John Rawls, der politische Philosoph, dem das Christentum wichtig ist.

Vor 100 Jahren, am 21.2.1921, wurde Rawls geboren. Am 24.11.2002 ist er gestorben.

Ein Hinweis von Christian Modehn

1.
Die Erinnerung an den großen us – amerikanischen Philosophen John Rawls, anlässlich seines 100. Geburtstages, hat einen besonderen Aspekt: Für religionsphilosophisch Interessierte sollte das Buch „Über Sünde, Glaube und Religion“ wichtig sein, es wurde posthum 2006 in den USA veröffentlicht, 2010 ist es auf Deutsch erschienen. Dass Rawls als politischer Philosoph, zumal zum Thema Gerechtigkeit, viele kritische Impulse Anregungen gegeben hat, ist unter Philosophen bekannt.
Das Buch enthält einen längeren theologischen Text des jungen Studenten Rawls (21 Jahre) zum Thema Sünde und Glaube (S. 123 – 300). Dabei handelt es sich um seine Bachelor-Abschlussarbeit an der Princeton University. Rawls hatte damals sogar vor, Priester der Episkopal – Church, also der amerikanischen Anglikaner, zu werden.
Das Buch „Über Sünde, Glaube und Religion“ bietet zugleich auch einen kurzen, aber aufschlussreichen persönlichen Essay „Über meine Religion“ aus dem Jahr 1997. Deutlich wird darin: Auch als Philosophieprofessor hat sich Rawls sein „tiefes religiöses Naturell“ (wie Thomas Nagel schreibt) bewahrt. Religion und Christentum werden nun in den philosophischen Begriffen der Vernunft formuliert und so auch bewahrt. Und das macht die Lektüre von Rawls Texten besonders anregend.
Umrahmt werden also die Rawls-Texte in dem Buch „Über Sünde, Glaube und Religion“ von einer „Einleitung“, die Joshua Cohen und Thomas Nagel geschrieben haben sowie von einem längeren Aufsatz zum Verständnis theologischer Ethik beim jungen Rawls, verfasst von Robert Merrihew Adams. Sehr wichtig erscheint mir das Nachwort von Jürgen Habermas, er geht den Spuren der religiösen Ethik der „Frühzeit“ in der späteren bekannten umfassenden „politischen Theorie“ nach. Habermas drückte seine Hochachtung für Rawls etwa schon 2005 aus, in seinem Aufsatz „Religion in der Öffentlichkeit“.
2.
Auch wenn sich Rawls nach dem 2. Weltkrieg aufgrund persönlicher Erschütterungen wie auch im Bedenken des Holocaust von seiner konfessionellen Bindung (an die dogmatische Glaubenswelt der Episkopal – Church) befreite: Einige zentrale Grundeinsichten des Christentums wollte er später in der säkularen Sprache des Philosophen bewahren, das ist zentral! Jürgen Habermas weist auf dieses interessante Phänomen hin: „In der Werkgeschichte von John Rawls wiederholt sich eine philosophische Umformung religiöser Gedanken, wie sie als erster Kant vorgenommen hat“ (S. 327). Das deutet Habermas auch im Sinne von Kants Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie: Die Transzendenz nun “operiert in der Welt als eine die Ideen entwerfende, von Innen alles innerweltliche Geschehen transzendierende Kraft“ (S. 328). Auf diese „Umformung religiöser Gedanken“ sollte bei der Lektüre der großen Arbeiten von Rawls geachtet werden, wenn auch in dem grundlegenden Werk „Theorie der Gerechtigkeit“ (1971) Religion als Stichwort direkt nicht vorkommt. Anders ist es dann in der Studie „Politischer Liberalismus“ (1993).
Rawls entscheidende Frage heißt: Wie können Menschen, die auf eine religiöse Lehre, wie etwa die Bibel, zum Mittelpunkt ihres Lebens erklären, „eine vernünftige politische Konzeption haben, die eine gerechte Gesellschaft stützt?“ (Politischer Liberalismus, S. 35), ein Thema, das nicht nur Habermas bis heute bewegt. Und uns heftig interessiert, jetzt, unter den Bedingungen des Islams in Europa oder angesichts der Attacken fundamentalistischer Christen auf das Weiße Haus am 6.1.2021.
3.
Rawls Liberalismus wehrt sich gegen die totale individuelle Freiheit des einzelnen, der sich – privilegiert – nur um sein „gutes“, d.h. materiell – gutes Leben kümmert.
Rawls Liberalismus argumentiert entschieden für allgemeine Grundwerte für alle und die Gleichheit der Chancen für alle. Mit dem Neoliberalismus à la Wallstreet usw. hat Rawls Liberalismus nichts zu tun.
4.
Die theologische Arbeit des jungen Rawls ist geprägt von Impulsen Kierkegaards und Bubers. Dieser Essay aus Jugendzeiten bietet viele theologische und philosophische Anregungen: Etwa: „Die Sünde ist vor allem Geltungssucht und Selbstsucht“ (S. 229). „Die Selbstsucht zielt darauf ab, andere Menschen zu benutzen… Der Kapitalist zum Beispiel scheint seine Angestellten lediglich zu benutzen, er behandelt sie wie Zahnräder an der Maschine, die sein Vermögen mehrt“ (S. 230). „Sünde ist eine Zurückweisung der Gemeinschaft“ (S. 241).
Joshua Cohen und Thomas Nagel äußern sich dazu in ihrer Einleitung zum Buch „Über Sünde, Glaube und Religion“: „Stolz erscheint (im Werk des jungen Rawls) als Überlegenheitsgefühl gegenüber anderen Personen, das sich in der Forderung nach unterwürfiger Bewunderung ausdrückt. So verstanden festigt der Stolz bekanntere Laster wie Egoismus und die Verweigerung zu teilen… Egoismus und das Verlangen, Besitz anzuhäufen, gründen in dem sündhaften Festhalten an entstellten personalen Beziehungen, in denen es Höherstehende und Untergebene gibt. Das ist der Stolz der Kapitalisten, dessen Selbstsucht ein Widerschein der tieferen, viel zerstörerischen Geltungssucht ist“ (S. 27).
Der Philosoph Prof. Rainer Forst, einer der besten Kenner der Philosophie Rawls, schreibt in „DIE ZEIT“ (vom 11.2.2021): Rawls denkt die „äußerst seltene“ Verbindung, nämlich der Grundideen des Liberalismus (verstanden als Demokratie und Respekt der Menschenrechte) „mit der Grundidee des Sozialismus (dies ist die Würde des Menschen als frei von Ausbeutung und Marginalisierung) zusammen. Das Privateigentum an Produktionsmitteln gehört für Rawls nicht zu den primären Grundrechten. Und ausdrücklich hat Rawls den kapitalistischen Wohlfahrtsstaat als unzureichende Realisierung seiner Prinzipien zurückgewiesen.“
5.
Im Jahr 1997 schreibt Rawls dann in seinem persönlichen Rückblick „Über meine Religion“: Manche christlichen Glaubenssätze finde er, so wörtlich, „abscheulich“, “etwa die Lehren von der Erbsünde, von Himmel und Hölle, von der Erlösung durch den wahren Glauben auf Grundlage der Akzeptanz der priesterlichen Autorität“ (S. 306). „Der große Fluch des Christentums seit den Anfangstagen war die Verfolgung von Andersgläubigen als Ketzer“ (S. 307).
6.
Theologen und Repräsentanten kirchlicher Institutionen sollten sich mit dem knappen Text Rawls „Über meine Religion“ auseinandersetzen: Er ist typisch für den Abschied Intellektueller und auch „normaler“ Gläubiger von der traditionellen Dogmatik der etablierten Kirchen. Am treffendsten ist wohl die Analyse Rawls: “Das Christentum ist eine einzelgängerische Religion“, also eine Religion für Leute, die sich um sich selbst kümmern… (S. 307).
7.
Zum Schluss dieses fragmentarischen Hinweises die berühmten Sätze aus dem Buch „Politischer Liberalismus“: „Wenn eine gerechte Gesellschaft, auf vernünftige Weise gestaltet, nicht möglich ist: Dann ist die Frage, ob es sich für Menschen lohnt, auf Erden zu leben“ (dort S. 63).
Der alte katholische Katechismus stellte ganz am Anfang die Frage: Wozu sind wir auf Erden? Um Gott zu ehren, hieß die Antwort.
Rawls gibt auf diese Frage eine letztlich erschütternde, aber doch zum Handeln aufrufende Antwort: „Wir sollen eine gerechte Gesellschaft weltweit vernünftig aufbauen“. Man könnte diesen Satz einen kategorischen Imperativ nennen, an den sich so wenige PolitikerInnen und Bürger halten… Was wieder zu dem von Rawls beschriebenen Egoismus führt…

Copyright: Christian Modehn, www.religionsphilosophischer-salon.de

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