Neues Denken könnte die Welt noch retten. Friedenspreis des deutschen Buchhandels 2021!

Die Rede von Tsitsi Dangarembga anlässlich der Verleihung des Friedenspreises des deutschen Buchhandels am 24.10.2021 in Frankfurt/Main.

Die Autorin, Schriftstellerin und Filmemacherin Tsitsi Dangarembga aus Simbabwe hat am 24.10.2021 den Friedenspreis des deutschen Buchhandels erhalten!

Dazu möchten die Initiatoren und Leiter des Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon Berlin ihren herzlichen Glückwunsch aussprechen und ihre Hochschätzung betonen: Denn Tsitsi Dangarembga ist nicht nur eine wichtige Autorin wegweisender kritischer Romane, sie hat sich in ihrer Rede in Frankfurt erneut explizit als Kritikerin des globalen kapitalistischen und imperialen Weltsystems gezeigt. Darüber hinaus hat Tsitsi Dangarembga in ihrer Rede eine philosophische Kritik vorgestellt, die an die Wurzeln neuzeitlichen europäischen Denkens geht. Die Autorin zeigt, dass das viel besprochene Wort des Philosophen Descartes – fast wie eine Floskel verbreitet : „Ich denke also bin ich“ tatsächlich, ursprünglich viel komplexer verstanden, bedeutet: „Ich zweifele, also bin ich! Gerade weil ich am Zweifeln selbst noch einmal zweifeln kann, ist der Zweifel als Denkform also die „Grundmelodie“ des reflektierenden Daseins“. Aber: Für die westliche Welt des Imperiums war Zweifeln  niemals eine Tugend des Imperiums.

Die ganze Rede von Tsitsi Dangarembga können Sie hier nachlesen: LINK.

Hier einige Hinweise und zentrale Zitate aus der Rede:

Tsitsi Dangarembga spricht zu Beginn von der vielfachen Gewalt des Imperiums, die sich auch in Simbabwe als physische, psychische und metaphysische (also religiöse) Gewalt zeigte und zeigt:

„Diese Arten der Gewalt sind in die Strukturen der globalen Ordnung, in der wir leben, integriert und wurzeln in den Strukturen des westlichen Imperiums, dessen Anfänge sich vor über einem halben Jahrtausend bildeten. Das heißt, dass der Westen mit all seiner Technologie, seinen Überzeugungen und seiner Praxis auf vielfachen weiterhin praktizierten Formen der Gewalt aufgebaut ist, die er in den Rest der Welt exportiert hat und die jetzt in postkolonialen Staaten so eifrig praktiziert werden wie zuvor in imperialen und kolonialen Staaten.“

Etwas später betont die Autorin:

„Ein System, das auf Profit basiert, darauf, mehr zu erhalten, als man gibt, ist ein System der Ausbeutung. Ein System, das einerseits Konzentration und andererseits ein Defizit erzeugt, ist ein System des Ungleichgewichts. So ein System ist notwendigerweise instabil und deshalb auch nicht nachhaltig. Wie ist es möglich, dass wir in ein instabiles, nicht nachhaltiges System investieren, das uns zwangsläufig in den Untergang führt?“

Eine Veränderung dieser imperialen Gewaltstrukturen wäre möglich, durch die Entscheidung, neu zu denken:

„Hier ist eine Antwort, und ich glaube, dass die Antwort einfacher ist, als wir denken. Die gewaltsame Weltordnung, in der wir heute leben, wurde von gewissen hierarchischen Denkweisen etabliert. Die Lösung ist, ethnisch determinierte und andere hierarchische Denkweisen abzuschaffen, die auf demografischen Merkmalen wie sozialem und biologischem Geschlecht, Religion, Nationalität, Klassenzugehörigkeit und jedweden anderen Merkmalen beruhen, die in der gesamten Geschichte und überall auf der Welt die Bausteine des Imperiums waren und noch immer sind.“

Die Ego-Fixierung der typisch europäischen Maxime „Ich denke also bin ich“ haben schon europäische Philosophen zu überwinden versucht, wie Martin Buber oder Emmanuel Lévinas. Der andere Mensch muss von vornherein einbezogen werden, wenn das Ich zu denken beginnt. Tsitsi Dangarembga betont:

Da jemand, der »Ich denke, also bin ich« denkt, sich selbst als Mensch betrachtet, wird jemand anders, der anders denkt, als nicht wie ich oder nicht als Mensch wahrgenommen. Wie wir wissen, hat die Aberkennung des menschlichen Werts anderer Menschen den Effekt, den menschlichen Wert zu erhöhen, den wir uns selbst zuschreiben; und wir wissen auch, dass dieser Mechanismus der differenziellen Zuschreibung von Menschlichkeit für einen Großteil der Gewalt verantwortlich ist, mit der die Menschen einander heimsuchen.“

Es muss ein Paradigmen-Wechsel des Denkens stattfinden, wenn die Welt sich von Umweltkatastrophen, zunehmender Verarmung, zunehmender Etablierung von Unrechtsstrukturen und Ausbeutung befreien will. Tsitsi Dangarembga geht deswegen soweit, eine neue Aufklärung zu fordern, also eine neue Epoche neuen, aufgeklärten Denkens.

Über das »Ich« hinauszuschauen zum »Wir« könnte zu horizonterweiternden Neuformulierungen des Satzes des Franzosen führen, zum Beispiel zu »Wir denken, also sind wir« oder sogar zu »Wir sind, also denken wir« und mit letzterem den Ort der Hochschätzung vom rationalen »denken« zum empirischen »sein« verschieben….Unsere Entscheidung, was und wie wir denken, ist letztlich eine Entscheidung zwischen Gewalt oder Frieden fördernden Inhalten und Narrativen. Das gilt, ob wir diese Inhalte und Narrative in Gedanken nur für uns selbst formulieren oder ob wir sie anderen um uns herum mitteilen. Beides ist fruchtbar.“

Für die Hinweise und die Zusammenstellung verantwortlich: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 

800 Millionen Menschen hungern heute. Das ist Mord!

Anlässlich des „Welttages gegen Hunger“ am 16. Oktober 2021

Ein Hinweis von Christian Modehn.

1.Selten hat ein deutscher Politiker, noch dazu ein CSU-Minister, so deutlich, so wahr und radikal gesprochen, wie jetzt Gerd Müller, der bald ausscheidende und sehr vernünftige Minister für „Entwicklungshilfe“ der Regierung Merkel. „Hunger ist Mord“ heißt seine Erkenntnis. Sie sollte sich wie ein Mantra überall und bei jedem festsetzen. “Eigentlich”, wenn es den Willen für eine gerechte Weltwirtschaft gäbe, bräuchte niemand zu hungern.

Besser wäre es, die sachliche Ebene „Hunger“ zugunsten der persönlichen Ebene „Hungernde“ zu ersetzen. Also zu sagen: „Hungernde werden ermordet“. Dann muss die Frage beantwortet werden: „Von wem werden denn Hungernde ermordet?“

Bei der Suche nach Antworten darauf sind wir wieder bei dem leidigen Stichwort gelandet, das so oft als Entschuldigung dient für konkretes politisches Handeln: Es ist der Begriff „Komplexität“. Natürlich ist es ein komplexes Phänomen, dass zurzeit (Herbst 2021) mehr als 800 Millionen Menschen ,vor allem in Afrika, hungern. Wie auch immer die Gründe aussehen: Eines ist klar: Hungern heißt für diese Elenden eben nicht, ein bisschen Bauchweh zu haben, weil der Magen leer ist oder, wie üblich dort, kein sauberes Wasser zur Verfügung zu haben. Hungern heißt für die 800 Millionen Menschen: Sich Im Zustand des langsamen, aber sicheren Krepierens zu befinden.

Minister Gerd Müller sagte also vor wenigen Tagen: „Hunger ist Mord, da wir dies heute ändern können“. Worte, die jeder mindestens zweimal lesen und sprechen sollte: HUNGER IST MORD, da wir dies heute ändern könnten“. Der Hunger und das Verhungern sind also kein Schicksal, ist nichts Unabwendbares, wenn auch die Klimakatastrophe eine Rolle spielt, aber die ist von Menschen vor allem im reichen Norden dieser Erde gemacht.

Gerd Müller also sagt: „Hunger ist Mord, da wir dies ändern können“. Wer ist wir? Sicher nicht die Hungernden in der Sahelzone, sondern eben wir, auch wir Europäer, auch wir Deutsche.

2. Aber WIR haben absolut andere Sorgen: Nur ein Beispiel: Der 16. Oktober ist bekanntlich der „Welttag gegen Hunger“. Wenn man abends im ZDF das Heute-Journal sieht, wird etwa 6 Minuten über das Treffen der „Jungen Union“ in Münster lang und breit berichtet und etwa 40 Sekunden über die Tatsache, dass 800 Millionen Menschen hungern. Es werden dabei die üblichen Bilder gezeigt und einfallslos wie immer werden die ZuschauerInnen zum Spenden aufgerufen. Also: Ein paar Euro locker machen, spenden und schon haben einige Hungernde eine Schale Reis. Von der Aufforderung, sich politisch zu informieren, warum denn die Anzahl der Hungernden schon wieder zugenommen hat, vor 2 Jahren waren es „nur“ 690 Millionen“, also keine Spur davon in der Nachrichtensendung. Laschet und Söder und die JU sind absolut wichtiger für uns, wir sind begrenzte Nationalisten geworden, vielleicht sogar blind für die „fernen Nächsten“, die Mitmenschen in Hunger und Dreck…Mit Spenden sollen wir also unser Gewissen beruhigen und es hinnehmen, wie gering etwa der Etat des Miniserums für „Entwicklungshilfe“ ist. Dabei ist es fraglos, dass Spenden oft eine letzte Rettung sind für die Elenden. Gerd Müller (CSU!) sagt es selbst: „Schauen Sie, allein für Rüstung werden weltweit jedes Jahr 1700 Milliarden Euro ausgegeben. Für Entwicklung nur 170 Milliarden. Dies ist ein inakzeptables Missverhältnis.“

Aber die meisten finden das normal. Weil sie auch die kapitalistische Gesellschaft normal finden und die neoliberale WirtschaftsUNordnung normal finden. Wo und wann wurde denn bei diesem Bundestagswahlkampf von Entwicklungshilfe gesprochen, welcher der so genannten Spitzenpolitiker sprach davon, setzte sich für mehr Gerechtigkeit in der kommenden Regierung? Mir ist davon nichts begegnet.

Um beim Thema „Hunger ist Mord“ bzw.: „Wenn 800 Millionen Menschen jetzt hungern, sind wir die Mörder“, die richtige Erkenntnis präziser zu fassen: Dieses Thema ein philosophisches, es muss die Frage aufgeworfen werden: Wie „wir“ denn endlich zu einem menschenwürdigen Verständnis von Gerechtigkeit auf dieser einen Welt („Mutter Erde“ ?) kommen können. Wollen „wir“ das überhaupt? Oder brauchen wir die Elenden, um unseren Wohlstand zu halten und auszubauen? Brauchen wir moderne Sklaven? Etwa doch einige Flüchtlinge aus Afrika?

Philosophisch ist eindeutig in dieser grausamen Situation: „Wir“ sind Mörder, ein schwieriger Gedanke, aber wir sind meist Mörder durch Unterlassung von wirksamer Hilfe, weil uns die eigene kleine bürgerliche oder spießbürgerliche Welt, der eigene begrenzte Horizont, der in der Merkel Regierung so heilig war, selbstverständlich geworden ist. Wer wagt das Eingeständnis: „Wir sind totale Egoisten“?

3. Wir müssen uns also angesichts der fast einer Milliarde Hungernder Menschen eingestehen: Unser Reden von Menschenrechten, von Solidarität, von Herrschaft der Vernunft etc. ist oft nur ein Ausstoßen von leeren Wort-Blasen. Denn sonst würden wir doch aufstehen und massenhaft „Fridays for hungry peoples“ organisieren und vor den Verteidigungs-, Finanz-und Wirtschaftsministerien protestieren.  Dass immer mehr so genannte demokratische Regierungen, wie in Polen, Ungarn oder jetzt in Österreich wider den Geist der Demokratie handeln und in der Korruption versinken, ist bezeichnend: Korrupte Politiker kümmern sicher eher um das nächste Staats-Bankett als um die 800 Millionen Hungernde.

Und die Kirchen in Deutschland? Vor einigen Jahren waren sie manchmal noch ein bisschen der öffentlichen sozialen und prophetischen Kritik verpflichtet, sie sind jetzt absolut mit allen ihren Missbrauchsfällen befasst oder mit synodalen Prozessen oder dem Zölibat…Woelki und Co. wurden den Katholiken viel wichtiger als die Menschenrechte! Und den Hilfswerken fällt auch nichts anderes ein, wie schon seit Jahrhunderten, als um Spenden zu betteln, also um die berühmten „Tropfen auf die heißen Steine“. Zur politisch-prophetischen Rebellion für die Hungernden sind die Kirchen in den reichen Ländern gar nicht in der Lage. Sie sind müde und schwach und geldgierig für eigene Zweck.

Es werden vielleicht politisch noch viele kluge Worte zum Hunger gesagt. Aber wir haben uns längst daran gewöhnt, dass es Untermenschen (Hungernde, „Schwarze“) und gut genährte Übermenschen bzw. Herrenmenschen, dies sind die Europäer, Amerikaner, Japaner, Saudis und andere sich islamisch – scheinheilig fromm nennende Gewaltherrscher in ihrem absoluten Saus und Braus … gibt. Die Kategorie Untermenschen contra Herrenmenschen hat ja bekanntlich schon seit Urzeiten gegolten und in der Nazizeit zum Massenmord an den Juden und anderen geführt…

In der „Augsburger Allgemeinen Zeitung“ sagte Müller weiter: „Man kann kaum glauben, zu welchen Verbrechen Menschen in der Lage sind.“ In einem Flüchtlingslager in Myanmar habe er mit Frauen gesprochen, deren Babys von Regierungstruppen in brennende Hütten geworfen wurden. Im Camp von Moria lernte er Frauen kennen, die auf der Flucht vergewaltigt wurden. Im Tschad haben wir ein Krankenhaus in einem Slum besucht: abgemagerte Kleinkinder, deren Mütter sie nicht stillen konnten, weil sie selbst unterernährt waren. Die eigene Regierung hat seit Jahren keine Mittel gegeben. Und drei Kilometer weiter saß der Präsident in seinem Palast aus Gold und Marmor. Er kannte das Krankenhaus nicht und sagte, wenn man krank ist, dann fliegt man in die USA. Vollkommene Ignoranz. Er wollte öffentliche Entwicklungszusammenarbeit von uns. „Ich habe ihm gesagt, das kann er vergessen. Stattdessen unterstützen wir das Krankenhaus direkt. Da war der Präsident stinksauer und hat sich bei der Bundeskanzlerin über mich beschwert“.

4. Wie kommt man philosophisch weiter? Im Denken allein sicher nicht. Es braucht wohl eine Revolution des politischen Handelns. Aber dafür gibt es keine Subjekte. Und keinen Willen, keine „Umkehr“, unter den Reichen.

Philosophen und die wenigen noch dem befreienden Evangelium Jesu von Nazareth verpflichteten Menschen müssen sich eingestehen: „Wir sind gescheitert“: Die Philosophie als Gesellschaftskritik und die christliche Religion, in ihrem humanen, nicht gewalttätigen Kern. Sie sind gescheitert. Die Bilanz des Christentums ist – historisch gesehen – katastrophal. Das weiß jeder.

Nur wer das Scheitern eingesteht, hat die Chance, irgendwo und irgendwie neu zu beginnen. Wenn einem dazu die Kraft nicht genommen wurde…

 

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

 

 

 

 

Die Kaiser Wilhelm I. und II. und ihre Kirche in Berlin, „KWG“ genannt.

Die Evangelische Kirche in Berlin sollte auf den problematischen Titel ihres prominenten „Gotteshauses“ verzichten.

Ein Hinweis von Christian Modehn. (Ich habe schon 2016 und dann noch einmal 2020 für die Umbennung der Kaiser Wilhelm Gedächtniskirche plädiert. Hier nun der wahrscheinlich letzte Hinweis zu dem Thema). Siehe also auch  LINK 

Die Umbennungen von Straßen etc. in Deutschland wegen des sexuellen Missbrauchs von Priestern ist in vollen Gange. Warum dann nicht auch endlich einem Gotteshaus einen Namen geben ohne Verbindungen zu rassistischen, kolonialistischen und antirepublikaischen Herrschern? LINK

1. Die neue, große Studie von Stephan Malinowski, „Die Hohenzollern und die Nazis. Geschichte einer Kollaboration“, (Propyläen-Verlag Berlin 2021, 752 Seiten) führt erneut zum Thema „Umbenennung der Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche“ in Berlin. Und diese Forderung wird gleichzeitig heftig unterstützt durch die deutliche Bindung der Kaiser Wilhelm I. und II. an den Kolonialismus. Will sich die Kirche wirklich an kolonialistische Herrscher und antirepublikanische Kaiser auf Dauer binden? Das ist die Frage. Und man bedenke: Wenn die Verbrechen des Kolonialismus, des Antisemitismus und des Antirepublikanismus durch deutsche Könige/Kaiser erkannt sind, dann muss man sich die Mühe machen, auch Kirchen umzubenennen, das gilt auch für Straßen und Plätze, man denke an die 67 „Hindenburg Straßen“ in Deutschland.

2.Diese „Kaiser Wilhelm Gedächtniskirche“, eine Mischung aus Denkmal/Ruine und erstaunlichem Gebäude (eingeweiht 1961, Architekt Egon Eiermann), wird auch kirchlicherseits „schamhaft“ und verlogen oft nur „KWG“ genannt oder, vielleicht angesichts der allgemeinen historischen Vergesslichkeit der Kirchen, nur kurz als „Gedächtniskirche“ bezeichnet. Eine Aufforderung förmlich, das kritische Gedenken zu pflegen. In diesem Hinweis bewahren wir es.

3. Die heftige Debatte über den Kolonialismus der Deutschen, seit König/Kaiser Wilhelm I. , erinnert insgesamt an die rassistisch geprägte Zeit der Herrschaft der Hohenzollern. Diese Debatte wird nicht zur Ruhe kommen, zumal angesichts der Exponate im „Humboldt-Forum“ im wieder aufgebauten Schloss in Berlin, direkt, in theologisch-politischer Eintracht, neben dem monumentalen „Berliner Dom“.

Die postkolonialen Studien werden langfristig die Mentalität der Deutschen zur Wahrheit verändern und in absehbarer Zeit auch zur Umbenennung der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche führen.

4. Aber: Noch ist es leider so, dass die zentrale Kirche in West-Berlin, am Ende des Kurfürsten-Damms, „Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche“ heißt. Die Evangelische Kirche in Berlin/Brandenburg schämt sich nicht, immer noch an diesem abstoßenden und theologisch allmählich unsinnigen Titel für ein GOTTES-Hauses festzuhalten. Sie ist sich wahrscheinlich ihrer Engstirnigkeit und Verkrampfung bewusst und nennt dieses zentrale Kirchengebäude nur noch mit drei Buchstaben KWG, und dies klingt so ähnlich wie AOK, KFZ oder BVG oder XYZ. Manchmal nennt die Kirche dieses Gotteshaus auch noch „Gedächtniskirche“, offenbar allen gewidmet, die mit dem Gedächtnis oder mit dem Gedenken starke Probleme haben…An die unselige enge Verquickung von preußischem Königtum und evangelischer Kirche kann man auch denken, ohne dass diese Kirche im Titel Kaiser Wilhelm führt.

5. Die Neutralisierung des offiziellen Titels „Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche“ zu KWG ist Ausdruck der Angst der Kirchenführung und ihrer Charlottenburger KWG-Gemeinde: Sie haben vielleicht Angst vor der bekannten Prozessfreudigkeit des Hauses Hohenzollern („man stiehlt uns unser Gotteshaus“) und Angst vor dem Protest der Springerpresse und ihrer vielen alten, aber kirchengebundenen LeserInnen in Berlin: „Wie kann die Kirchenführung nur diesen ehrwürdigen und sooo beliebten Namen aufgeben wollen?“ Wahrscheinlich hat die Kirchenführung Angst vor Kirchenaustritten wohlhabender Protestanten…

6. Tatsache ist und das belegt auch die neue Studie von Stephan Malinowski: König / Kaiser Wilhelm I. (1861-1888) war ein nationalistischer Kriegsherr, er war ein Förderer des Kolonialismus (Siehe Kongo-Konferenz 1884-85). Dadurch wurde Deutschland zum drittgrößten Kolonialreich der Welt. „Zur Sicherung der wirtschaftlichen Rentabilität der Kolonien wurde auf ein System der Zwangsarbeit zurückgegriffen. Widerstand wurde brutal unterdrückt, wovon neben dem Völkermord an den Herero und Nama auch die Niederschlagung des Maji-Maji-Aufstandes (1904-1908) in Deutsch -Ostafrika mit geschätzten 300.000 Opfern zeugt“. (Prof. Sebastian Pittl, Tübingen, in „Stimmen der zeit 2020, Seite 908f.).

7. Bei dem Titel Kaiser Wilhelm Gedächtniskirche denken viele BesucherInnen, nachweislich durch spontane Umfragen, auch an Kaiser Wilhelm II. Tatsache ist ja, dass der Titel dieses Gotteshaus im Rahmen der bekannten protestantischen Verquickung mit dem Kaiserhaus zunächst Kaiser Wilhelm I. meinte…Aber welcher Tourist, welcher Berliner kennt dieses Detail, zumal Kaiser Wilhelm II. diese Kirche unbedingt bauen und einweihen wollte. Man denkt also immer auch an Kaiser Wilhelm II., dann kommt die erschütternde Erkenntnis:  Dieser Kaiser Wilhelm II. war ein Anti-Republikaner und ein Antisemit., auch das zeigt die Studie von Prof. Stephan Malinowski. Ihm geht es nicht nur um die erwiesene Kollaboration der Hohenzollern mit den Nazis, sondern um deren Antirepublikanismus. Der Ex-Kaiser Wilhelm II. ließ bekanntlich den Sekt in Strömen fließen, als er von der Ermordung des demokratischen, auf Frieden hin orientierten Politikers Matthias Erzberger erfuhr.

8. Es wird Zeit also Zeit, dass sich in Berlin eine breite Bewegung der Bürger bildet, um die Abschaffung des Namens Kaiser Wilhelm Gedächtniskirche durchzusetzen. Und das wird angesichts der bestehenden Mentalitäten nicht einfach… Aber das wäre ein treffender Abschied von der für üblich gehaltenen Unkultur einer Nähe von Kirche und Staat, von Kirche und Hohenzollern, von Kirche und antirepublikanischem, antisemitischem Denken und Handeln.

Weil der Name „Kaiser Wilhelm Gedächtniskirche“ ohnehin obsolet geworden ist durch die offiziell gern verwendeten Kürzel KWG oder Gedächtniskirche, ist nun die Zeit gekommen, diesem Gebäude einen treffenden, einen tatsächlich für ein kirchliches Gebäude eben spirituellen und religiösen Namen zu geben. Die Debatte über den neuen Namen dieses schönen, neu gebauten Gotteshauses sollte also beginnen. Es wäre ein Zeichen von Selbstkritik, wenn sich die Kirchenleitung für die Umbenennung einsetzt. Aber, meine Skepsis bleibt: Entsprechende frühere Beiträge zu diesem Thema wurden kirchlicherseits ignoriert. Man glaubte, es nicht nötig zu haben, überhaupt darauf zu reagieren. Diese Ignoranz ist vorbei, angesichts der nicht mehr zu stoppenden Debatten über das kolonialistische Erbe Deutschlands und der Kirchen in Deutschland.

9. Ein neuer Name für die Kirche am Breitscheidplatz in Berlin (ehem. KWG) wäre ein Akt der Befreiung, ein Eingeständnis schuldhafter Verquickung der Kirche mit einem Regime, das definitiv vorbei ist.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Erzbischof Heße bleibt im Amt.

Wo das Mittelalter lebt und man(n) mittelalterlich denkt. Ein Hinweis auch zur Sprachphilosophie

Von Christian Modehn

Heutige Philosophie und damit auch Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie befasst sich mit der Analyse der Sprache, also der gesprochenen und geschriebenen Sprache in verschiedenen kulturellen Milieus.

1. Um den LeserInnen einen Eindruck zu vermitteln, wie und wo das mittelalterliche Denken heute noch lebt, dokumentiere ich eine aktuelle offizielle Mitteilung der Apostolischen Nuntiatur in Berlin. Die Apostolische Nuntiatur ist ein frommer Titel für „Botschaft der Vatikan-Stadt“, auch „heiliger Stuhl“ genannt. Man bedenke, dass mit dem mittelalterlichen Titel „Apostolische Nuntiatur“ angedeutet, wenn nicht unterstellt wird: Die ersten Apostel, etwa der Fischer Petrus, wären froh, wenn es zu ihren Ehren weltweit pompöse Papst-Botschaften (Nuntiaturen) gibt… Aber das ist ein anderes Thema.

2. Zum Text selbst: Inhaltlich geht es darum, dass Papst Franziskus jetzt das Rücktrittsangebot des Hamburger Erzbischofs Stefan Heße NICHT angenommen hat. Heße wurden bekanntlich von der Anwaltskanzlei Gercke Wollschläger elf Pflichtverletzungen im Zusammenhang mit der Aufklärung von sexueller Gewalt durch Priester im Erzbistum Köln nachgewiesen. Am 18. März 2021 hatte Heße deswegen den Papst gebeten, seinen Rücktritt als Erzbischof von Hamburg anzunehmen. Ein Bischof tritt bekanntlich einfach zurück und verschwindet dann in einer Privatwohnung, sondern er bittet den „Heiligen Vater“ in Rom, dass er ihm die Freiheit des Rücktritts doch bitte bitte lassenmöge.  Bischöfe sind also wie Kinder, die den Papi bitten, darf ich mal auf die Straße gehen… Auch dies ein anderes Thema.

Und dieser angeblich so progressive und aufgeschlossene Papst sagte abermals NEIN, wie schon im Falle von Kardinal Marx in München. Offenbar gibt es so wenige Kleriker, die diesen Job eines Bischofs heute noch ausüben wollen und (meist nicht) können…

3. Zur Lektüre des Textes der Apostolischen Nuntiatur: Der letzte und wichtigste Teil des Schreibens besteht aus einem ultra-langen Satz, eine Sprache, die typisch ist für Bürokratien und Behörden.

Und der daran anschließende Satz schleudert uns in eine mittelalterliche Welt zurück.

Aber lesen Sie selbst den ersten Lang-Satz:

„In Anbetracht der Tatsache, dass der Erzbischof seine in der Vergangenheit begangenen Fehler in Demut anerkannt und sein Amt zur Verfügung gestellt hat, hat der Heilige Vater, nach Abwägung der über die Visitatoren und durch die einbezogenen Dikasterien der Römischen Kurie zu ihm gelangten Bewertungen, entschieden, den Amtsverzicht S.E. Mons. Heßes nicht anzunehmen, sondern ihn zu bitten, seine Sendung als Erzbischof von Hamburg im Geist der Versöhnung und des Dienstes an Gott und den seiner Hirtensorge anvertrauten Gläubigen fortzuführen.“

So „verschwurbelt“ sprechen und schreiben nur Bürokraten.

Inhaltlich gesehen bedenke man weiter: Wenn ein Bischof also mal demütig ist und auch mal Fehler anerkennt, und noch pro forma sein Amt zur Verfügung stellt, dann hat er als möglicher Täter und Vertuscher alle Chancen, seinen exzellenten und gut bezahlten Job fortzuführen. Die Opfer sind selbstverständlich nicht so wichtig. „Grob gesagt bekommen Erzbischöfe etwa 12.000 Euro Grundgehalt im Monat, Auch hier kommen Dienstwohnungen und –wagen dazu, inklusive Chauffeur. Bischöfe, Weihbischöfe und Domkapitulare werden in der Regel auch aus der Staatskasse entlohnt“. (Quelle: https://www.katholisch.de/artikel/21935-was-verdient-man-eigentlich-als-priester)

4. Und nach diesem Lang-Satz der Absprung ins mittelalterliche Denken durch den Botschafter des Heiligen Stuhls in Berlin, genannt Nuntius: „Dazu erbittet der Heilige Vater Erzbischof Heße und dem Erzbistum Hamburg, auf die Fürbitte der seligen Jungfrau und Gottesmutter Maria und des Heiligen Ansgar, Gottes reichen Segen.” (Quelle: https://www.dbk.de/fileadmin/redaktion/diverse_downloads/presse_2021/Mitteilung-Heiliger-Stuhl.pdf)

5. Und ich möchte religionskritisch und sanft zynisch den Hinweis auf dieses unsägliche Geschehen beenden, und dabei noch einmal mit dem mittelalterlichen Aberglauben spielen, der ja wie gesehen in den Köpfen vatikanischer Beamter und Prälaten herumspukt. Denn all diese himmlischen Fürsprachen etc. sind doch, sorry, Aberglauben oder vornehmer Mittalter…

In diesem Sinne schlage ich vor als fromme mittelalterliche Schlußfloskel zum Brief des Nuntius zum Fall  Heße:  „Und wir bitten den Heiligen Geist, die dritte Person der Trinität im Himmel, dass er mit all seiner Kraft die Gehirne von Prälaten und Päpsten zur Vernunft hin bewege. Und dies alles möge geschehen unter der himmlischen Fürsprache des heiligen Franziskus von Assisi, des Namensgebers unseres heiligen Vaters,  und unter dem Beistand des heiligen Josef, des Pflegevaters Jesu, in dessen Gedenken wir dieses Jahr 2021 fromm gestalten und die Josefs-Ehen fördern… und so weiter und so weiter ad aeternum…! ABER: Möge um Himmels willen der so großartige zölibatäre Klerus immer fortbestehen, auch wenn es in bald (seinetwegen) keine katholischen Gläubigen mehr gibt”.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

 

Armin Laschets Lügen und sein Opus Dei.

Ein Hinweis auch zur widerwärtigen Rote-Socken Kampagne der CDU im Jahr 2021.  Siehe unten auch den aktuellen, per email versendeten Kommentar von Heribert Prantl über “Stinkstiefeleien im Wahlkampf” (am 19.9.2021 von H. Prantl veröffentlicht)

Von Christian Modehn

1.Der Kanzlerkandidat der UNION Armin Laschet kämpft mit allen Mitteln, auch mit unanständigen, um seinen Wahlsieg. So auf dem CSU-Parteitag am 11.9.2021. Ich zitiere den  Deutschlandfunk: „Laschet hatte in seiner Rede gesagt, in allen Entscheidungen der Nachkriegsgeschichte hätten die Sozialdemokraten immer auf der falschen Seite gestanden. Laschet hatte die Warnung vor einer Regierung aus SPD und Grünen in den Mittelpunkt seiner Rede gestellt. Steuererhöhungen und mehr Bürokratie würden den Wohlstand gefährden, sagte der CDU-Chef in Nürnberg. Dem SPD-Kanzlerkandidaten und Finanzminister Scholz warf Laschet vor, sich eine Hintertür für eine Koalition mit der Linken offenzuhalten“.

2.Führende Vertreter der SPD äußerten sich zu Laschets Polemik, dies berichtet etwa der Deutschlandfunk am 11.9.2021: „Bundesarbeitsminister Heil erklärte, den Beitrag der Sozialdemokratie zum Aufbau des Landes und der Demokratie zu leugnen, sei nicht nur geschichtsvergessen, sondern unanständig und würdelos. SPD-Generalsekretär Klingbeil äußerte sich ähnlich und meinte, die Union unter Laschet gehöre in die Opposition“.

3.Angesichts dieser „unanständigen und würdelosen Äußerungen“ Laschets könnte man erneut reflektieren über die Bedeutung des „C“ für den Vorsitzenden dieser C Partei und die C – Partei insgesamt.  Vom C ist in diesen Parteien nichts mehr übrig geblieben, heißt die bekannte Erkenntnis.

4.Naheliegend ist es, Herrn Laschet an einige theologisch-ethische Auffassungen zum Thema Lüge zu erinnern, die sogar in OPUS-DEI Kreisen verbreitet werden. Das könnte Herrn Lachet interessieren, wo doch seine Familie bekanntermaßen eine familiäre Bindung an das Opus Dei hat. LINK.

5.Die Lügen und das Opus Dei:

Der Wiener Psychiater Dr. Raphael Bonelli hat auf einer Opus-Dei-Veranstaltung im Münchner Opus-Dei-Zentrum „Weidenau“ über die „Lüge als schreckliches Drama“ im Oktober 2010 referiert. Bonelli ist bekanntermaßen eng verbunden mit sehr konservativen katholischen Institutionen, wie kath.net oder der theologischen Hochschule in Heiligenkreuz usw., Bonelli ist Opus Dei Mitglied (Belege dafür unten, Fußnote 1)

6.Die Opus Dei-Website fasst den Vortrag des Opus Dei -Mitgliedes Bonelli zusammen.

Der Inhalt dürfte dem Opus Dei affinen Herrn Laschet und seinen C Wähler vielleicht noch zu denken geben, vielleicht folgen sie den Opus-Dei-Weisungen?

„In den Sitzungen mit seinen Patienten stelle er (Bonelli) immer wieder fest, dass die Unwahrheit wie ein Gift wirke, das alle menschlichen Beziehungen zerstöre. Die Lügner würden in der Regel höchstens ein wenig Schwindelei zugeben und überdies für sich in Anspruch nehmen, damit ihren Mitmenschen nur Unbehagen ersparen zu wollen. Wörtlich sagte Bonelli: „Der Lügner lügt aber nicht aus Nächstenliebe. Sein Problem ist vielmehr die Feigheit vor kleinen Schwierigkeiten. Es geht ihm um eine momentane Unlustvermeidung. Was morgen kommt, ist ihm egal“, beschrieb der Referent einen Prozess, der in einen Gewöhnungseffekt des allmählichen Wegschauens einmünde. Je tiefer der notorische Lügner in seinen Unwahrheiten versinke, desto weniger sei er sich dessen bewusst. Daher lautet Bonellis dringende Empfehlung: „Ich darf niemals etwas sagen, was nicht stimmt“. Und dann berief sich  Bonelli auf die „kluge“ Opus-DEI-Praxis: „Das heißt aber auch, dass ich nicht immer die volle Wahrheit sagen muss.“ (Quelle: https://opusdei.org/de-de/article/die-luge-ist-ein-schreckliches-drama/)

Fußnote 1 zur Opus Dei-Mitgliedschaft von BonellI:: https://www.falter.at/zeitung/20070912/raphael-bonelli/1836150010;; https://www.biologie-seite.de/Biologie/Raphael_M._Bonelli; https://www.aargauerzeitung.ch/verschiedenes/bischof-huonder-holt-mitglied-von-opus-dei-als-referenten-ld.1617745

Copyright: Christian Modehn. Religionsphilosophischer Salon Berlin

Der aktuelle Kommentar von Heribert Prantl, Süddeutsche Zeitung vom 19.9.2021

 

 

STINKSTIELEIEN IM WAHLKAMPF:
Heribert Prantl beleuchtet ein Thema, das in der kommenden Woche wichtig ist – und manchmal auch darüber hinaus am 19.9.2021

 

In den letzten wilden Wahlkampftagen kam mir der alte Spruch vom Zeigefinger in den Sinn. Er stammt von Gustav Heinemann, dem dritten Bundespräsidenten, der ein unbequemer Demokrat war, ein nachdenklicher Jurist und ein engagierter Christ. Heinemann hat 1968, es war in einer Zeit heftiger innenpolitischer Auseinandersetzungen und er war noch Justizminister im Kabinett von Willy Brandt, an eine anatomisch-moralische Tatsache erinnert: “Wer mit dem Zeigefinger allgemeiner Vorwürfe auf den oder die vermeintlichen Anstifter oder Drahtzieher zeigt, sollte bedenken, dass in der Hand mit dem ausgestreckten Zeigefinger zugleich drei andere Finger auf ihn selbst zurückweisen.”

In diesen letzten Wahlkampftagen gilt dies für Armin Laschet und seine Parteifreunde. Der CDU-Kanzlerkandidat versucht, unter Hinweis auf staatsanwaltschaftliche Durchsuchungen im Bundesfinanzministerium seinem Konkurrenten Olaf Scholz einen Skandal anzuhängen – irgendwas mit Geldwäsche. Ja, es gibt einen Skandal, aber dieser Skandal ist kein Scholz-Skandal, sondern ein Justizskandal. Die Staatsanwaltschaft Osnabrück hat ihre Ermittlungen gegen die Geldwäsche-Zentralstelle des Zolls in Köln so in Szene gesetzt: Sie hat einen von ihr erwirkten richterlichen Durchsuchungsbeschluss so unsauber und verfälscht in die Öffentlichkeit getragen, dass der Eindruck entstehen musste, es würde gegen Scholz ermittelt. Und damit nicht genug: Als Scholzens Staatssekretär Wolfgang Schmidt diesen Eindruck zu korrigieren versuchte, indem er das einschlägige richterliche Dokument auf Twitter präsentierte, wurde er von der Staatsanwaltschaft Osnabrück deswegen mit einem weiteren strafrechtlichen Ermittlungsverfahren gegen ihn persönlich traktiert.

Chefermittler und CDU-Funktionär

Sind das nur merkwürdige Zufälle? Oder sind das Aktionen, um dem SPD-Kanzlerkandidaten bewusst zu schaden oder eine solche Schädigung zumindest billigend in Kauf zu nehmen? Der Chef der Osnabrücker Ermittler, also der Betreiber dieser Aktionen heißt Bernard Südbeck. Er ist nicht nur Leitender Oberstaatsanwalt, sondern auch CDU-Mitglied und CDU-Funktionär, nämlich Chef der CDU in Cloppenburg. Ist der ein Schelm, wer Böses dabei denkt? Egal, welcher Partei Staatsanwälte angehören, sie haben unvoreingenommen zu ermitteln und dabei verhältnismäßig vorzugehen. Daran darf man im vorliegenden Fall zweifeln.

Wie man mit Presseerklärungen Geschichte schreibt

Historisch interessierte Menschen wissen, dass man durch missverständliche, dass man durch Presseerklärungen, die die Tatsachen verfälschen, nicht nur einen Wahlkampf beeinflussen, sondern sogar einen Krieg auslösen kann. Bismarck hat 1870 ein Telegramm des preußischen Königs Wilhelm I., der im Kurort Bad Ems weilte, so schroff als Pressemitteilung umformuliert, verkürzt und dann verbreiten lassen, dass aus einer eher harmlosen diplomatischen Auseinandersetzung mit Frankreich eine giftige Provokation wurde. Napoleon III. sah in dieser Provokation, wie von Bismarck gewollt, den Grund für seine Kriegserklärung an Preußen. So begann mit der “Emser Depesche” der deutsch-französische Krieg von 1870/71. Eine solche Bedeutung hat nun der deutsche Wahlkampf von 2021 ganz gewiss nicht und die Presseerklärung der Staatsanwaltschaft Osnabrück ist keine Emser Depesche im Miniformat. Aber eine Stinkstiefelei ist die ganze Sache schon. Sie sollte wohl auch die Erinnerung an alte Skandale wachrufen, in denen Scholz nicht besonders gut aussah. Mit bloßem Verfolgungseifer ist das nicht zu erklären. Aber mit solchem Verfolgungseifer ist Staatsanwalt Südbeck schon einmal aufgefallen, als er – wie die SZ es am 15. Mai 2009 -beschrieb (“Jagdszenen aus Oldenburg“), seine Kompetenzen überschritt, um an einer anonymen Strafanzeige mitzuwirken.

Das Recht dient nicht dem Wahlkampf

Nicht nur Heinemanns Satz vom Zeigefinger kam mir in diesen Laschet/Scholz/Baerbock-Tagen in Sinn, sondern auch ein berühmter juristischer Vortrag: Rudolf von Jhering, ein hochgelehrter Starjurist des 19. Jahrhunderts, hat ihn vor fast 150 Jahren gehalten, im Jahr 1872. Der Vortrag trug den Titel: “Der Kampf ums Recht”. Das gedruckte Manuskript wurde eines der erfolgreichsten juristischen Bücher, die in Deutschland je erschienen sind – es gab zwölf Auflagen in zwei Jahren; das Buch wurde in 26 Sprachen übersetzt. In diesem Buch findet sich der markige Satz: “Das Leben des Rechts ist ein Kampf”; der Kampf ums Recht sei “ein Akt der ethischen Selbsterhaltung”. So ein Paragraphen-Militarismus ist heute nicht mehr ganz so angesagt wie damals. Gleichwohl: Sollte der Leiter der Osnabrücker Staatsanwaltschaft das Buch gelesen und goutiert haben, dann hat er es missverstanden. Da steht: “Das Recht ist ein Kampf”. Da steht nicht: “Das Recht ist ein Wahlkampf”, da steht auch nicht “Das Recht dient dem Wahlkampf”. Seit meinem Newsletter vom vergangenen Sonntag sind einige einschlägige Merkwürdigkeiten hinzugekommen, die den Verdacht des Rechtsmissbrauchs nähren.

Schauen wir uns die Sache näher an: Die für Geldwäsche zuständige Behörde heißt FIU (Financial Intelligence Unit), sie sitzt in Köln und steht seit längerer Zeit im Verdacht, Hinweise von Banken oder Notaren auf Geldwäsche nicht an Polizei und Staatsanwaltschaft weitergeleitet zu haben. Die FIU gehörte ursprünglich zum BKA; der Vorgänger von Scholz als Finanzminister, Wolfgang Schäuble, hat die Geldwäsche-Zentralstelle dann dem Zoll zugeschlagen; lege artis war das nicht. Nicht nur Banken und Notare, auch die Compliance-Abteilungen großer Konzerne wunderten sich immer wieder, dass ihre Anzeigen bei der FIU im Sande verliefen. Insofern war und ist es zunächst einmal begrüßenswert, dass die Staatsanwaltschaft Osnabrück seit 2020 in Fällen ermittelt, in denen es konkrete Hinweise gibt, dass die FIU dem Verdacht der Geldwäsche nicht nachgegangen ist.

Verwunderliches, Merkwürdiges, Suspektes

Ein wenig verwunderlich war freilich, dass die Staatsanwaltschaft sich Korrespondenzen zwischen der FIU und dem Finanz- sowie dem Justizministerium von den beiden Ministerien nicht einfach hat vorlegen lassen. Vielleicht haben die Ermittler befürchtet, dass die Ministerien von sich aus nicht alles offenlegen. Angesichts der schon länger dauernden Ermittlungen ist aber bemerkenswert, dass die Staatsanwaltschaft einen richterlichen Durchsuchungsbeschluss erst so spät, nämlich am 10. August, also in der heißen Wahlkampfphase, erwirkt und dann, in der heißesten Phase, zwei Wochen vor der Bundestagswahl vollstrecken lässt. Diese Vorgehensweise hatte zwar ein Gschmäckle, ließ sich jedoch damit begründen, dass die Staatsanwaltschaft als Ermittlungsbehörde nicht auf Wahlkämpfe Rücksicht nehmen muss – ja möglicherweise dazu beiträgt, dass neue, gewichtige Fakten auf den Tisch kommen, die den Wählern bei ihrer Beurteilung der Kandidaten nicht vorenthalten werden sollten.

Spätestens von da an wird es aber suspekt: Die Staatsanwaltschaft teilt in ihrer Presseerklärung etwas Anderes über den von ihr erwirkten richterlichen Durchsuchungsbeschluss mit, als es dieser Durchsuchungsbeschluss vorsieht und erlaubt: Die Presseerklärung spricht nämlich von Ermittlungen auch in Richtung der Leitung der Ministerien, also potentiell gegen Finanzminister Scholz. Der richterliche Beschluss erlaubt aber lediglich die Suche nach Korrespondenzen zwischen Mitarbeitern der FIU und solchen des Finanzministeriums. Dieser Unterschied war und ist gravierend. Mit diesen von der Staatsanwaltschaft falsch dargestellten Fakten geriet Scholz in die politische Schusslinie.

Und nun kommen wir vom Suspekten zum Anrüchigen: Finanzstaatssekretär Schmidt, ein sehr enger Vertrauter von Scholz, der durch Veröffentlichung von Auszügen beider Dokumente (also Presseerklärung und Durchsuchungsbeschluss) auf diese Ungereimtheit hinweist, wird deswegen von der Staatsanwaltschaft Osnabrück mit einem Ermittlungsverfahren wegen der angeblichen Begehung einer Straftat nach Paragraf 353 d Strafgesetzbuch überzogen. Nach diesem Paragraf 353 d StGB wird mit Geldstrafe oder Haft bis zu einem Jahr bestraft, wer amtliche Dokumente eines Strafverfahrens in wesentlichen Teilen öffentlich mitteilt, bevor sie in öffentlicher Gerichtsverhandlung erörtert worden sind oder das Verfahren abgeschlossen ist. Mit dieser Strafnorm soll der Beschuldigte vor Vorverurteilungen bewahrt und die Laienrichter, die im Strafverfahren keine Einsicht in die Strafakten erhalten, sollen in ihrer Unvoreingenommenheit geschützt werden. Auch wenn die Strafnorm, weil pressefeindlich, umstritten ist, hat sie das Bundesverfassungsgericht bisher in seinen Entscheidungen für verfassungsgemäß erklärt. So weit, so gut.

Ein böser Witz

Aber wer ist hier als Erster an die Öffentlichkeit getreten? Es war die Staatsanwaltschaft mit einer Presseerklärung, in der sie den Durchsuchungsbeschluss unrichtig wiedergegeben hat! Mit dieser Unrichtigkeit hat sie die Voreingenommenheit der Öffentlichkeit selbst präpariert – und der Staatssekretär hat mit seiner Veröffentlichung des Durchsuchungsbeschlusses dazu beigetragen, die Unvoreingenommenheit wieder herzustellen. Das ist nicht strafbar, das wird vom Schutzzweck der Strafnorm nicht erfasst. Das Ermittlungsverfahren ist daher rechtsmissbräuchlich. Es bleibt auch rechtsmissbräuchlich, wenn die Staatsanwaltschaft Osnabrück es nun an die Staatsanwaltschaft in Berlin abgegeben hat. Es ist auf dem Mist des Osnabrücker Staatsanwaltschaft gewachsen. Mit solchen Rechtsmissbräuchlichkeiten sollte sich Armin Laschet nicht munitionieren.

Laschet muss auf seinen Zeigefinger achten. Die drei Finger, die auf ihn selbst zeigen, weisen ihn darauf hin, dass sein Parteifreund erstens eine verfälschte Presseerklärung in die Welt gesetzt hat, zweitens denjenigen, der das aufklärt, mit Strafverfolgung überzieht, und drittens dabei jede Verhältnismäßigkeit vermissen lässt. Das Recht mag ein Kampf sein. Ein Wahlkampf ist es nicht.

Ich wünsche Ihnen eine gute letzte Wahlkampfwoche – und die Kraft der Erkenntnis, die man beim Wählen braucht.

Ihr
Heribert Prantl,
Kolumnist und Autor der Süddeutschen Zeitung

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

 

 

Atheismus im Christentum: Das heißt: Atheismus inmitten des Glaubens.

Wer ist ein religiöser Mensch? Jemand, der auch Atheist ist.

Ein Hinweis von Christian Modehn

Das Buch „Atheismus im Christentum“ von Ernst Bloch, 1968 veröffentlicht, sollten religiöse Menschen, Christen, Muslime, Juden wie auch Atheisten neu entdecken, auch Atheisten, die bekanntlich auch „nur“ glauben können, nämlich: Dass es Gott nicht gibt.

1.

Der Titel des Buches ist Programm. Man könnte ihn verwandeln in „Atheismus im persönlichen Glauben“. Oder: „Atheismus in meiner, in unserer Spiritualität“. Impulse werden freigesetzt für einen Glauben, der heutige Lebenserfahrungen respektiert, also auch den Inhalt des Glaubens neu gestaltet. Denn bekanntlich ist religiöser Glaube etwas Lebendiges, d.h. Wandelbares, und entgegen vielerlei rigider Praxis der Kirchen und Religionen nichts Versteinertes, nicht auf ewig Dogmatisches.

2.

Ernst Bloch will ein Gottesbild überwinden, um jetzt nur beim Christentum, den Kirchen zu bleiben, das dort bestimmend wurde: Gott wird als Himmels-Herrscher verehrt oder als „Rachegott“ gefürchtet. Dieser Gott bremst die Freiheit aktiver Lebensgestaltung, behindert den Elan, für die universale Gerechtigkeit unter den Menschen auf dieser Erde einzutreten. Bloch wehrt sich aber auch gegen eine andere Gestalt banalen Glaubens, den banalen Atheismus, etwa in „Gespräche mit Ernst Bloch“, 1975, Seite 170. Dieser Atheismus begrenzt sich schlicht darauf, die Materie für „alles“ zu halten und diese zu verehren und … Gott zu bekämpfen. „Mir geht es hingegen um revolutionären Atheismus in Religionen selber, insbesondere dem Christentum, wie man weiß“ (S. 170).

3.

Bloch zeigt, dass Menschen wesentlich von der geistigen Kraft des Transzendierens bestimmt sind. Das heißt: Sie haben die innere, die geistige Energie, über jeden vorfindlichen Zustand hinauszustreben, das erinnert deutlich an Hegel. Bloch denkt entschieden an politische und ökonomische Verhältnisse, die die Menschenwürde aller bekämpfen und ausschließen. Diese Energie für ein „Transzendierens nach vorne, in die bessere Zukunft der Menschheit und der Welt zu entwickeln, ist die wahre spirituelle Leistung der Menschen, vor allem derer, die sich Christen nennen.

4.

Damit wird die Dimension des „Atheismus in meinem, in unserem Glauben“, erreicht:

Wer den Herrscher – Gott im Himmel, den Rächer und wundertätigen Willkürgott, der mal hier, mal dort Wunder für diesen oder mal für jenen tut, wer also diesen Willkür-Gott ablehnt und vernünftig und emotional überwindet, gerät in eine Art Zwischenraum, in eine Leere. Die ist bestimmt von der Erfahrung des Verlustes des alten Gottes UND dem Nicht-Dasein einer neuen zentralen Lebensmitte, sagen wir eines „neuen Göttlichen“, das man in Erwartungshaltung vielleicht den neuen gründenden Sinn, das Heilige, nennen könnte. Aber eben nicht mehr den angelernten Gott aus Kindeszeiten.

Im leeren Zwischenraum ist die Stimmung des Abschieds bestimmend, auch der Angst, etwas Wesentliches und Altvertrautes verloren oder aufgegeben zu haben. Aber doch setzt sich die Einsicht und die Gewissheit durch: Das „alte, überkommene, angelernte, Gottesbild“ stört unsere gegenwärtige Lebenserfahrung und die vernünftige Einsicht. Denn das überwundene, alte Gottesbild ruhte also wie ein „erratischer Block“ in unserem Leben. Damit deutet sich schon an, dass die Leere, der Zwischenraum, um der geistigen Gesundheit willen verlassen werden sollte. Eine neue, humanere Vorstellung von dem Göttlichen oder dem Sinn-Gründenden deutet sich an.

5.

Man könnte bei Bloch also lernen: Wer als Christ diese Situation der Leere, des Übergangs, erfährt und begrifflich denkt, erlebt für sich selbst und in sich selbst den „Atheismus im Christentum“: Der religiöse Mensch, der Christ, ist also Gott „los“ geworden, d.h. gottlos geworden, befreit von einem Gott, der das Leben behindert und die Unreife der Menschen fördert. Bloch weist sehr treffend darauf hin, dass der Philosoph und Mystiker Meister Eckart im 14. Jahrhundert seinen dringenden Wunsch formulierte, er möge „Gottes quitt“ sein, also gott-los werden. Dies sagte er nicht aus einer unreflektierten Zustimmung zu einem vulgären Atheismus. Vielmehr wusste er: Das dingliche und greifbare und verfügbare allgemeine christliche Gottesbild verfälscht den „göttlichen Gott“. Und die Bindung an ihn macht den Menschen unfrei, kettet ihn an Phantome, die Angst erzeugen und verwirren.

6.

Bloch hat also einen Vorschlag, diese Phasen der Leere und des Atheismus als Phasen der Gesundung, der Reifung, des geistigen und politischen Wachstums zu verstehen. So können diese Momente und Zeiten des Übergangs, der Leere, des Atheismus, gelebt werden. Sie sind immer wieder neu sich einstellende Momente einer spirituellen Lebendigkeit. Man könnte also sagen: Wer als Christ nicht oft auch Atheist gewesen ist, hat nicht in einem lebendigen Leben, in einer lebendigen Spiritualität, gelebt. Und diese Lebendigkeit ist wesentlich das dauernde Transzendieren als das Überwinden jeglicher Fixierung. Und gerade dieses dauernde Transzendieren ist das eigentlich Feste und Bleibende im Leben.

7.

Darauf kommt es entschieden an: Religiöse Menschen, also noch einmal Christen, Juden, Muslime, Atheisten sollten diese ihre geistige Struktur, das Transzendieren, als ihren religiösen Mittelpunkt erkennen. Transzendieren ist im Sinne Blochs das  sehr weltliche und politische Transzendieren in eine bessere Zukunft für die Menschheit! Das Ziel des Transzendierens ist für Bloch nicht der vertikal zu denkende göttliche Herr des Himmels und der himmlischen Heere, sondern das umfassend humane Reich der Zukunft. Bloch sprich in dem Zusammenhang von „Transzendieren ohne Transzendenz“, also ohne göttlichen „Himmel“. Es wäre jedoch zu fragen, ob dieses Transzendieren in eine umfassend humane Zukunft („vorwärts“, wie Bloch sagt) nicht bereits schon das Göttliche im Menschen ist. Ich würde den Gedanken unterstützen. Bloch lehnt ihn ab, weil er mit der Voraussetzung einer mit der „Schöpfung“ gegebenen, sozusagen an gelegten geistigen Kraft des Transzendierens rechnet.

8.

Der Atheismus Blochs ist etwas sehr Spezielles. Für Bloch ist die Gestalt Jesu von Nazareth zentral, den er – wie viele andere auch – als „Menschensohn“ versteht, im Anschluss an das Neue Testament. Jesus als der „Menschensohn“ ist die herausragende Gestalt unter den Menschen mit einer radikalen humanen Botschaft. Bloch schreibt: „Jesu Wort: Was Ihr dem Geringsten meiner Brüder tut, das habt ihr mir getan ist entscheidend: Plötzlich erscheint keine Obrigkeit mehr…hier also ist der Gott, der von oben herrscht, vollkommen weg. Und eine Rückwendung auf den Menschen ist da, und zwar zu den Armen, Erniedrigten…Man kann das schon Atheismus nennen, da der theos, der Gott (in seiner Macht) gestürzt wird“ („Gespräche mit Ernst Bloch, S. 171). Jesus wird also gerade als Zeuge einer Humanität zugunsten der Armen und Ausgegrenzten zu einer Art erlösendem, befreienden Vorbild.

9.

Wer sich von den Einsichten Blochs anregen lässt, wird auf eine philosophische und theologische Entdeckungsfahrt geschickt: Ohne Atheismus als Erfahrung inmitten des Lebens gibt es keine Spiritualität. Diese Aussage steht etwa gegen die Kirchen, die immer als Ideal predigen, nur den reinen Glauben allzeit zu leben sei Ausdruck der Heiligkeit und Vollkommenheit. Nur das Gute, nur das Fromme allein zu leben ist in der Sicht Blochs naiv: Glauben ohne in atheistische Phasen zu gelangen, ist etwas Stagnierendes. Der reflektierte Atheismus findet immer wieder zu einer neuen Glaubenshaltung. So entsteht eine geistvolle Dialektik inmitten des Lebens.

10.

Noch einmal: Auch der Atheist ist von einer Glaubenshaltung bestimmt , von der Überzeugung, dass kein Gott ist. Atheisten als Glaubende: Das wäre auch ein Aspekt, der sich aus Blochs „Atheismus im Christentum“ ergeben könnte. „Atheismus ist auch Glauben“ wäre dann der weiterführende Titel. Dieser Atheist kann sich aber von „christlichen Atheisten“ belehren lassen: „Den Gott, den ihr Atheisten ablehnt, den lehne ich als Glaubender genauso ab. Insofern sind wir, Atheisten wie Glaubende, in der Dialektik des Lebens immer in ganz neuer Weise Atheisten. Wir beide, Christen und Atheisten, sind gottlos, nämlich in unserer Ablehnung des banalen Gottesbildes.

11.

Das Nachdenken müsste natürlich Konsequenzen haben in der religiösen oder auch in atheistischen Bildung. Bleiben wir bei der religiösen, der christlichen Bildung etwa der Kinder. Kindgemäße Hinweise auf die göttliche Wirklichkeit lassen sich bestimmt nicht durch das Auswendiglernen von Sprüchen und Gebeten oder durch Kindergottesdienste mit viel kindlichem Tralala erreichen. Wichtiger wäre eine kindgemäße Einführung in das, was man die Tiefe und das Geheimnis des Lebens und der Welt nennt. Dann ist von dem unmittelbar eingreifenden wundertätigen Gott keine Rede mehr, Lehren, die so viel Verwirrung stiften bis ins hohe Lebensalter:  Da wird dann mit einem naiven kindlichen Glauben noch im reflektierten, reifen Alter behauptet: „Wenn Gott dies und das zulässt und nicht als Gott direkt eingreift, dann glaube ich nicht an ihn“.

12.

Solche religiös-kindliche Dummheit kann aber überwunden werden, wenn Kinder und Jugendliche anstelle des üblichen religiösen Tralala eben Meditationen, Achtsamkeit, sowie im Spiel das Nachgestalten bestimmter Parabeln Jesu lernen und üben. Das Verstehen der Religionen darf nie auf einer kindlichen, ich möchte sagen, infantilen Stufe stehen bleiben. Insofern ist mancher „Atheismus“ im Christentum auch oft nichts anderes als die Ablehnung des infantilen Glaubens im Christentum. Der Wiener Psychoanalytiker Erwin Ringel hat dieses Phänomen schon vor einigen Jahren auf den Begriff gebracht: „Religionsverlust durch religiöse Erziehung“, heißt sein Buch, 1985 erschienen. Oder den Titel variierend: „Atheismus durch das Sich Klammern an infantile Gottesbilder“. Dieser „Atheismus“ sollte unbedingt überwunden werden. Aber diese authentische, „sachgemäße“ religiöse Bildung kann kaum noch vermittelt werden, weil sich so viele von der Religion längst abgewandt haben. Sie meinen, es gäbe Religion, es gäbe Christentum, nur in dieser dummen, naiven, infantilen Gestalt. Die freilich die Kirchen aus Mangel an spiritueller Lebendigkeit und , dogmatischer Sturheit fortsetzen, bis zu ihrem eigenen Ende, dem Absterben des Christentums. Nietzsche hat treffend gefragt: Wird die Kirche zum Grab Gottes? (Siehe Friedrich Nietzsches, Die fröhliche Wissenschaft, 1887, III. Buch, Nr. 12).  LINK.

 

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Afghanistan: Das Ende der „Mission des Westens“?

Nach der Kapitulation des Westens in Afghanistan.

Hinweise von Christian Modehn

1.

Der militärische Einsatz des Westens in Afghanistan hatte sich als ein humanitäres Projekt verstanden, um Menschenrechte dort durchzusetzen, vor allem für Frauen sollten sie Realität werden. Der Westen hatte dort eine Mission, sie wollte er mit Gewalt durchsetzen.

2.

Der militärische Kampf des Westens in Afghanistan hatte – in der Theorie – hohe Ziele, „Ideale“. Die Militärs des Westens, also konfessionell betrachtet meistens noch nominell Christen, waren eine Art von Missionaren, die zum Töten des Feindes bereit waren. Dieses missionarische Selbstverständnis hat im Gefühl der moralischen und ethischen (christlichen) Überlegenheit des Westens ihren Ursprung. Dass sich die immer noch christlichen und sehr kirchlichen Bürger der USA traditionell als missionarische Nation verstehen, verantwortlich für das Wohl der Welt, ist evident. Dieses ideologische und religiös gefärbte Selbstverständnis verdeckte ökonomische, geopolitische und machtpolitische Interessen, das ist ebenso evident.

3.

Tatsache ist: Diese US-Missionare sind mit ihren Missionen im Laufe dieser langen US-„Missionsgeschichte“ fast immer gescheitert. Sie haben zwar etwa in Lateinamerika ihre politischen Ziele, die Absetzung linker Regierungen mit Gewalt durchgesetzt, aber nicht dauerhaft rechtstaatliche und demokratische Regierungen „produziert“. Diese US-Missionen haben vielen tausend Menschen das Leben gekostet und viele tausend Milliarden US-Dollar verschlungen. Vom permanenten Krieg der USA in allen Teilen der Welt hat nur die US-Rüstungsindustrie profitiert. Friedlicher, humaner ist die Welt durch die vielen US-Missionen also nicht geworden, eher das Gegenteil ist wahr:Man denke an die  US Einsätze in Irak, Somalia, Vietnam, Chile, Guatemala usw…

4.

Jetzt (Ende August 2021) werden auf höchster Ebene heftige Zweifel an der missionarischen Sendung der USA laut. Der „Heilsbringer“ gerühmte Präsident Biden sagt: „Wir sollten keine amerikanischen Leben opfern, um Afghanistan zu einer Demokratie zu machen“ (SZ 28/ 29. Aug 2021 S. 2). Wenn es noch zu militärischem Handeln seitens der USA kommen soll, dann offenbar nur, um unmittelbare Attacken auf US-Bürger zu rächen. Der Katholik Joe Biden warnte die IS-Kämpfer in Afghanistan: „Wir werden nicht vergeben, wir werden nicht vergessen, wir werden euch jagen, und ihr werdet bezahlen“ (SZ 28./29. Aug 2021 S. 2). Mit anderen Worten: Die USA werden nicht auf die Sprache der Waffen verzichten. Natürlich können die USA das Abschlachten so vieler Menschen durch die IS in Afghanistan nicht ohne weiteres hinnehmen, es handelt sich wirklich beim IS um Mörderbanden. Aber jede neue militärische Antwort verlängert die Spirale der Gewalt. Gibt es bei dieser üblichen, dieser „eingefahrenen“ Politik noch ein Entkommen aus dieser stetig zunehmenden Spirale der Gewalt? Warum kontaktieren eigentlich Politiker nicht ihre so kenntnisreichen Friedensforscher? Ist Friedensforschung nichts als eine Art akademisches Beschäftigungsprogramm?

5.

An die Kraft des Geistes glaubt heutzutage kein Politiker mehr, also an Dialog, Verhandlungen mit dem Feind, ausschließlich humanitäre Hilfe und vor allem sehr gute geistige und kulturelle Vorbereitung, wenn Europäer, US-Amerikaner, also dem Namen nach Christen in muslimischen Staaten „eingreifen“. Von einer humanen, klugen, reflektierten, gebildeten Friedenspolitik ist offenbar niemand mehr überzeugt. Die Menschen, die zu Feinden erklärt wurden, also die zum Krieg entschlossenen muslimischen Krieger, sind evident auch keine reflektierten Friedensboten. Und die sich human nennende islamische Welt (die Mehrheit?) ist offenbar völlig außerstande, diesen sich islamisch nennenden Mörderbanden irgendwie Einhalt zu gebieten. Immerhin diese Worte von Aiman Mazyek, dem Vorsitzenden des Zentralrats der Muslime in Deutschland. “Was in Afghanistan passiert, ist ein Schlag für die weltweite muslimische Community: Denn die allermeisten Muslime – und die Afghanen ohnehin – wollen keinen Steinzeit-Islam, gepaart mit Stammes-Doktrin. Und diese Taliban finden jetzt wieder an die Macht. Und das ist deswegen ein Desaster für alle“.

6.

Auch dieses Desaster hat eine (!) entscheidende Ursache in der Überzeugung der Politiker auf beiden Seiten, im Westen wie unter Muslimen: Dies ist die Überzeugung, eine Mission zu haben.

Mission heißt: „Ich bin gesandt, den anderen meine eigene Überzeugung mitzuteilen“. Das kann solange gut gehen, wenn alle Missionare ihr Gesandtsein als Verpflichtung zum friedlichen Dialog verstehen, also als interessierten Austausch, zu dem wie bei jedem geistigen Austausch auch die Lernbereitschaft von anderen, Fremden, Gegner, ja selbst Feinden gehört. Mission hat also schon aus friedenspolitischen Gründen nur den Sinn, wenn sie als gewaltfreier Dialog geschieht. Wir wissen heute, dass diese Erkenntnis ein wahres und erstrebenswertes Ideal beschreibt. Es war unter weniger komplexen Verhältnissen eher realisierbar, ist aber heute in einer a-priori totalkriegerischen, total machtversessenen Welt fast ohne Chancen. Leider wird zu wenig über gelungene Friedensmissionen berichtet, die zwar vielleicht nur einige Jahre Bestand hatten, weil die kriegsversessene Umgebung diese Erfolge zerstörte. Man denke etwa an die gelungene Friedensmission der christlichen Aktivisten „San Egidio“ in dem von Bürgerkrieg zerrissenen Mozambique.

7.

Die ersten Christen haben in ihren Evangelien dem auferstandenen Jesus von Nazareth das Wort in den Mund gelegt, sie sollten als Gemeinde, als Kirche „allen Menschen das Evangelium (in amtskirchlicher Interpretation) verkünden“. (siehe das Markus Ev., 16, 15). Zum missionarischen Islam: Auch der Islam in seinen vielfältigen Konfessionen versteht sich als missionarische Religion, was etwa in der Koran-Sure 34,28 angedeutet wird. Mission heißt zunächst, die Vertiefung der Koran-Kenntnisse bei den ungebildeten Muslimen, aber auch die Bereitschaft, etwa Christen in die islamische Gemeinschaft aufzunehmen. Über Konvertiten ist man hoch erfreut.

8.

Dem Auftrag Jesu bzw. der ersten Gemeinde zur Mission hat die Kirche von Anfang entsprochen, selten sogar ohne Gewalt, sondern im Dialog. Man denke etwa an den Besuch des heiligen Franziskus von Assisi im Jahr 1219 beim Sultan Malik al Kamir in Ägypten, zu einem Zeitpunkt, als katholische Kreuzfahrer das „Heilige Land“ von „ungläubigen Muslims“ zu befreien suchten. Selbst wenn viele historische Details unklar bleiben: Das Treffen hat stattgefunden und ist ein Lichtblick in einer langen Missionsgeschichte der christlichen wie der islamischen Religion (zur Einführung in dieses Thema siehe: https://www.deutschlandfunk.de/franz-von-assisi-und-sultan-al-kamil-begegnen-sich-zwischen.2540.de.html?dram:article_id=455143).

Es wäre ein weites Thema der Missionsgeschichte, die wenigen Momente zu studieren, in denen etwa katholische Missionare aus Europa in „heidnischen Ländern“ auf den Dialog, die Begegnung mit den anderen setzten: Da muss an die China-Mission der Jesuiten im 17. Jahrhundert erinnert werden, etwa an Pater Ricci in Peking, der als hoch qualifizierter Gelehrter im Austausch stand mit dem Kaiser und dessen Gelehrten. Die Jesuiten gingen schon damals soweit, in Begriffe einer „heidnische“ Philosophie, der konfuzianischen Lehre, das Christentum zu übersetzen und es darzustellen. Pater Ricci befand sich in einer großen Gruppe anderer Jesuiten, die ähnlich im (wissenschaftlichen) Dialog mit Chinesen tätig waren. Diese „Dialog-Mission“ scheiterte einerseits an einer theologischen Ängstlichkeit in Rom und an den Umbrüchen innerhalb der chinesischen Dynastie (siehe dazu: Wolfgang Reinhard, Die Unterwerfung der Welt. C.H. Beck-verlag 2016, S. 646). Auch von den sogenannten „Jesuiten-Reduktionen“ etwa in Paraguay unter dem Volk der Guarani wäre zu sprechen. Aber diese „Dialog-Missionen“ sind absolute Ausnahmen geblieben. Meist wurde der christliche Glaube den „Heiden“ nur äußerlich aufgedrängt und aufgesetzt zum Nachplappern, die elementare Friedensbotschaft des Christentums wurde gar nicht verstanden und verinnerlicht. Man denke etwa an den Völkermord in Ruanda, wo vor allem mörderische katholische Hutus die ebenfalls katholischen Tutsi abschlachteten.

9.

Die sich säkular verstehenden europäischen und nordamerikanischen Staaten begreifen ihre Mission heute als Durchsetzung der universal geltenden Menschenrechte. Menschenrechte sind, wie auch Prof. Herfried Münkler betont, als Zivilreligion zu deuten. Die Menschenrechte sind zwar im Westen formuliert worden, aber diese regionale Herkunft schließt nicht universale Geltung aus, zumal auch die Menschenrechte immer ausführlicher weiter bestimmt werden, etwa als sozialpolitische Menschenrechte. Und evident ist auch: Wer Unterdrückung und Folter in den vielen Staaten erlebt, die eben nicht die Menschenrechte praktisch gelten lassen, hat nur einen Wunsch: Endlich Anteil zu haben an den selbstverständlich für alle geltenden Menschrechte. Über die Menschenrechte als universal geltende Menschenrechte dürfte es, mit Vernunft besehen, eigentlich keine Debatte mehr geben. Es gibt auch philosophische Evidenzen.

10.

Menschenrechte können erfolgreich nur vermittelt werden im Dialog, also in einer friedlichen Situation.

Im Krieg und mit tötender Gewalt Menschenrechte durchsetzen zu wollen, ist von vornherein absurd. „Militärisch kann man einen solchen Konflikt in Afghanistan allein nicht lösen, der Einsatz von Soldaten schafft der Politik Zeit, um mit anderen Mitteln an die Konfliktlösung heranzugehen“. (Oberstleutnant a.D. Rainer Glatz, in „Die ZEIT“,  26.8.2021, S. 7).

Aber wenn man schon einmal begonnen hat, Unrechtssysteme durch Kriegshandlungen zu besiegen, dann soll man als westlicher „Missionar“ auch Geduld und Nerven behalten, bis sich tatsächlich ein wirksamer Systemwandel, etwa in Afghanistan, zeigt. Mit anderen Worten: Der Abbruch der Präsenz des Westens in Afghanistan war völlig übereilt. Denn erste Erfolge hinsichtlich der Menschenrechte sind ja sichtbar, etwa hinsichtlich der Menschenrechte für Frauen, der Durchsetzung von Bildung…

Der Abzug der westlichen Truppen war also übereilt, unreflektiert, darum dumm und gefährlich sowie auch moralisch verwerflich. Denn die Versprechen der westlichen Regierungen, umfassend die vielen tausend afghanischen Mitarbeiter zu schützen und im Falle eines Abzugs der West-Truppen ins westliche Ausland zu bringen, wurden nicht erfüllt. Diese evidente Lüge wird das Ansehen des Westens unter vernünftigen islamischen Bürgern weiterhin stören und zerstören. Und der Westen hat Afghanistan als Land zwar verlassen, der Fluch dieses viel zu früh abgebrochenen Krieges, genannt Friedensmission, wird noch lange leider Wirkungen zeigen, auch im Westen.

 

 

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin