Ostern und die Auferstehung Jesu von Nazareth vernünftig verstehen.

Ein Hinweis von Christian Modehn am 30.3.2022.  Zugleich ein Versuch, das Ewige im Menschen zu denken und in Kriegszeiten zu retten.

Ein Vorwort:

Wenn hier vom “Ewigen im Menschen” gesprochen wird, bedeutet dies keine Flucht ins religiös Beliebige oder gar ins “Mystische” (im Sinne von “Opium des Volkes”). Das “Ewige im Menschen” benennt den unendlichen Wert des Menschen, von dem die universalen Menschenrechte sprechen. Wer als Kriegsherr Menschen tötet (bzw. töten lässt), leugnet den ewigen Wert eines jeden Menschen. Der aggressive Kriegsherr stellt sich damit ins Außerhalb der Menschheit und Menschlichkeit.

Wer im Krieg die Opfer des Tötens im Angriffskrieg bedauert, weiß: Diese armen Menschen, Opfer des Krieges, fallen nicht ins Nichts, sie sind mehr als eine zerstückelte Masse von Menschenfleisch, das in Plastiktüten in Massengräbern bestattet wird. Die Opfer des Krieges haben selbstverständlich Anteil am “Ewigen im Menschen”. Und dieses Ewige im Menschen muss als menschliche Lebendigkeit unbedingt gerettet und geschützt werden! Die Kriegsherren, ohne Gewissen, dem Nichts vertrauend, haben dieses Ewige in sich selbst längst getötet, zum Stillstand gebracht.

1.
Es erscheint vielen als eine Ungeheuerlichkeit, wenn Menschen von der Auferstehung Jesu von Nazareth mit vernünftigen Begriffen sprechen, also nicht, wie üblich, ins fromme Stammeln oder enthusiastische Schwärmen ausweichen. Diese Haltung ist nur die kaschierte Hilflosigkeit oder die Gedankenlosigkeit.
Die Frage nach der Auferstehung ist Teil einer christlichen Lebensphilosophie, und diese kann niemals auf ein Verstehen in Worten und Begriffen verzichten. Wer die Frage nach der Auferstehung Jesu und der anderen Menschen stellt, macht auch deutlich, wer der Mensch „wesentlich“ ist.

Dass dieser Hinweis noch Fragen offen lässt, versteht sich bei dem Thema von selbst. Siehe dazu einige Fragen am Ende dieses Beitrags (Nr.16 – 19).

2.

Natürlich bewegt die Frage nach einer erklärbaren Auferstehung nicht alle Menschen. Aber wer sich für diese Frage interessiert, ist alles andere als ein Egozentriker, der das eigene „Weiterleben“ post mortem wichtig findet. Unsere Antwort fällt bescheiden aus, wie wir sehen werden. Aber sie ist intellektuell redlich.

3.

Dass die Antworten zur Auferstehung dann im ganzen eher bescheiden ausfallen, liegt an der Kraft des vernünftigen Denkens. Hier werden nicht die alten Mythen aus dem Neuen Testament zum Tausendsten Mal einfach wiederholt, wie dies leider in vielen Predigten üblich ist. Es geht hier also überhaupt nicht darum, ob wir post mortem die Großmutter im Himmel wiedersehen usw. So viel Phantasievolles, wenn nicht Spinöses, hat in einer christlichen Lebensphilosophie keinen Platz. Damit wird nicht geleugnet, dass ein einzelner in dieser Glaubenshaltung sein privates Illusions – Glück finden kann…Vielleicht.

4.

Dieser kurze Essay zeigt also: Die Auferstehung Jesu von Nazareth, nach seiner Hinrichtung am Kreuz im Jahr 34, lässt sich in Worten, in Begriffen, aussagen. Einen unvernünftigen „Sprung des Glaubens“ ins Nichtverstehen darf es nicht geben. Es muss also heute in neuen, für viele vielleicht in ungewöhnlichen Worten von der Auferstehung gesprochen werden.

5.

Die Auferstehung Jesu von Nazareth ist eine Erkenntnis von Jesu Freundinnen und Freunde: Dieser ungewöhnliche Mensch, in dem sie Gottes Güte sichtbar erlebten, kann mit seinem Tod nicht ins Nichts versunken sein. Diese geistvolle Erkenntnis der Gemeinde, der Freunde, korrespondiert mit der inneren, seelischen und geistigen Qualität Jesu von Nazareth: Die geistvollen Menschen erkennen den von Gottes Geist der Güte bestimmten Jesus von Nazareth.Sie erkennen ihn in dieser Gemeinschaft, dieser Korrespondenz des einen Geistes, und sagen dann: Jesus ist kraft des göttlichen Geistes auferstanden. Und dieser göttliche Geist lebt genauso in der Gemeinde und der Menschheit.

6.

Die Auferstehung Jesu von Nazareth ist in unserer Sicht nur aufgrund einer philosophischen Einsicht zu verstehen, sie gehört zu den Grundüberzeugungen vieler nicht-religiöser Menschen: Es ist das Bild und die Metapher von der „Schöpfung der Welt und der Menschen durch Gott“. In diesem Bild wird gesagt: Gott, das Göttliche, der Ewige, der absolut Schöpferische, hat die Welt„geschaffen“, und dabei zugleich der Menschheit an seiner göttlichen Wirklichkeit Anteil gegeben. Eine Welt, die als Schöpfung eines Gottes sozusagen völlig losgelöst von ihm existierte, würde dem Begriff des Göttlichen widersprechen, das ist eine Einsicht der Metaphysik, die zwar alt, aber deswegen nicht falsch ist. Das aber heißt: Die Welt und die Menschheit sind von göttlichem, d.h. ewigen und lebensspendendem Geist geprägt. Welt ist also Welt in Gott, Menschen sind Menschen in Gott, d.h. mit Gottes Geist verbunden; wobei Gott, wie schon angedeutet, auch als Göttliches, Ewiges, Absolutes unbeholfen begrifflich benannt werden kann.

7.

Die Welt als eine Schöpfung Gottes verstehen ist das einzige Wunder fürs kritische Denken. Andere „Wunder“ braucht kein Christ, kein religiöser Mensch. Der evangelische Theologe Prof. Stefan Alkier (Uni Frankfurt.M) schreibt in seinem Buch „Die Realität der Auferstehung“ (2009) diese entscheidenden Sätze: „Die Welt, alles Leben und auch das je meinige Leben entspringen […] nicht einem blinden Zufall, sondern der intentionalen Kreativität des sich liebevoll in Beziehung setzenden Gottes…Wer diese Hypothese nicht teilt, kann auch nicht mit den Schriften des Neuen Testaments […] von der Auferweckung Jesu Christi und der Hoffnung auf die Auferweckung der Toten sprechen“ (S. 238).

8..

Die alles entscheidende Basis für ein Verständnis der Erzählung von der Auferstehung Jesu, also der Überwindung des Todes, ist: Gottes lebendiger Geist als das „Wesen“ auch des Menschen Jesus von Nazareth ist stärker als der Tod. Der Tod ist überwunden, weil der Geist und die Seele der Menschen ewig sind, d.h. weil sie Anteil haben am Ewigen, an Gott.

9.

Diese Erkenntnis wird von den 4 Autoren, den Evangelisten, im Neuen Testament, naturgemäss in einer ganz anderen Sprache, in ihrer bildhaften und enthusiastischen Sprache beschrieben. Diese Evangelien-Texten, in den Jahren 70 bis 100 verfasst, müssen selbstverständlich unter heutigen Bedingungen verstanden werden. Zum Beispiel: Das Grab Jesu war nicht leer, gerade weil er als der Auferstandene, als der auf neue Art Lebendige, erkannt wurde. In der Bildwelt der Autoren des Neuen Testaments damals gab es keine Möglichkeit, die Auferstehung nüchtern, sachlich, vernünftig zu erzählen. Heute ist dies notwendig.

