Der Islam in Spanien heute. Ein aktueller Buchhinweis

Islam in Spanien heute: Ein neues Buch von Ignacio Cembrero

Hinweise von Christian Modehn. Siehe auch den Beitrag über die Mezquita, die „Moschee-Kathedrale“ in Cordoba, klicken Sie hier.

Spanien: Das Land, in dem einige Jahrhunderte (von 711 bis 1492) Muslime, Christen und auch Juden halbwegs friedlich unter muslimischer Herrschaft zusammenlebten, bis die katholische „Rückeroberung“ definitiv erfolgreich war. Spanien: Das Land also mit etlichen Jahrzehnten durchaus auch multi-kultureller (und philosophischer !) Blüte unter islamischer Herrschaft („al andalus“). Das Land, das nur wenige Kilometer von der islamischen Welt (Marokko) entfernt ist; das Land, das zwei kleine Enklaven auf marokkanischem Boden besitzt, Melilla und Ceuta; Spanien, das Land, in dem es am 11. März 2004 („11-M“ als Symbol in Spanien) ein schreckliches islamistisches Attentat am Hauptbahnhof Atocha, Madrid, gab; das Land, in dem heute 2 Millionen Muslime leben (etwa 4 Prozent der Bevölkerung): Dieses nicht mehr nur katholische Land ist nicht nur von zunehmender Kirchendistanz und vom Atheismus geprägt, sondern eben auch vom Islam, diese Tatsache ist hierzulande relativ unbekannt. „Das Niveau der Islamophobie ist in der spanischen Gesellschaft eher schwach und die radikalen antiislamischen Parteien sind irrelevant“, sagt der Cembrero in seinem Buch, (S.18). Lediglich in Katalonien spielt die rechtsextreme Partei PxC („Plataforma per Catalunya“) eine gewisse Rolle auf lokaler Ebene (S. 97 und 99).

Allen, die Spanisch lesen können, empfehle ich das neue Buch des Journalisten und Islam-Spezialisten Ignacio Cembrero. „La Espana de Alà“, erschienen im April 2016 im Verlag „La esfera de los libros“, Madrid, 389 Seiten, 21,90 Euro. Ignacio Cembrero ist Journalist, hat in Paris Politikwissenschaften studiert, für „El Pais“ und „El Mundo“ gearbeitet, er wurde für seine Studien und Veröffentlichungen mehrfach ausgezeichnet.

Aus der Fülle der Informationen, die dieses im Reportage-Recherche-Stil geschriebene Buch enthält, nur einige Hinweise: Bei einer Pressekonferenz am 24. April 2016 hat Ignacio Cembrero festgestellt: „Die Ankunft von Immigranten (aus der islamischen Welt) ist eher eine Chance als eine Bedrohung für Spanien. Sie bringt Dynamik ins Land und ist eine Art Anregung für das Land, das sie aufnimmt, aber ein Verlust für die Länder, aus denen die Immigranten kommen“. „Sie sind bei uns willkommen nicht aus altruistischen Gründen, sondern weil wir sie brauchen“, sagt Cembrero im Vorwort seines Buches (S. 17). Die islamische Bevölkerung in Spanien ist zahlenmäßig viel schwächer als in anderen europäischen Ländern, und auch die Anzahl der Konflikte mit dieser Bevölkerung ist im ganzen gesehen geringer als etwa in Frankreich oder Belgien, so der Autor. Den höchsten Anteil an islamischen Bürgern Spaniens haben die Enklaven Ceuta und Melilla.

Zum ersten Mal wird aber auch eine bislang geheim gehaltene Karte veröffentlicht, die das Innenministerium erarbeitet hat. Diese Karte dokumentiert die Regionen, in denen es Konflikte mit islamischen Bevölkerung gibt, da steht Barcelona und Katalonien an der Spitze.

Wenn es nun eine gewisse Radikalisierung der jungen islamischen Bevölkerung gibt: Dann sieht der Autor die Gründe in der Schwierigkeit, eine Identität zu finden: Diese jungen Leute fühlen sich weder als Spanier noch als Algerier oder Marokkaner. Was ihnen eine eigene, von anderen abgegrenzte Identität gibt, ist die muslimische Religion. Dabei ist der – auch finanzielle – Einfluss islamischer Staaten auf das religiöse Leben der Muslime in Spanien beachtlich, wobei die verschiedenen theologischen Schulen miteinander konkurrieren. 20.000 SpanierInnen (christlicher Herkunft) gelten als Konvertiten zum Islam. „Früher wären diese Leute bei der politischen Linken gelandet, aber heute sind es junge Menschen mit einem Leben ohne bestimmte Strukturen, die nun die islamische Religion förmlich umarmen (einige in der radikalen Form), um auf diese Weise die Globalisierung zu bekämpfen….“

Langsam stellt sich Spanien auch in seinen Hotels und Restaurants auf die muslimische Bevölkerung und die muslimischen Touristen ein (immerhin ca. 2,6Milionen jährlich, S: 329); so gibt es etwa zwei HALAL Hotels (S. 320) und Imbisse (Burger King), die die Halal- Gesetze respektieren. (S.25).

Interessant sind auch die Hinweise, die der Autor zu Melilla und Ceuta bietet, dort sind mehr als die Hälfte der Bürger (also Spanier) islamischen Glaubens. Das Zusammenleben dort ist im ganzen von Respekt und Toleranz geprägt. Muslime haben dort ihre eigenen Parteien (S. 296), und bilden die zweitstärkste politische Kraft (als Opposition) noch vor den Sozialisten PSOE ( S. 296). Die (auch ökonomische) Zusammenarbeit mit Marokko ist alles andere als zufriedenstellend; die Abwehr von Flüchtlingen durch den monströsen Grenzzaun bekannt. „Die Wirtschaftsleistung in beiden Enklaven geht immer mehr zugrunde“ (S. 316). „Aber es werden von spanischer Seite keine hilfreichen Verhandlungen mit der EU geführt“, meint der Autor, um die Zukunft der Enklaven auch wirtschaftlich zu retten. „Die beiden Enklaven werden eines Tages ganz von der muslimischen Bevölkerung bestimmt sein, aber die beiden Städte könnten dann schon (wirtschaftlich) ruiniert sein“ (ebd.).

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

 

 

Muslime dürfen in der Moschee-Kathedrale von Cordoba nicht beten

Eine Moschee als eine Kathedrale: In der Mezquita von Cordoba dürfen nur Christen beten.

Ein Hinweis von Christian Modehn. Siehe auch den Hinweis zum Islam in Spanien heute. Klicken Sie hier.

Nur zweimal haben im vergangenen Jahrhundert Katholiken und Muslime gemeinsam in der „Mezquita-Catedral“, der „Moschee-Kathedrale“, in Cordoba gebetet: Am Freitag, den 13. September 1974, geschah das kleine Wunder: Zum ersten Mal seit 1236 konnten Muslime wieder in der prachtvollen Moschee beten. Im Jahr 1236 hatte König Ferdinand III. die kirchliche Übermacht über die Moschee errungen, auch deswegen wurde er im Jahr 1671 heilig gesprochen, seitdem durfte Allah in der einstigen Moschee nicht mehr angerufen werden. Ferdinand wird immer mit einem Schwert ausgestattet als Drachentöter (der Muslime) dargestellt.

Im Herbst 1974 fand jedenfalls ein erster „Islamisch-christlicher Kongress“ in Cordoba statt, unter den Teilnehmern waren Theologen und Politiker „von beiden Seiten des Mittelmeeres“. Der damalige Bischof von Cordoba, José Maria Cirard Lachiondo, (1917- 2008), hatte den muslimischen Teilnehmern das Gebet in dem Gebäude gestattet, das eben seit 1236 fest unter katholischer Leitung und Herrschaft steht. Um 800 wurde die Moschee errichtet. „1974 wurde aber wieder gemeinsam zum gemeinsamen Gott gebetet“, schrieb damals die bekannte Zeitung ABC (Madrid): Man befinde sich auf einem gemeinsamen Weg, dem Weg des Glaubens an Gott“ schrieb der Schriftsteller José Antonio Carro Celada.

Am 24. März 1977 gab einen zweiten islamisch-katholischen Kongress in Cordoba. Die Christen seien bewegt gewesen vom Gebet der Muslims, berichtete Bischof Cirard Lachiondo, und das Echo in der muslimischen Welt auf diese Tagung und die gemeinsamen Gebete war außerordentlich. „Die Muslime haben voller Respekt und in der Gesinnung des Gebets auch die christliche Liturgie begleitet, in der das Evangelium verkündet wurde“. Am 14. September 1977 feierte der Bischof auch eine Messe, an der die Muslims teilnahmen: „Sie und wir beten denselben Gott an“, sagte der Erzbischof.

„Aber dies war nur die Blume eines einzigen Tages“, bemerkt in poetischer Form, aber voller Bitterkeit, der Journalist Ignacio Cembrero. Das heißt: Heute sind die Katholiken wieder die alleinigen Herren eines Gebäudes, das als Moschee erbaut wurde und nach außen hin als Moschee erscheint mit einer in die Mitte hinein gepflanzten Kirche, Seitenaltäre voller Heiligenbilder wurden in die Moschee eingefügt. Jetzt ziert auch ein kitschiges Gemälde der (im Herbst 2016) dann offiziell heiligen Mutter Teresa, der großen Nächsten-Liebenden, den katholischen Raum. Das Gebäude wird in offiziellen katholischen Publikationen seit Jahren nur noch „catedral“ genannt.

Der Journalist Ignacio Cembrero hat vor einigen Tagen eine große Reportage vorgelegt über den Islam in Spanien, „La Espana de Alà“ ist der Titel seiner Studie, sie umfasst 389 Seiten und ist im Verlag „la esfera de los libros“ in Madrid erschienen, das Buch kostet 21,90 EURO. Über die kurze Zeit eines Miteinanders von Katholiken und Muslims im gemeinsamen religiösen Gebrauch der Mezquita-Moschee von Cordoba wird auf den Seiten 332 ff. berichtet. Nicht erwähnt wird, dass der dialogfreundliche Erzbischof von Cordoba bereits 1978 diese Stadt verlassen hat und ins urkatholische, vom Opus Dei beherrschte Pamplona, Navarra, versetzt wurde. Erwähnt wird hingegen, dass im Jahr 2006 die Mesquita-Catedral als Eigentum der Kirche offiziell eingetragen wurde, das Haus heißt jetzt offiziell: „Santa Iglesa Catedral de Cordoba“. Inzwischen wurde eine Basis Organisation gegründet, die an das „patrimonio de todos“, das Erbstück von allen, erinnert: Im Sinne der UNESCO-Erklärung ist diese Mezquita-catedral ein Weltkulturerbe (seit 1984), ist also interkulturell und interreligiös zu verstehen. Bischof Juan Antonio Asenjo wehrte sich gegen die Umwandlung der Kathedrale in ein interreligiöses Gotteshaus. Er glaubte darauf verweisen zu können, dass die Moschee über den Fundamenten von einer einst christlichen, westgotischen Kirche errichtet wurde. Deswegen könne jetzt nicht wieder eine aktive Moschee dort etabliert werden. Die einstige Moschee soll also wie ein Museum bleiben. Der Islam ist vorbei, heißt so das offizielle katholische Wunschdenken?

Der heutige Bischof von Cordoba (Demetrio Fernandez Gonzalez) betont, so zitiert Ignacio Cembrero: “Ein  gemeinsames Gebet von Muslims und Christen ist nicht möglich“ (Seite 337). Der Bischof meint im Blick auf das 2. Vatikanische Reformkonzil (1962-65), dass darin die Katholiken aufgefordert nur allgemein aufgefordert werden, Muslims zu respektieren. Der Journalist Ignacio Cembrero schreibt auf Seite 334:“ Los guardias de seguridad no les permiten rezar y a vezes se lo impiden por la fuerza“: „Das Wachpersonal erlaubt den Muslims nicht zu beten und manchmal verhindern sie das Gebet mit Gewalt“.

So also sieht der auch von offizieller römischer Seite so viel beschworene Dialog zwischen Katholiken und Muslimen aus in dem muslimisch-katholischen Gebäude, der mezquita-catedral zu Cordoba, Andalusien, Spanien.

Eine wichtige Beobachtung: Der Flyer, die der Besucher der Mezquita-Kathedrale beim Kauf einer Eintrittskarte in allen möglichen Sprachen erhält, spricht eine deutliche Sprache: Es wird eindringlich darauf verwiesen, dass die Muslime im 8.Jahrhundert die ursprüngliche Kathedrale San Vicente „zerstörten“, „um eine Moschee zu bauen“. Es wird auch daran erinnert, dass während der Bauphase unter Alhakén II. byzantinische, also christliche Künstler und Architekten, das Bauwerk gestalteten. Es gab also einmal eine islamisch-christliche gemeinsame künstlerische Arbeit! Aber dann glaubte der heilige König Ferdinand III. nach der Eroberung (der Flyer spricht von „Wiedergewinnung“) die Moschee nur dadurch in „Besitz zu nehmen“, dass er die Moschee einer, so wörtlich, „Purifikation“, also einer Reinigung, unterzog, also das Gebäude vom Geist der Muslime befreite, säuberte: „Jeder Stein wurde Christus geweiht“, heißt es in dem offiziellen kirchlichen Flyer. Schließlich wird behauptet: Der Besuch der Kathedrale (der Flyer spricht auf die Gegenwart bezogen immer nur von Kathedrale, nicht von Mezquita!) sei, so wörtlich, ein „Mittel gegen den Pessimismus“, warum eigentlich? Schließlich soll die „Nostalgie nach Gott“ geweckt werden, dem christlichen Gott, natürlich. Die langatmigen Hinweise auf diese „Mutterkirche des Bistums Cordoba“, auf das Domkapitel, den „Lehrsitz des Bischofs“ dort, zeugen von einer strengen klerikalen Mentalität der Kirchenführung dort. „Wir Kleriker sind die Herren des Gebäudes“, das ist die Botschaft!

Das neu erschienene Buch „La Espana de Alà“ bietet einen weiteren interessanten Hinweis zur Bedeutung von „al andalus“ in der islamistischen, terroristischen Szene. Als Elitesoldaten  der USA im Mai 2011 das Versteck von Osama bin Laden attackierten, „entdeckten die Militärs unter seinen 39 Büchern auch ein Buch über das muslimische Spanien, Christianity and Islam in Spain von Charles Reginald Haines“, so Cembrero. „Bin Laden hat es wohl gefallen, dass von 756 bis 1031 in Cordoba ein unabhängiges Kalifat etablierte“.  Und für Bin Laden war es die große Katastrophe, dass  dieses Kalifat in Spanien scheiterte. „Die Vertreibung der Muslime aus Spanien war für ihn die Katastrophe, die sich niemals an anderen Orten (etwa Palästina) wiederholen darf“ (S. 320). Die Videos, die für den terroristischen Einsatz für al quaida werben, haben denn auch den bezeichenden Titel „al andalus“. (S. 321). Auch der IS spricht in ähnlicher Weise von einer ersehnten Wiederkehr des „al andalus“, in einer Videobotschaft vom Mai 2015 wurde von Raqqah aus die Rückeroberung von al andalus angekündigt (S. 321).

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 

 

 

„Der Mensch ist ein Grenzgänger“. Hinweise zu einem religionsphilosophischen Salon

Der Mensch ist ein Grenzgänger: Philosophische Hinweise aus aktuellem politischem Anlass

Diese 19 Thesen wurden im Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon Berlin am 29.4. 2016 vorgetragen und diskutiert.

Von Christian Modehn.

1. Unser philosophischer Ansatz angesichts der aktuellen Verwirrungen hinsichtlich der Grenzen heute: Wir gehen von einer philosophischen Analyse des Daseins aus, um von dort aus begründet die Wirklichkeit der Grenzen zu verstehen. Jede Person ist immer eine bestimmte, d.h. eine begrenzte. Sie muss sich um sich selbst kümmern, will sie selbst ihr eigenes leben „führen“. Das heißt auch, dass wir uns um unserer selbst willen auch abgrenzen sollen. Wir können uns nicht selbst total ent-grenzen, indem wir uns etwa für unsere Arbeit auflösen, Wir müssen unsere persönliche Eigenart und Einmaligkeit pflegen und schätzen.

2. Jeder einzelne Mensch ist also – vermittelt durch sein Bewusstsein und Selbstbewusstsein – immer ein einzelner, begrenzter. In dieser Einmaligkeit hat er, wie es in der Erklärung der Menschenrechte heißt, eine absolute Würde und einen absoluten Wert. Aber diese Begrenztheit, Bestimmtheit des einzelnen, wächst, wandelt sich im Laufe des Lebens. Diese Wandlung, Reifung, ist nur durch Überschreitung seiner bisherigen Begrenztheiten möglich. Wir sind immer mehr als nur einzelne; wir sind keine Inseln, so sehr wir uns auch „abkapseln“, „ein-igeln“: Wir teilen immer gemeinsame Sprachen, leben im Mitsein mit anderen in der einen Welt: Also Kommunikation, Lernen, Verwerfen bisheriger Überzeugungen ist die ständige Grenzüberschreitung geistvollen Lebens. Wir sind immer schon, sofern wir leben, Grenzgänger im Sinne von „Grenzen Überwinder“. Und stehen so von vornherein vor der Aufgabe der Pflege des eigenen, nun einmal begrenzten Wesens und der GLEICHZEITIGEN Offenheit für die ständige Grenzenüberwindung. Die Reflexion auf unser Bewusstsein zeigt: Wir sind immer schon ins Grenzenlose des Bewusstseins verwiesen. D.h.: Der Mensch ist in seinem Geist immer schon „offene Grenze“, „offene Begrenztheit“. Wir sind mit der Grenzen sprengenden Weite des Bewusstseins konfrontiert, wenn wir wahrnehmen, dass wir VOR aller Reflexion auf uns selbst, also noch vor dem Wissen und dem Selbstbewusstsein, bereits und immer schon auf eine weite „Ebene“ des Bewusstseins als einer ständig fließenden Gefühlswahrnehmung verwiesen sind. Diese immer anwesende weite Ebene des Bewusstseins noch vor aller Reflexivität ist für uns immer vorgegeben, nicht machbar, „ungreifbar“ und nicht zu umgreifen. „Ich weiß mit unerschütterlicher Gewissheit, dass ich bin, und dies kraft meiner Selbstvertrautheit. Aber weder weiß ich mit ebensolcher Gewissheit, woraus und woher ich bin, noch weiß ich, wozu und woraufhin ich bin“. So Saskia Wendel in ihrem Buch „Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie“, Reclam, S. 36, darin folgt sie den Einsichten des große Philosophen Dieter Henrich. Das heißt, im wachen Selbstwahrnehmen und der elementaren Selbstvertrautheit bin ich über mein kleines Ego, auch über mein im Augenblick aufblitzendes Selbstbewusstsein bezogen auf eine offene Dimension, die größer ist als ich und mein Ego. Ich bin sozusagen verwiesen in einen ganz anderen, einen gründenden Grund. Mit den Worten von Dieter Henrich: „Ich bin in meiner eigenen Beschränktheit also Begrenztheit verwiesen auf mein Bewusstsein, aus etwas begründet zu sein, dem eine ganz andere Verfassung (anders als meine Begrenzheit CM) zuzuschreiben ist“. Ludwig Wittgenstein wird in seinem späteren Werk zeigen, dass die Tendenz der Naturwissenschaften, uns in ihre enge wissenschaftliche und „beweisbare“ Welt einzuschließen, falsch ist, sie führt geradewegs in ein „Gefängnis“. “Der tiefe Denker bringt uns zu der Erkenntnis, dass es etwas gibt, was nicht gesagt werden kann“, so Wittgensteins Freund Drury über Wittgenstein. Das wahre Wesen kann nicht (definierend) gesagt werden, aber es zeigt sich. Das heißt: Im geistigen Erkennen werden immer schon Grenzen gezogen, um sie zu überwinden. (zu Wittgenstein, siehe Friedo Rocken, Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie, S. 34 ff.)

3.Entscheidend ist: Das menschliche, geistvolle Leben ist ständige Suche nach der Balance im Umgang mit Grenzen.

Erst in der Auseinandersetzung mit meiner Grenze (über die ich immer schon hinaus – lebe und hinaus – schaue) wächst ein immer wieder neues lebendiges, strukturiertes Ich. Auch das Sich Abgrenzen geschieht nur um der Lebendigkeit des eigenen Daseins willen. Im Dasein geschehen ständig Grenzverschiebungen des eigenen Selbstverständnisses.

4. Geistige (und politische) Erstarrung tritt ein, wenn ein Mensch sich definitiv in bestimmte Grenzen, die er etwa in der Jugend festgelegt hat, für die ganze Lebenszeit einschließt. Da werden die anderen zu Fremden und Feinden. Darüber später mehr im Zusammenhang des Nationalismus.

5. Sich selber bestimmen und sich abgrenzen ist ein ständiger Prozess des gleichzeitigen Sich-Öffnens und damit alte Grenzen Überwindens. Das verlangt Unterscheiden lernen. Und diese Unterscheidung wird geleistet, indem ich nur bestimmte neue Wirklichkeiten in mein strukturiertes Bewusstsein einlasse, andere eben nicht. (Ich kann mich z.B. begrenzen, indem ich Pop-Musik absolut nicht hören will). Ich muss mich auch mit Grenzen sprengenden, oft unerwarteten Ereignissen auseinandersetzen, darf sie nicht abwehren und aus-grenzen, etwa wenn sie mein bisheriges Dasein in seinen alten Grenzen erschüttern: Etwa das Leiden von Angehörigen, eigene Krankheiten, Rentnersein, Alleinsein usw.

6. Dabei muss vor einem zeitlosen Verständnis von Definition, also Festlegungen des Selbst, Begrenzungen des Selbst, gewarnt werden: Auch in den Naturwissenschaften sind Definitionen immer vorläufige Grenzziehungen; um so mehr im geistigen, philosophischen Zusammenhang: Da hat eine und dieselbe „Sache“ immer mehrere gleichberechtigte „Definitionen“, auch im Laufe der eigenen Lebenszeit: Der Mensch als animal rationale, Da-Sein, Subjekt, Person, „Ebenbild Gottes“ sind alle zeitlich bedingte und deswegen begrenzte „Definitionen“, an die man sich selbstverständlich nicht dogmatisch binden darf. Die jeweiligen Inhalte ändern sich, je nach dem, wie ich meine geistigen Grenzen weite und öffne, auch bezogen auf die Inhalte von Staat, Heimat, Nation, Fremde usw.

7. In der Auseinandersetzung mit der Kunst, der Literatur, der Religion geschieht Erweiterung der je eigener Grenzen. Wer die Schönheit islamischer Kunst wahr – nimmt, ihre Symbole, Farben, ihre Abstraktheit, wird auch sein begrenztes Verstehen „des“ Islam überwinden. Das heisst: Wir überschreiten unsere Grenzen, wenn wir als einzelne Menschen mit unserem nun einmal begrenzten Weltbild ein Kunstwerk eines einzelnen Malers betrachten, der vielleicht vor 500 Jahren lebte, aber ein universal ansprechende Werk geschaffen hat, man denke etwa an Mona Lisa, vielleicht auch Nofretete: Beim Betrachten dieser Kunst geschehen Grenzüberwindungen unseres begrenzten Menschenbildes. Kunst ist immer lokal bezogen und auch global.

8.Wichtig zur Religion: Der einzelne kann heute nicht mehr nur einer und das heißt immer einer begrenzten Religion/Spiritualität „angehören“. Er sollte die eigene jeweils vertraute Religion/Weltanschauung, auch Atheismus, entgrenzen im Dialog. Entgrenzte Religion/Weltanschauung wird „multireligiös“. Wir sind immer schon, oft unbewusst, multi-religiös, indem etwa fromme Christen doch an die Astrologie glauben oder zu Maria beten usw. Heute kommt es auf eine anspruchsvollere multireligiöse Entgrenzung an, etwa durch Übernahme buddhistischer Meditationspraxis.

9.Dialog geschieht ständig, Dialog ist Überwindung meiner bisherigen Grenzen und dies ist mehr als Konfrontation und Dahersagen unterschiedlicher Meinungen, was leider meistens in „Dialog – Konferenzen“ geschieht. Dialog ist vielmehr Öffnung und Lernen und reflektierte, kritische Übernahme (!) des bisher Fremden. Das nennt man „Grenzen überwindendes Wachstum“.

10.Wer nur das begrenzte Ich (im Sinne von unwandelbar, immer dasselbe erleben, sich klammern an seinen Besitz, „Stammtisch-Ideologie“ usw.) fördert, möchte eine Gemeinschaft von vielen Ichs, aber kein vielfältig geprägtes Wir. Die populistischen (oft rechtsextremen) „Kameradschaften“ sind nur EGO – Ansammlungen zur Verteidigung des routinierten Immer Selben, d.h. des Erstorbenen. Sie suchen aber auch ideologische Grenzen überschreitend Bündnispartner, etwa AFD und FPÖ, Le Pen und Putin usw. Hintergrund ist die Angst vor Verlusten, auch materiellen Verlusten. Diese Angst drückt sich aus als Hass und unsägliche verbrecherische Aggression gegenüber Fremden und Flüchtlingen, etwa in der Gewalt gegen die Unterkünfte usw.

11. Bestimmung im Leben bleibt hingegen immer die Lebendigkeit, als immer zu suchende, nie total zu erreichende Balance zwischen der immer notwendigen Abgrenzung (gegen den Selbstverlust) und dem Austausch als Grenzüberschreitung. Vorbild dafür die NGOs, die bezeichnenderweise die Titel haben „Ärzte OHNE GRENZEN“, „Reporter OHNE GRENZEN“, „Ingenieure OHNE GRENZEN“ usw. „Philosophen OHNE GRENZEN“ sind jene, die die universal und immer gültigen Menschenrechte verteidigen.

12. Durch die Ankunft von Flüchtlingen wird das Thema Grenzen plötzlich politisch neu äußerst brisant. Dieses Ereignis der Fluchtbewegungen ist wohl DAS bestimmende Ereignis der nächsten Jahrzehnte. Die Fluchtbewegungen sind auch Resultat verfehlter, geistig begrenzter Politik des Westens, siehe George W. Bushs Irak-Krieg; siehe das kurzsichtige Verhalten Obamas, nicht schon sehr früh Assad schon auszuschalten usw…

13.Es ist seit Anfang 2016 längst Tatsache, dass sich heute Europa, die EU, einmauert, also neu ein – grenzt. Dabei droht die EU zu zerfallen. (Mauernbau ist in jeder Weise tödlich auch für die Mauerbauer selbst, siehe DDR – Führung). Auch die einzelnen europäischen Länder mauern sich ein, siehe etwa jetzt Österreich, dort wird z.B. sogar am Brenner-Pass ein „Grenzmanagment –Leitsystem“ (mit Zaun) errichtet. „Grenzmanagment –Leitsystem“: Dieser Begriff der bürokratischen Gewalt sagt alles über die nationalistische Mentalität. EU Staaten haben im Alleingang nationale Grenzen als wichtiger durchgesetzt als die Verbundenheit mit der EU. Die stramm rechtslastigen Parteien fördern in ihrer populistischen Propaganda stark den Nationalstaatsgedanken. So sagte Alexander Gauland in einem Interview mit DIE ZEIT vom 14.4. 2016 Seite 7 auf die Frage: Wo ist ihr Limes, also ihre Grenze, heute: „Der Limes ist an jeder nationalen Staatsgrenze. Dass Österreich in der Lage war, die Balkanroute zu schließen, war eine große Tat“. Dann auf die Frage: Nun sitzen aber die Flüchtlinge in Griechenland fest, wo ist denn da der Vorteil? Da heißt die Antwort Gaulands: „Dass die Flüchtlinge nicht in Deutschland sind und nicht in Österreich sind, ist der Vorteil“. Damit ist indirekt gesagt: Also kann es doch durchaus zu Auseinandersetzungen kommen zwischen Griechenland und Deutschland, wenn dieses alte/neue nationalistische Denken sich weiter durchsetzt.

Das Wort Ober-Grenze markiert in aller Deutlichkeit die bewusste Eingrenzung und Abgrenzung eines Nationalstaates, das Sich-Verklammern angstvoller Art in die eigenen Begrenztheiten, das Wort Obergrenze markiert, ideologiekritisch betrachtet, eine gewisse Hoffnungslosigkeit eines europäischen Nationalstaates. Das Wort Obergrenze wird sicher zum Unwort des Jahres 2016 erklärt werden. Zu diesem Begriff gibt es bei Google bereits 2,3 Millionen Einträge, gezählt am 26.4.2016.

14. Es wird wieder die Vorstellung vom „Nationalstaat“ in ganz Europa und weltweit herrschend. Die Geschichte zeigt: Jeder Nationalstaat muss per definitionem kriegerisch und gewalttätig sein. Wir erleben einen Rückfall ins 19. Jahrhundert. „Der Nationalismus wurde zum treibenden Faktor bei einer Neuordnung der politischen Grenzen, die nicht selten mit Krieg und Vertreibung verbunden war… Der Nationalismus legte auf eine einheitliche Sprache wert, es wurde eine mentale Nationalisierung der Bürger gepflegt bei der Durchsetzung nationaler Zugehörigkeiten“, so Herfried Münkler u.a. in „Politische Theorie und Ideengeschichte“, Beck Verlag, 2016, S. 75,

15. Die europäische Politik heute folgt ängstlich den Ängstlichen und uninformierten Populisten, die nur in ihren vertrauten und vermauerten mentalen Grenzen verweilen wollen. Damit wird die zu Beginn genannte Balance zwischen Selbstbewahrung UND Öffnung einseitig und gefährlich in die Richtung der Selbstbewahrung verlagert. Es gibt keine Balance mehr im Umgang mit Grenzen.

16. Die vielen noch kommenden Flüchtlinge (in Libyen warten noch ca. 1 Million Menschen auf die Flucht) zeigen mit aller Deutlichkeit: Die Menschen in Afrika z.B. sind heute nicht länger bereit, ihre extreme Armut in ihren Ländern zu ertragen. Das mögliche Ertrinken im Mittelmeer erscheint ihnen als ein geringeres Übel, als in den Ländern Afrika vor Hunger dazudämmern… Die Balance muss wieder gefunden werden. Die Tatsache, dass Europa auf Dauer mit Flüchtlingen leben wird, ist anzuerkennen. Das bedeutet nicht, dass nun total offene Grenzen geschaffen werden soll, das würde zu einem Selbstverlust Europas führen, aber es kommt auf eine Öffnung gegenüber den Flüchtlingen an, die den Menschenrechten entspricht und nicht dem nationalen Egoismus der Bewahrung des alten Besitzstandes.

17. Aus der Verklammerung des EGO-Europa, der sich Abschließenden und erneut Begrenzenden, gilt es sich wieder zu befreien, indem man sich an die Grundstruktur des Daseins erinnert: Ohne Öffnung als ständige eigene Grenzüberschreitung gibt es kein geistvolles, menschenwürdiges Leben für den einzelnen Menschen, die Gesellschaft, den Staat. Die Flüchtlinge sind nun einmal da! Und weitere werden kommen. Wir sollten die Chance ergreifen, mit ihnen zu leben, sie zu integrieren und auch eigene Selbstverständlichkeiten (unseren Wohlstand, warum und wodurch haben wir ihn eigentlich (?) in Frage zu stellen… Wenn sich rechtsextreme Populisten auf das (tatsächlich angebliche) christliche Abendland berufen, sollte man sie an die philosophische Einsicht (und religiöse Einsicht) von Selbstliebe und der gleichzeitigen Nächstenliebe erinnern.

18. Zwei Aufgaben sind besonders dringend: Qualitative Verbesserungen der politisch-sozialen Verhältnisse etwa in Afrika, mit der Erkenntnis der Mitschuld Europas an diesen Verhältnissen. Kritik an den verbrecherischen Politikern in Afrika selbst. Veränderung einer kolonialen Wirtschaftspolitik Europas, die immer noch die Wirtschaften dieser afrikanischen Länder schwächt und die Menschen ins Elnd führt. Die Flüchtlinge kommen nach Europa, auch wegen der heutigen kolonialen Wirtschaftspolitik Europa. Zynisch gesagt: Europa ist selber schuld, dass diese Menschen ihre Länder verlassen müssen.

Es geht also um die weitere Aufnahme der Bedrohten und Verfolgten in Europa. Im Sinne der Weitung des eigenen Bewusstseins, auch der Anerkennung, dass wir Einwandererland sind, dass wir viele Menschen „brauchen“, wenn sie denn die universal gültigen Menschenrechte verstehen lernen und anerkennen.

19. Das Thema „Wir sind Grenzgänger“ gehört in die Mitte einer Philosophie der Lebens-Kunst, des Leben-Könnens. Deutlich ist meiner Meinung nach: Weder die angstvolle Verkapselung (Borniertheit) noch die totale Freigabe jeglicher Grenze (Auflösung des Selbst, des Eigenen) entsprechen der Balance zwischen Selbstsein und Offensein. Diese Balance muss immer neu gesucht und miteinander besprochen werden. Wenn man in der Sprache der Theorie der philosophischen Ethik will: Es kommt auf einen Ausgleich an zwischen der Gesinungsethik und der Verantwortungsethik. Wobei bei der Verantwortungsethik eine gewisse Vorsicht geboten ist: Hinter einer nach außen dargestellter Verantwortungsethik kann sich ideologische nationale Borniertheit verbergen.

Copyright: Christian Modehn

 

„Der Skeptiker ist ein verfehlter Mystiker“ . Über Emil Cioran. Salonabend am 20.5.2016

„Der Skeptiker ist ein verfehlter Mystiker“.

Ein Zugang zum Denken des ungewöhnlichen Philosophen Emile Cioran.

Ein Salonabend am Freitag, den 20. Mai 2016 um 19 Uhr in der Galerie Fantom, Hektorstr. 9.

Mit dem Berliner Philosophen und Autor Jürgen Große.

Wegen der begrenzten Anzahl der Plätze: Anmeldung bitte an: christian.modehn@berlin.de

Meinungsfreiheit – die Basis aller anderen Freiheiten. Zum „Internationalen Tag der Pressefreiheit“

Meinungsfreiheit – die Basis aller anderen Freiheiten.

Ein Hinweis von Christian Modehn

Die Freiheit der Presse ist weltweit immer mehr bedroht, darauf macht die NGO „Reporter ohne Grenzen“ auch zum 3. Mai 2016 wieder aufmerksam, dem Welttag der Pressefreiheit. Mit der Einschränkung und dem Verbot der Pressefreiheit wird die Meinungsfreiheit insgesamt schrittweise abgeschafft;  Meinungsfreiheit aber ist die Basis ALLER Freiheiten. Wir leben also in einer Situation, in der weltweit mit der Abschaffung der Meinungsfreiheit auch die Menschenrechte insgesamt in Frage gestellt, bedroht und abgeschafft werden. Die „Errungenschaften“ der philosophischen Aufklärung werden nur noch in einigen Staaten respektiert. Eine schlimme Erkenntnis zu Beginn des 21. Jahrhunderts.

Der „Welttag der Pressefreiheit“ ist also ein Tag des kritischen politischen Nachdenkens … und der Aktion, d.h. in dem Fall: der helfenden Unterstützung für Journalisten, die um der Menschenrechte willen in zahllosen Ländern bedroht sind und ermordet werden. Man beachte und beobachte auf Dauer, in welcher Weise heute populistische und rechtslastige Gruppen und Parteien (AFD, FPÖ, Le Pen Partei, Putin und CO. usw.)  in Europa mit dem Respekt vor der Pressefreiheit und den Journalisten umgehen. Man beachte, wie etwa in Brasilien durch die Übermacht einer bestimmten Presse („O GLOBO“, TV und Print, erreicht mit seiner Propaganda über die Hälfte der Bevölkerung) der Staatspräsidentin so zugesetzt wird, dass sie aus ihrem Amt vertrieben werden soll – aus parteipolitischen Gründen. Die Lage ist insgesamt dramatisch. Ein Auszug aus einem Interview mit Christian MIHR von Reporter ohne Grenzen: „Pressefreiheit: Die Lage ist viel schlimmer“    © Reporter ohne Grenzen

Frage: Die neue Rangliste der Pressefreiheit 2016 zeichnet ein düsteres Bild. In allen Weltregionen sind im Jahr 2015 die Freiräume zurückgegangen. Ist das nur eine Verstetigung eines bereits bestehenden Trends?

Antwort: Unsere jährliche Rangliste der Pressefreiheit vergleicht in erster Linie den Zustand der Pressefreiheit in den verschiedenen Staaten miteinander. Insofern zeigt er vor allem, ob sich die Lage in den einzelnen Ländern im Verhältnis zu Ländern mit einer ähnlichen Ausgangslage verbessert oder verschlechtert hat. Da spielen ja sehr viele Entwicklungen in den derzeit 180 bewerteten Staaten hinein: zum Beispiel Änderungen in der Gesetzgebung, in der Rechtspraxis, in den Rahmenbedingungen für Medienunternehmen und natürlich Fragen der Sicherheit für Journalisten. Seit 2013 errechnen wir aus den Daten der Rangliste allerdings auch einen Indikator für den weltweiten Stand der Pressefreiheit. Und der zeigt tatsächlich eine eindeutige Verschlechterung – allein seit dem vergangenen Jahr um 3,7 Prozent und seit 2013 um insgesamt 13,6 Prozent. Am deutlichsten ist der Rückgang beim Teilindikator für die Produktionsmittel von Medien. Einige Regierungen schrecken nicht vor Blockaden des Internets oder der Zerstörung von Redaktionsräumen, Sendetechnik oder Druckpressen zurück, um unliebsame Berichterstattung zu unterbinden. Auch die gesetzlichen Rahmenbedingungen haben sich weltweit gesehen verschlechtert. Dies spiegeln die vielen Gesetze wider, die Präsidentenbeleidigung, Blasphemie oder Unterstützung des Terrorismus unter Strafe stellen und damit in einigen Ländern zu zunehmender Selbstzensur beitragen.

Frage: Ein Grund für die Verschlechterung sind die zunehmend autokratischen Tendenzen in einigen Ländern und die vielen Bürgerkriege. Besteht da immer ein direkter Zusammenhang: Also alle autoritären Regime handeln repressiv und in allen Bürgerkriegen werden Reporterinnen und Reporter ermordet?

Antwort: Einerseits kann man das wohl tatsächlich so sagen. Unser altes Motto lautet ja „Keine Freiheit ohne Pressefreiheit“, und das lässt sich immer wieder sehr anschaulich beobachten. Wo Regierungen einen autoritären Weg einschlagen wie derzeit etwa in Ägypten, Russland oder der Türkei, da werden unabhängige Journalisten als Störenfriede oder Verräter behandelt. Präsidenten wie Abdelfattah al-Sisi, Wladimir Putin oder Recep Tayyip Erdogan reagieren sehr empfindlich darauf, wenn kritische Kommentatorinnen oder hartnäckige Rechercheure an ihrer Fassade als stets erfolgreiche, allseits beliebte Staatsmänner kratzen. Im Fall der Türkei erfahren die ständig neuen Auswüchse dieser repressiven Grundhaltung derzeit ja viel Aufmerksamkeit, aber in Ägypten zum Beispiel ist die Lage noch viel schlimmer. Und in Kriegen stellt sich die Frage der Repressionen natürlich noch viel schärfer – zumal dann, wenn sich die Kriegsparteien wie in Libyen oder Syrien nicht um das Völkerrecht scheren und Journalisten im Zweifelsfall als lästig oder als Faustpfand für internationale Aufmerksamkeit betrachten…

Frage: Deutschland hat sich von Rang 12 auf Rang 16 verschlechtert. Wie ist das zu erklären?

Antwort: Deutschlands aktuelle Verschlechterung ist ganz klar auf die erschreckend gestiegene Zahl von gewaltsamen Übergriffen auf Journalisten, aber auch von Anfeindungen und Drohungen zurückzuführen – vor allem bei den Pegida-Demonstrationen und ihren Ablegern, aber auch bei rechtsextremistischen Aufmärschen und gelegentlich bei Gegenkundgebungen. Dass in manchen Städten regelmäßig Hunderte, manchmal Tausende Menschen „Lügenpresse“ skandieren, fassen manche Menschen offenkundig als unmittelbare Aufforderung zum Handeln auf. Sorge bereiten uns aber auch Entwicklungen wie die Wiedereinführung der Vorratsdatenspeicherung und die immer neuen Erkenntnisse über geheimdienstliche Überwachung, die die Vertraulichkeit journalistischer Recherchen ganz grundsätzlich in Frage stellen. Deshalb haben wir im vergangenen Jahr gegen den Bundesnachrichtendienst geklagt und sind nun sehr gespannt auf die Reaktion der Justiz…

Wir empfehlen dringend, dauernd die Publikationen von Reporter ohne Grenzen zu lesen und zu diskutieren.

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Wir haben im Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon Berlin von unserem Interesse für die Religionen und Kirchen dauernd das Problem: In den Kirchen z.B. wird die Pressefreiheit und Meinungsfreiheit nicht umfassend respektiert. Fast alle Publikationen, die von den Kirchen selbst herausgegeben sind, zeigen sich eher als Propaganda-Informationen, nicht aber als unabhängige, einzig der Freilegung von Wahrheiten verpflichtete Veröffentlichungen. Mit anderen Worten: Pressefreiheit gibt es in den Kirchen weitgehend auch im Jahr 2016 nicht. Und darüber wird öffentlich kaum gesprochen.

Interessant ist sicher noch die philosophische Überlegung zur primären Bedeutung der Meinungsfreiheit für alle weiteren Freiheiten. Diese Stellungnahme haben wir im Jahr 2015 veröffentlicht:

Salman Rushdie hat in seiner Rede auf der Frankfurter Buchmesse am Dienstag, den 13. Oktober 2015, in aller Deutlichkeit erklärt: „Ohne die Meinungsfreiheit muss jede andere Freiheit scheitern“. Die Freiheit des Wortes, selbstverständlich des angstfreien, des öffentlichen Wortes, sei überhaupt kein kulturelles Konstrukt, also von einigen Kulturen gutgeheißen, von anderen eben nicht. Diese relativistische, angeblich klug und angeblich höflich auf kulturelle Differenzen bedachte Haltung, ist falsch! „Wir Menschen sind sprechende Tiere. Wir erzählen, und das macht uns aus. Darum sollte Redefreiheit wahrgenommen werden wie die Luft, die wir atmen: als selbstverständlich“. Meinungsfreiheit ist ein absolut geltendes Menschenrecht. Die Angst, sich frei zu äußern, auch unbequem zu den Menschenrechten zu äußern, ist weit verbreitet. Noch schlimmer ist die Angst in den westlichen Ländern, sozusagen in vorauseilendem Gehorsam gegenüber autoritären (arabischen) Staaten, Kritik an diesen Regimen in den eigenen westlichen Ländern besser zu unterlassen.

Meinungsfreiheit als Basis aller Freiheiten, auch der Religionsfreiheit, ist eine evidente philosophische Erkenntnis.  Wird die Meinungsfreiheit als Basis demokratischen Lebens respektiert, dann heißt das nicht, dass die Aussagen aller Feinde der Meinungsfreiheit und damit der Menschenrechte unwidersprochen (und ohne strafrechtliche Verfolgung) hingenommen werden dürfen. Das gilt etwa im Zusammenhang der rechtslastigen Feind der umfassenden Meinungsfreiheit. Maßstab der Kritik bleibt die universale Gültigkeit der Menschenrechte.Und diese Kritik muss öffentlich geäußert werden.

Wir haben in drei Beiträgen im Februar und im April 2015 ausführlicher diese philosophische Evidenz auf dieser website erläutert: Meinungsfreiheit ist die Basis aller anderen Freiheiten.

copyright: Religionsphilosophischer Salon Berlin

Das reaktionäre Christentum der AFD: Hinweise zu Beatrix von Storch

Das reaktionäre Christentum der AFD: Einige Hinweise zu Beatrix von Storch und ihrem katholischen Netzwerk

Von Christian Modehn, veröffentlicht am 28.4.2016.

1.
Die „Alternative für Deutschland“ will eine heftige und undifferenzierte Kritik an „dem“ Islam zu einem Schwerpunkt ihres Parteiprogramms machen. AFD Vizechefin Beatrix von Storch sagte der „FAS“: „Der Islam gehört nicht zu Deutschland, der Islam ist mit dem Grundgesetz nicht vereinbar“ . Symbole des Islams sollten deswegen aus der Öffentlichkeit verschwinden usw.

Damit werden einige Millionen Menschen islamischen Glaubens, viele von ihnen sind deutsche Staatsbürger (!), zu unerwünschten (eigentlich wertlosen ?) Menschen erklärt. Das erzeugt verständlicherweise Zorn unter Muslims. Genau das will der „IS“ bewirken, dass Europa in einer Art Bürgerkrieg Islam contra Christentum, zerfällt. Die AFD handelt also im Sinne des IS. Die AFD stiftet Unfrieden, schafft Feindbilder mit Sprüchen, die am Stammtisch willkommen sind in der drögen, unreflektierten Sprüchemacherei.

Über die pauschale Islam-Feindlichkeit der AFD und ihrer Gönner und Freunde (auch in der FPÖ, mit der die AFD sich freundschaftlich gut versteht und FPÖ Leute einlädt) wird noch viel diskutiert, hoffentlich im Sinne der Aufklärung.

2.
Wir finden es wichtig darauf hinzuweisen, dass diese Feindbilder-Produktion, diese pauschale Abweisung „des“ Islams eine (von mehreren) Ursachen hat: In dem extrem konservativen christlichen Weltbild der Frau von Storch und ihres ebenso reaktionären christlichen, oft katholischen Netzwerkes, in dem sie lebt.

Es handelt sich um Hinweise, die einer weiteren Recherche bedürfen. Leider wird dieses reaktionäre Bild vom Christentum bei Frau von Storch und anderen AFD Leuten zu selten öffentlich gemacht.

Die „Alternative für Deutschland“ (AFD) sammelt auch jene Menschen, die sich von der philosophischen Aufklärung und den universal für alle Menschen geltenden Menschenrechten verabschieden oder nie davon auch nur gehört haben; denen ein autoritäres Weltbild heilig ist und eben auch ein System von Werten heilig ist, die auf die „wesentliche“ Ungleichheit unter den Menschen setzen. Das Christentum und die humane Botschaft des Neuen Testaments werden zwar zitiert, aber ideologisch missbraucht. Es wird eine inhumane Stimmung erzeugt, die den Respekt lächerlich macht vor der Befreiung der Frauen, den Respekt vor der Gleichstellung homosexueller Menschen, den Flüchtlingen als Menschen, die hier zu einer offenen, humaneren Gesellschaft beitragen. Der AFD-Geist des so genannten Patriotismus liebt die engen Grenzen und die eigene intellektuelle Begrenztheit.

Für diesen Trend, sich aus der europäischen Aufklärung und den Werten der universal geltenden Menschenrechte zu verabschieden, stehen natürlich einige sich intellektuell gebende Führer-Gestalten, die dem Volk die Stichworte und Brüllworte (Pegida) liefern. Dabei sind sie selbst nicht zimperlich. Beatrix von Storch sagte angesichts der damals noch offenen Grenzen für Flüchtlinge und Asylsuchende: Im Fall eines verbotenen Grenzübertritts dieser Menschen, trotz des „Halte-Signals“, sei es erlaubt, auf diese Menschen zu schießen. Später bewies Frau von Storch freundlicherweise so viel Humanität, dass sie sagte: Auf Kinder dürfe man von Europa oder Deutschland/Österreich aus nicht schießen, hingegen auf die Mütter dürfe man durchaus schießen. Es ist merkwürdig, dass diese Aussagen in der Öffentlichkeit schnell in Vergessenheit geraten sind und nicht bei jeder Gelegenheit dieser Frau in Talkshows etc. zunächst einmal, als Opening, vorgehalten werden. Sie ist ja wohl immer noch Abgeordnete im Europa-Parlament, da sind Erinnerungen an faschistoid klingende Äußerungen durchaus wichtig…Nebenbei: Eine Freundin von mir meinte in dem Zusammenhang: Für Frau von Storch hätte es doch reichen müssen, wenn bei unerlaubtem Grenzübertritt nur auf Störche nicht geschossen wird. Aber das ist ein anderes Thema.

3.
Interessant ist, dass die gedankliche und öffentlich formulierte Möglichkeit des Schießens auf Menschen von einer Person gefordert wird, die leidenschaftlich für den Schutz des ungeborenen Lebens eintritt und bei entsprechenden PRO-Life Demonstrationen dabei ist. Man sieht darin die völlig wahnhafte Bedeutung dessen, was Schutz des ungeborenen Lebens und eben konsequenterweise Nicht-Schutz des geborenen Lebens (vor allem der Fremden, Flüchtlinge usw.) bedeutet. Wie überhaupt, etwa in den USA, Pro-Life-Aktivistinnen zu heftigsten körperlichen Attacken greifen, wenn sie etwa Ärzte strafen und misshandeln, die Abtreibungen vornehmen. Diese auch kirchlich geförderte und immer wieder als Vorbild hingestellte „Pro Life Bewegung“ ist also nichts als eine christlich kaschierte Variante eines gewalttätigen Denkens, siehe die Schießempfehlung der pro-life-Aktivistin von Storch. Über Parallelen dieses Denkens zu fundamentalistischen, sich muslimisch nennenden Kreisen der Islamisten, wäre weiter nachzudenken…

Über Frau von Storchs Biografie kann man einige Informationen im Netz lesen. Wir beschränken uns nur auf den Aspekt, dass diese Dame mit ihrem angeblich christlichen Gerede die Botschaft des Christentums verfälscht. Dies ist eine Meinungsäußerung. Ich trete normalerweise nicht für absolute dogmatische Korrektheit ein, ich schätze die große Vielfalt von Glaubensformen im Christlichen. Aber im Falle des AFD – Christentums, so denke ich, sollte rechtzeitig öffentlich ein Nein gesagt werden, bevor noch mehr eher ungebildete Leute in ihrer autoritären Haltung denken: Was die 2. Vorsitzende und 2. Führerin der AFD da sagt über das Christentum, ist doch eigentlich richtig. Darum sollten aufgeklärte Leute diese AFD Christen im öffentlichen Gespräch bloß stellen. Ignorieren bzw. Gesprächsverweigerung – wie jetzt beim Leipziger Katholikentag – nützt nichts.

4.
Einige Hinweise zur Person: In der ultrakonservativen website kath.net wurde schon am 28. Mai 2014 Frau von Storch als, so wörtlich, „engagierte evangelische Christin“ vorgestellt.

Frau von Storch ist mit vollen Namen Beatrix Amelie Ehrengard Eilika von Storch, geborene Herzogin von Oldenburg. Sie entstammt also dem Hochadelsgeschlecht Oldenburg und ist die älteste Tochter des Ingenieurs Huno Herzog von Oldenburg (geb. 1940) und seiner Frau Felicitas (geb.1941), geb. Gräfin Schwerin von Krosigk. Die adlige Dame ist mit dem chilenischen Kaufmann Sven von Storch verheiratet.

Und ab hier wird deutlich, dass die Bedeutung der 2. AFD Vorsitzenden sich nur aus ihrem Eingebundensein in ein weites Netzwerk äußerst konservativer Leute verstehen lässt. Ihr Mann Sven von Storch wurde Direktor des Instituts für Strategische Studien Berlin (ISSB). Er ist Mitgründer der Internet- & Blogzeitung „Die FreieWelt.net“ und seit Dezember 2008 ihr Herausgeber. Herr von Storch ist zudem Mitgründer und Vorsitzender von AbgeordnetenCheck.de und EUCheck.org, sowie seit Dezember 2013 Präsident der NGO, Coalición Ciudadana, in Santiago de Chile. Dies berichtet die Selbstdarstellung in der rechtslastigen „Freie Welt“, einer Art AFD-Organ, das selbstverständlich auch Beiträge von der Gattin Beatrix veröffentlicht (1). Über die Chile-Connection des Herrn von Storch wäre weiter zu forschen, zumal in Chile heute bezeichnenderweise das allerstrengste Abtreibungs-Verbot Lateinamerikas gilt, nicht nur ein Erfolg rigider zölibatärer Prälaten, sondern ein Erfolg dortiger NGOS und Pro Life Leuten…

Wie stark dieses Medium „Freie Welt“ mit ultrakonservativen Kreisen im deutschen Katholizismus verbunden ist, zeigen etwa Interviews mit dem konservativen katholischen Publizisten Manfred Spieker (2). Er ist immer wieder Gastredner des reaktionären „Forum deutscher Katholiken“, einer Gegenveranstaltung zu den Katholikentagen. An diesem Forum deutscher Katholiken hat übrigens früher Kardinal Joseph Ratzinger teilgenommen…

Noch heftiger sind die Äußerungen (in dem blog des Herrn von Storch) von Mathias von Gersdorff, der aus dem Adelsgeschlecht derer von Gersdorff stammt und auch, wie der Gatte von Storch, in Chile geboren wurde. Er äußert sich sehr polemisch und rabiat über den Zustand des deutschen Katholizismus, etwa zum Leipziger Katholikentag 2016: „Das Bild, das die katholische Kirche in Deutschland damit gibt, ist desolat. Eine Kirche, die völlig dabei ist, ihre katholische Identität zu verlieren. Es zeigt sich einmal wieder: Das „Zentralkomitee der deutschen Katholiken“, der Veranstalter des Katholikentages, trägt dazu bei, den katholischen Glauben in Deutschland zu vernichten“. (3) Typisch ist, dass der deutsche Hochadel in Ablehnung des eher progressiven „Zentralkomitees der deutschen Katholiken“ und seiner Katholikentage ganz auf die reaktionäre Alternativveranstaltung „Forum deutscher Katholiken“ setzt und dort wiederum auf reaktionäre Gruppen wie die „Legionäre Christi“ oder das „Regnum Christi“: Hubert Gindert, der Organisator dieser alternativen „Katholikentage“, sagte mir schon 2006 in einem Interview für den Deutschlandfunk: „Ich würde sagen, nach meiner Beobachtung, dass es eine über proportionale Zahl von katholischen Adeligen in den neuen geistlichen Gemeinschaften sich findet, zum Beispiel also bei Regnum Christi: Fürst Löwenstein, der also immer durch unsere Kongresse führt, der ist also eng verbunden mit Regnum Christi. Christiana von Habsburg Löwenstein, das ist die Schwester von Fürst Löwenstein, die ist also auch Mitglied in Regnum Christi, ja. Ich hab den Eindruck, dass bei diesen Gemeinschaften der Adel verhältnissmäßig stark repräsentiert ist“. Nebenbei: Inzwischen ist der Priester Paul Habsburg aus dem Orden der Legionäre Christi mit dem exakten Namen: Paul Rudolph Joseph Michael Antal Petrus Maria von Habsburg-Lothringen, offizieller Titel ist Paul, Erzherzog von Österreich, geboren 1968, für die Neuevangelisierung Deutschlands tätig. Ein anderer Legionär Christi aus dem Hochadel ist der ehemalige Provinzial für Deutschland und jetzige Generalvikar des Legionärs Ordens in Rom, Pater Sylvester Heeremann, er entstammt dem alten niederländischen Adelsgeschlecht Heereman von Zuydtwyck, sein Vater ist Chef von „Malteser international“…

5.
Der oben erwähnte Mathias von Gersdorff gehört auch insofern zum Netzwerk derer von Storch/Oldenburg, als er das deutsche Büro der sehr extrem traditionalistischen internationalen katholischen Bewegung „Gesellschaft zum Schutz von Tradition, Familie und Privateigentum“, in Deutschland mit Sitz in Bad Homburg, leitet, zugleich ist er “selbstverständlich“ Aktivist zum Schutz des ungeborenen Lebens. Damit hat er erst mal alle Sympathien vieler katholischer Prälaten und Kardinäle und evangelikaler Führer. Man kann als Reaktionär eben nichts Besseres und diplomatisch/finanziell Wirkungsvolleres tun, als „pro life“ zu sein… Diese Haltung muss man nicht einmal in reaktionären Kreisen begründen. So einfach ist das. Und es ist bezeichnend, dass von Gersdorff sein Buch über den Gründer der weltweiten reaktionären Bewegung für Tradition, Familie und Privateigentum Plinio Correa de Oliveira in der ebenfalls reaktionären Trappistenabtei Mariawald in der Eifel vorstellte, zahlreiche Kardinäle haben sich für dieses Buch über Plinio Correa de Oliveira ausdrücklich bedankt, wie Kardinal Raymond Burke, Walter Brandmüller, Paul Josef Cordes usw… Diesen Plinio Correa de Oliveira folgten zahlreiche Bischöfe, die sich als reaktionäre Gruppe („Coetus internationalis“) auf dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962-65) sammelten, zu ihnen gehörte der Brasilianer Bischof Geraldo de Proenca Sigaud svd, ein militanter Gegner von Erzbischof Helder Camara, und erwartungsgemäß eben Erzbischof Marcel Lefèbvre gehörte zu diesem reaktionären Club, der den Reformern das Leben sehr schwer machte. Die Österreichische Gesellschaft zum Schutz von Traition, Familie und Privateigentum“ hat etliche Bücher auch über den Gründer dieser reaktionöären Bewegung veröffentlicht: https://tfp.at/shop/

Zum weiten Netzwerk von Beatrix von Storch gehört auch Paul von Oldenburg, auch er ein alter Adliger: Ich zitiere aus wikipedia: „Paul von Oldenburg ist Sohn von Friedrich August von Oldenburg und Marie Cäcilie von Preußen. Die Häuser Oldenburg und Hohenzollern sind protestantisch, aber Paul von Oldenburg ist konvertiert und verheiratet mit María del Pilar Méndez de Vigo y Löwenstein-Wertheim-Rosenberg, mit der er fünf Kinder hat“.

Die Cousine Paul von Oldenburgs ist Beatrix von Storch. Und mit ihr ist er in Brüssel am Kämpfen: Sie für die AFD und er, Paul von Oldenburg, als Lobbyist für die „Bewegung für Tradition, Familie und Privateigentum“. Diese drei Begriffe sind raffiniert gewählt: Der Tradition entsprechend soll die klassische (Hetero)-Familie mit der üblichen Rolle der Frau-Mutter gepflegt werden und dabei das Privateigentum durch den fleißigen Mann vermehrt werden. Wer die Familie pflegt und das Privateigentum als göttliche Gabe der Fleißigen und Adligen sieht, der will auch sicher sein, dass die Erbschaftsgesetze zugunsten der Reichen so erhalten werden müssen, dass der alte Adel durch Heirat/Familiengründung niemals verarmt. Paul von Oldenburg ist auch aktiv für das „Herz-Jesu-Apostolat – für die Zukunft der Familie“. Diese Kreise finden volle Unterstützung katholischer Hierarchen. Man denke etwa, mit welcher Begeisterung viele französische Bischöfe an Massendemonstrationen gegen die „Homoehe“ teilnahmen und dabei genau dieselben Argumente vertraten wie diese Herz-Jesu-Fanatiker und Freunde von „Tradition, Familie und privateigentum“, die auch in Frankreich vertreten ist.

Der politische Mittelpunkt dieser Bewegung ist die Ablehnung der wesentlichen Gleichheit der Menschen. Natürlich ist jeder einzelne Mensch in seinem Aussehen usw. vom anderen verschieden und eben nicht gleich. Diese Banalität meinen diese Herrschaften natürlich nicht: Sie behaupten, es gibt wesentliche Unterschiede unter den Menschen, sozusagen Abstufungen von Wertvollen und weniger Wertvollen. Darin entsprechen sie ganz der Logik der „Neuen Rechten“, also einer weit verzweigten präfaschistischen Philosophie, die in den 1980 Jahren von Frankreich aus sich weit verbreitete. Das künftige Parteiprogramm der AFD, das die Rechercheplattform www. Correctv.org publiziert hat, ist wohl von diesem Geist der Ungleichheit der Menschen bestimmt. Und das ist der entscheidende Punkt, an dem alle, denen Menschenrechte und Demokratie noch etwas bedeuten, aufwachen und handeln sollten.

Der reaktionäre Papst Gregor XVI. (1831-1846 als Papst) wird in diesen Kreisen gern erwähnt, er sagte im Sinne der „Bewegung für Tradition, Familie und Privateigentum“: „Es gibt eine von Gott gewollte Ungleichheit im Recht, Besitz, in der Macht“. Wer für die absolute und heilige Bedeutung des Privateigentums (contra Gemeinwohl) eintritt, will eine hierarchische Gesellschaft der Ungleichen.

In welchen Kreisen also bewegen sich Frau von Storch und ihr Cousin? Gustavo A. Solimeo zum Beispiel ist Mitglied der us-amerikanischen „Bewegung für Tradition, Familie und Privateigentum“, er sagt: „Ungleichheit der Menschen ist ein Naturgesetz. Gott erschuf alles mit Ungleichheit. In allen Bereichen der Schöpfung gibt es Ungleichheit. Nur soziale Ungleichheit erlaubt sozialen Fortschritt: Je mehr Abstufungen es auf einer Gesellschaftsstufe gibt, desto leichter ist es, voranzukommen und gesellschaftlich aufzusteigen“.

Die bestens vernetzte Clique um Beatrix von Storch will ein anderes, nicht mehr so menschenrechtsfreundliches  Deutschland (dies ist meine begründete Meinungsäußerung!), und auch ein anderes, eben ein autoritäres Europa, und das wird nach außen hin taktisch geschickt, im Namen des Christentums gefordert. Deswegen auch die freundschaftliche Verbindung mit der FPÖ. Die europäische Flüchtlingspolitik heute ist bereits eine Angst-Reaktion auch der deutschen Regierung auf die „Macht“ der rechtslastigen und rechtsextremen Populisten, auch von der AFD. Sie bestimmen bereits indirekt die Politik.

Wir sollten nicht zulassen, dass diese Kreise mit ihrer umfassenden Lobby und ihrem Geld auch das Gesicht des Christlichen immer weiter prägen. Und das Christliche förmlich vergiften, weil sie es von universaler Menschenfreundlichkeit „befreien“. Dass es de facto AFD nahe Positionen in den Kirchen gibt, und seit langem schon gibt, ist eine Tatsache, siehe eben die Höherschätzung des ungeborenen Lebens vor dem geborenen Leben etwa der Flüchtlinge, die aufgrund heftigster unmenschlicher Politik Europa etwa in Ideomeni, an der Grenze zum abgeriegelten Mazedonien, jetzt krepieren. Es wird eine kalte Politik des alten europäischen Egoismus betrieben, weil viele Politiker vor dieser AFD Partei Angst haben bzw. auch Angst haben, wegen der Erfolge dieser AFD Partei den eigenen Job zu verlieren. Es geht um die Angst, die Angst vor dem Verlust des „Eigenen“, des Besitzes, der angeblich eigenen Kultur, wenn man sie denn überhaupt hat. Nur deswegen sind ja auch die „Wahlerfolge der AFD oder der Le Pen Partei oder der FPÖ oder des Katholiken Wilders (PVV) in Holland zu erklären.

Die Kirchen sollten beginnen, sich von dem AFD – Geist in ihren eigenen Reihen zu befreien. Nur dieser enge, theologisch auch dumme Ungeist in den Kirchen selbst hat ja die AFD-Erfolge mit möglich gemacht.

(1) http://www.freiewelt.net/autor/?tx_ttnews[swords]=sven%20von%20storch

(2) http://www.freiewelt.net/interview/ehe-und-familie-sind-fuer-politik-ein-blinder-fleck-10065130/

(3) Dieser Beitrag ist erschienen auf mathias-von-gersdorff.blogspot.de

Copyright: Christian Modehn Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

 

„Am wichtigsten ist die Religion der Menschlichkeit“. Drei Fragen an Prof. Wilhelm Gräb

Die Fragen stellte Christian Modehn

Veröffentlicht am 24. April 2016

In Ihrem Interview im März 2016 mit dem Titel „Für die Grenzgänger“ haben Sie zum Schluss dafür plädiert, viel stärker in theologischen Debatten wie im Alltag des religiösen Lebens die „Religion der Menschlichkeit“ als allgemeine spirituelle Basis anzuerkennen.

Etliche LeserInnen haben darauf reagiert und wollen weitere Erläuterungen zu diesem Thema, das entscheidend ist für die Zukunft einer ständig Gewalt bereiten Menschheit wie auch angesichts der immer noch zerstrittenen christlichen Kirchen.

Die erste Frage ist: Kann denn unsere Beziehung zu den Menschenrechten, etwa in der „Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte“ (1948), tatsächlich einen spirituellen Charakter bekommen? Sind die Menschenrechte nicht auf die Anerkennung „bloß“ durch den Verstand begrenzt? Wie kann ich eine möglicherweise ganzheitliche „emotionale“ Beziehung, zu ihnen aufnehmen?

Das Schicksal anderer Menschen ist uns nicht gleichgültig. Wir empfinden Mitleid, wenn wir die Bilder vom Grenzzaun in Idomeni sehen. Das Leiden anderer Menschen rührt uns an. Es treibt uns über uns selbst hinaus, und wir wollen etwas dagegen tun. Historisch gesehen waren es die Gräueltaten durch das nationalsozialistische Deutschland, die die Generalversammlung der Vereinten Nationen am 10. Dezember 1948 die „Allgemeine Erklärung der Menschenrechte“ beschließen ließ. Darin heißt es: „Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren“ (Art. 1), sodann : „Jeder hat das Recht auf Leben, Freiheit und Sicherheit der Person“ (Art. 3) und dies „ohne irgendeinen Unterschied, etwa nach Rasse, Hautfarbe, Geschlecht, Sprache, Religion, politischer oder sonstiger Anschauung, nationaler oder sozialer Herkunft, Vermögen, Geburt oder sonstigem Stand“ (Art. 2) .

Das sind Aussagen, die, wie es in der Präambel heißt, ein „Ideal“ formulieren, auf dessen Anerkennung und Durchsetzung in der Gemeinschaft der Völker und Staaten hinzuarbeiten sei. So ist es nicht, noch nicht. Aber so soll es sein, ist damit gesagt. Es wird im Indikativ formuliert, der aber imperativisch gemeint ist. Lasst uns also, so die Aufforderung an die unterzeichnenden Staaten, als Vereinte Nationen auf nationaler und internationaler Ebene die rechtlichen Voraussetzungen dafür schaffen, dass solche Verhältnisse, in denen jeder Mensch sein Recht auf Leben, Freiheit und Sicherheit der Person, unabhängig von seinen nationalen, rassischen und religiösen Zugehörigkeiten garantiert bekommt, überall auf der Welt Wirklichkeit werden.

Höchst interessant bleibt dennoch die Beobachtung, dass die Erklärung der Menschenrechte in Art. 1 eine Aussage über die allen Menschen angeborene Würde und das ihnen damit gleichermaßen zukommende Recht auf Leben, Freiheit und Sicherheit macht. Das ist kein auf Erfahrungswissen gründender Satz. Es ist auch kein moralischer Imperativ. Er formuliert auch keineswegs nur, wie in der Präambel gesagt wird, ein Ideal, dem es nachzueifern gelte. Dieser Satz stellt vielmehr eine Behauptung auf über das, was der Mensch ist bzw. über das, was ihm allein aufgrund seines Menschseins an Würde und Rechten zukomme. Zu dieser Behauptung berechtigt keine Erfahrung, kein Wissen. Unser Verstand dürfte uns ihr daher kaum zustimmen lassen.

Deshalb bin ich der Meinung, dass es sich hier um einen Glaubenssatz handelt. Die Zuerkennung der Menschenwürde und der sich aus ihr ergebenden Menschenrechte lebt vom Glauben an die Menschlichkeit des Menschen, jedes einzelnen Menschen, unabhängig von seinen nationalen, rassischen und religiösen Zugehörigkeiten. Von daher legt es sich für mich dann auch nahe, in unserer Beziehung zu den Menschenrechten eine spirituelle Dimension mit einer stark emotionalen Verankerung zu erkennen.

Es war das Erschrecken über das Fürchterliche, das Menschen einander antun können, das zur „Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte“ geführt hat. Ihr Ziel war es, diejenigen unveräußerlichen Rechte festzuschreiben, auf die sich jeder Mensch, allein aufgrund seines Menschseins, sollten berufen können. Deshalb fordert die Präambel auch, sie in nationale und internationale Rechtsordnungen aufzunehmen. Aber in dem allem, das zu ihrer Durchsetzung und Einhaltung unabdingbar ist, gilt es zu sehen, dass sie auf einem emotional grundierten, humanitären Glauben an die Menschlichkeit jedes Menschen aufruhen.

Auf ein verstandesmäßiges Wissen um das, was der Mensch ist, können die Menschenrechte sich niemals gründen. Was wir vom Menschen wissen ist ja eben dies, dass er zu den schlimmsten Gräueltaten gegen seinesgleichen ebenso fähig ist, wie dass er sich anrühren lassen kann vom Leid anderer und ihnen zu helfen bereit ist. Nein, die Menschenrechte ziehen ihre politische Kraft allein aus dem Glauben an sie. Ich möchte diesen Glauben zunächst einen humanitären Glauben nennen. Dieser wird, wenn Menschen es mit ihm auf eine sie selbst in ihrem Handeln verpflichtende Weise ernst nehmen, zu einem moralischen Glauben. Er ist dann aber ebenso auch für eine religiöse Deutung offen. Auf sie stoßen wir, wenn wir die Frage zulassen, was uns dazu fähig macht, dass wir im anderen ein uns gleiches Wesen erkennen, wir uns mit ihm verbunden fühlen, in unserer elementaren Bedürftigkeit, im Angewiesen-Sein aufeinander, im Gefühl einer Zusammengehörigkeit, das über alle kulturellen Differenzen und politischen Gegensätze hinweg, ja, trotz Krieg und Terror, für uns doch die Welt im Innersten zusammenhält. Das Von-Woher dieses Gefühls ist für mich das Göttliche auf dem Grund jeder Menschenseele. Wo dieses Gefühl der Zusammengehörigkeit in der einen Menschheitsfamilie, von dem der humanitäre und moralische Glaube an die Menschenrechte lebt, sich Ausdruck verschafft, dort kann aus diesem Glauben auch ein religiöser Glaube werden.

Die zweite Frage: Wenn die Menschenrechte auch das christliche Bekenntnis gründen, wie Sie im März sagten, und wenn sie auch den Mittelpunkt der christlichen Lehre darstellen: Wie sollte denn mit den Menschenrechten in den Kirchen, etwa auch in Gottesdienst, Gemeinde und Predigt, (vorrangig) umgegangen werden?

Die Kirchen haben sich ja lange Zeit sehr schwer getan, die Menschenrechte anzuerkennen. Vielleicht lässt sich dieser Sachverhalt aber auch als Hinweis darauf verstehen, dass die den Menschenrechten zugehörende spirituelle Dimension zwar von ihnen erkannt wurde, allerdings dann die Befürchtung aufkam, es könnte der Glaube an die Menschlichkeit des Menschen an die Stelle des Glaubens an Gott treten. Inzwischen haben die Kirchen jedoch nicht nur in ein positives Verhältnis zu den Menschenrechten gefunden, sie reklamieren jetzt sogar, sie erfunden zu haben. Wurden sie von den christlichen Kirchen im Zusammenhang ihrer ersten Ausformulierungen, die im Zusammenhang der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung und der Französischen Revolution standen, als Ausdruck eines frevelhaften Aufstandes des sich autonom setzten Menschen abgelehnt, so werden sie heute schöpfungs- und rechtfertigungstheologisch begründet. Die Unverletzlichkeit der Menschenwürde und sein unveräußerliches Recht auf Leben, Freiheit und Sicherheit sind dann theologisch deshalb anzuerkennen, weil Gott den Menschen als sein Ebenbild geschaffen hat und sein unbedingter Liebeswille sogar noch dem Sünder gilt. Da ist keiner –sollten seine Untaten noch so zu Buche schlagen – dem die Anerkennung der Menschenwürde und der daraufhin auch ihm zukommenden Menschenrechte entzogen werden darf.

Die Reformulierung der christlichen Lehre auf der Basis und in der Aufnahme der Menschenrechte ist einer der erstaunlichsten Vorgänge in der neueren Religionsgeschichte. Darauf lässt sich heute aufbauen. Die Affirmation der Menschenrechte, wonach diese Rechte jedem Menschen unveräußerlich zugehören, gilt es offensiv als den heutigen Sinn des christlichen Schöpfungs-und Rechtfertigungsglaubens auszulegen. Dass jeder Menschen das Recht auf Leben, Freiheit und Sicherheit seiner Person hat, folgt für Christen daraus, dass sie an Gott den Schöpfer und an Jesus Christus, den Mensch gewordenen Gottessohn glauben, wie dann an den Heiligen Geist, in dem sie die Verbundenheit aller Menschen untereinander leben. Der Mensch gewordene Schöpfergott ist in der Welt nicht anders als im Geist der gegenseitigen Anerkennung der Menschen und ihres je eigenen Rechts auf Leben, Freiheit und Sicherheit gegenwärtig.

Die dritte Frage: Wenn die Menschenrechte tatsächlich eines Tages hoffentlich Geist und Seele der Menschen, auch der Politiker, prägen und bestimmen, fehlt dann nicht aber doch etwas? Fehlt die Wirklichkeit Gottes? Oder wäre gar der wahre Respekt der Menschenrechte schon eine Form des Gottes-Dienstes?

Der Glaube an den Menschen und seine unveräußerlichen Rechte ist wirklich ein Glaube, kein sachhaltiges, verstandesmäßiges Wissen. Ich habe ihn zunächst einen humanitären Glauben genannt, der seine Herkunft im Erschrecken darüber hat, was Menschen einander an Schrecklichem antun können. Dem setzt der humanitäre Glaube dort, wo er zu einem existentiell verbindlichen, moralischen Glauben wird, sein trotziges Dennoch entgegen und die mutige Hoffnung darauf, dass die Menschlichkeit im Umgang der Menschen miteinander sich schließlich durchsetzen wird. An diesem Moment des Kontrafaktischen des humanitären Glaubens tritt zugleich aber auch die spirituelle Dimension in unserer Beziehung zu den Menschenrechten hervor. Denn der Glaube an die Menschlichkeit des Menschen und die ihm unveräußerlich zukommenden Rechte schreibt jedem Menschen eine unbedingte Bedeutung zu. Jeder Mensch wird als einer geglaubt, der nie schon aufgeht in dem, was von ihm vorhanden ist, somit auch nicht in dem, was von ihm sichtbar wird, nicht in seinen Wohltaten und nicht in seinen Untaten, wie bewundernswert oder wie verabscheuungswürdig auch immer sie zu Buche schlagen mögen.

In jedem Menschen ist mehr, ist eine Transzendenz, etwas letztlich Unbegreifliches. Das eben bringt die christliche Rede dadurch zum Ausdruck, dass sie den Menschen ein Kind Gottes nennt, von Gott geschaffenen, in Sünde verstrickt, aber noch in seiner sündhaften Verkehrung von Gott unendlich geliebt. Jeder Mensch ist, in religiöser Sprache ausgedrückt, ein solcher, auf den Gott seine Hand gelegt hat. Unantastbar ist die Würde jedes Menschen für den, der an die Menschlichkeit (Gottes) glaubt. Unveräußerlich sind die Rechte jedes Menschen, sein Recht auf Leben, auf Freiheit, auf persönliche Sicherheit, für den, der seinen Glauben an die Menschlichkeit (Gottes) in der Liebe zu den Menschen lebt.

Copyright: Prof. Wilhelm Gräb, Humboldt Universität Berlin und Religionsphilosophischer Salon