einen Anspruch auf Anerkennung ihrer unantastbaren Würde haben sowie auf Einhaltung der Rechte, die daraus folgen.

Können wir diese göttliche Dimension in einem jeden Menschen weiter konkretisieren und betonen: Darin ist eine Befähigung des Menschen ausgesagt, umfassend-friedlich zu leben. Der von Gottes Geist bewegte Mensch ist fähig, Gott als dem Friedensfürsten zu entsprechen. „Friedensfürst“ ist ja einer der Titel Gottes in der Weihnachtsgeschichte. Was bedeutet dieser „Titel“ Gottes gerade heute, praktisch und auch politisch?

Die weihnachtliche Revolutionierung des Gottesgedankens legt zugleich eine Basis dafür, dass Menschen zur friedlichen Lösung von Konflikten fähig sind. Denn sie verlangt, die Vorstellung aufzugeben, es käme es in erster Linie auf die an, die die Macht haben, es sei schließlich der Einsatz von Gewalt oder gar des Militärs eine Möglichkeit, Frieden zu schaffen. Wenn die göttliche Dimension im Menschen in seiner unendlichen Bedürftigkeit und seiner Angewiesenheit auf Liebe besteht, dann eröffnet sie ihm auch den Weg, den gehend er zum Frieden beitragen kann.

Das hat Konsequenzen, ganz konkret, aktuell auch in Gestalt des Protests gegen die Syrien-Politik Deutschlands und Europas. Es bedeutet, laut zu sagen, dass ein militärisches Eingreifen in Syrien der garantiert falsche Weg ist.

Ich wundere mich, dass die höchsten Repräsentanten der beiden großen Kirchen bislang zu diesem eklatanten politischen Fehlverhalten schweigen. Hoffentlich finden sie in ihren Weihnachtspredigten zu einem energisch mahnenden Wort. Wenn sie die Weihnachtsbotschaft von der Menschwerdung Gottes auch nur ansatzweise ernst nehmen, müssen sie es tun.

Copyright: Prof. Wilhelm Gräb und Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

 

Warum ist die Ewigkeit verschwunden? Drei Fragen an Prof. Wilhelm Gräb.

Drei Fragen an Professor Wilhelm Gräb im November 2015

Warum ist die Ewigkeit verschwunden?

Unser üblicher Umgang mit Leben und Sterben. Aktuell nicht nur angesichts des Totensonntags/Ewigkeitssonntags.

Die Fragen stellte Christian Modehn

1. Es ist ein umfassendes Thema, aber wir sollten es einmal an-denken: Für die meisten Menschen in der westlichen Welt, vor allem in Europa, ist die über Jahrhunderte gültige Überzeugung verloren gegangen: „Es gibt eine Ewigkeit, für mich und die anderen“. Waren denn unsere Vorfahren so primitiv, so naiv, wenn sie meinten: Dieses Leben, oft so schmerzvoll, oft so brutal von Gewalt und Krieg abgebrochen, dieses Leben kann nicht mit dem Tod enden? Gehört zu einem modernen Glauben auch die Neufassung einer alten Überzeugung: Mit dem Tod treten wir in eine, wie immer geartete, natürlich im Detail unbekannte, Ewigkeit?

Ich bin ebenfalls der Meinung, dass die Alten keineswegs nur aus purer Naivität, Gutgläubigkeit und Wunschdenken von dieser starken, realistischen Ewigkeitshoffnung erfüllt waren. Auch ihnen war klar, dass wir über die Dinge, die jenseits unserer Erfahrung liegen, nichts wissen können. Schon im Neuen Testament wird die Frage verhandelt, ob die Menschen nicht sehr viel energischer mit dem ewigen Leben und den möglichen Konsequenzen, die das hat, rechnen würden, wenn schon einmal jemand aus dem jenseitigen ins diesseitige Leben zurückgekehrt wäre (Lukas 16, 27-31) Dass die Ewigkeit eine andere als die zeitlich erfahrbare Wirklichkeit bedeutet, eine Wirklichkeit, zu der wir nur im Glauben und Hoffen den Zugang haben, war auch den Alten klar.

Aber im Unterschied zu uns Heutigen hatten sie mit diesem Glauben an ein ewiges Leben nicht so große Schwierigkeiten wie wir. Ganz offensichtlich fiel es ihnen leichter, die Grenzen des Wissens anzuerkennen und dem Glauben Platz zu machen. Allerdings, damit spiele ich auf Immanuel Kant, den großen erkenntniskritischen Philosophen der Moderne an: Kant hat zwar energisch dagegen Einspruch erhoben, das moralische Handeln an eine Gehorsamspflicht den göttlichen Geboten gegenüber zu binden. Er behauptete jedoch ebenso entschieden, dass wir unseren zum moralischen Handeln motivierenden Gerechtigkeitssinn wie unser Glücksverlangen nur in Verbindung mit dem Ewigkeitsglauben aufrechterhalten können.

Jedes Lebens bleibt fragmentarisch. Es bricht oft viel zu früh und gewaltsam wieder ab, ohne jede Chance, seine Erfüllung auch nur ansatzweise zu finden. Was ist mit dem, worauf auch dieses Leben ausgegangen war, wofür es gekämpft und sich eingesetzt hat, was es gewollt und worauf es gehofft hat? Ist es damit im Tod aus und vorbei, somit alles, was diesem Leben wichtig und erstrebenswert war, vergeblich und sein Sinnvertrauen eine bloße Selbsttäuschung gewesen?

Dem wollen wir spontan widersprechen. Auch wir Heutigen glauben eigentlich nicht, dass die Hoffnung auf Gerechtigkeit ein bloßes Trugbild ist und alles, was uns wichtig ist, letztlich doch sinnlos gewesen sein wird.

Wenn ich mich nicht irre, behaupten tatsächlich auch heute nur wenige Menschen, dass für sie mit dem Tod „alles aus“ sei. Kaum einer sagt das laut. Und wenige glauben es wohl wirklich. Nicht von ungefähr sind westliche Formen des Reinkarnationsglaubens sehr verbreitet. Oder es werden Vorstellungen von einer seelischen bzw. geistigen Fortexistenz von den Alten übernommen und mit neuen Metaphern weiter entwickelt. Die Vielfalt der individuellen Jenseitsvorstellungen ist heute enorm groß.

Und ich meine, es ist den Menschen heute, wie schon den Alten, dabei völlig klar, dass dies Vorstellungen sind von einer Wirklichkeit, von der wir uns eigentlich keine Vorstellung machen; zu der in Gedanken uns zu verhalten wir aber ebenfalls nicht unterlassen können. Wir Menschen, die wir wissen, dass wir sterblich sind, müssen zugleich immer auch über die Todesgrenze hinaus denken, weil wir sonst einzugestehen hätten, dass das Leben, das wir hier und jetzt haben, eine einzige „Krankheit zum Tode“ (Kierkegaard), damit letztlich alles vergeblich und umsonst gewesen ist.

Wir können uns freilich auch zu diesem nihilistischen Eingeständnis durchringen. Denn es gibt keine wissensbasierten Argumente, auf deren Basis ihm zu widersprechen wäre. Aber bekömmlich dürfte dies kaum jemandem sein. Es ist vielmehr sehr viel vernünftiger und unserem alltäglichen Lebenspraxis auch sehr viel entsprechender, an ein – wie auch immer geartetes – ewiges Leben zu glauben.

2. Ewigkeit meint ja nicht die Fortsetzung der üblichen Zeit in himmlischen Sphären. Ewigkeit meint eher die dauernde, sich unendlich gebende Gegenwart. Diese Gegenwartserfahrung als Heraustreten aus der Zeitstruktur erfahren wir in unserem alltäglichen Leben schon immer: In Momenten der Liebe, des Glücks, der Begegnung mit Kunst. Haben wir von daher nicht alle Veranlassung, eine andauernde Gegenwart des Geistes anzunehmen – auch nach dem Tod?

Die Ewigkeit, das ewige Leben, ist nicht, wie Sie zu Recht sagen, die unendliche Verlängerung des zeitlichen Lebens. Die Ewigkeit ist das unendliche Gewicht der Zeit, die unendliche Bedeutsamkeit des zeitlichen Lebens. Deshalb resultiert der Ewigkeitsglauben daraus, dass die Dinge dieses Lebens, das wir hier und heute bewusst führen, für uns Bedeutung haben. Die Ewigkeitserfahrung geschieht gewissermaßen immer schon, mitten in der Zeit, als die Erfahrung dessen, dass wir uns mit dem, was wir tun, wofür wir uns einsetzen, was uns wichtig ist, in eine Welt einbezogen wissen, die uns entgegenkommt, die wir erkennen und gestalten können. Sie kommt uns in ihrer Unendlichkeit entgegen, aber so, dass wir den Eindruck gewinnen als die endlichen Wesen, die wir sind: Wir passen in sie hinein und sind in ihr, allem Widerwärtigen zum Trotz, letztlich gut aufgehoben.

Deshalb sind es besonders die herausgehobenen Erfahrungsmomente unseres zeitlichen Daseins, sind es die Grenzerfahrungen im Positiven wie im Negativen, in denen unser Einbezogensein ins unendliche Ganze einer Welt, die für uns Sinn macht, in uns nachklingt und Resonanzen in unserem Lebensgefühl auslöst. Gerade dann, wenn wir zum Augenblick sagen möchten: „Verweile doch, du bist so schön“, ist er schon vorüber, tritt uns somit vor Augen, dass wir zeitliche, endliche Wesen sind. Zugleich stärken diese Lebensmomente, in denen uns unsere Zugehörigkeit zum unendlichen Ganzen in einer auf uns hin geordneten Welt aufgeht, den Glauben daran, dass wir mit unseren einmaligen, individuellen, endlichen Leben ein unverlierbares Moment im in diesem unendlichen, göttlichen Welt- und Sinnganzen sind.

3. Es wurde und wird viel Unsinn getrieben mit überschwänglichen und furchtbar drohenden Bildern vom jenseitigen Leben. Die Vertröstung auf ein besseres Jenseits war doch höchst problematisch, im Blick auf das reale, irdische und zugelassene Leiden der Armen. Trotzdem: Wenn diese Missverständnisse beseitigt sind: Können moderne, liberal-theologisch denkende Christen sagen: Zum Vertrauen in einen göttlichen Grund gehört auch die begründete und begründbare Hoffnung auf ein ewiges Leben? Oder hat das etwas mit Egozentrismus zu tun?

Gut, dass Sie das zuletzt fragen, ob die Hoffnung auf ewiges Leben nicht doch etwas mit Egozentrismus zu tun hat. Wir sind als selbstbewusste Lebewesen selbstzentriert, beziehen alles, was wir denken, fühlen und tun, auf uns selbst. Wir verhalten uns ständig so, als käme es unbedingt auf uns selbst an, weil wir der Welt erkennend und gestaltend gegenüberstehen, sie uns zugleich entgegenkommt und wir ihr zugehören, als dem Ganzen, aus dem wir selbst kommen und von dem wir glauben, dass wir in ihm nie ganz verlorengehen. Aus dieser zu uns als selbstbewussten Menschen gehörenden Erfahrung geht der Gedanke hervor, dass wir Teil des unendlichen Ganzen sind, in dem keiner je den Eindruck gewinnen müsste, ganz umsonst gelebt zu haben.

In jedem Menschen, so der religiöse, auf das Ganze gehende Gedanke, muss, da er seine Zugehörigkeit zum Ganzen immer auch auf sich bezieht, ein unverlierbares Moment des Ganzen aktiv sein und über den Tod hinaus aktiv bleiben. Es ist, so denke ich, in der Tat unser Egozentrismus, der freilich nichts mit selbstsüchtigem Egoismus zu tun hat; sondern der Egozentrismus hat, ganz im Gegenteil, mit einer für uns lebensnotwendigen Selbstachtung zu tun, er ermutigt uns zur Hoffnung auf ein ewiges Leben.

Weil das so ist, treten unserer Ewigkeitshoffnung aber auch gewaltige Einsprüche entgegen, die sie uns permanent wieder zu rauben drohen, sie zumindest als äußert ambivalent erscheinen lassen. Denn so sehr wir alles, was wir denken, fühlen und wollen, immer auf uns selbst beziehen, wir uns dem Ganzen einer Welt gegenüber stellen, zu der wir uns zugleich gehörig wissen, so haben wir doch, wenn wir ehrlich zu uns selbst sind, keine Konzeption, die unsere Rolle als Menschen unter mehr als sieben Milliarden (allein in diesem Moment lebenden) davor bewahrt, schlechterdings als absurd erfahren zu werden. Ist jeder und jede von uns nicht doch bloß ein zufälliges, nichtiges Einsprengsel in einem kosmischen Prozess, der ohne uns weitergehen wird, als wären wir überhaupt nie gewesen? Ein Einspruch gegen die individuelle Ewigkeitshoffnung, von der auch die Bibel zu sagen weiß: „Alles Fleisch ist Gras, und alle seine Güte ist wie eine Blume auf dem Felde. Das Gras verdorrt, die Blume verwelkt.“ (Jesaja 40, 6f.)

Wir sind selbstzentriert und zugleich sind wir, wie doch offenkundig ist, ganz ephemer im Ganzen. Das treibt die Ewigkeitshoffnung unweigerlich in die Fraglichkeit. Ich kann sie auch persönlich, muss ich gestehen, nur als zutiefst fragliche Hoffnung teilen. Auf der einen Seite kann und will ich mich als ein Mensch verstehen, der im Vertrauen auf die Gründung des eigenen Daseins im göttlichen Sinn des Ganzen sein Leben sinnbewusst führt und deshalb auch auf die unendliche Einbindung in das göttliche Seins- und Sinnganze hoffen darf. Auf der anderen Seite kann ich mir durchaus vorstellen, dass mit meinem Tod dieser Ewigkeitsgedanke, wie alles, was einmal zu mir und meinem Leben gehört hat, ohne jede Bedeutung sein wird.

Was bleibt also? Eines doch zumindest – und vielleicht wiegt das sogar schwerer, wenn es kein ewiges Leben geben sollte: Für mich – jeder und jede kann da nur für sich selbst sprechen – ist das menschliche Leben damit verbunden, dass es im Ganzen dessen, was es ist, für sich selbst und für ein anderes Lebens dankbar sein kann – also gerade im Tod, dem eigenen oder dem eines geliebten Menschen dankbar, unendlich dankbar sein kann.

Copyright: Prof. Wilhelm Gräb und Religionsphilosophischer Salon.

Die Flüchtlinge in Deutschland: Die Reformation neu denken. Die Reformation muss weitergehen

Weiter denken:   3 Fragen an Prof. Wilhelm Gräb, Oktober 2015.

Im Angesicht der Flüchtlinge: Die Reformation muss weitergehen.

(Ein Hinweis: Wir haben uns erlaubt, diese weitreichenden, in die nahe Zukunft weisenden Fragen zu erörtern, obwohl wir wissen: Die Zustände heute in den Flüchtlingsheimen, oft in Zelten, die bei bitterer Kälte keine Zuflucht bieten, sind katastrophal, das sagen Betroffene wie Beobachter an vielen Orten, auch in Berlin. Diese Situation ist sicher auch Ausdruck einer bürokratischen, unbeweglichen, phantasielosen Haltung der zuständigen, aber überforderten Staats-Diener. Ohne die bis zur Erschöpfung arbeitenden Ehrenamtlichen wäre die “Flüchtlingshilfe” längst total zusammengebrochen, und das Elend HIER noch größer. Welchen langfristigen Eindruck von der “Willenkommenskultur” haben die Flüchtlinge? Wie wid sich das in Zukunft auswirken? Man lese bitte über die Flüchtlings”hilfe” in Berlin den Beitrag im “TAGESSPIEGEL” vom 15. Oktober 2015, Seite 9, unter dem realistischen, keineswegs etwas “herbeiredenden ” Titel: “Angst vor der Katastrophe”…Nur am Beispiel der medizinischen Versorgung: “Es droht eine humanitäre Katastrophe”, so wird dort der Caritas-Sprecher Thomas Gleissner zitiert….

Jedenfalls gilt: Die Ehrenamtlichen sind sozusagen, wenn das Wort erlaubt ist, die Helden in diesem Staat. Diese reale Not schließt ja nicht aus, sich Gedanken zu machen über eine hoffentlich bessere gemeinsame Zukunft  von “Einheimischen” und “Flüchtlingen”. Ob diese bessere gemeinsame Zukunft überhaupt real wird, zumal angesichts der rassistischen Entgleisungen aus dem rechtsextremen Umfeld, siehe die “Pegida” Demos etwa in Dresden, die entsetzlich vielen Brandanschläge auf Flüchtlingsheime usw., ist eine Hoffnung, die Demokaten tätig-kritisch gestalten. Christian Modehn am 15. Okt. 2015)

1. Die Reformation Martin Luthers zielte auf den Wandel des Bewusstseins: Nicht mehr eingeschliffene religiöse Traditionen sollten unbefragt respektiert werden, sondern die Grundideen einer befreienden Botschaft, Evangelium genannt. Bisher hat sich alles Reformationsgedenken vor allem auf diese explizit religiöse Veränderung bezogen. Wäre es heute nicht dringend geboten, den Reformationsbegriff zu weiten und ihn auf die Veränderungen unserer Gesellschaft angesichts der Flüchtlinge zu beziehen? Also etwa eine Reformation des Denkens insgesamt zu fördern und zu pflegen unter dem Motto: Die Flüchtlinge auch als Partner wahrzunehmen? Als Partner im kulturellen Dialog, von dem beide Seiten profitieren?

In meinen Augen war das Entscheidende an der Reformation Luthers sein Plädoyer für das „Priestertum aller Glaubenden“. Das war der große Schritt in die religiöse Autonomie, mit der dann die Aufwertung der Ethik, der moralischen Selbstbestimmung, schließlich auch das demokratische Prinzip und die Selbstverantwortung in Fragen des allgemeinen Wohls einhergingen. Das „Priestertum aller Gläubigen“ war Luthers größte und folgenreiste Idee, gewiss eine Idee, damals im 16. Jahrhundert keineswegs realisiert, bis heute nicht vollständig realisiert. Aber das, was wir jetzt angesichts der doch immer noch auf beeindruckende Weise anhaltenden Hilfsbereitschaft erleben können, gehört in die Geschichte der Verwirklichung der reformatorischen Einsicht, dass es auf jeden und jede ankommt, dass jeder und jede gleich unmittelbar zu Gott ist, frei ist zum Tun des Guten und Gerechten, weil wir wissen, dass für uns gesorgt ist und wir uns im Grunde unseres Dasein anerkannt und geborgen wissen können. Das war die befreiende Botschaft der Reformation, das Evangelium. Sie trägt im Grunde auch heute noch. Nur gilt es, wie Sie richtig sagen, sie in die Gesellschaft zu tragen.

Ich bin immer noch beeindruckt davon, wie die Bundeskanzlerin das macht. In dem Fernsehinterview mit Anne Will hat sie wieder und wieder auf die Mitarbeit der unzählig vielen Menschen verwiesen, ohne die ihre Politik der unbeschränkten Aufnahme aller Asylsuchenden nicht durchzuhalten sei. Was es jetzt zusätzlich noch braucht, das wäre in der Tat eine Reformation unserer Denkungsart auch über die Flüchtlinge und, in der Konsequenz, ein besseres Asylrecht, eines, das sehr viel schneller zu der Entscheidung führt, ob sie bleiben dürfen und, sofern dies der Fall ist, ihnen dann auch Ausbildungs-, Studien- und Arbeitsplätze zur Verfügung zu stellen. So käme es zu konkreten Schritten, die zeigen, dass wir sie nicht als Versorgungsfälle ansehen, sondern als Partner behandeln, von denen schließlich auch wir enorm profitieren werden.

2. Christliche Gemeinden und zahlreiche Christen helfen oft vorbildlich den Flüchtlingen. Sollten sich Gemeinden auch darauf einstellen, dass sich sehr bald die Flüchtlinge mit ihnen über Lebensfragen, über Elend und Not und neues Leben in einer neuen Heimat, tiefer austauschen wollen? Natürlich auch über religiöse Themen. Werden die Gemeinden also zu Orten des vielseitigen Gespräches?

Initiativgruppen in Kirchengemeinde haben sich wirklich vorbildlich in der Flüchtlingshilfe engagiert, längst bevor das jetzt eine gesellschaftliche Bewegung geworden ist. Das war bewundernswert und das Vorbild, das bestimmte Kirchengemeinden in der Asylfrage geben, könnte, wenn jetzt die gesellschaftliche Kraft wieder erlahmen sollte, erneut ganz wichtig werden. Aber was dieser Einsatz für die Flüchtlinge für die Gemeinden selbst bedeutet und wie die Flüchtlinge die Gemeinden selbst verändern, dass muss erst noch in den Blick kommen. Dass das bedeutet, die Flüchtlinge als Partner anzuerkennen, sie damit gewissermaßen in die Gemeinde selbst aufzunehmen. Dass es dann zum Austausch in den Gemeinden kommen wird. Die Flüchtlinge könnten ihre Geschichte erzählen, woher sie kommen, was sie auf der Flucht erlebt haben, was sie hier jetzt, von ihrer neuen Heimat erwarten. Die hiesigen Gemeindeglieder könnten umgekehrt aber auch erzählen, was ihnen wichtig ist, was sie von den Flüchtlingen erwarten, wovor sie Angst haben. Religiöse Themen würden dabei zweifellos ebenfalls vorkommen, aber so, wie sie ins Leben gehören, als zugehörig zur Kultur der Menschen, als Ensemble der Werte, an denen sie sich orientieren, als Artikulation dessen, was ihnen wichtig ist, ihnen Halt gibt und den Mut, jetzt in der neuen Situation nicht den Mut zu verlieren.

