Jean-Luc Nancy: „Das Christentum hat sich von mir abgewandt. Aber die wahre Mystik blieb mir“

Der Philosoph Jean-Luc Nancy ist gestorben

Ein Hinweis von Christian Modehn

Der französische Philosoph Jean-Luc Nancy ist am 23.8.2021 im Alter von 81 Jahren gestorben, er war viele Jahre Professor in Straßburg, er ist einer der wichtigsten Philosophen unserer Gegenwart.  Sein philosophisches und literarisches Werk ist äußerst lebendig und umfangreich, mehr als 100, zum Teil viel beachtete Bücher hat Nancy publiziert. Er war auch mehrfach in Berlin zu Vorträgen und Debatten. Etliche längere Interviews auf Deutsch sind in der sehr empfehlenswerten Zeitschrift „Lettre International“ erschienen….

Dieser Hinweis ist natürlich keine „Gesamtwürdigung“ seines Werkes.  Es ist sehr komplex und zudem für „schnelle Lektüre“ ungeeignet…Das sollte aber niemanden hindern, Nancy zu studieren. Hier werden nur einige Stellungnahmen Nancys genannt werden, die in der Pariser Tageszeitung „La Croix“ kürzlich veröffentlicht wurden. Die ausgewählten Stellungnahmen beziehen sich vor allem auf das immer deutliche religiöse bzw. auch religionsphilosophische Interesse von Jean-Luc Nancy. Und das passt gut in den Schwerpunkt unseres philosophischen Salons.

1. Zur christlichen Biographie Nancys:

Im Alter von etwa 28 Jahren trennt sich Nancy vom christlichen Glauben und der katholischen Kirche, er war in der Gemeinschaft J.E.C., „Jeunesse Etudiante Chrétienne“, in der „Christlichen studierenden Jugend“, einer Organisation der katholischen Kirche, aktiv engagiert und interessiert“. (Zur J.E.C. gehörten viele Intellektuelle und Politiker, wie Francois Mitterrand, René Rémond, Georges Montaron und andere. Die J.E.C. besteht bis heute, als progressive, linke katholische Organisation). Jean-Luc Nancy: „Die Zugehörigkeit zum Christentum war für mich absolut untrennbar mit einer politischen und sozialen Vision. Wir waren in der JEC sehr engagiert zugunsten der Demokratisierung des Unterrichts und der Ausbildung. Ich war Christ, ganz und gar. Aber ich muss sagen: Das Christentum hat sich von mir abgewandt, wie von einer ganzen Generation. Denn im Jahr 1957 kritisierten die französischen Bischöfe die progressive Haltung der J.E.C. Das war für mich wie ein Donnerschlag und so befreite ich mich von der Kirche, die mir als eine Gestalt des Konservativen und der Macht erschien. Diese Loslösung von der Kirche war möglich, weil ich die Philosophen Hegel, Heidegger und Derrida entdeckte. Diese Philosophen sagten mir nicht: Ich bringe dir das Heil. Aber sie ließen mich lebendig sein“.

Aber es bleibt für Nancy nach dem Abschied vom Christentum: „Etwa die Interpretation der Bibel. Ich sah, dass man förmlich bis ins Unendliche den Sinn eines Textes entdecken kann“.

2. Das andere Herz

Nancy hat oft davon gesprochen, dass ihm 1992 ein Herz transplantiert wurde, darüber hat er 2000 ein Buch geschrieben mit dem Titel „L Intrus“, „Der Eindringling“. Er wendet sich an den Menschen, der, ohne es zu wissen, ihm sein zweites Herz gegeben hat.

3. Gemeinschaft leben und Gemeinschaft denken

Ein Mittelpunkt der Philosophie Nancys steht sicher die Reflexion über die Gemeinschaft der Menschen, auch die Gleichheit der Menschen, sowie ihre Krankheiten, aktuell von ihm reflektiert das Corona-Virus. Dazu das Buch „Un trop humain virus“ 2020, erschienen in den Editions Bayard Paris. In dem Interview mit „La Croix“ spricht er über das Gesundsein heute.  „Wir leben in einer Gesellschaft, in der die Gesundheit ein wesentliches Gut ist, aber auch ein Recht. Jeder kann es fordern. Trotzdem: Die Gesundheit ist nicht die Wahrheit der Existenz…Heute ist die Gesundheit zu einer Art Selbstzweck geworden. Wozu  sollen wir denn bei guter Gesundheit sein? Für welche Ziele leben wir? Das ist nicht mehr klar.“

4. Der kulturelle Bruch

„Seit der Verkündigung des Todes Gottes durch Nietzsche sind wir in eine Epoche der Unsicherheit eingetreten. Ich denke oft an den Satz von Jean-Christophe Bailly, einem überzeugten Atheisten, der in seinem Buch „Adieu“ geschrieben hat: Der Atheismus war nicht imstande, seine eigene Wüste zu bewässern. Ich glaube, diese Diagnose ist völlig korrekt. Die moderne Zivilisation hat nichts vorgeschlagen, um die Gestalt des Gottes zu ersetzen, die ausgelöscht wurde. Ich habe die Gewissheit, dass es eine neue spirituelle Revolution geben wird, dass die Zeit dafür gekommen ist, aber das kann vielleicht noch 300 Jahre dauern.“

5. „Wir sind Kinder Gottes“?

Nancy fragt sich, was denn letztlich die Gleichheit der Menschen heute legitimieren und beweisen könnte. „Man muss anerkennen, dass wir es nicht wissen… Im Laufe unserer Geschichte wurde das Christentum wichtig…Man sagte: Man ist ein Kind Gottes, das legitimierte die Gleichheit. Aber außerhalb der Religion, wie kann man die Gleichheit denken“?

6. “Wir tappen im Dunkeln

„Aber was die Zukunft angeht, kann ich nichts voraussagen und vorschlagen. Ich tappe im Dunkeln. Trotzdem: Wenn man sich im Dunkeln befindet, ist man niemals gänzlich in der totalen Finsternis. Im „Schwarzen“ lebend, sieht man auf andere Weise, nicht durch die Augen, sondern durch andere Sinne, das hören, das tasten…

7. Was bleibt?

„Ich habe in der Philosophie Hegels so etwas wie die Wahrheit des Christentums gefunden!  Hegel ist jemand, der in der wahren Bewegung des Geistes bleibt, eines Geistes, der die Grenzen überschreitet. Wichtig ist für mich auch der Philosoph Meister Eckart. Er sagte: „Bitten wir Gott, dass er uns in der Freiheit erhält und dass wir von Gott frei werden“.  Bei der Mystik heute muss ich eine gewisse Erschöpfung feststellen, heute sind die großen Debatten über die Mystik förmlich banalisiert. Ein sehr großer Teil der Menschheit heute verlangt nach Religion, aber die Menschen begnügen sich mit groben und dummen Sprüchen, die ihnen vorgesetzt werden. Unerträglich, was man so an Predigten der Evangelikalen hört…

8. Was ist Philosophie?

“Die Philosophie ist die Arbeit des Denkens. Philosophie gehört nicht zur Ordnung eines Wissens. Sondern eher: Dazu kommen, Worte für das zu geben , was man lebt. Die Aufgabe des Denkens ist die (Wiederer)-Öffnung, das Erwachen, das Aufgreifen der dringenden Bitte um Sinn. Philosophieren beginnt da, wo der Sinn unterbrochen ist. Aber der Sinn ist nicht eine Art Lager an Bedeutungen, kein Lager der Antworten und der Erklärungen der Welt, die irgendwo niedergelegt sind und die man teilen sollte”. Nein! Das Teilen, das ist der Sinn.  (Philosophie Magazine, Paris, August 2021).

9. Und die Freude?

Die Philosophie von Nancy ist geprägt von der Freude, der Anwesenheit der Lebensfreude. „Aber Freude ist nicht Zufriedenheit. Sie ist ein Affekt des Geistes, man weiß sich über jede Zweckbestimmung Begrenzung und jede Ganzheit hinausgetragen. Was die Freude für einen Grund hat, vermag ich nicht zu sagen…in jedem Fall: Die Freude kommt immer von einem „anderswoher“ (d`ailleurs). Von anderen, nicht von mir. Von den großen Gedanken der Philosophen, der Worte der Poeten, der warmen Zuneigung der Personen, der Schönheit der Kunst und der Körper. Natürlich, diese Erfahrung der Freude ist nicht immer da. Aber wenn sie kommt, dann berührt das, dann ist das ergreifend“.

Copyright: Religionsphilosophischer Salon Berlin

Kardinal Alfred Bengsch: Ein Bischof von Berlin, der „theologische Mauern“ errichete. Im Osten wie im Westen.

Hinweise von Christian Modehn, publiziert am 21.8.2021.

Zur Einführung:
Warum dieses Thema? Es gibt heute viel Dringenderes. Zweifellos.

Eine Neuigkeit: Joseph Ratzinger schätzte als Theologe und künftiger Erzbischof von München ganz besonders Kardinal Alfred Bengsch. Zwei sehr Konservative kannten sich schon seit dem Konzil… Siehe Nr. 17).

– Aber am Beispiel von Erzbischof und Kardinal Bengsch (1921-1979), Bischof in der geteilten Stadt Berlin, wird einmal mehr deutlich, wie ein einzelner, sich „Ober-Hirte“ nennender Kleriker eine ganze Kircheneinheit, ein Bistum, ins geistige Getto und zu einem von Angst bestimmten Glauben führen kann. Die Herrschaft einzelner, sich Macht anmaßender Bischöfe ist ja im aktuellen Fall von Kardinal Woelki (Köln) allgemein bekannt. Woelki hat in der klerikalen Arroganz viele „Vorgänger“ und „Mitstreiter“. Einer ist Bengsch, einer von vielen „Oberhirten“.

– Als Berliner, geboren in Ost–Berlin, in Berlin-Friedrichshagen, 1958 Flucht nach West-Berlin und dort Abitur sowie ein Semester Studium der ev. und kath. Theologie sowie der Philosophie an der F.U., (die Studien konnte ich in der BRD abschließen), kenne ich Bengsch, weil ich auch familiär mit dem „katholischen Milieu“ damals eng verbunden war. Mir ist es wichtig, ein Stück Erinnerungsarbeit zu leisten. Und vielleicht Aspekte deutlich zu machen, die anlässlich seines 100. Geburtstages in Jubelfeiern verdrängt werden.

Diese Hinweise sind also ein Beitrag der Religionskritik, eines Hauptthemas der Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie.

1. Lobeshymnen oder die historische Wahrheit?
In diesen Wochen erinnern sich nicht nur „Katholiken an den Berliner Erzbischof und Kardinal Alfred Bengsch. Es handelt sich um einen katholischen Bischof, der das katholische „Leben“ in Berlin (-Ost wie auch -West) bestimmte und sich darüber hinaus mit seiner sehr konservativen Theologie in den Katholizismus der BRD einschaltete.

Alfred Bengsch ist, summarisch betrachtet, ein Prototyp des ängstlichen, verschlossenen, dialog-unfähigen und arroganten Bischofs. Diese Tatsachen werden hoffentlich Beachtung verdienen, wenn anlässlich des 100. Geburtstages von Bengsch, wie offiziell – katholisch üblich, die erwünschten Lobeshymnen auf den „Ober-Hirten“ angestimmt werden. Der Herder Verlag wirbt für ein neues Buch über Bengsch mit der Behauptung: „Alfred Kardinal Bengsch gilt bis heute als einer der prominentesten und beliebtesten Oberhirten des Erzbistums Berlin“. Prominent war er auf seine Weise; aber als sturer Dialogverweigerer, kann er da als beliebt gelten? Bei einigen theologisch eher anspruchslosen Gläubigen vielleicht, die sich an Bengschs Predigten erbauten, die ganz auf die traditionelle Masche der klassisch-konservative Innerlichkeit und des bloß spirituellen Trostes setzten.

2. Bengsch wird Bischof – eine Art „Notlösung“
Alfred Bengsch wurde am 10. Februar 1921 in Berlin-Schönberg geboren, zum „Weihbischof“ in Berlin mit Amtssitz in Ost-Berlin wurde er 1959 von Papst Johannes XXIII. ernannt. Zum maßgeblich leitenden Bischof des Bistums Berlin wurde er drei Tage nach der Errichtung der Mauer, also am 16. August 1961, ernannt. Er war also in einem für katholische Bischöfe extrem jugendlichen Alter, er war 40 Jahre alt. Diese Ernennung ist begründet vor allem in der Abberufung des in West-Berlin lebenden Bischofs Julius Döpfner, er wurde Erzbischof von München-Freising. Und Bengsch war da eine schnelle „Lösung“, manche sagen, er wurde verantwortlicher Bischof, weil der Papst „sonst niemanden hatte“.

