Der Philosoph Pierre-Joseph Proudhon lehrt den Unterschied
Von Christian Modehn, am 3.Februar 2026.
Angesichts der aktuellen Debatten über soziale Gerechtigkeit und der Mitverantwortung, die viele Milliardäre eigentlich als Mit – Menschen heute haben sollten, lohnt es sich, das sehr umfangreiche und nuancenreiche Werk des Philosophen und Ökonomen Pierre – Joseph Proudhon zu lesen und zu studieren. Proudhon ist einer der ersten im 19. Jahrhunderts, der den absoluten Wert des Privateigentums kritisiert hat … falls dieses Eigentum nicht durch eigene Arbeit erworben wurde.
Hier können nur einige Hinweise gegeben werden, die zur Frage führen sollten: Welche Möglichkeiten gibt es, heutige Milliardäre an ihre Pflichten als Mit – Menschen zu erinnern. Das heißt an ihre menschliche solidarische Verpflichtung, nicht länger zuzusehen, dass viele Millionen Menschen in Elend leben.
1.
Der französische Philosoph und Ökonom Pierre-Joseph Proudhon (1809 – 1865) ist oft nur wegen seiner radikal klingenden These „Eigentum ist Diebstahl“ (in seinem frühen Werk „Was ist Eigentum?“, 1840) bekannt. Diese von ihm inhaltlich begründete These wird wie eine Waffe gegen ihn verwendet von leidenschaftlichen (auch christlichen) Verteidigern „des“ „heiligen“ Eigentums. Für Proudhon ist die soziale Frage identisch mit der Frage: Unter welchen Bedingungen ist Eigentum gerecht, für welches Ziel – um den Egoismus oder die Solidarität zu leben – wird Privateigentum eingesetzt? Sein ganzes Leben hat Proudhon diese Frage bewegt, in seinen zahlreichen Publikationen hat er dazu Stellung genommen und gezeigt, wie im Laufe der Jahre seine Reflexionen zum Thema präziser und deutlicher werden. Gewisse Schwierigkeiten im Verstehen des Begriffs „propriété“ (Eigentum) ergeben sich, weil Proudhon selbst um klare Definitionen gerungen hat.
2.
Auch heute ist die Vorstellung von der Unantastbarkeit, wenn nicht der „Heiligkeit“ des Privateigentums ein allgemeines Dogma in der kapitalistischen Welt: Weil alles der Logik des Marktes unterworfen ist, wird für Privatleute wie für international agierende „Firmen“ alles käuflich und damit zu in Privat – Eigentum: Gesundheit, Arbeit, Wohnen, Wasser, Wald … und zum Spekulationsobjekt.
3.
Die Zahlen sind bekannt: Die internationale Organisation OXFAM hat 2026 publiziert: „Es gibt mehr als 3.000 Milliardäre auf der Welt, und diese Herren verfügen über ein Gesamtvermögen von 18,3 Billionen Dollar.“ Dieses kaum vorstellbare Privateigentum würde ausreichen, um extreme Armut in der Welt bis zu 26-mal zu beseitigen. Das rasante Wachstum des Reichtums der Superreichen entspricht jedoch keinem Fortschritt in der Verringerung der globalen Armut: „Die Armutsbekämpfung ist seit sechs Jahren praktisch unverändert geblieben“, betont Misha Maslennikov, Forscherin und Analystin für öffentliche Ordnung bei Oxfam Italia. Oxfam fordert einen Paradigmenwechsel: die Umstrukturierung und Streichung der Schulden der ärmsten Länder, eine gerechtere Besteuerung auf globaler Ebene und die Einführung eines internationalen Standards für die Besteuerung von Extremvermögen.
Quelle: LINK
4.
In einer Welt, in der die universal geltenden Menschenrechte – wenigstens noch verbal – von den wenigen verbliebenen demokratischen Staaten anerkennt werden, muss die ungleiche Verteilung des Eigentums debattiert werden. Und im Falle von nur monströs bzw. obszön zu nennenden Milliardärs – Eigentum auch aufgehoben werden, so die vernünftige Erkenntnis. Wenn man schon den Begriff „heilig“ in dem Zusammenhang verwenden will: Heilig ist nicht das Milliardeneigentum einzelner, sondern einzig das voll entfaltete Leben aller Menschen in Gerechtigkeit.
Viele politische Schwierigkeiten bereitet die Frage. Wie kann es Enteignungen von Milliardären geben – ohne dabei in kommunistische Gewaltaktionen abzurutschen? Aber die Frage der Enteignungen wird irgendwann auftauchen, wenn der Abstand zwischen dem Ultra- Luxus einiger weniger und dem Elend der meisten unerträglich wird, für die Elenden, die dann, falls noch bei Kräften, schreien: Wir wollen endlich Gerechtigkeit.
5.
Proudhon lehrt: Eigentum, begrenzt für den persönlichen Gebrauch in der Gestaltung des eigenen Lebens, ist selbstverständlich richtig und legitim. Zur freien Entfaltung der einzelnen Menschen kann darauf gar nicht verzichtet werden. Es gilt nur, eine neue Rechtsordnung zu schaffen, die das begrenzte, durch Eigenarbeit erworbene Eigentum sichert und das maßlose Eigentum einzelner, vor allem das monströse Eigentum an Grund und Boden, überwindet. So kommt Proudhon zu seiner Einsicht: Eigentum ist Diebstahl (etwa bei spekulativen Großgrundbesitzern) und Eigentum ist aber auch Freiheit, für die Menschen, die die Arbeit dieses Eigentum erworben haben. Also: Einkommen ohne Arbeit, das „arbeitslose Einkommen“, ist abzulehnen. „Dieser Eigentümer erntet, ohne selbst zu säen”, betont Proudhon.
Der gierige „homo oeconomicus“ (der ganz aufs Ökonomische und den Profit fixierte Mensch) ist ein „Zerrbild der Menschlichkeit, ebenso wie eine Eigentums-Marktgesellschaft, deren öffentliche Räume zerfallen“ (so der Philosoph Helmut Rittstieg, Artikel „Eigentum“, in: Enzyklopädie Philosophie, Band I, S.453).
6.
Proudhon lässt sich in seiner Kritik am Eigentum von der grundlegenden Idee der universalen Gerechtigkeit leiten. Gerechtigkeit steht im Mittelpunkt seiner Argumente. Der katholische Theologe Henri de Lubac hat sich in seiner Studie „Proudhon et le christianisme“ (Paris 1945) mit dieser zentralen Idee Proudhons befasst: „Er war nicht weit davon entfernt, die Gerechtigkeit wie ein sakrales Erlebnis zu deuten und die Gerechtigkeit zu lieben wie eine Person“. Proudhon sagt: „Wir, die wir eine dem Menschen eingegebene, „immanente“ Moral zusprechen, wir, die wir wollen, dass Gleichheit und Gerechtigkeit herrschen, wir sind überhaupt keine Atheisten. Wir setzen die Gottheit nur um“ (Carnets, II, 178). D. h.: Wir setzen also an die Stelle des kirchlichen Gottes die Gerechtigkeit. Ausführlich zu Proudhon und das Christentum: LINK.
7.
Proudhon kannte die katholische Kirche und die Theologie seiner Zeit sehr genau. Und er wusste, wie sehr die Kirche das Privateigentum gerade der Reichen verteidigt. Die Kirchen sind ideologische Stützen der bourgeoisen Fixierung auf das „heilige Privateigentum“.
7.
Wenn also Eigentum unter dem Maßstab universaler Gerechtigkeit steht, muss also das Eigentum verteilt werden. Das Eigentum an Grund und Boden muss in der Verfügung der staatlichen Gemeinden bleiben, die den Grund und Boden befristet den Pächtern übergeben.
Proudhon setzt im Unterschied zu den Marxisten-Kommunisten auf radikale Reformen, und dabei sucht er nach alternativen Konzepten. Wer die Produktionsmittel besitzt, soll dann nur über so viel Eigentum verfügen, wie er selbst für sich bzw. seine Familie braucht. 1849 gründete er eine „Banque Populaire“, also eine „Volksbank“, sie sollte zinslose Kredite an Arbeiter gewähren.
Ab 1851 leitet Proudhon diese Erkenntnis: „„So nimmt der Philosoph aus Besançon ab 1851 eine viel positivere Haltung gegenüber dem Eigentum ein, es handelt sich um ein geläutertes Eigentum, das heißt, im Gegensatz zum kapitalistischen Eigentum führt es nicht mehr zur Ausbeutung des Menschen durch den Menschen. Diese neue Art von Eigentum zeichnet sich zunächst dadurch aus, dass es untrennbar mit der Arbeit verbunden ist und dadurch eine soziale Dimension erhält, denn wie er seit 1840 betont, ist die Arbeit der Ursprung einer kollektiven Kraft, die von Natur aus allen Produzenten gehört. Das Eigentum nach Proudhon ist also niemals vollständig privat, sondern wird von der Gesellschaft geregelt und hat einen vertraglichen Charakter gegenüber der Gemeinschaft, der auf der Ebene der ländlichen Gemeinde oder der Arbeiterproduktionsgenossenschaft ausgeübt wird.“ Quelle: LINK.
8.
Es wäre wichtig, weiter zu zeigen, wie die von Philosophen, Sozialisten, Anarchisten und Kommunisten angestoßenen Debatten über das Privateigentum auch bescheidene lehramtliche Veränderungen in der katholischen Kirche bewirkt haben. Da wird gelegentlich das Gemeinwohl über das Recht auf Privateigentum gestellt, so formuliert im § 2403 des offiziellen katholischen Katechismus von 1993. Im § 2406 heißt es aber noch sehr allgemein und vorsichtig: „Die staatliche Gewalt hat das Recht und die Pflicht, zugunsten des Gemeinwohls die rechtmäßige Ausübung des Eigentumsrechtes zu regeln“… Wohlgemerkt: Es geht um rechtmäßige Ausübung, nicht um gerechte Ausübung des Eigentumsrechtes!
9.
In dem (noch bis ca. 1960 in der Priesterausbildung üblichen) „Handbuch katholische Moraltheologie“ des Kapuzinerpaters Heribert Jone (15. Auflage 1953) unter Verweis auf das Naturrecht der „gemeinsame Besitz der irdischen Glücksgüter viele Unzuträglichkeiten“ nach sich ziehen würde (S. 204). Und weiter heißt es dann: „Demnach sind die Lehren …der Sozialisten und Kommunisten falsch“. Aber immerhin schreibt Jone in seinem Handbuch: „Nur in äußerster Not darf sich jedermann etwas von den Gütern des anderen aneignen“! (ebd.). Dies gilt nur in „äußerster Not“, nicht etwa allgemein schon in schwerer Not“, wie in § 331 betont wird….Jedoch: “Güter von geringem Wert aber dürfe sich ein Armer aneignen, wenn er sich so leicht aus schwerer Not erretten könnte und auf Bitten nichts erhalten würde“. Wenn aber sehr viele Arme sich Güter aneignen, dann könnte ja vielleicht eine kleine Revolution passieren oder? Daran denkt der Autor, der Kapuzinerpater Jone, nicht.
10.
Es gibt darüber hinaus reaktionäre katholische Kreise, die sich unter dem Titel der internationalen „Bewegung für Tradition, Familie, Privateigentum“ zusammenfinden, diese Werte sollen als Spitze der katholischen Moral gelten! So wollen es die Groß-Bourgeoisie, der Adel und ihre ergebenen, gut bezahlten Theologen-Ideologen. Diese Bewegung wurde von dem Brasilianer Plinio Correa de Oliveira begründet, sie hat in Deutschland – wie in vielen Ländern Europas – ihre Zentrale in Bad Homburg (Leitung: Martin von Gersdorff). LINK in dem Beitrag „Das reaktionäre Christentum der AFD… dort das 5. Kapitel. Ausführlich auch der kritische Bericht „Kreuzritter gegen die Moderne“, LINK
Zu zentralen Themen Proudhons hat die „Société P.-J.Proudhon“ in F- 72320 Courgenard etliche einführende Studien als PDF-Dateien gratis zur Verfügung gestellt. (https://www.proudhon.net/)
Wir empfehlen zum Thema Eigentum: LINK.
Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin
