Die eine Religion für die plurale Menschheit

Wie die Begrenztheit der dogmatischen Konfessionen überwunden wird und die Vernunftreligion in den Mittelpunkt rückt!
Ein Vorschlag von Christian Modehn am 11. Januar 2026

1.
„Jede Religion GILT nur in einem bestimmten Gebiet. Sie wird in dem angrenzenden Gebiet schon als Aberglaube angesehen“.    Das Wort “gilt“ meint hier: „Bestimmend sein, vorherrschend, prägend sein.“ (CM)
Dies ist eine These des französischen Philosophen Claude Adrien Helvétius, er ist als Philosoph der Aufklärung (1715 – 1771) zugleich auch Religionskritiker (Fußnote 1).

2.
Die These des Helvétius ist auch heute eine Herausforderung: Warum „gilt“ das sich universal nennende, weltweit missionierende Christentum aber auch heute tatsächlich nur in europäisch geprägten Kontinenten, Ländern und Regionen? Und weiter: Angesichts der vielfältigen Krisen der Religionen und Konfessionen sollte da nicht endlich die Idee einer den universellen Menschenrechten verpflichteten Vernunft-Religion neu diskutiert werden.

3.
Die These des Helvétius führt uns also dazu, die von Kirchenführern stets behauptete Universalität des Christentums in Frage zu stellen. Und es muss geprüft werden, wie es denn mit den Missionserfolgen anderer „Weltreligionen“, etwa des Islam oder des Buddhismus, in Europa und Amerika, bestellt ist.

4.
Zunächst zur Weltreligion Christentum, das sich plural in einigen hundert verschiedenen Konfessionen präsentiert und in allen Ländern Mitglieder hat.
Innerhalb des Christentums ist die römisch – katholische Kirche die zahlenmäßig stärkste Konfession mit 1,4 Milliarden Getauften in allen Ländern. Diese weltumspannende Verbreitung soll die offizielle Behauptung der „Katholizität“ (d.h. die universale „Allumfassendheit“) der katholischen Kirche beweisen. Sie sieht sich von Gott berufen, alle Menschen, immer, überall, zu Christus zu führen, d.h durch die Taufe in die katholische Kirche einzugliedern. Aber in die Kirche, so wie sie von ihrer Tradition nun einmal bestimmt ist, und diese universale Kirche ist bleibend europäisch geprägt.

Aber es gilt für die Päpste und deren Theologen schon als Beweis der Katholizität, wenn sich heute zum Beispiel 2.000 Mongolen in der Mongolei zur römisch-katholischen Kirche bekennen oder einige tausend Inuit in Kanada oder einige hundert Indigenas in den Wäldern des Amazonas: Sie müssen wie alle Katholiken der nun gar nicht zu leugnenden europäisch bestimmten Kirchenlehre und Liturgie gehorchen.

Erfahrungen von politischem und sozialen Frieden oder anderer Formen der behaupteten „Erlösung“ hat dieses Christentum diesen Völkern aber nicht gebracht, von der nicht objektiv zu dokumentierenden seelischen Beruhigung (religiöses „Opium“) einzelner Frommer abgesehen.

5.
Wenn man die griechische Welt und auch das damalige Italien (Rom) des 1. Jahrhunderts als der Beginn des Katholizismus ansieht und die weitere Kirchengeschichte betrachtet, dann ist die katholische Kirche immer eine europäische Kirche geblieben. Sie ist dann durch die europäischen Kolonisten/Missionare in Amerika, Australien und Afrika als europäische Kirche verbreitet worden. Man denke an die überall gleiche Liturgie der von Priestern gefeierten Messe, das überall geltende römische Kirchenrecht, die überall geltenden Dogmen und Moralgebote, formuliert in Abhängigkeit von europäischen Sprachen, Kulturen und Philosophien.

