Ein christlicher Glaube, der befreit. Denn die Kirchendogmen sind relativ!

Das neue Buch des Theologen Peter Trummer
Ein Hinweis von Christian Modehn am 24.3.2026

Das Motto: „ Religionen können ihre Qualität einzig damit ausweisen, ob und wie weit sie Menschen helfen, ihre endliche, begrenzte Existenz mit Sinn zu füllen, Mitgefühl für einander zu empfinden und Solidarität mit allen zu leben.“ (S. 21 in dem genannten Buch).

1.
Peter Trummer zeigt in seinem Buch sehr treffend: Die entscheidende humane Basis der Religionen wird sehr oft, auch im Katholizismus, ignoriert und verraten: wegen der nicht zu überwindenden Klerusherrschaft und des Festhaltens an Dogmen, die verstaubt sind und nicht den Weisungen des Weisheitslehrers Jesus Christus entsprechen.

2.
Es ist eher selten, dass ich ein Buch eines katholischen Theologen aus dem deutschsprachigen Raum sehr dringend empfehle. Peter Trümmer, emerit. Theologieprofessor an der Uni Graz, Spezialist für Studien des Neuen Testaments, legt ein neues Buch vor: Der Titel ist provokativ gemeint: „Jesus ohne Opfer“. Diese Forderung will sagen: Katholiken und ihre klerikalen Führer sollen Jesus nicht länger als den „Sohn Gottes“ der Trinität lehren und propagieren, der als „Opferlamm“ von einem grausamen Gott – Vater in den blutigen Kreuzestod auf Erden geschickt wird: Um so leidend und blutig die Erlösung der Menschen zu bewirken. Erlösung bedeutet aber offiziell-klerikal: Überwindung der „Erbsünde“! Diese „Erbsünde“ ist eine auch biblisch gesehen eine abwegige, nur mit Macht und Gewalt durchgesetzte Behauptung des heiligen Augustinus. Der Witz sozusagen Die Erbsünde wird – im Unterschied zu den vielen anderen Sünden, Fehlern, Verbrechen, als solche von Menschen gar nicht erlebt und als solche erfahren…

3.
Jedenfalls steht fest: „Solange Opfer-Ideologien (sic !) den Glauben verdunkeln, kann sich keine Einsicht einstellen, dass Gott sehr viel anders ist als wir bisher dachten und gelehrt bekommen haben, er gar keine beamtete Vermittlung und rituelle Manipulationen braucht, weil alle Menschen ausnahmslos und unmittelbar seine `Töchter und Söhne` sind, um die sich Gott mit hingebungsvoller Elternliebe kümmert.“ (S. 184).

Zu dieser Aussage wünscht man sich nähere Differenzierungen: Ist die “hingebungsvolle Elterliebe Gottes” letztlich für die leidenden und ungerecht behandelten Menschen eine Art letzter metyphysischer Trost? Kommen eigentlich die Menschen insgesamt, auch die wohlernährten und gesunden und lange Lebenden, ohne metaphysischen Trost aus? Dabei übersetze ich  “die hingebungsvolle Elterliebe Gotttes” mit metyphysischem Trost…

4.
Der bis heute in Predigten und Vorlesungen propagierte und auch besungene (Karfreitags-Lieder, bitte Fußnote 1 beachten) Wille Gott-Vaters zur Hinrichtung seines Sohnes hat trotz aller heiligen mittelalterlicher Kirchenlehrer nichts mit dem Neuen Testament zu tun. Das zeigt der Spezialist für ein historisch – kritisches Verstehen des Neuen Testaments sehr deutlich. Hilfreich, befreiend, zum Leben ermunternd sind allein Leben und Lehren des Weisheitslehrers Jesus von Nazareth: Jesus wird hingerichtet, weil er konsequent die unendliche Liebe Gottes zu allen lebte und predigte. Ebenso ließ Jesus nicht ab von seiner radikalen Kritik an der Übermacht des jüdischen religiösen Gesetzes, verteidigt von der Elite damals … Jesus wurde als ein religiöser Erneuerer in Zusammenarbeit mit den römischen Machthabern hingerichtet.

5.
Der katholische Theologe Peter Trümmer versteht zurecht die herausragende und bis heute inspirierende Gestalt Jesu als WEISHEITSLEHRER. Dies ist auch der Sinn des Untertitels, den ich fast wie einen Schrei wahrnehme angesichts einer nach wie vor sturen klerikalen Dogmen – Kirche. „Glaube, der befreit“ heißt der Untertitel. Wovon befreit der hier vorgestellte christliche Glaube: Von Aberglauben, von unsinnigen, verstaubten Dogmen und auch von der Macht des Klerus: „Im traditionellen, zu überwindenden Kirchenbild geht es fast ausschließlich um die Selbstdarstellung des eigenen (Klerus-) Amtes, das sich mithilfe der Gottheit Jesu erheblich àufwertet`.“ (S. 182).

6.
Es wird also erneut sehr energisch und mutig für einen christlichen, speziell katholischen Glauben plädiert, der auch heute für reife, vernünftige, kritische Menschen hilfreich ist. An dem Thema haben sich bekanntlich sehr viele kritische katholische Theologen schon seit vielen Jahren die Finger – erfolglos – „wundgeschrieben“.. Ich nenne nur die Kritik von Hans Küng, Hermann Häring oder Hermann Baum (dessen wichtiges Buch „Die Verfremdung Jesu“ ist leider nur antiquarisch zu haben)…Nun also reiht sich Peter Trummer in die Riege der an Sisyphus erinnernden Theologen ein…

7.
Diese überaus anregende Buch „Jesu ohne Opfer“ aus dem Herder – Verlag stellt Jesus von Nazareth als Norm katholischen Lebens in den Mittelpunkt, als bestimmenden Maßstab für die Lehren und Theologie der (katholischen) Kirche. Aber für Peter Trümmer ist auch die universell geltende Vernunft (bekanntlich eine Schöpfung Gottes!) das zweite entscheidende Kriterium, um bisherige Kirchenlehren zu korrigieren. Ein Beispiel für den Zusammenhang des normativen Jesus – Gestalt und der universellen Vernunft: Peter Trummer deutet das “Kreuzesopfer“: „Der Abba, der liebe Vater Jesu, fordert kein Kreuzesopfer, denn ein Gott, der strafen muss (nämlich den grauenvollen Tod seines „Sohnes“ ans Kreuz will, CM), um lieben zu können, wäre ein Widerspruch in sich.“ (S. 147). Weil dieser Gott einem menschlich immer gebotenen vernünftigen Verstehen der göttlichen Wirklichkeit, die diesen Namen verdient, total widerspricht…
Noch deutlicher zum selben Thema schreibt Trummer: „Würde ein irdischer Vater so abwegig handeln (also den eigenen Sohn zum grauenvollen Tod ans Kreuz schicken, CM), er könnte als Vater nur in einer Anstalt für geistig abnorme Rechtsbrecher landen. Für eine solche ver – rückte Glaubensdeutung können wir bei unseren Gesprächspartnerinnen wenig Verständnis erwarten, auch nicht dafür, dass wir dies mit unseren Mess-Opfern auch noch so oft feiern wollen.“ (S. 157.)
Damit wird sehr richtig deutlich gesagt: Auch Gott selbst untersteht als absolute geistige Wirklichkeit dem universell geltenden Vernunft – Prinzip der Liebe und Gerechtigkeit, eine Erkenntnis, die der israelisch -deutsche Philosoph Omri Boehm für das Alte Testament beschrieben hat. LINK. https://religionsphilosophischer-salon.de/15297_auch-gott-untersteht-dem-recht-und-der-gerechtigkeit_buchhinweise/philosophische-buecher

8.
Unter den viele anregenden Themen des Buches ein Hinweis: Peter Trummer kritisiert mit guten Gründen sehr treffend die bis heute üblichen, ausschließlich vom männlichen Klerus zelebrierten „Mess- Opfer – Feiern“. Den wahren und den Intentionen Jesu entsprechenden katholischen Gottesdienst sieht er eher in schlichten Mahl-feiern. Wer das Neue Testament sehr gut kennt, wie Trummer, weiß: Das Miteinanderspeisen in einer offenen, schlichten Tischgemeinschaft ,mit der Erinnerung an Jesus von Nazareth, ist das „Wesen des Christentums“, was ja schon der katholische Theologe Franz Mußner um 1970 betonte.

9.
Peter Trummer weist mehrfach in diesem Buch auf die Mängel der ersten Einheitsübersetzung des Neuen Testaments unter Leitung der katholischen Bischöfe hin. Viele Beispiele werden genannt, dabei geht es um grundlegende Übersetzungsfehler, die sich in scheinbaren „Nuancen“ verstecken. (S. 105, 167, 183 usw..) Nur ein Beispiel: Die Übersetzung des Verses im Galaterbrief des Apostels Paulus (Gal. 1,15f.) heißt in der Ausgabe der „Einheitsübersetzung“ von 1980: „Es gefiel Gott mir seinen Sohn zu offenbaren“. Richtig heißt es in der Ausgabe von 2018: „ Es gefiel Gott… IN MIR seinen Sohn zu offenbaren“. (S. 167). Durch dieses „in mir“ wird der innere, unmittelbare Vorgang der Offenbarung betont. Welch ein wichtiger Unterschied!

10.
Es fehlt mir in dem Buch eine ausführliche Auseinandersetzung mit der unsinnigen Erbsünden-Lehre als Dogma, sie ist direkt oder als immer präsenter Hintergrund entscheidend verantwortlich für die Irrwege der (nicht nur katholischen, sondern auch reformierten, lutherischen) Kirchenlehre und Kirchenpraxis. Die Erbsünden-Ideologie bestimmt bis heute die meisten Kirchen. Und weil ein Dogma nun einmal angeblich für ewige Zeiten umkorrigierbar besteht, so will es der diese Dogmen erfindende Klerus, gibt es also wenig Aussichten, dass sich die Kirchen von dieser Ideologie des Augustinus befreien.

11.
Einer weiteren Klärung bedürftig finde ich Peter Trummers Aussage, der Apostel Paulus „ist … der älteste Zeuge der Ostererfahrung…“ (S. 141). Ich möchte meinen, die ältesten Zeugen der Osterfahrung sind die Apostel und JüngerInnen, die nach dem Schock des Todes Jesu nach einiger (längerer) Zeit wieder Hoffnung fanden und erkannten: Jesus liegt wie alle anderen Menschen als Körper zwar im Grab, aber sein Geist lebt, ist „auferstanden“, so wie der Geist, die Seele aller Menschen – in irgendeiner Weise – aufersteht.

12.
Man freut sich angesichts dieses Buches, dass es die „Kirchliche Druckerlaubnis“ (meist durch „General – Vikare“ ausgesprochen) nicht mehr gibt, und auch der Index ist abgeschafft, so kann Peter Trummer seine richtigen Vorschläge unters Volk bringen. Wie viele herzliche Dankesbriefe er von katholischen Bischöfen schon erhalten hat, wird er uns in seinem nächsten Buch mittteilen, hoffen wir.

Fußnote 1:
  Ich erinnere an das grausige ideologische Karfreitags – Lied des eigentlich manchmal noch nachvollziehbaren Theologen und Poeten Paul Gerhardt, aus dem Jahr 1647:

“Ein Lämmlein geht und trägt die Schuld der Welt ..“, Evangelisches Gesangbuch, 1993, dort die Nr. 83).

Dort heißt es in den ersten drei Strophen ziemlich brutal:

1. Ein Lämmlein geht und trägt die Schuld
der Welt und ihrer Kinder;
es geht und büßet in Geduld
die Sünden aller Sünder;
es geht dahin, wird matt und krank,
ergibt sich auf die Würgebank,
entsaget allen Freuden;
es nimmet an Schmach, Hohn und Spott,
Angst, Wunden, Striemen, Kreuz und Tod
und spricht: “Ich will’s gern leiden.”

2. Das Lämmlein ist der große Freund
und Heiland meiner Seelen;
den, den hat Gott zum Sündenfeind
und Sühner wollen wählen:
”Geh hin, mein Kind, und nimm dich an
der Kinder, die ich ausgetan
zur Straf und Zornesruten;
die Straf ist schwer, der Zorn ist groß,
du kannst und sollst sie machen los
durch Sterben und durch Bluten.”

3. “Ja, Vater, ja von Herzensgrund,
leg auf, ich will dir’s tragen;
mein Wollen hängt an deinem Mund,
mein Wirken ist dein Sagen.”
O Wunderlieb, o Liebesmacht,
du kannst – was nie kein Mensch gedacht –
Gott seinen Sohn abzwingen.
O Liebe, Liebe, du bist stark,
du streckest den in Grab und Sarg,
vor dem die Felsen springen…..

 

Wann wird sich die Evangelische Kirche dafür entschuldigen, dass sie diesen theologischen Schrott noch heute in den Gemeinden singen lässt, am evangelischen Hochfest, dem Karfreitag! Wann wird dieses Lied aus dem Gesangbuch verschwinden?

Peter Trummer, Jesus ohne Opfer. Glaube, der befreit. Herder Verlag, 2026, 192 Seiten, gebundene Ausgabe 22 €, eBook 16,99 €.

In der Zeitschrift “Christ in der Gegenwart” hat sich Peter Trummer im Februar 2026 zum Thema des Buches zusammenfassend geäußert. LINK 

Copyright: Christian Modehn, religionsphilosophischer-salon.de