10.

Der katholische Theologe Hans Kessler und Autor umfassender Studie zum Thema schreibt: „Wenn vom leeren Grab gesprochen wird, so ist dies nur eine Veranschaulichung der Auferstehung Jesu, ein Bild, ein Symbol, das die Erzählung farbiger machen soll. Der Osterglaube wird nicht vom leeren Grab begründet. Der Gedanke des leeren Grabes ist kein notwendiger Bestandteil des christlichen Auferstehungsglaubens. Eine im Grab aufgestellte Video-Kamera hätte den Auferstehungsvorgang nicht aufgenommen. Wer als religiöser Mensch auf einem leeren Grab besteht, leugnet das Menschsein Jesu Christi. Aber dass Jesus ganz Mensch ist, bleibt eine unaufgebbare Einsicht der Christenheit“.Und Karl Rahner, einer der wichtigsten Theologen des 20. Jahrhunderts betont: „Der Auferstandene darf als einer, der den Tod überwunden hat, nicht unserem menschlichen Stoffwechsel untertan sein; er darf nicht wieder in der Zeitlichkeit sein; er darf nicht von physikalischen Größen, wie dem Berührtwerden, abhängig sein“. Wäre Jesus leibhaftig greifbar auferstanden, wäre die Frage nach seinem Tod und was dann danach „geschieht“, erneut aufgekommen.

11.

Die nach dem Tod Jesu zeitlich früheste uns vorliegende Erzählung zur Auferstehung Jesu von Nazareth hat der Apostel Paulus in seinem „1. Brief an die Thessalonicher“ mitgeteilt: Verfasst wurde dieser Brief im Jahr 51, also etwa 17 Jahre nach Jesu Tod am Kreuz. Bis dahin hatten die Freundinnen und Freunde Jesu, also die erste Gemeinde, von Jesus nur gesprochen, von seinem Leben und Leiden sowie von der Einsicht: Dieser Jesus, die leibhaftige Güte Gottes, ist nicht tot. Im Kapitel 1, Vers 10, des 1. Thessalonicher – Briefes schreibt Paulus lapidar und sehr knapp von „Jesus, den Gott von den Toten auferweckt hat und der uns dem kommenden Gericht entreißt“. Lassen wir hier eine ausführliche Erläuterung der alten Vorstellung von einem Gericht beiseite, die angedeutet wird in diesen Worten: Die Auferstehung Jesu konfrontiere die Menschen auch mit dem Gericht Gottes über das Leben der Menschen… Wichtiger ist hier: Die Überzeugung von der Auferstehung Jesu von Nazareth konnte schon 17 Jahre nach seinem Tod schriftlich mitgeteilt werden. Gleichzeitig betont Paulus: Das Auferstehen aus dem Tod betrifft nicht nur Jesus allein, es betrifft alle Menschen. Im Kapitel 4, Vers 14 des 1.Thessalonicher Briefes heißt es: „Wenn Jesus gestorben und auferstanden ist, dann wird Gott durch Jesus auch die Verstorbenen zusammen mit ihm zur Herrlichkeit führen“.
Die Auferstehung Jesu zeigt, dass die Menschen, auch die Verstorbenen, den Tod überwinden. Noch einmal später, in seinem ersten Brief an die Korinther schreibt Paulus: „Wenn Tote überhaupt nicht auferweckt werden, dann ist auch Christus nicht auferweckt worden“ (1. Korintherbrief 15, 16). Jesus offenbart nur, dass alle Menschen, wie er vom Geist Gottes bestimmt, kraft dieses göttlichen Geistes auferstehen. Dieser Gedanke bewegt bis heute die Theologen, Giuseppe Barbaglio von der Universität Mailand betont in der Zeitschrift CONCILIUM: „Jesus Christus ist als der Auferstandene unser älterer Bruder. Was ihm widerfuhr, wird uns widerfahren. Seine Auferstehung ist das Anheben unseres neuen Lebens … und unserer Auferstehung“.
Die Auferstehungs-Erzählungen der vier Evangelisten sind sehr reichhaltig ausgeschmückte und phantasievolle Predigten, sie sind selbstverständlich KEINE historischen Berichte. Wer sie als Tatsachenberichte liest und so noch heute mit einzelnen Sätzen zitiert, irrt gewaltig! Und flüchtet sich in eine religiöse Naivität und leider auch dies: Dummheit. Aber viele Menschen meinen, sie könnten technisch-praktisch hochgebildet sein, gleichzeitig aber auf einem naiven Kinder-Glauben beharren, der letztlich auch glauben kann: Im Himmel ist Jahrmarkt.

12.

Die Auferstehung Jesu als Erfahrung und Entdeckung der Jünger Jesu hat selbstverständlich kein präzises Datum. Leider, haben viele „wunderschöne“ Gemälde großer Künstler das direkte, materiell greifbare Auferstehungsgeschehen übertrieben viel zu sachlich sachlich – drastisch geschildert, wie etwa Caravaggios bekanntes Gemälde vom „Ungläubigen Thomas“ von 1601: Thomas greift förmlich, von Jesu unterstützt, in dessen Seitenwunde der Kreuzigung. Dieses „künstlerisch großartige Gemälde“ aber ist theologisch irreführend und missverständlich. Solche Bilder, naiv interpretiert, haben den Glauben an das geistige Auferstehungsgeschehen als Bewusstseinsgeschehen eher gestört, wenn nicht ins Infantile geschoben. Die so genannte christliche, eigentlich „katholische Kunst“ des überschwänglichen Barock hat den Glauben oft verfälscht, man denke auch an die vielen maßlosen Mariendarstellungen oder an den „Gott Vater“ als alten Mann mit Bart. Man versteht in dem Zusammenhang vielleicht die Abwehr reformierter Christen gegenüber „religiöser Kunst“.

13.

Diese Reflexionen über ein vernünftiges Verstehen der Auferstehung Jesu sind alles andere eine neue Form von weltflüchtigem Mystizismus. Diese Interpretation der Auferstehung hat politische Konsequenzen: Es gibt diese Menschen, die schon jetzt wie Auferstandene leben. Sie haben sich von Ängsten um ihr eigenes kleines Leben befreit und handeln zum Wohl der Leidenden, treten für die Geltung der universalen Menschenrechte und werden zu Repräsentanten des göttlichen Geistes in dieser Welt. Zum Beispiel gehört Erzbischof Oscar Romero im zentralamerikanischen Staat El Salvador zu diesen „Auferstandenen“. Mitten im Bürgerkrieg seines Landes kämpfte er leidenschaftlich gegen die Militärs zugunsten des verarmten indianischen Volkes. Kurz vor seiner Ermordung durch die katholischen (in den USA ausgebildeten) Militärs im Jahre 1980 sagte Oscar Romero: „Ich bin schon oft mit dem Tod bedroht worden. Ich muss Ihnen sagen, dass ich als Christ nicht an einen Tod ohne Auferstehung glaube. Sollte ich umgebracht werden, so werde ich im salvadorianischen Volk auferstehen. Ich sage Ihnen dies in aller Bescheidenheit. Als Bischof bin ich aufgrund göttlichen Auftrags verpflichtet, mein Leben hinzugeben für jene, die ich liebe. Sofern Gott das Opfer meines Lebens annimmt, dann möge mein Tod zur Befreiung meines Volkes dienen und ein Zeugnis der Hoffnung auf die Zukunft sein“. Oscar Romero ist schon kurz nach seiner Ermordung in seinem Volk auferstanden, von der anderen Form der Auferstehung als Fortdauern in Gott war dann später noch einmal die Rede, als Oscar Romero heilig gesprochen wurde.

14.

Die Auferstehung Jesu wird also in eine vernünftige christliche Lebensphilosophie gestellt. Sie beschreibt die Theologin Elisabeth Moltmann-Wendel: „Wenn wir aufmerksam werden auf die verwandelnden Kräfte, die schon hier unser Leben verändern, die uns anders sehen, fühlen, hören, schmecken lassen, dann können wir auch erwarten: Solche Kräfte werden nicht mit unserem biologischen Leben zu Ende sind. Wir können dem Schöpfersein Gottes zutrauen, dass es Energien gibt, die über unseren eigenen Lebenshorizont hinausreichen“.

15.

Was bedeutet also für spirituelle Menschen heute OSTERN als FEST der Auferstehung von den Toten? Es ist die Überzeugung vom bleibenden Verbundensein des Menschen mit Gott als dem lebendigen Geist über den Tod hinaus. Mehr kann nicht gesagt werden, und das ist eigentlich viel. Das Wenige, das hier gesagt wurde, erschließt sich der Vernunft. Und nicht einem willkürlichen, nur enthusiastischen – charismatischen oder autoritätsgebundenen Glauben.

Es ist das Ewige im Menschen, an das erinnert wird zu Ostern und im Gedenken an die Auferstehung Jesu von Nazareth und aller Menschen. Das Ewige im Menschen zu denken und zu leben hat weitreichende Konsequenzen fürs Zusammenleben in der globalen Welt. Mord und Krieg sollten unter der Bedingung nicht mehr möglich sein, wer Krieg führt, tötet nicht nur Menschen, vor allem tötet er das Ewige, das den Menschen als Menschen Auszeichnende,  in sich selbst. Er fällt also als Kriegsherr und Kriegsideologe aus der Gemeinschaft der Menschen heraus.

WEITERE FRAGEN:

16.

Die enge Verbindung der Auferstehung Jesu und der Menschen mit einer Idee der “Schöpfung” der Welt und der Menschen durch Gott, das Göttliche, berührt auch die Frage nach den Grenzen der Welt als Schöpfung, sie zeigen sich etwa in Naturkatastrophen. Die Welt insgesamt selbst ist nicht göttlich, sie ist vielmehr das “Andere” des Unendlichen und Ewigen, Welt ist also das Endliche und Begrenzte. Aber dieses endliche Andere, die Welt, bleibt als Anderes einbezogen in Gott, das Göttliche. Das ist eine wesentliche Einsicht Hegels, der in meiner Sicht Gültigkeit hat.

17.

Theologisch gesehen wird in diesem Hinweis die wesentliche Erkenntnis freigelegt: Die Kraft der Auferstehung beruht in der Gegenwart des Göttlichen im Menschen. Damit werden die Interpretationen der biblischen Erzählungen im Neuen Testament nicht überflüssig, aber sie sind bloß bildhafte Illustrationen für die überraschende Einsicht der ersten Christen: Jesus von Nazareth und mit ihm auch die Menschen haben den Tod überwunden. Was dann im einzelnen “post mortem” passiert, entzieht sich jeder Spekulation. Bezeichnenderweise entweicht der Auferstandene in den Himmel, “Himmelfahrt” Jesu, d.h. er erscheint nicht mehr, wie die Erzählungen ausmalen, plötzlich in der Gemeinde.

Jesus entzieht sich post mortem in den “Himmel” der göttlichen “Welt”, und in dieser Region endet alles Denken.

18.

In den Erzählungen des Neuen Testamentes werden Auferstehung (Ostern), Pfingsten (Geistsendung) und Himmelfahrt Jesu als drei verschiedene “Ereignisse” dargestellt. Dass es sich bei den genannten Erfahrungen (“Ereignisse” in der Sicht der damaligen Autoren) nicht um Tatsachen historischer Art handelt, ist selbstverständlich.

Die damaligen Autoren des Neuen Testaments, die ihre Erkenntnisse erzählten, konnten nur diese drei Erfahrungen, chronologisch als Geschehen hintereinander, aussagen. Tatsächlich aber müssen bei heutigem Wissen diese drei Erfahrungen (“Ereignisse”) als eine Einheit verstanden werden.

Das heißt: Die Freunde Jesu, die erkennen: Jesus ist auferstanden, kommen zu dieser Aussage nur, weil sie den göttlichen, den heiligen Geist bereits (seit der Schöpfung durch Gott) “in sich haben”, so wie Jesus auch schon zu seinen Lebzeiten von diesem göttlichen Geist belebt wurde. Und die “Himmelfahrt” Jesu ist nur noch einmal ein anderes Bild für die Auferstehung Jesu, also dafür, dass Jesus den Tod überwunden hat und in die Ewigkeit des Göttlichen eintritt.

19.

Dieser Hinweis zur Auferstehung Jesu und der Menschen sagt nur: Die Menschen, mit göttlichem Geist durch die Schöpfung Gottes beschenkt, haben Anteil an dem geistigen Leben des Ewigen, Gottes. Weitere Aussagen zum “post mortem” sind nicht möglich, aber diese Aussage ist schon viel.

Vor allem befreit die Erkenntnis dieses Hinweises von der Bindung an die dogmatische Ideologie der Erbsünde, eine Erfindung des heiligen Augustinus (354-430). Er deutete die Menschheit so schlecht und verdorben und gottfern, dass ihm nur die Erbsünde als Konstruktion einfiel. Tatsächlich aber wollte er mit dieser konstruierten Ideologie die Menschen drängen, sich taufen zu lassen, also eine Bindung an die Kirche und den die Taufe spendenden Klerus einzugehen. Der “Witz” ist nur: Trotz Taufe als der angeblichen Überwindung der Erbsünde haben die Menschen Böses getan. Warum also die Erbsünde?

In unserem Hinweis wird deutlich: Die Menschen, mit dem göttlichen Geist ausgestattet, können sich in ihrer Freiheit auch gegen die Erkenntnisse ihrer Vernunft und ihres Gewissens wehren und Böses tun. Aber sie können kraft des Geistes als der Vernunft und des Gewissens sowie der Gemeinschaft anderer wieder zur Menschlichkeit zurückfinden.

20.

Ostern als Fest der Auferstehung Jesu und der Menschen ist ein Fest der Besinnung in Gemeinschaften, auch der Lebensfreude, auch ein Fest der Kontemplation als der kritischen Vertiefung in biblische Einsichten und Grundlagen vernünftiger Theologie; ein Fest auch der Meditation, als Versuch, seinen Geist zu befreien von so vielem ideologisch-religiös Belastendem, das den Menschen im Laufe einer kirchlich-dogmatischen Bildung bzw.Unbildung  angetan wurde.

Literaturhinweise:
Concilium, Internationale Zeitschrift für Theologie, Themenheft Auferstehung, Dezember 2006.

Hans Kessler, Sucht den Lebenden nicht bei den Toten. Die Auferstehung Jesu Christi, 2011, Topos Taschenbücher. 2011, 526 Seiten.

Hans Kessler, Auferstehung? Matthias Grünewald Verlag Mainz, 2021, 203 Seiten, 22 Euro.

Elisabeth Moltmann- Wendel, Mit allen Sinnen glauben. Stimmen der Zeit 2005.
Karl Rahner Lesebuch. Herder 2014. 475 Seiten.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

 

 

 

 

 

 

Vanitas, Eitelkeit, Nichtigkeit, Sterblichkeit, Tod.

Vanitas – Vorschläge für eine Orinetierung im Leben und Sterben.

Von Christian Modehn. Diese Thesen wurden im Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon Berlin am 24.11.2017 diskutiert.

 

  1. Unter Vanitas verstehe ich: Leerer Schein und Bedeutungslosigkeit, Nichtigkeit, Vergeblichkeit des Lebens, auch Endlichkeit, dem Tod ausgesetzt sein.

 

  1. Der Vanitas Gedanke wurde machtvoll und präsent, als die Menschen erlebten, dass das geozentrische Weltbild zerbricht. Sie sind ausgesetzt in einem leeren unendlichen Raum. Der Mensch ist winzig.

 

  1. Die Totenköpfe sind eine Mahnung, an den Tod zu denken. Uns geht es philosophisch um dieses, auf die Existenz des Menschen bezogene Thema.

 

  1. Vanitas wird in der Literatur bedeutungsvoll Thema im alttestamentlichen Buch Kohelet („Der Prediger Salomos). Dies ist kein nihilistisches Buch.

 

  1. Vanitas hat nichts mit dem epikuräischen „Carpe Diem“ (Horaz) zu tun: „Genießen wir heute, denn morgen könnte alles vorbei sein“. Epikur selbst wehrte sich gegen maßloses Genießen!

 

  1. Vanitas zeigt: Wir leben heute in einer Zeit der totalen Banalisierung des Todes in der Öffentlichkeit, in den Medien, siehe das Unberührtsein angesichts des massenhaften Mordens weltweit.

 

  1. Vanitas sagt: Ich werde sterben. Es geht um meinen Tod. Siehe das Bild „Die Gatten Burgkmeier“…

 

  1. Vanitas hat es mit dem totalen Verfall der Leiblichkeit zu tun. Bleiben nur die Knochen? Was bleibt nach dem Tod, nach meinem Tod? Such der gepflegte Leib der Reichen vermodert.

 

  1. Vanitas ist eine Herausforderung: Wie gestalte ich mein Leben? Und will keine Verdrängung des Todes, meines Todes

 

  1. Wer Vanitas ernst nimmt: Der will –angesichts der Skelette und Totenschädel- nur noch den Frieden..

 

  1. Wer Vanitas ernst nimmt, will mit dem Verklammertsein an die vielen Dingen („Haben“ im Sinne von Erich Fromm) aufhören.

 

  1. Wer Vanitas ernst nimmt, stellt sich der schweren, niemals „wissenschaftlich“ zu „lösenden“ Frage: Was ist nach dem Tod, nach meinem Tod. Dies ist wahrscheinlich eine europäische Frage, Buddhisten fragen anders. Aber wir sind nun einmal in den europäischen Kulturen verwurzelt.

 

  1. Wer Vanitas ernst nimmt: Kann natürlich sagen und sich daran halten: „Ich komme als Mensch aus dem Nichts. Und ich gehe ins Nichts. Ich versinke und verschwinde“ Manche sagen: „Ende aus, basta“. Siehe etwa die seriöse vorgetragene Position von Norberto Bobbio, „Vom Alter“. Diese Position ist eine Haltung, die Respekt verdient und durchaus mit Argumenten auskommt, letztlich aber auf der zentralen These beruht: Es gibt keine Schöpfung. Alles ist Zufall…

 

  1. Wer Vanitas ernst nimmt, kann philosophisch auch erkennen: Ich bin als Mensch ein geschaffenes Wesen. Es gibt so etwas wie eine Schöpfung der Welt und damit der Menschen. Schöpfung ist ein Bild, kein umfassendes naturrechtliches Konzept wie in der Kathol. Kirche, sondern ein Bild, um das Gegebensein der Welt philosophisch zu verstehen. Eine Antwort auf:“Warum ist überhaupt etwas, und nicht viel mehr Nichts?“

 

  1. Wenn Schöpfung, dann gibt es also auch die Vorstellung von „Gott“. Wenn diese Welt von Gott gewollt ist, dann ist diese Welt eine ENDLICHE (und das heißt immer eine unvollkommene !) Welt. Dann hat aber jeder Mensch an der göttlichen Schöpfung Anteil. Diese Haltung kann egozentrisch missverstanden werden, ist sie aber nicht: Weil alle Detailbehauptungen über das „Wie“ eines postmortalen Lebens völlig offen bleiben. Philosophische Metaphysik ist in der Hinsicht bescheiden. Aber sie lehnt die Position des „Ende, Aus und basta“ mit Gründen ab.

 

  1. Ein Ausweg wäre die Bindung an die Natur und den Naturkreislauf: Wie die Blätter auf die Erde fallen, so werde auch ich einst fallen und auch zertreten werden und kehre in Erdreich zurück…

 

  1. Wer Vanitas ernst nimmt, kann natürlich alle denkbaren, auch spinösen Positionen vertreten. Philosophisch gesehen hat die Vanitas Debatte nur Sinn, wenn es im Leben selbst (!) Anhaltspunkte gibt für eine kritisch reflektierte Vanitas – Position. Also auch im Leben selbst Anhaltspunkte für ein Leben über den Tod hinaus. Alles andere wäre aufgesetzte Behauptung. Hier zeigt Philosophie ihre spekulative Stärke. Philosophie ist Geistphilosophie.

 

  1. Wer Vanitas ernst nimmt, könnte etwa mit dem Dichter Heinrich Böll sagen: „Ich als Mensch gehöre nicht ganz der Welt“, bin also woanderes „zu Hause“.

 

  1. Wer Vanitas ernst nimmt, sucht zur Frage: Ein „Leben“ nach dem Tode, eher die poetische Sprache für seine Argumente. Siehe Albert Camus.

 

  1. Siehe auch Ludwig Wittgenstein in seiner Erkenntnis, dass wir im Erleben der qualifizierten Gegenwart in die Ewigkeit eintreten. So ähnlich auch Meister Eckart.

 

  1. Wer Vanitas ernst nimmt als Philosoph, übernimmt die Haltung des Philosophen Hegel in der Hinsicht (!): Der Geist des Menschen hat sich „abzuarbeiten“ an der Endlichkeit, am „Nichts“, aber der Geist zeigt sich dabei als der stärkere gegenüber dem Negativen. Der menschliche Geist hat Anteil am unendlichen (göttlichen, absoluten) Geist (siehe Eckart usw.).

 

  1. Wer Vanitas ernst nimmt, weiß, dass der Tod, der Tod eines jeden, „prinzipiell“von Gott als dem Schöpfer dieser Welt, gewollt ist. Der Tod ist kein Übel, etwas zu Bekämpfendes, sondern ein Übergang.

 

  1. Wer diese Vanitas Vorstellung ernst nimmt, weiß: Die meisten Menschen haben keine Chancen auf einen selbst bestimmten Tod. Dies ist die Schuld anderer Menschen, der Strukturen, der Kriege, der Gesetze gegen das frei gewählte Sterben. Diese frustrierende Erfahrung kann nicht einem Gott angelastet werden. Sie ist Ausdruck des Egoismus der Menschen. Dass die Natur oft Unglück erzeugt (Erdbeben), ist Ausdruck dafür, dass auch die Natur zur endlichen und begrenztenWelt gehört. Wie der Mensch eben auch endlich ist.

 

  1. Vanitas ist eine Einübung in die reflektierte Annahme der Endlichkeit. Und die Aufforderung, das Sterben der Menschen menschlich und selbstbestimmt zu gestalten.

 

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon.

“Alles ist vergänglich, sterblich”: “Vanitas” – ein aktuelles Thema

Von Christian Modehn. Diese Hinweise waren bestimmt für den Dialog im Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon Berlin am 24.11.2017

Unter „Vanitas“ verstehe ich: Leerer Schein und Bedeutungslosigkeit von allem; also Nichtigkeit, Vergeblichkeit des Lebens. Leiden an der Endlichkeit, absolut sicher dem eigenen Tod-Ausgesetzt sein.

Der Vanitas Gedanke wurde machtvoll und präsent, als die Menschen erlebten, dass das geozentrische Weltbild zerbricht. Sie sind ausgesetzt in einem leeren unendlichen Raum. Der Mensch ist winzig.

Meine zentrale These: Die Auseinandersetzung mit den Vanitas-Darstellungen könnte uns von der heute üblichen Trivialisierung des Todes befreien und zum Bedenken des eigenen Todes führen.

Ich will jetzt keine langen Zahlenreihen und Statistiken präsentieren über die Toten, die uns aktuell oder im ganzen 20. Jahrhundert umgeben: 34.000 Ertrunkene oder Verdurstete Flüchtlinge auf der Flucht über das Mittelmeer. Berge von Leichen in Bosnien Herzegowina. 7 Millionen Tote im Bürgerkrieg im Osten Kongos. 6 Millionen ermordete Juden. Völkermord größten Umfangs unter Stalin, Völkermord unter Mao, Völkermord in Kambodscha, Völkermord an den indianischen Völkern durch brasilianische und internationale Konzerne usw.

Die Reaktionen der meisten Menschen hierzulande ist: Abgestumpft leben gegenüber dem Tod. Wer noch lebt und in Europa meistens relativ gut lebt, sagt: „Hurra, ich lebe noch“… Tot sind immer die anderen. Die Verdrängung scheint absolut zu sein.

Zur ständig zunehmenden Überflutung als Abstumpfung durch Darstellungen von Mord und Totschlag durch die Fernsehsender Deutschlands, siehe den Beitrag von Christian Schüle im Deutschlandfunk: http://www.deutschlandfunk.de/ueber-mord-und-tod-im-fernsehen-all-die-schoenen-toten.1184.de.html?dram:article_id=364111

Nur eine Statistik: Allein das ZDF ca. 430 Krimis pro Jahr. Über den Tatort – Kult wäre zu sprechen… Psychologen warnen vor der zunehmend aggressiveren Darstellung von Gewalt im Fernsehen. Aber das ist nicht unser Thema. Über die Verdrängung des Todes durch das massenhafte mediale Erleben des Todes anderer zu sprechen, wäre ein eigenes Vorhaben. Jedenfalls ist klar: Das massenhafte Sterben der Flüchtlinge im Mittelmeer, das Krepieren der Afrikaner in den von Europa bezahlten Lagern Libyens, hat europäische Politiker nicht zu einer großzügigen und humanen und klugen Flüchtlingspolitik geführt. Offenbar ist das Gegenteil der Fall. Das Stichwort ist: Abstumpfung des Humanen zugunsten nationalistischer Ideologien oder Angst um die Vorherrschaft der eigenen Parteien….

Wir sollten einen persönlichen, uns betreffenden Umgang mit dem Tod, mit unserem Tod, wiedergewinnen. Ich werde nicht nur sterben, also dies ist noch ein „Lebensprozess“, sondern ich werde tot sein und alle, die wir hier sitzen haben mindestens eines gemeinsam: Wir gehen dem Tod entgegen. Es ist interessant: Die meisten Menschen sprechen heute angesichts der Probleme rund ums Sterben bevorzugt vom Sterben und nicht so sehr vom Tod. Beim Sterben kann man noch etwas machen, mit meinem Tod ist von meiner Seite her und der der Hinterbliebenen nichts mehr zu „machen“ im Sinne von heilendem Eingreifen… Dabei ist diese behutsame, manchmal lange dauernde persönliche, philosophische Auseinandersetzung mit „meinem Sterben“ selbstverständlich auch ein Privileg der so genannten besseren Kreise. Ein sterbender Obdachloser in Berlin oder New York oder Bombay stellt sich diese Frage nach dem je meinigen Sterben oder gar nach „dem süßen Tod“ nicht.

Was können wir angesichts der Vanitas Darstellungen an Fragen entdecken: Man könnte sich fragen: Warum entsteht angesichts dieser allgemeinen menschlichen Verfassung, der absoluten Todesgewissheit, keine allgemein menschliche Solidarität? Es liegt wohl an der Verdrängung des eigenen Todes.

Und es wird hoffentlich unser eigener Tod sein, nicht ein Tod, andere über uns verfügen, etwa in Kliniken oder in Kriegshandlungen.

Wir sollten uns dem Vanitas Thema in der Kunst und Literatur stellen.  Vanitas deute ich also nicht als ein Angst machendes Thema. Das war sicher in der Vergangenheit der Fall. Vanitas erinnert uns heute – wie damals – an die unabwerfbare Grundverfassung unseres Daseins: Dies ist unsere – auch zeitliche – Endlichkeit. Der muss sich jeder stellen ohne Angst. Ich erinnere nur an das Gemälde von von Lucas Furtenagel, mit dem Titel „Die Gatten Burgkmaier“ von 1529, im Kunsthistorischen Museum Wien (S. 208). Es zeigt ein Ehepaar in einen Spiegel blickend: Und sehen sich darin als Totenköpfe. Ich denke solche Spiegelbilder sollte sich jeder Mensch öfter mal gönnen. Wir wissen von unserem Tod, aber wir wissen nicht, wann er eintritt. Es ist also ein gespaltenes Wissen. Wir werden nie unseren eigenen Tod erleben, das Sterben vielleicht, aber auch dann wissen wir im Sterben nicht, ob dieser Vorgang tatsächlich unser Ende sein wird. Das heißt: Unser Tod als gewusstes Ende entzieht sich unser genauen Kenntnis. Wir kennen den Tod als Tod als das nicht mehr leiblich Lebendigsein nur von außen, von anderen…

Wir werden so durch die Vanitas Thematik zur Frage geführt werden: Was ist eigentlich unser Leben? Wie gestalten wir unsere Lebenszeit? Wie gehen wir mit der Zeit um, die uns bleibt, deren Dauer aber ungewiss ist. Aus dem Faktum des Todes wird eine ethische Frage. Das ist eher selten in der Philosophie, wo dieser Übergang von Sein zum Sollen eintritt.

Wir sind also wesentlich konkrete einzelne Menschen, die durch die ständige und je eigene und einmalige Art mit unserer Lebenszeit umzugehen, d.h. sie zu gestalten, eben konkrete einmalige Menschen mit einem eigenen Profil geworden sind. Wir sind also diejenigen konkret, die wir uns in unserer Zeit „gemacht“ haben. Damit ist unser eigenes Leben uns selbst zur Aufgabe, wir entkommen nicht der Aufgabe, etwas mit uns selbst zu tun, zu machen. Unser eigenes Leben ist dann unser Werk, wobei auch Zufälle und unabsehbare Schicksalsschläge (Naturkatastrophen) eine prägende Rolle für mein Leben (als mein doch auch wieder manchmal entzogenes) Werk spielen.

Die Vanitas Darstellungen sind wichtig als Kontrapunkt gegen die Verdrängung des Todes:

Jedes menschliche Leben ist begrenzt. Selbst wenn in 50 Jahren einige Millionäre, durch den Transhumanismus bestimmt, vielleicht 150 Jahre lang leben können. Dies ist die neueste Form der Todes – Verdrängung… Menschliches Leben bleibt trotzdem endlich. Nur weil wir sterblich sind, entsteht unser Gedanke: Es ist wichtig, dass wir unser Leben jetzt und immer wieder gestalten. Wir haben nicht ewig Zeit, auf dieser Erde unser Leben zu gestalten.

Über die Verdrängung des Todes wäre zu sprechen, etwa auch in Seniorenresidenzen: Dort wird nicht öffentlich mitgeteilt, etwa in den Runden des gemeinsamen Essens, welcher Mitbewohner gestorben ist. Plötzlich sitzen andere Leute an dem Platz.

Der Trend zum Beschönigen als Verschwindenlassen des Todes in den USA: Siehe das klassische Werk „Tod in Hollywood“ von Evelyn Waugh.

Gründe für die Verdrängung des Todes:

Entscheidend ist die Orientierung am Haben. „Die Angst vor dem Sterben ist die Befindlichkeit des dominant am Haben orientierten Menschen“ (Rainer Funk, Mut zum Menschen, S. 319). Je mehr deshalb jemand im Modus des Seins lebt, desto weniger werden ihn Altern, Sterben und Tod ängstigen, weil er auch im Nachlassen der physischen, emotionalen und geistig – intellektuellen Kräfte eine bejahende Einstellung zu dieser Wirklichkeit menschlicher Existenz hat“ (ebd.) Erich Fromm sagt: „Die Angst vor dem Sterben ist die Angst davor, das, was ich habe zu verlieren, mein Ich, meinen Besitz, meine Identität, die Angst vor dem Abgrund der Nichtidentität zu stehen, die Angst verloren zu sein“, (ebd. S. 320, Zit. Fromm, aus „Haben oder Sein“). Die Angst vor dem Sterben lässt nach, „da es dabei nichts zu verlieren gibt“ für einen Menschen, der nicht primär am Haben interessiert ist. Diese Menschen im Habensmodus sind primär an die Vergangenheit gebunden, Nostalgie, Archiv, Veraltetes Aufheben, Vergangenes pflegen, vgl. Rainer Funk, S. 320.)

Ich bin gemeint: Die Vanitas Bilder zeigen auch: Mein Tod steht mir bevor: Ich bin als einmaliger sterblich und sollte auch meinen eigenen Tod haben. Das hat zur Folge: Ich darf mich z.B. nicht (unfreiwillig) im Krieg töten lassen und ich darf nicht andere töten. Der Betrachter eines Totenkopfes sieht: Der Tod ist zwar das alle Menschen Verbindende und insofern absolut allgemeine, aber immer ist der Tod der Tod eines Individuums, einer Person, die als einzelne Person das Menschenrecht hat, auf je eigene Art zu sterben. Insofern gilt: Für den Betrachter des Totenkopfes: Ich darf nicht töten.

Die klassische Vanitasvorstellung bezieht sich auf das alttestamentliche Buch Kohelet, auch „Der Prediger Salomo“ genannt.

Im „Alten Testament“ wird Kohelet zu den Weisheitsbüchern gezählt. Eitelkeit hatte einst die Bedeutung von Vergänglichkeit. Eitelkeit ist die übertriebene Sorge um sich selbst., um Schönheit, Glanz.

Kohelet meint „Sammler von Sprüchen“ und Kohelet wird in dem Buch auch als Eigenname verwendet. Es ist entstanden im 3. Jh vor Christus.

Tiefer Pessimismus gegenüber den alltäglichen, unreflektierten Überzeugungen der Menschen ist bestimmend. ABER: Es geht um eine sinnvolle Lebensgestaltung.

Dies ist kein Text des Nihilismus. Es ist ein philosophischer Text in der Bibel. Anders als andere AT Texte, in denen Gott selbst autoritativ zu den Menschen spricht. Es geht um das Erreichen eines glücklichen Lebens. Etwa in Kapitel 11: „Freue dich in deiner Jugend, und lass dein Herz guter Dinge sein in deinen jungen Tagen. Tu, was dein Herz gelüstet und deinen Augen gefällt. ABER wisse, dass dich Gott um das alles vor Gericht ziehen wird“.

Die entscheidende Erkenntnis wird am Schluss des TEXTES noch mal gesagt: „Fürchte Gott und halte seine Gebote“, im Kapitel 12.

Die Vanitas Idee als Warnung vor der Eitelkeit (noch einmal Erinnerung an ein Gemälde aus der späten Renaissance Zeit, mit dem Spruch: „Vive. memor. leti. fugit. Hora: Lebe, eingedenk des Todes, es flieht die Zeit (Stunde)

Ein Gemälde von Barthel Bruyn d.Ä., (1493 – 1555): „Der Ordensritter“, 1531. Im Kunsthistorischen Museum Wien) steht meiner Meinung nach gegen das vulgär – epikuräische „Carpe Diem“, denke nur an den heutigen Tag. Die Maxime „carpe diem“ , ist ein Wort des Dichters Horaz (65 bis 8 vor Chr): Genießen wir heute und jetzt! Und nichts auf den nächsten Tag verschieben. (Man weiß ja nicht, ob man dann noch lebt). Dies ist ein hedonistischer Vorschlag, aber nicht im Sinne des Philosophen Epikur. Er legte Wert auf das rechte Maßhalten…Mit Maßen und Bedacht die Lust genießen. Den Schmerz vermeiden, um zur Ataraxia, der Ruhe und Ungestörtheit zu kommen.

Die biblische Vanitas Vorstellung steht also auch gegen Epikurs Lehre vom Tod, wenn er behauptet: „Der Tod geht uns nichts an. Solange wir existieren, ist der Tod nicht da. Und wenn der Tod da ist, existieren wir nicht mehr“. („Von der Überwindung der Furcht“) Das könnte man eine verhaltenstherapeutische Lehre (der Oberflächlichkeit) nennen.

Ist es nicht so: Dass der Gedanke an meinen Tod eigentlich ständig aufblitzen kann? Ich kann mir also den Gedanken an den Tod nicht selbst abgewöhnen oder verbieten.

Die AUFKLÄRUNG wandte sich gegen das “barocke Grausen”. Der Mensch soll sich entwickeln und angstfrei gestalten. Aufklärung ist Glaube an die Möglichkeiten des Menschen.

Der Tod erscheint jetzt nicht mehr als Knochenmann, sondern als schöner Jüngling, klassisch griechisch, etwa bei Lessing, (1729 bis 1781), siehe die Schrift: „Wie die alten den Tod gebildet“, 1769. Es geht Lessing dabei um die Erkenntnis, dass in Griechenland und im alten Rom der Tod nie als hässliches Gerippe, als Knochenmann, erschien. Der Tod als Strafe Gottes konnte für vernünftige Menschen nicht in den Sinn kommen. Lessing meint, die Heilige Schrift rede auch von einem Engel des Todes, er wehrt sich gegen die biblische, von Paulus stammende Vorstellung: „Der Tod ist der Sünde Sold“, das heißt eine Strafe für die Sünde, die Adam und Eva im Paradies in ihrem Ungehorsam gegangen haben

Es gibt selbstverständlich mehrere philosophische Möglichkeiten mit dem Tod umzugehen. Diese Vielfalt ist Ausdruck dafür, dass es angesichts des Todes keine gedankliche Klarheit, kein wirkliches Wissen (wie in den Naturwissenschaften) geben kann. Alles Denken steht hier vor einer großen Fraglichkeit, die man auch Geheimnis nennen sollte. Also der Tod ist kein irgendwann lösbares Rätsel, sondern der Tod als Erkenntnis bleibt uns wesentlich verschlossen, er ist „da“ als Realität, aber nicht im Wissen zu umgreifen. .

Es gibt also vielfache Antworten, die letztlich sich alle jeweils auf eine These beziehen, die man sich im Glauben aneignet. Diese Basis – These wird als Ausgangspunkt gewählt, weil man darin auch eine Orientierung für sich selbst sieht. Die Wahl dieser Basisthese (etwa: „Nach meinem Tod ist alles aus“) enthält auch Implikationen zum jeweiligen Selbstbild, zur Bedeutung, die man der eigenen Person zuweist.

Es gibt etwa die heute sehr weit propagierte (Glaubens) These: Der Tod, mein Tod, ist ein definitives Verschwinden ins Nichts. “. So etwa der italienische Philosoph Norberto Bobbio, in „Vom Alter“. „Das Nichts, das ich einmal war, wusste nichts von meiner Geburt, von dem was ich werden sollte. Das Nichts, das ich einmal sein werde, wird nichts von dem wissen, was ich gewesen bin…

Diese Aussage arbeitet mit einem zum Objekt gemachten Begriff des Nichts als einer Realität, die behauptet wird und an die geglaubt werden muss. Es ist die Rede vom Nichts wie von einem Zustand. Ist es denn so klar, dass der einzelne geborene Mensch aus dem Nichts kommt? Hatte er nicht zumindest Eltern? Woher kamen die her? Will man die ganze Evolution entlang zurück gehen und dann landet man bei der Frage: Woher stammt eigentlich die Welt im ganzen und damit die Menschheit? Und dann kann die Frage entstehen, ohne in eine naive Bibel-Deutung zu geraten: Gibt es so etwas wie eine Schöpfung? Und wenn es so etwas wie eine Schöpfung gibt, davon sind viele, nicht nur fromme Leute überzeugt, wie George Steiner, dann gibt es auch die Vorstellung von einem Schöpfer, der diese Welt als Evolution (!) auf den Weg gebracht hat. Dazu später noch ein Hinweis.

Albert Camus hat die Sterblichkeit eines jeden Menschen wie unaufhebbares Verurteiltsein zum Tode bestimmt. Wir sind alle zum Tode verurteilt. Dieses Urteil müssen wir wie Sisyphus förmlich abarbeiten. Und darin unseren Sinn finden. Aber das führt bei Camus zu einer eher heiteren Stimmung.

Camus schreibt aber immer wieder in vorsichtiger, poetischer Sprache, dass der sterbende Mensch angesichts seines bevorstehenden Todes nicht doch Hoffnungen hat auf etwas Besseres, als was dieses irdische Leben für ihn war….

Camus sieht im Erleben der Schönheit der Natur vor allem eine Dimension des Heiligen. Für ihn ist dies kein Rückfall in romantische Gefühle, sondern eine moderne Weltsicht, die den Menschen aus der Verkapselung in Individualismus und Egoismus befreien kann. Diese sinnstiftende Gabe der Natur kann nur wahrnehmen, wer sich der Welt geradezu andächtig zuwendet und die Natur nicht dem technischen Zugriff unterwirft. In der Profitgier entstehen nur verwüstete Landschaften. In seinem Buch „Licht und Schatten“ schreibt er – beinahe mystisch bewegt – von einem Besuch in Palma de Mallorca: „Wenn ich dort in den Höfen voller grüner Pflanzen und runder grauer Säulen stehen blieb, verschmolz ich mit diesem Geruch des Schweigens. Ich verlor meine Grenzen und war nichts anderes mehr als der Klang meiner Schritte oder jener Vogelschwarm, dessen Schatten ich in der Höhe auf den sonnigen Mauern wahrnahm. Im Schweigen dort fand ich eine neue und doch vertraute Köstlichkeit“. Nur die Gegenwart ist im Naturerleben „da“. Wer dies achtsam erlebt, wird in die Zeitdimension der langen Dauer gehoben, in einen gedehnten, sozusagen stehenden Augenblick. Der fließende Zeitstrom ist überwunden und die Ahnung wird geweckt, was Ewigkeit meinen könnte. Von der Schönheit der Natur unterstützt, wird dabei das Geheimnis allen Lebens berührt. Die Gegenwart ist kein Element der üblichen physikalischen Zeitstrecke Vergangenheit – Gegenwart – Zukunft. Vielmehr ist Gegenwart der erfüllte, lange währende, zeitlich nicht messbare Augenblick, der aus der Verfallenheit in die Zeit für eine Dauer befreit. Bei Camus: Selbst noch der Mörder Mersault, der Protagonist in dem Roman „Der Fremde“, kann sich in seiner Zelle kurz vor seiner Hinrichtung durch den Anblick der Natur geborgen, wenn nicht gerettet fühlen. „Ich bin mit den Sternen über dem Gesicht wach geworden. Geräusche vom Lande stiegen zu mir herauf. Gerüche von Nacht, Erde und Salz erfrischten meine Schläfen. Der wunderbare Frieden dieses schlafenden Sommers drang in mich ein wie eine Flut“.

Mir kommt es entschieden darauf an, die heute beliebte These vom Sturz des Menschen ins Nichts beim Tod ein wenig philosophisch in Zweifel zu ziehen. Camus ist ein Denker, der, obwohl nicht-kirchlich und Agnostiker, doch eine sanfte Sprache für die „ewige Gegenwart“ als Gegenwart des Ewigen gefunden hat.

Es kommt auf die Erfahrung der Gegenwart an: Gegenwart ist kein Punkt in der unendlich langen Zeitreihe in die Zukunft hin, wonach dann jede Gegenwart wieder verlischt und Vergangenheit ist…

Gegenwart ist die Dauer als das Heraustreten aus dem Zeitstrom. Das ist die Grunderfahrung von Ludwig WITTGENSTEIN: 1889-1951. „Nur wer nicht in der Zeit, sondern in der Gegenwart lebt, ist glücklich”.

Für das Leben in der Gegenwart gibt es keinen Tod“. Ähnlich auch im  Tractatus Logico Philosophicus: 6.4311:
„ Wenn man unter Ewigkeit nicht unendliche Zeitdauer, sondern Unzeitlichkeit versteht, dann lebt der ewig, der in der Gegenwart lebt“.

Wenn immer wieder, auch in Europa, philosophische und religiöse Überlegungen vorgeschlagen werden, die für eine mögliche Form des „Weiterlebens nach dem Tod“ eintreten, dann nur unter der Voraussetzung: Die gegebene Welt (und sie ist für uns alle immer eine zum Staunen führende „Gegebenheit“: „Warum ist etwas und nicht vielmehr Nichts) kann als „Schöpfung“ verstanden werden. Wobei die dann verwendeten Begriffe wie Schöpfung und Schöpfer nicht banal aus der endlichen Welt her verstanden werden, sondern eben analog, als Bilder, etwas Gegebenes, aber nicht zu Greifendes, auszusagen! Dies führt dann beim Bedenken der Welt als Schöpfung zu der Frage: Zeigt sich im Leben selbst ein Hinweis auf die Frage, was ist nach dem Tod? Oder anders gefragt: Gibt es im reflektierten Leben selbst Hinweise auf eine Form des „Weiter Lebens“ nach dem Tod. Damit wird nicht die Frage nach den Nahtod Erlebnissen gestellt, sondern es gilt die allgemeine und viel grundsätzlichere Frage: Gibt es mitten im geistvollen im Leben Hinweise auf ein selbstverständlich immer analog zu verstehenendes „Weiterleben“, die angesichts einer kritischen Reflexion Bestand haben.

Ein erster Hinweis kann ein: Wir sterben in gewisser Hinsicht als ständiges Abschiednehmen von eigenen Lebensentwürfen. Und wir leben ständig in einer Situation des Abschieds, des Loslassens, auch physisch verändert sich unser Körper. Aber dies wäre nur ein Beleg für die allgemeine Verfallenheit zum Tode hin. Gibt es nun auch für Hinweise auf das Ewige im Menschen?

Wenn die Welt und die Menschen also Schöpfungen eines Gottes sind, dann kann die Welt als das andere dieses Gottes nicht völlig außerhalb Gottes stehen. Denn dann hätte sich Gott mit der total von diesem Gott losgelösten Welt eine Art endlichen Gegengott geschaffen. Und wenn es zwei Götter gäbe, müsste die Frage diskutiert, welcher dieser beiden Götter ist der Vor-Herrschende. Also: Diese Konzeption führt nicht weiter. Es ist spekulativ nur denkbar, dass Gott als Schöpfer IN der Welt und damit im Menschen anwesend ist, ohne dabei die Endlichkeit des Menschen aufzuheben.

Wenn also ein Gott auch die Welt in seinen „Bereich“ einbezogen hat, wie die klassische Philosophie etwa Hegel lehrt, dann muss der Gott in der evolutiven endlichen Welt selbst anwesend sein als ein Element der Ewigkeit in der endlichen Welt. Diese Erkenntnis verändert alle Einschätzungen des Todes und der Endlichkeit. Der Tod als Ausdruck der Endlichkeit ist dann sogar von Gott gewollt. Dass der Tod und das Sterben auf dieser Welt so miserabel zugeht, ist dem Menschen anzulasten, seinem Egoismus, seinem Nationalismus, seiner Kriegslust und Zerstörungslust.

Noch einmal zu dem oben erwähnten Norberto Bobbio. Er behauptet: „Alles, was einen Anfang hatte, hat ein Ende“ (S. 54). Das gilt für die Dinge INNERHALB der Welt selbstverständlich. Dann aber folgt der entscheidende Satz: „Nur das, was keinen Anfang hatte, hat kein Ende. Was jedoch weder Anfang noch Ende hat, ist die Ewigkeit“ (ebd).

Damit führt Bobbio selbst genau auf unsere Philosophie der Schöpfung und der Ewigkeit von Gott und Welt und der nicht greifbaren und nicht „abzuschaffenden“ Anwesenheit Gottes in der Seele des Menschen: Denn wenn die Welt als Schöpfung von Gott stammt als dem Ewigen und der Gott in der Welt als der dann ewigen Welt selbst anwesend ist, dann hat der Mensch, jeder Mensch, bleibend Ewiges in sich. Das heißt: Dieses Ewige als Teil des Göttlichen (was wir Seele nennen) wird mit dem Tod des irdischen Menschen nicht vernichtet.

Meister Eckart (1260 – 1328) hat das so ausgesagt, indem er auf den göttlichen Gott Bezug nahm: „Ich bin ungeboren (damit meint er: ich bin eine Schöfung Gottes) und nach der Weise meiner Ungeborenheit (mein Sein durch Gott und In Gott) kann ich niemals sterben. Nach der Weise meiner Ungeborenheit bin ich ewig gewesen und bin ich jetzt und werde ewiglich bleiben. Was ich meiner Geborenheit (also meiner weltlichen und endlichen Herkunft nach bin, das wird sterben und zunichte werden, denn es ist sterblich“. (Deutsche Predigten, „Beati pauperes“, in: Meister Eckart, „Einheit mit Gott“, hg Dietmar Mieth, 2002, S. 154). Noch einmal: Ungeborensein heißt: Aus Gott stammen und das Wesentliche (die Seele) eben nicht von den irdischen Eltern und der irdischen Mutter empfangen, Menschen als Menschen können das Ewige nicht vermitteln. Es geht also auch um Eckarts Lehre vom Seelenfunken. Dieser drückt eine Gleichheit mit Gott aus, die für den Menschen schon vor seinem Leben auf der Welt, dann mitten im irdischen Leben und dann wieder nach dem Tod Wirklichkeit ist, (Alois M. Haas, Meister Eckart als normative Gestalt….Einsiedeln 1979, S. 126) Dies ist für Eckart die höchste Vorstellung vom Glück. …“Eigentlich spricht Eckart von nichts anderem als der Einheit zwischen Mensch und Gott“ (130).

Ich möchte zum Schluss auch auf HEGEL hinweisen, auf die Phänomenologie des Geistes“. Darin geht es Hegel auch um die Anerkenntnis der absoluten Kraft des Geistes, der Vernunft, die sich gerade im geistigen „Abarbeiten“ an der Endlichkeit und dem Tod zeigt: „Aber nicht das Leben, das sich vor dem Tode scheut und von der Verwüstung rein bewahrt, sondern das ihn erträgt und in ihm sich erhält, ist das Leben des Geistes. Er gewinnt seine Wahrheit nur, indem er in der absoluten Zerrissenheit sich selbst findet. Diese Macht ist er nicht als das Positive, welches von dem Negativen wegsieht, wie wenn wir von etwas sagen, dies ist nichts oder falsch, und nun, damit fertig, davon weg zu irgend etwas anderem übergehen; sondern er ist diese Macht nur, indem er dem Negativen ins Angesicht schaut, bei ihm verweilt. Dieses Verweilen ist die Zauberkraft, die es in das Sein umkehrt“ , In Hegel, Phänomenologie des Geistes, Werke in 20 Bänden, hier Band 3, Phänomenologie des Geistes, Vorrede, Suhrkamp, 1970, S 36.

Die Welt ist nicht der eigentliche „Aufenthaltsort“ des Menschen, wir gehören in eine göttliche Welt. Diese Überzeugung hat Heinrich Böll einmal formuliert: „Der Mensch ist für mich ein Gottesbeweis“, sagt er in einem Interview: „Wie meinen Sie das?“, fragt Karl-Josef Kuschel.  Bölls Antwort: „Die Tatsache, dass wir eigentlich alle wissen, auch wenn wir es nicht zugeben, dass wir hier auf der Erde nicht zuhause sind, nicht ganz zuhause sind. Dass wir also noch woanders hingehören und von woanders herkommen. Ich kann mir keinen Menschen vorstellen, der sich nicht, jedenfalls zeitweise, tageweise oder auch nur augenblicksweise klar darüber wird, dass er nicht ganz auf diese Erde gehört. Und das hat nicht nur soziale und gesellschaftliche Gründe Es sind auch die Schwierigkeiten, sich mitzuteilen, sich darzustellen…. Der Wunsch, die Sehnsucht erkannt zu werden, führt in eine andere Welt“ …(Karl – Josef Kuschel, Weil wir uns auf dieser Erde nicht ganz zu Hause fühlen“ (Piper, 1986, S. 65 f).

Dies ist für mich die entscheidende Erkenntnis in meiner Sicht: Der Tod, unser Tod, ist, wenn man den Unendlichen mit dem üblichen Symbolwort benennen soll, also von „Gott“ als der Instanz, die die endliche Welt geschaffen hat, sozusagen „gewollt“.   In der Hinsicht ist der Tod grundsätzlich kein Übel. Er ist in dieser Philosophie gottgewollt. Das konkrete Sterben ist leider für viele ein Übel. Aber dies wäre prinzipiell zu verbessern.

 Die Welt als Naturgegebenheit selbst ist endlich, begrenzt, unüberschaubar, das zeigen die Naturkatastrophen, etwa Erdbeben. Klimakatastrophen sind vom Menschen gemacht, siehe den Egoismus der Industrie-Nationen.

Die Menschen sind endlich. Sie neigen zum Egoismus, also zum Tun des Bösen. Das Böse kommt durch das Tun der Menschen in die Welt, das Böse wäre also eigentlich zu reduzieren in einer von Vernunft und Empathie und Respekt bestimmten Welt.

Wie gesagt: Das Böses-Tun der Menschen kann aus Verzweiflung über die eigene Endlichkeit geschehen: „Ich will für immer herrschen, will nicht meine Endlichkeit, meinen Tod, akzeptieren“. Siehe die Studien von Erich Fromm. Die Herrschenden, die nach Besitz und Haben Greifenden verhindern als den je eigenen humanen Tod. Daran wäre zu „arbeiten“…

Der je eigene Tod bleibt durchaus ein leider wohl noch fernes Ziel einer humanen Welt.

Copyright: Christian Modehn