Das neue Buch von Jörg Lauster: „Der ewige Protest. Reformation als Prinzip“.

Ein interessantes Exempel: Die „Liberale Theologie“ und Martin Luther:

Ein Hinweis von Christian Modehn, veröffentlicht am 20.3. 2017

Das Buch ist vom Format her klein, vom Inhalt her groß. Denn es bietet einige entscheidende und für viele sicher neue Anregungen, Luther und das Reformationsgedenken 2017, aus einer bisher kaum beachteten theologischen (nicht so sehr historischen) Perspektive zu sehen bzw. zu kritisieren. Jörg Lauster, Theologie – Professor an der Uni in München, ist der liberalen protestantischen Theologie explizit verpflichtet, einer Perspektive also, die auch für unseren Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon Berlin wichtig ist. Die zahlreichen regelmäßigen Interviews auf unserer website mit dem ebenfalls „liberalen Theologen“ Prof. Wilhelm Gräb, Humboldt Uni Berlin, sind dafür nur ein deutlicher Beleg, siehe etwa das Interview über die theologischen Grenzen des Kirchentages 2017, klicken Sie hier.

Jörg Lauster geht zurecht davon aus: „Luther war ein Kind einer uns sehr fernen und darum fremden Zeit…. Deswegen ist “Reformation Licht, aber auch Schatten“ (31).

Nur eine „denkende Frömmigkeit und Mut zum Gestaltwandel“ helfen weiter. Das sind keine frommen Sprüche, sondern sie führen zu konkreten Einsichten: Gültig ist der Impuls Luthers: Die Kirche als Institution darf niemals im Mittelpunkt des Glaubens des einzelnen stehen. „Christentum ist mehr als seine kirchlich sichtbaren Erscheinungsformen“ (35). Auch eine gewisse Deskralisierung der religiösen Welterfahrung kann als Folge der Reformation gedeutet werden. Das kritische Denken und die Errungenschaften der Philosophie der Aufklärung gehören wesentlich zum Leben liberal-protestantischen Glaubens. Nur kurz spricht Jörg Lauster ein Problem an, wenn er sagt: „Der Neuprotestantismus weiss sich ebenso der Aufklärung UND der Reomantik verpflichtet, um die Idee eines modernen Christentums realisieren zu können. Wie Aufklärung UND Romantik zusammengehen können, sollte in einer 2. Auflage näher erklärt werden.

Bedauerlich bleibt Luthers Abwehr des Humanismus (und der Philosophie, muss man ergänzen). So bleibt die lutherische Reformation „in ihrem Aufbruch auf halbem Wege stehen“ (29).

Leitend ist für Lauster die Erkenntnis: Die Reformation darf nicht (nur) als ein historisches Ereignis gedeutet werden. Reformation ist vielmehr „ein dem Christentum innewohnendes Prinzip eines ewigen Protests, der im 16. Jahrhundert zu seiner sichtbarsten Gestalt gelangte“ (34).

Von da aus ergibt sich eine Fülle von Vorschlägen für die Reformation der gegenwärtigen Kirchen. Bedauert wird ihr „Anstalts-Charakter“ (37), die Fixierung auf den Selbsterhalt der Kirchen. Der liberale Theologe weiß, dass es andere Formen des Christentums geben muss als die vertrauten und traditionellen (71), das dogmatische Katechismus – Christentum wird zurückgewiesen zugunsten der Achtsamkeit auf die je eigenen religiösen Erfahrungen. Lauster kritisiert eine gewisse Banalisierung des evangelischen Glaubens und der Kuschel-Gottesdienste; er bedauert den Mangel an umfassend kritischer theologischer Reflexion (78 f). Sehr richtig, aber leider wohl unrealistisch, ist sein Vorschlag: “Man könnte 2017 in einem feierlichen Akt den Namenstitel “lutherisch” aus der Kirchenbezeichnung streichen. Es ist dies einer der wenigen Fälle, in denen eine christliche Kirche den Namen eines Menschen trägt. ein eklatanter Widerspruch in sich selbst“ (83).

Ich meine: Viel wäre schon gewonnnen, wenn wenigstens endlich die unsäglichen Namen evangelischer Kirchengebäude verschwinden würden, wir haben schon dringend gebeten, den Namen „Kaiser Wilhelm Gedächtniskirche“ oder „Kaiser Friedrich Gedächtniskirche“ (beide in Berlin) abzuschaffen, selbst auf die Gefahr hin, dass dann eine Häufung von Bonhoeffer – oder Martin Luther King – Kirchen entstände, warum nicht auch einige Oscar – Romero – Kirchen? Die Katholiken in Deutschland wagen solch einen Titel doch nicht, sollen die Protestanten doch vorangehen. Jörg Lauster hat das richtige Gespür, dass irgendetwas Symbolisch – Spektakuläres doch am 31. 10. 2017 passieren müsste: Ein Verzicht auf Kaiser Namen für Kirchen wäre das allermindeste. Wird aber auch nicht passieren, weil die beharrenden bürokratischen Kräfte zu viel Macht und zu wenig Mut haben.

Das neue Buch von Jörg Lauster sollte schnellstens in vielen Gesprächskreisen diskutiert werden. Vielleicht bietet der Verlag Mengenrabatte an? Ich wollte nur etwas die Lust an der Lektüre dieses außergewöhnlichen Buches wecken….

Bei einer zweiten Auflage würde ich mir noch die Auseinandersetzung mit der Frage wünschen: Wie kann eine liberal-theologische Deutung der Reformation auch das theologische Denken von Thomas Müntzer, dem Erzfeind Luthers, noch ausführlicher (als auf Seite 20 bzw. 28) einbeziehen? Wie also die Gott-Unmittelbarkeit des einzelnen mit der Forderung nach sozialer Gerechtigkeit und politischer Freiheit für die Ärmsten vermittelt werden kann; wie also „liberale Theologie“ und lateinamerikanische Befreiungstheologie möglicherweise nur zwei Seiten einer und derselben Thematik sind. Auch das Thema Menschenrechte könnte dann ausführlicher angesprochen werden.

Jörg Lauster, “Der ewige Protest. Reformation als Prinzip”. Claudius-Verlag, München, 2016, 142 Seiten, 12 Euro.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 

 

 

 

 

 

Liberale Theologie – Theologische Sommerschule am 20. Juli 2013

Am Samstag, den 20.Juli, starten wir die Erste Theologische Sommerschule mit dem Berliner Theologen Prof. Wilhelm Gräb, Humboldt Universität. Genauere inhaltliche Informationen folgen. Es geht um die Diskussion einiger grundlegender Themen der liberal – theologischen Orientierung. Wir beginnen und 14 Uhr, Ende gegen 18 Uhr in der Galerie FANTOM, Hektorstr. 9 in Berlin-Wilmersdorf. Als Beitrag denken wir an 10 Euro.

Zum ersten Mal gibt es nun auch für “theologische Laien”, die es in der liberal – theologischen Tradition eigentlich nicht gibt, die Chance, sich näher vertraut zu machen mit einer Lebenshaltung bzw. Theologie, die die Moderne voll respektiert, die das eigene Denken, die eigene religiöse Erfahrung hochschätzt und Gemeinde als Form des “geselligen Miteinanders unterschiedlicher religiöser Menschen” (Schleiermacher) begreift.

Diese Veranstaltung geschieht in Zusammenarbeit dem Forum der freisinnig – liberalen Remonstranten Kirche,
www.remonstranten-berlin.de

Wer sich ein Bild machen möchte über die Aktualität liberal – theologischen Denkens heute, den/die verweisen wir gern auf unsere website www.religionsphilosophischer-salon.de dort die Kategorie “Fundamental vernünftig”: Dabei handelt es sich um Interviews mit Wilhelm Gräb.

Eine Anmeldung ist Bedingung und erforderlich an, bitte an:christian.modehn@berlin.de, nach der Anmeldung werden weitere Infos zur Vorbereitung zugesandt.

Die liberale Theologie wird in Berlin durch Prof. Wilhelm Gräb, Humboldt Universität, vertreten; er hat dazu zahlreiche Veröffentlichungen vorgelegt, leicht zugänglich etwa in dem Buch “Liberales Christentum”, herausgegeben von Werner Zager, erschienen im Neukirchener Verlag 2009. Prof. Gräb hat auch über Friedrich Schleiermacher gearbeitet; der ist sozusagen der Gründervater der liberalen Theologie: Sie geht vom religiösen Subjekt aus und eben nicht von den vorgegeben Dogmen und kirchlichen Lehren. In der website “religionsphilosophischer-salon” hat Prof. Gräb bis Anfang Juli 2014 14 Interviews gegeben, die das breite Spektrum liberal – theologischen Denkens deutlich machen, etwa auch Beziehungen zur Theologie der Befreiung. Wir sind überzeugt, dass diese Form des theologischen Denkens nicht nur der Philosophie nahe steht; vor allem: Sie kann dem modernen, dem mündigen Menschen Inspiration und Orientierung bieten … für ein freies religiöses Leben.