Friedrich der Große – Religionsphilosoph und Kirchenkritiker

Zur Aktualität der Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie „Friedrich des Großen“

Hinweise anlässlich seines 300. Geburtstages von Christian Modehn am 23.1.2012.

1.

Der Satz Friedrich II., als Weisheit populär, aber selten Realität: „Jeder soll nach seiner Fasson selig werden“ wurde wohl 1740 gesprochen.

Eine ähnliche Formel verwendet er: “Im übrigen mögen wir das Sprichwort: Leben und Lassen“. (Seite 490 in: „Der Briefwechsel Voltaire – Friedrich d.Gr.“ Hg., übersetzt und vorgestellt von Hans Pleschinski, Zürich 1992. Die Seitenangaben beziehen sich auf dieses Buch).

Weitere programmatische Worte Friedrich II: “Halten Sie (gemeint ist Voltaire) es für möglich, dass man mich gottlos schimpft, weil ich erkläre, dass die Menschen nicht auf die Welt gekommen sind, um sich gegenseitig zu vernichten?” (41).

“Es ist gewiss, dass man niemals zum Erkennen der letzten Ursachen vordingen wird.” (26).

Der König ist ein Meister der Sprache, ein Meister der Ironie und des Witzes. Er versteht sich in der Korrespondenz mit Voltaire selbst häufig als ein Philosoph (z.B. 491), auch wenn die Verwendung dieses Begriffs gegenüber dem Philosophen und „Patriarchen“ Voltaire eher leicht ironisch klingt.

Friedrich zeigt sich als universal gebildeter Mann. Er hat z.B. Pufendorf und Grotius gelesen ( 488), er kennt die Quäker, ist über das Leben der Jesuiten (er nennt sie Ignatianer“) und deren Unterdrückung durch den Papst informiert (490), er kennt Bossuet, Corneille usw. Nur die deutsche Literatur ist ihm fremd.

2.

Grundlegend ist: Friedrich betrachtete die Lehren der Kirchen insgesamt als Formen des Aberglaubens.
Er weiß, dass den französischen Herrschern der Aberglaube politisch nützlich ist (519).
Mit Bedauern spricht er vom französischen König Ludwig XV., „der von Priestern im dümmsten Aberglauben erzogen wurde“ (504). Die Salbung der französischen Könige in der Kathedrale von Reims empfindet Friedrich als „bizarre Zeremonie“. Tatsächlich wurden dem gesalbten König heilende Wunderkräfte zugesprochen, was das Volk glaubte. „Ein weiser und aufgeklärter Fürst könnte das Heilige Salbgefäß abschaffen und sogar die Salbung selbst“( 511).

Friedrich hat die christlichen Abendmahlsfeiern wohl nur in einer – damals durchaus verständlich – verzerrten Form von Theologie kennen gelernt. Er nennt das Abendmahl eine „widerwärtige und gotteslästerliche Absurdität, den eigenen Gott (im Abendmahl) zu verspeisen. Das ist die größte Beleidigung des Höchsten Wesens…“ (533).

3. DIE HEDWIGSKIRCHE in BERLIN

Friedrich bekämpft diesen Aberglauben nicht militant, er gestattet etwa den Bau der ersten katholischen Kirche in Berlin nach der Reformation, die heutige “St. Hedwigkathedrale.” Errichtet aber im Stil eines römischen Pantheons. Nur mit ein paar Worten berichtet Friedrich seinem hoch geschätzten Freund Voltaire am 9. Oktober 1773: “Die katholische Kirche von Berlin wird bald eingeweiht. Der Bischof von Ermland wird sie weihen. Diese für uns fremdartige Zeremonie lockt Neugierige in hellen Scharen an“ (486). Eigentlich ist der Bau dieser Kirche in der Korrespondenz kein wichtiges Thema.

4.

Friedrich hatte keinerlei Verständnis für die Verfolgung von Religionskritikern in Frankreich. Selbst die sogen. Blasphemie, etwa ein “Kruzifix zu zerbrechen und freche Lieder dabei zu singen”, ist für ihn in Preußen kein „wirkliches Verbrechen“. (498)

5.

Welche Religiosität war für Friedrich II. persönlich wichtig?
Trotz kriegerischen Auseinandersetzungen, die er führte mit der üblichen Grausamkeit der Kriege: Ihm war der aufgeklärte Humanismus als Leitidee auch eine praktische Verpflichtung: Am 24. Oktober 1773 schreibt er, von einer Reise zurückgekehrt: „Ich war in Preußen, um die Leibeigenschaft aufzuheben, barbarische Gesetze zu reformieren und vernünftigere zu verkünden“….Er spricht dann von seinem Einsatz, Kanäle zu bauen, Städte aufzubauen, Sümpfe trocken zu legen usw…

Interessant ist, dass er für seine im Jahr 1758 verstorbene „Lieblingsschwester“ Wilhelmine einen Gedenktempel im Park von Sanssouci bauen ließ, in Form eines griechischen Rundtempels (!) (Monopteros). „Diesen Tempel habe ich in einem Hain meines Gartens plaziert. Ich begebe mich häufig dorthin, um mich an Verlorenes und an einst genossenes Glück zu erinnern“ (489f). In der antiken Welt findet er offenbar meditative Inspirationen, nicht im christlichen Glauben.
Hier ist vielleicht ein Hinweis des inzwischen leider fast vergessenen –und in geschichtlichen Fragen kompetenten – Schriftstellers Reinhold Schneider wichtig: Schneider schreibt in seinem Buch „Die Hohenzollern“ (Fischer Taschenbuch 1958) über die für Friedrich so erfreulichen Jahre in Rheinsberg: „Aus der Fülle dieses müßig – tätigen Lebens wendet sich Friedrich dankend an das höchste Wesen. Er muss genießen können, um zu beten. Die Weisen Griechenlands und Roms wecken dieses Gefühl der Frömmigkeit in ihm auf, das den gütigen Beglücker verehrt“. Aber von der Kirche wendet sich Friedrich schon in Rheinsberg ab: “Für den Kronprinzen werden die bestellten Diener des Herrn für immer zum Gegenstand des Spottes“ (alle Zitate S. 114).

6. Die katholischen Bischöfe

An Voltaire schreibt Friedrich II. am 24. August 1743 sehr deutliche, wohl provozierende Worte: “Wir können hier mit mit einem Kardinal und ein paar Bischöfen aufwarten, von den die einen die Liebe von vorn, die übrigen von hinten betreiben, Bischöfe, die eher in der Theologie des Epikur als in der des heiligen Paulus bewandert sind…” (274).

Eher nebenbei wird in einem Brief erwähnt, dass Friedrich „den großen Julian“ schätzt, also Kaiser Julianus Apostata, den vom Christentum zum Heidentum rück – konvertierten römischen Kaiser. Er wurde in der christlichen Historiographie „der Abtrünnige“ genannt, dabei war er durchaus auch tolerant gegenüber den Christen. Julian, meint Friedrich, würde heute einen bedrohten Freigeist schützen, „die Kyrillos und Gregors von Nazianz hätten ihn vom Leben zum Tode befördert“. (503), beide sind berühmte Kirchenlehrer des 4. Jahrhunderts, Zeitgenossen Julians.

7.

Die Kirche – Staat –Politik möchte er am liebsten als König einseitig zugunsten des Staates gestalten, eine Konsequenz seiner Kritik am kirchlich verbreiteten Aberglauben. Man sollte, so meint Friedrich, „der Staatsgewalt erlauben, Bischöfe entsprechend dem Staatswohl einzusetzen. Nur so kann man vorgehen. Das leise und lautlose Unterminieren des Gebäudes der Unvernunft (der Kirchen) hat unweigerlich zur Folge, dass es ganz von selbst in sich zusammenbricht“. (519).

Friedrich II.  meinte, ein Staat könne nur lebendig sein, wenn sich alle Bürger an die Prinzipien der Humanität halten, konfessionelle Bindungen gehören an die zweite Stelle.

Immanuel Kant hat diesen preußischen König sehr respektiert.

8.

Friedrich wollte mit seiner  Vorrangstellung der allgemeinen Vernunft vor allen religiösen Dogmen  letztlich dem Fortschritt dienen, verstanden auch als Befreiung von Aberglauben: “Es steht fest, dass diejenigen, die Leute von Welt genannt werden, in allen Ländern mit dem Denken anfangen. Im abergläubischen Böhmen, in Österreich, ehedem die Bastion des Fanatismus, beginnen weltoffene Menschen die Augen zu öffnen… Wenngleich sich Fortschritte nicht gleich einstellen, so ist es doch ein gewaltiger Schritt nach vorn, wie bestimmte Menschen sich die Binde des Aberglaubens von den Augen reißen… In unseren protestantischen Ländern geht es schneller voran …Von diesem weiten Reich des Fanatismus bleiben kaum mehr als Polen, Portugal, Spanien und Bayern übrig, wo die schiere Ignoranz und der Winterschlaf des Geistes den Aberglauben noch am Leben erhalten.” (428 f).

9.

Das Glaubensbekenntnis des jungen Friedrich II: (am 8. Februar 1737 an Voltaire): ” Mein Glaubensbekenntnis besteht darin, das höchste Wesen zu verehren, das einzig gut, einzig barmherzig ist und schon daher meine Verehrung verdient; auch dies: Soweit ich vermag, den Menschen, um deren Elendiglichkeit ich weiß, Hilfe und Stütze zu sein; mich ansonsten auf den Willen meines Schölpfers zu verlassen, der über mich verfügt, wie ihm gutdünkt, und von dem ich, komme was mag, nichts zu fürchten habe. Ich schätze, dies ist so ungefähr mein Glaubensbekenntnis.” (35).

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer-Salon.de

Jacques Gaillot: Ein neues Buch: “Die Freiheit wird euch wahr machen”.

Einer der wichtigsten Reformer der katholischen Kirche wird am 11. 9. 2010 75 Jahre alt. Aus diesem Anlaß erscheint das Buch:

Die Freiheit wird euch wahr machen. Ein Buch anlässlich des 75. Geburtstages von Jacques Gaillot. Hg. von Roland Breitenbach unter Mitarbeit von Katharina Haller, Zürich, und Christian Modehn, Berlin.
200 Seiten; 12 S. farbiger Bildteil. Reimund Maier Verlag, Schweinfurth.

Ein Hinweis von Christian Modehn.  Siehe auch anläßlich des Todes von Bischof Jacques Gaillot den Beitrag von Christian Midehn: LINK.

Ergänzung am 11.8.2024:

Der Buchtitel “Die Freiheit wird euch wahrmachen” wurde von Christian Modehn 2010 vorgeschlagen und von den anderen Mitherausgebern des genannten Buches gern angenommen. Der Titel ist eine Drehung des auf Jesus bezogenen Wortes: “Die Wahrheit wird euch freimachen” (Johannes Ev., 8,32) . Ich hingegen meinte damals schon: Die Freiheit ist es, die den  Menschen wahr macht, die Freiheit als erlebte, gestaltete, als meine und unsere Freiheit macht mich wahr, d.h. führt mich, uns, zu einer wahren Gestalt des Menschseins. Dieser Titel passt sehr gut zum Leben und Denken und Handeln von Bischof Jacques Gaillot.

Der Titel wurde dann von konservativen Theologen abgeleht und bekämpft. Sie denken: Erst kommt die Wahrheit (Dogma), dann das Leben. I

Ich schreibe das  einige (14 !) Jahre nach Erscheinen des Gaillot Buches: Weil der bekannte katholische Theologe und Bibelwissenschaftler Prof.Fridolin Stier (Tübingen) in seinen Aufzeichnungen “Vielleicht ist irgendwo Tag” (Herder, 1993, auf Seite 300 lapidar erklärt: “Die Wahrheit wird euch freimachen,-  ja, aber ich füge hinzu: Die Freiheit wird euch wahrmachen”. Am 24.8.1973 hat Fridolin Stier diesen theologischen Satz notiert. Mich freut es, dass ich bei meinem Titel -Vorschlag 2010 noch nicht ahnte, dass wir uns in guter theologischer Gesellschaft befinden. Sorry, aber so viel Ehrgeiz darf ja mal sein.

Das Buch “Die Freiheit wird euch wahrmachen” ist antiquarisch leider nicht mehr erreichbar. Ein gutes Zeichen?

—–Ein Hinweis auf eine aktuelle Ra­dio­sen­dung über Jacques Gaillot:

Ein Text, der einer Sendung von Christian Modehn über Bischof Jacques Gaillot im Deutschlandfunk am 3. September 2010, um 9. 35 zugrunde lag.

Machtlos und frei
Bischof Jacques Gaillot wird 75 Jahre alt
Von Christian Modehn

1. SPR.: Berichterstatter
2. SPR.: Übersetzer

Moderationshinweis:
Er gilt weltweit als DIE Symbolfigur eines progressiven Katholizismus. Theologische Tabuthemen kennt er nicht, radikal sind seine Reformvorschläge. Aber jetzt will er dem Kirchenrecht Genüge tun: der französische Bischof Jacques Gaillot. In wenigen Tagen (am 11. September) wird er 75 Jahre. Und in diesem Alter müssen katholische Oberhirten in den Ruhestand treten. Einen Bischofspalast braucht Gaillot deswegen nicht zu verlassen, denn er lebt seit 15 Jahren in einem kleinen Zimmer des Klosters der „Väter vom Heiligen Geist“ im 5. Pariser Arrondissement: Hier hat er Zuflucht gefunden, als ihn der Papst im Januar 1995 wegen allzu radikaler Ansichten absetzte. Christian Modehn hat Bischof Gaillot über viele Jahre zu Interviews getroffen.

1. O TON:
2. SPR.:
Ich verwechsele die Kirche Christi nicht mit einer bestimmten Art, wie die Kirche heute funktioniert. Oder mit einer Institution, die nur auf die Disziplin achtet. Meine vorrangige Sorge gilt eigentlich nicht der Kirche, sondern dem Leben der Leute, dem modernen Leben; es geht um die Menschen, nicht um die Kirchendisziplin.

1. SPR.:
Bischof Jacques Gaillot in einem Interview, mitten in Paris, Anfang Februar 1995. Erst wenige Tagen zuvor wurde er vom Vatikan als Bischof von Evreux in der Normandie abgesetzt. Was waren seine „Untaten“? Er hatte seit 1982 in beständiger Regelmäßigkeit öffentlich und in aller undiplomatischen Deutlichkeit die Abschaffung des Zölibatsgesetzes gefordert; er trat für das Priestertum der Frauen ein; er verteidigte die rechtliche Gleichstellung von Homosexuellen- Paaren, zudem hatte er Verständnis für die Abtreibung, den Gebrauch von Kondomen fand er als Schutz vor AIDS ganz normal. Ohne tief greifende Reformen habe die Kirche keine Zukunft, lautete sein immer wieder kehrendes Bekenntnis über all die Jahre bei seinen zahlreichen Auftritten in allen Fernseh- und Radiostationen Frankreichs. Für ihn waren sie eine günstige Gelegenheit, auch die Rechte der Ausländer einzuklagen und die Wohnungslosen und Obdachlosen entschieden zu verteidigen. Um Wehrdienstverweigerer kümmerte er sich genauso wie um Befreiungstheologen. Gaillot galt nicht nur als Kirchenrebell. Er war in seiner eher radikalen Position auch politisch höchst unbequem. Darum waren es „besorgte Katholiken“ wie auch konservative Politiker, die sich gemeinsam in Rom für die Absetzung Bischof Gaillots stark machten. Aber schon kurz nach seiner Absetzung war er gar nicht so unglücklich:

2. O TON:
2.SPR.:
Ich glaube, die Kirche hat mir einen Dienst erwiesen. Sie hat mich in eine Diözese ohne Grenzen hineingestoßen; sie hat mir, so würde ich sagen, erlaubt, dass ich mich befreie.

1. SPR.:
Der Ort der Befreiung hat für Gaillot einen Namen: Es ist der Wüstenort Partenia in Algerien, der nur noch als Titel eines längst untergegangenen Bistums existiert. Der Kirchenreformer Gaillot wurde also „Titularbischof von Partenia“. Er und seine Freunde machten dieses eher imaginäre Bistum zum Sammelpunkt von Menschen, die grundlegende Reformen in Kirche und Gesellschaft einklagen. Sofort wurde ein viel beachteter Internetaufritt geschaffen, der monatlich bis zu 800.000 Besucher aus aller Welt zählte. So entstanden neue Kontakte, Jacques Gaillot wurde zum reisenden „Wüstenbischof“, der nicht nur in ganz Europa, sondern noch in den abgelegenen Ecken des Amazonas oder im kanadischen Norden progressive Christen oder Verteidiger der Menschenrechte stärken wollte. Immer wenn er in Paris war, trat er öffentlich für die Belange der Flüchtlinge vor allem aus Nordafrika ein. Und er war bei Hausbesetzungen dabei, wenn Obdachlose ihr „Recht auf Wohnraum“ einklagten. Inmitten solcher Erfahrungen kam es immer wieder zu tieferen, geistlichen Gesprächen:

3. O TON
2. SPR.:
Es gibt Leute, die Jesus außerhalb der Kirchen entdecken als einen Menschen, der z.B. für die Frauen eingetreten ist oder für die Gleichheit der Menschen. Einst wurde das Evangelium durch die kirchliche Institution verbreitet. Heute ist Jesus nicht mehr in diese Grenzen eingebunden, das ist eine Chance für das Evangelium.

1. SPR.:
Gaillot möchte eine einfache, eine bescheidene und möglichst dogmenfreie Kirche fördern, eine Gemeinschaft, die vor allem in der praktischen Solidarität ihren Glauben bekennt. Die meisten Katholiken haben diese Haltung nicht verstanden, auch die französischen Bischöfe haben nur selten die Gemeinschaft mit ihrem radikalen Kollegen gesucht:

4. O TON
2. SPR::
Das letzte Mal zelebrierte ich eine Messe in der Kathedrale Notre Dame gemeinsam mit Bischöfen und Kardinälen anlässlich der Bestattung von Abbé Pierre im Jahr 2007. Tatsächlich habe ich wenig Verbindung mit der Hierarchie. Darüber bin ich nicht unglücklich, denn ich bin mit den Herzen vieler Leute verbunden.

1. SPR.:
Solange „Jacques“, wie ihn seine Freunde weltweit nennen, gesund bleibt, will er weiter Flüchtlinge, Ausländer und Obdachlose begleiten. Den Internetauftritt des virtuellen Bistums Partenia will er einstellen. Seinen Freunden überlässt er die Zukunft des inzwischen internationalen Netzwerkes:

5. O TON
2. SPR.:
Jacques Gaillot wird eines Tages nicht mehr da sein, dann muss wohl Partenia auch verschwinden oder aber: Partenia muss auf andere Art weitergehen: Man darf nicht zu viel festlegen, man muss die Freiheit walten lassen.

1. SPR.:
Aber auf diese Freiheit zu ungewöhnlichen Aktionen will Gaillot doch noch nicht ganz verzichten: So hat er erst vor einigen Wochen den traditionalistischen Abbé Philippe Laguérie getroffen, ausgerechnet jenen Priester, der in aller Schärfe damals aufs heftigste die Absetzung des progressiven Bischofs von Evreux forderte. Gespräche der Verständigung und Versöhnung nennt Gaillot solche ungewöhnlichen Begegnungen. An einen Rückzug aus der Öffentlichkeit denkt Jacques Gaillot auch als 75 Jähriger offenbar nicht.

An “Etwas” Glauben. Auf der Suche nach dem göttlichen Geheimnis

Die Etwas-Gläubigen. Immer mehr Menschen in Holland glauben nicht mehr an die kirchliche Dogmatik. Aber an ein göttliches Geheimnis

Von Christian Modehn, ein Beitrag aus PUBLIK FORUM am 23.4.2010.

“Ich bin nicht christlich und auch nicht gläubig. Ich bin aber auch keine Atheistin. So genau weiß ich das alles nicht. Vielleicht gibt es etwas, ein Geheimnis, das unsere Wirklichkeit trägt.« Die Niederländerin Marjoleine de Vos spricht über ihren Glauben so offen, weil sie weiß, dass sich viele andere Menschen in ihren Worten wiederfinden. Sie arbeitet als Journalistin bei der holländischen Tageszeitung NRC Handelsblad.

Über sechzig Prozent der Niederländer sind aus der Kirche ausgetreten, und das nicht nur, weil sie Geld sparen wollen. Sie finden die traditionellen Vorstellungen von Gott und die kirchliche Moral nicht mehr überzeugend und glaubwürdig. »Diese Menschen sind sozusagen am Nullpunkt der offiziellen Kirchenlehre angekommen«, sagt der protestantische Theologe Gijs Dingemans aus Groningen. »Sie haben sich von allem befreit, was sie nicht mehr nachvollziehen können. Und plötzlich entdecken sie: Da gibt es aber immer noch etwas, das alles Alltägliche übersteigt. Diese Menschen nennen wir auf Holländisch die ›Ietsisten‹. ›Iets‹ bedeutet ›etwas‹. Diese Leute glauben immer noch etwas. Aber was ist dieses Etwas?«

Gijs Dingemans hat in Büchern den neuen spirituellen Trend, diese »Etwas-Glaubenden«, untersucht. In der Tageszeitung Trouw wurde darüber wochenlang diskutiert. Tagungen fanden zu dem Thema statt. »Dabei diskutierten wir über die von uns sogenannten ›oberflächlichen Etwas-Gläubigen‹, die eher gleichgültig etwas Beliebiges zwischen Himmel und Erde annehmen, aber nicht weiter danach fragen. Interessanter ist es, mit den selbstkritischen Etwas-Gläubigen zu sprechen. Sie spüren, dass dieses verwunderliche Etwas, das sich mitten im Leben als große Frage zeigt, durchaus ein Weg zum Lebensgeheimnis sein kann«, kommentiert Gijs Dingemans.

Sein Kollege, der Theologe Herbert Wevers, kann dem nur zustimmen: »Nach einem Begräbnis mit mehr als hundert Teilnehmern haben sich viele Jüngere als Ietsisten geoutet«, berichtet der protestantische Pfarrer aus Den Haag. »Angesichts des plötzlichen Todes eines jungen Mannes sagten sie mir: ›Irgendetwas muss es doch über dieses kurze Leben hinaus geben.‹«

Pfarrerin Christiane Berkvens-Stevelinck aus Rotterdam erlebt, dass Ietsisten nicht immer spirituelle Einzelgänger sind. Sie interessierten sich durchaus für kommunikative Projekte, etwa für die Gestaltung neuer Riten anlässlich von Geburt, Hochzeit, Tod, Scheidung. Als Theologin der Remonstranten-Kirche ist die freie Ritengestaltung einer ihrer Arbeitsschwerpunkte. Christiane Berkvens-Stevelinck hat darüber ein Buch geschrieben. »Diese Menschen verspüren eine spirituelle Sehnsucht, sie wollen angesichts wichtiger Lebenserfahrungen über den Alltag hinausschauen.«

Gijs Dingemans meint sogar, in dem auf ein Minimum reduzierten Etwas-Glauben dem göttlichen Lebensgeheimnis auf der Spur zu sein: »Für viele ist der Glaube an etwas Höheres verbunden mit der Bejahung eines unendlichen Geheimnisses, eines Mysteriums. Sie benennen es nicht genauer; vielleicht haben sie eine Scheu, Gott dadurch zu klein zu machen.«

Dingemans weiß, dass die »Etwas-Gläubigen« nicht in die herkömmlichen Kirchgemeinden zurückkehren werden. »Sie erleben das tiefe Lebensgeheimnis beim Spaziergang im Wald, im achtsamen Hören von Musik, beim aufmerksamen Betrachten von Kunst, im Gespräch ohne Hast.« Gibt es bei ihnen neue Formen des Gebets? »Wer seine Hoffnung in brüchigen Worten aussagt, drückt Sehnsucht aus, Unzufriedenheit mit der bestehenden Welt. Und wer das Geheimnis des Lebens als Basis seines Glaubens betrachtet, wird alles Lebendige verteidigen«, sagt der Pfarrer dazu.

Die Ietsisten vertreten keine eigene Moral. Sie folgen den vernünftigen Weisungen einer allgemein-menschlichen Ethik. Doch die Perspektiven reichen weiter: Es entsteht eine größere Ökumene, in der sich Menschen unterschiedlicher Kulturen als gleichrangig verstehen, weil sie sich alle mit dem Geheimnis des Lebens verbunden fühlen. – Die traditionellen Kirchen sind überrascht: So gänzlich unreligiös, wie oft behauptet, sind die Leute, die vor Jahren die Kirchen verließen, offenbar doch nicht.

Noch erstaunlicher: Sogar unter den Christen der katholischen Kirche Hollands zum Beispiel gibt es einen Trend zum »Etwas-Glauben«: Im Jahr 1966 erklärten 38 Prozent der befragten Katholiken, sehr mit der katholischen Glaubenslehre übereinzustimmen; 1996 waren es noch drei Prozent. So kommt für sie ein personaler und trinitarischer Gott nicht mehr infrage.

Bei den protestantischen Kirchen in den Niederlanden ging der Anteil der »streng Gläubigen« von 56 Prozent im Jahr 1966 auf 31 Prozent im Jahr 1996 zurück. Die herkömmliche, alte Dogmatik, dies zeigen heutige Umfragen, gibt es nur noch in den theologischen Lehrbüchern, jedoch kaum mehr in den Köpfen der Gläubigen.

 

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Philosophie des Weltbürgertums. Ein Buch von Kwame A. Appiah

“Der Kosmopolit” heisst das neue Buch des in Princeton lehrenden Philosophen Kwame Anthony Appiah, er wurde in London geboren, ist aber in Ghana aufgewachsen, das Thema ist ihm also auch persöhnlich vertraut. Das Buch hat den Untertitel: “Philosophie des Weltbürgertums”. Dieser Begriff klingt zunächst etwas “klassisch”, wenn nicht antiquiert. Tatsächlich aber zeigt Kwame A. Appiah, dass angesichts des “Krieges der Kulturen” und der eher beliebigen Multi-Kulti Szene der “Kosmopolit” seine Einbindung in die Menschheit ernst nimmt, ohne dabei “den Nächsten” nebenan zu vergessen. Er plädiert für ein vernünftiges Gleichgewicht zwischen Solidarität mit den Fernsten und der Nächstenliebe.  “Weltbürgertum” hat ebenso viel mit Intelligenz, kritischem Nachdenken zu tun wie mit Engagement” (S 201) . Nur mit der kritischen Vernunft ist zu entscheiden, welche Hilfe für die ungerecht behandelten Menschen etwa im Süden der Welt wirksam und nachhaltig ist. Spenden allein ist dem Weltbürger völlig unangemssen, er legt Wert auf kritische Bildung und auch auf kritische Nachfrage bei den Politikern des eigenen Landes, wie es denn mit der Verpflichtung bestellt ist, Menschen in Not, etwa in der sogen. Dritten Welt, wirksam zu helfen.  Leider erwähnt der Autor nicht die Rolle der Kirchen, die sich als weltweite Organisationen verstehen und eigentlich die geeigneten Orte wären, Weltbürger auszubilden und das Kosmopolitische zu leben. Hingegen begrenzen sich die meisten Kirchen darauf, zu Spenden aufzurufen und Informationen zu publizieren, die unmittelbar das Spendewesen stützen. Und das Nebeneinander von sogen. fremdsprachigen Gemeinden (Afrikaner, Lateinamerikaner usw. ) und z.B. deutschen Gemeinden ist Ausdruck für die Abwesenheit kosmopolitischer Verbundenheit. Ohne die Förderung der Demokratie, davon ist der Autor überzeugt, wird es keine Anerkennung der Menschenrechte für alle geben, an der ja der Weltbürger leidenschaftlich interessiert ist. “Was wir brauchen ist Vernunft, keine Explosion der Gefühle (etwa bei Spendenaufrufen anläßlich von Katstrophen).  S. 204.

Das Buch “Der Kosmopolit” ist in der beckschen reihe erschienen, München 2009, 222 Seiten, 12, 95 Eruo.