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Die Wahrheit findet sich in der Fremde. Philosophen als Flüchtlinge.

4. Dezember 2016 | Von | Kategorie: Alternativen für eine humane Zukunft, Philosophische Bücher

Die Wahrheit findet sich in der Fremde

Philosophen als Flüchtlinge. Ein Beitrag von Christian Modehn in der Zeitschrift INSPIRATION

Flüchtlinge müssen immer Lernende sein. In einem neuen, nicht frei gewählten Umfeld verändern sich die inneren und äußeren Bedingungen (selbst)kritischen Denkens. Dies gilt besonders, wenn Philosophen zu Flüchtlingen werden. Aber das Thema „erzwungener Ortswechsel“ als Ursprung neuen und anderen Philosophierens wird in der Philosophie kaum beachtet. Dabei geht es um die zentrale Frage: Wie wird philosophisches Denken von einem bestimmten Ort und einer bestimmten Kultur eines Landes mitbestimmt? Denn eine völlige Abschottung von dem neuen Lebensraum ist fürs Philosophieren weder möglich noch sinnvoll. Der Philosoph Dieter Henrich hat in seinem Buch Werke im Werden. Über die Genesis philosophischer Einsichten (2011) dieses Thema berührt, aber er hat sich konzentriert auf die „plötzlichen, außerordentlichen Einsichten“ als Ursprung individuellen Philosophierens. In seiner „Philosophie der Philosophie“ erinnert er an die „geschenkten“ Evidenzen, die alles Denken eines Philosophen bestimmten. Auf die Bedeutung des Ortes, der Landschaft, des Staates fürs Philosophieren wird nicht hingewiesen.

Eine Liste der Philosophen ist leicht zusammenzustellen, die zum Ortswechsel gezwungen wurden und als Flüchtlinge – für immer oder längere Zeit – aus ihrer Heimat fliehen mussten: Descartes, Hugo Grotius, Comenius etwa. Im 20. Jahrhundert sind es jüdische Philosophen, die fliehen müssen: Theodor W. Adorno und Max Horkheimer, Hans Jonas und Walter Benjamin., Ernst Cassirer und Karl Popper. Etliche Philosophen mussten während der Franco-Diktatur Spanien verlassen. Seit etwa 1970 sind es Philosophen aus muslimischen Kulturen Nordafrikas, die in Europa Zuflucht suchen müssen und dort in Freiheit vernunftbasierte Interpretationen des Islams bieten……

Dies ist der Anfang des Beitrags …..

WEITERLESEN: INSPIRATION. Ein Heft zum Thema FLUCHT. Winter 2016, Grünewald-Verlag. Weitere Informationen zum Heft:

Email: inspiration@schwabenverlag.de     www.runewaldverlag.de

 

 



Von einem Gott, der „beinahe nicht besteht“. Zum theologischen Profil eines remonstrantischen Theologen

3. Dezember 2016 | Von | Kategorie: Denken und Glauben, Remonstranten Forum Berlin, Theologische Bücher

Ein Beitrag des holländischen Theologen Prof. Johan Goud, Den Haag.

Die Frage stellte Christian Modehn: Es gibt in der weiten Ökumene sehr viele und sehr unterschiedliche, immer mehr auch evangelikale und pflingstlerische Kirchen. Eine kleine protestantische Kirche in Holland nennt sich „Remonstranten“ als eine theologisch-liberale Glaubensgemeinschaft. Sie ist eine Ausnahme im weiten Feld der sich orthodox nennenden Kirchen. Wie würden Sie in Ihrer Sicht das besondere theologische Profil der Remonstranten kurz beschreiben?

Prof. Johan Goud:

Remonstranten lieben es, die Grenzen des christlichen und theologischen Sprachspiels auszuloten und Philosophen, Künstler, Schriftsteller, Andersgläubige und Nichtgläubige zu Rate zu ziehen. Das gilt auch für die Art und Weise, wie viele von uns Theologie betreiben und als Pastoren arbeiten. Ich selbst habe immer die Erfahrung gemacht, dass ich nach dem Verweilen an den Grenzen des Glaubens immer wieder zum christlichen Glauben zurückkehrte. Und das nicht deswegen, weil sich dort für mich das Zentrum befindet. Sondern mehr deswegen, weil die Erinnerung an den Glauben für mich einfach nicht abzulegen war und mich auch nicht losließ.

Diese Erfahrung liegt auf der Linie mit dem, was die „Grundsatzerklärung“ der Remonstranten über das Evangelium von Jesus Christus sagt: Dass es der Nährboden dieser Glaubensgemeinschaft ist – ohne dabei zu leugnen, dass dabei mehr nötig ist, um eine Pflanze (gemeint ist die Glaubensgemeinschaft) wachsen zu lassen. Übrigens sind (auf der Linie von Gilles Deleuze) auch verschiedene Typen von Wurzeln zu unterscheiden: vertikal wachsende Wurzeln die raubsüchtig und exklusiv sind, oder so genannte Rhizome, die sich unterirdisch verästeln und sich verbinden mit anderen Wurzeln.

Das ist nun im ganzen wahr und da zeigen sich notwendige Relativierungen. Und doch ist es von einer entscheidenden Bedeutung, dass das Evangelium in der Grundsatzerklärung der Remonstranten ausdrücklich genannt wird: „Die Remonstranten sind eine Glaubensgemeinschaft, verwurzelt im Evangelium und in Jesus Christus, und die getreu dem Grundsatz von Freiheit und Toleranz, Gott ehren und dienen will“.

In der Verwirklichung dieses theologischen Auftrags gehen remonstrantische Theologen sehr auseinander. Einige sind geneigt, den Grundsatz der Freiheit sehr zu fordern, vielleicht zu überfordern und in einer allgemein-religiösen Weise zu interpretieren. Andere betrachten Freisinnigkeit eher als die Bejahung von einer kritisch –konstruktiven Aufgabe innerhalb des ganzen der christlichen Tradition. In den Worten des remonstrantischen Theologiehistorikers Eginhard Meijering (Leiden; Ehrendoktorat in Heidelberg): „Freisinnig sein bedeutet: Dass du so orthodox sein kannst wie du selbst willst und nicht so, wie du es von einem kirchlichen Club oder von einer Vereinigung her sein müsste“. Freisinnigkeit ist so betrachtet (eine bei Belieben fragende, in Zweifel ziehende, entgrenzende oder gerade auch polarisierende) Variante von „Orthodoxie“, verstanden als Reflexion in Solidarität mit der christlichen Glaubenstradition.

Was mich selbst betrifft: Ich fühle mich eher zu Hause in der letzt genannten Gestalt von Freisinnigkeit und sehe sie als eine Einladung zur „Dekonstruktion“ der christlichen Tradition. Das heißt, dass ich die Fremdheit traditionell religiöser Sprache hervorhebe; dass ich diese merkwürdige Sprache unablässig in Beziehung bringe mit andersartigen (philosophischen und literarischen) Redensarten und auf der Suche bin nach einer – eventuell nicht oder kaum religiösen – Sprache vergleichbarer Intensität. Sprechen über Gott und Glaube stehen im Zeichen von dem, was andere „Religion ohne Religion“ oder „Gott nach Gott“ genannt haben. Ich selbst habe über Gott geschrieben, der „beinahe“ nicht besteht; dessen Bestehen etwas ist, das ständig neues Sprechen und neue Umschreibungen nötig hat. Diese Auffassung steht nahe zu dem, was etwa der amerikanische Religionsphilosoph John Caputo schreibt über Gottes „Insistenz“ (anstelle von Existenz). Er meint damit, Gottes Wirklichkeit sei nicht ein Sein, sondern ein Rufen und Drängen. Obwohl Caputo, was den Menschen betrifft, geneigt ist, länger als mir lieb ist an dem Begriff Verlangen festzuhalten. Glauben kennt, Gott sei Dank, auch seine Momente des Findens und der Übergabe.

Copyright: Prof. Johan Goud, Den Haag.



Die Bibel und die Philosophen. Ein neues Sonderheft des „Philosophie Magazin“

1. Dezember 2016 | Von | Kategorie: Philosophische Bücher

Ein Hinweis von Christian Modehn

Seit einigen Tagen sind wir eingeladen, uns erneut in das Verhältnis von Bibel und Philosophie zu vertiefen. Die Philosophin Catherine Newmark hat jetzt ein Sonderheft der Zeitschrift „Philosophie Magazin“ herausgegeben. Sie folgt in der Gestaltung der Anordnung der biblischen Texte in der hebräischen Bibel, einer Anordnung, die ja nicht der Entstehungsgeschichte der einzelnen biblischen Bücher entspricht. Bekanntlich wurde vom Exodus viel früher gesprochen und geschrieben als von der Erschaffung der Welt. Aber diese hier gewählte Form ist für den Leser auch praktisch, weil zu jedem Themenkomplex der biblischen, d.h. hier immer „alttestamtlichen“ Bücher zahlreiche Zitate von Philosophen gesetzt sind, sozusagen als Impuls, weiterzudenken und zu forschen. Um nur einige Philosophen zu nennen: Peter Sloterdijk mit einem sehr lesenswerten Kurzbeitrag zur „Erbsünde“ (die ja als Lehre nicht mit dem Judentum verbunden ist), vertreten sind weiter unter anderen Kant, Buber, Rosenzweig, Herder… Man wundert sich und bedauert es sehr, dass nicht wenigstens ein Zitat von Emmanuel Lévinas zu finden ist. Der Philosophie-Begriff wird dabei von der Herausgeberin durchaus zu recht ein bisschen großzügig verstanden, wenn sie etwa auch Sigmund Freud, Umberto Eco oder Heinrich Heine zu Wort kommen lässt. Es hätte dem Heft gut getan, auch Künstler zu zitieren; denn die äußern sich ja bekanntermaßen oft auch philosophisch, also etwa Marc Chagall oder Vincent van Gogh, um nur zwei (allzu sehr) prominente Maler zu nennen.

Wertvoll und weiterführend sind die Interviews, besonders wichtig für mich das Gespräch mit der Philosophin Susan Neiman, Potsdam. Treffend und aktuell ihr Plädoyer für den Vorrang der Vernunft vor den religiösen Weisungen: “Letztlich geht Ethik vor Religion“ (S. 7). Die katholische Theologin Saskia Wendel (Köln) betont zur Schöpfung der Welt: „Zentral für die Bibel ist die Schöpfung aus dem Nichts, also eine Initiation von Sein aus Gott selbst heraus“ (S.12). Und Gott lässt die Welt nicht “allein“: „Er ist ein geschichtsmächtig handelnder Gott, er interagiert mit dem Volk Israel, und er interveniert in das Weltgeschehen“ (S. 12). An dem Punkt hätte man sich weitere Klärungen gewünscht: Handelt Gott also durch Wunder, greift er mal hier und mal dort ein? Wann hat er „nachweislich“ in das Weltgeschehen eingegriffen? Oder sind solche vernünftigen Fragen infam? Ist solch ein sehr personales Gottesbild, das hier einfach den Aussagen der Bibel wörtlich folgt, noch vermittelbar? Bei solchen nur knapp angedeuteten Fragen plädiere ich doch eher für einen philosophischen. d.h kritischen Gottesbegriff, von dem sich Saskia Wendel – sie ist auch Philosophin – abgrenzt. Da kann ich eher den Aussagen des jüdischen Philosophen Franz Rosenzweig folgen: “Vergänglichkeit ist das Wesen des Menschen. Es ist das Wesen Gottes, unsterblich und unbedingt, das Wesen der Welt, allgemein und notwendig (!) zu sein“ (S.89)

Sehr lesenswert, weil zu weiteren Fragen führend, ist das Interview mit dem Berliner Philosophen Wilhelm Schmidt-Biggemann. Er sagt im Blick auf die Verbesserungsfähigkeit der Welt sicher treffend, trotz aller Katastrophen: “Wir denken Geschichte immer noch weitestgehend als Fortschrittsgeschichte, als Geschichte der Verbesserung der Welt“ (S.65). Über die anthropomorphen Bilder hinsichtlich der Körperlichkeit Gottes im AT bietet das Heft ein etwas längeres Gespräch mit dem Berliner Theologen und Historiker Christoph Markschies, zugleich wohl als Ermunterung gemeint, dessen neues Buch „Gottes Körper. Jüdische,, christliche und pagane Vorstellungen in der Antike“ (2016) zu lesen.

Im ganzen ist in meiner Sicht das Heft für Einsteiger zum Thema gut geeignet. Es werden schwierige Fragen aber nicht ausführlicher entfaltet: Wie entwickelte sich das Gottesbild in Israel selbst? Und was sagen Philosophen zu einem sich immer weiter entwickelnden Gottesbild? Ist für Philosophen der Gott des AT „ein lieber Gott“? Ist die historisch-kritische Bibelforschung, auch zum AT, ein Resultat philosophischer (!) Aufklärung? Natürlich, heißt die Antwort! Da haben Philosophen die Welt befreit von fundamentalistischen Bibelinterpretationen. Nicht immer hat diese kritische Leistung der Philosophen etwas bewirkt, Fromme wollen halt unkritisch-fromm bleiben… Sind die ethischen Weisungen des AT oft nicht zu sehr aufs eigene Volk und nicht universal bezogen? Wie steht es dann philosophisch mit der fast selbstverständlichen These, das AT sei universalistisch in seiner Ethik? Wie sieht die kritische Philosophie im „Land der Bibel“, in Israel selbst aus? Was meinen dort Philosophen zu der herrschenden politisch-religiösen Ideologie, dieses Land sei DAS Land DES auserwählten Volkes, im bewussten Ausschluss des palästinensischen Volkes? Wie steht es dann aber aktuell mit dem viel besprochenen Respekt vor „dem/den anderen“ als Kern des biblischen Glaubens? Solche Fragen kann nur die freie Philosophie stellen.

Es wird wahrscheinlich und hoffentlich ein zweites Heft folgen über den 2. Teil der Bibel, den Christen das Neue Testament nennen. Und da darf man besonders gespannt sein auf die Auseinandersetzung der Philosophen seit dem 1. Jahrhundert mit dem Johannes-Evangelium.

www.philomag.de

 

 



Warum ist es gut, wahrhaftig zu sein? Drei Fragen an Prof. Wilhelm Gräb

28. November 2016 | Von | Kategorie: Weiter Denken

Die Fragen stellte Christian Modehn.

Die Wahrheit sagen und ihr im Tun entsprechen erfordert zunächst Unterscheidungen: So ist es nicht etwa ethisch gut, wenn ich eine mathematische Wahrheit ausspreche: 2 plus 2 ist zusammen 4. Mathematik hat in dem Sinne mit Moral nichts zu tun. Hingegen ist Wahrhaftigkeit eine Tugend, wenn es um mein Leben und das Leben mit anderen in der Gesellschaft geht. Warum ist es dann also böse („gegen die Tugend“), sich persönlich der Bindung an Wahrheit zu entziehen, indem man sagt: Alle Erkenntnis ist doch sowieso relativ; ich kann über mich und andere sagen, was ich will?

Es ist so, alle Erkenntnis ist relativ, standpunktbezogen, perspektivisch, von historischen, sozialen und kulturellen Kontextbedingungen abhängig. Allerdings, schon indem wir sagen: Alle Erkenntnis ist relativ, machen wir die mit Wahrheitsanspruch verbundene Aussage, dass dies wirklich so ist. Selbst indem wir die Wahrheit relativieren, kommen wir also nicht umhin, auf sie zu setzen. Das Eingeständnis der Relativität der Wahrheit schränkt somit die Geltung der Wahrheitswertdifferenz in keiner Weise ein. Sie steht vielmehr gegen die hypertrophe Behauptung, es könne eine absolute Wahrheit geben. Die gibt es für uns Menschen in unserem geschichtlichen, endlichen Dasein nicht. Das bedeutet aber keineswegs, dass wir nicht nach der Wahrheit streben sollen. Im Gegenteil, all unser Reden und Tun lebt im Grunde vom Streben nach der Wahrheit. Wenn wir etwas sagen oder in unserem Handeln auf etwas aus sind, dann nehmen wir gleichsam wie selbstverständlich in Anspruch, dass wir etwas der Wirklichkeit entsprechendes sagen und auf etwas Realitätshaltiges aus sind. Anders macht unser Reden und Tun weder für uns selbst noch für andere irgendeinen Sinn.

Wahrhaftig zu sein bedeutet demnach, zur Wahrheit dessen zu stehen, was wir nach bestem Wissen und Gewissen sagen und tun. Wahrhaftig zu sein, ist tatsächlich eine Tugend, also ein moralisch verantwortliches Tun des Guten. Denn es versteht sich keineswegs von selbst, dass wir zu dem mit unserem Reden und Tun immer schon verbundenen Anspruch auf Wahrheit auch stehen, wir uns bewusst zu diesem Anspruch verhalten und die unter Umständen unangenehmen Konsequenzen zu tragen bereit sind.

Es ist moralisch gut, wahrhaftig zu sein; so zu reden und zu handeln, dass wir dies nach bestem Wissen und Gewissen zu tun. Das bedeutet nicht, dass wir nicht irren können, denn wir sind und bleiben fehlbare Menschen, die nicht im Besitz der absoluten Wahrheit sind.

Böse ist es dann jedoch, sich – wie Sie sagen – „persönlich der Bindung an Wahrheit zu entziehen“. Denn dann rede und handle ich so, dass ich absichtlich dem widerspreche, was ich nach meiner eigenen Einsicht und Überzeugung zu sagen und zu tun hätte. Ich bin im Grunde mir selbst gegenüber unehrlich. Insofern kann man dann aber auch sagen, dass schon die Selbstachtung es von uns verlangt, wahrhaftig sein zu wollen.

In den Erzählungen über Jesus von Nazareth, in den Evangelien, ist von Wahrheit und Wahrhaftigkeit die Rede, etwa wenn Jesus (im Johannesevangelium) sagt: „Die Wahrheit wird euch frei machen“. Was bedeutet dieser ethische Impuls für den einzelnen?

Dieses Wort Jesu aus dem Johannesevangelium (Joh 8, 32: „Ihr werdet die Wahrheit erkennen und die Wahrheit wird euch frei machen!“) verstehe ich so, dass nur das Vertrauen auf die Wahrheit oder, so können wir auch sagen, der Glaube an die Wahrheit, uns zu einem freien, d.h. selbstbestimmten Reden und Tun befähigt. Weil wir als endliche und fehlbare Menschen nicht im Besitz der absoluten Wahrheit sind, müssen wir an die Wahrheit glauben. Im Glauben an die Wahrheit gewinnen wir den Mut, zu sagen, was wir denken, auch wenn es der gerade gängigen Meinung widerspricht und zu tun, was wir für richtig halten, auch wenn es persönlich unangenehme Konsequenzen haben sollte. Dies einzusehen, reicht jedoch zum Verständnis des Wortes Jesu wie dann auch der Bedeutung, die es für ein in Wahrhaftigkeit geführtes Leben hat, noch nicht aus. Wir müssen das andere Wort Jesu aus dem Johannesevangelium hinzunehmen, Joh 14,6, wo Jesus sagt: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben.“ Denn dann erst gewinnt der Glaube an die Wahrheit jenen Inhalt, der ihn davor schützt, in eine möglicherweise doch unmenschliche Rechthaberei zu geraten. Zu sagen, was ich denke, und zu tun, was ich für richtig halte, ist ja nicht per se gut.

Wenn Jesus jedoch von sich selbst sagt, dass er selbst die Wahrheit ist, indem er den Weg zu ihr als einer lebensdienlichen Wahrheit zeigt, dann gibt er damit den klaren Hinweis, wie wir die uns frei machende Wahrheit sollen finden können: Indem wir dem Weg folgen, den Jesus selbst gegangen ist. Das aber ist der Weg der Liebe und der aufopferungsvollen Hingabe!

Die uns frei machende Wahrheit lässt uns zu dem stehen, was wir denken und tun, was wir für richtig halten. Dennoch sind wir nur dann in dieser Wahrheit, wenn sie dem Leben dient, denen vor allem, die schwach, arm und unterdrückt sind, neue Lebenschancen eröffnet.

Dieser ethische Impuls hat auch gesellschaftliche und politische Auswirkungen: Lügen sind für die Gesellschaft zerstörerisch, gegebene Versprechen nicht einhalten ebenso: Denn aller Zusammenhalt der Menschen zerbricht dann. Also sollte sich der einzelne förmlich auch „opfern“, wenn er im Kreis von Lügnern und diplomatisch mit der „Wahrheit“ Hin – und Herjongliern tatsächlich die Wahrheit sagt?

Jesus ist bekanntlich den Weg sich aufopfernder Hingabe gegangen, bis zum Tod am Kreuz. Er ist diesen Weg gegangen, weil er den Teufelskreis von Gewalt und Gegengewalt durchbrechen und Verhältnissen zum Durchbruch verhelfen wollte, in denen Menschen liebevoll und barmherzig miteinander umgehen. Dies auch tun können, weil sie ihr Vertrauen auf einen Gott, der die Liebe und damit zugleich die Wahrheit ist, miteinander verbindet.

Wenn wir uns an Jesus orientieren, dann sehen wir vielleicht auch für uns eine Möglichkeit, zur Wahrheit zu stehen, zu dem, was wir selbst zu sagen und zu tun als richtig erachten – auch dann, wenn es in schwierige Situationen bringt und uns Opfer abverlangt, an Ansehen, Anerkennung, vielleicht auch Freundschaften kostet.

Dass solche „Opfer“ angesichts der Spaltungen, die in unserer Gesellschaft im Zusammenhang der Flüchtlingskrise und eines neuen Rechtsrucks aufgebrochen sind, schnell abverlangt werden können, liegt auf der Hand. Aber wiederum, wenn wir uns an Jesus und dem Weg der Wahrheit, den er in Liebe gegangen ist, orientieren, dann versuchen wir zu unserer Überzeugung zu stehen, ohne andere als Personen herabzuwürdigen. Das ist manchmal nicht leicht. Aber mit dem Vorwurf der Lüge (npresse) wird leider von allen Seiten gearbeitet.

Was uns in unserer zerstrittenen Gesellschaft weiterhilft, ist in der Tat, auf liebevolle, hingebungsvolle, aufopferungsvolle Weise zur eigenen Einsicht in die Wahrheit, die die Liebe ist, zu stehen.

Copyright: Prof. Wilhelm Gräb und Religionsphilosophischer Salon Berlin



Ein kalkulierter Verfassungsbruch in Deutschland. Zu den geplanten Kürzungen im „Asylbewerberleistungsgesetz“.

28. November 2016 | Von | Kategorie: Alternativen für eine humane Zukunft

Der Religionsphilosophische Salon hält aus vernünftiger Einsicht die Menschenrechte (als sich stetig weiter entwickelnde Rechte) für den Kernbestand humanen Zusammenlebens. Auch wenn selbst demokratische Staaten diese Menschenrechte allzu oft mißachten gilt diese Einsicht. Darum dokumentieren wir gern einen aktuellen Beitrag des weltweit anerkannten Jesuiten-Flüchtlingsdienstes. Bitte beachten Sie nebenbei, dass schon allein der Name „Asylbewerberleistungsgesetz“ nicht nur ein furchtbares Wortungetüm ist, sondern vor allem Ausdruck ist für das total bürokratische Denken in den demokratischen Behörden. CM.

Ein Gastbeitrag des Jesuiten-Flüchtlingsdienstes Berlin  Berlin, den 28. November 2016. – Der Jesuiten-Flüchtlingsdienst JRS (Jesuit Refugee Service) hat in seiner schriftlichen Stellungnahme die geplanten Kürzungen beim Asylbewerberleistungsgesetz kritisiert. Heute appelliert er vor dem Bundestagsausschuss für Arbeit und Soziales an die Abgeordneten, den Gesetzesentwurf abzulehnen. Der Entwurf ignoriert unmissverständliche Vorgaben des Bundesverfassungsgerichts, bricht Völker- und Europarecht. Statt auf sinnlose Schikanen zu setzen, sollte das Asylbewerberleistungsgesetz abgeschafft und durch Leistungen nach dem Sozialgesetzbuch ersetzt werden. Der Flüchtlingsdienst begrüßt ausdrücklich, dass ein Freibetrag für Aufwandsentschädigungen aus ehrenamtlicher Arbeit vorgesehen ist und regt an, diese Regelung auf den Bundesfreiwilligendienst auszudehnen.   Der Entwurf sieht drastische Kürzungen an Leistungen vor, die bereits als Existenzminimum definiert worden sind. Die größtenteils intransparente Berechnung trifft unter anderem Asylsuchende in Gemeinschaftsunterkünften. Geht es nach dem Entwurf, würden allein stehende Erwachsene dort künftig nur noch 299 Euro erhalten (statt bisher 351 Euro nach dem Asylbewerberleistungsgesetz; das Sozialgesetzbuch sieht einen Regelbedarf von 404 Euro vor). Das spricht der Lebenssituation der meisten Betroffenen Hohn: Auch wenn sie gezwungenermaßen ihr Schlafzimmer miteinander teilen, bilden sie keine eheähnliche Lebensgemeinschaft, die davon geprägt ist, füreinander einzustehen. „Die faktische ‚Zwangsverpartnerung‘, die der Gesetzentwurf diesen Menschen zumuten will, hat mit einer realistischen Bedarfsermittlung nichts zu tun“, so Stefan Keßler, JRS-Referent für Politik und Recht.„Das ist weder mit verfassungsrechtlichen noch mit völkerrechtlichen Vorgaben des UN-Sozialpakts vereinbar.“   Bereiche, in denen Asylsuchende oft einen Mehrbedarf haben – wie höhere Aufwendungen für Kommunikation, um Kontakte in die Heimat zu halten und neue hier aufzubauen – werden nicht berücksichtigt. Auch die EU-Aufnahmerichtlinie wird weiterhin ignoriert: Die spezifischen Bedürfnisse von besonders schutzbedürftigen Personen – wie sie zum Beispiel Opfer von Folter und Gewalt hinsichtlich medizinischer und therapeutischer Versorgung haben – werden wieder übergangen. „Das Bundesverfassungsgericht hat festgestellt, dass die Menschenwürde migrationspolitisch nicht relativiert werden darf, aber genau das wird hier versucht“, betont Pater Frido Pflüger SJ, Direktor des JRS Deutschland. „Dieser kalkulierte Verfassungsbruch ist eines Rechtsstaats unwürdig und als Abschreckungsversuch sinnlos: Kein Mensch flieht wegen ein paar Euro mehr oder weniger, schon gar nicht auf lebensgefährlichen Wegen. Statt diejenigen, die zu uns flüchten, zu entmündigen und zu schikanieren, sollten wir sie menschenwürdig und respektvoll aufnehmen, damit die Wunden der Flucht heilen können und sie sich ein eigenständiges Leben aufbauen können.“ Die Stellungnahme des JRS finden Sie auf unserer Homepage. Sie ist, zusammen mit den Stellungnahmen anderer Verbände, auch beim Bundestag als PDF verlinkt (externer Link): http://tinyurl.com/h5wh59z

…………. Ein Kommentar vom Religionsphilosophischen Salon: „Der kalkulierte Verfassungsbruch steht im Dienst der Regierung CDU und SPD, um sich den Ideologien der AFD anzupassen und diesen „Herrschaften“ zu gefallen. Die Debatte, was denn überhaupt noch so ein bißchen christlich ist an den C-Parteien, sollte noch einmal eröffnet werden, gerade im Jahr des Reformationsgedenkens 2017. Unser Vorschlag: Die C Parteien sollten um der Wahrheit willen auf das C von selbst verzichten. Sie sind es nicht mehr. …………………….

Der Jesuit Refugee Service (Jesuiten-Flüchtlingsdienst, JRS) wurde 1980 angesichts der Not vietnamesischer Boat People gegründet und ist heute als internationale Hilfsorganisation in mehr als 50 Ländern aktiv. In Deutschland ist der Jesuiten-Flüchtlingsdienst unter anderem für Asylsuchende, Abschiebungsgefangene und Flüchtlinge im Kirchenasyl tätig und setzt sich für sog. „Geduldete“ und Menschen ohne Aufenthaltsstatus („Papierlose“) ein. Schwerpunkte seiner Tätigkeit sind Seelsorge, Rechtshilfe und politische Fürsprache.   Dr. Dorothee Haßkamp Öffentlichkeitsarbeit Jesuiten-Flüchtlingsdienst Deutschland Jesuit Refugee Service (JRS) Witzlebenstr. 30a D-14057 Berlin Tel.: +49-30-32 60 25 90 Fax: +49-30-32 60 25 92 Spendenkonto: IBAN DE05370601936000401020 BIC: GENO DED1 PAX   dorothee.hasskamp@jesuiten-fluechtlingsdienst.de   www.jesuiten-fluechtlingsdienst.de www.facebook.com/fluechtlinge

 



„Im Ganzen der Wirklichkeit offenbart sich die Gottheit“. Hinweise zur Aktualität der Philosophie von LEIBNIZ.

22. November 2016 | Von | Kategorie: Alternativen für eine humane Zukunft, Philosophische Bücher

Einige einführende Hinweise zur Philosophie von Gottfried Wilhelm LEIBNIZ. Von Christian Modehn.

Veröffentlicht am 19.11.2016, anläßlich des Religionsphilosophischen Salons am 18.11.2016.

Aktualisierung am 22.11.2016: Ein Freund hat mir zu dem unten publizierten Beitrag geschrieben: “Treffender wäre es, wenn man heute – angesichts des Elends in Afrika und weltweit, der Kriege, der Analphabeten, der von Menschen gemachten ökologischen Katastrophen usw. – von der schlechtesten aller denkbaren Welten sprechen würde.“ ABER: Was wäre, wenn man diesem Vorschlag folgen würde? Dann könnte jeder glauben, alles sei eigentlich böse. Alles sei verloren. Die Welt sei am Ende. Da brauchen wir eigentlich nicht mehr gegenzusteuern. Nicht mehr in freiem Handeln dann doch noch das Gute tun. Also Resignation und Verzweiflung auf der ganzen Linie. Vielleicht auch absoluten Egoismus, weil ja alles verloren ist.

Hingegen gilt die Erkenntnis von Leibniz: „Wir leben in der besten aller denkbaren möglichen Welten“, sie ist immer eine das Leben fördernde Erkenntnis. Leibniz hält an der Freiheit jedes Menschen fest, in dem Sinne, dass die Menschen frei das Gute tun können. Und: Das Böse ist eine Tat freier Menschen, die sich auch anders, im Sinne des Guten, entscheiden könnten. Durch Bildung und Aufklärung ließe sich eine bessere Welt schaffen, wenn der Mensch denn dem Gewissen folgt und die vielfältigen Formen des Egoismus überwindet.

Der Gedanke, wir leben in der besten aller möglichen Welten, ist bei Leibniz um so mehr vertretbar, weil er eine Schöpfung dieser Welt durch einen guten Gott im Denken annimmt.

Der heute weit verbreitete Spruch „Eine andere Welt ist möglich“ ist ja letztlich die Aussage „Eine bessere Welt ist möglich“. Mit „andere Welt“ kann im Ernst nur eine bessere Welt gemeint sein. Insofern sind die heutigen Bewegungen für Alternativen etwa zum Kapitalismus durchaus noch von Leibniz geprägt. Die Gedanken von Leibniz haben vielleicht eine universale Bedeutung, sie entsprechen der Sehnsucht der menschlichen Seele nach einer anderen, einer besseren Welt. Vielleicht ist die Überzeugung „Eine andere/bessere Welt ist möglich,“ unthematischer Ausdruck eines religiösen Glaubens!

Das Gerede führender und sehr mächtiger Politiker, etwa auch der Bundeskanzlerin, „Da gibt es keine Alternative“, „There is no alternative“ (Thatcher) usw. ist nichts als Ideologie, ist Ausdruck von Denkfaulheit und dem Verlust an Mut, dem Verlust an Hoffnung und vor allem: der Missachtung der Kreativität der menschlichen Freiheit. Und es ist gelinde gesagt für Demokraten ein heftiges Problem, dass nun ausgerechnet eine populistische und sehr rechtslastige Partei in Deutschland in ihrem Titel das Wort „Alternative“ führt. Trotz dieser Partei und dem Niedergang des demokratischen Bewusstseins und der demokratischen Praxis im allgemeinen: Wir halten uns an Leibniz: Diese Welt ist aufgrund der anerkannten Freiheit des Menschen, des freien, vernünftigen Tuns im Sinne der Menschenrechte, die beste aller möglichen Welten.

Der Text vom 19. 11. 2016:

Das Motto unseres Salons ist: „Im ganzen der Wirklichkeit offenbart sich die Gottheit“. So Friedrich Heer in seinem immer noch lesenswerten und umfassenden Essay über Leibniz in dem Fischer Taschenbuch „Leibniz“(1958). Dort S. 59.

1.Ein Vorwort: Wir entdecken in der Reflexion auf einige zentrale philosophische Begriffe von Leibniz ein Modell, wie ein Philosoph (und tatsächliches „Universalgenie“ damals) Antworten findet (!) auf zentrale Lebensfragen. Wie er durch rationale Argumente eine Art Urvertrauen wecken will, aber ein begründetes Urvertrauen, das nicht in esoterischen Sprüchen, sondern in Argumenten seine Kraft hat. Und der dazu aufrief, deswegen für die „Verbesserung der Welt“ aktiv einzutreten und Gerechtigkeit für alle zu schaffen: das war für ihn die „Liebe des Weisen“. Dabei kämpft Leibniz zugleich gegen den Pessimismus der Calvinisten und der katholischen Jansenisten und aller, die sich in ihre begrenzte und damit Angst machende Dogmenwelt einschließen. „Gott weidet sich an den Qualen der Verdammten“, so beschrieb der schottische Theologe Baxter damals dieses grausige Gottesbild der orthodoxen Calvinisten (in Heer, S. 52). Mit solcher Unvernunft und Inhumanität wollte Leibniz absolut nichts zu tun habe. Er widersetzte sich diesen Lehren der Grausamkeit: eben denkend und handelnd: Zugunsten der besseren, d.h. gerechteren Welt. Seine Erfindungen, sein Bemühen um technischen Fortschritt, seine Auseinandersetzungen um ein besseres Rechtssystem usw. sind AUSDRUCK seiner Überzeugung: eine bessere Welt ist möglich. Und wir haben die Pflicht, dies auch zu tun gegen alle Widerstände der Dummheit.

Noch viel zu wenig bearbeitet ist meines Erachtens, welche Anregungen Leibniz in der Begegnung mit den philosophisch damals hoch gebildeten Kapuzinern in Paris empfing, vor allem von Pater Yves de Paris. Über das Werk des Paters Yves de Paris und Pater Laurent de Paris (bei Heer S. 37) wollen wir später weiter arbeiten.

Was wir immer vor Augen haben sollten: Leibniz war naturgemäß auch eingebunden in damals übliche Denkkategorien, etwa die Vorstellung des Monarchen war ihm noch selbstverständlich. Wenn er darum Gott dachte, dann durchaus in der damals üblichen Begrifflichkeit des Monarchen, allerdings des GUTEN Monarchen.

Aber Leibniz bietet uns in seiner Metaphysik und seiner Erkenntnis von Gott ein Modell, das heutige Modelle wiederum in Frage stellt. Er führt zu der Einsicht: Dass doch viele Erkenntnis von einst nicht deswegen zu verwerfen sind, weil sie von früher stammen. So hilft er vielleicht, dass sich heute Menschen für sich selbst und ihre Gemeinde/Freunde eine rational vertretbare Form des wissenden Glaubens an eine göttliche Wirklichkeit entwickeln.

2.Zur Biographie

Wir müssen beachten, dass Leibniz in der Zeit kurz nach den Verwüstungen des Dreißigjährigen Krieges lebte und philosophisch dachte. Und zu seiner Zeit fand der Schwedisch-Brandenburgische Krieg statt, der sogenannte. „Große Türkenkrieg“ sowie die verschiedenen Polnisch Russischen Kriege, der große Nordische Krieg usw. D.h. Töten und Abschlachten aufgrund der Nationalität und der Religionszugehörigkeit (und des Kolonialismus und Rassismus) waren zu Leibniz Zeiten sozusagen selbstverständlich. Leibnizens Philosophie und Metaphysik ist deswegen um so mehr als Friedens-Philosophie zu lesen.

Leibniz wurde am 1.7. 1646 in Leipzig geboren. Er verstarb am 14. 11. 1716, im Alter von 70 Jahren, in Hannover. Er lebte, trotz vieler Reisen, seit 1676 im Dienst des Hauses Hannovers und gehörte dem Hof an. Auch nach Berlin hatte er intensive Beziehungen, durch die Freundschaft und philosophischen Gespräche mit Königin Sophie Charlotte. Er schätzte die intellektuelle Qualität der Frauen besonders hoch ein, damals keine Selbstverständlichkeit.

Leibniz lebte in der Zeit des Barock. Und wenn Barock beschrieben wird, dann durch „das Üppige, das Kraftvolle, das Prächtige, den Überschwang, die Fröhlichkeit, die nach außen gestellte Freude“.

Die Qualitäten des Umfangreichen und durchaus – freilich vernünftig gesteuerten – Überschwänglichen gelten auch für die universalen Interessen (und Arbeiten) von Gottfried Wilhelm Leibniz; allein schon wegen der unglaublichen Breite und Tiefe seiner vielseitigen Begabungen. Seine umfassenden Texte und Studien, Bücher, Briefe, Notizen haben in gewisser Weise das Üppige, auch das Großartige. Man hofft, bis etwa zum Jahr 2040 (!) tatsächlich auch den gesamten Nachlass von Leibniz entziffert und dann ediert zu haben….

ABER:

In Paris erlebt Leibniz den schönen Schein des barocken Staates. 1672 schreibt er über die „Mala Franciae“: Paris blüht nur dem Scheine nach, die Provinzen und die Menschen dort darben und hungern. „Alles ist nur dem Schein nach schön, innen aber verkrüppelt und verkümmert. Für ihn stecken hinter diesem zur Schau getragenen Frommsein Hochmut und Selbstsucht; diese vornehme Gesellschaft ist für ihn bigott, verlogen, sie ist ein Kind einer großen entsetzlichen Angst. (so Friedrich Heer, S. 20).

Leibniz wollte eine Lösung finden im damals wie heute herrschenden Konflikt zwischen Wissenschaft und Glauben, im Kampf der Religionen gegeneinander; es musste ein Weg zum Frieden gefunden werden und es musste eine Antwort gegeben werden auf die persönlichen Erfahrungen des Leidens gerade im Krieg und nach dem Krieg. Die Idee des Besseren, des Besserwerdens und Bessermachens war für ihn Leitmotiv seiner Arbeiten.

3.Philosophisch ist zentral

Eine wesentliche Frage für uns heißt: Was ist der Mittelpunkt seines vielfältigen Schaffens insgesamt? Meine Überzeugung: Es ist seine philosophische, begründete Lehre von Gott, Welt und Mensch. Dies wurde angesichts der vielen technischen und mathematischen Begabungen von Leibniz meines Erachtens in den „Gedenkartikeln“ in diesem Leibniz Jahr 2016 nicht herausgearbeitet. Leibniz ist zuerst Philosoph! Alles andere bei ihm steht im Dienst der „Verbesserung der Welt“.

Leibniz will für die Verbesserung der Welt sorgen und vor allem weiter entwickeln durch die in seiner Sicht einzige Kraft, die dieser Forderung entsprechen kann: Das ist die allgemeine Vernunft, die nichts Beliebiges ist, sondern die sich durch Logik auszeichnet, durch die Anwendung von Begründungen und Gründen für etwas; durch die Reflexion und durch die Erkenntnis, dass auch religiöse Texte wie die Bibel der kritischen Betrachtung bedürfen. Leibniz sah in der Vernunft, die allgemein ist, über die sich debattieren lässt, das Heilmittel zur Verbesserung von Mensch und Welt. Dass es nach dem 30 jährigen Krieg die Welt besser, „fortschrittlicher“, werden muss, ist förmlich eine Evidenz. Menschen, besonders im Umfeld von Kriegen, können niemals auf den Begriff des Fortschritts, in dem Falle des Friedens, verzichten. Sie wollen zudem wieder eine „metaphysische Geborgenheit“ erleben. Fortschritt wird nur dann schlecht geredet, wenn Menschen bereits vieles Gute erreicht haben und sehen, dass global doch nicht alles ihnen so gut gelungen ist, wie es gemeint war… ABER: Fortschritt gibt es immer nur in einer bestimmten Hinsicht, etwa was die Rechte von Frauen angeht, die Rechte von Minderheiten usw. In dieser Hinsicht gibt es zumindest im Bewusstsein der Menschheit tatsächlich Fortschritte. Wenn angesichts des großen Wissens der Friedensforschung etwa tatsächlich auch heute der Friede weltweit keine Realität ist, liegt es am Unwillen der politischen Akteure, der Vernunft zu folgen und eine friedliche Ordnung zu schaffen. Es ist mit anderen Worten, der böse Wille, das Nicht-Reflektieren, also der nationalistische Egoismus, der auch heute unnötigerweise Kriege und Mord und Totschlag produziert.

Leibniz, so wird berichtet, war von einer „ausgesuchten Höflichkeit“; er stellte sich je neu in seinen Argumenten auf seine Gesprächspartner und seine Briefpartner ein. Er wollte deren Sprache sprechen, um sein Ziel zu erreichen: Eine vernünftigere und bessere Welt. Von diesem Ziel war er überzeugt.

Die Wurzel dieser Überzeugung ist letztlich sein vernünftig begründbarer Glaube an Gott. Deswegen wurde er oft –manchmal ironisch, abfällig – „Optimist“ genannt. Er hatte eine friedfertige Gesinnung; legte sich das Pseudonym „Pacidius“ zu, auf Deutsch der Friedfertige. Leibniz wusste natürlich von seiner exzellenten höchsten Begabung für so vieles; deswegen wollte er mit vielen Fürsten und Königen etc. in Kontakt treten, um irgendwie dann doch ein beratender Philosoph in der Politik zu sein. Das ist ihm kaum gelungen.

4.Zur Metaphysik und Gotteslehre

Dies ist der Mittelpunkt des Leibnizschen Denkens: Leibniz sah vernünftiges Denken von Logik bestimmt. Er war sozusagen der Entdecker des „Satzes vom zureichenden Grund“: Ohne einen zureichenden Grund kann kein Wesen vorhanden sein und existieren. Konkret: Wenn es diese Welt gibt, dann muss sie einen gründenden Grund haben. So kam, zusammenfassend gesagt, Leibniz philosophisch zur Idee Gottes als des Schöpfers dieser Welt. Diese Überzeugung ist für ihn absolut zentral. Ohne diese Überzeugung zu sehen, kann man Leibniz nicht verstehen.

Das Verhältnis der Welt bzw. darin auch des Menschen zu Gott als dem Gründenden ist von fundamentaler Bedeutung bei Leibniz…

Er sah als Naturwissenschaftler, wie sich die Überzeugung durchsetzte: Die Welt im ganzen ist gesetzmäßig („wie eine Maschine“) strukturiert. Von daher habe auch der Mensch keine Freiheit, so wurde behauptet.

Leibniz versucht dagegen, diese gesetzmäßige Struktur des Weltganzen mit der menschlichen Freiheit zu verbinden. Dabei sind für ihn gewisse Deduktionen von Grundeinsichten üblich. Er will damit Klarheit schaffen, das Dunkel der Ängste vertreiben, eine Art sicheren Boden zeigen, wie trotz aller Erfahrungen von Leiden das menschliche Leben dennoch sinnvoll ist!

Gott ist kein materieller Gegenstand, sondern Geist, geistige Ursubstanz. Als Geist ist Gott aber dann Vernunft. Und Vernunft handelt logisch. Sie strebt nach dem Guten und Wahren.

Wenn Gott eine Welt erschafft, dann kann er eben nur eine Welt, etwas anderes als Gott, und nicht einen zweiten Gott erschaffen. Ein zweiter Gott würde die Frage nach dem Verhältnis beider Götter stellen und so in unsinnige Debatten führen. Selbst Polytheisten erkennen zwar viele kleinere Götter an, denken aber dann doch einen waltenden Übergott (Zeus).

Gott muss also, wenn er die Welt schafft, etwas Nicht-Göttliches (also Endliches und Begrenztes) schaffen, auch wenn sein Werk, die Welt, als sein Werk, mit ihm verbunden bleibt, eben durch die Vernunft. Die Vernunft des geschaffenen Menschen ist also mit der göttlichen Vernunft verbunden, mehr noch: Beide sind eins. Leibniz Forscher, wie Hans Poser, betonen: „Die menschliche ist von der göttlichen Vernunft nicht prinzipiell, sondern graduell verschieden“, Hans Poser, „Leibniz` Philosophie“, Hamburg 2016, S. 259. Es gibt zwischen Gott und Mensch keinen Dualismus, kein Gegeneinander. Es herrscht die große Einheit. Aufgrund dieser Verbundenheit mit Gott kann also der Philosoph Leibniz förmlich die Gedanken Gottes selber nach vollziehen. Dieses Motiv ist schon in der Mystik, etwa bei Meister Eckart, lebendig, später dann wieder bei Hegel…Das Problem ist nur, dass in der Mystik dann doch wieder die „Andersheit“ Gottes festgehalten wurde. Aber selbst wenn der ganz andere Gott ins Denken „einfällt“ (Lévinas), dann ist doch der menschliche Geist fähig (!), diesen denkend anzunehmen. Also: So „ganz anders“ kann Gott dann doch nicht gegenüber dem menschlichen Geist/der Vernunft sein! Die „dialektische Theologie“ (Kierkegaard, Karl Barth) hat im Sinne von Leibniz also unrecht.

Nun fühlt sich der Mensch in der Welt in seinem Handeln durchaus frei. Er kann seine Willensentscheidungen als Tat realisieren und damit in der Welt und ihrem Geschehen frei wirken. Diese subjektive Freiheitserfahrung verbindet Leibniz mit der Tatsache, dass Gott diese Welt geschaffen hat und ihr die eigenen Gesetze eingefügt hat, also auch Naturgesetze. Aber: Gott ist „im menschlichen freien Tun“ sozusagen „versteckt“ dabei, weil es ja Gott ist, der die Welt schafft und als Gott diese Welt und die Menschen zum Guten und immer Besseren führen will.

Eine göttliche Schöpfung kann also nicht durch Taten der Menschen total versinken und verschwinden. Das wäre sozusagen eine Katastrophe für Gott, er wäre dann nicht mehr Gott; denn sonst würden sich die endlichen, die geschaffenen Menschen als die Herren der Welt zeigen. Das wäre ein Widerspruch zur göttlichen Schöpfung. Heute können die Menschen durch ihre Erfindung der Atombombe tatsächlich Gottes Schöpfung zerstören. Sie haben ihre Freiheit der Forschung maßlos und ohne jeden Bezug auf Ethik beim Bau der Atombomben durchgesetzt. In der Sicht Leibniz` haben sie also eine gottferne Wirklichkeit geschaffen. Die Menschen können jetzt nur noch alles tun, durch Verhandlungen die zerstörerische Macht der Atombomben einzuschränken. Wer das nicht realisiert, ist eigentlich böse.

Für Leibniz jedenfalls zu seiner Zeit gilt: Dieses Zusammenwirken von Mensch und Gott trifft auch zu, wenn sich der Mensch für Böses entscheidet. Dann wird diese Entscheidung allein vom Menschen her als einem freiem Wesen begründet. Aber Gott hat diese bösen Entscheidungen auch vorausgesehen, aber nicht vorher bestimmt (also es gibt keine Prädestination, Gott als Gott schafft also nicht bestimmend das Böse!). Aber Gott kann diese menschlichen, der Freiheit entspringenden Taten des Bösen dann in sein göttliches Konzept der Schöpfung einbeziehen. Es herrscht also eine Art Variabilität: Je nach menschlicher Entscheidung entwickelt sich der Lauf der Welt. Aber Gott bleibt der Herr seiner Schöpfung, indem er dann je neu die Welt weiter zu Besseren hin entwickelt, indem etwa andere, bessere menschliche Entscheidungen möglich werden.

Wenn der einzelne Mensch handelt und im Handeln die Welt in gewisser Weise auch steuert und verändert, dann ist dies eine subjektive Freiheitserfahrung. Aber im Hintergrund dieser subjektiven Tat, sozusagen stillschweigend, aber nicht abschaffbar anwesend, ist die göttliche Vernunft: Sie hat als schöpferische Vernunft das gute Ziel dieser Welt insgesamt vor Augen: Gottes Voraussicht sieht also das Tun der Menschen im einzelnen voraus. Die Menschen entscheiden sich also freiwillig für ihr Tun; sie ahnen dabei gar nicht, dass im Hintergrund die göttliche Vernunft in ihnen mitwirkt; Gott verwirklicht also seine göttlichen Ziele durch menschliches Tun hindurch.

Jedoch: Gott greift nie wunderbar in das Geschehen der Welt direkt ein, er übergeht nicht die Naturgesetze durch einzelne Wunder; lässt etwa keinen abgeschlagenen Arm eines Menschen wunderbarerweise wieder nachwachsen. Er straft nie direkt unmittelbar mit einem Blitzschlag oder so den Übeltäter oder er zaubert auch nicht einen guten Helden oder Heiligen plötzlich als Retter aus der Not hervor. Die Welt entwickelt sich selbst unabhängig von direkten göttlichen Eingriffen. Diese Haltung hat weite theologische Konsequenzen: Das individuelle Bittgebet wird dann überflüssig, weil zu egoistisch bestimmt! Als subjektive Poesie hat das Bittgebet ein Recht. Beten ist nur noch Anerkennen, dass die Menschen von Gott „getragen“ und umfangen sind. Ich denke, das Lied von Paul Gerhardt, „Befiehl du deine Wege“ , auch im Umfeld des Dreißigjährigen Krieges entstanden, ist ein Lied, das einige Elemente von Leibnizens Philosophie ausdrückt.

5.Die Welt in diesem Zusammenwirken von Gott und Mensch nennt Leibniz „die beste aller möglichen denkbaren Welten“.

Dahinter steht der Gedanke: Gott als Gott könnte eigentlich viele mögliche Welten erschaffen. Etwa eine, in der die Menschen einander nichts Böses antun, so wie es einige Tier-Familien gibt, die einander nicht fressen usw. Nur: Wenn auf diese Weise das Böse aus der Menschenwelt ausgeschlossen wäre, dann gäbe es auch keine Freiheit. Freiheit aber ist identisch mit Reflexion, mit freiem Entscheiden usw. Also wäre in dieser Welt ohne mögliches Bösestun der Mensch nicht mehr Mensch, sondern ein Tier. Also kann Gott aufgrund der menschlichen Freiheit keine Welt schaffen, in der es nicht auch Bösestun durch Menschen gibt. Wenn Gott den Menschen als geistvollen Menschen, also als freien Menschen, will, dann muss er sozusagen auch das Böse zulassen. Und er muss zulassen, weil diese Welt eben eine geschaffene Welt ist, er muss dass die Natur sich „unkontrolliert“ verhält, Bäume beim Wind umfallen usw. und im Zusammenprall widriger Naturelemente Unglück passierrt. Und Gott muss zulassen, dass die Menschen als geschaffene eben dadurch endliche Geschöpfe bleiben und, weil nicht Götter, sterbliche Wesen sind.

Alle diese Strukturen der Welt hält Gott dann doch noch für die beste aller für ihn denkbaren Welten. Diese denkbar beste aller möglichen Welten ist für die Menschen als Geschöpfe nicht die rundum erfreuliche, nicht die so wunderbar-tolle, die absolut immer und für jeden zu jeder Zeit gute Welt. Es gibt subjektiv erfahrenes Elend, Leiden usw. Aber: Diese Erfahrungen mindern für Leibniz nicht die Erkenntnis: Eine bessere Welt mit freien, geistvollen Menschen ist nicht denkbar. Besser konnte Gott keine Welt schaffen. Man kann ja spekulieren: Warum müssen wir eigentlich sterben? Wäre ewiges Leben auf Erden ein Gewinn für uns für unsere Lebensgestaltung? Könnten dann immer noch weitere Menschenwesen geboren werden. Könnte der Mensch weiterhin aus Fleisch und Wasser bestehen? Oder besser aus massivem Holz? Wann wäre diese Welt unsterblicher Menschen wegen Überfüllung geschlossen usw…

Diese Erkenntnis entwickelt Leibniz in seinem sehr umfangreichen und nicht immer leicht lesbaren Buch „Theodizée“, das heißt: Richterspruch über Gott. Man sieht schon bei dem Titel einmal mehr, dass Leibniz auch Jurist ist; Jura war ja sein erstes Studienfach. Leibniz hat als Ziel vor Augen, eine universale Ordnung zu schaffen, die vom Recht bestimmt ist. Leibniz hält nichts von Gewalt, er will alle Verhältnisse nach Recht und Gerechtigkeit gestalten. (Heer, S.15). In der „Theodizee“ geht es um die Anklage: Warum hat Gott die Welt und die Menschen so geschaffen, wie sie offenbar böse und begrenzt nun einmal erlebt wird. Diese „Theodizée“ wurde 1710 veröffentlicht.

Viele Kritiker haben sich nach oberflächlicher Lektüre darauf gestürzt und besserwisserisch gesagt: Was, diese Welt soll die beste sein? Sie haben dabei alle Nuancierungen, die der kluge Leibniz bot zum Thema, übersehen und eben alles als metaphysischen Schwachsinn schlecht gemacht. Bloß zu sagen, „so ist das nun alles mal in dieser blöden Welt, sie hat keinen Gott, es gibt nur Idioten um uns herum“ ist doch für viele nicht befriedigend. Da passiert sozusagen ein Selbstverzicht aufs Nachdenken. Kant hat die Theodizee von Leibniz zurückgewiesen, weil sie seiner Definition von Erkenntnis und damit, bei Kant, der Unmöglichkeit von Erkenntnis Gottes widersprach. Aber im Denken musste dann selbst Kant in seine praktischen Vernunft die Idee Gottes annehmen….

Geradezu komisch wirkt der Einwurf, die Theodizee –Kritik von Odo Marquard: „Wenn die bestmögliche Schöpfung nur die bestmögliche ist und unvermeidlich Übel einschließt, warum hat Gott das Schaffen (der Welt) dann nicht bleiben lassen ? “ (In: Odo Marquard, Entlastungen, in Apologie des Zufälligen, Reclam 1986, Seite 17). Nun aber gibt es diese Welt und darauf muss man philosophisch reagieren. Die Welt als nicht existent bei einem Gott im Himmel für sich allein zu denken, ist gelinde gesagt nur komisch. Oder eben eine der vielen „netten“ Marquardschen Formulierungen, die das Publikum so toll (komisch) fand…

Eine andere Frage ist, wie die Abgründigkeit des Bösen, etwa der Holocaust oder jetzt der Krieg in Syrien und die Sklaverei, mit dem Leibniz Konzept der besten aller möglichen Welten zusammen gedacht werden kamnn.. Gerade, wenn der subjektive Schmerz der Betroffenen einzelnen im Leiden immens ist. Dennoch ist es philosophisch gesehen die Frage: So sehr das Leiden der einzelnen furchtbar ist, so muss doch gesehen werden: Der Holocaust, der Krieg in Syrien, die Sklaverei usw. sind im letzten Ausdruck freier menschlicher Entscheidungen in der Politik. Sie sind keine unergründlichen (vielleicht nur für den Klerus zu klärenden) Mysterien, sie sind keine blinden Schicksalsschläge, sie sind vielmehr Ausdruck der politisch gewollten Stilllegung der Vernunft bei so vielen, auch den vielen Mitläufern usw. Das heißt: Dieses Grauen ist Ausdruck der Freiheit vieler Menschen, also der freien Willen. Da wäre mit Vernunft vieles zu verändern und zu verbessern (gewesen). Der Holocaust usw. hätte nicht sein müssen bei einer vernünftigen Gesellschaft in Deutschland! Aber wie wurde die Weimarer Republik schlecht gemacht…Leibniz würde wohl sagen, ohne zynisch zu werden: Auch all das Schlimme ist Ausdruck dieser Welt freier Menschen, einer Welt, die also solche dann aber immer noch die beste aller denkbaren ist. „Gott musste das Übel zulassen, um in Freiheit die beste der möglichen Welten zu schaffen“ (Hans Poser, S. 260).

Es ist für den einzelnen Leidenden im Augenblick des Leidens wohl schwierig, sich dieser Erkenntnis anzuschließen, er muss diese Gedanken schon vorher in Ruhe gedacht haben, um sie als Trost wahrzunehmen.

Aber was sind die Auswege? Voltaire hat in seinem Anti-Leibniz Roman Candide (von 1759, nach dem verheerenden Erdbeben in Lissabon) gezeigt, wie die Irrfahrten des leidenden Candide dann enden: Letztlich können seine beiden philosophischen Begleiter angesichts nur beruhigende Sprüche aus der Verhaltenstherapie weiter geben: Der Weise Martin empfiehlt: „Lasst uns arbeiten ohne nachzudenken, das ist das einzige Mittel, das Leben erträglich zu machen“. Und der Philosoph Pangloss, der nach wie vor einen ungetrübten Optimismus predigt, wird von Candide im letzten Satz der Novelle mit der Erkenntnis beschieden: „Gut gesagt, aber unser Garten muss bestellt werden“. Die Arbeit soll also von allen Fragen nach dem Sinn von Leiden befreien. Das ist eine Art resignatives Denkverbot, bis heute leider üblich. Voltaire hat förmlich die Üblichkeit eingeleitet, den Leibnizschen metaphysischen Gedanken schlecht zu machen und zu diffamieren. Trost spenden kann Voltaire mit seiner Verhaltenstherapie (Arbeiten, den Garten pflegen) gar nicht.

6.Auf die hoch komplexe Leibnizsche Lehre von den Monaden kann hier nur ganz kurz verwiesen werden: Gott ist die Ursubstanz, die alle anderen Substanzen der Welt und der Menschen belebt. Eine Monade nennt Leibniz die kleinste unteilbare Einheit, die in allem lebt und unzerstörbar ist. Die menschliche Seele ist unteilbar, damit nicht materiell, sondern geistig. Gottes Reich, zu dem jeder Mensch gehört, verliert keine Person, d.h Menschen sind als Seelen ewig. Gott wird hier als der gerechteste und gütigste Monarch, so wörtlich, gedacht. Er will das Glück der Menschen, er will nur, „dass man ihn liebt“ (S. 163 Metaphysische Abhandlung). Die Seelen der Gerechten sind in Gottes Hand und gegen alle Umwälzungen des Weltalls beschirmt; da nichts auf sie einwirken kann als Gott allein“ (S. 165 in Metaphysische Abhandlung, Suhrkamp). Dieser Text wurde 1686 geschrieben, aber erst 1846 gedruckt.

7.Für die Versöhnung der Religionen und der getrennten Kirchen arbeiten.

Es wird sehr oft vergessen, dass Leibniz leidenschaftlich und klug die Einheit der vielen getrennten Kirchen förderte und zahlreiche Gespräche und Korrespondenzen zu dem Thema hatte. Das war zu den Zeiten sensationell. Er meinte: Nur die vereinten Kirchen können den Fortschritt der Menschheit befördern. Man stelle sich vor, heute in diesen Kriegszeiten, würden die großen Kirchen einander als gleichwertig anerkennen und versöhnt mit einander in Vielfalt leben, was wäre dies für ein Symbol. Was wäre das für ein Zeichen in der zerrissenen Welt. Vielleicht ein „Vorbild“.Für Leibniz ist entscheidend, dass auch die Kirchenlehren nur unter der Kritik der Vernunft bestehen können. Das heißt, die philosophische Vernunft ist letztlich wichtiger als die Aussagen der Offenbarung und der Kirchenlehre.

Wenn die Kirchenlehren also relativ sind und die Erkenntnisse über Gott durch die Philosophie entscheidend sind: Dann kann alles daran gesetzt werden, dass die getrennten Kirchen ihre dann immer relativen und zweitrangigen Lehren zurückstellen und sich auf eine Kirchengemeinschaft mit einer einfachen gemeinsamen Lehre/gemeinsamen Dogmen einigen.

Dieser Einsatz von Leibniz für die Ökumene ist kaum bekannt, kaum erforscht und nach meinen Kenntnissen nicht nur Kirchenkreisen unbekannt oder der Leibniz Beitrag dazu wird unterdrückt. Dabei ist die Anerkennung der Relativität der Kirchen-Dogmen heute schon eine verbreitete Erkenntnis, es fehlt nur weithin die Anerkennung der Vorrangigkeit der Vernunft, wie Leibniz sie sah… Nebenbei: Es gab 2009 in Berlin eine Tagung zu Leibniz und die Ökumene. Die Vorträge sind veröffentlicht in den „Studia Leibnitiana“ von Hans Poser.

8.Für den Dialog und den Austausch mit China: Ein zentrales Thema von Leibniz

Auch dies ist ein weithin unbekanntes Thema, und es fehlt meines Erachtens in vielen journalistisch-oberflächlichen Leibniz Darstellungen in Filmen und Zeitschriften im Leibniz-Jubiläum 2016, selbst in einem Film, der für ARTE 2016 gemacht wurde. Da wird Leibniz sozusagen als Vorläufer der modernen Computer-Welt interpretiert.

Der interkulturelle Dialog ist genauso wichtig: Tatsache ist: „Denken ist für Leibniz Mitdenken, auch Zustimmen zu Fremden, weil die Vernunft die Kunst des Verknüpfens ist von allen Wahrheiten und Wirklichkeiten“. (S 20, Heer)

Die Rezeption des chinesischen Philosophen Konfuzius und Menzius durch Leibniz sowie seinen Schülers Christian Wolff ist ein Beispiel dafür, dass schon die Frühaufklärung von außereuropäischen Einflüssen geprägt ist. Es ist also falsch, die Aufklärung nur als auf europäisches Denken begrenzte Philosophie zu verstehen. China war für die Europäer etwas absolut Neues, für Europäer, die sonst in der Begegnung mit anderen, fremden Kulturen sehr imperialistisch waren. In Amerika, so meinten sie, hätten die Europäer ungebildete Wilde „entdeckt“; in Afrika stand den Kolonisten ein Markt von Sklaven bereit, also von „Untermenschen“. In China hingegen begegneten die Europäer einer großen uralten Kultur, die sie einfach als wichtig und „entwickelt“ anerkennen mussten.

Leibniz schrieb einen Essay über die chinesische Weisheit/ Philosophie. Er korrespondierte mit zahlreichen Wissenschaftlern aus dem Jesuitenorden. Sie stammten aus Frankreich und Italien vor allem, die in China seit etwa 1550 – lebten und in Peking lehrten und durch ihre Übersetzungen chinesischer Werke überhaupt China in Europa bekannt machten.

Tatsache ist: Mit dem grundlegenden chinesischen Philosophen Konfuzius hat sich Leibniz viele Jahre befasst, das war ein absolutes Novum damals! Natürlich standen Leibniz nur einige erste chinesische Werke in lateinischer Übersetzung zur Verfügung! Seit Leibniz 1689 in Rom den Jesuitenpater Grimaldi kennen lernte, gibt es sein ausgeprägte Interesse an China. Grimaldi berichtete von seinen Aufenthalten in China. Da entwickelte Leibniz bereits die Vorstellung eines Kulturaustausches. Nicht nur der Handel, der Austausch der Ideen sollte Europa wie auch China bestimmen. Nicht nur Handel mit Gewürzen, sondern Austausch der Kulturen. Noch auf dem Sterbebett schrieb Leibniz einen Essay über die chinesische Philosophie – sie war das Herzensanliegen eines Mannes, der schon 1698 dem Kaiser Kangxi nach Peking einen ausführlichen

Brief geschrieben hatte, in dem er die Gründung zweier Akademien – einer in Hannover, einer in Peking – vorschlug. Sie sollten beide Kulturen vergleichend studieren und herausfinden, wie beide voneinander lernen und sich befruchten können. Vgl. hier die weiterführenden Hinweise von Henrik Jäger:

http://www.ev-akademie-boll.de/fileadmin/res/otg/doku/201208_Jaeger.pdf

Zahlreiche Briefe offenbaren den Dialog des Lutheraners Leibniz mit Jesuiten. Er schätzte die Leistungen der Jesuiten in Peking als Mathematiker, Astronomen, Übersetzer sehr! Und fand bei diesen aufgeschlossenen Katholiken den Geist der Vernunft, also den Geist, mit wissenschaftlichen Erklärungen den Chinesen vieles deutlich zu machen. Aber die Päpste und andere in Europa waren so begrenzt und dumm, dass sie diesen Dialog der Jesuiten in China nicht mehr zuließen. Die Jesuiten meinten: Wenn ein Chinese Katholik werden will, und das wollten doch einige tausend, dann können sie als Chinesen auch ihrem Ahnen – Kult und anderen uralte Riten treu bleiben. Diese Offenheit lehnte Rom mit seiner strengen Dogmatik ab. So scheiterte 1704 das Experiment der Jesuitenmission in China, was Leibniz sehr bedauerte. Sein Briefaustausch mit den Jesuiten dort kam 1703 kam an ein Ende. Diese Jesuitenpräsenz in China ist sicher eines der spannenden Themen der Religionsgeschichte. Philosophisch ist wichtig zu sehen: Dieses Experiment eines „chinesischen Katholizismus“ konnte ja nur deswegen scheitern, weil die Jesuiten dort im letzten doch glaubten, die Chinesen sollten Katholiken werden. Hätte man auf diesen Missionsgedanken verzichtet, also die völlige Gleichwertigkeit chinesischer Religionen und chinesischer Philosophen mit dem Christentum anerkannt, dann wäre es bei einem fruchtbaren Kulturaustausch geblieben und vielleicht hätte man viel später, wie von selbst gefragt: Was verbindet uns Chinesen und uns Jesuiten/Katholiken eigentlich. Mit anderen Worten: Der Gedanke der Mission als Auftrag zur Bekehrung anderer (Chinesen) hat auch das große Kulturexperiment zunichte gemacht.

Hinzu kam, dass auch in Europa eine tiefe Verunsicherung durch die Kenntnis der chinesischen Kultur bestand: Denn die christlichen Europäer merkten plötzlich, dass sich die Bibel, so wie sie verstanden, offenbar geirrt hatte; denn die Christen errechneten die Daten der Schöpfung und der Sintflut aus dem Alten Testament. Und merkten: Die Chinesen waren von der Sintflut (zwischen ca. 2 500 und 2344 vor Christus, dies errechnen einige christliche Fundamentalisten noch heute) gar nicht betroffen. Die biblischen Erzählungen enthalten also gar nicht universale Wahrheiten! Und im uralten und maßgeblichen „Buch der Wandlungen“ aus dem 3. Jahrtausend vor Chr. wurde behauptet: Die Welt hat weder einen Anfang noch ein Ende. Das aber widersprach angeblich der christlichen Dogmatik… Dabei hat doch Gott zu einem bestimmten Zeitpunkt die Welt geschaffen, dachte man… Deswegen wollte man die chinesischen Texte als atheistische Texte in Europa verbieten.

Leibniz hingegen dachte viel konstruktiver: Er fordert Missionare aus China für die Europäer, so in einem Brief von April 1709, (S. 20 in Heer) „Europa muss von Missionaren der Menschlichkeit missioniert werden, von Menschen, deren Denken Menschenliebe ausdrückt“. Europa muss also umfassende Moral von konfuzianischen Weisheiten empfangen. Heute lernen einige Europäer in Zen-Klöstern die Zen-Philosophie und Zen—Meditation. Aber hat sich Europa deswegen schon geöffnet für einen umfassenden Dialog mit anderen Kulturen? Sicher (noch) nicht. Was wissen wir von afrikanischer Philosophie, was von den indigenen Weisen in Peru oder Mexiko? Leibniz könnte den bornierten Europäern helfen, sich für die Mitte der Welt zu empfinden.

Leibniz hatte aber auch durchaus eine gewisse Skepsis vor einem zu großzügigen Informieren der Chinesen durch Europa: Er hielt die Chinesen für technisch so hoch begabt, dass sie technische Leistungen der Europäer egoistischer Weise einfach übernehmen, also „klauen“. Das Thema „Industriespionage durch China“ ist ja in Europa und anderswo eine viel besprochene Tatsache jetzt. Genau so wie die Tatsache, dass mit dem Philosophen Konfuzius durch die chinesische KP Führung insofern Missbrauch getrieben wird: Die staatlichen, also KP abhängigen chinesischen Kulturinstitute haben den Titel „Konfuzius-Institute“, vertreten in mehr als 100 Ländern!, selbst in Benin !, auch Spionage und „Wirtschaftsrecherche“ soll dort betrieben werden, berichten deutsche Fernsehreportagen.

Also: Was schätzte Leibniz an Konfuzius? Die Ethik des Konfuzius ist eine freie philosophische Ethik ohne Bindung an Religionen. Der Mensch kann selbst und von sich aus sein Leben in die eigenen Hände nehmen. Diese Ethik hat universale Züge. Dass sie dabei auch sehr „Herrscher-freundlich“ schon war, sah Leibniz offenbar nicht.

8.Christian Wolff führt den Dialog mit China weiter

Eigentlich müsste jetzt auch an den grossen – leider weithin unbekannten – Christian Wolff erinnert werden, der mit Leibniz korrespondierte. Er sah in seiner philosophischen Ethik eine vollkommene Übereinstimmung mit Konfuzius. Wolff musste deswegen die Universität Halle „binnen 2 Tagen verlassen“, so groß war die Angst des preußischen Königs vor diesem „Zerstörer der Kirchenlehren“…Wolff meinte: Vernunft ist größer als der Glaube. Der Mensch kann sich frei ethisch weiter entwickeln und verbessern auch ohne die Kirchen. Religion wird zwar nicht überflüssig, aber sie wird relativiert.

Wolff fand in Marburg Zuflucht. Er hatte dort tausende von Hörern auch aus Asien. Er hat es zu Weltruhm gebracht. Auch der junge Kant im Austausch mit Wolff.

Wichtig ist vor allem: Christian Wolff hatte auch die Philosophie des Konfuzianers Menzius entdeckt: Menzius (372 bis 289 v.Chr.) lehrte die grundsätzlich gute Natur des Menschen, er war also ein chinesischer Weiser, der in Europa als Gegner christlichen „Erbsünde“ wahrgenommen wird. Bei einer Reise nach Halle sollte man das schöne „Christian Wolff Haus“ unbedingt besuchen, in Deutschland eines der wenigen wirklichen Museen, bezogen auf einen Philosophen! Und nebenbei die Franckesche Stiftung, den einstigen Hort des sehr frommen Pietismus…

Dringend ist für uns im Religionsphilosophischen Salon: Mit Menzius sollten wir uns bald befassen, vielleicht das große und schöne Buch von Henrik Jäger lesen, „Den Menschen gerecht“. Ein Menzius Lesebuch, Ammann Verlag. Wenn wir uns darin vertiefen , haben wir auf anderer Ebene immer noch mit LEINBIZ zu tun!

Neben der genannten Literatur und den Interpretationen möchte ich ausdrücklich die umfangreiche Biographie und Werk-Einführung von Eike Christian HIRSCH empfehlen, „Der berühmte Herr Leibniz“. Die überarbeitete 3. Neuauflage erschien 2016 im C.H.Beck Verlag, das Buch hat 659 Seiten und ein Register!

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon

 

 



„Mit freiem Willen das Böse getan und Hitler unterstützt“: Carl Eduard, der Herzog von Coburg (gest.1954)

21. November 2016 | Von | Kategorie: Forschungsprojekte, Philosophische Bücher

Ein Hinweis auf eine historische Studie: Ein „hoch“- adliger Überzeugungstäter

Von Christian Modehn

Vor kurzem erschien eine wichtige wissenschaftliche Studie des Historikers Professor Hubertus Büschel (jetzt Uni Groningen NL) über den leidenschaftlichen Nazi, SA Mann und Hitlerfreund Herzog Carl Eduard von Coburg. Dieses Buch widmet sich dieser Person aus dem Hochadel, von der eine breitere Öffentlichkeit, außerhalb Coburgs, wohl eher geringe Kenntnisse hat. Und man wundert sich, dass noch nicht ein großer Spielfilm über diesen herzoglichen NAZI gedreht wurde! Kommt vielleicht noch, die historischen Orte sind ja alle bestens erhalten. Denn Coburg wurde fast nicht bombardiert. Weil dort ein Nachkomme des englischen Königshauses saß?

Angesichts dieser Fragen: Um so erfreulicher die Studie von Hubertus Büschel über Carl Eduard, den Enkel von Queen Victoria: Geboren wurde er in England 1884 und schon 1905 Regent von Coburg.

Im Rahmen unserer philosophischen Interessen ist dieses Buch wichtig, weil es konkret den Blick richtet auf die faktische Entwicklung von Unmoral und: Wie ein Mensch aus egozentrischen Gründen zum Täter in einem mörderischen Regime wird.

Das Buch von Hubertus Büschel endet mit einem philosophischen Hinweis: „Beim Handeln im Nationalsozialismus gab es immer auch einen freien Willen…“ (S. 239). Diese Erkenntnis wird auf Carl Eduard bezogen, den Herzog von Coburg, der alles getan hat, so wörtlich, „eine Politik (Hitlers) zu kaschieren, die sich ganz unverhohlen aggressiver Expansion, Rassismus und Antisemitismus verschrieb – und letztlich zum Tod von Millionen Menschen führte“ (ebd). Carl Eduard, der Herzog aus englischem Königshaus, tat dies alles freiwillig. Er folgte nicht seinem Gewissen und wurde zum Täter im Nazi-System. „Jedenfalls nutze er seine Bekanntschaft mit Hitler, Himmler und Heydrich nie, um… Juden vor der Deportation zu retten…Wann immer jemand sich auf der Suche nach Hilfe an den Herzog von Coburg selbst wandte, schritt dieser den üblichen Dienstweg ein und denunzierte die Betreffenden beim Gestapo-Chef Heydrich“ (S. 231). So weigerte er sich auch, die Witwe des bekannten Malers Liebermann, Martha Liebermann, zu retten….

Mit „kaschieren“ meint Hubertus Büschel die Tätigkeit des Nazi-Herzogs in seiner Funktion als Chef des Deutschen Roten Kreuzes: Auf seinen zwei Weltreisen als NAZI-DRK Chef hat er führende Politiker in den USA belogen und das Nazi Regime als human dargestellt, was diese Politiker dann lange Zeit glaubten und ihre Politik offenbar nach diesen Lügen ausrichteten.

Wer heute Coburg besucht mit seiner entsprechenden „Veste“ und den Schlössern dieses Herren, findet eigentlich unglaublich wenige kritische Erinnerungen an diesen Verbrecher, denn das sind ja wohl „Täter“ in der Nazi-Herrschaft.

Carl Eduard hat sich schon 1922 voller Sympathie Hitler zugewandt, er wurde SA Obergruppenführer und war seit 1933 Mitglied der NSDAP. Als Chef des Nazi-gesteuerten „Deutschen Roten Kreuzes“ tat er, wie gesagt, alles, um Hitler als seriösen Politiker erscheinen zu lassen.

Coburg war schon vor 1933 ultra-braun, mit entsprechenden Schikanen gegen Juden und Sozialdemokraten. Dass die Juden aus Coburg vertrieben und vernichtet wurden, ist sicher auch Carl Eduards Mit-Schuld. An die jüdische Vergangenheit in Coburg habe ich außer einer „Judengasse“ sowie einigen im Boden befindlichen „Stolpersteinen“ sowie einem eher wenig spezifischen Gedenkstein auf dem Friedhof nichts entdeckt. Eine jüdische Gemeinde gibt es in Coburg nicht mehr.

Bei den Wahlen 1929 errang die NSDAP 43,1% der Stimmen. Seit 1939 konnte Coburg die Ehrenbezeichnung „Erste nationalsozialistische Stadt Deutschlands“ führen. Dies alles nur aufgrund des Engagements des Herzogs Carl Eduard.

Bis 1945 war Carl Eduard Hitler treu ergeben; was er nach 45 dachte, ist noch unklar. Ob er dann ein „lupenreiner Demokrat“ wurde, ist bei seiner totalen Verblendung eher unwahrscheinlich.

Das Buch des Historikers Hubertus Büschel (er wurde in der Nähe von Coburg 1969 geboren) kommt zur richtigen Zeit, weil bei der heute allgemein wieder zunehmenden Rechts-(Extrem)-Lastigkeit endlich Wissenslücken etwas überwunden werden. Ein Beispiel: Die Tochter Carl Eduards, Prinzessin Sibylla, ist die Mutter des amtierenden Königs Carl XVI. Gustaf von Schweden; er besucht öfter noch das schöne Coburg, so ist zu hören. Der Hochadel und die Nazis: Ein unbekanntes Thema…

Hier kann die lange Nazi-Geschichte des Herzogs Carl Eduard, wie sie die Buch leider manchmal noch zu kurz dokumentiert, nicht wiedergegeben werden. Wichtig ist: Dieser Nazi-Verbrecher wurde nach 1945 als Mitläufer freigesprochen: Ihn hat „reingewaschen“ seine alte Nazi-Kameradschaft, seine herzogliche Autorität, sicher auch die jetzt allgemein bekannte NS-Bindung der meisten Richter in der BRD nach 1945 sowie vor allem seine adlige Herkunft aus England. Wer will schon einen Angehörigen des englischen Hochadels für 30 Jahre ins Gefängnis bringen. Was hätte denn dann die liebe Königin Elisabeth gedacht? So wurde „Recht“ gesprochen, Schuldige wurden reingewaschen…. und Carl Eduard zu einer Strafe von 5000 Mark (sic) verurteilt (S.235). Der treffende Begriff „Klassenjustiz“ hätte hier sein gutes Recht!

Leider wird in der Studie nur kurz die Verquickung der dortigen evangelischen Kirche mit dem Herzog seit 1922 dokumentiert; erwähnt wird, dass die Trauerfeier für den Nazi-Herzog am 10. Mai 1954 von dem lutherischen Dekan Curt Weiß geleitet wurde. Er sagte so viel Unverschämtes, etwa: Der Herzog sei in „seinem guten Glauben, seinem aufrechten und edlen Sinn und seiner unerschütterlichen Treue missbraucht und schließlich im Stich gelassen worden“. Vom wem wurde er im Stich gelassen? Seine Nazi-Freunde standen doch zu ihm und bis auf das britische Königshaus hatten viele große adligen Herrscherhäuser von Holland über Norwegen und Preußen (Prinz Louis Ferdinand) ihr tiefes Beileid der Witwe mitgeteilt…Im Jahr 2017 wird in Coburg auch wieder an Luther in Coburg erinnert, dies wäre eine gute Gelegenheit am richtigen Ort, über die Verquickung von lutherischer Theologie zu autoritären Systemen nachzudenken und überhaupt zu fragen: Was hat uns der „politische Theologe“ Luther heute eigentlich noch zu sagen? Wahrscheinlich wenig! Luther liebte die Herrscher! Lutheraner waren nie Revolutionäre. Wer besser weiß, melde sich bei mir…

Eine erfreuliche Nachricht: Die Stadt Coburg hat – endlich !!!, 70 Jahre nach den Nazi-Verbrechen, an denen der Herzog Carl Eduard von Coburg direkt beteiligt war – eine Historiker-Kommission eingesetzt: Sie soll die braune Geschichte Coburgs endlich freilegen. Mal sehen, wann die ersten Forschungsergebnisse vorliegen.

Hubertus Büschel, „Hitlers adliger Diplomat. Der Herzog von Coburg und das Dritte Reich“. S.Fischer Verlag Frankfurt a.M. 2016, 336 Seiten, 22,99€.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 

 



Dem Philosophieren geht es doch recht gut: Das neue „Philosophie Magazin“

16. November 2016 | Von | Kategorie: Philosophische Bücher

Ein Hinweis von Christian Modehn

Der Philosophie bzw. dem aktiven Philosophieren des einzelnen (als notwendiger Voraussetzung der Philosophie) geht es offenbar recht GUT.

Jedenfalls in einer Hinsicht, wenn man nun hört: Von dem alle 2 Monate erscheinenden Heft PHILOSOPHIE MAGAZIN werden jedes Mal etwa 30.000 Exemplare verkauft (bei 10.000 Abonnenten). Wer hätte das gedacht? Kritisches Reflektieren „verkauft sich noch recht gut“ in einer Konsumgesellschaft, die, so wird behauptet, offenbar besonders oberflächliche Sprüche und populistische Phrasen liebt…

Dabei gibt es noch ein weiteres Philosophiemagazin in Deutschland, die HOHE LUFT aus Hamburg, die Konkurrenz, mit einem anderen Stil, einem anderen Lay-Out. Und natürlich muss auch „Der blaue Reiter“ und die „Information Philosophie“ erwähnt werden.

Das „Philosophie Magazin“ aus Berlin ist, so die Pressemeldung, heute in Deutschland Marktführer in diesem Segment. Das für Deutschland inspirierende französische Vorbild „Philosophie Magazine“ hatte als Monatszeitschrift aus Paris (2014) eine Auflage von 90.000 Stück.

Vor 5 Jahren startete in Deutschland jedenfalls das lesenwerte „Philosophie Magazin“ als nicht nur philosophisches, sondern auch verlegerisches und journalistisches Experiment: Und es hat sich bewährt und wird sich bewähren, hoffen wir. Nun wird das Heft ab 2017 sicher noch anregender, wenn zwei weitere Redakteure einsteigen. Chefredakteur Wolfram Eilenberger ist überzeugt: „In engem Austausch mit den führenden Denkern unserer Zeit wird das Magazin seinen Lesern auch weiterhin neue Einsichten für die wichtigsten Bereiche des Lebens und der Gesellschaft ermöglichen. Einsichten, wie sie gerade jetzt von der Philosophie erwartet werden.“

Der Erfolg der Philosophie-Zeitschriften ist sicher auch ein kulturelles Signal: Menschen suchen Information und möglicherweise auch Anregungen zur Lebensgestaltung nicht mehr nur in der Psychologie, die sich offenbar zu oft auf das Niveau des Ratgebens aufhält und naturgemäß nicht den nun einmal immer weiten Horizont der Philosophie hat. Und auch religiöse Zeitschriften, die auf reflektierter Ebene, also mit reduzierter Propaganda-Intention, schreiben, haben es in der deutschen Presselandschaft schwer. Es gibt ja keine christliche, aber reflektierte Zeitschrift in Deutschland, die am Kiosk, also öffentlich zu kaufen ist. Und keiner der vielen Christen in Deutschland vermisst da etwas… Offenbar haben die Theologen (und ihre Kirchen) zuviel Angst und verstecken sich im Getto. Aber das am Rande…Immerhin bietet Thea Dorn in dem neuen Heft Philosophie Magauzin einen längeren Beitrag über den – allmählich schon medial überstrapazierten – Luther  … und die Angst…

Für PhilosophInnen ist der „Marktplatz“, die AGORA, der öffentliche Raum, der Salon !, der klassische Denkplatz, der Ort des Widerspruchs, des guten Streits: All das fördert das Philosophie Magazin, auch in der neuen Ausgabe mit einem Schwerpunktthema zur FAMILIE. Dieses Heft kommt zur richtigen Zeit, weil nun auch in Deutschland polemische, nicht vernünftige Debatten und Demonstrationen stärker werden: Da gibt es Leute, die sagen: Dass zur Familie immer die Präsenz einer Frau und eines Mannes, also einer Mutter, die von diesem einen bestimmten Mann „empfangen“ hat, gehört. Familie ist aber primär immer da, wo Kinder sind, schreibt Wolfram Eilenberger. Darum ist es meiner Meinung nach eigentlich egal, ob diese Familie mi Kindern auch zwei Frauen oder zwei Männer als Eltern hat. Für viele LeserInnen absolut neu, wenn ich so sagen darf, ist ein Bericht über einen Afrikaner, „einen Mohr“, wie man im 18. Jahrhundert in Deutschland sagte, der zur Philosophie der Aufklärung in Deutschland gehört. Sein Name: Anton Wilhelm Amo. Man sollte diesen Bericht von Martin Duru lesen und sich fragen, wie viele unbekannte Afrikaner oder Asiaten oder Lateinamerikaner schon seit dem 17. Jahrhundert die europäische Kultur mit geprägt haben.

Über alle Themen des neuen Heftes, das am 17. November 2016 in den Kiosken ausliegt, siehe: http://philomag.de/

Copyright: Christian Modehn



Es ist vorbei: Wenn der Katholizismus verschwindet. Am Beispiel des Bistums Tulle Frankreich.

15. November 2016 | Von | Kategorie: Gott in Frankreich, Perspektiven und Probleme

Es ist vorbei: Wenn der Katholizismus verschwindet: Am Beispiel des Bistums Tulle, Département Corrèze, Frankreich

Ein Hinweis von Christian Modehn. Der Beitrag zeigt, wie in einem klassischen Kernland des so genannten Abendlandes, in Frankreich, konkret in Tulle und anderen Provinzstädten, der christliche Glaube tatsächlich verschwindet bzw. schon verschwunden ist, soweit man das vom Äußeren her feststellen kann. Und der Beitrag stellt die Frage: Wer trägt dafür die Verantwortung? Diese Frage stellen Menschen, denen Religion, auch Christentum in ihrer vernünftigen und menschenfreundlichen Gestalt (!), noch wichtig ist. Ausführliche statistische Informationen auf Französisch (sozusagen als Beleg für unseren Beitrag für alle, die den Aussagen nicht trauen) siehe am Ende dieses Textes. 

Der Religionsphilosophische Salon interessiert sich auch für die Frage nach der Präsenz der Religionen und Kirchen in der Gesellschaft von heute. Deswegen auch für den Zustand der katholischen Kirche. Zum Beispiel, in meinem Fall vom Studium und von Publikationen her, besonders für die Kirche in Frankreich. Mein Buch „Religion in Frankreich“, 1994 erschienen, ist immer noch lesenswert.

Allen ist bekannt: Der Klerus bestimmt überall die katholische Kirche. Darüber braucht man keine langen Erklärungen mehr zu machen. Man denke an die so genannten Synoden, die Auswahl der Bischöfe, die Vollmacht der Interpretation der rechten Lehre usw.

Der neueste Trend des Klerikalismus: Nach der Anzahl der Kleriker wird das Leben der Gemeinden bestimmt. Das ist in ganz Europa so. Sind wenige (zölibatär)  lebende Priester da, gibt es eben wenige(r) Gemeinden. Da werden wegen der wenigen Kleriker Pfarreien geschlossen, Gottesdienstangebote reduziert; Gemeinden werden der wenigen Priester wegen zusammengelegt, manchmal sogar Kirchen abgerissen: Über die Abschaffung des Zölibats-Gesetzes wird kaum nachgedacht. Die Angst vor den Vorgesetzten ist ja katholisch „heilig“. Bischöfe fordern nur auf, für Priesterberufungen zu beten, so kürzlich in Berlin geschehen. Seit Jahrzehnten werden allerdings diese Gebete nicht erhört! Will „Gott“ vielleicht (diese) Priester nicht mehr trotz aller Jahre langer Bittgebete?

Den Laien wird nicht die Vollmacht gegeben,aus eigener Verantwortung und in Freiheit, also ohne die üblichen Priester,  die Eucharistie zu feiern. Was soll denn bei so viel Borniertheit noch die theologisch wohl begründete Rede vom allgemeinen Priestertum aller Gläubigen? Darüber wird man im Reformationsgedenken 2017 wieder viel schwadronieren… Aber die interessierten Laien, falls überhaupt noch vorhanden, wurden für wirkliche Mitarbeit als Leiter der Eucharistie nicht ausgebildet. Natürlich muss das Rom genehmigen, macht es aber nicht. Denn auch da herrscht der Klerus absolut. So sterben also Gemeinden aus, der ganze Klerus guckt zu.

Das ist vor allem schlimm, weil dadurch auch sozial-kommunikative Räume verschwinden, vor allem auf dem Land oder in der städtischen Nachbarschaft, etwa in Neubaugebieten. Die Zahl der Katholiken, die in ländlichen Gegenden von Tulle oder Agen oder Guéret überhaupt noch sonntags an der Messe teilnehmen liegt bei ca. 2 Prozent! Und dieser Prozentsatz sinkt nachweisbar ständig, wohin denn bloß? Gegen Null. Hoffentlich findet der letzte Laie den viel besprochenen Lichtschalter. Und schreibt danach Bischöfen und dem Papst ein Telegramm. „Alles ist hier erledigt, alles ist hier vorbei“. Solche Sprüche haben fromme königstreue Katholiken nach der Französischen Revolution gehört, als extremistische Revolutionäre den katholischen Glauben abschaffen wollten.

Wie auch immer: Der Katholische Glaube ist und soll trotzdem ein total Priester-abhängiger-Glaube bleiben. Darf  man das dumme Verbohrtheit nennen, oder klerikale Machtgelüste? Natürlich. Dahinter steckt natürlich die Frage von Herrschaft und Macht. Aber dieser Zusammenhang wird spirituell ignoriert und „verkleistert“.

Das nur zur Einstimmung vorweg. Mit einem Wort: Dem Klerus und den Bischöfen ist es, durch ihre eigenen Taten bewiesen,  ziemlich egal, wenn Gemeinden verschwinden und soziale Kommunikation in den Gemeinden aufhört. Hauptsache: Die wenigen verbliebenen Kleriker bestimmen weiter alles.

Nun beispielhaft für viele andere Kirchenbezirke: Zum Bistum Tulle im hübschen Département Corrèze; die Gegend kennen viele Touristen vielleicht von Aufenthalten rund um die Dordogne. Und die sehr konservative fromme Gattin von Monsieur le Président Chirac, die Bernadette, lebte auch hier. Da hat sich jedenfalls Bischof Francis Bestion im Oktober 2016 hingesetzt und angesichts der aussterbenden Priesterschaft im Bistum errechnet: In 10 Jahren wird das Bistum Tulle mit ca. 250.000 meist katholisch getauften Christen nur noch 10 Priester haben. Die Tageszeitung „La Croix“, Paris,  berichtete darüber. Und diese zehn geistlichen Herren, so wird ausdrücklich betont, werden in „jugendlichen Alter“ sein, das heißt für die üblichen französischen Verhältnisse: Diese 10 Priester werden jünger als 75 Jahre sein, also vielleicht 73 oder 66. Ein Rentnerdasein verdientermaßen wird den alten Priestern nicht zugestanden. Sie lesen die Messe bis zum Umfallen. Was den so genannten Priester-Nachwuchs angeht: Momentan befindet sich ein (sic) junger Mann in der Ausbildung, um eines Tages Priester in Tulle zu werden.

Als Lösung werden nicht etwa Eucharistiefeiern durch gut ausgebildete Laien, Frauen und Männer, erwähnt. Sondern die wenigen Priester sollen in Gemeinschaften zusammenleben, um sich gegenseitig zu stützen und von dem gemeinsamen Leben aus in die vielen Dörfer auszuschwärmen, dort sollen sie wieder die Messe zu feiern. Sie werden ein paar Wochen im Dorf leben und dann zum nächsten „wandern“. Die Kirche spricht oft von Seelsorge, bei diesen alten, durch die Dörfer sausenden/wandernden die Messe lesenden Pfarrern ist Seelsorge wohl nicht möglich. Da werden nur noch Kultdienste von Greisen absolviert. Und wenn diese nicht mehr da sind, also in 15 Jahren, dann sind keine Priester mehr da. Dann gibt es keine Gemeinden, keine Kommunikation, falls man diese dann vonseiten der Leute her noch wünscht.

Was passiert also: Da wird die Religiosität förmlich vom allmächtigen Klerus ausgelöscht, falls man denn davon ausgeht, dass Spiritualität noch mit einer Messfeier etwas zu tun hat. Noch einmal: Der Klerus selbst erzeugt eine gewisse Entchristlichung der Gesellschaft. Noch mal zugespitzt: Die Kirche betreibt die Säkularisierung. Da hört man nur das Bedauern des Bischofs: „Der Mangel an jungen Priestern ist ein Handicap, dieser Mangel lähmt alles“. Also geht man sehenden und wissenden Auges in den Zustand der „Paralyse“, dieses Wort verwendet der Bischof.

Zum gegenwärtigen „Personal-Zustand“: Das Bistum Tulle zählt heute, 2016, noch 30 Priester, etwa 12 sind bereits älter als 80. Mehrere sind um die 75. Zum Vergleich: 2008 hatte das Bistum Tulle noch 87 Priester, davon 57 aktiv Tätige. Der Sterbeprozess ist also rasant. Es gibt auch keine Ordensgemeinschaften mehr im Bistum. Alle Nonnen und Mönche sind ausgestorben oder in Altersheime umgeziogen. Da bettelt der Bischöfe nun um Priester aus dem Ausland. Wer wird da wohl kommen, welcher Charismatiker, welcher Neokatechumenale oder Priester aus Kamerun oder Togo, wie so häufig schon in anderen französischen Bistümern? Dabei lobt man dann – diplomatisch klug – diesen internationalen Austausch, und vergisst: Diese Priester hätten eigentlich in Kamerun oder Togo auch ein bisschen was zu tun…

Welche Energie wird da von einem französischen Bischof verbraucht, anstatt die Laien zu Priestern auszubilden. Und eine gewisse Spiritualität zu retten.

Was da von Tulle berichtet wird, ließe sich leicht mit dem gleichen Inhalt selbstverständlich religionssoziologisch belegt fortsetzen für die Bistümer Verdun, Troyes, Auxerre, Moulins, Cahors, Limoges und so weiter. Da geht die Kirche als Kleruskirche dem Ende entgegen. Nur in Paris wimmelt es förmlich noch von Priestern. Aber da ist es ja auch so schön…

Copyright: Christian Modehn

Qui sont les catholiques de France ? Le Monde, 24.1.2014. Hinweise zum stetigen Schwund der Anzahl der Katholiken, des stetigen Schwundes der Teilnahme an der Sonntagsmesse und zur Altersstruktur der Teilnehmer an der Messe (es sind die „Alten“).

A quoi ressemblent les catholiques français, régulièrement critiques envers la politique du gouvernement actuel ? Portrait en chiffres.

Le Monde.fr | 24.01.2014 à 18h59 • Mis à jour le 24.01.2014 à 19h08 | Par Elvire Camus

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En France, le nombre de personnes se déclarant catholiques diminue de façon continue depuis la fin des années 70 mais reste important. En 1952, ils étaient 81 %, en 1978, 76 % et en 2010, 64 %.

En revanche, la pratique religieuse (mesurée par l’IFOP selon le critère de l’assistance à la messe dominicale), demeure faible et diminue progressivement depuis les années 50. En 1952, 27 % des catholiques se rendaient à la messe, en 2010 il n’étaient plus que 4,5 %. Par ailleurs, parmi les Français se déclarant catholiques, 57 % ne vont pas à la messe. Reste donc 43 % de pratiquants réguliers.

Cette tendance se reflète dans la baisse du nombre de mariages religieux et de baptêmes depuis 1990 : 147 146 mariages religieux ont été célébrés en 1990 contre seulement 74 636 en 2011, selon l’annuaire des statistiques de l’Eglise et la conférence des évêques de France. Le nombre de mariages civils a également fléchi en vingt ans et est passé de 287 000 en 1990 à 251 654 en 2010.

Le nombre de baptêmes est passé de 472 130 à 302 941 entre 1990 et 2010. A noter également que depuis les années 80, un nombre croissant de Français se déclarent sans religion : 21 % en 1987 contre 28 % en 2010.

  • Des catholiques pratiquants plus âgés

Le profil sociologique des catholiques français apparaît proche de celui de l’ensemble de la population française : une majorité de catholiques ont entre 35 et 49 ans (27 %) et 28 % des Français font partie de cette même tranche d’âge.

Pour autant, ce n’est pas le cas en ce qui concerne les catholiques se déclarant pratiquants : 21 % des Français ont 65 ans et plus contre 43 % de pratiquants. De même, alors que 25 % des Français sont retraités, 46 % des catholiques pratiquants le sont. Il apparaît également que les catholiques non pratiquants ont un profil plus proche de celui de la population française que des catholiques pratiquants, en terme de sexe, d’âge et de catégorie socio-professionnelle.

 

 



Verlust des Schweigens – Verlust des Selbst. Zu einem neuen Buch von Alain Corbin

8. November 2016 | Von | Kategorie: Denkbar, Philosophische Bücher

Ein Hinweis von Christian Modehn

Kann man Historiker „originell“ und „kreativ“ nennen? Einige gewiss. Vor allem einige in Frankreich. Zum Beispiel Alain Corbin, em. Professor der Sorbonne, Autor einiger ungewöhnlich inspirierender Bücher, die beispielhaft Mentalitätsgeschichte oder treffender noch die „Histoire de sensibilités“ erschließen, etwa „Pesthauch und Blütenduft“ oder „Die Sprache der Glocken“. Sie wurden in Deutschland oft beachtet. Nun hat Corbin ein vom Umfang her eher kleines, der Sache nach aber großes Buch veröffentlicht, das auch die Aufmerksamkeit   philosophisch Interessierter verdient: “Histoire du silence“, Geschichte des Schweigens von der Renaissance bis heute“, erschienen bei Albin Michel in Paris, das Buch hat 204 Seiten, davon über 20 Seiten weiterführende Literaturhinweise. Es ist eher ein Buch zum Weiterstudieren als ein umfassendes „Studien-Buch“.

Heute, so Corbins These, ist es schwierig geworden, im Schweigen zu leben, auch „Schweigen zu vollziehen“ („faire silence“). Aber: Im Schweigen leben ist entscheidend für den Menschen: Wer nicht schweigen kann, so die These, hört auch sein Selbst nicht mehr… und „so wird auch die Struktur des Individuums selbst verändert“ (S. 11). Wir aber leben in einer lauten, schreienden Welt, Orte des Rückzugs sind rar, selbst in Gottesdiensten („Gott lebt im Schweigen“) wird permanent gesprochen, eingeredet, gesungen. Wenn von Stille die Rede, sind es immer, so wörtlich, „Momente der Stille“. Kulturen, die das ständige Musik-Geräusch lieben, den permanent vernehmbaren Salsa usw., was wollen sie musikalisch zudecken und zum Verschwinden bringen? Wäre eine interessante Frage.

Corbin wendet sich vor allem der französischen Geschichtezu und nennt historische Details: Etwa: 1883 gab es eine Kampagne gegen den Lärm der Glocken (s. 94), in Montauban durften die Bäcker hingegen des Nachts – trotz einiger Proteste – bei ihrer Arbeit laut singen (S. 95)… Der erste Weltkrieg war auch eine „akustische Hölle“. Corbin plädiert dafür, sich wieder an die vielfältigen Formen der Kulturen des Schweigens auch in der europäischen Tradition zu erinnern, „um wieder heute das Schweigen zu lernen, das heißt: man selbst zu sein. („C` est à dire à etre soi). Nur in einer Kultur, die das Schweigen pflegt, kann die Bedeutung des Wortes wahrgenommen werden. Diese Kultur gab es einmal, Corbin führt uns in dieses Thema ein, dabei breitet er, notgedrungen oft in knappen Hinweisen, ein breites literarisches Panorama aus.

Im Schweigen leben, das ermöglichen etwa auch die eingestimmten Besuche abgelegener, leerer Kirchen, Huysmans spricht davon. Bernanos kommt nicht los (obsédé) vom Schweigen der Wohnzimmer etwa in „Monsieur Ouine“. Die Provinzstädte in der „Comédie humaine“ von Balzac sind bestimmt von „Schweigen, Kälte, Passivität, Egoismus“… Hinweise, die ermuntern wieder einmal den „Curé de Tours“ zu lesen. Von Palmyra spricht Corbin, wenn er an das „Schweigen der Ruinen“ erinnert, das Chateaubriand damals dort als „Aufenthaltsort des Schweigens“ beschreibt. Heute wird man ein ganz neues trostloses Schweigen durch die Zerstörungen des sogen. Islamischen Staates besprechen müssen. Chateaubriand hat – nach Corbin – das „Schweigen der Orte“ gehört (Escorial, Soligny, Grande Trappe) und dieses Schweigen mitgeteilt.

Diese Hinweise zeigen, dass Corbin sich weit auf die Spuren des Schweigens vor allem in der französischen Literatur begibt. Religionsphilosophisch Interessierte werden sein Kapitel „Les Quetes du silence“ aufmerksam lesen; darin geht es um den (ursprünglich monastischen Kampf) gegen die Ablenkungen, um zum inneren Gebet zu finden. Corbin erwähnt unter anderen die Karthäuser-Mönche, die den ganzen Tag allein leben …. und schweigen. Gérald Chaix nennt sie deswegen die „fous de Dieu“, die Verrückten Gottes. Verrücktheit und Spiritualität wird hier in einen Zusammenhang gestellt (S. 71). Und zum Schweigen Gottes in dieser Gegenwart schreibt Corbin:“ Man hat überwiegend aufgehört sich zu fragen, ob das Schweigen eines sich verbergenden Gottes nicht doch eine Äußerung, ein „Wort“, ist!

Ein großer Schweiger, meint Corbin, sei auch der Heilige Josef gewesen, dabei hat der Autor die dürftigen Erzählungen über ihn, den Schweiger, im Neuen Testament im Blick. Nebenbei würde der Religionskritiker wohl sagen: Der heilige Josef als der so genannte „Pflegevater“ Jesu durfte auch nichts sagen, sonst hätte er vielleicht die historische Wahrheit erzählt, dass er der Vater Jesu von Nazareth und dessen Geschwister ist. Josefs Schweigen ist also ein kirchlich-dogmatisch erzwungenes Schweigen! In dem Buch wird (neben drei weiteren 7 anderen Gemälden) ein prächtiges Bild von Georges La Tour (von 1640) präsentiert: Der Heilige Josef als Tischler und das Jesus-Kind, das fast wie Mädchen erscheint: Jesus hält dem Vater eine Kerze während der Arbeit! Warum soll Josef dabei nichts gesagt haben?

Für alle an Frankreich Interessierten ist dieses Buch von Alain Corbin eine wahre Fundgrube, wenn er etwa daran erinnert, dass das Werk von Patrick Modiano vom Schweigen her sich gruppiert. Im 18. Jahrhundert wurde die „Kunst zu schweigen“ gepflegt und literarisch empfohlen als Teil einer Lebenskultur! Corbin vertritt trotz der Fülle verschiedener literarischer Bezüge und Verweise seine eigene Philosophie: Der Gedanke „arbeitet“ im Schweigen.

Ich breche diese Hinweise ab mit einem Zitat von Francois Mauriac: „Jedes große Werk entsteht im Schweigen und kehrt dorthin zurück“ (s. 122). Studieren wir also das Schweigen. Aber bitte – hoffentlich- in Stille.

Copyright: Christian Modehn Religionsphilosophischer Salon Berlin



Warum ist es gut, gut zu sein? Drei Fragen an Prof. Wilhelm Gräb, Berlin

24. Oktober 2016 | Von | Kategorie: Weiter Denken

Die Fragen stellte Christian Modehn

Angesichts von Hass, Gewalt und Krieg heute drängen sich elementare Fragen nach dem unaufgebbaren Humanum wie von selbst auf, diese Fragen müssen wohl um der Menschlichkeit willen viel stärker „bearbeitet“ werden. Zum Beispiel: Warum ist es für den einzelnen Menschen gut, selbst gut zu sein? Ist es denn wirklich so schwer, das Gute zu erkennen, das ja doch mehr sein muss als nur das gute Leben für mich allein?

Im Grunde meines Herzens weigere ich mich, schlecht vom Menschen zu denken. Ich habe es selbst immer wieder erlebt, ich kenne so viele Beispiele dafür, dass Menschen gut zueinander sind, bereit einander zu helfen und in schwierigen Situationen beizustehen. Das alles geschieht permanent, sobald Menschen einander wahrnehmen, als ihresgleichen, als Menschen, die Bedürfnisse haben, die aufeinander angewiesen sind, denen einen freundlicher Umgang mit einander guttut. Natürlich weiß auch ich, wozu der Mensch fähig ist. Auch mir stehen die Gräueltaten vor Augen, mit denen der Mensch seinesgleichen in die Folter- und Gaskammern getrieben hat, die Ströme von Blut, die die Menschheitsgeschichte durchziehen. Auch ich nehme die zunehmende Verrohung wahr, die die öffentliche Medienkommunikation durchzieht und bin erschrocken über den Hass, der aus den Kommentaren im Internet spricht. Ich muss aber auch zugeben, dass ich selbst zunehmend teilnahmslos reagiere auf die Nachrichten über Bombenterror und Kriegstote in Syrien, im Irak, im Jemen, an vielen Orten, ganz in der Nähe, auch in Europa. Ich bin entsetzt. Ich finde das furchtbar. Und ich empfinde die Hilflosigkeit angesichts der offensichtlichen Übermacht des Bösen.

Dennoch widerstrebt es mir zutiefst, zu sagen, so ist er eben, der Mensch, böse von Jugend auf. Als Theologe weiß ich zwar, dass bestimmte christliche Lehrtraditionen dieser Auffassung von der abgrundtiefen Sündhaftigkeit des Menschen Ausdruck gegeben haben. Aber in keiner christlichen Theologie ist die Behauptung von des Menschen Unverbesserlichkeit das letzte Wort über ihn. Christliche Theologie sieht ihn letztlich als einen solchen, der dazu bestimmt ist, jene Güte zu erlangen, die zu verwirklichen ursprünglich Gottes Absicht mit ihm war.

Vielleicht fehlt uns tatsächlich nichts mehr, als dass wir – wie Martin Luther es einmal ausgedrückt hat – nie eine Kreatur recht angesehen haben. Sobald wir das nämlich tun, sehen wir unser aller Bedürftigkeit, unsere Angewiesenheit aufeinander, dann kann es sogar geschehen, dass wir Liebe zueinander empfinden, ein Wohlwollen dem anderen gegenüber. Das ist es, was wir zur Rettung des Menschlichen brauchen, dass wir zu dem stehen, was uns als Menschen miteinander verbindet. Es ist so etwas wie eine gefühlsbasierte Einsicht in die conditio humana: dass wir endliche, begrenzte, aufeinander angewiesene Lebewesen sind. Ja, wir wissen, was gut ist. Wir wissen, dass dazu in erster Linie die Achtung voreinander und die Rücksichtnahme füreinander gehören, was Kritik, Auseinandersetzung, Streit überhaupt nicht ausschließt.

Wer die Frage stellt: Warum ist es gut, gut zu sein? erwartet als Belohnung fürs Gutsein irgendwie eine Art Glücksgefühl, eine innere Befriedigung. Aber lässt sich Gutsein durch diesen „Nützlichkeitsaspekt“ wirklich fördern?

Ich glaube wirklich, dass fast alle Menschen gut sein wollen, da fast jeder Mensch genau die eigene Bedürftigkeit und Angewiesenheit von früh auf erfährt. Insofern läuft vermutlich, wenn wir selbst Gutes tun, die Erwartung immer mit, dass wir, sofern wir selbst in Not geraten, von anderen Gutes erwarten können. Ich würde diese Erwartung von Gegenseitigkeit aber nicht als bloßes Nützlichkeitsdenken abwerten. Damit wir an unserem guten Willen festhalten und angesichts der vielen inneren und äußeren Widerstände nicht zu schnell resignieren, müssen wir den Sinn unseres Handelns unterstellen und auch auf Gegenseitigkeit rechnen können. Kein Mensch hält seinen Willen zum Guten durch, wenn er permanent die Erfahrung machen muss, dass sein Gutsein von anderen ausgenutzt wird, er selbst letztlich sogar den Schaden davon hat. Unsere Bereitschaft, anderen mit Wohlwollen und Hilfsbereitschaft zu begegnen, erlischt, wenn wir den Eindruck gewinnen müssen, dass wir in einer Welt leben, in der es total ungerecht zugeht.

 

Niemand wird rundum gut sein können oder auch nur für andere gut leben wollen. Das Misslingen des Guten, auch das Falsche und Böse, muss als Teil des menschlichen Lebens anerkannt werden. Aber das zu sehen setzt Nachdenklichkeit, Reflexion, voraus. Könnte man nicht im Anschluss an Hannah Arendt sagen: Wer gut sein will und gut leben will, muss vor allem eins leisten: nämlich nachdenken?

Wir kennen die eher verächtlich gemeinte Rede vom „Gutmenschentum“. Ich mag sie eigentlich nicht, weil sie suggeriert, es mache sich jemand, der gut sein und Gutes tun will, unlauterer Absichten verdächtig. Aber diese Redensart entspringt vermutlich der Beobachtung, dass Menschen, obwohl sie durch ihr Tun aktuell Gutes bewirken, zugleich gesellschaftliche Strukturen und Machtverhältnisse verfestigen helfen, die auf lange Sicht den betroffenen Menschen überhaupt nicht gut tun. Denken wir nur an die kritische Sicht, die wir inzwischen auf das Werk Albert Schweitzers in Lambarene oder das von Mutter Theresa in Kalkutta werfen. Dies eben deshalb, weil sie Menschen in Not zwar geholfen haben, aber gegen die kolonialen Machtstrukturen und imperialen Ausbeutungsverhältnisse, die die Mehrheit der Menschen dort weiterhin in der Armut belassen haben, in gar keiner Weise vorgegangen sind.

Unser Wille zum Tun des Guten lebt von unserem Zutrauen in die Kraft des guten Willens, die in uns ist. Aber das Vertrauen auf diese Kraft darf nicht mit politischer Blauäugigkeit einhergehen. Gerade ungerechte gesellschaftliche Strukturen und verzerrte Machtverhältnisse bringen immer auch Menschen hervor, die zur Erhaltung ihrer Macht vor nichts zurückschrecken. Umgekehrt ist es so, dass die, die aufgrund der ungerechten Strukturen und des so ungleich verteilten Reichtum ausgeschlossen und benachteiligt werden, (verständlicherweise) in Hass, Gewalt und Krieg ihre letzte Zuflucht sehen.

Die Lage ist unübersichtlich und die Verhältnisse sind kompliziert. Unser guter Wille braucht immer auch die politische Analyse, ja, das „Nachdenken“, die Abschätzung der Folgen unseres Handelns. Doch wo keine guter Wille ist und kein Zutrauen, dass es auf alle Fälle gut ist, gut sein und Gutes tun zu wollen, ist alles andere vergeblich und letztlich zu gar nichts nütze.

Copyright: Prof. Wilhelm Gräb



Hannah Arendt – eine Propagandistin von Martin Heideggers „braunem Denken“ ?

20. Oktober 2016 | Von | Kategorie: Philosophische Bücher

Ein Hinweis von Christian Modehn

In Frankreich spricht man in diesen Tagen von einem „livre choc“ und einem „séisme intellectuel“, also einem „intellektuellen Erdbeben“: Ausgelöst hat dieses der französische Philosoph Prof. Emmanuel Faye: Er ist weltweit bekannt geworden durch seine Studien über die Verstrickungen Martin Heideggers in die Nazi-Ideologie. Dieses erste, von ihm in gewisser Weise unterstützte Erdbeben, wird in vollem Umfang nun auch bestätigt durch die Publikation der „Schwarzen Hefte“ Heideggers. Jetzt aber steht ein zweites „Faye-Erdeben“, womöglich noch größerer Art, bevor: Falls sich nicht ein noch Kompetenterer durch die 560 Seiten umfassende Studie Fayes so durcharbeitet, dass man zum Schluss herauskommt: Der Heidegger-Kritiker Faye hat geirrt. Es geht in der neuen „minutiös“ genannten Studie Fayes um eine globale und radikale Dekonstruktion, im Sinne von Entzauberung, wenn nicht Zerstörung, der international doch eigentlich hoch geschätzten, und kann man wohl sagen viel gelesenen und „beliebten“  Philosophin und Politik-Denkerin Hannah Arendt. Sie wird jetzt in der französischen Presse (Le Monde, 7. Ocotobre 2016, S. 7) als „maitresse“ Heideggers tituliert. Selbst nach 1945 sei sie ihm gewogen geblieben, und zwar auch in ihrer Philosophie! Und das ist das Ergebnis der Studie von Faye. „Le Monde“-Autor Nicolas Weill nennt das umfassende Faye Buch (erschienen im Herbst 2016 bei Albin Michel, Paris) eine „unerbitterliche Anklagerede“ gegen Hannah Arendt. Die Rezensenten betonen, Faye haben alle greifbaren Ausgaben und Ausführungen Arendts gelesen, und er sei zu dem Schluss gekommen: Sie habe in zahlreichen Werken, in Andeutungen, Ausführungen und Thesen letztlich die Nazi-geprägte Philosophie Heideggers nach 1945 unterstützt. Wenn sie etwa von den umstrittenen Judenräten in den KZs spreche, dann wolle sie damit die Juden mitverantwortlich machen für ihr eigenes „Schicksal“, eine These, die Heideggers sympathisch gefunden haben soll. Eine andere These Fayes, über die „Le Monde“ berichtet: Wenn Arendt Adolf Eichmann als Beispiel für die „Banalität des Bösen“ wählt, dann sei ihr positives Gegenbild der „penseur par excellence Heidegger“, also Heidegger als der herausragende Denker. Eine These, mehr nicht, denke ich. Nicolas Weill schließt seinen Bericht über dieses insgesamt verstörende und beunruhigende Buch: “Es fehlen vielleicht die Nuancen, damit dieses Bild (von Hannah Arendt) vollständig sei“. Eine kurze Besprechung im „Philosophie Magazine“, Paris, (Oktober 2016) berichtet: Faye halte das Denken Hannah Arendts für „fascisante“, also faschistoid. Eine ungeheuerliche Behauptung, die jeder, der Hannah Arendts Werke liest, wohl zurückweisen wird. Ist Hannah Arendt nicht immer dem Denken des Aufklärers Kants verpflichtet gewesen? Wie aber passen etwas Kants „Kategorischer Imperativ“ mit Heideggers (willkürlich wirkenden) „Seins-Geschicken“ zusammen, wie mit einem Heidegger, der sich weigerte, überhaupt eine Ethik zu denken und zu schreiben, weil eben alles „geschicklich“ sei…Und überhaupt: Hannah Arendts Erkenntnis zur absoluten Notwendigkeit des Sich-selbst-Reflektierens verweist doch auf einen Heidegger, der offenbar ein weites Stück seines langen Lebens in der Nähe zum antisemitischem Denken sich eben NICHT selbst kritisch reflektierte.

Die Diskussion über dieses Buch Fayes hat in Deutschland meines Wissens noch nicht begonnen. Diese verstörende Studie wird hoffentlich nicht davon ablenken, nun auch noch die nazi-freundlichen Briefe Martin Heideggers an seinen Bruder Fritz gründlich zu lesen und allmählich ein Heidegger-Bild zu entwerfen, das sich der Frage stellt: Was brauchen wir von Heideggers Denken heute wirklich noch? Wie durchsetzt ist seine Philosophie von der Nazi-Ideologie und dem Antisemitismus? Dass dies überhaupt der Fall ist, wird immer deutlicher. Nun aber auch Hannah Arendt in das  offenbar braune Denken Heideggers einzubeziehen und nun auch ihre aufklärerische Philosophie für faschistoid zu halten, das ist, einem ersten Eindruck der Rezensenten in Frankreich nach, wirklich schwierig, wenn nicht perfide. Der total antisemitisch „verdorbene“ Heidegger soll wohl dadurch als solcher weiter etabliert werden, dass er mit seinem Denken selbst seine „maitresse“ Hannah, beeinflusste, die Jüdin, die vor dem Holocaust flüchten musste! Ein „Erdbeben“, wie Le Monde“ schreibt, ist dieses Buch? Oder bloß  – wieder einmal – eine französische „Intellektuellen Erregung“?

„Arendt et Heidegger. Extermination Nazi und Déstruction de la pensée“. Autor: Emmanuel Faye. Verlag: Albin Michel, Paris, 560 Seiten. 29 €.

Copyright: Christian Modehn

 



Den eigenen Visionen folgen – zur Inspiration für die anderen. Interview mit der Künstlerin Ursula Sax, Berlin

19. Oktober 2016 | Von | Kategorie: Denkbar

Die Fragen stellte Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Ursula Sax, geb. 1935 in Backnang, ist Bildende Künstlerin und Bildhauerin mit einem umfangreichen und vielgestaltigen Werk, das nicht nur Skulpturen, Abstraktes und Konstruktives umfasst, sondern etwa auch Grafiken. Sie war u.a. auch Professorin an der Hochschule für Bildende Künste in Braunschweig wie danach, von 1993 bis 2000, an der entsprechenden Hochschule in Dresden. Heute lebt sie als freie Künstlerin wieder in Berlin. Über ihr Werk, auch mit Fotos, erschien kürzlich in der Zeitschrift „Weltkunst“ ein Beitrag, der sich als Einführung in ihr Werk gut eignet. Zur Lektüre klicken Sie bitte hier. Im Oktober 2016 stellte sich Ursula Sax einigen weiteren, grundlegenden Fragen. CM.

In einer philosophischen Gesprächsrunde diskutierten wir kürzlich mit Ihnen die Frage, wie es denn Menschen gelingen kann, an den Werten von Gerechtigkeit und Frieden unbedingt festzuhalten. Da meinten Sie, entscheidend sei für die Qualität des menschlichen Lebens, auch für KünstlerInnen, eine Vision zu haben und dieser Vision in der Lebenspraxis zu folgen. Wie beschreiben Sie Ihre Vision, also diese geschenkte Einsicht, die für ihr Schaffen als Bildhauerin inspirierend ist?

Die großen Menschen der Geschichte, die herausragenden Männer und Frauen, hatten alle eine Vision, z.B. Gandhi, die Jeanne d´Arc, Martin Luther King und viele viele andere. Sie folgten diesen ihnen vorschwebenden Ideen bedingungslos, meist zum Unverständnis ihrer Umgebung, weil sie etwas sahen und für realisierbar hielten oder wussten, einer inneren Gewissheit folgten, die die Umwelt für unmöglich hielt und die sie, gegen alle Widerstände, Stück für Stück in der äußeren Welt sichtbar umsetzten. Schiller hat in etwa gesagt, wenn man im Leben die Richtung verloren hätte, solle man sich an die Träume seiner Jugend erinnern.

Als ich mit 15 Jahren an der Kunstakademie Stuttgart anfing zu studieren, zufällig in der Bildhauervorklasse, (eigentlich wollte ich in eine Malklasse), öffnete sich für ein kurze Zeit „der Himmel“. Ich war wie neu geboren, wie der Fisch im Wasser, ich war in meinem Element, das ich bisher nicht gekannt, nicht gewusst hatte. Ich hatte unerhörte Ahnungen von der Größe des Geistes, meines Geistes.

Das war ein Quantensprung. Plötzlich war ich kompetent in vielen Dingen – wurde zu einer Autorität in der Familie. Dann verdunkelte sich das Leben allmählich wieder. Vor kurzem fiel mir diese Erfahrung wieder ein. Es war eine Initialzündung. Doch ich habe diesen Zugang wieder verloren.

Ich bin heute 81 Jahre alt und habe mir den Weg dahin in vielen Jahren neu erarbeitet, über viele Stationen und Umwege und das Erwerben von Wissen. In der Jugend konnte ich diese Dinge nicht benennen, nicht überblicken, nicht einordnen. Noch einmal Schiller: „Der gute Mensch in seinem dunklen Drange, ist sich des rechten Weges wohl bewusst.“ Die große Vision war mir nicht vergönnt, aber Ahnungen, immer wieder – immer wieder abhanden gekommen. Visionen situationsbedingt. Schillers „dunkler Drang“ ist auch etwas wie eine Vision, man muss etwas tun, ohne zu wissen, wohin es führt.

Es gibt im Künstlerberuf Gelegenheiten eine Vision zu erfahren, bezogen auf ein Projekt, hier ein Beispiel: Meine Arbeit für das Albertinum in Dresden.

Ich war aufgefordert, mir für diesen Raum etwas einfallen zu lassen. Der Direktor der Skulpturenabteilung, der mich das fragte, sagte dazu: Sie können das! (Er kennt und schätzt meine Looping-Skulptur). Das war eine Herausforderung, das wollte ich beweisen.

Die Umstände waren so unmöglich, dass mich das reizte. Als dann nach vielen Monaten mein Entwurf da war, sagten zwei meiner engsten Freunde und Berater: Das geht nicht!!!! Wenn Du meine Studentin wärst, würde ich sagen: Mädel, lass Dir etwas anderes einfallen – dieses hier geht nicht. (Beide sind Professoren). Ich habe mir das angehört und ich wusste: Das geht. „Bis zu dem Moment wo es sichtbar wird, scheint es unmöglich“. Hat einer der Visionäre gesagt.

Das war eine Vision, ich hatte das im Geiste hängen sehen. Das gab es des Öfteren – am Anfang nicht – dass ich eine Skulptur fix und fertig vor mir sah und sie nur noch ausführen musste. Früher dachte ich: Das kann doch nichts Rechtes sein, es ist doch nicht erarbeitet. Mein Verstand war kleiner und unerfahrener als mein visionärer Geist.

Ideen, Impulse, Inspirationen, Visionen, Einsichten im Kleineren, sind Wegweiser, denen wir viel zu selten nachgehen, einerlei auf welchem Gebiet. Etwas taucht auf, wir verwerfen oder ignorieren es.

Jeder Mensch ist einmalig und besitzt eine einmalige Fähigkeit, die kein anderer hat.

Wären wir nicht so unbewusst, so wüssten wir was unsere Bestimmung ist und was wir beizutragen im Stande sind. Wären wir bewusster, selbst-bewusster, so könnten wir unsere Bestimmung klar erkennen: das wäre eine Vision.

Ich habe meinen Lebenssinn – eine Künstlerin zu sein – erkannt und ihn dennoch viele Lebensstrecken lang von mir werfen wollen, weil die Verstrickung in die eigene Geschichte meine Sicht verunklarte. Der Eigensinn, das Ego, verhindern den klaren Blick.

Wir verwechseln unser reines Sein mit der Person, die wir bemüht sind der Welt vorzustellen, weil wir denken nicht gut genug zu sein, weil wir nicht glauben und wissen, dass das Höchste das uns gegeben ist unsere Einmaligkeit ist.

Wir glauben diese ursprüngliche Person sei nicht gut genug und wir vergleichen uns mit Anderen.

Gerechtigkeit und Frieden kann es auf der Menschenwelt nur geben, wenn jeder einzelne selbstbewusst zu sich selber steht und sein eigenes Potential realisiert. Seinen eigenen Visionen folgt und die Resultate dem Ganzen zur Verfügung stellt.

So entsteht der Fortschritt auf allen Gebieten. Unzählige Wissenschaftler sind Visionen gefolgt und haben Dinge erkannt, die andere nicht sehen konnten und haben so zur Entwicklung des Ganzen beigetragen.

Diese Visionen haben sich in Ihrem Werk offenbar vielfach ausgestaltet. In einem Interview mit der Zeitschrift „Weltkunst“ sagten Sie, Veränderung sei für Sie wichtig, dieses Nicht-Stehen-Bleiben: Wie sind Sie zu dieser Vielfalt in Ihrem Werk (Sandstein, Bronze, Papierarbeiten) gekommen?

Kürzlich sagte ein prominenter Kollege zu mir :“Du hast es Dir nicht leicht gemacht“. Weil ich im Gegensatz zu den meisten Kollegen immer wieder das Metier wechselte, vielmehr das Material, in dem ich gerade noch gearbeitet hatte und das die Umwelt jeweils bereit war, für mein endgültiges Medium zu halten. Das brauchte jedes Mal wieder eine Anlaufzeit, bis ich die neuen Möglichkeiten verstanden hatte. Das galt als unprofessionell. Ich hatte keine Wahl. Ich habe mir das nicht ausgedacht. Es gibt einen Zug in meinem Wesen, der mich nach einer Zeit der Kontinuität weitertreibt. Genug – was nun ? Wie ich zu der Vielfalt gekommen bin? Es ging nicht weiter. Ich musste mir eine neue Straße suchen.

Hinter diesem Ja zur Veränderung steht gewiss auch eine philosophische Haltung zum Leben insgesamt?

Das JA zur Veränderung war kein Plan von mir, es stellte sich im Lauf der Zeit heraus, dass ich so bin, dass ich dem folgen muss, auch auf anderen Gebieten. Damit konnte man nicht sehr erfolgreich sein. Galeristen und Kunsthistoriker erwarteten ein Markenprodukt, kein „Sammelsurium“.

Dass das im Abstand betrachtet ein ganz lebendiges Prinzip ist mit einer philosophischen Dimension, habe ich damals nicht übersehen.

Es bedeutete viele Krisen, Selbstzweifel, Verzweiflung.

Sie sind viel gereist, etwa auch nach Asien. Waren die Begegnungen in diesen Kulturen für Sie auch spirituell von Bedeutung? Hat sich Ihre eigene Spiritualität verändert?

Ich war immer interessiert an der Welt, am Reisen, Kennenlernen von Neuem. Ich bin keine „Wieder-Kommerin“ – selten. In den ersten Jahrzehnten waren es Neugier- und Bildungsreisen, später war ich viele Male in Indien – Rundreisen auch, aber auch regelmäßig war ich in einem Ashram in Rischikesh, bei einem powervollen Yogi, auf der  Suche nach spiritueller Unterrichtung. Da ich in meinem Elternhaus täglich die Lektüre der Bibel erlebte, interessierte ich mich, als ich mein eigenes Leben in die Hand nahm, für die anderen Religionen: Wie kann man die Dinge noch sehen, was sind die Gewissheiten der anderen Glaubenssysteme, die Ziele, die Versprechungen und wo ist der Konsens, das Verbindende, das allen Gemeinsame? Mein Fazit: Alle haben recht – im Grunde. Einmal bin ich ganz spontan von Rom aus – wo ich mich längere Zeit aufhielt – mit einer Gruppe von Pilgern zur Madonna von Medjugorie nach Bosnien gefahren. Ich bin nicht katholisch.

Wie ist Ihr Interesse gewachsen, andere Menschen zu begegnen, hörend und helfend und therapeutisch?

Mein Interesse an Psychotherapie habe ich früh entdeckt.

Ein Medizinstudent, den ich kannte, hat mir Bücher geliehen, in denen ein Psychiater Fallstudien mitteilte. Ich war fasziniert, „wie Krimis“, dachte ich. Ich war 15 Jahre alt und hatte gerade mein Studium an der Kunstakademie Stuttgart begonnen. Später habe ich verschiedenste Psychotherapien und Psychotherapeuten in Anspruch genommen, war fasziniert von der Technik Psychodrama und habe eine Ausbildung gemacht, auch noch ein paar andere Techniken hinzugenommen.

Damit habe ich dann begonnen mit Menschen zu arbeiten, was mir sehr große Freude machte. Das ist auch eine meiner Begabungen.

Wäre dies jetzt auch der Ort, vom Wert des Schwebens, des Freiseins, zu sprechen. Eine Ihrer Skulpturen in Dresden war ja ein eindringliches Zeugnis vom Schweben hoch oben im Raum. Kunst und Schweben, Kunst und Leichtigkeit, passt das gut zusammen auch für eine Bildhauerin?

Der Wert des Schwebens……….

Ich habe besonders gern immer wieder hängende Skulpturen gemacht, in Holz und in Eisen.

Hängen und Schweben sind nahe beieinander und doch nicht dasselbe. Es hat mich beglückt, dass die Dinge von oben kommen. Die einzigen Hängeobjekte, die wir im Alltag kennen, sind Lampen, Kronleuchter – Licht von oben, das ist pragmatisch, aber auch tiefsinnig. Da die Bildhauerei sonst mit Gewicht und Standfestigkeit arbeitet und eher erdverbunden ist, gefällt mir dieser Gegensatz. „Doch der Segen kommt von oben“, um noch einmal Schiller zu zitieren.

Von Ernst Barlach gibt es eine hängende oder schwebende Engelsfigur im Dom zu Güstrow. Die einzige Skulptur „in der Luft“, die ich kenne, doch sie ist nicht leicht, wie Barlach nie leicht ist.

Das Hängen gefiel mir, als ich die vor Jahrzehnten kennen lernte.

Ihre großen Skulpturen, etwa Looping in Berlin an der Avus, sind eine monumentale Raumgestaltung. Sie wollen offenbar positiven Einfluss nehmen auf den (oft so hässlichen) öffentlichen Raum?

Kunst im öffentlichen Raum hat die Aufgabe die vorgefundene Situation, die in der Regel innerstädtisch ist, zu bereichern, manchmal sogar zu retten. Sie muss ein neues Element beitragen.

Ich betrachte den Standort vom städtebaulichen Gesichtspunkt aus. Was braucht der Platz ? Welche Maße tun ihm gut ?

Beim Standort meiner Skulptur LOOPING handelt es sich um einen Unort. Es war dort für den neu gebauten (und später nie geöffneten) Messeeingang ein kleineres Kunstwerk am Aufgang ausgeschrieben.

Ich habe mir den Ort gründlich angesehen und kam zu der Überzeugung, dass diese unstädtische Gegend etwas Größeres braucht. Das ist keine Wohn- und keine Einkaufsgegend. Da sind kaum Passanten, aber viele viele Autos, die da ununterbrochen vorbei jagen. Das musste vom Auto aus erlebbar sein, also ein bestimmtes Format, eine bestimmte Ausdehnung haben.

 Was bedeutet es für Sie, wenn heute in Städten wie Berlin in rasantem Tempo Häuser hochgezogen werden und die Angst berechtigt ist, es werde eine neue Form der hässlichen, zugestellten Stadt entstehen?

Man kann und soll sich nicht gegen die Zeit stellen. Es gibt Entwicklungen, die wir bedauern, doch nicht aufhalten können. Das, was sich zeigt, ist die Wirklichkeit und die Wirklichkeit hat zunächst einmal recht. Das ist ja eine weltweite Entwicklung, überall werden in rasantem Tempo Häuser hochgezogen.

Städte verändern sich, oder verschwinden – teilweise.

In meinem Leben habe ich gesehen, wie Städte zerbombt wurden und wieder auferstanden.

In den 6oer Jahren gab es hier in Berlin eine Reihe erfolgreicher junger Architekten, die große Aufträge bekamen und ich hatte das Glück für verschiedene dieser Häuser die Kunst machen zu dürfen. Ich dachte das bleibt nun so. Inzwischen sind viele dieser Bauten wieder abgerissen, mitsamt meiner Kunst. Ohne Krieg.

Ich erfahre im Lauf meines Lebens, dass nichts von Dauer ist.

Eine ewige Bewegung – Tod und Auferstehung.

Meine Antworten sind mehr autobiografisch, weil sich lebend ergibt, was und wie es werden wird. Man hat nicht erst ein philosophisches Konzept und füllt es dann mit Leben, vielmehr ist im Nachhinein, im Abstand die philosophische Haltung sichtbar und anschaulich vor Augen.

Berlin, Oktober 2016

Copyright: Ursula Sax, Berlin.

Zu den Arbeiten von Ursula Sax über Christus: „Christus ist kein nur christliches Phänomen“ klicken Sie bitte hier.

Wichtig auch:  www.werksax.de



Erfindet euch neu! Ein Interview zu Michel Serres.

18. Oktober 2016 | Von | Kategorie: Alternativen für eine humane Zukunft, Philosophische Bücher

Fragen an Dr. Hans Blersch, Mathematiker und praktischer Philosoph.

Die Fragen stellte Christian Modehn.

In unserem Salon-Gespräch im September 2016 haben Sie deutlich Ihre Sympathien für den französischen Philosophen Michel Serres geäußert. Was schätzen Sie an seinem Werk besonders? Ist es vielleicht die gelegentliche Leichtigkeit des Stils und/oder die Verbindungen, die er zwischen Wissenschaft, Gesellschaft und philosophischer Reflexion vor Augen führt?

Ja, in Michel Serres Werk und vor allem in den Internet-Filmen mit ihm begegnet man dieser„gelegentlichen Leichtigkeit“ seines Stils, von der Sie sprechen. Sie ist dort überall zu spüren. Mit Leichtigkeit meine ich Einfachheit und unprätentiös vorgetragene Ideen. Nicht Seichtigkeit. Das Buch „Erfindet Euch neu!“ habe ich erst einigermaßen verstanden, als ich Serres darüber sprechen sah. Das ist ja gar nicht so schwer, was er uns in seinem Buch sagen will, dachte ich plötzlich. In den Filmen ist sein Witz, seine Freundlichkeit, seine Aufmerksamkeit, seine Freude am Denken, sein Wunsch, seine Gesprächspartner zum Denken zu verführen, ganz unübersehbar. Und was mich persönlich am meisten beruhigte, war Serres frohe Botschaft: Leute, freut Euch! Ihr braucht Euer Gehirn nicht mehr länger mit dummem Wissen vollzustopfen, denn das dumme Wissen findet Ihr heute leicht und schnell bei Google und Konsorten. Das heißt nichts anderes als: ihr könnt fast alles vergessen, was in der Schule zu lernen war. Euer Gehirn, sagt Serres, ist zum Lernen von Fakten zu schade. Benutzt es lieber zum Denken.

Wir haben uns in dem Gespräch besonders auf das Buch von Michel Serres „Petite Pucette“ konzentriert, es ist auf Deutsch mit dem Titel „Erfindet euch neu“ 2013 erschienen. Serres sieht enthusiastisch und optimistisch die Entwicklung der neuen digitalen Technologien, etwa von iPhones, facebook und Internet. Die Gefahren der Kontrolle durch die offenkundige Allmacht von Google usw. hingegen sieht er offenbar nicht. Warum ist es berechtigt, bei aller Kritik an facebook usw. dennoch die großen „Errungenschaften“ dieser neuen Medien positiv einzuschätzen?

Ganz sicher sind Serres diese Gefahren sehr wohl bewusst. Aber dieser Aspekt wurde und wird seit Orwell schon lang und breit behandelt. Warum also noch ein weiteres Lamento hinzufügen? Eine unaufhaltsame Entwicklung kann (wie z.B. der Regen) nicht wegdiskutiert werden, denn ersten brauchen wir ihn (den Regen) und zweitens kann man auch Regenschirme bauen. Den negativen Aspekten von Google, facebook und Cie. sind deren positive Aspekte entgegen zu setzen, schon allein deshalb, weil – siehe oben – das menschliche Gehirn als reiner Faktenspeicher zu schade ist.

Ist die Kritik, wenn nicht die Angst vor Google und facebook heute wirklich vergleichbar der alten Angst früher vor Erfindungen, etwa der Eisenbahn im 19. Jahrhundert? Oder ist den Bürgern (und den Politikern) die Beeinflussung von Google und facebook längst entglitten?

Zweimal ja: Angst vor Veränderungen gab es schon immer. Immer denken wir, dass sich alles zum Schlimmen hin verändert. Aber sehen Sie heute noch einen Grund etwa weiterhin zu Pferd oder mit der Postkutsche zu reisen? Statt mit der Bahn? Neue Entwicklungen erkennen wir erst dann, wenn sie sich durchgesetzt haben und schon längst nicht mehr vermeidbar sind. Als mein Sohn mir vor zwanzig Jahren ganz stolz sein erstes Handy vorführte, dachte ich im Stillen „dieser Unsinn wird schnell wieder vergehen“. Was dachten wohl die Erzähler der Odyssee, als die Schrift erfunden worden war? Was die katholische Kirche, als klar wurde, dass zusammen mit dem Buchdruck die Möglichkeit eröffnet wurde, den Mönchen die Bibeln aus der Hand zu nehmen und jedem einzelnen Gläubigen zum Studium zu überlassen? (Luther soll angeblich gesagt haben: „Mit der Bibel in der Hand, kann jeder Mensch Papst sein“.)

Das Buch „Erfindet euch neu“ hat den Untertitel „Eine Liebeserklärung an die vernetzte Generation“. Serres will als ein Alter (jetzt 86 Jahre) offenbar die jungen Menschen ermuntern, neu mit den neuen Medien umzugehen, um anders zu leben. Was müsste da geschehen?

Ich weiß nicht, ob die vernetzten jungen Menschen eine Liebeserklärung benötigen. Denken sie nicht eher: lasst uns unseren Weg finden, auch wenn er noch nicht klar zu sehen ist? Sicher ist nur, dass wir auf den alten Wegen nicht weiter kommen werden. In der französischen Fassung übrigens steht als Untertitel: „Die Welt hat sich so sehr verändert, dass die Jungen alles neu erfinden müssen: Neue Weisen des Zusammenlebens,neue Einrichtungen, neue Arten des Seins, des Erkennens“. Das heißt, jetzt geht es um Patchworkfamilien, Globalisierung, Kampf um Ressourcen, Erderwärmung, Hunger und Gentechnik. „Umdenken Mister – Umdenken Mister“, sang F.J. Degenhardt schon vor 50 Jahren.

„Erfindet euch neu“ könnte ja auch als Aufforderung an die „Alten“ gemeint sein, sich neu zu erfinden. Was müsste da geschehen?

Woran erkennt man die Alten, wenn nicht an ihren Schwierigkeiten, sich neu zu erfinden? Die Alten müssten zunächst ein Verständnis finden für die Neuerungen, die es im Laufe ihres eigenen Lebens gegeben hat und auf welche Weise sich die Neuerungen damals durchgesetzt haben. Plötzlich gab es in den 60er Jahren in allen Familien Telefon und Fernseher, obwohl sich das zehn Jahre vorher niemand vorstellen konnte. Die Alten können ihre Lebenserfahrungen einbringen und sollten – wie früher – weiterhin für eine bessere Welt kämpfen und dabei offen und neugierig bleiben. Egal aber, wie wir Alten uns verhalten: die Zeit ist schon im Begriff, uns sachte und unaufhaltsam aus dem Weg zu räumen, das wenigstens ändert sich nicht. Eines Tages wird auch ein Herr Zuckerberg die Welt nicht mehr verstehen. Facebook? werden dann die jungen Leute lachen, wer von euch weiß, was das mal war?

Die Vielfalt der Publikationen von Serres (bis 2015 mehr als 60 Buch-Titel!) zeigt nicht nur die Universalität seines Denkens, sondern eben neue essayistische Formen des Philosophierens. Inwiefern macht Serres Mut, sich selbst auf den Weg des Philosophierens zu begeben?

Immer mehr denke ich, dass Poesie und Musik die eigentlichen Medien der Philosophie sind, viel mehr jedenfalls, als streng logische Ableitungen. Obwohl Serres Mathematik studiert hat, tauchen sehr lyrische und unerwartete Bilder bei ihm auf. Wenn ich mir die 60 Titel seiner Bücher ansehe, staune ich: das alles soll Philosophie sein? Serres fordert uns mit dieser Vielfalt auf, das zu überdenken, was uns unmittelbar berührt und zu Fragen anregt. Etiketten, sagt er, sind für Leute, die zu faul sind zum Denken. Unsere Geschichtschreibung hatte und hat immer noch nur einen Mittelpunkt, sagt Serres: den oder die Menschen. Ist das nicht ein schrecklicher Narzissmus? Müssten nicht auch Tiere, Pflanzen, Organismen in geschichtliche Studien einbezogen werden?

In einem gerade erschienen Buch – Hergé mon ami – beschäftigt Serres sich mit Tintin (Tim und Struppi) und den in diesen Kindergeschichten enthaltenen Metaphern und Archetypen: dem cholerischen Säufer Haddock und seinem moralisch einwandfreien Freund, dem Musterknaben Tintin, dem zerstreuten Professor Tournesol, dem Spießer Seraphin Lampion, der sich durch keine Beleidigung aus der Fassung bringen lässt, den Polizeizwillingen Dupond und Dupont, die so redundant sind, dass einer von ihnen genügt hätte, und die aus purem Pflichtbewusstsein nicht davor zurückschrecken, auch Freunde zu verhaften, der exzentrischen Operndiva Castafiore usw. In Wirklichkeit, so Serres, haben wir es in diesen Comics mit einer klassischen „Comédie humaine“ zu tun.

Hergé mon ami offenbart meine kindliche Verzauberung, meine Jugendträume und meine Altersmeditationen“. Also sprach Michel Serres.

copyright: Hans Blersch, Berlin.



Thomas Müntzer: Der Theologe, der eine materiell erfahrbare Erlösung fordert.

5. Oktober 2016 | Von | Kategorie: Befreiung, Denken und Glauben

Ein Hinweis von Christian Modehn

Einige LeserInnen haben gefragt: Was ist denn, kurz gesagt, das Besondere, das Unterscheidende, der Theologie des Reformators Thomas Müntzer vor allem gegenüber Martin Luther? Diese Frage ist modern. Und sie wird in einer zeitgemäßen Übersetzung eines wesentlichen Aspekts der Theologie Müntzers als Hinweis/Antwort vorschlagen.

Thomas Müntzer will politisch, gesellschaftlich und leiblich, also ganzheitlich, aber in dieser Ganzheit auch seelisch, für die Menschen, für die Armen zumal, Erlösung auch „materiell“ erfahrbar machen: Dass Müntzer Bibelverse nicht im Sinne der heutigen historisch-kritischen Bibelwissenschaft deutet, ist klar, wie auch Luther noch nicht auf der Höhe kritischer Bibelforschung dachte bzw. denken konnte. Insofern waren beide in gewisser Hinsicht „Fundamentalisten“ und befangen in spätmittelalterlichen apokalyptischen Vorstellungen.

Zu Müntzers Profil: Wegen dieses ganzheitlichen, materiell erfahrbaren Erlösungs-Verständnisses wird Thomas Müntzer auch von lateinamerikanischen Theologen der Befreiung gut verstanden. Eine Vorstellung von „Erlösung in Christus“, die sich nur in einer Form des neuen, anderen und dann auch therapeutisch geheilten Bewusstseins abspielt und nur innerlich, nur seelisch allein wahrgenommen wird, trifft nicht die biblische Botschaft. Das Schlechtreden des „Materiellen“ und gesellschaftlich „Erfahrbaren“ (also angeblich „Linken“) durch die Kirchenführungen ist nichts als die Angst vor politischen (und kirchlichen) Umwälzungen. Die seelische Heilung ist nur in Gleichzeitigkeit zur Verbesserung politischer Verhältnisse möglich.

Luther sah vor allem die innere Verfassung der Seele, das Gerechtfertigtsein, das als inneres Hoffen und Bangen das Primäre ist. Die Veränderung der Gesellschaft und der Staaten in Richtung Gerechtigkeit war nicht sein Thema. Dies überließ er den Fürsten. Und die handelten … gewalttätig. Also noch unerlöst!

Thomas Müntzer hätte die Reformation zu einem ganzheitlichen Ereignis gestalten können im oben beschriebenen Sinn. Aber Luther und sein „Club“ ließen das nicht zu. So radikalisierte sich Müntzer bis hin zur (abzulehnenden Gewalt, dabei ging alle tötende Gewalt von den Fürsten, den Herren, als Erst-Ursache aus!!).

Aber war Luther so friedlich in seiner Theologie, die den Fürsten das Regieren überließ?

Das ist in unserer Sicht geradezu tragisch: Luther hat eine halbierte Reformation befördert, er wollte nur die neue Seele, nicht aber eine neue Gesellschaft, die von der neuen („gerechtfertigten“) Seele gleichzeitig gestaltet wird. Luther hat von daher bis heute den Weg gewiesen zu einer Kirche und Theologie der „schönen Innerlichkeit“, die auch noch im ungerechtesten System geistlich leben kann, ohne überhaupt auf den Gedanken des Widerstands oder etwa des Tyrannenmordes zu kommen. Dass diese Entwicklung in der katholischen Kirche – bei der anderen Kirchenverfassung – ähnlich verlief, ist klar. Man denke daran, wie schwach der katholische Protest gegen die Sklaverei war; wie stark die Nähe von Bischöfen und Päpsten zum Faschismus (Pius XI.)war usw… Die Abhängigkeit der Herren der Kirchen von den Herren in Politik und Ökonomie bis heute ist evident. Und dieses Thema wird von einer Theologie nicht bearbeitet, die sich an den deutschen Fakultäten als staatstragend etabliert hat…

Insofern ist es in unserer Sicht ein großer Makel, sicher auch eine bewusste Kalkulation, also Sünde?, Luthers, seinen ursprünglichen Mitreformator Thomas Müntzer verworfen und sozusagen zum Töten durch die Herrscher dann ausdrücklich (historisch belegt) freigegeben zu haben. Luther der Machtmensch – wird darüber 2015 gesprochen werden? Ich vermute nicht. Wäre ja auch blamabel, wo man schon den Antisemiten Luther eingestehen muss…

Der größte Makel Luthers aber ist für uns im Religionsphilosophischen Salon seine polemische und wahnhafte Ablehnung der wirkmächtigen menschlichen Vernunft, die auch in den theologischen Debatten die Vorherrschaft hätte behalten sollen. Die Verteufelung der Philosophie und des Humanismus durch Luther ist eine bleibende Anklage gegen ihn, von der auch heute wenig gesprochen wird. So bedeutend Luthers reformatorische Tat auch bleibt, als Widerstand gegen die korrupte katholische Kirche damals: Ein umfassend-denkwürdiger „Held“ oder ein großer umfassender Denker, auch des Sozialen und vor allem des Humanismus, war er überhaupt nicht.

Den Religionsphilosophischen Salon beschäftigt ein anderes Thema noch viel mehr: Vielleicht sollte man 2017 und beim Kirchentag von anderen Themen und aktuellen Problemen viel mehr sprechen, etwa von der Überwindung der Gewalt überall, dem Rassismus im Kernland Luthers, also im heutigen Sachsen und Sachsen-Anhalt usw. Es gibt für uns sehr viel Dringenderes für Christen und andere spirituelle Menschen, als jetzt so extrem oft über Luther zu reden und alle möglichen Orte Luthers als Pilgerstätten auszubauen und anzupreisen.

Umfassende Menschlichkeit muss heute zuallererst gefördert werden. Danach dann auch eine vernünftige Religion, also eine von der kritischen Vernunft gereinigte, die auch die soziale Veränderung/Verbesserung als Kern der Religion anerkennt.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin