Die Erklärung der Menschenrechte – Bekenntnisgrundlage einer universalen Religion? Von Prof. Wilhelm Gräb

„Fundamental vernünftig“ ist der Titel, unter dem Sie hier 10 Interviews mit Wilhelm Gräb finden. Er ist Theologieprofessor an der Humboldt Universität zu Berlin. Als „praktischer Theologe“  interpretiert er aktuelle Zeitfragen aus dem weiten Feld von Religionen und Kirchen, Kulturen und Philosophien. Der Untertitel unserer neue Kategorie „Religiös aus freier Einsicht“ zeigt an, dass es in den Beiträgen nicht um Wiederholungen dogmatischer Lehren geht, sondern um die Einladung, sich auch in religiösen Fragen seiner eigenen Vernunft anzuvertrauen. So wird allem unvernünftigen Fundamentalismus gegengesteuert und die Freiheit der einzelnen und der Gesellschaft gefördert. Wir freuen uns im „Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon Berlin“, dass durch die Beiträge von Wilhelm Gräb den Diskussionen über die Rolle der Religionen in der heutigen Gesellschaft neue Perspektiven erschlossen werden

Die Erklärung der Menschenrechte – Bekenntnisgrundlage einer universalen Religion? Veröffentlicht am 19. Jan. 2013.

Sie halten am 28. Januar 2013 einen Vortrag über die Menschenrechte mit dem Titel: Bekenntnisgrundlage einer universalen Religion. Soll das heißen, dass die vielen konkreten Religionen unwichtig werden angesichts einer neuen universalen Religion?

Die vielen konkreten Religionen werden weder unwichtig noch können sie die neue Religion universaler Menschlichkeit schlicht ersetzen. Ich meine jedoch in der Tat, dass die „Allgemeine Erklärung der Menschenrechte“ (= AEMR, UN-Charta 1948) nicht nur mit einem universalen Anspruch auftritt, sondern diesen auch religiös verstärkt. Um den religiösen Charakter der Erklärung der Menschenrechte zu erkennen, genügt es, auf die unbedingte Geltung, die sie beansprucht, hinzuweisen. Die unbedingte Geltung der Menschenrechte stützt sich auf die „angeborene Menschenwürde“. Nun kann man sagen, das ist eine anthropologische, aber keine religiöse Begründung. Indem diese angeborene Menschenwürde jedoch jedem Menschen zugeschrieben wird, und dies gerade unabhängig von seinen Taten, seinen Rollen und seinen Funktionen, wird er als ein solcher angesehen, der alle gegebenen Bedingungen seines Daseins transzendiert. Der Mensch, dessen angeborene Würde unantastbar ist, ist der, der in dem, was von ihm vorhanden ist, nie aufgeht. Er kann sich deshalb zu allen Bedingungen seines Daseins selbst verhalten. Er besitzt Freiheit, die er wiederum nur dann recht versteht, wenn er sie zugleich auch allen anderen Menschen gleichermaßen zugesteht. Weiter lesen “Die Erklärung der Menschenrechte – Bekenntnisgrundlage einer universalen Religion? Von Prof. Wilhelm Gräb” »

„Vom Menschsein und der Religion“: Ein neues Buch von Wilhelm Gräb

WEITER DENKEN: Drei Fragen an Prof. Wilhelm Gräb
Die Fragen stellte Christian Modehn
1.Frage:
Ihr neues Buch „Vom Menschen und der Religion“ vermittelt eine zentrale Er-kenntnis von einer geradezu universalen Bedeutung: Jeder Mensch befasst sich auf seine Art mit der Sinnfrage, mit der Frage nach dem Sinn des eigenen Le-bens und „des Ganzen“. Und diese Sinnfrage, so schreiben Sie immer wieder in dem Buch, sollte auch der Mittelpunkt der Theologie, der christlichen Theolo-gie, sein. Das ist eine ungewöhnliche, über alles Kirchliche hinaus in die Weite des Menschlichen führende Aussage. Warum ist gerade diese in meiner Sicht „universale Basis-Theologie“, unter den Bedingungen der „Säkularisierung“ jetzt so entscheidend für Sie?
Dass wir die Zukunft nicht bestehen und die drängenden ökonomischen und vor allem ökologischen Probleme einer stetig wachsenden Weltbevölkerung ohne weitere Fortschritte in Wissenschaft und Technik nicht werden lösen können, scheint allen klar. Auch die Kunst und die Künste gehören selbstverständlich zu den entscheidenden Möglichkeiten, die wir Menschen haben, um unsere kreati-ven Fähigkeiten in die Gestaltung einer lebensdienlichen und entwicklungsoffe-nen Welt einzubringen. Nur die Religion, die doch seit den Anfängen der Menschheitsgeschichte nicht nur die Basis von Wissenschaft und Kunst war, sondern auch sich mit diesen fortschreitend entfaltet hat, erscheint vielen heute als entbehrlich. Sie wird mit den institutionalisierten Religionen und mit den Glaubens- und Morallehren der Kirchen identifiziert. Es wird die gefährliche politische Macht, die die ihre Repräsentanten durch die Berufung auf göttliche Autorität gewinnen können, angeprangert.
Viel zu wenig gesehen wird jedoch, dass die Zukunftsfragen einer das Überle-ben der Menschheit sichernden nachhaltigen Entwicklung eine alles entschei-dende religiöse Dimension bei sich haben. Was das Leben jedes einzelnen letzt-lich trägt, der Glaube an den Sinn des Ganzen, das hält auch die Anstrengungen in Wissenschaft und Technik, Politik, Recht und Bildung in Gang. Gerade dort, wo die Probleme immer drängender werden und globale Fehlentwicklungen, in die wir durch kollektives Versagen hineingeraten sind und die das Zutrauen in die Kräfte lebensdienlicher Zukunftsgestaltung rauben, ist das trotzige Dennoch eines religiösen Glaubens, der Inspiration, Kreativität und Gemeinsinn freisetzen sowie einen hoffungsvollen Lebensmut stärken kann, wichtiger denn je.
Doch dass Religion diese Bedeutung für unser Menschsein hat, dass sie es ist, die uns die Möglichkeiten entdecken lässt, mit denen wir über uns hinauswach-sen, weil sie größer sind als wir selbst um sie und uns in ihnen wissen, ist kaum im Blick. Die Religion ist kein öffentliches Thema in den so dringenden Debat-ten darüber, wie wir leben wollen, wie wir leben sollen, noch gar, was recht ei-gentlich ins Zentrum der Religion gehört, wie wir mit der offenkundigen Tatsa-che zurecht kommen können, dass wir des Insgesamt der Bedingungen unseres Daseins nicht mächtig sind, wir das Gelingen unserer noch so guten Absichten letztlich nie in der Hand haben.
Religion wird als Angelegenheit lediglich der hierzulande offensichtlich immer weniger werdenden „Gläubigen“, der Kirchen- und Religionsangehörigen aufge-fasst. Die anderen, die „Säkularen“, Konfessionslosen, Freigeister, Humanisten, Agnostiker geht sie nicht an. Doch in Wahrheit ist es so, dass wir alle in unserer Vorstellungkraft sehr viel ärmer werden, wenn wir das Bewusstsein von den Grenzen, die unserer Erkenntnis und unserm Wissen gesetzt sind, verkümmern lassen und die Möglichkeiten einer transzendenzoffenen, spirituellen Weltsicht und Sinneinstellung verspielen.
Deshalb habe ich dieses Buch geschrieben, weil ich meine, dass es dringend an der Zeit ist, in der Religion, wir können auch sagen: Religiosität bzw. Spirituali-tät, eine Haltung dem Leben gegenüber zu sehen, aus der immer wieder neu In-spiration, Mut, Trost und Gemeinsinn erwachsen. Es verdankt sich dieses Reli-gionsverständnis den entscheidenden Impulsen protestantischer (Kultur-)-Theologie, wie sie von Friedrich Schleiermacher über Ernst Troeltsch bis zu Paul Tillich gesetzt wurden.
Ich habe der Rekonstruktion der Gegenwartsbedeutung dieser Theologietraditi-on in meinem Buch breiten Raum gegeben, stelle mich selbst in diese Tradition und führe sie fort, um – heute nun in transreligiöser und transkultureller Absicht – zu diesem anderen Reden über die Religion beizutragen. Religiös zu sein, ist eine der besten Möglichkeiten, die wir Menschen haben, um einen verlässlichen Halt in unserem je individuellen Leben zu haben und dann auch den enormen Herausforderungen begegnen zu können, vor die wir uns im Zeitalter der ökolo-gischen Lebensgefahr gestellt sehen.
2. Frage:
Nun gibt es die bunte Vielfalt von Religionen. Diese aber sind nicht immer und nicht automatisch konstruktiv im Sinne der Menschlichkeit und des Respekts der universalen Menschenrechte. Welches Kriterium haben Sie, um humane Religi-onen von den de facto ins Inhumane abgleitenden Religionen, „Sekten“, Ideolo-gien, zu unterscheiden?

Die Religion, von der ich spreche, ist, um mit Johann Gottlieb Herder zu reden, „in aller Menschen Herz nur eine“. Sie gehört zu unserem vernunftbegabten Menschsein. Zu ihr können alle finden, die einiger Selbstachtung fähig sind. Dann merken sie, dass die schon von den Theologen der Aufklärung als „Ange-legenheit des Menschen“ entdeckte Religion eine transzendenzoffene Sinnein-stellung ist, die aus dem tröstlichen Gefühl einer Gründung unseres Ichs im Göttlichen erwächst.
Mit dem Glauben an Heilige Schriften, kirchliche Dogmen, gar einem Gehorsam religiösen Führern gegenüber hat diese Religion der Humanität, wie ich sie nen-ne, nichts zu tun. Das heißt aber nicht, dass diese Religion der Humanität nicht auch in den Religionen, wie sie als mehr oder weniger verfasste Institutionen, mit ihren Traditionen, ihren Lehren und Ritualen, Symbolen und Lebensregeln existieren, gefunden und praktiziert werden kann. Genau dies dürfte vielmehr weithin der Fall sein, schon deshalb, weil eine gesellschaftliche Kommunikation über diese Religion der Humanität noch nicht entwickelt ist. Das Anregungspo-tential, das die Heiligen Texte der Religionen, ihre Kunstschätze, ihre Theolo-gien und ethischen Reflexionen in sich bergen, ist außerdem immens. Es wäre töricht, wenn die Religion der Humanität, die ich in meinem Buch auch als eine transversalen Religion der Menschenwürde und Menschrechte beschrieben habe, ihre Inspiration nicht auch aus Quellen der großen geschichtlichen Religionen schöpfen würde.
Dennoch ist das Verhältnis der Religion der Humanität zu den religiösen Insti-tutionen, Traditionen und Gemeinschaften ein durchaus kritisches. Ich argumen-tiere entschieden gegen jede Vorweggeltung eines kirchlichen und religionsinsti-tutionellen Autoritätsanspruchs. Es ist nicht schon deshalb etwas heilig und den gläubigen Gehorsam gebietend, weil ein Klerus sich auf höhere Offenbarung, geheiligte Traditionen und göttliche Einsetzung beruft. Ob eine Religion bzw. Elemente in ihr gut oder schlecht sind, entscheidet sich daran, ob dort unsere menschliche Fähigkeit, aus freier Einsicht „glauben“ zu können gefördert wird, oder auf blinden Glaubensgehorsam verpflichtet werden.
Glauben zu können, will dann als Realisierung einer unserer besten menschli-chen Möglichkeiten verstanden sein. Wer aus freier Einsicht glaubt, tut dies im Wissen um die Unverfügbarkeit der Zukunft wie unseres Daseins überhaupt, ein Wissen, das in Glauben übergeht und das den Kern im Grunde jeder Religion darstellt.
3. Frage:
Wichtig ist für sie der „Lebensglaube“, also die Gewissheit, dass mein und unser Leben „im letzten“ einen Sinn hat. Diesen Lebensglauben können, so sagen Sie, auch Kunst, Literatur, Film und Musik vermitteln. Aber warum, wie Sie dann schreiben (S. 318), „befriedigen diese dann doch nicht unsere Sinnbedürfnisse“?
Dieser Lebensglauben, der ein unbedingtes Vertrauen in den Sinn des Ganzen ist, muss immer wieder dem Wissen um die Unbegreiflichkeit dieses Sinns ab-gerungen werden. Sonst wäre es ja kein Glauben, kein grundloses, ins Wagende hinein sich vollziehendes Grundsinnvertrauen. Das eben macht den Unterschied wahren religiösen Glaubens von Ideologien und totalitären religiösen Lehren aus. Doch wer schafft das, so zu glauben?
Letztlich ist dieses sich auf der Grenze bewegende und das menschliche Maß wahrende Glauben, zu dem die Religion der Humanität ermutigt, eine unmögli-che menschliche Möglichkeit. Das hat vernünftig Theologie seit jeher dadurch zum Ausdruck gebracht, dass sie vom Glauben als Gottesgeschenk sprach, als Tat Gottes, mit der dieser den Glauben in uns hervorbringt. Viele religiöse Den-ker sprechen zudem vom Glauben als einem Widerfahrnis, zu dem wir uns nicht entschließen können, sondern das an uns geschieht, so freilich, dass es nur dann für uns wirksam wird, wenn wir es annehmen und uns bewusst dazu verhalten.
Was ich an der von Ihnen zitierten Stelle von der Kunst und den Künsten sage, gilt insofern auch von der Religion. Auch sie befriedigt nicht unsere Sinnbe-dürfnisse, jedenfalls nicht so wie das gemeinhin verstanden wird, als hielte sie eine friedigende Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Lebens bereit. So ist es gerade nicht. Dennoch erweckt die traditionelle Religion oft genau diesen Anschein, als habe sie sie verbindliche Antworten auf die großen Fragen nach dem Woher und Wohin unseres Daseins. Anders die Kunst. Ich sehe ihren Vor-zug und das, was sie für die Religion bedeutet, genau darin, wie ich an anderer Stelle sage, dass „sie die Wunde des Sinns offenhält“.
Gerhard Richter sagt es so: „Die Kunst ist die reine Verwirklichung der Religio-sität, der Glaubensfähigkeit, Sehnsucht nach ,Gott‘. […] Die Fähigkeit zu glau-ben ist unsere erheblichste Eigenschaft, und sie wird nur durch die Kunst ange-messen verwirklicht. Wenn wir dagegen unser Glaubensbedürfnis in einer Ideo-logie stillen, richten wir nur Unheil an.“ (Notizen 1988)
Und früher schon notierte Richter, der einer der bedeutendsten Bildermacher unserer Zeit ist: „Die Kunst ist nicht Religionsersatz, sondern Religion (im Sin-ne des Wortes, ,Rückbindung‘, ,Bindung‘ an das nicht Erkennbare, Übervernünf-tige, Über-Seiende). Das heißt nicht, dass die Kunst der Kirche ähnlich wurde und ihre Funktion übernahm (die Erziehung, Bildung, Deutung und Sinnge-bung). Sondern weil die Kirche als Mittel, Transzendenz erfahrbar zu machen und Religion zu verwirklichen, nicht mehr ausreicht, ist die Kunst, als veränder-tes Mittel, einzige Vollzieherin der Religion, das heißt Religion selbst.“ (Noti-zen 1964-65)
Kunst ist Religion und Religion ist Kunst, ohne dass wir eine Kunstreligion er-finden müssten. Die für die Erfahrung der Kunst offene Religion ist die Religion, die zu uns unruhigen Menschen passt, weil sie unser Verlangen nach dem Voll-kommenen wachhält. Sie befriedigt nicht unsere Sinnbedürfnisse, sondern hält unsere Sehnsucht nach Sinn wach – nach einem Sinn, der endlich verstanden werden kann, sodass wir vielleicht das Gefühl bekommen, doch in diese Welt zu passen, obwohl wir nie ganz in ihr zuhause sind.
Hinweis auf die Neuerscheinung: Wilhelm Gräb, Vom Menschsein und der Religion. Eine praktische Kulturtheologie. 2019.
https://www.mohrsiebeck.com/buch/vom-menschsein-und-der-religion-9783161565649
Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin und Prof. Wilhelm Gräb, Berlin

Glauben ohne „Wunder“! Warum Pater Pio endlich im Grab verschwinden sollte. Anläßlich des 50. Todestages.

Ein Hinweis von Christian Modehn zum 50.Todestag des Paters Pio. Siehe auch einen grundlegenden Beitrag.

Er ist immer noch einer der beliebtesten „Volksheiligen“ Italiens, als Foto mit Heiligenschein präsent in Kneipen, Taxis, Geschäften, Schlafzimmern und wohl auch in den geheimen Treffpunkten der sich auch fromm gebenden Mafia … und darüber hinaus wird er in der ganzen Welt von Katholiken verehrt, als Fürsprecher himmlischer Art… Sein Kult hat über all die Jahre immerhin dem Kapuziner Orden und dem Bistum Manfredonia so viel Geld eingebracht, dass in der Stadt seines Klosters, in San Giovanni Rotondo, Kliniken gebaut wurden, abgesehen von der pompösen „San Pio“ Kathedrale, die Renzo Piano dort errichtet hat.

Der Kapuzinerpater Pio (25.5. 1887 bis 23.9.1968) zeigte sich in der Öffentlichkeit gern mit dunkel rot erscheinenden, blutig wirkenden Verletzungen an seinen Händen: Diese wurden von ihm selbst, von den Frommen und später auch von den Päpsten als Stigmata, als Wunden Jesu am Kreuz, gedeutet. Eine äußerst seltene „Auszeichnung“ in der Sicht klassischer Wundertheologie. Therese Neumann von Konnersreuth („das Resel“ genannt) behauptete auch, auf solche blutige Weise gesegnet zu sein, was ernstzunehmende Theologen natürlich als Betrug deuten.

Pater Pio jedenfalls ist, kritisch betrachtet, und warum sollte man ihn nicht wie andere Menschen kritisch betrachten?, insgesamt gesehen ein Scharlatan, das meinten kritische Theologen und sogar zeitweise die Päpste. Mit Karbolsäure habe er seine Wunden erzeugt und mit dem Nervengift Vertarin die Schmerzen betäubt. So der Historiker Sergio Luzzatto in seiner Studie.

Weil das religiöse, aber kritisch nicht interessierte Volk herausragende Elemente von Jesus Christus leibhaftig sehen will, eben Stigmatisierungen oder sonst, wie ständig üblich, Reliquien (etwa Teile der Vorhaut Jesu, Fetzen aus dem Kreuz etc.) machte Pater Pio mit seinen rot gefärbten, dem Eindruck nach verschorft – blutenden Händen eine große Karriere. Man bewunderte ihn, sah in ihm, dem Priester, der kaum predigen konnte, ein Gottesgeschenk. Und diese Wunderkraft wollte und will doch die Kirche nicht stoppen, die das Geld hoch und heilig verehrt.

Über diesen Glauben an einen aus vielerlei, auch ökonomischer, Interessen „gemachten“ Heiligen habe ich an anderer Stelle berichtet, auch darüber, dass Papst Johannes Paul II. ein großer Verehrer dieses mit roten Handflächen herumlaufenden Kapuziners war; auch Papst Franziskus ist ja bekanntlich ein großer Heiligenverehrer: Man denke daran, dass er als Jesuitenpater, seit einem Aufenthalt in Augsburg, ganz begeistert war von der Gestalt und dem „Gnadenbild“ der Jungfrau Maria als „Knotenlöserin“. Den Kult um „Maria Knotenlöserin“ verbreitete er dann als Erzbischof von Buenos Aires in ganz Argentinien. Viele politische, gewalttätige, ökonomische usw. Knoten Argentiniens hat Maria jedenfalls offenbar bisher himmlisch nicht lösen können. Macht aber nichts , Hauptsache die Frommen haben eine Art Zufluchtsobjekt, wo sie sich ihren Gott und die Heiligen zusammenbasteln können, je nach Laune und Bedürfnis.

Bin ich also in einer Theologie, die als rationales Nachdenken diesen Namen verdient, gegen die Wunder, gegen die Wundertäter, die Wunderorte, die Marienerscheinungen usw.?

Ich bin im allgemeinen gegen den Wunderkult, diese Pio – Verehrung, die Verehrung der Maria, die als solche (!) aus dem Himmel herab nach Fatima schwebte usw… Denn: Wunderglaube in diesem weiten, populären Sinn führt die Menschen in die seelische Entfremdung, ist also, wenn er ernst genommen wird, seelisch schädlich. Und was schädlich ist, sollte man bekanntlich nicht ständig praktizieren. Auch wenn der ganz Trubel und Rummel um die Heiligen und heiligen Orte (Aufbewahrung der einbalsamierten Leichen, wie bei Lenin und dann auch Stalin und Mao etc…) natürlich eine exotische Abwechslung (Opium manchmal) ist einem eher tristen Alltag. Diese Freude, etwas Besonderes, an heilig genannten Orten zu erleben, mit anderen über (angeblich mysteriöse) wunderbare Erscheinungen und Begebnisse esoterisch zu plaudern, ist doch etwas Nettes. Aber nicht alles, was unterhaltsam ist und Gesprächsstoff für Spekulationen bietet, ist auch hilfreich und fördert die Entwicklung eines reifen Menschen. Etwas anderes ist es natürlich, wenn man in einer Oper von Mozart Wunderbares sieht und hört: Dann ist dies eben ein bewusst als solches wahrgenommenes Märchen, über das man schmunzeln kann, aber das war es dann auch. Hingegen hinterlässt Pater Pio auf Dauer negative Spuren im eigenen Leben, fördert den Glauben ans Fegefeuer und andere Absonderlichkeiten (er sah ja selbst arme Seelen von dort in seinem Zimmer etc..).Mit dem Gott der Wundertäter kann man einen deal machen, insofern passt er in kapitalistische Zeiten.

Wenn der Katholizismus aufhören will, Absonderliches zu vertreten und damit gegen die seelische Reifung der Menschen zu arbeiten, dann sollte er zuerst mit diesen Heiligenkulten, auch mit dem Kult um diesen Herrn Pater Pio, aufhören. Zwecks „Reinigung der Gemüter“ sozusagen. Die Kirche kann ja nur an Ansehen gewinnen, wenn sie sagt: Jetzt ist Schluss mit diesen mit roter Farbe verschmierten Pio Händen. Wir lassen die Infantilität dieser Kulte hinter uns usw. Und tun Wichtigeres, zum Beispiel den Armen gerecht zu begegnen und die Menschenrechte zu pflegen….

Ich möchte aber gern eine philosophische, also allgemein menschliche Haltung beachten: Dies ist die Erfahrung des Erstaunlichen, und dieses ist die Erkenntnis: Dass überhaupt etwas ist und nicht viel mehr nichts. Dieses DASS der Welt ist das einzige, das uns immer „ohne Lösung“ zu denken gibt, Leibniz sprach davon, viele andere auch. Wenn man so will, ist dies das einzige „Wunder“. Und für Religionsphilosophen, die das innere Verbundensein von göttlicher schöpferischer Wirklichkeit und Welt (mit den Menschen und ihrer Seele) zusammen denken, gilt: Dann ist es vor allem erstaunlich, dass Göttliches, Absolutes, Ewiges, in der Welt und in der geistigen, vernünftigen Menschenerfahrung sich zeigt, etwa in der Ethik. Siehe Kant. Wir Menschen sind in etwas sehr elementares und „einfaches“ Erstaunliches hineingesetzt. Dieses „Wunder“ gilt es zu bedenken, von da aus ergeben sich Spuren ins Religiöse. Alles andere ist frommes Machwerk.

Wenn Göttliches in der Seele und im Geist der Menschen als „Funken“ (Meister Eckart) anwesend ist, dann ist dieses das einzige Wunder, das diesen Namen verdient! Auch die Gestalt Jesu von Nazareth lässt sich nur so verstehen: Er lebte in enger Verbindung mit dem alle Menschen auszeichnenden Göttlichen, darin ist die Kraft der „Auferstehung“ zu sehen.

Noch einmal: Wunder im populären Sinne, da und dort, bei diesem und jenem, bei Menschen mit rot verschmierten Händen („Wundmalen“), aber nicht bei allen, und auch nur ganz bestimmten ausgegrenzten Orten, gibt es eigentlich nicht. Wer diesen Wunderkult betreibt, hat finanzielle und politische Interessen (etwa im Falle von Fatima), will Religion pompös aufwerten, als Show gestalten, so, dass alle staunen. Das ist Machwerk, aber keine spirituell oder gar mystische Frömmigkeit.

Erneut zum theologischen Hintergrund:

Nichts hat religiöse Menschen so sehr von der eigenen menschlichen, d.h. immer auch selbstkritisch reflektierten Spiritualität entfernt und in die Entfremdung geführt wie der populäre Wunder – Kult und der Kult um Wundertäter und Wunder-Orte. Diese Formen des von religiösen Führern propagierten Wunderkultes sind im christlichen Raum besonders im Katholizismus verbreitet, aber auch in evangelikalen und charismatischen Kirchen und Gemeinschaften. In manchen Pfingstkirchen werden die Gemeindemitglieder ja schon misstrauisch angesehen, wenn sie nicht von ihren persönlichen täglichen Wundern ausführlich erzählen können, etwa so: „Tante Olga brachte mir plötzlich wunderbaren Apfelkuchen vorbei, den ich so dringend brauchte, was für ein Wunder…“

Wenn etwas Besonderes, Außergewöhnliches, offenbar nicht (so schnell) zu Erklärendes geschieht, kann man dies vernünftig – prosaisch Zufall nennen. Religiöse Menschen nennen den für sie selbst positiv erscheinenden Zufall „Wunder“. Irgendwo wollen sie die in der Lehre der Kirchen verbreitete These des begleitenden, hilfreichen Gottes für sich endlich mal selbst materiell erleben und sinnlich spüren. Gegen solche Deutungen „dieser mein Zufall ist mein Wunder“ kann man, von außen betrachtet, so lange nichts kritisieren, als diese dann wundergläubigen Menschen seelisch halbwegs stabil und reflektiert bleiben. Ist ein Lottogewinn Zufall oder Wunder?

Die Krise erleben diese frommen Menschen ja erst dann, wenn der Zufall für sie selbst nicht positiv zu deuten ist. In solchen Situationen, die oft in Verzweiflung und sogar in Unglaube führen können, fragen die Menschen: Wo ist denn Gott? Warum greift er nicht hier direkt für mich ein, warum also durchbricht Gott (der dann allmächtig genannt wird) nicht die Naturgesetze ausnahmsweise mal und dann zu meinen Gunsten? Und rettet mich? Was mit den anderen dann passiert, ist mir erst mal egal. Mein Gott soll mich aus allen möglichen irdischen Bedrängnissen retten. Egoismus wird sichtbar. Und ein sehr menschlicher Umgang mit dem alle Naturgesetze durchbrechenden Gott.

Innerhalb der Wunder-Diskussion ist besonders das Beten zu heiligen Wundertätern problematisch. Etwa so: Pater Pio soll mir helfen, soll im Himmel aktiv werden und Fürbitte leisten bei Gott, dass Gott sich höchst persönlich selbst durch die Fürsprache des so tollen heiligen Pater Pio für uns einsetzt. Das gleiche Denkmodell liegt etwa im Umgang mit der Jungfrau Maria vor: Sie möge doch als Himmelskönigin für uns wirken, also himmlisch irgendwie eingreifen. Was für ein verdinglichtes Gottesbild ist da eigentlich sichtbar? Gottvater mit Bart lässt sich in himmlischem Plausch von Pater Pio zu irgendwas Außergewöhnlichem bewegen…

Diese Gebete sind sozusagen Irreführungen: In allen Lebenssituationen sollte sich der Mensch sammeln und bedenken: Und nur darauf kommt es wohl an: Mein Leben ist wie das Leben aller anderen Menschen undurchschaubar. Mein Leben als solches ist ein Geheimnis. Und Geheimnis ist bekanntlich etwas anderes als ein immer irgendwie aufzulösendes Rätsel. Woher komme ich, warum bin ich da, wohin gehe, dies sind die einzige erstaunlichen wunderbaren Fragen. Darauf bezieht sich meditative Sammlung, darauf bezieht sich religiöser Kult in aller Stille.

Im Zentrum steht also: Ich vertraue auf einen bergenden letzten Sinn im Leben, in meinem Leben und dem Leben aller. Und mehr ist „religiös“ für den einzelnen Frommen gar nicht not – wendig. Diese Lebenspraxis ist schon schwer genug. Vielleicht anstrengender, als sich vor dem Leichnam Pater Pios erschüttert zu verneigen oder in Fatima oder wo auch immer ein paar Stufen auf den Knien hoch zu krauchen … und dann im „Heiligtum“ zehn Vater Unser zu beten, damit die Knieschmerzen wieder aufhören.

Hat das ein Reformator eigentlich einmal gesagt: Wunder sind Machwerke. Und diese Wundertäter inszenierte gut bezahlte Schauspieler…

Zusammenfassend mein natürlich offiziell unerwünschter Rat an die römischen Kirchenführer und die Leiter des Kapuzinerordens: Lasst Pater Pio endlich im Grab verschwinden. Vergesst ihn! Zerstört seine Bilder!  Zeigt Bilder von Oscar Romero, Helder Camara oder Martinuther King überall. Und vor allem: Entschuldigt euch bei den Menschen, dass ihr einen Scharlatan benutzt habt, um einen infantilen, eben autoritätshörigen Glauben zu fördern. Werdet endlich vernünftig, ihr Kleriker…   PS: Werden sie aber nicht.

Papst Franziskus wird trotzdem zum 50. Todestag des Scharlatans und Geldbringers Padre Pio nach San Giovanni Rotondo reisen. Er wird sagen, das weiss ich schon heute, am 31. 8.2018: „Padre Pio, welch ein großer Heiliger, welch ein Vorbild der Armut, auch der geistigen; er hat sich aufgeopfert, er hat die Wundmale Christi erduldet. Hat sie allen gezeigt und dabei Erfolg gehabt. Er hat die Beichte bei so vielen gehört, wer macht das schon? Predigen oder gar argumentieren konnte er nicht. Ist ja auch nicht so wichtig für einen Frommen!  Folgen wir ihm also nach. Ohne Opfer geht nichts zum Heil auf dieser Welt. Man muss überhaupt nicht klug sein, wie Padre Pio es ja war, um Gott zu fallen….“

Und all die Leute werden Beifall spenden. Und den modernen Papst Franziskus loben…..So ist das. Leider.

Wann gibt es wieder mal eine wirkliche Reformation?

 

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 

 

 

 

Die liberale Theologie führt die Kirchen aus dem Getto. Drei Fragen an Prof. Wilhelm Gräb, Berlin

Weiterdenken heißt unsere Interview – Reihe mit dem protestantischen Theologen Prof. Wilhelm Gräb, Berlin. Dieses Interview  ist die 34. Folge dieser viel beachteten Reihe.

Die Fragen stellte Christian Modehn

1.Das Reformationsgedenken, 10 Jahre hat es gedauert, ist nun zu Ende. Nach meinem Eindruck fehlte bei all den vielen hundert Themen, die im Zusammenhang des Reformationsgedenkens von offizieller kirchlicher Seite vorbereitet und dann abgehandelt wurden, die liberale Theologie. Sie selbst sind einer der wenigen führenden Theologen, die unentwegt theologisch denken unter der Perspektive liberaler Theologie. Liberale Theologie bedeutet ja große Weite im Denken und Respekt vor den religiösen Äußerungen auch der nicht kirchlichen Menschen, auch in der Kultur. Ich möchte provozierend fragen: Hätte das Reformationsgedenken die liberale Theologie thematisiert, wäre vielleicht die Idee einer Zweiten Reformation deutlich geworden?

Ja, die liberale Theologie bedeutet auch für mich eine große Weite im Nachdenken über die Religion als einer Angelegenheit des einzelnen Menschen. Liberale Theologie gehört nicht in eine bestimmte Epoche der Theologiegeschichte. Sie steht im Grunde auch nicht für eine theologische Richtung. Sehr viel eher sehe ich in ihr eine Haltung der Theologie und letztlich dem Leben gegenüber, von der ich denke, dass sie viele Menschen heute zu Freunden der Religion machen könnte.

In der Religion nicht mehr die Notwendigkeit einer Zustimmung zu Glaubenslehren und Lebensregeln zu erkennen, sondern die Ermutigung zu einer dem eigenen Ich wie dem Zusammenleben förderlichen Lebenshaltung bräuchte vermutlich tatsächlich so etwas wie eine zweite Reformation. Vielleicht ist diese neue Reformation aber auch längst in Gang.

Vor die Theologie rückt die liberale Theologie die Religion, oder besser, das menschliche Leben, das für religiöse Erfahrungen und religiöse Fragen offen ist: dort, wo wir uns der Grenzen bewusst werden, der Kontingenz unseres Daseins; dort, wo wir den Anspruch hören, den die anderen an uns machen; dort, wo wir merken, dass wir in unserem Planen und Tun, in unserem Wollen und unserer Kritik immer schon vom Sinn des Ganzen ausgehen, obwohl wir diesen doch nicht wissend vor uns bringen können.

Liberale Theologie nimmt von der so sich uns zeigenden Transzendenzoffenheit unseres Lebens ihren Ausgang. Sie setzt darauf, dass es ein menschliches Bedürfnis ist, sich zu dieser Transzendenz bewusst zu verhalten. Wir Menschen wollen, dass unser Leben gelingt, dass es gut mit ihm wird, wissen aber zugleich, dass wir dieses Gelingen, so sehr wir uns auch anstrengen mögen, doch nicht in der eigenen Hand haben. Wir leben von Voraussetzungen, die wir nicht gelegt haben, noch zu legen im Stande sind, wir geraten an Grenzen, die uns unüberwindlich bleiben, wir setzen auf den Sinn unsers Tun, ohne doch dessen Konsequenzen vollständig überschauen zu können. Sich zu Grund, Grenze und Sinn des Lebens bewusst zu verhalten, das bedeutet für liberale Theologie, Religion zu haben.

Aber sie nimmt gegenüber der so gelebten Religion keine belehrende, normierende oder fordernde Rolle ein. Sie will mit Menschen dann und dort, wo sich ihnen die Lebens- und Sinnfragen selbst stellen, ins Gespräch kommen. Nicht mit fertigen Antworten, denn sie weiß, dass es auf die Fragen der Religion keine fertigen Antworten gibt. Das macht sie ja zu religiösen Fragen. Liberale Theologie definiert die Religion so, dass sie sagt: wer Religion hat, lässt sich auf eben die Fragen ein, auf die es sie keine abschließenden Antworten gibt. Deshalb sind Menschen, die Sinn für die Religion haben und dann vielleicht auch für eine sich im Nachdenken über Religion vollziehende liberale Theologie, Menschen, die neugierig bleiben, die sich nie zufriedengeben mit dem Erreichten, aber doch auch voller Hoffnung, indem sie mit dem 1. Johannesbrief sagen: „Wir sind nun Gottes Kinder“ – und als solche in die in Gott gegründete Freiheit gestellt, „aber es ist noch nicht erschienen, was wir sein werden.“ (1.Joh 3,2)

Auch die Bibel, die kirchlichen Bekenntnisse und dogmatischen Lehrgebäude liefern keine fertigen Antworten. Liberale Theologie findet in den heiligen Texten aber immer wieder hilfreiche Hinweise zu einem uns förderlichen, ja, tröstlichen Umgang mit dem merkwürdigen Dasein, das wir selber sind, eben weil sie in eine bestimmte Haltung dem Leben gegenüber einweist.

Liberale Theologen sprechen von Demut, Gelassenheit und Dankbarkeit, wenn sie die Haltung dem Leben gegenüber, die Religion gewinnen lässt, beschreiben wollen. In der Sicht liberaler Theologie baut sich das Religiöse jedenfalls nicht aus der Zustimmung zu so genannten Glaubensinhalten auf, schon gar nicht zu biblischen oder kirchlichen Lehren. Das Religiöse tritt in jener Haltung dem Leben gegenüber hervor, die mir daraus erwächst, dass ich mich in eine größere, alles umgreifende, göttliche Wirklichkeit hineingestellt und von ihr getragen weiß. Um den Sinn für Religion zu wecken und zu fördern, versucht Liberale Theologie deshalb davon zu überzeugen, dass das Vertrauen auf einen göttlichen Sinngrund der Welt und des eigenen Daseins in ihr, eine entlastende Kraft hat und den Lebensmut auch noch auf brüchigem Lebensgelände zu erhalten vermag.

Wovon liberale Theologie ausgeht, ist, dass Menschen grundsätzlich leben wollen, und sie wollen, dass ihr Leben gelingt. Liberale Theologie tritt deshalb energisch für die Beseitigung von Lebensumständen ein, durch die Menschen daran gehindert werden, sich selbstbestimmt entfalten und ein Leben in Würde und Freiheit führen zu können. Die Menschenrechte und die in sie eingeschriebene Religionsfreiheit sind ihr Credo. Ihre Leitfrage ist nicht mehr die nach dem gnädigen Gott, sondern die nach echtem, befreitem Leben.

2.Warum haben eigentlich die meisten protestantischen und katholischen Kirchenführer in Deutschland Angst vor einer Anwendung liberal-theologischer Impulse?

Das liegt daran, dass die liberale Theologie nicht nur Demut und Dankbarkeit dem Leben gegenüber, sondern auch Freiheit und Kritik zu Haltungen erklärt, die die Religion fördert, und die es sogar ihr selbst gegenüber einzunehmen gilt. Die liberale Theologie vertritt die religiöse Autonomie jedes und jeder einzelnen. Sie hält dazu an, das Kriterium der subjektiv empfunden Lebensdienlichkeit gegenüber allen von außen und oben herangetragenen Ansprüchen auf Belehrung im rechten Glauben und Leben anzuwenden.

Diese souveräne Haltung der eigenen Religion gegenüber, so meinen viele Kirchenleitende, untergrabe die kirchliche Autorität und öffne der subjektiven Beliebigkeit Tor und Tür. Man muss der Gerechtigkeit halber aber auch sagen, dass sich in der pastoralen und seelsorgerlichen Praxis weithin diese Orientierung an der Subjektivität durchgesetzt hat. Absolute Geltungs- und Wahrheitsansprüche werden kaum noch erhoben. Dass etwas in der Bibel steht, gilt nicht per se schon als Argument. Religiöse Rede muss durch das Nadelöhr der jeweils eigenen Einsicht in ihre Wahrheit. Dann erst – und so verfährt heute jede verständnisvolle pastorale Praxis –, wenn die religiöse Rede subjektiv einleuchtet und sie mich in meiner Lebenssituation zu stärken, zu trösten, aber genauso auch zu kritischem Widerstand zu ermutigen vermag, sind wir bereit, sie für uns anzunehmen.

Auch wenn die pastorale Arbeit im Grunde sich längst auf das liberal-theologische Paradigma umgestellt hat, stimmt diese Weite und Offenheit in der pastoralen Praxis immer noch nicht mit dem öffentlich kommunizierten theologischen Selbstverständnis der Kirche zusammen. Dieses verlangt nach wie vor, von absoluten Vorgaben her zu denken, dem Wort Gottes, der biblischen Offenbarung, den Dogmen und Lehrgebäuden. Auch die dezidiert kirchlich arbeitende Theologie bezieht ihren kirchlichen Einfluss immer noch sehr stark aus ihren Anstrengungen, die Aufgabe der Auslegung und Anwendung der autoritativen kirchlichen Vorgaben wahrzunehmen.

Dass es in der seelsorgerlichen Praxis in erster Linie darauf ankommt, nicht Texte, auch nicht die heiligen Texte, sondern das Leben zu verstehen, das hat in die Selbstauffassung der Kirche zu wenig Eingang gefunden. Auch verunsichert eine solche Selbstbeschreibung immer noch und wird als Bedrohung der Identität und des Auftrags der Kirche gesehen.

3.Wenn die offiziellen Kirchen und Gemeinden in Deutschland – im Unterschied zu den Niederlanden – so viel Ausgrenzung liberal – theologischen Denkens betreiben: Müssten wir, das sage ich auch als liberal-theologischer Journalist, nicht viel stärker unabhängige Orte entwickeln für liberal – theologisches Arbeiten, mitten im kulturellen Geschehen, im Dialog mit sich säkular verstehenden Menschen? Mit anderen Worten: Führt das liberal – theologische Denken nicht auch von selbst über die etablierten Kirchenorganisationen hinaus zu einer neuen religiösen Weite? 

Auch da würde ich zunächst sagen, dass das ja längst auch geschieht. Die religiösen Themen werden überall in der Kultur verhandelt. Kultur ist ja das, womit wir dem Ausdruck geben, was uns bewegt und beschäftigt, was uns bedrängt, weil unsere eigene Identität daran hängt und womit wir doch nicht fertig werden – im persönlichen Leben, in der Gesellschaft, in der Politik. Das alles findet aber auch Eingang in das Engagement so vieler Menschen, sei es durch ihre Mitarbeit in NGOs oder auch durch die verantwortliche Ausübung ihrer beruflichen oder ehrenamtlichen Arbeit. Sie unternehmen dieses Engagement, weil sie ihren Vorstellungen vom guten Leben folgen. Sie gründen Initiativen oder schließen sich solchen an, in denen sie den Kampf für mehr Humanität und die Durchsetzung der Menschenrechten aufnehmen, – denken wir nur noch einmal an die „Willkommenskultur“ im Sommer und Herbst 2015.

Die Weite liberal-theologischen Denken zeigt sich gerade auch darin, dass wir, sofern wir ihm folgen, nicht meinen, wir müssten alle diese Initiativen und Aktivitäten im christlichen Geist der Freiheit und der Menschlichkeit in die Kirche zurückführen oder an sie anbinden. Eine starke Kirche liegt überhaupt nicht im liberal-theologischen Interesse. Ihm geht es am Ort des einzelnen Menschen um die Ermöglichung einer freien und selbstverantwortlichen, in dem allem aber auch gelassenen Einstellung zum Leben.

Copyright: Prof. Wilhelm Gräb und Religionsphilosophischer Salon Berlin

Sollen wir an der Idee des Fortschritts auch heute festhalten? Fragen an Prof. Wilhelm Gräb

Weiterdenken:

Die Fragen stellte Christian Modehn.

Der Begriff Fortschritt hat heute in Europa, aber nicht nur dort, keinen guten Klang. Zu deutlich werden etwa die Nachteile des industriellen „Fortschritts“ gesehen, z.B. bei Adorno und Horkheimer. Sehr berechtigt ist sicher die Kritik an der pauschalen Ablehnung der Vergangenheit in zweifelsfrei dummen Fortschrittssprüchen „Vorwärts immer, rückwärts nimmer…“. Aber ist die heute so offensichtliche Ablehnung „des“ Fortschritts nicht zu wenig differenziert? Sollte man nicht immer sagen, in welcher Hinsicht, Rücksicht, es doch auch heute noch Fortschritt gibt und geben sollte?

Die Kritik des Fortschritts lebt ja tatsächlich immer noch von den Motiven, die Adorno und Horkheimer in der „Dialektik der Aufklärung“ (1944) während ihres amerikanischen Exils und unter dem Eindruck der totalitären Herrschaft der Nazis gegen das allein auf den ökonomisch-militärischen Komplex gerichtete Fortschrittsdenken vorgebracht haben. Die Kritik des Fortschritts gilt seither, und das zurecht, einer oft rücksichtslosen, von Wissenschaft, Technik und kapitalistischer Ökonomie vorangetriebenen Naturbeherrschung, der alles, schließlich auch die arbeitenden Menschen, zu Mitteln für Zwecke wird, die selbst kein Gegenstand von Reflexion, Diskussion und Kritik mehr sind. Diese Fortschrittskritik ist nach wie vor berechtigt, als Kritik einer „instrumentellen Vernunft“, die sich dominant an technischen Neuerungen und ökonomischen Produktivitätsraten orientiert, aber die Fragen nach dem allgemeinen Wohl und die desaströsen Folgen des ungehemmten Ressourcenverbrauchs für die nachkommenden Generationen ausklammert.

Diese Kritik ist ja auch in Öffentlichkeit und Politik angekommen. Obwohl der Begriff des Fortschritts immer noch vor allem an ein „immer mehr“, „immer größer“ „immer besser“, „immer weiter“ denken lässt, hat in gesellschaftliche Debatten durchaus Eingang gefunden, dass es neben Wissenschaft, Technik und Ökonomie weitere wichtige Dimension des Lebens gibt, wo Fortschritte im Sinne von Verbesserungen durchaus wünschenswert sind und zurecht auch angestrebt werden.

Der Fortschritt in Wissenschaft, Technik und Ökonomie ist ja auch gar nicht aufzuhalten. Was wir daher brauchen, sind gesteigerte Aktivitäten und Reflexionen dort, wo es darum geht, was wir mit all den Fortschritten in Wissenschaft, Technik und Ökonomie anfangen, somit, wie wir eigentlich leben wollen.

Fortschritte der diskursiven und moralischen Vernunft braucht es. Für sie sollten wir uns engagieren, was viele ja auch tun, dort, wo die ökologische Nachhaltigkeit unseres Wirtschaftens zur Debatte steht, die Steigerung der Lebensqualität auch der bislang Marginalisierten, die weltweite Durchsetzung der Menschenrechte, die Achtung vor der unverletzlichen Würde jedes Menschen. Es ist schon einiges geschehen, denken wir an die gesetzliche Abschaffung der Sklaverei und die Ächtung der Folter. Aber es ist eben noch längst nicht genug geschehen und der Rassismus lebt wieder neu auf, auch in unserem Land.

Wir leben in einem Europa, in dem populistische Parteien die demokratischen Werte von Toleranz, Meinungsvielfalt, kritische Kultur in den Dreck ziehen, also Resultate der fortschrittlichen Aufklärungsphilosophie schlecht machen. Wie können die bei Vernunft gebliebenen Europäer diese Werte gegen die Reaktionären verteidigen?

Genau dadurch, dass wir einen Fortschritt reklamieren, wie ihn G.F.W. Hegel in kritischer Bezugnahme auf die Aufklärung und die Französische Revolution aufgefasst hat, dass nämlich jetzt der „Fortschritt im Bewusstsein der Freiheit“ alle unsere Anstrengungen verlangt. Es gilt die Errungenschaften einer liberalen demokratischen Kultur zu verteidigen, dafür einzutreten, dass Individualität und Pluralität respektiert werden, Fremde willkommen geheißen, Toleranz gegenüber anders Denkenden und anders Glaubenden praktiziert wird.

Die „Allgemeine Erklärung der Menschenrechte“ (1948) war die Reaktion der Weltgemeinschaft auf die Barbarei und die Gräueltaten der Nationalsozialisten. Ohne den „Fortschritt im Bewusstsein der Freiheit“, die Achtung der unverletzlichen Würde eines jeden Menschen und die Anerkennung des jedem und jeder zukommenden Rechts auf ein selbstbestimmtes Leben, wird unsere Gesellschafft die Offenheit, Integrationsfähigkeit und Veränderungsdynamik, die sie bislang auszeichnet und so lebenswert macht, nicht nur nicht steigern können, sondern zunehmend verlieren.

Die uns heute bedrängende und die medialen Debatten bestimmende Frage ist denn auch, gerade nach der Bundestagswahl am 24.9.2017, wie der tief sitzenden Fremdenangst begegnet werden kann. Auch da wird die Antwort in Richtung eines nötigen Fortschritts im Bewusstsein der Freiheit liegen. Aufgabe der Politik ist es, Fortschritte dort zu erzielen, wo es gilt, die strukturellen Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass Menschen sich nicht abgehängt fühlen, dass sich ihnen Chancen der Beteiligung an gesellschaftlichen Entscheidungen eröffnen und Chancengleichheit erreicht wird.

So jedenfalls meine Hoffnung: Wenn Menschen sich mit ihrem eigenen Leben und ihrer Lebensleistung anerkannt erfahren, verlieren sie die Angst vor den Fremden. Diese werden nicht mehr als unbotmäßige Eindringlinge, sondern als Bereicherung wahrgenommen.

Auch in den Kirchen gibt es und gab es in den letzten Jahrzehnten gewisse Fortschritte: Man denke an die Anerkennung antisemitischer Traditionen in der Theologiegeschichte; man denke an einige Reformen im römischen Katholizismus, wie die Anerkennung der Religionsfreiheit. Sie persönlich sind immer für weitere, auch dogmatische Reformen eingetreten: Welche Fortschritte in der Hinsicht wären Ihrer Meinung nach heute für die Kirchen dringend geboten?

Natürlich hängt es sehr von der jeweils eigenen religiösen und theologischen Position ab, ob bestimmte Entwicklungen als „Fortschritt“ oder als Irrweg angesehen werden. Ich selbst vertrete in der Tat die Auffassung, dass die entscheidenden Impulse zur Befreiung der Kirchen aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit dem Geist der philosophischen und theologischen Aufklärung entspringen. Die Anregungen dazu, den christlichen Wahrheitsabsolutismus aufzugeben, den Wahrheitsanspruch anderer Religionen anzuerkennen, die Menschenrechte zu achten, unabhängig von rassischen, ethnischen und religiösen Zugehörigkeiten, das alles verdankt sich Impulsen der Aufklärung.

Es gilt auch, die von Adorno / Horkheimer diagnostizierte „Dialektik der Aufklärung“ zu sehen. Aber die Konsequenz darf eben nicht sein, dabei ihre befreienden, auch die Kirchen fortschrittlich verändernden Effekte zu verkennen. Die Aufklärung leitete Prozesse der Umformung von Theologie und Kirche in Richtung der Anerkennung individueller Selbstbestimmungs- und Menschenrechte ein. Sie ermöglichte ein Verständnis des religiösen Glaubens, wonach dieser nicht die Anerkennung vorgegebener Satzwahrheiten (Dogmen) verlangt, sondern ein auf eigener Lebenserfahrung aufbauendes, vertrauensvolles Verhältnis zu Gott, dem Grund des Seins, bedeutet.

Das Verhältnis von Theologie, Religion und Politik ist allerdings kompliziert. Denn wie wir jetzt gerade wieder an Positionen in der katholischen Kirche sehen, es kann eine in der Flüchtlings- und Migrationsfrage sehr offene und vom Menschenrechtsdenken beeinflusste theologische Haltung mit einer schroffen Ablehnung des Selbstbestimmungsrechts in religiösen und ethischen Fragen – wie etwa der gleichgeschlechtlichen Partnerschaft – einhergehen. Es können unter Umständen ganz konservative, an alten Dogmen wie der Erbsündenlehre oder der Lehre vom stellvertretenden Opfertod Christi orientierte theologische Positionen dennoch mit einer Politik der Befreiung aus ökonomischer Unterdrückung und Ausbeutung korrelieren.

Ein Fortschritt in theologischer und religiöser Hinsicht liegt jedoch m.E. immer dann vor, wenn sich die Einsicht durchsetzt, dass ein souveräner Glauben möglich ist, der nicht autoritätshörig von anderen übernommen wird oder lediglich kirchlichem Gebot folgt. Dann verdankt er sich der Begegnung mit Menschen, die im Geist der Freiheit engagiert sind. „Christlich Glauben“ verlangt keine autoritätshörige Anerkennung von Satzwahrheiten und starren moralischen Gesetzen, sondern führt in die aktive Teilhabe an der von Jesus ausgehenden, der Erniedrigung des Menschen ein trotziges und mutiges Hoffnungsversprechen entgegensetzenden Befreiungsgeschichte.

Sie sind auch mit Studien über die Kirchen und Theologien in Afrika beschäftigt, etwa in Ghana. Dort erleben Sie einerseits, wie der ganze Müll und Dreck aus europäischer Computer – Technologie in Ghana miserabel entsorgt wird und wie die landesüblichen landwirtschaftlichen Strukturen dort durch europäische Importe (etwa von europäischem, meist aber minderwertigem (Hühner)Fleisch) zerstört werden. Wie können Sie sich erklären, dass so viele Menschen in Ghana doch immer noch so viel Interesse an einem doch letztlich europäisch geprägten Christentum haben?

Das ist eben nicht so! Das Christentum in Afrika ist längst nicht mehr von den europäischen Missionskirchen geprägt. Was die christlichen Kirchen in Afrika wachsen lässt und zur stärksten gesellschaftlichen Kraft macht, hängt eng damit zusammen, dass sich in den letzten 50 Jahren ein indigenes afrikanisches Christentum gebildet hat. Höchst lebendig sind zwar auch die traditionellen Missionskirchen, dies aber inzwischen vor allem deshalb, weil sie ebenfalls viel von der traditionellen afrikanischen Religionskultur und auch von den Pfingstkrichen übernommen haben.

Den pfingstlichen, charismatischen und Unabhängigen afrikanischen Kirchen (AICs) gelingt es jedoch noch viel besser, die christlichen Vorstellungen vom Heiligen Geist als unwahrscheinlicher Lebenskraft sowie das Vertrauen auf Jesus als geistbegabtem und über himmlische Kräfte verfügendem Heiler mit der die afrikanischen Kultur prägenden Weltansicht zu verbinden, in der böse und gute übernatürliche Mächte die erfahrbare Wirklichkeit durchdringen und miteinander ringen.

Mit unseren europäischen Augen mag uns vieles an dieser Religionskultur fremd erscheinen, vor allem dann, wenn wir uns von einer allzu verstandesmäßig und eindimensional verstanden Aufklärung (orientiert an der instrumentellen Vernunft) leiten lassen. Und es gibt auch nicht wenige Theologen, sowohl bei uns wie an afrikanischen Universitäten (wenn auch mit unterschiedlichen Wertungen auf den beiden Seiten), die diese afrikanische, von einem ganzheitlichen Menschen- und Weltbild geprägte, Spirituelles und Materielles verbindende Religionskultur in einem harten Gegensatz sehen zur europäischen, die historische Kritik der Bibel betreibenden und an die vernünftige Einsicht appellierenden Theologie. Gerne wird von afrikanischen Theologen ein direkter Zusammenhang behauptet zwischen dem die europäische Kultur dominierenden wissenschaftlich-technischen Rationalismus und den von Ihnen, mit ihrer Frage angedeuteten, nach wie vor verheerenden Folgen des europäischen Imperialismus und Kolonialismus.

Ein Zusammenhang ist da auch nur schwer zu bestreiten. Und dennoch gibt es interessante, bislang allerdings viel zu wenig diskutierte Gemeinsamkeiten zwischen einer aus der Aufklärung hervorgegangen rationalen, liberalen Theologie und den pentekostalen, charismatischen Kirchen, die in Afrika die meisten Menschen, und dabei besonders die Armen und Benachteiligten, erreichen. Diese Gemeinsamkeiten liegen nicht im theologischen Ausdruck des Glaubens, nicht auf der dogmatischen, lehrhaften Ebene und auch die moralischen Normen sind oft ziemlich rigide. Nimmt man nur die Satzwahrheiten, stößt man in der Tat auf harte Unterschiede.

Die Gemeinsamkeiten können wir hingegen sehen, wenn wir darauf achten, wie stark sowohl die rationale, liberale Theologie wie die pentekostalen, charismatischen Kirchen den Erfahrungsbezug des Glaubens betonen, damit die befreiende, zur Selbstbestimmung und vor allem Selbstentfaltung befähigende Kraft, die von ihm ausgeht. Gerade dann, wenn wir, belehrt durch die riskante Dialektik der Aufklärung, den jetzt notwendigen Fortschritt in der Ermächtigung zum Bewusstsein der Freiheit erkennen, in der Befähigung von Menschen, die Verbesserung ihrer sozialen und ökonomischen Lage selbst in die Hand zu nehmen, können die rationale, liberale Theologie und die pfingstlich-charismatische Bewegung durchaus zusammenfinden.

Unter dem Label einer „Befreiungstheologie“ hat man diese Zusammenhänge verschiedentlich auch zu erfassen unternommen, zumeist leider jedoch ohne die Religion der pfingstlichen und charismatischen Kirchen wirklich zu würdigen. Die „Befreiungstheologen“ grenzen sich in der Regel sowohl von der liberalen Theologie wie von den Pfingstkirchen ab. Die Pfingstkirchen bezichtigen sie, ein primär am ökonomischen Fortschritt interessiertes „Prosperity Gospel“ zu predigen. So verkennen sie, dass viele von ihnen eine ganzheitliches, auf ein erfülltes Leben ausgehendes Verständnis des Evangeliums (Human Florishing) propagieren und einen Fortschritt wollen, der auf die Förderung sowohl des spirituellem wie des materiellem Wohlergehens zielt. So treten sie, als Stimme der Armen, für mehr Chancengleichheit und Befähigungsgerechtigkeit ein.

In ihrer Kritik der rationalen, liberalen Theologie übersehen die „Befreiungstheologen“ gern deren Insistieren auf der erfahrungsbasierten und Lebensgewinn verschaffende Kraft des Glaubens, verkennen das transformative Potential, das der Religion im Unterschied zur Moral innewohnt.

Diese Antwort ist jetzt etwas allzu lang ausgefallen, aber das liegt daran, dass ich von meinen Feldforschungen bei den pfingstlichen und charismatischen Kirchen in Ghana noch ganz erfüllt bin. Vielleicht können wir diesem Thema bald mal noch ein weiteres Interview widmen.

Copyright: Prof. Wilhelm Gräb, Berlin

 

Sollten nicht alle Menschen zuerst Humanisten sein? Fragen zum Kirchentag 2017 an Prof. Wilhelm Gräb

Weiterdenken:  Prof. Wilhelm Gräb im Gespräch

Die Fragen stellte Christian Modehn

1. Wer das Programm des Kirchentages in Berlin (vom 24. bis 27.Mai 2017) liest, findet in der Liste „Programm im Überblick“ auf Seite 24 tatsächlich nur zwei Veranstaltungen zum „Dialog mit humanistischen Gemeinschaften“. Man glaubt zu träumen, wenn man bedenkt, dass in Berlin mindestens jeder zweite Einwohner sich konfessionslos nennt. Unter dem Oberbegriff „konfessionslos“ finden sich Menschen wieder, die aus der Kirche ausgetreten sind, Skeptiker, Atheisten oder organisierte Humanisten. Man kann also sagen, dass mindestens die Hälfte der Einwohner Berlins (und Ostdeutschlands sowieso) nicht ins direkte Gespräch des Kirchentages einbezogen ist. Warum haben offenbar die Kirchen und die meisten Theologen Angst, mit Atheisten und Humanisten ins Gespräch zu kommen, der als expliziter Dialog selbstverständlich immer wechselseitige Lernbereitschaft voraussetzt?

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„Ich selbst bin auch der andere“. Drei Fragen an Prof. Wilhelm Gräb

„Ich selbst bin auch der andere“

Ein Interview mit dem protestantischen Theologen Prof. Wilhelm Gräb, Berlin

Die Fragen stellte Christian Modehn

„Andere“ Menschen – als „die Fremden“ vor allem – werden heute in vielen Staaten und Gesellschaften als Bedrohung erlebt. Dies kann man durchaus als die tiefste geistige Krise der Gegenwart betrachten: Man möchte „die anderen“ ausgrenzen und vertreiben. Populismus, „mein Land zuerst“ und Rassismus sind der politische Ausdruck dieser Haltung. Sie hat gewiss auch ökonomische Ursachen. Wie aber lässt sich argumentativ zeigen, dass die Zurückweisung der anderen und Fremden unser eigenes Leben selbst beschädigt?

Im Sommer 2015 waren wir positiv überrascht, angesichts der verbreiteten „Willkommenskultur“ in Deutschland. Wir beide haben damals auch einige Gespräche geführt und in der Reihe „Weiterdenken“ publiziert. Dabei ging es uns vor allem um 2 Dinge. Zum einen, dass die große Bereitschaft zur Aufnahme der Flüchtlinge und Asylsuchenden ein Gebot der Menschlichkeit ist. Wir haben uns dessen versichert, dass in einer Weltlage, in der so viele Menschen vor Krieg, Hunger und Perspektivlosigkeit über die Balkanrute bzw. das Mittelmeer ins wohlhabende und politisch gefestigte Europa fliehen, es die Menschenrechte verlangen, Aufenthalts- und nach positivem Ausgang des Asylverfahrens auch Bleiberecht zu gewähren.

Inzwischen haben sich die positive Stimmung und die große Aufnahmebereitschaft vom Sommer 2015 verflüchtigt oder fast gar in ihr Gegenteil verkehrt. Die „Willkommenskultur“ wurde durch eine Politik der Abschottung ersetzt. Der zunächst vorherrschenden Aufnahmebereitschaft treten die Angst vor den Fremden, den ethnisch, kulturell und religiös anderen entgegen. Statt den Migranten mit offenen Händen und Herzen zu begegnen, greifen in vielen Ländern des „Westens“ Kulturrassismus, Xenophobie, Islamophobie und Homophobie um sich. Es scheint eine Wende auch im Innern sich zu vollziehen, ein erneuter Wertewandel, der von den liberalen Freiheitswerten einer offenen Gesellschaft wegführt.

Wie soll man sich das erklären? Plötzlich diese verbreitete Akzeptanz einer Rhetorik der Abgrenzung und Ausgrenzung, der Verunglimpfung von Minderheiten, der Missachtung anderer Ethnien, Religionen und Kulturen! Wie kommt es, dass dies alles auf einmal wieder so viel Zustimmung findet, in allen Schichten der Bevölkerung?

Soziologische Studien haben herausgefunden, dass es nicht stimmt, was zunächst vielfach behauptet wurde, dass die sozial Benachteiligten und Abgehängten den – beschönigend „Populisten“ genannten – Rechtsradikalen auf den Leim gehen. Fremdenhass und rassistische Vorurteile stoßen bis in die bürgerliche Mitte hinein auf Resonanz. Ich erlebe es im eigenen Bekanntenkreis. Der Kulturrassismus ist gewissermaßen hoffähig geworden. Selbst einige ansonsten durchaus seriöse Politiker, Journalisten und Intellektuelle suchen nicht nur Erklärungen für dieses Phänomen, sondern liebäugeln mit dessen Rechtfertigung.

Dabei müsste eigentlich allen klar sein, dass die Ausgrenzung der Fremden und erst Recht die pauschale Zurückweisung von Asylsuchenden einer eklatanten Verleugnung des aufgeklärten Menschenrechtsdenkens gleichkommt. Viele glaubten, auch ich, dass das Wissen um die ungeheuren Verbrechen, zu denen der antisemitische Rassismus geführt hat, ähnlichen Entwicklungen für immer Einhalt zu gebieten in der Lage sei. Schließlich ist die UN-Charta von 1948 mit ihrer Erklärung der Menschenrechte unter dem Eindruck der nationalsozialistischen Gräuel auf den Weg gebracht worden.

Doch offensichtlich ist das schon wieder zu lange her oder es ist die Rede von der „Einzigartigkeit“ dieses Verbrechens zu oft und unbedacht wiederholt worden, so dass eine gewisse Blindheit gegenüber ähnlichen Entwicklungen, die längst wieder weltweit in Gang sind, eintreten konnte. Dabei haben hierzulande die liberalen Freiheitswerte für die meisten, nicht nur für Minderheiten, enorme Steigerungen an Lebensqualität bewirkt. Aber vielleicht sind auch diese Werte, wie die freie Selbstentfaltung in politischer, ökonomischer, religiöser und sexueller Hinsicht, wie die Gleichheit aller vor dem Gesetz, inzwischen schlicht zu selbstverständlich geworden.

Die Kämpfe, die deren Durchsetzung verlangt haben, werden vergessen und die Schätzung des Gewinns, der darin liegt, dass Menschen nicht mehr wegen ihrer politischen, religiösen oder sexuellen Orientierung diskriminiert werden dürfen, geht verloren. Die Anstrengungen vor allem, deren es nach wie vor bedürfte, um diese Freiheits- und Gleichberechtigungsrechte zu bewahren und fortschreitend durchzusetzen, geraten aus dem Blick.

Stattdessen fordern viele jetzt wieder die Stärkung angeblich ererbter ethnischer, religiöser und kultureller Zugehörigkeitsgefühle, gilt ihnen die Nation wieder etwas, missbrauchen sie sogar das Christentum als kultureuropäischen Identitätsmarker. Damit befördern sie zugleich die Abgrenzung gegenüber den anderen, denen, die aufgrund ihrer kulturellen Herkunft, ihrer Religion, ihrer ethnischen Einweisung nicht dazugehören und nicht dazugehören sollen – es sei denn, sie „integrieren“ sich, sie passen sich an, sich lassen sich „uns“ gleich machen. Das Fremde jedenfalls, das andere gegenüber dem eigenen, es soll verschwinden, und wenn es sich schon nicht wieder vertreiben lässt, möglichst unsichtbar werden. Man hält es nicht aus mit ihm. Dann passiert auch noch ein Terroranschlag und es wird die Angst „vor allen diesen Flüchtlingen“ immer größer. Was aber verbirgt sich hinter dieser Angst? Vom Nationalismus sprach ich schon. Sicher spielt auch ein elementarer Egoismus eine Rolle, verbunden mit der Furcht, den eigenen Wohlstand zu verlieren und die Unfähigkeit, die Freude im Miteinander Teilen zu erleben. Diese Fragen der Ethik sind ein eigenes, dringendes Thema.

Wir möchten an die philosophische Erkenntnis erinnern, die Hannah Arendt formuliert hat: „Ich selbst bin auch der andere!“ Das heißt: Ich erlebe mich in der Reflexion selbst als den anderen, den Befremdlichen, der sich gegenüber seinem Jetzt-Zustand noch anders, besser, entwickeln sollte. Wo aber gibt es noch Raum für diesen inneren Dialog?

Vielleicht ist für diesen inneren Dialog und damit die Verständigung über die eigenen Gefühle deshalb so wenig Raum, weil uns die Freiheitsgewinne zu selbstverständlich geworden sind. Die universalistischen Werte, wie Freiheit, Gleichheit, Menschwürde, wir betrachten sie gewissermaßen als unseren fraglosen Besitz. Sie sind für uns weithin nicht mehr das, was es durch uns selbst zu erkämpfen und zu verteidigen gilt, zudem für die meisten Menschen auf dieser Erde noch längst nicht eingelöst ist. Vergessen scheint, dass es die Werte sind, die für alle Menschen gelten, unabhängig von Ethnie, Rasse, Religion, Sexualität und Gender. Übersehen wird, dass sie uns verpflichten, andauernd, den Anderen und Fremden gegenüber, den Migranten, Flüchtlingen und Asylsuchenden.

Sich selbst an der Stelle der anderen zu erkennen, den anderen als Teil von sich selbst zu sehen, diese Fähigkeit scheint uns in der Tat weithin verloren gegangen zu sein. Die Erinnerung an die verheerenden Folgen des rassistischen Antisemitismus ist verblasst, ebenso die an Flucht und Vertreibung, wie sie nach 1945 Millionen Deutscher zu Fremden im eigenen Land gemacht haben.

Bei meinem letzten Besuch in Südafrika, im Februar 2017, bin ich auf eine große, vom ANC und der von ihm getragenen Regierung beförderte, von Rundfunk und Fernsehen, dem Internet und den sozialen Medien betriebene Öffentlichkeitskampagne aufmerksam geworden. Unter Berufung auf die sog. UN-Durban-Declaration von 2002 hat die südafrikanische Regierung einen mehr als 60-seitigen „National Action Plan“ (2016-2022) aufgelegt, der dazu aufruft, Rassismus, die Xenophobie und die Diskriminierung von Minderheiten, energisch zu bekämpfen. (http://www.gov.za/sites/www.gov.za/files/NAP-Draft-2015-12-14.pdf)

Detailliert wird dargelegt, was in den Jahren bis 2022 in den Schulen, Universitäten und Kirchen, den NGOs und durch alle aktiven Kräfte der Zivilgesellschaft unternommen werden sollte, um dem in der Gesellschaft nach wie vor herrschenden Rassismus, dann aber auch dem zuletzt besonders gewalttätig gegenüber Migranten aus dem ärmeren Norden Afrikas ausbrechenden Fremdenhass entgegenzutreten.

Festgestellt wird, dass Rassismus, Xenophobie und die Diskriminierung von Minderheiten ein Problem aller Gesellschaften sei. Es sei jedoch, so heißt es weiter, nun eine ganz besondere Verpflichtung der jungen südafrikanischen Demokratie, für die Verteidigung der universalen Menschenrechte, die Anerkennung der unverletzlichen Würde und die rechtliche Gleichheit aller Menschen, unabhängig von rassischen, ethnischen, religiösen Zugehörigkeiten und sexuellen Orientierungen zu kämpfen.

Ungeheuer lebendig ist in Südafrika immer noch das Wissen um die kaum wieder gut zu machenden Schäden, die der Rassismus und die Angst vor dem kulturell und ethnisch anderen und Fremden in der Gesellschaft angerichtet haben, gipfelnd schließlich in der Politik der Apartheit. Fortdauernd sind die verheerende ökonomische Ungerechtigkeit und die ungleiche Verteilung der Bildungs- und Aufstiegschancen im Land. Dass eine von rassistischen Vorurteilen und der Angst vor dem anderen und Fremden gesteuerte Gesellschaft sich am Ende selbst zerstört, ist in Südafrika so sehr im öffentlichen Bewusstsein präsent, dass eine von der Regierung gestartete Initiative zur Bekämpfung des nach wie vor existierenden Rassismus und der zunehmenden Angst vor den Fremden, auf breite Zustimmung bei vielen Akteuren in den Kirchen und der Zivilgesellschaft stößt.

Die größte Südafrikanische Kirche, die der Methodisten, hat in ihrem theologischen Ausbildungsseminar in Pietermaritzburg gerade ein Forschungs- und Fortbildungsinstitut zur Bekämpfung von Rassismus, Xenophobie und sexueller Diskriminierung eingerichtet: Das „Khoza Mhojo Centre For Social Justice And Transformation“ (http://www.smms.ac.za/khoza-mgojo-centre/)

Nach den konfliktreichen kulturellen Debatten in Europa ist klar: Der aufgeklärte Mensch muss überhaupt keine Angst haben vor Gesprächen mit anderen, Fremden und Befremdlichen. Dialog und Geduld gehören dabei wohl zusammen. Grenzen der Gesprächsbereitschaft sollte man nicht zu schnell ziehen. Wann aber können sie, förmlich als letztes Mittel, hilfreich sein?

Angst vor dem Fremden ist völlig fehl am Platz, das ist klar. Denn die Wahrung und Verteidigung der eigenen kulturellen Identität westlicher Gesellschaften, die die universalistischen Werte von Freiheit, Gleichheit und Menschenwürde in sich aufgenommen haben, ist nur möglich, wenn eben diese Werte nicht verleugnet oder gar missachtet werden. Allerdings bringt die Behauptung dieser vom Menschenrechtsdenken bestimmten kulturellen Identität auch Verpflichtungen mit sich, für alle, die sich in die von ihm bestimmte Praxis der Anerkennung einbezogenen finden. Das Menschrechtsdenken und seine universalistischen Werte verpflichten auch die, die zunächst als die „Fremden“ begegnen. Ihnen gilt das „Willkommen“. Wir brauchen das Gespräch mit ihnen, ohne das keine Begegnung, kein Kennenlernen stattfinden können. Das führt immer auch zu Auseinandersetzungen und Streit. Nicht alles will uns verständlich oder gar akzeptabel erscheinen. Doch es gilt die Anerkennung der anderen gerade in ihrem Anderssein zu lernen.

Dabei darf die Gesprächsbereitschaft, wie ich meine, so schnell kein Ende finden. Doch es gibt Grenzen. Diese sehe ich erst dort, wo diese Gesprächsbereitschaft von den anderen verweigert wird. Denn dann haben wir es mit einer Haltung zu tun, die die Bedingungen untergräbt, unter denen Offenheit für andere und Fremde möglich wird, die Liberalität im Umgang sogar mit dem uns Unverständlichen gewahrt bleiben kann. Die Grenzen der Freiheit liegen dort, wo diese anfängt, ihre Realisationsbedingungen selbst zu zerstören.

Copyright: Prof. Wilhelm Gräb, Berlin und Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Ein anderer Kirchentag 2017. Interview mit dem Theologen Prof. Wilhelm Gräb

Die Fragen stellte Christian Modehn

Man muss kein Zukunftsforscher sein, erst recht kein Prophet, um zu sehen: Wenn der Kirchentag vom 24. bis 28. Mai 2017 in Berlin und Wittenberg stattfindet, wird es noch mehr irritierende politische Turbulenzen geben: Die Wahlen in Holland und Frankreich sowie die Landtagswahlen in Deutschland werden leider wohl starke rechts(extrem)lastige Ergebnisse zeigen. Und die Zustände in den USA unter Trump werden sich gewiss noch nicht gebessert haben. Diese Themen werden das Miteinander in der Demokratie auch hier weiter belasten. Und genau damit sollten sich die TeilnehmerInnen des Kirchentages befassen.  Also: Kann unter diesen aktuellen Umständen ein Kirchentag einfach so, wie vorgesehen, sein Programm „durchziehen“? Mit all den nun schon vertrauten eher üblichen Themen? Oder muss ein „Ruck“ durch den Kirchentag jetzt noch gehen? Sollte nicht das eine zentrale dringende Thema, nämlich die Verteidigung der Demokratie und des Friedens, das ganze Programm bestimmen?

Das Elend ist eben, dass man sich nicht mehr traut, vom protestantischen Prinzip zu reden, das durch die Reformation zur bestimmenden Kraft im Christentum geworden ist. Mit historischen Ausstellungen, finanziert von Auswärtigen Amt, wird die Reformation als historisches Ereignis, das keineswegs nur kirchliche, sondern enorme gesellschaftliche, politische und kulturelle Auswirkungen hatte, gefeiert. Wenn es um die theologische und kirchliche Gegenwartsbedeutung der Reformation geht, und erst recht, wenn es darum geht, zu sagen, wofür ein sich an der Reformation orientierendes Christentum in den atemberaubenden Konflikten und politischen Verwirrungen unserer Tage einzutreten hat, dann bleiben Theologie und Kirche jedoch merkwürdig stumm.

Man wiederholt formelhaft die Botschaft von der Rechtfertigung allein aus Gnade und dass die Kirche sich an Christus allein zu orientieren habe. Das erregt natürlich auch nirgendwo Widerspruch, auch in der Katholischen Kirche nicht. So begannen die höchsten Repräsentanten der Evangelischen und Katholischen Kirche in Deutschland das Reformationsjubiläumsjahr damit, dass sie gemeinsam eine Reise nach Jerusalem unternommen haben. So pilgert der Ratsvorsitzende Bedford-Strohm am 6. Februar 2017 mit einer Delegation der EKD nach Rom, um mit dem Papst zusammen das Reformationsfest als „Christusfest“ zu begehen.

Man ergeht sich in innerkirchlicher Selbstbeweihräucherung, indem man die Überwindung theologischer Gegensätze feiert, die schon längst niemand mehr versteht, geschweige denn interessiert. Die kirchlichen Würdenträger auf evangelischer wie katholischer Seite zelebrieren ökumenische Verbundenheit in dem irrigen Glauben, gemeinsam könnten sie im Kampf gegen die säkulare Welt besser bestehen. Die Evangelischen sind dabei so sehr von der Angst ihrer gesellschaftlichen Marginalisierung getrieben, dass sie sogar vor Unterwerfungsgesten der nach wie vor machtvoll auftretenden Katholischen Kirche nicht zurückschrecken. Sie fahren nach Rom, nachdem der Papst sich geweigert hatte, nach Wittenberg zu kommen. Wie soll angesichts so viel theologischer Selbstverleugnung der evangelischen Kirchenführer das protestantische Prinzip noch zur Geltung kommen können? Es wird auch auf dem Kirchentag dem innerkirchlich motivierten ökumenischen Einheitswahn zum Opfer fallen.

Natürlich wird man sich auf dem Wittenberger Kirchentag auch mit den gesellschaftlichen und politischen Konflikten und Herausforderungen der zerrissenen Weltgesellschaft beschäftigen. Es wird den ganzen Sommer über unzählige Foren in Berlin und Wittenberg auch zu Demokratie und Menschenrechten geben. Es werden der Trumpismus und die AFD wichtige Themen sein. Das steht alles außer Frage. Aber man wird nichts darüber hören, was das spezifisch Protestantische in der Stellungnahme ist, die angesichts der heutigen politischen und gesellschaftlichen Situation von Christen gefordert ist. Von einer protestantischen Identität will man um des lieben ökumenischen Friedens willen in den Leitungsgremien der EKD ebenso wenig etwas wissen wie unter den Cheforganisatoren des Evangelischen Kirchentages. Man übersieht dabei jedoch, dass es viele Menschen in der Evangelischen Kirche und vielleicht noch mehr in der Katholischen Kirche gibt, die sehnlichst darauf warten, dass das durch die Reformation ins Christentum eingeführte protestantische Prinzip sich in der Kirche wie dann erst recht in Politik und Gesellschaft heute erneut energisch Geltung verschafft.

Was es mit dem Protestantismus als Prinzip auf sich hat, hat als erster Paul Tillich in den 1920er Jahren ausgesprochen. Er meinte damit, dass die aus der Reformation des 16. Jahrhunderts hervorgegangene Kirchenreform sich gegen alle ideologische Überhöhung menschlicher und weltlicher Macht ins Göttliche gerichtet hat. Protestantisch ist der Protest gegen eine Arroganz der Macht, die sich auf höhere Rechtfertigungen beruft als die, auf Zeit und nach demokratischen Regeln vergeben worden zu sein. Absolute, göttliche Rechtfertigung steht nur Gott zu. Kein Mensch darf sich auf sie berufen, um damit am vernünftigen Diskurs vorbei seine Entscheidungen zu legitimieren. Das protestantische Prinzip ist der permanente Einspruch gegen die ideologische, sich auf höhere Gewalt berufende Rechtfertigung der Macht. Es lässt, wie Tillich sagte, Priester zu Laien, Sakramente zu bloßen Worten, Heiliges zu Profanem werden. Es begründet das Priestertum aller Gläubigen. Es ist, in seinem politischen Konsequenzen, das demokratische Prinzip, die theologische Begründung des Rechts auf vernunftgeleitete, diskursiv ausgehandelte Selbst- und Mitbestimmung.

Es ist schon so: das protestantische Prinzip verbindet sich eng mit der reformatorischen Einsicht in die Rechtfertigung allein aus Glauben, damit, dass diese in letzter Instanz Gottes und nicht des Menschen Sache ist. Aber es greift über das Kirchliche ins Politische und Gesellschaftliche hinein. Es beschreibt, was es heißt, in Politik und Gesellschaft aus der „Freiheit eines Christenmenschen“ zu leben. Aus der theologischen Lehre vom Priestertum aller Gläubigen folgen dann der demokratische Grundgedanke der Gleichheit aller Menschen vor dem Gesetz und ihr Recht auf Mitbestimmung in allen das Gemeinwesen bestimmenden Angelegenheiten.

Dieses protestantische Prinzip ist zu Zeiten der Reformation weder kirchlich noch staatlich verwirklicht worden. Anpassung an obrigkeitsstaatliches Denken und Demokratieverachtung waren in der ganzen Geschichte auch des Protestantismus ganz überwiegend seine mehrheitskirchlichen Kennzeichen.

Dennoch scheint mir dieses protestantische Prinzip, das jeden Menschen vor Gott gleichstellt, jedem Menschen einen unendlichen Wert zuspricht, die Arbeit für mehr Gerechtigkeit zur moralischen Pflicht zu machen und den Frieden zum Endzweck allen politischen Handelns zu erklären. Allein deshalb schon sollte es auch theologisch ins Zentrum des Reformationsgedenkens treten.

Dann müsste es auch auf dem Wittenberger Kirchentag darum gehen, theologisch Farbe zu bekennen und an der protestantischen Identität des Christentums zu arbeiten. Wir brauchen keinen ökumenischen Versöhnungsschleim. Die politischen, sozialen und ideologischen Gegensätze, die unsere Welt zerreißen, gehen auch durch die Kirchen. Wo diese meinen, ihnen enthoben zu sein, betreiben sie die ganz und gar unprotestantische Vergöttlichung und Immunisierung ihrer Macht.

Der Pluralismus ist auch im Christentum eine Realität. Und er kann auch etwas Gutes haben, nämlich, dass Christen sich darüber Klarheit verschaffen, wofür sie selbst stehen und einzustehen bereit sind, religiös und politisch. Und beides hat eben sehr viel miteinander zu tun.

Was nützt es auch angesichts unserer Welt, wenn die TeilnehmerInnen des Kirchentags noch einmal etwas mehr von der „Rechtfertigung aus Glauben allein“ erfahren? Was nützt, wenn sie abermals hören, wie nahe sich Protestanten und Katholiken schon (angeblich) gekommen sind? Wenn die Zivil- Gesellschaft und der demokratische Staat an so vielen Orten bedroht ist? Würde Luther heute nicht 95 Thesen zur Rettung der Menschenrechte veröffentlichen?

Ja, davon bin ich überzeugt, Luther würde heute seine Lehre von der Rechtfertigung allein aus Glauben als die Botschaft einer Rechtfertigung des Existenz- und Lebensrechtes eines jeden Menschen, allein deshalb, weil er ein Mensch ist, von den Kanzeln predigen! Er würde seine Überzeugung auf die Marktplätze bringen, in TV-Debatten verteidigen und über unzählige Tweets allen, die ihm folgen, weltweit bekannt machen.

Selbstverständlich wollte er auch, dass der zum Gedenken der Reformation in Wittenberg gefeierte Kirchentag sich nicht wieder in die Lehrstreitigkeiten des 16. Jahrhunderts hineinbegibt. Die innerkirchlichen Auseinandersetzung, aber auch die ökumenischen Verständigungsbemühungen hätten ihn vermutlich überhaupt nicht interessiert. Für ihn war die Wiederentdeckung des Evangeliums von einer über Leben und Tod, ewiges Heil oder ewige Verdammnis entscheidenden Wahrheit von alleiniger Bedeutung. Entsprechend entscheidet heute die Anerkennung oder Verleugnung der Menschenrechte täglich über Leben und Tod, offene Zukunft oder endgültiges Verderben von Tausenden von Menschen. Sie bleiben an den Grenzzäunen wie sie überall, auch in Europa, errichtet werden, hängen, ersaufen im Mittelmeer – oder aber sie finden Aufnahme in Ländern, die ihnen das Überleben sichern, oder, noch besser, sie erhalten durch den Aufbau einer gerechteren Welt- und Friedensordnung die Chance, zum wirtschaftlichen Aufbau ihrer eigenen Länder beizutragen.

Ein Kirchentag, der die Entdeckung des protestantischen Prinzips der Unmittelbarkeit eines jeden Menschen zu Gott und damit die unhintergehbare Bestätigung des unendlichen Wertes jedes Wesens, das Menschenantlitz trägt – unabhängig von dessen religiösen, politischen nationalen oder ethnischen Zugehörigkeiten – feiert und in seinen weltweiten politischen Konsequenzen diskutiert, wäre ein Kirchentag im Sinne Luthers.

Allerdings, keiner von uns hätte dabei die Chance, sich aufs hohe Ross eigener moralischer Rechtschaffenheit zu setzen. Wir sind auch da durch Luthers 95 Thesen gewarnt. Die erste seiner 95 Thesen lautete bekanntlich, dass unser ganzes Leben ein in der Buße, d.h. in kritischer Selbstbesinnung zu führendes Leben sei.

Wenn der Glaube also im Zusammenhang von Demokratie und Menschenrechten eine Rolle spielt: Welche Gestalt des Glaubens ist es dann? Vielleicht ein elementarer Glaube an die Gründung allen Lebens in einem Sinn? Mit anderen Worten: Sollte der protestantische Glaube heute nicht elementar einfach sein? Und wenig dogmatisch, dafür aber sinnstiftend?

Vom protestantischen Prinzip zu sprechen und nicht von einer „reformatorischen Theologie“ oder einem „reformatorischen Rechtfertigungsglauben“, zielt genau darauf, das Protestantische als eine bestimmte, sich von anderen unterscheidende, die protestantische Identität ausmachende Lebenshaltung und Sinneinstellung aufzufassen. Sie kann genauso gut in der katholischen Kirche lebendig sein und ist es unter katholischen Christen de facto auch. Ja, diese vom protestantischen Prinzip bestimmte Lebenshaltung ist an gar kein kirchliches Mitgliedschaftsverhältnis gebunden.

Das Protestantische als Lebenshaltung überschreitet das Kirchliche. Sie geht ins Gesellschaftliche und Politische, ist aber doch religiös grundiert. Sie kommt von einem religiös bestimmten Grundsinnvertrauen her. Das Protestantische ist eine Lebenshaltung, die sich darum bemüht, jeden Menschen in seinem unbedingten Lebensrecht anzuerkennen. Sie schöpft ihre Kraft aus der Gewissheit eigenen Getragen- und Gehaltenseins, eines Gottvertrauens, wie es freilich in den Erfahrungen des Lebens auch immer wieder brüchig werden kann.

Aber, um es noch einmal ins Theologische zu wenden. Das eben heißt Glauben: Glauben meint nicht das Für-wahr-halten von überlieferten Glaubensbekenntnissen und kirchlichen Dogmen. Glauben bedeutet, darauf sich zu verlassen, dass die eigene Existenz bedingungslos gerechtfertigt ist, von Gott gerechtfertigt ist, nicht durch eigene Leistungen und Machtbeweise behauptet werden muss. Anerkannt, akzeptiert bin ich, so wie ich bin. Mein Leben hat einen Sinn. Es ist für mich gesorgt!

Wer aus solchem Glauben lebt, wie kann der anders, als sich zu fragen, wie die Welt aussehen müsste, damit jeder Mensch aus solcher Sinnerfahrung leben kann.

Copyright: Prof. Wilhelm Gräb, Berlin.

„Am wichtigsten ist die Religion der Menschlichkeit“. Drei Fragen an Prof. Wilhelm Gräb

Die Fragen stellte Christian Modehn

Veröffentlicht am 24. April 2016

In Ihrem Interview im März 2016 mit dem Titel „Für die Grenzgänger“ haben Sie zum Schluss dafür plädiert, viel stärker in theologischen Debatten wie im Alltag des religiösen Lebens die „Religion der Menschlichkeit“ als allgemeine spirituelle Basis anzuerkennen.

Etliche LeserInnen haben darauf reagiert und wollen weitere Erläuterungen zu diesem Thema, das entscheidend ist für die Zukunft einer ständig Gewalt bereiten Menschheit wie auch angesichts der immer noch zerstrittenen christlichen Kirchen.

Die erste Frage ist: Kann denn unsere Beziehung zu den Menschenrechten, etwa in der „Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte“ (1948), tatsächlich einen spirituellen Charakter bekommen? Sind die Menschenrechte nicht auf die Anerkennung „bloß“ durch den Verstand begrenzt? Wie kann ich eine möglicherweise ganzheitliche „emotionale“ Beziehung, zu ihnen aufnehmen?

Das Schicksal anderer Menschen ist uns nicht gleichgültig. Wir empfinden Mitleid, wenn wir die Bilder vom Grenzzaun in Idomeni sehen. Das Leiden anderer Menschen rührt uns an. Es treibt uns über uns selbst hinaus, und wir wollen etwas dagegen tun. Historisch gesehen waren es die Gräueltaten durch das nationalsozialistische Deutschland, die die Generalversammlung der Vereinten Nationen am 10. Dezember 1948 die „Allgemeine Erklärung der Menschenrechte“ beschließen ließ. Darin heißt es: „Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren“ (Art. 1), sodann : „Jeder hat das Recht auf Leben, Freiheit und Sicherheit der Person“ (Art. 3) und dies „ohne irgendeinen Unterschied, etwa nach Rasse, Hautfarbe, Geschlecht, Sprache, Religion, politischer oder sonstiger Anschauung, nationaler oder sozialer Herkunft, Vermögen, Geburt oder sonstigem Stand“ (Art. 2) .

Das sind Aussagen, die, wie es in der Präambel heißt, ein „Ideal“ formulieren, auf dessen Anerkennung und Durchsetzung in der Gemeinschaft der Völker und Staaten hinzuarbeiten sei. So ist es nicht, noch nicht. Aber so soll es sein, ist damit gesagt. Es wird im Indikativ formuliert, der aber imperativisch gemeint ist. Lasst uns also, so die Aufforderung an die unterzeichnenden Staaten, als Vereinte Nationen auf nationaler und internationaler Ebene die rechtlichen Voraussetzungen dafür schaffen, dass solche Verhältnisse, in denen jeder Mensch sein Recht auf Leben, Freiheit und Sicherheit der Person, unabhängig von seinen nationalen, rassischen und religiösen Zugehörigkeiten garantiert bekommt, überall auf der Welt Wirklichkeit werden.

Höchst interessant bleibt dennoch die Beobachtung, dass die Erklärung der Menschenrechte in Art. 1 eine Aussage über die allen Menschen angeborene Würde und das ihnen damit gleichermaßen zukommende Recht auf Leben, Freiheit und Sicherheit macht. Das ist kein auf Erfahrungswissen gründender Satz. Es ist auch kein moralischer Imperativ. Er formuliert auch keineswegs nur, wie in der Präambel gesagt wird, ein Ideal, dem es nachzueifern gelte. Dieser Satz stellt vielmehr eine Behauptung auf über das, was der Mensch ist bzw. über das, was ihm allein aufgrund seines Menschseins an Würde und Rechten zukomme. Zu dieser Behauptung berechtigt keine Erfahrung, kein Wissen. Unser Verstand dürfte uns ihr daher kaum zustimmen lassen.

Deshalb bin ich der Meinung, dass es sich hier um einen Glaubenssatz handelt. Die Zuerkennung der Menschenwürde und der sich aus ihr ergebenden Menschenrechte lebt vom Glauben an die Menschlichkeit des Menschen, jedes einzelnen Menschen, unabhängig von seinen nationalen, rassischen und religiösen Zugehörigkeiten. Von daher legt es sich für mich dann auch nahe, in unserer Beziehung zu den Menschenrechten eine spirituelle Dimension mit einer stark emotionalen Verankerung zu erkennen.

Es war das Erschrecken über das Fürchterliche, das Menschen einander antun können, das zur „Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte“ geführt hat. Ihr Ziel war es, diejenigen unveräußerlichen Rechte festzuschreiben, auf die sich jeder Mensch, allein aufgrund seines Menschseins, sollten berufen können. Deshalb fordert die Präambel auch, sie in nationale und internationale Rechtsordnungen aufzunehmen. Aber in dem allem, das zu ihrer Durchsetzung und Einhaltung unabdingbar ist, gilt es zu sehen, dass sie auf einem emotional grundierten, humanitären Glauben an die Menschlichkeit jedes Menschen aufruhen.

Auf ein verstandesmäßiges Wissen um das, was der Mensch ist, können die Menschenrechte sich niemals gründen. Was wir vom Menschen wissen ist ja eben dies, dass er zu den schlimmsten Gräueltaten gegen seinesgleichen ebenso fähig ist, wie dass er sich anrühren lassen kann vom Leid anderer und ihnen zu helfen bereit ist. Nein, die Menschenrechte ziehen ihre politische Kraft allein aus dem Glauben an sie. Ich möchte diesen Glauben zunächst einen humanitären Glauben nennen. Dieser wird, wenn Menschen es mit ihm auf eine sie selbst in ihrem Handeln verpflichtende Weise ernst nehmen, zu einem moralischen Glauben. Er ist dann aber ebenso auch für eine religiöse Deutung offen. Auf sie stoßen wir, wenn wir die Frage zulassen, was uns dazu fähig macht, dass wir im anderen ein uns gleiches Wesen erkennen, wir uns mit ihm verbunden fühlen, in unserer elementaren Bedürftigkeit, im Angewiesen-Sein aufeinander, im Gefühl einer Zusammengehörigkeit, das über alle kulturellen Differenzen und politischen Gegensätze hinweg, ja, trotz Krieg und Terror, für uns doch die Welt im Innersten zusammenhält. Das Von-Woher dieses Gefühls ist für mich das Göttliche auf dem Grund jeder Menschenseele. Wo dieses Gefühl der Zusammengehörigkeit in der einen Menschheitsfamilie, von dem der humanitäre und moralische Glaube an die Menschenrechte lebt, sich Ausdruck verschafft, dort kann aus diesem Glauben auch ein religiöser Glaube werden.

Die zweite Frage: Wenn die Menschenrechte auch das christliche Bekenntnis gründen, wie Sie im März sagten, und wenn sie auch den Mittelpunkt der christlichen Lehre darstellen: Wie sollte denn mit den Menschenrechten in den Kirchen, etwa auch in Gottesdienst, Gemeinde und Predigt, (vorrangig) umgegangen werden?

Die Kirchen haben sich ja lange Zeit sehr schwer getan, die Menschenrechte anzuerkennen. Vielleicht lässt sich dieser Sachverhalt aber auch als Hinweis darauf verstehen, dass die den Menschenrechten zugehörende spirituelle Dimension zwar von ihnen erkannt wurde, allerdings dann die Befürchtung aufkam, es könnte der Glaube an die Menschlichkeit des Menschen an die Stelle des Glaubens an Gott treten. Inzwischen haben die Kirchen jedoch nicht nur in ein positives Verhältnis zu den Menschenrechten gefunden, sie reklamieren jetzt sogar, sie erfunden zu haben. Wurden sie von den christlichen Kirchen im Zusammenhang ihrer ersten Ausformulierungen, die im Zusammenhang der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung und der Französischen Revolution standen, als Ausdruck eines frevelhaften Aufstandes des sich autonom setzten Menschen abgelehnt, so werden sie heute schöpfungs- und rechtfertigungstheologisch begründet. Die Unverletzlichkeit der Menschenwürde und sein unveräußerliches Recht auf Leben, Freiheit und Sicherheit sind dann theologisch deshalb anzuerkennen, weil Gott den Menschen als sein Ebenbild geschaffen hat und sein unbedingter Liebeswille sogar noch dem Sünder gilt. Da ist keiner –sollten seine Untaten noch so zu Buche schlagen – dem die Anerkennung der Menschenwürde und der daraufhin auch ihm zukommenden Menschenrechte entzogen werden darf.

Die Reformulierung der christlichen Lehre auf der Basis und in der Aufnahme der Menschenrechte ist einer der erstaunlichsten Vorgänge in der neueren Religionsgeschichte. Darauf lässt sich heute aufbauen. Die Affirmation der Menschenrechte, wonach diese Rechte jedem Menschen unveräußerlich zugehören, gilt es offensiv als den heutigen Sinn des christlichen Schöpfungs-und Rechtfertigungsglaubens auszulegen. Dass jeder Menschen das Recht auf Leben, Freiheit und Sicherheit seiner Person hat, folgt für Christen daraus, dass sie an Gott den Schöpfer und an Jesus Christus, den Mensch gewordenen Gottessohn glauben, wie dann an den Heiligen Geist, in dem sie die Verbundenheit aller Menschen untereinander leben. Der Mensch gewordene Schöpfergott ist in der Welt nicht anders als im Geist der gegenseitigen Anerkennung der Menschen und ihres je eigenen Rechts auf Leben, Freiheit und Sicherheit gegenwärtig.

Die dritte Frage: Wenn die Menschenrechte tatsächlich eines Tages hoffentlich Geist und Seele der Menschen, auch der Politiker, prägen und bestimmen, fehlt dann nicht aber doch etwas? Fehlt die Wirklichkeit Gottes? Oder wäre gar der wahre Respekt der Menschenrechte schon eine Form des Gottes-Dienstes?

Der Glaube an den Menschen und seine unveräußerlichen Rechte ist wirklich ein Glaube, kein sachhaltiges, verstandesmäßiges Wissen. Ich habe ihn zunächst einen humanitären Glauben genannt, der seine Herkunft im Erschrecken darüber hat, was Menschen einander an Schrecklichem antun können. Dem setzt der humanitäre Glaube dort, wo er zu einem existentiell verbindlichen, moralischen Glauben wird, sein trotziges Dennoch entgegen und die mutige Hoffnung darauf, dass die Menschlichkeit im Umgang der Menschen miteinander sich schließlich durchsetzen wird. An diesem Moment des Kontrafaktischen des humanitären Glaubens tritt zugleich aber auch die spirituelle Dimension in unserer Beziehung zu den Menschenrechten hervor. Denn der Glaube an die Menschlichkeit des Menschen und die ihm unveräußerlich zukommenden Rechte schreibt jedem Menschen eine unbedingte Bedeutung zu. Jeder Mensch wird als einer geglaubt, der nie schon aufgeht in dem, was von ihm vorhanden ist, somit auch nicht in dem, was von ihm sichtbar wird, nicht in seinen Wohltaten und nicht in seinen Untaten, wie bewundernswert oder wie verabscheuungswürdig auch immer sie zu Buche schlagen mögen.

In jedem Menschen ist mehr, ist eine Transzendenz, etwas letztlich Unbegreifliches. Das eben bringt die christliche Rede dadurch zum Ausdruck, dass sie den Menschen ein Kind Gottes nennt, von Gott geschaffenen, in Sünde verstrickt, aber noch in seiner sündhaften Verkehrung von Gott unendlich geliebt. Jeder Mensch ist, in religiöser Sprache ausgedrückt, ein solcher, auf den Gott seine Hand gelegt hat. Unantastbar ist die Würde jedes Menschen für den, der an die Menschlichkeit (Gottes) glaubt. Unveräußerlich sind die Rechte jedes Menschen, sein Recht auf Leben, auf Freiheit, auf persönliche Sicherheit, für den, der seinen Glauben an die Menschlichkeit (Gottes) in der Liebe zu den Menschen lebt.

Copyright: Prof. Wilhelm Gräb, Humboldt Universität Berlin und Religionsphilosophischer Salon

Für die Grenzgänger: Drei Fragen an Prof. Wilhelm Gräb

Für die Grenzgänger.

Drei Fragen an Prof. Wilhelm Gräb

Die Fragen stellte Christian Modehn

Sinn und Berechtigung der Grenzen ist jetzt „das“ Thema politischer Debatten: Die Erfahrung geschlossener Grenzen in Europa wird nicht nur von den Flüchtlingen als massive Einschränkung der Menschenwürde erlebt. Ein grundsätzliches Verstehen der Grenzen kann nicht auf theologische Überlegungen verzichten. Der christliche Glaube spricht vom begrenzten, vom „endlichen“ Leben immer nur im Zusammenhang von der Überwindung dieser Begrenzungen. Gott selbst sprengt die enge Befangenheit; er schenkt die Weite, selbst die Überwindung der absoluten Grenze im Leben, dem Tod. Sind Christen also Grenzgänger im Sinne von „Grenzen-Überwinder“?

Der Sinn der Religion, so könnte man geradezu sagen, ist der, dass sie sich an Grenzen abarbeitet, an unüberwindlichen Grenzen allerdings, an denen, die uns aufgrund unserer Endlichkeit gesetzt sind. Unser Leben ist begrenzt und diese Grenzen sind uns unverfügbar. Wir werden geboren und wir müssen sterben. Beides liegt nicht in unserer Hand. Was wir aber können, das ist, dass wir den Sinn zu erkennen versuchen, der unserem Leben in den uns gesetzten Grenzen zukommt. Warum bin ich auf der Welt? Was soll das Ganze, wenn irgendwann doch alles aus und vorbei ist und das Leben genauso ohne mich weitergeht.

Der christliche Glaube kann, wie jede Religion, die Grenzen, die uns mit unsere Endlichkeit gesetzt sind, auch nicht überwinden. Aber er kann unserem endlichen Dasein eine unendliche Bedeutung geben. Das tut der christliche Glaube, wenn er sagt, dass jeder Mensch als Gottes geliebtes Geschöpf auf die Welt kommt und seine Bestimmung darin hat, für das Ganze der Schöpfung von unschätzbarem Wert zu sein.

So nimmt die Religion die größtmögliche Distanz zu unserem begrenzten Leben ein. Sie anerkennt die Grenzen, die uns gesetzt sind, aber sie lässt den Sinn, der unserem Leben gegeben ist, nicht in diesen Grenzen aufgehen. Sie lockt in das Vertrauen darauf, dass jeder Mensch, wo auch immer er auf die Welt gekommen ist, welcher Kultur und Religion auch immer sie zugehören mag, welche Chancen und Möglichkeiten auch immer ihr mitgegeben sind, ein unbedingtes Recht darauf hat, ein menschenwürdiges Leben führen zu können. Weil die Religion jedem Menschen in den gesetzten Grenzen seines endlichen Daseins eine unendlich Bedeutung gibt, deshalb, genau deshalb existieren für sie keine unüberwindlichen Grenzen zwischen Staaten, Kulturen und auch nicht zwischen Religionen.

Diese Religion der Menschlichkeit ist „in aller Menschen Herz nur Eine“ (Herder). Wer diese Religion hat, für den schreit das Elend der Flüchtlinge an den jetzt (auch mit deutscher Hilfe)geschlossenen Außengrenzen Europas nicht nur zum Himmel, sondern ins eigene Herz.

Finden diese religiösen Überlegungen eine Bestätigung in der je eigenen Erfahrung von Musik, Kunst, Literatur, Erotik, Solidarität? Erleben dort Menschen, wie sie ihr wahres Leben finden, also über ihr kleines Ich hinauswachsen in immer neue Weiten hinein? Ist Grenzüberschreitung also auch eine anthropologische Konstante?

Wir machen immer wieder solche Erfahrungen, in denen uns die unendliche Bedeutung des Lebens, das uns gegeben ist und an dem wir mit allen unseren Sinnen teilhaben, aufgeht. Das sind die Augenblicke, zu denen wir mit Goethes Faust sagen möchten: „verweile doch, du bist so schön“. Es sind die Augenblicke, in denen uns die Ewigkeit ins Herz gegeben ist. Dann weitet sich unser Sinn, dann haben wir das Gefühl, wir könnten, wie es ein Psalmbeter gesagt hat, mit unserem Gott auch „über Mauern springen“ (Psalm 18,30). Solche Aussichten ins Unendliche können sich uns eröffnen, wenn wir mit dem „Seestück“ Caspar David Friedrichs, den Wolkenbildern Gerhard Richters oder den Farbkollagen Marc Rothkos über die Grenzen unserer sinnlichen Wahrnehmung hinausgetrieben werden. Ebenso erleben wir durch die Musik, wie sich unsere Sinne weiten und die Ahnung von einem Sinn, der dem unendlichen Ganzen einer Welt, zu der wir mit unseren begrenzten, endlichen Dasein gehören und die uns bedeutungsvoll in sich einbezieht, in uns aufsteigt – nicht zu schweigen von der erotischen Verschmelzungserfahrung, in der wir leibhaftig die Grenzen unseres Ichs transzendieren.

Von einer anthropologischen Konstante würde ich im Blick auf unser Grenzverhalten deshalb sprechen, weil wir Menschen eben nicht nur endliche, begrenzte Wesen sind, sondern darum wissen und uns zu diesen Grenzen verhalten. Dieses Grenzverhalten, ja, Grenzgängertum, ist in Wahrhaftigkeit gelebte Religion.

Wenn die gegenwärtigen radikalen Grenzschließungen in Europa, dieses Sich-Abkapseln vor den Fremden, schlimme seelische Auswirkungen (Angst, Egoismus) auch in Europa selbst haben: Könnten die Kirchen andere Akzente setzen? Wie könnten sie die Menschen ermuntern, sich nicht angstvoll eingrenzen zu lassen? Ist die Abgrenzung der christlichen Konfessionen voneinander dabei auch noch ein starkes Hindernis, diesen Weg zu gehen?

Die Kirchen haben starke Akzente gesetzt – jedenfalls solange sie sich hier in Deutschland im Einklang mit der Politik Angela Merkels wissen konnten. Merkels Satz „wir schaffen das“ hat ja geradezu zivilreligiöse Bedeutung gewonnen. Der Kanzlerin „freundliches Gesicht“ und die nach Deutschland offenen Grenzen konnten ansatzweise so etwas wie ein neues deutsches Identitätsbewusstsein begründen – ähnlich wie das „Sommermärchen“ von 2006. Da konnten die Kirchen sich gut anschließen und verstärkend in diese Richtung wirken. Jetzt gilt es aber aufzupassen, dass dieses zivilreligiöse Legitimationsmuster einer menschenrechtsorientierten Politik der Flüchtlingsaufnahmebereitschaft nicht zur schlechten Ideologie wird, die über eine in Wirklichkeit inhumane Praxis der längst geschlossenen Grenzen nur noch hinwegtäuscht.

Jetzt müssen die Kirchen, auch unter Inkaufnahme der Gefahr, dass in den Gemeinden harte Kontroversen entstehen (denn unser Land und auch die Christen in ihm sind in dieser Frage gespalten), klar ihre Stimme erheben und kompromisslos für offene Grenzen eintreten. Im September letzten Jahres, als die deutsche Bundesregierung Busse nach Ungarn schickte, um die gestrandeten Flüchtlinge abzuholen, waren sich die beiden großen Kirchen in ihrer Unterstützung dieser Flüchtlingspolitik sichtbar einig. Der Einsatz vieler Gemeinden in beiden Kirchen war beeindruckend.

Wenn es gelänge, diesen Elan erneut an den Tag zu legen, dann könnte das auch die Ökumene beflügeln. Die Überwindung der getrennten Kirchen, ja, was meine Hoffnung ist, auch der getrennten Religionen, wird nicht durch theologische Diskurse und die Arbeit an Lehrkonsensen gelingen, sondern durch die Einsicht, dass die Religion der Menschlichkeit, die ihre Bekenntnisgrundlage in der „Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte“ (1948) hat, jedem Menschen sein Recht auf Leben und seinem Platz im Leben gibt. Aus dieser humanreligiösen Einsicht wächst die Kraft, die Grenzen zwischen Staaten, Kulturen und Religionen zu überwinden.

Copyright: Prof. Wilhelm Gräb und Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Weihnachten – ein Fest der Menschenrechte

Das Weihnachtsfest hat einen einzigen Vorschlag den Menschen zu machen: Es ist das Fest der Menschenrechte. Nicht der ständig beschworenen, mißbrauchten Rede, dem Geschwätz, von Menschenrechten; mißbraucht gerade auch durch Demokratien.

Weihnachten ist das Fest der Menschenrechte, weil Gott bzw. das Göttliche, bzw. das absolut Wertvolle und das Unzerstörbare, an das selbst „Atheisten“ glauben, also anders gesagt: das bleibend Heilige in jedem Menschen lebt. Nur in dieser Hinsicht kann man sagen: Der Mensch ist – auch – göttlich, d.h. er hat einen göttlichen Funken, wie Meister Eckart sagte. Diese Erkenntnis könnte heilsam, inspirierend sein für die Menschen, nicht nur für religiöse; aber diese Erkenntnis wird erstickt und banalisiert in dem kommerziellen Weihnachts-Trubel der totalen Besinnungslosigkeit.

Weitere Überlegungen finden Sie in dem Interview mit dem prot. Theologen Wilhelm Gräb von der Humboldt-Universität Berlin. zur Lektüre klicken Sie bitte hier.

Gott wird Mensch: Wird der Mensch Gott? Drei Fragen an Prof. Wilhelm Gräb

Drei Fragen zu Weihnachten 2015 an Professor Wilhelm Gräb:  Gott wird Mensch – Wird der Mensch Gott?

Die Fragen stellte Christian Modehn

Eine Deutung der Weihnachtsgeschichte heißt im Anschluss an das Johannes-Evangelium: „Gott wird Mensch in Jesus von Nazareth“. Wenn in dem Menschen Jesus aber Gott selbst lebt, dann betont das Johannes-Evangelium auch: Grundsätzlich lebt Gott in jedem Menschen, zum Beispiel „in jedem, der liebt“, wie der Autor sagt. Von dieser Deutung ist heute selten die Rede. Aber wäre sie nicht eine aktuelle Konsequenz der Weihnachtsgeschichte?

Für das Verständnis von Weihnachten wie überhaupt für die religiöse Gedankenwelt des Christentums ist die Auffassung von der Menschwerdung Gottes zentral. Die Theologie spricht zu Recht von einer vollständigen Revolutionierung des Gottesgedankens zu der es im Christentum gekommen ist. Sie besteht darin, dass Gott nicht mehr für eine alles beherrschende Macht steht, sondern für die subversive Kraft, die in den Schwachen mächtig ist.

Diese Revolutionierung des Gottesgedankens stellt die Symbolik des Weihnachtsfestes plastisch vor Augen: Das göttliche Kind, in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegend. Dieses schwache, der Liebe bedürftige wie auch Liebe erweckende Kind ist der Gott, in dessen Anblick die Engel vom Frieden auf Erden singen.

Es ist wichtig, diese Rede von der Menschwerdung Gottes in ihrem symbolischen Sinn zu verstehen, nicht sie wörtlich zu nehmen. Dann legt sie die Rede von der Geburt Gottes auf dem Grunde der eigenen Seele nahe. Wir begegnen ihr zudem in der Ermahnung des Dichters Angelus Silesius (1624-1667): „Wär Christus tausendmal in Bethlehem geboren und nicht in dir, du bliebest doch in alle Ewigkeit verloren.“

Dieses Wort des Mystikers nimmt dem Gedanken von der Menschwerdung Gottes das Äußerliche der Vorstellung. Es befreit von dem Missverständnis, als handele es sich dabei um eine historisches Geschehen, möglicherweise sogar datierbar als die Stunde null in der christlichen Zeitrechnung. Es geht an Weihnachten nicht um die Erinnerung an ein längst vergangenes Geschehen, sondern um dessen permanente Wiederholung – in jedem einzelnen Menschen.

Was wir an Weihnachten feiern, das ist der Einstieg in diese Verwandlung, die mit einem Menschen vorgeht, wenn er seiner Angewiesenheit auf Liebe und Zuwendung bewusst wird. Im Grunde unseres Daseins sind wir Menschen doch alle Empfangende, die, denen das Leben und alles, was sie zum Leben brauchen, geschenkt wurde. Letztlich ist es ganz und gar Gnade, leben zu dürfen, geliebt zu werden – und lieben zu können.

Im Grunde sind wir alle aus Gott geboren. Dann jedenfalls, sofern wir nur hoch genug von uns und der Bestimmung unseres Daseins denken. Wer einiger Selbstachtung fähig ist, wird sich schließlich nicht als ein peripheres Zufallsprodukt rein biologischer Evolutionsprozesse verstehen wollen.

So zeigt das göttliche Kind in der Krippe auf das, was mit uns allen vorgeht, wenn wir nur erkennen, wie sehr wir auf Liebe angewiesen sind und anderen, die darauf ebenso warten wie wir, Liebe geben können.

Wenn eine „göttliche Struktur“ in jedem Menschen angelegt ist, dann wird keine totale Gott-Mensch-Identität angedacht. Denn bei einer völligen Identität von Gott und Mensch würden beide als solche aufgelöst und verschwinden. Was könnte dann aber eine gewisse Vergöttlichung des Menschen als Menschen bedeuten? Könnte der absolute, der heilige Wert des Menschen gemeint sein?

Schauen wir auf das Kind in der Krippe, diesem Zeichen für die Menschwerdung Gottes, dann ist das Göttliche, das in jedem Menschen angelegt ist, gerade keine Struktur von Macht und Herrschaft. Dann ist „das Göttliche in uns allen“ vielmehr unsere Verletzlichkeit und Verwundbarkeit, unsere abgrundtiefe Bedürftigkeit, dass wir Nahrung, Kleidung, ein Zuhause, dass wir Liebe und Zuwendung brauchen.

Dann aber auch, dass jeder Mensch auf die Befriedigung dieser elementaren Bedürfnisse einen Anspruch hat. Und das unabhängig von seinen nationalen, kulturellen und religiösen Zugehörigkeiten. Jeder Mensch hat allein aufgrund seines Menschseins, dem diese göttliche Struktur des Angewiesenseins eingezeichnet ist, ein Recht auf die Inanspruchnahme der elementaren Menschenrechte.

Insofern könnte man auch sagen, Weihnachten ist als der Tag der Menschwerdung Gottes zugleich der Tag der Menschenrechte. Deshalb feiern wir Weihachten, weil Gott in jedem Wesen, das Menschenantlitz trägt, zur Welt kommt, alle Menschenkinder damit aber auch einen Anspruch auf Anerkennung ihrer unantastbaren Würde haben sowie auf Einhaltung der Rechte, die daraus folgen.

Können wir diese göttliche Dimension in einem jeden Menschen weiter konkretisieren und betonen: Darin ist eine Befähigung des Menschen ausgesagt, umfassend-friedlich zu leben. Der von Gottes Geist bewegte Mensch ist fähig, Gott als dem Friedensfürsten zu entsprechen. „Friedensfürst“ ist ja einer der Titel Gottes in der Weihnachtsgeschichte. Was bedeutet dieser „Titel“ Gottes gerade heute, praktisch und auch politisch?

Die weihnachtliche Revolutionierung des Gottesgedankens legt zugleich eine Basis dafür, dass Menschen zur friedlichen Lösung von Konflikten fähig sind. Denn sie verlangt, die Vorstellung aufzugeben, es käme es in erster Linie auf die an, die die Macht haben, es sei schließlich der Einsatz von Gewalt oder gar des Militärs eine Möglichkeit, Frieden zu schaffen. Wenn die göttliche Dimension im Menschen in seiner unendlichen Bedürftigkeit und seiner Angewiesenheit auf Liebe besteht, dann eröffnet sie ihm auch den Weg, den gehend er zum Frieden beitragen kann.

Das hat Konsequenzen, ganz konkret, aktuell auch in Gestalt des Protests gegen die Syrien-Politik Deutschlands und Europas. Es bedeutet, laut zu sagen, dass ein militärisches Eingreifen in Syrien der garantiert falsche Weg ist.

Ich wundere mich, dass die höchsten Repräsentanten der beiden großen Kirchen bislang zu diesem eklatanten politischen Fehlverhalten schweigen. Hoffentlich finden sie in ihren Weihnachtspredigten zu einem energisch mahnenden Wort. Wenn sie die Weihnachtsbotschaft von der Menschwerdung Gottes auch nur ansatzweise ernst nehmen, müssen sie es tun.

Copyright: Prof. Wilhelm Gräb und Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

 

Im Anblick der Flüchtlinge: Freundlichsein – wie Spiritualität lebendig ist. Drei Fragen an Prof. Wilhelm Gräb

WEITER DENKEN: Drei Fragen an Professor Wilhelm Gräb

Angesichts der Flüchtlinge: Freundlichsein – Wie Spiritualität ganz weltlich, ganz menschlich lebendig wird.

 Die Fragen stellte Christian Modehn, veröffentlicht wurde das Interview am 9.9.2015.

Es ist nicht zu hoch gegriffen: Deutschland erlebt wieder (wie 1989) eine historische Wende: Deutschland gilt jetzt als das beliebteste Land, wo Flüchtlinge Zuflucht suchen und hoffentlich auch Zuflucht und eine neue Heimat finden. Und dabei werden sie zunächst von so unglaublich vielen „normalen Bürgern“ auf fast unbeschreiblich freundliche und wohlwollende Weise willkommen geheißen, mit Geschenken, Lebensmitteln, ehrenamtlichen Diensten usw. Wobei man die prekären Unterbringungen und den bürokratischen Aufwand in der Anerkennung des Flüchtlings-„Status“ nicht verschweigen darf. Dennoch: Die meisten Menschen in Deutschland leben ihre Freundlichkeit und Großzügigkeit. Wenn Sie als Theologe diese Situation betrachten: Zeigt sich da eine praktisch gelebte „weltliche“ Spiritualität, die nun offensichtlich Teil unser Kultur ist?

Auch mich hat die Entscheidung der Bundeskanzlerin bewegt, ohne großes Wenn und Aber die in Budapest auf ihre Weiterreise hoffenden Flüchtlinge in Deutschland aufzunehmen; erst recht dann der freundliche Empfang der ihnen in Deutschland von so vielen ihnen wohlwollenden Menschen bereit wurde. Sowohl die Entscheidung der sonst kühl abwägenden Kanzlerin wie die spontane Hilfsbereitschaft der Menschen in München und an vielen anderen Orten der Republik gehen weit über das hinaus, was Moral und Recht zu gebieten bzw. zu bewirken im Stande sind. Natürlich, es ist moralisch geboten, Menschen, die aus ihrer Heimat wegen Terror und Krieg oder auch bitterer Armut und Perspektivlosigkeit fliehen mussten, zu helfen, wenn es nur irgendwie möglich ist. Schließlich steht die Geltung der Menschenrechte, die in unser Grundgesetz Eingang gefunden hat, mit jedem Flüchtling, der um sein Recht auf Leben kämpft, auf dem Prüfstand. Es bleibt daher weiterhin zu beklagen, dass unser Asylrecht seit den frühen 1990er Jahren immer mehr ausgehöhlt wurde. Es ist aber zweifellos auch eine riesige Herausforderung, die auf unser Land zukommt. Insbesondere die Verwaltung in den Ländern und Kommunen ist gefordert, wenn nun immer wieder neue Unterkünfte geschaffen und die Möglichkeiten einer schnelleren Integration in unsere Gesellschaft ausgebaut werden müssen. Wenn die Bundeskanzlerin dennoch meint sagen zu können, „Wir schaffen das!“, dann beruft sie sich dabei nicht nur auf die ökonomische Stärke unseres Landes und die eingespielten Routinen einer effizienten Bürokratie. Sie appelliert an das, wofür sie selbst mit ihrer unbürokratischen Entscheidung ein gutes Beispiel gegeben hat. Sie nimmt eine unsere Zivilgesellschaft öffnende Bewegung der Herzen in Anspruch, eine spirituelle Kraft, die Menschen über ihr moralisches Wollen und rechtliches Denken hinaus ergreift und zu einem liebevollen Handeln befähigt. Was wir in diesen Tagen erleben, hat, so kann man durchaus sagen, eine in religiöse Tiefendimensionen reichende Qualität.

Über das Moralische, Politische und Rechtliche hinaus, dieses zugleich grundierend und ermöglichend, bricht sich eine von Herzen kommende Menschlichkeit Bahn. Die Flüchtlinge, die plötzlich auch so genannt werden, werden von so vielen Menschen unseres Landes, ohne dass sie dazu aufgefordert oder darum gebeten worden wären, mit offenen Armen empfangen: Warum nur? Sicher auch, um ein deutliches Zeichen gegenüber denen zu setzen, die Brandbomben auf Asylheime werfen. Aber doch nicht allein deswegen. Die solidarischen Menschen handeln aus einem Gefühl der Verbundenheit mit den Menschen, die um ihr nacktes Leben kämpfen müssen.

Die spontane Hilfsbereitschaft resultiert keineswegs nur aus moralischen Verpflichtungsgefühlen, sondern aus einem Sich-Berühren-Lassen von der Not anderer. Und dieses Sich-Berühren-Lassen kommt aus dem Empfinden einer Zusammengehörigkeit in der einen Menschheitsfamilie, über alle nationalen, religiösen und kulturellen Grenzen hinweg. Aus dem Gefühl einer solch spirituellen, rational gar nicht genau erklärbaren Verbundenheit heraus, öffnen sich die Menschen, nehmen sie die Fremden bei sich auf, applaudieren sie einer Politik, die sich zu unbürokratischen Entscheidungen der Menschlichkeit durchringt – alle Bedenken, dass die eigenen Kräfte vielleicht doch überschätzt werden, zurückstellend.

Wie wir das auch 1989 beim Fall der Mauer erlebt konnten, gibt es offensichtlich immer wieder geschichtliche Situationen, in denen es zu kulturellen Transformationen kommt. Sie entstehen ohne politischen Steuerungswillen, schlicht dadurch, dass Menschen diese spirituelle Erfahrung machen, mit der sie über sich selbst hinaus gerissen werden. Plötzlich haben sie das Gefühl, dass sie Teil eines großen Ganzen sind, zugehörig zu einer Nation oder eben, wie das auf wunderbare Weise jetzt der Fall ist, zur einen großen Menschheitsfamilie, in der es auf jeden einzelnen ankommt, in der keiner einfach so verloren gegeben werden darf. Dieses Gefühl unbedingter, alle innerweltlichen Grenzen überwindenden Verbundenheit und Zugehörigkeit ist ein religiöses Gefühl. Mit ihm teilt sich uns mit, dass wir alle von Voraussetzungen leben, die wir in unser eigenes Tun und Denken nicht einzuholen im Stande sind. In letzter Hinsicht sind und bleiben wir alle abhängig von dem uns tragenden und ermöglichenden, göttlichen Seinsgrund, dem wir uns in unserem Tun und Denken, mit unserem ganzen Dasein, wer auch immer wir sind, verdanken.

Vielleicht ist der Hinweis auf diese tatsächlich gelebte humane Spiritualität so wichtig, wenn man an den bald erforderlichen „langen Atem“ der Hilfsbereitschaft denkt, wenn es also gilt, mit aller Kraft der Argumente und der Gesetze Widerstand zu leisten gegenüber Menschen, die in den „anderen“, den Flüchtlingen, nur eine Bedrohung sehen und gar nicht daran denken, dass in der Begegnung mit den Fremden auch der eigene Lebensentwurf positiv erweitert wird? Dass also eine neue europäische Kultur des Miteinanders entstehen kann.

Es kommt jetzt darauf an, da auch die Medien (von der SZ bis zu den Boulevardblättern) diese kulturelle Transformation hin zu einem Europa, das sich solidarisch macht mit denen, die an seinen Grenzen auf Einlass drängen, auch als eine solche Transformation zu kommunizieren. Es kommt darauf an deutlich zu machen, dass sich die Hilfe, die den Flüchtlingen zuteil wird, aus der spirituellen Erfahrung einer tiefen Verbundenheit mit ihnen in der einen Menschheitsfamilie speist. Diese Einsicht kann eine Kultur der Öffnung den Fremden gegenüber „krisenfest“ machen. Sie muss dann nicht sofort wieder kollabieren, wenn sich die Schwierigkeiten der Integration einer so großen Zahl von Neuankömmlingen in unserer Gesellschaft zeigen und in der rechten Szene weiterhin der Fremdenhass und die feindseligen Anschläge wüten. Es kann in unserem Land vielmehr die rationale Erkenntnis wachsen, dass wir Zuwanderung angesichts der demographischen Entwicklung in Deutschland sehr gut „gebrauchen“ können, wie eben auch dass die Begegnung mit fremden Kulturen und Religionen unser eigenes Leben enorm bereichert.

Wir wollen niemanden theologisch vereinnahmen und schon gar nicht jeden freundlichen, solidarischen Menschen zu einem Heiligen erklären. Dennoch könnte eine Erkenntnis aus dieser hoffentlich bleibenden bewegenden Freundlichkeit gewonnen werden: Wer in seiner Ethik auf diese Weise lebt, ist den Spuren der Transzendenz, des Göttlichen, nicht fern. Können Sie als Theologe auch der Erkenntnis von Immanuel Kant folgen, der alle religiösen Gefühle in dem guten, dem moralischen Leben gründete. Wie religiös erschiene dann aber die Welt der Menschen, sogar die angeblich entkirchlichte Gesellschaft Europas?

Es ist die spirituelle Erfahrung der Selbst-Transzendierung, also das Gefühl, auf verstehbare Weise in das große Ganze des Menschheitsuniversums einbezogen zu sein und in tiefer Verbundenheit mit allem Lebendigen zu stehen, aus der das moralisch gute Handeln seine Energie bezieht. Wir müssen deshalb die kulturelle Transformation, in der unsere Gesellschaft sich momentan neu erfindet, so deutlich machen, um auf diese säkulare Präsenz des Religiösen aufmerksam zu machen. Es gilt endlich damit aufzuhören, die Religion an Konfessionalität und Kirchlichkeit, an Religionszugehörigkeit und dogmatische Bekenntnisse zu binden. Das Gefühl tiefer Verbundenheit mit der einen, im göttlichen Daseinsgrund wurzelnden Menschheit fundiert jede Moral, die ihren Namen verdient. Aus diesem Gefühl speist sich auch die Bereitschaft, jedem Menschen eine unverletzliche Würde und das Recht auf ein Leben in Würde zuzuerkennen, somit auch das, was die moralische Basis der Menschenrechte ist. So bietet der kulturelle Wandel, den wir glücklicherweise gerade in unserem Land erleben, sogar die Chance, dass man – allen Szenarien der angeblichen Entchristlichung zum Trotz – zur Einsicht kommen kann, wie sehr sich das christliche Erbe Europas in Gestalt einer gelebten Religion der Menschenrechte fortschreitend verwirklicht.

Erwähnung verdient allerdings auch, dass viele Kirchengemeinden für diese kulturelle Transformation, die jetzt weitergeht und die Zivilgesellschaft ergriffen hat, eine Vorreiterrolle übernommen haben. Die gelebte Religion der Menschenrechte verwirklicht sich nicht an den Kirchen vorbei, sondern sie wird von diesen ganz entscheidend mitgetragen.

Copyright: Prof.Wilhelm Gräb, Berlin, und Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Keine Angst vor der Auswahl „heiliger Texte“. Drei Fragen an Prof. Wilhelm Gräb

Weiterdenken im August 2015: Drei Fragen von Christian Modehn an Prof. Wilhelm Gräb

Keine Angst vor der Auswahl „heiliger Texte“

Schon Martin Luther war überzeugt, dass es im Neues Testament Texte gibt, die Christus deutlicher „treiben“, also das Evangelium der Gnade, eines „geschenkten Lebens“, bezeugen, als andere Texte. Wenig bedeutend waren für Luther der Hebräerbrief und der Jakobusbrief. Von einer „Mitte“ des Glaubens ist auch die Rede in der lateinamerikanisch geprägten Befreiungstheologie mit ihrer Bevorzugung der Exoduserfahrung oder der prophetischen Kritik. Das sind nur zwei Hinweise dafür, dass spirituelle Menschen immer schon, von ihrer jeweiligen Lebenssituation ausgehend, sich eben auswählend gegenüber biblischen Texten verhalten. Ist diese Auswahl persönlich relevanter biblischer Texte für Sie theologisch gesehen ein Irrweg oder eine Normalität?

Es gelten für das Verhalten gegenüber biblischen Texten keine anderen Regeln als sonst auch. Wenn wir einen Text lesen, sei das ein Roman, eine wissenschaftliche Studie oder ein Zeitungsartikel, haben wir immer unsere eigene Brille auf. Es ist geradezu notwendig, dass ich das eigene Interesse, meine Fragen und mein Denken über die Sache, um die es in einem Text geht, mitbringe, wenn ich diesen verstehen will. Nur dann wird der Text sich mir öffnen, werde ich herausfinden, was er mir zu sagen hat.

Bei „heiligen“ Texten ist das genauso. Sie sind zu „heiligen“ Texten ja erst dadurch geworden, dass einzelne Menschen, dann eine religiöse Gemeinschaft, ihren Glauben, ja, sich selbst in ihnen gefunden haben. Die Bibel ist die Heilige Schrift der Christen durch den Gebrauch, der von ihr gemacht wurde und wird, in der Liturgie und Verkündigung der Kirche, in der häuslichen Andacht oder auch der persönlichen Gottsuche. Das religiöse Interesse, die Suche nach Gott, das Heilsverlangen, sie machen die Bibel zu Gottes Wort, dort, wo sie von Menschen als ein solches Wort gelesen, gehört und aufgenommen wird. Dann wird sie zu einem Wort, das Menschen gut tut, das sie tröstet in der Not, das ihrem Glück einen Ausdruck gibt, das für sie zur Segenzusage wird, das sie in ihrer Hoffnung bestärkt und ihnen hilft, mit Schicksalsschlägen und Leiderfahrungen besser zurecht zu kommen.

Nicht alle Texte der Bibel sind dazu zu jeder Zeit und in jeder Lebenslage gleichermaßen geeignet. Das hat man auch in der Theologie immer so gesehen – wie Sie das gerade an Luthers Urteil über bestimmte biblische Schriften gezeigt haben. Es waren für Luther nur diejenigen biblischen Texte Gottes heiliges Wort, in denen er die seine reformatorische Grundeinsicht tragende Botschaft von der göttlichen Rechtfertigung des Sünders erkennen konnte. Er suchte in der Bibel nach Heilsgewissheit, nach der verlässlichen Grundlage für ein unbedingtes Zutrauen zum (ewigen) Leben. Und dort, wo er diese Zusage fand, dort wurde ihm die Bibel zur Heiligen Schrift.

Dass spirituelle Menschen sich auswählend gegenüber biblischen Texten verhalten, ist in der Tat immer schon so gewesen und muss so auch sein. Damit sich die biblischen Texte dem spirituellen Interesse, der Suche nach Gott, der Sehnsucht nach Befreiung und ewigem Heil erschließen, müssen sie geradezu mit spirituellem Interesse gelesen werden. Sonst kommt es nicht zu einer spirituell lebendigen Begegnung ihnen.

Die moderne Bibelwissenschaft pflegt freilich längst noch einen ganz anderen Umgang mit der Bibel. Da wird sie zur historischen Quelle, um die Geschichte Israels oder der frühen Christenheit zu erforschen. Sie wird als ein historischer Quellentext in Gebrauch genommen und mit historischer Erkenntnisabsicht gelesen. Das religiöse Interesse, das danach fragt, was die biblischen Texte uns für unser Leben und unseren Glauben bedeuten, kann dabei ganz ausgeklammert bleiben. Mit Theologie bekommt diese historische Lesart biblischer Texte erst dann wieder zu tun, wenn die historische Dimension so weit ausgeleuchtet wird, dass die weitergehende Frage in den Blick kommt, warum wohl diese Texte als Altes und Neues Testament zur Heiligen Schrift der Christen bzw. als Tanach (der weitgehend dem AT entspricht) zur Heiligen Schrift der Juden geworden sind und bis heute im religiösen Gebrauch stehen.

Die Fragen, die im Christentum die Zuordnung oder gar Rangordnung von Altem und Neuem Testament betreffen – das Judentum hat dieses Problem nicht – sind theologische Fragen, bei denen ebenfalls persönlich spirituelle Interessen im Spiel sind. Auf sie müssen wir im Grunde immer zurück gehen, wenn wir verstehen wollen, warum die Bibel wichtig ist und weshalb es um sie Streit gibt.

Wenn die Bevorzugung bestimmter Texte als Quelle persönlicher Inspiration offenbar ein vernünftiges Verhalten ist und zum Kern eines „Glaubens aus freier Einsicht“ gehört: Wie können dann spirituell interessierte Christen mit schwierigen Texten aus dem Alten Testament umgehen, mit den Fluchpsalmen etwa oder mit den Texten, die uralte jüdische Gesetzgebungen in den Mittelpunkt stellen?

Mit dieser Frage, so würde ich zunächst sagen, tritt hervor, weshalb die historische Betrachtung und Erforschung der biblischen Texte auch spirituell interessant sein kann. Die historisch-kritische Textanalyse ermöglicht es, den Sitz im Leben solcher Texte, die uns als Texte der Bibel fremd und unzugänglich sind, zu rekonstruieren. Im Blick auf die Fluch-Psalmen oder auch andere Texte im Alten Testament, in denen Gott in seinem Zorn über die Bosheit der Menschen ganze Völker vernichtet, kann durch die Erforschung der Überlieferungsgeschichte dieser Texte gezeigt werden, dass sie sich auch als Klage und Protest und als Aufschrei gegen Erfahrung der Unterdrückung lesen lassen. Liest man die Fluch-Psalmen aus der Perspektive derer, über die die Geschichte gnadenlos hinweggegangen ist, die zu den Entrechteten und Namenlosen gehörten, dann kann man den Vernichtungswillen Gottes auch als Ausdruck der Hoffnung darauf lesen, dass Gott niemanden verloren gibt, er Recht und Gerechtigkeit wieder aufrichten wird. Dann kann auch in Gesetzes- und Rechtstexten ein Heilsversprechen erkannt werden. Freilich adressiert an die Ohnmächtigen, nicht an die, die die Herrschaft auf Erden ausüben, sondern an die, die unwiederbringlich verloren wären und für die es keine Erlösung gäbe, wenn nicht ein Gott ist, der letztendlich das Gute für alle Menschen will.

Es kommt bei allen biblischen Texten auf die Perspektive an, in der sie gelesen werden. Die Bibelwissenschaft ist dazu da und erfüllt so auch als historisch-kritisch arbeitende Wissenschaft einen spirituellen Zweck, wenn sie uns um andere Perspektiven und neue Lesarten bereichert. Sogar das zunächst Anstößige und Befremdliche in biblischen Texten wird dabei möglicherweise auf ein spirituelles Interesse hin durchsichtig. Fluch-Psalmen können, wie ich zu sagen versuchte, verstanden werden als Ausdruck des Aufstands der Erniedrigten und Gequälten gegen ihre Peiniger und Unterdrücker. Indem sie diese in Gottes Namen verfluchen, geben sie zugleich der unbändigen Hoffnung Ausdruck, dass Gott nicht auf der Seite der Mächtigen und Gewaltigen stehen möge, sondern er das Recht und die Gerechtigkeit endlich zur Durchsetzung bringen wird.

Befremdliche und anstößige Texte gibt es aber keineswegs nur im Alten Testament. Auch im Neuen Testament sind uns harte Jesus-Worte überliefert. Da sagt er, dass er nicht gekommen sei, Frieden zu bringen, sondern das Schwert (Matthäus 10, 34) oder er fordert diejenigen, die ihm nachfolgen, auf, ein für allemal Vater und Mutter zu verlassen Matthäus 19, 5) oder auch die Toten ihre Toten begraben zu lassen (Matthäus 8, 22). Dann wieder begegnen wir in der Offenbarung des Johannes schrecklichen Untergangsvisionen, und im Hebräerbrief muss viel Blut fließen, damit wenige gerettet werden.

Immer also kommt es auf die Perspektive an, auf die Situation, aus der heraus Menschen die Bibel lesen, um dort ihre religiösen Gefühle und Gedanken ausgedrückt oder auch eine Orientierung für ihr Handeln zu finden. Das ist nie ungefährlich, natürlich auch nicht der Umgang mit den Fluch- und Rache-Psalmen oder den harten Entscheidungsworten Jesu. Sie können ja auch dazu dienen, eigensüchtigen Rachegedanken und Gewaltphantasien freien Lauf zu lassen. Immer braucht deshalb der spirituell interessierte Umgang mit der Bibel selbst noch einmal ein ethisch-religiöses Kriterium.

Es läuft die Frage nach dem angemessenen Umgang mit „heiligen“ Texten, mit der Bibel, letztlich immer darauf hinaus, wie wir unser Leben verstehen, welche spirituellen Interessen wir verfolgen und was es aus uns macht, dass wir meinen, uns Christen nennen zu können. Letztlich ist es, gerade weil der persönlich-wählerische Umgang mit biblischen Texten sich gar nicht vermeiden lässt, nötig, ein Kriterium zu haben, das uns einen guten von einem schlechtem, einen akzeptablen vom einen inakzeptablen Umgang mit ihnen unterscheiden lässt.

Was ist heute das Wesentlich Christliche und dies so, dass wir dazu in freier Einsicht und mit begründeter Überzeugung stehen können? Ich meine, dass wir die Antwort auf diese Frage nicht in der Bibel finden, schon gar nicht, indem wir uns dabei vorrangig an das Neue Testament halten und das Alte Testament zurückstellen, auch nicht in einer theologische Grundsätze formulierenden und Verweisungszusammenhänge zwischen beiden Testamenten aufmachenden theologischen Dogmatik. Wir müssen nach einer für uns heute orientierungskräftigen religiösen Ethik Ausschau halten. Ich schlage eine Ethik vor, die sich im Wesentlichen an dem Gedanken der unverletzlichen Würde jedes Menschen und der universalen Geltung der Menschenrechte ausrichtet.

Dieser freie, durchaus subjektiv-wählerische Umgang mit religiösen Texten aus dem Neuen wie aus dem Alten Testament respektiert letztlich die Eigenständigkeit dieser literarisch so unterschiedlichen Bücher. Es gibt dann keine Unterordnung des Alten unter das Neue Testament mehr. Vielleicht wächst sogar der Respekt vor dem Alten Testament, wenn es nicht immer in christlich-arroganter Weise als Vorstufe zum Christentum und zur Kirche gelesen wird.

Alle diese Zuordnungen von Altem und Neuem Testament, um die sich die christliche Theologie seit ihren Anfängen immer wieder bemüht hat und die aktuell erneut zum Streit um die Gleichrangigkeit des Alten Testaments mit den Neuen geführt haben, entspringen einem dogmatisch-theologisch gesteuerten Ringen um die Identität des Christentum. Deshalb spielt dabei die Bestimmung des Verhältnisses zum Judentum eine wichtige Rolle. Das ist durchaus verständlich.

Dennoch muss man sich darüber im Klaren sein, dass es sich um ein Problem speziell des Christentums und keinesfalls des Judentums handelt, um eine innerchristliche Debatte gewissermaßen, aber mit interreligösen und interkulturellen Weiterungen. Diese müssten von der Theologie sehr viel energischer angegangen werden als dies bislang geschieht. Biblisch-theologische Konstruktionen oder dogmatische Aufstellungen zur Zu- oder Unterordnung der beiden Testamente helfen überhaupt nicht weiter, da sie selbst immer schon Ausdruck einer bestimmten spirituell-religiösen Position sind, dabei entweder auf die Abgrenzung des Christentums vom Judentum oder, was heute auch gar nicht selten ist, auf die Integration des Christentums ins Judentum abzielen.

Wir sollten den Tatbestand, dass sich die frühe Christenheit dafür entschieden hat, die neutestamentlichen Texte dem Alten Testament hinzuzufügen und aus beidem zusammen die christliche Bibel zu machen, wertschätzend anerkennen. Des Weiteren käme es darauf an, alle biblischen Texte, unabhängig davon, ob sie dem Alten oder dem Neuen Testament zugehören (fremd sind uns diese Texte im Grunde alle), dem spirituellen Selbstdeutungsinteresse der Menschen überlassen. Schließlich wäre dieser offene Umgang mit der Bibel dadurch vor Beliebigkeit oder auch gefährlichem Missbrauch zu schützen, dass wir ihn in ein Gespräch über die Lebensdienlichkeit der religiösen Orientierungen, die wir in der Bibel gewinnen oder die wir uns als die unsrigen zuschreiben, hineinziehen.

Dieses Gespräch wird eine interreligiöses und interkulturelles sein und von jedem Überlegenheitsgefühl, die eigene Religion betreffend, frei bleiben müssen.

Copyright: Prof. Wilhelm Gräb und Religionsphilosophischer Salon Berlin

Vom Recht und von der Pflicht zum Widerstand. Drei Fragen an Prof. Wilhelm Gräb

Weiterdenken: Vom Recht und von der Pflicht zum Widerstand

Ein Interview mit Prof. Wilhelm Gräb, Humboldt Universität Berlin.

Die Fragen stellte Christian Modehn

In den Kinos läuft jetzt der „Georg Elser-Film“. Der Regisseur Oliver Hirschbiegel zeigt sehr dicht am tatsächlichen Leben jenen Mann, der sehr früh die Verbrechen des Nationalsozialismus erkannte und mit seinem klug inszenierten Attentat auf Hitler am 8. November 1939 leider dann doch scheiterte.

Nun ist sicher nicht jeder zum Tyrannenmörder berufen. Aber anlässlich des zweifellos großartigen Films könnte sich doch jeder fragen: Gehört zum geistvollen Leben eines jeden Menschen nicht immer auch der Widerstand? Das Nein, um die Menschenrechte in dieser Welt zu schützen und durchzusetzen?

Was an Georg Elser besonders beeindruckt: Er hat als Einzelner gehandelt. Gewiss, er sympathisierte mit der Kommunistischen Partei. Er ging, obwohl Protestant, in München in die katholische Messe. Da waren politische und auch religiöse Prägungen. Dann zeigt der Film aber, wie da ein Mensch nicht nur sieht, was alle sehen konnten: Die Kriegsvorbereitungen, die Verfolgung der Juden, die Hetze gegen die Kommunisten, sondern den Entschluss fasst, zu handeln. Es stand keine Organisation hinter ihm, schon gar keine der Kriegsgegner, obwohl das die Nazis sofort behauptet haben. Er hat aus eigener Einsicht gehandelt, getragen, so könnte ich auch sagen, von einem souveränen Glauben, vom Vertrauen in die Rechtfertigung seines zugleich Schuld auf sich ladenden Handelns. Er hat das durch Hitler und seine Gangster-Bande vor aller Augen verübte Unrecht erkannt und sich deshalb zum Attentat entschlossen, wäre dieses gelungen, es hätte möglicherweise der Holocaust so nicht stattgefunden und der Krieg wäre früher zu Ende gewesen.

Wir wissen das nicht. Aber Menschen wie Georg Elsner oder Dietrich Bonhoeffer zeigen unmissverständlich, dass verantwortliches Handeln aus eigener Einsicht in seine Notwendigkeit möglich ist, wobei wir von Bonhoeffer genau wissen, wie sehr er auch theologisch um die Rechtfertigung, ja, um das göttliche Gebot seines Tuns gerungen hat.

Im November 1939 wusste längst jeder in Deutschland, was mit den Juden geschieht und der verbrecherische Krieg hatte bereits begonnen. Doch zum Widerstand waren nur wenige bereit. Warum? Ich denke, nicht nur deshalb, weil es Mut dazu brauchte, sondern auch, weil es an der Bereitschaft und der Entschlossenheit fehlte, aus eigener Einsicht in das, was Recht ist, zu handeln – und auf die Kraft des Glaubens zu vertrauen.

Ob solche Bereitschaft und Entschlossenheit zu handeln in den politischen, gar gewaltbereiten Widerstand führen muss, ist allerdings eine sehr schwierige Frage. Denn das Widerstandrecht setzt die Aufhebung demokratischer Verfassungszustände voraus. In demokratischen, rechtsstaatlichen Verhältnissen, wie wir sie heute haben, ist die Religion zwar zur öffentlichen Stellungnahme und zur Einmischung in die gesellschaftlichen Belange berechtigt, ja, ich würde sogar sagen, verpflichtet. Es kommt ihr aber nicht zu, die demokratischen Prozesse der Willensbildung, Gesetzgebung und Machtausübung zu umgehen, gar den Einsatz von Gewalt auch nur zu erwägen. In Diktaturen, die das Recht mit Füßen treten und das Leben von Menschen fordern, ist das völlig anders.

Dennoch, auch in demokratischen Verhältnissen geschieht immer wieder so viel Unrecht, das unseren Widerstand herausfordert. Denken wir nur an unser viel zu restriktives Asylrecht, an die vielen Flüchtlinge, die dennoch in unser Land kommen und dann auch hier bei uns wieder um ihr Leben fürchten müssen.

Wir haben uns dieser Tage an die Ermordung des evangelischen Theologen und Widerstandskämpfers Dietrich Bonhoeffer vor 70 Jahren erinnert. Haben religiöse Menschen, zumal in den christlichen Traditionen, nicht eigentlich eine besondere Sensibilität für politische und soziale Missstände? Ist die Verteidigung der Menschenrechte für sie genauso wichtig wie das Nachsprechen der uralten Glaubensbekenntnisse?

Die Religion hat viele Gesichter. Das war auch zu Bonhoeffers Zeiten so, als die Mehrheit der Protestanten „Deutsche Christen“ waren und aus deutschnationaler Gesinnung Hitler folgten. Bonhoeffer gehörte zur Bekennenden Kirche. Auch die Zugehörigkeit zur Bekennenden Kirche bedeutete jedoch keineswegs die Bereitschaft zum oder gar die Teilnahme am politischen Widerstand. Vielen in der Bekennenden Kirche ging es lediglich um die Wahrung kirchlicher Selbständigkeitsinteressen. Bonhoeffer war anders. Er schloss sich dem politischen Widerstand an, was ihn dann auch zur Mitbeteiligung an dem Attentat auf Hitler führte.

Es war für ihn durchaus schwierig, diese Entscheidung ethisch zu verantworten. Aber er hat sie getroffen, weil er sich, auch eigene Schuld auf sich ladend, um des allgemeinen Wohls und der Rettung unschuldigen Lebens willen, dazu herausgefordert sah. Sein Widerstand war ihm in einem göttlichen Auftrag begründet. Aber er meinte eben deshalb, die Situation, in der es Widerstand bis hin zum Attentat auf Hitler zu leisten galt, als eine Ausnahmesituation auffassen zu müssen. Dass es eine Ausnahmesituation war, ist für uns heute klar. In der Situation selbst war das keineswegs eindeutig, sondern verlangte ein waches, kritisches politisches Bewusstsein. Ein solches Bewußtsein, das können wir Heutigen immer noch von Bonhoeffer lernen, gehört zur Religion dazu, wenn diese zu einem kritischen, prophetischen Handeln befähigen soll.

In Bonhoeffers Augen fehlte es den Kirchen an politischer Wachsamkeit und öffentlich-gesellschaftlicher Mitverantwortung. Auf die bürgerliche Behäbigkeit der Kirchen zielte ja auch die Religionskritik, die er in seinem Briefen aus dem Gefängnis vorgetragen hat. Seine Religionskritik war Kritik an einer selbstgenügsamen Kirche, die im Wesentlichen mit sich selbst beschäftigt ist, sich um das Seelenheil zu kümmern vorgibt, während sie die zum Himmel schreienden Missstände in Politik und Gesellschaft übersieht, ihre Stimme nicht erhebt, obwohl die Würde von Menschen missachtet und die Menschenrechte mit Füßen getreten werden..

Mit seinem prophetischen Auftreten ist Bonhoeffer bis heute ein positives Beispiel – auch wenn unser Widerstand gegen eine falsche Politik, sofern wir uns zu diesem aus eigener, freie Einsicht herausgefordert sehen, „durch die Institutionen hindurchgehen“ muss. In einem demokratischen Rechtsstaat ist der politische Widerstand gegen üble Zustände, selbst wenn er sich auf Gottes Willen berufen kann, auf die Schaffung von Mehrheiten und den argumentativ erzeugten Konsens angewiesen.

Offenbar muss die „schweigende Mehrheit“ lernen: Widerstand zu leisten, Nein sagen zum Unrecht, ist eine positive, durchaus auch eine vitale Kraft im Leben. Erschließt sich der Sinn des Lebens und meines Lebens vielleicht erst im Nein? Im Widerstand gegen das Unrecht?

Der Sinn des Lebens erschließt sich mir, wenn ich ganz bei einer Sache bin, wenn ich mich engagiere und das Gefühl gewinne, etwas Wichtiges und Gutes zu tun. Manchmal empfinde ich dieses Gefühl besonders intensiv, wenn ich gegen Widerstände angehen muss, eben weil dies zugleich anstrengend und immer auch gefährlich ist. Besonders, wenn ich mich dabei auf mich allein gestellt finde. Dann gerate ich auch leicht in Unsicherheit: Ist es wirklich richtig, was du da tust? Du könntest ja auch irren. Sehen denn alle anderen gar nicht, dass sie in die falsche Richtung gehen? Oder ist es gerade umgekehrt, dass ich derjenige bin, der sich verirrt hat wie ein Geisterfahrer auf der Autobahn.

Sich der „schweigenden Mehrheit“ anzuschließen ist in der Regel der bequemere Weg. Aber wachsam zu sein, wo Gefahr droht, gegen Missstände vorzugehen, auch dort, wo ich dadurch in Konflikte mit der herrschenden Meinung oder etablierten Machtstrukturen gerate, macht oft wichtige Veränderungen erst möglich. Nur, ich muss es noch einmal sagen, gerade der Widerstand gegen die massiven Unrechtverhältnisse in unserer Welt kann bei zeichenhaften Handlungen nicht stehen bleiben. Er verlangt den Eintritt in demokratische Prozesse und die Mitarbeit in Institutionen.

Denken wir nur an die nach wie vor Elend, Hunger und Tod verursachenden wirtschaftlichen Verhältnisse der Ungleichheit, wie sie nicht zuletzt durch ein völlig undurchschaubares Finanzsystem gesteigert werden. Das verlangt unseren Widerstand. Aber wenn dieser nicht nur eindrückliche Zeichen setzen will, wie es zuletzt die Occupy-Bewegung getan hat, dann muss versucht werden, auf die Ordnungsstrukturen, die den Weltmarkt regulieren, Einfluss zu nehmen, was wiederum den Aufbau global wirksamer politischer und ökonomischer Institutionen verlangt.

copyright: Prof. Wilhelm Gräb und Religionsphilosophischer Salon Berlin