Heidegger, der politische Mensch…

Martin Heidegger – nicht nur ein „Denker“, sondern ein politischer Mensch.

Von Christian Modehn

Eine weitere Fortsetzung (am 15. 3. 2015) zu unserem Thema, unserer Rubrik „Heidegger und die Nazis“:

Wir empfehlen die Lektüre des Interviews mit der Philosophin, Prof. Marion Heinz, Siegen, in „Die Zeit“ vom 12. März 2015 Seite 50f. Die Fragen stellte Thomas Assheuer.

Einige Hinweise zu uns zentral erscheinenden Erkenntnissen von Marion Heinz, die auch von anderen Forschern schon erwähnt wurden, nun aber noch einmal eine Bestätigung finden:

– „Die (jetzt fast vorliegende) Heidegger Gesamt-Ausgabe genügt den Prinzipien kritischer Editionen nicht; wir Forscher tappen im Dunkeln. Keiner weiß, wo Passagen gestrichen wurden….“   Gestrichen von den sich allmächtig aufführenden Erben Martin Heideggers…

-Es gibt die Jahre lang verbreitete These, Heidegger sei letztlich ein a-politischer, ein einsamer Denker in seiner weltfernen Hütte gewesen, der nur auf das Sein selbst lauschte etc… Dagegen betont Prof. Marion Heinz: „Das Bild vom politisch desinteressierten Philosophen Heidegger … ist das Ergebnis dessen, wie Heidegger sich selbst in der Nachkriegszeit inszeniert hat“. Mit anderen Worten: Viele Heidegger – Forscher haben seit 1945 diese Selbstinszenierung geglaubt und brav übernommen und verbreitet.

-Es wird in dem Zusammenhang behauptet, der weltferne Seins-Philosoph sei eigentlich gar nicht am Tagesgeschehen, etwa an der Zeitungslektüre, dem Radiohören etc. interessiert gewesen: „Die Briefe Heideggers zeigen, was für ein wacher und aufmerksamer Beobachter auch der Tagespolitik Heidegger war.. Er ist immer bestens informiert,….er verfolgt die Geschehnisse am Ende der Weimarer Republik überaus interessiert“.

-Martin Heidegger empfiehlt seinem Bruder Fritz in einem Weihnachtsbrief 1931, Hitlers „Mein Kampf“ zu lesen, „begleitet von einer Einschätzung Hitlers, die überaus positiv ist“.

-Martin Heidegger glaubt, zu Hitler gebe es keine Alternative, “er sei ein Erfordernis des geschichtlichen Augenblicks“.

Bezeichnenderweise spricht Heidegger – wie heute andere Kreise – ständig vom Abendland, das es zu retten gelte.

-Auch die oft noch zur „Rettung der Aktualität von Heideggers Denken“ vorgebrachteten Argumente zählen nach Meinung von Marion Heinz nicht: Heideggers Kritik an der Technik wird da oft lobend vorgebracht. Marion Heinz hält diese Lobeshymnen für abwegig: „Es kann ja nicht sein, dass man Heidegger für unverzichtbar hält, bloß weil wir jemanden brauchen, der uns auf die Gefahren unserer Zeit aufmerksam macht“. (Das hat zur gleichen Zeit viel besser etwa Theodor W. Adorno gemacht, CM).

Dann bleibt die Hauptsache, auf die wir schon mehrfach hingewiesen haben: Was bleibt dann eigentlich noch von Heidegger? Ist sein Denken insgesamt „verdorben“, vergiftet“? Aus welchen auch psychischen Motiven hat sich Heidegger nach dem offensichtlichen Scheitern seines „großen“ Projekts „Sein und Zeit“ in die andere Seins-Philosophie gestürzt mit ihren Schickungen und Weisungen? Wollte er sich als der ganz Große, der Allein-Wissende, auf diese Weise etablieren? Diese Frage wäre doch recht spannend. Und: Warum sind so viele Philosophen auf Heidegger „reingefallen“ und haben Jahrzehnte lang seine Weisungen in tausend Büchern hin und her gedreht? Passte Heidegger in die Kultur des Nachkriegszeit, weil er das kritische Denken in das ewige Dunkel der Seinsgeschichte führte und damit ein Alibi schuf, sich mit der realen politischen Geschichte zu befassen, mit dem Krieg, dem Rassismus, mit Auschwitz, mit dem Kolonialismus, dem Anti-Kommunismus usw… Heidegger, so eine These, legte das Material bereit, philosophisch im Dunklen zu tappen und sich philosophisch der Auseinandersetzung mit der Gegenwaert – auch empirisch- zu entziehen. Nebenbei: Es ist doch bezeichnend, dass meines Wissens kaum ein Heideggerianer etwas zur Friedensbewegung, zur Anti-Atom-Bewegung, zur feministischen Bewegung sagte oder jetzt zu dem Massensterben von Flüchtlingen im Mittelmeer sagt. Hat Heidegger das Denken im schlechten Sinne beruhigt? Wahrscheinlich. Das wäre eine spannende Frage. Marion Heinz sagt sehr treffend: „Die ernsthafte Auseinandersetzung darüber, was von der weithin behaupteten  Weltgeltung von Heideggers Denken (nach der Veröffentlichugn der Schwarzen Hefte) bleibt, STEHT ERST AM ANFANG“.

In „Die Zeit“ vom 12. März 2015 findet sich ein weiterer interessanter Hinweis des Heidegger-Schülers Prof. Rainer Marten mit dem Untertitel. „Seit Jahren nehmen die Herausgeber Martin Heideggers Werk in Beschlag. Das ist ein Skandal, der endlich ein Ende haben muss“. Marten ist empört, dass sich die Heidegger Familie anmaßt, über den Nachlass eigenmächtig zu verfügen. Er weist darauf hin, dass Heideggers Sohn es sich nicht nehmen ließ, der sehr rechtslastigen Wochenzeitung „Junge Freiheit“ (Nr. 45(02) ein Interview zu geben. Wie schon sein Vater Martin, sagt der Sohn Hermann: „Mein Vater wollte nicht, dass sich die neugierige Journaille auf den unveröffentlichten Nachlass stürzt…“ Journalismus gab es für Martin Heidegger immer nur in der Form der hässlichen „Journaille“… Die Junge Freiheit ist für Hermann Heidegger offenbar seriös, in dem gleichen Geist, in dem Friedrich Wilhelm von Hermann, der treue Heidegger-Deuter, ein Interview dem sehr rechtslastigen russischen Politiker und Putin-Freund Alexander Dugin ein Fernseh-Interview gab. Klicken Sie hier.

Copyright: Christian Modehn

 

 

Zuerst die Menschlichkeit. Danach kommt die Religion

Zuerst die Menschlichkeit: An zweiter Stelle stehen die Religionen

Von Christian Modehn

Eine zentrale Überzeugung unseres „Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon Berlin“ wurde mehrfach diskutiert, zuletzt im Salon am 27. Februar 2015: Angesichts der Welle von Hass und Gewalt, im Namen von Religionen, heute wie damals, können wir als Prinzip unseres Denkens und natürlich auch Handelns nur betonen und versichern: „Zuerst kommt die Pflege der Menschlichkeit, an zweiter Stelle die Pflege der Religionen“, also auch meiner Religion und der Religion der anderen.

Mit anderen Worten: Die Religion und das Bekenntnis zu einem konkreten Glauben sollen niemals das Zentrum des Lebens sein, auch nicht des öffentlichen Lebens. Die Trennung der Religionen vom Staat ist ein Gewinn, der niemals aufgegeben werden darf. Die ursprüngliche Laizität in Frankreich ist da maßgeblich.

Die Pflege der Humanität, die sich als solche äußert noch vor aller religiösen Bindung und Indoktrination, ist der Mittelpunkt, das Zentrum des Menschen, jedes Menschen.

Natürlich gibt es unterschiedliche Kulturen. Aber in allen Menschen aller Kulturen gibt es aufgrund der allen gemeinsamen Vernunft eine Überzeugung von dem alle Menschen verbindlichen Ethos, das sich natürlich in verschiedenen Sprachen ausspricht, aber doch eine gemeinsame Grundlage hat. Sie äußert sich praktisch im Alltag, etwa im Nein zu Mord und tötender Gewalt, zu Folter, Frauenverachtung und Verfolgung von Homosexuellen, zu Rassismus usw. In diesem in der Lebenspraxis ausgesprochenen NEIN zeigt sich direkt oder indirekt die Überzeugung: Der praktische Respekt vor den Menschenrechten verbindet alle Menschen. Es gibt eine humane Basis einer allgemeinen, allen Menschen gemeinsamen Menschlichkeit. Es gibt immer wieder bei den Menschen das starke Gefühl und die Überzeugung: Hier handle ich als Mensch, und nicht als Angehöriger meiner Religion mit ihren Grundsätzen. Dies steht an erster Stelle, im Leben in der Gesellschaft, in der Bildung usw.

Darauf hat jetzt auch der in Paris lebende Theaterregisseur und Essayist Benjamin Korn in seinem Beitrag im „Tagesspiegel“ (10. März 2015, Seite 19) hingewiesen. Er erinnerte an den Angestellten Lassan Bathily, ein Muslim aus Mali, der „nur“ menschlich handelte: Er schützte am 7. Januar 2015, schnell entschlossen, im Keller des jüdischen Supermarktes „Hypermarché Cacher“ in Paris mehrere jüdische Kunden vor dem (islamischen) Massen-Mörder, der ebenfalls aus Mali stammt. Als Muslim konnte Lassan Bathily im jüdischen Supermarktes seine Gebete nach Mekka gewandt selbstverständlich immer sprechen. Benjamin Korn schreibt: „Der junge Retter Lassan Bathily führte für seine Tat nicht den Islam ins Feld. Gefragt, woher er den Mut und die Geistesgegenwart genommen habe, in dem von ihm vorher abgeschalteten Kühlraum zu verstecken, sagte er: Er habe nicht lange nachgedacht, er habe auf sein Herz gehört. Und fügte ein paar Sätze hinzu, die man an den Sternenhimmel schreiben könnte: Ich bin kein Held. Ich keine Juden gerettet. Ich habe nur Menschen gerettet“.

Eine wunderbare Formulierung.

Zuerst also die Menschlichkeit! Zuerst das auf das eigene Herz, das Gewissen hören und ihm folgen. Das steht im Mittelpunkt aller Beziehungen in einer multireligiösen Gesellschaft. Fragen wir nicht zu erst, welcher Religion gehörst du an! Fragen wir: Wie können wir gemeinsam unsere Menschlichkeit entwickeln und miteinander pflegen. Erst danach kann man auch über unterschiedliche religiöse Weisungen sprechen. Aber sie dürfen nicht der gemeinsamen Menschlichkeit konträr sein. Wenn sie das sind, sollte man sie beiseite lassen und sich Wichtigerem, eben dem Menschlichen, zuwenden.

In unserer Gesellschaft gibt es leider wenige Orte, die diese Menschlichkeit des Menschen, aller Menschen, ausdrücklich in der Öffentlichkeit pflegen. Es fehlen die Agoras, die Treffpunkte der Bürger, wo jeder und jede kostenfrei debattieren kann. Die modernen Demokratien haben offenbar von sich kein Interesse, solche Agoras zu fördern und zu finanzieren.

Die Schulen sind da gefordert: Aber wahrscheinlich sind sie viel zu sehr aufs Erlernen technischer Fähigkeiten aus. Eher könnten es die Religionen und Kirchen selbst sein. Indem sie erkennen: Der wahre Gottesdienst ist zuerst Menschendienst, im Sinne der Entwicklung der Humanität. Aber welcher Pfarrer, welche Gemeinde, hätte schon den Mut, an einem Sonntag auch einen ganz neu gestalteten „Menschendienst“ anstelle der Messe zu feiern? Welcher Imam würde am Freitag auch mal einen „Menschendienst“ gestalten, als offenes Gespräch der Gemeinde zur Frage: Warum sind wir Muslime zuerst Menschen wie alle anderen und erst an zweiter Stelle selbstkritische Muslime?

Copyright: Christian Modehn

Was ist das Wesen des Islams? Neue Aspekte einer Diskussion

Was ist das Wesen des Islam? Neue Aspekte einer Diskussion

Von Christian Modehn

Ende Dezember 2014 haben wir eingeladen, über das „Wesen des Islam“ nachzudenken. Weiter unten steht der Text, der damals publiziert wurde.

Anfang März 2015 haben wir eher behutsam-optimistische Hinweise veröffentlicht zur Rolle der Vernunft im heutigen Islam, wenigstens in Deutschland, siehe die Stellungnahmen von Abdel-Hakim Ourghi weiter unten.

Am 8.3. 2015 noch einmal erweitert: Ein Hinweis auf den absoluten Nihilismus auch kultureller Art bei denen, die sich Islamischer Staat (IS) nennen (aber mit einem authentischen Islam nichts zu haben) und ihr Imperium offenbar immer mehr erweitern: Nun hat der IS wichtigste kulturelle Schätze in Mossul und Nimrud zerstört, in einem religiös gefärbten Wahn, in einer nihilistischen Tat, die alle Zeugnisse kulturellen Leben VOR dem Auftreten des Islam nicht sichtbar gepflegt lassen und erhalten will. Heidnisches, Fremdes, für IS Mörder schwer Verständliches darf nicht existieren! Dabei spielen sicher auch ökonomische Interessen des IS eine Rolle, durch Verkauf wertvoller Objekte in den Westen…

Wenn nun der IS diese Regionen durch Zerstörung „säubert“, will er Raum schaffen für die in IS Sicht „pure“ islamische Welt, wie sie in Medina im Umfeld des Propheten existierte. Darum weist die nihilistische Zerstörungswut in Mossul und Nimrud auf noch viel Tieferes hin: Die IS Gebiete sollen auch von allen Zeichen, aller Lebendigkeit jüdischer und christlicher Kulturen, befreit werden. Befreiung stets verstanden als Zerstörung der Kultur und als Mord und Totschlag. Es spielt dabei auch der Hass der monotheistischen IS Muslime eine Rolle, der Hass auf die beiden anderen monotheistischen Religionen, auf Judentum und Christentum, also auf die Bibel in der Form des AT und NT. Bekanntlich hätte es keinen Koran geben können, ohne die Bibel, ohne die beiden Religionen Judentum und Christentum. Indem der IS diese Wurzeln des eigenen Glaubens vernichtet, zerstört er letzlich auch sich selbst. Es ist der Wahn, der da beim IS durchschlägt, als gäbe es eine Steigerung des monotheistischen Glaubens, von den angeblich primitiven frühen Formen des Judentums und Christentums hin zum späteren, evolutionär sozusagen höher stehenden Islam. Nur diese letzte, angeblich beste Stufe zählt. Diese These wird ja nicht nur vom IS vetreten! Sie ist vielerorts zu hören. Wer zur angeblich einfachen Gesellschaft des Propheten in Medina zurückkehrt, wehrt sich gegen Toleranz und Vernunft. Bekanntlich loben ja gebildete Muslime die Kultur des Propheten in Mekka, und die dort geschriebenen eher toleranten Texte gegenüber den eher heftigen Passagen des Koran, wie sie dann, für Medina gültig, aufgeschrieben worden. Insofern ist der IS auch eine Engführung des frühen Islam selbst und eine Art Halbierung des Propheten.

…………….

Jetzt, Anfang März 2015, wird die Debatte darüber in Deutschland weiter vertieft, mit neuen, präzisen Erkenntnissen des muslimischen Islam-Wissenschaftlers Abdel-Hakim Ourghi, Prof. an der Pädagogischen Hochschule in Freiburg.

Die Frage nach dem „Wesen einer Religion“ mag etwas großspurig erscheinen. Aber sie ist notwendig, weil sie ein Profil sucht, das über die faktischen Religionen, so wie sie heute leben, hinausweist. Der Wesens-Begriff ist nie ganz realisiert, er ist insofern ein kritischer Begriff. Das gilt auch für das Christentum, denn kein ernstzunehmender Beobachter des Christentums wird meinen, die evangelikalen MegaChurches in den USA seien Inbegriff des Christentums oder bestimmte Kreise des traditionalistischen Katholizismus typisch katholisch. Wer nach dem Wesen einer Religion fragt, sucht sozusagen die bessere, die humanere und spirituell-reine Gestalt des jeweiligen Glaubens in der religiösen Institution. Er sucht vor allem eine Gestalt, die vor dem bleibenden und gültigen Anspruch der Vernunft, wie sie sich heute artikuliert, bestehen kann.

Wichtig ist das Interview, das der islamische Theologe und Religionspädagoge Abdel-Hakim Ourghi (Freiburg) der Zeitschrift HERDER KORRESPONDENZ gegeben hat (Heft 3/2ß15 S. 124 ff.) Wir können nur einige zentrale Aussagen zitieren und die Lektüre des ganzen Interviews dringend empfehlen.

– „Der Islam hat mit dem islamischen Terrorismus zu tun. Auch die Extremisten sind Muslime. Sie beten in Moscheen, erkennen den Koran und die Tradition des Propheten als kanonische Schriften an. Sie begründen ihre Taten mit dem Koran…“ (S. 124)

– Die Extremisten beziehen sich auf einzelne Suren aus der Zeit Mohammeds in Medina, „es findet eine Rückkopppelung der Extremisten an diese medinensische Phase statt“ (S. 125).

– „Wir müssen auch die unangenehmen Aspekte in den kanonischen Quellen kritisieren, um das Klima für eine angemessene Interpretation des Islam zu schaffen“. (ebd.)

– „Muhammed ist 632 gestorben, schon in der ersten gemeinde des Propheten kam es innerhalb der Gemeinschaft zu Gewalttaten“ (S. 126).

Am wichtigsten ist in unserer Sicht:

– „Es geht darum, den Koran ALS TEXT zu verstehen“… “ Die Muslime müssen sich der Tatsache stellen, dass der Islam des 7. Jahrhunderts nicht mehr unser Islam ist – und auch nicht sein kann“ (ebd.)

– „Es besteht die Freiheit, heute unangemssene Koranstellen zu kritisieren“. (S. 127)

– „Notwendig ist ein rationaler Verstehenszugang zum Koran“ (S. 128)

– „Es ist an der Zeit einzugestehen, dass der Islam nicht die einzige Religion ist“ (ebd.). PS: Will Abdel-Hakim Ourghi eigentlich sagen, nicht die einzig WAHRE Religion ist“ (C. M.)

– „Mich stört es nicht, wenn es solche Karikaruren wie in Charlie Hebdo gibt. Im Gegenteil: Ich brauche keine Angst um meinen Propheten zu haben. Es muss ganz normal sein, dass man den Propheten kritisieren darf“ (S. 128)

Das Interview ist ein Beispiel dafür, dass unter gebildeten Muslimen ein Islam gedacht und damit praktisch wohl auch vorbereitet wird, der zu den Grundlagen einer vernünftigen Kultur nicht mehr im totalen, feindlichen Widerspruch steht. Eine Anerkennung der Menschenrechte als der obersten Norm und als der kritischen Instanz auch in religiösen Fragen würden wir uns noch deutlich von Abdel-Halim Ourghi wünschen. Aber seine Überzeugung weist in diese Richtung: Wenn er etwa ablehnt, dass islamische Geistliche in Deutschland vom türkischen Religionsministerium bestellt werden. Dahinter steht der Wunsch, einer konsequenten Trennung der (islamischen) Religion von jeglichem staatlichen Einfluss.

Die ganze Debatte, die wir hier für wichtig halten, steht im Dienst der Religionskritik, die ja durchaus nach dem vernünftigen Potential der Religionen, auch des Islam, fragt. Es ist keine Frage: Ein sich reformierender Islam gehört selbstverständlich auch zu Deutschland, weil die Muslime hier leben, die sich auf diesen religiösen Weg begeben haben.

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Dieser Text wurde Ende Dezember 2014 publiziert:

Seit etlichen Jahren werden wir von Islam-Wissenschaftlern und Vertretern islamischer Organisationen in den demokratischen Ländern des Westens belehrt mit vielerlei Erläuterungen, die alle den einen Grundtenor hatten und haben: „Eigentlich ist der Islam eine menschenfreundliche Religion. Vielleicht sind da und dort in einigen Formulierungen etwas scharf, aber sonst ist „der“ Islam doch sehr normal“.

Das trifft für viele Angehörige dieser Religion ja auch wohl zu. Wobei, philosophisch gesehen, kein Mensch in das Herz, also in die wahren inneren Überzeugungen eines anderen, völlig hineinschauen kann. Das gilt selbstverständlich auch für Christen, Juden oder Atheisten und alle anderen Menschen. Ob jemand friedlich IST, zeigt sich an seinem friedlichen und toleranten Leben, nicht in netten Worten allein.

Natürlich weiß allmählich jeder, dass es keine religiöse Zentralstelle, etwa einen Papst, der Sunniten oder der Schiiten gibt. Dennoch wären sehr deutliche Zeichenhandlungen von muslimischen Mitbürgern in allen Teilen Europas usw. möglich. Etwa: Sehr viele Moscheen veranstalten am Freitag kein Mittags-Gebet, sondern halten zur selben Zeit große Demonstrationen der Frommen in der Öffentlichkeit. Sozusagen ein pazifistischer Streik der Moscheen und ihrer Gottesdienste. Die Prediger könnten ausruhen und noch mehr nachdenken. Diese Demonstrationen können deutlich machen: Wir „normalen Muslime“ haben mit den IS Verbrechern nichts zu tun und wir halten diese Mörder auch nicht für Muslime. Wir verbannen sie, sind aber bereit, Menschen aufzunehmen und zu bilden, wenn sie sich von der Henker-Existenz abwenden. ANTI – IS Erklärungen gab es ja da und dort aus muslimischen Kreisen. Aber was bewirken Worte in diesen bestialischen Zusammenhängen?

Der Sufismus wurde und wird oft als der spirituelle Mittelpunkt eines mystischen, so innig religiösen und deswegen so friedlichen Islams hingestellt. Das wird so sein. Seitdem Zentren des friedlichen und mystischen Sufismus durch Terrormilizen des IS zerstört werden, seitdem bestialische Mordattacken und das Vernichten von wertvollsten Kulturgütern durch islamistische IS Terroristen üblich sind, gibt es immer mehr Fragen, die einfach ernst genommen werden sollen: Offenbar verstehen die Terroristen, dass die Sufis eine menschenfreundliche Religion darstellen, also sollen sie ausgeläscht werden. Und vor allem: Erneut die Frage: Was ist denn nun wirklich wesentlich im Islam? Vielleicht sind die Sufis gar die einzigen wahren Muslime? So, wie die katholischen Mystiker, die sanften und friedlichen, die einzigen wahren Christen waren in Zeiten der blutigen Expansion des Christentums in Afrika und Amerika?

Also: Was ist wesentlich am Islam? Diese Frage scheint in dieser Dringlichkeit neu zu sein und sie sollte mit aller Sorgfalt diskutiert werden. Denn einige radikale („deutsche“, „französische“, „niederländische“ usw.) Kreise in Europa warten förmlich darauf, aus eigenen (innen-) politischen Interessen das Bild der Fremden, auch der „fremden Muslims“ in Europa, so schlecht wie möglich hinzustellen. Damit man wieder ein „abendländisches“, also ein nur europäisches Europa in völliger Abschottung erleben kann…Diese reaktionären Kreise benutzen „den“ Islam nur für ihre eigene rigide Haltung. Sie nennen sich Abendländer, haben aber nicht verstanden, dass Abendland zuerst Dialog, Lernbereitschaft und Freundlichkeit bedeutete.

Trotzdem bleibt die Frage:

Viele Beobachter haben seit dem Auftreten der Terrormiliz IS (Islamischer Staat) die fundierte Überzeugung: Der Islam steckt in einer tiefen Legitimationskrise, niemand auch unter den etwas gebildeteren Frommen weiß noch, was nun wesentlich zum Islam gehört, weiß noch, ob denn nun der Koran wesentlich human, wesentlich menschlich für ALLE Menschen ist oder nicht. Ob der Humanismus, also der Respekt vor JEDEM Menschen, Kern des Korans ist oder nicht und ob der Humanismus absolut vor jeder religiösen Lehre steht oder nicht? Dass diese Fragen nach der völligen Vorrangigkeit des Humanismus vor allem religiösen Dogmatismus selbstverständlich mit der gleichen Intensität auch dem Katholizismus, der russischen Orthodoxie, dem (ultra)orthodoxen Judentum oder Kreisen der fundamentalistischen „evangelischen“ Pfingstler gestellt werden müssen, ist völlig klar und sollte geschehen. Nur: In diesem kleinen Hinweis hier geht es nun einmal um den Islam!

„Der Islam, so wie er sich heute als Religion organisiert, kann seine Kernbotschaft nicht mehr kohärent formulieren, vermitteln und begründen. Gilt das Tötungsverbot oder gilt es nicht? Warum machen sich Selbstmordattentäter heutzutage wie eine Pest breit“? Diese und andere weit reichende Fragen stellt der in Kairo lebende Journalist Martin Gehlen in „Der Tagesspiegel“ vom 21. Dezember 2014, Seite 4f. Einige andere Spezialisten gehen noch weiter, wie der Palästinenser Ajhmad Mansour, Mitglied der Islamkonferenz in Deutschland. Er sagte – so zitiert M. Gehlen- in einem SPIEGEL Beitrag: „Die Islamisten haben im Prinzip nichts Neues erfunden. Sie haben die Inhalte des gängigen Islamverständnisses überspitzt und radikalisiert. Ihre Haltung zum Umgang mit Ungläubigen usw. unterscheidet sich vom gängigen Islamverständnis nur graduell, nicht prinzipiell. D.h. diese radikalen Strömungen seien, so wörtlich „in Ähnlichkeit“ zum normalen Islam.

Es sind verstörende, unbequeme Einsichten, die jetzt, beim Erstarken der Terrormiliz IS, über das „Wesen des Islams“ öffentlich gemacht werden, eben von renommierten Islamwissenschaftlern und „Mitgliedern“ der islamischen Gemeinschaft selbst, wie dem Wiener Muslim und Islamwissenschaftler Ednan Askan (geboren in der Türkei). Er hat in „Die Zeit“ vom 17. Dezember 2014 Seite 58 ein hoch aktuelles Interview gegeben. Er sagt im Blick auf die islamischen Gewalttäter, die sich auf den Koran berufen: „Eigentlich müssten wir uns von den religiösen Inhalten distanzieren, auf die gewaltbereite Muslime sich berufen. Wenn wir ehrlich wären, würden wir zugeben, dass wir im Islam seit Jahrhunderten solche (gewalttätigen) Inhalte lehren“. Mit anderen Worten: Prof. Aslan plädiert dafür, bestimmte religiöse Inhalte der Tradition, dann wohl auch aus dem Koran, als nicht mehr relevant, wenn nicht gefährlich beiseite zu legen und künftig als ungültig, weil inhuman, zu betrachten. Ähnliches gilt etwa auch für den verhängnisvollen antihumanen Spruch aus dem Alten Testament, der immer wieder zitiert und im Umgang mit Feinden in Israel und Palästina angewendet wird: „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ aus dem Buch Exodus, 21,23–25. Eine Religion, die sich menschenfreundlich nennt und nach außen hin auch sein will, also faktisch Humanismus höher wertet als religiöse Gebote aus uralter Zeit, sollte heute sofort diesen Satz aus dem heiligen Buch streichen und verbannen. Das ist unsere Meinung im Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon. Warum müssen alte Religionen vielen alten ideologischen „Schrott“, den man nur nach zweijährigem Studium versteht, mit sich herumschleppen? Wer wagt es denn, in den religiösen Traditionen von wegzuschaffendem Schrott zu sprechen? Wie eingeschüchtert sind eigentlich Theologen? Ist es einzig die unabhängige Philosophie, die klare Worte findet, die viele denken, aber nicht aussprechen können?

Aber, welche Religion hat so viel Mut, sich von den eigenen bösen Traditionen zu trennen und zu sagen: Diese inhumanen Sprüche gehören nicht mehr zu unserem menschenfreundlichen Glauben.

Um noch einmal auf das Interview von Evelyn Finger mit Prof. Ednan Aslan zurückzukommen: „Wir muslimischen Theologen müssen endlich den Mut haben zu sagen, das bestimmte (fundamentalistische) Interpretationen des Islams falsch sind. Inakzeptabel, Das tun wir aber nicht“.

Frage: Warum?

Antwort von Prof. Aslan, Wien: „Weil wir seit dem 17. Jahrhundert keine lebendige Theologie mehr haben, sondern eine Theologie des Krieges, die geistig rückständiger ist als die des 9. Jahrhunderts“..

Aslan fordert weiter, die Auffassungen der alten, immer noch gültigen islamischen Rechtsschulen als überholt zu bewerten …und „sie durch ein aufgeklärtes Islamverständnis zu ersetzen“.

Bis jetzt aber gebe es keine wirksame Theologie gegen die zunehmende Radikalisierung. „Es gibt keine starke Gegentheologie. Die Theologie der Gewalt ist derzeit die (islamische) Religion. Damit muss Schluss sein“.

Die Aufgabe ist gewaltig: Es gilt, die humanistischen Kräfte im Islam, die liberalen Gruppen und die vernünftigen Islam-Wissenschaftler zu stärken und zu schützen. Vor 400 Jahren noch waren viele christliche Theologen Anhänger der Hexenverbrennung und der Vernichtung von Ketzern. Eine halbwegs humane christliche Theologie ist erst entstanden, als sich der Humanismus und der Geist der Menschenrechte durchsetzte, also mit Hilfe säkularer Gruppen fand die christliche Theologie zurück auf die Wege des Friedens.

Die Stärkung der demokratischen Grüppchen einer Zivilgesellschaft in der arabischen Welt wäre wohl in dem Zusammenhang das oberste Gebot.  Damit aus Grüppchen einst mächtige Volksbewegungen werden. Eine Utopie?

Copyright: Religionsphilosophischer Salon

Islamische Philosophie: Der Islam gehört zu Europa. Ein Salonabend

Islamische Philosophie: Der Islam gehört zu Europa

Ein Abend im Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon am 27. 2. 2015

Einige Hinweise von Christian Modehn

Ein Vorwort:

Bei der Diskussion im Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon Berlin und beim Schreiben dieser Notizen drängt sich eine Frage auf: Warum gestalten heute die großen Kultur-Institutionen, wie etwa das „Haus der Kulturen der Welt“ in Berlin, nicht eine große Ausstellung, mit Debatten, Lesungen, Filmen, über „Philosophie in al andalus“? Wenn es in Berlin ein „Haus der Philosophien“ gäbe, ließe sich eine solche Ausstellung vielleicht schneller realisieren… Eine solche Ausstellung wäre eine heilsame Erkenntnis für alle, die immer noch behaupten: „Der Islam gehört nicht zu Europa“.

„Der Islam“ gehört zu Europa

Wir wollen wahrnehmen, was die Kulturen Westeuropas den Muslimen (etwas pauschal formuliert, aber in einer ersten Bekanntmachung mit dem Thema zu verzeihen) zu verdanken haben. Europa ist durch die islamische Vermittlung von Wissen, Technik, Landwirtschaft, Medizin, Philosophie (falasafia auf Arabisch) usw. tatsächlich muslimisch mit geprägt. Insofern gehört schon faktisch durch diese Kulturleistungen „der“ Islam“ zu Europa.

Einige philosophische Autoren wie Ibn Tufail oder Averroes sind im Gebiet des heutigen Spanien geboren; sie sind in moderner Terminologie also jetzt auch europäische Autoren muslimischen Glaubens. Wir wollen erinnern an den weit reichenden und hilfreichen „Transfer“ von Wissen und Technik, besonders bekannt seit dem 10. bis zum 13. Jahrhundert im muslimisch beherrschten „al andalus“. Dabei geht es dort um die Übermittlung antiker, griechischer Philosophie durch die Übersetzungen von Autoren ins Arabische und von dort dann weiter ins Lateinische.

Kurz zum Hinergrund: Die ausgedehnten Herrschaftsgebiete der Muslime brauchten ein wissenschaftliches know-how, Kenntnisse der Astronomie, der Medizin, der Logik, der Mathematik, der Philosophie, um islamisch in der Welt zu leben. Dabei musste man auf die große Vielfalt griechischer Texte zurückgreifen, die etwa in Bagdad und Aleppo übersetzt wurden, vom Griechischen ins Arabische, daran waren vor allem Christen und Juden beteiligt. Der Philosoph al Farabi (872- 950) z.B. hat einen großen Teil seiner Ausbildung bei einem nestorianischen Christen , Yuhanna ibn Haylān (gest. um 920) erhalten. Nebenbei: Jetzt werden die Nachkommen dieser für Muslime hilfreichen Christen in Syrien und im Irak von IS-Verbrechern abgeschlachtet. (Vgl. Prof. Dietmar W. Winkler, Salzburg, in „Die Zeit“, 26. Februar 2014, Seite 56).

Damals schätzten auch die muslimischen Herrscher die hilfreichen intellektuelle Leistungen der Christen und Juden und Juden für die muslimische Welt. Es gab also Zeiten eines sehr freundlichen Miteinanders, vor allem in al andalus. Allein daran zu erinnern, ist heute eine pädagogische Pflichtaufgabe, Juden und Christen wurden von Christen damals nicht zum Islam zwangsbekehrt, sie galten als „Gläubige des Buches“, also dem Islam nahe stehend. In der Sure 29, 45 heißt es: „Unser und euer Gott ist einer. Ihm sind wir ergeben“. Wenn es auch muslimische Vorbehalte gab und gibt, den dreifaltigen Gott tatsächlich als den einen zu sehen.

Juden und Christen hatten unter islamischer Herrschaft Steuern zu zahlen… Und Christen profitierten von wissenschaftlichen Leistungen der Muslime…

Die Pluralität im Ringen um vernünftiges Verstehen des Koran.

Bereits ca. 200 Jahre nach dem Vorliegen des Textes „Koran“ setzt inmitten der islamischen Gemeinschaft eine plurale und leidenschaftliche philosophische Diskussion ein: Über den Zusammenhang von menschlichem, vernünftigem Denken einerseits und dem Koran bzw. der religiösen Glaubenslehre auf der anderen Seite. Am Anfang seiner Geschichte ist Islam also nicht nur das Ringen um Herrschaft, sondern auch das Ringen um die Begründung dieser Herrschaft und der Gestaltung islamischer Lebensformen und religiöser Praxis. Das ist die Leistung islamischer Philosophen: In den Texten, die sich heilig nennen und von Frommen als Ausdruck göttlichen Willens gedeutet werden, gibt es immer zwei Dimensionen: Den menschlichen Aspekt: D.h. bestimmte Menschen haben die Offenbarung Gottes empfangen, schreiben sie auf usw. Und den göttlichen Aspekt: Gott wird als Ursprung des Textes geglaubt. Ein bloßnaives, fundamentalistisches Nachplappern von religiösen Texten sollte also ausgeschlossen sein. In den Philosophien des Islam bis zum 12. Jahrhundert wurde um diese Spannung gerungen: Wie stark ist das Menschliche und in welchem Gewicht soll das Göttliche gewertet werden, was ist vorrangig ist usw. Letztlich hat dann im 13. Jahrhundert die Überzeugung der orthodoxen, also philosophiefeindlichen Herrscher machtvoll gesiegt: In dem göttlich genannten Text spricht Gott als Gott. Und dieser Text darf also keiner kritischen und historischen (TEXT) Forschung ausgesetzt werden.

Hinweise zu einigen Philosophen:

— Zeitlich gesehen, wohl erste islamische Philosoph: Al Kindi, um 800-873. Ein Universalgelehrter, auch in Astronomie, Musik, Medizin gebildet. Er suchte die Übersetzungen von Aristoteles und von Platon, auch der Neuplatoniker (Plotin). Ihm standen oft nur Paraphrasen dieser Werke vor.Er stellte die Philosophie in den Dienst der religiösen Lehren. Etwa sein Gedanke, die Schöpfung der Welt sei IN der Zeit entstanden, die Welt sei also nicht ewig. „In Konfliktfällen gab er der Religion den Vorrang“. (so Ulrich Rudolph, Islamische Philosophie, Seite 20.)

Ganz anders denkt der Perser al Razi 865- 925. Er ist einer der bislang wenig bekannten aufklärerischen Philosophen der islamischen Welt. Es wird Zeit, dass europäische Philosophen sich mit al Razi befassen! Bei ihm ist allerdings die Quellenlage seiner Schriften schlecht. Als radikaler Philosoph war er doch unbeliebt, seine Werke wurden von den Frommen vernichtet. Trotzdem lässt sich Wesentliches rekonstruieren: Al Razi war – wie viele andere islamische Philosophen auch – Arzt, er beschrieb etwa eine Methode zur Leichenkonservierung, die im Mittelalter auch in Europa bekannt wurde und sich, mit nachträglichen Verbesserungen, bis in die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts halten konnte. Seine Methode beruhte im Wesentlichen auf Entfernung der Eingeweide, Waschen der Körperhöhlen mit Essig und Weingeist sowie Ausfüllen des Leichnams mit aromatischen Pulvern und konservierenden Salzen. Al Razi wehrt sich entschieden gegen die Tendenz, die islamische religiöse Überlieferung als solche vorrangig zu verstehen. Er kennt die Übersetzungen aus dem Griechischen und Syrischen und „tritt ohne Einschränkung für die Autonomie der Philosophie ein“ (Rudolph, S 23). JEDER Mensche kann ALLEIN mit Hilfe des Intellekts, der dem Menschen von Gott gegeben wurde, Erkenntnis gewinnen und sich Gott zuwenden. Allen Menschen hat Gott, der barmherzige und ewige, die Fähigkeit zur Gotteserkenntnis geschenkt. (vgl. Rudolph S.26).

Für al Razi haben Propheten keine Bedeutung, die sich Propheten nennen, sind für ihn Betrüger. Sie täuschen Eingebungen vor, die sie gar nicht erhalten haben.

Dabei will al Razi gar nicht Gott „als solchen“ in Frage stellen. Gott ist der einzige Garant des Heils des Menschen. Aber Gott lebt in der kritischen Vernunft. Al Razi sieht in Sokrates den Idealfall des tugendhaften Menschen.

Deswegen wird er von den orthodoxen Herrschern (Frage: Warum sind eigentlich immer fast alle Herrscher und Machthaber religiös orthodox und konservativ ?) als übler Ketzer behandelt. Er stirbt vereinsamt und verarmt

–al Farabi: (870 – 950), ein auch politischer Philosoph aus der „Türkei“

AL FARABI überblickte den gesamten Corpus der Aristoteles Texte; auch er betont die Ewigkeit der Welt. Das Universum ist für ihn eine ewige Emanation aus dem göttlichen Einen, Vorstellungen, die an Plotin erinnern. „Mit al-Farabis Ideen zieht erstmals so etwas wie eine streng kausale Notwendigkeit in die Welt der Denker des Propheten ein“ (Lerch, 49).

Al Farabi hat auch zur Rolle der Herrscher Stellung genommen: Sein Buch „Der Musterstat“ (S. 51 in Lerch, „Denker des Propheten“).Wie der Kosmos ist auch der Staat hierarchisch aufgebaut. Der Staat muss aber von einer Person geführt werden, die alle anderen an Weisheit und Tugend übertrifft. (so auch Rudolph, S.36.) Am besten wäre die Leitung des Staates durch einen Philosophen. 12 Eigenschaften zeichnen das perfekte Staatsoberhaupt aus: Gerechtigkeit, Einsicht Redegabe, Wahrheitsliebe, Bekämpfung der Gier; Frömmigkeit wird nicht ausdrücklich erwähnt! Im „Ideal Staat“ sind philosophische Tugenden wichtig. Im anderen, dem Torheitsstaat sind sinnliche Genüsse, Erwerb von Reichtum und Erfüllung privater Neigungen wichtig. Von religiösem Gesetz ist bei ihm nicht explizit die Rede. Wenn ein Staat von einem unmoralischen Herrscher gelenkt wird, werden die Untertanen selbst unmoralisch…Was später Averroes vertieft, sagt schon al Farabi: Religion ist für viele „schlichte“ Gläubige ein einfacher Zugang zur Wahrheit, von den Propheten vermittelt. „Propheten verkündigen die Wahrheit all jenen, die zu einer Beweisführung außerstande sind.

–Ibn Tufail:

Über ihn berichtete Atila, ein Freund unseres philosophischen Salons.  Ibn Tufail ist eine besondere Gestalt (er lebte von 1105-1185 auf der iberischen Halbinsel) und ist bekannt geworden durch einen Roman vor allem, von dem offenbar später andere Autoren „zehrten“: Der Titel: „Der Lebende. Sohn des Wachenden“. Die These: Es gibt verschiedene zur Gotteserkenntnis, es gibt auch die individuelle Gotteserkenntnis des einzelnen sozusagen aus der inneren reflektierenden Kraft.

Zu „Al Andalus“ im allgemeinen:

711 kamen die Muslime von Nordafrika über Gibraltar nach Spanien. Zuvor waren Damaskus, Jerusalem, Antiochien und Ägypten von muslimischen Herrschern erobert worden.

In Spanien reichte die muslimische Herrschaft bis zu den Pyrenäen; lediglich (das heutige) Asturien blieb unter christlicher Herrschaft; auch Sizilien wurde von Muslims erobert. 1085 eroberte Alfons VI. von Kastilien die Stadt Toledo, womit ein allmählicher Abstieg von al-Andalus einsetzte. Nach dem Fall von Córdoba 1236 war das Emirat von Granada das letzte muslimisch beherrschte Gebiet in „Spanien“. Der letzte Emir Muhammad XII. übergab am 2. Januar 1492 Granada an Ferdinand II. von Aragonien und Isabella von Kastilien. Damit fand die muslimische Herrschaft dort ihr Ende fand

Ein Hinweis zu Cordoba: Um 950 gab es dort eine kulturelle und wissenschaftliche Blüte, man denke an die prächtige Bibliothek des Palastes des Kalifen (al Hakam II.) mit ca. 400.000 Handschriften. Allerdings: Muslimische Fanatiker zerstörten gleich zu Beginn des 11. Jahrhunderts umfassend die Bibliothek. Cordoba war die auch an Bevölkerung (ca. 500.000 Einwohner), reichste Stadt in Europa, noch vor Konstantinopel

Ein Blick nach Rom ins katholische „saeculum obscurum“:

Zu der Zeit der islamischen kulturellen und damit auch philosophischen Blüte herrschte in Rom, am Hof des Papstes, das von Historikern genannte saeculum obscurum, das dunkle Jahrhundert, das wahrlich dunkle Mittelalter. Die römischen Familien besetzten den Papstthron je nach Laune, es gab ständig Gegenpäpste, Päpste vergifteten und verfolgten und ermordeten einander, eine chaotische Situation. Wikipeida zu Papst Johannes VIII: „Nachdem seine Verwandten zunächst versucht hatten, ihn zu vergiften, sollen sie ihn, als das Gift nicht schnell genug wirkte, mit einem Hammer erschlagen haben“. Er ist der erste von insgesamt 8 ermordeten Päpsten im Mittelalter. Die Legende sieht in ihm Päpstin Johanna…

Übersetzungen des Koran ins Lateinische in Spanien:

Die erste Übersetzung aus dem Arabischen ins Lateinische wurde 1142 inszeniert von Petrus Venerabilis, er war Abt von Cluny. Die Übersetzung wurde 1143 fertig gestellt. Dieser lateinische Text gelangte auch zu Bernhard von Clairvaux, er war der große Prediger zugunsten des 2. Kreuzzuges 1146.

Zu dieser Zeit war nur ganz wenig über den Islam in der christlichen Welt bekannt. Viel Verworrenes wurde berichtet, etwa die angebliche sexuelle Freizügigkeit beklagt.

Für den Koran bot Abt Petrus Venerabilis eine Interpretationslinie: Der Koran war für ihn GESETZ, dadurch wollte er den Islam als zu verabscheuende „Gesetzes-Variante“ zum ebenso missachteten Judentum darstellen. Der Abt bezeichnete den Islam als gottlose Religion und Mohammed als boshaften Mensch. Übersetzer waren Robert von Ketton und Hermann von Kärnten, (in Buch: Juden, Christen usw. S 29). Eine 2. Übersetzung wurde von Marcus von Toledo geschaffen, offenbar unabhängig von Petrus Venerabilis entstanden.

Hinweise zu AVERROES: ibn Ruschd, geboren 1126 in CORDOBA, gestorben im Exil in Marokko 1198. Auch er ein Arzt, ein Richter (kadi), ein universal gebildeter Philosoph.

Sein ganzes philosophisches Bemühen galt der Verteidigung der Philosophie. Er wandte sich gegen alle Denker, wie al Ghazali, die den Wert des eigenständigen, logischen Denkens schlecht machten und der religiösen Orthodoxie den Vorzug geben wollten. Philosophie INNERHALB einer religiös geprägten Welt konnte für ihn nur Kritik an den Machtverhältnissen sein, an Herrschern, die sich der Religion bedienten, um so mit angeblich göttlichen Argumenten ihre eigene Macht zu erhalten.

Averroes ist sicher einer der wegweisenden, ganz großen islamischen Philosophen; er ist bester Kenner des Aristoteles vor allem auch dessen umfassender Kommentator. Der katholische, z.T. offizielle päpstliche „Meister-Theologe“ seit dem Mittelalter, Thomas von Aquin, nannte Averroes immer nur DEN Kommentator. Thomas von Aquin hat auf seine Weise versucht, Aristoteles zu rezipieren und in das theologische System einzubauen. Letztlich wurde der hoch gebildete, kritische Averroes aus seiner Heimat-Stadt Cordoba verbannt. Der Philosoph Kurt Flasch: „Die islamische Welt verlor seit der Vertreibung von Averroes den Kontakt mit dem wissenschaftlichen Fortschritt“. ( S. 155).

Zu einigen zentralen Aspekte der Lehre des Averroes:

Er tritt für die Ewigkeit der Welt ein. Es hat für ihn keinen Sinn zu sagen, es habe eine Zeit gegeben, in der die Welt noch bestand. „Nirgendwo steht, dass die Welt in der Zeit entstanden ist“. Die Welt als Schöpfung Gottes ist ewig. Und: Gottes Wissen ist von jeglichem menschlichen Wissen verschieden.

Politisch aktuell und sehr modern ist seine Unterscheidung in der Koran-Lektüre: Es gibt für Averroes drei unterschiedliche Gruppen von Koran-Versen, die je auch unterschiedlich zu verstehen sind:

-Verse, die – damals – von sich her evident sind: Etwa: „Es gibt nur den einen Gott“.

-Sätze, die nur ungebildete Fromme wörtlich verstehen sollten: etwa: „Gott hat sich auf einen Thron gesetzt“, solch ein Satz bedarf der Interpretation.

-Verse, wo es unterschiedliche Meinungen geben muss: „Die Auferstehung des Leibes“. „In diesem Fall beharrt Averroes darauf, dass die Gelehrten unterschiedliche Meinungen vertreten können“. (Rudolph, Islamische Philosophie, Seite 72.

Das Verhältnis von Religion und Philosophie verstand Averroes so: Die höhere und reine Wahrheit erkennt der Philosoph in seiner Philosophie. In der Religion erscheint die Wahrheit in einer bildhaften Einkleidung, sie ist dem schwachen Verständnis der Masse der Gläubigen angepasst.

Die Philosophie des Averroes wurde von der mohammedanischen Orthodoxie verdammt und seine Schriften verbrannt. Er wurde nach Nordafrika verbannt, wo er am 10. Dezember 1198 in Marokko starb. Von der islamischen Orthodoxie werden seine Werke bis heute strikt abgelehnt. Damit wurde auch die Bedeutung der Denkweise des Aristoteles gering geschätzt, also die Vorliebe des Aristoteles für Logik, für die Analyse des Einzelnen, für die kausale Begründung, also die wissenschaftliche Denkweise. All das hatte fortan keinen bedeutenden Platz mehr in der arabischen und muslimischen Welt. Es begann die Zeit der Stagnation, in der sich alles um die Religion, der man vorgab, einzig zu folgen.

Aber Philosophie im Islam spielt doch eine gewisse Rolle in der Moderne. Das Verschwinden des Aristoteles im islamischen Denken seit dem 13. Jahrhundert ist auch ein Thema des bedeutenden zeitgenössischen Philosophen AL JABRI (in Marokko geboren, 1936, gestorben 1936). Sein Hauptwerk ist: „Kritik der arabischen Vernunft“ (Der Anklang an Kants Titel ist wohl bewusst gewollt). Al Jabri sieht den Niedergang der Wissenschaften im islamischen Raum mit der Verachtung von Averroes in einem Zusammenhang. Paradoxerweise haben die Christen in Europa Averroes und damit Aristoteles übernommen, während die islamische Welt beide verloren hat.Dieser Verlust des Aristoteles in der muslimischen Welt ist wohl einer der wichtigsten Schlüssel, um den Niedergang von Wissenschaften und auch das Nichtvorhandensein von Demokratien zu begreifen.

In seiner Metaphysik schreibt Aristoteles diese immer noch aktuellen Sätze: „Es ist klar, dass wir die Wissenschaft nicht um eines anderen Nutzens willen suchen; sondern, wie unserer Meinung nach der ein freier Mensch ist, der um seiner selbst und nicht um eines anderen willen lebt, so ist auch diese Wissenschaft als einzige von allen frei; ist sie doch allein um ihrer selbst willen da“. Die Voraussetzung der Wissenschaft ist also die Freiheit. Sie ist von allen Nutzen und Zwecken abgekoppelt. Ein aktuelles Beispiel aus der Ökonomie: Für Aristoteles ist es ein großes Verbrechen, wenn spekulativ Geld angehäuft wird, wobei die Anhäufung durch den Zins verursacht wird.

Al Jabri arbeitete für die Erneuerung der islamischen Philosophie. Und diese kann sich durchaus der europäischen Philosophie lernend zuwenden, denn arabische Philosophen finden dann dort ohnehin muslimische Philosophie wieder (etwa die Lehren des Averroes).

Abu Zaid (1943 in Ägypten geboren; dann im Exil in Holland; 2010 in Kairo gestorben)

Für ihn ist wichtig: „Der Koran hilft mir nicht bei der Lösung der Tausenden von Problemen, die sich außerhalb der religiösen Sphäre stellen. Ich plädiere dafür, auf die Vernunft zu setzen, wo die Schrift, der Koran, keine Lösungsansätze bieten“.

Abu Zaid hat sich mit einer kritischen und zeitgemäßen Interpretation des Koran auseinandergesetzt: „Es wurden im Koran Passagen zusammengestellt, die zu verschiedenen Kontexten gehörten. Sie wurden in Kapiteln arrangiert, und diese wiederum zu einem Buch, das heute der Koran ist. Heute können wir die Passagen aus der Mekka-Zeit von denen der Medina-Periode unterscheiden“. “ (Interview mit “Herder Korrespondenz“, 2008, Seit 341.)

Tatsächlich wurden nach dem Tod Mohammeds die Verkündigungen zu einem homogenen Text vereinigt und innerhalb weniger Jahrzehnte mit staatlicher Autorisierung veröffentlicht“( Verlag der Religionen, Almanach, S. 159).

Einer unter den zeitgenössischen Islam-Philosophen ist der Autor Rachid Benzine, 1971 in Marokko geboren; er lehrte u.a. als Islamwissenschaftler an der Universität in Aix en Provence: „Unsere islamischen Dogmen wurden in der Geschichte erarbeitet, sie sind die Ergebnisse der Geschichte, sie sind an einen bestimmten Zeitpunkt gebunden. Es besteht eine enge Verbindung zwischen dem universalen Gedanken des Korans und seiner historischen Sprache. Es muss ein neues Verständnis des Korans entstehen, einen neuen Horizont, in dem sich sein Sinn zeigt, eine neue Hoffnung gerade für Leute, die heute an ihm verzweifeln. Denn im Namen unumstößlicher Wahrheiten hat man Menschen ermordet, die nicht die gleiche Glaubenswahrheit teilen. Wir müssen heute verstehen, dass es keine Religion gibt, die vollständig wahr oder vollständig falsch ist. Wir müssen die Relativität der Glaubenssysteme erkennen“.

Der Salonabend am 27. 2. 2015 war (mit 22 TeilnehmerInnen) unglaublich angenehm lebendig und kontrovers; es geht um Provokationen, also „Heraus-Rufungen“ aus festen Meinungen, um Heraus-Forderungen. Um das „Heraus“ also geht es in der Philosophie, um das Verlassen des bisher Gewussten und dem sich skeptischen Vortasten zu neuen, aber wieder vorläufigen Gewissheiten…

Dabei ist es bedauerlich für diesen Abend, dass die enge Verbindung zu jüdischen Philosophen in dieser muslimisch geprägten Kultur diesmal noch nicht eigens herausgearbeitet werden konnte.

Debattiert wurde die Frage nach der allzu hohen Einschätzung des Koran (Textes) in islamischen Religionsgemeinschaften. Wann wird der Koran in islamischen Kreisen als ein literarisches Zeugnis (unter anderen) eben auch historisch und kritisch gelesen? Wie konstruktiv bzw. hinderlich ist die starke Bindung an die Koran-Lektüre und an das idealisierte Auswendiglernen des Koran in der (alt-) arabischen Sprache. Gäbe es für Kinder und Jugendlich nicht Dringenderes? Etwa die weitere Bildung in den Menschenrechten, die sorgsame Pflege von Psychologie und humaner Pädagogik? Das führte zu der provozierenden Frage: Sollten (die strukturell(liturgisch) ewig-selbem Gottesdienste – auch der Christen – nicht viel mehr je neue und aktuelle „Menschen-Dienste“ werden, im Sinne eines tiefen menschlichen Austausches, einer Schule der Empathie usw. möglicherweise im Angesicht des Ewigen, den man aber bitte nicht ständig aus seinen eigenen angeblichen Büchern zitieren muss. Der Ewige spricht sich auch in säkularen Texten aus, wenn man das Bild will, nämlich etwa der „Deklaration der Menschenrechte“.

Copyright: Christian Modehn

 

 

 

Ein Film über Pepe Mujica, Staatspräsident von Uruguay. Und sein Text: Der Gott des Marktes: Kritik des Kapitalismus und des Konsumismus.

Pepe Mujica: Der Staatspräsident von Uruguay. Ein FILM.

Und ein Text: Der Gott des Marktes
Von José Mujica, Staatspräsident von Uruguay

Dieser Beitrag von José Mujica wurde bei uns zum ersten Mal am 26. November 2013 von Christian Modehn veröffentlicht. Anläßlich des Films über José Mujica, in Deutschland in den Kinos ab 5. März 2015, haben wir den Beitrag aktualisiert.

Am 23. Mai 2025: Pepe Mujica ist am 13. Mai 2025 im Alter von 89 Jahren in der Nähe von Montevideo gestorben. Er lebte bis zum Schluss auf seiner Blumenfarm. „Als Präsident hinterließ er ein Land, in dem es bis heute stabil und gerecht zugeht, gerade für lateinamerikanische Verhältnisse“, schreibt die SZ am 15. Mai 2025.

Zum Film: Pepe Mujica – Der Präsident. Er ist ein anständiger Kerl, dieser „ärmste Präsident der Welt“, der seit bald fünf Jahren Uruguay regiert: Der Film über Pepe Mujica und seine Lebensgefährtin Lucia Topolansky handelt von ihrem Leben, vom gemeinsamen Kampf gegen die frühere Militärdiktatur, von ihrem Weg aus dem Widerstand in die offizielle Politik bis zum heutigen Präsidentenpaar, das immer noch einen kleinen Bauernhof bewirtschaftet.

Die Filmemacherin Heidi Specogna kennt den ehemaligen Tupamaro-Kämpfer Pepe Mujica seit vielen Jahren und setzt dem mittlerweile fast Achtzigjährigen ein liebevolles filmisches Denkmal.

Webseite: www.piffl-medien.de. Ein Film von Heidi Specogna. 90 Minuten. Eine ausführliche Würdigung des Films: Siehe am Ende dieses Beitrags.

…… Dieser grundlegende Beitrag wurde im November 2013 im Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon publiziert:

Der uruguayische Präsident José Mujica, immer wieder der ärmste Staatspräsident der Welt genannt,  da er 90 % seines Einkommens sozialen Projekten spendet, hielt bei der 68. Vollversammlung der Vereinten Nationen im September dieses Jahres (2013) eine bemerkenswerte Ansprache. Seine Kapitalismus – und Konsumismuskritik haben wir in Auszügen ins Deutsche übersetzt.

„Wir haben unsere alten, spirituellen Götter geopfert und den Tempel dem Gott des Marktes überlassen. Nun organisiert dieser Gott uns Wirtschaft und Politik, Leben und Alltagsgewohnheiten. In Raten und per Kreditkarte finanziert er uns den Anschein von Glückseligkeit. Konsum scheint der Sinn des Lebens zu sein, und können wir nicht konsumieren, sind wir frustriert, fühlen uns arm und ausgeschlossen. Wir verbrauchen und hinterlassen Abfall in solchen Mengen, dass die Wissenschaft meint, wir bräuchten drei Planeten, wenn die gesamte Menschheit leben wollte wie ein Mittelschichts-US Amerikaner. Unsere Zivilisation basiert also auf einer verlogenen Versprechung. Der Markt stilisiert unseren heutigen Lebensstil zur allgemeingültigen Kultur, obwohl es niemals für ALLE möglich sein wird, diesen angeblichen „Sinn des Lebens“ zu finden. Wir versprechen ein Leben der Verschwendung und Freigiebigkeit und stellen es zukünftigen Generationen und der Natur in Rechnung. Unsere Zivilisation richtet sich gegen alles Natürliche, Einfache und Schnörkellose. Aber das Schlimmste ist, dass uns die Freiheit beschnitten wird, Zeit zu haben für zwischenmenschliche Beziehungen, für Liebe, Freundschaft und Familie; Zeit für Abenteuer und Solidarität, Zeit, um die Natur zu erforschen und zu genießen, ohne dafür Eintritt zu zahlen. Wir vernichten die lebendigen Wälder und pflanzen anonyme Wälder aus Zement; Abenteuerlust begegnen wir mit gepflegten Wanderwegen, Schlaflosigkeit mit Tabletten, Einsamkeit mit Elektronik … Können wir überhaupt glücklich sein, wenn wir uns dem zutiefst Menschlichen entfremdet haben? Wie benommen fliehen wir vor unserer eigenen Natur, die das Leben selbst als letzten Grund für das Leben definiert und ersetzen sie durch, nur dem Markt dienliche, Konsumorientierung. Und die Politik, ewige Mutter des menschlichen Schicksals, hat sich längst der Wirtschaft und dem Markt unterworfen.
Nach und nach ist Selbsterhalt zum Ziel von Politik geworden, weshalb sie auch die Macht abgab und sich einzig und allein mit dem Kampf um Regierungsmehrheiten beschäftigt. Kopflos marschiert die Menschheit durch die Geschichte, alles und jedes kaufend und verkaufend, Mittel und Wege findend, selbst das Unverkäufliche zu vermarkten. Es werden Marketingstrategien für Friedhöfe und Beerdigungsunternehmen, ja selbst für das Erlebnis Schwangerschaft erdacht. Vermarktet wird von Vätern über Müttern, Großeltern, Tanten und Onkeln bis hin zur Sekretärin, Autos und Ferien, alles. Alles, alles ist Geschäft. Marketingkampagnen fallen sogar über unsere Kinder und ihre Seelen her, um über sie Einfluss auf die Erwachsenen nehmen zu können und sich ein zukünftiges Terrain abzustecken.
Der Mensch unserer Tage taumelt zwischen Finanzierungsverhandlungen und routinierter Langeweile wohl klimatisierter Großraumbüros hin und her. Ständig und immer träumt er von Urlaub, Freiheit und Vertragsabschlüssen, bis eines Tages sein Herz zu schlagen aufhört und „Tschüss!“… Sofort wird es einen anderen Soldaten geben, der das Maul des Marktes füllt und die Gewinnmaximierung sicherstellt.
Die Ursache für die heutige Krise liegt in der Unfähigkeit der Politik begründet. Die Politik hat nicht begriffen, dass die Menschheit das Nationalgefühl noch nicht überwunden hat und sich nur schwer davon lösen kann, denn es ist tief verankert in unseren Genen. Dennoch ist es heute notwendiger denn je, den Nationalismus zu bekämpfen, um eine Welt ohne Grenzen zu schaffen.
Die größte Herausforderung heute ist, das Ganze im Blick zu haben. Doch die globalisierte Wirtschaft wird nur von Privatinteressen einiger weniger gesteuert, und jeder Nationalstaat hat nur seine eigene Stabilität im Blick. Als wäre das nicht schon genug, werden die produktiven Kräfte des Kapitalismus auch noch gefangen in den Tresoren der Banken, die letztendlich der Auswuchs der Weltmacht sind.
Veränderungen sind dringend notwendig, setzen aber voraus, dass das Leben und nicht die Gewinnmaximierung kursbestimmend wird. Ich bin allerdings nicht so naiv zu glauben, dass Veränderungen leicht zu erreichen wären. Uns stehen noch viele unnötige Opfer bevor. Die Welt von heute ist nicht in der Lage, die Globalisierung zu regulieren, weil die Politik zu schwach ist.
Eine Zeitlang werden wir uns an den mehr oder weniger regionalen Abkommen, die einen Freihandel vorgaukeln, beteiligen. Dann wird sich zeigen, dass sie in Wahrheit von notorischen Protektionisten erdacht wurden. Wir lassen uns trösten von wachsenden Industrie- und Dienstleistungszweigen, die sich der Rettung der Umwelt widmen. Gleichzeitig wird die skrupellose Gewinnsucht zum Wohlwollen des Finanzsystems weiter existieren. Weiterhin werden Kriege stattfinden, die Fanatismus schüren, bis endlich die Natur unserer Zivilisation Grenzen setzt. Vielleicht sind meine Vision und mein Menschenbild grausam, aber für mich ist der Mensch die einzige Kreatur, die in der Lage ist, gegen die Interessen der eigenen Spezies zu agieren.
Die ökologische Krise des Planeten ist die Konsequenz des überwältigenden Triumphs menschlichen Strebens. Die ökologische Krise wird dem menschlichen Streben aber auch ein Ende setzen, wenn die Politik unfähig ist, einen Epochenwechsel einzuläuten.“
Übersetzung: Anne Nibbenhagen (Christliche Initiative Romero)
Quelle: Magazin presente 4/2013 „Kaufst du noch oder denkst du schon? Konsumethik im Wandel“ der Christlichen Initiative Romero (CIR)

Wir empfehlen dringend die Zeitschrift der Christlichen Initiative Romero in Münster. Die Anschrift: Christliche Initiative Romero (CIR): Breul 23, D – 48143 Münster
Die website: http://www.ci-romero.de/ Mit vielen aktuellen Informationen.

Eine ausführliche Würdigung des Films von Gaby Sikorski:

José Alberto Mujica, genannt „Pepe“, ist nicht nur bescheiden und volksnah, sondern auch ein außergewöhnlich willensstarker Mensch, der – so wie es in Lateinamerika üblich ist – seine Botschaften gern in blumige Formulierungen packt. Der überzeugte Sozialist glaubt an das Gute im Menschen, und er selbst ist dafür das beste Vorbild. Anders hätte er vermutlich weder die vielen Jahre in Einzelhaft und die Folterungen durch das Militärregime in Uruguay überlebt noch die Kraft gehabt, im Alter von 75 Jahren Präsident seines krisengeschüttelten Landes zu werden. Seine Amtszeit endet 2015 – und in den letzten fünf Jahren hat er viel erreicht. Uruguay gilt heute als eines der freiheitlichsten Länder der Welt: Legalisiert wurden Eheschließungen zwischen Gleichgeschlechtlichen ebenso wie Abtreibungen und der Genuss von Cannabis.

Heidi Specogna begleitet Pepe Mujica und seine Lebensgefährtin Lucia Topolansky auf ihren Wegen zwischen Regierungsaufgaben und dem Privatleben auf einem Bauernhof mitten in der – und hier stimmt‘s tatsächlich: Pampa. Überall schafft es Pepe Mujica, sich mit Gelassenheit, Freundlichkeit und seinem ganz eigenen pfiffigen Charme durchzusetzen. Er wirkt ganz anders, als sich Klein-Fritzchen ein Staatsoberhaupt vorstellt, dabei aber so authentisch und würdevoll, als habe er eigenhändig das Präsidentenamt erfunden. Und natürlich hat er, der sprichwörtliche einfache Mann von der Straße, sich auch ein wenig anpassen müssen, trägt eher widerwillig schicke Anzüge, lässt sich aber auch gern mal feiern. Rundfunkreden, Ansprachen und Privatinterviews zeigen ihn als lebensklugen und hoch gebildeten Mann, der in jeder Lebenslage hundertprozentig authentisch bleibt.

Lucia Topolansky, seit vielen Jahren seine Lebensgefährtin und ebenfalls Regierungsmitglied, kann mit Pepe in allem locker mithalten. Sie ist vielleicht noch ein bisschen radikaler in ihren Ansichten, besonders wenn es um Frauenpolitik geht, und sie scheint noch umtriebiger zu sein als er, dem man bei aller Rüstigkeit die Last der Jahre und die Spuren der jahrzehntelangen Verfolgung und Inhaftierung doch ansieht. Während Pepe eigentlich eher harmlos wirkt und zunächst nur seine sehr wachen Augen verraten, dass hinter der schlichten Fassade ein außergewöhnlich intelligenter Mensch darauf wartet, seine Philosophie zu verbreiten, ist Lucia schon äußerlich eine willensstarke Dame, der man lieber nicht widersprechen möchte. Die beiden ergänzen sich perfekt zu einem Paar, das von einer tiefen Liebe ebenso geprägt wurde wie von den gemeinsamen politischen Zielen. Die Botschaft des Films stimmt optimistisch: Ja, es gibt sie noch, die Vorbilder und Idealisten in der Politik, die fest daran glauben, dass man durch gute Taten die Welt verändern kann und muss. Hier ist der lebende Beweis dafür, dass Macht nicht unbedingt korrumpiert. Dieses Präsidentenpaar, das lediglich ein Zehntel seiner Einkünfte behält und den Rest an NGO’s spendet, verkörpert eine soziale und tolerante Politik, von der viele träumen, die aber kaum jemand für möglich hält. Heidi Specogna, die seit ihrem Film TUPAMAROS mit beiden bekannt und offenbar gut befreundet ist, zeigt in ihrem kleinen und angemessen prunklosen Film das Leben dieser beiden Kämpfer und Träumer, die noch immer Visionen haben und dazu stehen. Sie erzählt gemächlich und mit kleinen Exkursen in die Vergangenheit.

Ein Höhepunkt des Films ist Pepes Staatsbesuch in Berlin inklusive Treffen mit Angela Merkel und Mitgliedern des Bundeskabinetts, die mit dem alten Herrn ihr Standardprogramm abziehen. Und wenn es so ist, dass jedes Land die Politiker hat, die es verdient, dann wären allein schon diese Bilder ein Grund, nach Uruguay auszuwandern. Muss ein sehr schönes Land sein!

Gaby Sikorski. http://www.programmkino.de/content/Filmkritiken/pepe-mujica-lektionen-eines-erdklumpens/

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Die große Irre – oder: Wie Heidegger sich philosophisch für schuldlos erklärt. Zur „Irrnis-Fuge“ von Peter Trawny

Die große Irre – oder: Wie Heidegger sich philosophisch für schuldlos erklärt

Zur Broschüre „Irrnis-Fuge“ von Peter Trawny

Von Christian Modehn, am 22.2.2015

1,

In den „berühmten“ „Schwarzen Heften“ dokumentiert Martin Heidegger seit den neunzehnhundertdreißiger Jahren selbst ganz offen seinen Antisemitismus. Der Philosoph Peter Trawny, Professor an der UNI-Wuppertal und Leiter des dortigen, von Martin Heideggers Erben mit-finanzierten (siehe Fußnote 1)) „Martin-Heidegger-Instituts“, ist der Herausgeber dieser erst vor einem Jahr publizierten sehr umfangreichen und ausführlichen Notizen Heideggers. In seinem Buch „Heidegger und der Mythos der jüdischen Weltverschwörung“ (Klostermann Verlag, 2014) nennt Trawny die „Schwarzen Hefte“ den „wahrscheinlich intimsten Text Heideggers“ (S. 98). Von der Shoa ist in den Heften keine Rede, betont der Kenner der Schwarzen Hefte, Peter Trawny. In seinen Bremer Vorträgen (1949) deutet Heidegger an, dass er selbst sich „schmerzlos“ fühlt angesichts des maßlosen Leidens der Shoa. „Schuld“ an dieser Unbetroffenheit und Unberührtheit sei aber nicht er selbst, seine Person also, sondern schuld seien die objektiven Zusammenhänge der Seinsgeschichte, vor allem in der Macht der modernen Technik, die wiederum nur „objektiv“, also nur seinsgeschichtlich, zu verstehen sei.

2.

Heidegger zieht sich also, umgangssprachlich formuliert, „aus der Affäre“. Er möchte, von seiner eigenen Philosophie geschützt und freigesprochen, sozusagen ungerührt die ermordeten 6 Millionen Juden und die anderen von Nazis ermordeten Menschen bloß zur Kenntnis nehmen.

3.

In dem Buch „Heidegger und der Mythos der jüdischen Weltverschwörung“ spricht Trawny klar und nachvollziehbar davon, „dass nicht wenige Dimensionen Heideggers Denken kontaminiert erscheinen“ (S. 99). Er geht sogar, richtig und treffend in unserer Sicht, so weit zu behaupten, dass eine institutionelle Krise von Heideggers Denken bevorsteht“ (100)! Mit anderen Worten: Dass das Studium der Schriften Heideggers ab sofort unter ganz neuen und ganz anderen Voraussetzungen stattfinden muss. Was das heißt, haben Trawny und andere Heidegger-Deuter bisher nicht weiter vertieft, von einem neuen hermeneutischen Ansatz „nach den Schwarzen Heften“ nichts zu spüren, geschweige denn, dass die große Heidegger Gemeinde in irgendeine Form der Selbstkritik und des Abstandnehmens gerät. Günter Figal, Freiburg, ist da wohl die Ausnahme.

Mit um so größerem Interesse wendet man sich der offenbar zeitlich nach „Heidegger und der Mythos der jüdischen Weltverschwörung“ verfassten kleinen Studie Peter Trawnys zu, sie hat den sehr heideggerianischen, d.h. dem Insider verpflichteten Titel „Irrnisfuge. Heideggers An-archie“, erschienen 2014 bei Matthes und Seitz. Da rutscht Trawny in die von ihm früher schon einmal kritisierte esoterische Sprache zurück. Er schreibt, das deutet schon der Titel an, für den kleinen Kreis der „Eingeweihten“. Mit einer solchen Engführung ist aber angesichts der Probleme rund um die „Schwarzen Hefte“ fast keinem gedient, vielleicht der Familie Heidegger und dem Kreis um Friedrich Wilhelm von Herrmann, die jegliche kritische ( !) Edition der Heidegger Werke bekanntlich unterbinden!

Esoterischen Nebel zu verbreiten verbietet sich für jede ernstzunehmende Philosophie.

4.

Diese Broschüre Trawnys ist in unserer Sicht eine große Enttäuschung. Man muss bereits Heidegger vorwärts und rückwärts gelesen haben, um die Äußerungen Trawnys zum Thema zu verstehen. Es geht ja, noch einmal, grundsätzlich um die Frage, wie in der eigenen Philosophie Heideggers, besonders in seiner Interpretation von Wahrheit und Irrtum, selbst die Wurzel liegen kann für sein völliges DES-Interesse an der Auslöschung des Judentums bzw. noch vorausliegend für sein bis 1945 ausdauerndes Gebundensein an die NSDAP.

Unserer Meinung werden Irrnis und Fuge etwa, schon der Titel, nicht in allgemein nachvollziehbarer, also in NICHT- esoterischer Sprach erklärt. Es geht bei den Begriffen um das eigenartige Verständnis von Wahrheit bei Heidegger, das nichts mit Richtigkeit im logischen Sinn gemeinsam hat. Vielmehr meint Heidegger dem Logischen vorausliegend Wahrheit als Unverborgenheit verstehen zu können. Wenn etwas aber un-verborgen ist, dann, so folgert er dann doch irgendwie noch logisch, muss es auch Verborgenes geben. Wahrheit spielt sich also in einem Gegeneinander von Verborgenem und Unverborgenen ab. Mit dem Respekt vor dem Verborgenen muss dann aber eingestanden werden: Es gibt ein „Gegenwesen,“ sagt Heidegger, also eine Art lebendige (Irrtums) Macht gegenüber der Wahrheit. Das heißt noch einmal: Dieses Gegenwesen ist der Irrtum, die Irre, wie der Schwarzwälder Meister sagt, daraus folgert er dann: „Der Mensch ist der Irre unterworfen“, so heißt es kurz und bündig im „Heidegger Handbuch“ (Hg. von Dieter Thomä u.a., Stuttgart 2005, Seite 131). In dieser gar nicht esoterischen Sprache, sondern in deutlicher Sprache haben wir eine Art nachvollziehbare Definition der Irre bei Trawny nicht gefunden.

Trawny bietet fast nur den großen Meister immer wieder repetierende Sätze, also in einer Sprache, die so dicht unmittelbar Heidegger, dem Meister, folgt, dass weite Strecken des Trawny Textes wie eine zusammenfassende Paraphrase erscheinen. Wem ist damit gedient?

Die Broschüre Trawnys kennt keine Kapitelgliederung, was unangenehm auffällt, denn Kapitelgliederungen sollten doch einem ca. 80 Seiten umfassenden Texte üblich sein.

5.

Aber, noch einmal, am schwersten wiegt die – eben Heidegger repetierend – verschleiernde Sprache. So schreibt Trawny auf Seite 45 über das auch Heidegger bekannte Buch „Der Untergang des Abendlandes“ von Oswald Spengler: „Der Untergang ist in der Geschichte des Seyns (sic!) nie ein Ende, sondern der Beginn. Das aber könne nur dort sein, wo das Aufgehen, ereignishaft entsprungen, in die Huld der Wahr-heit (sic) des Seyns (sic) reiche“. Man kann doch nicht im Ernst Heidegger nicht mit Heideggers Worten erklären, das gilt wohl allgemein für alle Interpretationen. Die enge sprachliche (und damit im Denken gegebene) Verbundenheit mit Heidegger wird auch deutlich, wenn Trawny schreibt: „Die Orientierung an der Dichtung, natürlich zuerst an Hölderlin, hat Heidegger soweit getrieben, dass ihm nur die Wenigsten gefolgt sind und folgen werden“. Darauf folgt der entscheidende Satz Trawnys: „Doch sie bleiben weit zurück“. Also: Diese Leute sind, Verzeihung, also eigentlich die Blöden. (S 61).

 

6.

Wichtig bleibt hingegen der Hinweis Trawny, dass Heidegger als Philosoph offenbar alles Empirische, Historische für sich als „Denker“ irrelevant fand. Trawny schreibt: „Will Heidegger etwas über Russland erfahren, liest er keine statistischen Erhebungen über Stadt und Land, sondern Dostojewski. Dasselbe gilt natürlich auch für Deutschland: Was deutsch ist, dichtet Hölderin. (S. 44). Man könnte also in diesem Sinne weiter fortfahren: Was Demokratie ist, sagt uns Platon. Was Mathematik ist, sagt uns Euklid…. So viel Abweisung alles auch aktuell Empirisch-Faktischen blamiert wohl eher einen Denker, der sich für groß hielt. Wer so Philosophie betreibt, schadet der Sache der Philosophie! Hätte sich Heidegger auch ethisch, auch politisch, mit den Fakten rund um die NSDAP auseinandergesetzt, anstatt, mitten im 2. Weltkrieg, als die Öfen in Auschwitz nie ausgingen, etwa permament mit dem Dichter Hölderlin oder den Vorsokratikern, vielleicht wären die Schwarzen Hefte weniger schwarz, d.h. katastrophal für ihn als Menschen ausgefallen. Im Rahmen der Irrnis bzw der Irre hat Heidegger auch den Untergang gedacht: Er hielt es für möglich in der technischen Welt, wenn sich die Erde selbst in die Luft sprengt und dass das jetzige Menschentum verschwinde. Aber das sind ja weithin geteilte Überzeugungen. Heidegger hingegen sagt ergänzend: „Das sei kein Unglück, sondern die Reinigung des Seins durch die Vormacht des Seienden“. Kommentar von Trawny: „Eine Sintflut muss kommen, um den Dreck der Geschichte wegzuspülen“. Aber diese Auslassungen Heideggers findet selbst Trawny „philosophisch nicht der Rede wert“ (47). Er will seinen Meister überhaupt aus dem Bereich der Philosophie befreien und eher in der Dichtung ansiedeln, offenbar, weil dort ungeschützter vieles einfach so gesehen, so erfahren, geahnt und behauptet werden kann…Der esoterische Poet (Heidegger) entzieht sich einfach der in seiner Sicht banalen, logischen Kritik. Er ist ja der Große, „der groß denkt“ und deswegen, so Heidegger, „auch groß irren muss“ und wohl auch irren darf. Dem Poeten verzeihen wir alles, vermutet wohl der Schwarzwälder Dichter-Denker…

7.

Aber der entscheidende Trick Heideggers muss wohl als solcher benannt werden: Er baut sich selbst eine Philosophie, die ihn rundherum schuldlos erscheinen lässt. Heidegger hat sich seit 1930 bis zum Lebensende eine Philosophie erdacht, „zusammengebaut“, in der er selbst als der selbst ernannte „Hüter des Seins /Seyns/“ in der Unverborgenheit die Wahrheit spürt, dabei aber auch die Irrnis, also den Fehler, die Unwahrheit erlebt und ihr ausgesetzt ist: Das Irren gehört dann entschuldbar, weil schicksalhaft und unabwerfbar gegeben, wesentlich zum Philosophieren. Heidegger entkommt der Irre nicht, er muss förmlich irren.

Der arme Heidegger konnte also nichts dafür, dass er Antisemit werden musste, es war doch ein Seins/Seyns Geschick. Da hilft doch keine Logik und schon gar keine Ethik. Denn die Ethik ist doch auch durch die Irre verdorben… Heidegger entzieht sich mit seiner Philosophie der Verantwortung. Er tritt förmlich aus der allgemeinen Geschichte der (meisten) Menschen heraus. Er ist ein „Sonderfall“.

Ab Seite 65 folgen bei Trawny einige wenige weiter inspirierende und sicher wichtige Sätze, die sich alle immer noch verbliebenen absoluten Heidegger Fans hinter die Ohren schreiben werden: „Heidegger hat an keiner Stelle (der Schwarzen Hefte) signalisiert, er habe sich in jenen antisemitischen Passagen getäuscht“…“ Heidegger hat sich ohne Gewissensbisse zur unveränderten Veröffentlichung entschieden“: (67)

8.

Merkwürdig hingegen wieder die daran anschließende Äußerung Trawnys: „Der Irrende ist ohne Schuld. Der Gedanke, Heidegger hätte sich irgendwie für sein Denken entschuldigen könne, ist schwach“ (68). Warum ist dieser Gedanke schwach? Hatte denn Heidegger denn kein Gewissen? Hatte er denn kein Denken und Erkennen, das nicht einbezogen war in sein Seins-Denken? Gab es für ihn wirklich absolut und nirgendwo keine allgemeine Logik mehr? Oder hat er Logik und Ethik nur an den Stellen ausgesetzt, wo es ihm in seinen (politischen) Kram passte?

Diese neue Broschüre von Trawny „Irrnis Fuge. Heideggers Anarchie“ ist, von einigen exoterisch nachvollziehbaren Sätzen abgesehen, kein Buch, das Aufklärung, also Licht, bringt in die verworrene Situation der Philosophie Heideggers seit der Veröffentlichung der Schwarzen Hefte.

Peter Trawny, Irrnisfuge. Heideggers An-archie“. Matthes und Seitz-Verlag, Berlin, 2014, 90 Seiten.

Zu Fußnote 1: WZ am 20. Jan. 2013 und Solinger Tageblatt 26.9.2014.

Copyright: Religionsphilosophischer Salon Berlin. Christian Modehn

Über das Nichts hinaus. Paradoxien des Nihilismus. Eine Ra­dio­sen­dung am Samstag 7.2.2015

SR2 KulturRadio   „HörStoff “ am Samstag, 7.2.2015         um  9.05 – 9.30

Über das Nichts hinaus: Paradoxien des Nihilismus. Die Sendung kann noch gehört werden bis zum 14.2.2015, klicken Sie hier:

Von Christian Modehn

Der Nihilismus ist zuerst ein Lebensgefühl, bevor er philosophisch und religiös Ausdruck findet. Mitten im Alltag erscheinen Bindungen an Werte banal, Freundschaft und Liebe langweilen, Gottesbilder wirken belanglos. Das Gefühl der Sinnlosigkeit macht sich breit. Wenn nichts mehr Lebendigkeit verheißt, legt sich das Nichtige wie ein Schleier über alles. Ist der Nihilismus eine Art Endstation der Verzagten und Verzweifelten? Oder gibt es inmitten von allem Nein Wege zu einem verwandelten, neuen Leben hin? Der Philosoph Nietzsche war dieser Meinung. Er plädierte nach dem Tod Gottes und dem daraus folgenden Nihilismus allerdings für den „Übermenschen“. Anders die Mystiker wie Meister Eckart. Sie bejahen die Leere, finden gar über das Nichts hinaus den wahren, den „göttlichen Gott“.