Jesus contra Christus? Zum neuen Buch von Philip Pullman

Jesus contra Christus?
Eine Kritik des neuen Buches von Philip Pullman, „Der gute Herr Jesus und der Schurke Christus“
Von Christian Modehn

Dieser Text ist eine ausführliche Fassung eines Beitrags für den NDR am 27.2.2011

Die Gestalt Jesu Christi fasziniert nach wie vor Künstler und Schriftsteller. Jetzt hat der Engländer Philip Pullman, bekannt auch als Autor von Theaterstücken und „Fanatsay – Erzählungen“, seinen Roman über den Mann aus Nazareth vorgelegt. Auf dem Rückdeckel des Buches, auf pech-schwarzem Papier und in knallig goldenen Buchstaben, fasst der Autor den Inhalt seines Werkes zusammen: „Dies ist keine frohe Botschaft“. Und auf der Titelseite, ebenfalls Gold auf Pechschwarz, ist zu lesen: „Der gute Herr Jesus und der Schurke Christus“.
Auf den ersten Blick wirkt das neue Buch von Philip Pullman wie eine phantastische Geschichte: Da hat Jesus einen Zwillingsbruder mit dem Namen Christus. Er, der Jüngere, theologisch interessiert, wird zum kompetenten Beobachter seines allseits beliebten Bruders. Denn Jesus profiliert sich als erfolgreicher Heiler und Wundertäter, er ist der Prediger eines Gottes, der reine Liebe und Güte zu allen Wesen ist. Jesus glaubt zu wissen, dass sich das Reich Gottes alsbald auf Erden ausbreiten werde.

Eines Tages wird Christus von einem mysteriösen Boten besucht. Dieser befremdlich wirkende Engel fordert ihn auf, sich an der Verhaftung und Kreuzigung seines Bruders zu beteiligen. Denn, so sagt der Bote, Jesus störe einfach das religiöse Establishment. Er verwirre die Menschen mit seinen radikalen ethischen Forderungen. Christus übernimmt also die Rolle des Verräters, die in den Evangelien dem Judas zugewiesen wird. So wird er zum „Schurken“.
Soweit mag der Roman skurril erscheinen, gelegentlich ist er auch etwas spannend angesichts der mysteriösen Engel – Besuche. Man könnte den 230 Seiten langen Text als unterhaltsame Lektüre aber schnell beiseite legen. Tatsächlich aber bietet Philip Pullman einen theologischen Traktat: Jesus wird hier nicht nur als der sympathische Menschenfreund vorgeführt: Er hat, so der Autor, im Unterschied zu seinem Bruder Christus keine Absichten, eine Kirche zu gründen. Pullman lässt Jesus sagen: “Was du, mein Bruder Christus, als Organisation beschreibst, klingt wie das Werk Satans“. Damit wird ein alter Topos aufgegriffen, der von der kritischen Bibelwissenschaft durchaus untergestützt wird: Jesus dachte nicht an eine weltweit agierende Kirche. Andererseits, so die Bibelwissenschaftler, habe der historische Jesus durchaus ein besonderes, ein ausgezeichnetes Selbstbewusstsein gehabt: Er erlebte sich in besonderer Verbindung mit Gott, sah sich als der „Heilsbringer der Endzeit“. Auf Grund dieser Tatsache wurde später die Lehre verbreitet, Jesus sei Mensch und Gott in einer Person.
Diese alte Tradition stellt Pullmann grundsätzlich in Frage. Jesus wird kurz vor seinem Tod ausführlich als radikaler Ankläger Gottes dargestellt: „Du bist im Schweigen, Gott, du sagst nichts…vielleicht bist du gar nicht da“, schleudert der verzweifelte Jesus seinem früheren Gott entgegen. Hier kann der Autor auch seine fundamentale Kirchenschelte loswerden, wenn er Jesus sagen lässt: „Wirst du, Gott, die Kirchenfürsten vom Thron stoßen und ihre Paläste zertrümmern?“ In dem Machtapparat, Kirche genannt, geschehe zwar gelegentlich caritativ Gutes, meint der Autor; aber von Jesu Kritik an Herrschern und Herrschaften sei nichts mehr zu spüren. Das religionskritische Feuer Philip Pullmans, Mitglied einer humanistisch – atheistischen Vereinigung in England, wird hier besonders greifbar.
Jesus, dieser an Gott verzweifelte Mensch, wird gekreuzigt und stirbt. Und danach? Der Autor greift auf das uralte, man möchte sagen abgegriffene literarische Motiv zurück, demzufolge die Leiche Jesu gestohlen wird und verschwindet. Aber der Glaube an die Auferstehung entwickelt sich trotzdem: Denn, so will es der Autor, zufällig hält sich am Ostermorgen der Zwillingsbruder Christus in der Nähe des Grabes Jesu auf: Und diesen Christus verwechseln die frommen Jünger mit ihrem gekreuzigten Meister. Sie können nun siegesgewiss jubeln: „Der Herr lebt“. Die Auferstehung Jesu – nichts als ein Betrug, ersehnt von den leichtgläubigen Frommen. Christus denkt nicht daran, die Verwechslung der Frommen zu korrigieren; auch deswegen ist er in der Sicht des Autors ein „Schurke“.
Um seine Geschichte halbwegs rund zu beenden, schickt Pullman seinen Christus an einen weit entfernten Küstenort; dort lebt er zurückgezogen, plötzlich verheiratet, mit seiner Frau Martha zusammen. Ob er eine „Himmelfahrt“ erlebt, wird nicht verraten.
Eine gewisse Bedeutung hat dieser in England gefeierte Besteller vielleicht, weil er das Interesse wecken könnte, die vier so unterschiedlichen Geschichten von Jesus, Evangelien genannt, in der Bibel wieder einmal zu lesen. Sie sind allemal vielschichtiger und spannender. Oder man beginnt, seine eigene, persönliche Jesus Geschichte zu schreiben. Schließlich hat jeder Mensch das gute Recht, eigene Bilder und Vorstellungen von dem Mann aus Nazareth zu entwickeln. Sie wecken die Lust zu fragen: Wer war der historische Jesus denn nun wirklich? Immerhin bietet die historisch – kritische Forschung da einige sichere Hinweise.
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Philip Pullman, Der gute Herr Jesus und der Schurke Christus,
S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main. 2011. 240 Seiten,
18,95 Euro.

Humor – Leichtsinn der Schwermut

Im Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon am 25. 2. 2011 war Prof. Dr. Michael Bongardt (Philosoph und Theologe) bei uns. Aus dem weiten Umfeld des Themas HUMOR hatte Michael Bongardt ein Motto des bedeutenden Aphoristikers Elazar Benyoetz gewählt: Humor – Leichtsinn der Schwermut. Für den in Israel lebenden Denker ist Humor sozusagen die menschliche Grundhaltung überhaupt, die auch in den religiösen Bindungen, auch gegenüber Gott, Gültigkeit hat. Klar ist, dass Humor hier nicht in einem banalen Sinne eines irgendwie witzigen Verhaltens zu verstehen ist, sondern als Grundhaltung, sozusagen lächelnd dem begrenzten Dasein und damit der oft gegebenen Schwermut zu begegnen. Prof. Bongardt konfrontierte diese „Lebensform Humor“ mit dem klassischen Philosophen des Humors, mit Sören Kierkegaard.
Wir bieten hier einige Aussagen Kierkegaards und Benyoetz, wie sie Michel Bongardt den 25 TeilnehemerInnen zur Verfügung gestellt hatte. In dem Beitrag über Kierkegaard wird deutlich, wie Ironie und Humor eine Art dynamische Kraft sind, zu einer umfassenden Gestalt des Menschlich zu kommen.
Wir empfehlen zu dem das von Michael Bongardt herausgegebene Buch „Humor – Leichtsinn der Schwermut“, erschienen im Universitätsverlag Dr. N. Brockmeyer, Bochum 2010, 174 Seiten. Die Kiekegaard Texte haben Verweise auf die entsprechenden Publikationen.

Humor –
Leichtsinn
der Schwermut
(E. Benyoëtz, Finden macht das Suchen leichter, S.77)

Von Ernst und Heiterkeit der Glaubenden
Religionsphilosophisches Gespräch am 25. Februar 2011

I. Glaubensernst

II. Sören Kierkegaard: Der Humor als Weg zum Glauben

Ästhetische Existenz

„Wer aber sagt, er wolle das Leben genießen, der setzt stets eine Bedin-gung, welche entweder außerhalb des Individuums liegt oder auf eine Art im Individuum ist, daß sie nicht in dessen eigener Macht steht.“
(Entweder/Oder II, S. 191)
Grenzbereich Ironie

„Ebenso wie die Philosophie mit dem Zweifel, ebenso beginnt ein Leben, das menschenwürdig genannt werden kann, mit der Ironie.“
(Der Begriff Ironie, S. 4)

Ethische Existenz

„Indes, was denn dies, mein Selbst? Wollte ich von einem ersten Augen-blick, einem ersten Ausdruck dafür sprechen, so ist meine Antwort: es ist das Abstrakteste von allem, welches doch in sich zugleich das Konkre-teste von allem ist – es ist die Freiheit.“
(Entweder/Oder II, S. 229)
Grenzbereich Humor

Der Humor ist „die Einheit des Komischen und des Tragischen.“
(Unwissenschaftliche Nachschrift I, S. 287).
„Der Humor schließt die Immanenz innerhalb der Immanenz ab und liegt noch wesentlich im Sich-Zurücknehmen durch die Erinnerung aus der Existenz in das Ewige hinein.“
(ebd.)

Religiöse Existenz

„Humor ist nicht der Glaube, sondern liegt vor dem Glauben; er kommt weder nach dem Glauben noch ist er eine Entfaltung des Glaubens.“
(ebd.)
„Der Humorist […] begreift die Bedeutung des Leidens in Beziehung auf das Existieren, aber er begreift nicht die Bedeutung des Leidens.“
(Unwissenschaftliche Nachschrift II, S. 155))

III. Elazar Benyoëtz: Der Humor der Glaubenden

In Zweifel gezogen, dehnt sich der Glaube aus
(Variationen über ein verlorenes Thema, S. 46)

Eine Theodizee kann nur der Witz erfinden
oder ergründen,
weil nur der Witz sich Humorlosigkeit leisten kann
(Die Eselin Bileams und Kohelets Hund, S. 82)

Ohne Humor läßt sich weder glauben noch zweifeln
(Variationen über ein verlorenes Thema, S. 47)

Quellenangaben: Sören Kierkegaard, Gesammelte Werke, hgg. v. H. Gerdes und E. Hirsch, Köln 1950-1969, Nachdruck Gütersloh 1979ff. Hier zitierte Bände: Entweder/Oder, GW 1+2; Unwissenschaftliche Nachschrift zu den philosophischen Bro-cken, GW 16; Über den Begriff der Ironie in ständiger Rücksicht auf Sokrates, GW 31.
Elazar Benyoëtz, zahlreiche Werke in verschiedenen Werken. Hier zitiert: Variationen über ein verlorenes Thema, Wien 1997; Finden macht das Suchen leichter, München/Wien 2004; Die Eselin Bileams und Kohelets Hund, München 2007.

Prof. Dr. Michael Bongardt, Freie Universität Berlin, mbongard@zedat.fu-berlin.de

Geistliche Gemeinschaften: Wie geistlich sind sie wirklich?

Der folgende Text ist die noch ungekürzte Fassung einer Ra­dio­sen­dung des Deutschlandfunks. Wir bieten das Manuskript (in der für Hörfunkproduktionen üblichen Form) zum privaten Gebrauch. Das Thema berührt auch religionsphilosophisch Interessierte wegen der Beziehungen zu aktuellen Themen der Religionskritik. C.M. Siehe auch den Kommentar am Ende des Beitrags.

DEUTSCHLANDFUNK – Köln
Redaktion Religion und Gesellschaft
Tel.: 0221 / 345 1580
Redaktion: Hartmut Kriege
STUDIOZEIT
Aus Religion und Gesellschaft
Die hochgelobten „Geistlichen Gemeinschaften“ werden mehr und mehr zur Belastung der Katholischen Kirche
Von Christian Modehn

Sendung : 23. Februar 2011
Uhrzeit : 20.10 – 20.30 Uhr Weiterlesen ⇘

Freiheit muss man sich nehmen. Das philosophische Wort zur Woche.

Freiheit muss sich der Mensch nehmen
Das “Philosophische Wort zur Woche“
Von Christian Modehn

Das „philosophische Wort zur Woche“ fällt diesmal etwas kürzer aus. Wir schlagen heute dringend die (nicht immer leichte) Lektüre des „ewig“ aktuellen Kant vor, und zwar seines Buches „Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft“ (von 1793). Wir beziehen uns auf die Ausgabe von Felix Meiner, Hamburg, 2003. Diese Aufsätze enthalten zahlreiche aktuelle Anregungen, etwa den ausführlichen Hinweis:
Die Religion hat ihren Ursprung in der Ethik und nicht umgekehrt. Religionsführer irren, wenn sie aus ihrer Religion eine allgemeine Ethik herleiten! Weiter: Dogmen und Liturgien haben nur Sinn, wenn sie ethisches Handeln fördern; Beten hat als Poesie einen gewissen Sinn usw…

Auf Seite 254 in dem genannten Buch schreibt Kant über die Abwehr vieler autoritärer Regime, Freiheit zuzulassen, nach dem alt bekannten Motto: Die Leute seien noch nicht reif die Freiheit usw… Kant hatte wohl die Abwehr der Französischen Revolution in Deutschland im Blick. Auch heute gibt es zahllose Beispiele in autoritären politischen und religiösen Systemen, die ihren Machtanspruch mit Fürsorglichkeit kaschieren und so sehr „mütterlich“ Freiheit und Menschenrechte unterdrücken.

Kant schreibt:
„Nach einer solchen Voraussetzung aber wird die Freiheit nie eintreten. Denn man kann zu dieser Freiheit nicht reifen, wenn man nicht zuvor in Freiheit gesetzt worden ist. Man muss frei sein, um sich seiner Kräfte in der Freiheit zweckmäßig bedienen zu können. Die ersten Versuche (der Freiheit) werden freilich roh, gemeiniglich auch mit einem beschwerlicheren und gefährlicheren Zustande verbunden sein, als man noch unter den Befehlen, aber auch unter der Vorsorge anderer stand. Allein: Man reift für die VERNUNFT nie anders, als durch eigene Versuche (der Freiheit), welche Versuche man machen zu dürfen eben frei sein muss! …Es zum Grundsatz zu machen, dass den Menschen, die den Herrschern einmal unterworfen wurden, überhaupt die Freiheit nicht tauge, und man als Herrscher berechtigt sei, diese Menschen jederzeit von der Freiheit zu entfernen, ist ein Eingriff in die Regalien, also die Hoheitsrechte, der Gottheit selbst, die den Menschen ZUR FREIHEIT SCHUF“.

Anpassung statt Résistance. Zur Kollaboration der katholischen Kirche in Frankreich.

Anpassung statt Résistance
Zur Kollaboration der katholischen Kirche in Frankreich.
Anlässlich des Kinofilms „Die Kinder von Paris“
Von Christian Modehn

Diesem Beitrag liegt ein Kommentar für den NDR vom 13. 2. 2011 zugrunde. Einige FreundInnen wünschten etwas ausführlichere Informationen, deswegen dieser (immer noch knappe) Text zu einem weithin unbekannten Thema….

Seit dem 10.Februar läuft in den Kinos ein bewegender, ja durchaus: ein „anrührender“ Film. Er erzählt die Geschichte jüdischer Familien, die am 16. Juli 1942, während der Nazibesetzung, in Paris verhaftet wurden. In einer Art Zwischenlager, der Halle der Radrennbahn, trieb die französische Polizei 13.000 Juden, darunter 4.000 Kinder, zusammen, bevor sie in die KZs im Osten transportiert werden.
Den Film „La Rafle“, die Razzia, haben in Frankreich bis jetzt 3 Millionen Menschen gesehen, ein riesiger Erfolg! In Deutschland wird er unter dem Titel „Die Kinder von Paris“ gezeigt.

„Ich will mit meinem Film Mitleid und Mitgefühl wecken“, betont die Regisseurin Rose Bosch, durch Emotionen könnten vor allem jüngere Menschen dazu bewegt werden, sich mit dem Grauen der Judenvernichtung gründlicher als bisher auseinanderzusetzen. Denn ganz selbstverständlich sonnen sich die meisten Franzosen noch immer in dem Glauben, ihre „Grande Nation“ habe im ganzen tapfer Widerstand geleistet gegen die Nazis und ihre Kollaborateure. Die Realität ist anders. Erst 1995 fand sich der französische Staatspräsident Jacques Chirac bereit, die von den meisten Franzosen still geduldete und akzeptierte Judenverfolgung öffentlich als die “große Schande unseres Landes“ zu nennen. Der „glorreiche General de Gaulle“ wurde also in seinem Londoner Exil nicht von einer großen Volksbewegung unterstützt, die meisten Franzosen waren Mitläufer, und oft auch Mittäter.
Es ist also höchste Zeit, die viel beschworene „Résistance“, den Widerstand gegen das nazifreundliche Regime des General Pétain realistisch wahrzunehmen; auch dazu fordert der Film auf: Da kümmert sich etwa die historisch verbürgte Gestalt der Krankenschwester Annette Monod um die drangsalierten Juden in der Radrennbahn. Ausdrücklich wird sie in dem Film als Protestantin vorgestellt; ein Hinweis, dass sich die kleine Kirche der Calvinisten viel deutlicher als die Katholische Kirche den Nazis und ihren Kollaborateuren widersetzte. General de Gaulle lobte schon im Juni 1945 die Protestanten, sie hätten „die klare Vision für die Interessen der Nation bewahrt und Widerstand geleistet“.
In der katholischen Kirche gab es auch einige Mitglieder der Résistance, wie den späteren, weltberühmten Sozialpriester „Abbé Pierre“ oder den Jesuiten Pierre Chaillet, der mitten in der Résistance die (immer noch bestehende) Wochenzeitung „Témoignage Chrétien“ gündete.
Aber es ist doch bezeichnend, dass sich die Bischöfe Nordfrankreichs eine Woche nach der Verhaftung der Juden in Paris ausdrücklich weigerten, gegen die Deportationen zu protestieren. So wollten sich die Oberhirten das Regime bei Laune halten, hatte sich doch Staatschef Pétain als Förderer der katholischen Schulen gezeigt; Kreuze hingen wieder in öffentlichen Gebäude: Welch ein Erfilg! Hatte Pétain doch versprochen, den antiklerikalen, den so genannten freimaurerischen und sozialistischen Ungeist der Republik zu vertreiben. Pétain mit seiner Nazi – freundlichen Regierung in Vichy wurde katholischerseits ganz offiziell als Geschenk der Vorsehung gepriesen, „Pétain arbeitet an der Auferstehung Frankreichs“, betonte etwa der Erzbischof von Aix en Provence. Die Katholiken hatten endlich ihre eigene, ihre klerikal gefärbte Revolution, nach der Abgrund tiefen Ablehnung der „großen Revolution von 1789“ war Pétain und co. ein Lichtblick. Der Publizist Jacques Duquesne nennt in seiner Studie „Les catholiques francais sous l occupation“ zahllose ähnliche Beispiele: In der Wallfahrtskirche von Annonay wurde gar ein Bild Pétains aufgestellt; in einer katholischen Schule im Département Lot begann der Unterricht mit einem Gebet: „Unter den Augen Gottes unseres Vaters, gehorsam den Weisungen des Marschalls Pétain gehen wir Kinder Frankreichs an die Arbeit – für die Familie, das Vterland“. Der katholische Dichter Paul Claudel schrieb gar eine Ode an den Marschall, darin heißt es u.a. „Frankreich, höre diesen alten Mann, der sich mit dir befasst und der zu dir spricht wie ein Vater…“ Kardinal Baudrillart, Chef der Katholischen Universität on Paris, lobte gar die Kollaboration mit den Nazis, weil nur so der Kommunismus besiegt werden könnte. Und Monsignore Moncelle scheute sich nicht, Marschall Petain und sein Regime, in den Worten des Johannes Evangeliums „als Weg, Wahrheit und Leben“ zu rühmen.
Das autoritäre und antisemitische Regime wurde allgemein mit einem Glorienschein ausgestattet. So ist es kein Wunder, dass nach der Befreiung durch de Gaulle lange Listen unerwünschter (weil kollaborierender) Bischöfe verbreitet wurden, auch der Name des Pariser Kardinals Emmanuel Suhard stand darauf. Aber weil sich der Papst einschaltete, wurden letztlich nur neun von 20 Bischöfen ihrer Ämter enthoben. Eine wirkliche „Reinigung“ der katholischen Kirche vom antisemitischen und antirepublikanischen Ungeist hat nicht stattgefunden. Es gab nur zwei Bischöfe, die mit der Résistance zusammenarbeiteten: Erzbischof Saliège von Toulouse und Bischof Théas von Montauban, er war einer der Mitbegründer der katholischen Friedensbewegung Pax Christi.
Einige tausend französische Juden haben ihr Leben retten können; couragierte Nachbarn fanden sich bereit, sie zu verstecken. Aber dieser Widerstand der kleinen Leute, vielleicht auch der Katholiken an der Basis, widersprach der offiziellen bischöflichen Linie. Die globale Sympathie der katholischen Kirchenführung für Pétain und seine Nazi-Freunde ist um so erstaunlicher, als der viel geliebte Marschall alles andere als ein – in offizieller Sicht – vorbildlicher Katholik gelten konnte. Er war mit der von den Päpsten verbotenen „Action Francaise“ verbunden und mit deren Chefideologen Charles Maurras. Die Spezialisten für diese Fragen, die Historiker F. und R. Bédarrida, schreiben: „Die Hierarchie ging das Wagnis ein, als eines der wichtigsten Elemente im Vichy – Regime zu erscheinen. Die Katholiken sollten dem Programm der „Nationalen Revolution“ zustimmen. In der Praxis lief diese Haltung auf eine gleichsam unbedingte Unterwerfung der Kirche unter die Macht Pétains hinaus“.

Bis heute sind in dem weiten Sympathisantenumfeld der so genannten Piusbrüder die Freunde Pétains und seiner Nazi – Kollaborateure zu finden. Diese Kreise sollen, so will es ausdrücklich Papst Benedikt XVI. mit der römischen Kirche wieder voll versöhnt und integriert werden. Einen der deutlichsten Sympathisanten dieser Kreise, den einstigen Pius Bruder Abbé Laguerie, hat Benedikt XVI. wieder in die offizielle römische Kirche aufgenommen und ihn einen eigenen Orden, die Brüder vom Guten Hirten ( L institut du Bon Pasteur) in Bordeaux gründen lassen. Der Papst ist glücklich: Diese „guten Hirten“ stellen jetzt viele junge Priester, das ist ja für den Papst bekanntlich am aller wichtigsten…(Hübsche Bilder dieser Herren findet man im Internet).

Zahlreiche Informationen zu diesem Text beziehen sich auf mein Buch „Religion in Frankreich“, Gütersloher Verlagshaus, 1993. Das Buch kann noch antiquarisch bezogen werden.

Loyale Opposition in der Katholischen Kirche – ein Widerspruch

Ein Wort vorweg:
Manchmal kommt das Philosophieren, das besinnliche Denken, wie Heidegger richtig sagt, nicht zur gebotenen Ruhe, weil im Rahmen der Religionskritik ständig Stellungnahmen erforderlich sind.
Ende 2010 hatte ich in der empfehlenswerten Zeitschrift PUBLIK FORUM einen Beitrag geschrieben zu der Frage: Hat die sogenannte „loyale Opposition“ innerhalb der römischen Kirche einen gewissen Sinn. Meine in der damals vorgeschriebenen Kürze gegebene Antwort heißt: Nein.
Weil mich viele FreundInnen aus entfernteren Regionen darum baten, diesen Text (nach)lesen zu können, biete ich ihn hier gern zur Lektüre an, zumal durch die Erklärung der mehr als 140 TheologInnen in Deutschland von Anfang Februar 2011 wieder der Eindruck entsteht und die Hoffnung geweckt wird, verbale loyale Opposition, hätte noch einen gewissen Sinn. Von daher ist der folgende Text aus PUBLIK FORUM nach wie vor aktuell. copyright: christian modehn.

Loyale Opposition in der römischen Kirche – eine Illusion
Von Christian Modehn

Keiner kann es leugnen: Grundlegende Veränderungen in Lehre und Struktur der römischen Kirche wurden von Reformkatholiken nicht bewirkt. Es wird Zeit, sich damit abzufinden: Das römische System versteht sich als gottgewollt und unveränderlich. Die Herren der Kirche lassen sich von niemandem außerhalb der Hierarchie in ihr Regieren hineinreden. Das heißt: Jegliche Hoffnung auf synodale Strukturen ist illusorisch.

Die Selbstdefinition der Reformkatholiken als einer »loyalen Opposition« ist ein Missverständnis: Opposition ist wesentliches Element der Demokratie; oppositionelle Parteien haben grundsätzlich die Möglichkeit, nach den Wahlen die Regierung zu übernehmen. Selbst außerparlamentarische Gruppen haben einmal die Chance, die Demokratie mitzubestimmen.

Die Machthabenden der römischen Kirche dagegen definieren ihre Kirche nicht als Demokratie, sondern als eigenständige Organisation – zum Beispiel als »mystischen Leib Christi«. Der katholische Theologe Hans Küng nennt die Kirche treffend »das einzige bestehende absolutistische System der westlichen Welt«. »Loyal Oppositionelle« haben keine Chance, ihre Anliegen demokratisch mit der Hierarchie zu diskutieren, geschweige denn umzusetzen.

Das römische System freut sich vielleicht manchmal über diese Kreise, denn sie vermitteln den Eindruck, als gäbe es ein bisschen Progressives im Katholizismus. Im Alltag der Kirche wird hingegen weltweit hart durchregiert. Ohne Mitentscheidung der Betroffenen werden Pastoral- und Finanzkonzepte durchgesetzt, reaktionäre Bischöfe lösen seit Jahrzehnten halbwegs aufgeschlossene Bischöfe ab. Reformkatholiken können dagegen mit Appellen nichts ausrichten. Nach der Freilegung zahlreicher pädophiler Verbrechen durch Priester haben diejenigen, die das Thema in die Öffentlichkeit brachten, keine Chance, an der Reform des Kirchenrechts beteiligt zu werden oder dafür zu sorgen, dass die offizielle Sexuallehre human wird.

Die »loyal Oppositionellen« begehen den Fehler, das Zweite Vatikanische Konzil als Reformkonzil zu idealisieren. Tatsächlich war es aufgrund vieler doppeldeutiger Beschlüsse gerade kein grundlegendes Reformkonzil im Sinne von Reformation. Die Zölibatsgesetzgebung besteht weiter, das ökumenische Abendmahl ist keinen Schritt vorangekommen, synodale Strukturen gibt es nur auf Bischofssynoden, bei denen der Papst das letzte Wort hat. Progressive Konzilstheologen, »loyal Oppositionelle« der Frühzeit, sind auf halbem Wege gescheitert. Die Anerkennung der Religionsfreiheit hat die kirchenkritische Öffentlichkeit erzwungen, kein »loyal Oppositioneller«. Eine Rückbesinnung auf dieses Konzil kann deshalb nicht die dringende Reformation der römischen Kirche herbeiführen.

Der Begriff »loyal« bedeutet so viel wie »die Autoritäten respektierend«. Loyal oppositionelle Katholiken wollen also doch »treu« zur verfassten Hierarchie sein. Sie sind getrieben von der »Liebe zur Mutter Kirche«. Dabei sollte ein Christ nur Gott lieben und den Nächsten und sich selbst. Die »Liebe zur Mutter Kirche« wird dagegen von der Hierarchie nahegelegt, um die permanente Hartherzigkeit des kirchlichen Apparates zu verschleiern.

Zwei Möglichkeiten bleiben: Zum einen die nüchterne Anerkennung, dass die römisch-katholische Kirche eine konservative Großorganisation ist und bleiben wird, heute mit einem Mix aus Opus Dei und Pater Pio, Fatima und dem Neokatechumenat. Zum anderen die kritische Beobachtung dieser in sich verkapselten Großorganisation, die man getrost den demokratischen Medien überlassen kann. Reformkatholiken könnten angesichts des absolutistischen Systems Kirche besser als Dissidenten leben. Das würde nicht nur die Finanzsituation der Kirche ändern.

Es wäre über die Gründung freier ökumenischer Gemeinden nachzudenken (die es in Holland und der Schweiz seit Jahren gibt), auch über die befreiende Kraft der Konversion in protestantische und freisinnige Kirchen. Braucht denn die Verbindung mit Gott immer einen kirchlichen Rahmen? Reformkatholiken sollten Befreiungstheologie leben – zum Beispiel beim Aufbau neuer spiritueller Orte.