6.
Zur faktischen Bedeutung der christlichen Kirchen, auch der katholischen Kirche, in Ländern der klassischen „Hochkulturen“:  Dort sind Christen, auch die Katholiken, trotz der nun schon Jahrhunderte dauernden Missionsbemühungen eine kleine Minderheit:
Das gilt für Indien mit einem machtvollen, zum Teil fundamentalistischen Hinduismus. In Indien sind heute nur ca. 2,5 Prozent der Bevölkerung Christen. LINK
Im buddhistisch und shintoistisch bestimmten, aber zugleich auch weitgehend säkularisierten Japan sind etwa 1,1 Prozent der Bevölkerung Christen. LINK
In China sind etwa 5,1 Prozent der Bevölkerung Christen. LINK
Im buddhistischen Thailand sind 0,9 Prozent der Einwohner Christen. LINK
Die verschiedenen indigenen Völker der heutigen „Philippinen“ haben sich schon früh dem Katholizismus der Eroberer angeschlossen. Seit der spanischen Mission im 16. Jahrhundert sind die Philippinen ein sich katholisch nennender Staat, eine Ausnahme in Asien. LINK
Im arabischen Raum sind Christen und ihre Kirchen eine extrem kleine Minderheit, die „Gast“ – ArbeiterInnen von den Philippinen sind dort die einzigen Christen, sie arbeiten unter unmenschlichen Bedingungen der Ausbeutung durch sich muslimisch nennende Herrscher.
Die These des Philosophen Helvetius: „Jede Religion `gilt` nur in einem bestimmten Gebiet…“ wird also auch heute bestätigt: Das Christentum hat eine prägende Bedeutung und „Geltung“ nur in europäisch bestimmten Kontinenten.

7.
Amerika ist europäisch bestimmt – seit der Kolonisierung.
Im (Sub-) Kontinent Lateinamerika herrsch(t)en einheimische, „indianische“ Religionen, aber im Zusammenhang von Eroberung und Missionierung wurden diese „Heiden“ getauft, viele „Einheimische“ hatten die Europäer gewaltsam bedrängt und ermordet. Der Statistik nach sind die Lateinamerikaner heute christlich, meist sogar katholisch, viele nennen sich inzwischen aber evangelikal oder sind Anhänger von eher fundamentalistischen Pfingstgemeinden… Wobei die im „katholischen Kontinent“ herrschende soziale Ungerechtigkeit, die himmelschreiende Armut in den Slums etc. völlig dem christlichen Bekenntnis der dort herrschenden Politiker und „Eliten“ widerspricht. Weil die katholische Kirche in ihrer Struktur explizit nicht-demokratisch sein ist und auch so sein will, als „absolute Monarchie“ mit dem Papst an der Spitze,  fällt es der Kirche sehr schwer, für Menschenrechte und Demokratie wirksam und glaubwürdig einzutreten.  Selbst Kardinal Reinhard Marx, München, wundert sich offenbar, dass er als katholischer Kirchenchef nun für die Demokratie eintreten muss, er sagte:  “Eindringlich rief der Kardinal zur Verteidigung der Menschenwürde auf… Von vielen Seiten würden die Errungenschaften der Moderne inzwischen infrage gestellt, beklagte der Erzbischof von München und Freising. Er habe sich zu Beginn seiner beruflichen Laufbahn nicht träumen lassen, dass Kirche einmal zur Verteidigerin von Freiheit und Aufklärung werden müsse.” Quelle: LINK 

8.
Die Menschen in den religiös bestimmten Kulturen der Quechua, etwa in Peru und Bolivien, lassen sich seit Jahrhunderten schon katholisch taufen, sie praktizieren aber – mit Duldung der katholischen Kirche (!) – ihre eigenen traditionellen Religionen und Riten sozusagen parallel weiter. Ihr Motto ist: „Nach dem Besuch der Sonntags-Messe folgt der gemeinsame Ritus der alten religiös-kulturellen Traditionen…“ Auch in Mexiko und Zentralamerika (z.B. in Guatemala, dort etwa in Quetzaltenango) gestattet bzw. duldet die katholische Kirche die religiösen Riten der dortigen katholisch getauften Indigenas.
Damit ist deutlich: Diese Völker haben den christlichen Glauben nur „zum Teil“ annehmen können bzw.annehmen wollen, die „Macht“ ihrer uralten Riten etc. ist nach wie vor für sie gültig. Mit anderen Worten: Das europäisch bestimmte Christentum, etwa der Katholizismus mit seiner europäischen Liturgie, Dogmatik usw., ist für diese Menschen dort etwas Fremdes, Befremdliches, geblieben. Die These des Helvétius gilt also auch hier: Das Christentum kann auch in Hochkulturen Südamerikas sich nicht umfassend durchsetzen, „gelten“.

9.
Auch das heutige Christentum „Afrika südlich der Sahara“ muss angeschaut werden, also die von Engländern und Franzosen, Deutschen, Portugiesen kolonialistisch beherrschten und „missionierten“ Gebiete.

In vielen dieser Kulturen sind die Kirchen die zahlenmässig stärkste Konfession. Die Frage ist trotz der zahlenmäßigen Stärke: Bestimmt das von Europäern gepredigte und mit europäisch formulierten Dogmen verbreitete Christentum der europäischen Kirchen tatsächlich das Leben der getauften Afrikaner? Das ist sehr fraglich, etwa wenn man sich nur die moralische Qualität und politische Ethik (Korruption) der sich katholisch nennenden Politiker und deren Herrschaftscliquen anschaut, etwa in Kamerun, Gabun, Simbabwe, in der Demokratischen Republik Kongo, einst Zaire genannt mit dem katholisch getauften Diktator Mobutu usw…

Es sind in vielen afrikanischen Staaten vor allem Ordensleute, auch Bischöfe und Gruppen von Laien, die das Wesen des christlichen Glaubens, das Eintreten für Gerechtigkeit und Frieden und Solidarität praktisch oft vorbildlich leben.
Es darf auch nicht übersehen werden: Die vielen von Afrikanern für ihre Völker und Kulturen gegründeten „christlichen afrikanischen Unabhängigen Kirchen“ zeigen deutlich: Das europäisch implantierte Christentum findet keine ungebrochene Zustimmung. Erwähnt wird hier nur die Kimbangu – Kirche in der Demokratischen Republik Kongo, LINK; 10 Prozent der Einwohner bekennen sich zu dieser Kirche. Es gibt – bislang wenig beachtet – auch zahlreiche unabhängige katholische afrikanische Kirchen, nur ein Beispiel für viele: LINK. Diese unabhängigen katholischen Gmeinden und Kirchen  haben als erstes das Zölibatsgesetz der Römisch – katholischen Kirche abgeschafft. Der Zölibat ist für die allermeisten Afrikaner schlicht und einfach eine „Unmöglichkeit“, die zu leben aber der Papst weiterhin – auch für Afrikaner – fordert. Und dabei wird von Bischöfen gern übersehen, dass de facto auch römisch-katholische Priester das Zölibatsgesetz (heimlich?) ignorieren. Dadurch wird allgemeine Verlogenheit zu einer Art üblichen Haltung im Katholizismus. Über einen wichtigen dokumentarischen literarischen Text eines afrikanischen Autors: LINK

10.
Sind die nichtchristlichen Weltreligion heute außerhalb ihrer Stammländer missionarisch tätig?

Die verschiedenen Traditionen des Buddhismus haben in Europa, Amerika und Australien zweifellos tausende Freunde und Anhänger gefunden. Aber zur Mehrheitsreligion ist der Buddhismus in Europa und Amerika nicht geworden. Viele Europäer meinen etwa, bereits Buddhisten zu sein, wenn sie nur auf ihre europäische Art bestimmte Regeln etwa der Zen – Mediation beachten.. Der Dalai Lama Tenzin Gyatso rät Europäern eher von einer Konversion zum Buddhismus ab. LINK

11.
Auch der Hinduismus konnte sich über den indischen Raum hinaus nicht als „Weltreligion“ etablieren, selbst wenn es in Europa, Amerika, Australien einige Hindu – Tempel gibt. Die YOGA – Praxis vieler Europäer bedeutet keine Bindung an den Hinduismus als Religion und Ideologie. Und die modernen Formen des westlich beeinflußte „Neo-Hinduismus“ (Sami Vivekananda, Mahatma Gandhi usw.) sammeln in Europa eher kleinere Gruppe, selbst wenn der „Neo-Hinduismus“ über seine Publikationen weite Verbreitung findet.

12.
Auch dem monotheistischen Islam haben sich in der Neuzeit, seit der Vertreibung des Islam aus Spanien 1492 – nur wenige Menschen in Europa, Amerika, Australien zugewandt.  Zu Konversionen zum Islam kommt es in den christlichen Staaten meist wegen der Eheschließung mit einem Muslim aus der Türkei oder der arabischen Welt. In Deutschland leben etwa 40.000 Konvertiten zum Islam. LINK
Der Islam in Europa ist, sogar in sehr stark säkularisierten („entchristlichen“) Staaten wie den Niederlanden oder Tschechien, nicht zur zahlenmäßig stärksten Religion aufgerückt. In Holland und Tschechien bilden die weiten Kreise der„Konfessionslosen” die stärkste Konfession.
Etwa 1 Prozent der Bevölkerung der USA bekennt sich zum Islam. LINK
Wer einen “europäischen Islam“ gestalten will, sieht sich erheblichen Problemen und Attacken von islamisch-fundamentalistischer Seite ausgesetzt, siehe den Versuch einer „Ibn-Rushd-Goethe-Moschee“ in Berlin.

13.
Zusammenfassend: Weder der Hinduismus noch der Buddhismus noch der Islam haben sich zu  tatsächlichen Weltreligionen entwickelt, also zu Religionen mit auch zahlenmäßig starker Bedeutung außerhalb ihres angestammten Kulturkreises. Explizite Konversionen zum Buddhismus, Islam, Hinduismus werden heute in Europa ersetzt durch die begrenze Integration einiger (weniger) bestimmter religiöser Lehren, Praktiken, Übungen in die ursprünglich „angestammte“ eigene Religion oder Weltanschauung. Diese begrenzte Integration – etwa der Zen -Meditation in die christliche Spiritualität oder auch der Sufi-Traditionen — geschieht oft willkürlich, d.h. je nach subjektiver Stimmung des einzelnen… Dadurch entstehen „multireligiöse Bindungen“ in einer Person. Über diesen neuen „Trend“ hat der Theologe und Religionswissenschaftler Prof. Perry Schmidt – Leukel mehrfach publiziert. Der Religionsphilosophische Salon Berlin hat schon 2009 in einer Hörfunksendung für den WDR auf dieses Thema hingewiesen: LINK.

14.
Das Christentum ist offensichtlich  die einzige Religion, die ihren expliziten Auftrag zur Mission „aller Völker“ nicht nur immer noch lebt, sondern auch, wie gezeigt, mit  geringem – zahlenmäßig feststellbarem – Erfolg in allen ländern präsent ist.

Immer deutlicher aber nimmt die Säkularisierung als religiöse Skepsis den Platz der bestimmenden, vorherrschenden Weltanschauung bzw. Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie ein. Darauf reagieren die Weltreligionen, indem sie an ihren uralten Traditionen, Dogmen, Lehren, unbeirrt festhalten, selbst wenn die religiöse Praxis oft den Charakter von Folklore hat und eine reine Äußerlichkeit bleibt: Welcher Katholik glaubt im Ernst, dass der Papst der Nachfolger des heiligen Petrus ist und unfehlbar der Stellvertreter Christi auf Erden? Aber noch machen viele Tausend Katholiken den Papst-Kult mit und erleben die Messen mit vielen alten, bunt gekleideten Bischöfen etwa im Petersdom als eine Art großartige barocke Theater-Inszenierung. Aber ernsthafte Reformen finden nicht statt, Reformen im Sinne der vernünftigen Verinnerlichung einiger Glaubensweisheiten und der tatsächlichen materiellen Erfahrung von dem, was das theologische Reden von Erlösung usw. wirklich spürbar bedeutet.

15.
Säkularisierung ist also weltweit die entscheidende Philosophie bzw. Weltanschauung, auch im einst sich christlich nennenden Europa bzw. Nordamerika. Die These des Helvétius führt also in weitere Reflexionen:  In allen Ländern Europas, selbst in Polen, selbst in Irland, selbst in Spanien geht die Bindung an den Katholizismus stetig zurück. Und noch weitergehend: Ist die Zukunft der Menschen in Japan, China, Indien, Amerika, also überall, religionsfrei, säkularisiert, ohne eine Dimension des Heiligen und Erhabenen, auch des Göttlichen?

16.
Wir erinnern in diesem Zusammenhang, für uns geradezu eine philosophische Pflicht, an die allgemeine und universale Vernunftreligion.

Wir schlagen eine Vernunftreligion vor, sie versteht die universell geltenden Menschenrechte als Maßstab humanen Lebens, auch für alle faktisch bestehenden Religionen. Und diese Vernunftreligion kennt durchaus den Charakter des Heiligen, wobei „heilig“ verstanden wird: Auf diese universellen MenschenRechte und MenschenPflichten soll unter keinen Umständen verzichtet werden, sie können zwar durch Diskussionen erweitert werden durch soziale und ökologische und feministische Perspektiven.
Die theoretische wie praktische Verbindung mit diesen Menschenrechten hat durchaus religiösen Charakter, also, was ja „religiös“ meint, einen „bindenden“ und einander verbindenden Charakter.

Die universell geltenden Menschenrechte sind der Verfügung der Menschen, auch der Machthaber, entzogen. Denn sie sind, um es klassisch zu sagen, „in eines jeden Menschen Herz und Vernunft unzerstörbar eingeschrieben.“ Darin wird offenkundig das Religiöse dieser universellen Vernunftreligion ausgesprochen: Der Respekt für das Unzerstörbare, manche sagen auch das „Ewige“, das in jedem Menschen als Menschen lebt. Es ist die Vernunft, die die Vernunftreligion entdeckt und formuliert, aber sie ist kein willkürliches Produkt menschlicher Einfälle.
Der Vernunftreligion können sich prinzipiell alle Menschen aller Kulturen anschließen, sie wird zur Weltreligion, weil sie allgemeine universell geltende menschliche Haltungen in den Mittelpunkt der religiösen Lebensorientierung stellt: Gerechtigkeit, Friede. Solidarität, Nächstenliebe, Bewahrung der Schöpfung, Demokratie als entschiedenes Nein zur Alleinherrschaft und Diktatur. Diese „Tugenden“, wie die alten Philosophen treffend sagten, haben tatsächlich die Bedeutung einer Heiligkeit. Und heilig bedeutet, wie gesagt: Diese Tugenden sollen unter allen Umständen respektiert und gelebt werden.

17.
Die Menschenrechte wurden zwar im europäischen Kontext formuliert, aber ihre fragmentarischen Vorläufer, etwa die uralte Weisheit der „Goldenen Regel“, sind in allen Kulturen und Religionen verbreitet… Diese europäische Herkunft der Menschenrechte impliziert also überhaupt KEINE Begrenztheit dieser Menschenrechte nur für den europäischen Raum. Wenn Oppositionelle etwa in den Lagern und Gefängnissen Chinas, Russlands, Indiens, in der arabischen Welt um ihr Leben und Überleben kämpfen und schreien: Dann tun sie das, weil sie wissen: Es gibt heilig zu respektierende Menschenrechte, die auch für sie in China, Indien, Saudi-Arabien, Uganda, in den USA, in Russland usw. gelten.

18.
Die Verteidiger der Heiligkeit der Menschenrechte beziehen sich auf die Vernunftreligion, die Immanuel Kant ausführlich dargestellt hat in seiner Schrift „Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft“ (1794), darauf haben wir mehrfach hingewiesen. LINK
Nur so viel als Erinnerung an Kant: Das moralische gute Leben (also das dem „Kategorischen Imperativ“ entsprechende Leben) nennt Kant tatsächlich den wahren Gottes-Dienst im Sinne der Vernunftreligion: „Der gute Lebenswandel ist alles, um Gott wohlgefällig zu sein.“ („Die Religion…“ Ausgabe B, dort S. 261). „Die Religion des guten Lebenswandels ist das eigentliche Ziel der allgemeinen, für alle geltenden Vernunftreligion“. (Ebd. B, S 269).

19.
Die universale Menschheits-Religion der Menschenrechte kann als eine Art Dach über jeder einzelnen Religion verstanbden werden. Dieses „Dach“ schwebt natürlich nicht über den Religionen, sondern ist mit ihren Strukturen, Lehren etc. verbunden.
Die Kirchen, die Religionen, werden zwar weiter bestehen, aber sie werden erkennen und bekennen: „Die Religion der Menschenrechte bestimmt als oberste Norm auch die Gestalt unserer Konfessionen.“

Dass der Einsatz für die Menschenrechte stets politisch ist, kritisch gegenüber Neoliberalismus und Kapitalismus, ist selbstverständlich. So wird also die nur fromme, nur aufs „Jenseits“ bezogene Spiritualität der Religionen korrigiert.
Diese Vernunftreligion muss natürlich gelebt werden und verbreitet werden, vor allem durch Informationen in den Räumen der etablierten Konfessionen und Religionen selbst, aber auch in Schulen und öffentlichen Medien, in Bildungskursen, in Veranstaltungen der humanen NGOs …

20.
Aber dieser Zukunft eröffnende Entwurf einer universellen Vernunftreligion der Menschenrechte ist heute konfrontiert mit kämpferischen fundamentalistischen Tendenzen. Sie propagieren die eine gemeinsame Lehre „Göttliche Gebote sollen herrschen als oberste Gesetze.“ Im Christentum, zumal in evangelikalen und katholischen Kreisen (die darin vieles gemeinsam haben!) versuchen „Identitäre“ die Macht in ihren Kirchen(gemeinden) und für ganze Nation zu erobern: Sie treten für ein politisch rechtsextrem konzipierten Glauben ein, sie schwadronieren von „jüdisch-christlicher Tradition“, um nur auf diese Weise den Islam und damit Flüchtlinge und Ausländer aus islamischen Ländern in Europa und Amerika zu diffamieren. Diese ostentative, politisch inszenierte Judenfreundlichkeit dieser rechtsextremen christlichen Kreise ist nur aufgesetzter, taktischer Philosemitismus, und der ist, weil verlogen, bekanntlich genauso verwerflich wie Antisemitismus.

21.
Unsere Überlegungen haben die Wahrheit der Thesedes Helvétius erwiesen.

Wir wurden durch dieThese des Helvetius erneut zur Notwendigkeit der universellen Vernunftreligion der Menschenrechte geführt. Sie ist eine weltumfassende universale Religion. Und weil sie auch eine Spiritualität voraussetzt und pflegen muss der Hinweis: Nur in der spirituellen Haltung eines leidenschaftlichen Eintreten für die universelle Wahrheit der Menschenrechte kann sich die Vernunftreligion durchsetzen.

22.
Eine Utopie wurde hier formuliert, ein neuer Blick in die Zukunft der Religionen …  angesichts der nach wie vor machtvoll erstarrten Weltreligionen. Aber dieses Erstarrtsein wird sich lösen, weil sich immer mehr Menschen von diesen Religionen befreien und diese bestenfalls als Folklore betrachten oder als Weisungen für esoterische Verzückungen und Entrückungen.

Die bestehenden Religionen und Konfessionen sind – in globo betrachtet – unglaubwürdig geworden: Macht und Gewalt im Islam, Missbrauch unter Mönchen im Buddhismus wie unter Klerikern im Katholizismus und Protestantismus, rechtslastige Ideologien sind für die Evangelikalen das Evangelium, afrikanische Christen verfolgen Homosexuelle und so weiter…

In dieser Situation ist die Vernunftreligion der Menschenrechte ein Weg ins Freie…

 

Fußnote 1:
Diese provozierende Erkenntnis hat der französische Philosoph Claude-Adrien Helvétius formuliert, er ist als Philosoph der Aufklärung (geb. 1715, gest. 1771), zugleich auch Religionskritiker. Er betont also in seinem Buch „Vom Menschen, seinen geistigen Fähigkeiten und seiner Erziehung“ (S. 73): „Es gibt keine Religion, die mehr als eine Religion einiger Gegenden wäre“. Diese These wird auch in der Studie „Politische Theorie und Ideengeschichte“ (von Herfried Münkler und Grit Straßenberger, München 2016, S. 406) erwähnt und auch kurz für politische Zusammenhänge kommentiert.

Nebenbei: 
Eine Volksreligion als die Religion eines (von der Anzahl her eher kleinen) Volkes haben von sich aus kein Interesse, „Weltreligion“ zu werden: Konversionen sind unerwünscht oder nur unter sehr schweren Bedingungen möglich, wie etwa im Judentum. Oder Konversionen „aus anderen Völkern“ sind ausgeschlossen, wie etwa bei den Jesiden.

Siehe auch unseren Essay vom 15.11.2023 zur “Allmacht des europäischen ChristentumsLINK 

Unter unseren zahlreichen Interviews mit dem protestantischen Theologen Wilhelm Gräb (+2023), Prof. an der Humboldt Universität zu Berlin, hat sich ein Interview mit der Frage befasst: Ist die Religion der Menschlichkeit am wichtigsten? Wir empfehlen diesen Text – aus dem Jahr 2016. LINK 

 

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