Bat Ye Or, Islamkritikerin und „Quelle“ Breiviks, sprach auf katholischem Kongreß

Bat Ye´0r, heftige Islamkritikerin und eine Quelle für das Pamphlet des Massenmörders Breivik, verteidigte ihre Thesen auf katholischem Kongress von „Kirche in Not“ 2010

Bat Ye Or, alias Gisèle Littman, ist heftige Kritikerin des Islam, 1955 in Ägypten geborene Jüdin, Autorin zahlreicher eher polemischer Bücher und Aufsätze über den Dschihad, zudem voller wohlwollenden Verständnisses für den holländischen Rechtspopulisten Geert Wilders. Ihr Denken ist eine der inspirierenden Quellen, auf die sich der norwegische Massenmörder Anders Breivik in seinem mehr als 1.500 Seiten umfassenden Pamphlet beruft.

Interessanterweise hielt Bat Ye Or im Jahr 2010 auf dem Kongress „Treffpunkt Weltkirche“ (Augsburg), veranstaltet von dem römisch – katholischen Hilfswerk „Kirche in Not“ (gegründet als „Ostpriesterhilfe“ von Pater Werenfried van Straaten, einem engen Freund Papst Johannes Paul II. ) einen Vortrag. Dort wurde sie von Volker Niggewöhner, Mitarbeiter von „Kirche in Not“, als bedeutende Analytikerin der Gesellschaft und Kultur vorgestellt, als eine Wissenschaftlerin, die sich um die Wurzeln Europas Sorge mache und die davor warne, dass Europa angesichts der „Islamisierung“, so wörtlich,“ geistigen Selbstmord begehe…“. Niggewöhners einführenden Worte waren eine Art Lobeshymne auf Bat Ye Or und auf die von ihr beschworene drohende Gefahr durch islamische Überfremdung in Europa. Diese ungeheuerlichen Aussagen kann man noch heute erleben (gehört am Donnerstag 4.8. 2011 um 11.15. http://www.youtube.com/watch?v=SBnvsLd9ngA).
Wir bieten nur einige zentrale Aussagen aus dem eher wirren Vortrag Bat Ye Ors in Augsburg vor dem Kongress „Kirche in Not“ ,2010; dieser Vortrag ist eine Art Melange aus historischen Erinnerungen, religiösen Analysen, leidenschaftlicher Verteidigung Israels und apokalyptischen Visionen:

– „Wir leben heute in einer Zeit des weltweiten Dschihad, das ist das religiöse Streben, die Dominanz des Islam auf die ganze Welt auszubreiten“.

– „Die gesamte Eurasia Politik konzentriert sich darauf, Europa mit der muslimisch – arabischen Welt zu vereinen.“

„Wir leben in einer Zeit des globalen Dschihad, woraus sich morgen ein nuklearer Dschihad entwickeln kann. Und wir wissen es nicht“.

Auch der Topos wird von Bat Ye Or formuliert:
– „Die europäischen Politiker haben Angst vor den Muslims, sie leugnen den Dschihad“….

– „Die Zukunft Europas liegt in ihren Händen.
Sie müssen agieren, um das zu retten, was das Christentum aufgebaut hat.
Wenn sie aber tatenlos bleiben, dann werden sie erfolglos sein.
Die Zeit ist schon mehr als reif“.

Bezeichnenderweise nennt Bat Ye or auch die von Breivik und anderen gern benutzte Idee, heute herrsche in Europa gegenüber „den“ Muslims die „appeasement“ Politik. C.M.

In einem Interview mit dem ZDF, gesendet am 3. 8. um 22.45 Uhr („Der eiskalte Mörder…“) , sagte Bat Ye Or exklusiv für das ZDF, sie möchte mit der Tat in Norwegen nicht in Verbindung gebracht werden. Ihrer Meinung nach sei Breivik ein Psychopath.
Wir wollen hier nicht die Debatte eröffnen, ob Autoren ihrerseits mit ihren Äußerungen auf Verbrecher und deren Pamphlete Einfluss haben können.
Wir finden es nur erstaunlich, um nicht zu sagen, eine Schande, dass ein großes internationales katholisches Hilfswerk, das seit 60 Jahren viele Millionen Spenden sammelt zugunsten der katholischen Kirche weltweit, dass solch ein Hilfswerk Autoren wie Frau Bat Ye Or einlädt und eine Dreiviertelstunde sprechen lässt. Wir haben auf der website von „Kirche in Not“ keine Form der kritischen Stellungnahme zu diesen Äußerungen gefunden, und auch keine Entschuldigung, eine Art „geistige Brandtsifterin“ eingeladen zu haben. Im September 2011 soll ein Buch mit den Vorträgen des Kongresses von 2010 erscheinen, man darf abwarten, in welcher Weise der Vortrag von Bat Ye Or abgedruckt wird und mit welchem Kommentar dazu. Wir vermuten, der Vortrag wird darin nicht mehr erscheinen, das schreiben wir am 4. August 2011.
Noch interessanter ist: Der so häufig geäußerte Wille der katholischen Kirche zum interreligiösen Dialog wird durch solche Einladungen eines hoch offiziellen katholischen Hilfswerks eher unglaubwürdig. Pauschalisierende polemische Äußerungen über „den militanten Islam“ sind unhaltbar und liefern verrückten Massenmördern wie Breivik ideologische Verstärkung für ihr „Kreuzrittertum“ .
copyright: religionsphilosophischer-salon berlin am 4. August 2011 um 13. 30

Literaturhinweise zu Büchern von Bat Ye Or:
Europe, Globalization, and the Coming of the Universal Caliphate, to be published September 16, 2011, Fairleigh Dickinson University Press, ISBN 1611474450
Eurabia: The Euro-Arab Axis, 2005, Fairleigh Dickinson University Press, ISBN 0-8386-4077-X
# Islam and Dhimmitude: Where Civilizations Collide, 2001, Fairleigh Dickinson University Press, ISBN 0-8386-3942-9; ISBN 0-8386-3943-7 (with David Littman, translated by Miriam Kochan)
The Decline of Eastern Christianity: From Jihad to Dhimmitude;seventh-twentieth century, 1996, Fairleigh Dickinson University Press, ISBN 0-8386-3678-0; ISBN 0-8386-3688-8 (paperback).

Kritische Stimmen:
– Craig R. Smith in a New York Times article referred to her as one of the „most extreme voices on the new Jewish right.“[36] -Johann Hari, a British journalist, argues that „There are intellectuals on the British right who are propagating a conspiracy theory about Muslims that teeters very close to being a 21st century Protocols of the Elders of Mecca“ and that Bat Ye’or is a „scholar“ who argues that Europe is on the brink of being transformed into a conquered continent called „Eurabia“.[37]

– Israeli peace activist Adam Keller—a founder of Gush Shalom— in a letter of protest sent on June 2, 2008 to the Israeli publisher of Eurabia: The Euro-Arab Axis, wrote:

In 1886 the French antisemite Edouard Drumont published ‚La France Juive‘ (Jewish France), creating the false nightmarish image of a France dominated by Jews, and sowing the poisonous seeds which came to fruit when Vichy French officials collaborated in the mass murder of French Jewry. […] ‚Bat Ye’or‘ follows in notorious footsteps indeed by creating the false nightmarish image of a Europe dominated by Arabs and Muslims.[38]

– According to David Aaronovitch:

[Eurabia] is a concept created by a writer called Bat Ye’or who, according to the publicity for her most recent book, „chronicles Arab determination to subdue Europe as a cultural appendage to the Muslim world — and Europe’s willingness to be so subjugated“. This, as students of conspiracy theories will recognise, is the addition of the Sad Dupes thesis to the Enemy Within idea.[39] Diese Zitate stammen aus der englischen Wikipedia Information zu Bat Ye Or. C.M.

Wenn Europa islamisch wird: Die Ängste der jüdischen Forscherin Bat Ye´Or

Zur neu erschienenen Autobiographie der umstrittenen Islam – Forscherin

Ein Hinweis von Christian Modehn am 26.2. 2018

Warum ist es wichtig, die Ideen und Vorstellungen von Bat Ye Or kritisch zu beobachten?  Diese Ergänzung schreibe ich am 26.2. 2018, um noch einmal auf das sich wissenschaftlich gebende „Gift“ hinzuweisen, das heute in rechtsradikalen Kreisen verbreitet wird. Bat Yeor ist tief in diesen Kreisen verwurzelt, etwa bei Renaud Camus, selbst wenn sie (scheinheilig) diese Verbindungen öffentlich eher herunterspielt.

Die Auseinandersetzung mit Bat Yeor ist auch wichtig, weil ihre globalen und längst als falsch erwiesenen, nur Angst erzeugenden Thesen zur „Ersetzung der europäischen Bevölkerung durch die Muslime“ Eingang finden in höchste Kreise der katholischen Kirche Frankreichs. Der neue Erzbischof von Strasbourg Luc Ravel spricht auch öffentlich von dem „grand remplacement“, dem großen Ersetzen (Austausch), der „französischen“, also der angeblich christlichen Bevölkerung Frankreichs durch die, wie er sagt, so geburtenfreudigen Muslime. Darin folgt der Erzbischof Ravel von Strasbourg wiederum dem rechtsextremen Schriftsteller Renaud Camus, der zu dem Thema bereits 2010 ein Buch publizierte, das auch auf Deutsch erschienen ist bezeichnenderweise im Verlag von Götz Kubitschek.

Renaud Camus bezieht sich auch in neuesten Interviews (siehe unten) ausdrücklich positiv zustimmend auf Bat Yeor. Renaud Camus publiziert auch in der rechtsextremen französischen website „riposte laique“. Wikipedia France hat darauf hingewiesen, dass der rechtsextreme Autor Renaud Camus sich bemüht, eine französische Sektion der deutschen „Bewegung“ PEGIDA (zusammen mit dem „Bloc Identitaire“) zu lancieren. Der Bloc Identitaire war massiv, gelinde gesagt, bei den landesweiten Demonstrationen gegen die gesetzliche Ehe für alle in Frankreich aktiv. Dabei wurden diese Demonstrationen von katholischen reaktionären Gruppen in enger Verbundenheit mit den rechstextremen Kreisen unterstützt, selbstverständlich auch von einigen genauso denkenden französischen Bischöfen. Quelle: http://ripostelaique.com/author/bat-yeor    http://ripostelaique.com/author/renaud-camus   https://www.renaud-camus.net )

Zur Verbindung Pegida und Renaud Camus (und damit indirekt zu Bat Yeor): https://www.nouvelobs.com/rue89/rue89-politique/20150119.RUE7514/renaud-camus-lance-pegida-en-france-et-recupere-l-islamophobie-allemande.html  “

Der am 16. Februar 2018 publizierte Text von Christian Modehn:

Bat Ye´or , die inzwischen 84 jährige Forscherin zum Islam und zur Rolle des Judentums und Christentums in islamischen Ländern einst und heute, hat auch außerhalb der Kreise interessierter Spezialisten, nicht nur in Deutschland, Aufmerksamkeit gefunden: Und zwar als bekannt wurde, dass der rassistische Massenmörder Anders Breivik aus Norwegen in seinen Schriften mehrfach Verweise und Namensnennungen auf Bat Yeor niedergeschrieben hatte. Über diese Verbindungen ist viel diskutiert worden. Wichtig ist auch das lebhafte Interesse an Bat Yeors Schriften in rechtsextremen Kreisen. Sie finden dort Argumente für ihre eigene pauschale Islam – Verurteilung bzw. Bekämpfung. Darum ist für demokratische Kreise die Auseinandersetzung mit Bat Yeors Büchern nach wie vor dringend. Jetzt hat die Forscherin ihre Autobiographie in Paris veröffentlicht.

Deutlich ist tatsächlich, dass die Forscherin Bat Yeor bzw. Gisèle Littmann, eigentlich aber wohl auch Gisèle Orebi, mit ihren zahlreichen Büchern (einige sind auch auf Deutsch publiziert worden) zum Thema Islam die These vertritt: In den Zeiten eines machtvollen Islams haben Juden und Christen praktisch keine menschenwürdigen Lebenschancen gehabt, sie waren und sind Menschen zweiter Klasse. Meist sind die Betreffenden, die Bat Ye Or vor Augen hat, aus den islamischen Ländern geflohen. So auch Bat Yeor selbst, die aus einer jüdischen Familie in Ägypten stammt und aus Angst um Leib und Leben diese Heimat 1957 Richtung England verließ. Diese Erfahrung mag prägend sein für das Denken von Bat Yeor. Heute lebt sie in der Nähe von Genf. Die Biographie wird also zur Perspektive der Forschung!

Bat Yeor hat auch dadurch eine geradezu weltweit Bedeutung erlangt, als der Schriftsteller Michel Houellebecq in seinem letzten Roman „Unterwerfung“ explizit die Forscherin erwähnt, in der französischen Ausgabe von „Soumission“ auf Seite 157. Da sagte einer der dort erwähnten Gestalten: „In einem gewissen Sinne hat die alte Bat Yeor nicht Unrecht mit ihren Wunsch – bzw. Wahnvorstellungen eines Komplottes in Eurabia“: Damit bezieht sich Houellebecq auf einen Begriff, den Frau Bat Yeor für ihre Prognose benutzt: Dass Europa eines Tages bald arabisch –muslimisch beherrscht werden könnte, wenn denn die Menschen in Europa, so wörtlich, die jüdisch – christliche Kultur, also ihre Kultur, vernachlässigen…

Als Buch Eurabia erschien 2005. Daraus haben viele Leser die von ihnen geradezu ersehnte und so oft propagierte Konsequenz gezogen: Der Islam als solcher ist gefährlich für Europa. Man muss sich erinnern, dass die rechtsextremen Parteien Front National, FPÖ oder AFD heute nicht etwa antisemitisch gegen „die“ Juden sind, sondern die jüdisch- christliche Kultur (scheinheilig) verteidigen gegen die Gefahr „des“ Islams. Aus alten Antisemiten wurden nun Anti-Islam-Kämpfer und Freunde von Judentum und Christentum. Was für ein „Witz“, aber das nebenbei.

Die Rezeption der Forschungen und Interpretationen von Bat Yeor ist heute besonders heftig in rechten und rechtsextremen Kreisen in der westlichen Welt, gerade in Frankreich ist sie heute eine Art „Vordenkerin“. Dies ist wohl die Grund, dass Le Monde vom 16.2. 2018 gleich zwei ganze Seiten der Veröffentlichung der Autobiographie der jüdischen Islam-Forscherin widmet, mit einem langen Beitrag des für diese Fragen sehr kompetenten Journalisten Jean Birnbaum. Das Buch „Politische Autobiographie“ ist Ende Januar 2018 in den éditions „Les Provinciales“ erschienen. Und es ist bezeichnend: Wer dieses Buch im Netz sucht, gelangt schnell bei Bestellungswünschen zu Verlagen der Rechtsextremen. Einen Hinweis auf die Bücher der Autorin in französischer Sprache finden Sie am Ende des Beitrags. „Bat Yeor ist zur Stütze des Hasses auf den Islam geworden“, sagt jetzt Ivan Jablonka, der in Frankreich schon vor einigen Jahren eine ausführliche Studie über die islamfeindliche jüdische Forscherin geschrieben hat. Diese Zusammenhänge werden in Le Monde dokumentiert!

Es gibt bei einigen kritischen Beobachtern in Frankreich bereits eine gewisse Scheu, die Thesen von Bat Yeor grundsätzlich abzuweisen, das ist interessant in der politischen Szenerie Europas: Aufgeklärte Islamkenner fürchten sich bereits, für eine gewisse Berechtigung der Thesen von Frau Bat Yeor einzutreten, weil sie Angst haben, dadurch ins rechtsextreme Lager gesteckt zu werden. Aber sind diese Thesen von Bat Ye Or überhaupt berechtigt? Entsprechen sie dem Niveau hermeneutischer Arbeit? Sicher NICHT. Wer wirklich kompetent ist als Islam-Forscher, auch das zeigt Le Monde, sagt: Diese Dame denkt in ihren „Pamphleten“, so die Qualifizierung in Frankreich, unhistorisch; sie vergisst, dass in der von ihr beschriebenen mittelalterlichen Welt der Islam-Herrschaft überall sonst auch die herrschende Konfession intolerant war. Wie tolerant waren denn später die Katholiken gegenüber den „Indianern“ in Amerika usw…Le Monde zeigt ferner eine gewisse Inkompetenz der Forscherin, wenn sie etwa im Interview gefragt wird: Welche heutigen Islam-Forscher sie denn tolerant und wichtig finde. Da fällt Frau Bat Yeor nur ein einziger Name ein, der Name des aus dem Islam konvertierten Algeriers Boualem Sanal. Unreflektiert und pauschal und angstbestimmt sind auch ihre Aussagen zur Vorliebe des Massenmörders Breivik für ihre Werke: „Ich habe mit dem Mörder Breivik nichts zu tun… Mich in dem Zusammenhang zu erwähnen ist nur eine Rache der linken (!) norwegischen Regierung. Ich habe deren Nachsicht gegenüber dem Islamismus angeklagt. Für die Regierung ist dies ein Grund, mich zum Schweigen zu bringen“.

Kein Wunder auch, dass Madame Bat Ye Or sehr den Roman „Unterwerfung“ von Houellebecq schätzt. Gegenüber Le Monde sagt sie: „Houellebecq hat einen großen Roman geschrieben, sehr einfach, genial, wie eine pointillistische Malerei. Er zeichnet letztendlich Eurabia. Ja, der Roman ist sympathisch“.

Interessant ist, dass in Frankreich zumindest einige Katholiken in Deutschland Bat Yeor schätzen, weil sie auch auf die miserable Behandlung der Christen, etwa der Kopten, in islamischen Staaten aufmerksam macht. Man wird gespannt sein, wie sich der auch theologisch sehr konservative Autor Martin Mosebach nach seiner Reise zu den koptischen Märtyrern von Ägypten zu Frau Bat Yeor äußert… In konservativen Kreisen des deutschen Katholizismus, wie in der Zeitschrift „NEUE Ordnung“, hg. von dem Dominikaner Pater Wolfgang Ockenfels, wird eher zustimmend über Bat Yeor geschrieben, so etwa im Jahrgang 2012 von Hans Peter Raddatz. Die umfassende und umfassend kritische Debatte über die Thesen von Frau Bat Yeor alias Gisèle Orebi oder auch Gisèle Littmann könnte in Deutschland eigentlich beginnen. Vielleicht mit einem Blick nach Norwegen (Breivik) und in die sehr heftige Szene der rechtsextremen französischen katholischen Sympathisanten dieser Forscherin. Die Rezeptionsgeschichte eines Denkens sagt schon vieles..

Eine Liste der Bücher in französischer Sprache: https://www.amazon.fr/s/ref=dp_byline_sr_book_1?ie=UTF8&text=Bat+Ye%27or&search-alias=books-fr&field-author=Bat+Ye%27or&sort=relevancerank

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

„Bolsonaro treibt Menschen in den Tod“ – also ist er ein (Massen-) Mörder!

Die indigenen Völker Brasiliens werden mit den „Corona Maßnahmen“ des Präsidenen ermordet … und die Welt schaut zu.

Ein Hinweis von Christian Modehn

Scharfe und klare, auch politisch radikale Worte hört man aus katholischen Kreisen Deutschlands eher selten. Nun erklärt einer der leitenden Mitarbeiter des katholischen Hilfswerkes ADVENIAT (Zentrale in Essen), Thomas Wieland, am 9.7.2020: „Mit dem Stopp der Corona-Maßnahmen in Brasiliens Indigenengebieten treibt Bolsonaro die Indigenen in den Tod. Ohne den Zugang zu Trinkwasser, Hygieneprodukten und einer angemessenen Gesundheitsversorgung sind ganze indigene Völker vom Aussterben bedroht.“
Damit schließt sich ADVENIAT der Überzeugung des weltweit bekannten Theologen und Philosophen Leonardo Boff an. Er hatte am 6.6.2020 erklärt: „Präsident Jair Messias Bolsonaro ist angesichts der rasch steigenden Corona-Opferzahlen ein Völkermörder“. Leonardo Boff rief zum Sturz Bolsonaros auf. Über diese Erkenntnisse wird man mindestens debattieren müssen.

Zweierlei ist wichtig in dieser Erkenntnis:

Wie nennt man jemanden, der andere in den Tod treibt? Nach meiner Kenntnis nennt man ihn einen Mörder. Also muss man – der treffenden Einschätzung des Lateinamerika Spezialisten – den Präsidenten Bolsonaro einen Mörder nennen, den letztlich Verantwortlichen für ein mörderisches System. Und diese Einschätzung ist seit längerer Zeit bekannt. Nur wird Bolsonaro in der internationalen Politik – auch aus ökonomischen Gründen, wegen der Holz – Spekulanten usw. – immer noch höflich, verlogen als Präsident angesprochen. Und nicht als Mörder. Wann beginnen sich die großen internationalen Konzerne sich von diesem Mörder und seinem auch ökologisch tödlichen Regime zu distanzieren? Es ist soweit gekommen, dass ich höre: Viele fromme, aber kritische Leute beten für den Tod dieses Herrn Bolsonaro. Sie üben sich förmlich in einer spirituellen Variante der alten katholisch – ethischen Lehre vom Tyrannen – Mord, vorgeschlagen u.a. von dem großen Thomas von Aquin. Aber würde „dann“ das mörderische Regime aufhören? Wohl nur, wenn seine Freunde, die evangelikalen Gemeinden mit ihren Pastoren /d.h. Millionären aufhören, solche rassistischen Typen wie Bolonaro zu wählen.
Und rein jurisisch betrachtet: Was tun Demokratien und Rechtsstaaten mit Mördern? Sie werden bestraft und eingesperrt. Geschieht aber nicht im Fall Bolsonaros, weil Brasilien – wieder mal – kein Rechtsstaat ist!

Zweitens: Ein Mord an vielen hilflosen indigenen, „indianischen“ Völkern geschieht vor unser aller Augen. Ein neuer Holokaust hat begonnen: Der erste große lateinamerikanische Holocaust startete 1492 mit der Eroberung und Plünderung der „amerikanischen Länder“, als viele „Ureinwohner“, viele Millionen „Indianer“, von den katholischen Kolonisten ermordet wurden. Nun also scheint die letzte Phase des Holocausts in Brasilien zu beginnen: Wieder sind es Christen, sehr heftige sogar, fundamentalistische, ewig Lobpreisungen und Halleluja grölende Christen. Auch konservative Katholiken, auch Erzbischöfe Brasiliens, gehören bekanntlich zu Bolsonaros, des Mörders, Freunden.

Aber zurück zu der wichtigen Presserklärung von ADVENIAT vom 9.7.2020:

„Im Amazonasgebiet haben sich bereits haben sich bereits 519.465 Menschen (nicht ausschließlich indigene Menschen) infiziert, 15.939 sind daran gestorben (Stand: 8. Juli 2020, Quelle: redamazonica.org). In Brasilien sterben Indigene doppelt so häufig an Covid-19 wie der Rest der Bevölkerung. Es wird immer wieder deutlich, dass das Immunsystem der Indigenen nicht auf einen solchen Virus vorbereitet ist und die Indigenen aufgrund der schlechten Gesundheitsversorgung deutlich häufiger an den Folgen der Infizierung mit dem Covid-19-Virus sterben“, sagt Thomas Wieland von ADVENIAT. Gleichzeitig sei die Abholzung im brasilianischen Regenwald im Schatten der Corona-Pandemie im April um 171 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat gestiegen. Der rechtsextreme Präsident Jair Messias Bolsonaro hatte am 8. Juli ein Veto gegen 16 Maßnahmen eines von Parlament und Senat beschlossenen Gesetzesvorhabens (PL 1142/2020) zur Bekämpfung der Verbreitung von Covid-19 in Territorien der Ureinwohner eingelegt. Dazu gehört die Verpflichtung der Regierung, den Indigenen Trinkwasser, Hygieneprodukte sowie Krankenhausbetten zur Verfügung zu stellen. Auch gegen den erleichterten Zugang zu Sozialhilfe und gegen Hilfsgelder für die Landwirtschaft legte Bolsonaro sein Veto ein.
Bolsonaros Stopp der Corona-Maßnahmen ist auch für den Adveniat-Projektpartner Cimi, den Rat der Katholischen Kirche für die Indigenen Conselho Indigenista Missionário, fatal: „Die Vetos des Präsidenten bekräftigen die Vorurteile, den Hass und die Gewalt der gegenwärtigen Regierung gegenüber indigenen Völkern, Quilombolas und traditionellen Bevölkerungsgruppen“, heißt es in einer Pressemitteilung des Cimi. Ein alarmierendes Zeichen in Zeiten der Corona-Pandemie, da Grundrechte und Garantien für das Leben traditioneller Völker verweigert würden. Der Präsident missachtet laut Cimi auch den Nationalkongress, indem er ein Gesetz stoppt, das bereits fast einstimmig verabschiedet wurde. „Diese Haltung des Präsidenten zeigt völlige Unempfindlichkeit gegenüber der gefährdeten Situation Tausender indigener und Quilombola-Familien und traditioneller Gemeinschaften auf dem gesamten Staatsgebiet in dieser schweren, lebensbedrohlichen Krise“, kritisiert der Cimi. Die ausschließlich finanzielle Rechtfertigung Bolsonaros sei aufgrund des bereits genehmigten „Kriegshaushaltes“ zur Bekämpfung der Corona-Pandemie nicht nachvollziehbar“.

(Die Presseerklärung von Adveniat fährt fort:
Gemeinsam mit seinen Projektpartnern hat Adveniat bereits mehr als 4 Millionen Euro Corona-Nothilfe geleistet – davon ging über eine Million Euro nach Brasilien. Mit dem Geld wurde zum Beispiel der Kauf von auf Essgewohnheiten und Mangelerscheinungen abgestimmte Lebensmittelpakete für die Madihadeni unterstützt. Das indigene Volk lebt am Rio Cuniuá im westlichen Amazonasgebiet. Auch für Indigene in Manaus sind mehr als 2.000 Lebensmittelpakete und Hygienekids mit Desinfektionsmitteln und Seife bereitgestellt worden.
Adveniat, das Lateinamerika-Hilfswerk der katholischen Kirche in Deutschland, steht für kirchliches Engagement an den Rändern der Gesellschaft und an der Seite der Armen.

Weitere Informationen zur Corona-Pandemie sowie Berichte aus den Ländern Lateinamerikas finden Sie unter: www.adveniat.de/corona.)

Christian Modehn schreibt: Man bedenke bitte: Es werden jetzt viele Milliarden ausgegeben, damit die reichen Europäer, die wohlhabenden Deutschen vor allem, auch nach der Corona-Pandemie reich und wohlhabend bleiben, dass die großen Konzerne uns bitte bestens privilegiert bleiben usw. Natürlich müssen sich Politiker um die eigenen Leute kümmern. Aber wir leben in einer WELT-Gesellschaft. Da muss ökonomischer Egoismus als Problem dargestellt werden.

Die geringe Bedeutung christlicher Solidarität für die sich doch immer noch ein bisschen christlich fühlenden Staaten der westlichen Welt wird an den lächerlichen „Milliönchen“ sichtbar, die dem Holocaust an den Indigenas in Brasilien trotzen sollen. Gegen die Macht der Konzerne in Brasilien sind europäische Politiker offenbar hilflos oder bleiben gern hilflos. Ich möchte einmal wissen, wie viele Millionen Euro die ultrakatholische PIS – Regierung in Polen zum Beispiel für Brasiliens Indigenas in Brasilien zur Verfügung stellt.

Wer eher eine Analyse zum Thema auf Englisch bevorzugt, dem empfehle ich einen Beitrag von Eduardo Campos Lima, entnommen der us-amerikanischen, kritisch-katholischen zeitschrift „National Catholic Reporter“ vom 9.7.2020:

Brazil’s Indigenous communities are being devastated by COVID-19
Amazonian region is an epicenter of pandemic

By Eduardo Campos Lima

A young Yanomami is examined by a member of a medical team with the Brazilian army in the state of Roraima July 1, 2020. (CNS/Reuters/Adriano Machado)
SAO PAULO, Brazil — Since the beginning of the COVID-19 pandemic in Brazil, Catholic organizations have warned that protective measures should be taken to keep the virus away from the country’s Indigenous population — or the consequences would be disastrous.
The surge in the number of cases among Indigenous since the end of May appears to demonstrate that the worst has happened.
With at least 367,180 cases of infection and 12,685 deaths, the Amazonian region is one of the epicenters of Brazil’s COVID-19 pandemic. The disease is not only impacting large cities such as Manaus and Belém but has also infiltrated many communities in the countryside, including the villages of traditional peoples that live in the rainforest.
The coronavirus has infected at least 6,626 members of Indigenous groups in the region and killed 157 of them. In the whole country, there are at least 9,500 cases involving Indigenous persons, with about 380 deaths, according to the Association of the Indigenous Peoples of Brazil.

The spread of COVID-19 among Indigenous groups reflects a general lack of governmental protection of their rights, said Antônio Cerqueira de Oliveira, executive secretary of the Brazilian bishops‘ Indigenous Missionary Council (known by its Portuguese acronym CIMI).
„In previous administrations, Indigenous rights were not fully secure … but at least there was some kind of dialogue with those peoples,“ Oliveira told NCR. „President Jair Bolsonaro has closed all doors and established an anti-Indigenous policy.“
Since his 2018 presidential campaign, Bolsonaro has repeatedly criticized the policy of establishing land reservations for Indigenous groups that are able to prove their historic ties with the territory they are claiming. Although it’s mandated by the constitution, Bolsonaro has claimed that Indigenous peoples already have too much land in Brazil, and promised that he wouldn’t grant any new territory to them.
At the same time, Bolsonaro has declared on various occasions that he would loosen the environmental and legal restrictions for economic activities in the country — especially in the Amazon.
Since he took office in January 2019, there has been an intensification of land invasions and destruction of the rainforest, perpetrated by illegal loggers and miners and by ranchers who want to expand their farming areas. The process often involves violence against Amazonian laborers and Indigenous.
Bolsonaro has also downplayed the severity of COVID-19, even as Brazil has the second-highest number of cases, nearly 1.7 million as of July 8, after the U.S. He tested positive for the disease July 6.

„With the pandemic, the already insufficient number of monitoring agents in the Amazon almost disappeared and invasions quickly increased,“ said Oliveira. „The intruders are not only destroying the forest and threatening the Indigenous peoples, but they’re also taking the virus with them.“
Porto Velho Archbishop Roque Paloschi, CIMI’s president, said that wildfires set by invaders also have the potential to increase the dissemination of respiratory diseases. „The removal of such intruders from the Indigenous lands is urgent,“ he told NCR.
But the governmental agency for Indigenous affairs, the National Indian Foundation, seems to be going in the wrong direction. According to Oliveira, the foundation has removed its agents from Indigenous lands that are awaiting official recognition from the government, leaving many peoples unassisted.

Young Yanomami try on protective masks as members of a medical team with the Brazilian army examine members of the tribe in the state of Roraima July 1, 2020. (CNS/Reuters/Adriano Machado)
The protection for isolated Indigenous groups — which live in the rainforest and avoid any contact with non-Indigenous people — has also been severely weakened, said Oliveira. „The doors are wide open for invaders,“ he said.
Catholic missionaries — at least the ones connected to CIMI — stopped visiting the rural villages at the beginning of the outbreak. They advised Indigenous groups to avoid contact with people from the outside and to remain in their reservations as much as possible.
But eventually, some of the members of the communities go into the city in order to receive their salaries or governmental assistance and to buy groceries. That’s when spread of the virus might occur.

„People have not been properly oriented to use hand sanitizers after leaving a store, for instance, or to always wear face masks, at least when they leave their villages,“ said Fr. Aquilino Tsiruia, a member of the Xavante people in Mato Grosso State.
„The healthcare authorities should have told the Indigenous peoples about it, but they failed to do it,“ said Tsiruia.
At least 32 Xavante people died from COVID-19, most of them in June. „The local healthcare system is very precarious, with only a handful of ICU beds available,“ said Tsiruia. „Our people has a considerable population of elders, many of whom with diabetes. Everybody is very frightened.“
Reports of a lack of physicians and equipped hospitals abound among the Amazonian Indigenous peoples. According to Oliveira, the healthcare situation has deteriorated since Bolsonaro canceled an agreement with Cuba that allowed hundreds of Cuban doctors to work in remote areas in Brazil.
The program had been created during the administration of left-wing former President Dilma Rousseff and was ideologically targeted by the far-right Bolsonaro.
„In many Indigenous reservations, the Cuban doctors were the only professionals available. Now, there’s a total absence of healthcare specialists,“ said Oliveira.
This is one of the reasons why many Indigenous people report that they have been treating COVID-19 cases with traditional healing herbs and teas.
„If we only count on regular medicines, there won’t be enough for everybody,“ said Fr. Justino Rezende, a member of the Tuyuka people who lives in the city of Santa Isabel do Rio Negro, in Amazonas state.

Rezende came down with COVID-19 in June. „The number of cases here is going up,“ he said. „Many elderly people are dying.“
Given that most villages are near small cities, the most serious cases are often taken to the state capitals, where the hospitals are a little better. Deaths occurring so far away from patients‘ families lead to other complications.
„The disease is disrupting millennium-long life systems, given that it impedes the practice of very important rituals — especially the funereal ones,“ explained Sr. Laura Vicuña Manso, a CIMI missionary. „The Indigenous groups feel deeply like they are doing something wrong when they can’t perform their traditional rites.“
Manso described the despair of a few leaders of the Karitiana people from Rondonia State when the first COVID-19 victim of their village died.
„The healthcare authorities wanted to bury the body in the city,“ she said. „In the end, after much discussion, we were able to take the body to the village, but they couldn’t perform the whole traditional ritual.“

Yanomami follow members of Brazil’s environmental agency during an operation against illegal gold mining on indigenous land in the heart of the Amazon rainforest. (CNS/Reuters/Bruno Kelly)
Alberto Brazão Góes, a member of the Yanomami people from the village of Maturacá, in the city of São Gabriel da Cachoeira, said that more than 60 people of his community have shown signs of COVID-19, but only two people have died.
„The health professionals told the families not to take the bodies to the village, but they insisted,“ said Góes. „I persuaded them to break the tradition and do a quick burial. We usually would cry for at least two days and then do a cremation. Fortunately, they agreed.“
Paloschi said the impossibility of performing their cultural rites generates serious unbalances in Indigenous societies. „It’s a turmoil in their cultural universe,“ said the archbishop. „This is a situation of real violence against them.“
Besides CIMI, local dioceses and parishes have been active in providing help to the Indigenous villages. In São Gabriel da Cachoeira, the diocese is part of a committee to deal with the disease, and one of its buildings is being used to shelter patients during treatment.
„Luckily our region began to fight the pandemic from the start,“ said Fr. Geraldo Baniwa, who lives in Assunção, an area away from the city center.
„When there’s a serious case in my community, the patient can be taken to the city and undergo treatment,“ he said. „About 80 families live here, and nobody died until now.“
Despite the growing numbers of the pandemic in the Amazon, the major cities in the region started to reactivate the economy and to loosen social distancing measures.
„There’s a considerable circulation of Indigenous peoples in the cities,“ said Oliveira. „Such an irresponsible reopening will certainly worsen the situation.“
[Eduardo Campos Lima holds a degree in journalism and a doctorate in literature from the University of São Paulo, Brazil. Between 2016 and 2017, he was a Fulbright visiting research student at Columbia University. His work appears in Reuters and the Brazilian newspaper Folha de S. Paulo.]

Quelle: Pressedienst des „National Catholic Reporter“, 9.7.2020

Dieser Beitrag wurde zusammengestellt von Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Wozu Philosophie in Corona-Zeiten? Denken in Zeiten der Krise 9.Teil.

Ein Hinweis von Christian Modehn am 19.4.2020

1.
Die Frage „Wozu Philosophieren, wozu Philosophie in Corona-Zeiten“ ist eine radikalere, der Zeit verpflichtete Form der allgemeinen Frage: “Wozu noch Philosophie“. Theodor W. Adorno hat sich 1962 mit diesem Thema auseinandergesetzt. Der Aufsatz mit diesem Titel ist im Suhrkamp Band „Eingriffe“ (1963) veröffentlicht. Adorno wusste von dem „amateurhaften Klang“ (11) dieser Frage, aber er fand sie wichtig in damaligen Zeiten und keineswegs „unter seinem Niveau“. Sie ist heute von neuer Aktualität. Es geht um die Erkenntnis des gleichermaßen kritischen wie besinnlichen Denkens.
2.
Zunächst zu Adorno, den man sich förmlich als „Vorbild“ für diese Frage wählen kann: Denn dass umfassende Reflexion, selbstkritisches Nachdenken, kritische Analyse gängiger, alltäglicher Begriffe zur Leistung von Philosophie gehört, ist für ihn zweifelsfrei.
Adorno erinnert zunächst an Hegel, der es als Aufgabe der Philosophie erkannte und sich dieser Herausforderung auch selber stellte, „die Zeit in Gedanken zu fassen“. „Als erster erreichte er die Einsicht in den Zeitkern der Wahrheit“ (26), betont Adorno. Den „philosophischen Kern seiner Zeit“ hat auch er stets zu fassen gesucht. In dem Aufsatz zeigt Adorno sich überzeugt, dass „der Zustand der Welt“ „auf die Katastrophe zutreibt“ (23). Er dachte als Philosoph an die Zukunft der Menschheit. Philosophie entwickelt aus der Kritik gegenwärtiger Verhältnisse nicht nur Utopien, die ein besseres Leben zeigen und für möglich halten. Philosophie hat auch angesichts der Analyse der Gegenwart eine Art Prognose mitzuteilen für das Kommende, wenn denn die Gewohnheiten der Menschen jetzt so bleiben wie sie jetzt sind. Adorno hatte verschiedene katastrophale Entwicklungen damals (1963) vor Augen: Den Holocaust als die technische, bürokratische Ausrottung von vielen Millionen Menschen, vor allem der Juden. Adorno sah, wie nach dem Krieg die totale Verdinglichung der humanen Erfahrung kein Ende nimmt, er dachte an die Atombomben, an die geradezu als normal empfundene dogmatische Bevormundung der Bürger selbst in so genannten Demokratien…. Themen, die Adorno immer wieder ausführlich dargelegt hat.
3.
Für manche Adorno-Leser wird es überraschend sein, wenn in dem Aufsatz ausdrücklich auch „eine Spur von Hoffnung“ (18) genannt wird, eine Hoffnung, „dass das Übel … doch nicht das letzte Wort behalte“(18). Hoffnung wird nur als Widerstand gelingen. Und in diesem Widerstand gegen das Übel leistet auch die Philosophie, d.h. das Philosophieren, ihren eigenen, spezifischen Beitrag: Als Kritik, die „Widerstand ist gegen die sich ausbreitende Heteronomie“, als „machtloser Versuch des Gedankens, seiner selbst (als Mensch) mächtig zu bleiben“ (17). Angesichts der Corona-Pandemie haben Philosophen manchmal den Eindruck gegenüber den Ärzten, den Spezialisten der Virologie usw.: Eher nur marginal zu sein, nicht gebraucht zu werden. Dabei sind sie es doch eigentlich, die die kritische Lebendigkeit der Vernunft ständig „befeuern“ sollten. Adorno spricht bescheiden von einem „machtlosen Versuch des philosophischen Gedankens“. Macht muss Philosophie ja nicht gleich haben, aber sie sollte unter den Menschen fürs ständige Fragen und Nachfragen sorgen!
4.
Adorno erkannte damals als seine wichtigsten Gegner, die es argumentativ an den Rand zu stellen gilt, den logischen Positivismus (etwa Carnap) wie auch das Seins-Denken Heideggers: Er wollte die damals (1963) vorherrschenden „philosophischen Schulen“ so auseinander nehmen, man möchte sagen intellektuell blamieren, dass beide „Schulen“ als haltlose Gestalten ideologischer Verblendung wahrgenommen werden. Philosophie darf für Adorno weder das Selbstverständliche (d.h. „positiv“ Gegebene) noch das Unverständliche, Mysteriöse in Seins-Schickungen (das sich jeglicher Debatte entziehende Seins/Seyns-Denken) hinnehmen.
Denn es geht um die Rettung des kritischen Gedankens, des allgemein disputierbaren Gedankens, es geht um Emanzipation. Diese können der das Gegebene umstandslos bejahende Positivismus und das gehorsame, „hörige“, Seins-Denken nicht leisten.
Adorno stellt in seinem Aufsatz diesen ideologisch verformten Schulen das „Philosophieren“ und ausdrücklich die „Besinnung“ als Form der Philosophie, seiner Philosophie, (23) gegenüber. Diese Besinnung hilft, die Zeit auf den Begriff zu bringen. Also Philosophie als relevant für die Gegenwart zu erweisen.
4.
Was hat das mit der Corona-Krise zu tun? Es gilt, philosophisch, argumentativ, nicht bloß optimistisch naiv-behauptend oder religiös bekennend, „eine Spur der Hoffnung“ aufzuzeigen und einem noch größeren drohenden Unheil Widerstand zu leisten: Denn philosophisch ist mit Adorno klar: Das „Übel soll nicht das letzte Wort behalten“ (18).
Aber das kann nur dialektisch gelingen, wenn sich das Denken an dem Negativen erst einmal aufhält, es ansieht, in allen Dimensionen, auch die zukünftigen bedenkt. Nur wer durch das Negative hindurch gegangen ist, hat Aussicht auf „die Spur der Hoffnung“. Philosophie ist – auch für Adorno – kein beliebiges Hobby und auch keine in sich verschlossene akademische Veranstaltung besonders Begabter oder nur eine marginale historische Disziplin. Philosophie muss die Gegenwart, „die Zeit in Gedanken fassen“. Wenn sie das versucht und leistet, hat sie einen eminent praktischen Auftrag. Und auch dieses: Sie hat einen hilfreichen Auftrag.
5.
Philosophie sogar als Therapie: Dieser Gedanke drängt sich auf, der große Philosoph Pierre Hadot hat immer wieder nachdrücklich darauf aufmerksam gemacht. Er erinnerte an das „praktische Profil“ des hellenistischen und römischen Denkens, etwa der Philosophie der Stoa oder Epikurs.
Philosophie ist auch heute niemals l art pour art. Darum muss auch heute die philosophische Überzeugung bedacht, philosophisch meditiert werden: „Philosophieren heißt Sterbenlernen“! Philosophieren wird als eine Art geistiger Übung begriffen, die dann, wenn sie das Ganze des (eigenen) Lebens berührt, zu einer geistlichen, spirituellen Übung (Exerzitien) wird. Die griechischen Philosophen sprachen von askesis, Askese, als Gestalt einer Lebenskunst. Dann kann es im und durch das Denken zu einer Bekehrung kommen, zu einem Umbruch hinsichtlich der Werte und Normen des Lebens. Die wesentlichen Erkenntnisse der Philosophie werden als knappe Sätze, als Formeln, Sentenzen, verbreitet; sie werden als Vorschläge, die zu einem wahren humanen Leben führen, immer wieder von einzelnen inmitten des Lebens wiederholt: „Denke daran, dass du sterben wirst“, ist eine solche Erkenntnis. Sie führt zur Distanz gegenüber allen Anhaftungen und Bindungen an die alltägliche Welt der Sinneserfahrungen. Philosophieren kann also die Seele heilen, schreibt Pierre Hadot (in „Philosophie als Lebensform“, Fischer Taschenbuch, 2001, S. 21). Hadot bezieht sich auf Platon, der wohl als eine der ersten die Maxime formulierte „Philosophieren hießt Sterbenlernen“ (ebd. 29 ff). „Sich im Sterben üben bedeutet, sich zu üben, in seiner Individualität und in seinen Leidenschaften abzusterben, um die Dinge aus der Perspektive der Universalität und der Objektivität zu sehen“ (30). Es geht also bei dieser Maxime um eine bessere Klarsicht. Die Stoiker haben diese Maxime aufgegriffen, und dabei die Wandlung der Grundstimmung im Menschen betont. Der skeptische und mit der Stoa eng verbundene Philosoph Montaigne (1533-1592) hat einen seiner berühmtesten Essays unter den Titel „Philosophieren heißt Sterben lernen“ veröffentlicht, (in der hervorragenden Übersetzung von Hans Stilett, Eichborn Verlag, 1998, Seite 45 – 52, dieser ist die Nr. 20 aller unter dem Titel „Essays“ versammelten kleineren Essays, auch diese Nr.20 wurde wohl 1572 verfasst, gehört also zu den frühen Essays Montaignes).
„Das Vorbedenken des (eigenen Todes) ist Vorbedenken der Freiheit. Wer sterben gelernt hat, hat das Dienen verlernt.“ (48). Das heißt in die heutige Zeit übersetzt; Aus dem Gedanken an die Sterblichkeit aller Menschen, auch der Herrscher, kann der Gedanke an die Gleichheit aller Menschen, auch in rechtlicher Hinsicht, sich als wahr aufdrängen. Und die Frage bleibt: Könnten Herrscher menschlicher, toleranter, weiser, gerechter werden, wenn sie selbst denn ständig die eigene Sterblichkeit vor Augen hätten? Hat das Denken an den eigenen Tod eine Ausstrahlung auf eine humanere Lebensgestaltung?
6.
Damit ist nicht gesagt, dass sich die aktuelle Bedeutung der Philosophie in Corona – Krisen – Zeiten in der Erinnerung an die Sterblichkeit des Menschen erschöpft. Philosophie ist in aller Vielfalt der Entwürfe immer eine Auseinandersetzung mit der Frage, wie Menschen in tiefen Erschütterungen leben und überleben können. Dabei kann man Überraschungen erleben, wenn man etwa „Auszüge aus dem letzten Interview“ liest, das Jean Paul Sartre seinem Freund Benny Levy gegeben hatte (abgedruckt etwa in der „Sondernummer“ von „Pflasterstrand J.P. Sartre“, 1980 in Frankfurt /M. publiziert, hg. von Daniel-Cohn Bendit). In dem Interview bekennt sich Sartre zu einem Humanismus, der ganz wesentlich als eine Beziehung zum anderen Menschen verstanden werden muss. Es ist für ihn absolut abzulehnen, „sich des Menschen als Mittel zum Zweck zu bedienen“. Sartre plädiert vielmehr ganz stark für einen Humanismus, der auch die „Dimension der Verpflichtung“ (41) respektiert: „Ich verstehe darunter, dass in jedem Moment, in dem ich mir einer Sache bewusst bin, immer auch eine Art Forderung da ist, die über das Reale hinausgeht…“ Sind also doch leiseste Spuren von Transzendenz bei Sartre spürbar/ahnbar?
Es gibt gewiss umfassendere Entwürfe für einen philosophischen Humanismus für Corona-Krisen-Zeiten. Diese sind, wenn man schon ans Umfeld Sartres denkt, viel eher bei seinem Gegner Albert Camus zu finden. Hier ging es mir nur darum, auf einige sehr späte Fragmente in Sartres Denken aufmerksam zu machen, der ausdrücklich am Lebensende von Aspekten spricht, „die ich in meinen philosophischen Werken nicht untersucht habe, nämlich die Dimension der Verpflichtung“ anderen Menschen gegenüber“.
Diese ethische Verpflichtung des einzelnen den anderen gegenüber ist und bleibt DAS Thema der philosophischen Lebensweise und philosophischen Kritik in Corona-Zeiten!
6.
Über Sterben und Tod in dieser Corona-Gesellschaft muss philosophisch auf “breiter Ebene“ diskutiert werden. Es ist leider üblich geworden, etwa in Italien, dass jetzt hinsichtlich der Chancen auf Gesundung zwischen erfolgreichen und weniger erfolgreichen Patienten unterschieden wird. Die einen a priori Chancenreichen sind die Jungen (oder selbst, wenn schon alt, dann die Wichtigen, die Politiker, die Berühmtheiten, kurzum die „Herren“). Die anderen sind die Alten (ab wann genau alt, 79 oder 80?). Diese Form der Aussonderung mag ja wie eine „letzte Rettung“ der Ärzte in wirklichen heftigsten und umfassend unmenschlichen Kriegszeiten mit Massenabschlachtungen (2. Weltkrieg usw.) sinnvoll sein: Aber jetzt offenbart diese Aussonderung von Kranken nach Nützlichkeitserwägungen eine irritierende Art zu handeln. Man muss rechtzeitig diese „Triage“ kritisieren, damit sie nicht üblich wird und sich förmlich als normal einbürgert. In Corona-Zeiten Triage anzuwenden ist ja nur Ausdruck für das vorliegende, völlig unzureichende Gesundheitssystem selbst in den europäischen an sich so wohlhabenden Staaten. Hätten die politisch Verantwortlichen einen Pandemie Fall rechtzeitig bedacht und medizinisch/technisch vorgesorgt, gäbe es keine Triage. Diese ist Ausdruck des Versagens der Politiker, die etwa die Krankenhäuser als Orte des Profits konzipiert haben…Triages haben, wie gesagt, nur in heftigstem Krieg eine Bedeutung. Aber indem Politiker vorschnell die Corona – Krise als Krieg deuteten und öffentlich auch so bezeichneten, konnten Kriegs-Maßnahmen wie Triage jetzt beinahe üblich werden.
7.
Dabei ist klar: Diese Aussonderungen, Triages, sind ja in unserer sich demokratisch nennenden, den universalen Menschenrechten angeblich verpflichteten Staaten längst vertraute, sozusagen allgemein übliche ökonomische Handlungen: Sie bestimmen die Art der reichen Länder des Nordens im Umgang mit den armen Menschen im Süden: Die Menschen dort sind eigentlich nicht wichtig, weil ökonomisch „für uns“ uninteressant. Darum können wir mit gönnerischer Üblichkeit denken: Es macht „uns“ also nichts, wenn die Armen im Süden, diese vielen Millionen Menschen, nur eine Schale Reis pro Tag haben; in Elendhütten leben, vor Hunger krepieren; bei ihrer Flucht auf dem Mittelmeer fast keine Hilfe mehr empfangen. Die Flüchtlingslager in Lesbos oder die riesigen Lager in Libyen gelten unter kritischen Beobachtern als institutionalisierte, als eine von der EU zugelassene Katastrophe, wenn nicht für viele Soziologen als KZs des 21. Jahrhunderts.
Dieser Geist der Aussonderung ist schon lebendig, man muss ihn bekämpfen und nicht heute noch in Krankenhäusern verbreiten.
8.
Über den Begriff der Nützlichkeit des Menschen müsste also viel breiter diskutiert werden. Denn diese Praxis der Aussonderung von pflegwürdigen und nicht mehr pflegewürdigen Patienten ist, philosophisch gesehen, Ausdruck einer auf Nutzen gerichteten Haltung. Triage ist ja in gewisser Hinsicht eine schlichte Form des Utilitarismus: Der klassische Utilitarismus ist „eine der am weitesten verbreiteten Theorien der Moral“, schreibt Uwe Czaniera in der „Enzyklopädie Philosophie“, Band III, Seite 2849 (Hamburg 2010). Utilitarismus ist eine Form einer normativen Ethik. Konkreter gesagt: Die moralische Qualität einer Handlung „wird durch außermoralische natürliche Eigenschaften konstituiert und kann entsprechend mit unserem gewöhnlichen Erkenntnis-Instrumentarium und ohne Rekurs auf Intuitionen, Vernunftprinzipien oder göttliche Offenbarungen erfasst werden“ (ebd. 1849). Utilitarismus ist also, wie es heißt, eine sehr „gewöhnliche“ Moral, sie ist keineswegs auf dem hohen Stand der moralischen Reflexionen, etwa durch Kant oder die Tugendlehren. Es geht in dieser utilitaristischen Moral darum, ein größtmögliches Übergewicht an Glück oder Gesundheit für viele gegenüber einem – so glaubt man – klein gehaltenen Unglück für einige durchzusetzen.
9.
Philosophie bringt solche Zustände öffentlich zur Sprache, aber „als Spur der Hoffnung“, dass wenigstens diese rassistisch anmutende Praxis überwunden wird. Das kritische Sich – Abarbeiten am Negativen wird also in der Corona-Krise niemals die armen Menschen in Indien, Brasilien, Afrika, ja in der ganzen armen Welt des Südens, vergessen dürfen. Wenn diese leidenden Menschen dort nicht auch menschenwürdig gepflegt werden, entsteht ein explosives politisches „Potential“. Der Zusammenhang von universaler Corona-Krise und Gewalt/Krieg könnte leider ein Thema der Zukunft sein, selbst wenn dann schon in einigen Ländern Europas wieder etwas Normalität zurückgekehrt ist. Aber Normalität kann nicht zurückkehren, wenn im Süden wegen Corona sozusagen die „Hölle los ist“. Und im reichen Norden gibt es als kommende Gefahr den Zustand, dass eine Gruppe der erfolgreich Überlebenden den Massen der hier zumindest ökonomisch zutiefst geschädigten (und noch kranken) Menschen gegenübersteht. Dieses Denken an eine Zukunft wird jetzt eher selten praktiziert, fast alle sind mit dem gegenwärtigen Alltag befasst: „Wann öffnen bloß die Möbelhäuser und die Baumärkte wieder“ ? Dabei sollte man auf Stimmen von international vernetzten Wissenschaftlern, Philosophen und auch Theologen hören. Der internationale bekannte, kluge und sehr aufgeschlossene „progressiv“ denkende Dominikaner – Theologe Timothy Radcliffe aus Oxford schreibt. „Nach und nach nehmen doch Politiker wahr: Wenn es keine internationale Solidarität gibt zugunsten der Ärmsten, kann eine sozialer Niedergang daraus resultieren, den Europa seit langem nicht gekannt hat. Wir können als Gesellschaft nur durch einen radikalen Wandel überleben. Die weit reichende ungleiche Verteilung des Reichtums hat unsere gemeinschaftlichen Bindungen schon so weit zerstört, dass eine extreme Finanzkrise nun eine Auflösung der Gesellschaft selbst zur Folge haben kann. Ein Teil der politischen Elite sollte begreifen: Wenn wir nicht lernen, dass wir Menschen alle in einem und demselben Boot sitzen, werden im Falle der Nichtbeachtung dieser Tatsache die (schlimmen) Konsequenzen nahezu unvorstellbar sein…“ (Quelle: La Croix, 26.3.2020)

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Die Ideologie der rassistischen Mörder: Tarrant, Breivik…

Ein Hinweis von Christian Modehn
Siehe auch am Ende dieses Beitrags einen „Zwischenruf“ von Herrn Kleist.

1.Der rassistische Massenmörder Anders Breivik, Norwegen, und der immer noch „mutmaßlich“ genannte Massenmörder und Terrorist Brenton Tarrant (aus Australien, Mörder in Neuseeland) haben explizite ideologische Hintergründe. Diese Terroristen zehren förmlich – auch in ihren Aktionen – von Ideologen, deren Werke sie studiert haben: Vor allem ist da der Franzose Renaud Camus zu nennen und die Autorin Bat Ye or:
Renaud Camus hat schon 2011 in einem Buch die Ideologie verbreitet, das christlich geprägte Europa werde bald von Muslims beherrscht, d.h. für ihn: die europäische Bevölkerung werde „ausgetauscht“, remplacé. Auf das Buch von Renaud Camus „Remplacement“ bezieht sich Brenton Tarrant in seinem 74 Seiten umfassenden Pamphlet. Diese „Replacement Ideologie“ hat auch im englischen Sprachraum Aufmerksamkeit gefunden. Und die jüdische Autorin Bat Ye or hat eine ähnliche Ideologie der muslimischen Machtübernahme in Europa schon früher in zahlreichen Büchern verbreitet. „Selbstverständlich“ lehnen die Autoren jeden Zusammenhang ihrer ideologischen Behauptungen mit den schrecklichen Taten ab. Aber es ist ja bekannt, dass die „Neue Rechte“ auf die „kulturelle Revolution“ setzt: Also auch auf Ideologien, etwa in Büchern verbreitet, die dann von „Praktikern“ der „Szene“ „umgesetzt“ werden. So läuft die neurechte Revolution, also die Zerstörung der Restbestände demokratischer Ordnung in Europa: Erst Ideologien verbreiten, bis einige „Mutige“ zur tötenden, umwälzenden Tat schreiten. Es wird Zeit, dass sich Demokraten über diese gefährlichen Zusammenhänge viel mehr aktiv verständigen…
2. Bemerkenswert ist auch: Seit 2017 ist Luc Ravel Erzbischof von Strasbourg. In einem Interview mit der Tageszeitung „Dernières nouvelles d Alsace“ vom Juli 2017 hat er sich als Kenner der rassistischen remplacement – Ideologie geoutet: Der Erzbischof sagte etwas stammelnd, das dann auch so gedruckt wurde: „Les croyants musulmans le savent très bien que leur fécondité est telle qu’aujourd’hui, comment ils appellent ça ?… le Grand Remplacement. Ils vous le disent de façon très calme, très positive, ‘mais de toute façon, un jour tout ça, ça sera à nous…’. (Die gläubigen Muslime wissen sehr sehr gut, das ihre Fruchtbarkeit derartig ist, dass heute, wie nennen sie das? Das große Ersetzen (der hiesigen Bevölkerung) (kommt). Die Muslime sagen Ihnen das auf sehr ruhige Art, sehr positiv! Aber trotzdem, wenn das eines Tages so ist, dann wird das etwas für uns sein…“ Mir ist nicht bekannt, dass der Erzbischof von Straßburg sich von diesen Worten öffentlich distanziert hat.
3. Das Buch des rechtsextremen Autors Renaud Camus über den großen Bevölkerungsaustausch wird nun hoch gepriesen von dem wieder im rechten katholisch-theologischen Lager gelandeten Ex-Gay-Aktivisten David Berger: Ausgerechnet einen Monat vor dem großen „Abschlachten“ hilfloser Menschen muslimischen Glaubens durch den australischen Terroristen publizierte Berger diese Lobeshymne auf den Kampf gegen den „Austausch“, wer sich diesen Text zur Lektüre antun will…
David Berger ist zudem offenbar freundschaftlich vereint mit dem Dominikanerpater und Theologen Wolfgang Ockenfels für die AFD nahe politische Stiftung Erasmus tätig.
4.Die rassistischen Ideologien, wie die „Remplacement-Ideologie“ bzw. dieser Wahn, setzen sich immer mehr in katholischen Kreisen durch. Kann man diese Menschen noch gesprächsweise zur Vernunft, zur Humanität und Toleranz bringen? Man muss es hoffen! Sonst fliegt uns der demokratische Staat und die noch demokratisch sein wollende Gesellschaft um die Ihren. Die Nazi-Wehsportgruppen üben schon für den Ernstfall in Deutschland.
5.Es ist Zeit, dass die Christen und die Kirchen viel stärker auf die muslimischen Mitbürger zugehen, mit ihnen gemeinsam Gottesdienste feiern, mystische islamische Texte in christlichen Gottesdiensten vorlesen etc. Um endlich eine christlich-muslimische Ökumene zu leben, die den Namen verdient. Warum werden leerstehende christliche Kirchen (in Deutschland) nicht den Muslims zum Umbau als Moschee übergeben? Warum verkauft man leerstehende Kirchen lieber an Geschäftsleute als dass man sie Muslims überlässt? Versteckt sich da bei den Christen eine anti-islamische Hatung? Wahrscheinlich! Christen dürfen nicht zulassen, dass immer mehr pauschal „die“ Muslime zu Gewalttätern gestempelt werden.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin
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Der Zwischenruf von Herrn Kleist:
Was haben der AFD-Erasmus-Stiftungs-Kurator,
Rechtsextremist und Verschwörungstheoretiker
David Berger und der 50fache Mörder von
Neuseeland/Christchurch, Brenton Tarrant, gemeinsam?

Beide beziehen sich auf den Wahnideologen Renaud Camus.
Der behauptet gegen jede wissenschaftliche-statistische
Vernunft-, dass 15 Jahrhunderte ein stabiles Volk [sic] (das eigene Land, Frankreich) besiedelt hätte [Ernest
Renan (1823-1892) würde sich im Grab halb tot lachen] und dass nun (in Deutschland und Europa) Merkel und
Juncker (sowieso an allem schuld), dieses stabile Volk
gegen ein oder mehrere andere Völker austauschen würden.

Der Massenmörder Brenton Tarrant nahm diesen strunzenden
Blödsinn und rassistischen Appel an die Trottel zum Anlass,
wahllos (nicht etwa in Frankreich oder Deutschland
sondern in Neuseeland) Muslime zu ermorden.

50 unschuldige Menschen hat Tarrant mutmaßlich
umgebracht. Überschrieben hat der Mörder sein 70
seitiges Rechtfertigungs-Pamphlet mit Camus‘ Begriff des
„The Great Replacement“, jener Verschwörungstheorie,
mit der Renaud Camus in seinem Buch
populistisch an
Xenophobien aus der Steinzeit appelliert. Jene
Verschwörungstheorie (frz. remplacement), die David Berger
samt ihrem Urheber über den Klee auf seiner Blogseite (siehe
den letzten Hyperlink unten) lobt. Man kann nur froh sein,
dass Rechtsextremisten wie David Berger oder Bernd Höcke
keine Kinder mehr unterrichten (dürfen) und dass der Mörder
Brenton Tarrant hinter Schloss und Riegel sitzt.

Aus wissenschaftlicher Sicht befindet sich David Berger
auf dem wissenschaftlichen Stand des 13ten Jahrhunderts,
alle drei trinken aus der schon im 19ten Jahrhundert ver-
sumpften, schmutzigen Quelle des Vorurteils und des
Chauvinismus.

Was macht eigentlich der Verfassungsschutz gegen die
Hassideologen wie Höcke, Berger, Tarrant oder andere
Adepten des Renauld Camus‘? Jener Dummkopf, der
-wie seinerzeit der Despot Ruhollah Chomeini-
stolz darauf ist, niemals zu lachen.

Es ist grotesk, dass Veranstaltungen an denen sich der
Rechtsextremist Berger beteiligt, wie die AFD-Sumpfblume
,,Erasmus-Stiftung“ (der polyglott-multikulturelle Erasmus
von Rotterdamm würde sich im Grabe totlachen, welche
Toren sich auf ihn berufen), von Steuergeldern finanziert
wird.

https://www.br.de/nachrichten/deutschland-welt/attentaeter-von-christchurch-wer-ist-brenton-tarrant,RKrjOZq
http://www.staff.uni-giessen.de/~g31130/PDF/Nationalismus/Was_ist_eine_nation.pdf

Wenn Europa islamisch wird: Die Ängste der jüdischen Forscherin Bat Ye´Or


http://archive.is/F3uPp#Bergers-Blödsinn—Zugriff-ohne-Datenfluss-an-Berger
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Das Böckenförde-Diktum: Aktuell noch heute?

Anlässlich des Todes von Ernst-Wolfgang Böckenförde (19.9.1930-24.2.2019)
Ein Hinweis von Christian Modehn

1.Es gibt wahrscheinlich kaum ein anderes so häufig zitiertes „Diktum“ wie das von Ernst-Wolfgang Böckenförde: „Der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann“.
Dieser Satz wurde von dem Professor für Öffentliches Recht und späteren Richter des Bundesverfassungsgerichts 1967 publiziert. Seitdem wird dieses „Böckenförde-Diktum“ immer wieder, auch bei Sonntagsreden, zitiert, wenn über die geistigen, auch die religiösen Grundlagen, „Voraussetzungen“, des modernen freiheitlichen und säkularisierten demokratischen Staates debattiert werden soll. Böckenförde wandte sich damals vor allem an Katholiken: Sie sollten seiner Meinung nach den säkularisierten Staat akzeptieren, einen Staat, in dem nicht mehr die Kirche alles bestimmend sein kann wie einst… Aber das ist ein anderes Thema…
2.Oft wird das berühmte „Diktum“ aus dem Gedächtnis zitiert, soweit reicht seine Wirkung. Dann wird gesagt: Der demokratische Staat lebt von Voraussetzungen, welche die Demokratie nicht schaffen kann. Von „Schaffen“ ist aber bei Böckenförde keine Rede, sondern von geistigen, kulturellen, vor allem religiösen Voraussetzungen, die der freiheitliche, säkularisierte Staat nicht GARANTIEREN kann. Das heißt: Der freiheitliche Staat kann diese Voraussetzungen in ihrer Existenz und Entfaltung nicht schaffen und nicht erhalten; er kann das Fortdauern, etwa der Religionen, nicht gewährleisten, nicht durch staatliche Hilfe „garantieren“. Der Staat kann auch Religion nicht hervorbringen. Aber für „den Bestand und die Lebenskraft des säkularisierten Staates“ braucht der Staat diese Voraussetzungen, so Böckenförde in einem Vortrag im Jahr 2006 im Rückblick auf seine Aussage von 1967 (in: Der säkularisierte Staat; Vortrag in der Carl Friedrich von Siemens Stiftung, publiziert in München 2007, Seite 9).
3.Aber auch 2006 ist Böckenförde überzeugt: Der demokratische Rechtsstaat braucht förmlich zu seinem „inneren“ Zusammenhalt mehr als das bloß formale und von (gerechten!) staatlichen Gesetzen der Demokratie erzwungene gesetzeskonforme Verhalten der Bürger. Aber 2006 konkretisiert Böckenförde diese Einsicht angesichts der zunehmenden Präsenz von islamischen Mitbürgern in Deutschland. Er meint: Der demokratische Staat (Deutschland) könnte sich auch damit begnügen, wenn Muslime diese hier geltenden demokratischen Gesetze rein äußerlich befolgen. Der demokratische Staat kann und darf nicht die Gesinnung der einzelnen Bürger prüfen (S. 38). Trotzdem: Böckenförde behauptet: „Ein solches Konzept (der bloß äußerlichen Zustimmung zur Demokratie, CM) erscheint nicht von vornherein utopisch“ (ebd). Heute ist es aber mehr als fraglich, ob eine solche bloß formale, vielleicht sogar in gewisser Weise „verlogene“ Loyalität den (tatsächlichen!) demokratischen Gesetzen gegenüber zu einer „Integration“ muslimischer Bürger ausreichend ist.
4.Man sieht an diesen Beispielen, dass es Böckenförde wohl mehr um eine Problemanzeige geht als um eine Problemlösung.
Böckenförde hat in seinem Vortrag von 2006 die veränderten konfessionellen Verhältnisse in Deutschland für seine These respektiert. 1967 sprach er noch unter den Bedingungen der „alten“ Bundesrepublik, mit einer fast absoluten Mehrheit christlicher Bürger. 2006 gibt es nicht nur viele Konfessionslose, sondern eben auch muslimische Mitbürger. Dabei ist interessant, dass Böckenförde 2006 von einer gewissen Angst geplagt ist, wenn er andeutet: Eines Tages könnten die muslimischen Menschen in Deutschland sogar die Mehrheit bilden, so behauptet er. Böckenförde formuliert da eine Angst, die in ultra-konservativen Kreisen immer wieder reflektiert wurde und wird, etwa von der jüdischen Kulturwissenschaftlerin Bat Ye Or.Ausführlicher dazu: Klicken Sie hier.
5.Angesichts dieser doch eher diffus zu nennenden Angst vertritt Böckenförde im Jahr 2006 die merkwürdige Auffassung: Wenn es soweit kommen sollte, dass Muslime den freiheitlichen Staat hier, wie er schreibt, „von innen her aufrollen“, also auflösen wollen, dann soll dieser freiheitliche Staat dafür sorgen, „dass diese Religion beziehungsweise ihre Anhänger in einer Minderheitsposition verbleiben“. Das heißt doch wohl für ihn: Grenzen dicht machen. Er fährt fort: „Das würde gegebenenfalls entsprechende politische Gestaltungen im Bereich der Freizügigkeit, Migration und Einbürgerung notwendig machen“ (S. 39). Äußerst vorsichtig und diplomatisch unklar formuliert er, könnte man sagen. Denn diese „entsprechenden Gestaltungen“ der Begrenzung so genannter muslimischer Ausländer (Einwanderer/Flüchtlinge) sind ja jetzt in ganz Europa bereits üblich. Man nennt das im Klartext die Abschottung des Abendlandes vor den Fremden, den „anderen“.
6.Man sieht, wie problematisch einzelne Vorschläge des so viel zitierten katholischen Rechtswissenschaftlers tatsächlich sind.
Böckenförde kam es darüberhinaus offenbar nicht in den Sinn, dass der sich demokratisch nennende Staat sich soweit von den Grundlagen demokratischer Prinzipien entfernt, etwa in seiner Sozialpolitik. Wirtschaftspolitik, Beziehung zu Lobbyisten usw., dass dieser demokratische Staat selbst nur noch mit Mühe demokratisch genannt werden kann, zumal wenn sich die Korruption immer mehr durchsetzt. Dann wird die Bindung der Bürger an den Staat, ja, auch der “Glaube“ an den Sinn demokratischen Zusammenlebens, erschüttert. Und mit diesem „Glaubensschwund“ geht oft einher eine Grunderschütterung in anderen Bindungen an Glaubensdinge, etwa gegenüber den Führungsgruppen einer Religion.
Hinzukommt, dass bei den freundlichen Beziehungen des Staates zu den Kirchen in Deutschland der Staat oft zu nachsichtig die besondere Rolle der Kirchenführungen innerhalb der Gesellschaft einschätzt: Wenn etwa vor dem Bundesverfassungsgericht zugunsten der Kirchengebote und nicht im Sinne eines demokratischen Dienst-Rechtes entschieden wird. Etwa im Falle von Ärzten, die ihren Job an katholischen Kliniken verloren hatten, nur weil sie ein 2. Mal eine Ehe eingegangen waren. Oder wenn der Staat es respektiert, dass die katholische Kirche allein entscheidet, ob ein katholischer Theologe als Wissenschaftler an einer staatlichen Universität lehren darf, etwa wenn der Theologe Priester ist und heiratet. In solchen Fällen erzeugt die große Freundlichkeit des Staates gegenüber der Kirchenführung nur sehr viel Kritik unter den nachdenklichen Gläubigen und sehr viel Abstandnehmen von der Kirche. Das heißt: Der demokratische Staat kann selbst auch zur „Entkonfessionalisierung“ beitragen. Das heißt, der Staat zerstört in gewisser Weise „die Voraussetzungen“, von denen er lebt. Natürlich, der Staat respektiert dabei oft die Konkordatsbestimmungen, aber die bis jetzt in der Bundesrepublik geltenden Konkordatsbestimmungen stammen aus Verträgen mit Nazi-Deutschland, mit Hitler. Das ist philosophisch gesehen nicht gerade ein idealer Zustand, für die rechtlich bevorzugte Kirche vielleicht schon…
Und wenn jetzt die Kirchen immer mehr an Glaubwürdigkeit verlieren, etwa angesichts der vielen freigelegten Untaten von Priestern an Kindern usw: Die Voraussetzungen, von denen der freiheitlich säkularisierte Staat lebt, schwinden also heute dahin. In der Sicht Böckenfördes wäre also der innere Zusammenbruch kirchlichen Lebens für den Staat eine Katastrophe.
7.Böckenförde weist allerdings auch darauf hin, wie schwierig es ist zu verhindern, dass auch die Bürger in Deutschland politisch „umkippen“ und die offene demokratische Ordnung bei den üblichen Wahlen etwa abwählen. Der sanfte Umsturz zur Diktatur also durch demokratische Mehrheits-Entscheidungen und Wahlen: Das ist die eigentliche Gefahr für die freiheitlichen Demokratien heute. Man denken an Trump, an Ungarn, an Polen, wo überall Autokraten und Diktatoren durch Mehrheitsentscheidungen an die Macht gekommen sind.
Was hält denn nun die Demokratien heute in der religiösen Pluralität zusammen? Die vielen Gesetze allein können dies nicht leisten.
Noch einmal: Es ist der demokratische Geist, der Demokratien leben lässt. Aber was ist heute der allen (!) vermittelbare demokratische Geist? In den Menschenrechten ist er objektiv formuliert. Sie werden aber selbst von so genannten Demokratien eher selten respektiert. Böckenförde sieht selbst die Möglichkeit, dass die Menschenrechte die „Grundlage aller menschlichen Gemeinschaft“ sein sollten (S. 18f.) Aber wie sollen die Menschenrechte wirksam Vernunft und Seele der Menschen, aller Menschen, auch der Politiker und der Kirchenführer bestimmen? Das ist die große Frage!

Copyright: Christan Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Die CSU gehört nicht zu Deutschland (auch nicht zu Bayern).

Ein ernster ironischer Kommentar von Christian Modehn

Einige besorgte LeserInnen haben mich gefragt, ob ich denn die These meines „ernsten ironischen Kommentars“ kurz zusammenfassen kann: Die CSU mit dieser jetzt heftig verbreiteten Behauptung, „der“ Islam, „in welcher Form auch immer“ (Dobrindt CSU), gehöre nicht zu Deutschland, tritt mit dieser undifferenzierten, pauschalen und deswegen dummen Propaganda aus dem Konsens der in Deutschland gültigen Kultur: Denn dies ist die Kultur des differenzierten Denkens und abwägenden Argumentierens. Dies ist die Kultur, dass Parteien nicht um des eigenen Überlebens willen sich rechtsextremen Positionen anschließen. Politiker sollen in der in Deutschland doch schon etwas bewährten demokratischen Kultur nicht zu Propagandisten und zu Verhetzern des Volkes werden.

Also: Die CSU als Partei tritt in dem genannten Fall aus der demokratischen, von Vernunft geprägten Kultur in Deutschland heraus. Die CSU ist ganz offensichtlich ein Freund des ungarischen Populisten Orban und so (zer)stört die CSU jetzt die demokratische, von Toleranz, Differenzierungsvermögen und damit von Vernunft bestimmte Kultur in Deutschland. Über Strömungen des Fundamentalismus im Islam muss man reden, natürlich, genauso differenziert wie über zweifelsfrei vorhandene fundamentalistsiche Strömungen im römischen Katholizismus, in evangelikalen Kreisen usw…

Aktualisierung am 21.3.2018: Die pauschalen Urteile über „den“ Islam in Deutschland und Europa werden von undifferenziert denkenden Politikern, vor allem der CSU, immer wieder weiter verbreitet, wie von Alexander Dobrindt. Er wollte sein „Unterscheidungsvermögen“ über den vielfältig geprägten Islam dadurch beweisen, als er sagte: In allen Formen des Islam gehöre der Islam nicht zu Deutschland. Kennt der christliche Bayer „alle Formen des Islam“? Wohl kaum. Seine Worte und die früheren, ebenso pauschalen Äußerungen des Innenministers Seehofer können in einem Kommentar und Meinungsbeitrag nur als Volksverhetzung gelten. Und als taktische Anbiederung der CSU an AFD und Pegida und co. Diese CSU – Herren verbreiten undifferenzierten Unsinn, nur um des Wahl-Erfolges ihrer eigenen Partei willen. Wer nennt solches Verhalten demokratisch? Oder christlich? Oder sozial?

……..Der Text vom 19. März 2018:

Der neue Innen- und Heimat – Minister Horst Seehofer CSU unternimmt sofort nach Amtsübernahme alles, um die Stimmung in Deutschland heftigst anzuheizen, zu polarisieren. Seine Worte wecken den Rassismus, dies ist eine Meinungsäußerung. Wann kommen die Klagen wegen Volksverhetzung? Seehofer will eine Religion, den Islam, aus Deutschland ausgrenzen und damit vertreiben und auslöschen. Dabei aber will er freundlicherweise die Mitglieder dieser Religion, die Menschen, die Muslime, in irgendeiner Weise dann doch hier leben lassen. Geht ja auch – zunächst ? – nicht anders, sind doch viele Muslime deutsche Staatsbürger.

Also, der Vernunft und damit der Logik verpflichtete Menschen sollten den Seehofer – Spruch variieren:

Etwa: Der „Bundes-Verband der deutschen Sicherheits – und Rüstungsindustrie“ gehört nicht zu Deutschland und seiner christlichen und friedlichen Kultur!  Die Rüstungsproduzenten dürfen als Menschen in Deutschland weiter leben… falls sie umrüsten und in die ökologische Landwirtschaft oder die Krankenpflege investieren. Das wäre eine zeitgemäße Variante der Seehoferschen Weisheit.

Aber der Seehofer Spruch „Der Islam gehört nicht zu Deutschland“ widerspricht jeglicher Logik. Die rechtsextremen populistischen Kreise in der AFD und Pegida werden sich in ihrer Unlogik über so viel Beistand aus der angeblich demokratischen Ecke der CSU freuen. Nun haben die Gegner „des“ Islam allen Grund, heftig gegen Institutionen „des“ Islam vorzugehen. Seehofer spielt von daher mit dem Feuer, er hetzt mit seinem dummen Spruch das Volk auf. Wann wird er abgelöst und etwa nach Altötting in Pension geschickt? Aber werden seine Nachfolger und Freunde, Amigos, etwa aus Ungarn, denn anders denken? Die CSU pflegt ja bekanntlich ein sehr inniges und freundschaftliches Verhältnis zu dem alles andere als „lupenreinen Demokraten“ Viktor Orban, dem Staatschef  von Ungarn, bekanntermaßen ebenfalls sehr „ausländerfreundlich“ und sehr „muslim -freundlich“… Wird sich etwa Herr Alexander Dobrindt CSU zum Islam als zu Deutschland gehörend bekennen? Wird Seehofer und die offizielle CSU Muslim – Politik in den Kirchen heftigsten Widerspruch finden? Bei den Katholiken sicher nicht. Denn die denken auf ihre Art – andere ausschließend – wie Seehofers CSU:

Die katholische Kirche praktiziert dieselbe irre Logik, wenn sie im offiziellen und immer noch gültigen Katechismus (Vatikan 1993) behauptet (§ 2357 folgende): Homosexualität als solche ist Sünde und ein Irrweg („in keinem Fall zu billigen“), während der/die einzelne Homosexuelle respektvoll behandelt werden soll. Und dann kommt der Hammer: Vorausgesetzt, der Homosexuelle lebt als Homosexueller enthaltsam, also verzichtet darauf, als Mensch andere Menschen erotisch/sexuell zu lieben. (§ 2359 in dem genannten Opus, in der deutschen Ausgabe auf Seite 596). Nur Platonisches erlaubt die römische Kirche den Homosexuellen, platonische Liebe, die ja bekanntlich alle zölibatären, heterosexuellen, homosexuellen oder pädophilen Priester als Platoniker vorbildlich praktizieren. Siehe dazu auch meinen Beitrag: „Der § 175 in der römisch – katholischen Kirche“. LINK

Konsequenterweise sollte, der vatikanischen „Einsicht“ folgend, Herr Seehofer also sagen: Muslime in Deutschland sollten ihre Religion nicht praktizieren, sondern am besten konvertieren, zum Christentum oder zum Judentum, denn diese beiden Religionen hält ja Seehofer für den Kern der deutschen Kultur! Von Humanismus und Aufklärung als den entscheidenden Quellen demokratischen Denkens und demokratischen Lebens in Europa, auch in Deutschland, hat der Bayer Seehofer nichts gehört. Tragisch ist es, mit welcher Selbstverständlichkeit da Christlich und Jüdisch in einer Formel zusammengebunden wird. Das würde stimmen, gäbe es nicht die Geschichte christlich motivierter Judenverfolgung und Judenausrottung, noch vor 85 Jahren auch durch Deutsche! Wer heute jüdische Wurzeln Deutschlands anspricht, bezieht sich leider auf Vergangenes, darauf, dass Deutsche, Christen, Millionen Juden getötet haben. Darum ist das Wort „christlich – jüdisch“ als Kennzeichnung deutscher Kultur eine große Verlogenheit. Würde sich Seehofer freuen, wenn Tucholsky noch lebte oder Walter Benjamin, sie würden ihm als Humanisten heftig widersprechen.

Ich behaupte also: Die CSU als Partei passt weder nach Bayern noch nach Deutschland. Ihre Ideologie zeigt gewisse Verkalkungen. Denn diese Partei ist auch so verfilzt in Amigo – und Korruptionsaffären, dass sie einfach nicht dem christlich – jüdischen Niveau in Deutschland entspricht. Die einzelnen CSU Herrschaften mögen als einzelne Menschen respektabel sein, aber es wäre besser, wenn sie aus diesem verfilzten Club, CSU genannt, austreten würden und sich etwa der SPD oder wenigstens der CDU anschließen. So sollen es ja auch die Muslime am besten machen: Raus aus „dem“ Islam, und rein in die christlichen Kirchen.

Dieses ausgrenzende,  durchaus rassistische Denken kommt übrigens von weit her; in Spanien etwa war es seit dem 16. Jahrhundert bis in Francos Zeiten gültig. Staatschef Franco wollte keine protestantischen Kirchen -Institutionen in seinem total katholischen Spanien haben. Einzelne zurückhaltende Protestanten wurden als Menschen freundlicherweise ertragen. Das heißt: Seehofer sollte mit seinem Vorstoß „Der Islam gehört nicht zu Deutschland“ eine Ehrenmedaille der alten Franco – Garde in Spanien erhalten, die da analog sagte: „Protestanten, Juden und Muslime gehören nicht zu Spanien“.

Zusammenfassend: Die CSU betreibt offensichtlich eine widersinnige ANTI- Muslim Propaganda: Um der AFD zu entsprechen und um mit dieser Position die Sache der eigenen Partei zu retten. Für den Sieg der eigenen, der christlichen Partei, opfert man gern die vernünftige Debatte in Deutschland. Und nähert sich rechtsextremen Positionen…

Als Lesetipp empfehle ich die Bücher von Wilhelm Schlötterer, dem kritischen Forscher zur CSU: Die Wochenzeitung „Die ZEIT“ schreibt: (Quelle: http://www.zeit.de/angebote/buchtipp/schloetterer/index)

„In der CSU gehören politische Intrigen, Machtmissbrauch und Korruption zur Tagesordnung, weiß Wilhelm Schlötterer und legt neue Fakten und Beweise für seine Vorwürfe vor. Aber nicht nur die kriminellen Machenschaften von Strauß, sondern auch der despotische Regierungsstil von Edmund Stoiber wie das überhebliche Verhalten von Horst Seehofer den entsprechenden Konsequenzen für das Land und den Bund werden in „Wahn und Willkür“ von Wilhelm Schlötterer analysiert“

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Diktatoren werden von Deutschland und Europa unterstützt

„Wie die EU ihre Grenzen nach Afrika verlagert“:

Über das Buch „Diktatoren als Türsteher Europas“. Von Christian Jakob und Simone Schlindwein (Ch. Links Verlag, Berlin)

Ein Hinweis von Christian Modehn

Für unseren religionsphilosophischen Salon ist das Studium und die Verteidigung der universal geltenden Menschenrechte ein Schwerpunkt. Dieses Thema führt in die Politik, in politische Stellungnahmen und selbstverständlich zur Kritik der Politik(er), auch in Europa. Zu unserem Thema gehört die Warnung vor einem Ende der offenen, der demokratischen Gesellschaft in Europa. Die Trauer über diesen kulturellen und humanen Niedergang ist die bestimmende „Melodie“ dieser Überlegungen. Oder, wenig poetisch gesagt: Wie Europa, wie Deutschland, seine Seele verkauft. Oder: Wie „demokratische“ Politiker in Europa und Deutschland Vernunft und Menschlichkeit aus ihrem Denken streichen…

Bevor auf einige zentrale Aspekte des wichtigen Buches „Diktatoren als Türsteher Europas“ hingewiesen wird: einige Überlegungen zur Einstimmu.

1. Die rigide Abwehr von Flüchtlingen bestimmt längst alles Denken und Tun der meisten Politiker in Europa, auch in Deutschland. Die „Willkommenskultur“ war nur eine Art momentaner „Ausrutscher“ einer irritierten, sich menschenfreundlich gebenden Kanzlerin. Nur kurzfristig zeigte sie sich Flüchtlings-freundlich. Seitdem rechtspopulistische und rechtsextreme Parteien in fast allen Ländern Europas ihren Hass gegen Fremde und Flüchtlinge in der Öffentlichkeit einpeitschen und diffuse Ängste erzeugen sowie den etablierten Parteien Stimmen „wegnehmen“, folgen auch sehr viele demokratisch sich nennende Politiker den Parolen der Populisten und Rechtsextremen. Sie wollen ihre eigenen Parteien retten und stark machen, die politische demokratische Kultur zu retten ist hingegen vielleicht erst der zweite Gesichtspunkt…Politiker demokratischer Parteien lassen sich förmlich die Handlungsanweisungen aus den Kreisen der Populisten geben. Sie vertrauen nicht mehr auf die Kraft der Vernunft und der Argumente zugunsten umfassender Humanität. Sie halten die Bürger für so blöd, als könnten differenziertere Argumente schon gar nicht mehr verstehen. So werden demokratische Politiker selbst zu populistischen Akteuren. Sie machen ihre demokratische Arbeit der Flüchtlingsabwehr nur etwas elegant und diplomatisch – versteckt und in tausend bürokratischen Bestimmungen oft nicht so schnell durchschaubar.

2. Es ist jedenfalls evident und bedarf überhaupt keines Beweises mehr: Europa schottet sich ab, es baut rings um den Kontinent nicht nur Mauern, sondern errichtet tötende Schutzzäune und fördert die Abwehr der Flüchtlinge schon im unmittelbaren Umfeld Afrikas. Der Nachbarkontinent Afrika ist in dieser paranoiden Sicht Europas zur Ansammlung feindseliger Elemente geworden, die es wie die Pest fernzuhalten gilt. Trumps Mauerbau an der mexikanischen Grenze und seine Vertreibung der in den USA lebenden Flüchtlinge etwa aus El Salvador ist nur eine Variante europäischer Ängste und Identitäts-Sehnsüchte. Die rassistischen Ausfälle zu Beginn von 2018 dieses Politikers der USA sind nur ein Beleg, welche Mentalität sich hinter der Ausländer – und Flüchtlingspolitik oft verbirgt.

Was haben doch BRD Politiker einst über den Spruch des SED Führers Walter Ulbricht gelacht, als er 1961 noch sagte: „Niemand hat die Absicht eine Mauer (in Berlin) zu bauen“. Jetzt sind demokratische Politiker in ihrem angstbestimmten Denken selbst die besten und größten Mauer-Bauer und Stacheldraht Spezialisten geworden. Sie folgen also ihrem großen „Vorbild“ Walter Ulbricht. Er ist einer der ihren. Nur darf man nicht vergessen: Die eingemauerte DDR ist 28 Jahre später (1989) implodiert und zusammengebrochen. Wird dies mit dem eingemauerten demokratischen Europa auch passieren? Wohin würde dann dieser Zusammenbruch des eingemauerten Europa führen? Wahrscheinlich in Richtung eines dann expliziten Faschismus der „besseren“ Menschen, der „wertvollen und weißen Rasse“?

3. Diese Überlegungen sind Teil der Überlegungen vieler Menschen, die der umfassenden und prinzipiellen Humanität verpflichtet sind sowie der sich so mühsam und abstrampelnden, von Spenden lebenden Solidaritäts-Vereine und Assoziationen, die ziemlich hilflos, weil politisch schwach, an der Seite der Flüchtlinge stehen: Sie stehen diesen flüchtenden Menschen bei, nicht weil alle Flüchtlinge automatisch Heilige sind, sondern weil sich in der Hilfsbereitschaft für Flüchtlinge die Humanität zeigt, die ja Europa gern in Sonntagsreden beschwört. Und die viele populistische Politiker etwa in der CSU auch gern als „abendländische“ oder gar anmaßend als „ihre“ christliche Gesinnung hoch jubeln.

4. Wer sich mit den grundlegenden Fakten vertraut machen will, und das sollten sehr viele, was heute Europa ins kulturelle und ethische Abrutschen bringt, sollte das neue Buch der Politologen und Journalisten Christian Jakob und Simone Schlindwein lesen: Nun liegt es schon in der 3. Auflage vor, offenbar haben alle Abgeordneten des Bundestages und alle Landtagsabgeordneten und alle Bürgermeister dieses Buch gekauft und werden es lesen. Bei der AFD wird es wahrscheinlich „verschlungen“…

Lassen wir diese Utopie der Vernunft: Dieses Buch ist eine sehr gründliche Studie, objektiv in der Sprache, nicht so zuspitzend wie mein Kommentar. Das Buch enthält ca. 240 Seiten TEXT und fast 40 Seiten klein gedruckte Quellenangaben. Eine Meisterleistung der Recherche, eine Ehre für diese Journalisten. Aber die Autoren sind klar und deutlich in ihrer elementaren Erkenntnis, die evident ist und die niemand ignorieren darf, der bei Verstand ist: Europas Politiker bedienen sich der übelsten Diktatoren in Afrika, dies tun die Europäer, nur um ihre eigene rigide Abwehr der Flüchtlinge aus Afrika zum Erfolg zu bringen.

5. Es sind etwa die Diktatoren in Eritrea und Sudan, sowie die Regime in Libyen und Ägypten, die zu den besten Helfern europäischer Flüchtlingspolitik ausersehen sind; diese brutalen Herrschaften werden für ihre mörderische Abwehr von afrikanischen Flüchtlingen von Europa reichlich belohnt, mit Millionen Euros, mit Waffenhilfe, die sich diplomatisch geschickt als Entwicklungshilfe tarnt. Bundesentwicklungsminister Müller etwa reiste nach 20 Jahren diplomatischer Verachtung für dieses Regime nach Asmara, Eritrea und sagte: „Wir Deutsche können Eritrea unterstützen, den Exodus der Jugend zu stoppen“ (S. 34). Als würde die Jugend aus Eritrea aus Langeweile nach Europa ausweichen, und nicht, um dem widerwärtigen diktatorischen Regime zu entkommen. Natürlich fügte Müller die Floskel an, Eritrea „möge die Menschenrechtslage verbessern“ (ebd).

Wichtig ist die Darstellung, wie Spanien durch den Beitritt zum Schengener Abkommen 1991 die spanischen Enklaven auf algerischem Boden Ceuta und Melilla zu Festungen ausbaute und die Freizügigkeit beendete. „Verbaut wurde in dem Zaun rund um Melilla und Ceura Klingendraht des Typs Concertina 22, gedacht zum Schutz von Atomkraftwerken, Munitionslagern und Flughäfen. Im Abstand von 38 Millimeter sind daran scharfe Klingen angebracht; 22 Millimeter lang, 15 Millimeter hoch“ (41). Man braucht einige Nerven, um die weitere objektive Darstellung dieser Abwehr Europas vor den Afrikanern weiter zu lesen: Viele Afrikaner haben sich in den Klingen verfangen, wer springt, verfängt sich in Drahtseilen usw. Als es 2013 im spanischen Parlament eine Debatte darüber gab, entschied der sehr katholische Ministerpräsident Rajoy: „Die Klingen bleiben“ (42).

6. Das Buch ist systematisch gegliedert: In einer Dokumentation über die Schließung der Grenzen (zu Afrika) werden so genannte „Vorbilder“ für Europas Politiker genannt, darunter sehr erhellend die unmenschliche Flüchtlingspolitik des Staates Israel (89 ff). 45.000 Flüchtlinge, meist aus Eritrea, halten sich in dem jüdischen Staat auf. Weil Abschiebungen nach Eritrea aus humaner Einsicht nicht möglich sind, entscheidet sich Israel, massiven Druck auf die Flüchtlinge auszuüben, dass sie in andere Länder ausreisen. Sie werden in Flugzeuge gesetzt und praktisch zu Staatenlosen ohne Pässe gemacht, werden also ausgeflogen und landen dann wie „Nichtse“ in Gefängnissen etwa in Ruanda oder Uganda. Es war ja die von Nazis verfolgte Jüdin Hannah Arendt, die das grausame Schicksal der staatenlosen jüdischen Flüchtlinge etwa in den USA beklagte. Nun setzt Israel diese Politik fort. Als Belohung für die Aufnahme gestrandeter staatenloser eriträischer Flüchtlinge belohnt Israel die aufnehmenden Staaten. “Nach Informationen von Militärangehörigen beider Armeen profitieren Ruanda und Uganda seither von Trainings ihre Spezialeinheiten an Drohnen und hoch auflösenden Kameras aus Israel… Der Waffenexport nach Afrika hat 2014 um 40 Prozent zugenommen“ (98). Es gibt also einen Handel angesichts der abgeschobenen Flüchtlinge. Menschen werden zur Ware. Dies ist nur ein Beispiel für die globale Tendenz, dass zu den großen Gewinnern in der „Flüchtlingskrise“ auch die westlichen Waffenhändler sind. Netanjahu, der Präsident, hat übrigens die Abschiebungen aus Israel keineswegs bestritten, als er so scheinbar gutmütig erklärte: “Diese Menschen sind arbeit suchende Migranten. Es sind gesunde junge Männer, das sind keine Flüchtlinge“ (99). Jetzt sitzen diese jungen Männer schutzlos in Gefängnissen fremder Staaten. Dabei sind die meisten Flüchtlinge in Israel keineswegs die immer angeblich bedrohlichen Muslime, sondern Christen aus Eritrea. Aber selbst diese will der jüdische Staat nicht aufnehmen oder gar „integrieren“…

7. Das 3. Kapitel in dem Buch widmet sich dem Menschenhandel als dem Milliardengeschäft, es handelt also vom Schlepperwesen. Aber indem die europäische Politik die kriminellen Schlepper ausrotten will, möchte sie vor allem auch die Flüchtlinge von Europa fernhalten. Auf den Gedanken, eine humane Form der Einreise von Bedrohten und Schutzsuchenden zu gestalten, kommen nur wenige Politiker.

8. Sehr lesenswert sind die Hinweise zu der im ganzen gesehen durchaus humanen Flüchtlingspolitik des bettelarmen Staates UGANDA (S. 116 ff). „Das kleine Land in Ostafrika hat eine der weltweit liberalsten Flüchtlingspolitiken. Rund 1,3 Millionen Menschen suchen derzeit Schutz in Uganda…Mittlerweile steht in dem kleinen Land, das selbst nur 39 Millionen Einwohner zählt, das größte Flüchtlingslager der Welt“ (116). Das Bruttonationaleinkommen in Uganda betrug 2014 tatsächlich nur 660 US Dollar, zum Vergleich: Deutschland hatte 2014 ein Bruttonationaleinkommen von 47.640 US Dollar. Das „bettelarme“ Deutschland aber ist total überfordert…

9. Besonders perfide ist die europäische Flüchtlingsabwehr in der Zusammenarbeit mit dem Wüstenstaat Niger: Dort hat die EU usw. Militär und Polizei technisch so gut ausgestattet, dass die Flüchtlingsbusse von Agadez aus auf den eher befestigten Hauptstraßen abgefangen werden. Aus Angst, dass der Weg durch die Wüste nach Libyen also versperrt ist, nutzen die Schlepper – Busse nun Nebenwege, die oft keine Wasserstellen kennen. Etliche Menschen sind in der Wüste verdurstet wegen der durch Europa forcierten Kontrolle der Hauptstraße. Merkel war im Oktober 2016 in dem ultraarmen Staat Niger und „hatte dem Land umfassende Hilfe gegen illegale Migration angekündigt“ (132). Die Autoren verwenden in dem Zusammenhang wieder ihren Begriff „Türsteher“, der an die Willkür etwa der Wächter vor den Berliner Nacht – Clubs erinnert: Dort entscheiden die Türsteher, wer nach langem Warten den Club betreten darf und wer abgewiesen wird. Die Türsteher in Afrika haben hingegen die Aufgabe, prinzipiell alle Bewerber abzuwehren und zwar mit Gewalt. „Albert Chaibou, Journalist aus Niger und Gründer einer Migranten-Notruf-Hotline“ klagt: Unser Land ist im Dienst Europas zum Friedhof verkommen“ (133).

Die weiteren Kapitel präsentieren die Härte, mit der FRONTEX durchgreift, sehr traurig zu lesen: “Das Mittelmeer: Sterben, wo andere Urlaub machen“ (207 ff).

10. Das Buch muss von jedem Leser gründlich durchgearbeitet werden. Ein Studienbuch für Gesprächskreise! Sehr gut gelungen ist das „Faszit: Europas Träume, Afrikas Träume“ (251 bis 262). Dieses Schlusskapitel könnte auch am Anfang gelesen werden, zur Einstimmung, es allein schon lohnt aufgrund der treffenden Zusammenfassung den Kauf dieses Buches. „Einem Land wie Niger, wo Menschen verhungern, Kinder chronisch unterernährt sind und nicht zur Schule gehen, einen Hightech-Zaun (gegen Flüchtlinge) zu schenken, das ist so, als ob man einem nackten frierenden Kind nur eine Mütze schenkt“ (260). Es ist eine zynische europäische Politik, die einzig das absolut egoistische und absolut nationalistische und damit kriegerische Interesse hat, keine Fremden, keine Flüchtlinge, erst recht keine Afrikaner, nach Europa zu lassen; diese oft von so genannten Christen und so genannten Christ-Sozialen oder Sozial -Demokraten gestaltete Politik bedient sich der ärmsten Staaten und deren oft korrupter Herrscher bzw. Diktatoren und überschüttet diese mit Geld, bloß damit Europa als die hübsche WohlstandsInsel und Idylle bleiben kann. Die Autoren bringen es noch einmal auf den Punkt: “Von geschützten Grenzen und der Öffnung der Märkte träumt die EU. Von geschützten Märkten und offenen Grenzen träumt Afrika. Solange dieses Interessendilemma nicht gelöst ist, wird es keine echte Partnerschaft geben“ (261). Und keinen Frieden.

Der Kampf gegen Terroristen fixiert das gesamte europäische Denken und lässt es erstarren. Die Versagen in der europäischen Terroristen-Abwehr werden kaum eingestanden, statt dessen wird der pauschale Verdacht gegen „die“ Afrikaner ungestüm verbreitet…

Das empfehlenswerte Buch: Christian Jakob und Simone Schlindwein, Diktatoren als Türsteher Europas. Wie die EU ihre Grenzen nach Afrika verlagert. Erschienen im Ch. Links Verlag, Berlin 2018, 317 Seiten, 18 Euro.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Ein Hinweis zum Schluss:

Als religionsphilosophischer Salon gilt unser Interesse der Gegenwart der Religion und Kirchen im politischen Zusammenhang. In dem Buch ist von Kirchen und Religionen auch als Förderern der Menschenrechte in Afrika erstaunlich sehr wenig die Rede. Ich könnte mir wünschen, dass dieses Thema einmal bei einer weiteren Auflage erwähnt wird. Tatsache ist ja, dass die allermeisten helfenden NGOs säkularen Ursprungs sind. Haben sich religiöse Organisationen aus dem Zusammenhang verabschiedet. Sind die Bischöfe nur noch Sonntagsredner? Konkret: Was sagen und tun (die zahlenmäßig schwachen) christlichen Kreise und muslimischen Organisation etwa heute in Niger für oder gegen die neue „Türsteher-Funktion“ ihres Staates?

Es ist vorbei: Wenn der Katholizismus verschwindet. Am Beispiel des Bistums Tulle Frankreich.

Es ist vorbei: Wenn der Katholizismus verschwindet: Am Beispiel des Bistums Tulle, Département Corrèze, Frankreich. Ein Hinweis von Christian Modehn

Die These dieses Beitrags: Durch ihre offizielle Theologie, die den Klerus in den absoluten (und niemals in der Machtfülle zu korrigierenden) Mittelpunkt der Kirche stellt, sorgen auch heute Päpste, Bischöfe und Priester selbst dafür, dass die Gemeinden immer kleiner werden und alsbald in manchen Regionen Europas verschwinden. Damit verschwindet gewiss auch die Vermittlung des offiziellen katholischen Glaubens. Und damit die Kirche in der bisher bekannten Form. Diese These wird am Beispiel von Tulle deutlicher gemacht. Aber es gibt zahllose andere Bespiele. Dies sind Beobachtungen eher religionssoziologischer und theologischer Natur, die aber zum Verständnis dessen gehören, was Christentum heute in Europa bedeutet.

Der folgende Beitrag zeigt, wie in einem klassischen Kernland des so genannten Abendlandes, in Frankreich, konkret in Tulle und anderen Provinzstädten, der christliche Glaube tatsächlich verschwindet bzw. schon verschwunden ist, soweit man das vom Äußeren, der Kirchenstrukturen, her feststellen kann. Und der Beitrag stellt die Frage: Wer trägt dafür die Verantwortung? Diese Frage stellen Menschen, denen Religion, auch Christentum in ihrer vernünftigen und menschenfreundlichen Gestalt (!), noch wichtig ist. Ausführliche statistische Informationen auf Französisch (sozusagen als Beleg für unseren Beitrag für alle, die den Aussagen nicht trauen) siehe am Ende dieses Textes.  Von einem, so wörtlich, „Niedergang“ des französischen Katholizismus, sprach der bekannte Soziologe Pierre Bourdieu bereits in seinem 1982 veröffentlichten Aufsatz „Die Heilige Familie. Der französische Episkopat im Feld der Macht“ (Suhrkamp,Bourdieu, „Religion“, S. 130) bezogen auf „statistische Beobachtungen“ zum Klerus…

Der Religionsphilosophische Salon interessiert sich auch für die Frage nach der Präsenz der Religionen und Kirchen in der Gesellschaft von heute. Deswegen auch für den Zustand der katholischen Kirche. Zum Beispiel, in meinem Fall vom Studium und von Publikationen her, besonders für die Kirche in Frankreich. Mein Buch „Religion in Frankreich“, 1994 erschienen, ist immer noch lesenswert.

Allen ist bekannt: Der Klerus bestimmt überall die katholische Kirche. Darüber braucht man keine langen Erklärungen mehr zu machen. Man denke an die so genannten Synoden, die Auswahl der Bischöfe, die Vollmacht der Interpretation der rechten Lehre usw.

Der neueste Trend des Klerikalismus: Nach der Anzahl der Kleriker wird das Leben der Gemeinden bestimmt. Das ist in ganz Europa so. Sind wenige (zölibatär)  lebende Priester da, gibt es eben wenige(r) Gemeinden. Da werden wegen der wenigen Kleriker Pfarreien geschlossen, Gottesdienstangebote reduziert; Gemeinden werden der wenigen Priester wegen zusammengelegt, manchmal sogar Kirchen abgerissen: Über die Abschaffung des Zölibats-Gesetzes wird kaum nachgedacht. Die Angst vor den Vorgesetzten ist ja katholisch „heilig“. Bischöfe fordern nur auf, für Priesterberufungen zu beten, so kürzlich in Berlin geschehen. Seit Jahrzehnten werden allerdings diese Gebete nicht erhört! Will „Gott“ vielleicht (diese) Priester nicht mehr trotz aller Jahre langer Bittgebete?

Den Laien wird nicht die Vollmacht gegeben,aus eigener Verantwortung und in Freiheit, also ohne die üblichen Priester,  die Eucharistie zu feiern. Was soll denn bei so viel Borniertheit noch die theologisch wohl begründete Rede vom allgemeinen Priestertum aller Gläubigen? Darüber wird man im Reformationsgedenken 2017 wieder viel schwadronieren… Aber die interessierten Laien, falls überhaupt noch vorhanden, wurden für wirkliche Mitarbeit als Leiter der Eucharistie nicht ausgebildet. Natürlich muss das Rom genehmigen, macht es aber nicht. Denn auch da herrscht der Klerus absolut. So sterben also Gemeinden aus, der ganze Klerus guckt zu.

Das ist vor allem schlimm, weil dadurch auch sozial-kommunikative Räume verschwinden, vor allem auf dem Land oder in der städtischen Nachbarschaft, etwa in Neubaugebieten. Die Zahl der Katholiken, die in ländlichen Gegenden von Tulle oder Agen oder Guéret überhaupt noch sonntags an der Messe teilnehmen liegt bei ca. 2 Prozent! Und dieser Prozentsatz sinkt nachweisbar ständig, wohin denn bloß? Gegen Null. Hoffentlich findet der letzte Laie den viel besprochenen Lichtschalter. Und schreibt danach Bischöfen und dem Papst ein Telegramm. „Alles ist hier erledigt, alles ist hier vorbei“. Solche Sprüche haben fromme königstreue Katholiken nach der Französischen Revolution gehört, als extremistische Revolutionäre den katholischen Glauben abschaffen wollten.

Wie auch immer: Der Katholische Glaube ist und soll trotzdem ein total Priester-abhängiger-Glaube bleiben. Darf  man das dumme Verbohrtheit nennen, oder klerikale Machtgelüste? Natürlich. Dahinter steckt natürlich die Frage von Herrschaft und Macht. Aber dieser Zusammenhang wird spirituell ignoriert und „verkleistert“.

Das nur zur Einstimmung vorweg. Mit einem Wort: Dem Klerus und den Bischöfen ist es, durch ihre eigenen Taten bewiesen,  ziemlich egal, wenn Gemeinden verschwinden und soziale Kommunikation in den Gemeinden aufhört. Hauptsache: Die wenigen verbliebenen Kleriker bestimmen weiter alles.

Nun beispielhaft für viele andere Kirchenbezirke: Zum Bistum Tulle im hübschen Département Corrèze; die Gegend kennen viele Touristen vielleicht von Aufenthalten rund um die Dordogne. Und die sehr konservative fromme Gattin von Monsieur le Président Chirac, die Bernadette, lebte auch hier. Da hat sich jedenfalls Bischof Francis Bestion im Oktober 2016 hingesetzt und angesichts der aussterbenden Priesterschaft im Bistum errechnet: In 10 Jahren wird das Bistum Tulle mit ca. 250.000 meist katholisch getauften Christen nur noch 10 Priester haben. Die Tageszeitung „La Croix“, Paris,  berichtete darüber. Und diese zehn geistlichen Herren, so wird ausdrücklich betont, werden in „jugendlichen Alter“ sein, das heißt für die üblichen französischen Verhältnisse: Diese 10 Priester werden jünger als 75 Jahre sein, also vielleicht 73 oder 66. Ein Rentnerdasein verdientermaßen wird den alten Priestern nicht zugestanden. Sie lesen die Messe bis zum Umfallen. Was den so genannten Priester-Nachwuchs angeht: Momentan befindet sich ein (sic) junger Mann in der Ausbildung, um eines Tages Priester in Tulle zu werden.

Als Lösung werden nicht etwa Eucharistiefeiern durch gut ausgebildete Laien, Frauen und Männer, erwähnt. Sondern die wenigen Priester sollen in Gemeinschaften zusammenleben, um sich gegenseitig zu stützen und von dem gemeinsamen Leben aus in die vielen Dörfer auszuschwärmen, dort sollen sie wieder die Messe zu feiern. Sie werden ein paar Wochen im Dorf leben und dann zum nächsten „wandern“. Die Kirche spricht oft von Seelsorge, bei diesen alten, durch die Dörfer sausenden/wandernden die Messe lesenden Pfarrern ist Seelsorge wohl nicht möglich. Da werden nur noch Kultdienste von Greisen absolviert. Und wenn diese nicht mehr da sind, also in 15 Jahren, dann sind keine Priester mehr da. Dann gibt es keine Gemeinden, keine Kommunikation, falls man diese dann vonseiten der Leute her noch wünscht.

Was passiert also: Da wird die Religiosität förmlich vom allmächtigen Klerus ausgelöscht, falls man denn davon ausgeht, dass Spiritualität noch mit einer Messfeier etwas zu tun hat. Noch einmal: Der Klerus selbst erzeugt eine gewisse Entchristlichung der Gesellschaft. Noch mal zugespitzt: Die Kirche betreibt die Säkularisierung. Da hört man nur das Bedauern des Bischofs: „Der Mangel an jungen Priestern ist ein Handicap, dieser Mangel lähmt alles“. Also geht man sehenden und wissenden Auges in den Zustand der „Paralyse“, dieses Wort verwendet der Bischof.

Zum gegenwärtigen „Personal-Zustand“: Das Bistum Tulle zählt heute, 2016, noch 30 Priester, etwa 12 sind bereits älter als 80. Mehrere sind um die 75. Zum Vergleich: 2008 hatte das Bistum Tulle noch 87 Priester, davon 57 aktiv Tätige. Der Sterbeprozess ist also rasant. Es gibt auch keine Ordensgemeinschaften mehr im Bistum. Alle Nonnen und Mönche sind ausgestorben oder in Altersheime umgeziogen. Da bettelt der Bischöfe nun um Priester aus dem Ausland. Wer wird da wohl kommen, welcher Charismatiker, welcher Neokatechumenale oder Priester aus Kamerun oder Togo, wie so häufig schon in anderen französischen Bistümern? Dabei lobt man dann – diplomatisch klug – diesen internationalen Austausch, und vergisst: Diese Priester hätten eigentlich in Kamerun oder Togo auch ein bisschen was zu tun…

Welche Energie wird da von einem französischen Bischof verbraucht, anstatt die Laien zu Priestern auszubilden. Und eine gewisse Spiritualität zu retten.

Was da von Tulle berichtet wird, ließe sich leicht mit dem gleichen Inhalt selbstverständlich religionssoziologisch belegt fortsetzen für die Bistümer Verdun, Troyes, Auxerre, Moulins, Cahors, Limoges und so weiter. Da geht die Kirche als Kleruskirche dem Ende entgegen. Nur in Paris wimmelt es förmlich noch von Priestern. Aber da ist es ja auch so schön…

Copyright: Christian Modehn

Qui sont les catholiques de France ? Le Monde, 24.1.2014. Hinweise zum stetigen Schwund der Anzahl der Katholiken, des stetigen Schwundes der Teilnahme an der Sonntagsmesse und zur Altersstruktur der Teilnehmer an der Messe (es sind die „Alten“).

A quoi ressemblent les catholiques français, régulièrement critiques envers la politique du gouvernement actuel ? Portrait en chiffres.

Le Monde.fr | 24.01.2014 à 18h59 • Mis à jour le 24.01.2014 à 19h08 | Par Elvire Camus

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En France, le nombre de personnes se déclarant catholiques diminue de façon continue depuis la fin des années 70 mais reste important. En 1952, ils étaient 81 %, en 1978, 76 % et en 2010, 64 %.

En revanche, la pratique religieuse (mesurée par l’IFOP selon le critère de l’assistance à la messe dominicale), demeure faible et diminue progressivement depuis les années 50. En 1952, 27 % des catholiques se rendaient à la messe, en 2010 il n’étaient plus que 4,5 %. Par ailleurs, parmi les Français se déclarant catholiques, 57 % ne vont pas à la messe. Reste donc 43 % de pratiquants réguliers.

Cette tendance se reflète dans la baisse du nombre de mariages religieux et de baptêmes depuis 1990 : 147 146 mariages religieux ont été célébrés en 1990 contre seulement 74 636 en 2011, selon l’annuaire des statistiques de l’Eglise et la conférence des évêques de France. Le nombre de mariages civils a également fléchi en vingt ans et est passé de 287 000 en 1990 à 251 654 en 2010.

Le nombre de baptêmes est passé de 472 130 à 302 941 entre 1990 et 2010. A noter également que depuis les années 80, un nombre croissant de Français se déclarent sans religion : 21 % en 1987 contre 28 % en 2010.

  • Des catholiques pratiquants plus âgés

Le profil sociologique des catholiques français apparaît proche de celui de l’ensemble de la population française : une majorité de catholiques ont entre 35 et 49 ans (27 %) et 28 % des Français font partie de cette même tranche d’âge.

Pour autant, ce n’est pas le cas en ce qui concerne les catholiques se déclarant pratiquants : 21 % des Français ont 65 ans et plus contre 43 % de pratiquants. De même, alors que 25 % des Français sont retraités, 46 % des catholiques pratiquants le sont. Il apparaît également que les catholiques non pratiquants ont un profil plus proche de celui de la population française que des catholiques pratiquants, en terme de sexe, d’âge et de catégorie socio-professionnelle.

 

 

Luther würde sagen: Es ist genug! Hört auf, mich zu bejubeln. Eine Art Zwischenruf

Von Christian Modehn. Vorschläge für eine neue Reformation anno 2016.

Das aktualisierte Motto: „Welches Buch haben Sie nicht zu Ende gelesen?“ fragt „Der Tagesspiegel“ am 11.12.2016 Margot Käßmann, die „Botschafterin für das Lutherjubiläum 2017“. Die Luther – bzw. Reformations-Botschafterin antwortet: „Nicht zu Ende gelesen habe ich die gefühlt 17. Lutherbiografie“. Also, so sagt man sich auch:“Es ist genug, es reicht“…

Natürlich kann ich nicht mit 20 Fußnoten belegen, dass Luther in irgendeinem Brief oder bei einem Tischgespräch seinen Freunden zurief: „Hört auf, mich zu bejubeln“. Aber es ist – von außen betrachtet – mehr als wahrscheinlich, dass er bei all den aktuellen Jubelfeiern, Gedenkfeiern genannt, doch jetzt sagen würde: „Ich bin zwar in mancher (!) Hinsicht noch inspirierend und manchmal noch wichtig. Aber heute, angesichts dieser Welt im Jahr 2016, gibt es wirklich Dringenderes als mich und die Wittenberger Reformation“. Gerade für religiöse Menschen, die sich Christen nennen und Protestanten speziell. Also: „Wendet euch dem Dringenden zu“, würde Luther sagen. Fraglos inspirierend bleibt sein Mut, der allmächtigen Herrschaft der römischen Kirche entgegenzutreten und eine andere Gestalt von Kirche tatsächlich dann zu fördern. Fraglos wichtig bleibt seine Lehre vom „allgemeinen Priestertum“ aller Christen ebenso die Ermunterung, dass ein jeder selbst die Bibel lese und … historisch-kritisch studiere, möchte man anfügen. Abzulehnen bleibt Luthers gewalttätige Abwehr eines sozialkritischen Glaubens an der Seite der Armen, vertreten durch Thomas Müntzer, den er hasste. Abzulehnen bleibt Luthers viel besprochener und leider so wirksam gewordener Antisemitismus. Abzulehnen bleibt seine bis heute spürbare Bevorzugung der staatlichen Autoritäten… Alle diese guten und diese unerfreulichen Aspekte Luthers sind allmählich, bis hin zu den theologisch eher wohl ein bißchen uninteressierten BILD-Zeitungslesern, bekannt. Sollen alle diese historischen Luther-Themen nun monatelang weiter, auch durch den Kirchentag 2017, erneut in aller Popularisierung durchgekaut werden? Gott bewahre uns davor! Schon vor der Luther-Bücherflut im Herbst 2015 konnte ER uns nicht retten, klicken Sie hier. Mit Luther lässt sich eben doch auch Geld machen, und seien es die Buch- und Vortragshonorare.Und die Kirche kann mit staatlichen Fördermillionen feinste Luther-Gedenkstätten, also Museen, schaffen.

Es geht angesichts einer Welt zunehmender Gewalt, Krieg, Zerstörung, Wahn der Dikatoren usw.  heute darum, die religiösen Traditionen und theologischen Debatten auf den zweiten Platz zu setzen. Also die Luther-Lehren, die katholischen und evangelischen Dogmen und religiösen Weisheiten und alle die hübschen Erinnerungen an das 16. Jahrhundert, all das sollte bitte nicht länger im primären Interesse von Information, Bildung, Veranstaltung kirchlicherseits stehen. Dringend ist es in der heutigen Lage der Menschheit nicht, alle Details über Luther zu wissen. Natürlich muss es historisch-kritische Luther-Forschung geben. Aber was nützt all diese Kenntnis, um wenigstens schrittweise eine gerechtere Welt zu schaffen? Um die Menschen zu mobilisieren, für den Frieden und die universale Gerechtigkeit wirksam einzutreten? Ob dabei die ewigen und so oft durchgekauten Debatten über reformatorische Lehren, Zwei-Reiche-Lehren usw. weiterhelfen, darf sehr bezweifelt werden. Es geht nicht nur um die für religiöse Menschen zugängliche Wahrheiten. Es geht um die Verbreitung von elementaren ethischen Einsichten, die sich der Vernunft, jeder Vernunft, erschließen. Es ist eben ein grober Denk-Fehler, wenn etwa Antje Jackelén, die lutherische Bischöfin von Uppsala, Schweden, sagt: „Wir müssen den Flüchtlingen helfen, weil wir Christen sind“ (FAZ 31.10.2016, Seite 4). Nein, es muss heißen: „Wir müssen als Menschen den Flüchtlingen helfen, wir müssen helfen, weil wir Christen wie alle anderen eben auch und zuerst Menschen sind“. Der christliche Glaube (Beispiel: Barmherziger Samariter usw.) kann lediglich verstärkend und unterstützend die allgemeine, für alle gültige Ethik unterstützen! Es gibt in dem Sinne eben keine „christliche Ethik“!

Wichtig ist, so kann man in einem philosophischen Denken meinen, also die Bildung und Verbreitung der Ethik, einer politischen Ethik. Sie stellt die sich stets weiter entwickelnden Menschenrechte in den Mittelpunkt des Interesses und der zentralen Verpflichtung unseres Menschseins. Selbst wenn diese Menschenrechte in Europa dank der Philosophie und des Humanismus (fast gar nicht dank der Kirchen !) entstanden sind, so sind sie doch für alle Menschen gültig, selbst wenn die USA, offenbar noch eine Demokratie, in ihrer Politik permanent die von ihnen hoch geschätzten Menschenrechte so oft ignoriert haben und ignorieren…

Also: Auch für eine der Menschheit dienende Kirche („Kirche für andere“, Bonhoeffer) gilt heute: Die Menschenrechte zuerst, die ethische Bildung zuerst, die politischen Debatten in diesem Sinne zuerst auch in den Kirchen. Und das hat zur Konsequenz: Es muss der nationale Egoismus überwunden werden. Es gilt, tatsächlich das große Projekt zu bearbeiten: Aufbau einer gerechten Gesellschaft; Schluss damit, dass sich die reichen Christen angewöhnen,die Millionen Hungernder einfach so zu akzeptieren; Beendigung des Waffenhandels durch sich christliche nennende Staaten. Erst wenn sich die Kirchen primär an diesem Thema abgearbeitet haben, kann man das weite Feld des Religiösen studieren… und ein bißchen, in vernünftigen Rahmen, auch Luther feiern. Welche Art von Verstopfung Luther hatte, wie er sprach, wie er liebte, wie zornig er sein konnte und so weiter: Das ist alles Folklore, unnützes Wissen. Populär gemachtes Bla Bla aus Gründen der Anbiederung.

Nützliches Wissen ist für die Christen, eben weil sie Menschen sind: Was ist der Kategorische Imperativ im Sinne Kants, das universale moralische Gesetz; was ist die „Goldene Regel“, was ist Empathie. Eine Kirche, die sich der jesuanischen Reich-Gottes-Idee verpflichtet weiß, also der gerechten Gesellschaft, kann tatsächlich und muss es auch im Sinne Jesu, Ethik wichtiger nehmen als interne religiöse Dogmen und Weisheiten. Die kann man ja pflegen, aber bitte erst, wenn alle Gottesdienste im Luther-Gedenkjahr sich um die Ausbildung einer humanen Ethik drehen. Dann wird man erkennen: Eigentlich ist der christliche Glaube etwas – von der Lehre her gesehen – Einfaches: Er ist die Lebenshaltung der Liebe, der Hoffnung, des Glaubens an eine Dimension des Göttlichen, das in allen menschlichen Leben wachgerufen werden kann. Der christliche Glaube hat jedenfalls in dieser alles entscheidenden elementaren Form nichts zu tun mit den 814 Seiten eines katholischen Katechismus, der ziemlich alle Details des Innenleben Gottes zu kennen meint; ein evangelischer Katechismus ist nur etwas kleiner.

Sagen wir es kurz und bündig: Glauben ist zuallererst ethische Praxis; Glauben ist Leben nach den Menschenrechten. Man lese bitte wieder Kant, etwa das Buch „Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft“. In der „moralischen Anlage“ des Menschen, jedes Menschen, sah Kant „eine Heiligkeit“. Er sprach davon, dass diese moralische Anlage im Menschen (also der kategorische Imperativ) eine „göttliche Abkunft habe“. So viel Göttliches IM Menschen reicht, um menschlich zu leben mit anderen. Meister Eckart sah das nicht viel anders!

Kant ist also weder Atheist noch „veraltet“. In seinem Sinne gilt: Es würde den Kirchengemeinden gut anstehen, die ethische Bildung, auch gesprächsweise mit den Muslims, in den Mittelpunkt zu stellen, im Verbund mit Menschenrechts-Organisationen.

Welche ethisch-moralischen Katastrophen auch aus dummer Frömmigkeit entstehen, sieht man gegenwärtig in den USA und dem dortigen Wahl-Gemetzel. Die unflätigen Hass-Attacken eines Herrn Trump finden jubelnd Zustimmung bei einer Bevölkerung, die ganz überwiegend nicht nur christlich, oft evangelikal ist, sondern auch zu eifrigsten Kirchengängern zählt. Wie passt das alles zusammen? Diese Frommen haben kein Nachdenken gelernt, kein Reflektieren, sie haben kein Bewußtsein von universaler Ethik. Sie denken mit dem Bauch. Die sich zum Hass aufstachelnden Trump-Freunde haben von ihren (evangelikalen oder pfingstlerischen) Predigern offenbar so viel spirituellen Blödsinn gehört, dass sie jetzt auf diesem Niveau gelandet sind. Damit ist nicht gesagt, dass Hillary Clinton in ihrer Lust, „die amerikanische Macht weltweit unbedingt zu stärken“ politisch klug ist und dem Welt-Frieden dient. PS: Zum Wahlverhalten der „weißen Evangelikalen“ in den USA am 8. Nov. 2016: Siehe den Beleg für unsere These zur Trump Nähe und evangelikaler Frömmigkeit unten, am Ende des Beitrags.

Es ist schon verstörend, dass die Luther-Jubelfeiern vor allem in einem Bundesland Sachsen-Anhalt stattfinden, in dem die AFD leider so unglaublich hohe Zustimmung findet. 17 Prozent der Protestanten haben AFD gewählt. Bei den Katholiken waren es genauso viele. Luther-Jubel, Luther Restauration (alle diese renovierten Luther-Häuser als Museen)  in einem von der AFD geprägten Land, das ist bis jetzt noch kein Thema. Allgemein übersetzt: Luther und der (neue) Nationalismus sollte bearbeitet werden.

Die Verirrungen in der Mentalität in den USA zeigen einmal mehr, wie wichtig es jetzt ist, wenn Luther sagt: „Hört auf mit allen theologischen Spitzfindigkeiten. Kümmert euch nicht so sehr um mich, den spätmittelalterlichen Mönch; kümmert euch um die Entwicklung einer Menschenrechts orientierten universalen Ethik, werdet reife, werdet nachdenkliche Menschen, kritische Bürger“. Und der fromme Mann würde wohl hinzufügen: „Allein dies gefällt Gott!“

PS: Dass hier vom römischen Katholizismus so wenig gesprochen wird, liegt lediglich an dem Fokus dieses Beitrags. Die Forderung: „Universale Ethik ist wichtiger als römischer Glaube“ gilt selbstverständlich auch für den Katholizismus. Hier wäre noch von dem viel massiveren Klerikalismus zu sprechen, jener unverzeihlichen Sünde Roms, die schon Jan Hus, aber auch Luther richtigerweise, aber erfolglos, attackierten. Bis heute. Man lese etwa die entsprechende Kritik von Papst Franziskus an der ihn umgebenden Kurie, als dem „Hof“ der Kardinäle und Prälaten…

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Weiße Evangelikale absolut für Trump: 1.Despite reservations expressed by many evangelical and Republican leaders, white born-again/evangelical Christians cast their ballots for the controversial real estate mogul-turned-politician at an 81 percent to 16 percent margin over Hillary Clinton“. Quelle: http://www.christianitytoday.com/gleanings/2016/november/trump-elected-president-thanks-to-4-in-5-white-evangelicals.html gelesen 9.11. 2016,  19.00 Uhr.

2. : White evangelical voters have been reliable Republican voters for decades, but this year some are having trouble reconciling their Christian values with Donald Trump’s unholy language. Quelle: http://abcnews.go.com/Politics/evangelical-values-voters-struggle-choosing-trump-president/story?id=43303321    gelesen am 9.11. 2016 19.00 Uhr.

 

 

Lebenssinndeutung als Aufgabe der Theologie. Abschiedsvorlesung von Prof. Wilhelm Gräb, Berlin

Am 13. Juli 2016  hat Professor Wilhelm Gräb seine Abschiedsvorlesung an der Humboldt-Universität Berlin gehalten; er war dort Professor für Praktische Theologie von 1999 bis 2016. Seine theologischen Interessen gehen weit über ein vermeintlich enges Feld praktischer Theologie hinaus. Nicht nur als Schleiermacher-Spezialist hat er einen guten Ruf. Vor allem aber versteht er sich als Erneuerer der liberalen Theologie: Sie ist eine zeitgenössische Form religiösen Denkens, die alle enge Dogmatik überwindet und sich auch als Kultur-Hermeneutik versteht.

Den LeserInnen dieser website (man denke an die zahlreichen Interviews mit ihm) und auch den Teilnehmern der religionsphilosophischen  Salons in Berlin ist Wilhelm Gräb gut bekannt und ein geschätzter Gesprächspartner, der religiöse Dimensionen entdeckt und beschreibt inmitten des Lebens. Wir freuen uns, dass Prof. Gräb seine Abschiedsvorlesung schon heute zugänglich macht.

Das copyright liegt bei Prof. Wilhelm Gräb.

Wilhelm Gräb:

Lebenssinndeutung als Aufgabe der Theologie

Abschiedsvorlesung am 13.7.16

Die Theologie ist als Ganze, in allen ihren Disziplinen, der Lösung einer praktischen, ins Leben greifenden Aufgabe zugeordnet. Das hat ihr Friedrich Schleiermacher, mein Gewährsmann auch heute Abend, ins Stammbuch geschrieben. Deshalb will ich als Praktischer Theologe etwas zum Ganzen der Theologie und ihrem Lebensbezug sagen.

Und darum geht es mir, zu sagen, warum es sich lohnt, die Theologie zu betreiben, oder etwas bescheidener formuliert, mir selbst wichtig war und immer noch ist. Deutlich machen möchte ich, dass und wie die Theologie es mit grundlegenden Lebensfragen zu tun hat, mit der Frage nach dem Sinn des Lebens und was das Ganze überhaupt soll. Eine akademische Frage ist das ja gerade nicht. Vielleicht wird sie deshalb von der Theologie, die darauf bedacht ist, und auch bedacht sein muss, in den Raum der Wissenschaft zu gehören, in der Regel nicht direkt gestellt, geschweige denn bearbeitet. Die Sinnfrage gehört jedoch zu unserem bewussten Leben und sie berührt dort, wo sie aufs Ganze geht, immer auch die religiöse Dimension humaner Selbst- und Weltdeutung. Das macht sie zu einem vorrangigen Thema einer auf unser Leben bezogenen Theologie. Die Antworten, die die Menschen auf diese Frage geben, sowie die Reflexion auf die Bedingungen, die sie in unserem Lebensvollzug hervortreten lassen, machen sie sehr wohl zu einer zentralen Frage auch der wissenschaftlichen Theologie. Die Sinnfrage verweist darüber hinaus auf eine kulturelle Präsenz des Religiösen, die weit über die Kirchen und Religionen und die durch sie regulierten religiösen Zugehörigkeitsverhältnisse hinausgeht.

Ich werde so vorgehen, dass ich in einem ersten Abschnitt am Beispiel der neuerlich belebten Debatte um eine „Öffentliche Theologie“ zeige, wie die Theologie tatsächlich auf breiter Front Fragestellungen aufnimmt, die ins Leben greifen und in ihrer nicht bloß kirchlichen, sondern gesellschaftlichen Relevanz erkennbar sind. Solchem Verlangen steht freilich bislang zumeist ein kirchlich-doktrinal verengtes Verständnis der Theologie und auch ein fortgesetztes Denken in der säkularen Unterscheidung von Kirche und Welt entgegen. Der Kritik der säkularen Unterscheidung bzw. der Aufforderung zur Wahrnehmung der Präsenz des Religiösen in der Lebenswelt gilt dann mein 2. Abschnitt. In einem 3. Abschnitt zeige ich am theologischen Reformationsgedenken, wie schwer die Theologie sich eben damit tut, die Präsenz der Religion im heutigen Leben wahrzunehmen. Man will zwar die Gegenwartsbedeutung der Grundeinsichten der Reformation aufzeigen, indem man den Bezug zu heutigen „Lebensfragen“ herstellt, verkennt aber die religiöse Dynamik, die darin steckt, dass in der modernen Kultur diese Lebensfragen zu radikalen, auf Ganze gehenden Sinnfragen werden. Im 4. Teil versuche ich dann abschließend zu skizzieren, wie eine Theologie für mich aussieht, die ihre Aufgabe in der Lebenssinndeutung erkennt. Es wird der Typ einer Theologie vorgestellt, die man immer noch oder wieder eine liberale Theologie nennen sollte.

 

  1. Öffentliche Theologie

Neuerdings macht eine „Öffentliche Theologie“, auch international, eine „Public Theology“, von sich reden. Sie markiert in einem signifikant noch einmal erhöhten Ton den Anspruch der Theologie, Richtungsweisendes in den großen, die gesellschaftlichen Debatten bewegenden Lebensfragen zu sagen zu haben. Unverkennbar ist das Bestreben, die Theologie als ein Kultur, Politik und Gesellschaft adressierendes Unternehmen vorstellig zu machen.

Doch wie unglücklich sie dabei bislang vorgeht, dafür liefert der Beitrag des Ratsvorsitzenden der EKD, Heinrich Bedford- Strohm, im jüngsten Heft der in protestantischen Kreisen recht weit verbreiteten Monatsschrift „Zeitzeichen“ ein eindrückliches Beispiel (1). Die öffentliche Theologie stellt er, unter Berufung auf Bonhoeffer, als eine Theologie vor, die beansprucht, auf der Basis einer durchs kirchliche Bekenntnis affirmierten Glaubensüberzeugung, der „Welt“ Richtungsweisendes zu sagen habe. Die „Welt“, das ist die pluralistische Gesellschaft. Sie steht für die Öffentlichkeit, an die die Theologie sich mit ihren Stellungnahmen richtet. Diese Öffentlichkeit wird ihres Pluralismus zum Trotz als eine säkulare Welt, der die Kirche wächteramtlich gegenübersteht, aufgefasst. Weder wird der gesellschaftliche Pluralismus als ein auch religiöser angesprochen, noch gar der ungeheuren Brisanz, die die Religionsthematik gerade neuerdings in der gesellschaftlichen Öffentlichkeit gewonnen hat, Erwähnung getan. Vom Christentum bzw. dem Protestantismus und deren kultureller Präsenz, von deren Einfluss auf die existentiellen, ethischen und politischen Entscheidungsfragen der Gesellschaft, ist ebenfalls nicht die Rede. Stattdessen wird ein steil dogmatisch gefasster christlicher Glaube in Ansatz gebracht. Er ist die Sache der Kirche und ihres Sendungsauftrags an die „Welt“. Im Grunde formuliert die Kirche durch ihre Amtsträger jene Verlautbarungen, mit denen sich dann die „Öffentliche Theologie“ an die als säkular titulierte Gesellschaft und ihre Entscheidungsträger wendet, in prophetischem Gestus natürlich. Ob sie dabei Dietrich Bonhoeffer wirklich auf ihrer Seite hat, möchte ich, bei allem anderen, das mir diese Art „Öffentlicher Theologie“ problematisch macht, bezweifeln. Ich erinnere dazu hier jetzt nur an die Kritik, die Bonhoeffer an dem von ihm selbst so titulierten „Offenbarungspositivismus“ Karl Barths geübt hat, mit dem Hinweis: „An der Stelle der Religion steht nun die Kirche – das ist an sich biblisch -, aber die Welt ist gewissermaßen auf sich gestellt und sich selbst überlassen, das ist der Fehler“ (2).

Das ist der Fehler. Es ist der Fehler nicht nur der sog. „Öffentlichen Theologie“. Es ist der Fehler aller die säkulare Unterscheidung von Kirche und Welt diastatisch erweiternden Theologie. Es ist der Fehler aller die hoch ambivalente Präsenz des Religiösen in der Gesellschaft übersehenden bzw. nicht Ernst nehmenden Theologie. Denn eine solche Theologie wird immer mit kirchlich-statuarischen Vorgaben operieren, von dogmatischen Setzungen her denken und mit all dem dann eine ihr verständnislos gegenüber stehende „Öffentlichkeit“ traktieren.

Um nicht missverstanden zu werden, ich habe wahrlich nichts gegen das Bemühen der Theologie, eine öffentliche Theologie sein zu wollen. Im Gegenteil. Aber dieses Bemühen müsste von der Öffentlichkeit des religiösen Bewusstseins am Ort der Individuen ausgehen. Sie müsste sich von einem Religionsdenken her entwickelt, das die religiöse Dimension als zuge-hörig zur Kultur der Gesellschaft, ja zum Leben jedes einzelnen begreift. Sie musste die Religion verstehen als eine zwar ambivalente, aber gerade deshalb besonders ernst zu nehmende „Angelegenheit des Menschen” (3) wie das der Berliner Aufklärungstheologe Johann Spalding gemacht hat. Schon mit dem Titel seiner Schrift von 1797, „Die Religion, eine Angelegenheit des Menschen“ wollte Spalding darauf hinweisen, dass die Religion etwas jeden Menschen Angehendes ist. Wenn vom Christentum die Rede ist, so Spalding, möge von etwas die Rede sein, „was uns angeht, wobey wir etwas zu gewinnen oder zu verlieren glauben, wodurch folglich auch unser Wille, unsere Neigung, unser Herz in Bewegung gesetzt und angezogen wird.” (4)

Von Spalding stammt auch die für damalige Verhältnisse ungeheuer publikumswirksame Schrift mit dem Titel „Die Bestimmung des Menschen” (5) (1748). Darin hob der Berliner Aufklärungstheologe und Prediger an St. Nikolai hervor, dass dem Menschen nicht von einer höheren göttlichen oder weltlichen Instanz gesagt ist, weshalb er auf der Welt sei und wie er zu leben habe. Der Mensch müsse sich vielmehr selbst über seine Bestimmung Klarheit verschaffen, da er dazu fähig sei, sich im Denken über seine Stellung in der Welt und den Sinn seines Lebens zu orientieren.

Spaldings Betrachtungen über die Bestimmung des Menschen nahmen die Gestalt einer Selbstbetrachtung an. Zu einem Leben, das aus der Kraft zur Selbstbestimmung geführt wird, ist der Mensch bestimmt. Die Gefahr, sich selbst zu verfehlen ist immer gegeben. Vorzuwerfen habe ich mir, meinte Spalding, aber nur dann etwas, „wenn ich nicht die ernsthafteste Überlegung auf dasjenige gerichtet hätte, worauf mein eigentlicher Wert und die ganze Verfassung meines Lebens ankommt. Es ist doch einmal der Mühe wert zu wissen, warum ich da bin und was ich vernünftigerweise sein soll.” (6)

Menschen zu solcher Selbstüberlegung und zu einer aus ihr erwachsenden Selbstbestimmung zu befähigen, wird bei Spalding zur genuinen Aufgabe kirchlicher Predigt und Seelsorge. Die Kirche und ihre Religionslehrer, wie er die Pfarrer nannte, haben den Menschen nicht von oben herab zu sagen, was sie glauben sollen und wie sie zu leben haben, sondern sie zu einem eigenen religiösen und moralischen Urteil zu befähigen. Das ist nachzulesen in Spaldings Praktische Theologie, die ebenfalls einen trefflichen Titel trägt: „Ueber die Nutzbarkeit des Predigtamtes und deren Beförderung“ (1. Aufl. 1772 – 3. Aufl. 1791). (7)

2014 richtete unsere Theologische Fakultät einen Festakt aus, anlässlich des 300. Geburtsta-ges von Johan Spalding. Er fand in St. Nikolai, seiner einstigen Wirkungsstätte, statt. Ich ließ es mir damals, da ich als Prodekan ein Grußwort zu sagen hatte, nicht nehmen, der heutigen Berliner Kirche noch nachträglich dazu zu gratulieren, seinerzeit eines ihrer wichtigsten Ämter mit einem solchen fei denkenden Theologen besetzt zu haben.

 

  1. Kritik der säkularen Unterscheidung

Die offenbarungstheologisch motivierte Unterscheidung von Kirche und Welt unterläuft den Öffentlichkeitsanspruch der sog. „Öffentlichen Theologie“. Die Theologie auf Lebensfragen zu beziehen, die alle angehen, dem steht aber auch die in der Theologie immer noch anhaltende Bereitschaft entgegen, dem Säkularisierungsnarrativ zu folgen.

Die Säkularisierung wird zwar nicht mehr unbedingt mit dem fortschreitenden Verfall der Religion gleichgesetzt. Sehr wohl aber wird immer noch so von ihr erzählt, dass dabei eine bereichsspezifische Eingrenzung der Religion und damit auch dessen, wofür Theologie Zuständigkeit beanspruchen kann, vollzogen wird. Die Religion wird zu einer Angelegenheit der Religiösen, der Kirchen und Religionsgemeinschaften, erklärt. Die Theologie hat dann dort, wo die Gläubigen sich versammeln und ihren arkanen Übungen nachgehen, ihren Ausgangspunkt zu nehmen. Vom kanadischen Sozialphilosophen Charles Taylor wurde das „säkulare Zeitalter“ (8), das auch noch das unsrige sein soll, ausgerufen. Die zweifelhafte Wiederkehr der Religion wurde von Jürgen Habermas in die Rede von der „postsäkularen Gesellschaft“ (9) eingebracht. Beide verstehen die Religion als etwas, das man haben oder nicht haben kann. Sie ist eine Lebensoption unter anderen. Die säkular Vernünftigen brauchen sie nicht, jedenfalls nicht für sich selbst. Auf diese Gemeinsamkeit der beiden religionskulturdiagnostischen Positionen, will ich etwas eingehen, wie dann auch auf das, wodurch sie sich unterscheiden.

Eine postsäkulare Gesellschaft ist für Habermas eine solche, „die sich auf das Fortbestehen religiöser Gemeinschaften in einer sich fortwährend säkularisierenden Gesellschaft ein-stellt“ (10). Sie sieht sich zu einer unter Umständen positiv zu wertenden Wahrnehmung des Fortbestehens religiöser Gemeinschaften, mit dem sie nicht gerechnet hatte, veranlasst. Sie verlangt die Bereitschaft zur Verständigung von beiden Seiten, den religiösen wie den säkularen Bürgern. Sie verlangt von der säkularen Seite sogar, anzuerkennen, dass die Religion dem „Interesse“ entgegenkommen könne, „im eigenen Haus (dem, in dem die Säkularen wohnen, W.G.) der schleichenden Entropie der knappen Ressource Sinn entgegenzuwirken“ (11). Das alles ändert jedoch nichts daran, dass auch in postsäkularen Gesellschaften die Religion eine Angelegenheit der, aus welchen Gründen auch immer, frommen Leute bleibt. Die religiösen Gemeinschaften mögen demnach fortbestehen, und wenn es hart auf hart kommt, auch die Säkularen an knapp werdende Sinnressourcen anschließen. Dafür gebührt ihnen die wohlwollende Duldung der ansonsten den demokratisch aufgeklärten Commensense“ (12) verwaltenden „säkularen Seite“ (13). Die säkulare Vernunft ist aus Gründen, deren sie in ihren eigenen Grenzen ansichtig werden könnte, eines Ausgriffs auf die religiöse Unbedingtheits- und Ganzheitsdimension von Sinn jedoch nicht bedürftig. Letztlich bleibt die Fähigkeit, ohne Religion auszukommen, ein Vorzug, den demokratische Gesellschaften, soweit es nur geht, zur Warnung des inneren Friedens nutzen sollten.

Auch Charles Taylor konstatiert die säkulare Entzauberung der Welt angesichts der die Moderne in allen gesellschaftlichen Funktionsbereichen, besonders natürlich in Wissenschaft und Technik vorantreibenden Rationalität. Er beobachtet allerdings ebenso das Aufleben „neuer Formen des Religiösen“ (14). Sie konnten und können aber nicht verhindern, dass wir in ein „säkulares Zeitalter“ eingetreten sind. Dieses ist dadurch markiert, dass dem Leben der Menschen die selbstverständliche Grundierung in einer alles bestimmenden göttlichen Wirklichkeit verloren gegangen ist. Die große Mehrheit der Menschen hat, so meint Taylor, den Glauben an Gott verloren und aufgehört, die Religion zu praktizieren. Der religiöse Glaube ist zu einer Option neben anderen geworden ist. Überraschender Weise ist der Glaube für Taylor jedoch genau diejenige Option, die es ermöglicht, sein Leben in einer von Vertrauen und Hoffnungskraft getragenen Sinnerfüllungserwartung zu führen.

Was veranlasst Taylor dennoch dazu, ein ganzes Zeitalter, dasjenige, das wir als das unsere anzusehen haben, als ein säkulares anzusehen, unaufhaltsam dem Verfall der Religion und des Glaubens ausgesetzt? Ich meine, es liegt bei ihm ein Verständnis vom Glauben vor, das diesen an doktrinäre Vorgaben und deren kulturelle eingespielte Übernahme bindet. Die reflexive Selbstthematisierung des Glaubens hingegen, wodurch er als ein von den Glaubenden selbst vollzogener Akt der Sinndeutung zu stehen käme, gilt ihm bereits als Abfall vom Glauben. In der Sehnsucht nach „Fülle“, in jenem „Gefühl der Fülle“ (15), die er in den „neuen Formen des Religiösen“ ausmacht, kann er keinen rechten Glauben erkennen.

Von einem säkularen Zeitalter, das Taylor mit der Reformation beginnen und das er bis auf uns Heutige sich erstrecken lässt redet Taylor am Ende vielleicht doch nur deshalb, weil er feststellen muss, dass immer mehr Menschen den traditionellen Kirchenglauben nicht teilen, die theistischen Vorstellungen vom Göttlichen nicht mitmachen, und sich den Verpflichtungsansprüchen religiöser Institutionen entziehen.

In vormodernen Zeiten, in denen die Menschen nach Taylors Vorstellung noch glaubensstark in einer verzauberten Welt lebten, waren es die religiösen wie die weltlichen Autoritäten, die mit den Pflichten fürs Leben, die sie auferlegten, diesem gewissermaßen auch den Richtungssinn vorgaben. Sie vermittelten den Menschen das Gefühl, einen Platz im Leben zu haben und gebraucht zu werden. Es war die gottgefügte Ordnung, die das Leben der Individuen bestimmte und ihm seinen Sinn gab.

Doch diese Zeiten sind vorbei, zumindest bei uns und unseren Nachbarn: Heute muss jeder einzelne selbst seine Beziehung zum Leben finden und festlegen. Deshalb kann nun aber auch der religiöse Glaube nicht mehr die Form einer praktischen Anerkennung kirchlich vorgegebener Glaubenslehren und kirchlich verordneter Lebensformen annehmen. Die neuen Formen des Religiösen, die Charles Taylor würdigt, obwohl er in ihnen einen Ausdruck der entzauberten Welt der Moderne meint sehen zu müssen, zeigen sich in der Neuformatierung von Lebensstilen, von denen man sich Selbstfindung und eine gesteigerte Sinnerfahrung verspricht. Es gewinnt die gelebte Religion überhaupt jene Auffassung von sich selbst, wonach sie auf der Selbst- und Sinndeutungskompetenz der Individuen aufbaut. Die Teilnahme an der Kirche richtet sich dann ebenfalls nicht mehr nach deren Glaubens- und Verhaltenserwartungen, sondern ergibt sich aus Gelegenheiten, die sich in die Beziehungsmuster und Netzwerke der lebensweltlich vermittelten religiösen Kommunikation einweben.

In den Netzen der Lebenswelt findet religiöse Sinnkommunikation statt, aber nur für die, die Augen haben, zu sehen. Erlauben Sie mir dazu hier noch einen Hinweis aus der empirischen Kirchen- und Religionsforschung. Die jüngste, von der EKD veranlasste Erhebung zur Kirchenmitgliedschaft, dokumentiert in ihrem Auswertungsband viele Interpretationen der vorliegenden Daten (16). Die meisten kommen angesichts des stetig anhaltenden Mitgliederverlustes, den die evangelische wie ja auch die katholische Kirche zu verzeichnen haben, zu dem Ergebnis, dass die abnehmende Kirchenbindung auch eine Abnahme des Interesses an religiösen Fragen zur Folge habe. Sie folgenden immer noch der Säkularisierungsthese. Es wurde im Rahmen der 5. KMU aber auch eine Netzwerkerhebung durchgeführt. Sie war von der Praktischen Theologin Birgit Weyel angeregt worden, und wurde von ihrem Team dann auch ausgewertet (17).

Diese Netzwerkerhebung betrachtete die Kirchenmitglieder, in welchem engeren oder distanzierteren Verhältnis sie zur Kirche auch stehen mögen, als Akteure ihrer Selbstdeutung. Und die Auswertung der Daten kann plausibel zeigen, dass die Menschen im Nahbereich der ihnen vertrauten Sozialbeziehungen das zentrale Thema der Religion genau mit dem Gespräch über den Sinn des Lebens immer wieder aufnehmen.

Es ging hier erstmals in das Forschungsdesign einer Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung die religionstheoretisch höchst folgenreiche Überlegung ein, dass Menschen die von ihnen selbst im religiösen Bezug verstandene Sinnfrage in ihre lebensweltlichen Kommunikationen einbeziehen, auch wenn sie sie oft genug im Hintergrund der Aufmerksamkeit zu belassen. Es besteht ja auch im gewöhnlichen Gang des Lebens nicht ständig die Veranlassung, sich mit der aufs Ganze gehenden und damit ins Religiöse ausgreifenden Sinnfrage zu beschäftigen. Dennoch könnte es sein, dass die religionsempirische Forschung ihr bislang zu wenig nachgegangen ist, beziehungsweise, was schwerer wiegt, die Sinnfrage selbst missverstanden hat. Es könnte sein, dass man über die Sinnfrage genau deshalb in kirchen- und religionssoziologischen Untersuchungen leicht hinweggegangen ist, weil man meinte, sie sei theologisch unerheblich oder, auch das hat es gegeben, theologisch illegitim.

So sehr es die Aufgabe einer aufgeklärten Theologie ist, verständlich zu machen, dass und wie die gelebte Religion sich in Gestalt der Lebenssinnfrage artikuliert, ist es die Aufgabe einer theologisch aufgeklärten empirischen Religionsforschung, für die aus dem gelebten Leben kommenden religiösen Sinndeutungsaktivitäten die Augen zu öffnen. Genau darauf zielte die in der 5. KMU eingegangene Netzwerkerhebung.

Der netzwerktheoretische Ansatz der 5. KMU bietet somit bedeutsame Ansatzpunkte, um das Vorkommen religiöser Kommunikation weit hinaus über die Beteiligung am gemeindlichen Leben, die Teilnahme am sonntäglichen Gottesdienst und die ausdrückliche Zustimmung zu den kirchlichen Bekenntnissätzen zu betrachten. In ihren kirchentheoretischen Konsequenzen setzt sie damit ein Gegengewicht zu einer solchen Auffassung von Kirche und Gemeinde, die diese primär als Institutionen christlicher Verkündigung und Lehre begreift. Die religions- und kirchentheoretisch wichtigste Innovation wäre genau die, dass die Kirchenmitglieder als eigenständige, souveräne Akteure ihrer religiösen Selbstdeutung aufgefasst werden.

Kirche und Gemeinde sind für die Kirchenmitglieder, – ich füge hinzu, für alle anderen erst recht – insbesondere dann bedeutsam, wenn sie an die in der Lebens- und Alltagswelt aufkommenden und dort von den Individuen auch selbsttätig artikulierten Lebenssinnfragen anschließen. Dass das gelingt, dazu bräuchte es dann aber auch eine Theologie, die die Lebenssinnfragen bei der Auslegung der biblischen, kirchlichen und theologischen Überlieferung im Blick behält.

 3.Wenn nicht die Frage nach dem gnädigen Gott, welche Frage ist es dann? Ein Blick auf den EKD-Grundlagentext zum Reformationsjubiläum

Dass wir mit den „Grundeinsichten der Reformation“ heute nur dann etwas für uns selbst Grundlegendes anfangen können, wenn wir unsere eigenen „Lebensfragen“ an sie richten, das konstatiert sogar der jetzt schon in der 4. Auflage erschienene, auch im Internet abrufbaren Grundlagentext der EKD zum Reformationsjubiläum. Er trägt den Titel „Rechtfertigung und Freiheit“(18).

Dieser Text hat erklärtermaßen das Bestreben, die theologischen Grundeinsichten der Reformation in ihrer Relevanz für unsere Gegenwart herausstellen. Doch worin sollte sie liegen? Luther bewegte, so wird gesagt, die Frage nach dem gnädigen Gott. Unsere Frage ist das nicht mehr. Das wird erstaunlich schnell zugegeben. Welche Frage ist es dann? Dazu findet sich in dem ganzen Text dann nichts. Warum aber sollen wir uns mit den Grundeinsichten der Reformation beschäftigen, gar sie als große Errungenschaft feiern, wenn wir sowohl die Frage nicht mehr verstehen, aus der sie hervorgegangen waren, aber auch keine eigenen Fragen haben, die wir in ihrem Licht bearbeiten könnten?

Die heute die Menschen religiös bewegende Frage wird nicht nur nicht gefunden. Sie wird in diesem Text gar nicht gesucht. Es scheint zwar ein Gespür für die historische Distanz durch, die uns von den Denk- und Glaubenswelten der Reformation trennt. Wenigstens in Andeutungen werden wir darauf hingewiesen, dass es die im Rahmen der spätmittelalterlichen Bußtheologie nicht zu bewältigende Gerichtsangst war, die die Menschen auf die reformatorische Botschaft von der dem Glaubenden zuteil werdenden göttlichen Gnade hören ließ (19). Wie ist das heute. Auch wir haben Ängste. Aber nicht mehr vor dem zornigen Gott.

„Menschen des einundzwanzigsten Jahrhunderts“, so heißt es rundweg, sind von der Art, dass sie „nicht so sehr von Ängsten vor einer Hölle nach dem Tode geprägt sind, sondern eher die Hölle auf Erden fürchten, die Menschen nur allzu häufig füreinander sind (Jean Paul Sartre).“(20)

Auch jetzt wäre vielleicht noch eine Gelegenheit gewesen, die religiöse Tiefendimension dieser modernen Höllenangst auszuloten. Doch stattdessen bescheidet dieser Text sich dabei, „die Erfahrung der Rechtfertigung innerhalb der Kirchen neu zu plausibilisieren“ (21). Was Rechtfertigung heute bedeutet, möchte er an den im kirchlichen Kontext „häufiger verwendeten“ „Begriffen“ wie „Liebe“, „Anerkennung“, „Vergebung“ und „Freiheit“ klären (22) Nur, was dabei herauskommt ist alles andere als ein uns heute angehendes Verständnis göttlicher Rechtfertigung. Die aufgeführten Rechtfertigungserfahrungen sind vielmehr alle von der Art, dass sie im zwischen-menschlichen Bereich unserer Sozialitätsbeziehungen spielen. Die können wir uns gegenseitig verschaffen, dazu brauchen wir keinen Gott.

Im Grunde hat bereits auch wieder das Eingeständnis, wonach wir in einer säkularen, „entchristlichten“Welt leben, das der Grundlagentext der EKD zum Reformationsjubiläum in seiner Eröffnung doch tatsächlich meint machen zu müssen, das ganze Unternehmen einer Vergegenwärtigung der Grundeinsichten der Reformation im Ansatz torpediert. Es gelingt ihm auch aufgrund der leichtfertigen Übernahme der Säkularisierungsthese nicht, das „religiöse Ereignis“ (23), das die Reformation, seinen eigenen Worten nach, einst war, in seiner religiösen Gegenwartsbedeutung verständlich zu machen.

Sofern man meint eingestehen zu müssen, dass die heutigen Menschen die Frage nach dem „gnädigen Gott“ nicht mehr stellen (24), müsste man eben danach Ausschau halten, wie sich das Religiöse in der heutigen Kultur aufbaut. Zum Beispiel, wie es etwa Paul Tillich in einem Vortrag von 1929 getan hat: „Welches ist die (religiöse) Frage des modernen Menschen?“, so setzte er ein, um dann zu sagen: „Es ist nicht die Frage des antiken Menschen, auch des spätantiken der christlichen Zeit – die Frage nach der Erlösung. Es ist nicht die Frage des griechisch-russischen Menschen – die Frage nach dem Leben, das den Tod überwindet. Es ist nicht die Frage des Mittelalters nach der höheren Natur, in der diese Natur aufgehoben und vollendet ist. Es ist nicht die Frage nach dem gnädigen Gott, die der Protestantismus stellte, sondern es ist die Frage nach dem Sinn.“ (25). Und, fährt Tillich fort: „Nun ist das nicht so gemeint, als ob diese Fragen alle gegeneinander stünden. In der Frage nach dem Sinn des Seins, die der moderne Mensch stellt, sind irgendwie die anderen Fragen enthalten, wie umgekehrt in jeder der anderen Fragen die Frage nach dem Sinn irgendwie enthalten ist.“ (26)

Wir können dem bei Tillich jetzt nicht weiter nachgehen. Tillich jedenfalls versuchte mit der Sinnfrage die Frage auszumachen, auf die hin die christliche Erlösungsbotschaft vom modernen Menschen als eine ihn angehende Botschaft müsste gehört werden können.

  4.Lebenssinndeutung als Aufgabe der Theologie, wie ist das nun zu verstehen?

Gewiss nicht so, dass die Theologie von oben herab, gar als Sprachrohr der Kirche, über den Sinn des Lebens zu belehren hätte. Die Sinnfrage ist nicht von der Art, dass sie sich im doktrinalen Stil verhandeln ließe. Was es heißt, an der Fülle des Lebens teil zu gewinnen oder das Gefühl ertragen zu müssen, dass das Leben jeden Inhalt verloren und keine Bedeutung mehr für mich hat, kann nur so dargestellt werden, dass die Innenperspektive der dies so und nicht anders Erlebenden eingenommen wird. Man muss Erzählungen von diesen Erfahrungen anfertigen und versuchen, dies so zu tun, dass sie exemplarischen Charakter gewinnen. Dann werden sie für andere nachvollziehbar und erlauben den Rückschluss auf selbst Erlebtes.

Nun ist die Theologie selbst keine Erzählung. Die Theologie kann aber zu der Auffassung vom narrativen Charakter des Religiösen verhelfen. Dann erhebt sie keinen mit Glaubenssätzen verbundenen propositionalen Wissensanspruch. Sie befähigt vielmehr insbesondere die im Kirchendienst professionell Tätigen zu religiöser Deutungs- und Kommunikationskompetenz. Dazu gehört, dass sie zur Einsicht in die narrative Verfasstheit von Lebenssinn anhält und zu einem ebenso verantwortungsvollen wie kritischen Umgang mit den zumeist bereits narrativ verfassten Sinnreflexionen der biblischen, kirchlichen und kulturellen Überlieferungen befähigt. Die Sinn-deutungspotentiale der Tradition können zu Orientierungsinstrumenten in der je individuellen Selbstdeutung werden. Die Theologie beansprucht damit nicht, die Lebenssinndeutung selbst übernehmen zu können. Sie gibt keine direkten Antworten auf die Sinnfrage, sondern versucht Menschen, die in den Erfahrungen ihres Lebens vor diese Frage geraten, zu helfen, besser mit ihr umgehen zu können.

Dazu gehört selbstverständlich die historisch-kritische Interpretationsarbeit an den biblischen und kirchlich-theologischen Überlieferungen. Gerade die historisch-kritische Arbeit der Theologie macht ja den Charakter der religiösen Texte und Symbole als narrativer Orientierungsinstrumente bewusst. Sie zeigt, um ein prominentes Beispiel zu bringen, dass die Schöpfungserzählung auf den ersten Seiten der Bibel nicht einen mit der Evolutionstheorie in unauflösliche Widersprüche verwickelnden Tatsachenbericht gibt. Sie ist ein narratives Deutungsmuster, wonach wir in ein evolutionäres Natur- und Geschichtsgeschehen einbezogen sind, für dessen guten Fortgang, seine Bewahrung und Erhaltung wir zugleich eine besondere Verantwortung tragen. Diese Erzählung macht der Deutung des Sinns unseres eigenen Daseins eine starke Vorgabe. Sie stellt ermutigende Motive bereit, darauf zu vertrauen, dass wir in unserer Liebe zum Leben dessen gewiss sein können, auf keinen Fall vergeblich zu leben. Nur weil es in religiösen Texten um solche aufs Ganze gehenden Sinndeutungen geht, erklären sich ja auch die heftigen Weltanschauungskonflikte, in die ihre historisch-kritischen Bearbeitung und ihr symbolisches Verständnis bis heute immer wieder hineinführen. Umso wichtiger ist es deshalb, erkennbar zu machen, dass das historisch-kritische und symbolische Verständnis der biblischen Texte sie gerade nicht ihrer Sinn stiften Kraft berauben muss. Im Gegenteil, sie erweitern den Raum möglicher Interpretationen, in die wir uns existentiell selbst einbezogen finden können. Neue Lesarten biblischer Texte wie dann der grundlegenden Symbole des Christentums schaffen neue Motivationen für unseren Lebensglauben stärkenden, neue Impulse, die zur Hoffnung ermutigen und zur Liebe antreibenden .

Wir finden das ganze Spektrum menschlicher Gefühle und Handlungen in der Bibel ausgedrückt. Das Buch Hiob konfrontiert uns sogar mit einer Erzählung, in der zugleich ein theologischer Streit darüber ausgefochten wir, wie die Existenz Gottes mit dem sinnlosen Leiden soll vereinbar sein können. Wer dem Gespräch Hiobs mit seinen Freunden folgt, kann durchaus zu der Einsicht finden, dass es auch Situationen im Leben gibt, die nicht nach neuen Sinnerzählungen verlangen, sondern in denen es zu akzeptieren gilt, dass der Sinn nicht da ist, dass er sich entzieht. Doch gerade dann wird ja die Frage mächtig, ob er nicht doch auch in der Erfahrung des Nicht-Sinns noch da ist, in Gestalt der Klage und Anklage, in der Hoffnung auf Überwindung, in der Rebelli-on gegen Gott.

Versteht man die biblischen Texte in ihrer symbolischen Ausdrucksfunktion, dann tritt hervor, weshalb sie für religiöse Kommunikations- und Bildungsprozesse unverzichtbar sind. Ihre Geschichten gewinnen exemplarischen Charakter. Sie reichern individuelle Erfahrung mit allgemeiner Bedeutung an, die andere Menschen in anderen, aber vielleicht doch vergleichbaren Situationen ebenfalls auf sich beziehen können. Sie formten und formen unzählig viele christliche Erzählgemeinschaften. Sie sind die Basis der kirchlichen Verkündigung in allen ihren Formen und damit der durch diese sich kontinuierenden christlich-religiösen Deutungskultur.

Die text- und symbolhermeneutische Arbeit, die jede Theologie an den biblischen, kirchlichen und theologie-geschichtlichen Überlieferungen vornimmt, muss sich heute allerdings religions- und kulturhermeneutisch enorm erweitern. Die Geschichten, Utopien und Fiktionen, die die narrativen und symbolischen Orientierungsinstrumente für die Deutung des Sinns im je eigenen Leben bereitstellen, finden viele in Kunst und Literatur, keineswegs nur dann, wenn diese biblische Stoffe verarbeitet – was sie allerdings nach wie vor häufig tun. Die Literatur und der Film, die bildende Kunst, das Theater und die Musik, sie alle treten längst auch für den Glauben an das Leben ein. Ihre Werke, Inszenierungen und Aufführungen legen unsere elementaren Lebenssinnfragen frei. Sie bewahren ebenso vor vorschnellen, leichtfertigen und allzu formelhaften Antworten. Es ist heute vielleicht gerade die Kunst, die durch die Verstörungen, die sie provoziert, auch die Skepsis aufnimmt, die wir Heutigen gegen die ins Metaphysische ausgreifenden Antworten auf die Sinnfrage entwickelt haben. So kommen die Literatur und die Dichtung, der Film und das Theater dem Aufbau des Religiösen in heutigen Lebenswelten auf die Spur und tragen selbst zu diesem bei. Sie tun dies im spielerisch-kreativen Ausprobieren verfremdender Perspektiven auf das Leben. Sie tun dies, indem sie uns auf Distanz zu uns selbst bringen, einen anderen Blick einnehmen lassen, ja überhaupt uns darauf aufmerksam werden lassen, dass die Wirklichkeit unseren standortgebundenen Blick auf sie immer einschließt. Kunst und Literatur brechen verengte Sinnhorizonte auf, stellen andere Möglichkeiten einer Ausrichtung des Lebens vor, versetzen in Gefühle und bringen auf Gedanken, die das eigene Leben fremd und in seiner abgrundtiefen Sinnbedürftigkeit oft erst spürbar machen. Die Literatur, der Film, die Kunst, sie befriedigen nicht unsere Sinnbedürfnisse. Sie halten eher, so muss man wohl sagen, die Wunde des Sinns offen. Deshalb sind sie es aber auch, die den religiösen Diskurs recht eigentlich heute öffentlich führen. Und eine Theologische Fakultät, die einen Master „Religion and Culture“ anbietet, zeigt damit, dass sie das gemerkt hat.

Dennoch dürfte die Abschwächung der Differenz zwischen der Bibel und anderer großer Litera-tur, dann zwischen Religion, Kunst und Kultur, dürfte schließlich die grundlegende Zuordnung der Theologie zu den Sinndeutungsbedürfnissen der Menschen theologisch immer noch problematisch erscheinen. Hat die Theologie nicht mit Gott und seiner Selbstoffenbarung zu beginnen oder, wenn schon nicht zu beginnen, doch wenigstens dort anzukommen? Erlauben Sie mir, dass ich auf diesen Einwand gegen Ende dieser Vorlesung mit den Sätzen aus dem theologischen Traktat zur Aktualität der mit Karl Barth reformulierten paulinischen Rechtfertigungslehre von Martin Walser (27) antworte.

„Als ich den Roman Muttersohn veröffentlichte, in dem es um Glauben geht, Glauben als eine menschliche Fähigkeit, da wurde das öfter mehr oder weniger freundlich mit meinem Alter in Zusammenhang gebracht. So, als sei ich jetzt halt so weit. Ich meine aber, Religion sei eine Ausdrucksart wie andere, wie Literatur, Musik, Malerei. Ich lese Religion als Literatur. Dass Texte, die für uns >>nur<< noch zur Religion gehören, Dichtung sind, um es im Betriebsdeutsch zu sagen: große Dichtung, da kann man doch noch meinen. Die Psalmen. Das Buch Hiob. Das Weihnachtsevangelium. Usw. usw. Andere lassen mich wissen: Religion, das war einmal. Es ist eine her unglückliche Entwicklung, dass Religion etwas geworden ist, was nicht mehr ohne Kirchliches gedacht wird. Wer sich heute fast instinktiv erhaben fühlt über alles Religiöse, weiß vielleicht nicht, was er verloren hat. Polemisch gesagt: Rechtfertigung ohne Religion wird zur Rechthaberei. Sachlich gesagt: verarmt zum Rechthaben.“ (28) Und etwas weiter unten: „Wenn hier jemand abschaltet, weil es Gott für ihn nicht gibt, also die Frage, ob Gott gerecht sei, für ihn ein Nullproblem ist, zu dem sage ich vorläufig: Lesen wir’s als Roman. Madam Bovary und Iwan Karamasow gibt es auch nicht, und trotzdem wiegen und wägen wir in unserem Inneren, was sie tun und sagen und warum sie es tun und sagen.“ (29) …„Wer sagt, es gebe Gott nicht, und nicht dazu sagen kann, dass Gott fehlt und wie er fehlt, der hat keine Ahnung. Einer Ahnung allerdings bedarf es.“ (30)

Der Ahnung bedarf es, der Ahnung, dass Gott fehlt und wie er fehlt oder eben auch der Ahnung, dass und wozu wir Gott nötig zu haben meinen.

Aber, diese Frage setzte ich jetzt hinzu, ist die Ahnung, dass Gott fehlt und wir ihn brauchen, nicht in allen da? Ist diese Ahnung nicht da, genau in dem merkwürdigen Sinnvertrauen, aus dem unser Lebensmut kommt?

Trotz der beängstigenden Ungewissheiten, trotz des Ungeheuren, von dem wir wissen, dass es uns treffen kann und treffen wird, glauben wir doch an das Leben. Trotz der Misserfolge und Enttäuschungen, trotz Leid, Krankheit und Tod, lieben wir doch das Leben. Trotz der bedrohlichen Nebenfolgen, die wir mit dem wissenschaftlichen Fortschritt und den unser Leben erleichternden und verlängernden Erfolgen der Technik verbunden wissen, hoffen wir auf und arbeiten wir für ein besseres Leben. Was trägt unser Lebenssinnvertrauen? Woher kommt dieser unversiegliche Lebensmut?

Sobald wir Antworten auf diese Fragen entwickeln, treten wir in die Arbeit der Theologie als Lebenssinndeutung ein. Dann wird unsere Rede von Gott zum Verweis auf den unbedingten Grund des Sinns, aus dem heraus wir unser Leben führen. Dann versuchen wir zu verstehen, dass und wie Gott der unbedingte Grund unseres Sinnvertrauens sein kann, auch dann noch, wenn wir ihn in den sinnverwirrenden Grenzerfahrungen unseres Lebens am dringendsten brauchen, aber doch das Gefühl uns erdrückt, dass Gott uns verlassen hat.

Nimmt die Theologie, ebenso, oder noch dringlicher und tiefer greifend, wie Literatur und Kunst, der Film und das Theater, die Fragen auf, die als aufs Ganze gehende Sinnfragen uns mitten im Leben entstehen, dann braucht sie heute um ihren Lebensbezug überhaupt nicht besorgt zu sein. Dann wird ihr auch keiner mehr vorwerfen, dass sie es in erster Linie mit selbst gemachten akademischen Fragen zu tun habe.

Dann setzt sie es sich aber auch nicht in erster Linie zum Ziel, auf der Basis von Schrift und Bekenntnis über Gott und den rechten Glauben an ihn zu belehren. Dann will sie vielmehr plausibel machen, dass die die Gottesahnung wachrufende Sinnfrage die Angelegenheit jedes Menschen ist. Dann sieht sie ihre Aufgabe darin, Menschen in religiöser Hinsicht, „ein Leben in semantischer Autonomie“ (31) zu ermöglichen, ein Ausdruck mit dem Michael Hampe (32) die lebenspraktische Absicht einer nicht-doktrinalen Philosophie beschrieben hat. In religiöser Hinsicht wäre dies, wie in allen Hinsichten, die uns wirklich angehen, ein Leben, das zur eigenen Deutung des Sinngrundes, von dem es sich getragen weiß, bereit und fähig ist. Dennoch gelingt autonome Sinndeutungsarbeit keinem beim einsamen Brüten über der Nasenspitze. Sie braucht den Austausch mit anderen. Sie braucht Räume der Begegnung. Zu solchen können auch Kirche und Gemeinde werden.

Eine nicht-doktrinale, eine liberale Theologie akzeptiert jedoch die Vielfalt der religiösen bzw. lebensphilosophisch sich artikulierenden Sinndeutungsperspektiven und Glaubensstandpunkte. Sie achtet zudem den Standpunkt, keinen sich religiöser Sprache bedienenden Bekenntnisstand-punkt einnehmen zu wollen. Sie will, dass diese Vielfalt sichtbar wird, weil sie sich von der Auseinandersetzung mit anderen Glaubensstandpunkten eine Klärung und damit auch Stärkung der je eigenen Überzeugungsgewissheit verspricht. Die Wahrheitsfrage klammert sie dabei nicht aus. Sie beansprucht nur nicht, diese von höherer Warte aus zu entscheiden. Eine liberale Theologie setzt darauf, dass sich allen, die wahrhaftig nach dem Grund der ihr Leben tragenden Sinngewissheit suchen, irgendwann und irgendwo auch die Wahrheit zeigen wird.

Quellenangaben:

1 Vgl. Heinrich Bedford-Strohm, Fromm und politisch. Warum die evangelische Kirche die Öffentliche Theologie braucht, in: Zeitzeichen. Evangelische Kommentare zu Religion und Gesellschaft 7 / 2016, 8-11.

2 Dietrich Bonhoeffer, Widerstand und Ergebung. Briefe und Aufzeichnungen aus der Haft (hrg. Von Eberhard Bethge), München / Hamburg 2. Aufl. 1965, 137.

3 Johann Spalding, Religion, eine Angelegenheit des Menschen, Berlin 1797, 41806.

4 A.a.O. 3.

5 Johann J. Spalding, Die Bestimmung des Menschen. Die Erstausgabe von 1748 und die letzte Auflage von 1794, hrsg. von Wolfgang Erich Müller, Waltrop 1997 (Seitenangaben im Folgenden nach der Originalpaginierung).

6 a..a.O. 4.

7 Johann Spalding, Ueber die Nutzbarkeit des Predigtamtes und deren Beförderung, Kritische Ausgabe, hrg. V. Albrecht Beutel, I,3, Tübingen 2002.

8 Charles Taylor, Ein säkulares Zeitalter, Frankfurt am Main 2009; A Secular Age (Cambridge: Harvard University Press, 2007).

9 Cf. Jürgen Habermas, Glauben und Wissen (Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 2001), Frankfurt am Main 2001, 9-34; dersb., Nachmetaphysisches Denken II: Aufsätze und Repliken, Berlin 2012.

10 Glauben und Wissen, a.a.O. 13.

11 A.a.O., 29.

12 A.a.O. 21.

13 A.a.O. 22.

14 Vgl. Charles Taylor, Varieties of Religion Today: William James Revisited (Institute for Human Sciences Vienna Lecture) (Cambridge: Harvard University Press, 2003).

15 Vgl. Charles Taylor, Ein säkulares Zeitalter, a.a.O. 18.

16 Vgl. Heinrich Bedford-Strohm/Volker Jung (Hrsg.): Vernetzte Vielfalt. Kirche angesichts von Individualisie-rung und Säkularisierung. Die fünfte EKD-Erhebung über Kirchenmitgliedschaft, Gütersloh 2015

17 Christian Stegbauer/Franz Grubauer/Brigit Weyel: Gemeinde in netzwerkanalytischer Perspektive. Drei Bei-spielauswertungen, in: Bedford-Strohm/Jung, a.a.O., 400–434.

18 Vgl. Rechtfertigung und Freiheit. 500 Jahre Reformation 2017. Ein Grundlagentext der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), 4. Auflage, Gütersloh 2015.

19 A.a.O., 28.

20 A.a.O., 28f.

21 A.a.O., 29.

22 Ebd.

23 A.a.O., 11.

24 A.a.O., 14.

25 Paul Tillich, Nichtkirchliche Religionen (1929), in: Dersb., GW V, 13-31, 22.

26 A.a.O. 22f.

27 Martin Walser, Über Rechtfertigung, eine Versuchung, Reinbek bei Hamburg 2012.

28 A.a.O. 32f.

29 A.a.O. 35.

30 A.a.O. 32.

31 A.a.O. 423.

32 Vgl. Michael Hampe, Die Lehren der Philosophie. Eine Kritik, Berlin 2014, 74.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die AFD – ihre Widersprüche, ihr Zorn. Ein philosophischer Hinweis.

Zugleich eine begründete Meinungsäußerung von Christian Modehn

Philosophisch gesehen ist es evident: Wer sich selbst in seinen verbalen Äußerungen (sie sind bekanntlich immer Ausdruck des eigenen Denkens) widerspricht und die allgemeinen, für alle geltenden Gesetzen der Logik ignoriert, der lebt nicht-konsistent, der zeigt sich zerrissen, doppelbödig, widersprüchlich. Deswegen sollten solche Leute eigentlich ihre nicht-konsistenten Äußerungen korrigieren; es sei denn, sie wollen esoterische Weisheiten verbreiten, die nur Eingeweihten zugänglich sind. Damit gehören sie zu einer kommunikativ „abgekoppelten“ Sekte.

1. Sprechen, falls logisch, ist der Allgemeinheit verpflichtet

Leute, die in politischen Debatten bewusst logische Inkonsistenz zeigen und praktizieren, sind im sonstigen Leben  zumeist – notgedrungen von der Lebenspraxis – doch logisch konsistent. Sie benutzen wie alle anderen technische Geräte, verwenden im Alltag die allgemeinen üblichen Begriffe, um sich bei anderen verständlich zu machen. Aber sie schützen ihre politische Haltung vor der Logik, werfen Nebel um sich, bleiben bewusst unpräzise, wecken Ahnungen, wenig Einsicht. Logik hat immer mit Allgemeinheit zu tun.

2. Gilt die These: AFD gehört nicht zu Deutschland, aber AFD-Wähler durchaus“?

Die Führer der AFD behaupten als zentrale These, die so einfach klingt und deswegen so viel Wirkung erzielt in Kreisen, die gerne ohne lange nachzudenken autoritären Sprüchen folgen: Diese AFD Kernthese also heißt: „DER Islam gehört nicht zu Deutschland. Aber damit (so wird beschwichtigend gleich hinzugefügt, CM) ist nichts gegen einzelne Muslime gesagt“. Diese Aussage darf man nicht schnell übergehen wie es viele Journalisten tun, sondern eben auf seine Konsistenz prüfen: Gemeint ist nämlich: Die einzelnen Muslime dürfen bei einer Zurückdrängung und dann wohl auch bei einem Verbot DES Islam durchaus hier weiterleben. Sie dürfen wohl privat ihren Koran lesen und nicht nach außen hin erkennbaren Moscheen auch beten.
Diese These ist irrig und falsch: Der einzelne religiöse Mensch, eben auch ein Muslim, kann ohne den institutionellen Rahmen seine Religion, also ohne Gemeinde, ohne Lehrer, ohne Pfarrer wie auch immer, nicht als solcher leben. Auch der einzelne fromme Muslime, den die AFD ja freundlicher nicht vertreiben, sondern leben lassen will, braucht logischerweise die islamische Institution. Er braucht, wenn man den von der AFD verwendeten pauschalen Ausdruck verwendet, DEN Islam.

Zur weiteren Klärung des Problems: Die AFD Führer sollten sich mit dem Satz als „Gedankenspiel !“  auseinandersetzen, der der gleichen (un)logischen Struktur folgt: Der Satz heißt: „Die Partei AFD passt nicht zu Deutschland. Hingegen kann das einzelne AFD Mitglied und der einzelne AFD Sympathisant durchaus in Deutschland leben“.  Kann man AFD-Mitglied sein, ohne Bindung an die AFD-Führer, ohne Verbindung zur AFD Institution? Eher wohl nicht.

3. Ohne Islam gäbe es kein Europa, ebenso ohne Judentum und ohne Humanismus gäbe es kein Europa.

Zur üblichen und schon floskelhaften Beschwörung „des“ christlichen Abendlandes durch die AFD Führer: Da wird das christliche Abendland nur als polemischer Gegen-Begriff zum verhassten Islam verwendet. Diese Ideologie des gepriesenen „Abendlandes“ beruht auf historischer Unkenntnis: Wesentliche Erkenntnisse verdanken die Abendländer der intellektuellen Leistung des Islam, etwa in der Zeit von al andalus. Die Philosophie des Aristoteles (kaum zu überschätzen für die Entwicklung des modernen Europa) oder die Grundlagen der Medizin usw. verdanken „wir“ „dem“ Islam. Und das Abendland war also nie „nur“ christlich, sondern verdankt den muslimischen Gelehrten viel, und das Abendland ist auch noch humanistisch, seit der Renaissance. Und es ist jüdisch geprägt, die Zehn Gebote sind bekanntlich jüdischen Ursprungs, die Prophetische Rede von Gerechtigkeit und Gleichheit aller Menschen ist jüdisch. Europa ist auch jüdisch. Diese zweifelsfreie Erkenntnis wird von AFD Leuten und deren Führern nicht genannt. Und Journalisten sollten in ihren Interviews – zwischen den Zeilen – auf das hören, was von AFD nicht gesagt wird. Und wer „das Christentum“ authentisch verstehen will, weiß, dass die Liebe zum Fremden zum KERN des Christentums gehört. Wer sich zum christlichen Abndland bekennt, bekennt sich automatisch zur Liebe gegenüber den Fremden und Flüchtlingen. Wenn die AFD dieses authentische Christentum nicht mag, und vieles spricht dafür, dass sie es nicht mag, dann sollte sie wie Herr Gauland (AFD) ehrlich sein und sagen: „Wir von der AFD sind nicht christlich, sondern heidnisch“

Nebenbei: Zwar utopisch, aber möglich: Es könnte ja sein, dass eines Tages AFD Leute auch irgendwo als Fremde im Ausland auftauchen und um Asyl bitten: Was machen sie dann, wenn sie im Zufluchtsland hören: „Die AFD passt nicht in unser Land“.

Immanuel Kant hat, immer logisch völlig überzeugend, empfohlen zur Überprüfung der eigenen ethischen Haltung sich selbst zu fragen: „Ist meine Maxime („Der Islam gehört nicht zu Deutschland“) als Gesetz für alle möglich?“ Kant hätte diese genannte Maxime als Unsinn und Irrsinn zurückgewiesen.

Also noch einmal: Die Führer der AFD haben vom Christentum keine Ahnung, sie bedienen sich des „Christlichen Abendlandes“ nur, um ihre ANTI-Islam-Haltung polemisch und dem Scheine nach ein bisschen hübsch- freundlich und fromm zu kaschieren. Es gibt keine Wertschätzung des christlichen Abendlandes bei den AFD Führern. Das ist ideologische Propaganda. Frau von Storch hätte – als explizite Pro-Life-Verteidigerin – am liebsten auf Frauen und Kinder an der Grenze geschossen (wurde später von ihr irgendwie revidiert und wie immer von der „Lügen-Presse falsch verstanden).

Politische Gegner werden Feinde, und in der AFD selbstverständlich – so lange „man“ noch nicht an der Macht ist – bloß bedrängt usw. In der FPÖ hingegen wurde nach dem knappen Wahlsieg des Demokraten Alexander van der Bellen gesagt: „Na wartet ab, wenn wir FPÖ Leute erst mal die Macht haben, dann, ja dann…“  wird’s keine Demokratie mehr geben, möchte man sinngemäß fortsetzen. Der AFD Philosoph Marc Jongen hat in einem Interview mit der „ZEIT“ (vom 25. Mai 2016, Seite 42 im Feuilleton, nicht in der ZEIT Rubrik Politik, auch seltsam …) frei und offen das demokratische System –etwa Österreichs – MORSCH genannt. In Österreich habe man noch alle Ressourcen gegen die FPÖ zusammengekratzt, „bevor es (das System) um so eindrucksvoller (eben morsch) einstürzen wird“. Zu der Aussage vom Zusammenbruch des angeblich morschen demokratischen Systems wird von den Journalisten nicht weitergefragt….Später wird AFD Jongen noch in der ZEIT sagen, dass aufgrund eines deutschen Passes niemand automatisch Deutscher sein sollte. Wie denn sonst? Offenbar ist in der Sicht des AFD Jongen ein Deutscher nur, wer sein deutsches „reines Blut“ nachweisen kann. Das führt gedanklich in die Nähe von 1933 usw ist meine Meiungsäußerung. Und wenn die demokratische Legislative der Bundesrepublik das Gesetz verabschiedet hat, dass mit dem deutschen Pass jemand Deutscher ist, dann ist an diesem Rechtsverhältnis NICHTS zu deuteln. Genau diese demokratische Überzeugung aber will die AFD aushebeln.

4. Das diffuse Plädoyer für den Zorn. Zugleich ein Hinweis zum Thema Sloterdijk und die AFD

Ein neuer, klug klingender Begriff taucht unter AFD Führern oft auf, der Begriff „Thymos“, der gern von der AFD-Philosophen mit „Zorn“ übersetzt wird. Dabei ist diese enge Bedeutung eher selten, Thymos heißt eigentlich im Alt-Griechischen Gemüt und Lebenskraft, nur selten Leidenschaft und Zorn.

Aber seit dem Buch „Zorn und Zeit“ mit dem Untertitel „Politisch-psychologischer Versuch“ (erschienen bei Suhrkamp, 2006) wird viel von Thymos und der wichtigen Rolle des Zorns im „(deutschen) Volk“ schwadroniert, auch in den Kreisen der intellektuell noch etwas interessierten AFD Führung. Sloterdijk ist in seinen Thymos-Reflexionen von 2006 von Francis Fukuyama angeregt worden, der schon 1989 (!) den Begriff einführte in seinem Buch „Das Ende der Geschichte“. Marc Jongen, der AFD-Philosoph, zeigt in dem ZEIT Interview vom 25. Mai 2016 Verständnis für die rebellische Form des Thymos : „Wenn die Regierung den Bürgern von oben etwas aufdrückt, dann kommen notwendigerweise rebellische Energien noch“. Und es ist im Zusammenhang klar, dass er mit den „rebellischen Reaktionen“ die AFD Aktionen und wohl auch Pegida Attacken meint. Denn er fährt fort: “Wäre es denn wünschenswert, wenn es gar keine Abwehrreaktionen gäbe?“ Da wird wieder nicht nachgefragt: Denn mit dem eher noch ein bisschen freundlichen Wort „Abwehrreaktionen“ sind wohl auch Attacken gegen Flüchtlingsheime und Drohungen gegen demokratisch gewühlte Politiker gemeint. Dabei wird von Jongen indirekt behauptet: Nur die AFD (bzw. wohl auch Pegida) gestalten die richtigen Abwehrattacken gegen die Demokratie, die „von oben etwas aufdrückt“, so Jongen. Demokratie wird in diesen undemokratischen Kreisen bereits als etwas erlebt, das „von oben aufdrückt“…

Die in der AFD verhassten Linksradikalen („sie reißen alle Grenzen ein“, so wörtlich Jongen) gelten in der AFD als „verirrte Abkömmlinge des Christentums“, sie sind die eigentlichen Übeltäter. Warum? Weil sie das deutsche Volk und die deutsche Nation in ihren Grenzen nicht mehr lieben. Volk und Nation werden wieder zum Maßstab von anständig und unanständig. Man erinnere sich bitte …

Jongen ist zwar im ZEIT Interview ein bisschen sauer, dass Sloterdijk offenbar die AFD kritisiert. Der Sloterdijk Assistent, wohl ein intimer Kenner seines einstigen Meisters, meint dann aber doch glücklich: „Mein Eindruck ist, dass seine, Sloterdijks, Äußerungen zur Flüchtlingskrise so fern zu dem nicht stehen, was ich sage und was auch die Position der AFD ist. Und das ist letztlich wichtiger und auch wirksamer (!) als seine oder meine persönlichen Befindlichkeiten“. Mir ist nicht bekannt, dass Sloterdijk sich gegen diese Einbeziehung seines Denkens zur Flüchtlingsfrage in die AFD Ideologie öffentlich gewehrt hat.

Auf diese aktuelle Bedeutung des Sloterdijkschen Thymos-Begriffs weist jetzt Ijoma Mangold in DIE ZEIT vom 2. Juni 2016, Seite 37, hin. Der ZEIT-Journalist zeigt in seinem sehr lesenswerten Artikel, dass AFD und Pegida gern vom „Ausnahmezustand“ sprechen, als dem Moment, wo die geltenden Gesetze der Demokratie eben nicht mehr gelten und eben besonders Berufene, eben die AFD etc., in tiefster Not zur Rettung des Volkes die Macht ergreifen. Mangold schreibt: „Sie (die AFD Leute) sprechen gern vom Ausnahmezustand, denn der beendet qua Gewalt die (angeblichen, in der AFD Sicht) bloß künstlich-abstrakten Rechtsverhältnisse. Der Ausnahmezustand, der Ausbruch des Volkszorns (also Thymos, siehe Sloterdijk), ist der feuchte Traum aller Rechten. Der Vordenker der neuen Rechten, Götz Kubitschek, spricht vom Ernstfall. Marc Jongen, Solderdijks Assistent bis vor kurzem, bezeichnet das mit dem griechischen Begriff Thymos und fügt hinzu, dass es sich dabei hoffentlich um einen gerechten Zorn handelt“. (Vielleicht irrt diese AFD/Pegida-Masse auch in ihrer Wut, rechnen damit AFD Führer?

Man sieht, wie dieser schwammige und diffuse Thymos Begriff und diese Thymos, also Wut Ideologie, durch Sloterdijk 2006 verbreitet, Wirkungen im rechtslastigen Lager hat. Auch Martin Lichtmesz, ein rechter Ideologe, sprach nach der Wahl des Bundespräsidenten in Österreich im Mai 2016 diese verschwommen-drohenden Worte: „Ein Freund meinte, sein Thymos Spiegel wäre gerade am Platzen“ (Heißt das, er wäre bereit, seinen Zorn öffentlich auszutoben?) “Der Rekurs auf den Volkszorn ist immer eine verhohlene Gewaltanwendung. Wenn dem Volk erst mal der Geduldsfaden reißt, dann schützen euch eure Schein-Wahlergebnisse auch nicht mehr“: Mit diesen Worten fasst Ijoma Mangold die Thesen der Thymos-Besessenen neu rechten Ideologen zusammen.

5. Nietzsche wieder einmal der Meisterdenker ganz rechts

Es wäre wichtig, erneut auf das allen rechtslastigen und populistischen Zorn stimulierende Buch „Zorn und Zeit“ von Sloterdijk näher einzugehen. Schon dieser Titel hat ja für Philosophen einen gewaltigen Anspruch, er erinnert an Martin Heideggers grundlegendes Werk „Sein und Zeit“ (1927). Heidegger wollte den Sinn von Sein aus der Zeit verstehen. Sloterdijk will jedenfalls hohe Ansprüche wecken und möchte wohl unsere Zeit im Horizont des Zorns neu lesen oder, wer weiß das schon genau bei der Unschärfe der Formulierungen, den Sinn von Zorn aus unserer Zeit verständlich machen… Sloterdijk lobt den Thymos im Blick auf die frühe griechische Mythologie: Homers Thymos-Lehre wird freundlich zugestimmt, von den mythischen Helden ist die Rede, die zum Hüter des Zorns auserkoren sind. Und Heidegger wird fiktiv in das Thymos-Geschehen eingereiht: Sloterdijk legt dem Meister aus Messkirch die vielleicht sogar treffenden thymotischen Worte in den Mund: “Auch kämpfen heißt danken“ (S. 24). Nebenbei: Heidegger konnte (dem Sein) danken, dass er nur am Schreibtisch „kämpfen“ musste in seinem antisemitischen Wahn ab 1933… Aber man könnte den Satz auch allgemeiner verstehen: Der thymotische Mensch kämpft also für seine Sache und ist dankbar, dass er kämpfen, also auch töten und ausmerzen kann. Für Sloterdijk hat die platonische Philosophie (leider) „die Austreibung des großen (!) Zorns aus der Kultur“ begonnen… O ihr Helden des Homer, möchte man weiter fantasieren, was wart ihr doch für thymotische Kämpfer. Ihr hattet wenigstens noch den „Mannesmut“ (so Sloterdijk, S. 26) und wart nicht in die furchtbaren (menschlichen) „demuts-trunkenen Subkulturen“ versackt, „in denen schöne Seelen sich (in der Demokratie, CM) gegenseitig (bloß) Friedensgrüße schicken“(so Sloterdijk, S. 31). O ihr thmyotischen und mythischen Kämpfer, möchte man im Sinne Slotderdijks weiter schwadronieren, ihr hieltet – den Göttern sei Dank – nichts von Frieden und Friedensgrüßen….Kein Wunder also, wenn Sloterdijk explizit den Egoismus lobt als „die beste der menschlichen Möglichkeiten“. (Seite 31).

Und dann kommt die zentrale Aussage. Sie zeigt Sloterdijks meist in der Schwebe belassene, oft aber auch offene Vorliebe für Nietzsches radikales „Reformatorentum“, wie er sagt. Dieses bedeutet für Sloterdijk: Nietzsche vollbringt eine wertvolle Leistung, er schafft neue, eben „nicht-metaphysische, nicht-christliche moralische Gesetze“ (so Sloterdijk in seine Buch „Philosophische Temperamenten, 2009, Seite 116f.). Sloterdijk schreibt in „Zorn und Zeit“: „Erst Nietzsche hat in dieser Frage wieder für klare Verhältnisse gesorgt“. Das heißt im Sinne des Übermenschen, wie es Nietzsche in seinen sehr späten Werken lehrte, etwa im „Antichrist“ (verfasst 1888) heißt es gleich am Anfang: „Die Schwachen und Missratnen sollen zugrunde gehen: Erster Satz unserer Menschenliebe. Und man soll ihnen (den Schwachen und Missratnen) noch dazu helfen, zugrunde zugehen. Was ist schädlicher als irgendein Laster? Das Mitleiden der Tat mit allen Mißratnen und Schwachen – das Christentum…“

Aber solche unmittelbaren Nietzsche-Zitate erspart sich Sloterdijk in seinem Plädoyer für den Egoismus „als der besten Möglichkeit“. Er lässt mit großen Worten und großer Geste vieles schön schwammig und ahnungsvoll offen. Marc Jongen etwa, der AFD Philosoph, versteht seinen Meister in Karlsruhe. Jongen sagt: „Es wäre abwegig zu meinen, der Zorn (Thymos) haben seine besten Zeiten bereits hinter sich“. Also:Der Zorn gegen das angebliche „morsche demokratische System“ wird bald stärker werden.

Sind Demokraten nun noch mehr gewarnt? Oder versuchen demokratische Politiker jetzt, bloß um zu verhindern, dass die AFD die Mehrheit erlangt, die AFD ihrerseits zu imitieren und Forderungen der AFD zu übernehmen? Man hat stark diesen Eindruck in der Flüchtlingspolitik jetzt, Juni 2016. Offenbar fehlt den Politikern und den Bürgern der demokratische Thymos. Und es fehlt das Bewusstsein, dass Politik eben auch etwas mit Moral und Menschenrechten zu hat.

6.Nietzsche -ein philosophisch-politischer Schwerpunkt ab sofort 

Die bisherigen Hinweise machen deutlich: Die so freundliche, so wohlwollende Rezeption zentraler Behauptungen des Spätwerkes Nietzsches zur neuen In(Un)-Humanität durch die neue Rechte, auch durch die AFD, angefeuert durch die eher undeutlichen Aussagen Sloterdijks zu Nietzsche, muss weiter bearbeitet werden. Nietzsche ist „am Kommen“, das ist keine Frage. Er ist ohnehin schon der Meisterdenken der Nouvelle Droite, die es bekanntlich seit 1970 in Frankreich gibt; es ist Nietzsche, den die extreme Rechte in ihre eigene Weltanschauung als Chefdenker eingliedert.

Dabei darf es nicht bleibe: Als erste Einführung zur kritischen Nietzsche Lektüre empfehle ich in dem Buch von Vittorio Hösle „Eine kurze Geschichte der deutschen Philosophie“ (C.H.Beck Verlag, München, 2013), das Nietzsche Kapitel mit dem Titel „Die Revolte gegen die universalistische Moral“ (Seite 185-207). Nietzsche und mit ihm seine Freunde und Deuter heute in der AFD und anderswo, so die Erkenntnis, wehren sich gegen die universalistische Moral, also gegen die allgemeinen und für alle (auch für Flüchtlinge) geltenden Menschenrechten. Es wird ein Regime etabliert von wertvollen und weniger wertvollen Menschen, die Ideologie der Herrenmenschen.

7.Wer wird die universalen Menschenrechte verteidigen?

Es geht also heute an erster Stelle für alle Demokraten darum, dass nicht noch die Geltung der Menschenrechte ertrinkt, untergeht und verschwindet. Dies zu debattieren hat absoluten Vorrang, auch in den Kirchen. Aber wie kann eine multinationale Organisation, wie die römische Kirche, im Ernst die Menschenrechte verteidigen, wenn sie in sich selbst, in ihrer eigenen Struktur, die Menschenrechte und damit die Demokratie nicht realisieren will (weil Gott es nicht will, wie es im Vatikan fundamentalistisch heißt..). Die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte hat der Vatikan bekanntlich NICHT unterzeichnet. Alle netten, menschenfreundlichen Aktionen von Papst Franziskus sollten auch in diesem Licht gesehen werden.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon.
Dieser Beitrag ist eine begründete Meinungsäußerung.

Eine humanistische christliche Kirche und ihr Initiator Jacobus Arminius

Eine humanistische christliche Kirche des freien Geistes: Der Reformator Arminius und die Remonstranten.

Veröffentlicht in leicht veränderter Form innerhalb der Reihe „Reformation am Rande“ in der Zeitschrift PUBLIK – FORUM am 15. April 2016. Wir veröffentlichen diesen Beitrag, weil er auf eine bislang einmalige Verbindung von Humanismus bzw. freiem Geist (d.h. auch Liberalität und Anti-Dogmatismus) UND biblisch inspriertem Glauben hinweist. Die Gestalt des Arminius und die Kirche der Remonstranten (die sich bescheiden „Bruderschaft“ nennt) verdient Beachtung auch in philosophischem Zusammenhang.

Von Christian Modehn

Die Reformation hat sich in den Niederlanden nur zögerlich durchgesetzt. Aber schon zu Beginn des 17. Jahrhunderts kam es unter den Calvinisten zu Weiter lesen “Eine humanistische christliche Kirche und ihr Initiator Jacobus Arminius” »

Die Flüchtlinge in Deutschland: Die Reformation neu denken. Die Reformation muss weitergehen

Weiter denken:   3 Fragen an Prof. Wilhelm Gräb, Oktober 2015.

Im Angesicht der Flüchtlinge: Die Reformation muss weitergehen.

(Ein Hinweis: Wir haben uns erlaubt, diese weitreichenden, in die nahe Zukunft weisenden Fragen zu erörtern, obwohl wir wissen: Die Zustände heute in den Flüchtlingsheimen, oft in Zelten, die bei bitterer Kälte keine Zuflucht bieten, sind katastrophal, das sagen Betroffene wie Beobachter an vielen Orten, auch in Berlin. Diese Situation ist sicher auch Ausdruck einer bürokratischen, unbeweglichen, phantasielosen Haltung der zuständigen, aber überforderten Staats-Diener. Ohne die bis zur Erschöpfung arbeitenden Ehrenamtlichen wäre die „Flüchtlingshilfe“ längst total zusammengebrochen, und das Elend HIER noch größer. Welchen langfristigen Eindruck von der „Willenkommenskultur“ haben die Flüchtlinge? Wie wid sich das in Zukunft auswirken? Man lese bitte über die Flüchtlings“hilfe“ in Berlin den Beitrag im „TAGESSPIEGEL“ vom 15. Oktober 2015, Seite 9, unter dem realistischen, keineswegs etwas „herbeiredenden “ Titel: „Angst vor der Katastrophe“…Nur am Beispiel der medizinischen Versorgung: „Es droht eine humanitäre Katastrophe“, so wird dort der Caritas-Sprecher Thomas Gleissner zitiert….

Jedenfalls gilt: Die Ehrenamtlichen sind sozusagen, wenn das Wort erlaubt ist, die Helden in diesem Staat. Diese reale Not schließt ja nicht aus, sich Gedanken zu machen über eine hoffentlich bessere gemeinsame Zukunft  von „Einheimischen“ und „Flüchtlingen“. Ob diese bessere gemeinsame Zukunft überhaupt real wird, zumal angesichts der rassistischen Entgleisungen aus dem rechtsextremen Umfeld, siehe die „Pegida“ Demos etwa in Dresden, die entsetzlich vielen Brandanschläge auf Flüchtlingsheime usw., ist eine Hoffnung, die Demokaten tätig-kritisch gestalten. Christian Modehn am 15. Okt. 2015)

1. Die Reformation Martin Luthers zielte auf den Wandel des Bewusstseins: Nicht mehr eingeschliffene religiöse Traditionen sollten unbefragt respektiert werden, sondern die Grundideen einer befreienden Botschaft, Evangelium genannt. Bisher hat sich alles Reformationsgedenken vor allem auf diese explizit religiöse Veränderung bezogen. Wäre es heute nicht dringend geboten, den Reformationsbegriff zu weiten und ihn auf die Veränderungen unserer Gesellschaft angesichts der Flüchtlinge zu beziehen? Also etwa eine Reformation des Denkens insgesamt zu fördern und zu pflegen unter dem Motto: Die Flüchtlinge auch als Partner wahrzunehmen? Als Partner im kulturellen Dialog, von dem beide Seiten profitieren?

In meinen Augen war das Entscheidende an der Reformation Luthers sein Plädoyer für das „Priestertum aller Glaubenden“. Das war der große Schritt in die religiöse Autonomie, mit der dann die Aufwertung der Ethik, der moralischen Selbstbestimmung, schließlich auch das demokratische Prinzip und die Selbstverantwortung in Fragen des allgemeinen Wohls einhergingen. Das „Priestertum aller Gläubigen“ war Luthers größte und folgenreiste Idee, gewiss eine Idee, damals im 16. Jahrhundert keineswegs realisiert, bis heute nicht vollständig realisiert. Aber das, was wir jetzt angesichts der doch immer noch auf beeindruckende Weise anhaltenden Hilfsbereitschaft erleben können, gehört in die Geschichte der Verwirklichung der reformatorischen Einsicht, dass es auf jeden und jede ankommt, dass jeder und jede gleich unmittelbar zu Gott ist, frei ist zum Tun des Guten und Gerechten, weil wir wissen, dass für uns gesorgt ist und wir uns im Grunde unseres Dasein anerkannt und geborgen wissen können. Das war die befreiende Botschaft der Reformation, das Evangelium. Sie trägt im Grunde auch heute noch. Nur gilt es, wie Sie richtig sagen, sie in die Gesellschaft zu tragen.

Ich bin immer noch beeindruckt davon, wie die Bundeskanzlerin das macht. In dem Fernsehinterview mit Anne Will hat sie wieder und wieder auf die Mitarbeit der unzählig vielen Menschen verwiesen, ohne die ihre Politik der unbeschränkten Aufnahme aller Asylsuchenden nicht durchzuhalten sei. Was es jetzt zusätzlich noch braucht, das wäre in der Tat eine Reformation unserer Denkungsart auch über die Flüchtlinge und, in der Konsequenz, ein besseres Asylrecht, eines, das sehr viel schneller zu der Entscheidung führt, ob sie bleiben dürfen und, sofern dies der Fall ist, ihnen dann auch Ausbildungs-, Studien- und Arbeitsplätze zur Verfügung zu stellen. So käme es zu konkreten Schritten, die zeigen, dass wir sie nicht als Versorgungsfälle ansehen, sondern als Partner behandeln, von denen schließlich auch wir enorm profitieren werden.

2. Christliche Gemeinden und zahlreiche Christen helfen oft vorbildlich den Flüchtlingen. Sollten sich Gemeinden auch darauf einstellen, dass sich sehr bald die Flüchtlinge mit ihnen über Lebensfragen, über Elend und Not und neues Leben in einer neuen Heimat, tiefer austauschen wollen? Natürlich auch über religiöse Themen. Werden die Gemeinden also zu Orten des vielseitigen Gespräches?

Initiativgruppen in Kirchengemeinde haben sich wirklich vorbildlich in der Flüchtlingshilfe engagiert, längst bevor das jetzt eine gesellschaftliche Bewegung geworden ist. Das war bewundernswert und das Vorbild, das bestimmte Kirchengemeinden in der Asylfrage geben, könnte, wenn jetzt die gesellschaftliche Kraft wieder erlahmen sollte, erneut ganz wichtig werden. Aber was dieser Einsatz für die Flüchtlinge für die Gemeinden selbst bedeutet und wie die Flüchtlinge die Gemeinden selbst verändern, dass muss erst noch in den Blick kommen. Dass das bedeutet, die Flüchtlinge als Partner anzuerkennen, sie damit gewissermaßen in die Gemeinde selbst aufzunehmen. Dass es dann zum Austausch in den Gemeinden kommen wird. Die Flüchtlinge könnten ihre Geschichte erzählen, woher sie kommen, was sie auf der Flucht erlebt haben, was sie hier jetzt, von ihrer neuen Heimat erwarten. Die hiesigen Gemeindeglieder könnten umgekehrt aber auch erzählen, was ihnen wichtig ist, was sie von den Flüchtlingen erwarten, wovor sie Angst haben. Religiöse Themen würden dabei zweifellos ebenfalls vorkommen, aber so, wie sie ins Leben gehören, als zugehörig zur Kultur der Menschen, als Ensemble der Werte, an denen sie sich orientieren, als Artikulation dessen, was ihnen wichtig ist, ihnen Halt gibt und den Mut, jetzt in der neuen Situation nicht den Mut zu verlieren.

Mit der Offenheit, in der Gemeinden sich jetzt in der Flüchtlingsarbeit engagieren, ist eine große Chance auch für diese Gemeinden verbunden. Sie können sich dem lebendigen Austausch über kulturelle und religiöse Grenzen hinweg öffenen. Damit werden sie einen enormen Beitrag zur Integration der Flüchtlinge in unsere Gesellschaft leisten.

3. Über „den“ Islam wird in den nächsten Jahren noch intensiver debattiert werden, er ist deutlicher Teil der deutschen Gesellschaft. Über die Frage wird schon jetzt gestritten, ob der Gott „des“ Islams mit „dem“ christlichen Gott identisch ist. Wer vermag das schon so allgemein gesehen wissen? Wäre es nicht hilfreicher, sich auf eine gemeinsame ethische Basis zu besinnen? Was verbindet uns alle als Menschen? Der Dalai Lama sagte treffend: Ethik ist wichtiger als Religion. Sehen Sie das auch so?

Ja, ich meine, dass wir mit der „Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte“ eine solche Ethik haben. Mit ihr kann die Integration der Flüchtlinge gelingen, unter Einschluss der Anerkennung ihrer verschiedenen Religionszugehörigkeiten. Denn die Religionsfreiheit, im positiven wie negativen Sinn, gehört ja auch zu den Menschenrechten. Nur, damit sich ein solches Menschenrechtdenken durchsetzen kann, braucht es die Akzeptanz dessen, dass die Menschenrechte selbst eine religiöse Grundlage haben, also unbedingte Anerkennung verlangen, von der man sich deshalb auch nicht unter Berufung auf eine andere Religion freisprechen kann, etwa was die Gleichberechtigung der Frau betrifft.

Worum es im Austausch zwischen den Religionen, in unserem Fall insbesondere zwischen Islam und Christentum, gehen muss, ist, an der Vereinbarkeit der jeweils eigenen Religion mit der universalen Religion der Menschenrechte zu arbeiten. Es braucht die Arbeit an Religionssynthesen. Diese Arbeit ist schon weit fortgeschritten. Der Dalai Lama, den Sie zu Recht erwähnen, gibt das beste Beispiel für eine Vermittlung zwischen dem Tibetischen Buddhismus und der Religion der Menschenrechte, Gandhi für die Verbindung des Hinduismus mit der Religion der Menschenrechte, Martin Luther King für die Umformung des Christentums in eine Religion der Menschenrechte. Mehr und mehr gibt es auch Stimmen aus dem Islam, die für die Integration des Islam in die Religion der Menschenrechte eintreten und konkret zu zeigen versuchen, wie das gehen kann.

Ich würde also nicht die Religion gegen die Ethik ausspielen, sondern in Orientierung am Kriterium des Menschengerechten an einer religiösen Fundierung der Ethik festhalten. Denn was die Ethik nicht zu geben vermag, das finden wir in der Religion, eine unbedingt verlässliche, uns zum Tun des Guten motivierende, aber auch noch im Versagen unseren Daseinsmut stärkende Lebensgewissheit.

copyright: Prof. Wilhelm Gräb und Religionsphilosophischer Salon Berlin

Recht contra Moral? Gespräch zu einer aktuellen ethischen Debatte

Der religionsphilosophische Salon am Freitag, den  25. April 2014 um 19 Uhr, will das Thema „Recht contra Moral?“ aufgreifen und etwas mehr Klarheit schaffen in aktuellen ethischen Debatten. Dabei spielen religiöse Moralvorstellungen gegenüber demokratisch und mehrheitlich beschlossenen Gesetzen auch eine Rolle, man denke etwa an die „Homoehe“ oder die Selbstbestimmung hinsichtlich des eigenen Todes schwerstkranker Menschen.

ORT: Galerie Fantom, Hektorstr.9, Berlin – Wilmersdorf. Anmeldung erforderlich wegen der begrenzten Anzahl von Plätzen: christian.modehn@berlin.de   Unkostenbeitrag: 5 Euro.

Einige Hinweise und Fragen aus dem Newsletter:

Wie gehe ich damit um, dass in einer demokratischen pluralistischen Gesellschaft (wir sprechen hier nie von totalitären Diktaturen) Gesetze mehrheitlich im Parlament verabschiedet werden, die den Moralvorstellungen einiger Menschen und Gruppen (Minderheiten) nicht entsprechen? Etwa im Falle der gesetzlichen Freigabe von Schwangerschaftsabbruch oder der sogen. Homoehe. In Holland könnte man an die Euthanasiegesetzgebung denken.

Welchen Einfluss und welche Macht dürfen angesichts dieser Entwicklung Institutionen haben, die für sich beanspruchen, „die Naturrechte“ zu vertreten, zu verteidigen und zu schützen? Hier kommen wir schnell in religionsphilosophische Fragen hinein, etwa im Blick auf die Moralvorstellungen der Katholischen Kirche.

In welcher Weise sind Gesetze auch Ausdruck von Gerechtigkeit? Sie sind ja immer mehr als leere Handlungsanweisungen?

Wie verändern neue Gesetze (siehe die Beispiele oben) auch die Moralvorstellungen der einzelnen und bestimmter Gruppen?

In welcher Weise und warum kann nur ein weltanschaulich neutraler Staat, die Franzosen sprechen so schön und richtig von der laicité, das Zusammenleben wertmäßig unterschiedlich orientierter Gruppen garantieren? Die Vorstellung, dass eine bestimmte Gruppe, etwa religiös fundamentalistischer Prägung, die allen gemeinsamen Gesetze bestimmt, ist ja für viele unerträglich.

In der Hoffnung auf ein lebendiges und kritisches Gespräch grüße ich Sie herzlich verbunden guten Wünschen für ein inspirierendes Osterfest: Ostern bezieht sich auf die Auferstehung, Auferstehung ist ein Aufstehen, Erwachen, Freiwerden, Eintreten in ein gewandeltes Leben; also auch und schon wieder ein philosophisches Thema.