Heiliges Privat-Eigentum. Weil einige viel zu viel Privateigentum haben, müssen heute 3 Milliarden Menschen hungern.

Ein Hinweis von Christian Modehn am 17.10.2022. ZUR “BÜRGERBEWEGUNG FINANZWENDE”: Siehe die Informationen am Ende dieses Beitrags (Nr.11)

Das Leitwort: “330 Milliarden US-Dollar könnten helfen, um Hunger und Armut zu beenden, laut einer von der deutschen Regierung unterstützten Studie. Dies betont Thomas Rath,  vom “Fond für landwirtschaftliche Entwicklung”, IFAD, im Tagesspiegel, 18. Oktober 2022. Und ich füge hinzu: Diese 330 Milliarden könnten die vielen Milliardäre zusammen mit solidarischen Millionären heute weltweit mit Leichtigkeit aufbringen. Und ethisch korrekt gesagt: Wenn diese Herren Milliardäre ein soziales Gewissen hätten… Und eine entsprechende politische Debatte geführt würde. Aber die demokratischen Politiker sind dazu zu feige…

1.
Die Fixierung aufs Privat-Eigentum ist eine der leidenschaftlichsten Energien der meisten Menschen, sie ist mit grenzenloser Gier und Habsucht verbunden. Und die äußern sich aggressiv, kriegerisch, tötend. Auch Nationalismus ist Gier, wird zum Wahn, siehe Putin, siehe Xi. Wer viel Eigentum hat, etwa die Millionäre und Milliardäre, denkt bestenfalls daran, mit den üblichen Spenden das elende Leben von hungernden Millionen Menschen zu verbessern. Dabei könnte, pauschal gesagt, die gesetzliche Halbierung des Privateigentums von Milliardären den Hunger in der Welt besiegen, abgesehen von vielen anderen Wohltaten für die Menschheit. Aber nein, diese gesetzliche Halbierung will fast niemand, spricht fast niemand an, so krepieren Millionen Hungernder weiterhin und die Milliardäre zählen ihr Geld. Geld als Geldvermehrung ist ihr Lebenssinn. Die Welt dieser Leute ist auch erbärmlich, diese Leute sind ausgehungert an Geist und humaner Vernunft.

2.
Wer philosophisch – kritisch denkt, von christlichem Geist des Teilens soll gar keine Rede mehr sein, weil selbst die reichen Kirchen auch meist zu bescheidenen Spenden bereit sind, wer also philosophisch-kritisch denkt, beachte diese Erkenntnis: Sie wird von der seriösen und gar nicht marxistisch angehauchten „Enzyklopädie Philosophie“ mitgeteilt: „Es gibt keine pauschale Rechtfertigung für die eigentumsrechtlichen Strukturen der gegenwärtigen Marktgesellschaften… Es gibt jedenfalls wohl erworbene und schlecht erworbene Eigentumsrechte. Und auch die wohl erworbenen Eigentumsrechte müssen dem politischen Zugriff offen stehen, wenn sie der weiteren gesellschaftlichen Entwicklung schädlich sind, wie es sich in der Geschichte der Übergang der Feudalgesellschaft zur bürgerlichen Gesellschaft gezeigt hat“, „Enzyklopädie Philosophie”, Band I, S. 454, Felix Meiner Verlag, Hamburg, 2010, der Beitrag „Eigentum“ ist verfasst von Helmut Rittstieg.
Der Psychoanalytiker und Philosoph hat daran erinnert, welche seelischen Schäden die Fixierung aufs Eigentum bewirkt, man denke an sein Werk „Haben oder Sein“, in dem er klar die Alternative formulierte: Erstarrtes Ego-Leben in der Fixierung aufs Haben (Eigentum) ODER lebendiges Miteinander im Sein, in der umfassenden Bejahung des geistigen Lebens und des Teilens. Wer allen Wert aufs Eigentum, aufs Haben legt, meint: Ich bin, was ich habe. Mein Eigentum begründet meine Identität. Ich kontrolliere dann alles, was ich habe, auch Menschen. Der aufs Eigentum fixierte Mensch definiert sich durch seine Bindung an die Objekte, ans Eigentum. Er verliert sich selbst als Subjekt.