Mit der Offenheit, in der Gemeinden sich jetzt in der Flüchtlingsarbeit engagieren, ist eine große Chance auch für diese Gemeinden verbunden. Sie können sich dem lebendigen Austausch über kulturelle und religiöse Grenzen hinweg öffenen. Damit werden sie einen enormen Beitrag zur Integration der Flüchtlinge in unsere Gesellschaft leisten.

3. Über „den“ Islam wird in den nächsten Jahren noch intensiver debattiert werden, er ist deutlicher Teil der deutschen Gesellschaft. Über die Frage wird schon jetzt gestritten, ob der Gott „des“ Islams mit „dem“ christlichen Gott identisch ist. Wer vermag das schon so allgemein gesehen wissen? Wäre es nicht hilfreicher, sich auf eine gemeinsame ethische Basis zu besinnen? Was verbindet uns alle als Menschen? Der Dalai Lama sagte treffend: Ethik ist wichtiger als Religion. Sehen Sie das auch so?

Ja, ich meine, dass wir mit der „Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte“ eine solche Ethik haben. Mit ihr kann die Integration der Flüchtlinge gelingen, unter Einschluss der Anerkennung ihrer verschiedenen Religionszugehörigkeiten. Denn die Religionsfreiheit, im positiven wie negativen Sinn, gehört ja auch zu den Menschenrechten. Nur, damit sich ein solches Menschenrechtdenken durchsetzen kann, braucht es die Akzeptanz dessen, dass die Menschenrechte selbst eine religiöse Grundlage haben, also unbedingte Anerkennung verlangen, von der man sich deshalb auch nicht unter Berufung auf eine andere Religion freisprechen kann, etwa was die Gleichberechtigung der Frau betrifft.

Worum es im Austausch zwischen den Religionen, in unserem Fall insbesondere zwischen Islam und Christentum, gehen muss, ist, an der Vereinbarkeit der jeweils eigenen Religion mit der universalen Religion der Menschenrechte zu arbeiten. Es braucht die Arbeit an Religionssynthesen. Diese Arbeit ist schon weit fortgeschritten. Der Dalai Lama, den Sie zu Recht erwähnen, gibt das beste Beispiel für eine Vermittlung zwischen dem Tibetischen Buddhismus und der Religion der Menschenrechte, Gandhi für die Verbindung des Hinduismus mit der Religion der Menschenrechte, Martin Luther King für die Umformung des Christentums in eine Religion der Menschenrechte. Mehr und mehr gibt es auch Stimmen aus dem Islam, die für die Integration des Islam in die Religion der Menschenrechte eintreten und konkret zu zeigen versuchen, wie das gehen kann.

Ich würde also nicht die Religion gegen die Ethik ausspielen, sondern in Orientierung am Kriterium des Menschengerechten an einer religiösen Fundierung der Ethik festhalten. Denn was die Ethik nicht zu geben vermag, das finden wir in der Religion, eine unbedingt verlässliche, uns zum Tun des Guten motivierende, aber auch noch im Versagen unseren Daseinsmut stärkende Lebensgewissheit.

copyright: Prof. Wilhelm Gräb und Religionsphilosophischer Salon Berlin

Im Anblick der Flüchtlinge: Freundlichsein – wie Spiritualität lebendig ist. Drei Fragen an Prof. Wilhelm Gräb

WEITER DENKEN: Drei Fragen an Professor Wilhelm Gräb

Angesichts der Flüchtlinge: Freundlichsein – Wie Spiritualität ganz weltlich, ganz menschlich lebendig wird.

 Die Fragen stellte Christian Modehn, veröffentlicht wurde das Interview am 9.9.2015.

Es ist nicht zu hoch gegriffen: Deutschland erlebt wieder (wie 1989) eine historische Wende: Deutschland gilt jetzt als das beliebteste Land, wo Flüchtlinge Zuflucht suchen und hoffentlich auch Zuflucht und eine neue Heimat finden. Und dabei werden sie zunächst von so unglaublich vielen „normalen Bürgern“ auf fast unbeschreiblich freundliche und wohlwollende Weise willkommen geheißen, mit Geschenken, Lebensmitteln, ehrenamtlichen Diensten usw. Wobei man die prekären Unterbringungen und den bürokratischen Aufwand in der Anerkennung des Flüchtlings-„Status“ nicht verschweigen darf. Dennoch: Die meisten Menschen in Deutschland leben ihre Freundlichkeit und Großzügigkeit. Wenn Sie als Theologe diese Situation betrachten: Zeigt sich da eine praktisch gelebte „weltliche“ Spiritualität, die nun offensichtlich Teil unser Kultur ist?

Auch mich hat die Entscheidung der Bundeskanzlerin bewegt, ohne großes Wenn und Aber die in Budapest auf ihre Weiterreise hoffenden Flüchtlinge in Deutschland aufzunehmen; erst recht dann der freundliche Empfang der ihnen in Deutschland von so vielen ihnen wohlwollenden Menschen bereit wurde. Sowohl die Entscheidung der sonst kühl abwägenden Kanzlerin wie die spontane Hilfsbereitschaft der Menschen in München und an vielen anderen Orten der Republik gehen weit über das hinaus, was Moral und Recht zu gebieten bzw. zu bewirken im Stande sind. Natürlich, es ist moralisch geboten, Menschen, die aus ihrer Heimat wegen Terror und Krieg oder auch bitterer Armut und Perspektivlosigkeit fliehen mussten, zu helfen, wenn es nur irgendwie möglich ist. Schließlich steht die Geltung der Menschenrechte, die in unser Grundgesetz Eingang gefunden hat, mit jedem Flüchtling, der um sein Recht auf Leben kämpft, auf dem Prüfstand. Es bleibt daher weiterhin zu beklagen, dass unser Asylrecht seit den frühen 1990er Jahren immer mehr ausgehöhlt wurde. Es ist aber zweifellos auch eine riesige Herausforderung, die auf unser Land zukommt. Insbesondere die Verwaltung in den Ländern und Kommunen ist gefordert, wenn nun immer wieder neue Unterkünfte geschaffen und die Möglichkeiten einer schnelleren Integration in unsere Gesellschaft ausgebaut werden müssen. Wenn die Bundeskanzlerin dennoch meint sagen zu können, „Wir schaffen das!“, dann beruft sie sich dabei nicht nur auf die ökonomische Stärke unseres Landes und die eingespielten Routinen einer effizienten Bürokratie. Sie appelliert an das, wofür sie selbst mit ihrer unbürokratischen Entscheidung ein gutes Beispiel gegeben hat. Sie nimmt eine unsere Zivilgesellschaft öffnende Bewegung der Herzen in Anspruch, eine spirituelle Kraft, die Menschen über ihr moralisches Wollen und rechtliches Denken hinaus ergreift und zu einem liebevollen Handeln befähigt. Was wir in diesen Tagen erleben, hat, so kann man durchaus sagen, eine in religiöse Tiefendimensionen reichende Qualität.

Über das Moralische, Politische und Rechtliche hinaus, dieses zugleich grundierend und ermöglichend, bricht sich eine von Herzen kommende Menschlichkeit Bahn. Die Flüchtlinge, die plötzlich auch so genannt werden, werden von so vielen Menschen unseres Landes, ohne dass sie dazu aufgefordert oder darum gebeten worden wären, mit offenen Armen empfangen: Warum nur? Sicher auch, um ein deutliches Zeichen gegenüber denen zu setzen, die Brandbomben auf Asylheime werfen. Aber doch nicht allein deswegen. Die solidarischen Menschen handeln aus einem Gefühl der Verbundenheit mit den Menschen, die um ihr nacktes Leben kämpfen müssen.

Die spontane Hilfsbereitschaft resultiert keineswegs nur aus moralischen Verpflichtungsgefühlen, sondern aus einem Sich-Berühren-Lassen von der Not anderer. Und dieses Sich-Berühren-Lassen kommt aus dem Empfinden einer Zusammengehörigkeit in der einen Menschheitsfamilie, über alle nationalen, religiösen und kulturellen Grenzen hinweg. Aus dem Gefühl einer solch spirituellen, rational gar nicht genau erklärbaren Verbundenheit heraus, öffnen sich die Menschen, nehmen sie die Fremden bei sich auf, applaudieren sie einer Politik, die sich zu unbürokratischen Entscheidungen der Menschlichkeit durchringt – alle Bedenken, dass die eigenen Kräfte vielleicht doch überschätzt werden, zurückstellend.

Wie wir das auch 1989 beim Fall der Mauer erlebt konnten, gibt es offensichtlich immer wieder geschichtliche Situationen, in denen es zu kulturellen Transformationen kommt. Sie entstehen ohne politischen Steuerungswillen, schlicht dadurch, dass Menschen diese spirituelle Erfahrung machen, mit der sie über sich selbst hinaus gerissen werden. Plötzlich haben sie das Gefühl, dass sie Teil eines großen Ganzen sind, zugehörig zu einer Nation oder eben, wie das auf wunderbare Weise jetzt der Fall ist, zur einen großen Menschheitsfamilie, in der es auf jeden einzelnen ankommt, in der keiner einfach so verloren gegeben werden darf. Dieses Gefühl unbedingter, alle innerweltlichen Grenzen überwindenden Verbundenheit und Zugehörigkeit ist ein religiöses Gefühl. Mit ihm teilt sich uns mit, dass wir alle von Voraussetzungen leben, die wir in unser eigenes Tun und Denken nicht einzuholen im Stande sind. In letzter Hinsicht sind und bleiben wir alle abhängig von dem uns tragenden und ermöglichenden, göttlichen Seinsgrund, dem wir uns in unserem Tun und Denken, mit unserem ganzen Dasein, wer auch immer wir sind, verdanken.

Vielleicht ist der Hinweis auf diese tatsächlich gelebte humane Spiritualität so wichtig, wenn man an den bald erforderlichen „langen Atem“ der Hilfsbereitschaft denkt, wenn es also gilt, mit aller Kraft der Argumente und der Gesetze Widerstand zu leisten gegenüber Menschen, die in den „anderen“, den Flüchtlingen, nur eine Bedrohung sehen und gar nicht daran denken, dass in der Begegnung mit den Fremden auch der eigene Lebensentwurf positiv erweitert wird? Dass also eine neue europäische Kultur des Miteinanders entstehen kann.

Es kommt jetzt darauf an, da auch die Medien (von der SZ bis zu den Boulevardblättern) diese kulturelle Transformation hin zu einem Europa, das sich solidarisch macht mit denen, die an seinen Grenzen auf Einlass drängen, auch als eine solche Transformation zu kommunizieren. Es kommt darauf an deutlich zu machen, dass sich die Hilfe, die den Flüchtlingen zuteil wird, aus der spirituellen Erfahrung einer tiefen Verbundenheit mit ihnen in der einen Menschheitsfamilie speist. Diese Einsicht kann eine Kultur der Öffnung den Fremden gegenüber „krisenfest“ machen. Sie muss dann nicht sofort wieder kollabieren, wenn sich die Schwierigkeiten der Integration einer so großen Zahl von Neuankömmlingen in unserer Gesellschaft zeigen und in der rechten Szene weiterhin der Fremdenhass und die feindseligen Anschläge wüten. Es kann in unserem Land vielmehr die rationale Erkenntnis wachsen, dass wir Zuwanderung angesichts der demographischen Entwicklung in Deutschland sehr gut “gebrauchen” können, wie eben auch dass die Begegnung mit fremden Kulturen und Religionen unser eigenes Leben enorm bereichert.

Wir wollen niemanden theologisch vereinnahmen und schon gar nicht jeden freundlichen, solidarischen Menschen zu einem Heiligen erklären. Dennoch könnte eine Erkenntnis aus dieser hoffentlich bleibenden bewegenden Freundlichkeit gewonnen werden: Wer in seiner Ethik auf diese Weise lebt, ist den Spuren der Transzendenz, des Göttlichen, nicht fern. Können Sie als Theologe auch der Erkenntnis von Immanuel Kant folgen, der alle religiösen Gefühle in dem guten, dem moralischen Leben gründete. Wie religiös erschiene dann aber die Welt der Menschen, sogar die angeblich entkirchlichte Gesellschaft Europas?

Es ist die spirituelle Erfahrung der Selbst-Transzendierung, also das Gefühl, auf verstehbare Weise in das große Ganze des Menschheitsuniversums einbezogen zu sein und in tiefer Verbundenheit mit allem Lebendigen zu stehen, aus der das moralisch gute Handeln seine Energie bezieht. Wir müssen deshalb die kulturelle Transformation, in der unsere Gesellschaft sich momentan neu erfindet, so deutlich machen, um auf diese säkulare Präsenz des Religiösen aufmerksam zu machen. Es gilt endlich damit aufzuhören, die Religion an Konfessionalität und Kirchlichkeit, an Religionszugehörigkeit und dogmatische Bekenntnisse zu binden. Das Gefühl tiefer Verbundenheit mit der einen, im göttlichen Daseinsgrund wurzelnden Menschheit fundiert jede Moral, die ihren Namen verdient. Aus diesem Gefühl speist sich auch die Bereitschaft, jedem Menschen eine unverletzliche Würde und das Recht auf ein Leben in Würde zuzuerkennen, somit auch das, was die moralische Basis der Menschenrechte ist. So bietet der kulturelle Wandel, den wir glücklicherweise gerade in unserem Land erleben, sogar die Chance, dass man – allen Szenarien der angeblichen Entchristlichung zum Trotz – zur Einsicht kommen kann, wie sehr sich das christliche Erbe Europas in Gestalt einer gelebten Religion der Menschenrechte fortschreitend verwirklicht.

Erwähnung verdient allerdings auch, dass viele Kirchengemeinden für diese kulturelle Transformation, die jetzt weitergeht und die Zivilgesellschaft ergriffen hat, eine Vorreiterrolle übernommen haben. Die gelebte Religion der Menschenrechte verwirklicht sich nicht an den Kirchen vorbei, sondern sie wird von diesen ganz entscheidend mitgetragen.

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Keine Angst vor der Auswahl “heiliger Texte”. Drei Fragen an Prof. Wilhelm Gräb

Weiterdenken im August 2015: Drei Fragen von Christian Modehn an Prof. Wilhelm Gräb

Keine Angst vor der Auswahl „heiliger Texte“

Schon Martin Luther war überzeugt, dass es im Neues Testament Texte gibt, die Christus deutlicher „treiben“, also das Evangelium der Gnade, eines „geschenkten Lebens“, bezeugen, als andere Texte. Wenig bedeutend waren für Luther der Hebräerbrief und der Jakobusbrief. Von einer „Mitte“ des Glaubens ist auch die Rede in der lateinamerikanisch geprägten Befreiungstheologie mit ihrer Bevorzugung der Exoduserfahrung oder der prophetischen Kritik. Das sind nur zwei Hinweise dafür, dass spirituelle Menschen immer schon, von ihrer jeweiligen Lebenssituation ausgehend, sich eben auswählend gegenüber biblischen Texten verhalten. Ist diese Auswahl persönlich relevanter biblischer Texte für Sie theologisch gesehen ein Irrweg oder eine Normalität?

Es gelten für das Verhalten gegenüber biblischen Texten keine anderen Regeln als sonst auch. Wenn wir einen Text lesen, sei das ein Roman, eine wissenschaftliche Studie oder ein Zeitungsartikel, haben wir immer unsere eigene Brille auf. Es ist geradezu notwendig, dass ich das eigene Interesse, meine Fragen und mein Denken über die Sache, um die es in einem Text geht, mitbringe, wenn ich diesen verstehen will. Nur dann wird der Text sich mir öffnen, werde ich herausfinden, was er mir zu sagen hat.

Bei „heiligen“ Texten ist das genauso. Sie sind zu „heiligen“ Texten ja erst dadurch geworden, dass einzelne Menschen, dann eine religiöse Gemeinschaft, ihren Glauben, ja, sich selbst in ihnen gefunden haben. Die Bibel ist die Heilige Schrift der Christen durch den Gebrauch, der von ihr gemacht wurde und wird, in der Liturgie und Verkündigung der Kirche, in der häuslichen Andacht oder auch der persönlichen Gottsuche. Das religiöse Interesse, die Suche nach Gott, das Heilsverlangen, sie machen die Bibel zu Gottes Wort, dort, wo sie von Menschen als ein solches Wort gelesen, gehört und aufgenommen wird. Dann wird sie zu einem Wort, das Menschen gut tut, das sie tröstet in der Not, das ihrem Glück einen Ausdruck gibt, das für sie zur Segenzusage wird, das sie in ihrer Hoffnung bestärkt und ihnen hilft, mit Schicksalsschlägen und Leiderfahrungen besser zurecht zu kommen.

Nicht alle Texte der Bibel sind dazu zu jeder Zeit und in jeder Lebenslage gleichermaßen geeignet. Das hat man auch in der Theologie immer so gesehen – wie Sie das gerade an Luthers Urteil über bestimmte biblische Schriften gezeigt haben. Es waren für Luther nur diejenigen biblischen Texte Gottes heiliges Wort, in denen er die seine reformatorische Grundeinsicht tragende Botschaft von der göttlichen Rechtfertigung des Sünders erkennen konnte. Er suchte in der Bibel nach Heilsgewissheit, nach der verlässlichen Grundlage für ein unbedingtes Zutrauen zum (ewigen) Leben. Und dort, wo er diese Zusage fand, dort wurde ihm die Bibel zur Heiligen Schrift.

Dass spirituelle Menschen sich auswählend gegenüber biblischen Texten verhalten, ist in der Tat immer schon so gewesen und muss so auch sein. Damit sich die biblischen Texte dem spirituellen Interesse, der Suche nach Gott, der Sehnsucht nach Befreiung und ewigem Heil erschließen, müssen sie geradezu mit spirituellem Interesse gelesen werden. Sonst kommt es nicht zu einer spirituell lebendigen Begegnung ihnen.

Die moderne Bibelwissenschaft pflegt freilich längst noch einen ganz anderen Umgang mit der Bibel. Da wird sie zur historischen Quelle, um die Geschichte Israels oder der frühen Christenheit zu erforschen. Sie wird als ein historischer Quellentext in Gebrauch genommen und mit historischer Erkenntnisabsicht gelesen. Das religiöse Interesse, das danach fragt, was die biblischen Texte uns für unser Leben und unseren Glauben bedeuten, kann dabei ganz ausgeklammert bleiben. Mit Theologie bekommt diese historische Lesart biblischer Texte erst dann wieder zu tun, wenn die historische Dimension so weit ausgeleuchtet wird, dass die weitergehende Frage in den Blick kommt, warum wohl diese Texte als Altes und Neues Testament zur Heiligen Schrift der Christen bzw. als Tanach (der weitgehend dem AT entspricht) zur Heiligen Schrift der Juden geworden sind und bis heute im religiösen Gebrauch stehen.

Die Fragen, die im Christentum die Zuordnung oder gar Rangordnung von Altem und Neuem Testament betreffen – das Judentum hat dieses Problem nicht – sind theologische Fragen, bei denen ebenfalls persönlich spirituelle Interessen im Spiel sind. Auf sie müssen wir im Grunde immer zurück gehen, wenn wir verstehen wollen, warum die Bibel wichtig ist und weshalb es um sie Streit gibt.

Wenn die Bevorzugung bestimmter Texte als Quelle persönlicher Inspiration offenbar ein vernünftiges Verhalten ist und zum Kern eines „Glaubens aus freier Einsicht“ gehört: Wie können dann spirituell interessierte Christen mit schwierigen Texten aus dem Alten Testament umgehen, mit den Fluchpsalmen etwa oder mit den Texten, die uralte jüdische Gesetzgebungen in den Mittelpunkt stellen?

Mit dieser Frage, so würde ich zunächst sagen, tritt hervor, weshalb die historische Betrachtung und Erforschung der biblischen Texte auch spirituell interessant sein kann. Die historisch-kritische Textanalyse ermöglicht es, den Sitz im Leben solcher Texte, die uns als Texte der Bibel fremd und unzugänglich sind, zu rekonstruieren. Im Blick auf die Fluch-Psalmen oder auch andere Texte im Alten Testament, in denen Gott in seinem Zorn über die Bosheit der Menschen ganze Völker vernichtet, kann durch die Erforschung der Überlieferungsgeschichte dieser Texte gezeigt werden, dass sie sich auch als Klage und Protest und als Aufschrei gegen Erfahrung der Unterdrückung lesen lassen. Liest man die Fluch-Psalmen aus der Perspektive derer, über die die Geschichte gnadenlos hinweggegangen ist, die zu den Entrechteten und Namenlosen gehörten, dann kann man den Vernichtungswillen Gottes auch als Ausdruck der Hoffnung darauf lesen, dass Gott niemanden verloren gibt, er Recht und Gerechtigkeit wieder aufrichten wird. Dann kann auch in Gesetzes- und Rechtstexten ein Heilsversprechen erkannt werden. Freilich adressiert an die Ohnmächtigen, nicht an die, die die Herrschaft auf Erden ausüben, sondern an die, die unwiederbringlich verloren wären und für die es keine Erlösung gäbe, wenn nicht ein Gott ist, der letztendlich das Gute für alle Menschen will.

Es kommt bei allen biblischen Texten auf die Perspektive an, in der sie gelesen werden. Die Bibelwissenschaft ist dazu da und erfüllt so auch als historisch-kritisch arbeitende Wissenschaft einen spirituellen Zweck, wenn sie uns um andere Perspektiven und neue Lesarten bereichert. Sogar das zunächst Anstößige und Befremdliche in biblischen Texten wird dabei möglicherweise auf ein spirituelles Interesse hin durchsichtig. Fluch-Psalmen können, wie ich zu sagen versuchte, verstanden werden als Ausdruck des Aufstands der Erniedrigten und Gequälten gegen ihre Peiniger und Unterdrücker. Indem sie diese in Gottes Namen verfluchen, geben sie zugleich der unbändigen Hoffnung Ausdruck, dass Gott nicht auf der Seite der Mächtigen und Gewaltigen stehen möge, sondern er das Recht und die Gerechtigkeit endlich zur Durchsetzung bringen wird.

Befremdliche und anstößige Texte gibt es aber keineswegs nur im Alten Testament. Auch im Neuen Testament sind uns harte Jesus-Worte überliefert. Da sagt er, dass er nicht gekommen sei, Frieden zu bringen, sondern das Schwert (Matthäus 10, 34) oder er fordert diejenigen, die ihm nachfolgen, auf, ein für allemal Vater und Mutter zu verlassen Matthäus 19, 5) oder auch die Toten ihre Toten begraben zu lassen (Matthäus 8, 22). Dann wieder begegnen wir in der Offenbarung des Johannes schrecklichen Untergangsvisionen, und im Hebräerbrief muss viel Blut fließen, damit wenige gerettet werden.

Immer also kommt es auf die Perspektive an, auf die Situation, aus der heraus Menschen die Bibel lesen, um dort ihre religiösen Gefühle und Gedanken ausgedrückt oder auch eine Orientierung für ihr Handeln zu finden. Das ist nie ungefährlich, natürlich auch nicht der Umgang mit den Fluch- und Rache-Psalmen oder den harten Entscheidungsworten Jesu. Sie können ja auch dazu dienen, eigensüchtigen Rachegedanken und Gewaltphantasien freien Lauf zu lassen. Immer braucht deshalb der spirituell interessierte Umgang mit der Bibel selbst noch einmal ein ethisch-religiöses Kriterium.

Es läuft die Frage nach dem angemessenen Umgang mit „heiligen“ Texten, mit der Bibel, letztlich immer darauf hinaus, wie wir unser Leben verstehen, welche spirituellen Interessen wir verfolgen und was es aus uns macht, dass wir meinen, uns Christen nennen zu können. Letztlich ist es, gerade weil der persönlich-wählerische Umgang mit biblischen Texten sich gar nicht vermeiden lässt, nötig, ein Kriterium zu haben, das uns einen guten von einem schlechtem, einen akzeptablen vom einen inakzeptablen Umgang mit ihnen unterscheiden lässt.

Was ist heute das Wesentlich Christliche und dies so, dass wir dazu in freier Einsicht und mit begründeter Überzeugung stehen können? Ich meine, dass wir die Antwort auf diese Frage nicht in der Bibel finden, schon gar nicht, indem wir uns dabei vorrangig an das Neue Testament halten und das Alte Testament zurückstellen, auch nicht in einer theologische Grundsätze formulierenden und Verweisungszusammenhänge zwischen beiden Testamenten aufmachenden theologischen Dogmatik. Wir müssen nach einer für uns heute orientierungskräftigen religiösen Ethik Ausschau halten. Ich schlage eine Ethik vor, die sich im Wesentlichen an dem Gedanken der unverletzlichen Würde jedes Menschen und der universalen Geltung der Menschenrechte ausrichtet.

Dieser freie, durchaus subjektiv-wählerische Umgang mit religiösen Texten aus dem Neuen wie aus dem Alten Testament respektiert letztlich die Eigenständigkeit dieser literarisch so unterschiedlichen Bücher. Es gibt dann keine Unterordnung des Alten unter das Neue Testament mehr. Vielleicht wächst sogar der Respekt vor dem Alten Testament, wenn es nicht immer in christlich-arroganter Weise als Vorstufe zum Christentum und zur Kirche gelesen wird.

Alle diese Zuordnungen von Altem und Neuem Testament, um die sich die christliche Theologie seit ihren Anfängen immer wieder bemüht hat und die aktuell erneut zum Streit um die Gleichrangigkeit des Alten Testaments mit den Neuen geführt haben, entspringen einem dogmatisch-theologisch gesteuerten Ringen um die Identität des Christentum. Deshalb spielt dabei die Bestimmung des Verhältnisses zum Judentum eine wichtige Rolle. Das ist durchaus verständlich.

Dennoch muss man sich darüber im Klaren sein, dass es sich um ein Problem speziell des Christentums und keinesfalls des Judentums handelt, um eine innerchristliche Debatte gewissermaßen, aber mit interreligösen und interkulturellen Weiterungen. Diese müssten von der Theologie sehr viel energischer angegangen werden als dies bislang geschieht. Biblisch-theologische Konstruktionen oder dogmatische Aufstellungen zur Zu- oder Unterordnung der beiden Testamente helfen überhaupt nicht weiter, da sie selbst immer schon Ausdruck einer bestimmten spirituell-religiösen Position sind, dabei entweder auf die Abgrenzung des Christentums vom Judentum oder, was heute auch gar nicht selten ist, auf die Integration des Christentums ins Judentum abzielen.

Wir sollten den Tatbestand, dass sich die frühe Christenheit dafür entschieden hat, die neutestamentlichen Texte dem Alten Testament hinzuzufügen und aus beidem zusammen die christliche Bibel zu machen, wertschätzend anerkennen. Des Weiteren käme es darauf an, alle biblischen Texte, unabhängig davon, ob sie dem Alten oder dem Neuen Testament zugehören (fremd sind uns diese Texte im Grunde alle), dem spirituellen Selbstdeutungsinteresse der Menschen überlassen. Schließlich wäre dieser offene Umgang mit der Bibel dadurch vor Beliebigkeit oder auch gefährlichem Missbrauch zu schützen, dass wir ihn in ein Gespräch über die Lebensdienlichkeit der religiösen Orientierungen, die wir in der Bibel gewinnen oder die wir uns als die unsrigen zuschreiben, hineinziehen.

Dieses Gespräch wird eine interreligiöses und interkulturelles sein und von jedem Überlegenheitsgefühl, die eigene Religion betreffend, frei bleiben müssen.

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Von der Lust zu reisen: Über Orte der Sehnsucht. Drei Fragen an Prof. Wilhelm Gräb

Drei Fragen an Prof. Wilhelm Gräb

Wo wollen wir hin? Über Orte der Sehnsucht und die Lust zu reisen.

Die Fragen stellte Christian Modehn

Die Reiselust ist in Europa und den reichen Ländern ungebrochen groß. Noch fehlt eine Theologie des Reisens. Befassen wir uns heute mit dem freiwilligen Reisen, also nicht mit dem erzwungenen Weggehen aus der Heimat, das Flüchtlinge erleben, sie „verreisen“ ja eigentlich nicht. Die Frage klingt einfach: Warum wollen so viele eigentlich so oft wie möglich weg von Zuhause? Warum halten wir es zu Hause nicht aus, wie der Mystiker Blaise Pascal einmal behauptete?

„Es ist ein Sehnen tief in uns…“, so beginnt eines der neueren Kirchentagslieder. „Es ist ein Sehnen tief in uns, nach Dir, o Gott“, so geht es weiter. Es mag übertrieben erscheinen, wenn ich behaupte, dass das stimmt. Aber wenn wir denken, dass Gott die Fülle des Lebens ist, das Vollkommene, der absolute Sinn, dann wird verständlich, dass dahin doch recht eigentlich all unser Verlangen geht.

Der Alltag bleibt immer dahinter zu zurück. Das ist es demnach, so denke ich, was uns von Zuhause wegzieht, dieses Gefühl, dass dies nicht schon das Ganze gewesen sein kann. Die Meisten sind mit so vielem beschäftigt, das sie zwar in Bewegung hält, immer schneller und schneller, aber die Stunden und Tage, die wie im Fluge vergehen, sind doch keine erfüllte Zeit. Die Resonanz bleibt aus. Es kommt zu wenig zurück. Es verstärkt sich der Eindruck, nicht gemeint zu sein, eigentlich gar nicht vorzukommen, letztlich belanglos.

Deshalb zieht uns unsere Sehnsucht nach einem intensiveren Erleben des Lebens in die Ferne. Und es ist ja auch so, schon das Zeiterleben verändert sich am fremden Ort. Die Zeit vergeht langsamer. Das nennt man dann heute Entschleunigung. Und wir meinen damit genau dies, dass im Ausstieg aus den Routinen des Alltags und den fremdgesteuerten Beanspruchungen, Resonanzräume entstehen. Dann reagieren die Dinge wieder ganz neu auf uns und wir auf sie.

Das ist es, was wir erwarten, wenn wir verreisen. Endlich wieder Resonanz zu erfahren: Zeit zu gewinnen, die mir gehört, Landschaften zu sehen, die mich ansprechen, in Kirchen oder Museen zu gehen, die meinen Horizont erweitern.

Wo wollen wir eigentlich hin? Selbst, wenn wir am (Ferien) Ziel angekommen sind? Sind wir dann (bei uns selbst) angekommen? Ist jede Reise vielleicht auch mehr, etwa das Verlangen nach einem anderen Leben?

Die Sehnsucht nach Sinn, die uns von zuhause forttreibt, sie hat im Grunde kein konkretes Ziel. Ein solches kann es gar nicht geben. Dennoch müssen wir uns vornehmen, an einen bestimmten Ort zu reisen. Diesen suchen wir danach aus, ob er das Versprechen bei sich hat, dort etwas von dem zu finden, worauf unsere Sehnsucht geht: Ruhe, Natur, Bewegung, Entspannung, Zeit für sich selbst und miteinander.

Ich denke nicht, dass es ein anderes Leben ist, das wir suchen, manchmal vielleicht auch das. Vor allem aber verlangt uns danach, das eigene Leben, das, das wir haben und das uns im Alltag doch zugleich immer wieder entgleitet, intensiver zu spüren, wieder zusammenzufinden, mit dem Partner, der Partnerin, den Kindern. Schlicht der Ortswechsel tut schon gut. Er hilft, die Welt neu wahrzunehmen und wieder neu ein Empfinden dafür zu gewinnen, dass in sie hineinpassen, ja, sie einem sogar entgegenkommt.

Deshalb dürfen die Enttäuschungen auch keinesfalls zu groß sein. So neigen wir dazu, unsere Ferien im Nachhinein eher zu verklären. Wir zehren zudem von der Erinnerung, wenn wir wieder zuhause sind und der Alltag mit seinem Stress wie mit seiner Leere erneut einkehrt. Diese Erinnerung ist zugleich das immer noch nicht ganz eingelöste Versprechen, dass alles viel schöner sein könnte. Dieses Versprechen legt sich über die Wirklichkeit. So kompensieren die Ferien übers Jahr vieles von dem, was unser Leben in ein fades Grau in Grau taucht.

In den biblischen Erzählungen ist oft von Aufbruch und Aufbrechen aus der Heimat die Rede, etwa schon im Mythos von Abraham. Was unterscheidet eigentlich den biblischen „Aufbruch“ vom modernen Reisen? Können, sollten wir heute mehr „Aufbrechen“ (radikale Veränderung), als die kurzfristige Form des Verreisens zu wählen?

Der Abraham-Mythos bringt die religiöse Idee, die auch noch hinter unseren Ferienträumen steht – davon, dass wir in die Ferien „aufbrechen“ reden wir ja auch – zu einer präzisen Vorstellung. Wie wir im 1. Buch Mose, zu Beginn des 12. Kapitels lesen, bekam Abraham von Gott den Auftrag, in ein Land aufzubrechen, das er, Gott, ihm zeigen werde. Das sollte ein Aufbruch ins völlig Ungewisse sein. Doch über dieser Aufforderung zum Aufbruch ins Ungewisse stand zugleich die Verheißung der Fülle, eines gesegneten Landes und einer reichen Nachkommenschaft.

Was den biblischen „Aufbruch“ vom modernen Reisen unterscheidet, ist somit die Ausdrücklichkeit der religiösen Idee, die dahinter steht. Sie motiviert im Grunde aber auch unser heutiges Reisen. Auch wir suchen die Fülle. Auch wir erwarten, dass etwas zu uns zurückkommt, von dem was wir selbst in unsere Arbeit, in unsere Partnerschaft, in unsere Kinder investiert haben. Nur ist uns die religiöse Transzendenz, in die unsere Sehnsucht hineinreicht, vielfach nicht mehr bewusst.

In den Besitz der Fülle des Lebens zu gelangen, das wird uns Menschen nie möglich sein. Genau deshalb sehen wir die „schönsten Wochen des Jahres“, in denen wir, wie wir ebenfalls sagen, „die Seele baumeln lassen können“ immer wieder herbei. Ein Vorgeschmack von der verheißenen Fülle zu erlangen, das zumindest soll es dann doch sein.

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