3. Bengsch repräsentierte die so genannte Einheit des Bistums Berlin
Bischof Bengsch „residierte“ in Ost -Berlin mit dem dortigen kirchlichen Verwaltungsapparat („Ordinariat“), hatte aber die Möglichkeit als einer der wenigen DDR- Bürger regelmäßig nach West-Berlin einzureisen und den aufwendigen, parallelen Verwaltungsapparat im Ordinariat West (wie viele Priester waren damals eigentlich nur „Verwaltungsbeamte“?) sowie die Gemeinden zu besuchen. Das muss noch einmal betont werden: Bengsch war als Bischof in der DDR auch für die Katholiken im freiheitlich und demokratisch geprägten West-Berlin zuständig. Und auch das ist wichtig: Die von kirchenoffizieller Seite bis heute viel beschworene und gerühmte „Einheit des Bistums Berlin“ nach dem Mauerbau am 13.8. 1961 repräsentierte de facto und als leibhaftige Einheit Bischof Bengsch allein: Er war einer der wenigen regelmäßigen, von der DDR-Regierung akzeptierten, Ost-West-Pendler. Natürlich besuchten einige Katholiken aus dem West-Berlin privat auch den Ostteil, aber offizielle Begegnungen in den Ost-Gemeinden fanden nicht statt.
Am 13. Dezember 1979 ist Erzbischof Bengsch in Berlin verstorben.

4. „Eine markige Persönlichkeit“?
Über weitere Details seines Lebens kann man sich über wikipedia usw. informieren. Hier geht es darum, wie es sich gehört, kritische Hinweise zum theologischen und kirchenpolitischen Denken Bengschs zu skizzieren. Denn es ist nicht unwahrscheinlich, dass anlässlich des 100. Geburtstages von Bengsch eher Lobeshymnen angestimmt werden als objektive Beobachtungen. Ein Text der Katholischen Akademie Berlin vom Sommer 2021 nennt Bengsch etwa eine „markige Persönlichkeit“, was immer das „markig“ bedeuten mag. Und die Akademie fährt fort: „Er hat bis heute bleibende Spuren hinterlassen“. Wohl wahr, von diesen „Spuren“ handelt dieser Hinweis, es sind – schon jetzt zusammenfassend formuliert – Spuren, die die Katholiken in West-Berlin, in einer Stadt in der „freien Welt“, ins Getto führten, in eine geistige Verkrampfung und Abgeschlossenheit, die spiegelbildlich der Mentalität der DDR-Führung durchaus entspricht. Insofern wäre es eine ausführliche Studie wert zu zeigen, wie Bischof Bengsch in seinem Verhalten des rigiden Regierens die DDR-Mentalität der Herrschenden belebte.

5. Nur Bengsch kennt das „unverkürzte Evangelium“
Eine gewisse Leitlinie der Interpretation des Denkens und Handels von Bengsch bietet sogar eine offizielle katholische Deutung: 1980 wurde im katholischen St. Benno-Verlag in Leipzig das Buch „Der Glaube lebt“ veröffentlicht, darin schreibt das katholische DDR- Autorenteam sehr ehrlich: „Kardinal Bengsch war kein progressiver Bischof“ – mit der sehr treffenden Ergänzung: „falls es so etwas gibt. Im Schubladendenken … ist er einwandfrei im Fach konservativ gelandet, und das noch nicht einmal gegen seinen Willen“ (S. 135). Dieser konservative und ängstliche Theologe Bengsch hatte sich übrigens als seinen Wahlspruch gewählt: „Helfer eurer Freude“. Gemeinte war selbstverständlich bei ihm immer die „innerliche Freude“ der dogmatisch korrekt Glaubenden. Das wahre Motto Bengschs war eher das von ihm häufig verwendete Wort: „Ich will die Lehre der Kirche UNVERKÜRZT lehren“. Wobei er von sich selbst, durchaus arrogant, meinte, das unverkürzte, also das ganze und das authentische Evangelium zu kennen: Pluralismus der Meinung schloss diese Überzeugung aus. Bengsch allein bestimmte, was „unverkürzt“ bedeutet…Davon wird noch zu sprechen sein.

6. Die Häretiker suchen und bestrafen.
Zur theologischen und kirchlichen Laufbahn Alfred Bengschs: In den neunzehnhundertfünfziger Jahren konnten Priester der DDR noch an bundesdeutschen theologischen Fakultäten promovieren, so auch Alfred Bengsch. Er erwarb 1956 an der Universität München bei dem katholischen Dogmatiker (und auch später noch explizit konservativen Theologen) Michael Schmaus seinen Dr. theol. Das Thema der Promotionsschrift ist: „Heilsgeschichte und Heilswissen bei Irenäus von Lyon. Eine Untersuchung zur Struktur und Entfaltung des theologischen Denkens im Werk „Adversus Haereses, „Gegen die Häretiker“.
Das Thema hat keine aktuelle Bedeutung, damals schon nicht, also 10 Jahre nach Kriegsende und der von Nazis betriebenen Vernichtung des europäischen Judentums! Da hätte man sich ja auch Relevanteres vorstellen können für einen jungen Theologen aus dem geteilten Deutschland. Aber nein, es musste ein Theologe und ein so genannter „Kirchenvater“ des 1. Jahrhunderts sein, Irenäus von Lyon, über den schon 1956 sicher mindestens 20 Studien vorlagen. Irenäus von Lyon lebte von 135 bis 200. Die Abgrenzung des wahren Glaubens von den Meinungen der Häretiker (bei Irenäus waren es die so genannten Gnostiker) prägte das Denken von Bengsch also von Anfang an.

7. Die grundlegende “Weichenstellung” im Denken von Bengsch
Das ist für das Verständnis entscheidend: Bischof Bengsch lehnte als Teilnehmer des 2. Vatikanischen Reform- Konzils (1962-1965) das entscheidende und grundlegende Konzilsdokument „Die Kirche in der Welt von heute“, auch „Gaudium et spes“ genannt, ab. Am 7. Dezember 1965 fand nach langen und heftigen Debatten die Schlussabstimmung statt: 2.309 Ja-Stimmen standen 75 Nein-Stimmen gegenüber. Mit Nein hatte auch Bischof Bengsch von Berlin gestimmt. Unter der verschwindenden Minderheit der Nein-Sager befanden sich die berühmtesten reaktionären Bischöfe damals, in dieser Gesellschaft bewegte sich also Bengsch offenbar guten Gewissens. Die „Neinsager“ lehnten eine dialogbereite Kirche ab, sie wollten überhaupt nicht, dass sich die Kirche als „Hort der absoluten Wahrheit“ auch lernbereit mit den modernen Denkweisen auseinandersetzen muss. Bekanntlich wurde selbst der Dialog mit Atheisten vom Reformkonzil mit absoluter Mehrheit gutgeheißen. Von dieser Wegweisung des Reformkonzils wollte Bengsch nichts wissen. Die Konsequenz war: Bengsch lehnte den Dialog mit der säkularen, atheistischen, sozialistischen Welt ab, genauso wie dies auch der spätere Traditionalist und „Piusbruder“ Erzbischof Marcel Lefèbvre tat oder der reaktionäre brasilianische Erzbischof Geraldo Sigaud svd. Er war führendes Mitglied der bis heute bestehenden internationalen reaktionären Bewegung „Für Tradition, Familie und Privateigentum“. Bischof Sigaud ist nachweislich der heftigste Feind des Propheten Erzbischof Helder Camara gewesen. Die reaktionären Kreise sammelten sich während des Konzils im „Coetus Internationalis Patrum“, also dem „Internationalen Bund der Väter“, (leibliche Väter waren sie wahrscheinlich nicht). Zu diesem Kreis gehörte auch der große Gegner von Papst Johannes XXIII. :Kardinal Alfredo Ottaviani, Chef der damaligen „Inquisitionsbehörde“. Ob Bengsch zu diesem reaktionären „Coetus“ als Mitglied gehörte, ist für mich nicht eindeutig. Der einstige Pressesprecher des Bistums Berlin, Dieter Hanky schrieb in der offiziellen Bistumszeitung „Petrusblatt“: „Bengschs Bedenken, mit denen er sich zwar nicht allein, aber in einer kleinen Gruppe (also doch dem genannten „Coetus“?, CM) befand, galten vor allem jenen Textstellen, von denen er glaubte annehmen zu dürfen, dass sie vor allem von kommunistischen und anderen atheistischen Regierungen zum Schaden der Kirche missbraucht werden könnten… Als dann das Konzilsdokument, die Konstitution Kirche in der Welt von heute, wenn auch in einigen Punkten verbessert, mit großer Mehrheit vom Konzil angenommen wurde, schrieb Erzbischof Bengsch am 22. November 1965 in tiefer Sorge einen ausführlichen Brief an Papst Paul VI., in dem er ihm die Gründe für seine Ablehnung der Konstitution darlegte. Zu seiner großen Überraschung bat ihn der Papst am 6. Dezember zu einer Privataudienz, in der er den Papst noch einmal beschwor, der Konstitution in dieser Form die Zustimmung zu versagen. Er befürchtete Folgen in den Ländern hinter dem Eisernen Vorhang, wo die Verteidigung der religiösen Werte der Kirche als Widerstand gegen den gesellschaftlichen Fortschritt gewertet würde. Es war umsonst“. (Petrusblatt 12. Dezember 1999). Gott sei Dank, muss man sagen, sonst hätte Bengsch die ganze Kirche noch weiter ins Getto geführt…

8. Die katholische Kirche einmauern, im Osten wie im Westen.
Das Nein zu einem Dialog mit der säkularen, atheistischen Welt hat Bengsch als Bischof von Berlin Ost wie Berlin West fortgesetzt und durchgesetzt. Zusammenfassend lässt sich sagen: So, wie sich die DDR in Berlin mit einer Mauer umgab, so umgab Bengsch auch die katholische Kirche in der DDR mit einer Mauer. Seine Mauer-Abschottungs-Ideologie setzte er auch in der Kirche in West-Berlin rigoros durch.

9. Bengsch baut katholische Mauern in der DDR
Über Bengschs durchgängiges Bemühen, die katholischen Kirche in der DDR mit einer geistigen Mauer zu umgeben, sind etliche prägnante historische Studien erschienen. Ich erwähne nur die eher summarische Darstellung von Clemens M. März in dem Buch „Unser Glaube mischt sich ein. Evangelische Kirche in der DDR“, Ev. Verlagsanstalt Berlin 1990. Der Titel des Beitrags von Clemens M. März nach dem Mauerfall, 1990 geschrieben: “Aus dem Winterschlaf erwacht: Befreit zur Katholizität“ Seite 111-120). März zeigt: Die katholische Kirche in der DDR „distanzierte sich ostentativ von jeglicher gesellschaftlichen Mitarbeit“ (S. 115). Die DDR sollte nach Bengschs Meinung soweit es nur geht ignoriert werden,“ die Kirche flüchtete sich in die Katakombe“ (S. 117). Die offenen, weiterführenden Einsichten der Diözesansynode von Meißen (1969-1971) wurden von ihm unterdrückt. „Sie wurden von Bengsch der Ketzerei verdächtigt“ (S. 116) … Da haben wir schon wieder Bengschs Suche nach Ketzern (Häretikern), eine Leidenschaft seit seiner Doktorarbeit. Der katholische Theologe in Leipzig, Dr. Wolfgang Trilling, spricht sogar von einer „Liquidierung der Synode in Meißen“ durch Bengsch, siehe Trillings wichtigen und sehr erhellenden Beitrag in der Festschrift für Johann Baptist Metz „Mystik und Politik“ (Mainz 1988), Seite 324.
Im ganzen, meint auch der Autor Clemens M. März, habe Bengsch „das selbstgewählte Getto“ gepflegt (S. 118) „indem die katholische Kirche auch dort schwieg, wo sie, analog zum mutigen Eintreten der evangelischen Kirche, für Freiheit und Menschenrechte, hätte reden müssen“ (S. 117).
Zu demselben Ergebnis in der Einschätzung von Bengschs Wirken in der DDR kommt der schon genannte katholische Theologe und Professor für Bibelwissenschaftler Wolfgang Trilling (Leipzig). Er hat seinen Beitrag in der oben genannten Festschrift für Johann Baptist Metz „Mystik und Politik“ (Mainz 1988) unter den Titel gestellt „Kirche auf Distanz“ (Seite 322-332). Man darf sagen, dass dieser theologisch-historische Beitrag über die katholische Kirche in der DDR, in Leipzig verfasst 1987, stimmungsmäßig auch von einem „heiligen Zorn“ Trillings auf das katholische System bestimmt ist: “Nicht Produktivität, Phantasie, Experiment, Kritik, Freimut mit den neuen Partnern auf den verschiedenen Ebenen (der DDR) werden von Katholiken erwartet und als christliche Verhaltensweisen empfunden, sondern Gemeinsamkeit, ja gar Geschlossenheit, Zusammenhalt der kleinen Herde…“ (S. 324)… „Die Konstitution des Konzils Kirche des Konzils in der Welt von heute wurde in der DDR faktisch nicht rezipiert…es ging keine belebende Wirkung von ihr aus“ (S. 325). Und Trilling weist darauf hin, dass sich „katholische Jugendliche vielfach evangelischen Gruppen angeschlossen hatten, in denen die Friedensthematik z.B. leidenschaftlich diskutiert wurde“ (S. 328). Summa summarum schreibt der katholische Theologe Wolfgang Trilling: „Die gegenwärtige Lage, die durch das Fehlen jedes Instrumentariums innerkirchlicher Öffentlichkeit (synodale Einrichtungen, eigene Laienverbände…) verschärft wird, ist grotesk und in der Weltkirche singulär. Dennoch: Was uns nottut, ist eine entschlossene Abkehr von dem bisherigen Weg“, so (S.331). Über Trillings Widerspruch gegen den „Bengsch-Kurs der Abschottung“ hat auch Theo Mechtenberg in der Trierer Zeitschrift „Imprimatur“ (Heft 3, 2018) geschrieben. Die katholische Kirchenzeitung in den neuen Bundesländern, Ost-Deutschland, „Tag des Herrn“, berichtete am 11.4. 1999 von einer Tagung, auf der der Erfurter Historiker Jörg Seiler über die Beziehung der katholischen Bischöfe zu den jungen Katholiken mit “Gewissenskonflkten“ berichtete, es ging also um die Frage: Was denken die katholischen Bischöfe vom Dienst als Bausoldat oder von Totalverweigerern. Besonderen Einfluss dabei hatte der Berliner Erzbischof Alfred Bengsch: „Er sah direkte Interventionen in der Frage der Wehrpflicht als Gefährdung des relativ ruhigen Staat-Kirchen-Verhältnisses an.“ Die Auseinandersetzungen um die Wehrdienstverweigerung aus Gewissensgründen überließ man der evangelischen Kirche“, so der Journalist Matthias Holluba in „Tag des Herrn“.

10. Bengsch und sein „Maulkorberlass“
Der schon genannte Autor Clemens M. März erwähnt zur „politischen Dialogverweigerung Bengsch auch den so genannten „Maulkorberlass von Bengsch“ vom 1. Juni 1977, der den Priestern wie auch den Laien der DDR verbot, politische Aktivitäten auszuüben! Bengsch betonte sogar: „Das kirchliche Amt (also Bengsch selbst, CM) als gültiges Zeichen der Einheit und die prophetische Freiheit (was meint der Bischof denn damit?, CM) verlangen, kein wie auch immer geartetes politisches Engagement einzugehen“ (S. 117). Dadurch hatte sich die katholische Kirche der DDR auch vom Friedensengagement distanziert. Die „friedliche Revolution“ von 1989 war institutionell tatsächlich nur von der Evangelischen Kirche unterstützt und gefördert. 1990 wird dann der neu ernannte Bischof Georg Sterzinsky in einem Interview mit der „WELT“ (1.2.1990) vorsichtig und ein bisschen selbstkritisch bekennen: „Wir Katholiken der DDR hätten unsere Solidarität mit jungen Oppositionsgruppen deutlicher zum Ausdruck bringen müssen“ (S. 119). Um den Titel des Beitrags von Clemens M. März etwas zu variieren: 1990, nach dem die Mauer gefallen war, war die seit Bengsch in den Winterschlaf verfallene katholische Kirche im Osten Deutschlands ein bisschen erwacht…

11.Eine Mauer soll auch West-Berliner Katholiken einschließen
Die Mauer und das eingemauerte Denken hatte Bengsch so tief verinnerlicht, dass er auch die Katholiken in West-Berlin in eine geistige, theologisch engstirnige Mauer einsperrte, was er auch mit aller Bravour in West-Berlin durchsetzte:
Keine katholische Pressefreiheit
Der Redakteur der katholischen Kirchenzeitung in West-Berlin, “Petrusblatt“, Günter Renner, hatte es 1967 gewagt, einen kritischen Leserbrief gegen eine Entscheidung der katholischen Verwaltungsbehörde, des Ordinariates in West-Berlin, zu publizieren. Etwas Normales für eine freie Presse in einer freien Stadt. Die Verwaltungs-Prälaten waren jedoch empört und setzten alles in Bewegung, um den fähigen und bei den meisten Lesern beliebten Redakteur Pfarrer Renner abzusetzen. Viele Zeitungen, auch katholische Blätter in der BRD, zeigten sich verärgert über diese Entscheidung. Selbst die mit der CDU eng verbundene Berliner Morgenpost aus dem eigentlich immer kirchlich wohlgesinnten Hause Axel Caesar Springer protestierte. Die Medien forderten Bengsch auf, Pfarrer Renner als Redakteur weiter arbeiten zu lassen, aber vergebens. Bengsch war entschieden gegen umfassende und normale Pressefreiheit innerhalb der katholischen Kirche. Wieder eine erstaunliche Parallele zur Pressefreiheit in der DDR. Dieses Denken in einem Freund-Feind-Schema ist formal gesehen die gemeinsame Mentalität von Bengsch und der DDR-Führung.
Also musste der Redakteur Pfarrer Renner seinen Posten aufgeben, „er werde mit seinem kritischen Arbeiten den einem Diözesanblatt gestellten Aufgaben nicht gerecht“, hieß es. Nachfolger von Pfarrer Renner wurde damalige, mit Bengsch eng verbundene Ordinariatsräte und konservative Theologen wie Wolfgang Knauft oder Erich Klausener. Sie machten aus dem Petrusblatt eine katholische „Prawda“ oder „Neues Deutschland“. Aus einem dialogbereiten Blatt wurde ein offizielles „Organ“. Dagegen wehrte sich kurze Zeit ein kritisches Wochenblatt, mit dem Titel „Der Christ“ (Auflage 5.000). Bengsch nannte diese Zeitschrift wörtlich, so berichtete der SPIEGEL 1968, auf seine „freundliche“ Art „ein Käseblatt“. Aus Mangel an Geld musste „Der Christ“ bald verschwinden. Kirchensteuer-Gelder erhielten nur die offiziellen Propaganda-Blätter wie das Petrusblatt. (Über die Kirchenpresse im geteilten Berlin siehe auch: https://www.bpb.de/geschichte/zeitgeschichte/deutschlandarchiv/259675/christliche-gemeinschaft-im-geteilten-berlin)
Was die publizistische Wirkung angeht: Bengsch genießt noch heute wegen seiner rigorosen Haltung als Konservativer viel Achtung, etwa in dem reaktionären Monatsblatt aus Regensburg mit dem Titel „Der Fels“, dort ein Beitrag von Bengsch im Dezember 2013.

12. Keine katholisch- theologische Wissenschaft in Berlin
Über die Mauer, die Bengsch um die katholische Kirche in West-Berlin zog, wären viele Beispiele zu nennen: So gab es etwa überhaupt kein katholisch-theologisches Institut, also keine theologische Forschung, die den Namen verdient. Das wirklich winzige „Seminar für katholische Theologie“ an der Freien Universität stand zwar in der Nähe des FU Hauptgebäudes, dem Henry Ford Bau, es stand aber geistig völlig am Rande, spielte überhaupt keine Rolle im kulturellen und religiösen Leben der Stadt. Der Leiter dieser „Klitsche“, wie wir Studenten damals das winzige Seminar für katholische Theologie nannten, war seit 1956 Prof. Marcel Reding (aus Luxemburg), ein stiller, zurückhaltend-netter gebildeter Priester, der auch etwas Bengsch-kritisch war, aber nur hinter vorgehaltener Hand. Redings Lebenswerk war die Marx-Interpretation im Lichte des mittelalterlichen Theologen Thomas von Aquin. Dann dozierte dort noch der Moral-Theologe und Jesuit Waldemar Molinski, mit dem sich heftige Debatten ergaben etwa über den Willen einiger Studenten, eine ökumenische, also eine gemeinsame katholisch-evangelische Studentengemeinde zu gründen. Diese ökumenische Initiative wurde unterdrückt. Ökumene war überhaupt nicht Bengschs Interesse. Er benutzte evangelische Kirchengebäude auf dem Lande, in Brandenburg, wenn denn kein „katholisches Gotteshaus“ zur Verfügung für die kleine Gemeinde. Aber das war es…
Eine katholische Akademie in West-Berlin, die diesen Namen verdiente, wie etwa die 1957 gegründete Katholische Akademie in München, gab es zu Bengschs Zeiten nicht. Das so genannte“ katholische Bildungswerk“ war ein Einmann-Betrieb mit Pfr. Fassbender, die Sendungen über Kirchen in der ARD Anstalt SFB wurden von Ordinariatsräten streng beobachtet und kritisiert. Demokratische Meinungsvielfalt war ein Horror für Bengsch, dies wollte er seinen Untertanen einbläuen. Prälat Klausener in West-Berlin hatte die Bengsch-Theologie völlig verinnerlicht: „Demokratie ist in der katholischen Kirche abzulehnen, vielmehr ist dem kirchlichen Amt Vertrauen und Gehorsam geboten“, zitiert der katholische Politologe Manfred Krämer in seiner Studie „Kirche kontra Demokratie?“ (München, 1973, S. 46). Dr. Manfred Krämer war ein geradezu leidenschaftlich kluger Vorkämpfer für eine moderne katholische Kirche auch in West-Berlin, aber ist mit seinem Engagement selbstverständlich gescheitert … und leider viel zu früh verstorben…

13. Mit Stasi-Methoden in der Kirche arbeiten
Dem SPIEGEL war es in Heft 26 des Jahres 1969 ein Bericht wert: Kardinal Bengsch folgte Stasi-ähnlichen Methoden und konnte deswegen einen theologisch gebildeten Kaplan in der West-Berliner Gemeinde St. Bernhard in Dahlem vertreiben. Konkret: Ein Bengsch-freundlicher Katholik hatte heimlich – wie die Stasi – die „theologisch-modernen“ Predigten von Kaplan Hebler mitgeschnitten und die Kassetten dem Kardinal bzw. seinen Prälaten zugeschickt. Sie hörten die Mitschnitte ab und … Kardinal Bengsch entfernte Kaplan Hebler aus der Gemeinde. Der SPIEGEL hat sogar den Tonband-affinen Katholiken genannt, es war ein gewisser Alfons Ryzlewicz. Er also förderte, sicher nicht allein, mit seinem orthodoxen Eifer die Absetzung Heblers … wieder einmal wegen „Häresieverdacht“. Der SPIEGEL berichtet: Hebler wurde ins Bischöfliche Ordinariat (West) zitiert, „wo er fünf Stunden lang auf Fragen einer fünfköpfigen Kommission antworten musste. Zwar tranken die geistlichen Herren dabei Tee mit dem Beschuldigten, doch diesem war angesichts der gegen ihn erhobenen Vorwürfe der »private Ton« eher lästig. Denn er wurde u.a. beschuldigt, er habe den Gottesdienst zum Ort des Protestes gemacht und »engagierte politische Erklärungen« in die Verkündigung gebracht usw… Tatsächlich wurde Hebler dann von Bengsch nach dem Rausschmiss aus der Gemeinde ein „Studienurlaub“ gewährt… Der bekannte, an der FU von moderaten Demokraten sehr geschätzte Katholik, der Politologe Prof. Alexander Schwan, sprach von Hebler als einem der wenigen, die „zu den erschreckend wenigen Predigern in Berlin gehörten, die … einem Großstädter die Verkündigung Jesu Christi heute noch nahezubringen und bedeutsam zu machen vermögen«. Viele Dahlemer Katholiken protestierten gegen die Entscheidung Bengschs und sandten dem Kardinal einen entsprechenden Brief, aber sie erhielten keine Antwort.
Bengsch und die „68 er Bewegung“
Interessant ist auch die Ignoranz Bengschs und der Prälaten in West-Berlin im Umfeld des Mai 68. Als der Studentenführer Rudi Dutschke am 11.4. 1968 am Kurfürsten Damm 141 Opfer eines Attentates wurde, das er nur schwerstkrank überlebte, berichtete das Petrusblatt recht knapp über „Osterzwischenfälle“ (dieser Titel erinnert an die Sprachregelung des „Neuen Deutschland“ der SED). Und weil einige Demonstranten auf dem Kurfürsten Damm ein Kreuz in der Hand hatten und es hoch hinaus wie eine Mahnung in die Öffentlichkeit streckten, schrieb Prälat Erich Klausener im „Petrusblatt“: „Junge Leute nehmen das Kreuz für sich in Anspruch. In ihrem Sendungsbewusstsein fühlen sie sich als Vollstrecker der Geschichte“. Das Kreuz, so der Prälat, gehöre in die Hände der Kirche, nicht der Aufständischen! Und der Prälat kritisierte dann die Demonstranten weiter, „weil sie einen moralischen Absolutheitsanspruch haben, der nur von wenigen erhoben wird“. Als einige katholische Studenten Flugblätter über den Mai 68 in der Sankt Canisius-Kirche (Charlottenburg) verteilten, wurden sie sofort rausgeworfen. Das Petrusblatt berichtete, dass der dort aufhaltende Erzbischof Bengsch ausdrücklich die Annahme dieses Flugblattes verweigert hätte, weil er sich ja auf die Feier des Pontifikal – Amtes in dieser Kirche vorbereiten musste…(In diesem Absatz zitiere ich aus meinem Beitrag in dem Buch “Zwischen Medellin und Paris. 1968 und die Theologie“, der Titel meines Beitrags: „Der Traum ist vorbei“. Edition Exodus, Luzern/Münster, 2009, S. 11-24).

14. Die Idee vom „unverkürzten Evangelium“
Alfred Bengsch, Bischof und dann auch Kardinal, liebte es, seine eigene überragende Rolle als einzig kompetenter Interpret der Lehre Jesu Christi zu definieren: „Ich will das unverkürzte Evangelium predigen“. Dabei predigte er immer sein auf katholisches Getto verkürztes Evangelium, ohne jeden Respekt für Pluralität auch in der Kirche, Meinungsfreiheit, intellektuelles Niveau. Bekanntlich gibt es im Neuen Testament schon theologische Pluralität….Bengsch aber war von seinem „unverkürzten Evangelium“ absolut und unerschütterlich überzeugt. 1966 fanden sich Westberliner Katholiken noch in der riesigen Deutschlandhalle und füllten geduldig den Raum. Da bezog sich Bengsch auf Kritik und Vorwürfe, die sich gegen sein Kirchenregiment wandten und er fuhr dann in der ihm eigenen Leidens-Mine fort: „Ich werde das alles eher ertragen, als dass ein einziger junger Mensch in meinem Bistum mir vorwerfen sollte, er wäre in die Irre gegangen, weil ich zu feige gewesen wäre, das unverkürzte Evangelium Gottes zu predigen“.
Tatsächlich hat sich, von außen betrachtet, Bengschs unverkürztes konservativ-rigides und nur auf innere Gefühle setzendes Evangelium nicht durchsetzen können. Ab 1968 begann der große kirchliche Abbruch, auch quantitativ gesehen, des West-Berliner Katholizismus. In Bengschs Sicht sind dann also doch viele „in die Irre gegangen“, weil sie schlicht und einfach aus der Kirche austraten. Und daran ist nicht nur irgendeine diffuse säkulare Mentalität „schuld“, wie Kirchenführer oft sagen, sondern auch das rigide Kirchenregiment des Berliner „Ober-Hirten“ und seiner Getreuen. Viele West-Berliner Katholiken haben sich aus der von Bengsch errichten katholischen Getto-Mauer befreit… und sind spirituell als freie Menschen eigene Wege gegangen.

15. Ein eigenes Bistum West-Berlin mit einem freien Bischof für eine freie Metropole.
Es wurde nie ernsthaft diskutiert, ob nicht doch ein eigenes Bistum West-Berlin letztlich für die betroffenen Katholiken hilfreicher gewesen wäre, weil sich dann eine eigene Form katholischen Lebens in einer demokratischen Stadt hätte entwickeln können. Bekanntlich hat die Evangelische Kirche in Berlin zwei Bischöfe gehabt, einen im Osten, einen im Westen. Dadurch konnten die Protestanten frei und auf die unterschiedlichen Verhältnisse unterschiedlich reagieren.
Aber die Fixierung auf die Einheit des Bistums Berlin war ein Wahn, weil, wie gesagt, Bengsch allein diese Einheit als Grenzgänger repräsentierte. Bengschs Nachfolger Bischof Joachim Meisner (bis 1989) war für West-Berliner auch alles andere als ein Lichtblick. Auch er herrschte in einer rigiden Herrschaft, ohne Sinn für theologische Pluralität und Meinungsfreiheit. Auch Meisner hat viele interessierte Katholiken West-Berlins aus dieser Kirche herausgeführt. Auch Meisner dachte in den undemokratischen Kategorien der DDR-Führung. LINK.

15. Gegen die „Schlipspriester“
Ich will mit einer kleinen persönlichen Erinnerung an Bischof Bengsch diese Hinweise beenden. Als Berliner Katholik habe ich als Jugendlicher diesen Berliner Bischof mehrfach erlebt. Eine Szene in einem Gemeindehaus werde ich nicht vergessen, als der Bischof an der Krawatte eines jungen Priesters zerrte und an dem Schlips hin – und herzog und dann brüllte: „Sie Schlips-Priester“. Ich hatte mich so gefreut, dass sich katholische Priester wie andere Männer ein bisschen „normal“ kleiden. Bengsch wollte auch die eindeutige klerikale Kleiderordnung. Und einmal saß ich in einer Runde des katholischen „Primanerforums“ (Leitung der Jesuit Pater Lachmund), da kam Bengsch kurz in den Raum, eilte von einem Jugendlichen zum anderen, schüttelte die Hände, fragte eigentlich desinteressiert kurz nach dem Namen und der Zugehörigkeit zu einer Gemeinde… und verschwand. „Der ist aber gar nicht freundlich“, sagte ein Freund am Tisch. Ich konnte dem nur zustimmen.

16.
Bengsch war die falsche Person an diesem exponierten Platz Ost – und West – Berlin. Sein kardinaler Fehler: Er hat zusätzlich zur DDR-SED-Mauer noch katholische Mauern in beiden Teilen der Stadt gebaut, er war in dieser theologischen Enge und Angst-Besessenheit der offiziellen DDR/SED Mentalität nicht ganz unähnlich. Und er hatte geradezu Lust, Dissidenten zu verfolgen und zu bestrafen, und ließ, wie oben gezeigt, Stasi-Methoden in der Kirche zu. 

17.

Ratzinger ein Freund von Bengsch:

Der Theologe Joseph Ratzinger war mit dem konservativen Bischof und Kardinal Alfred Bengsch (Berlin) eng befreundet.
Ein kirchengeschichtlicher Hinweis von Christian Modehn am 9.1.2023.

Erzbischof Heiner Koch, Berlin, vermittelte am 9.1.2023 in der Johannes Basilika in Berlin – Kreuzberg Erkenntnisse besonderer Art: Sie zeigen, dass Joseph Ratzinger, Konzilstheologe, mit Erzbischof Alfred Bengsch lange Zeit schon vor dem Konzil eng freundlich verbunden war und mit ihm theologisch übereinstimmte. Bengsch war bekanntlich ein konservativer Gegner des Konzilsbeschlusses „Kirche in der Welt von heute“. Ratzinger war von 1968 bis 1977 Professor in Regensburg, in der bewussten Nähe des sehr konservativen Bischofs Rudolf Graber.

Erzbischof Koch sagte also am 9.1.2023:

„Um ein Haar wäre Joseph Ratzinger, unser verstorbener Papst emeritus Benedikt XVI., ein „Berliner“ geworden. Der Grund dafür war
– was zu-nächst paradox klingt – seine Ernennung zum Erzbischof
von München und Freising im Jahr 1977. Seit fast einem
Vierteljahrhundert war Ratzinger zu diesem Zeitpunkt bereits
persönlich, theologisch und geistlich eng mit Alfred Bengsch
verbunden, dem damaligen Bischof von Berlin. Vier Tage nach seiner
Ernennung durch Papst Paul VI. richtete Ratzinger an Bengsch einen
Brief, in dem er ihn zur Weihehandlung einlud. Aber zuvor legte er ein
Geständnis ab: „Einen Augenblick“ lang habe er nämlich, so schrieb
er, darüber nachgedacht, ihn, den Berliner Kardinal, zu bitten, dass er
ihm das Weihesakrament spende. Seine Begründung ist das
Bekenntnis einer tiefen Freundschaft: Es sei, so Ratzinger, „in allen
Wandlungen der Zeit“ zwischen ihnen beiden „die innere Nähe des
Denkens und des Wollens“ geblieben, die schon von ihren ersten
Begegnungen an der Münchener Universität an bestand. Für
Ratzinger rührte diese Nähe „von der gemeinsamen Berufung und
dem sie tragenden Glauben her.“

Quelle: stefan.foerner@erzbistumberlin.de Nachricht vom 9.1.2023.

 

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Die 8. unerhörte Frage: Warum ist Verzichten heute die notwendige Lebensform für die Reichen?

Ein Hinweis von Christian Modehn.

Was bedeutet „unerhört“?
„Unerhört“ werden außerordentliche Themen genannt.
Als „unerhört“ gilt, wenn ein wahres Wort, ein vernünftiger Vorschlag, von anderen nicht gehört und nicht wahr-genommen wird, also un-erhört bleibt. Unerhörte Fragen müssen entfaltet , beschrieben werden, um ihre provokative Kraft zu bezeugen.

1.
Wie können Menschen als Bürger auf den 6. Bericht des Weltklima-Rates von August 2021 vernünftig reagieren? Es geht bei dem Thema bekanntlich nicht um Theorie, sondern um unser Erleben von Dürren und Starkregen, Überflutungen und monströsen Waldbränden, von einer rigorosen Hitzewelle im Süden Europas ganz zu schweigen.

Zunächst: Die zentrale Aussage heißt: Der Weltklimarat IPCC betont: Es wird immer schwieriger, die Erwärmung der Erde unter 2 Grad zu halten. Die Emissionen von Treibhausgasen müssen „sofort, jetzt, schnell, drastisch reduziert werden“. Es geht wirklich um das Überleben der Menschheit und um das Bewahren dessen, was der Mensch von der Natur noch übriggelassen hat. Darüber wurde seit dem berühmten Bericht des „Club of Rome“ „Grenzen des Wachstums (1972), vielfach palavert, aber relativ wenig ist geschehen.
Das Versprechen einer wirksamen Reduzierung der Treibhausgase durch demokratische Regierungen (wie in Deutschland zur Merkel-Zeit) waren eher leere Versprechen, Ankündigungen, Beruhigungspillen. Die damals genannten Klima-Ziele wurden nachweislich nicht erreicht. Die Lobby der Ignorierenden in der neoliberalen Wirtschaft hat sich durchgesetzt. Sind sie die wahren „Herren“? Bis jetzt ja.
Bei der Wahl am 26. 9.2021 sollte deswegen nur die Partei gewählt werden, die noch am deutlichsten begründet argumentiert und verspricht, sich gegen die irreversible Veränderung des Klimasystems noch einmal wirksam aufzulehnen…
2.
Die unerhörte 8. Frage gilt dem persönlichen Beitrag des einzelnen, des Bürgers. Was ist zu tun? Philosophisch, also vernünftig, steht fest: Es geht um die Wiederentdeckung dessen, was man Moral, auch politische Moral, nennt.
Ohne eine Neuorientierung des Selbst-Bewusstseins („Geistes“) eines jeden lassen sich die Kipppunkte, also die Momente irreversibler Veränderungen des Klimasystems, nicht verhindern. Die mögliche Katastrophe haben Menschen gemacht, gemacht wegen der totalen Fixierung auf das Dogma „Wirtschaftswachstum“. Es ist wahrscheinlich das einzige verbliebene wirksame Glaubensbekenntnis der Reichen in den reichen Ländern und der mit ihnen verbundenen Reichen in den armen Ländern.
Es geht philosophisch gesehen also um die Frage: Welche Tugend als Lebensform muss jetzt Denken und Handeln der der Reichen leiten? Es wäre obszön, den Hungernden in Madagaskar, Tschad oder Haiti usw. das Verzichten zu empfehlen. Oder den prekär lebenden Armen in Europa und den USA…
3.
Es geht also philosophisch gesehen um das nicht gerade sehr beliebte Wort Moral und dabei um das noch unbeliebtere Wort Verzichten. Aber vielleicht beginnen beide Begriffe zu glänzen, wenn man sich die Mühe macht, sie näher zu betrachten.
So sehr der gelegentliche Verzicht auf ein Rinder-Steak ein kurzfristig gutes Gewissen erzeugt, es geht wahrlich nicht um gut gemeinte Symbolhandlungen, es geht um die Einübung eines neuen Bewusstseins, das auch politische und ökonomische Verbesserungen gestaltet. Und dies kann nur gelingen mit dem Verzicht auf die alten ökonomischen Dogmen des bisherigen Systems.
4.
Von vornherein steht philosophisch fest: Tugend ist alles andere als etwas Verstaubtes. Man denke an die breite philosophische Literatur zur Tugend-Forschung, etwa an das wichtige, übrigens leicht nachvollziehbare empfehlenswerte Buch des Philosophen Martin Seel “111 Tugenden – 111 Laster“ (2011). Gelebte Tugenden sind die Bedingung für humane Lebensformen. Und: Tugenden sind bereits in unserem Leben „vorhanden“, wir leben sie bereits, selbst wenn sie nicht als solche von vielen benannt werden: Das gilt sogar für ein „populäres“ Beispiel: Man denke daran, dass manche Dickleibige die Tugend des Fastens (für viel Geld) in speziellen Kliniken praktizieren. Sie wollen auf Körperfülle verzichten, um besser auszusehen oder gesünder zu leben. Die Tugend des Verzichts wird also von den Reichen in den reichen Ländern und den Reichen in den armen Ländern nicht nur akzeptiert, sondern sogar geschätzt. Auf wie viele Millionen Dollar ihres Privateigentums verzichten etwa reiche US-AmerikanerInnen oder BrasilianerInnen, um das Fettabsaugen zu finanzieren oder die teuren Schönheitsoperationen? Wie gern verzichten die männlichen Fußballfans, um, selbst bei knapper Kasse, eine teure Karte im Stadion zu „ergattern“ anstatt zum Beispiel ein gutes Buch zu kaufen oder mit der Familie einen gemeinsamen Ausflug zu machen.
5.
Abgesehen von diesen alltäglichen Beispielen: Verzichten hätte alle Chancen, DIE Tugend als vernünftige Lebensform in der Gegenwart werden, um in letzter Stunde, möchte man sagen, noch die Kipppunkte zu verhindern, die zu einer irreversiblen Veränderung des Welt-Klima-Systems führen.
Es ist wichtig, bei der Reflexion aufs Verzichten als Tugend auch auf die Sprachgeschichte dieses Wortes zu achten. Verzichten bedeutet: Etwas nicht länger noch beanspruchen; nicht auf einer Sache bestehen. Einen Anspruch nicht länger geltend machen. Verzichten bedeutet: Sich lossagen, etwas aufgeben, sich von einer Angewohnheit verabschieden, etwas verlassen, aufgeben, weil der neue Ort des Lebens viel mehr Lebenssinn, und sagen wir das schwierige Wort, auch Glück, verheißt. (Diese sprachlichen Hinweise verdanke ich der Website dwds.de, Der deutsche Wortschatz)
6.
Verzichten als erfreuliches, gar nicht trauriges Abschiednehmen vom Krankmachenden und Tödlichen ist also neues Denken und auch Neues (!) Denken. Das kann bei dem einzelnen nur dann ohne eine dauerhafte Bewusstseinsspaltung gelingen, wenn diese Erkenntnis, also das neue Denken, gleichzeitig auch ins Handeln, zur politischen Praxis, führt. Und diese neue Praxis gelingt nur wirksam in Verbindung mit Gruppen (siehe als Beispiel German Watch: https://germanwatch.org/de/weitblick oder „Fridays for future“ oder „Extinction Rebellion“ etc…)
7.
Dabei hat man sich längst von dem Irrtum befreien, Verzicht sei nur Sache der frömmelnden Leute aus der Kirche(ngeschichte), die freitags kein Fleisch essen, sondern ordentlich beim Fisch zulangen. Die Mönche verzichteten in der Fastenzeit vor Ostern aufs üppige Essen, sie tranken dafür aber sehr gern selbstgebrautes Starkbier. Auch die unmenschliche Zumutung, auf Sexualität zu verzichten in der Unkultur des Zwangs-Zölibates katholischer Priester ist nicht gemeint. Verzichten wurde als eine Art persönliches Opfer kaschiert, das man aus Liebe zu Gott und der Kirche bringen muss. Aber Verzichten als erfreulicher Abschied von tödlichen Denkzwängen hat gar nichts mit einem „Sich aufopfern“ zu tun. „Weniger ist mehr“, dies wird so oft gedankenlos in banalen Situationen geplappert. „Weniger ist mehr“ ist das Leitwort von Verzichten als Abschiednehmen…
Man sieht schon, wie sehr ein heutiger Begriff des Verzichtes gegen die eher absurde Verzichts-Tradition christlicher Spiritualität argumentieren muss.
Verzichten heute bedeutet eine neue Chance für ein sinnvolles Leben im Miteinander der Menschen, die sich gegen die irreversiblen Veränderungen des Klimasystems wehren. Die gleichzeitig aber wissen, dass weitere zentrale Projekte realisiert werden müssen, etwa Respekt der Menschenrechte auch für die Armen, im eigenen Land und weltweit, also auch Umgestaltung der ökonomischen Strukturen, die es noch zulassen, dass eine winzige Minderheit von Milliardären über Unmengen von Eigentum verfügen: „Nach Zählung des Forbes-Magazins gab es im Jahr 2021 weltweit 2.755 Menschen mit einem Vermögen von mindestens einer Milliarde US-Dollar“. Das waren 660 mehr als 2020.
(Quelle: https://de.statista.com/statistik/daten/studie/220002/umfrage/anzahl-der-dollar-milliardaere-weltweit/)
Und „DIE WELT“ berichtete schon 2018 eine Studie von OXFAM: „42 Milliardäre besitzen so viel wie die halbe Welt“., gemeint sind die Bewihner dieser Welt. Ich denke, wer diese Verhältnisse nicht obszön findet, hat nur ein geringes moralisches Bewusstsein. Verzichten sollen also zuerst die Milliardäre. Und man sollte nicht glauben, wenn diese Herren zehn oder hundert Millionen spenden, dann wäre dies eine „ganz tolle“ Leistung des Verzichtes…
Aber zu wirksamen Veränderungen dieser obszönen Eigentumsstruktur wird es unter den gegebenen politischen Verhältnissen in den Demokratien wohl kaum kommen. Denn: Eigentum ist den Demokraten und ihren Religionen heilig. So steht also die Tugend Verzicht geradezu hoffnungslos gegen das unumstößliche, auch religiös verbrämte Dogma „Eigentum ist heilig“.
8.
Die Menschheit lebt längst über ihre Verhältnisse, was die „Nutzung“ der Erde und der Natur angeht. Am 29. Juli 2021 war wieder einmal der sogenannte „Weltüberlastungstag“: Das bedeutet: Die Ressourcen der Erde waren an diesem Tag für das restliche Jahr 2021 (also für fünf Monate) de facto aufgebraucht: Eigentlich hätte unter der Rücksicht das Jahr 2021 zu Ende gehen müssen… Diese Tatsache aber war den TV-Nachrichten kaum 30 Sekunden wert, sie wurde sozusagen als „Vermischtes“ behandelt wie etwa der Tod eines zweitklassigen Filmstars… Am 29. Juli 2021 haben die Menschen (und das sind hier wieder vorwiegend die Reichen) mehr von der vorhandenen Natur verbraucht als die Ökosysteme der Erde in diesem Jahr noch erneuern können. Wir tun also ab August 2021 so, als hätten wir fast 2 Erden zur Verfügung, um unseren jetzigen Bedarf an Ressourcen zu befriedigen… Diese Überlastung der Welt durch extremen Konsum ist die Kehrseite der Unfähigkeit, Verzichten als politische Haltung zu praktizieren. Aus ökologischen Gründen und klimatologischen Gründen wäre eine Umkehr der Konsumhaltung, also Verzicht, als Form eines bescheidenen und solidarischen Lebensstils dringend geboten. Die grundlegende Idee der Gleichheit aller Menschen käme dann zur Geltung.
Aber was sagen rechtslastige Politiker, die dem Dogma des Neoliberalismus und des Wirtschaftswachstums absolut verpflichtet sind, wie der FDP – Chef Christian Lindner: „Ich will nicht verzichten, und ich will auch nicht, dass andere verzichten müssen. Ich will durch Technik erreichen, dass die Menschen frei leben, sich frei bewegen können.“ (Zit.: LINK https://www.deutschlandfunk.de/politik-und-verzicht-weniger-konsum-als-antwort-auf-. die.724.de.html?dram:article_id=464406)
„Frei leben“ ist das verschlüsselte ideologische Wort für das freie (egoistische) Leben der wenigen Reichen, die unter Freiheit ihren totalen Konsum verstehen…Es ist manchmal befremdlich, dass die Konsum-und Wachstumsideologie der neoliberalen Herren so selten als Gefährdung für die Menschheit und für das Fortbestehen der Welt eingeschätzt wird.
9.
Wie stehen die Chancen, dass sich Verzicht als die neue Lebensform durchsetzt? Wer ehrlich ist wird sagen: Die Chancen sind – realistisch betrachtet – sehr gering, bei den politischen Verhältnissen heute … und der bekannten Abwehr von Neuem und Richtigen unter so vielen Leuten, die nur das Heute sehen und denen die Zukunft ihrer eigenen Kinder und Enkelkinder offenbar egal ist. Das teure Fleisch, das man isst, ist meistens ungesund; die teure Luxusyacht ist überflüssig angesichts des Klimawandels; das „SUV“ Auto ist etwas völlig Verrücktes auf den engen Straßen der Großstädte, um nur davon zu sprechen. Aber an dieses verrückte Leben klammert man sich., man kann sich von diesem Lebensstil nicht verabschieden.
Ist dies die herrschende „Lebens-Philosophie“: Es ist alles langweilig, gleichgültig, es ist alles nichts, es ist nichtig, das Alles-Haben verdeckt nur diesen Zustand.
Der herrschende Nihilismus ist der größte Feind der Tugend, des sinnvollen Lebens, des Verzichts. Eher soll die Welt untergehen, als dass wir verzichten, das ist die herrschende Ideologie unserer Welt, vorwiegend. Eine Haltung, die keine moralisch-politischen Maßstäbe kennt. Politiker sprechen nicht von dieser Situation, sie sind selbst Teil dieser Welt und wollen vor allem bei Wahlen gewinnen, mit Stimmen von vielen ahnungslosen Bürgern.
10.
Eigentlich könnte man noch denken, die Kirchen wären die Orte, wo ein neuer Lebensstil eingeübt werden könnte. Aber die Kirchen sind zu sehr mit sich selbst befasst, mit ihren internen Struktur- Reförmchen und ihrem endlosen Kampf gegen sexuellen Missbrauch durch Priester oder sie bemühen sich die Tatsache zu kaschieren, dass der katholische, angeblich zölibatäre Klerus sehr bald in Europa ausgestorben sein wird. Das sind aber mit Verlaub gesagt angesichts der genannten globalen Herausforderungen der Menschheit doch wirklich nur Themen, die nur Insider interessieren. Das ist die Situation: Die breite kritische und gebildete Öffentlichkeit erwartet von den Kirchen keinen effektiven und spürbaren Beitrag zum Thema Klimawandel, auch wenn Päpste manchmal einschlägige Texte publizieren. Aber die Vielfliegerei der Bischöfe und Prälaten aus aller Welt nach Rom, zum Papst und zur zentralen Kirchenbürokratie hat ja nur wegen der Pandemie etwas abgenommen. Und der Bildungsauftrag der Kirchen in dieser Sache? Die Katholiken feiern stur und unbewegt ihre immer selben Messen, anstatt die Chance zu nützen, in ihren Sonntagsversammlungen sich mit den Menschen auszutauschen und zu verabreden über Möglichkeiten gemeinsamen Handels angesichts der genannten Katastrophen. Ja, auch dies, auch öfter mal auf die übliche, ewig gleiche Messe zu verzichten, gerade, um das religiöse Denken auch politisch zu weiten…
11.
Wer die Hoffnung auf eine Abwehr des genannten „Kipppunktes“ noch als seine Lebenspraxis bewahren will, wende sich also an politisch wache und wirksamere Organisationen…Und studiere weiter die Erkenntnisse zum wirksamen Klimaschutz, die allerorten dargestellt und auf Demos, etwa von „fridays für future“, geradezu berechtigterweise eingehämmert werden.
12.
Eine gerechte Gesellschaftsordnung, die den Namen verdient, wird ohne Auseinandersetzungen mit dem Thema Enteignungen nicht auskommen, auch die wirksame Vermögenssteuer muss diskutiert und realisiert werden sowie der dringenden Aufforderung von Politikern an die Milliardäre, um der Humanität willen auf einen Teil ihrer Milliarden zu verzichten … zugunsten der Abschaffung von Hunger und Seuchen in Afrika und zugunsten einer Gesundheitspflege und Ausbildung für alle Menschen. Das werden die Milliardäre und die multi-Millionäre nicht tun, das ist sehr wahrscheinlich. Und sie wissen dabei genau, dass sie sich mit ihrem egoistischen Wahn außerhalb jener Menschheit bewegen, die Gerechtigkeit als wesentliches und unverzichtbares Kennzeichen des Menschlichen, geltend für jeden Menschen begreift.
Trotzdem bleibt uns nichts anderes, als die Hoffnung zu pflegen, die Hoffnung, dass die Welt nicht völlig „umkippt“.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

“Eigentum ist Diebstahl“ (Proudhon, 1809 – 1865)

Über den Philosophen Pierre-Joseph Proudhon
Von Christian Modehn, im August 2021.

Ein Motto eines Kirchenlehrers, des Hl. Johannes Chrysostomos: “Den Armen nicht einen Teil der eigenen Güter zu geben bedeutet: Von den Armen zu stehlen. Es bedeutet: Sie ihres Leben zu berauben. Und: Was wir besitzen, gehört nicht uns,  sondern ihnen”.

Das Zitat findet sich auch im Schreiben (“Enzyklika”) von Papst  Franziskus “Fratelli Tutti” (aus dem Jahr 2020), mit dem Titel: “Über die Geschwiserlichkeit und die die soziale Freundschaft”. (Dort die Nr. 119, zu Johannes Chrysostomos: De Lazaro Concio, II, 6: PG 48, 992D.) Wegen seines radikalen Eintretens für die Rechte der Armen wurde Bischof Johannes Chrysostomos (344-407) von den reichen Christen gehasst und verfolgt…

Das aktuelle Thema:
Das Thema „Eigentum ist Diebstahl“ hat, wie alle wissen, eine aktuelle Bedeutung. Es geht z.B. um das Monopol einiger Pharmakonzerne, etwa der Corona-Impfstoff-Hersteller Pfizer und Moderna. Deren Jahresumsatz 2021 wird auf 50 Milliarden Dollar geschätzt. Die Konzerne haben den Preis trotz aller Gewinne für eine Dosis erhöht, Moderna von 19 Euro auf 21,60 Euro, Pfizer von 15,50 auf 19,50 Euro. Die demokratischen Regierungen der reichen Länder nehmen das gelassen hin. Die armen Länder gehen leer aus, so verbreitet sich dort das Virus – auch mit neuen Varianten, die dann auch die reichen Länder der Reichen erreichen…
Jetzt sind wir beim Thema: “Eigentum ist Diebstahl“. Die Hersteller der Impfstoffe beharren absolut auf den Patenten ihrer Impfstoffe, sie wollen deswegen unerhörten Gewinn weiterhin machen, schützen also ihr so genanntes geistiges Eigentum. Dabei ist die Impfstoff-Forschung auch von der Allgemeinheit, auch von Steuergeldern, bezahlt worden.
Aber das Eigentum, den Profit, maßen sich die Aktionäre an, es allein genießen zu dürfen. Denn in der kapitalistischen „Ordnung“ ist Eigentum, auch so genanntes geistiges Eigentum, absolut heilig. Sogar die Regierung eines ultra-kapitalistischen Landes, die USA, plädieren nun für die Freigabe dieses so genannten geistigen Eigentums „Impfstoff“. Die US-Regierung wünscht, dass die Armen in den armen Ländern doch ein bisschen mehr Impfstoff abbekommen. Anlagen für die Produktion von Impfstoffen könnten – wie schon in Deutschland, siehe Biontech in Marburg – auch in armen Ländern in kurzer Zeit gebaut werden.

Zu Pierre-Joseph Proudhon:

Interessant ist in dem Zusammenhang das Studium des äußerst umfangreichen Werkes Pierre – Joseph Proudhons (geboren 1809 in Besancon, gestorben 1865 in Paris), es ist inspirierend aus politischen, ökonomischen und religionskritischen Gründen. Neben Babeuf ist Proudhon wohl der einzige Begründer eines Sozialismus, der als Autodidakt handwerklichen und bäuerlichen Kreisen entstammt.
Wichtiger aber ist: Proudhon ist einer der ersten Denker des 19. Jahrhunderts, der die absolute Gültigkeit des Privateigentums (etwa vertreten durch John Locke im Jahrhundert) kritisiert hat und ablehnt und Alternativen zeigt, die in die Richtung der heute diskutierten COMMONS gehen.

1.
Der französische Philosoph und Ökonom Pierre-Joseph Proudhon (1809 – 1865) ist meist nur wegen seiner These „Eigentum ist Diebstahl“ bekannt. Diese von ihm inhaltlich begründete Erkenntnis wird wie ein Slogan benutzt und nicht in den Kontext des Denkens von Proudhon gestellt. So wird diese Erkenntnis wie eine Waffe gegen ihn verwendet von fanatischen (meist religiösen, meist chriostlichen) Verteidigern „des“ „heiligen“ Eigentums.
Das Zitat „Eigentum ist Diebstahl“ wurde in Proudhons Schrift „Was ist Eigentum?“ im Jahr 1840 veröffentlicht.

2.
Dass die Auseinandersetzung mit der These „Eigentum ist Diebstahl“ aktuell ist, muss nicht erklärt werden.

Auch heute ist die Vorstellung von der Unantastbarkeit, wenn nicht der „Heiligkeit“ des Privateigentums in der kapitalistischen Welt allgemeines Dogma: Weil alles der Logik des Marktes unterworfen werden darf, ist alles für Privatleute wie für international agierende „Firmen“ käuflich und damit in Privat – Eigentum verwandelbar: Gesundheit, Arbeit, Wohnen, Wasser, Wald, also auch die der Menschheit als Menschheit gegebene Natur im ganzen.

Einige tausend Menschen wurden und werden bei dieser totalen Käuflichkeit von allem zu erfolgreichen Eigentümern und zu Dollar Milliardären. Diese auf die Weltbevölkerung bezogen verschwindend kleine Minderheit (abgesehen von den hunderttausenden von Dollar Millionären) verfügt in vielen Ländern schon weit über die Hälfte des gesamten Einkommens. Das hat „Financial Times“ berichtet, die ZEIT zitiert: „So ist die Anzahl der Superreichen im Pandemiejahr von 2.000 auf 2.700 weltweit gestiegen. Eines der schillerndsten Beispiele ist der Tesla-Gründer Elon Musk, der 2020 sein persönliches Vermögen von 25 Milliarden auf 150 Milliarden Dollar gesteigert hat. Aber er ist keine Ausnahme. Es gibt mit Amancio Ortega in Spanien (Inditex-Modekonzern), Carlos Slim in Mexiko (Telekommunikation) oder Bernard Arnault in Frankreich (Luxusmode) sogar einzelne Personen, deren individuelle Vermögen mehr als fünf Prozent der Wirtschaftsleistung ihres eigenen Landes ausmachen. Und in Deutschland: So zeigen die Berechnungen der Financial Times, dass die Zahl der Milliardärinnen und Milliardäre hierzulande um 29 auf 136 Personen gestiegen ist. Deren Vermögen sind im Jahr 2020 um mehr als 100 Milliarden Euro oder drei Prozent der Wirtschaftsleistung Deutschlands angewachsen. (Die Zeit, 20.5.2021). Nebenbei: Der mexikanische Milliardär Slim ist ein enger Freund des katholischen Ordens der “Legionäre Christi”, der seinerseits über viele Millionen Dollar Eigentum verfügt…und einen nun auch päpstlich anerkannten Verbrecher als Ordensgründer hat, den Sexualverbrecher Pater Marcial Maciel.

3.
In einer Welt, die die universal geltenden Menschenrechte wenigstens noch verbal in einigen Staaten anerkennt und faktisch wohl auch manchmal noch durchsetzen möchte, muss die ungleiche Verteilung des Eigentums debattiert und, im Falle von monströs großem Eigentum,  auch aufgehoben werden. Heilig ist nicht das Milliardeneigentum einzelner, sondern einzig das voll entfaltete Leben aller Menschen. Diese Erkenntnis ist ethisch korrekt und wahr, sie wird leider eher selten ausgesprochen und debattiert, etwa in Zeiten des Wahlkampfes 2021 gar nicht. Selbst sich noch links nennende Parteien haben Angst vor politisch wirksamer „Milliardärs-Kritik“.

4.
Diese Angst hatte der Philosoph Proudhon nicht. Eigentum, begrenzt für den persönlichen Gebrauch in der Gestaltung des eigenen Alltags, ist für Proudhon selbstverständlich legitim, zur Entfaltung der einzelnen Menschen kann darauf gar nicht verzichtet werden. Eigentum an Produktionsmitteln ist etwas anderes als Besitz von Dingen des täglichen Bedarfs. Jeder Mensch braucht zum Leben Besitz, Dinge, die den Alltag und die Lebensgestaltung ermöglichen.
Aber dann fährt Proudhon fort: Maßlos ist das Eigentum einzelner Millionäre, es kann nur zustande gekommen sein als „Diebstahl“, wie Proudhon ausführt, also durch Ausbeutung vieler anderer.

Es geht darum: Aus dem Eigentum an Produktionsmitteln maßlosen Profit zu machen, aktuell: ohne für diesen Gewinn bestenfalls nur einen Finger am Computer-Bildschirm krumm zu machen, also ohne persönlich zu arbeiten… dies ist für Proudhon aus ethischen und politischen Gründen verwerflich und zu überwinden. Werte und Eigentum werden nur durch Arbeit geschaffen. Das gilt für alle Menschen: „Dieses Eigentum ist unmöglich, weil es die Verneinung der Gleichheit ist“, betont Proudhon. Der gierige „homo oeconomicus“ (also der ganz aufs Ökonomische und den Profit fixierte Mensch) ist ein „Zerrbild der Menschlichkeit, ebenso wie eine Eigentumsmarktgesellschaft, deren öffentliche Räume zerfallen“ (so der Philosoph Helmut Rittstieg, Artikel „Eigentum“, in: Enzylopädie Philosophie, Band I, S.453).

Man könnte von einem Einkommen ohne Arbeit, also einem „arbeitslosen Einkommen“, sprechen. “Der Eigentümer erntet, ohne zu säen”, betont Proudhon. Und dieser Geld-Gewinn ist nur möglich, weil andere Menschen von dem Eigentümer ausgebeutet werden.

5.
Proudhon lässt sich in seiner Kritik am Eigentum von der grundlegenden Idee der universalen Gerechtigkeit leiten, Gerechtigkeit steht im Mittelpunkt seiner Argumente ! Sogar der katholische Theologe Henri de Lubac hat sich in seiner Studie „Proudhon et le christianisme“ (Paris 1945) mit dieser zentralsten Idee Proudhons befasst: „Er war nicht weit davon entfernt, die Gerechtigkeit wie ein sakrales Erlebnis zu deuten und die Gerechtigkeit zu lieben wie eine Person“. Proudhon sagt: „Wir, die wir eine dem Menschen eingegebene, „immanente“ Moral zusprechen, wir, die wir wollen, dass Gleichheit und Gerechtigkeit herrschen, wir sind überhaupt keine Atheisten. Wir setzen die Gottheit nur um“ (Carnets, II, 178). D. h.: Wir setzen also an die Stelle des kirchlichen Gottes die Gerechtigkeit.

Und schon in seiner Schrift „Was ist Eigentum“, betont er: “Gerechtigkeit als „Gott“, nichts als Gerechtigkeit, das ist das Resumé meines Vortrags“. Dabei spielt die religiöse Überzeugung eine entscheidende Rolle: Proudhon kannte die katholische Kirche und die Theologie seiner Zeit sehr genau. Aufgrund seiner Tätigkeit, schon als Schriftsetzer las er Theologen wie Boussuet, Calmet, Fenelon und andere. Die Bibel in lateinischer Sprache hat er stets bei sich gehabt. Auch das Wörterbuch von Bergier („Dictionnaire théologique de Bergier“) wurde von ihm gelesen. Aber den kirchlichen Glauben an Gott im Jenseits hat Proudhon entschieden abgelehnt, die Kirche erschien als ideologische Stütze der bourgeoisen Eigentums-Fixierung. Aber er lobt die Gestalt Jesu, ist angetan von Jesu Geist der Revolte gegen allen Dogmatismus. Darin eröffnet er eine Tradition religionskritischer Denker, die Jesus von Nazareth aus dem dogmatischen Korsett der Kirche befreien und als ein Vorbild preisen, wie auch später Nietzsche, Agamben usw.
Proudhon betont: “Religion ist für den Menschen, nicht aber der Mensch für die Religion (Kirche) geschaffen“. Sein bedeutendstes Werk heißt “De la Justice dans la Révolution et dans l’Eglise” (1858; „Die Gerechtigkeit in der Revolution und in der Kirche“). Es wurde von den reaktionären, herrschenden Kreisen als antiklerikales Buch wahrgenommen, Proudhon musste nach Belgien fliehen.

6.
Ob man Proudhon „Atheist“ nennen sollte, ist fraglich, eher würde das Stichwort „radikaler Agnostiker“ und“ Kirchen-Feind“ passen. Denn vom Phänomen des Religiösen kommt er bei aller Fraglichkeit nicht los. Er meine sogar, jede Kirche könnte ein Fragment der einen universalen Religion enthalten. Es ist nicht erstaunlich, dass Proudhon sich in einer Freimaurer Loge wohlfühlen wollte, 1847 wurde er in der Loge der „Sincérité, Parfaite Union et Constante Amitié, Orient de Besançon“ aufgenommen.

7.
Wenn Eigentum unter dem Maßstab universaler Gerechtigkeit steht, muss also das Eigentum verteilt werden. Das Eigentum an Grund und Boden muss in der Verfügung der staatlichen Gemeinden bleiben, die den Grund und Boden befristet den Pächtern übergeben.
Proudhon hat als Ziel seiner Kritik alles andere als den Kommunismus (marxistischer Prägung) vor Augen: Wenn im Kapitalismus die wenigen Starken mit ihrem Eigentum die vielen Schwachen ausbeuten, so dreht sich im Kommunismus das Ganze bloß um: „Der Kommunismus ist die Ausbeutung der wenigen Starken (Enteignungen) durch die vielen Schwachen (unter Führung einer zentralistischen Partei)“. Deswegen kam es auch 1847 nach ersten Anzeichen von Sympathie von Karl Marx für Proudhon zu einem Zerwürfnis zwischen beiden. Proudhon wird also eher der „anarchistischen“ Tradition zugerechnet. Im Russland des 19. Jahrhunderts spielte er eine inspirierende Rolle, etwa bei Tolstoi oder Dostojewski (siehe Fußnote 1) Bakunin war den Ideen Proudhons eng verbunden. Proudhon wird zurecht der „anarchistischen Bewegung“ zugerechnet, weil er die staatliche Herrschaft und Macht durch ein vertraglich festgelegtes Netzwerk gesellschaftlicher Organisationen ersetzen wollte.

8.
Proudhon setzt im Unterschied zu den Marxisten-Kommunisten auf radikale Reformen, und dabei suchte er nach alternativen Konzepten. Der die Produktionsmittel Besitzende soll dann nur über so viel verfügen dürfen, wie er selbst für sich bzw. seine Familie braucht. Viele dieser nur noch besitzenden Produzenten sollen dann im Austausch miteinander arbeiten; sie sind nicht einander Konkurrenten oder gar Feinde. Der Gedanke der wechselseitigen, gegenseitigen Hilfe („Mutuellisme“) ohne eine allmächtige Zentralregierung war für Proudhon zentral. Von der Diktatur einer Klasse, etwa der Proletarier, hielt er gar nichts. Er wollte das System, in dem sich der Eigentümer von der Arbeit fremder Arbeiter bereichert, unterbrechen und abbrechen. 1849 gründete Proudhon eine „Banque Populaire“, also eine „Volksbank“, sie sollte zinslose Kredite an Arbeiter gewähren. 1848 wurde Proudhon als Sozialist in die Nationalversammlung gewählt. Als Kritiker Napoléon Bonapartes musste Proudhon viele Jahre im Gefängnis verbringen.

9.
Proudhon hat also in der politischen Debatte und der Suche nach einem „dritten Weg“ zwischen Kapitalismus und Kommunismus eine gewisse Rolle gespielt. Für religionsphilosophisch Interessierte lohnt sich die Auseinandersetzung mit seiner Beziehung zur katholischen Kirche seit der Kindheit, und vor allem zu seiner religiös geprägten Vorstellung von Gerechtigkeit und Gleichheit.

Zu diesen und anderen zentralen Ideen Proudhons hat die „Société P.-J.Proudhon“ in F- 72320 Courgenard hervorragende Studien als PDF-Dateien gratis zur Verfügung gestellt. (https://www.proudhon.net/)

10.
Es wäre eine weitere Arbeit zu zeigen, wie die von Sozialisten, Anarchisten und Kommunisten angestoßenen Debatten über das Privateigentum auch gewisse sanfte lehramtliche Veränderungen in der katholischen Kirche bewirkt haben. Da wird gelegentlich das Gemeinwohl über das Recht auf Privateigentum gestellt, so im § 2403 des offiziellen katholischen Katechismus von 1993. Im § 2406 heißt es noch sehr allgemein und vorsichtig: „Die staatliche Gewalt hat das Recht und die Pflicht, zugunsten des Gemeinwohls die rechtmäßige Ausübung des Eigentumsrechtes zu regeln“… Wohlgemerkt: Es geht um rechtmäßige Ausübung, nicht um gerechte Ausübung des Eigentumsrechtes!

Man bedenke, dass in dem noch bis ca. 1960 üblichen Handbuch katholische Moraltheologie“ von Heribert Jone (15. Auflage 1953) unter Verweis auf das Naturrecht der „gemeinsame (!) Besitz der irdischen Glücksgüter viele Unzuträglichkeiten“ nach sich ziehen würde (S. 204). Und weiter heißt es dann: „Demnach sind die Lehren …der Sozialisten und Kommunisten falsch“. Aber immerhin: „Nur in äußerster Not darf sich jedermann etwas von den Gütern des anderen aneignen“! (ebd.). Dies gilt nur in „äußerster Not“, nicht etwa allgemein schon in schwerer Not“, wie in § 331 betont wird….Jedoch: “Güter von geringem Wert aber dürfe sich ein Armer aneignen, wenn er sich so leicht aus schwerer Not erretten könnte und auf Bitten nichts erhalten würde“. Wenn aber sehr viele Arme sich Güter aneignen, dann könnte ja vielleicht eine kleine Revolution passieren oder? Daran denkt der Autor, der Kapuzinerpater Jone, nicht…
Es gibt darüber hinaus noch reaktionäre katholische Kreise, die sich unter dem Titel der internationalen „Bewegung für Tradition, Familie, Privateigentum“ zusammenfinden. Diese Bewegung wurde von dem Brasilianer Plinio Correa de Oliveira begründet, sie hat in Deutschland ihre Zentrale in Bad Homburg (Leitung: Martin von Gersdorff). LINK in dem Beitrag „Das reaktionäre Christentum der AFD… dort das 5. Kapitel.

Von anderer Seite kann man sich dem Thema Eigentum nähern: Über die Bedeutung des Verzichtens als Tugend, LINK

Fußnote 1:
Zur Beziehung Tolstois zu Proudhon:
Schon 1857 las Tolstoi Werke Proudhons, wahrscheinlich “Was ist Eigentum”. Die Notizen Tolstois aus der damaligen Zeit beweisen einen Einfluß Proudhons auf Tolstoi.

„Anfang 1862 wich Tolstoi auf einer Reise nach Westeuropa von seiner geplanten Route ab, um in Brüssel Proudhon zu besuchen. Sie sprachen über Erziehung – womit er sich damals sehr beschäftigte -, und Tolstoi erinnerte sich später, dass Proudhon “der einzige Mensch war, der in unserer Zeit die Bedeutung des öffentlichen Erziehungswesens und der Presse verstand”. Sie unterhielten sich auch über Proudhons Buch „La guerre et la paix“ , „Der Krieg und der Frieden“, das bei Tolstois Besuch kurz vor der Vollendung stand; es besteht wenig Zweifel, dass Tolstoi wesentlich mehr als nur den Titel seines größten Romans von dieser Abhandlung übernahm, in der argumentiert wird, dass die Entstehung und die Entwicklung des Krieges eher in der Psyche der Gesellschaft zu suchen seien als in den Entscheidungen politischer und militärischer Führer“.
Quelle: https://www.anarchismus.at/anarchistische-klassiker/leo-tolstoi/8124-george-woodcock-leo-tolstoi-ein-gewaltfreier-anarchist

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Die Remonstranten – eine christliche Kirche der Freiheit, auch in Berlin.

Im September 2021 gedenkt die Remonstranten-Gemeinde in Friedrichstadt ihres 400 jährigen Bestehens.

Das Ereignis ist nicht nur aus historischen Gründen bedeutend, weil dort niederländische Flüchtlinge remonstrantischen Glauben (also Häretiker in der Sicht der offiziellen Calvinisten in den Niederlanden auch kurze Zeit verfolgt) Zuflucht fanden.

Aus aktuellen Gründen vor allem verdienen die Remonstranten Interesse in der weiten christlichen Ökumene und darüber hinaus: Remonstranten sind tatsächlich die einzige explizit “theologisch-liberale” Kirche weltweit heute, was angeichts des zunehmenden Fundamentalismus in allen anderen christlichen Konfessionen sehr bedeutend ist. Die Remonstranten sind Mitglied des ökumenischen Weltrates der Kirchen in Genf.

Remonstranten gestatten selbstverständlich jedem einzelnen Mitglied, das eigene, persönliche Glaubensbekenntnis zu formulieren. Vorgegebene uralte Bekenntnisse sind interessant, aber nicht für den eigenen Glauben heute entscheidend. Glauben ist für Remonstranten kein Zwangssystem, dem man angesichts von Hierarchien eher leidend angehört, sondern eine Lebensform der persönlichen spirituellen Freiheit.
Das Glaubensbekenntnis der Remonstranten wurde 2006 selbstverständlich nur als Vorschag, als Impuls zum eigenen Nachdenken, für die eigene Lebensgestaltung formuliert.

Die Remonstranten waren – nebenbei gesagt – die erste christliche Kirche weltweit, die schon 1986 in Holland homosexuelles Leben und Lieben in ihren Kirchen offiziell segnete und die auch heute diese Lebensform als völlig gleichberechtigt versteht. Deswegen auch die Abwehr von Homophobie unter Remonstranten.

Vielfältige Informationen über remonstrantisches Leben und remonstrantische Theologie hat der Remonstrant Christian Modehn in Berlin veröffentlicht: LINK

In Berlin ist der Ort remonstrantischer Präsenz seit 2007 der Religionsphilosophische Salon Berlin, als offenes philosophisches wie auch remonstrantisch – theologisches Gesprächsforum. Als einziges “Dogma” gilt dort, sich seiner eigenen Vernunft kritisch und selbstkritisch “zu bedienen”.

Wer Niederländisch lesen kann: Ich empfehle diese website: https://www.remonstranten.nl/

Sonst auf Deutsch: www.remonstranten-berlin.de
Und:www.religionsphilosophischer-salon.de

Copyright: Christian Modehn

Die 6. “unerhörte Frage“: Sind Menschen bloß noch “andere Tiere”?

Von Christian Modehn.

Was bedeutet „unerhört“?
„Unerhört“ werden außerordentliche Themen genannt.
Als „unerhört“ gilt, wenn ein wahres Wort, ein vernünftiger Vorschlag, von anderen nicht gehört und nicht wahr-genommen wird, also un-erhört bleibt. Unerhörte Fragen müssen entfaltet , beschrieben werden, um ihre provokative Kraft zu bezeugen.

Ein Motto: “Denn wahrlich, der Mensch ist dem Leibe nach dem Tiere verwandt; ist er aber nicht dem Geiste nach Gott verwandt, so bleibt der Mensch ein gemeines und unedles Geschöpf. Ebenfalls wird die Seelengröße und der Glaube an die Veredlung des menschlichen Wesens zerstört” (so der Philosoph Francis Bacon, in: “Essays”, Leipzig, 4. Aufl., 1979,S. 68).

Und weiterer Hinweis zu Beginn: Diese unerhörte Frage wäre gar nicht formuliert worden, hätte nicht der australische Philosoph Singer das Thema seit langer Zeit mit aller Bravour nach vorn gebracht, so dass viele seine Thesen nachplappern. Singer hat, das ist bekannt, moralisch gesehen abartige Vorstellungen von dem Unwert bestimmter (etwa behinderter) Menschen und dem angeblichen Wert bestimmter Affen oder Schweine. Sein gefährliches Denken “geht mit der Negation der universalen Gültigkeit der Menschenrechte für Menschen einher” (Andreas Speit, Verqueres Denken, Berlin 2021, S. 210). Dieses Urteil zugunsten der universalen Menschenethik gilt, selbst wenn Singers Werk zur “Animal Liberation” manche Veganer als ihre neue Bibel betrachten. Und den Tierschutz wichtiger nehmen als den Schutz eines jeden menschlichen Wesens.

Warum sprechen heute so viele Menschen, auch Philosophen, salopp „Von Menschen und anderen Tieren“? Oder wie der „berühmte Philosoph“, Prof. Markus Gabriel sagt: “Wir als Tiere“ (S. 116, in „Zwischen Gut und Böse”, Hamburg 2021). An die unsinnigen Thesen von Peter Singer habe ich gerade oben erinnert.
Es könnnen zahllose weitere Beispiele genannt werden, wie es Mode ist, die Menschen als andere Tier zu bezeichnen, d.h. den Menschen als Menschen abzuwerten. Das ist wohl auch ein politischer Trend? Etwa Thilo Hagendorff in seinem Buch:”Was sich am Fleisch entscheidet”(Büchner -Verlag):”Die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Emotionen usw. bei Tieren macht deutlich, dass nicht-menschliche den menschlichen Tieren ähnlich sind“. Und bei Sloterdijk kann man Entsprechendes finden, etwa in seiner Preisrede anläßlich der Übergabe des Helmuth Plessner Preises: “Der Mensch als Tier, dem etwas fehlt“, fasst der Tagesspiegel Sloterdijks Position zusammen. Und er selbst sagt in dem Vortrag nach bekannter Manier sich nicht festlegend und schwankend:”Der Mensch ist eine Randexistenz der Tierwelt”.

1.
So sehr ich selbstverständlich weiß, dass Menschen innerhalb der Evolution entstanden sind und dass Menschen auch animalische (d.h. oft: brutale) Tendenzen haben. Und ich weiß auch: Hundefreunde tun alles für ihren „Liebsten“ und meinen zu sehen, wie er sich freut, anhänglich ist usw. Aber ist das Hunde – Verhalten Ausdruck ihrer vermuteten Freiheit oder gar Liebe? Gewiss nicht, es ist Ausdruck für die Dressur, die seinem Hunde-Wesen entspricht…
Mir scheint es sehr problematisch zu sein, immer wieder, sich den Naturwissenschaften offenbar anbiedernd, von „Menschen und anderen Tieren“ zu sprechen oder bekenntnismäßig zu sagen „Wir als Tiere“.
Welche Interessen stehen dahinter, den Menschen als Tier zu bezeichnen, ihn in die Tierwelt (des Unvernünftigen, vielleicht Dressierten) einzuordnen?
Polemisch gefragt: Wie viele Mücken haben Konzerte komponiert, wie viele Hyänen haben Romane geschrieben, wie viele Löwen gastronomische Leistungen vollbracht, wie viele Eulenhaben von Mystik gesprochen?
Könnte man den Freunden der Behauptung „Menschen und andere Tiere“ eine Freude machen, wenn man ihren Satz einfach umdreht und sagt: “Tiere und andere Menschen“? Oder sogar: „Tiere sind doch auch (nur) Menschen“. Vielleicht stimmen sie dem zu. Manche sind, so sagte meine Mutter, im Blick auf in Hunde verliebte Hundefreunde: „Diese Leute sind auf den Hund gekommen“. Sie können einem vielleicht leidtun, weil sie keine Menschen gefunden haben, die sie lieben können.
2.
Ich verstehe den philosophischen Kontext im Hintergrund dieser modischen Thesen, es ist die Abwehr von einer rein aufs Geistige zielende Definition des Menschen. Bloß weil die Menschen als Geistwesen/Vernunftwesen de facto so viel Unsinn und Verbrechen begangen haben und begehen, gibt es trotzdem keinen Grund, dem Menschen innerhalb der Natur und der Evolution eine besondere Stellung abzusprechen, die durch Geist und Vernunft als „typische Unterscheidung“ gekennzeichnet ist. Oder wollen wir einem unfähigen und trägen Politiker die Entschuldigung abnehmen: „Ich war eben beim Schutz der Umwelt oder beim kritischen Umgang mit Lobbyisten einfach nur faul wie ein Schwein“?
Wenn ich mich also gegen diese Thesen wehre, will ich nicht wieder die totale Herrscherrolle des Menschen bzw. des Mannes herausstellen. Ich will nur an die Erkenntnis erinnern: Ein Tier hat als Tier keine Vernunft und damit auch keine Freiheit. Das diskriminiert die Tiere ganz und gar nicht, es ist eine artgerechte Beschreibung ihres tierischen Wesens. Wir sollten unsere lieben Tiere (lieb sind alle, siehe Haie) nicht als mögliche Vernunftwesen überfordern. T. Viele Tiere behandeln wir als Fleischfresser nach wie vor brutal wie Sachobjekte in der üblichen Massentierhaltung. Wenn man das bedenkt, ist diese Rede von „Wir als Tiere“ nichts als modisches, ein bisschen modische Geschwätz.
3.
Reden wir also vom Menschen als dem Wesen der Freiheit, der Mensch, der noch die Klimakatstrophe etwas einschränken kann oder der das Massensterben in den Hungerregionen überwinden könnte, wenn er nur will. Tiere würden nicht einmal auf solche Gedanken kommen…

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

60 Jahre Berliner Mauer am 13. August…Und Mauern entstehen allerorten.

Ein Hinweis zum „Mauerbau-Jubiläum” am 13. August 2021.
Von Christian Modehn

1.
„Fast alle haben heute die Absicht, Mauern zu errichten“. Wenn Walter Ulbricht (SED) noch lebte, würde er seine altbekannte Lüge „Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten“ (mitgeteilt am 15.6.1961, also knapp zwei Monate vor dem Bau der Berliner Mauer) verändern. Und ausnahmsweise kritisch und richtig sagen: “Fast alle haben heute die Absicht, Mauern zu errichten“. Und Ulbricht hätte ausnahmsweise recht!
2.
Ohne Ironie: Dieser Satz ist der nüchterne Befund derer, die auf die sozialen Verhältnisse in ihrem eigenen Land schauen wie auf die soziale Ungleichheit weltweit oder speziell auf die unüberwindlichen Abgrenzungen, was Berufswahl und Karriere für Arme angeht oder auch, was die Wohnverhältnisse betrifft. In zentralen Lagen deutscher Städte, wie München, Frankfurt, Berlin, Hamburg kann kein „Normalverdienender“ mehr wohnen und leben. Ganze Innenstadt-Bezirke errichten immer höhere (unsichtbare) Mauern in den Städten. Und die demokratischen Regierungen sehen dem machtlos zu, sehen zu, wie es Massen von Vertriebenen gibt, vertrieben von international agierenden Spekulanten. Mauern unter den „gleichen Bürgern“ werden errichtet.
3.
„Gated communities“ („geschlossene Wohnanlagen“) sind jetzt nicht mehr nur die mit Mauern und Wachpersonal behüteten Wohnquartiere der Millionäre und Millionäre in Californien oder Brasilien, gated communties sind schon längst auf andere, nicht sofort erkennbare Art bestimmend, etwa für die größten Teile der Innenstädte von London, Amsterdam und Paris (durchschnittlicher Preis für einen Quadratmeter Eigentumswohnung etwa in der Nähe des Pariser Rathauses, also im 4. Arrondissement, ca. 14.000 Euro).
4.
Unsere Welt ist heute nicht nur von Grenzen, oft für viele nicht passierbar, durchzogen, sondern von Mauern: Das sind jene materiellen oder virtuellen massiven Abwehrsysteme, um in einer sozial gespaltenen Welt die „anderen“, die „Störenden“, die „Benachteiligten“ von den Reichen auszuschließen. Bestes Beispiel ist die Abwehr von Flüchtlingen im Mittelmeer. Um Walter Ulbrichts Wort zu variieren: Da hat die ganze EU-Mauern errichtet, mit abwehrenden Wächtern, die sogar bereit sind, Flüchtlinge ertrinken zu lassen. Grenztruppen also, bekannt aus der DDR. Auf diesem Ulbricht – Niveau ist Europa (E.U.) wieder angekommen. Und selbst die heftigsten und störrischsten „Grenzer“, wie Herr Orban in Ungarn, können ungestört antihuman walten und empfangen dickes Geld von der E.U.
Das heißt ja nicht, dass es keine Grenzen geben sollte, aber sie sollten keine unüberwindbaren Mauern sein, sondern durchlässig, vor allem für Hilfesuchende. Wie viele Menschenleben hätten gerettet werden können, wenn die europäischen und amerikanischen Staaten bedrohte Juden ab 1933 aufgenommen hätten. Walter Benjamin hätte noch glückliche Jahre erlebt…
5.
Also bitte kein Jubel am 13. August 2021 mit dem Motto: Die Mauer ist weg. Ja, die Berliner Mauer ist als materielle Gegebenheit fast ganz verschwunden, aber wo sind die Mauern heute? Da ist die Liste, siehe oben schon begonnen, endlos lang.
7.
Ich nenne nur die „Mauer in den Köpfen“, wie ein Bonmot sagt, also den Beton im Kopf, der kritisches Nachdenken im einzelnen Menschen verhindert. Wer hat der Beton in die meisten Köpfe gesteckt? Es waren und es sind die Macher von menschenfeindlichen Ideologien, von Rassismus, Antisemitismus, Homophobie, Antifeminismus, die Feinde der Demokratie und der universal geltenden Menschenrechte und so weiter. Sie sind die Mauer-Bauer in den Köpfen. Weil die Köpfe so vieler leer waren oder keine Widerstandsreserven gegen den Wahn hatten, konnten sie von ideologischen Machthabern gefüllt werden. Wer wohl diese ideologischen Machthaber sind? Sie agieren oft eher anonym, hinter den Kulissen der angeblich hilflosen Regierungen, also etwa die Neoliberalen, jeder und jede kann weitere ideologische Beton-Mischer und Mauer-Bauer finden…
8.
In unserer Sicht ist es besonders tragisch, dass die christliche Religion, die vom Kern ihrer Botschaft Nächstenliebe predigt und leben will, also alles gegen Mauern haben sollte, dass diese Religion selbst Mauern baut. Das gilt für viele fundamentalistische Kirchen, wie für viele Evangelikale und Pfingstkirchen, das gilt für den immer noch dogmatisch erstarrten offiziellen Katholizismus. Der Vatikan ist bekanntlich von hohen und meterdicken Mauern umgeben. Ein Symbol! Vom Betongeist islamistischer Fundamentalisten wäre zu sprechen oder dem der Ultra-Orthodoxen in der russischen Putin -Kirche oder in Israel oder im Hinduismus usw…
9.
Religionen als Institutionen sind Mauer-Institutionen, sie lieben die Mauern, die streng bewachten Grenzen, in denen es nur Freunde oder Feinde gibt.
10.
Wer kann Mauern einreißen: Der kritische Geist der reflektierenden Vernunft im einzelnen. Und die einzelnen können sich zum spirituellen und politischen Überleben Organisationen und Gruppen suchen, die dem Wahn der Mauern Widerstand leisten und versuchen ,diese einzureißen…
11.
Eine Anregung:
Die Gruppen des kritischen Katholizismus (mit ihrem „Synodalen Weg“ jetzt) werden an den „Mauern des Vatikans“ selbstverständlich wieder scheitern, wie so viele ähnliche Projekte zuvor … und sich dann auf die Suche nach ihrer verlorenen Lebens-Zeit begeben.
Wie wäre es, wenn diese Katholiken sich von dem Modell der Aktionen des „Zentrums für politische Schönheit“ (Berlin) inspirieren ließen. Sie könnten in einer wohl geplanten Aktion an vielen Stellen die hohen Mauern des Vatikan-Staates erklimmen und schließlich hoffentlich unbemerkt überwinden. Die Reformer landen förmlich auf den Schreibtischen der Prälaten und Kardinäle… Das wäre ein politisch-theologischer Symbolakt, der mehr gedanklich bewirken könnte und langfristig im Gedächtnis bliebe als die ewigen, aber hoffnungslosen Debatten über die Reform der eingemauerten römischen Kirche.

Zur Vertiefung: Hohe Mauern sperren den Vatikan ein, das Zentrum der römisch-katholischen Kirche LINK

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin