Thomas Merton zum 100. Geburtstag: Mystiker, Philosoph, Kritiker … und offene Fragen

Thomas Merton zum 100. Geburtstag am 31. Januar 2015: Und offene Fragen.

Mystiker, Philosoph, Kritiker

Von Christian Modehn

Der „Religionsphilosophische Salon Berlin“ erinnert an einen Trappisten-Mönch, der auf das Philosophieren nicht verzichten konnte, als Mystiker und Autor zahlreicher Bücher und Tagebücher; er war ein anregender, ein provozierender und deswegen guter geistlicher Meister, auch mit dem Zen verbunden. Er setzte sich leidenschaftlich für die Friedensbewegung (also gegen den Vietnamkrieg) ein und kritisierte heftig die westliche Wohlstandsgesellschaft: Als philosophisch leidenschaftlicher Mensch wollte er nicht zulassen, dass die Weisheit stirbt in der westlichen Zivilisation. Sein Name : Thomas Merton. Er sagte noch ein Jahr vor seinem Tod: Er habe keine Antworten, sondern „er fange erst an, die Fragen zu suchen. Und wie heißen die Fragen: Kann der Mensch sein Dasein mit Sinn erfüllen?“ (zit. in Thomas Merton, Zeiten der Stille, S. 119).

Biographisches

In den USA wird er gerühmt als „der religiöse Prophet des 20. Jahrhunderts“, so der spirituelle amerikanische Erfolgsautor Richard Rohr. Dort gibt es gut ausgebaute Thomas-Merton-Studienzentren, zahlreiche Publikationen über ihn, viele Tagungen und Konferenzen und vor allem eine Fülle, auch posthum veröffentlichter Schriften. Thomas Merton wurde am 31. Januar 1915 in Prades, bei Perpignan, Frankreich, geboren. Am 10. Dezember 1968 starb er durch einen Unfall (Stromschlag, heißt es offiziell) in Bangkok. 1941 wurde er Mönch (sein Ordensname: Bruder Louis) in einem der allerstrengsten (manche sagen: rigidisten) Orden der katholischen Kirche, den Trappisten im Kloster Gethsemani, Kentucky. 1955 wurde er für die Ausbildung der damals noch sehr zahlreichen Novizen zuständig, eine ungewöhnliche Ehre für diesen Mann mit einer sehr bewegten „Vorgeschichte“ (siehe weiter unten).

1966 zog er sich auf dem Klostergelände in eine Art Eremitage zurück. Der Autor Stephan Richter berichtet, dass sich Merton auch um einen Eintritt in den Franziskanerorden (vergeblich) bemüht hatte und später, als Trappist, ernsthaft überlegte, in den Kartäuser Orden überzuwechseln: „Weil er dort –in dem Einsiedlerorden- eine bessere Möglichkeit zur totalen Versenkung zu finden hoffte“( so in „Christ in der Gegenwart“, 1979, S. 89). Offenbar fühlte sich Thomas Merton in dem großen Kloster der Trappisten, das z.B. nur gemeinsame Schlafsäle kennt, das Sprechen fast total verbietet und damals (nur damals?) seine Mitglieder privat kontrollierte, etwa den Briefverkehr der Mönche, überhaupt nicht „zuhause“, (siehe dazu Mertons Schrift „Day of a Stranger“, 1965). Jedenfalls hat Merton auch als „Einsiedler“ und Mönch eine sehr umfangreiche Korrespondenz führen können, abgesehen von der Tatsache, dass noch posthum, wenn wir uns nicht verzählt haben, 28 Bücher von ihm bis jetzt veröffentlicht wurden, hoffentlich als kritische Studienausgaben ohne Zensur, was zu überprüfen wäre. (Quelle: http://merton.org/chrono.aspx#Posthumous)

Zu Publikationen in deutscher Sprache

In Deutschland und Frankreich ist von einem lebhaften Interesse an den Arbeiten Mertons wenig zu spüren. Es gibt hier keine wirkliche – wenigstens literarische – „Merton-Begeisterung“, wie man sie in den USA auch außerhalb des Katholizismus kennt. Als Wunibald Müller und Detlev Cuntz das Buch „Kontemplativ leben. Erinnerungen an Thomas Merton“ (Vier Türme Verlag) planten, hatten sie 120 verschiedene Klöster im deutschsprachigen Raum gebeten, zur Bedeutung von Thomas Merton fürs eigene Mönchsleben Stellung zu nehmen. „Leider war, was den Umfang der Rückmeldungen betraf, das Resultat eher dürftig“ (S. 13), schreiben Wunibald Müller und Detlev Cuntz. Die Nonnen und Mönche haben also Besseres zu tun, als zu einem vielseitig begabten, immer wahrhaftig schreibenden, kritischen und politischen Mönch und Einsiedler Stellung zu nehmen. Wie viele Klöster tatsächlich auf die Frage antworteten, verraten die Herausgeber leider nicht, wäre aber der Wahrhaftigkeit wegen sehr angebracht. Solche „halben“, d.h. bloß angedeuteten Fakten kennen Journalisten aus dem katholischen Raum seit langem.

Merton – der Philosoph

Thomas Merton ist für (religions)philosophisch Interessierte anregend. Er ist provozierend, denn er zeigt, wie auch ein spiritueller Denker nicht ohne das Philosophieren auskommt, also kritisches, in die Tiefe gehendes Fragen. Merton hat einem seiner Texte den Titel gegeben „Notes for a Philosophy of Solitude, (1960). Darin setzt er sich mit der von Blaise Pascal besprochenen Ablenkung und Zerstreuung des (modernen) Menschen auseinander. Mertons Kritik erinnert an Heideggers Darstellung der Verfallenheit an das „Man“ in „Sein und Zeit“ oder an Aussagen von Adorno in seiner „Negativen Dialektik“. Merton sieht, wie die westliche Gesellschaft den Menschen alles bietet, „an sich selbst vierundzwanzig Stunden täglich VORBEIZULEBEN….Niemand wird durch Zerstreuung im Sinne des divertissement zur Persönlichkeit“( S. 70 f. in Zeiten der Stille).

Wer aber die Zerstreuung aufgibt, der hat auch nicht das pure Glück der Sorglosigkeit und Freiheit. Der Mensch blickt dann in die Abgründe des eigenen Daseins, er schaut in Dinge, „die unbegreiflich sind“. Erst wer diese philosophische Erfahrung gemacht hat, kann im Sinne Mertons zum authentischen Glauben finden! Ohne Philosophie also kein Glaube, könnte man zugespitzt sagen. Merton betont: „Im übrigen wird echter Glaube erst möglich, wenn man sich kompromisslos der offenkundigen Absurdität des Lebens gestellt hat. Sonst neigt der Glaube dazu, ein geistlicher Zeitvertreib zu sein, bei dem man anerkannte übliche Floskeln sammelt und sie zum gängigen Erklärungsmuster zusammensetzt, ohne wirklich ihren Sinn zu erfassen…“ (ebd. 72)

Thomas Merton ist provozierend in seiner dargestellten (!) Erfahrung der göttlichen Wirklichkeit, die er auch, so die starke Gewissheit der Lesenden, ungefiltert und ungeschützt, also ohne Angst und innere Zensur, ausdrückt. Thomas Merton ist ein hoch gebildeter Autor, er kennt die Welt der Dichtung, ist eine Art Rilke-Spezialist, vertieft sich in das zenbuddhistische und taoistische Denken, setzt sich mit dem Vietnam Krieg auseinander usw. Er ist ein vielseitiger Mensch mit verschiedenen Lebens-Aspekten und einer großen poetischen Begabung. Und vor allem: Er spricht wirklich von sich selbst, von seinem eigenen Ringen, seinem eigenen Zweifel und Verzweifeltsein. Er schreibt – im Unterschied zu deutschen spirituellen Erfolgsautoren – nicht bloß objektiv-distanziert lehrmäßige Sätze. Er lässt die LeserInnen teilhaben an dem eigenen (!) Leben. Das macht ihn so inspirierend!

Nur einige Stichworte, die weiter zum Lesen und zur kritischen Auseinandersetzung ermuntern können:

Uns gefallen seine Beschreibungen der Erlebnisse mit der Natur, die ihn in ganzer Fülle auf dem Klostergelände umgab. (für weitere kritische Hinweise in dem Zusammenhang siehe Fußnote 1)

Merton spricht etwa von dem „point vierge (also dem reinen, unberührten Punkt CM), der Morgendämmerung unter einem Himmel, der noch ohne wirkliches Licht ist, ein Augenblick der Scheu und der unaussprechlichen Unschuld, wenn der Vater (also Gott, CM) in vollkommenem Schweigen ihre Augen öffnet…“ (77) Diese viel ausführlichere, behutsame Beschreibung des Naturereignisses ist immer noch lesbar, vielleicht als eine „Prosa-Form“ von Haikus ?

Auf den „point vierge“ kommt Merton in einem Text zurück, der stark an Meister Eckart erinnert: Was der mittelalterliche Philosoph den göttlichen Funken nennt, ist bei Merton „der Punkt der lauteren Wahrheit, ein Punkt oder Funke, der ganz Gott gehört. Nie können wir über diesen Punkt verfügen, sondern Gott fügt von diesem Punkt aus unser Leben…“ (79). Damit spielt Merton an auf das Gnadengeschehen, dem er sich aus religiöser Mensch ausgesetzt sah.

Gesellschaftskritik

Gesellschaftskritisch hoch interessant ist Mertons Plädoyer für den kontemplativen Lebensstil, der ja durchaus auch einmal zur philosophischen Existenz in Griechenland und Rom gehörte, man denke etwa an die Stoa. Dabei ist für Merton entscheidend: Das kontemplative Leben ist eine Form des Widerspruchs und Widerstands gegen die heute übliche Selbstverständlichkeit, „dass sich der individuelle oder kollektive Wille zur Macht durchsetzen müsse“ (85). Für den Menschen, bestimmt vom Willen zur Macht/Herrschaft (vgl. Nietzsche), steht das individuelle Selbst des einzelnen absolut im Mittelpunkt; der einzelne sieht sich in einer Welt als einem „Sammelsurium begrenzter Wesen, die miteinander im Konflikt sind… Wenn man das durchschaut, bietet sich die ganze Welt als ein einziger riesiger Kriegsschauplatz dar, auf dem der einzig mögliche Friede dadurch zustande kommt, dass der Starke siegt“ (85 f.) Dabei klagt Merton (1966) die USA besonders heftig an: „Die reichste und bestentwickelte Kultur auf der Welt… verwendet ihre ungeheure Macht und ihren Reichtum nicht darauf, Fruchtbares zu leisten, sondern Vernichtungswaffen herzustellen…Solche Menschen (in den USA) leben in immerwährender Selbstverteidigung“ (S. 102).

Hingegen befreit die Kontemplation, die hier durchaus überkonfessionell, allgemein-menschlich, also philosophisch gemeint ist, aus diesen Verhaftungen. Kontemplation lässt wahrnehmen: „Das, was uns in Wirklichkeit vorgegeben ist, ist das Sein selbst, das in allen existierenden Wesen ein und dasselbe ist und sich durch sie offenbart“ (87). Dann folgen die entscheidenden, auch philosophisch wichtigen Sätze: „Das Ziel des Kontemplativen ist im Allertiefsten das Wahrhaben dieser Herrlichkeit des Seins und der Einheit“. (ebd.)

Kirchenkritik

Thomas Merton ist sehr skeptisch in der Einschätzung, ob dieses Kontemplative in der Moderne noch eine Chance der Geltung und des Respekts finden wird. Denn der moderne, stressgeplagte, gehetzte Mensch findet „in seinem Herzen keinen Platz zum Ausruhen mehr“, weil auch das Herz des Menschen leer ist. Aber wenn denn der Mensch bloß diese Leere als Leere annehmen könnte: „Wenn er doch wüsste, dass die Leere selbst, sofern der Geist über ihr schwebt (!), ein Abgrund voller schöpferischer Fülle ist“ (92). Gegen Ende seines Lebens nimmt wohl der Pessimismus zu, selbst apokalyptische Perspektiven/Ängste sind ihm nicht fremd (etwa in „Day of a Stranger, 1967, siehe „Zeiten der Stille, S. 109: “Doch wie alle anderen Menschen lebe ich (als Mönch) im Schatten des apokalyptischen Cherubs. Ich werde von ihm überwacht, ganz sachlich und nüchtern“. Das Bewusstsein, ÜBERWACHT zu werden, war schon bei Merton lebendig, er ist 2015 unser Zeitgenosse! Die Flugzeuge, die über seinen Kopf hinweg mit Bomben beladen Richtung Vietnam flogen, nennt er den „metallenen Cherub der Apokalypse in den Wolken“ (S. 118)

Aber letztlich hat Merton auch von der Kirche keine Hilfe für das alles Entscheidende, die Stärkung der Kontemplation als Lebensform, erwartet. Die Kirche hat „einen Gott aus Marmor gepredigt, der den Menschen sich selbst entfremdet, einen Gott, der sich grimmig, wie ein unverträgliches Objekt im Herzen des Menschen ansiedelt und den Menschen verzweifelt die Flucht vor sich selbst ergreifen lässt“ (S. 92). Auch zum Zölibat hat er Stellung genommen, obwohl ihn diese kleinlichen und im letzten, objektiv gesehen, lächerlichen Themen theologisch kaum interessierten (lebensmäßig war er diesen Gesetzen ja offenbar ausgeliefert, auch wenn er am Ende wieder opponierte!) Aber, es gibt in ihm den Zwiespalt noch als Mönch: „Ich sehe keinen Grund, warum ein Mann nicht zu gleicher Zeit Gott und eine Frau lieben können sollte“, geschrieben 1967, also im Erleben der großen Liebe zu M. (S. 113) Weitere kritische Hinweise siehe Fußnote 2.

Thomas Merton bleibt philosophisch und theologisch wichtig, weil er Mut macht zu einem neuen Stil des religiösen Lebens innerhalb wie außerhalb der etablierten dogmatischen Kirchen mit ihrem schrecklichen „Marmorgott“, wie ihn Merton nannte: Er lehrt hingegen ganz Einfaches, so Menschliches, so Friedliches, nämlich auf die Gegenwart zu achten, d.h. auf das Gegenwärtigsein im langen Augenblick; er lehrt, still zu werden, nicht um der Stille wegen, sondern um die Quelle des Daseins zu erfahren. Darauf kommt es zu allererst im Leben an! Merton weiß, dass die offiziellen religiösen Worte erstarrt sind und Floskeln werden. Faszinierend seine Worte: „Statt etwas zu tun, lebe ich. Statt zu beten atme ich“ (111). Und weiter: „Hier in den Wäldern (beim Kloster) liegt das Neue Testament offen da: Das heißt: Der Wind weht durch die Bäume, und du atmest ihn ein“ (ebd.)

Die späte Liebe. Das wunderbare Lieben mit „Frau M“

In seinen letzten Lebensjahren hatte der Mönch und Einsiedler das für ihn wahrlich wundervolle Geschenk erlebt, mit einer Frau, die er in seinen Tagebüchern immer nur „M“ nennt, intensiv Liebe zu erleben, zweifellos auch körperlich. Frau M wird in den Publikationen über Merton Krankenschwester (oft auch als eine wesentlich jüngere Frau) genannt. Mark Shaw hat ihre Identität erfahren. Dass auf Deutsch die wunderbaren Liebesgedichte Merton für M nicht mehr gedruckt erscheinen dürfen, darauf wurde in Fußnote 1 hingewiesen. Wer kann das noch ertragen? Im 20. Jahrhundert erlaubt sich eine religiöse Institution, das Kloster in Kentucky und sicher auch die Kirchenführung, wer weiß das genau, Zensur und Verbot noch auszusprechen, sondern auch in dem (katholischen) Herder Verlag erfolgreich durchzusetzen.

In dem vergriffenenen Buch „Zeiten der Stille“ sind noch einige Zeugnisse veröffentlicht; Wunibald Müller schreibt über „Anima-Erfahrungen im Leben von Thomas Merton und Karl Barth“ in seinem Buch „Kontemplativ leben“. Der Klarname von Frau M. wird in dem ganzen Buch nicht genannt. Dabei ist längst bekannt, dass es sich um die junge Krankenschwester Margie Smith handelte. Ihr wurde wohl von entscheidender Seite nahegelegt, nach dem Ende der „Liebesaffäre“ mit dem berühmten Pater Merton doch besser zu schweigen. Was sie dann auch gemacht hat. Margie Smith lebt heute verheiratet in Ohio. Warum diese Heimlichtuerei in Deutschland? Oder hat man nicht ausreichend recherchiert?

Merton war ein Liebender, selbstverständlich auch ein sexuell Liebender, das macht ihn bei vielen LeserInnen so sympathisch. Ob man dann Mertons Entscheidung gegen Frau M. und für die Fortsetzung des Klosterlebens auch noch sympathisch findet, ist eine andere Frage. Merton selbst hat wohl unter dieser Entscheidung gelitten. Denn Erotik und Sexualität waren ihm sehr vertraut: Schon vor seinem Ordenseintritt „zeugte Merton wie Augustinus ein außereheliches Kind“, schreibt der Benediktiner Otto Betler (St. Ottlien) in dem Buch „Kontemplativ leben“, wobei der Hinweis „wie Augustinus“ erstaunt: Soll damit Merton in den Schatten der Heiligkeit gestellt werden? Bei Augustinus kennt man wenigstens den Namen des Kindes, nämlich Adeodat, das er dann um seiner Berufung und Karriere willen verlassen hatte, seine Geliebte nennt Augustinus hingegen nicht. Aber wer ist das Kind von Herrn Merton?

Eigentlich ist es ja ein Ausdruck von Liberalität, dass 1941 ausgerechnet ein wahrlich für Liberalität gar nicht bekanntes Trappisten-Kloster diesen Herrn als Novizen aufnahm, bei der Rigidität der damaligen kirchlichen Regeln. Wie sehr war das Kloster „unter Druck“, dass man einen bekanntermaßen sehr intelligenten Mönch „brauchte“?

Die Frage bleibt offen: Wer hat sich um Mertons Kind gekümmert? Solche Hinweise wären wichtiger als der Satz Pater Betlers OSB, dass mit Merton doch endlich mal ein Heterosexueller den Mönchsstand erwählt hat. Pater Betler, so wörtlich, findet dies gerade „irgendwie erfrischend in einem Jahrhundert, in dem männliche Zölibatäre ständig dem Verdacht der Homosexualität ausgesetzt sind“ (45). Die Ärmsten, möchte man beinahe zynisch bemerken, was müssen diese wenigen heterosexuellen Mönche leiden, wenn sie auch noch als (offenbar minderwertige) Homosexuelle öffentlich verdächtigt werden? Vielleicht outet sich gar ein als Hetero eingetretener Mönch später im Kloster als Homo. „Furchtbar“ ist eine solche Schande im keuschen Kloster!

Man darf wohl sagen, dass solche Hinweise des katholischen Priesters Pater Betler irritieren, der zudem als analytischer Psychologe am C G Jung in Zürich ein Diplom erhalten hat. (S. 49, Kontemplativ leben).

Aber abgesehen davon: Das Buch „Kontemplativ leben“ bleibt für philosophisch und religionskritisch Interessierte doch noch etwas lesenswert, vor allem wegen der Beiträge von Detlev Cuntz über „Merton und Rilke“ und von David Steindl-Rast „Gedanken über das Gebet“.

Letzte Gedichte, Liebesgedichte

Momentan, so scheint es, ist weit und breit kein spiritueller Autor innerhalb des Katholizismus zu sehen, der dieses Format eines Thomas Merton hat. Er schreibt selbstkritisch als Mitglied eines religiösen Systems, dass damals für ihn das Kloster eher eine Hölle war. Zur Zeit seiner großen, wundervollen Liebe zu „M“ notiert Merton: :

„Ich bin ein Häftling

In einer Theologie des Wollens…

Ich bin vermauert

Ich baue zehn steinernde Theorien

Von einer Steinmauer umschlossen mein Eden“ (S. 139, Zeiten der Stille“.

Oder noch eindringlicher ein anderes Gedicht von Thomas Merton:

„Wir sind zwei halbe Menschen und wandern

In zwei verlorenen Welten.

Wir haben die Hörer beiseite gelegt. Vorbei

Dass die Liebe

Wenigstens leise in den langen Drähten

Singt…

Wie elend verlassen liegt nun die Liebe

Da selbst unser Schluchzen nun schweigt.

(S. 133f., Zeiten der Stille)

Ob Frau „M“, die so innig Geliebte noch lebt und wenn ja, wie sie lebt, was sie denkt von der Trennung von ihrem geliebten Mönch, erfährt man in deutschsprachigen Publikationen bisher nicht. In amerikanischen auch nicht so richtig. Die Kirchen/Klosterführung hat ein Interesse daran, den viel gelesen Autor Merton nicht allzu „sinnlich“, erotisch, verliebt erscheinen zu lassen. Aber: Die Geschichte der „so inniglich geliebten Frau M“ wäre doch einmal ein hübsches Buch…

Der plötzliche Tod „durch Stromschlag“ (siehe auch Fußnote 3 unten)

Wunibald Müller schreibt in einem Beitrag für die „Herder Korrespondenz (Heft 1/2015) über Thomas Merton mit dem Titel „Der Nonkonformist“ auf Seite 31 über die letzten Stunden des Mönchs, die er in Bangkok bei einem spirituellen Kongress verbrachte. „Er hält einen Vortrag (den Titel nennt Müller nicht, CM), in dem er öfters die Formulierung „I dissapear“ und am Schluss „I am finished“, also ich bin ans Ende gekommen, gebraucht. Wenige Stunden später starb er an einem Stromschlag“.

Nähere Umstände des Stromschlages werden nicht genannt. Oder dürfen die wahren Gründe und Umstände nicht genannt werden? Stephan Richter schreibt deutlich: “Am 10. Dezember 1968 hatte Merton seine Thesen über „Marxismus und Perspektiven des Mönchslebens“ (dies ist also der Titel !) vorgelegt, als ihn wenig später der Tod ereilte. Eine Ergänzung am 30.1.2015: Wer sich wirklich um Fakten und nicht um spirituelle, relativ faktenfreie Auferbauungen über Thomas Merton bemüht, entdeckt immer wieder Neues: So berichtet die us-amerikanische Theologin Sheila T. Harty auf ihrer Website, dass Merton viel spezieller als von Pater Richter angegeben über „Die monastischen (= klösterlichen) Implikationen von (Herbert) Marcuse“  sprach und damit sehr wenig Verständnis ernete bei den versammelten Mönchen. Merton war eben dicht „dran“ am Thema des Jahres 1968, er war Zeitgenosse! Ich zitiere auszugweise, welche Aussagen Thomas Merton in dem Moment wichtig waren: „The monk is essentially someone who takes up a critical attitude toward the worldand and ist structures….The monk is somebody who says, in one way or another, that the claims of the world are fraudulent. This view puts the monk on the same plane as the Marxist… The difference between the monk and the Marxist is fundamental insofar as the Marxist view of change is oriented to the change of economic substructures and the monk is seeking to change man’s consciousness“. (Quelle: http://sheila-t-harty-speaker-editor.com/Thomas%20Mertons%20Last%20Talk%20in%20Bangkok%201968.pdf)

Zu seinem Tod:  Im Bad des Zimmers, das er während des Mönchskongresses bewohnte, traf ihn der elektrische Schlag des Rasierapparates“. Komisch, 9 Jahre nach Mertons wird noch das Märchen mit dem Rasierapparat erzählt. Tatsächlich aber, so sagt der so genannte „offizielle Biograph“ (Was ist denn das?), John Howard Griffin, , Merton sei durch die Flügel eines großen Ventilators verletzt worden und so wurde sein Körper z.T. verbrannt, siehe: /www.ralphmag.org/FB/mertons-death.html.

Wie konnte das passieren, war Merton so ungeschickt, so müde usw, wie behauptet wird? J.H. Griffin berichtet weiter, dass ausgerechnet eine österreichische Nonne, die zufällig (!) da war und vor ihrem Kloster-Eintritt als Ärztin arbeitete, den Tod Mertons sofort den Tod als Unfall festgestellt hat: „and she determined (!) that he died from the effects of electric shock“.

Offene Fragen, in den USA offen debattiert

Jedenfalls verweist Wunibald Müller in seinem Aufsatz im Zusammenhang des Todes Mertons noch darauf hin, dass Merton beim Anblick des riesigen Buddhas in Polonnaruwa auf Ceylon sozusagen die letzte, tiefste Wahrheit kurz vor seinem Tod noch wahrnehmen konnte und dies auch so aussprach. Müller beschließt seinen Aufsatz – im Blick auf den plötzlichen Tod – mit den merkwürdigen Worten: „Jetzt erfüllte sich sein (Mertons) Primizspruch endgültig: =Er wandelte mit Gott, dann war er nicht mehr. Denn Gott ihn hinweg genommen= Genesis, 5, 24). Mit „er“ ist übrigens Henoch gemeint, der seinen Weg mit Gott gegangen war und „entrückt wurde“. Diese seltsame Entrückung Henochs wurde Thema vieler esoterischer Spekulationen…

Darf man diese Andeutungen Wunibald Müllers mysteriös nennen? Wahrscheinlich! Wird da ein unheimliches göttliches Walten im Leben Mertons beschworen, gar etwas Schicksalhaftes? Oder wird schlicht und einfach verschwiegen, wie abgrundtief die Trauer, die Verzweiflung, über die beendete, so wunderbare Liebe zu Frau M ist? Und: Warum wäre es denn schlimm zu sagen, dass Merton voller Deprimiertheit („Ich bin am Ende“, sagt er kurz vor seinem Tod selbst) Suizid begangen hat? Wäre Merton an einem Suizid gestorben, wären er und sein Werk dann etwa weniger wertvoll? Sicher würde in der Sicht eher bescheiden denkender Menschen das Bild eines modernen Mönchs ins Wanken geraten. Und vielleicht ließen sich dann seine Bücher nicht mehr gewinnbringend für Kirche/Kloster verkaufen.

Noch ist vieles unklar: Schon 1979 schrieb Stephan Richter über die Qualität der veröffentlichten Tagebücher Mertons: „Was die klösterliche Zensur in seinen Tagebüchern alle gestrichen haben mag, erahnen wir nur“…

Jetzt muss man das alles nicht mehr alles erahnen, man bräuchte nur einige kritische Studien beachten, wie die von Mark Shaw. Er publizierte im November 2009 im seriösen Palgrave Macmillan Verlag das Buch „Beneath the Mask of Holiness: Thomas Merton and the Forbidden Love Affair that Set Him Free“. In diesem Buch wird der Klarname von Frau M. genannt und eine weitere heftig wirkende Vermutung zum plötzlichen Tod Mertons in Bangkok ausgebreitet, die wir hier nicht mehr weiter verfolgen können. Siehe: http://www.huffingtonpost.com/mark-shaw/the-thomas-merton-book-th_b_415367.html

Interessant ist, dass etliche unabhängige Denker in den USA das kritische Buch von Mark Shaw loben, so etwa der Psychologe Prof. Lewis Rambo: „This book will provide people with a new view of the deeply human, but transcendent, love story of Thomas Merton–loving God and loving a woman. [It will be] a great contribution to the spiritual journey of thousands of people.“ Dr. Lewis Rambo, Professor of Pastoral Psychology at San Francisco Theological Seminary, and conversion expert.

Warum wird von diesen Themen in Deutschland nicht gesprochen, wenn schon ein neues großes Buch über Thomas Merton erscheint?

……………..

Fußnote 1:
In dem Herder Taschenbuch „Zeiten der Stille“ (1992) hat Bernhardin Schellenberger auf knappen Raum zentrale Texte versammelt; wie schon erwähnt, alle folgenden Zitate stammen aus dem sehr empfehlenswerten Buch! Es ist leider nur noch antiquarisch zu haben. Eine Neuauflage des Buches liegt unter dem gänzlich anderen Titel „Ein Tor zum Leben ist überall“ vor. Für die dritte Auflage im Jahr 2008 (!!) „kam aus den USA der Bescheid“, so der Übersetzer und Herausgeber Schellenberger, „das vorletzte Kapitel (also „Das Wagnis, eines Menschen zu bedürfen“), also 5 Seiten mit Liebesgedichten Mertons für (seine Freundin) M. dürfte nicht mehr publiziert werden, so dass diese Ausgabe gekürzt werden musste“. Der Übersetzer und Mertonkenner Bernardin Schellenberger fügt dann scheinbar hilflos hinzu: “Ich weiß nicht, wie ich das deuten soll“. Weiß Schellenberger das wirklich nicht, wo er doch ein exzellenter Kenner der us-amerikanischen Spiritualität und auch Mertons ist?

Fußnote 2:
Thomas Merton wird sehr viel beachtet, zumindest in den USA, dort ist sein Buch von 1949 „The Seven Storey Mountain“ (=SSM) ein absoluter Bestseller, wenn man das sagen darf, hoch gerühmt, von der Kirche gepriesen als das große Buch einer wirklichen Bekehrung. Damit will die Kirche glänzen! Der Merton Spezialist Mark Shaw etwa hat aber herausgefunden, dass dieses Buch tatsächlich von der klösterlich-kirchlichen Zensur bearbeitet wurde. Shaw schreibt: „Merton himself wanted to revise his book, but was not permitted to do so, telling brother monk Father John Eudes, „it doesn’t belong to me anymore…. The fact that SSM was heavily censored is a given. Its editor, Robert Giroux, admitted it; official Merton biographer Michael Mott corroborated it; and fellow monk Father Basil Pennington, with apparent direct knowledge, confirmed it. Most important, longtime Merton friend and confidant Edward Rice criticized the publication of SSM by questioning its legitimacy when he exposed the cover-up in 1970, two years after Merton died. He reported that after Merton’s draft was submitted for publication, „Then came the immense job of editing–and castrating– the manuscript. During the year before publication a large portion, perhaps as much as one third, was either seriously altered or literally thrown away on the insistence of the Trappist censors.“ (Quelle: http://www.huffingtonpost.com/mark-shaw/famous-merton-book-must-b_b_424440.html)

Fußnote 3:

Zum Tod Thomas Mertons: Sein plötzliches Sterben in Bangkok halten kompetente Beobachter nach wie vor für ungeklärt und damit für mysteriös:

Nur wenige Hinweise, die leider in Deutschland keine Beachtung finden

1. Der Benediktiner und kompetente Forscher des Dialogs zwischen östlicher, buddhistscher, und westlicher Spiritualität Dom Jean Leclercq OSB schreibt 1969:

„How exactly did his death come about? We will never know exactly and with certitude. There are already a number of scenarios circulating—the sort of thing you expect when an extraordinary person dies. Some have begun spreading the rumor that the last moments of his life were in the presence of a statue of the Buddha. Others have suggested that he was assassinated like Martin Luther King had been. On the evening of his death two different versions were already being put forth by the media of Thailand and the United States. Papers in the United States only made mention of electrocution; those in Thailand spoke only of a heart attack. On both sides there was a desire to explain his death in such a way as to forestall certain hypotheses, none of which are all that significant. In all probability the death of Thomas Merton was due in part to heart failure, in part to an electric shock. Neither one nor the other alone would normally be fatal. The disproportion between the cause of his death and its consequences—the loss that it represents for the Church—is what makes his death both a mystery and a sign—more precisely, a God-given mysterious sign whose meaning we must strive to understand. What is certain is that God wanted him to die there and then: in Asia, at work, at the service of monasticism, of interreligious dialogue, of all humanity, of God.

Quelle: https://web.archive.org/web/20081212155450/http://monasticdialog.com/a.php?id=873

2. Andere Autoren sind deutlicher: „No autopsy was conducted on Merton’s body because of the desire to bury him on the grounds of Gethsemani“.

Quelle: http://boatagainstthecurrent.blogspot.de/2008/12/this-day-in-religious-history-contested.html

3. Schon Stephan Richter hat 1979 voller Verwunderung darauf hingewiesen, dass der „linke“ Gegner des Vietnamkrieges, Thomas Merton, „einfach so“, möchte man sagen, als Leiche ausgerechnet mit einem Militärflugzeug der USA in sein Kloster in Kentucky zurückgebracht wurde, Richter schreibt: „Und die Ironie der Geschichte wollte es, dass Merton mit einem Militärflugzeug aus dem Kampfgebiet Vietnam in seine Heimat überführt wurde- Am frühen Nachmittag des 17. Dezember kam der Leichnam in der Abtei an“. (Christ in der Gegenwart 1979, Seite 90.) Am 10. Dezember war er in Bangkok verstorben. Leider werden die Fragen nicht diskutiert:

Wie konnte der Orden das zulassen, dass ausgerechnet ein US amerikanischer Kriegsbomber den Leichnam des Friedensaktivisten Thomas Merton zurücktransportierte. Wie konnte die Ordensleitung diese doch öffentlich sichtbare Blamage ertragen? Wollte der Orden Geld sparen, indem man keine Linienmaschine, sagen wir Bangkok –New York, engagierte? Wollte der Orden ihn möglichst schnell aus Bangkok wegschaffen? Und warum? Hat sich das amerikanische Militär angeboten, den Leichnam mit einem eigenen Flieger – vielleicht gratis?_ zurückzuschaffen und vor allem fortzuschaffen, damit keine Obduktion geschieht.

4. In seinem Buch „Christian Mystics“ wiederholt der Theologe und Mystik-Spezialist Matthew Fox auf Seite 383 seine von ihm mehrfach ausgebreitete Hypothese: „Some say he (Merton) was murdered“. An anderen Stellen schreibt Fox: Vermutlich auch vom CIA… Bis heute wird Fox zu offiziellen Merton-Konferenzen in den USA als Referent eingeladen, er ist alles andere als ein Panikmacher etc…

Was bedeuten diese Hinweise:

Eine den Namen verdienende kritische Aufarbeitung des Lebens und Sterbens sowie eine kritische Herausgabe seines  Werkes haben eigentlich noch nicht stattgefunden. Zu viele Manipulationen von offizieller Seite werden sichtbar. Und neue (deutschsprachige) Publikationen verschweigen viele Themen und machen hübsch „auf spirituell“, d.h. harmlos und bloß erbaulich. Das ist üblich im katholischen Raum bzw. in katholischen Publikationen. Gerade das Oberflächliche, das Ignorieren der Fakten, aber verachtete Thomas Merton. Und nicht nur er. Allein um der Aufklärung willen befasst sich der Religionsphilosophische Salon Berlin mit solchen eher religionswissenschaftlichen Fragen.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

 

 

Heidegger – wie antisemitisch ist sein Werk?

Heidegger – wie antisemitisch ist sein Werk?

Fortsetzung folgt

Von Christian Modehn

Mit Heidegger kommt kein Philosophierender wohl jemals an ein Ende, dafür ist sein Denken weithin z.B. zu „esoterisch“, d.h. verschlüsselt, dunkel, nebelig, d.h. bewusst der allen gemeinsamen Vernunft entzogen, wie auch der Spezialist Peter Trawny deutlich nachweist, zur Lektüre unseres Beitrags dazu klicken Sie bitte hier.

Auch die Klärung, seiner Verstrickung in Naziunwesen und Antisemitismus kommt zumal durch die Veröffentlichung der „Schwarzen Hefte“ so schnell an kein Ende.

Der „Religionsphilosophische Salon Berlin“ hat sich mirt dem „Fall Heidegger“ beschäftigt, weil wir selbst durchaus etliche „Aspekte“ des Denkens Heideggers wichtig fanden und sicher noch auch finden. Die Gottesfrage „bei“ Heidegger hat uns immer beschäftigt.

Mehr noch bewegt jetzt die Frage, die ebenfalls nicht auf die Schnelle beantwortet werden kann: Ist das ganze Denken Heideggers, also spätestens seit Anfang der Dreißiger Jahre, vom Naziunwesen „verdorben“? Wer will bei der Fülle des Werkes darauf eine scchnelle Antwort geben? Sind alle diese riesigen Bücherberge, die über Heidegger geschrieben wurden, etwa zweitrangig, wenn nicht überflüssig geworden angesichts der Verblendetheit dieses Denkers? Karl Popper, eigentlich ein klarer Denker, war ja wohl explizit dieser Meinung. Und die ewig zitierte Hannah Arendt? War sie aus Liebe letztlich blind in diesem „Fall“

Vielleicht könnte man sich im kritischen Klären anfangs auf den Begriff der Schickung und der vom Meister empfohlenen gehorsamen.d.h hörenden Haltung dieser Seins-Schickung gegenüber konzentrieren, um das vielfach besprochene und immer deutlicher hervortretende anti-, zumindest a-ethisch Denken des Schwarzwälders zu dokumentieren. Wenn Heidegger nur auf die (mysteriöse) Seinsschickung hörte, sich vielleicht sogar „verhörte“, was er explizit nicht ausschließt, dann ist er eigentlich als diese einzelne Person Martin Heidegger für die eigenen politische Verirrungen und Antisemitismus nicht verantwortlich. D.h. er ist dann eigentlich nicht mehr ethisch „zurechnungsfähig“.

Am 16. Dezember 2014 haben wir auf dieser website auf die Grenzen, d.h. die von Heidegger selbst gesetzten Begrenzungen der Heidegger Forschung hingewiesen und dabei an die Tatsache erinnert, dass die „Gesamtausgabe“ von Heideggers Werken alles andere ist als eine kritische Gesamtausgabe.

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Nun geht die Diskussion weiter: Nach der Lektüre der Schwarzen Hefte ist der Vorsitzende der Martin-Heidegger-Gesellschaft, Prof. Günter Figal, Freiburg i.Br., von diesem Posten zurückgetreten. Bei einer Lektüre der website dieser Gesellschaft am 22. 1. 2015 um 17.30 Uhr wird immer noch Günter Figal als Vorsitzender erwähnt, obwohl Günter Figal schon am 15. 1. 2015 auf SWR2 seinen Rücktritt besprochen hat. Nebenbei: Zum Kuratorium dieser Gesellschaft gehört als Vorsitzender Martin Heideggers Sohn Herrmann. Zur Heidegger Gesellschaft klicken Sie bitte hier.

Das Heft „Information Philosophie berichtet von der Ra­dio­sen­dung am 15.1. 2015: „ Figal wörtlich: „Die Verstrickung Heideggers in den Nationalsozialismus ist viel größer, als wir bisher wissen konnten, und das heißt, man muss unter diesem Gesichtspunkt die 30er-Jahre-Phase überhaupt erst mal gründlich erforschen. Und das kann man, sobald hinreichend Material dafür da ist“. Zu „Information Philosophie“ klicken Sie bitte hier.

Nun, das „Material“ ist ja eigentlich seit einiger Zeit, also auch schon VOR der Veröffentlichung der Schwarzen Hefte, hinreichend da. Erstaunlich ist, dass offenbar die Last antisemitischen Denkens jetzt selbst für Günter Figal so unerträglich wurde, dass er jetzt eine Art Schlussstrich gezogen hat, immer offen lassend, was denn vielleicht noch „bleibt“ von Heideggers Denken.

Empfehlen möchten wir dringend das Sonderheft des „Philosophie Magazines“, das im Januar 2015 erschienen ist zum Thema „Die Philosophen und der Nationalsozialismus“, 2015, 98 Seiten, 9,90 Euro. Wir zitieren aus einem empfehlenswerten Beitrag von Dirk Pilz in der Frankfurter Rundschau zu diesem Sonderheft: „Dem Fall Heidegger ist darin ein eigener Schwerpunkt gewidmet. In einem aufschlussreichen Interview berichtet Jacques Taminiaux, der Heidegger ins Französische übersetzte, von seiner Teilnahme an privaten Seminaren des meistgelesenen deutschen Philosophen im 20. Jahrhundert, von dem „Gebaren eines Propheten“ und der Arroganz Heideggers. Heidegger habe sich gewünscht, so Taminiaux, der philosophische Berater Hitlers zu werden, um die Nazi-Bewegung zu zähmen und über sich selbst hinauszuheben – das zeuge von seiner tiefen Verwurzlung im NS-Denken und „wahnhafter Selbstüberschätzung“. Und zu der von uns in einem früheren Beitrag erwähnten Heidegger Forscherin Sidonie Kellerer schreibt Dirk Pilz zusammenfassend: „In einem prägnanten Aufsatz zeigt die Philosophin Sidonie Kellerer zudem, dass er sich auch nach Kriegsende nicht von der NS-Ideologie entfernt hat“.

Sidonie Kellerer hat freigelegt, unter welchen makabren Bedingungen die Gesamtausgabe Heideggers veröffentlicht wird, wie etwa das Deutsche Literaturarchiv in Marbach Handschriften des „Meisters“ nur mit Genehmigung der Erben, also Hermann Heideggers, zur Einsicht freigeben darf usw. Sieht so Forschung in Deutschland aus?

Dabei ist uns aufgefallen, dass die Zeitschrift „Information Philosophie“ schon 1999 (!, offenbar von vielen unbemerkt) auf den Seiten 84 bis 87 ein Interview mit Friedrich-Wilhelm von Herrmann gedruckt hat über die Gesamtausgabe mit dem typischen heideggerisch schwammigen Titel „Wege nicht Werke“. Darin betont der Intimus Martin Heideggers, also der herausgebende Philosoph Friedrich-Wilhelm von Herrmann, dabei den Meister zitierend: „Das denkerische Werk im Zeitalter des Übergangs kann nur und muss ein Gang sein in der Zweideutigkeit dieses Wortes: Ein Gehen und ein Weg zumal, somit ein Weg, der selbst geht“.

Frage am Rande: „Welcher Weg geht selbst??“ Weiß jemand eine nachvollziehbare Antwirt? Man lese dazu in der Gesamtausgabe im Band „Beiträge…“ S. 83.

Jedenfalls ist das Interview mit von Herrmann in „Information Philosophie“ von 1999 heute noch lesenswert. Heidegger selbst hat demzufolge Anweisungen gegeben, wie man sein Opus bearbeiten soll. Und daran halten sich selbstverständlich die treuen Forscher. Dabei wurden von den Herausgebern viele Fehler begangen, die der Heidegger Übersetzer Theodore Kisiel öffentlich beklagte. Jedenfalls sagte von Herrmann, sozusagen der oberste aller oberen Heidegger Deuter: „Heidegger wünschte eine Werkausgabe letzter Hand, NICHT ABER EINE HISTORISCH KRITISCHE AUSGABE“. Das schafft Klarheit. Darf so Wissenschaft betreiben, geht Treue zum Meister über den Anspruch der Wissenschaft hinaus? Wie lange haben wir Heidegger Leser das eigentlich implizit hingenommen und erst recht die vielen Heidegger Spezialisten? Warum gab es keinen Aufschrei schon damals, als von Herrmann dieses gutmütige Bekenntnis von sich gab?

Nebenbei: Auf das TV Interview von Herrmann durch den Putin Freund Alexandre Dugin (den manche seriöse Beobachter nicht gerade für einen Demokraten halten, um es milde auszudrücken) für das Russische Fernsehen gab, haben wir schon früher hingewiesen, als ein Beispiel für die Vernetzung rechtsradikalen Denkens mit Heideggerscher Philosophie. Siehe: http://www.4pt.su/de/content/prof-alexandre-dugin-mit-prof-friedrich-wilhelm-von-herrmann. Noch mal gelesen am 22. 1. 2015.

Die lang andauernde Nähe Heideggers (treffender wäre wohl Freundschaft) zu eher sehr rechtslastigen Denkern wurde schon von dem Philosophen Emmanuel Levinas dokumentiert. Dabei handelt es sich um die seit 1946 lange anhaltende Freundschaft mit dem Franzosen Jean Beaufret (1907 – 1982), dem er sogar seinen Humanisms Brief in gewisser Weise widmete. In seiner Levinas Studie schreibt Salomon Malka (Beck Verlag, 2003) auf Seite 170, dass auch Derrida wusste, dass „Beaufret ein Antisemit war“.

Malka schreibt: „Nach Beaufrtes Tod stellte sich heraus, dass er Robert Faurisson unterstürzt hatte, jenen Historiker in Lyon, der die Schule der Auschwitzleugner anführt. Bedenkt man, dass er Heideggers Rauchfassträger war, ihn einführte und räumte, wo er nur konnte, dass er (Beaufret) Gespräche mit Heidegger führte und diese veröffentlichte, so erhält dieser späte Revisionismus symptomatische Bedeutung. … Die Antwort darauf liegt möglicherweise in der hymnischen Verehrung des Griechen – und Heidentums der Antike, die Beaufret Jugend geprägt und ihn zum bedingungslosen Anhänger Heideggers hat werden lassen“…. Von daher auch Beaufrets Sympathien für die Neue Rechte in Frankreich. „In Beaufrets vielleicht wichtigstem Werk „Dialog mit Martin Heidegger“ findet sich keinerlei Erwähnung der jüdischen Thematik“, so Malka in dem genannten Buchg (s. 170f.).

Fortsetzung folgt…

Copyright: Christian Modehn

 

 

 

 

 

„Ich bin der andere“ Hinweise zum Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon am 16. Januar 2015

„Ich bin der andere“

Hinweise zum Gespräch im „Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon Berlin“ am 16. 1. 2015

Von Christian Modehn

„Ich bin der andere“: Ein „klassisches“ Thema der Philosophie. Es wird immer dann debattiert, wenn es um die Beziehung eines Individuums zu einem anderen geht: Was verbindet uns, was macht den Unterschied aus zwischen dem Ich und dem anderen?

Das Thema haben wir gewählt auch angesichts der Diskussionen über die so genannten Pegida-Demonstrationen in Deutschland. Da wird der „andere“ als der Muslim gesehen, gegen den man sich wehren muss, weil er, so die Behauptung, unser angeblich christliches Abendland bedroht.

Am Dienstag, den 13. 1. 2015, wurde in Dresden der eritreische Asylbewerber Khaled Idris Bahray (20) durch Messerstiche ermordet aufgefunden. Wer wollte den nicht willkommenen Gast in Dresdens Metropole nicht ertragen?

„Ich bin der andere“: Diese philosophische These hat noch größere Aktualität gewonnen durch die Parole, nicht nur in Frankreich millionenfach verbreitet: „Je suis Charlie“, „Ich bin Charlie“, ich bin also die Zeitschrift „Charlie Hebdo“. Nach der Tötung der Journalisten und Künstler (Zeichner sind Künstler) von „Charlie“ ist eine weltweite Bewegung entstanden, die dieses zentrale Bekenntnis enthält: „Ich bin Charlie“, d.h. „Ich identifiziere mich mit dem Inhalt der Zeitschrift Charlie Hebdo“.

Philosophieren lebt in unserem Verständnis immer auch von den aktuellen Ereignissen. Aber Philosophie leistet darin den ihr eigenen und nur von ihr zu leistenden Beitrag: Sie bietet deswegen nicht weitere historisch-politische Fakten. Sie analysiert eher die allgemeinen Strukturen, die in der gegenwärtigen Konstellation enthalten sind. Sie legt diese allgemeinen Strukturen frei, in dem sie zeigt: Jeder einzelne hat daran Anteil. Dadurch bringt sie mehr Licht und Aufklärung in den Lebenszusammenhang, der von einzelnen oft nicht in Deutlichkeit wahrgenommen wird. Unter dieser Hinsicht kann man durchaus davon sprechen, dass Philosophie dann auch „Lebensorientierung“ anbietet, eben etwas mehr Klarheit. Wer tappt schon gern im Nebel herum?

„Ich bin der andere“. In welcher Hinsicht gilt das? Es geht ja bei der Frage auch um die Einheit der einen Menschheit trotz aller individuellen Ausprägungen. Dabei geht es um die Erinnerung an allen gemeinsame geistige „Strukturen“.

Man denke an die von allen Menschen gemein geteilte Mathematik. Wir alle gehen weltweit davon aus zu wissen: 2 plus 2 ergibt 4. Wer das leugnet, und das kann man grundsätzlich, stellt sich aber außerhalb der Wissensgesellschaft auf.

Wir bewegen uns alle in einer allgemeinen Struktur des Sprechens, der Sprachlichkeit. Wir sind elementar alle sprechfähige Wesen, die sich in unterschiedlichen historischen und konkreten Sprachen ausdrücken. Es gibt also unter uns Menschen eine formale Sprachbegabtheit bei jedem. Wer aus physischen Gründen nicht verbal sprechen kann, bedient sich der Zeichen-Sprache. Und dann gibt es durchaus eine gemeinsame Weltsprache bereits, das ist das Englische. Darin verstehen wir uns heute alle wenigstens elementar, ob wir uns in Kambodscha oder in Patagonien aufhalten. Früher war das Lateinische in gewisser Weise diese „lingua franca“.

Auch das Musikalische, die Begabung zur Musik, zum Singen, ist allgemein menschlich. Etwas „trällern“ kann jeder und will jeder.

Das weitere Beispiel mag für manche Philosophen vielleicht provozierend sein. Aber ich bin überzeugt: Es gibt sehr elementare all-gemeine, also allen gemeinsame ethische Verhaltensweisen. Es gibt einen ethischen, d.h. das Gute meinenden Impuls, der sich in der Praxis ausdrückt. Vor aller theoretischen ethischen Reflexion gibt es eine spontane, oft noch unreflektierte ethische Praxis, die hier gemeint ist. Der Anspruch, der sich etwa im Gewissen meldet, gut zu sein, ist niemals absolut „abschaltbar“, zerstörbar:

Ein drastisches Beispiel: Selbst der größte Mörder behauptet noch (für sich selbst), es wäre (für ihn) gut, diese Untat vollzogen zu haben. Wenn von zwei Verbrechern während der Untat der eine etwa verunglückt, wird der andere, der „Verbrecher-Kumpel“, versuchen, den Verunglückten zu retten. Selbst wenn er ihn zur eigenen Rettung erschießt, glaubt er dabei, das Beste getan zu haben. Wenn es nicht heftige Missbildungen im Gehirn gibt bei einzelnen, und diese seltenen Störungen gibt es, so sind doch offenbar alle Menschen als auch geistige Wesen (sollen wir sagen: geistvolle Tiere ?) doch an den Ruf des Guten gebunden. Dieses „Unabwerfbare“, mit dem Geist als Geist Gegebene, bleibt erhalten, auch noch im Modus der Leugnung.

„Ich bin der andere“: Das heißt: Ich bin durch „allgemeine geistige Strukturen“ mit dem anderen und den anderen (Menschen) „immer schon zutiefst verbunden. Es gibt eine gewisse Einheit der Menschheit. Ich bin in dieser Hinsicht der andere.

Noch ein weiteres konkretes Beispiel, das hier nur angedeutet werden kann: Es geht um die Wahrnehmung des Gesichtes, besser noch des Antlitzes, des anderen. Ich sehe das Antlitz des anderen, das mir trotz aller Differenz in der Hautfarbe oder der Größe usw. doch sehr verwandt ist, mit der Identität zwischen ihm und mir, etwa im Blick auf die zwei Augen, eine Nase usw. Entscheidender noch: Die grundlegende Fähigkeit zu lächeln, zu weinen, zu schreien, all das bin ich –formal gesehen – auch! Das Erstaunliche ist: Ich sehe das Antlitz des anderen als ein menschliches Gesicht. Das gilt für den mongoliden Menschen, für den vor Hunger Krepierenden in einem Dorf im Südsudan, oder den Millionär irgendwo an einem üppigen Buffet.

In eines jeden Antlitz sehen wir uns alle als Menschen. Abstoßend, liebend, gelangweilt, aber immer als Menschen. Der Philosoph Johann Gottlieb Fichte (1762 – 1814) sagte: „Gleich sei alles, was Menschenantlitz trägt“. Man fragt sich, welche soziale Gerechtigkeit wir hätten, wenn man dieser Maxime auch politisch folgen würde.

Es ist das Antlitz, in dem wir einander als Menschen erkennen, in dem wir unsere elementare, nicht mehr überbietbare Gleichheit erleben. Wir werden ein Schwein nicht für einen Menschen halten.

Ich möchte hier nur daran erinnern, dass ein Philosoph das Antlitz des anderen in den Mittepunkt seines Denkens gestellt hat: Es ist Emmanuel Levinas, er stammt aus Litauen, seine Familie kam im KZ um, er lebte in Paris bis zu seinem Tod 1995. Der Philosoph Emmanuel Lévinas hat seine Philosophie ganz auf das Berührtsein des Ich durch den anderen konzentriert. Levinas zeigt: „Ich bin nur, insofern ich für andere da bin“. Das bedeutet: Der andere ruft mich in mein Sein. In der Beziehung und der Verantwortung für den anderen entsteht mein Ich erst. Mein Ich ist nie fertig vorgegeben, es wächst und entwickelt sich in der Begegnung mit dem anderen.

Ein aktuelles Beispiel: Im Tagesspiegel vom 16.1.2015 wird von der Libyerin Jamila Aun in Dresden berichtet, auch von ihrer Erfahrung des „Gemustertwerden“ durch die anderen. Wie sie in der Straßenbahn in Dresden abschätzig betrachtet wird, vom grauen Kopftuch bis zum Wintermantel. Die Blicke signalisieren in Sekundenschnelle, berichtet Jamila Sun, dass sie unerwünscht ist. Sie weiß: „Die Augen reden, und das tut weh“.

Hier könnte das Thema Toleranz weiter vertieft werden. Zur Erinnerung: Toleranz bezieht sich auf tolerare, ertragen. Es geht in der Toleranz tatsächlich zuerst und vor allem darum, den anderen zu ertragen, zu erdulden, gerade deswegen, weil ich ihn nicht mag, weil er so fremd ist, so anders, so abwegig und zuwider. Dennoch habe ich aufgrund der allgemeinen menschlichen Verbundenheit allen Grund, den anderen zu ertragen, d.h. nicht zu töten nicht zu erschlagen usw. Wobei klar ist, es geht bei im Leben der Toleranz zunächst um das leibliche Unversehrtsein, das soll dann weiter entwickelt werden zu Respekt und Mitgefühl und Miteinander.

Unternimmt der andere hingegen alles, mich und meine Freunde totzuschlagen, dann endet die Toleranz meinerseits. Und was ist das Ende der Toleranz? Das sollte man sich immer wieder klar machen: Das ist der Krieg. Darum ist die Schule der Toleranz, das Ertragen des anderen, die elementare Form der Abwehr von Krieg.

Trotz der zentralen Einsicht: „Ich bin der andere, weil auch der andere Menschenantlitz hat,“ folgt aber auch: Es gibt die bleibende elementare Verschiedenheit. Der andere bleibt der individuell andere und Einmalige. Und ich bin für den anderen immer auch der individuell einmalig andere.

Der andere ist für mich zunächst grundlegend zwiespältig: Er kann der Freund sein oder der Feind oder der Fremde. Alle drei Wirklichkeiten sind mit dem Begriff „der andere“ gemeint.

Relativ übersichtlich ist mein Umgang mit einem Menschen, den ich aus der mich umgebenden, aber prägenden Kultur als meinen Feind definiere. Dies kann zurecht oder zu unrecht geschehen, diese Zuweisung: “Dies ist ein Feind“. Im Nationalismus kennen wir den Titel Feind, etwa der so genannte Erbfeind Frankreich im 19. Jahrhundert usw. Der Nationalismus ist Gift für das Verständnis des Menschlichen wie für die Politik im ganzen. Er zieht Grenzen, markiert das Eigene, verteidigt nur das Eigene, sieht sich bedroht. Die EU ist in dem Sinne wieder unsere Art große, neue Nation, die wir unbedingt verteidigen müssen, heißt es. Und innerhalb der EU gibt es noch einmal wichtigere und weniger wichtige Staaten, sagen die Regierenden in den wichtigen Staaten…

Auch der Begriff Freund, verwendet für den anderen, ist relativ leicht zu überschauen: Liebe Menschen, die wir oft schon seit langem mögen, denen wir uns anvertrauen usw.: diese sind als „andere“ dann unsere Freunde.

Schwer zu verstehen ist der andere, wenn er der FREMDE ist.

Dabei lege ich Wert darauf anzuerkennen, dass der Fremde und damit auch das Fremde (an Kultur), das der andere mitbringt, uns selbst immer schon nahe steht, mehr noch: Mit uns verbunden ist. Ich möchte zugespitzt sagen: Der Fremde und das Fremde ist in uns. Von daher haben wir eigentlich schon durch uns selbst einen leichteren Zugang zum Fremden insgesamt. Wir müssen den Fremden nicht nur außerhalb von uns sehen, wir müssen ihn auch in uns selbst sehen. Dann können wir auch mit dem außer uns lebenden Fremden gerechter und freier umgehen.

Für diese Fremdheit in mir einige Hinweise:

Ich bin mir selbst fremd: Ich erlebe, wie Befremdliches in mir selbst aufbricht, nach vorne drängt, zum körperlichen Ausdruck kommt. Das kann mich beunruhigen, weil ich mich etwa befremdlicherweise plötzlich und unerwartet als unduldsam oder gar gewalttätig erlebe. Das kann mir Angst machen, weil es sich um negative Aspekte meines Daseins handelt. Was ich aber nicht abspalten darf, sondern bearbeiten sollte, integrieren sollte.

Ich kann plötzlich meine eigene Heimat fremd finden, ich bin da nicht mehr zu Hause. Oder meine Kirche, meine Gemeinde, alles wird mir fremd. Meine eigene Stadt ist mir fremd: Welcher Berliner aus Dahlem besucht schon freiwillig Berlin-Marzahn, frage ich mal etwas zynisch. Meine Stadt ist also auch meine fremde Stadt.

Ich kann aber auch erfreuliches Befremdliches erleben: Etwa, wenn ich plötzlich Gedichte schreiben kann oder wenn ich überraschenderweise Menschen des gleichen Geschlechts (oder umgekehrt auch Heterosexuelle) erotisch attraktiv finden kann, was mich überrascht. Und bin oft positiv erstaunt, welche bislang fremden „Möglichkeiten“ in mir sind.

Wir haben das Fremde und den Fremden, der wir selbst uns manchmal sind, in unserer vertrauten, „eigenen“ Umgebung.

Etwa am Beispiel der Kunst: Erst nach Wochen geht mir genauer auf, was ich mir da für ein Bild in mein Wohnzimmer hänge, sagen wir eine Kopie von Picasso, ein Frauengesicht, oder ein japanisches Bild, das viel Leere zeigt mit minimalen figurativen Elementen.

Oder der befremdliche Roman, dessen fremde Welt dann unsere Welt wird: Da sind durch die Kunst fremde Welten bei mir, da sind fremde Welten in mir. Die führen mich ins Weite. Das kann auch für Religionen gelten: Wenn ich mich mit dem Buddhismus etwa befasse und plötzlich auch Lao Tse lese, fremd, aber doch so nahe. Dann beginnen wir, manche, in ihrer eigene Spiritualität bislang fremde Erfahrungen, bislang fremde religiöse Texte inspirierend zu finden. Es gibt längst die multireligiösen Menschen; Leute, die mit mehreren, bislang ihnen fremden Religionen verbunden sind.

Das Fremde in der Kunst oder der Religion weitet uns, prägt uns, bereichert uns im geistigen Sinne.

Kann diese Erkenntnis nicht wichtig sein, wenn wir uns mit den Fremden um uns herum befassen?

Fremde Menschen leben unter uns. Menschen, die wir oft nicht verstehen, Flüchtlinge oder Asylsuchende.

Ich werde den Fremden, den Flüchtling, als Menschen, als gleichen Menschen, als Antlitz, wahrnehmen, anerkennen und schützen. Er ist ein Mensch wie ich. Er ist als dieser eine Mensch nicht zuerst Repräsentant einer Religion oder einer Nation oder einer Ideologie. Er ist zu erst elementar ein Mensch. Der ärztliche Notfall in Europa handelt ja wohl nach diesem Prinzip: Da wird jedes menschliche Antlitz – hoffentlich -gleichwertig versorgt. Kein Notarzt fragt, war dieser Verletzte vielleicht ein Moslem oder ein Zeuge Jehovas oder ein Atheist?

Aber der Fremde ist natürlich auch nicht a priori der Heilige, ich bin ja auch nicht ein Heiliger, ein rundum Guter.

Aber ich muss doch wahrnehmen: Niemand verlässt freiwillig seine afrikanische Heimat, um in einem Fischerboot das Mittelmeer zu überqueren, um dann dort von den bewaffneten Streitkräften von FRONTEX wieder zurückgeschickt zu werden. Das etwas humanere „Schutz“ Programm für das angeblich überforderte und bedrohte Europa mit dem schönen Titel „Mare Nostrum“ hat die EU ja wieder aufgegeben und im Rahmen von Frontex den anderen, den Fremden, von vornherein als Bedrohung interpretiert.

Da müssen wir doch politisch werden: Ziel wäre meiner Meinung: Eine Kultur der Vielfalt, die aber in elementaren Überzeugungen und elementaren politischen Haltungen eins ist: Ein konkretes Beispiel: Muslimische Frauen dürfen selbstverständlich in Deutschland ihre Kopftücher tragen. Aber sie sind als Mütter in Deutschland verpflichtet, ihre Kinder zur Schule zu schicken, damit sie auch mit den Werten ihrer neuen Heimat vertraut gemacht werden.

Muslime müssen, aber auch Buddhisten oder Anhänger der Santeria-Religion, das steht nicht zur Disposition, unsere Verteidigung unserer Pressefreiheit akzeptieren.

Es bleibt aber bei allen Bemühungen sicher eine Ambivalenz in meinem Erleben meiner selbst und des Fremden.

Wie kann ich mit dieser Ambivalenz leben, gibt es da einen Vorschlag der Philosophie?

Zunächst ist die Erkenntnis zunächst hilfreich: Die Ambivalenz bestimmt immer schon unser ganzes Dasein und damit auch unser Erkennen. Ja und Nein ist oft die beste Auskunft, das „JEIN“ hat einen gewissen Wert, wenn nicht eine Notwendigkeit. Aber nur unter der Voraussetzung, dass es von uns als den Erkennenden unterschiedliche Standpunkte gibt. Zum Beispiel: Ist der Andere, der Fremde, hilfreich für unsere Gesellschaft? Ja, wenn er denn – wie der „Einheimische“ auch! – gewaltfrei lebt. Nein, wenn er gewalttätig agiert. Also gilt hier wieder das „JEIN“, dieses ambivalente Wort, als Antwort auf eine Frage, die unterschiedliche Rücksicht und Hinsicht voraussetzt.

Müssen wir uns aber mit der offenbar allumfassenden Ambivalenz abfinden? Gibt es einen Ausweg aus der Ambivalenz? Gibt es also keine Eindeutigkeit?

Ein Beispiel: Wie ist es nun mit dem Fremden? Ist er der mögliche Freund oder der mögliche Feind? Kann ich die Ambivalenz des Fremden gedanklich überwinden?

Ein Hinweis: Ich muss mich immer in dieser gedanklichen Verbundenheit mit dem Fremden sehen. Ich denke den Fremden im Moment der Begegnung. Indem ich ihn denke, weiß ich aber auch, dass er mich auch denkt, ich bin auch für ihn in seinem Denken und Fühlen der Fremde.

Das heißt, es gibt eine geistige Wechselbeziehung zwischen uns zwei einander Fremden. Jeder ist dem anderen eigentlich fremd, aber doch erlebt er die geistige und vom Antlitz her leibliche Verbundenheit mit dem jeweils anderen. Der andere sieht mich möglicherweise genauso als Bedrohung wie ich ihn als Bedrohung ansehe. Oder eben auch – wechselseitig – als Freund.

Indem wir einander als Fremde wahr-nehmen, nehmen wir uns darüber hinaus aber auch als Menschen wahr: Denn der andere, der ich selber bin, wird von dem anderen als FREIES Wesen eingeschätzt. Der andere denkt z.B., er kann mich umbringen oder er kann mich einladen und freundlich sein. Dieselben Gedanken habe ich auch. Der andere, also der Fremde, kann sich freundlich oder unfreundlich verhalten, wobei die freien Entfaltungsmöglichkeiten des Fremden hier bei uns schon vom geltenden Recht her sehr eingeschränkt sind.

Darauf kommt es offensichtlich an: Es ist das GEMEINSAME in der Beziehung „Ich und der andere“, „ich und der Fremde“. Es ist wichtig, die immer schon implizit geleistete gemeinsame Anerkennung der Freiheit des je anderen anzuerkennen.

Wer aber die Freiheit anerkennt, erkennt auch den Geist an, die Vernunft, denn Freiheit und Geist (Vernunft) sind ein und dasselbe in der Philosophie von Kant, über Fichte und Hegel. Im Geist liegt sozusagen die unabwerfbare Möglichkeit, dass ich mich geistig spontan, frei, auf mich beziehe

So kann also die Ambivalenz in der Erfahrung des Fremden in der Form überwunden: Der „Einheimische“ und der „Fremde“ nehmen einander als vom gemeinsamen Geist (Vernunft) geprägte freie Wesen wahr.

Daraus folgt Wesentliches und Politisches: Ich erwarte geistvolles Verhalten vom Fremden. Genauso entscheidend ist: Der Fremde darf von mir (und dem demokratischen Staat, in dem ich lebe) geistvolles Verhalten erwarten. Geistvolle Gesetze vor allem. Und was wären geistvolle Gesetze? Die den Fremden nicht als Gegenstand, nicht als Bedrohung sehen, ihn bestenfalls für kurze Zeit hier als billige Arbeitskraft ausnutzen, sondern ihn eben als Menschen behandeln, Chancen eröffnen, Zukunft gewähren.

Wenn der Fremde sich als gewaltbereiter Fundamentalist zeigt: Dann kann noch das Gespräch versucht werden: Indem man zeigt: Wenn Sie so von Ihrer persönlichen absoluten Wahrheit überzeugt sind, warum müssen sie dann andere töten, die dieser Überzeugung nicht folgen. Lassen Sie sie leben und treten in ein Gespräch ein, vielleicht kann man den anderen unter dieser geistvollen Bedingung überzeugen.

Oder ist die Bereitschaft zu Gewalt und zum Töten vielleicht mehr Ausdruck von Schwäche? Der Philosoph Slovoj Zizek schreibt in DIE ZEIT vom 15. Januar 2015, Seite 43 treffend: „Das Problem mit den Fundamentalisten besteht darin, dass sie selbst insgeheim für unterlegen halten. Deshalb macht sie unsere herablassende, politisch korrekte Zusicherung, wir hegten ihnen gegenüber keinerlei Überlegenheitsgefühle, nur noch wütender und ressentimentgeladener. Das Problem ist, dass die Fundamentalisten bereits sind wie wir, dass sie unsere Standards insgeheim verinnerlicht haben und sich an ihnen messen“.

Geistvolles Verhalten, das ist der schwere Weg im Umgang mit dem Fremden: Geistvolles Verhalten gegenüber dem Fremden ist jedenfalls nicht: Ihn verdächtigen, ihn ausgrenzen, ihn rausschmeißen, ihn verteufeln, ihm keine Rechte zubilligen etc.

Philosophieren, das haben diese kurzen Hinweise gezeigt, ist also alles andere als ein abstraktes Spielen mit Worten und Begriffen. Philosophie ist in ihrer Analyse ein Beitrag zur Klarheit und Selbstkritik, ohne die kein menschliches Leben als geistvolles Leben auskommt.

………

Zur Vertiefung:

Die Philosophin Ute Guzzoni paraphrasiert eine Einsicht von Theodor W. Adorno zum Umgang mit dem „Nichtidentischen, dem Fremden“: „Erst wenn die Menschen die Kommunikation des Unterschiedenen gelernt hätten, bräuchten sie das Fremde nicht mehr zu fürchten, eben weil sie gelernt hätten, es als Unterschiedenes zu achten und sich von ihm etwas sagen zu lassen – und sei es auch etwas Fremdes und Fremdartiges, vielleicht Befremdliches. Seiner Nichtidentität würde mit Aufmerksamkeit und zugleich Anteilnahme begegnet“: (Ute Guzzoni, „erstaunlich und fremd“, Verlag Karl Alber,, 2012, S.30)

In seinem Buch „Minima Moralia, Nr. 54, schreibt Adorno wie das Ich dem Fremden begegnen kann:

„Gewaltlose Betrachtung, von der alles Glück der Wahrheit kommt, ist gebunden daran, dass der Betrachtende nicht das Objekt sich einverleibt: Nähe an Distanz“ (zit. in Guzzoni, s 53).

In der „Negativen Dialektik“ schreibt Adorno: Der versöhnte Zustand annektiere nicht mit philosophischem Imperialismus das Fremde, sondern hätte sein Glück daran, dass es in der gewährten Nähe das Ferne und Verschiedene bleibt, jenseits des Heterogenen wie des Eigenen“ (zit in Guzzoni, s 54).

Und Ute Guzzoni fährt fort: „Der gewaltlose Blick begibt sich in die Nähe zu seinem Gegenstand (und dem anderen, CM), aber der Blick wahrt zugleich den Abstand, der jenem Fremden ein eigens Sprechen und Sich-Bewegen erlaubt. Es geht im Denken nicht darum, die fremde Nichtidentität zu tilgen, sondern darum, den Raum zwischen beiden, zwischen Denken und (fremder) Sache (Fremden), auszuloten und fruchtbar zu machen“. Den Raum des Dazwischen fruchtbar machen: Das ist das Ziel.

Copyright: Christian Modehn

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Wir brauchen Gotteslästerung, wir brauchen Religionskritik. Ein Hinweis auf einen Beitrag in PUBLIK FORUM

Wir brauchen Gotteslästerung! Wir brauchen Religionskritik.

»Je suis Charlie« – »Ich bin Charlie«: Überall in Frankreich – und nicht nur dort – ist diese Parole zu lesen. Sie war allgegenwärtig, als sich am 11. Januar in Paris zwei Millionen Menschen zur größten Demonstration in der französischen Geschichte versammelten. Ihr Bekenntnis zur Demokratie, Pressefreiheit und Trauer über die ermordeten Journalisten und Künstler von »Charlie Hebdo« teilt jetzt der Prophet Mohammed auf dem neuen Titelbild der Wochenzeitung. Dort bekennt er selbst: »Je suis Charlie.«

Die Frage muss offen und ohne Vorbehalte diskutiert werden: Ist dieses Titelbild etwa Blasphemie, eine heftige Form der Religionskritik? Ist es nicht heilsam, in den eigenen Überzeugungen auch erschüttert zu werden? Um besser zu verstehen, klarer zu sehen, dass Gott kein Hampelmann ist, den man bei jeder noch so perfiden Aktion an seiner eigenen Seite glaubt? Darum brauchen auch die Frommen Licht und Klarheit, also Vernunft. Sie brauchen auch das heftige Lachen über den eigenen Glauben bzw. Unglauben, sie brauchen also die Gotteslästerung, die Religionskritik, wie die Luft zum Atmen!

Lesen Sie einige Vorschläge von Christian Modehn auf der website der empfehlenswerten Zeitschrift Publik Forum, klicken Sie hier.

Imame Frankreich sollen für das Wohl des Landes beten

Imame Frankreichs sollen jeden Freitag „für das Wohl des Landes“ beten

Gott (Allah) will Frieden für diese Republik

Von Christian Modehn

Es gibt eine bedeutende Vereinigung der Muslime in Frankreich (RMF), mit der etwa 550 Moscheen verbunden sind: Sie ist stärker an marokkanische Traditionen gebunden. Die französische Presse verwendet dafür die Formel „Sensibilité marocaine“.

Die Leiter des RMF fordern heute, am 18.1. 2015, ihre Imame in Frankreich offiziell auf, „bei jedem Freitagsgebet zu bitten, dass Gott Frankreich bewahre und dass unser Land (Frankreich) leben kann und sich gut entwickelt im Frieden, in der Eintracht und der Zufriedenheit“. (paix, concorde, sérénité).

Es gibt in Frankreich (mit einer immer nur geschätzten (!!), also niemals exakten Anzahl von 3, 5 bis 5 Millionen Muslims) mehrere muslimische Organisationen. Etwa eine Organisation mit stärkeren Verbindungen mit Algerien (etwa die „Grande Mosquée de Paris“), oder die UMF, die Marokko nahe steht, die CCMTF, die der Türkei nahe steht und die UOIF, die aus den „Muslimbürdern“ hervorgegangen ist.

Beim „Großen Gebet“, so die Aufforderung an die Imame, soll das Wesen der Botschaft des Korans vorgetragen werden sowie dessen universellen und humanistischen Werte.

Quelle. Verschiedene Tageszeitungen, wie Le Parisien, La Croix usw am 18.1.2015.

Toleranz – die Kunst den anderen zu ertragen. Zu einem Interview mit Rainer Forst. Philosophie Magazin

TOLERANZ erkennen und tolerant leben: Ein Interview mit dem Philosophen Rainer Forst im PHILOSOPHIE MAGAZIN

Die Zeitschrift Philosophie Magazin veröffentlicht in ihrem Heft 2, 2015 (Seite 70-75) ein Interview mit dem Frankfurter Philosophen Rainer Forst (50). Er ist u.a. Leibniz Preisträger; Schüler von Habermas und Rawls und Spezialist für Fragen aus dem Zusammenhang von Philosophie und Politik.

In dem Interview plädiert er für ein differenziertes Verstehen dessen, was man so allgemein schnell und oberflächlich „Toleranz“ nennt. Rainer Forst zeigt, dass Philosophie in aktuellen Debatten eine wichtige Rolle spielen kann, genauer zu unterscheiden, kritischer auf das zu achten, was in der Öffentlichkeit verbreitet wird und schnell als „Wahrheit“ Beachtung findet.

Das Philosophie Magazin Heft 2/2015 ist auch wegen des Interviews mit Rainer Forst, das auch in Schulen und Gruppen diskutiert werden sollte, empfehlenswert.

Einige inspirierende Zitate aus dem Interview mit Rainer Forst, die Fragen stellte Nils Markwardt.

„Toleranz wird oft mit Gleichgültigkeit gleichgesetzt. Das ist jedoch falsch. Wenn ich andere Überzeugungen oder Praktiken „toleriere“, setzt das immer voraus, dass ich an ihnen etwas problematisch finde. Toleranz müssen wir nur dort aufbringen, wo uns etwas stört. Diese Form der Ablehnung ist die erste von drei Komponenten, die für den Begriff wichtig sind. Um andere zu tolerieren, braucht es dann vor allem die zweite Komponente, die Akzeptanz. Man findet Gründe, weshalb das, was einen stört, dennoch toleriert werden sollte. Dabei verschwindet die Ablehnung jedoch nicht. Obwohl man weiterhin bedenklich findet, was die anderen denken oder tun, erkennt man, wieso es richtig wäre, dies zu tolerieren. Die dritte Komponente besteht in der Zurückweisung. Denn die Akzeptanz reicht nur bis zu einem gewissen Punkt, an dem die Grenzen der Toleranz erreicht sind. Hier kommen noch einmal negative Gründe ins Spiel, nur gravierender, da damit das Ende der Toleranz gefordert wird, etwabei Verletzungen der Menschenrechte“.

……….

„Wir wollen keine toleranten Rassisten, sondern ein Ende des Rassismus. Wir wollen, dass die entsprechenden Leute ihre rassistischen Vorurteile ablegen“.

……….

„Zu glauben, es könnte irgendwo auf der Welt nicht unmoralisch sein, Menschen ihrer grundlegenden Rechte zu

berauben, ist nicht hinnehmbar“.

……….

Copyright: Philosophie Magazine.

Die empfehlenswerte Zeitschrift ist an vielen großen Kiosken zu haben.

 

 

 

Kirchenführer in Frankreich und Charlie Hebdo – nach der Demo am 11.1.2015

Reaktionen der Kirchenführer in Frankreich auf den 7.1. 2015… und warum Charlie Hebdo not-wendig bleibt.

Hinweise von Christian Modehn

Die größte Demonstration in Frankreichs Geschichte fand wohl am 11. Januar 2015 in Paris statt: Mehr als eineinhalb Millionen waren auf der Straße, um für die Meinungsfreiheit und letztlich für die Demokratie zu demonstrieren. Vor allem um zu zeigen: Es gibt gemeinsame Grundüberzeugungen unter den politisch so vielfältig orientierten Franzosen. Ein Ereignis! Ein Glück!

Wo war der Erzbischof von Paris, Kardinal André Vingt-Trois, als in „seiner“ Stadt dieses welthistorische Ereignis stattfand? „Heute ist Paris die Hauptstadt der Welt“ war wohl als Einschätzung zutreffend. Der Kardinal zog es hingegen vor, in Rom, im Vatikan, zu weilen.

An der Demonstration in Paris nahmen zwei, Verzeihung, eher nicht so sehr bedeutende katholische Würdenträger teil, also nicht etwa der Chef der Bischofskonferenz, sondern Bischof Stanislas Lalanne von Pontoise sowie Bischof Pascal Delannoy von Saint-Denis.

Es gab vonseiten der katholischen Kirchenführung, soweit bekannt, auch keinen Aufruf an die Gläubigen, an den Demos am 11. 2015 teilzunehmen. Hingegen hat die Protestantische Förderation Frankreichs durch seinen Präsidenten Francois Clavairoly ausdrücklich die Protestanten zur Teilnahme aufgefordert: „La Fédération protestante de France appelle ses membres à participer dimanche 11 janvier aux manifestations d’hommage aux victimes de l’attentat de Charlie Hebdo. En réponse à l’appel du Président de la République, je veux encourager les membres des Eglises, œuvres et mouvements de la FPF à se joindre à la marche républicaine qui aura lieu dimanche 11 janvier à Paris, mais aussi à toutes les initiatives identiques prévues partout en France. L’élan de fraternité qui nous anime et la volonté de réaffirmer de façon solennelle notre attachement aux valeurs qui fondent la République doivent nous mobiliser“. Zusammenfassende Übersetzung: Die Prot. Föderation ruft seine Mitglieder auf, an den Demonstrationen zu Ehren der Opfer des Attentates von Charlie Hebdo teilzunehmen. Ich ermutige die Mitglieder der Kirche … sich dem republikanischen Marsch anzuschließen. Der Elan der Brüderlichkeit sowie der Wille, wieder auf feierliche Art unsere Bindung an die Werte auszudrücken, die die Republik begründen, müssen uns mobilisieren“. Ermunternde Worte, darf man sagen!

Die katholischen Kirchenführer waren da viel zurückhaltender. Zum Beispiel:

In Bordeaux nahm der dortige Erzbischof Kardinal Jean Pierre Picard an der Demo „Je suis Charlie“ teil. Er betonte dann: „Ein Krieg hat sich entwickelt gegen unsere Gesellschaften, die von den Islamisten als dekadent und ungläubig angeklagt werden. Ich muss gestehen, dass die Zeitung Charlie Hebdo mir nicht so gefallen hat. Jean Pierre Ricard sagte: „Je dois avouer que Charlie Hebdo n’était pas ma tasse de thé ! Je trouvais même dans certaines caricatures une vraie violence. Mais, dans notre pays, les choses se règlent devant les tribunaux en cas de litige. Pas en tuant les gens“

„Ich muss gestehen, dass mir Charlie Hebdo nicht gefallen hat. Ich fand selbst in gewissen Karikaturen eine echte Gewalt! Aber in unserem Land regeln sich diese Dinge vor dem gericht im Streitfall. Und nicht, indem man Leute tötet“.

Und dann fuhr der Kardinal von Bordeaux fort: „Wenn man das Religiöse in Frankreich aus dem öffentlichen Raum vertreiben will, dann ist das die beste Art und Weise, weiter den Islamismus zu fördern. Wir haben ein Interesse daran, den spirituellen Traditionen, die reich an Weisheit und Intelligenz sind, ihren Platz in der Gesellschaft zu geben. Dies ist der beste Schutz gegen den Islamismus“.

Es gibt in rechten politischen Kreisen, auch unter führenden FN Leuten diesen Grundton: „Wir bedauern den blutigen Tod der Journalisten und der jüdischen Opfer und der Polizisten. Aber wir halten von Charlie Hebdo eigentlich gar nichts. Natürlich, die Meinungsfreiheit ist schon ganz OK. Aber die Religionskritik des Blattes war doch zu viel… “ Ähnliche Äußerungen von der marokkanischen Staatsführung waren zu hören…Also, mit anderen Worten: Bitte begrenzt doch diese Pressefreiheit, sagen die Rechten und die FN Leute. Die religiösen Gefühle der katholischen Bischöfe treffen sich mit denen bestimmter islamischer Kreise. Es gibt also einen weiteren Aspekt interreligiöser „Ökumene“.

Wenn Kardinal Picard, Bordeaux, sagt, er fände in einigen Karikaturen von Charlie Hebdo „echte Gewalt“, dann darf man das wohl auch so übersetzen: Dann sind die Journalisten von Charlie Hebdo selbst schuld, wenn sie echte Gewalt propagieren und offenbar zuerst (gegenüber den ;ärdern) ausüben… und dann halt durch die Gegengewalt umkommen. Dieser Kleriker hat kein Verständnis dafür, dass Religionskritik, auch heftige, selbst für fromme Menschen eine klärende, kritische Wirkung haben kann.

Wenn heute, eine Woche nach dem Mord an den Charlie Hebdo Journalisten das Blatt diesmal in millionenfacher Auflage in verschiedenen Sprachen erscheint, ist das ein Zeichen, dass alle diese LeserInnen die Religionskritik und bissige Satire bejahen? Vielleicht. Wir werden sehen, wie hoch die Auflage in drei Monaten ist. Islamische Kreise und andere konservative Kreise sind heute (14.1. 2105) empört, dass Charlie Hebdo im „alten kritisch-bissigen“ Stil weitermacht. Sie wollten das Blatt einfach ignorieren, heißt es, Gott sei Dank, und wohl nicht erneut die Redakteure attackieren. Diese Kreise nehmen nicht wahr, dass die Themen, die das Blatt zeigt,überspitzt zwar, nach wie vor aktuell sind! Das ist doch das Thema, über das eine breite Auseinandersetzung stattfinden sollte: Die Karikaturen von Charlie Hebdo haben ihre „Ursache“ in unserer (nicht nur reliösen) Wirklichkeit! Die Verlogenheit und Scheinheiligkeit vieler religiöser Menschen ist aber eine Tatsache, die der nicht-religiösen Menschen (Atheisten usw.) natürlich auch. Solange diese Situation so ist, ist ein Blatt wie Charlie Hebdo hilfreich und vielleicht not-wendig.

copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.