Ein Hinweis von Christian Modehn am 7. August 2026
1.
Die Volksweisheit „Die Hoffnung stirbt zuletzt“ sagt die Wahrheit: Stirbt die Hoffnung, dann stirbt die Seele, stirbt der Geist, stirbt der Körper, stirbt die Welt .. etwa beim nächsten Atomschlag oder der großen Klimakatastrophe oder der total unbeherrschbar gewordenen KI und deren Roboter. „Lasst alle Hoffnung fahren“, so die Inschrift auf dem „Tor der Hölle“ in Dantes „Göttliche Komödie“.
2.
Hoffnungslosigkeit und Höllenangst werden heute eher selten als Einheit gedacht, eher schon Hoffnungslosigkeit und Sinnlosigkeit oder Hoffnungslosigkeit und Nihilismus.
3.
Aber wir sind der Hoffnungslosigkeit nicht total ausgeliefert: Ein kleiner Hoffnungsschimmer zeigt sich: Wenn man sich nämlich der französischen Sprache zuwendet: Im Französischen gibt es zwei Worte für Hoffnung: Espoir und espérance. Und das Hoffnungsvolle ist: Beide Worte meinen unterschiedliche Inhalte. Man lerne also auch in Deutschland, angesichts der genannten Volksweisheit, Hoffnung differenzierter zu verstehen.
4.
Zunächst zum französischen Wort espoir: Es bezieht sich auf eine Hoffnung, die der unmittelbaren Zukunft gilt: Ich hoffe, dass heute mein Zug wieder so pünktlich abfährt wie gestern. Ich hoffe, dass der Arzt morgen wieder arbeitet. Ich hoffe, es gibt keinen Streit, wenn morgen diese Gäste kommen….Espoir bezieht sich auf eine greifbare, auch planbare Zukunft. Niemand würde aber espoir verwenden, wenn er bei der Hochzeitsfeier sagt: Ich habe die Hoffnung, dass meine Ehe sehr viele Jahre glücklich sein möge.
5.
Espérance meint als Hoffnung die große Weite auch einer fernen Zukunft oder auch der unergründlichen Tiefe des Lebens: Religiöse Menschen haben die espérance, dass mit dem Tod nicht alles aus ist… Und die hoffentlich langdauerende Lebenserwartung wird „espérance de vie“ genannt. Wenn eine Mutter über ihr Kind sagt: Ich setze in mein Kind alle Hoffnung, dann verwendet sie espérance. Und wenn von den drei, nicht nur christlichen, sondern allgemein menschlichen Tugenden Glaube, Hoffnung und Liebe die Rede ist, dann ist Hoffnung selbstverständlich espérance.
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Warum diese „Wort – Analyse? Weil sie uns anregen kann, differenzierter zu denken: Wenn Hoffnung als letztes stirbt, wie die „Volksweisheit“ sagt, dann muss gefragt werden: Welche Hoffnung stirbt denn? Die Alltagshoffnung, als auf Französisch espoir? Oder die weite Hoffnung, die eine Lebensenergie ist, die espérance?
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Die Alltagshoffnung espoir kann durchaus sterben: Wenn unsere praktischen Vorhaben scheitern; wenn ein Streik uns die Hoffnung auf einen schönen Urlaub nimmt. Diese Alltagshoffnung hat aber oft nur einen kurzen Tod, dann lebt sie wieder auf. Zur Auferstehung der Hoffnung als espoir sorgt sicher auch die wirkmächtige Lebensenergie, also die espérance als Hoffnung auf ein gutes Gelingen des ganzen Lebens, die Hoffnung, dass sich die Vernunft langfristig durchsetzt gegen allen Wahn, etwa des Rechtsextremismus und der Ignoranz gegenüber Klima – Katastrophen usw..
8.
Aber die espérance, diese Hoffnung, die in die tiefe Weite des ganzen Lebens führt, kann sie auch sterben? Also die Hoffnung, dass wir uns von einem erfreulichen, letztlich aber nicht ganz durchschaubaren Lebenssinn „getragen“ wissen können und durch ihn leben? Kann sie auch sterben? Die espérance – Hoffnung weist ins Metaphysische, in die Hoffnung, trotz aller Krisen und Katastrophen dieser Welt in einer kaum zu ergründenden, sicher dann (sprachlich etwas hilflos ) „göttlich“ zu nennenden Geborgenheit zu leben. Also gerade nicht „metaphysisch obdachlos“ zu sein, wie Jürgen Habermas einst sagte.
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Kann also auch diese espérance – Hoffnung sterben? Sie kann stillgelegt werden, wenn wir selbst unter Hoffnung nur noch espoir verstehen und entsprechend begrenzt leben, uns im Alltäglich – Technischen total aufhalten und verlieren.
Diese Hoffnung kann auch stillgelegt werden von den Verbrechern in der Politik, den Diktatoren und Kriegsherren, sie kann stillgelegt vom egoistischen Wahn der Multimilliardäre, dem Wahn derer, die den Klimawandel leugnen…Diese Leute sind die Meister des Nihilismus, den sie durchsetzen wollen. Aber sie können diese Hoffnung nicht endgültig auslöschen, denn sie ist etwas Ewiges im Menschen, wie Philosophen sagen, sie ist eine Lebensenergie, als eine Gabe der Schöpfung oder gewagter gesagt, als Gabe einer schöpferischen Kraft „des Ewigen“ zu verstehen. Überall, wo Widerstand der Demokraten, der Humanisten geleistet wird, lebt diese espérance.
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Wann stirbt die espérance – Hoffnung ? Wenn der Mensch stirbt.
Und wer den Tod als noch Überlebender betrachtet, als metaphysisch noch interessierter Mensch, der weiß wegen der espérance: Ob mit dem Tod alles vorbei ist, ist philosophisch eine offene Frage. Die Engländer haben die treffende Weisheit: „Hope springs eternal.“ Das heißt: „Hoffnung währet ewig.“
Die LeserInnen wissen hier: Wir im Religionsphilosophischen Salon Berlin halten eine vernünftige moderne Metaphysik für möglich … und nötig. Dazu haben wir etliche Beiträge geschrieben, etwa zu Kants Vernunftreligion. LINK
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Ich hoffe nicht, dass sich kluge Romanisten melden und mich über die neueste Sprach – Praxis in Frankreich belehren und sagen: „Die Leute dort sind jetzt dermaßen mit espoir befasst, also mit der begrenzen Alltagshoffnung, dass espérance leider immer mehr in Vergessenheit gerät.“ Mag ja sein, etwa angesichts der Klima – Katastrophen in der Umgebung von Bordeaux, da war die espoir, das Hoffen auf ein besseres Morgen, wichtig. Aber ganz ist die espérance dabei nicht untergegangen: „Es wird schon irgendwann wieder besser für uns“, sagt Menschen, denen die espérance wichtig ist.
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Aber unwahrscheinlich wäre diese Entwicklung nicht, wenn sich immer mehr nur auf die kurzfristige espoir fixieren. Immer mehr Menschen leben heute „metaphysisch obdachlos“, mauern sich in diese „Obdachlosigkeit“ ein, leben ohne espérance.
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Wir meinen etwas mutig, aber begründet: Kein Mensch kann die espérance auslöschen! Sie hat etwas Göttliches, ist etwas Göttliches, das wissen auch die Poeten und Künstler und Musiker und Engagierten in den humanistischen NGOs. Genauso wie die Philosophen und … alle Liebenden.
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Uns bleiben nur die vernünftigen Versuche zu zeigen, dass diese espérance nie vergessen wird und auch in allen anderen Sprachen respektiert wird.
Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.