3.
Trotz dieser üblichen Verbindung von Gewalt und der maßlosen Liebe zum Privat-Eigentum bleibt für die reiche Welt, inklusive der Frommen und der religiösen Führer aller Religionen, Eigentum wichtigster Lebenssinn. Die Privateigentümer legen wert auf ein undifferenziertes Verständnis des Eigentums, es wird so getan, als wäre das maßlose Privateigentum der Milliardäre genauso ein unstrittiger Wert wie das selbstverständliche Eigentum der Bürger: Diese nutzen ihr bescheidendes Privateigentum als persönliches Gebrauchseigentum nur für die individuelle Lebensgestaltung. Ethisch steht fest: Nur dieser überschaubare, praktische Gebrauch meines Eigentums zur privaten Lebensgestaltung ist ethisch sinnvoll. Eigentum ist nicht automatisch und in jedem Umfang und immer etwas Gutes, eine geradezu banale Aussage, die längst nicht selbstverständlich ist. Das Eigentum muss, das lehrte schon Aristoteles, in den Dienst des Lebens aller Menschen gestellt werden. Privateigentum in extremem Auswuchs darf nicht das Menschenrecht aushebeln, dem folgend alle Menschen Anspruch auf menschenwürdiges Leben haben, und nicht nur einige. Darauf haben jetzt u.a die Philosophin Martha Nussbaum und der Ökonom Amartya Sen immer wieder hingewiesen.

4.
Falls man noch christlich interessiert ist im Sinne des Propheten Jesus von Nazareth, könnte als Motto zu diesem philosophischen Hinweis ein Zitat des außergewöhnlichen sozialkritischen Bischofs und Theologen Johannes Chrysostomos (349-407) stehen: “Den Armen nicht einen Teil der eigenen Güter zu geben bedeutet: Von den Armen zu stehlen. Es bedeutet: Sie ihres Leben zu berauben. Und: Was wir besitzen, gehört nicht uns,  sondern ihnen”. Das Zitat findet sich auch im Schreiben (“Enzyklika”) von Papst  Franziskus “Fratelli Tutti” (2020), dort unter Nr. 119 mit dem Titel: “Über die Geschwisterlichkeit und die die soziale Freundschaft”. (Zu Johannes Chrysostomos: De Lazaro Concio, II, 6: PG 48, 992D.) Wegen seines radikalen Eintretens für die Rechte der Armen wurde Bischof Johannes Chrysostomos (349-407) von den reichen Christen gehasst und verfolgt… Bekanntlich haben sich die Kirchenleitungen nicht an die Weisungen von Johannes Chrysostomos gehalten… Die Päpste haben die Etablierung des Adels geduldet, sie haben die oberen Klassen des Klerus selbst dem Adel reserviert, sie haben die Gier der Priester zum üblichen Alltag gemacht und Armutsbewegungen wie die Franziskaner erst dann geduldet, als diese sich den Päpsten unterwarfen. Und heute? Die Gehälter der Bischöfe und Erzbischöfe, der Landesbischöfe und Generalsuperintendenten in Deutschland sind auch Beweis, dass es diesen hohen Herren und auch protestantischen kirchenleitenden Damen doch sehr auf ein sehr reichlich bemessenes Eigentum ankommt. Kürzlich hat Kardinal Marx aus seinem „Privateigentum“ 500.000 Euro in eine soziale Stiftung umgewandelt, aus Ersparnissen seines Gehaltes von 13.654,43  Euro monatlich kann solch eine Summe kaum entstehen… Leider hat Kardinal Marx in seiner Großzügigkeit unter seinen „Mit-Oberhirten“ keine Nachfolger gefunden. (Quelle: https://juedischerundschau.de/article.2020-05.corona-elftausend-euro-mannbedford-strohm-fordert-verzicht-von-anderen.html)
5.
Die Gesellschaft und die Staaten sind jetzt, in diesen Zeiten vielfältiger Krisen gespalten, katastrophal gespalten, nicht Kooperation, sondern Feindschaft ist die Ideologie der um Eigentum an Land, Bodenschätzen, Einflusssphären kämpfenden Staaten. In den demokratischen Gesellschaften kämpfen die vielen prekär lebenden, eigentumslosen Menschen mit den eher wenigen, die auch in Krisenzeiten ökonomisch privilegiert dastehen. Weltweit wird die ungerechte Verteilung des Eigentums immer bedrohlicher: Arme gegen Reiche, Millionen Bettelarmer gegen einige tausend Milliardäre. Millionen Menschen mit einem Dollar pro Tag stehen schwach und ausgehungert gegen Leute mit einer Million Dollar pro Tag als „Taschengeld“. „Die armen Länder sollten Anrecht auf einen Teil der Steuern multinationaler Konzerne und der Milliardäre dieser Erde haben. „Denn der Wohlstand der reichsten Akteure ist völlig dem globalen Wirtschaftssystem und der internationalen Arbeitsteilung geschuldet“ (Thomas Piketty, „Ungleichheit“, C.H.Beck Verlag 2022, S. 232). Die „reichen Länder verdienen an den armen Ländern aufgrund des von der Welt der Reichen bestimmten kapitalistischen Wirtschaftssystems.

6. Erinnerung an einige Fakten:
Die internationale Hilfsorganisation OXFAM schreibt am 12.1.2022:
Die Reichsten verdoppeln ihr Vermögen – während über 160 Millionen zusätzlich in Armut leben. Die einen verdienen, die anderen sterben: Wie die Covid-19-Pandemie Ungleichheit befeuert. Während der Covid-19-Pandemie konnten die zehn reichsten Milliardäre ihr Gesamtvermögen verdoppeln, auf insgesamt 1,5 Billionen US-Dollar.
Ungleichheit ist zudem eine Frage von Leben und Tod: Jedes Jahr sterben Millionen Menschen, etwa weil sie keine adäquate medizinische Versorgung bekommen. Oxfam fordert von den Regierungen weltweit, Konzerne und Superreiche zur Finanzierung sozialer Grunddienste stärker zu besteuern, für globale Impfgerechtigkeit zu sorgen und die Wirtschaft am Gemeinwohl auszurichten“. (Quelle: OXFAM, 12.1.2022)

7.
Zur dramatischen Nahrungsmittelkrise: „Wir entfernen uns immer weiter von der Beendigung des Hungers“. Zum Welternährungstag am 16. Oktober 2022 zeichnet sich ab, „dass die globalen Ernährungssysteme versagen. Die Lage verschlechtert sich drastisch“. (Tagesspiegel 16.10.2022)
Laut Paritätischem Armutsbericht 2022 hat die Armut in Deutschland mit einer Armutsquote von 16,6 Prozent im zweiten Pandemie-Jahr (2021) einen traurigen neuen Höchststand erreicht. 13,8 Millionen Menschen müssen demnach hierzulande, in DEUTSCHLAND, derzeit zu den Armen gerechnet werden, 600.000 mehr als vor der Pandemie.
Die Öffentlichkeit weiß mehr über Armut und Arme als über die Reichsten, sie sind diskret. Es gibt Armutsforschung, aber fast keine Reichtums Forschung. Das kann sich ändern, wenn sich mehr Leute informieren: Über die Top 20 deutschen Milliardäre: LINK https://www.merkur.de/wirtschaft/reichste-deutsche-vermoegen-geld-deutschland-milliardaere-gehalt-thiele-aldi-lidl-sap-plattner-bmw-albrecht-zr-90101849.html
Die reichsten Milliardäre weltweit: LINK: https://de.statista.com/statistik/daten/studie/181482/umfrage/liste-der-top-25-milliardaere-weltweit/

8.
Wie kann Gerechtigkeit gesetzlich geschaffen werden in einer Welt zunehmender Ungleichheit in der Verteilung des Privateigentums? An die gesetzliche Halbierung des Milliardärs-Eigentums ist kaum zu denken. ABER:
Die Frage wird eher selten gestellt. Wer sind konkret namentlich diejenigen, die über eine offenbar allmächtige Lobby auch weltweit verfügen und über bestimmte, sich in Europa liberal nennende Parteien durchsetzen, um ihren luxuriösen Luxus-Standart gesetzlich festschreiben lassen: Also Parteien, die als Vertretungen eher von Minderheiten so mächtig sind, dass sie etwa in Deutschland gerechte Vermögenssteuer verhindern und gerechte Erbschaftssteuer, gerechte Verfolgung von Milliardären, die sich als Oligarchen aus autokratischen Regimen in Demokratien niederlassen usw.

9.
Der Religionsphilosophische Salon befasst sich mit dem Thema „Eigentum“, weil Privat-Eigentum, in welcher Form auch immer, in weiten Kreisen als heilig gilt, also als unantastbar, als verehrungswürdig, als Phänomen, vor dem man förmlich niederkniet, dem man als Geld und als Wachstum des eigenen Vermögens alles opfert … an eigener Lebens-Zeit und geistiger Energie: Dieses Privateigentum ist also göttlich. Eigentum also ein dringendes religionsphilosophisches Thema. Ein Thema der Religionskritik: Zu den vielen Göttern der kapitalistischen Gegenwart gehört als einer der Ober-Götter das Privateigentum.Vor ihm knien alle nieder. Insofern ist unsere „säkulare“ Gesellschaft frei vom Glauben an den Gott der Bibel, aber es gibt genug Ersatz-Götter.

10.
Im August 2021 hatte ich einen etwas ausführlicheren Hinweis zu Pierre-Joseph Proudhon veröffentlicht unter dem Titel, auf sein Werk bezogen: Eigentum ist Diebstahl“. Dieser Beitrag hat viel Aufmerksamkeit gefunden: LINK https://religionsphilosophischer-salon.de/13911_eigentum-ist-diebstahl-proudhon-1809-1865_aktuelle-buchhinweise/philosophische-buecher

11.

Ist die Debatte über Eigentum überhaupt die richtige Diskussion? Müsste man sie nicht umlenken auf die Debatte über Reichtum und über das Vermögen?, so fragt der Ökonom und Sozialethiker Friedhelm Hengsbach SJ. Er ist Mitbegründer einer wichtigen Initiative: “Finanzwende”: https://www.finanzwende.de/ueber-uns/wer-wir-sind/

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Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

“Eigentum ist Diebstahl“ (Proudhon, 1809 – 1865): Gerechtes und ungerechtes Eigentum

Der Philosoph Pierre-Joseph Proudhon lehrt den Unterschied
Von Christian Modehn, am 3.Februar 2026.

Angesichts der aktuellen Debatten über soziale Gerechtigkeit und der Mitverantwortung, die viele Milliardäre eigentlich als Mit – Menschen heute haben sollten, lohnt es sich, das sehr umfangreiche und nuancenreiche Werk des Philosophen und Ökonomen Pierre – Joseph Proudhon zu lesen und zu studieren. Proudhon ist einer der ersten im 19. Jahrhunderts, der den absoluten Wert des Privateigentums kritisiert hat … falls dieses Eigentum nicht durch eigene Arbeit erworben wurde.
Hier können nur einige Hinweise gegeben werden, die zur Frage führen sollten: Welche Möglichkeiten gibt es, heutige Milliardäre an ihre Pflichten als Mit – Menschen zu erinnern. Das heißt an ihre menschliche solidarische Verpflichtung, nicht länger zuzusehen, dass viele Millionen Menschen in Elend leben.

1.

Der französische Philosoph und Ökonom Pierre-Joseph Proudhon (1809 – 1865) ist oft nur wegen seiner radikal klingenden These „Eigentum ist Diebstahl“ (in seinem frühen Werk „Was ist Eigentum?“, 1840) bekannt. Diese von ihm inhaltlich begründete These wird wie eine Waffe gegen ihn verwendet von leidenschaftlichen (auch christlichen) Verteidigern „des“ „heiligen“ Eigentums. Für Proudhon ist die soziale Frage identisch mit der Frage: Unter welchen Bedingungen ist Eigentum gerecht, für welches Ziel – um den Egoismus oder die Solidarität zu leben – wird Privateigentum eingesetzt? Sein ganzes Leben hat Proudhon diese Frage bewegt, in seinen zahlreichen Publikationen hat er dazu Stellung genommen und gezeigt, wie im Laufe der Jahre seine Reflexionen zum Thema präziser und deutlicher werden. Gewisse Schwierigkeiten im Verstehen des Begriffs „propriété“ (Eigentum) ergeben sich, weil Proudhon selbst um klare Definitionen gerungen hat.

2.

Auch heute ist die Vorstellung von der Unantastbarkeit, wenn nicht der „Heiligkeit“ des Privateigentums ein allgemeines Dogma in der kapitalistischen Welt: Weil alles der Logik des Marktes unterworfen ist, wird für Privatleute wie für international agierende „Firmen“ alles käuflich und damit zu in Privat – Eigentum: Gesundheit, Arbeit, Wohnen, Wasser, Wald … und zum Spekulationsobjekt.

3.
Die Zahlen sind bekannt: Die internationale Organisation OXFAM hat 2026 publiziert: „Es gibt mehr als 3.000 Milliardäre auf der Welt, und diese Herren verfügen über ein Gesamtvermögen von 18,3 Billionen Dollar.“ Dieses kaum vorstellbare Privateigentum würde ausreichen, um extreme Armut in der Welt bis zu 26-mal zu beseitigen. Das rasante Wachstum des Reichtums der Superreichen entspricht jedoch keinem Fortschritt in der Verringerung der globalen Armut: „Die Armutsbekämpfung ist seit sechs Jahren praktisch unverändert geblieben“, betont Misha Maslennikov, Forscherin und Analystin für öffentliche Ordnung bei Oxfam Italia. Oxfam fordert einen Paradigmenwechsel: die Umstrukturierung und Streichung der Schulden der ärmsten Länder, eine gerechtere Besteuerung auf globaler Ebene und die Einführung eines internationalen Standards für die Besteuerung von Extremvermögen.
Quelle: LINK

4.
In einer Welt, in der die universal geltenden Menschenrechte – wenigstens noch verbal – von den wenigen verbliebenen demokratischen Staaten anerkennt werden, muss die ungleiche Verteilung des Eigentums debattiert werden. Und im Falle von nur monströs bzw. obszön zu nennenden Milliardärs – Eigentum auch aufgehoben werden, so die vernünftige Erkenntnis. Wenn man schon den Begriff „heilig“ in dem Zusammenhang verwenden will: Heilig ist nicht das Milliardeneigentum einzelner, sondern einzig das voll entfaltete Leben aller Menschen in Gerechtigkeit.
Viele politische Schwierigkeiten bereitet die Frage. Wie kann es Enteignungen von Milliardären geben – ohne dabei in kommunistische Gewaltaktionen abzurutschen? Aber die Frage der Enteignungen wird irgendwann auftauchen, wenn der Abstand zwischen dem Ultra- Luxus einiger weniger und dem Elend der meisten unerträglich wird, für die Elenden, die dann, falls noch bei Kräften, schreien: Wir wollen endlich Gerechtigkeit.

5.
Proudhon lehrt: Eigentum, begrenzt für den persönlichen Gebrauch in der Gestaltung des eigenen Lebens, ist selbstverständlich richtig und legitim. Zur freien Entfaltung der einzelnen Menschen kann darauf gar nicht verzichtet werden. Es gilt nur, eine neue Rechtsordnung zu schaffen, die das begrenzte, durch Eigenarbeit erworbene Eigentum sichert und das maßlose Eigentum einzelner, vor allem das monströse Eigentum an Grund und Boden, überwindet. So kommt Proudhon zu seiner Einsicht: Eigentum ist Diebstahl (etwa bei spekulativen Großgrundbesitzern) und Eigentum ist aber auch Freiheit, für die Menschen, die die Arbeit dieses Eigentum erworben haben. Also: Einkommen ohne Arbeit, das „arbeitslose Einkommen“, ist abzulehnen. „Dieser Eigentümer erntet, ohne selbst zu säen”, betont Proudhon.
Der gierige „homo oeconomicus“ (der ganz aufs Ökonomische und den Profit fixierte Mensch) ist ein „Zerrbild der Menschlichkeit, ebenso wie eine Eigentums-Marktgesellschaft, deren öffentliche Räume zerfallen“ (so der Philosoph Helmut Rittstieg, Artikel „Eigentum“, in: Enzyklopädie Philosophie, Band I, S.453).

6.

Proudhon lässt sich in seiner Kritik am Eigentum von der grundlegenden Idee der universalen Gerechtigkeit leiten. Gerechtigkeit steht im Mittelpunkt seiner Argumente. Der katholische Theologe Henri de Lubac hat sich in seiner Studie „Proudhon et le christianisme“ (Paris 1945) mit dieser zentralen Idee Proudhons befasst: „Er war nicht weit davon entfernt, die Gerechtigkeit wie ein sakrales Erlebnis zu deuten und die Gerechtigkeit zu lieben wie eine Person“. Proudhon sagt: „Wir, die wir eine dem Menschen eingegebene, „immanente“ Moral zusprechen, wir, die wir wollen, dass Gleichheit und Gerechtigkeit herrschen, wir sind überhaupt keine Atheisten. Wir setzen die Gottheit nur um“ (Carnets, II, 178). D. h.: Wir setzen also an die Stelle des kirchlichen Gottes die Gerechtigkeit. Ausführlich zu Proudhon und das Christentum: LINK.

7.
Proudhon kannte die katholische Kirche und die Theologie seiner Zeit sehr genau. Und er wusste, wie sehr die Kirche das Privateigentum gerade der Reichen verteidigt. Die Kirchen sind ideologische Stützen der bourgeoisen Fixierung auf das „heilige Privateigentum“.
7.
Wenn also Eigentum unter dem Maßstab universaler Gerechtigkeit steht, muss also das Eigentum verteilt werden. Das Eigentum an Grund und Boden muss in der Verfügung der staatlichen Gemeinden bleiben, die den Grund und Boden befristet den Pächtern übergeben.
Proudhon setzt im Unterschied zu den Marxisten-Kommunisten auf radikale Reformen, und dabei sucht er nach alternativen Konzepten. Wer die Produktionsmittel besitzt, soll dann nur über so viel Eigentum verfügen, wie er selbst für sich bzw. seine Familie braucht. 1849 gründete er eine „Banque Populaire“, also eine „Volksbank“, sie sollte zinslose Kredite an Arbeiter gewähren.
Ab 1851 leitet Proudhon diese Erkenntnis: „„So nimmt der Philosoph aus Besançon ab 1851 eine viel positivere Haltung gegenüber dem Eigentum ein, es handelt sich um ein geläutertes Eigentum, das heißt, im Gegensatz zum kapitalistischen Eigentum führt es nicht mehr zur Ausbeutung des Menschen durch den Menschen. Diese neue Art von Eigentum zeichnet sich zunächst dadurch aus, dass es untrennbar mit der Arbeit verbunden ist und dadurch eine soziale Dimension erhält, denn wie er seit 1840 betont, ist die Arbeit der Ursprung einer kollektiven Kraft, die von Natur aus allen Produzenten gehört. Das Eigentum nach Proudhon ist also niemals vollständig privat, sondern wird von der Gesellschaft geregelt und hat einen vertraglichen Charakter gegenüber der Gemeinschaft, der auf der Ebene der ländlichen Gemeinde oder der Arbeiterproduktionsgenossenschaft ausgeübt wird.“ Quelle: LINK.

8.

Es wäre wichtig, weiter zu zeigen, wie die von Philosophen, Sozialisten, Anarchisten und Kommunisten angestoßenen Debatten über das Privateigentum auch bescheidene lehramtliche Veränderungen in der katholischen Kirche bewirkt haben. Da wird gelegentlich das Gemeinwohl über das Recht auf Privateigentum gestellt, so formuliert im § 2403 des offiziellen katholischen Katechismus von 1993. Im § 2406 heißt es aber noch sehr allgemein und vorsichtig: „Die staatliche Gewalt hat das Recht und die Pflicht, zugunsten des Gemeinwohls die rechtmäßige Ausübung des Eigentumsrechtes zu regeln“… Wohlgemerkt: Es geht um rechtmäßige Ausübung, nicht um gerechte Ausübung des Eigentumsrechtes!

9.
In dem (noch bis ca. 1960 in der Priesterausbildung üblichen) „Handbuch katholische Moraltheologie“ des Kapuzinerpaters Heribert Jone (15. Auflage 1953) unter Verweis auf das Naturrecht der „gemeinsame Besitz der irdischen Glücksgüter viele Unzuträglichkeiten“ nach sich ziehen würde (S. 204). Und weiter heißt es dann: „Demnach sind die Lehren …der Sozialisten und Kommunisten falsch“. Aber immerhin schreibt Jone in seinem Handbuch: „Nur in äußerster Not darf sich jedermann etwas von den Gütern des anderen aneignen“! (ebd.). Dies gilt nur in „äußerster Not“, nicht etwa allgemein schon in schwerer Not“, wie in § 331 betont wird….Jedoch: “Güter von geringem Wert aber dürfe sich ein Armer aneignen, wenn er sich so leicht aus schwerer Not erretten könnte und auf Bitten nichts erhalten würde“. Wenn aber sehr viele Arme sich Güter aneignen, dann könnte ja vielleicht eine kleine Revolution passieren oder? Daran denkt der Autor, der Kapuzinerpater Jone, nicht.

10.
Es gibt darüber hinaus reaktionäre katholische Kreise, die sich unter dem Titel der internationalen „Bewegung für Tradition, Familie, Privateigentum“ zusammenfinden, diese Werte sollen als Spitze der katholischen Moral gelten! So wollen es die Groß-Bourgeoisie, der Adel und ihre ergebenen, gut bezahlten Theologen-Ideologen. Diese Bewegung wurde von dem Brasilianer Plinio Correa de Oliveira begründet, sie hat in Deutschland – wie in vielen Ländern Europas – ihre Zentrale in Bad Homburg (Leitung: Martin von Gersdorff). LINK in dem Beitrag „Das reaktionäre Christentum der AFD… dort das 5. Kapitel. Ausführlich auch der kritische Bericht „Kreuzritter gegen die Moderne“, LINK

Zu zentralen Themen Proudhons hat die „Société P.-J.Proudhon“ in F- 72320 Courgenard etliche einführende Studien als PDF-Dateien gratis zur Verfügung gestellt. (https://www.proudhon.net/)

Wir empfehlen zum Thema Eigentum: LINK.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin