Über eine elitäre Veranstaltung im Paris des Jahres 1944.
Ein Hinweis von Christian Modehn am 1.9.2026
Einführung in ein schwieriges Thema:
Dieser Hinweis gilt dem Vorschlag des Schriftstellers und Philosophen Georges Bataille (1897-1962), die Sünde als Erfahrung wie als Begriff der christlichen Welt und ihrer Dogmen zu entnehmen und Sünde sehr persönlich grundlegend neu zu bestimmen: Als bewusst gewählte Übertretung soll sie wertvoll sein, weil sie das menschliche Leben bereichert, lehrt Bataille. Die Sünde als Vollzug, nicht als Theorie, führe, zu einem neuen Verständnis vor allem der Erotik und Sexualität. Noch mehr: Sünde als Überschreiten und Tabubruch führt sogar ins Sakrale.
Die Sünde als das Übertreten der üblichen Moral ist der Abschied aus der bürgerlichen Welt und ihren Normen. Bataille geht so weit, Sünde und Mystik in Beziehung zu setzen: Auch Mystik – als exzentrische Erfahrung des Göttlichen jenseits der Dogmen – sei ein Überschreiten vorgegebener kirchlicher Üblichkeiten und Normen.
Der Bataille Kenner Gerd Berfleth bringt es wohl auf den Punkt: Batailles Publikationen sind „das Werk eines Mannes, der sich in einem Maß von erotischen Obsessionen heimsuchen ließ, dass er mit seinem exzessiv gelebten Leben einsteht für sein exzessives Denken.“ (Fußnote 1).
Zu unseremThema ist das Buch „Die Sünde. Eine Diskussion“ im Verlag Matthes und Seitz jetzt (2026) erschienen. Einiges bleibt erstaunlich, das zeigen wir, selbst wenn der sorgsam editierte Text eher für Bataille- Fans und Bataille – Spezialisten von Bedeutung ist. Batailles vielfältige und umfangreiche Arbeiten werden von den meisten philosophisch Interessierten wohl eher mit großer Anstrengung gelesen und verstanden. Michel Foucault lobte Bataille noch „als einen der wichtigsten Schriftsteller seines Jahrhunderts“… (Fußnote 2).
Unser knappe Hinweis auf das Buch macht also auf einige erstaunliche sowie irritierende Aspekte dieses Buches „Die Sünde. Eine Diskussion“ aufmerksam. Und das kann vielleicht eine Einladung sein, tiefer und weiter nachzudenken über unseren etwas provozierenden Titel „Sünde kann so wertvoll sein.“ Man denke in dem Zusammenhang an die Sünde Evas und Adams im Paradies: Hätten sie nicht gesündigt, als sie vom „Baum der Erkenntnis aßen“, dann wäre sie im Paradies als Wesen geblieben, die eigentlich keine Vernunft, keine Erkenntnis haben. Diese Sünde im Paradies hat die Menschen erst zu Menschen gemacht. Wunderbar! Und wenn dann die Kirche dieses „sündige Geschehen“ im Paradies als schreckliche Erbsünde bezeichnet, an der, so Augustinus alle Menschen durch die Zeugung Anteil haben, dann will dieses Erbsünden-Dogma suggerieren: Wären die Menschen im Paradies doch bloß ohne Gebrauch ihrer Vernunft und Erkenntnis geblieben ….aber das ist diese seltsame Erbsündenlehre der Kirche, darüber habe ich schon mehrfach geschrieben: LINK …
1.
Der Philosoph und Schriftsteller Georges Bataille hat am 5. März 1944 in Paris vor einer Gruppe schon damals bekannter französischer Intellektueller einen Vortrag über seine persönliche Sicht der Sünde gehalten. Der Titel des Vortrags: „Der Gipfel und der Niedergang.“ Anschließend kommentierte der Jesuit Pater Danielou den Vortrag, dann folgte eine ausführliche Diskussion. Diese Texte sind in dem genannten Buch versammelt, zusätzlich gibt es eine ausführliche Einführung und ein ausführliches Nachwort. `
Der Vortrag fand im Umfeld des damals viel beachteten Buches von Bataille „L` Expérience interieure“ („Die innere Erfahrung“) statt, es wurde im März 1943 veröffentlicht. Unter „innere Erfahrung“ versteht Bataille seelische Zustände, wie Ekstase, Angst, Erotik: Sie bewirken als Erlebnis eine Überschreitung üblicher moralisch gesetzter Grenzen, sie sind eine Erschütterung des bisherigen alltäglichen Lebens.
2.
In dem Zusammenhang stellt Bataille sein Verständnis von Sünde vor.
3.
Die Veranstaltung hatte Marcel MORÉ (1887 – 1969) bei sich zu Hause in Paris organisiert. Er war ab 1945 als katholischer Laie (Beruf: Finanzexperte) der Herausgeber der Zeitschrift „Dieu Vivant“ („Lebendiger Gott“), dort wurden die Vorträge und die Diskussion vom 5. März 1944 im Heft 4 des Jahres 1945 veröffentlicht. Die heute fast vergessenen Zeitschrift „Dieu Vivant“ erschien im angesehenen Verlag Editions du Seuil, Paris: Die eher dem theologisch konservativen Lager verpflichteten Autoren wollten die Schrecken des 2. Weltkrieges, die Shoah, bedenken. Zur Redaktion gehört ein pluralistischer Kreis aus katholischen Theologen (Daniélou), katholischen Philosophen (Gabriel Marcel), auch Protestanten (Pierre Bürgerin) und Orthodoxe (Vladimir Lossky) waren dabei sowie der kirchlich nicht gebundene Philosoph Jean Hyppolite.
4.
Etwa 27 Personen nahmen an dieser durchaus Salon zu nennenden Veranstaltung am 5. März 1944 teil. Die starke Beteiligung von Theologen, vor allem katholischen, ist bemerkenswert, zumal Bataille schon damals nicht gerade als Freund des christlichen – dogmatischen Glaubens bekannt war. Pater Daniélou wurde als maßgeblicher Teilnehmer schon erwähnt, außerdem müssen die Dominikaner Patres Dubarle und Maydieu erwähnt werden, auch die Katholiken Pierre Klossowski und Louis Massignon sowie der katholische Philosoph Gabriel Marcel. Eher „linke Katholiken“, wie der Philosoph Emmanuel Mounier oder Pater Chenu waren nicht dabei. Von „weltlicher“ Seite sollen hier nur die Philosophen Sartre und Simone de Beauvoir genannt werden, sowie Blanchot, Camus, Hyppolite, Merleau – Ponty, Leiris …
5.
Es ist aus heutiger Sicht sehr bemerkenswert, dass es möglich war, in Paris, März 1944, eine solche konfessionell plurale Gruppe zum intensiven Gespräch zusammenzuführen. Jörg Altwegg schreibt in seinem Buch „Die Republik des Geistes“ (1986, S. 69), Angst vor der Zukunft hatten die Intellektuellen in Paris im März 1944 nicht mehr. „Mit der immer schwieriger werdenden Gegenwart kommt man offenbar ganz gut zurecht.“
Und man fragt sich aus heutiger Sicht: Käme heute, 2026, eine solche sehr plurale Gesprächsrunde unter dem „Dach“ eines katholischen Veranstalters zustande, in Frankreich wie auch in Deutschland? Ich vermute eher nicht. Das liegt daran, dass es in Frankreich wie vor allem in in Deutschland so viele zum kritischen Dialog bereite katholische Intellektuelle heute nicht gibt. Das Niveau der in der Kirche verbliebenen Katholiken hat sich heute weitgehend auf ein eher (klein)bürgerliches Niveau abgesenkt, weitreichende Kritik, Skepsis, Fragen als Grundhaltung, Selbstkritik, Korrektur bisheriger Überzeugungen etc. sind in einem solchen dominanten Milieu als christliche Tugenden nicht so üblich…
6.
Erstaunlich ist auch das Thema dieser philosophisch – theologischen Salon Runde im März 1944: Paris war noch von Deutschen, den Nazis, besetzt. Das nazifreundliche, von Rechtsextremen bestimmte Pétain – Regime herrschte noch, die Verfolgung der Juden war an der Tagesordnung und die Résistance versuchte, Juden zu retten. Das Sammellager für die Judentransporte in die KZs, also das Lager in Drancy, lag nur ca 10 Kilometer vom Pariser Stadtzentrum entfernt. Von dieser realen politischen Gegenwart im März 1944 ist in den Vorträgen und in den Diskussionsbeiträgen im Haus von Monsieur Moré überhaupt keine Rede. Und man fragt sich: Wie war es bei dieser Gegenwart möglich, über die hoch komplexen Ausführungen Batailles zur Sünde im allgemeinen ein paar Stunden zu debattieren? Sah man die Verbrechen, theologisch gesprochen, diese Sünde des Antisemitismus nicht, sah nicht man den sündhaften Wahn, dass sich so viele Franzosen, Katholiken zumal, dem faschistoiden Pétain -Regime hingaben? In dem Text ist davon keine Rede. Brauchten diese Intellektuellen im Paris des März 1944 vielleicht diese Flucht ins Abstrakt – Philosophische?
7.
Georges Bataille wird heute – wegen seines äußerst umfassenden, vielfach provozierenden Werkes – als eine besondere Art, etwa als „Außenseiter-Philosoph“ betrachtet: In Deutschland ist er nicht so bekannt wie seine Zeitgenossen Sartre oder Camus. Im Leben Georges Batailles ist wohl wichtig und prägend: Eine höchst unerfreuliche, belastende Kindheit mit einem dahinsiechenden an Syphilis erkrankten Vater; dann der Tod Lauras, der viel Geliebten, im März 1938. Und sicher auch in dem Zusammenhang ein anhaltendes kritisches Interesse Batailles am Katholizismus, am Ordensleben, an der katholischen Theologie, vor allem an der Mystik, selbst noch zu Zeiten, als er sich — nach 1920 – vom katholischen Glauben – explizit lossagte und in Nietzsche seinen wichtigsten „Bezugspunkt“ fand. Schließlich wollte Bataille ausdrücklich den hoch verehrten Nietzsche „wiederholen“… und in der Veranstaltung am 5. März 1944 bezeichnete sich Bataille als „antichristlich.“ Der Philosoph Bernhard Taureck schreibt über https://www.remonstranten.nl/blog/de/die Nietzsche-Bindung Batailles. „Die einzig authentische Lektüre Nietzsches besteht für Bataille darin, Nietzsche zu werden. Und: Das authentische Sein Nietzsches liege in der Weigerung zu dienen, d.h. nützlich zu sein“ . (Fußnote 3).
8.
Erstaunlich bleibt: Bataille hält es für wichtig, von einem anti-christlichen und außer-theologischen Standpunkt aus von Sünde zu sprechen. Und diese Stellungnahmen Bataille erschließen sich nur in einer sehr geduldigen Lektüre, es sei, man gehört zu dem kleinen Kreis der Bataille – Fans und Spezialisten…Bataille will zeigen: Es gibt einen Gipfel, einen existentielle Höhepunkt, der in der Ekstase, im Tabu-Bruch, also auch im Vollzug der Sünde erreicht wird. Im Tun der Sünde kann eine Art rauschhafter Zustand erreicht werden, der das Sakrale berührt. Und immer geht es, wie bei Bataille, um das Verstehen der Sexualität als Praxis: Das Heilige meint Bataille erreichen zu können gerade durch das Sakrileg. Diese Überzeugung bestätigt Bataille noch einmal im Jahr 1945, im Rückblick auf dieses Gespräch im März 1944, in einem Brief an die Redaktion “Dieu Vivant“: „ Ich denke noch heute, dass ich das Fundament der gewohnten Moral untergraben habe, was ich ausdrücklich denen darlegen wollte, die die Last dieser Moral auf sich genommen hatten, die ihr den Sinn einer Verzweiflung gaben und deren Verzweiflung mir zufolge gegen die Moral spricht… Ich kann nicht stark genug betonen: Wir wollen, wie Nietzsche sagt, alles Christliche durch ein Überchristliches überwinden und nicht nur von uns abtun. Was Nietzsche behauptete, behaupte ich unverändert nach ihm.“ (S. 196).
9.
Erstaunlich bleibt die Ehrlichkeit Batailles: In der Diskussion am 5. März 1944 muss Bataille zugeben, dass etliche seiner Aussagen zur Sünde noch „unausgegoren“ sind. „Es ist mir sehr schlecht gelungen, mich auszudrücken,“, bekannt Bataille im Verlauf der Diskussion (S . 169). Und noch einmal 1945 im Rückblick auf die Diskussion vom März 1944: „Ich bedaure, dass ich mich in der Diskussion ziemlich schlecht ausgedrückt habe.“ (S. 196).
10.
Es ist erstaunlich, dass der Vortrag des Jesuiten – Theologen Jean Daniélou als Interpretation Batailles auch für das Christentum und die katholische Theologie positive Aspekte herausstellt. Vor allem die Mystik biete eine Brücke zwischen Bataille und der katholischen Lehre. Der Jesuit deutet die Mystik als Haltung des „Risikos“ (S. 101), als Überwindung einer bloß üblichen moralischen Haltung. Mystik ist „ein Appell, neuartige, umbetretene Wege zu gehen.“ Daniélou meint sogar, die Hierarchie der Werte zeige sich für Bataille nicht durch die übliche Anwendung von Gut und Böse, sondern „im Hinblick auf das Mystische und Nichtmystische.“ (S 192). Mystik ist deswegen so hochgeschützt, weil sie die üblichen dogmatisch engen Glaubensbegriffe sprengt, also einen Übertritt in die Weite – im Sinne Batailles – erlaubt. Aber Pater Daniélou bleibt dann doch bei allem Verständnis für Bataille dabei: Sünde beleidigt Gott, sie ist ein Sakrileg“: (S. 106).
11.
Man fragt sich: Was ist die aktuelle Bedeutung dieses Vortrags Bataille? Warum sollten nicht nur die wenigen Bataille Fans und Bataille Kenner dieses Buch lesen? Das Buch erinnert daran, aufmerksamer zu sehen: dass christliche Begriffe (Sünde, Gnade…) in eine säkulare, auch bewusst antichristliche Ebene rücken und dabei vom ursprünglichen christlichen Inhalt das meiste verschwindet. Das ist die Freiheit des Denkens. Aber bedenklich bleibt: Universell geltende Werte von Gut und Böse läßt Bataille nicht gelten. Anstelle von Gut und Böse setzt er „Gipfel“ und „Niedergang“. De Sade war für Bataille ein durchaus akzeptabler Denker der „Entgrenzung“, also im Sande Batailles der Sünde…
Kant („Kategorischer Imperativ“…) ist für Bataille obsolet, veraltet, heute ungültig. Wir betonen, das ist ein durchaus gefährliches Denken. Menschen leben mit dieser universellen Vernunft, um für das Überleben dieser Welt und der Menschheit noch etwas zu sorgen.
12.
So ist dieses Plädoyer Batailles für die Sünde unserer Meinung nach wenig inspirierend angesichts der tiefen Krise der Moral, die nicht nur die Herrschenden, sondern sehr viele Menschen unserer Zeit bestimmt. Diese Krisen und die daraus sich entwickelnden, heute sichtbaren Katastrophen sind ja immer auch auch Krisen der Moral. Bekanntlich ist Moral Ausdruck der freien Entscheidung von Menschen. Da soll das Plädoyer Batailles für die transzendierende Kraft der Sünde als Überwindung der Kategorie des Bösen weiterhelfen?
Unsere Position darf nicht des Reaktionären verdächtigt werden (weil Bataille – Kritik nichts Reaktionäres ist.)
Über zahlreiche kirchliche, sich christlich nennende Moral – Vorstellungen muss selbstverständlich gerade heute debattiert un korrigiert werden, etwa angesichts der reaktionären evangelikalen Kirchen in den USA als Teil der MAGA – Bewegung. Und für einen freien Umgang mit Erotik und die berechtigte Vielfalt der sexuellen Orientierungen müssen TheologInnen selbstverständlich deutlich eintreten. Ob man für diese Debatten Batailles Sünden – Plädoyer als Überwindung von Gut und Böse braucht, wage ich zu bezweifeln.
So bleibt das Buch „Die Sünde“ eher für die Bataille – Forschung wichtig. Es gehört zur umfassenden wissenschaftlichen Edition der Werke Batailles im Verlag Matthes und Seitz in Berlin.
Fußnote 1: Gerd Bergfleth, „Bataille, Georges“ in „Metzler Philosophen Lexikon“, Stuttgart 2003, Seite 64.
Fußnote 2: Zit: ebd. S.60.
Fußnote 3: Bernhard Taureck, Französische Philosophie im 20. Jahrhundert“, Reinbek bei Hamburg, 1988, S. 196.
Copyright: Christian Modehn, ReligionsphilosophischertSalon Berlin.
