Marine Le Pen, Front National, und ihre ideologische Basis.

Ein Hinweis von Christian Modehn, veröffentlicht am 12. 4. 2017

Marine Le Pen, Präsidentschaftskandidatin des Front National (FN), will nach außen zeigen, dass ihre Partei, ganz normal ist. Sie lobt die Republik, nach außen, verteidigt die laicité, also die Trennung von Religionen und Staat, aber nur, um damit ein Argument zu haben, gegen „die“ angeblich insgesamt republikfeindlichen Muslime in Frankreich vorzugehen. Dabei vergisst sie, dass die laicité als Gesetz (von 1904) gerade die friedliche Pluralität aller in Frankreich vertretenen Religionen innerhalb der religiös-neutralen Republik ermöglicht. Diesen demokratischen, Frieden – stiftenden Charakter der laicité kennt Madame Le Pen nicht oder er passt nicht in ihre Ideologie.

Und das Schlimme ist: Die Wähler glauben Marine Le Pens Sprüche von der angeblichen Normalität ihrer Partei und bekennen sich jetzt offen als Front National Wähler. Dieser Bekennermut war früher nicht so üblich: Man wählte die rechtsextreme FN, schämte sich aber meist, dies offen zuzugeben. Zwischen Demokraten und Le Pen-Fans wird der Dialog immer schwieriger. Es gibt Gesprächsblockaden.

Der Religionsphilosophische Salon Berlin ist, wie bekannt, auch der Religionskritik verbunden, der philosophisch reflektierten Kritik der Religionen. Dazu gehört, den wirklichen, oft verschwiegenen philosophischen und religiösen Hintergrund der politischen Parteien freizulegen.

Diese Hinweise sind nur eine Aufforderung, die tatsächliche Ideologie des Front National (FN) noch weiter und umfassender zu studieren, diese Ideologie wird eher selten in den aktuellen Berichten, zumal in Deutschland, ausführlich genug erwähnt. Diese Ideologie ist inzwischen international „angekommen“. Auch deswegen ist die Beschäftigung mit dieser stets – von den Wählerzahlen her gesehen – wachsenden Partei wichtig.

1.

Welche Ideologie steckt im Kopf der Marine Le Pen? Diese Frage stellt der Pariser Philosoph Michel Eltchaninoff in seinem neuen empfehlenswerten Buch (Januar 2017) mit dem Titel „Dans la tete de Marine Le Pen“, Edition Solin/Actes Sud, 19 €.

Ich beziehe mich auf einige zentrale Aussagen dieses Essays. Auf Seite 12 betont der Autor, Chefredakteur der angesehenen Pariser Monatszeitschrift „Philosophie Magazine“: „Marine Le Pen ist keine Intellektuelle“ (Übersetzungen von Christian Modehn).

Um die intellektuelle Hebung ihres Niveaus kümmert sich seit 2010 Paul-Marie Couteux (Seite 14), der Madame Le Pen eine ganze Liste von Büchern zur Lektüre nahe legte, darunter Michel Houellebecq, der „die Moderne als Form der Langeweile beschreibt und den Relativismus“; der Le Pen –Lehrer empfiehlt ihr „die Lektüre des rechtsextremen Theoretikers Denkens Renaud Camus“. Er behauptete – eine in FN Kreisen heute verbreitete These – die muslimischen Einwanderer würden Frankreich erobern…

Inzwischen kann Le Pen in ihren Reden mit kurzen Zitaten von zumeist französischen (!) Literaten, Künstlern und Philosophen glänzen (S. 59). Sie nennt sogar den Widerstandskämpfer René Char oder den Schriftsteller Jean Cocteau oder den eher linken Historiker Marc Bloch oder die Katholiken René Girard oder Charles Péguy. Alle diese Zitate und Sätzchen sollen Eindruck hinterlassen…Dann werden die Zitate zu einem „Eintopf“ verrührt, der nur einen Geschmack haben darf: Frankreich muss wieder an erster Stelle, natürlich nur für alle echten Franzosen stehen. Und die Rechte der Flüchtlinge und Muslime müssen weitestgehend eingeschränkt werden. Sie gehören, so sagt se ironisch-freundlich, in ihre Heimat, also nach Syrien, nach Afrika usw… Schließlich: Die EU muss überwunden werden und die Nationen müssen sich an Russland und Monsieur Putin halten, den – auch für den FN – „finanziell Großzügigen“ und den Nationalisten. Über allem steht die Behauptung: Frankreichs Wurzeln seien christlich. Und das kommt gut an in bestimmten katholischen Kreisen.

Interessant und wichtig ist, dass Michel Eltchaninoff in seinem Buch auf die Nähe Marine Le Pens nicht nur zu Putin, sondern auch zum Führer der russischen Rechts-Extremen und oft Faschisten genannten Alexander Dougin hinweist: „Man weiß, dass Alexander Dugin regelmäßig nach Frankreich kommt und dass er in Kontakt steht mit einigen Mitgliedern des Front National. Es ist sehr wahrscheinlich, dass die Schreiber der Reden von Marine Le Pen die französischen Übersetzungen von Dugins Werken kennen“ (S. 85 f.).

2.

Auf die – schon seit 1968 offiziell schon bestehende „philosophische Schule“ „La Nouvelle Droite“ – macht Eltchaninoff aufmerksam: Dort sammeln sich meist sehr rechtslastige Autoren, vor allem in der „Forschungsgruppe“ GRECE (d.h.; “Groupement de recherche et d études pour la civilisation européene). In ihren zahlreichen Publikationen treten die GRECE Leute für das Heidentum (Paganisme) ein, und damit gegen den Monotheismus und somit für die große Ungleichheit unter den Menschen. Diese Differenz verstehen sie als Unterschied zwischen wertvollen und weniger wertvollen Menschen usw. Leute aus dem Umfeld von GRECE haben Marine Le Pen „den Unterbau, den Sockel, ihrer Reden geliefert“, so Eltchaninoff (S. 89). „Wenn der FN eines Tages zur Macht kommt, „schuldet er den Sieg zum Teil auch der neuen rechten Philosophie im Verein GRECE“ (S.88).

Nebenbei: Ich habe schon im Mai und Juni 1982 in zwei Artikeln für die Züricher Kultur-Zeitschrift ORIENTIERUNG (herausgegeben von dortigen Jesuiten,) auf die vielfältigen Dimensionen der „neuen Rechte“ und GRECE aufmerksam gemacht, man kann die Beiträge noch nachzulesen:

http://www.orientierung.ch/pdf/1982/JG%2046_HEFT%2010_DATUM%2019820531.PDF

und:

http://www.orientierung.ch/pdf/1982/JG%2046_HEFT%2011_DATUM%2019820615.PDF

 

3.

Die ideologische Bindung an die „neue rechte Philosophie“ im Club GRECE hat Marine Le Pen von ihrem Vater förmlich übernommen. Ob sie sich, als Parteiführerin, von ihrem Vater, dem FN Parteigründer, jetzt nur aus taktischen Gründen, nur nach außen hin absetzt, wäre eine weitere Frage, die hier nicht weiter verfolgt werden kann.

Jedenfalls kannte Jean Marie Le Pen schon 1979 die Ideologie der Neuen Rechten. In einem Interview in dem Buch „La droite aujourd hui“ (erschienen 1979 bei Albin Michel) herausgegeben von Jean-Pierre Apparu, dort auf den Seiten 173-181, spielt er auf Thesen an, die aus diesen GRECE-Kreisen stammen: „Das Recht des Menschen stammt aus seiner Zugehörigkeit zu einer (biologischen) Gruppe, die fähig ist, ihn zu respektieren. Der Mensch kommt ganz überwiegend aus einer Kette, einer Abstammung, einer Generation, das zählt…“, sagte Jean Marie Le Pen. (S. 175). „Die Einwanderung erscheint uns als eine von beträchtlichen Gefahren, denen man begegnen muss, nicht nur in Frankreich, sondern in Europa… Wenn wir nicht eine mutige Politik der Geburtenförderung hier im Westen machen, werden die westlichen Völker überrollt von der sich ergießenden Woge des, so sagt le Pen, „Demographismus“ (also, übersetzt der Geburtenfreudigkeit, CM) aus Asien und Afrika“ (S. 178)… „Das ist nicht negativ gemeint, aber es ist mein Recht einer legitimen Verteidigung zu sagen, dass auch die Europäer und die Franzosen ein Recht haben zu existieren“ (ebd).

Man sieht: Diese ungeheuerliche Aufbauschung des angeblichen Untergangs der alten europäischen Kultur, verursacht durch so genannte Horden und Wellen von islamischen Immigranten, was für eine Sprache, gibt es seit den frühen Zeiten des FN…. und diese Reden haben sich als Kontinuum bis jetzt – leider sogar in manchen Kreisen auch in Deutschland – durchgehalten.

Diese Polemik wird heute von allen rechtsextremen und sogar bürgerlich-rechten, sich christlich nennenden Parteien (CSU etwa, schlimmer noch Orban, Ungarn und den meisten EU Politiker etwa im katholischen Polen) vorgebracht, als Argument gegen die Flüchtlinge und gegen die Ausländer und gegen die Muslime: Es ist dies eine extreme Form nationalen Egoismus der Regierungen, die damit nur auf den Egoismus der meisten Bürger antworten … Die jetzige Parteiführerin des FN, Marine Le Pen, ist in dieser Ideologie groß geworden. Sie denkt so wie ihr Vater, aber sie sagt es oft nicht so scharf. Sie will die Leute täuschen, indem sie sich als gute französische Patriotin, als Frau aus dem Volk, präsentiert.

4.

Auf die sich philosophisch nennende Bewegung „La Nouvelle Droite“, Neue Rechte ,und ihre Beziehung zu rechtsextremen Parteien wie dem FN hat auch schon 1983 der Politologe Jean-Christian Petitfils in seinem Buch „L extrème Droite en France“ (in der Buch Reihe „Que sais-je?), Presses Universitaires de France, aufmerksam gemacht (S. 113 ff). Petitfils nennt drei zentrale Themen der Neuen Rechten, also noch einmal

a) Die Verunglimpfung der Egalität, der Gleichheit der Menschen. Gegen die Egalité hat sich die Neue Rechte sehr früh ausgesprochen. Alain de Benoist sagte sogar 1979: „Es ist doch ungerecht, dass alle Menschen eine Seele haben“. Hat er, de Benoist, eine Seele, fragten manche Kritiker. De Benoist behauptete dies in seiner Liebe zur Biologie, die ja auch heute als Ideologie missbraucht wird: Weil doch „die“ Biologie zeige, wie unterschiedlich alle Menschen schon genetisch sind, deswegen sind sie auch sozial und politisch von verschiedenem Wert…Das nennt man Logik.

b) Die Zurückweisung der christlichen und marxistischen Utopien. Christlich und marxistisch wird von der Nouvelle Droite oft als ein und dasselbe Denken verstanden und selbstverständlich bekämpft.

c) Die Entdeckung der indo-europäischen Vergangenheit. Dabei wird die Christianisierung Europas als ein besonders unheilvolles Ereignis der Geschichte gedeutet…

5.

Die katholischen Traditionalisten haben stets eine enge Verbindung mit dem FN gehabt, also mit den Kreisen, die sich seit 1965 um Erzbischof Marcel Lefèbvre sammeln; sie spielen in Frankreich eine große Rolle mit Gemeinden im ganzen Land, Klöstern Schulen und eben auch offiziell römisch-katholischen Klöstern, die aber de facto die reaktionäre Theologie und Ideologie der von Rom abgetrennten Traditionalisten vertreten dürfen, man denke an das Benediktiner – Kloster Le Barroux bei Avignon. Und das ist das zentrale Problem, wenn nicht der Skandal für die römische Kirche: Mit diesen reaktionären, zum Teil faschistischen Kreisen hat sich Papst Benedikt XVI. unbedingt versöhnen wollen und auch die ersten Schritte der Versöhnung getan, das ist bekannt. Nur einige Hinweise:

Die Priester aus der traditionalistischen Bruderschaft Sankt Pius X. feiern mit dem FN selbstverständlich gemeinsam Gottesdienste, etwa zu Ehren von der Heiligen Jeanne d Arc. Die einzige Tageszeitung des FN, das Blättchen Présent, wird von katholischen FN Leuten herausgegeben. Marine Le Pen berichtet, ihre Kinder seien in der wichtigsten Kirche der Pius-Brüder in Paris, also in Saint Nicolas du Chardonnet im 5. Arrondissement, getauft worden, also ist diese Traditionalisten Kirche sozusagen Marine Le Pens „Pfarrkirche“.

Dabei muss daran erinnert werden, dass diese große Kirche seit Sonntag, dem 27. 2. 1977, von den Traditionalisten besetzt ist. D.h. diese reaktionären Priester haben an dem Sonntag diese Kirche einfach der römisch-katholischen Gemeinde weggenommen. Und die Justiz hat diesen „Raub“ zwar verurteilt, aber die Pariser Polizei hat sich niemals bemüht, die Kirche von den katholischen Rechts-Extremen zu räumen. So konnten die Traditionalisten kürzlich stolz den 40. Jahrestag ihrer Kirchenbesetzung feiern, also Leute, die sonst so auf Rechtmäßigkeit und Treue zu alten Gesetzen Wert legen, haben sich ungeniert als Revoluzzer verhalten.

Die Pariser Tageszeitung Libération hat schon 2012 diese verwickelten politischen Umstände dokumentiert, dabei spielt auch der damalige Pariser Bürgermeister Jacques Chirac und seine fromme Gattin Bernadette eine entscheidende Rolle… Siehe also: http://www.liberation.fr/societe/2012/05/11/saint-nicolas-du-chardonnet-avec-foi-mais-sans-loi_818169).

6.

Der Front National hat sich in Frankreich etabliert, er ist eine große Gefahr nicht für die Weiterentwicklung der Demokratie in Frankreich, sondern für Europa. Madame Le Pen hat sich, wie gesagt, mit Putin verbandelt, auch aus finanziellen Gründen….um die EU zu zerstören. Dass Nationalismus stets Krieg bedeutet, hat Madame Le Pen offenbar nie gehört…

Europa befindet sich in einem Zustand der Regression, wie der kluge Buchtitel jetzt aus dem Suhrkamp Verlag („Die große Regression. Eine internationale Debatte über die geistige Situation der Zeit“) heißt. Europa will durch die Zustimmung zu den dummen, reaktionären Parteien nicht erwachsen werden. Und breite Kreise des Katholizismus, direkt oder indirekt die Kreise um Joseph Ratzinger/Benedikt XVI. unterstützen diesen Weg ins Verderben: Es ist an die 30 % der katholischen Franzosen zu denken, die laut Umfragen fest entschlossen sind, im April /und im Mai 2017/ zu wählen. Die Bischöfe nennen das Problem nicht beim Namen. Sie haben Angst. Ihr Ruf ist ohnehin sehr angeschlagen im Jahr 2017. Ernsthafte Menschen, darunter Katholiken, zweifeln an deren authentischer Rede, nach all den vielen Skandalen zum sexuellen Missbrauch, in dem auch französische Bischöfe sehr involviert sind, wie Kardinal Philippe Barbarin, Lyon, oder wohl auch Bischof Hervé Gaschignard, vom Bistum Aure et Dax… Die Katholische Kirche, so scheint es, ist jedenfalls keine starke Kraft gegen den FN. Und die Intellektuellen schweigen…

Marine Le Pen, Front National, und ihre ideologische Basis

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Außer den genannten Büchern ist noch empfehlenswert die sehr faktenreiche historische Studie von Valérie Igounet, „Le Front National. De 1972 (Gründung des FN) à nos jours. Le Parti. Les Hommes.Les Idées“. Erschienen bei Seuil, Paris, im Juni 2014, 496 Seiten. 24 Euro.

Martin Heideggers Briefe von 1930 bis 1949 an seinen Bruder Fritz: Viel Nebel und wenig Licht

Ein Buch Hinweis von Christian Modehn

Eine kritische Gesamtausgabe der Werke Martin Heideggers liegt noch immer nicht vor. Die bisher erschienen Bücher nennen sich bloß „Gesamtausgabe“, betreut und redigiert von getreuen Heidegger – Freunden und – Deutern. Auch die kürzlich bei Herder – der bisher nicht als „Heidegger-Verlag“ bekannt wurde – publizierten Briefe von Martin an seinen Bruder Fritz und die wenigen (!) Briefe von Fritz an Martin Heidegger aus den Jahren 1930 bis 1949 sind nur eine Auswahl; jeder Brief weist intern noch viele Kürzungen auf. Wem ist damit gedient? Was da weggelassen wurde, bleibt im Nebel. So hat dieses Buch im Blick auf die veröffentlichten Briefe etwas „Gönnerisches“, von den Erben ausgewählt. Erstaunlich ist aber, dass doch eher nicht so relevante Mitteilungen in den Briefen, wie etwa die ständigen Gratulationen zu den jeweiligen Namenstagen der Brüder, nicht weggelassen wurden. Offenbar soll durch die häufigen Namentags-Gratulationen irgendwie noch ein katholischer traditioneller Restbestand bei Bruder Martin herausgestellt werden, der sich auch abermals in den Briefen an Bruder Fritz als jenseits des Katholischen/Christlichen offenbart. Ständig spricht auch der Philosoph von der Sorge um seine „Kisten“ (also eigene Bücher- und Manuskript-Kisten), die doch bitte schön irgendwo gut versteckt und vergraben werden sollen – angesichts der Bombardements. Von den verfolgten Juden, die sich kaum noch verstecken konnten, ist hingegen an keiner Stelle des Briefswechsels die Rede. Mitfühlende Äußerungen wurden von den Herausgebern gewiss nicht weggelassen. Denn solche Worte hätten ja wenigstens ansatzweise einen menschlich-mitfühlenden Heidegger gezeigt. War er aber nicht! Stattdessen wird die maßlose, durchaus in Lächerliche gehende Selbsteinschätzung Martin Heideggers erneut dokumentiert. So schreibt er am 10. Mai 1944, er müsse „hinauf“ in die Hütte von Todtnauberg. Denn er spüre, dass das Seyn (!) ihm etwas zu sagen habe: „Ich fühle das Erwachen eines Denkens, dem ich mich jetzt einfach hinhalte, umweht von einem weither kommenden Atem der Geschichte des Seyns (sic)..“. Die Menschen sterben, Soldaten erfrieren, Juden werden vergast, und Heidegger „hält sich dem Seyn hin“ und fühlt sich „umweht“…. Dann folgt die maßlose Überhöhung seiner eigenen Rolle: „Zumal ist dies: dass durch einen einzigen Menschen das Geheimnis spricht und in mir die Kühnheit des Denkens dem entgegenkommt und es befreien darf ins klare Wort“ (S. 101). Ob diese Worte Heideggers klar sind und jemals, von ihm angeblich klar gewünscht, auch klar sein sollten, darf wie so oft bezweifelt werden; wichtiger ist hier, dass sich Heidegger eine geradezu prophetische Rolle zuspricht und anmaßt („durch einen einzigen Menschen spricht das Geheimnis“, also das göttliche Geheimnis CM…Also durch ihn, Heidegger, kommt förmlich die Erlösung durch die und als die Seyns-Hörigkeit. Das heißt: Folgen wir bitte Heideggers Offenbarungen des Seyns, auch Schickungen genannt….

Während in den ersten Wochen des Jahres 1944 Bomben auf Berlin fallen und Frankfurt am Main zu der Zeit zerstört wird, von dem Gemetzel in Russland ganz zu schweigen, was Heidegger doch wenigstens ansatzweise wusste, da schreibt der egozentrische Philosoph in dem gleichen Brief an Bruder Fritz: “Ich muss hinauf (zur Hütte in Todtnauberg, CM), um zu danken, dass alles gut geworden und dem Schönen erst zu öffnen sich langsam und verborgen anschickt“… (So schreibt Heidegger, kein Tippfehler meinerseits dabei). In einem Brief vom 11. November 1944 schreibt Martin an Bruder Fritz gar, wörtlich von „Erleuchtung“, die ihm zuteil wurde bei einer Entscheidung hinsichtlich seiner Vorlesungen in Freiburg (die fast alle seinem neuen „Führer“, dem Dichter Hölderlin, als dem „Deutschen“, gewidmet sind). Das Wort „Erleuchtung“ ist nicht ironisch gemeint bei Heidegger.

Dieses kleine Zitat Beispiel zeigt, wie viel tatsächlich differenzierte und genaue Text-Analyse in dem genannten Buch des Herder-Verlages notwendig gewesen wäre. Aber die 22 Beiträge (die ja nach meinem Eindruck vor allem auch wegen der Veröffentlichung der bislang unbekannten Briefe verfasst wurden, nur das macht ja Sinn für ein weiteres „Sammelwerk“) zeigen nur selten einen tieferen Bezug zu den Briefen. Bruno Pieger bietet sogar auf 28 Seiten einen so genannten „Kommentar zur Briefauswahl“. Diese Erläuterungen bleiben aber sehr dürftig und erklären nicht, warum, nur ein Beispiel, Heideggers Sohn Hermann sich in Theresienstadt aufhält „und dort das soldatische Leben der aktiven Truppe vermisst“ (S. 65, ein Brief an „Bruder Fritz, Liesel und die lieben Buben“ vom 3. Juli 1940). Kein Wort von Herrn Piegel, was denn Sohn Hermann in Theresienstadt machte…

Man ist etwas erstaunt, dass Rabbiner Walter Homolka, Potsdam, als Mitherausgeber gewonnen wurde. Meines Wissens trat er als Heidegger Forscher bisher leider nicht so deutlich hervor. Man könnte etwas zynisch werden und meinen, für die Heidegger-Freunde (und den Verlag) tut eben ein prominenter Rabbiner gut – gerade nach der Publikation der explizit antisemitischen „Schwarzen Hefte“ Heideggers –, vielleicht gelingt es einem Rabbiner, den Denker aus dem Schwarzwald wieder in die bessere Gesellschaft zu heben. Und Arnulf Heidegger, Rechtsanwalt, ist als Enkel Martin Heideggers und als Nachlassverwalter der weitere Mitherausgeber. Die Familie also prägt doch noch das Publikationsgeschehen – wenigstens in einem katholischen Verlag! Und kein Geringerer als Manuel Herder, Chef des großen Herder-Unternehmens, stellt dem neuen 1. Vorsitzenden der Heidegger Gesellschaft, Harald Seubert, vier Fragen über „Heidegger heute“. Harald Seubert ist etlichen nicht nur als Philosoph so ein bisschen bekannt, sondern auch als Interview-Partner der sehr rechtslastigen Wochenzeitung „Junge Freiheit“, etwa am 5. Dezember 2008. Auch eines seiner Bücher wurde am 18.9.2015 vorgestellt; da schreibt die Junge Freiheit über Seubert: “Skeptisch ist der Verfasser gegenüber einem verbreiteten unkritischen Verständnis von „Demokratie“ als der besten aller möglichen politischen Welten…“ Der Studentische Konvent der Universität Bamberg veröffentlichte Mitte Dezember 2012 diese Pressemitteilung über Seubert: „Am 15. Dezember 2012 sprach der als Dozent an der Universität Bamberg tätige Harald Seubert nach Informationen der „Antifaschistischen Informations-, Dokumentations- und Archivstelle München e.V.“ auf dem Thomastag der „regionalen Angehörigen des ultrarechten Dachverbands ‚Deutsche Burschenschaft ‘“ in der „Thomaskneipe“ in Nürnberg.“ Auch am 10. Februar 2015 erwähnte die „Junge Freiheit“ Seubert positiv usw…Zumindest wird deutlich: In eher etwas links angehauchten Kreisen ist die Heidegger-Forschung und Heidegger Publikation auch heute nun wirklich nicht beheimatet. „Das Seyn spricht rechts, könnte man Heidegger nachträglich zuflüstern…

In dem Herder-Buch gesteht Seubert „mit einem gewissen Recht“ (S. 351) die Berechtigung der Kritik an Heidegger großzügigerweise zu. Der Familienstreit im Hause Heidegger wird aber von Seubert angesprochen, wenn er die Deutungen der Heidegger-Forscher Trawny oder Mehring für „aufgeblasen“ (S. 348) hält. Mit anderen Worten: Eine etwas kritische Deutung durch die Heidegger Familie und die mit ihr eng verbundene Heidegger Gesellschaft (also Seubert) schließt nicht aus, dass weiter heftig polemisiert wird. Und man ist beinahe etwas enttäuscht, dass nicht auch Friedrich Wilhelm von Herrmann, der vielseitige Herausgeber und engste Heidegger-Vertraute, zu Wort kommt. Und uns vor allem erklärt, warum er lang und breit ein wohlwollendes Fernseh-Interview mit dem rechtsextremen Russen Alexander Dugin (er war Co-Vorsitzender der mittlerweile verbotenen Nationalbolschewistischen Partei Russlands) zwei Stunden lang führen wollte. So rückt Heidegger abermals ins rechte und sehr rechte Spektrum…

Aber solche politischen Merkwürdigkeiten, wenn nicht Skandale, freizulegen meidet der Sammelband. Genauso wertvoll wäre es gewesen, noch einmal Prof. Günter Figal zu befragen, den bekannten und geschätzten Philosophen aus Freiburg i.Br., warum er sich denn aus der „Heidegger-Gesellschaft“ nach vielen Jahren höchst-verantwortlicher Mitarbeit zurückgezogen hat…

So haben wir es also mit dem Buch „Heidegger und der Antisemitismus“ mit besonders interessanten Brief-Fragmenten zu tun, die für die künftige Heidegger Interpretation doch etwas aufschlussreich sein werden. Der Untertitel heißt „Positionen im Widerstreit“: Tatsächlich äußern sich verschiedene kompetente Heidegger-Deuter. Vor allem den Beitrag Micha Brumliks möchte ich da ausdrücklich empfehlen: Er hat die hier auf ca. 130 Seiten publizierten Briefe gelesen und setzt sich mit ihnen in dem hervorragenden Beitrag „Die Alltäglichkeit des Judenhasses – Heideggers Verfallenheit an den Antisemitismus“ (Seite 202 bis 211) auseinander. Auch Donatella Di Cesare hat ihre Lektüre der hier publizierten Briefe in ihren Beitrag eingebracht. Eher nebenbei erwähnt auch Klaus Held die Briefe. Sein Beitrag erinnert abermals daran, dass Heidegger schon sehr früh die Öffentlichkeit verachtete und politisches Engagement mit der Eigentlichkeit der Existenz nicht verbinden konnte und wollte. Die Fixierung auf „Heimat“ machte ihn blind fürs Weltgeschehen. Dabei war er ja durchaus Zeitungsleser, der die Bomben erlebte und von der Vergasung der Juden musste er trotz aller Schwarzwald-Bindung gehört haben!….Auch Reinhard Mehring erwähnt die Briefe in seinem sehr lesenswerten Beitrag „Postmortaler Suizid. Zur Selbstdemontage des Autors der Gesamtausgabe“. Andere Autoren wollen sich, sagen wir es ruhig, „versöhnend und versöhnlerisch, zeigen, sie erinnern an die sehr allgemeine Erkenntnis, dass es doch sehr zu differenzieren gilt, dass vieles doch wichtig bleibt bei Heidegger. Was das genau ist, wird eher behauptet und nicht ausführlich entwickelt. Gerade die viel zitierten Hölderlin-Deutungen Heideggers mitten im Zweiten Weltkrieg sind ja doch keineswegs so ohne weiteres gültig, sondern politisch hoch problematisch und auch in der Interpretation oft eine Zumutung. Wichtiger scheint mir die in dem Buch gar nicht diskutierte Frage: Was bleibt von diesem jetzt antisemitischen und auch gar nicht so konfessionell-christlichen Heidegger in der Rezeption katholischer Theologie (Rahner) und Philosophie (Welte und seine Schüler) noch übrig? Kann man mit Heidegger zum (theologisch vertretbaren) Heiligen kommen? Da muss eine neue kritische Forschungsarbeit geleistet werden und etwa Bernhard Welte kritischer interpretiert werden. Man lese nur noch einmal die Worte des katholischen Theologen und Priesters Bernhard Welte zur Beisetzung Heideggers am 28. Mai 1976 (in: Heidegger-Welte, Briefe und Begegnungen, 2003, S. 124 ff), diese Worte „triefen“ förmlich von Heidegger-Ergebenheiten (etwa: „Heidegger folgte seinem „Geheiß“, S. 127). Aber das ist ein anderes Thema…

Es gibt viele Themen, die durch diese Brief-Fragmente angesprochen werden, etwa, dass Heidegger seine, erst jetzt publizierten berühmten Schwarzen Hefte seinem Bruder Fritz schon zum Lesen gab, so in dem Brief vom 2. November 1938: „Ich brauche in den nächsten Wochen von den schwarzen Heften (Überlegungen) Nr. VII und VIII, wenn du gerade dabei bist, kannst du ruhig zu Ende lesen. Schicke die Hefte am besten in einer Buchscheide gut verpackt und eingeschrieben“. Schon damals wollte Heidegger per Einschreiben selbst in der Nazi-Zeit sicherstellen, dass seine Schwarzen Hefte nicht vor seinem Tod außerhalb der Familie gelesen werden. Die Schwarzen Hefte, bewusst von ihm selbst post mortem veröffentlicht, sollten in seiner Sicht eine Art Schlussakkord unter dem ganzen Gedachten (dem Werk) sein…

Auf die in den Briefen über unüberhörbare Verachtung der (Weimarer) Demokratie wurde andernorts mehrfach treffend hingewiesen, Heidegger findet seine persönliche Situation in der Öffentlichkeit nach dem Krieg schlimmer als in der Nazi-Zeit (129). Wer kann ernsthaft so viel Abwehr der Demokratie Heideggers ertragen?

Sichtbar wird ein Mann, der Sehnsucht hat nach der heimatlichen Scholle, der alten heilen Welt in der Kleinstadt Meßkirch, der gleichzeitig größenwahnsinnig das Seyn hört, dadurch eigentlich Lehrmeister für alle Seienden sein möchte, es aber in der Nazi-Zeit nicht sein darf. Ein Philosoph, der Hitler verehrt, weil er die große Wende bringen soll. Diese aber dann doch nicht bringt, weil er Heidegger nicht zu seinem Meisterdenker machte. So entsteht vor uns ein verärgerter, gekränkter, auf alles Deutsche nach wie vor versessener Denker, der sich als etwas ganz Besonderes und Höchst-Berufenes fühlt, der hört und lauscht auf das Seyn und dann eher lallend manchmal angeblich wesentliche Winke gibt. So möchte man doch des Meisters eigene Worte zitieren, kaum nachvollziehbar, wie so vieles bei ihm: „Es entspricht dem Geheimnis des Seyns, dass zumal mit dem Widerfug der Verwüstung ist der Fug eines Anfangs“ (bei Irritationen der Lektüre: Keine Tippfehler meinerseits, CM, es steht im Brief vom 23. August 1943, Seite 90) Oder in ähnliche (defätistische) Sicht gehend: Die erbauliche Mahnung an Bruder Fritz im Kriegsjahr 1943 (genau am 22. Oktober), nachdem Martin darauf hingewiesen hat, dass nur „die Kleingläubigen in Ratlosigkeit geraten, wenn diese Welt in ihren Fugen kracht“ (S. 93)….selbst wenn durch die Verhandlungen der alliierten Politiker „im äußeren Effekt Grausiges passiert. Darum diese Mahnung Martins als eines, so wörtlich, „Wissenden“ an Fritz: : “Bleibe in deiner stillen Welt ( wieso stillen Welt, gab es in Meßkirch keine Bomben? CM). Und weiter schreibt Bruder Martin: „Das ist keine Flucht, sondern die Inständigkeit, deren das Seyn selbst bedarf“ (Seite 93). Was soll das bloß heißen? Hat das Heidegger selbst verstanden? Meint er mit Seyn vielleicht nicht doch „Gott“? Oder war dieser Satz gar eine „Schickung“, ein „Eräugnis“, die er als Erwählter („Wissender“) förmlich mitteilen musste? Aber: Haben wir schon einmal erlebt, dass das Seyn unserer Inständigkeit bedarf? Aber lassen wir diese Fragen, wohin auch immer sie führen? Wusste das Heidegger selbst?

Der Heidegger Spezialist Prof. Holger Zaborowski (Vallendar) schlägt in seinem Beitrag vor, weiterhin Heidegger, aber eben differenzierter zu lesen und zu erforschen, trotz der von Zaborowski genannten „Mehrdeutigkeiten, Spannungen und Widersprüche“ (S. 430). Er spricht sogar von „Ambivalenz des Heideggerschen Denkens“ (ebd.)

Holger Zaborowski gesteht ein, dass Heidegger in den „Schwarzen Heften“, so wörtlich, „unter seinem eigenen Niveau“ denkt (434). Was aber wäre das „Niveau“? Zaborowski nennt weitere große Schwachpunkte, etwa das schon früher viel besprochene Ausbleiben ethischen Denkens (438). Der Heidegger Kenner (leider bietet er keinerlei Hinweise auf die Briefe!) folgt aber der Interpretationslinie, die Heidegger selbst vorgegeben hat, nämlich der Interpretation im Bild des WEGES… da gibt es dann halt Entwicklungen und Irrwege und Holzwege und viel Gestrüpp und Irrnisse… In jedem Fall sollten wir, so Zaborowski, „mit Heidegger weitergehen“ und auch „immer über ihn hinausgehen“. Wo werden wir dann beim „Hinausgehen“ landen? Immer noch bei einem zur Vernunft gekommenen Heidegger?

Vielleicht hilft ein dialektisch-kritischer Umgang mit dem Denker aus dem Schwarzwald im Augenblick einigen etwas weiter. Damit sie nicht entsetzt sind vor der Tatsache, wie viel Lebenszeit sie mit dem Durchkauen und Entziffern von Heideggers Worten und Weisungen und Schickungen verbracht zu haben … und sich im stillen dann doch fragen: Warum habe ich nicht anstelle Heideggers etwa viel mehr Kant und Aristoteles gelesen? Von Habermas oder Rawl ganz zu schweigen? Solche philosophischen, heideggerisch bedingten Lebensschicksale, verbunden mit der Suche nach der mit Heidegger „verlorenen Zei“t, vielleicht auch dies wiederum Schickung des Seyns ?, wird man später vielleicht noch besprechen müssen.

Der Philosoph Thomas Vasek (Hamburg) schreibt treffend am Ende seines Beitrags: „Es ist an der Zeit, ohne Heidegger zu denken“ (Seite 404).

PS: Es ist deutlich geworden, dass dieser Beitrag leider nicht alle Beiträge des Buches ausführlich diskutieren kann. Und es konnten keine weiteren kritischen Auseinandersetzungen mit den „Briefen“ erwähnt werden. Auf einen Text soll noch hingewiesen werden: Die Philosophin Susan Neiman hat sich schon am 27. Oktober 2016 in „DIE ZEIT“ (Seite 49) mit der auch in den „Briefen“ deutlichen Zurückweisung von Aufklärung und Moderne durch Heidegger befasst. „Die Quelle allen Unglücks ?“ ist der Titel des Aufsatzes von Susan Neiman: „Heideggers Verachtung der Öffentlichkeit ist nur ein Beispiel dafür, wie sich elitäres Denken bedroht fühlt“….“Die alte, antimoderne Nostlagie schimmert durch jede seiner Zeilen hindurch. Wetten, dass Nietzsche ihn zu denjenigen gezählt hätte, die `ihr Gewässer trüben, damit es tief scheine`?“ Susan Neiman hat sich wohl ihre Worte gut überlegt, wenn sie auch im Blick auf die „Schwarzen Hefte“ Heideggers (ebenfalls in „Die Zeit“) schreibt: Diese Texte „enthalten eine Reihe von ressentimentgetriebenen Aussagen, die Heidegger von einer Geistesgröße zum Kleingeist zurückstufen – wenn sie nicht gar Infantiles oder gar Wahnsinniges bloßlegen“.

Heidegger und der Antisemitismus. Positionen im Widerstreit. Mit Briefen von Martin und Fritz Heidegger. Hg. von Walter Homolka und Arnulf Heidegger. Verlag Herder, 2016, 448 Seiten, 24,99 Euro.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Von Luther (fast) nichts gelernt: Zum „Reformationsgedenken“ 2016-2017

Von Luther (fast) gar nichts gelernt.

Ein Hinweis von Christian Modehn, erneut publiziert als Meditation zum Ostersonntag 2017

1983, anlässlich des 500. Geburtstages von Martin Luther, hatte ich u.a. einen Dokumentarfilm fürs ERSTE (SFB) realisiert mit dem Titel „Wir haben von Luther gelernt“. Den Titel hatte ich vorgeschlagen. Mit dem „Wir“ waren die Katholiken im allgemeinen gemeint.

Das Zweite Vatikanische Konzil war damals erst knapp 20 Jahre vergangen und es herrschte in weiten Kreisen der europäischen katholischen Theologie eine Art Aufbruchsstimmung. Die meisten waren enthusiastisch, freuten sich, dass die Messen nun (wie bei Luther) in der jeweiligen Landessprache gehalten wurden. Dabei vergaß man, dass die Texte der deutschen Messe zum Teil wortwörtlich aus dem Lateinischen übersetzt wurden und auch auf Deutsch kein größeres Verständnis weckten. Man freute sich aber, dass 300 Jahre nach der Aufklärungsphilosophie die Katholische Kirche sich bequemte, auch die Religionsfreiheit anzuerkennen. Man freute sich auch, dass sich der Papst in Zukunft etwas beraten lassen wollte. Vom wem? Von anderen Klerikern. Man freute sich, dass es Synoden in den Bistümern gab: In den Synoden durften Laien zwar mit großem Engagement endlos debattieren und einiges beschließen: Aber die Beschlüsse galten nichts, sie mussten vom Klerus, von Rom usw., genehmigt werden. Und genehmigt wurde kein Reformvorschlag, etwa zum Priesteramt der Frauen. Höchstens, dass die Kerzen zur Fronleichnamsprozession auch die Farbe gelb haben dürfen. Es wurden „Kirche von unten“ – Gruppen gebildet, die aber niemals eine anerkannte Position etwa der Mitbestimmung bekamen. Insgesamt aber gab es eine allgemeine (sich nicht selbst kritisch reflektierende) Mentalität, eine Art Glaube, dass der Katholizismus sich reformiert habe und „modern“ werde. Also auch von den reformatorischen Grundideen Luthers gelernt habe.

Ich selbst bin dieser allgemeinen euphorisch gestimmten Haltung gefolgt. Hans Küngs Bücher hatten Massenauflagen erreicht, viele Enthusiasten glaubten dummerweise, es werde alsbald einen Hans-Küng-Katholizismus geben, also einen vernünftigen, modernen, kritischen. Inzwischen hatten sich reaktionäre Kräfte im Katholizismus gesammelt, nicht nur um Erzbischof Lefèbvre, sondern auch im Opus Dei, bei den Neokatechumenalen usw., die die Traditionen lieben und alles andere als einen modernen Katholizismus wollen. An diese Kreise, die so treu klerikal sind, hält sich Rom mit großer Vorliebe. Diese Kreise haben auch Geld. … und viele junge Priester.

Zurück zu 1983: Viele enthusiastische Katholiken ließen sich in die Irre der blinden Euphorie führen. Bald merkten sie, dass Rom eben doch Rom bleibt, und der Katholizismus nur ein paar Äußerlichkeiten verändert, schweren Herzens. Denn Veränderungen sind immer auch Machtverzicht des allmächtigen Klerus.

Nur einige Beispiele, die zeigen: „Wir (Katholiken) haben von Luther nichts gelernt und wollen es auch nicht“. Wobei sich das Lernen von Luther auch auf die von ihm inspirierte Kirche bezieht.

Die Liste ist lang und wird hier nur unvollständig präsentiert:

– Die Zölibatsverpflichtung für Priester besteht trotz der richtigen Erkenntnisse Luthers nach wie vor im Katholizismus.

– Die (Männer) Orden (Luther war Augustiner) haben ihre alte klerikale Struktur ungebrochen bewahrt. Deswegen sind sie in Europa heute so wenig einladend für junge Leute, dass die Orden und Klöster bald verschwinden.

– Die oberste Entscheidung in der Kirche liegt nach wie vor ALLEIN beim Papst und beim Klerus. Es gibt keine synodale Struktur, wenigstens Ansätze für eine synodale demokratische Struktur im Katholizismus. Alle Synoden, an denen auch einige wenige zuverlässige Laien teilnehmen dürfen, gewähren diesen kein Stimmrecht.

– Laien sind immer noch das gehorsame Fußvolk, das dem Klerus folgen soll. Manche freuen sich, großartige Rebellen zu sein, weil es als konfessionsverschiedenes Ehepaar eben bei einem unbekannten Priester die Kommunion empfängt…

– Es gibt immer im Jahr 2016 bei Papst Franziskus, dem „Progressiven?“ die Praxis und Theologie des Ablasses.

– Es wird immer noch eine Heiligenverehrung gefördert, die magische Elemente wie zu Zeiten Luthers hat: Etwa die Verehrung von Knochen(resten) angeblich heiliger Menschen. Man nennt das Reliquienkulte, wie kürzlich noch im Petersdom, als die Knochen des heiligen Scharlatans Padre Pio zur Verehrung ausgestellt wurden.

– Es wird katholischerseits immer noch geglaubt, die Heiligen im Himmel seien Fürsprecher für uns hier auf Erden. Diesem (Aber) Glauben kann man ja folgen, aber was ist dann noch der Unterschied zur Esoterik, die die Katholische Kirche bekanntlich verdammt.

– Mit der freien theologischen Forschung hapert es immer noch: Theologen etwa an staatlichen Universitäten in Deutschland, finanziert von Steuergeldern, werden nur mit Zustimmung der Bischöfe berufen. Was wäre, wenn Politologen an der Universität vom Außenministerium berufen würden usw.

– Das Papsttum tritt immer noch in dieser doppelten Gestalt auf. Einerseits geistliches Oberhaupt; andererseits Staatschef des Staates Vatikan, mit allen diplomatischen Rechten und Privilegien. Der Nuntius ist der Kontrolleur des Papstes in den Staaten. Der Staat Vatikan hat seine Banken, seine Mafia usw. Alles das ist endlich etwas bekannter geworden. Was ist der Unterschied zum Rom, das Luther kannte? Wer stellt diese Frage?

– Laien haben keinerlei Mitentscheidungsrecht für die sie unmittelbar bewegenden Fragen, etwa die heute übliche und rasante Zusammenlegung von Pfarreien aufgrund des Priestermangels. Geld genug ist ja in Deutschland bekanntlich bei den Milliarden-Etats da. Nur weil zölibatäre Priester fehlen, werden Pfarreien zusammengelegt. Der Klerus bestimmt allein. Und Laien müssen auf gewisse pastorale Nähe und Dienste verzichten, falls denn Priester überhaupt noch als Seelsorger angesprochen werden können. Diese Zusammenlegung von Pfarrgemeinden einzig und allein deswegen, weil es so wenige zölibatäre Priester gibt, ist wohl einer der größten katholischen Skandale heute überhaupt. Denn nicht im entferntesten wird daran gedacht, Laien die Verantwortung für die Sonntagsgottesdienste und die Sonntagsmesse zu geben. So würden alle Gemeinden lebendig bleiben und Nähe und Nachbarschaft bestände weiter. Wenn der Klerus vom „allgemeinen Priestertum aller Gläubigen“ noch gelegentlich spricht, dann sind das leere Worte, die keine praktische Bedeutung haben.

Ich breche hier die Liste der Beispiele ab, die zeigen, dass der Katholizismus bis heute tatsächlich und nachweisbar fast nichts von Luther gelernt hat.

Mir tut es im nach hinein leid, dass ich mit dem Filmtitel von 1983 aus heutiger Sicht eine falsche Fährte gelegt habe. Heute müsste man einen Film mit dem Titel machen: „Wir haben von Luthers praktisch gar nichts gelernt“. Und der Klerus will es auch nicht, müsste man treffender weise dazusetzen. Das heißt ja nicht, dass es da und dort einige vernünftige Kleriker gibt, die das System durchschauen und Änderungen. Aber sie haben keinen Mut, dies öffentlich zu sagen!

Das gilt, trotz aller öffentlichen Ökumene, all der Begegnungen und Dispute, die alle das Ergebnis haben: „Noch ist die Zeit nicht reif für eine Kircheneinheit oder einer Einheit in Verschiedenheit“. Immer wieder ist zu hören: „Wir müssen weiter beten“. Die Frage. Wie lange darf man beten, wenn sich trotz heftigen (?) Betens keine Ergebnisse zeigen?

Aber kann Luther umfassender Lehrmeister der Ökumene“ heute sein? Das ist die andere Seite des Themas. Er kann es sicher nicht im umfassenden Sinne sein. Zu viele „Schattenseiten“ und Denk-Fehler Luthers sind mittlerweile allgemeines Wissen geworden: Etwa Luthers (damals sicher weithin übliche) Form der Verachtung der Juden; vor allem Luthers Ablehnung der positiven Leistungen der Philosophie; damit zusammenhängend: Seine Zurückweisung des Humanismus. Sowie, sicher zentral, sein Fixiertsein auf einzelne Traditionen, etwa im Neuen Testament: Da besonders auf den Paulus des Römerbriefes und Galaterbriefes. Mit den verheerenden Konsequenzen, die zur unsinnigen und noch immer gültigen Opfertheologie führten („Gott lässt seinen Sohn Christus sich abschlachten für die Rettung der Welt“) und auch die nicht akzeptablen Ansätze der Prädestinationslehre, die dann von Calvin noch ins Extreme gefasst wurde.

Also, so furchtbar Vieles gibt es nun von Luther (und Calvin) auch nicht zu lernen, nicht nur für Katholiken, sondern für alle spirituell interessierten Menschen. Und es verwundert, aus der philosophischen und christlich – humanistischen Ecke betrachtet, die die unsere ist, mit welcher Bravour dann doch noch ab dem 31. 10. 2016 ein Jahr lang eben Luther in allen nur denkbaren Variationen gefeiert werden soll.

Das ist die entscheidende Frage: Wird es aus der Kraft dieser so intensiven (und teuren) Formen des Erinnerns eine dringend erforderliche neue Reformation geben, eine solche, die die Menschheit heute tatsächliche und wirksame Schritte tun lässt zur Beendigung des Mordens in den Kriegen weltweit, zur Einschränkung des Waffenhandels, zur Beendigung eines blind – wütenden totalen und kaum noch zu kontrollierenden Kapitalismus? Vor allem: Wird man mit Luther und der neuen Reformation auch den Wahn des neuen Nationalismus beseitigen können? Wird es eine Gesellschaft geben, die den anderen, den Fremden, voll respektiert und schätzt? Werden das die Kirchen etwa in Deutschland leisten können, diese kreative Leistung vollbringen, die Mut erfordert, in den Auseinandersetzungen mit den Regierungen standfest zu bleiben und nicht weich zu werden angesichts der vielen Privilegien, die diese deutsche Gesetzgebung immer noch finanziell den Kirchen bietet?

Die wichtigste neue Reformation ab 31.10 2016 wäre wohl das mutige Beiseitelegen vieler dogmatischer Traditionen, die nur noch als Last des Vergangen mitgeschleppt werden, an die aber kein vernünftiger Christ mehr sich halten will: Von der Opfertheologie war die Rede, sie versteht kein Mensch mehr, der ein irgendwie vernünftiges Gottesbild hat; von der Zurückweisung der alten Erbsündelehre müsste die Rede sein; von dem Credo, das immer noch so viele unverständliche Floskeln enthält, etwa „der Heilige Geist geht vom Vater und vom Sohn aus“, und dieser „sei gezeugt, aber nicht geschaffen“ usw…Kurz und gut: Die neue Reformation wäre theologisch gesehen eine Übernahme zentraler Erkenntnisse der liberalen Theologie. Aber darauf zu hoffen, dass diese Leistung geschieht, diese Reduzierung der Berges von uralten und veraltetem Dogmen-Wissens auf eine einfache (jesuanische) Weisheit: Darauf hoffen wohl nur sehr wenige (liberale) Theologen und Religionsphilosophen.

Nachtrag am 26. 11. 2016: Wie es mit der Unmöglichkeit für grundlegende Reformen in der römischen Kirche, selbst unter Papst Franziskus, aussieht, dokumentiert Julius Müller-Meiningen in „Christ und Welt“ vom 24. 11. 2016 auf Seite 2. Nur ein zentrales Zitat, das eigentlich auch im Blick auf das Reformationsjubiläum 2017 wenig Hoffnungen macht auf größere katholische Reformen: „Die Kritiker des Papstes Franziskus haben schon längst ein Ziel erreicht: Sie haben seinen Spieraum begrenzt. Innerkirchlich dreht sich die Diskussion auch drei Jahre nach der ersten Vatikan-Umfrage zum Thema Ehe und Familie immer noch um die Zulassung von wiederverheiratet Geschiedenen zu den Sakramenten…“  „Dogmatische Verbissenheit alter Kardinäle“, „rigide Engstirnigkeit im Vatikan“, „Leben der Kleriker dort wie auf einem anderen Planeten“: Diese Worte hört man, wenn man sich unter „Vatikanologen“, also journalistischen Vatikan-Spezialisten, umhört. Nello Scavo, Journalist bei der katholischen Tageszeitung Avvenire, hat 2015 in Italien (Edizione Piemme Spa, Milano) ein Buch publiziert, das 2016 in Paris (im katholischen Verlag Bayard) unter dem Titel „Les ennemis du Pape. Ceux qui veulent le reduire au silence. Ceux qui veukent le discrediter. Ceux qui veulent sa mort“, auf Deutsch: „Die Feinde des Papstes. Die ihn zum Schweigen bringen wollen. Die ihn diskreditieren wollen. Die seinen Tod wollen“. Auf Seite 376 nennt Nello Scavo den us-amerikanischen Kardinal Raymond Leo Burke mit den drohenden Worten:“Ich werde dem Papst widerstehen im Fall der Öffnung zugunsten der Wiederverheiratet-Geschiedenen und der Gays. Ich kann gar nicht anders handeln“. Und der reaktionäre Kardinal Burke hat jetzt, im November 2016, gehandelt. Zusammen mit den greisen Kardinälen Meisner und Brandmüller hat er die rechte katholische Lehre des päpstlichen Schreibens „Amoris laetitia“ öffentlich in Zweifel gezogen. Wird Papst Franziskus allmählich von einigen seiner Kardinäle zum Ketzer erklärt?

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 

Pater Klaus Mertes für ökumenisches Abendmahl: Katholiken können am evangelischen Abendmahl teilnehmen

Ein Buchhinweis von Christian Modehn

Ausführliche Briefe, über drei Monate (bis Februar 2016) hin und her geschickt zwischen zwei prominenten Theologen, sind heute – nicht nur in Zeiten der absolut vorherrschenden emails – eine Seltenheit. Und noch seltener ist, wenn man so sagen kann: Dass diese Briefe auch als Buch publiziert werden. Die Kategorie Briefwechsel spielt ja in heutigen Verlagsgeschäften keine große Rolle mehr.

Nun haben die protestantische Theologin und Grüne-Politikerin Antje Vollmer und der Jesuitenpater Klaus Mertes ihre Korrespondenz veröffentlicht. Sie dreht sich immer wieder um das Problem der Gebundenheit an christliche Konfessionen, also evangelisch und römisch-katholisch. Und je länger der freundliche Brief-Austausch dauert, um so mehr nähern sich die theologischen Positionen an. Für die protestantische Theologin Antje Vollmer ist es eigentlich selbstverständlich, dass Katholiken an einem evangelischen Abendmahl nicht nur als Gäste dabeisitzen, sondern sich eben das Abendmahl von einem protestantischen Pfarrer reichen lassen. Ökumene, als versöhnte Verschiedenheit, wird so greifbar. Es gibt eigentlich nur noch wenige theologisch Gebildete, die eine solche Feier der Einheit der Christen ablehnen. Das müssen schon Dogmatiker der uralten Schule sein oder Angestellte der vatikanischen Aufsichts-Bürokratien, die bis nach Deutschland ihren Einfluss haben. Aber es ist eben im Katholizismus zweierlei: Man kann als katholischer Theologe eine richtige Meinung zur Praxis der ökumenischen „Mahl-Gemeinschaft“ haben, aber man darf diese nicht öffentlich sagen, geschweige denn öffentlich praktizieren. Das ist eben das viel besprochene Klima der Angst, das den Katholizismus bis heute bestimmt bzw. innerlich vergiftet und aus Glaubenden eben Mutlose und Verängstigte macht, solche Leute also, die um ihres Jobs in der Kirche/Caritas wegen auf ihre (ökumenische) Meinung und ökumenische Praxis doch besser verzichten. So entstehen gespaltene Persönlichkeiten…

Pater Klaus Mertes kennen und schätzen so viele, er gehört zu den Mutigen, den Offenen, den Aufgeschlossenen. Er hatte 2010 die unglaubliche Courage gehabt, „pädophile“ Vergehen durch Jesuiten an dem Jesuiten-Gymnasium in Berlin öffentlich zu machen. Er wusste: Allein die Freilegung der Tatsachen ist hilfreich. Er löste wohl als einer der wenigen Mutigen, die die Wahrheit sagen, ein mittleres Erdbeben in der römischen Kirche aus. Es dauert bis heute…Man denke an die Skandale der immer noch agierenden Ordensleute der „Legionäre Christi“, „Millionäre Christi“ oft genannt, die von einem pädophilen Verbrecher gegründet wurden…

Nun zu dem Buch: Da ist es keine Überraschung, dass Pater Mertes am Ende des Buches, also ab S. 154, in aller Deutlichkeit für die „ökumenische Gastfreundschaft sich einsetzt“. „Ich bin überzeugt, dass es einem katholischen Christen im Gewissen frei steht, die Einladung zum evangelischen Abendmahl anzunehmen… Ich lasse mir nichts zu schulden kommen, wenn ich einer (protestantischen) Person nach dem „Amen“ die Kommunion reiche. Im Gegenteil, ich ließe mir etwas zu schulden kommen, wenn ich es nicht täte“, so Pater Mertes (S.155). Die theologische Begründung für diese richtige Haltung liefert er im Buch!

Diese Aussage weist in die Zukunft. So sehr vielleicht auch weniger religiöse Zeitgenossen über das Thema schmunzeln und sich sagen: Was haben diese getrennten Christen denn noch für Sorgen! Gibt es wirklich nichts Dringenderes? Gibt es natürlich!

Trotzdem ist diese Stellungnahme von Pater Mertes innerkirchlich gesehen ein wichtiger Durchbruch: Denn es kann ja sein, dass nun Katholiken in sich gehen und den Worten des Jesuiten folgen. Viele tun es längst, heimlich natürlich!

Diese Worte von Pater Mertes haben großen Wert für den kommenden evangelischen Kirchentag 2017 in Berlin: Da wird es dann hoffentlich auch viele katholische Teilnehmer geben, die am evangelischen Abendmahl teilnehmen. Der Streit um den katholischen Professor Gotthold Hasenhüttl, der 2003 beim Ökumenischen Kirchentag in Berlin Protestanten die Kommunion reichte, wird sich so nicht mehr wiederholen. Es wäre auch eine Blamage, wenn nicht Katastrophe, für die Herren der Kirche, nun auch 2017 beim Reformationsgedenken wieder hart durchzugreifen. Prof. Hasenhüttl wurde von dem damaligen Trierer Bischof Reinhard MARX (jetzt München) vom Priesteramt suspendiert….Dass es einen suspendierten Pater Mertes geben könnte, ausgerechnet im Luther-Jubiliäum, befürchtet irgendwie die besorgte Protestantin Anje Vollmer, sie schreibt: „Dieser Briefwechsel darf nicht dazu führen, dass Sie, Pater Mertes, damit in unabsehbare Schwierigkeiten mit Ihren Kirchenhierarchien kommen“ (S. 145). Wird er wohl nicht, denn er hat himmlischen Beistand: Seinen sehr berühmten Mitbruder, den Theologen Pater Karl Rahner: Er hat zusammen mit dem katholischen Theologen Heinrich Fries (München) 1983 eine bedeutende Studie verfasst: Veröffentlicht ebenfalls in dem katholischen HERDER Verlag, mit dem alles sagenden Titel „Einigung der Kirchen – reale Möglichkeit“. Also: Kircheneinigung ist JETZT möglich, alles offizielle katholische Gerede vom Warten und immer wieder weiter Beten usw… entpuppt sich klerikale Ideologie des konfessionellen Machterhalts. Theologie muss endlich Ideologie-Kritik werden. Dieses große Buch von Karl Rahner hat zwar 5 Auflagen erlebt, hat meines Wissens aber nicht den Verstand und das Herz der katholischen Hierarchie erreicht. Sie hielten diese großen Vorschläge „Ökumene JETZT“ für Theologengeschwätz. Es ist diese Ignoranz der Hierarchen gegenüber der Theologie, die so manchen erschüttert. Nur der Ungehorsam, siehe Luther, führt wohl in versteinerten Systemen ins Freie.

Die Ökumene stagniert, kaum noch jemand interessiert das und kaum noch jemand interessiert sich leidenschaftlich insgesamt noch für die Kirchen… Weil die katholische Hierarchie in ihrer dogmatischen Fixierung alles wirkliche Weiterführende in der Ökumene verbietet. Die Kirche selbst vertreibt die Gläubigen…wie damals, zu Luthers Zeiten!

Nun kommt also noch mal ein Vorschlag von Pater Mertes, zu sehr später Stunde möchte man sagen, wo sich die Kirchen in Deutschland tatsächlich leeren und nur noch die Kirchensteuergelder bestens fließen. Man kann nur hoffen, dass Pater Mertes nicht wie der Augustiner Pater Martin Luther gezwungen wird zu sagen: „Hier stehe ich, ich kann nicht anders“. Bevor dies hoffentlich nicht passiert, sollte das Buch gelesen werden: Es behandelt selbstverständlich nicht nur dieses Thema.

Buchempfehlungen: Klaus Mertes, Antje Volmer, Ökumene in Zeiten des Terrors. Streitschrift für die Einheit der Christen. Herder Verlag 2016, 2169 Seiten.

sowie immer noch lesenswert und zur Praxis empfohlen: Karl Rahner und Heinrich Fries, Einigung der Kirchen – reale Möglichkeit. Herder Verlag 1983. 156 Seiten.

Copyright: Christian Modehn Religionsphilosophischer Salon Berlin

Olympiade in Rio: Im Land der Rechtlosigkeit. Der Film „Count-Down am XINGU“

Olympiade in Rio: Im Land der Korruption und Rechtlosigkeit.

Der neue Film „Count-Down am Xingu“ von Martin Keßler.

Ein Hinweis von Christian Modehn. Zur aktuellen Rezeption dieses wichtigen Films finden Sie Infos am Ende dieses Beitrags. Interessant auch, dass dieser Film in Kurzfassung im Netz zu sehen ist, auch auf Portugiesisch!

Am 5. August 2016 beginnen in Rio de Janeiro die Olympischen Spiele. Ihr Motto: „Lebe deine Leidenschaft“. Wer wissen will, wer in Brasilien und in der globalen Welt des internationalen Kapitalismus seine gierige Leidenschaft lebt und austobt und wer von diesen korrupten Leuten dabei an den Rand gedrängt wird, sollte den neuen Dokumentarfilm von Martin Kessler sehen und verbreiten: „Count-Down am Xingu“. Der 95 Minuten dauernde großartige Film wurde erst vor kurzem fertig gestellt. Dass dieser Film anstelle der ewigen Wiederholungen von „Tatort“ und „Wallander“ im deutschen Fernsehen im Abendprogramm gezeigt wird, ist angesichts der politischen Aussage dringend gewünscht, von der Bevölkerung, die mehr will als Unterhaltung. Denn der Film Count-Down am Xingu“ zeigt die totale Rechtlosigkeit nicht in einer der allseits bekannten „Tatort“ Versionen, sondern in der brutalen Realität der globalen Ökonomie im Land der angeblich „glorreichen Olympischen Spiele“.

„Count–Down am Xingu“ dokumentiert die Ereignisse und Konsequenzen beim Bau der des Megastaudamms „BELO MONTE“ am Fluss XINGU im weiten Umfeld der Amazonas-Region. Die zwei Stauseen haben etwa die Größe des Bodensees. Am 5. Mai 2016 wurde die erste Turbine des weltweit drittgrößten gigantischen Staudamms eröffnet. Der Staudamm wird Strom erzeugen für die rasant wachsende Wachstums-Gesellschaft, vor allem für die Montanindustrie dort, nicht für die Bewohner. Er soll die Profit-Gier etwa der multinationalen Aluminium-Konzerne befriedigen.

Der Staudamm dient also in der Propaganda der Herrschenden dem Fortschritt. Und Fortschritt, dass wissen wir allmählich, heißt oft genug Zerstörung der Natur und Degradierung der Menschenrechte, vor allem der Armen und der indigenen Völker. Denn diese stören den Fortschritt der Herrschenden, stören deren Ideologie, die da heißt: „Es gibt keine Alternative“. Also: Wir müssen die Natur zerstören und Menschen drangsalieren.

Die verheerenden Konsequenzen dieses Ultra-Mega-Projektes sind schon heute vor aller Augen, sie sind sichtbar, auch wenn sie von den Regierenden und den internationalen Konzernen, darunter auch Siemens, selbstverständlich, wie üblich, bestritten werden.

Die Liste der Verletzungen der Menschenrechte, also die Liste der Rechtsbrüche und Korruptionsskandale im Umfeld der Errichtung von „Belo Monte“, ist lang. Nur einige Beispiele, die der Film von Martin Keßler ausführlich dokumentiert:

Der Bau des Staudamms hat riesige Flächen Natur, von Wald, unwiederbringlich zerstört. Das hat Auswirkungen auf das Klima weltweit, zumal am Amazonas die Konzerne seit Jahren permanent weiter massenhaft Urwald vernichten, etwa für den Maisanbau, verwendbar für die Tiernahrung, von der wiederum nur die Reichen profitieren…

Der Bau des Staudamms erforderte die Zwangsumsiedlung von etwa 40.000 Einwohnern. Die Arbeitslosigkeit der Bewohner dieser Region hat zugenommen. Fischer ziehen nun tote Fische aus dem verseuchten Fluss. Indigene Völker verlieren ihren typischen Lebensraum. Das Bauwerk ist nur entstanden, weil ein Netzwerk von korrupten Politikern in ihrer maßlosen Gier sich auf diese Weise bereichern wollten. Das „Movimiento Xingu“, eine Bürgerinitiative, mehr noch eine entschlossene, gewaltfrei kämpfende Gemeinschaft, die für die Menschenrechte aller eintritt, sagt: “Dieses Bauwerk ist von Grund auf korrupt. Dieses Bauwerk hat die Regierungsmitglieder auch von Dilma Rousseff bereichert“. Vor allem: 36 der 38 Mitglieder, die zur Kommission der Amtsenthebung von Dilma Rousseff gehörten, sind der Korruption überführt worden. Der Film zeigt die Hintergründe des Korruptionsskandals um „Petrobras“, korrupte Konzerne die den Staudamm bauten, haben auch die Stadien in Rio für die Olympiade gebaut. Deutlich wird die Hilflosigkeit der Justiz in einem von Korruption zerfressen Land. Die Justiz ist ohnmächtig: „Die Entscheidungen unterer Instanzen gegen massive Rechtsverstöße bei Belo Monte werden immer wieder zurückgewiesen, weil ein oberster bundesrichter kann die Entscheidungen aufheben, wenn nationale Interessen in gefahr sind. Dies ist ein Verfahren aus Zeiten der Militärdiktatur“, so Martin Keßler in FREITAG, 4.8.2016, Seite 7.

Selbstverständlich kommt in dem Film der inzwischen weltbekannte katholische Bischof Erwin Kräuter, Bischof von Altamira, Xingu, zu Wort. Ohne seine, auch international bekannte, Jahre dauernde Solidarität mit den indianischen Völkern und den Armen dort, wäre vielleicht von dem Mega-Wahn des Mega Staudamms wenig bekannt geworden. Bischof Kräutler sagt wie andere kritische Beobachter: „Ohne Korruption wäre der Staudamm Belo Monte nicht gebaut worden“. Er kritisiert, dass europäische Firmen, wie Siemens, Turbinen für dieses Projekt geliefert haben, ohne dabei auf die verheerenden ökologischen Konsequenzen zu achten.

Es sollen weitere Staudämme in Brasilien gebaut werden, etwa am Fluss Tapajos, wo Menschen aus dem Volk der Munduruku leben. Der Wahn, der sich Fortschritt nennt, aber tatsächlich verbrecherische Strukturen hat, ist also überhaupt nicht beendet.  Die Entwicklung von Solar-Strom kommt offenbar in einem „Sonnenland“ wie Brasilien nicht voran. Noch viel weniger die Diskussion übeer das Ende der Wachstumsgesellschaft. Wachsen sollten nur noch die Armen, in der Bildung, der Gesundheitsfürsorge usw.,  Abspecken die Herren der internationalen Konzerne und Regierungs-Bürokratien.

Nur am Rande notiert: Man darf nicht vergessen, dass in einem anderen lateinamerikanischen Staat, in HONDURAS, der Protest gegen den Bau des Staudamms Agua Zarca bereits zum Mord an der Aktivistin Berta Cáceres geführt hat. Die empfehlenswerte Zeitschrift WELTSICHTEN, Frankfurt M. berichtet in ihrer Ausgabe Juli 2016 S. 25 ff. über die hierzulande kaum wahrgenommenen Verbrechen in HONDURAS unter dem Titel: „Die Eliten lassen töten“. In dem Beitrag heißt es: „Das kleine HONDURAS ist nicht nur das Land mit der höchsten Mordrate weltweit, hier werden auch die meisten Umweltaktivisten getötet“ (S. 26). Weiter heißt es in dem Beitrag von Kathrin Zeiske: „Siemens und Voith sind mitschuldig an Menschen­rechts­ver­letz­ungen in Ländern wie Honduras, Brasilien, Kolumbien und China, weil sie u.a. Turbinen für Wasserkraftprojekte liefern, die mit Zwangsumsiedlungen, Gewalt und Morden durchgesetzt werden, heißt es in dee OXFAM-Veröffentlichung“ (S. 27).

Also: Die Diskussionen über die Wachstumsgesellschaft und die Solar-Energie müssen weitergehen. Der Film „Count-Down am Xingu“ bietet dafür beste Anregungen. Auch in Gesprächsrunden, in Parteien, Gewerkschaften und Arbeitgeberverbänden, selbstverständlich auch bei Siemens und dem deutschen Wirtschaftsministerium. „Zu den beteiligten europäischen Firmen gehören als Zulieferer Alstom, Andritz, Voith und Siemens. Die Münchener Rückversicherungsgesellschaft Munich Re versichert das Projekt“ (Quelle: wikipedia).

Selbstverständlich werden –so die utopische Hoffnung- Kirchengemeinden den Film in Form eines public-viewing anschauen. Zur Fußball EM hat man ja da in Kirchenkreisen und Gemeindehäusern beste Erfahrungen machen, warum nicht auch bei einem politischen Film? Die Kurzfassung von 25 Minuten ersetzt auch wunderbar eine Sonntagspredigt mitten im Gottesdienst und bringt mehr Licht in die Lebensdeutung des heutigen globalisierten Menschen als eine immer wieder alte moralische Standpauke mit frommen Sprüchen.

Es gibt inzwischen auch die 25 Minutenversion im Internet, auf Deutsch als auch in Portugiesisch. Auf Deutsch: https://www.youtube.com/watch?v=Ugi0kP-Mj6o

Versão curta (25 min) em português:     https://www.youtube.com/edit?o=U&video_id=xHdslKr7EOA

Die Langfassung als DVD, Länge 95 Minuten, kann bestellt werden für 19,90 EURO bei bestellung@neuewut.de     Weitere Infos: www.neuewut.de

Der Religionsphilosophische Salon Berlin setzt sich nicht nur für die philosophische Idee der universalen Menschenrechte für alle ein, er verteidigt auch den politischen Einsatz für die Menschenrechte.

Von unserem religionskritischen Interesse her können wir uns eine Bemerkung nicht „verkneifen“: Der Film zeigt den großartigen Bischof Erwin Kräutler inmitten der protestierenden, empörten Armen und indianischen Völker. Und dann plötzlich muss er wohl auftreten in dem barocken Dom zu Würzburg, umgeben von prächtig gewandeten Bischöfen in einer üppigen Kirche. Und man fragt sich beim Anblick der so gut versorgten deutschen „Hirten“: Werden diese deutschen Bischöfe dem Vorbild Erwin Kräutlers folgen und etwa bei Siemens, Alstrom, Voith, der Münchner Rückversicherung nachfragen, warum sie dieses Projekt Belo Monte mit betreiben? Wir haben von entsprechenden Gesprächen deutscher Bischöfe mit den internationalen Konzernen mit Sitz in Deutschland bisher nichts gehört. Den immer selben Ritus einer Messe zu feiern ist ja auch viel einfacher und viel harmloser und unverbindlicher. Den realen, lebensgefährlichen Kampf um die Menschenrechte und die Menschenwürde überlässt man lieber unentwegten Gestalten wie Erwin Kräutler. Inzwischen wurde er aus Altersgründen pensioniert.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Aktuelle Infos:

Kurzbericht aktueller Stand (2.8.2016) von Martin Keßler:

Die Premieren in Frankfurt (5.7.16), Berlin (12.7.16) und Stuttgart 817.7.16) sind super gelaufen – allein in Frankfurt 160 Premierengäste. Der Film ist sehr gut angekommen – auch bei der Kritik. U.a. in der „FR“, „taz“ und es gab längere Interviews in Hr2 und Radio Eins / RBB. (siehe Anhang und www.neuewut.de). Die Wochenzeitung „Freitag“ wird diese Woche noch ein langes Interview bringen, die „FR“ hat den Film als „Sommerlektüre“ empfohlen. Auch in blogs im Internet gab es mehrere Besprechungen. Nach der Sommerpause wird es weitere Vorstellungen geben, u.a. in Hamburg, Saarbrücken, der Schweiz und Österreich.

Außerdem wird der Film am 24.Sept. aus Anlass der Verleihung des Menschenrechtspreises der Stadt Memmingen an Bischof Erwin Kräutler (am 25.Sept.) von dem Kulturamt der Stadt Memmingen und dem Preiskomitee im Kino im Memmingen gezeigt.

Die portugiesische Fassung ist jetzt auch fertig und wir haben schon viele DVDs an Bischof Kräutler, Xingu vivo, die Mundurukus etc versandt, damit der Film jetzt auch in Brasilien gezeigt werden kann.

Inzwischen gibt es auch die Kurzfassung im Netz:

Kurzfassung (25 min) auf Deutsch:

https://www.youtube.com/watch?v=Ugi0kP-Mj6o

Versão curta (25 min) em português:

https://www.youtube.com/edit?o=U&video_id=xHdslKr7EOA

„Wir hoffen, dass zahlreiche am Thema interessierte Organisationen die Kurzfassung mit Ihren Internetseiten verlinken und helfen, den Film zu verbreiten. Das selbe gilt für die DVD mit der Lang – und Kurzfassung, Auch hier hoffen wir auf Unterstützung bei der Verbreitung / dem Verkauf der DVD und der Organisation von Veranstaltungen sowie der Nutzung des Filmes in der Bildungsarbeit. Hier besteht ein enormes Potential, das leider nur mithilfe von Partnern – auch den Organisationen / Stiftungen, die das Filmprojekt gefördert haben – genutzt werden kann. Wir sind aus personellen und finanziellen Gründen dazu alleine leider nicht in der Lage“ (Martin Kessler).

 

Milliardären wird der Ablass gewährt. Neues zum katholischen Orden „Legionäre Christi“

Milliardären wird der Ablass gewährt. Neues zum katholischen Orden „Legionäre Christi“

Hinweise von Christian Modehn am 2.12.2015

Der Religionsphilosophische Salon arbeitet von seinem philosophischen Anspruch der Aufklärung und der Religionskritik seit einigen Jahren auch kritisch über die katholische Ordensgemeinschaft „Legionäre Christi“ und über die mit ihm verbundene Bewegung für Laien „Regnum Christi“. Einige wichtige neue Entwicklungen haben in der deutschen Öffentlichkeit bisher (2.12.2015) wenig Aufmerksamkeit gefunden. CM.

1.

Der katholische Orden „Legionäre Christi“ wird erneut – diesmal aber noch gründlicher und umfassender recherchiert – „ein Finanzimperium“ genannt. Sein Gesamtvermögen beträgt jetzt 43.600 Millionen Dollar. Die Ordensgemeinschaft (1941 gegründet, von dem mexikanischen Marcial Maciel, damals im jugendlichen Alter von 21 Jahren) zählt heute 950 Priester als Mitglieder, hinzukommen ca. 700 junge Männer in der Ausbildung, die man nicht als „vollständige Mitglieder“, also in „ewigen Gelübden“, bezeichnen kann. Mit anderen Worten: 950 Männer, die als Ordensleute wie alle anderen katholischen Ordensleute sonst auch „Armut“ als Gelübde gelobt haben, sind Multi-Milliardäre. Diese Fakten werden reich belegt von dem mehrfach ausgezeichneten mexikanischen Recherche-Journalisten Raul Olmos in seinem neuesten Buch (erschienen am 13. November 2015) „ Una mafia empresarial disfrazada de congregación“, „Ein Mafia-Unternehmen, das sich als religiöse Kongregation verkleidet“. Das Buch ist im Verlag Grijalbo (Madrid und Barcelona) erschienen. Es zeigt das weite Netz der Verbindungen des Ordens zu den Zentren politischer, ökonomischer und kultureller (Medien-) Macht. Hunderte von „Gesellschaften“, „Stiftungen“, „Vereinen“ und Privaten – Hochschulen gehören den Legionären Christi. Zur Ersparnis von Steuern halten sich die Ordensbrüder auch gern in so genannten Steuer-Paradiesen auf. Diese Fakten werden von Raúl Olmos ausführlich beschrieben.

Die schon populär „Milliardäre Christi“ genannten Priester können also hübsche Feierlichkeiten ausrichten zum 75. Geburtstag ihres Ordens bzw. Finanzimperiums im Jahr 2016 und können wie üblich ihre zahlreichen Gönner, auch im Vatikan, reich beschenken. Der Orden wie auch das Finanzimperium wurden aufgebaut von dem Mexikaner, Pater Marcial Maciel, der 2006 (als 86 Jähriger) von allen seinen Funktionen der seit 1941 dauernden (!) Ordensleitung befreit wurde, und zwar auf Druck von Papst Benedikt XVI. Papst Benedikt hatte zudem 2010 das Leben des Ordensgründers von einer katholischen Priestergruppe untersuchen lassen, und kam zu dem Schluss:“ „Es ist ein Leben, das jenseits des Moralischen liegt, ein abenteuerliches, vertanes, verdrehtes Leben“. Mit anderen Worten: Der notorische pädophile (vornehm ausgedrückt) Täter Pater Maciel ist in der Sprache der Justiz ein Verbrecher. Er hat zudem viele Millionärswitwen um deren Vermögen erleichtert, weil er sich als charmanter Liebhaber ausgab usw… Aber den (staatlichen) Gerichten wurde der Verbrecher vom Vatikan, wie üblich, nicht übergegeben. Papst Benedikt bat den Ordensgründer im Jahr 2006 nur, Maciel möge sich zur Buße still und schweigend dort zurückziehen… Gestorben ist Maciel nicht als stiller Büßer in seinem römischen Kloster, sondern wie auf der Flucht, im warmen Florida. All das wurde auch von uns dokumentiert, ebenso die vatikanischen „Untersuchungen“ über den Orden insgesamt, nach dem Tod Maciels. Eigentlich hätten die „Untersuchungen“ von 2010 zur Auflösung des Ordens führen müssen. Das forderten viele prominente Katholiken. Denn welcher Orden soll in alle Zukunft einen Verbrecher als Gründer haben, der zudem einst, überall sichtbar, wie ein Heiliger verehrt wurde, obwohl dessen weit reichende finanziellen, sexuellen und drogenabhängigen Aktivitäten allen Mitglieder und vielen Prälaten in Rom bekannt waren. Nur die zahlreichen ehemaligen Mitglieder, die Missbrauchs-Opfer, meldeten sich im Vatikan seit 1989, (!), aber man hörte sie nicht. NICHTS wurde von amtlicher vatikanischer Seite gegen Maciel unternommen, auch nicht von Kardinal Ratzinger damals als Chef der Glaubenskongregation. Maciel hatte tatsächlich zu viele Freunde unter den Kardinälen, und selbst der polnische Papst pries den Verbrecher offiziell und lautstark explizit „als Vorbild der Jugend….“ Die Reisen von Papst Johannes Paul II. wurden immer von dem kundigen Mexikaner Pater Maciel begleitet. Ob die Reise von Papst Franziskus nach Mexiko in 2016 auch wieder von den Legionären betreut wird?  Aber der Orden wurde eben nicht aufgelöst. Er besteht weiter, wenn auch die Begeisterung junger Männer für diesen Orden etwas gebremst ist: Seit 2008 ist die Zahl der Mitglieder in Ausbildung befindlichen Mitglieder von 1.081 auf 693 zurückgegangen, berichtet El Pais. Aber die Geldquellen scheinen trotzdem bestens zu fließen, siehe oben.

2.

Diese Mitglieder dieses Milliardärsordens haben jetzt von Papst Franziskus die Zusage erhalten, in dem nun begonnen Jahr der Gnade den vollkommenen Ablass zu gewinnen. Damit entspricht Papst Franziskus dem Wunsch von Pater Eduardo Robles Gil, dem gegenwärtigen Ordensoberen, der sich, wie für ein Imperium eben passend, wie auch schon sein Vorgänger Pater Maciel, „Generaldirektor“ nennt. Der vollkommene Ablass wird den Mitgliedern der Milliardäre Christi gewährt, „wenn sie ihre Gelübde erneuern, also auch das Armutsgelübde, wenn sie beten, wenn sie sich den Werken der Spiritualität widmen und die christliche Lehre verbreiten“, heißt es in dem päpstlichen Indulgenz – (Ablass) – Schreiben.

Erstaunt ist man abermals, dass der Ablass, DAS Thema Martin Luthers, 2 Jahre vor dem Reformationsgedenken 2017, wieder und wieder selbst von apst Franziskus aufgewärmt wird. Kann man angesichts dieser Vorlieben diesen Papst im Ernst „progressiv“ nennen? Wohl kaum, meinen wir. Will man so für eine neue Ökumene mit den Protestanten sorgen? Warum spricht kein prominenter Protestant von dem aufgewärmten Ablass-Wahn des Katholizismus? Das Heilige Jahr mit Pilger/Touristen-„Strömen“ nach Rom hat gerade begonnen. Aber das ist ein anderes Thema.

Die sexuellen Missbrauchsopfer des vom Papst Benedikt so genannten Verbrechers Pater Maciel sehen in dieser überflüssigen Ablass- Gewähr eine Art Anerkennung und Reinwaschung des Ordens. Denn im Jahr der Gnade kann doch eigentlich jeder Katholik, eben auch ein Legionär, sowieso bei Respekt der Vorschriften den Ablass gewinnen. Warum also diese Sonder-Gewähr eines Ablasses für diesen Orden? Besteht ein Grund für den Papst, sich mit dem Orden gut zu stellen?

3.

Viele Beobachter fragen sich erneut bei dieser Entscheidung, wie widersprüchlich eigentlich die theologische Linie des so vielfach gerühmten Papstes Franziskus ist. Wie sehr steht er offenbar unter Druck einer vatikanischen Mafia, dass er diesem „Club“, den Legionären, diese außergewöhnliche Gnade explizit gewähren muss? Kann Papst Franziskus nur noch im Vatikan wohl auch physisch überleben, wenn er auch den umstrittensten Orden, theologisch zudem extrem konservativ, also den Legionären Christi, sein Wohlwollen zeigt? Die Indulgenz-Ablass-Entscheidung des Papstes von Ende Oktober 2015 wirft auch ein Licht auf die dunklen Verhältnisse in den Palästen des Vatikans. Herrschen dort, wieder einmal, vor-reformatorische Zustände? In jedem Fall sind die neuesten Entwicklungen/Erkenntnisse ein interessanter Beitrag zu dem offiziell propagierten „Jahr der Orden 2015“.

4.

Eine Einschätzung des Ordens „Legionäre Christi“, der bekanntermaßen in Mexiko besonders mächtig ist, von dem mexikanischen Religionswissenschafter Elio Masferrer, mitgeteilt in der spanischen Tageszeitung El Pais vom29. Oktober 2015, siehe: http://internacional.elpais.com/internacional/2015/10/28/mexico/1446071736_323939.html

Zu Elio Masferrer: http://www.revistaacademica.com/consejo.asp

Zuerst der spanische Text aus El Pais: „Elio Masferrer, presidente de la Asociación Latinoamericana para el Estudio de las Religiones y profesor e investigador emérito de la Escuela Nacional de Antropología e Historia. “[La Orden] es uno de los problemas más graves del catolicismo. Maciel fue un impresentable, un criminal, y es el paradigma de una Iglesia corrupta, alejada de los feligreses”.

Die Übersetzung ins Deutsche: „Elio Masferrer, Präsident der lateinamerikanischen Vereinigung zum Studium der Religionen und Professor (und Forscher emeritus) de „Nationalen Schule der Anthropologie und Geschichte, sagt in der spanischen tageszeitung El Pais vom 29. Okrober 2015: „ Der Orden der Legionäre Christi ist eines der schwersten Probleme des Katholizismus. Maciel (der Gründer) ist ein „nicht gesellschafäftsfähiger“, d.h : eigentlich ein öffentlich gar nicht vorzeigbarer Mensch gewesen, er war ein krimineller und er ist das Modell einer korrupten Kirche, weit entfernt von den treuen Gläubigen (eigentlich: Pfarrkindern)“.

5.

Die Millionärsfamilie Oriol (Madrid) will ihr Landgut von den Legionären Christi zurückhaben.

Die einflussreiche Unternehmer-Familie Oriol fordert vor Gericht die Rückgabe einer Millionenerbschaft an die Legionäre Christi von diesem Orden zurück. Es handelt sich um die Rückgabe des Landsitzes Cerro del Coto, eines Landgut (9,7 Hektar groß), am Rande von Madrid, im reichsten Viertel der Stadt, in Majadahonda. Besonders interessant ist, dass dieser Prozess der Rückgabe eines Geschenks an den Orden von drei ehemaligen Priestern der Legionäre Christi und einer Frau, die als „geweihte Frau“ dieser Gemeinschaft angehörte, verlangt wird, gerade jetzt, nach den bekannt gewordenen Skandalen des Gründers, Pater Maciel. Diese 4 Personen sind Geschwister, sie gehören zur Familie Oriol, die als eine der besonders begüterten Familien Spaniens gilt. 4 Kinder aus ein und der selben Familie bei den Legionären, und alle 4 treten aus dem Orden aus! Dabei hatte die ultrareiche Familie Oriol dem jungen Pater Marcial Maciel geholfen, als er von Mexiko aus in Spanien Fuß fasste … Daran wird deutlich, dass schon um 1945, als Maciel von Spanien aus nach Rom zog, die reichsten Leute auf ihn „hereinfielen“. Maciel ist von Anfang an planmäßig vorgegangen und sich nur um die Reichsten gekümmert. Sozialarbeit war ein Alibi, sagen Beobachter.

Ob es rechtlich möglich ist, eine Schenkung wieder rückgängig zu machen, ist sehr die Frage. Das Beispiel zeigt nur, in welchen höchsten Finanzkreisen sich die Legionäre Christi immer schon bewegen und wie es ihnen gelingt, z.B. prächtige Ländereien als Erbschaften zu „übernehmen“…

Ein Zitat aus der angesehenen Tageszeitung El Pais, Madrid:

„Promotores de Iberdrola y del tren Talgo, los Oriol encarnan a una de las principales riquezas latifundistas españolas. La fortuna de los cinco hermanos Oriol Muñoz superaría los 30 millones de euros, según el periodista de EL PAÍS Jesús Rodríguez, autor de La Confesión (Debate, 2011). De ese dinero, la familia habría entregado 16 millones al movimiento de Maciel durante tres décadas. Su patrimonio se completa con la finca de 957 hectáreas Los Peñones en Hornachuelos (Córdoba) valorada en 14 millones que gestiona la Fundación San Miguel. Y las inversiones inmobiliarias administradas por Javier Oriol, uno de los cinco hijos de Íñigo María de Oriol que no perteneció a la legión. Según el libro de Rodríguez, la orden urdió una campaña “de acoso y derribo” en 2004 para que los Oriol entregaran a Maciel el resto de una fortuna que suma 25 millones. Esta donación se habría frustrado tras destaparse que Maciel (1920-2008) fue un depredador sexual de seminaristas“.

Eine Zusammenfassung auf Deutsch: Die Familie Oriol ist in Iberdrola und im Unternehmen des Express-Zuges Talgo finanziell beteiligt; die 5 Geschwister haben ein Vermögen größer als 30 Millionen Euro; während drei Jahrzehnten hat die Familie Oriol dem Pater Maciel 16 Millionen Euro geschenkt; nach einer journalistischen Recherche zettelten die Legionäre Christi 2004 sogar eine Kampagne voller Belästigungen an, mit dem Ziel, dass die Familie Oriol noch mal eine Summe von 25 Millionen Euro den Legionären übergab…

 

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon.

 

Ein pädophiler Nuntius in der Dominikanischen Republik… und das Konkordat

Ein pädophiler Nuntius und das Konkordat
Zur jüngsten Entwicklung in der Dominikanischen Republik

Bitte beachten Sie am Ende dieses Beitrags einen weiteren Beitrag von Matthias Katsch, vom „Eckigen Tisch“ vom 12. 9. 2013.

Der (vorläufigen) Vollständigkeit wegen, publiziert am 27.9. 2014: Der pädophile EX – Nuntius Josef Wesolowski ist am 24. 9. 2014 im Vatikan verhaftet worden. Er hatte sich nach Weiter lesen “Ein pädophiler Nuntius in der Dominikanischen Republik… und das Konkordat” »

Der heilige Geist wird noch skeptischer angesichts der „Vatileaks“. Ein Brief aus Rom

Der heilige Geist wird noch skeptischer angesichts der „Vatileaks“: Ein Brief aus Rom

Von Christian Modehn

Unser kleiner Hinweis auf dieser website kürzlich auf den heiligen Geist, der als Geist eben auch skeptisch ist, prüfend und immer fragend, hat selbst in Rom, der Papststadt,  Aufmerksamkeit gefunden.

Wir freuen uns, dass ein Leser – angesichts der ersten bescheidenen Freilegungen etlicher älterer und jüngerer Skandale – uns aus Rom schreibt: „Der heilige Geist wird wohl noch skeptischer“.

In dem Text heißt es, und das ist neu in der Debatte: Es werde immer fraglicher, wie von diesem Staat aus, dem so genannten Heiligen Stuhl, die absolute Bestimmung zufallen kann, für alle Katholiken weltweit zu definieren, was zu glauben ist und wie „man“ moralisch zu leben hat.  Kurz: Ein offenbar korruptes, absolutistisches System, das an die „Glanzzeiten“ der Renaissance erinnert,  maßt sich an, zu definieren, was Evangelium ist, was Jesus von Nazareth tatsächlich wollte, was die große humanistisch- universale Vision Reich Gottes bedeutet.

Die Freilegung struktureller Korruptheit des römischen Systems heute ist vielleicht eine noch größere Erschütterung als die Freilegung des sexuellen Missbrauchs durch Priester weltweit über viele Jahre.

Da ist, so wird von unserem Leser betont, eine absolute Monarchie, so versteht sich der Vatikan auf seiner offiziellen Website selbst.

(„Die Regierungsform ist die absolute Monarchie. Staatsoberhaupt ist der Papst, der die absolute gesetzgebende, ausführende und richterliche Gewalt inne hat“.

Gewaltenteilung gibt es also nicht, siehe: http://www.vaticanstate.va/DE/Staat_und_Regierung/Geschichte/Die_Vatikanstadt_heute.htm

Und diese absolute Monarchie, wo alles in den Händen – eines (nun 85 jährigen) Papstes liegt – kennt keine Gewaltentrennung, also keine demokratische Kontrolle und vom Wesen her keine Transparenz. Indem Benedikt XVI. jetzt beteuert, trotz allem weiterhin auf dem Felsen Petri zu stehen, betont er auch die Unveränderlichkeit des absolutistischen Regimes, also des Fehlens jeglicher Transparenz. „Man sollte für die Freilegung einer Dokumente sehr dankbar sein“, schreibt unser römischer Leser. Das römische System, bestehend aus älteren Herren und Höflingen (Curia ist ja der „Hof“) maßt sich an, in göttlichem Auftrag, Werte und Tugenden, Glauben, Lieben, Hoffen verbindlich für alle Katholiken zu lehren. Der Widerspruch zu einem demokratischen Leben heute könnte – einmal mehr jetzt  – dokumentiert, kaum größer sein.

Der Brief des Lesers aus Rom fragt weiter: Hat dann noch die These der heutigen  kritischen Reformer recht, man könne von Innen her dieses Renaissance – System reformieren? Unter welchen Bedingungen sind Renaissance – Systeme verschwunden, wird diese Frage diskutiert?, fragt der Leser.

Werden da nicht von Reformern Illusionen geweckt und gutwillige Leute in die Irre geführt, wird ihnen in DIESEM Engagement für Reformen kostbare Lebenszeit geraubt?

Wir geben die Fragen aus Rom gern weiter zur Diskussion.

Weiter schreibt der Leser aus Rom: Warum schweigen zu dem Thema die einst etwas mutigeren Ordensgemeinschaften?

Warum schweigen die protestantischen Kirchen zu den aktuellen „Freilegungen“ im Vatikan?

Wir erlauben uns, unabhängig  von dem „Brief aus Rom“, ein Zitat aus dem neuen Buch des international geschätzten katholischen Theologen und Philosophen Prof. Dr. Tomás Halik (Prag),  „Nachtgedanken eines Beichtvaters“ (geschrieben 2005, auf Deutsch 2012, Herder) , wieder zu geben. Auf Seite 293 schreibt Tomás Halik:

„Unsere Zeit ist eine Zeit der Erschütterungen…So ist eines der großen Paradoxa, die wir derzeit durchleben … wohl darin begründet, dass gerade derjenige Bereich der (römischen) Kirche, der diese weiterhin für eine =feste Burg= hält, meiner Meinung nach wie ein auf Sand errichtetes Gebäude zusammenstürzen wird“.

Copyright: religionsphilosophischer-salon.de

 

„Maciel war skrupellos und ohne religiösen Sinn“. Aber die Legionäre bleiben im Dienst der „militia Christi“.

Die Legionäre Christi sind auch nach der Visitation ein „Schatz für die Kirche“… meint der Vatikan. Die „Militia Christi“ der Legionäre Christi wird gerühmt.

Ein aktueller Hinweis: Am 26.11. 2010 habe ich neue Informationen ins Netz gestellt unter „Das Neueste zu den Legionären Christi“.

Im Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon kann auf die Kritik der Religionen schon vom „Wesen“ der Philosophie her niemals verzichtet werden. Deswegen gilt unsere Aufmerksamkeit nach wie vor auch den Verbrechen, die von dem Gründer des katholischen Ordens der Legionäre Christi, Pater Marcial Maciel, Jahre lang begangen wurden, gemeint sind die pädophilen Verbrechen. Es gibt aber auch das für einen „Ordensmann“ mit den drei berühmten Gelübden „extrem schwerwiegende und objektiv unmoralische Verhalten“, wie sich jetzt sogar der „Heilige Stuhl“ ausdrückt. Das Zitat stammt aus einer Erklärung des Heiligen Stuhls, nachdem die 5 bischöflichen Visitatoren dem Papst Bericht erstattet hatten über die Monate dauernden Forschungen zum Zustand des Ordens. Der Vatikan spricht im Falle Maciels sogar von einem „skrupellosen Leben“ „ohne echten religiösen Sinn“, so wörtlich. Vergessen sind die Äußerungen, als Papst Johannes Paul II. Maciel als Vorbild für die Jugend pries und nichts dringender fand, als sich im Kreis Maciels zu zeigen… Am 2. Mai 2010 hat der „Heilige Stuhl“ eine Erklärung veröffentlicht, in der dieses „skurpellose Verhalten“ Maciels beschrieben wird. Mehr als zwanzig Jahre hat es gedauert, bis der Vatikan zu diesem Eingeständnis in der Lage war; offenbar wäre dieses Eingeständnis ohne die heutigen Pädophilen Skandale im Klerus auch nicht möglich gewesen.
Aber Klartext wird in der Erklärung vom 2. Mai 2010 nicht gesprochen, weil die z.B. die Drogenabhängigkeit Maciels sowie seine exzessive und heuchlerische Liebe zu Frauen, vor allem reicher Witwen, nicht genannt werden; diese Damen plünderte Maciel finanziell aus. Auch die Praxis Maciels, Kardinäle in Rom mit Geldgeschenken und Sachspenden (besonders beliebt: spanischer Schinken) zu bestechen, etwa Kardinal Sodano oder den Privatsekretär Johannes Paul II., um „Gewogenheit“ und Schweigsamkeit gegenüber dem Orden zu erzeugen, wird in dem Vatikanischen Papier nicht genannt. Darüber hat die internationale Presse, wie National Catholic Reporter, USA, in den letzten Wochen ausführlich berichtet. Weiter lesen “„Maciel war skrupellos und ohne religiösen Sinn“. Aber die Legionäre bleiben im Dienst der „militia Christi“.” »

Die lateinamerikanische Theologie der Befreiung

Der folgende Beitrag ist der Text einer RADIO Sendung des Saarländischen Rundfunks 2005.

Wir weisen auf aktuelle Ergänzungen vom 9.5. 2016 hin mit Beiträgen des kompetenten Befreiungstheologen Kardinal Lorscheider über die „Option für die Armen“, die unglückliche Rolle von ADVENIAT“ usw. Klicken Sie zur Lektüre dieses Beitrags hier.

Ein „Vorwort“ am 4. 2. 2011: Mich freut es sehr, dass dieser Beitrag vielfach gelesen und hoffentlich auch verbreitet wird. Ich weise nur noch einmal darauf hin, dass dieser Beitrag, eine Ra­dio­sen­dung, aus dem Jahr 2005 stammt. Die Befreiungstheologien haben sich seit der Zeit natürlich weiter entwickelt. Ich arbeite daran und hoffe, bald Aktualisierungen zu bieten. Aktuelle Themen könnten sein: Die Zusammenarbeit von Papst Johannes Paul II. mit dem us amerikanischen Präsidenten Reagan im gemeinsamen Kampf gegen die Befreiungstheologie; die direkte und indirekte Unterstützung für Diktatoren in Chile, Argentinien, Brasilien usw. Die enge sehr freundschaftliche Verbindung Johannes Paul II. mit dem erklärten Gegner der Befreiungstheologie, dem Chef der Legionäre Christi, Marcial Maciel; die Rolle des opus dei als Motor des kampfes gegen die Befreiungstheologie wäre zu untersuchen, abgesehen von den genau wichtigen Themen wie der Rolle der Theologinnen in der Befreiungstheologie, die Bedeutung der indigenas Religionen, der afrobrasilianischen Kulte usw. Die neue „Macht“ der Pfingskirchen und die offiziell theologische Degradierung der Basisgemeinden usw…

Eine weitere Ergänzung am 2.3.2016 zu Kardinal Müller, Rom, und der Theologie der Befreiung bzw. der so laut herausgestellten Freundschaft von Gustavo Gutierrez und Gerhard  Müller, Rom, klicken Sie hier.

Das Thema gehört in einen „religionsphilosophischen Salon“, weil diese lateinamerikanische Theologie eng mit den großen Perspektiven einer freien, einer emamzipierten Welt verbunden ist.

„Für mich ist der christliche Gott genau der Gott der universalen Gerechtigkeit. Und das ist der Gott, der das Leben ALLER Menschen will. Wer zu Gott DU sagt, und den Mitmenschen zum Objekt seiner Interessen erniedrigt, der betet nicht zu Gott, sondern zum privaten Hausgötzen seiner partikulären Interessen. Es geht um eine Theologie, die Stachel im Fleisch bleibt. Es steht dein ewiges Heil am Spiel, ob du bereit bist, den zu sehen, der nichts zu essen hat“.

Martha Zechmeister ist Ordensfrau und Professorin für katholische Theologin an der Universität Passau. Regelmäßig arbeitet sie als Dozentin auch in Lateinamerika, vor allem im zentralamerikanischen Staat El Salvador. Sie teilt dort mit den Armen die bescheidenen Behausungen, erlebt die tägliche Sorge um sauberes Wasser und halbwegs genießbare Nahrung. Die meisten Bewohner in diesem Land leben unterhalb der Armutsgrenze. Die Wirtschaft ist – wie fast überall in Lateinamerika – am Boden. Das Elend wächst und damit auch die Bereitschaft zu gewalttätigen Auseinandersetzungen. Aber die Armen fragen in den christlichen Gemeinden nach der Bedeutung des Glaubens inmitten von Elend und Unterdrückung. Dabei hat Martha Zechmeister entdeckt, dass der Kern des Christentums eigentlich etwas ganz Einfaches ist:

„Die Herrlichkeit Gottes ist der Mensch, der lebt. Das heißt mich: Ohne die Armen kein Heil. Das ist nicht ein spirituelles Problem, sondern das ist ein politischer Anspruch“.

In Lateinamerika stellen sich heute zahlreiche katholische, aber auch etliche protestantische Theologen den politischen Ansprüchen des Glaubens. Frei Betto, Jon Sobríno, Elsa Támez, Paulo Suess, Leonardo Boff, Gustavo Gutiérrez: Sie und viele andere Theologen haben sich entschieden, für die Hungernden, die Ausgrenzten und Arbeitslosen Partei zu ergreifen. „Option für die Armen“ heißt ihr Motto. Zum ersten Mal in der Geschichte der Kirchen gibt es eine systematisch ausgearbeitete Theologie der Unterdrückten; eine „Wissenschaft von Gott und dem Glauben“, die nicht am Schreibtisch entsteht, sondern im Einsatz für mehr Gerechtigkeit. Der peruanische Priester Gustávo Gutiérrez hat vor 35 Jahren diese „teología de la liberación“, die Theologie der Befreiung,  in ihren Grundzügen formuliert. Bei einer Konferenz in Frankreich sprach Gustavo Gutiérrez kürzlich erneut über seine wichtigsten theologischen Lehrmeister:

„Wir nennen diese Menschen die Bedeutungslosen. Sie haben keine Bedeutung für die Wirtschaft. Sie zählen nichts aufgrund ihrer Hautfarbe. Sie zählen nichts, weil sie Frauen sind. Diese wirkliche Ausgrenzung und Armut ist der Ausgangpunkt unserer theologischen Überlegungen. Denn wir sind überzeugt,  die Frage der Armut ist nicht nur ein soziales Problem. Vielmehr wird von der Armut her unser ganzes Verstehen der christlichen Botschaft geprägt“.

In der ursprünglichen Predigt Jesu werden die Armen selig gepriesen, ihnen gehöre das Reich Gottes, sie seien von Gott besonders geliebt. Die Kirchen haben diese biblischen Weisungen zwar nie ganz vergessen. Aber erst lateinamerikanische Befreiungstheologen haben diese Forderungen wieder in die Mitte kirchlicher Praxis gestellt. Sie erinnern daran, dass Jesus von den Reichen verlangte, den Besitz zu teilen. Auch einige Bischöfe unterstützen diese Theologie, die so leidenschaftlich an einer besseren Welt interessiert ist, zum Beispiel der inzwischen pensionierte Kardinal Evaristo Arns aus Sao Paulo in Brasilien:

„Die Menschenrechte sind der Kern des Evangeliums. Also sie kommen aus dem Herzen des Evangeliums heraus. Gott ist Mensch geworden, um den Menschen zu retten, also dass er Mensch werde, dass er Mensch bleiben kann, dass er wirklich alle seine Möglichkeiten als Mensch verwirklichen kann für die anderen. Und wenn er das nicht kann, dann ist Christus umsonst auf die Welt gekommen und Gott hat den Menschen umsonst geschaffen“.

Befreiungstheologen wollen das leibliche, das materielle Wohlergehen der Armen fördern. Nur so kann für sie Kirche glaubwürdig sein! Glaube darf niemals beruhigendes Opium werden, „der Himmel soll geerdet werden“, sagen sie. Die Erlösung durch Gott muss auch weltlich und politisch erfahrbar sein. Dagegen haben führende Vertreter des Vatikans bis hin zu Papst Johannes Paul II. entschieden protestiert. Auch Kardinal Ratzinger meinte als Chef der Glaubenskongregation, die Befreiungstheologen leugneten den Himmel, wenn sie für die irdische Gerechtigkeit hier und jetzt eintreten. Ganz auf dieser Linie denkt ein führender Mitarbeiter der vatikanischen Behörden Jorge Medína Estévez:

„Wenn man die Befreiungstheologie in einem horizontalistischen, also bloß weltlichen Sinne versteht, dann reicht das nicht! Es ist falsch zu glauben, die Rettung durch Christus betrifft vor allem die Veränderung der menschlichen Strukturen, die Arbeitsstrukturen und die ökonomischen Verhältnisse der Armen. Damit hat die Rettung durch Christus nichts zu tun. Denn der wahre katholische Glaube betrifft vor allem das Herz des Menschen. Der Arme ist für den Christen jemand, in dem Christus sichtbar wird. Es geht nicht um den Armen selbst, sondern darum, den Armen in Christus zu sehen“.

Kardinal Medina war in den achtziger Jahren als Erzbischof in Valparaíso, Chile, einer der engsten Freunde und Mitarbeiter des Diktators Augusto Pinochet. Noch als Kurienkardinal in Rom setzt er sich für den Diktator ein. Medina hat auch dafür gesorgt, dass Papst Johannes Paul II. bei seinem Besuch in Santiago de Chile vom Diktator aufs herzlichste empfangen wurde und mit ihm eine Privat-Messe feierte. Befreiungstheologen haben dagegen protestiert! Aber ihnen ist es wichtiger, gegen eine abwegige Frömmigkeit zu kämpfen, die den Armen sozusagen „vergeistigt“, zu einem Objekt der Christus-Frömmigkeit macht! Den Befreiungstheologen geht es tatsächlich um die Armen als Arme in ihrer Armut! Sie kämpfen für ein besseres Leben hier und jetzt. Und sie glauben, dass genau dies der Wille Gottes ist. Der weltweit bekannte brasilianische Befreiungs-Theologe Leonardo Boff hat diese Meinung vertreten. Er wurde nach vielfachen Schikanen von Rom mit Rede- und Schreibverbot bestraft. Mitte der neunziger Jahre resignierte er und gab sein Priesteramt auf. Ob er noch einmal rehabilitiert wird und die kirchliche Lehrbefugnis, die missio canonica, erlangt?

„Da ich gerade so die Haltung habe, die sehr kritisch ist und deswegen auch mich nicht ganz in der Linie von Rom mich fühle, werde ich nie diese missio canonica bekommen. Und ich bedauere diese Situation, weil es die Freiheit in der Kirche einschränkt und man kann nie eine gute Theologie treiben, ohne Freiheit, ohne Kreativität“. .

Der Vatikan hat mit seiner Politik der Bischofsernennungen die Befreiungstheologie in allen Ländern Lateinamerikas systematisch untergraben. Konservative Oberhirten sollen für Ruhe und Ordnung sorgen. So entspricht die Kirche auch den Vorstellungen der Machthaber in den Ländern selbst, vor allem aber den Wünschen der allmächtigen US Regierung. Für sie heisst „Option für die Armen“ immer noch „Option für den Kommunismus“; eine abwegige Vorstellung, die so oft  widerlegt wurde, aber immer noch in den Köpfen der Herrscher herumspukt. Ludger Weckel hat am Institut für Politische Theologie in Münster diese globale Kirchenpolitik am Beispiel El Salvadors genau beobachtet:

„Der ermordete Erzbischof Romero 1980 war einer der ganz grossen Verteidiger der Befreiungstheologie an der Seite der Armen. Ist deswegen umgebracht worden. Sein Nachfolger war durchaus eher in der Linie, ein eher vorsichtiger Mensch, aber trotzdem in der Linie der Befreiungstheologie. Und heute ist ein Erzbischof, in San Salvador am Werk, der ist in erster Linie Militärbischof und als solcher auch mit seinen Positionen vertreten. Und favorisiert in diesem Bistum ganz eindeutig sehr konservative, sehr reaktionäre Kräfte“.

Und die machen sogar auch noch den bescheidenen Studienzentren der Befreiungstheologie das Überleben möglichst schwer. Die Theologieprofessorin Martha Zechmeister hat dies bei ihren Studien – Aufenthalten in San Salvador erfahren:

„Repressalien gibt s genug. An der UCA, der Universität der Jesuiten, haben die Diözesan Priester von San Salvador das Verbot dort zu studieren. Und Ordensgemeinschaften,  die dürfen nicht auf Diözesangebiet wohnen. Also die müssen lange Fahrwege in Kauf nehmen. Der Erzbischof verweigert das Wohnrecht. Also es sind Repressalien massiver Natur. Verrückt auch!“

Aber in gewissem Sinne „verrückt“ erscheint es vielen Beobachtern, dass sich die Befreiungstheologen und die mit ihnen verbündeten Armen NICHT mundtot machen lassen. Darin folgen sie ihrem Vorbild, dem von Militärs ermordeten Erzbischof Oscar Romero aus San Salvador. Seiner Vision folgend, halten sie daran fest, nach einem „geerdeten Himmel“ zu suchen. Dabei nehmen sie es in Kauf, dass sich die Wohlhabenden und Reichen von ihnen abwenden. Professor Martha Zechmeister erlebt dies ständig in der Kathedrale von San Salvador:

„Die Unterkirche ist die Krypta Monsignore Romeros. Und da sind die Campesinos, die ihren Tagesmarsch hinter sich haben und wo das Volk feiert mit ihrem Märtyrer in einer sehr vitalen und ausdrucksstarken Weise. Und sie haben darüber die Kathedrale, die ist jetzt in einem Neoklassizismus wunderbar vollendet. Und da feiert Erzbischof Saenz, der jetzige Opus Dei Erzbischof von San Salvador, seine Hofliturgie, mit dem Präsidenten in der ersten Reihe. Frauen in hübschen Kostümchen, Uniformen, sammeln die Kollekte ein. Und da gibt es auch die einzige Orgel im Land. Es sind auf engsten Raum zwei kirchliche Welten, die nicht kompatibel sind“.

Heute wird in der Öffentlichkeit bereits von einer Spaltung der katholischen Kirche in Lateinamerika gesprochen, vom einer Spaltung zwischen Reichen und Armen Christen. Die wenigen Begüterten haben ihre eigenen „Wohlstandstheologen“. Sie gehören vor allem zum Umfeld der Geheimorganisation Opus Dei und der Ordensgemeinschaft Legionäre Christi. Aber von diesen Problemen abgesehen: Die Armen und die mit ihnen verbündeten Theologen haben noch viel heftigere Konflikte auszustehen:

„Unsere größte Schwierigkeit, für die Befreiung einzutreten, kommt von der politischen Macht, von der ökonomischen und militärischen Macht; diese Systeme töten die Christen, sie haben Erzbischof Romero getötet und Hunderte von engagierten Christen“.

Die Liste der Opfer ist lang. Wer im Engagement für die Befreiung sein Leben ließ wird oft wie ein Heiliger verehrt. Die Täter sind meist bekannt: Denn der gezielte, zum Teil tödliche Kampf gegen die Befreiungstheologen und ihre Freunde wird besonders von den USA aus organisiert. Inzwischen hat Amnesty International nachgewiesen, dass vor allem in der Militärakademie „School of Americas“ im Bundesstaat Georgia Tausende von Scharfschützen im Kampf gegen die aufmüpfigen Armen Lateinamerikas ausgebildet wurden. Aber die engagierten Gruppen lassen sich nicht einschüchtern. Im Gegenteil, an der Basis entstehen immer mehr Initiativen, NGOs wie man heute gern sagt. Sie versammeln sich regelmäßig, z.B. bei den Treffen des Weltsozialforums. Der Befreiungstheologe Franz Hinkelammert aus Costa Rica war bei diesen Treffen in Brasilien dabei:

„Es entsteht ein Christentum auf der Strasse. Diese Gruppen, die sich heute etwa in Porto Alegre treffen haben eine enorme Partizipation von christlichen Personen; aber auch christliches Denken spielt eine grosse Rolle.  Aber Christentum geht wieder auf die Strasse, da habe ich überhaupt keine Zweifel,. Und zwar auf eine sehr autonome Art und Weise. Die machen richtige Gottesdienste und die holen dann auch mal einen Priester dazu, oder auch nicht. Aber da ist eine selbstständige Welt am Entstehen“.

Aber diesen Basis-Gruppen weht der Wind stärker denn je ins Gesicht. Die ökonomische Macht in den reichen Ländern nimmt immer mehr Einfluss auf die wirtschaftliche Entwicklung Lateinamerikas. Die Völker werden wegen der hohen Auslandsverschuldung so unter Druck gesetzt, dass sie den Weisungen der internationalen Konzerne Nordamerikas und Europas folgen müssen. Um des Profits willen werden gewisse soziale Errungenschaften in Frage gestellt, wie das Verbot der Kinderarbeit, der Streik der Gewerkschaften, der Mutterschutz, die Krankenversicherung, die Umweltgesetze usw. Sie gelten den Herren der allumfassenden Privatisierungen als „Marktverzerrungen“. Und die  müssen abgeschafft werden! Der Theologe und Ökonom Professor Franz Hinkelammert aus Costa Rica spricht in dem Zusammengang von dem Kampf der Basis gegen das allmächtige Imperium:

„Die grossen Schritte gibt s nicht im Moment, aber es gibt unglaublich viele Volksbewegungen, in Argentinien, Venezuela usw. Die Sache ist nicht verloren, wenn auch die Volksbewegungen das Imperium selbst nicht treffen können, das ist klar“.

Es sind die Theologen der Befreiung, die Ordensleute sowie die gebildeten Frauen und Männer aus aktiven Gemeinden, die sich der Allmacht der globalisierten Wirtschaft immer noch widersetzen. Sie haben inzwischen viele Mitstreiter gefunden. Zum Beispiel: 180 Millionen Hektar Ackerland liegen in Brasilien brach, es gehört den Großgrundbesitzern. Und gleichzeitig hungern Millionen Menschen! In ihrer Not besetzen immer mehr Arme das ungenutzte Land;  für sie die einzige Chance zu überleben. Die brasilianische Bewegung der Landlosen ist daraus entstanden, sie zählt mehr als 400.000 Mitglieder. Der Franziskaner Pater Augustinus Diekmann aus Bacabal in Nordost-Brasilien unterstützt diese Gruppen.

„Das Bezeichnende ist nicht nur an der Landlosen-Bewegung,  sondern auch an anderen Basisbewegungen in Brasilien ist, dass die mehr und mehr unabhängig geworden sind, unabhängig von Kirchen, Parteien, von Gewerkschaften und anderen sozialen Gruppierungen. Was ich sehe begrüsse: Wer dort mitmachen will, kann das tun, auch wir von der Kirche, Aber wir haben nicht in erster Linie das Sagen. Das Positive ist, dass eine betroffene Gruppe, nämlich die Landlosen, ihr Schicksal selbst in die Hand genommen haben“.

Die Ideale der Befreiungstheologie sind nicht totzukriegen: Die größte brasilianische NGO ist das Werk „Crianza, Hilfe für elende Kinder“. Einige Millionen Heranwachsender wurden durch diese Initiative eines gesundheitlichen Basisdienstes vor dem Tod bewahrt! Gegründet hat diese Bewegung „Crianza“ die brasilianische Ärztin Zilda Arns, sie ist die Schwester von Kardinal Arns:

„Wir haben 262.00 ehrenamtliche Menschen, die uns helfen, von diesen die meisten leben in ganz armen Gemeinden. Die Armen helfen den Armen! Wir geben Kurse zur Bildung dieser Armen, dass gut die Kinder können aufpassen, gesund und Erziehung und alles. Und dann diese armen Leute vermehren die Solidarität mit den anderen Familien, den Nachbarn. Und dann haben wir eine Million und dreihundert tausend  Familien, die jeden Monat sind besucht. Es ist wichtig, dass wir gute Krankenhäuser haben, aber es ist mehr wichtig die Prävention“.

In einer Situation, in der selbst progressive Parteien von Korruptionsskandalen erschüttert werden, sind oft die christlichen Gemeinden und ihre Befreiungstheologen noch die einzigen Verteidiger der Menschenrechte. Bischof Erwin Kräutler vom Riu Xingu in Brasilien versteht sich als „ökologischer Befreiungstheologe“, wenn er sich gegen die globalen Rodungen der Wälder in der Amazonas Region wehrt:

„Da brennen einem die Augen Tag und Nacht vom Rauch. Da fahre ich hunderte Kilometer im Jeep, und was ich in diesen Monaten sehe, ist nichts als Asche und verkohlte Baumstämme auf beiden Seiten der Strasse. Alle 500 Meter kommt mir zudem ein schwerbeladener Lastwagen entgegen  aus dem nicht noch nicht abgebrannten Urwald und aus den Indianerreservaten werden Tausende von Kubikmetern Mahagoni Holz in die Nächste   geschickt. Auch dieses Holz gehört nicht den Brasilien, sondern den Europäern und den Nordamerikaner. Die Kirche darf nicht neutral bleiben, denn es geht um Leben und Tod. Tatenlos zuzusehen wie Gottes Schöpfung zerstört wird, das ist Gottes Lästerung“.

Die Christen, die immer noch für die Befreiung von sozialer Ungerechtigkeit kämpfen, haben eine spirituelle Heimat, einen Ort, wo sie religiöse Kraft empfangen für ihr stets bedrohtes Leben. Und das sind die kleinen, überschaubaren Basisgemeinden. Allein in Brasilien sind über eine Million Menschen mit ihnen verbunden. Pater Augustinus Dieckmann:

„In diesem Netz der Basisgemeinen ist gar nicht wegzudenken diese Verkoppelung von Glauben und Leben. Zum Beispiel eine viel stärkere Nachbarschaftsstruktur als hier in Deutschland, auch unter Christen. Dass es einem nicht egal ist, wie es den Alten geht, wie es den Kindern geht, ob die Schule funktioniert. Es ist nicht eine Gemeinde, die man mit einem Supermarkt vergleichen könnte, wo die Kirche halt Dienstleistungen und darunter auch die Sakramente anbietet, es geht eher in die Richtung eines persönlichen Engagements. Ich entscheide mich dafür, weil ich von meinem Glauben überzeugt bin, dass es gut ist, in solch einer Gemeinschaft mitzumachen“.

Die Mitglieder der Basisgemeinden wählen als demokratisch strukturierte Gruppen ein Team von Frauen und Männern zu Gemeindeleitern. Und diese Verantwortlichen möchten gern auch die Messe mit ihren Kreisen feiern. Aber der Vatikan ist strikt dagegen, er zeigt sich wie übermächtiger Verwaltungs-Apparat: Nur zölibatären Priestern erlaubt er die Feier der Eucharistie. Viele tausend Basisgemeinden in ganz Lateinamerika müssen darum auf die Messe verzichten, weil es viel zu wenige Pfarrer gibt. Gegen diese vom Klerus bestimmte Kirchen-Struktur wehren sich Befreiungstheologen, wie zum Beispiel Pater Heribert Rembecki aus Bacabal in Nordost-Brasilien:

„Wir haben eine komplizierte Art, Kirche zu verwirklichen. Wir haben eine komplizierten Apparat, wir müssen unsere Missionsarbeit, unsere kirchliche Arbeit, viel viel einfacher machen. Weniger zentralistisch. Und immer mehr Laien auch Verantwortung übergeben, nicht nur mal hier und da“.

Die Katholische Kirche Lateinamerikas steht vor einer globalen Wende: Die Befreiungstheologen, offiziell eingeschränkt und manchmal verteufelt, arbeiten an der Basis weiter. Auf der anderen Seite pflegt Rom beste Kontakte zu den politisch-ökonomischen Herrschaftseliten. In dieser Situation wenden sich viele tausend lateinamerikanische Katholiken den modern erscheinenden, flexibel agierenden evangelischen Pfingstkirchen zu. In manchen Ländern gehört schon jeder Fünfte diesen eher fundamentalistisch frommen Gemeinen an. Nur wenige katholische Bischöfe haben überhaupt noch den Mut, Reformen anzumahnen. Zu ihnen gehört Bischof Norberto Strothmann aus Chosica in Peru:

„Wir brauchen als Motivationsschub eine starke eine starke sozialengagierte, linke Theologie. Sie müssen davon ausgehen, dass wir in Lateinamerika in einer Unrechtssituation sind. Und es kann doch nicht sein, dass der katholische Kontinent, was soziale Ausgewogenheit angeht, so ziemlich an letzter Stelle auf Weltebene herumhantelt. Das bedrückt mich und macht mich ungeheuer besorgt. Wenn Sie in dem Zusammenhang eine Diagnose erlauben, ich würde wünschen, dass Rom so etwas hört: Wenn das noch 20 Jahre so weitergeht, dass zu sozialen Fragen nicht dezidierter Stellung genommen wird, dann könnte es zu einem grossen Erdrutsch kommen. Denn man sollte sich nicht darüber hinwegtäuschen, die Zuwachsraten bei den rechtsgerichteten Sekten christlicher Provenienz sind sehr hoch, aber es könnte auch so sein, dass die Enttäuschung über die katholischen Kirche ihr noch mal leicht 50 Prozent ihrer Mitglieder wegbrechen lassen könnte“.

Die offizielle Ausgrenzung der Befreiungstheologie hat die Glaubwürdigkeit der Kirche beschädigt. Die Armen fühlen sich alleingelassen, wenn nicht verraten von dieser weltumspannenden kirchlichen Organisation, die offenbar selbst Teil der globalen Herrschaft geworden ist. Anders können es sich die Armen ja nicht erklären, dass der Vatikan ungerührt an uralten, im europäischen Mittelalter entstandenen Kirchengesetzen festhält und diese den Lateinamerikanern heute aufdrängt. Wer kann es den Armen dann verdenken, wenn sie jetzt ihr Heil in kleinen, überschaubaren Pfingstgemeinden suchen? Ob sie dort eine Antwort finden für ihre Suche nach umfassender Befreiung ist allerdings die Frage. Es bleibt ein mühevoller Prozess, „den Himmel zu erden“.