Gegen die Klerus-Herrschaft und den kirchlichen Aberglauben: Kants vernünftige Religion.

Die Erinnerung an Kant – anläßlich seines 300. Geburtstages – muss eine Provokation bleiben.
Ein Hinweis von Christian Modehn am 14. 4. 2024.

Dieser Beitrag plädiert im Sinne Kants für einfache, dogmatisch reduzierte, die ethische Praxis betonende christliche Kirchen. Das Projekt erfordert einen radikalen Umbau und Abbau der Dogmatik, einen Verzicht auf Hierarchien, es geht darum, dass Menschen ihre individuelle Verbindung mit Transzendenz, dem Göttlichen, wieder einfach leben können.

1.
Es gibt einige Erkenntnisse des Philosophen Immanuel Kant, die bleibend das „Wesen“ des Menschen aussagen, Erkenntnisse, die das Dasein auch heute nicht nur inspirieren, sondern leiten sollten. Kant ist ein Philosoph, der zwar, wie alle anderen Philosophen auch, geschichtlich geprägt ist, der aber universell geltende Wahrheiten formulierte.

2.
Kants Erkenntnisse wurden anläßlich seines 300. Geburtstages am 22.4.2024 tausendfach, oft verkürzt, popularisiert, unters „Volk gebracht“. Aber ist diese journalistische Pflichtübung vorbei, ist dann auch die Erinnerung vorbei? Das darf im Falle Kants nicht sein.

3.
Wir behaupten: Man muss damit rechnen, dass es philosophische Erkenntnisse gibt, die jeder und jede verstanden haben sollte, sie förmlich im Geist stets präsent haben müsste -zur Orientierung im privaten, gesellschaftlichen und religiösen Leben. Diese Erkenntnisse gehören zur geistigen Verfassung der Menschen.

4.
Dabei gibt es keinen Zweifel: Kant hat in seiner Zeit (im 18. Jahrhundert, in Königsberg) auch falsche Einschätzungen publiziert, auch darüber wurde anläßlich seines 300. Geburtstages gesprochen. Und manchmal wurde dem Vorurteil Raum gegeben: Wenn Kant doch vieles aus heutiger, aus ethischer Sicht Problematisches, sogar Falsches sagte: Dann brauchen wir uns um ihn eigentlich nicht weiter zu kümmern. Genannt wurden als Verfehlungen Kants ein gewisser kollonialistischer Ungeist, eine Abwertung de Judentums, eine Respektlosigkeit gegenüber außereuropäischen Völkern, das absolute Verbot – auch im Notfall – zu lügen…

5.
Aber die besten kritischen Kenner der Philosophie Kants (wie Marcus Willaschek) betonen: In dieser Hinsicht bleibt Kant unterhalb seines eigenen, von ihm sonst überzeugend dargestellten ethischen und intellektuellen Niveaus. Das heißt: Es gibt „trotz dieser begrenzten Verirrungen“ bleibende wahre Erkenntnisse Kants. Zum Beispiel: Kants „Kategorischer Imperativ“.

5.
Über die Formulierungen des Kategorischen Imperativs wurde auch auf dieser Website mehrfach gesprochen.
Der Kategorische Imperativ im Sinne Kants ist ein bleibender Maßstab in der praktischen Lebensgestaltung: Darf ich diese meine freie Tat begehen, ist sie gut oder ist sie schlecht? Zur Antwort muss ich meine Entscheidung mit der Frage konfrontieren: Kann meine Entscheidung ein universelles Gesetz für alle anderen Menschen werden?
Nur ein Beispiel: Ich will unbedingt mit einem Diktator und Kriegstreiber befreundet bleiben: Kann diese meine Entscheidung allgemeines Gesetz für alle werden? Können also alle Menschen mit Diktatoren und Kriegstreibern befreundet sein, selbst wenn sie ihren Diktator-Freund auf seine abzulehnende Haltung deutlich hingewiesen haben? Die Antwort ist eindeutig: Wenn alle Menschen mit verbissenen Kriegstreibern und Diktatoren befreundet sind, dann ist die leitende Idee der Menschenrechte, der Demokratie und Friedensordnung definitiv zerstört. Das darf nicht sein, also darf auch meine genannte Freundschaft nicht sein.

6.
Für den Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon Berlin sind naturgemäß Fragen zu „Religion und Philosophie“ bzw. „Kirchen und Philosophien“ von besonderem Interesse. Darum sind für uns auch religionsphilosophische und kirchenkritische Erkenntnisse Kants von großer Bedeutung, das gilt für alle spirituell Interessierten.
Wir beziehen uns auf das zu Kants Zeiten viel beachtete Buch Kants „Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft“ (von1793). Die Zitate beziehen sich auf die Ausgabe des Felix Meiner Verlages, Hamburg, 2003.

7.
Für Kant ist evident: Auch die allgemeine Vernunft muss Religion und kirchliches Leben bestimmen. Was denn auch sonst? Etwa ein jeweils subjektiver Wunderglaube oder irgendwelche Einsichten von fundamentalistischen Scharlatanen oder dogmatische Behauptungen von Päpsten – etwa zum Frauenpriestertum?

8.
Dabei muss man beachten: Die Vernunft, die Religionen und Kirchen kritisiert, ist für Kant göttlichen Ursprungs. Der menschliche Geist ist für ihn Gabe der göttlichen Schöpfung. Es gibt also eine „in aller Menschen Herz eingeschriebene Religion“ (S. 213). Und diese kann der Mensch mit seiner eigenen Vernunft hervorbringen. Kant zeigt darüber hinaus, dass zentrale Weisungen und Grundsätze des Neuen Testaments, bezogen auf den „Lehrer“ (S. 213) Jesus Christus, allen Menschen „durch ihre eigene Vernunft faßlich und überzeugend vorgelegt“ werden können (S. 218).

9.
Um nur einige zentrale Erkenntnisse Kants in dem Zusammenhang – für weitere Studien und Lektüren – zu erwähnen:
Nicht die Erfüllung von religiösen, kirchlichen Vorschriften lehrt Jesus Christus, sondern die Pflege der „moralischen Herzensgesinnung“ (S. 214). Nicht gottesdienstliche Handlungen können den Menschen von den Verfehlungen an seinem Mitmenschen befreien, sondern nur die praktische Wiedergutmachung des Unrechts. Nicht das „süße Gefühl der Rache“ darf vorherrschen, sondern die Duldsamkeit…Dies sind die Weisungen des Lehrers Jesu von Nazareth. Es ist die Ethik und die Erfüllung der ethischen Pflichten, die den wahren Dienst an Gott, den Gottesdienst, bestimmen. Das ist das reliöse Zentrum im Denken und Leben Kants.

10.
Kant nennt sehr modern, man möchte sagen schon kapitalismuskritisch, den „Eigennutz, den Gott dieser Welt“ (S. 217), dem so viele Menschen dienen. Davon muss der Mensch sich befreien, um sein wahres Menschsein zu entdecken.

11.
Kant weiß als Philosoph, dass es eine göttliche Wirklichkeit gibt. Er betont aber: Gott kann nicht wissenschaftlich bewiesen werden, wenn man denn wissenschaftlich im Sinne der Naturwissenschaften versteht. Insofern gibt es für Kant auch keine „Gottes – Beweise“. Aber die göttliche Wirklichkeit muss gedacht werden als Idee, diese göttliche Idee ist denknotwendig, will man die Existenz des Menschen umfassend verstehen. Weil der Mensch Anteil hat am Ewigen, am göttlichen Geist, kann er auch hoffen, über den Tod hinaus auch auf nicht zu definierende Weise irgendwie „fortzubestehen“.

12.
Die wahre alleinige und universale Welt – Religion enthält „solche praktischen Prinzipien, deren unbedingter Notwendigkeit wir uns bewusst werden können“, diese Prinzipien sind „durch reine Vernunft, nicht empirisch, offenbart“ (S. 226). Es sind die Prinzipien, dass Liebe vernünftiger ist als Hass, Brüderlichkeit wichtiger als Beharren auf nationaler Identität.

13.
Es gibt Statuten, Verfügungen, Wahrheiten der Kirche: Diese sind aber übetrhaupt „nicht wesentlich zum Dienste Gottes“ (226). Wer hingegen diese Statuten, Dogmen, der Kirche zur „Bedingung des göttlichen Wohlgefallens macht“, folgt einem „Religionswahn“. Dessen “Befolgung ein Aberglaube ist, d.h. eine nur vermeintliche Verehrung Gottes“. (226-227).

14.
Es ist bloßer „Religionswahn und Aberglaube“ zu glauben, als Mensch für ein gottgefälliges Leben noch etwas anderes und mehr zu tun zu müssen, als den guten Lebenswandel zu praktizieren. (230). In der frommen Aufopferung, der Askese, „im Eremitenleben, Mönchsdasein“, bringe der Mensch gerade die einzig bei Gott zählende erforderliche moralische Gesinnung nicht auf. Es gibt also für Kant NUR „die Religion des guten Lebenswandels als das einzige religiöse Ziel der Menschen“ (236). Solange die Kirchen mit ihren eigenen Lehren noch bestehen, muss die Vernunftreligion allmählich diesen Kirchenglauben durchdringen und überwinden. (ebd.)

15.
Die universelle Vernunftreligion ist vergleichbar mit einer „unsichtbaren Kirche, die alle Wohldenkenden in sich befasst, sie ist die wahre allgemeine Kirche“ (238). Aber… angesichts der Macht der Kirchen und des Klerus ist diese alle Menschen umfassende Kirche noch eine Idee, eine Forderung.
Nebenbei: Der große katholische Theologe Karl Rahner hat diese Idee Kants von der unsichtbaren Kirche auf seine Art aufgegriffen, als er von den „anonymen Christen“ sprach, also von der theologischen Einsicht, dass eigentlich die universale göttliche Wirklichkeit im Sinne der Christen eben auch universal alle Menschen erreicht…

16.
Wenn in den Kirchen Gesetze, Gebote, Dogmen, veräußerlichte religiöse Praxis (Prozessionen…) vorherrschen, dann sind in dieser Kirche die, wie Kant sagt, die „Pfaffen“ an der Macht. In diesen Pfaffen – Kirchen gelten nicht die Prinzipen der Sittlichkeit (242). Nebenbei: Man denke aktuell an den massiven sexuellen Missbrauch durch Kleriker und Pastoren…Eine solche Pfaffen – Kirche ist für Kant, so wörtlich, „despotisch“ (243), weil nur der Klerus das Glaubensleben bestimmt und „befiehlt“ (243). Dieser Klerus bestimmt dann als Herrscher über die Laien, also auch über die Politiker, den Staate (ebd.).Das ist ein unvernünftiger Zustand! Das ewige Kirche – Staat – Problem klingt hier an.

17.
Religiöse Praxis in den Kirchen, die als gebotene fromme Übungen verstanden wird, deutet Kant als „Frondienst” (250).
Beten darf kein Wünschen Gott gegenüber sein, Beten soll verstanden werden als Wunsch, Gott in der ethischen Praxis wohlgefällig zu sein (S. 264). Auch die Teilnahme an Gottesdiensten, Messen, ist nur ein Wahn, wenn denn die Teilnahme an den Gottesdiensten als Mittel verstanden wird, dadurch Gnade bei Gott finden zu wollen (S. 269).

18.
Das Buch „Die Religion innerhalb der Grenzen der reinen Vernunft“ endet eher skeptisch, pessimistisch. „Es wird geklagt, dass Religion noch immer so wenig zur Besserung der Menschen beiträgt“ (273), dieser Klage schließt sich Kant an und nennt auch den entscheidenden den Grund: Religion und Kirche werden immer noch nicht als Institution zur Förderung des einzig entscheidenden moralisch guten Lebenswandels verstanden…

Kant als Lehrer der Weisheit: LINK

Hat Kant die Metaphysik vernichtet? LINK

Ein Hinweis auf das neue, wichtige Kant – Buch von Marcus Willaschek:  LINK

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin