Wir wurden in den letzten Tagen mehrfach aufgefordert, unsere früheren Informationen und Dokumentationen über eine Gruppe der sogenannten “Neuen Geistlichen Gemeinschaften” innerhalb der römischen Kirche wieder zugänglich machen, schließlich machen sich, so wurde uns berichtet, nicht nur das Opus Dei und die Legionäre Christi, sondern auch die sogenannten Neokatechumenalen Gemeinschaften “immer mehr breit”, so wörtlich ein Freund aus Köln; der berichtet, dass ein neokatechumenaler Priester alsbald (Weih) Bischof in Köln werden wird; er wurde von Papst Franziskus, dem armen und angeblich progressiven, ernannt.
Wir kommen dieser Anfrage nach, obwohl wir klarstellen: Wir sind ein philosophischer Salon, aber aufgrund der – in unserer Sicht oft unvernünftigen – Zustände in den Religionen heute immer wieder verpflichtet, Religions – Kritik zu betreiben, als eine Form kritischer Bildung. Unter diesem Blickwinkel sind auch die folgenden drei Beiträge zu verstehen; sie wurden im Jahr 2000, 2006 und 2011 veröffentlicht. Das meiste des dort Gesagten ist nach wie vor gültig, wenn auch die weltweite Integration der Neokatechumenaen weltweit auch als offiziell römische, also offiziell anerkannte “Bewegung” inzwischen viel weiter fortgeschritten ist, etwa: In manchen Bistümern sind junge (oder mittel-alterliche) Priester fast ausschließlich Mitglieder des Neokatechumenats. Die Neokatechumenalen im allgemeinen sind theologisch so unglaublich “bescheiden” zu sagen: “Unsere Theologie ist der römische Katechismus”. Da ahnt der Beobachter, wohin sich der römische Katholizismus entwickelt, wenn alsbald fast nur noch Neokatechumenale oder Legionäre Christi und Leute von “Das Werk” oder die Priester vom “Inkarnierten Wort” oder die “Kleinen Grauen” (das sind die Brüder vom Heiligen Johannes) usw. usw. die Gemeinden leiten und die Bistümer führen…Man muss kein Prophet sein: Diese finanziell äußerst starken und im Machtanspruch – auch gegenüber Journalisten – nicht zimperlichen Bewegungen werden “das Gesicht der römischen Kirche” weiter ganz wesentlich verändern bzw., je nach Blickwinkel, entstellen in Richtung: “Der Katechismus ist unsere Theologie und wer ihm nicht folgt, ist nicht katholisch”. Zu einem Beitrag für den WDR klicken Sie bitte hier.
….. Es folgen nun die drei Beiträge, in der ursprünglichen (Sende-) Form des Radios bzw. der Zeitschrift. Noch einmal: Das copyright liegt beim Religionsphilosophischen Salon.
Wer glaubt, fragt nicht (2000)
Die neokatechumalen Gemeinschaften
Von Christian Modehn
24 O TÖNE, insgesamt ca. 13 30“ lang.
EIN SPRECHER
Sie haben exotisch klingende Namen: Focolarini oder Communione e liberazione, Opus Dei oder neokatechumenale Gemeinschaften: Gruppen, die seit mehr als 30 Jahren das Leben der Katholischen Kirche bestimmen. Weltweit haben sie mehrere Millionen Mitglieder und Sympathisanten. Es sind vor allem Laien, Frauen und Männer, die in diesen Gruppen ein intensives religiöses Leben suchen. Auch in Norddeutschland machen diese Kreise von sich reden, zum Beispiel die Neokatechumenalen Gemeinschaften. Christian Modehn hat Anhänger und Kritiker dieser Gruppen getroffen, seiner Sendung gab er den Titel „Wer glaubt, fragt nicht“.
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1.O TON. Bruno Caldana. 0 18“
„Ich war ein Ehebrecher. Und ich hab gesehen, wie Gott mich geliebt hat. Fand die Möglichkeit, eines Tages der Versuchung zu widerstehen“.
Hundertmal hat Bruno Caldana schon diese Geschichte erzählt. Bei religiösen Vorträgen und Katechesen, in Beratungsgesprächen und Interviews. Bruno Caldana berichtet gern von seiner gottlosen Vergangenheit, das gehört nun einmal zu seinem Amt als katholischer Laien-Prediger. Seit 13 Jahren lebt der gebürtige Römer mit seiner Familie in Hannover. Wenn er nachmittags seine Arbeit als Buchhalter beim Malteser Hilfsdienst beendet hat, kümmert er sich um den Aufbau der neokatechumenalen Gemeinschaft. Diese „geistliche Bewegung“ will er in Deutschland fördern und verbreiten; aus Dankbarkeit, wie er sagt; denn im Neokatechumenat wurde er ein neuer Mensch.
2.O TON, Bruno Caldana 0 22“
„Gott, durch die Kirche und durch das Neokatechumenat, Gott hat uns gerettet, verhindert, daß wir uns trennten, Familie wiederaufgebaut. Haben gesehen, wie Gott uns geholfen hat, uns gegenseitig zu vergeben“. .
Rita und Bruno Caldana gehören heute im Bistum Hildesheim zum Leiterkreis des Neokatechumenats. Der erste Wortteil, das „neo“, bedeutet neu; und katechumenal bezeichnet die Glaubensunterweisung: Neokatechumenale Gruppen wollen also neu den Glauben lehren, nicht den Heiden, sondern, wie sie sagen, den lau und lax gewordenen Katholiken. Vor 35 Jahren wurde das Neokatechumenat von Kiko Arguello, einem Künstler aus Madrid, und der ehemaligen Nonne Carmen Hernandez gegründet. Heute sind die Neokatechumenalen nach eigenen Angaben in 105 Nationen, in 800 Bistümern und 5.000 Pfarrgemeinden vertreten. Eine Million Katholiken sollen mit dieser Gemeinschaft verbunden sein. Sie alle haben ein Ziel: Jeder Katholik soll sozusagen wieder hundertprozentig glauben und bekennen, was der Papst und die Kirchenlehre vorschreibt. Darum bieten sie Kurse an, bei denen sogenannte Sonntagschristen zu eifrigen Missionaren ausgebildet werden. Hartmut Berkowsky nimmt seit 12 Jahren an diesen Unterweisungen teil.
3. O TON, Hartmut Berkowsky 0 37“
„Auf der einen Seite bin ich Geschäftsführer bei Maltesern, wo ich humanitäre Aufgabe wahrgenommen. Humanitär helfen. Aber ich denke, nicht das, was eigentlich wichtig ist. Erfahren, daß ich den Menschen, denen ich begegne, daß ich da Gott begegne. Was ihr den geringsten getan hat, das habt ihr mir getan. Wahlspruch für mein Leben geworden, wo ich draufzugehe“.
Wer sich einer neokatechumenalen Gruppen anschließt, möchte seinen ganzen Alltag christlich gestalten. Arbeit, Kunst, Politik, alles soll kirchlichen Grundsätzen entsprechen. Bruno Caldana kommt ein wenig ins Schwärmen, wenn er an die neokatechumenalen Jugendgruppen in seiner Heimatstadt Rom denkt. Sie verbringen die Freizeit mit gottesdienstlichen Feiern:
4. O Ton, Bruno Caldana 0 38“
„Dadurch werden viele Jugendliche von falschen Wegen abgehalten. Hunderte, die warten, Eucharistie zu feiern. Anstatt ins Kino zu gehen, zu Disco… viele Jugendliche werden durch Disco auch abgelenkt“.
„Es gibt kein Glück auf dieser Welt“, schreibt der Gründer Kiko Arguello seinen Getreuen, „alles in dieser Welt sei nun einmal eitler Wahn“.
Gottesdienst und Glaubensunterweisung gelten als Ausweg gegenüber den Verlockungen der Konsumgesellschaft. Auch Propst Klaus Funke, der katholische Stadtdekan für Hannover, bietet Jugendlichen am Samstag abends ins Gemeindehaus von Sankt Clemens eine Alternative zu den Vergnügungen des Wochenendes. Propst Funke:
5. O TON, Propst Funke 0 19“ (Glocke im Hintergrund)
„Die neokatechumenale Idee ist wie so ein Zeichen, ja, man könnte sagen des Himmels, daß Gott selber Menschen stößt auf Realitäten, die wir so in unseren Gemeinden gar nicht mehr wahrnehmen und erleben“.
Propst Funke ist seit etwa 10 Jahren ein enger Freund und Vertrauter der Neokatechumenalen: Ihn beeindruckt, wie sich die Mitglieder dieser Gemeinschaft vorbehaltlos in den Dienst des Papstes stellen:
6. O TON, Propst Funke 0 30“
„Das Neokatechumenat lebt von Itineranten, das sind Laien, die sich bereit erklären, für die Sache Jesu vom Papst in alle Welt schicken zu lassen vom Papst. Per Los gezogen am Tag der Heiligen Familie. Da stehen Familien. Du kannst uns hinschicken, es ist vorbereitet; es gibt eine Menge Anfragen, und sie gehen dahin“. HIER RAUSGEHEN IM O TON!!!
Missionare, die per Los-Entscheid in alle Welt gesandt werden: Seit 1986 ist dies gängige Praxis; der Papst ist immer dabei, er hat daran sein Wohlgefallen! Auch das Ehepaar Caldana aus Rom wurde zusammen mit ihren vier Kindern im Rahmen einer Verlosung als Itineranten-Paar, also wie Wandermissionare, nach Hannover entsandt. Es hätte genauso gut Wladywostok, Tokyo oder Lima sein können; in Deutschland mußten die Caldanas selber sehen, wie sie mit der neuen Kultur und Sprache zurecht kommen. Inzwischen haben sie in ihren neo-katechumenalen Unterweisungen einen Schwerpunkt entdeckt: Rita Caldana:
7. 0 TON, Rita Caldana 0 19“
„Europa neu evangelisieren: Das heißt, daß wir Menschen alle gegen den Teufel, das heißt, wie Paulus sagte, gegen das Böse kämpfen müssen, nicht gegen kleine Sachen, das heißt es ist ein grosser Kampf“.
Die Frommen kämpfen gegen den Teufel, die Guten gegen das Böse: Auf welcher Seite die Neokatechumenalen stehen, ist klar. Propst Funke meint bei den Neokatechumenalen sozusagen positives, heilsames Dynamit gefunden zu haben:
8. O TON, Propst Funke 0 39“
„Was mich an dieser Idee eben so fasziniert, ist: echte Alternative zu dem Alltag, den ich sonst in den Gemeinden erlebe. Ich will diesen Alltag nicht diskriminieren; er ist die eine Seite der Volkskirche. Aber daneben, kann man sagen, ist das wie so ein bißchen Dynamit. In diesem Alltag. Manchmal krachend aufflackert. Macht deutlich, daß sich Dynamit in der Botschaft Jesu verbirgt, was wir eigentlich verschweigen oder unentdeckt lassen“.
Um im Bild zu bleiben: Nicht immer sind die Veranstaltungen des Neokatechumenates Dynamit; manchmal sind sie sehr langweilig, davon konnte sich Pfarrer Albrecht Przyrembel aus dem Bistum Hildesheim überzeugen; er hat an neokatechumenalen Unterweisungen teilgenommen; dabei fühlte er sich an die schlichte Theologie des 16. Jahrhunderts, an die Zeiten des Konzils von Trient, erinnert:
9. O TON, Przyrembel 0 41“
„Das ist der Katechismus von Trient. Bei dieser Gemeindekatechese war ich dabei, um Erfahrungen zu sammeln. Da waren Tafelbilder wie ich sie in der Grundschule gebrauche. Aber eben mit Erwachsenen Menschen nicht.. das waren irgendwelche Bilder, das waren ganz einfache, fertige Antworten. Wie im Katechismus: Wozu bin ich auf Erden. Was muß ich tun, um in den Himmel zu kommen. Was für Menschen eine Hilfe ist. Es gibt ja eine Neuauflage der alten Katechismen.
Die neokatechumenalen Missionare rühmen sich selbst, keine eigene Theologie zu entwickeln für das Gespräch mit den angeblich lauen und abständigen Katholiken; sie wollen sich keiner neuen, modernen Sprache bedienen. Bruno Caldana:
10. O TON, Caldana 0 15“
„Unsere Theologie ist das Katechismus der katholischen Kirche. Weil Gott ist derjenige, der uns lehrt, Gott gibt uns Antworten. Ich bin der Meinung, daß Gott da ist, um uns Antworten zu geben“.
Wenn sich einmal Protestanten in die neokatechumenalen Kurse verirren, wird ihnen deutlich gemacht: die volle christliche Wahrheit gibt es nur im römischen Katholizismus. Einen jungen Protestanten haben die Caldanas einmal nach Rom begleitet:
11. O TON, Caldana, 0 12“
„Bei der Pilgerfahrt hat er direkt erfahren, diese Figur des Papstes hat ihn so stark beeindruckt, daß er zur katholischen Kirche konvertiert hat“:
Konvertieren, also sich bekehren, das ist nicht nur Pflicht der Protestanten. Vor allem Katholiken werden aufgefordert, sich als Sünder zu bekennen und von einem unmoralischen Lebenswandel Abstand zu nehmen. Randgruppen und Minderheiten sollen die offizielle katholische Morallehre respektieren. Propst Funke:
12. O TON Funke 0 58“
„Homosexualität kommt in der Natur vor, ist aber nicht natürlich. Entspricht nicht der eigentlich Veranlagung des Menschen. Will nicht von Schuld erst einmal reden. In der Bibel gibt es keine positive Stellungnahme. Immer kritisch und sündhaft. Erst recht, wenn sie praktiziert wird. Jeder der darunter leidet, wie der Geldgierige, der Sture und kommt: Tut mir leid, ich komm davon nicht weg. der findet immer den barmherzigen Gott. Nur wer eben versucht aus einer Unvollkommenheit eine Vollkommenheit zu machen, der scheitert“.
Die Neokatechumenalen fühlen sich gedrängt, diese Wahrheiten den katholischen Pfarr-Gemeinden Deutschlands mitzuteilen. An der amtlichen, römischen Kirchenlehre wollen sie kein I Tüpfelchen verändert sehen. Sie bieten sich den Seelsorgern an, um in der Glaubensunterweisung zu helfen, wie sie das nennen. Pfarrer Hans-Joachim Osseforth aus der Diözese Hildesheim hatte vor einigen Jahren dieses Angebot aufgegriffen:
13. O TON Osseforth 0 32“
„Ich habe nach einer gewissen Zeit erlebt, daß sie sich ein bißchen besser dünkten als die normale Gemeinde. Ich muß mich bekehren, dann auch die Gemeinde. Ich wurde als Unbekehrter als nicht richtig Glaubender angesprochen, kommt diskriminierend immer rüber“.
Erfahrungen, die keineswegs nur in Niedersachsen gemacht werden. Ein Berliner, der katholische Dekan Pfarrer Bernhard Obst erinnert sich an seine Begegnungen mit neokatechumenalen Missionaren:
14. O TON, Obst
„Ich wurde dann nur noch indoktriniert.. bis zur Beleidigungen. Ich sollte mich erst bekehren. Das war peinlich Bat sie dann, die Wohnung zu verlassen. Ich hätte doch rechte als Hausherr und müßte mich von ihnen nicht beleidigen lassen“.
Eine Frauengruppe der Gemeinde Bruder Klaus in Berlin-Neukölln hatte sich auf die Neo-Katechumenalen eingelassen, in aller Offenheit und guten Glaubens. Wie hätte es auch anders sein können: Über diese neuen Missionare gibt es keine allgemein zugänglichen Broschüren, Bücher oder Zeitschriften. Die Neokatechumenalen sind sozusagen öffentlich nicht greifbar; sie lieben die Verschwiegenheit. In der Gruppe gab es schon bald erhebliche Spannungen; zwei Frauen, die lieber ungenannt bleiben wollen, erläutern die Probleme:
15. O TON, zwei Frauen hintereinander. 1 23“
„Wenn man mit ihnen spricht, daß ist DER Weg, man bedrängt auch, geht bis zur Beschimpfung, Teufel spricht aus einem. Tut weh! Wir haben sie im Frauenkreis gehabt, Unruhe, sie sind das Salz der Erde, und sie haben die Kinder besser im Griff. Da wird morgens schon Schriftlesung. Also es war sehr schwer. Ich persönlich halte das nicht aus, ich geh nicht mehr hin“.
Die neokatechumenalen Missionare lassen sich nicht beirren; sie ziehen weiter. Haben sie sich aber einmal in einer Pfarrei niedergelassen, gibt es oft Unruhe und Irritationen: Denn die Neokatechumenalen feiern am Samstagabend separat ihre eigene Gruppen Messe im Saal, manchmal hinter verschlossenen Türen; auch die Osternacht zelebriert der neokatechumenale Kreis für sich allein, ohne die Teilnahme der Ortsgemeinde. Kein Wunder, daß solche Abgrenzung von „den anderen“, den „gewöhnlichen Katholiken“, wenig Symapthie findet. Pfarrer Osseforth erinnert sich an einen neokatechumenalen Glaubenskurs:
16.O TON, Osseforth 0 38“
„Wir haben in der Gemeinde mit über 25 Leuten angefangen, am Schluß nach 4 Monaten waren nur noch 4 dabei; das Ende ist Wochenende, wo man sich entschließt, ob man weitermachen will.. Alle wollten nicht mehr mitmachen, zu einengend. Man muß Bußgottesdienste machen, man wird gezwungen zu beichten. Es floß dann mit ein, daß Gott nur auf dem Weg des Neokatechumenats die Menschen in die Freiheit führt. Das ist zu eng. Das geht nicht“.
In Hannover wird jetzt seit 12 Jahren für den neokatechumenalen Weg geworben: Bisher haben sich trotz intensiver Bemühungen erst 11 Erwachsene der Gemeinschaft angeschlossen. Die Kategorie „Erfolg“ haben die Neokatechumenalen in Deutschland jedenfalls aus ihrem Vokabular gestrichen, und sie fühlen sich dabei sogar sehr wohl. Rita Caldana:
17. O TON, Rita Caldana 0 10“
„Erfolg existiert nicht im Christentum. Weil Jesus Christus auch kein Erfolg gehabt hat. Oder: nur das Kreuz. Und wir sind in die richtige Platz“.
Die Neokatechumenalen stehen sozusagen auf der Seite Jesu, nehmen an seinem Leiden am Kreuz teil, und trösten sich damit, daß wenigstens der Zusammenhalt in der eigenen Gruppe gut funktioniert: Propst Funke:
18. O TON, Funke 0 34“
„Innerhalb der Gemeinschaften gibt es ein unwahrscheinlich intensives Anteilnehmen am Schicksal jedes einzelnen. Was ich erlebt habe, Güterteilung, Autos, Wohnungstausch. Kinderbetreuung, Vertretungen, bei Nöten, grossem geldlichen Einsatz, das ist erstaunlich“.
Das Neokatechumenat zählt nach eigenen Angaben weltweit mehr als 15. 000 solcher offenbar vorbildlichen Gruppen, Lebensgemeinschaften und Freundeskreise. Aber, sie alle sind untereinander vernetzt, betont Pfarrer Osseforth:
19. O TON Osseforth, 0 41“
„Das ist viel zentralistischer als der normale hierarchische Aufbau der katholischen Kirche. Sehr zentral gesteuert. Gut durchstrukturiert. Der oberste Chef ist Kiko, das ist der Jesus des Neokatechumenates. Alles, was Kiko gemacht hat, ist gut. Seine Bilder sind wie Ikonen. Nur diese zählen etwas auf unserem Weg. Das halte ich auch für eine Engführung“.
Der feste Zusammenhalt in einer von Befehlen und Gehorchen geprägten Gemeinschaft übt für viele junge Menschen immer noch eine faszinierende Wirkung aus. Aus den neokatechumenalen Familien, die oftmals 8 oder 10 Kinder zählen, entschliessen sich immer wieder junge Männer, Priester zu werden. Propst Funke:
20. O TON Funke 0 32“.
„Das Neokatechumenat hat in aller Welt jetzt vierzig Priesterseminare. Weil aus den Gemeinschaften so viele Priester werden wollen, daß man nur neidisch werden. So was habe ich in meinem Seminar nicht erlebt, an Freude am Glauben, grundsätzlich positiven Haltung zur Kirche“.
Bei dem zunehmendem Mangel an Priestern freuen sich zahlreiche Bischöfe vor allem im Osten Europas über den geistlichen Nachwuchs, den die Neokatechumenalen bereit stellen. In Berlin gibt es seit mehr als 10 Jahren ein neokatechumenales Priesterseminar mit 30 Studenten. Einige dieser Theologen arbeiten inzwischen als Kapläne in Berliner Gemeinden; aber länger als ein Jahr erträgt kaum eine Gemeinde diese jungen, aber extrem konservativ denkenden Priester. Vielleicht ist dies ein Grund, daß der sonst eher wohlwollende Berliner Kardinal Georg Sterzinsky vorsichtig Distanz andeutet:
21. O TON, Sterzinsky, 0 35“
„Ich mach da nur mit, damit ich auch eingreifen kann oder mitsprechen kann; daß es nicht einen Wildwuchs gibt. Kaderschulung in der Missionierung. Wir bleiben bei 30 Studenten. Weil ich nicht meine, daß man mit Klerikern in den Osten starten sollten.
Prominente katholische Kirchenführer haben sich deutlich vom Neokatechumenat distanziert: Der englische Kardinal Hume nannte diese Gemeinschaft schlicht und einfach fundamentalistisch; Kardinal Martini von Mailand warnt ausdrücklich vor den Neokatechumenalen, in manchen Bistümern der Vereinigten Staaten sind sie offiziell unerwünscht. Kiko Arguello, der Gründer der Neokatechumenalen, macht aus Kritikern einfach nur „Verfolger“. Für ihn und seine Gemeinschaft ist die ganze Kirche in Gute und weniger gute Mitglieder aufgespalten. Das konnte Pfarrer Osseforth beobachten:
22. O TON, Osseforth, 0 29“
„Sie sondieren auch ganz klar. Sie sagen sofort, der Bischof uns nicht so liebt, wie wir das wollen, der ist nicht katholisch. Wird diskriminiert. Immer: der Papst unterstützt uns doch. Viele Bischöfe tun das auch.Viele Bischöfe, die kritisch sind, das sind dann die Nichtbekehrten“.
Die neokatechumenalen Gemeinschaften haben in fast allen Bistümern Deutschlands Fuß gefaßt, auch in der Diözese Hildesheim. Aber allzu großer Beliebtheit erfreuen sie sich nicht, betont Pfarrer Osseforth:
23. O TON, Osseforth, 1 00“
„Es gibt kritische Interessiertheit, haben einzelnen geholfen, die versaut waren, aber es ist nicht die Erneuerungsbewegung“.
Der Papst sieht das anders: Er ist begeistert von dem Eifer dieser aufdringlich für die römische Kirchenlehre werbenden Missionare; er freut sich über die Bereitschaft der neokatechumenalen Jugendlichen, geradezu massenhaft päpstliche Veranstaltungen zu besuchen. Allein beim katholischen Weltjugendtreffen in Paris im Jahre 1998 waren 50.000 neokatechumenale Jugendliche hilfreich in der Organisation; sie waren vor allem die öffentlich sichtbaren Papst-Fans und Jubel-Rufer in den überfüllten Veranstaltungen. Auch in diesem Jahr, dem Heiligen Jahr in Rom, wird man die Neokatechumenalen nicht übersehen können. Sie gelten längst – neben dem Geheimbund Opus Deials die Stoßtruppen des Vatikans. Sie verändern das Gesicht der katholischen Kirche. Viele Beobachter haben den Eindruck: Sie machen aus der Kirche, der vielfältig lebendigen Gemeinschaft der Glaubenden, ein starre Institution der Indoktrination und Besserwisserei.
—–HIER eventuell schon Schluß der Sendung, falls noch Zeit—-:
Wie kommen Katholiken dazu, sich dieser kämpferischen, zentralistischen und dogmatisch erstarrten Gemeinschaft anzuschließen? Pater Karl Hermann Lenz aus dem Pallottiner Orden hat sich mit dieser fundamentalistisch genannten Gemeinschaft befaßt:
23. O TON Pater Lenz. 0 55“
„Daß sie bei Teilen der Kirchenleitung eine Beliebtheit haben, in Zeiten der Unsicherheit, Johannes Paul der zweite wir stehen an deiner Seite. Mensch da haben wir noch Leute, die wirklich kirchentreu sind-
zulauf wegen Gruppe, Verbindlichkeit, klare Antworten bekommt, ist ja was Grosses. Spirituelles Wachstum, da gibt es ja auch viel zu wenig in den Gemeinden“.
Copyright:Christian Modehn
……….
Deutschlandfunk 2011
Studiozeit: Aus Religion und Gesellschaft
“Das Vertrauen ist erschüttert – die neuen geistlichen Gemeinschaften in der Krise”
Von Christian Modehn
1. Spr.: Berichterstatter
2. SPR.: Zitator und Übersetzer
O TÖNE, zus. ca. 10 00“.
1. SPR.:
Die katholische Kirche liebt die Einheitlichkeit. Weltweit wird das gleiche Glaubensbekenntnis gesprochen, überall werden die Messen nach den gleichen liturgischen Vorschriften gefeiert. Der Pluralismus zeigt sich vor allem in der Vielfalt der Lebensformen. Mönche und Arbeiterpriester in Fabriken sind sehr verschieden, auch Missionare und Einsiedler haben wenig gemein. Pluralität der Lebensformen war viele Jahrhunderte auf Kleriker und Ordensleute begrenzt. Seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil, also seit 50 Jahren, gestalten vor allem Laien, Frauen wie Männer, „neue religiösen Gemeinschaften“. Allein in Deutschland sind 70 unterschiedliche Gruppen vertreten; weltweit sollen mindestens 500.000 Katholiken dazu gehören. Der katholische Theologe und Religionssoziologe Professor Michael Ebertz aus Freiburg im Breisgau hat diesen Trend untersucht:
7. O TON, Ebertz, 0 26“.
Im Grunde könnte man sagen: Diese so genannten neuen geistlichen Gemeinschaften sind Nachfolger eigentlich so dieser Ordensleute und sie steigern, sie erhöhen die Vielfalt, die Komplexität, innerhalb der Kirche, weil wir in diesen geistlichen Gemeinschaften auch sehr gegensätzliche Positionen finden. Man könnte sagen, von der fundamentalistischen bis hin zu einer sehr ökumenisch, also auch den evangelischen Christen gegenüber sehr aufgeschlossenen Gemeinschaften.
1. SPR.:
Dazu gehört etwa die „Gemeinschaft Sant Egidio“, die sich für den Dialog der Weltreligionen einsetzt; auch die Gruppen der „Focolarini“ nehmen Protestanten als Mitglieder auf. Konservativ und auf die traditionelle katholische Identität bedacht sind die Gemeinschaften der „Neokatechumenalen“ und der „Charismatiker“, des „Opus Dei“ und der „Legionäre Christi“. Sie haben jeweils mehr als 50.000 Mitglieder. KÜRZUNG ANFANG: Viele von ihnen leben in eigenen Häusern zusammen, also wie in einem Kloster; die meisten aber wohnen „inmitten der Welt“, wie sie gern sagen. Bei den Gruppentreffen mindestens einmal in der Woche pflegen sie die Verbundenheit untereinander. KÜRZUNG ENDE.
Zur Theologie dieser so unterschiedlichen Kreise meint Professor Ebertz:
6. O TON, Michael Ebertz, 0 26“.
Sie unterwerfen sich dem hierarchischen Anspruch der Bischofs – und der Papstkirche. Sie setzen ganz auf die religiöse Karte und interpretieren das Evangelium und die christliche Tradition in einem sehr entschiedenen Sinne. Man könnte auch sagen, sie sprechen damit die religiösen Virtuosen unter den Katholikinnen und Katholiken an. Also alle, die etwas mehr wollen als das Übliche, was in den Pfarrgemeinden abläuft.
1. SPR.:
Darum bietet ihnen die Messe am Sonntag noch nicht „ausreichend geistliche Nahrung“, wie sie sagen, und die üblichen Bibelkreise am Abend erscheinen ihnen zu oberflächlich. Sie wollen ihren Glauben in eigenen Veranstaltungen intensiv pflegen. Und dabei entstehen dann Konflikte:
1. O TON, Pater Gerhard Pöter, 0 08“
Die Charismatiker in der Gemeinde, die machten, was sie wollten. Also in der Gemeinde hatte ich überhaupt nichts zu melden. Die haben das Ganze dirigiert.
1. SPR.:
Pater Gerhard Pöter aus dem Dominikaner Orden berichtet über seine Erfahrungen mit katholischen Charismatikern. Sie glauben, besondere Gnadengaben des Heiligen Geistes empfangen zu haben. In der Gemeinde, die Pater Gerhard Pöter leitet, fühlten sie sich darum als die „besseren Christen“.
2. O TON, Pater G. Pöter, Fortsetzung von 1.OTON, 0 20“
Wenn die ein Studium machten, natürlich nicht mit mir oder mit einem anderen von unserem Orden, ein Studium mit irgendeinem Führer der charismatischen Bewegung, die also ganz oben gesteuert werden, dann kamen diese Leute in die Gemeinde, die grüßten noch nicht einmal den Priester. Nein! Die machten das völlig parallel. Wenn der Priester nicht charismatisch ist, dann machen die eben ihre Sache alleine. HIER RAUSGEHEN
1. SPR.:
Pater Pöter arbeitet seit 30 Jahren als Pfarrer im zentralamerikanischen Staat El Salvador. Er hat dort erlebt, wie sich in dieser Zeit das Profil der katholischen Kirche grundlegend veränderte. Anstelle der sozial – kritischen „Basisgemeinden“ wollen sich nun konservativ geprägte Laien und die mit ihnen verbundenen Priester für die klassischen Glaubenslehren einsetzen. Sie sprechen von „totaler Übereignung an Gott und die Kirche“.
So denken auch die Gruppen des Neo – Katechumenats; sie möchten unbedingt allen Katholiken noch einmal „neu“ die gesamte Kirchenlehre ausführlich erklären. Der katholische Pfarrer Hans Joachim Osseforth aus Hannover hat die Neokatechumenalen persönlich kennen gelernt:
3. O TON, Pfr. Hans Jochim Osseforth, 0 15”.
Man musste einen Bußgottesdienst mitmachen von 2 Stunden, man wird fast gezwungen zu beichten. Das floss dann also doch sehr stark mit ein, dass Gott eigentlich weitgehend nur auf dem Weg des Neokatechumenates die Menschen in die Freiheit führt. Und dann merkte ich: Das ist einfach zu eng, das geht nicht.
1. SPR.:
Genauso wichtig wie die radikal gelebte Frömmigkeit ist die enge Bindung an den Gründer des Neokatechumenats, den Spanier „Kiko“ Argüello, betont Pfarrer Osseforth:
4. O TON, 0 20“.
Erst reingehen bei:
Der oberste Chef ist Kiko, das ist also der Gründer, der ideelle Gründer, das ist, sage ich mal, der Jesus des Neokatechumenats. Und alles, was Kiko gemacht hat, ist von vornherein schon gut. Da darf man auch nichts kritisieren, das halte ich dann auch für eine Engführung.
1. SPR.:
Gegen diese „Engführung“ eines autoritär geprägten Glaubens gab es schon häufig Widerspruch innerhalb der Kirche. Jetzt melden sich auch Katholiken in Japan Wort. In dem buddhistisch geprägten Land nähmen die neokatechumenalen Missionare keine Rücksicht auf die Eigenheiten der dortigen Kirche, heißt es. In der katholischen Zeitung „Katorikku Shimbun“ hat Leo Ikenaga, der Erzbischof von Osaka, kürzlich geschrieben:
2. SPR.:
Wo diese geistliche Gemeinschaft der neokatechumenalen Missionare aktiv ist, beobachten wir Verwirrung, Konflikte, Spaltung und Chaos in unserer japanischen Kirche.
1. SPR.:
Vier japanische Bischöfe reisten im Dezember vergangenen Jahres nach Rom. Sie wollten den Papst bitten, mit einem Machtwort die Aktivitäten der aufdringlich werbenden neokatechumenalen Missionare wenigstens für die nächsten fünf Jahre zu unterbinden. Benedikt XVI. hörte sich zwar die Klagen an. Aber ein Ende dieser Missionstätigkeit wollte er nicht verfügen. Schließlich kann er die „neuen geistlichen Gemeinschaften“ nicht verprellen, betont Professor Ebertz:
20. O TON, 0 22“,
Das sind sozusagen innerkirchliche Bio – oder Soziotope, die fruchtbar sind im Blick auf die Rekrutierung, die Gewinnung, von Priesternachwuchs. Und das sind natürlich der Kirche liebste Kinder, die nicht so kompromißlerisch sind, nicht so im Grunde eine Religion light, ein Katholischsein light, pflegen, sondern auch ein Bekenntnis ablegen und dazu stehen. Und Sünde Sünde nennen.
1. SPR.:
Darum ist es nicht erstaunlich, dass die neuen geistlichen Gemeinschaften auch die offizielle kirchliche Approbation erhalten haben. Aber gelegentlich müssen sie doch ermahnt werden, treu „zur Kirche zu stehen“. Benedikt XVI. erklärte Mitte Januar dieses Jahres im „Saal Paul VI.“:
5. O TON, Benedikt XVI. , auf Italienisch 0 47“. (Zusammenfassend kürzer übersetzt).
2. SPRECHER:
Die Kirche hat im Neokatechumenalen Weg ein besonderes Geschenk des heiligen Geistes erkannt. Deswegen muss sich diese Gemeinschaft in großer Harmonie mit der ganzen kirchlichen Gemeinschaft befinden. So gesehen, muss sie sich auch in tiefer Gemeinschaft mit den Bischöfen und allen Mitgliedern der Ortskirchen befinden.
1. SPR.:
Benedikt XVI. will unbedingt diese „intensiv“ Frommen unter die Aufsicht der Hierarchie stellen. Schon als Leiter der römischen Glaubensbehörde hatte er sich dafür eingesetzt, abwegig erscheinende Lehren aus den Kreisen neuer geistlicher Gemeinschaften zu korrigieren:
9. O TON Ratzinger, 0 39“. in Aigen.1991
So sind wir verfahren bei einer Ordensgemeinschaft, die in Mallorca sich gebildet hatte unter dem Namen Identes.
1. SPR.:
…berichtete Kardinal Ratzinger 1991 bei einem Vortrag im österreichischen Aigen – Schlägl:
(FORTSETZUNG des 9. O TONS)
Der Gründer war ein etwas geistig verworrener und theologisch schwärmerisch und träumerischer Mann, so dass seine Gründung absolut unmöglich erschien und unakzeptabel auch mit Disziplin und Lehre der Kirche unvereinbare Elemente enthielt. Aber wir dann einen Weg gefunden haben, der dahin ging, dass der Gründer selbst den Großmut fand, sich ganz von seiner Gründung zu trennen, die dann neu konstruiert werden konnte.
1. SPR.:
Die neuen geistlichen Führer und Gründergestalten lassen sich von ihren Anhängern „Vater“ oder „Hirte“ nennen; sie verstehen sich als „Wegweiser zum wahren Glauben“. Der Züricher Philosoph Gonsalv Mainberger hat einen dieser „von Gott begnadeten Meister“, den Pater Marie – Dominique Philippe, etliche Monate unmittelbar an der Universität Fribourg erlebt.
8. O TON, Gonsalv Mainberger, 0 35“.
Philippe habe ich erfahren in seiner Art Messe zu lesen, das war jedes Mal eine ekstatische oder pseudomystische Angelegenheit. Er zitterte und hat jedes Mal ein Gotteserlebnis konstruiert. Pathetisch! Ausdruck seiner inneren Ergriffenheit, mit der er dann auf die Menschen losging. Und dann merkte ich, er verlangt Unterwerfung. Das wollte ich nicht. Es wird Gefolgschaft abverlangt, und ich wollte das nicht.
1. SPR.:
Unterwerfung und Gefolgschaft: Diese Stichworte kehren immer wieder, wenn man die Geschichte der von Pater Philippe gegründeten geistlichen Gemeinschaften studiert. Die Nonnen seines französischen Ordens, die „Soeurs de la compassion“, hielten junge Schwestern aus Rumänien und der Slowakei Monate lang wie Gefangene in ihren Klöstern. Alle persönlichen Gegenstände, selbst die Ausweise wurden ihnen abgenommen. Erst als die Gerichte einschritten, besserte sich die Lage. Auch der internationale Orden der „Brüder vom heiligen Johannes“ ist eine Gründung Pater Philippes. Die Brüder wurden wegen ihres autoritären und politisch äußerst rechtslastigen Verhaltens selbst dem konservativen Kardinal Lustiger suspekt; er hat diese Mönche aus Paris vertrieben. Die Nachrichten Agentur KIPA aus der Schweiz schrieb im Juni 2006:
2. SPR.:
Papst Benedikt XVI hat die kirchlich umstrittene „Gemeinschaft vom heiligen Johannes“, eine Gründung Pater Philippes mit 500 Mitgliedern, zu mehr Sorgfalt bei der Aufnahme neuer Mitglieder ermahnt.
1. SPR.:
Die Kirchenführung hat heute kein ungebrochen positives Verhältnis mehr zu den sich machtvoll gebärdenden geistlichen Gemeinschaften. Offenbar haben Papst und Bischöfe aus früheren Fehlern gelernt. Der größte Irrtum war wohl die mehr als 50 Jahre dauernde Unterstützung für den mexikanischen Pater Marcial Maciel, den Gründer der Ordensgemeinschaft der „Legionäre Christi“ und der Laien – Gemeinschaft „Regnum Christi“. Maciel hatte schon als 20 Jähriger in Mexiko sein eigenes Kloster gegründet, in dem er als Oberhaupt mit 12 – bis 14 jährigen Knaben zusammen lebte. Als Leiter seiner Gemeinschaften in Rom verpflichtete er schon in den fünfziger Jahren seine Mitglieder zum Stillschweigen über alle internen Vorgänge. Und das mit gutem Grund: Pater Maciel neigte ständig zu sexuellen Übergriffen an Knaben und Seminaristen. Erst im Jahr 1997 fanden sieben mexikanische Opfer den Mut, von den Schandtaten Maciels öffentlich zu sprechen. Sie sind inzwischen Priester und Professoren; sie zeigten Maciel bei Papst Johannes Paul II. und Kardinal Ratzinger an. Aber die Beschwerde wurde in Rom völlig ignoriert. Über die Gründe äußert sich der in Mexiko lebende katholische Theologe Alfons Vietmeier:
14. O TON, Vietmeier, 0 36“.
Das hing damit zusammen, dass das Angebot des Ordens war: Wir haben stramm Rom treue, gehorsame Priester, und aus einer rechtskatholischen Oberschicht, die politisch dann auch wiederum antikommunistisch und antisozialistisch war und ist. Und insofern gewisse Stimmungslagen eines aus Polen stammenden Papstes traf, der genau das suchte, in einer Welt, die laut offizieller Logik in Rom und einschließlich unseres jetzigen Papstes in den Wirren der Zeit unterzugehen droht.
1. SPR.:
Die „Legionäre Christi“ und die Laiengemeinschaft „Regnum Christi“ haben zusammen etwa 65.000 Mitglieder weltweit. Während der Vatikan die Vorwürfe ignorierte, berichteten in Spanien, den USA und vor allem in Mexiko alle großen Medien ausführlich über die Verbrechen Maciels. Der in Mexiko Stadt lehrende Historiker Professor Enrique Dussel kennt die Legionäre Christi sehr gut:
11. O TON, Prof. Henrique Dussel. 0 26“.
2.SPR..
Ihr Gründer ist ein Päderast, er ist obendrein korrupt und bestechlich. Das stimmt absolut. Es gibt mehr als 10 Zeugnisse von Leuten aus den letzten 15 Jahren, die bestätigen, dass er korrupt ist. Aber Papst Johannes Paul II. wollte diese Frage nicht erörtern. Dabei handelt sich um die Korruption in der Kirche, das ist ein sehr, sehr großes Problem.
1. SPR.:
Und der ebenfalls in Mexiko – Stadt lebende kolumbianische Schriftsteller Fernando Vallejo betont:
10. O TON, Fernando Vallejo. 0 21“.
2.SPR.:
Natürlich, die Legionäre Christi kenne ich sehr gut. Der Orden ist sicher eine der machtvollsten Organisationen der Katholische Kirche. Was ich zuallererst kritisiere ist die Verlogenheit seiner Kirche und vor allem auch, dass der Papst keinen Prozess gegen Maciel führt. Ich würde Pater Maciel den Prozess machen vor allem wegen seiner Lügen und seiner Scheinheiligkeit.
1. SPR.:
Die Legionäre Christi haben über viele Jahrzehnte alle Vorwürfe gegen ihren geliebten „Vater“ pauschal zurückgewiesen. Pater Klaus Einsle von der Düsseldorfer Legionärs – Zentrale betonte noch im Jahr 2005:
12. O Ton Einsle, 0 15“.
Unser Ordensgründer hat nie wirklich Zeit damit verloren, sich zu verteidigen. Warum, weil er innerlich ein ganz reines Gewissen hat. Das war für uns eine große Lehre, dass man nicht so viel Zeit damit verbringen muss, sich zu rechtfertigen.
1.SPR.:
So konnten sie verschwiegen mit ihrem pädophilen Ordensvater unter einem Dach leben; im Vatikan hatte er viele Freunde:
18. O TON, P. Einsle 0 22“.
Schon seit 10 oder 12 Jahren gewährte uns der damalige Kardinal Ratzinger jeweils eine kleine Gesprächszeit mit ihm persönlich. Das war eine sehr, sehr herzliche, verbundene Atmosphäre. Er hat auch öfters unser Haus besucht, er kennt uns sehr gut. Und bin sicher, dass er uns auch sehr schätzt, dass da eine große Verbundenheit da ist.
1. SPR.:
Auch mit Papst Johannes Paul II. und prominenen Kardinälen war Pater Marcial Maciel eng befreundet. Die angesehene Wochenzeitung „National Catholic Reporter“ aus den USA hat nachgewiesen, wie Maciel seine vatikanischen Freunde zu Weihnachten mit großzügigen Geldgeschenken bedachte. Besonders eng verbunden war der „geistliche Meister“ mit dem damaligen Staatssekretär Kardinal Angelo Sodano. Alfons Vietmaier aus Mexiko betont:
17. O TON, Vietmeier, 0 24“.
Es haben unzählige Bischöfe Flugscheine bezahlt bekommen, Stipendien für Priesterstudien bezahlt bekommen, die Synoden in Rom sind erheblich mitfinanziert worden von den Legionarios. Es gibt also dort eine Vernetzung, die ganz klar bis zu Papst Johannes Paul II geht, der ganz eindeutig das favorisiert hat.
Kürzungsmöglichkeit Anfang:
1.SPR.:
Wie konnten so viele Kirchenführer das wahre Gesicht Pater Maciels Jahrzehnte lang ignorieren? Der Jesuitenpater Klaus Mertes, der vor einem Jahr die pädophilen Verbrechen im Berliner Canisius Kolleg offen benannt hat, meint:
19. O TON, Pater Klaus Mertes, 0 27“
Es gibt einen Typ von Pädophilen, der andere Menschen verzaubern kann. Es ist ganz schwierig, sich diesem Zauber zu entziehen. Und in dem Moment, wo man in dem Beziehungszauber drin ist, wird auch das Hinüberreichen und Herüberreichen von Geld und Bestochenwerden schon gar nicht mehr als solches erlebt. Das ist sozusagen Teil des Beziehungszaubers, der von einem ausgeht.
Kürzungsmöglichkeit Ende.
1.SPR.:
Pater Maciel hat bis zum Jahr 2004 zahlreiche Päpste, Bischöfe und Kardinäle „bezaubert“. Erst vor 7 Jahren trat er als Ordensoberer mit dem gar nicht so geistlichen Titel „Generaldirektor“ zurück. 2006 ist er in den USA im Alter von 86 Jahren gestorben.
Seit einem Jahr ist die neue Führung der Legionäre Christi und des Regnum Christi entmachtet. Der Papst hat an die Spitze beider Gemeinschaften einen päpstlichen Delegaten gesetzt, den Kirchenrechtler Kardinal Velasio de Paolis. Er soll diese Gemeinschaften „reinigen“ , wie es heißt, also grundlegend reformieren. Neun Monate lang wurde die beiden geistlichen Gemeinschaften Pater Maciels in päpstlichem Auftrag untersucht, es wurde geprüft, wie weit z.B. pädophile Tendenzen bei Mitgliedern des ganzen Ordens zu finden sind. Benedikt XVI. nannte zum Abschluss der Untersuchungen allerdings nur einen Hauptschuldigen. Er erklärte am 1. Mai 2010:
2. SPR.:
Das sehr schwerwiegende und objektiv unmoralische Verhalten von Pater Maciel, das durch unbestreitbare Zeugenaussagen belegt ist, äußert sich bisweilen in Gestalt von wirklichen Straftaten und offenbart ein gewissenloses Leben ohne echte religiöse Gesinnung
1. SPR.:
Aber wegen dieser Straftaten kann Marcial Maciel nicht mehr gerichtlich belangt werden, bis zu seinem Tod hat der Vatikan ihn gedeckt und geschützt…Neben den zahlreichen pädophilen Verbrechen ist nun auch noch erwiesen: Der Pater ist auch Vater von mindestens 5 Kindern. Seine Freundinnen waren Angehörige der so genannten „obersten Oberschicht“ in verschiedenen Ländern Lateinamerikas. Sie beschenkten ihren Liebhaber überaus reichlich. Das Vermögen des Ordens wird heute auf 25 Milliarden US Dollar geschätzt. Der Theologe Alfons Vietmeier in Mexiko über diesen pädophilen Frauenheld, der selbst noch seine eigenen Söhne sexuell missbrauchte:
13. O TON, Alfons Vietmeier, 0 27“.
Eine solche deutlich als Heiliger herausgestellte Figur bricht zusammen, und damit bricht auch eine kirchliche Glaubwürdigkeit zusammen. Und das erschüttert die Grundfesten einer Kirche, die immer stramm auf Moral hin gearbeitet hat, die immer die Werte der Familie, der Enthaltsamkeit hoch gehalten hat, und das bricht wie ein Kartenhaus zusammen.
1.SPR.:
In Deutschland reagieren die Legionäre Christi gelassen auf diese Enthüllungen, sie haben sich mit ein paar Worten die Untaten Maciels bedauert! Der Orden hat bisher nur zwei deutsche Niederlassungen: In Düsseldorf ist die Zentrale, in Bad Münstereifel befindet sich das Noviziat und ein „Knabenseminar“, eine „Apostolische Schule“ für 12 bis 14 jährige Jungs. Als Kardinal Joachim Meisner am 26. Oktober 2010 dieses Knabenseminar besuchte, erklärte er abschließend auch gegenüber den Legionären:
2. SPR.:
Ich sage nicht: Werdet gut . Sondern BLEIBT gut. .
KÜRZUNGSMÖGL. ANFANG:
1. SPR.:
Die Laiengemeinschaft Regnum Christi hat prominente Mitglieder, berichtet einer ihrer Freunde, der Journalist Hubert Gindert:
20. O TON, Hubert Gindert, 0 19“,
Fürst Löwenstein, der ist also eng verbunden mit Regnum Christi. Christiana von Habsburg Lothringen, das ist die Schwester von Fürst Löwenstein, die ist also auch sehr eng verbunden mit Regnum Christi. Ja. Ich hab den Eindruck, dass bei diesen Gemeinschaften der Adel verhältnismäßig stark repräsentiert ist
KÜRZUNGSMÖGL. ENDE.
1. SPR.:
Inzwischen wurden aus allen Häusern der Legionäre Christi die Fotos des „geliebten Vaters Maciel“ entfernt. Auch die Aufnahmen, die ihn zusammen mit seinem „lieben Förderer“ Papst Johannes Paul II. zeigen, mussten verschwinden. Maciels Bücher dürfen nicht mehr vertrieben werden. Ist das die große „Reinigung“ innerhalb einer Ordensgemeinschaft? Das Ziel hat der Papst schon vorgegeben: : Einzig der Ordensgründer soll schuldig gesprochen werden, alle anderen werden entlastet. Nur so kann die Kirche weiter auf eine finanziell starke wie missionarisch aktive Organisation setzen. Der Papst braucht die neuen geistlichen Gemeinschaften, meint Professor Ebertz:
16. O TON: Michael Ebertz, 0 46“.
Wenn wir auf dieses Rechts – oder auch fundamentalistische Spektrum auch dieser Gemeinschaften schauen, dann ist es natürlich auch hier die Idee einer Religion totale. Also eines christlichen Staates, eines christlichen Gottesstaates. Die Idee einer Verchristlichung der Gesellschaft mit der Grundidee, dass für jeden Daseinsbereich, ob das nun die Familie ist, die Schule, die Wirtschaft ist, der Staat ist, dass christlich – katholische Vorzeichen entstehen. Das ist schon Stoßrichtung. Einige dieser fundamentalistischen Kreise der geistlichen Gemeinschaften, die sitzen z.T. auch an wichtigen Stellen in Kirche und Gesellschaft, die sind z.B. Massenmedien, die sind da präsent, und machen ihr Ding. Und die sitzen natürlich auch in Schaltstellen der Hierarchie unter Bischöfen oder sie sind in Rom, in der Kurie.
1. SPR.:
Die neuen geistlichen Gemeinschaften werden nicht zu unrecht die immer einsatzbereiten „Stoßtrupps“ des Papstes genannt; sie sind personell und finanziell in der Lage, Priesterseminare zu bauen oder kirchliche Fernsehsender zu bezahlen. Sie organisieren zusammen mit konservativen Parteien Massenveranstaltungen, etwa in Madrid die Proteste gegen die „staatliche Liberalisierung der Sexualmoral“. Sie sind auch in Scharen dabei, wenn der Papst zu katholischen Weltjugendtagen einlädt. Professor Ebertz:
21. O TON, Michael Ebertz. 0 43“.
Je stärker sich das Top – Management der katholischen Kirche mit diesen fundamentalistischen Gemeinschaften sich verbündet, um so stärker tendiert letztlich das Ergebnis eines solchen Managements in die Mitte und der reformorientierte Katholizismus hat das Nachsehen. Das ist eine Strategie, glaube ich, die langfristig dahinter steht. Von daher muss mal also überhaupt sagen, dass die römisch – katholische Kirche im Feld des Religiösen übrigens weltweit eher versucht, das Konservative Spektrum zu besetzen und sich gar nicht auf eine Konkurrenz mit dem linken oder liberalen religiösen Spektrum einlässt.
Copyright: Christian Modehn
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Eine Gruppe mit Sonderstatus, PUBLIK FORUM
Die Neokatechumenalen
Von Christian Modehn
Seit fast 5 Jahren ist der “Neokatechumenale Weg”, eine äußerst umstrittene “geistliche Gemeinschaft”, offiziell päpstlich anerkannt: Nach zuverlässigen Schätzungen sind heute mehr als eine Million Katholiken mit dieser Gruppierung verbunden, vor allem Laien, die als Missionare von Tür zu Tür gehen und für ihre Glaubensunterweisungen werben. Sie unterstellen, die getauften Katholiken seien noch gar nicht richtig katholisch und auf neuen Katechismus Unterricht angewiesen, darum “das Neo” in ihrem Titel. Immer wenn es päpstliche Massenkundgebungen gibt, sind diese Kreise dabei, mit ihren Fähnchen jubelnd und winkend, vor allem aber organisatorisch im Hintergrund. Sie kennen keine Mühe und haben genug Geld, 100.000 Getreue und mehr aus aller Welt z.B. nach Köln (zum Weltjugendtag) oder Rom (zu diversen Heiligsprechungen) oder Valencia (zum Welt – Familienkongress) zu transportieren. Am 29. Juni 2002 wurde der Eifer für die Kirche honoriert: Diese weltweit missionierende Gemeinschaft wurde offiziell approbiert, fand das Wohlgefallen durch den Päpstlichen Rat für die Laien . Die “Neos”, wie sie mit kritischem Unterton weltweit genannt werden, haben ihr Ziel erreicht: Sie gelten von nun an als authentisch römisch – katholisch. Damit ging der “inbrünstige Wunsch des Heiligen Vaters”, Johannes Paul II., in Erfüllung. Er liebte diese offensiv für den römischen Katechismus werbenden Katholiken “ganz inniglich”, wie es viele seiner Aussagen belegen.
Diese und viele weitere Informationen zum “Neokatechumenalen Weg”, so der offizielle Titel, sind dem Theologen Bernhard Sven Anuth zu verdanken: Er hat in einer umfangreichen Studie auch den neuen Rechtscharakter dieser Gruppierung untersucht und dabei festgestellt: Für die offizielle päpstliche Anerkennung wurde eine neue, eine eigene kirchliche Rechtsform geschaffen, die sich umständlich “Itinerarium katholischer Ausbildung” nennt. Unter diesem Titel ist die neokatechumenale Gruppierung keiner bestehenden katholischen Gemeinschafts – und Rechtsform zugeordnet. Sie ist ein “Novum”. Und genau das wollten die Leiter, die sich in schlicht “Initiatoren” nennen, also der Maler Francisco “Kiko” Argüello und die Theologin Carmen Hernandez. Sie regieren seit der Gründung diese Gruppierung im Jahre 1962 unumschränkt. In dem neuen päpstlichen Statut gibt es für römische Verhältnisse ungewöhnliche Bestimmungen. Z.B.: “Eine Absetzung des Internationalen Teams des Neokatechumenalen Weges oder eines seiner Mitglieder durch den Päpstlichen Rat für die Laien ist im neuen päpstlichen Statut nicht vorgesehen” (B.S. Anuth). Das heißt: Die Leitung der eine Million umfassenden Bewegung kann unkontrolliert agieren. Papst Benedikt XVI. hat vor einem Jahr verfügt, dass diese Kreise auf ihre eigenen stundenlangen Messfeiern als Konkurrenz zu den Pfarrgemeinden verzichten sollen, dass sie sich überhaupt stärker in die Gemeinden einfügen: Prompt betonte der Verantwortliche der “Neos” in den USA das Gegenteil: “Der Brief akzeptiert das Prinzip, dass wir besondere Feiern am Samstagabend abhalten”, so Giuseppe Gennarini. Dabei werden diese Kreise nicht müde zu betonen, Benedikt XVI. sei ein sehr guter Freund: Tatsächlich hatte er schon als Erzbischof von München die “Neos” zugelassen. Und bei einem großen Treffen der neuen geistlichen Bewegungen zu Pfingsten 2006 waren diese Gruppen ausdrücklich beteiligt. So könnte man meinen, die sanfte Kritik Benedikt XVI. an allzu eigenmächtigem Verhalten der Neos diene vor allem der Beruhigung der weiten Kreise der Kritiker.
In zahllosen Dokumenten, Publikationen und persönlichen Zeugnissen werden die Neos nicht nur kritisiert, sondern als Irrweg beschrieben: Von einer “Parallelkirche” sprechen die Kritiker und ehemaligen Mitglieder, weil die Neokatechumenalen die eigene Gruppe über alles stellen. Von sozialer Abstinenz ist die Rede, weil sich alles um die Lehren des römischen Katechismus, nicht aber auch um sozial-politisch wirksame Projekte dreht. Von Spaltung der Gemeinden wird berichtet, weil sich die neokatechumenalen Missionare gern als besserwisserische Elite aufführen. Sie wollen den getauften Katholiken einreden, sie würden nur über den tatsächlich 12 bis 15 Jahre dauernden Katechismus Kurs ihr Heil erlangen. Etliche Mitglieder, meist Ehepaare, werden bewusst unvorbetreitet und “arm” in völlig entlegene Regionen der Welt als Missionare entsandt: Italiener nach Kasachtan, Spanier nach Finnland usw. Seminaristen aus diesen Kreisen werden über die 60 eigenen Priesterseminare weltweit willkürlich verteilt, bei dieser “Auswahl” gehe es zu, “wie auf dem Viehmarkt”, berichtet einer der es wissen muss, der Kölner Neo-Priester Ansgar Puff. ( Anuth, S. 195, Fußnote 799).
Finanzielle Interessen der Leitungsebenen können selbst für einen seriösen Forscher nur erahnt werden, bei dem Thema werden keinerlei Auskünfte erteilt. Nur vereinzelt berichten Ehemalige: “Die meisten Mitglieder geben das Geld ihrer Gruppe gern und merken gar nicht, dass zum Bespiel der Gründer Kiko immer mit einem riesengroßen BMW durch die Gegend fährt”. Fraglos ist, dass z.B. nach der finanziellen Pleite des Erzbistums Berlin das Priesterseminar der Neokatechumenalen in der Hauptstadt von Spenden der Anhänger finanziert wird. Da muss ganz ordentlich “geopfert” werden…Zahlreiche Stiftungen finanzieren das Werk, genaue Informationen wurden B.S. Anuth verweigert, wie er mehrfach betont. Die Stiftungen gelten in Deutschland als gemeinnützig. So können Spender Steuer sparen und der Staat meint, die Neos seien nützlich für die Allgemeinheit der Gesellschaft und des Staates.
Auch die kostspieligen Treffen mit Bischöfen aus Europa im Wiener Hotel Interconti (1993) oder aus Amerika im New Yorker Sheraton (1997) wurden von Mitgliedern bezahlt, und sicher auch das äußerst aufwendig gestaltete neue Zentrum am See Genetareth. Ein pompöses Bauwerk, das u.a. auch dem Dialog mit den Juden dienen soll: Wobei die Neokatechumenalen ausdrücklich die ultra-orthodoxe Lubawitsch-Bewegung als Gesprächspartner rühmen, weil “sie messianische Juden sind”.
Wird das Neokatechumenat kritisiert, werden die Überbringer der Botschaft normalerweise diffamiert. Eine Auseinandersetzung über die Neos findet in kirchlichen Kreisen, etwa in Katholischen Akademien, nicht statt. Weil diese Kreise viele junge Priester “liefern”, wird über alles “Neokatechumenale” offiziell geschwiegen. Selbst Gemeindemitglieder aus Pfarreien mit noekatechumenalen Priestern wagen nur anonym Auskunft zu erteilen. Die Neos verbreiten Angst.
Sie haben gewagte Ansprüche, wollen etwa das säkulare Europa bekehren. In den Texten der Führer dieser Gruppierung wird die moderne Gesellschaft aber abgelehnt , wenn nicht verteufelt. Keine gute Ausgangsbasis für einen Dialog. In der weiten Ökumene haben bisher sehr wenige begriffen, wie die Gruppen der Neos das Angesicht der Katholischen Kirche insgesamt bereits verändert haben.
Copyright: Christian Modehn