Das Morden in Syrien nimmt zu: Eine Stellungnahme des „Jesuitenflüchtlingsdienstes“

Der Religionsphilosophische Salon ist der Idee und Wirklichkeit der universalen Menschenrechte verpflichtet. Philosophie ist für den Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon niemals nur Spekulation, niemals nur Metaphysik, niemals nur Theorie.

Deswegen empfehlen wir dringend die Lektüre der bewährten und international sehr respektierten NGO „Jesuiten-Flüchtlingsdienst“, die in Syrien ausharrt … nebenbei, in allen Teilen der Welt hervorragende Arbeit für das Wohl der Flüchltinge leistet.

Die Erklärung des Jesuitenflüchtlingsdienstes vom 5. 2. 2015 hat diesen Wortlaut, wer will, möge bitte – auch helfend – Kontakt aufnehmen:

Pressemitteilung des JRS International und JRS Syrien

Link zum englischen Original: http://en.jrs.net/news_detail?TN=NEWS-20150205090424

Den höchsten Preis für die Gewalt zahlen jene, die sich am wenigsten wehren können

Rom / Damaskus, 5. Februar 2015. Die Eskalation der Gewalt seit einigen Tagen, besonders in Aleppo und Damaskus, hat den Jesuiten-Flüchtlingsdienst aufs Äußerste alarmiert. Angriffe haben auch dicht besiedelte Wohngebiete getroffen. In Damaskus hat die Gewalt ein bisher beispielloses Ausmaß erreicht. Die internationale Staatengemeinschaft muss dringend Maßnahmen ergreifen, um die Zivilbevölkerung zu schützen.

In den vier Jahren dieses andauernden Konflikts sind nach Angaben humanitärer Organisationen mehr als 200.000 Syrer und Syrerinnen getötet worden, rund 10 Millionen wurden vertrieben. Weitere 250.000 Menschen sind von der Versorgung abgeschnitten.

„Einige dieser Raketenangriffe haben mit Absicht auf besonders dicht bewohnte Gebiete gezielt, in denen Einheimische und Vertriebene Tür an Tür leben. Neben den furchtbaren Folgen für Menschenleben und die Infrastruktur schüren solche Angriffe auch sektiererischeTendenzen“, so ein Mitarbeiter des JRS in Damaskus.

Die Angriffe behindern humanitäre Hilfe, weil sie Hilfsorganisationen dazu zwingen, ihre Mitarbeitenden zu evakuieren und ihre Arbeit zumindest vorübergehend einzustellen. Inmitten eines solchen Angriffs versuchen Eltern verzweifelt, zu ihren Kindern zu gelangen und riskieren dabei ihr eigenes Leben. Es sind diejenigen, die sich selbst am wenigsten verteidigen können, die letztlich den höchsten physischen und seelischen Preis für die Gewalt zahlen müssen.

„Der fortdauernde militärische Einsatz wird die humanitäre Krise nur vertiefen. Für die Zukunft der ganzen Region muss die internationale Gemeinschaft – einschließlich der umliegenden regionalen Staaten – alles in ihrer Macht Stehende tun, um die Gewalt zu stoppen.“

Um humanitäre Hilfe wirkungsvoller zu machen, sollten diejenigen zivilen Gruppen mehr Unterstützung erhalten, die in den am stärksten betroffenen Gebieten arbeiten, wo internationale Organisationen nicht mehr hinkommen. Solche syrischen Netzwerke und Organisationen geben der Bevölkerung Hoffnung und leisten dringend benötigte Hilfe mit oft sehr geringen Mitteln. Lokale Akteure einzubinden ist eine Möglichkeit, langfristige Kompetenzen aufzubauen und Syrern zu helfen, der Logik von Gewalt und Krieg zu widerstehen.

Nachbarstaaten haben die größte Verantwortung für den Schutz derer übernommen, die vor dem Konflikt fliehen. Allein der Libanon hat mehr als eine Million syrische Flüchtlinge aufgenommen, was die Infrastruktur des kleinen Staats unter großen Druck setzt. Flüchtlinge sind obdachlos und ohne Arbeit, Kinder können nicht zur Schule gehen. Sie brauchen dringend massive technische und finanzielle Hilfe der internationalen Staatengemeinschaft.

Link zur englischen Pressemitteilung:

http://en.jrs.net/news_detail?TN=NEWS-20150205090424

For further information please contact:

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JRS Syrien:

Zerene Haddad

Regional Advocacy & Communications

Jesuit Refugee Service

Middle East and North Africa

zerene.haddad@jrs.net

Tel: +961 1 421 000 (ext 4712)

www.jrsmena.org

Der Jesuit Refugee Service (Jesuiten-Flüchtlingsdienst, JRS) wurde 1980 angesichts der Not vietnamesischer Boat People gegründet und ist heute als internationale Hilfsorganisation in mehr als 50 Ländern tätig. In Deutschland setzt sich der Jesuiten-Flüchtlingsdienst für Abschiebungsgefangene ein, für geduldete Flüchtlinge, Flüchtlinge im Kirchenasyl und für Menschen ohne Aufenthaltsstatus („Papierlose“). Schwerpunkte seiner Tätigkeit sind Seelsorge, Rechtshilfe und politische Fürsprache.

Dr. Dorothee Haßkamp

Öffentlichkeitsarbeit

Jesuiten-Flüchtlingsdienst Deutschland

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Meinungsfreiheit geht vor Religionsfreiheit. Teil Zwei: Französische Bischofskonferenz gegen eine Erklärung von „Reporter ohne Grenzen“

Meinungsfreiheit geht vor Religionsfreiheit. Teil Zwei:

Französische Bischofskonferenz gegen eine Erklärung von „Reporter ohne Grenzen“

Von Christian Modehn.

Am 5.2. 2015: Kurz nach der Veröffentlichung unseres Beitrags „Meinungsfreiheit geht vor Religionsfreiheit“ gibt es einen weiteren Beweis für die Aktualität des Themas: Die französischen Bischöfe haben ihreMühe, Meinungsfreiheit vollständig zu unterstützen…

Die französische Sektion von „Reporter ohne Grenzen“ (RSF) hat am 3. Februar 2015 eine Erklärung veröffentlicht. Sie gehört zur Kampagne „Die Meinungsfreiheit kennt keine Grenzen“. Gerade nach der Ermordung etlicher „Charlie-Hebdo“ Journalisten und Künstler am 7. Januar 2015 ist die Erkenntnis wichtig, das Grundprinzip einer Demokratie erneut auszusprechen: „Jeder ist frei, Kritik auszudrücken und zu verbreiten, selbst respektlose Kritik, und zwar gegen jedes System politischen, philosophischen und religiösen Denkens“. So „Reporter ohne Grenzen“.

Christophe Deloire, der Generalsekretär von RFS, betonte im Rahmen einer Pressekonferenz am 3. 2. 2015 im Palais Brogniart in Paris: „Es gibt sehr mächtige Kräfte in der Welt, die wünschen, dass die Kritik an Gedankensystemen, besonders religiösen, verdammt werden“.

Die Initiative von RSF wird u.a. unterstützt von Jean-Louis Bianco, dem Präsidenten des „Observatoriums der Laizität“.

Es gibt im – Unterschied zu Deutschland – in Frankreich kein Gesetz, das sich auf Blasphemie oder Sakrileg bezieht. Die Erklärung von RSF erinnert ausdrücklich daran. „Niemand kann sein Verständnis des Heiligen dem anderen aufdrängen“.

„Reporter ohne Grenzen“ hat die religiösen Führer Frankreichs aufgefordert, die deutliche Erklärung zugunsten umfassender Presse- und Meinungsfreiheit zu unterzeichen. Die Reaktionen vonseiten der Führer religiöser Gemeinschaften in Frankreich sind unterschiedlich: Dalil Boubakeur, Präsident des „Französischen Rat für den muslimischen Kult“ hat den Text unterzeichnet. Ebenso der „Präsident der Protestantischen Föderation“, Francois Clavairoly. „Ich begleite dieses Unternehmen, weil die Freiheit des Gewissens und die Meinungsfreiheit auch Früchte des Protestantismus sind“. Und weiter: „Es gibt bei mir gewisse Reserven, aber die beziehen sich mehr auf die Form der Erklärung als auf die geistige Grundlage. Warum werden nur die Religionen ausdrücklich zur Meinungsfreiheit aufgefordert. Denn die Bedrohungen der Meinungsfreiheit kommen weniger von den Religionen, und da besonders von den Christen, sondern eher von den totalitären Staaten, die die Religion zu ihren eigenen Gunsten instrumentalisieren“.

Die katholische Bischofskonferenz hat diese Erklärung von „Reporter ohne Grenzen“ zugunsten umfassender Pressefreiheit NICHT unterzeichnet. Die Begründung ist – mit Verlaub gesagt, in unserer Sicht – hoch merkwürdig, sie passt zu einer autoritären, auf sich selbst bezogenen Institution. Die Begründung heißt: Die Bischofskonferenz „kennt nicht den Brauch, einen Text zu unterzeichnen, den sie nicht selbst verfasst hat“! Damit begibt sich jeder Lernbereitschaft von den Gruppen der Zivilgesellschaft! Diese Begründung brachte Olivier Ribadeau Dumas vor, der Generalsekretär der Bischofskonferenz. Diesen Satz darf man wohl als Ausdruck einer extremen Getto-Mentalität bezeichnen. Und der Ton wird noch polemischer: „Was würde wohl „Reporter ohne Grenzen“ tun, wenn die katholische Kirche sie auffordern würde, eine Erklärung über den Umgang mit den religiösen Fakten in der Medien zu unterzeichnen ?“ Offenbar haben die Bischöfe das Gefühl, ständig von „den“ Medien schlecht behandelt zu werden.

Die Präsidentin der „Buddhistischen Union Frankreichs“ , Marie Stella Boussemart, hat persönlich diesen Aufruf unterzeichnet. Auch der Groß-Rabbiner von Frankreich, Haim Korsia, ließ wissen, dass er absolut einverstanden ist im Prinzip mit dem Aufruf der „Reporter Ohne Grenzen“. Aber er wünsche sich eine einmütige Erklärung aller religiösen Führer Frankreichs. Die katholischen Bischöfe aber sagen „nein“, siehe oben.

Um mit den Bischöfen ins Gespräch zu kommen, hat sich Christophe Deloire bemüht, sein Anliegen bei der nächsten Sitzung der Bischofskonferenz am 11. Februar 2015 persönlich dort zu erläutern. Aber es ist keineswegs sicher, dass dieser Dialog mit den Bischöfen zustande kommt, berichtet die katholische Tageszeitung „La Croix“ am 5.2., denn, so sagen die Bischöfe auf ihre Art, diese Bischofsversammlung sei eine informelle Versammlung des Klerus. Mit anderen Worten: Auf diese Weise zeigt sich die Bischofskonferenz als abweisend, dialog-unwillig.

Der Text von Reporter sans Frontières: :

http://fr.rsf.org/france-reporters-sans-frontieres-rsf-03-02-2015,47553.html

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer-Salon-Berlin.

 

 

 

 

 

Meinungsfreiheit ist die Voraussetzung für Religionsfreiheit

Ohne Meinungsfreiheit gibt es keine Religionsfreiheit

Grundlegende Hinweise zur Debatte um die Blasphemie

Von Christian Modehn

Im „Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon Berlin“ wurden bereits mehrere Hinweise, Interviews und Diskussionsbeiträge zum Thema Gotteslästerung veröffentlicht. Kürzlich erschien in der empfehlenswerten Zeitschrift PUBLIK – FORUM im Rahmen der beliebten PRO und CONTRA Debatten des Blattes Beiträge zu: Ja oder Nein zur Blasphemie.

Britta Baas, die verantwortliche Redakteurin, gab dieser Diskussion das einleitende „Vorwort“:

Weltweit morden Killerbanden mit heiligen Büchern im Gepäck. Kein Kontinent bleibt verschont. Auch die Redakteure von »Charlie Hebdo« wurden Opfer einer Gewalt, die sich auf Gott beruft. Vermeintlich verteidigten die Täter dessen Ehre, die sie d urch Satire beleidigt sahen. Ist Blasphemie nötig? Stimmen Sie hier ab:  http://www.publik-forum.de/umfrage/gott-in-der-satire?idw=20159880

Wer will, kann also abstimmen, am besten, wenn man vorher die beiden Beiträge liest. Klicken Sie bei Lektüre-Interesse hier.

……..

Es ist für uns wichtig, noch einmal, Anfang Februar 2015, ausführlicher an philosophisch Grundlegendes zu erinnern und zur Diskussion zu stellen: Inzwischen ist die Diskussion in Frankreich weiter zugespitzt, klicken Sie bitte hier.

Jene Länder und Staaten, die keine Meinungsfreiheit, also keine freie Presse und keine Freiheit der Aussage subjektiver Meinungen in der Öffentlichkeit kennen, diese Staaten haben auch keine Religionsfreiheit. In diesen Staaten herrscht die eine und einzige Staatsreligion absolut vor, andere Religionen sind verboten bzw. dürfen nicht öffentlich auftreten: Deutliches Beispiel dafür ist Saudi-Arabien. Dort gibt es als Voraussetzung dafür konsequenterweise auch keine Presse- und keine subjektive Meinungs-Freiheit. Oder auf andere Art, wenn man denn auch totalitäre Staatsideologien als Weltanschauungen/“Religionen“ betrachtet, ist Nord-Korea ein treffendes Beispiel. Dort gibt es konsequenterweise zum Staats/Führer-Kult auch keine Meinungs/Pressefreiheit.

Früher zählte auch Spanien (Franco) dazu oder Portugal (Salazar-Diktatur) oder der Vatikanstaat zu diesen Staaten. Ob es innerhalb der römischen Kirche eine freie, unabhängige und allseits kritische Presse geben kann, ist eine andere Frage. Natürlich gibt es Abstufungen: Ein wenig Presse/Meinungsfreiheit entspricht dann ein wenig Religionsfreiheit,  wie vielleicht in Marokko oder dem einen oder anderen „Golf-Staat“. Da, wo die Meinungsfreiheit und Pressefreiheit vollständig Realität ist, wie etwa in Holland, ist auch die Religionsfreiheit sehr umfassend möglich.

Wichtiger ist die philosophische Beweisführung: Entscheidend ist dabei: Weil das religiöse Bekenntnis in der Öffentlichkeit nur verstanden werden kann als ein Ausdruck der eigenen, eben religiösen Meinung und Überzeugung, ist die Meinungsfreiheit die notwendige Bedingung und notwendige Voraussetzung auch für Religionsfreiheit. Ohne Meinungs- und Pressefreiheit kann es keine Religion(sfreiheit) geben. Nebenbei: Religionsfreiheit als Menschenrecht bedeutet nicht, dass Religionen und religiöse/weltanschaulich gebundene Menschen und ihre Instititionen besondere Schonung und heilige Achtung a priori verdienen. Es bedeutet nur, dass Menschen ihre religiöse Meinung, also ihre Konfession, persönlich leben wie auch in der Gesellschaft/im Staat gestalten und ausdrücken können, wenn denn diese Überzeugungen den übergeordneten Menschenrechten nicht konträr sind.

Wenn Meinungsfreiheit eingeschränkt wird, dann wird im zweiten Schritt auch Religionsfreiheit eingeschränkt. In Saudi-Arabien und vielen anderen Ländern gibt es keine Meinungsfreiheit und DESWEGEN auch keine Religionsfreiheit, obwohl so viele Herrscher dort ständig etwas von ihrer Religion behaupten und diese als die alleinige gewalttätig durchsetzen.

Gotteslästerung, also Ausdruck meiner Meinung,  wird von den Frommen als Einschränkung der Religionsfreiheit angesehen, so, als würde ein Lästerer einem Frommen seinen Glauben „nehmen“ wollen. Gotteslästerung will hingegen Raum auch schaffen für einen menschenwürdigen, kritischen Glauben.

Zunächst: Gotteslästerung kann es auch für klar denkende religiöse Menschen „eigentlich“ nicht geben, weil Gott im Himmel oder in der eigenen Seele unsichtbar „sitzt“, wohnt, deswegen kann er als irdisch-greifbares Rechtssubjekt gar nicht in Frage kommen. Der himmlische und transzendente (oder eben auch seelisch immanente) Gott kann gar nicht als solcher Klage führen gegen die Lästerer. Das haben die meisten nachdenklichen Demokratien längst auch in der Gesetzgebung anerkannt. In Saudi-Arabien hingegen und anderswo ist „man“ nicht so weit. Da können die Diktatoren die Gotteslästerungsparagraphen sehr bequem zum Erhalt ihres eigenen Unrechtssystems einsetzen. Und sie tun dies. Was ist leichter als zu behaupten, Gott ist beleidigt? Also dann eben schnell und ohne vernünftig-nachvollziehbare Begründung: „Hand ab“. Mindestens. Gotteslästerung ist für Diktatoren nicht als ein Freibrief für inhumanes Verhalten.

Gotteslästerung ist also und will nichts anderes sein als „Frommenlästerung“ und politische Kritik. Da werden die religiösen Gefühle gelästert, so wie man bei Musikfreunden etwa ihre „Wagnermacke“ oder ihren „Mozart-Wahn“ als absolute Gefühle belästern kann. Viele sind dann dankbar, dass sie dadurch aus dem „Schlaf der eigenen Vernunft“ aufwachen können.

Religiöse Gefühle zu kritisieren, dazu hat man allen Grund in einer normativen Sicht der Menschenrechte. Weil diese Frommen vielleicht zu merkwürdige und gesellschaftlich schädigende Glaubensinhalte haben, etwa: „Homosexuelle dürfen sich nicht lieben, dürfen nicht heiraten, weil sie letztlich Menschen zweite Klasse sind“. Das würde zwar kein kluger Frommer in Europa so laut sagen, de facto ist die Lage klar: Man denke an die „Ehe-Demonstrationen“ (nur Hetero-Ehen sind gottgewollt) kürzlich in Frankreich…

Gotteslästerung ist als Frommenlästerung rechtlich noch nicht klar geregelt: Denn in Deutschland gibt es den § 166 im Strafgesetzbuch. Danach werden die Gotteslästerer bestraft, wenn sie, so wörtlich, den „öffentlichen Frieden stören“. Wann und wie dieser „öffentliche Friede“ aber durch Lästerer gestört wird, wissen die Lästerer ja nie im voraus. Sie müssen also lästern, um die Möglichkeiten zu erkunden, abgesehen davon, dass es ihr gutes Recht ist, diese ihre Meinung frei darzustellen. Plötzlich aber, nach der Veröffentlichung einer angeblich „lästerlichen“ Karikatur, melden sich bestimmte Fromme und schreien und handeln gewalttätig: „Wir sind in unserer religiösen Gefühlen verletzt, entfernt die Lästerer“. Beweisen kann man von außen nie, wie viel Show dabei ist, wenn jemand seine Gefühle verletzt sieht. Vielleicht hat er ganz andere, naämlich politische Interessen. Mit dem Begriff der Verletzung von Gefühlen zu argumentieren, ist also ziemlich abwegig. In einem solchen diffusen Klima wird kritische Meinungsäußerung nicht gerade gefördert. Angst vor der Klage der Frommen macht sich breit.

„In religiösen Gefühlen verletzt sein“ ist einer der schwammigsten und missbräuchlichsten Begriffe: Jeder kann ständig behaupten, seine Gefühle seien verletzt. Da ist der willkürlichen Behauptung (oder dem darin sich zeigenden Gehorsam gegenüber religiösen Autoritäten) Tür und Tor geöffnet. Erst, wenn man diese Gefühle in begriffliche Sprache übersetzt, gibt es Klarheit: Also man sollte als religiös Verletzter klar sagen: „Mein Gott will nicht, dass Frauen völlig gleichberechtigt sind“. Mein Gott will, dass Andersdenkende am besten nicht so viele Lebensrechte haben“. „Mein Gott will, dass der Klerus, die Rabbiner oder die Imame auch politisch im Staat bestimmen dürfen“. „Mein Gott will, dass Menschenrechte bestenfalls an zweiter Stelle stehen hinter den religiösen und geoffenbarten Gottesrechten“.

ERST wenn diese Gefühle eben Wort werden, dann kann man sehen, was Frommenlästerung bedeutet. Dann kann man darüber in einen Dialog eintreten. Und möglicherweise auf diese Weise (!) für den öffentlichen Frieden weiterhin sorgen. Aber solche Übersetzungsarbeit geschieht nicht öffentlich. Alle Lästerer und andere kritischen demokratischen Bürger gucken nur mitleidvoll auf die verletzten religiösen Gefühle der Frommen und tun alles, um diesen saften Seelen künftig alle Irritation zu ersparen. Und dann werden keine angeblich lästerlichen Dinge mehr gesagt und veröffentlicht. Siehe die große Angst in den USA Medien, angeblich Lästerliches zu drucken. Die verwirrten frommen Seelen haben also gesiegt und bestimmen das kulturelle Klima, das den Titel frei und meinungsfrei nicht mehr verdient. Eine offene und aufgeklärte Gesellschaft braucht keinen Paragraphen, der Gotteslästerung verbietet. Zu nebulös sind die Klagen derer, die angebliche Frommenlästerung ertragen können.

Es gibt ja ohnehin nicht mehr „den“ Gott in den demokratischen Gesellschaften und Staaten, sondern eben viele Götter vieler unterschiedlicher religiöser Menschen. Vielleicht ärgert sich ein frommer Hindu, wenn eine heilige Kuh durch eine Karikatur entheiligt wird, worüber sich vielleicht ein Moslem aber eher freut. Wie soll die Klage ausgehen, welcher Gott soll da respektiert werden, wenn die Götterfreunde selbst unter sich so uneins sind.

Am wichtigsten ist: Und das ist die unaufgebbare, weil evidente (!) Basis offener, demokratischer Staaten und Gesellschaften: Zuerst und an erster Stelle kommt das Humanum, d.h. der Mensch und sein Wohl, die sich in der allgemeinen, also eigentlich allen gemeinsamen VERNUNFT erschließen. Und dann, also deutlich nachgeordnet und weniger wichtig, also an zweiter Stelle, kommt das religiöse Bekenntnis, kommt die Religion. Die Krise heute ist, so scheint uns im Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon, dadurch verursacht: Dass so viele Menschen Religionen wichtiger nehmen als das Humanum, als die Menscherechte. Religion und religiöse Autoritäten können niemals an erster Stelle der Wertigkeit stehen. Wer es theologisch will: Gott hat Menschen geschaffen. Nicht zuerst Fromme! Das wäre doch eine spekulative Frage für Metaphysiker: Waren Adam und Eva im Paradies, vor dem „Sündenfall“, religiös oder nur Menschen, nur menschlich?

Noch einmal: In einer offenen und humanen und dem Ideal der Demokratie verpflichteten und der Vernunft  folgenden Gesellschaft sind alle Formen aller konkreten Religionen mit allen ihren Offenbarungen und Klerikern und Päpsten und Kalifen und Bonzen absolut an der zweiten Stelle. Sie alle haben sich, wie alle Menschen, zuerst nach den Menschenrechten zu richten, dann, wenn sie wollen, können sie ihre religiösen Sondertraditionen hegen und pflegen. Aber die müssen sich alle am Maß der Menschenrechte messen und von daher kritisieren lassen.

Copyright: Christian Modehn, religionsphilosophischer-salon-berlin.

 

Thomas Merton: Sein Kind, seine Liebhaberin, sein politischer Kampf und andere Hinweise

In einer Kurzfassung biete ich hier einige Fakten zu Thomas Merton, keineswegs in der Absicht, ihn irgendwie „schlecht zu machen“. Im Gegenteil: Er wird durch die Fakten noch mehr als einer von uns, sozusagen, Verzeihung, als „normaler Mann/Mensch“ sichtbar, gerade weil er Mystiker war und bleibt. Christian Modehn.

Der unbekannte Mystiker Thomas Merton

Von Christian Modehn

Als Thomas Merton 1941 Mönch wird, ist er Vater eines unehelichen Kindes, gezeugt in Cambridge, England. Mertons Tochter stirbt in London bei Luftangriffen der Nazis (1). Der Name der Mutter ist unbekannt, „sie stamme aus einfachen Verhältnissen“ heißt es (2). Als Mönch will Merton 1948 in seinem Buch „The Seven Storey Mountain“ darüber sprechen. Aber der Orden übt Zensur aus (3): Die „Seriosität“ ihres –schon damals – berühmten Mitglieds soll geschützt werden. Als das Buch vorliegt, bekennt Merton: „Das Buch ist gar nicht mehr meins“, (4) es sei zu schlicht und „fromm“.

Merton nennt später sein Kloster „willkürlich, unverständig, entmutigend, gefühllos, verrufen und absurd“ (5). Der vielseitig interessierte Mönch attackiert den Vietnamkrieg; er lädt die Brüder Berrigan, Friedensaktivisten, ein. Bald wird er Kommunist genannt, eine Art Ruf-Mord in den USA.

Eine wunderbare Erfahrung ist 1966 Erotik und Sexualität: Die so innig Geliebte wird in der offiziellen Literatur bloß „Frau M.“ genannt. Dabei ist längst bekannt, dass die Geliebte Margie Smith heißt, (6) eine junge Krankenschwester. Sie lebt heute in Ohio, ist verheiratet und Mutter zweier Kinder. Frau Smith will sich nicht zu Merton äußern, heißt es. Hat jemand Frau Smith bedrängt, zu schweigen? Zu viel sexuelle Liebe eines berühmten Mönchs schadet der Reputation des Klosters.

Im Merton-Buch „Zeiten der Stille“ (Herder) dürfen in der 3. Auflage (2008) keine Liebesbriefe an Margie Smith mehr veröffentlicht werden (7).

1968 hält Merton bei einem Mönchs-Treffen in Bangkok einen Vortrag über „Die mystischen Implikationen bei Herbert Marcuse“ (8). Der Titel wird heute verschwiegen. Merton hält den Marxisten Marcuse für einen „monastischen Denker“. Denn Mönch sei „jeder, der einen kritischen Blick auf die Strukturen der Welt hat“.

Wenige Stunden nach dem Vortrag wird Merton tot in seinem Zimmer gefunden. Der Flügel eines Ventilators liegt auf seinem Körper. Der Benediktinermönch Jean Leclerc fragt: „Wurde er ermordet, wie man auch Martin Luther King ermordete?“ (9) Das hält auch der Theologe Matthew Fox für möglich (10). Merton ist eine entscheidende Stimme gegen den Vietnamkrieg. Sein Tod wird von einer katholischen Nonne, die früher Ärztin war, festgestellt (11). Offiziell heißt es: „Es war ein Unfall“. Eine Autopsie gibt es nicht. Der Leichnam wird von einem US-Militärflugzeug schnell ins Kloster überführt. Der Orden will keine weiteren Nachforschungen anstellen. Die Vermutung, Merton habe aus Verzweiflung über die beendete Liebe Suizid begangen, wird nicht vertieft. Dabei hat er in seiner letzten Rede kurz vor seinem Tod – mysteriös?- gesagt: „Ich verschwinde, ich bin am Ende“ (12)

 

Die Quellenhinweise:

1: http://www.therealmerton.com/tommie.html

auch:

http://www.explorefaith.org/saints/merton.html

2: Robert Royal: http://www.firstthings.com/article/1997/02/003-the-several-storied-thomas-merton

3: http://www.huffingtonpost.com/mark-shaw/famous-merton-book-must-b_b_424440.htm

4: ebd.

5: Orientierung, Zürich, 1984, S 52. 52 mit Verweis auf J. Forest, Thomas Merton. A pictorial Biography, New York 1980, S. 75.

6: http://lifeasahuman.com/2010/mind-spirit/spirituality-and-religion/thomas-merton-sexuality-and-spiritual-denial/

auch: http://content.bangtech.com/thinking/thomasmerton.htm

7: Bernardin Schellenberger, in: „Kontemplativ leben“. Vier Türme Verlag, 2014, dort Seite 225.

8: http://sheila-t-harty-speaker-editor.com/Thomas%20Mertons%20Last%20Talk%20in%20Bangkok%201968.pdf

9.https://web.archive.org/web/20081212155450/http://monasticdialog.com/a.php?id=873

10: in dem Buch „Christian Mystics“, s 383: https://web.archive.org/web/20081212155450/http://monasticdialog.com/a.php?id=873

11: http://boatagainstthecurrent.blogspot.de/2008/12/this-day-in-religious-history-contested.html

12: Wunibald Müller, in: Herder Korrespondenz 1, 2015: S. 31.

Dieser Artikel erschien in leicht gekürzter Fassung in der empfehlenswerten Zeitschrift PUBLIK FORUM, klicken Sie hier.

copyright: Christian Modehn

 

 

Die websites wurden von mir gelesen am 29.1., 30.1., 31. 1. und 1.2.2015.

 

 

Heidegger – ein Nazi. Aktuelle Diskussion in Paris, Januar 2015

Heidegger – der Nazi: Aktuelle Diskussionen in Frankreich

Von Christian Modehn

Das Thema „Heidegger und der Nationalsozialismus“ werden wir weiter dokumentieren und besprechen. Nun eine nächste Etappe:

Vom 22. bis 25. Januar 2015 fand in Paris ein Heidegger-Kolloquium statt unter dem Titel „Heidegger und die Juden“. Das Thema war schon seit vielen Jahren festgelegt, heißt es. Finanziert von ARTE, Radio France Culture, Libération und der BNF, waren als Teilnehmer dabei u.a. Peter Sloterdijk, Alain Finkielkraut, Peter Trawny, Barbara Cassin, Luc Dardenne…

Die Tageszeitung „Le Monde“ brachte am 30. Januar in der Rubrik „Le Monde des Livres“, Seite 9, eine Zusammenfassung von Marianne Dautrey. Ich habe einige zentrale Aussagen übersetzt, damit auch diese Etappe der Auseinandersetzungen nicht vergessen wird:

„Heideggers Antisemitismus war keine Tatsache eines Ungedachten (eines der Lieblingswörter Heideggers CM) noch eines Schweigens, sondern die Tatsache einer Negation. Und man kann nicht mehr sagen, dass seine Philosophie davon schadlos/schadenfrei ist“….“Heidegger war kein normaler Nazi, sondern ein überzeugter Nazi“… „Heidegger bedauerte 1934, dass die Nazis nicht radikal genug, sondern zu bürgerlich sind“.

Was die Veröffentlichung der „Schwarzen Hefte“ angeht: Sie liegen auf französisch noch nicht vor, die Übersetzungen werden offenbar von dem immer noch äußerst Heidegger begeisterten Francois Fédier betreut/kontrolliert. Er hielt bei dem Pariser Kolloquium einen Vortrag, in dem er versuchte, die zentralen (antisemitischen) Begriffe Heideggers ziemlich gewunden in eine eher harmlose französische Begrifflichkeit zu übersetzen. Auch das dokumentiert Le Monde. Die junge Philosophin Sidonie Kellerer hat, so wird auch in Le Monde berichtet, in minutiösen Studien herausgefunden, wie Heidegger etwa seinen Vortrag „Die Zeit des Weltbildes“ aus der Nazizeit dann in den fünfziger Jahren von allen Bezügen auf Hitler usw. befreit hat, ohne dass er die Veränderungen des Textes vermerkte. Das empfehlenswerte Sonderheft von „Philosophie Magazine“ über Philosophie und Nazis (Januar 2015) berichtet ebenfalls ausführlich darüber! Frau Kellerer hat sich bei dem Pariser Kolloquium nicht geäußert.

Gar nicht erst nach Paris gereist ist der Philosoph Emmanuel Faye aus Rouen, er hat als einer der ersten auf die Verstrickungen Heideggers mit dem Naziunwesen hingewiesen. Er sieht, wie bei dem der Organisatoren, Gérard Bensussan, der Antisemitismus Heideggers relativiert wird, indem er sagt: „Das ganze westliche (europäische) Denken ist antisemitisch“. Emmanuel Faye weist diese banale Aussage entschieden, argumentativ, zurück.

Offen bleibt nach wie vor die Frage, welche Ideen, Perspektiven, „Werke“ (etwa aus den früheren Jahren, wie „Sein und Zeit“) bleibend gültig sind, also vom Ungeist des Rassismus nicht erfasst ist. Das wäre ein Thema für mehrere internationale Kolloquien und Sammelbände, so hätten die frustrierten Heideggerianer etwas Neues zu denken und sich zu bekennen zu der Frage: Wie sinnvoll war und ist all unser Jahre langes Interpretieren und Verstehenwollen dieser so dunklen Heideggertexte. Zugespitzt und etwaa polemisch gefragt: Hätten wir nicht besser andere Philosophen durchbuchstabieren sollen? Ob Heideggerianer so viel Mut und Selbstkritik aufbringen, einen Sammelband zu veröffentlichen unter dem durchaus Heideggerschen Titel: „Auch wir waren in der Irre“?

Copyright: Christian Modehn.

27. Februar: Salon über Islamische Philosophien, von 19 bis 21 Uhr.

Der nächste Religionsphilosophische Salon ist mit 20 Anmeldungen ausgebucht, natürlich unter der Voruassetzung, dass alle, die sich anmelden, tatsächlich kommen.

Der Salon will sich dem bislang eher wenig beachteten Thema „Islamische Philosophien“ zuwenden. Das Thema ist alles andere als nur für Historiker relevant. Wir wollen der Frage nachgehen: Was bedeuten diese Philosophien „für uns“.

Wer Zeit und Lust hat, könnte als Einführung das Buch „Denker des Propheten“ (Piper Taschenbuch) des Islamkenners und Journalisten Wolfgang Günter Lerch lesen. Es wird als objektive Einführung vielfach empfohlen. Oder auch innerhalb des insgesamt sehr empfehlenswerten, aber umfangreichen Buches von Kurt Flasch „Kampfplätze de Philosophie“ (Verlag Klostermann), dort ab S. 141 das Kapitel „Averroes gegen Al-Gazali“.Empfehlenswert ist auch das knappe Buch von Ulrich Rudolph, Islamwissenschaftler an der Uni Zürich mit dem Titel „Islamische Philosophie“, erschienen bei C.H.Beck, Wissen, 8,95 Euro. Ein Freund unseres philosophischen Salons empfiehlt: Als gute und preiswerte Einstiegsliteratur eignet sich die ausführliche Einleitung der deutschen Übersetzung des allegorischen Inselromans Risālat Ḥayy ibn Yaqẓān von Abū Bakr Ibn Ṭufail (gest. 1185); Der Philosoph als Autodidakt. Hayy ibn Yaqzan. Ein philosophischer Inselroman. Felix Meiner Verlag, Hamburg 2004. (Vorläufer des Robinson Crusoes Romans)

Und auch Schaerers Übersetzung von Averroes Werk „Die entscheidende Abhandlung. Die Untersuchung über die Methoden der Beweise“.

Wer sich anmeldet, erhält von mir noch einige Hinweise und Texte per email, als Einstimmung und durchaus, wenn ich das sagen darf, als „Vorbereitung“.

„Islamische Philosophien“ als Thema versteht sich durchaus als deutliche Erinnerung daran, was das sogenannte christliche Europa tatsächlich „dem Islam“ bzw. islamischen Philosophen zu verdanken hat. „Der Islam“ „ist“ insofern schon längst Teil der europäischen Kultur, wie das Judentum, das Christentum, die Aufklärung, der Humanismus und der Atheismus.

Der ORT: Galerie Fantom, Hektor Str. 9, Freitag, 27. Februar 2015 um 19 Uhr, Beitrag: 5 Euro.

 

Der Islam gehört nicht zu Deutschland ??? Wenn das logische Denken versagt

Wenn das logische Denken bei einem CDU Poliitker versagt

Von Christian Modehn, veröffentlicht am 26.1.2015.

In leicht veränderten Form liegt der Beitrag auch auf der website der Zeitschrift PUBLIK FORUM vor, die wir erneut empfehlen! Zur Lektüre dieses Kommentars und anderer aktueller Beiträge klicken Sie bitte hier.

Später hat der CSU „Spitzen“-Politiker Horst Seehofer ebenfalls behauptet: Der Islam gehört nicht zu Deutschland. Sehr früh also wurden von CDU/CSU Politikern eine Abneigung gegen „den“ Islam  propagiert. Die Früchte dieser pauschalen Verachtung „des“ Islam sieht man heute an dn Wahlerfolgen der AFD… (notierz von Christian Modehn am 29.9.2025).

 

„Der Katholizismus gehört nicht zu Deutschland. Allerdings sind Katholiken willkommen und können ihre Religion ausüben“. „Auch der Atheismus gehört nicht zu Deutschland. Allerdings können Atheisten hier ihre Überzeugung ausüben“. Den logischen Unsinn dieser beiden Sätze erkennt jeder noch halbwegs denkende Mensch sofort. Den Katholizismus gibt es nur, weil und wenn es Katholiken gibt. Den Atheismus nur, weil und wenn es Atheisten gibt. „Der Katholizismus“ wie „der Atheismus“ sind allgemeine, rein gedankliche Begriffs-Konstrukte, die als solche und identisch-greifbar gar nicht vorkommen. Es gibt immer nur Menschen, die ihre jeweilige Überzeugung leben und öffentlich zeigen.

Selbst wenn in einer phänomenologischen Betrachtung Religionen analysiert werden, etwa in der Untersuchung ihrer grundlegenden Texte, sind es immer Menschen in unterschiedlichen Situationen und unterschiedlichen Zeiten (und Kenntnissen), die dann ein angebliches „Wesen“ ihrer phänomenologisch betrachteten Religion beschreiben. Eine konkrete Religion gibt es also nicht „an sich“, sondern immer nur in Verbundenheit mit Menschen, die diese Religion untersuchen und/oder dieser Religion als Gläubige folgen. Islam ohne Muslime gibt es also genauso wenig wie Muslime ohne Islam! Man kann nicht Muslime schätzen und „den“ Islam (naiv als eine Einheit verstanden) verachten.

Nun outet sich der sächsische Ministerpräsident Stanislaw Tillich am Sonntag, den 25. Januar 2015 in einem Interview mit der „Welt am Sonntag“ als treuer Gefolgsmann der nur selten dem logischen Denken verpflichteten Pegida – Bewegung: Der Ministerpräsident sagt: „Muslime sind in Deutschland willkommen und können ihre Religion ausüben. Das bedeutet aber nicht, dass der Islam zu Sachsen gehört“. Falls sich Sachsen nicht wieder als eigenständiges Königreich mit einem König Stanislaw dem Starken etablieren will, gehört Sachsen nach wie vor zum Rechtssystem der Bundesrepublik Deutschland. Dann kann der jedem logischen Denken ferne Satz des Herrn Tillich tatsächlich nur übersetzt werden: „Das bedeutet, dass der Islam nicht zu Gesamt-Deutschland gehört“.

Aber was heißt das eigentlich? Was will Tillich unternehmen, dass „der Islam“ nicht (länger) zu Deutschland gehört? De facto ist der Islam in Deutschland und (zahlenmäßig ganz schwach) in Sachsen vorhanden, in Moscheen, Bildungsinstituten und kleinen oder größeren Gebetsstuben, in Koranausgaben und Treffpunkten, wie Teestuben und Buchhandlungen. Vor allem ist der Islam präsent in den Muslimen. Sollen diese Institutionen also verschwinden, „weil sie nicht zu Deutschland/Sachsen gehören“? Das ist unmöglich, weil ein großer Teil der Muslime diese Institutionen gebaut haben und gebrauchen. Muslime in Deutschland haben zudem in großer Anzahl auch die deutsche Staatsbürgerschaft. Darf man Deutschen ihre eigenen Institutionen nehmen? Bis jetzt ist das unmöglich.

Der Pegida-Satz des Herrn Tillich übersieht zudem, dass es „den Islam“ auch in Deutschland als einen festen einheitlichen Block nicht gibt. Es gibt Theorien und Theologien eines liberalen Islams, eines mystischen Islams, eines konservativen Islams, und, auch das, quantitativ eher schwach vertreten, eines fundamentalistischen Islams. Und es gibt die vielen Türken hier, denen die Bindung an „den Islam“ ziemlich gleichgültig ist, so wie es Hundertausende von Katholiken und Protestanten gibt, denen ihre Kirchenbindung nur am Heiligabend wichtig ist.

Aber diese sehr verschiedenen Ausprägungen des Islams gibt es nur, weil es Menschen gibt, die sie formulieren und zu Papier bringen. Logisch gesehen heißt das: Wer großspurig „den“ Islam hier nicht will, der will auch nicht diejenigen hier, die sich auf vielfache Weise an den Islam binden. Wer sagt, der Islam gehört nicht zu Deutschland/Sachsen, der will, ohne es schon direkt zu sagen, dafür sorgen, dass die Muslime hier verschwinden. Denn, siehe oben, „den Islam“ gibt es nur, weil es Islam-Gläubige gibt. Und er will eine noch rigidere und unmenschliche Asylpolitik, weil etliche Hilfe-Suchende aus islamischen Ländern stammen. Er will das angeblich brave (Pegida) Volk aufhetzen, wenn sich irgendwo „der Islam“ zeigt, etwa im Bau von Moscheen. Hingegen ist wohl Tillich dafür, dass Handelsbeziehungen zu den islamischen Staaten blühen, denn die bringen ja Arbeitsplätze auch in Sachsen.

Was Ministerpräsident Stanislaw Tillich betreibt, ist also eine versteckte Form des Rassismus: Muslime raus, könnte er im Klartext reden, doch dazu fehlt ihm wohl noch der Mut. In diesen Tagen denken wir an die Befreiung des KZ Auschwitz vor 70 Jahren: Dabei denken wir daran, dass schon einmal in Deutschland propagiert wurde: Das Judentum passt nicht zu Deutschland, zum Abendland usw. Daraus wurde dann unverhohlen seit 1933 die tötende Botschaft: Die Juden als Juden passen nicht zu Deutschland. Dann wurden sie vertrieben und vergast.

Wie lange ist ein Ministerpräsident tragbar, der sich jedem logischen und damit humanen Denken verschließt? Der unlogische Propagandasprüche verbreitet? Sind ihm die Pegida Leute parteipolitisch wichtiger als Logik und Menschlichkeit? Wenn es Charlie Hebdo Zeichner in Deutschland gebe, würden sie wohl zeichnen: Eine Demonstration in Dresden, auf der alle die Schilder tragen mit der Botschaft: „Der Vorname Stanislaw passt nicht zu Sachen“.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

Als Background:

Quelle: http://www.welt.de/politik/deutschland/article136740584/Der-Islam-gehoert-nicht-zu-Sachsen.html

Welt am Sonntag: Die größte Sorge der Pegida-Bewegung ist die vermeintliche Islamisierung der Gesellschaft. Frau Merkel sagt nun in diesen Tagen ganz offensiv: Der Islam gehört zu Deutschland. Gehört der Islam auch zu Sachsen?

Tillich: Ich teile diese Auffassung nicht. Muslime sind in Deutschland willkommen und können ihre Religion ausüben. Das bedeutet aber nicht, dass der Islam zu Sachsen gehört.