Die Hierarchie des lieben Gottes

Wir wurden von verschiedenen Seiten gebeten, unser Manuskript (2009) über das Wesen bzw. Unwesen der katholischen Hierarchie noch einmal zugänglich zu machen, es ist gerade angesichts des Papstbesuches in Deutschland interessant und angesichts der bevorstehenden Versöhnung mit den politisch wie theologisch reaktionären Pius – Brüdern.
Das Manuskript wird hier in einer Form präsentiert, wie es für Hörfunkzwecke üblich ist; ich hoffe, dass die Lektüre dennoch leicht möglich ist, die Vielfalt der O Töne unterstreicht den Wert der Arbeit. copyright: christian modehn

Lebenszeichen WDR
Die Pyramide des lieben Gottes
Über die Macht und das System in der römischen Kirche

Von Christian Modehn

Ein Motto, am 19. Juni 2024 von C.M. notiert:

Die Pyramide ist immer das Bild, um Diktaturen zu beschreiben. Der Faschismus Italiens z.B. war als Pyramide konzipiert und organisiert, an der Spitze konzentrierten sich alle Gewalten. So ähnlich ist auch der Vatikan, die Leitung der katholischen Kirchem bis heute organisiert. Alles dreht sich um den – bis jetzt noch – allmächtigen Papst. (vgl. den Aufsatz „Antithese des Faschismus“, von Roberto Scarpinato, in „Lettre International“, Nr. 145, S. 7).

1. Spr.: Berichterstatter
2. Spr.: Zitator

32 O TÖNE

1.O TON, 010“, Pesch
Egal, wie man das Wort Hierarchie versteht: Herrschaft kann und darf es nicht bedeuten. Wenn es das tut, ist es Missverständnis und Missbrauch.

1. SPR.:
Otto Hermann Pesch, katholischer Theologe in München, plädiert für menschenfreundliche Strukturen in der römischen Kirche:

2. O TON, 0 14“, Pesch
Dass die Fakten oft anders sind, muss in diesem Sinne also dann als Defekt bezeichnet werden, als ein Missbrauch, der geändert werden muss.

1.SPR.:
„Ändern“ wollten Papst und Bischöfe ihren Umgang mit der Macht tatsächlich schon einmal: Vor fast 50 Jahren, beim Zweiten Vatikanischen Konzil, verpflichteten sich die „Oberhirten“, ihre Vorherrschaft zu begrenzen.

3. O TON, 0 21“, Pesch
Wenn sich eins im Vergleich zur Zeit vor dem Konzil bleibend im Bewusstsein der katholischen Gläubigen festgesetzt hat, dann ist es das Bewusstsein: Wir sind die Kirche. Und nicht wie früher: Wir haben an ihr Teil, während die Kirche die Hierarchie eben ist. Wir sind die Kirche!

1.SPR.:
Worte, auf die sich Kirchenreformer bis heute wie auf eine göttliche Utopie berufen. Unmittelbar nach dem Konzil wurden zahlreiche Landessynoden und Beratungen in den Bistümern veranstaltet. Dort versammelte sich das „Volk Gottes“ im Geist der Gleichheit und Brüderlichkeit. Den Weg der Kirche mitzubestimmen, sollte kein frommer Wunschtraum der Laien bleiben.

4. O TON, 0 15“, Pesch
Auf der anderen Seite fällt auf, dass man aus Furcht vor Demokratisierung der Kirche mit dem Volk-Gottes-Begriff in den lehramtlichen Äußerungen nach dem Konzil sehr zurückhaltend geworden ist.

1. SPR.:
Das Prädikat „zurückhaltend“ findet Otto Hermann Pesch dann doch zu beschönigend. Er entschließt sich, deutlicher zu werden:

5. O TON, 0 17“, Pesch
Manche sprechen ja regelrecht schon von einer Art roll back hinter das Konzil zurück., Man fürchtet, dass doch wieder daran gearbeitet wird, faktisch doch wieder die alten Überordnungs- und Unterordnungsverhältnisse, oder wenn sie wollen, Herrschaftsverhältnisse wiederherzustellen.

1. SPR.:
Die Hoffnungen auf eine möglichst herrschaftsfreie Kirche ließen sich nicht verwirklichen. Kritische Theologen wissen spätestens seit dem Regierungsantritt Benedikts des XVI: Papst und Bischöfe bevorzugen wieder verstärkt uralte Modelle geistlicher Herrschaft. Professor Otto Hermann Pesch:

6. O TON, 0 37“ , Pesch
Der Ausdruck Hierarchie für die kirchliche Ämterverfassung kommt zum ersten Mal auf im 5. und 6. Jahrhundert im Zusammenhang mit einem berühmten Buch eines Verfassers namens Dionysius vom Areopag. Und der hat ein Buch geschrieben über die himmlische Hierarchie, und das bedeutet die Abstufung, der Stufenweg, von Gott zur Schöpfung und der Stufenweg von Gott zu den Menschen. Und dieser Hierarchie, der himmlischen Hierarchie, muss auch die kirchliche Hierarchie entsprechen. Das heißt, auch da muss es dann auch die Abstufungen geben.

1. SPR.:
So gibt es also auch seit dem 4. Jahrhundert eine regierende Spitze und eine gehorsame Basis. Dieses Modell ist nicht von Weisungen des Evangeliums inspiriert, sondern vom Meisterdenker Platon aus dem 3. Jahrhundert vor Christus. Der Kopf als „Ort“ des Geistes sei wichtiger als der übrige Körper, meinte der griechische Philosoph, und so seien auch die führenden Häupter wichtiger als der Leib mit seinen niederen Organen. Diese untergeordneten Glieder sind für die geweihten Amtsinhaber „natürlich“ das Volk, die „Laien“. Das griechische Wort laikós (Betonung hinten!) bedeutet ja: Zum Volk gehörig. Auch mit dem Urbild des altägyptischen Sakralbaus, der Pyramide, konnte sich das Papsttum anfreunden: An der obersten Spitze thront mit Gott Vater, Sohn und Heiligem Geist der Papst, der Stellvertreter Christi auf Erden. Mit diesem eher unbescheidenen Denken hat sich der katholische Theologieprofessor Josef Imbach aus Basel befasst:

7. O TON, 0 46, Imbach
Faktisch wird das so gehandhabt, dass man von diesem pyramidalen Denken ausgehen muss. Aber theologisch hat dieses pyramidale Denken eigentlich keinen Rückhalt. Wenn wir auch die Konzilstexte in Betracht ziehen, letztes Konzil, und natürlich auch die Anfänge der Christenheit, dann stellen wir da schon ein anderes Denken fest. Wenn wir dann zurückschauen auf die frühe Christenheit, die haben schon gestritten, aber das Communio prinzip, das war natürlich maßgebend, das Gemeinschaftsprinzip, Austausch usw. Von daher ist das pyramidale Denken theologisch gar nicht haltbar.

1. SPR.:
Zeitgemäße theologische Kritik hat für viele Kirchenführer in Rom keine Bedeutung, meinen etliche Beobachter. Und mit dem Kirchenmodell des Neuen Testaments, der „brüderlichen Gemeinschaft“, wollten sie auch nicht so viel zu tun haben. Statt dessen bestimmten autoritärer Umgang, Kontrollen, Überprüfungen, Treue – Eide, Zensurbestimmungen das kirchliche Leben.
Nur ein Beispiel: Der Minoritenpater Josef Imbach, Professor an der Päpstlichen Fakultät San Bonaventura, wurde vom vatikanischen Machtapparat gemaßregelt: Auf Betreiben der römischen Glaubenskongregation unter Kardinal Joseph Ratzinger musste er im Jahr 2002 seinen Lehrstuhl aufgeben. Der Grund: Er hatte die Lehre über die von Gott gewirkten Wunder modern interpretieren wollen. Ein fairer Prozess nach demokratischen Grundsätzen wurde ihm wie so vielen anderen „verdächtigten“ Theologen nicht zugestanden. Inzwischen arbeitet der Katholik Josef Imbach an der Evangelisch-theologischen Fakultät der Universität Basel. Aber viel schwerwiegender als die eigenen Erfahrungen sei die Personalpolitik des Papstes, meint der angebliche Irrlehrer.

8. O TON, 0 24“, Imbach
Da werden Bischöfe ernannt von Rom. Welche Personen kommen da in Frage? Personen, die von vornherein sich die römische Denkart voll und ganz zu eigen gemacht haben. Dann ist es klar, dass dann der Weltepiskopat einheitliche Positionen von vornherein vertritt, eben aufgrund dieser Auswahlkriterien.

1. SPR.:
Die Stromlinienförmigkeit der „Oberhirten“ weltweit spiegelt sich auch in den Synoden wieder, das hat der frühere Leiter des Karmeliterordens, Pater Camillo Macisse, beobachtet und aufgeschrieben:

2. SPR. (bitte deutlich machen als Zitierung):
Sogar die Bischofssynoden in Rom werden von der Kurie des Papstes kontrolliert und in den Diskussionen und in ihren Ergebnissen genau überwacht. Einige Bischöfe haben die Heftigkeit der Kontrollmaßnahmen beklagt, die von Neokonservativen mit einer anachronistischen Theologie ausgeübt werden. Wer es wagt, diese Autoritäten zu kritisieren, wird bedroht, angeklagt, verurteilt.

1.SPR.:
Auch die gesamte theologische Lehre und Forschung steht unter der Kontrolle der Ortsbischöfe oder des Vatikans selbst. In Deutschland dürfen nur Theologen an eine katholische Fakultät berufen werden, die die offizielle Genehmigung, das nihil obstat der Kirche haben; eine Politik des Verdachts, die Joseph Ratzinger schon als Kardinal offiziell verteidigt hat:

9. O Ton mit Applaus 0 21“, Ratzinger
Deswegen verursachen wir manchmal mit dem nihil obstat Ärger, es zieht sich hin usw., aber ich nehme diesen Ärger auf mich. Weil ich glaube, es ist wichtig, dass wir eben Ärger eben einkaufen müssen. Beifall.

1. SPR.:
Fröhlichen Beifall für eine harte Linie spenden hier Mitglieder des ultra konservativen „Linzer Priesterkreises“. Ganz anders ist dem katholischen Theologen Josef Imbach zumute:

10. O TON, 0 28“, Imbach
Das ist der Tod der theologischen Forschung. Denn wer irgendwie eine akademische Laufbahn einschlagen möchte, wird sich natürlich von vornherein hüten müssen, irgendwelche heißen Eisen auch nur anzurühren. Und so wird auch hier langfristig eben dirigiert. Und das ist natürlich katastrophal für die theologische Forschung. Es ist nicht so, dass alles gesagt wurde, was hätte gesagt werden sollen. Es ist so, dass sich niemand zu sagen traut, was zu sagen ist.

1.SPR.:
Theologen an katholischen Fakultäten wagen es nicht mehr, für das Priestertum der Frauen einzutreten. Ihnen kommt es nicht mehr in den Sinn, die buddhistische Meditation als einen Weg zur Erlösung offiziell anzuerkennen. Und sie haben den Mut verloren, z.B. eine authentisch –afrikanische Liturgie zu entwickeln…Über den Umgang mit den Theologen hat der amerikanische Dominikanerpater Matthew Fox dem Papst geschrieben:

2. SPR.
Ihre Behandlung von Gelehrten ist Bücherverbrennung faschistischer Regime nicht unähnlich. Auch Ihre Entscheidung, autoritäre Persönlichkeiten zu belohnen ist problematisch. Denn diese sind oft krank, gewalttätig, sexuell besessen.

1.SPR.:
Matthew Fox, der radikale Kritiker, wurde aus seinem Orden ausgeschlossen. Eine Diskussion führte der Vatikan nicht mit ihm. Im offiziellen Katechismus der Katholischen Kirche von 1993 wird die Herrschaft von Papst und Bischöfen bezeichnenderweise als „heilige Gewalt“ beschrieben. Rom setzt seine Linie mit allen Mitteln durch, zum Beispiel wenn Bischofskonferenzen einmal eigene Reformvorschläge veröffentlichen wollen. Als vor zwei Jahren im brasilianischen Aparecida (sprich: Appareßida mit Betonung auf dem i!) Bischöfe aus ganz Lateinamerika behutsam die Basisgemeinden unter Führung von Laien fördern wollten, korrigierte der Vatikan vor der Veröffentlichung kurzerhand das Papier. Der katholische Theologe und Lateinamerika Experte Gerhard Kruip hat diesen Vorgang unmittelbar beobachtet, wie ein progressives Reformpapier „gesäubert“ wurde:

11. O TON, 0 40“ Kruip
Die Änderungen sind erfolgt aus einem großen Misstrauen heraus gegenüber kritischen Kräften innerhalb der katholischen Kirche. Die Änderungen sind geprägt von einer Haltung der Ängstlichkeit. Man betont immer wieder den hierarchischen Aspekt der Kirche! Man betont immer wieder die Kontrolle, die die Bischöfe ausüben müssen über ihre Ortskirchen, man ist insgesamt skeptisch gegenüber allem, was ein Neuaufbruch sein könnte. Wenn es vorher hieß, die Basisgemeinden sind ein Zeichen der Vitalität der lateinamerikanischen Kirche: Dann ist das nachher unter die Bedingung gestellt worden, dass die Basisgemeinden treu zur katholischen Lehre und zum jeweiligen Ortsbischof stehen.

1. SPR.:
Pfarrer sind die Stellvertreter der Bischöfe in den Gemeinden und damit ebenfalls Glieder der Hierarchie. Weil aber der Mangel an Priestern auch in Europa immer größer wird, haben viele tausend Gemeinden keinen eigenen Pfarrer mehr. Aber anstatt kompetente Laien, Frauen und Männer, mit der Leitung der Gemeinden zu beauftragen, werden die wenigen verbliebenen Priester mit immer mehr Aufgaben belastet, berichtet der Baseler Theologe Xaver Pfister:

12. O TON, 0 30“ Pfister
…wobei bei uns jetzt Pfarreien zusammengelegt werden! Da muss immer ein leitender Priester dabei sein. Wenn ein Regionaldekan in 17 Pfarreien die Pfarreiverantwortung hat, dann ist dem Buchstaben Genüge getan, aber dem Leben überhaupt nicht. In dieser Zeit ist ganz klar die Tendenz, dass der Bischof Kirche repräsentiert und jede Pfarrei vom Bischof her ihre Form hat und nicht eine Vielfalt hat.

1. SPR.:
Diese Entwicklung ist in ganz Europa und auch in Amerika zu beobachten. Den autoritären Führungsstil der Kirchenführung erleben Betroffene als heftigen Widerspruch zur Kultur ihrer Länder:

13. O TON, 0 29“, Pfister
Man hat keine Mühe damit, dass etwas entschieden wird, wenn das einmal einsichtig ist. Aber man möchte eigentlich eine Einsicht haben und ernst genommen sein als Mensch, der handelt, weil er etwas einsieht. Und der nicht handeln muss, weil es ihm etwas aufoktroyiert ist oder befohlen ist. Das ist sicher ein sehr wichtiger Aspekt, dass man demokratisch verhandeln kann und aushandeln kann, dass das so gehandhabt wird.

1. SPR,;
Xaver Pfister sagt, er habe unter den so wenig demokratischen Maßnahmen der kirchlichen Hierarchie über viele Jahre schwer gelitten. Als langjähriger Leiter der Pressearbeit im Bistum Basel ist er schließlich an Depressionen erkrankt, darüber hat er später ein Buch geschrieben. Wie er freimütig bekennt, hat ihn auch das Erleben kirchen-amtlicher Autorität psychisch geschädigt.

14. O TON, Pfister, 0 32“
Ich hatte da zu wenig Rollendistanz gehabt, und ich hab mich von meinem Naturell her ganz reingegeben, und immer wieder was Neues probiert und noch mal probiert. Da kommt mal an eine Grenze. Es fehlt auch die nüchterne Bilanz: Was ist der Spielraum, was ist möglich, was ist erwartbar. Aber es gibt eine Grenze. Und jetzt beschränke ich mich darauf meine Überzeugung zu sagen.

1. SPR.:
Der stille Rückzug der Reformer stört die meisten „Hierarchen“ wenig. Gemeint sind mit dem Wort Machthaber in der Kirche, geweihte Männer, die die Herrschaft des Klerus über die Laien verteidigen. Wer noch katholisch sein will, soll gehorsam sein und dem „Mitarbeiter der Wahrheit“ Folge leisten! Diesen anspruchsvollen Wahlspruch hatte sich Joseph Ratzinger als Kardinal in München ausgesucht: An seinem Motto „Mitarbeiter der Wahrheit“ hält er auch als Papst unbeirrt fest, meint der katholische Theologe Herman Häring aus Tübingen.

15. O TON, 0 40“, Häring
Nach meinem Wissen gibt es keinen Fall, also keinen Kollegen, keine Kollegin, kein betroffenes Kirchenmitglied, das vorher Sanktionen erfahren hat und bei dem, bei der er sich mal entschuldigt hätte oder was revidiert hätte. Es wurde auch nichts zurück genommen. Für ihn war katholischer Glaube von Anfang an ein autoritätsgebundener Glaube. Mich hat er immer erinnert an ein Kirchenlied, das wir als Kinder gesungen haben: Fest soll mein Taufbund immer stehen, ist der erste Vers, und der zweite: Ich will die Kirche hören. Nicht: ich will die Bibel oder Christus, sondern die Kirche. Und das war für ihn dann schon immer der Rahmen.

1. SPR.:
Schon als Kardinal ermunterte Joseph Ratzinger besonders „rom-treue“ Theologiestudenten, ihre möglicherweise häretischen Theologieprofessoren aufzuspüren und zu benennen. Von „Spitzeln“ wollte er bei einem Vortrag im Jahr 1990 doch lieber nicht sprechen.

16. O TON, 0 34“, Ratzinger
Mir scheint, dass also ein erster Punkt der ist, dass solche Theologiestudenten in aller Offenheit dies dem Bischof offenbaren in einer Weise, die ihm auch verständlich macht, dass es hier nicht um Denunziation oder irgendetwas geht, sondern wirklich um die Not des Gewissens und um die Verpflichtung des Glaubens, den Dienst der Kirche und die Verkündigung ihres Glaubens rein zu halten.

1.SPR.:
Der „reine Glaube“ wird als ein wertvoller Schatz gedeutet, als „Glaubensdepositum“, wie man in Rom sagt, als ein dogmatisches System, das es zu hüten und pflegen gilt: Der katholische Theologe Hermann Häring:

17. O TON, 0 15“ , Häring
Für ihn ist der Glaube halt von Anfang an sozusagen das Glaubensdepositum gewesen. Man denkt automatisch an Fort Knox, mit Goldbarren, die drin liegen, und da ist alles, und das muss unberührt bleiben, und da kann man mal was abrufen.

1. SPR.:
Was einmal als Dogma formuliert wurde, behält nach amtlicher Lehre ewige Gültigkeit. Revisionen und Korrekturen sind unerwünscht. Eines von vielen Beispielen ist die Erbsündenlehre aus dem 4. Jahrhundert, der zufolge alle Menschen mit der Geburt als Sünder definiert werden, für den Philosophen Herbert Schnädelbach ein eher abstoßender Gedanke:

18. O TON, 0 34“, Schnädelbach
Das geht ja vollkommen gegen den Augenschein. Also, wir haben das Glück, drei sehr niedliche Enkel zu haben Und wenn ich mir jetzt vorstelle und gucke mir die an und sehe wie die aufwachsen. Und dann zu sagen: So sind das sind geborene Sünder und die müssen erst mal getauft werden. Das ist ja eine Geschichte, die hat die Menschen Jahrhunderte tyrannisiert. Da wurden Halb- und Totgeborene noch schnell getauft, dann gab es diese Lehre von der Vorhölle für die ungetauften Kinder alle sind. In dieser ganzen Debatte wird ja klar gemacht, sie sind unfähig zum Guten. Und das ist ja etwas, wo gegen man sich auflehnen kann.

1.SPR.:
Denn ohne Taufe, also ohne die entscheidende Mitwirkung der Kirche, bleibt jeder Mensch ein unwürdiger Sünder… Zwar lehnen sich auch Theologen gegen diese Lehre und andere Dogmen auf. Sie ganz abzuschaffen, dürfen sich Theologen nicht erlauben. Selbst bei vorsichtigen Interpretationen uralter Traditionen stoßen sie in Rom keineswegs auf offene Ohren, meint Otto Hermann Pesch:

19. O TON, 028“
Wenn da eine offenere Gesprächsatmosphäre wäre, auch mit dem Risiko, dass man einen Konfliktfall im Moment nicht beilegen kann, sondern darauf vertraut, dass in der öffentlichen Disputation innerhalb der Kirche sich dann die Wahrheit herausstellt, wenn solches Vertrauen mal wachsen und ein Papst auch mal sagen würde: Habt keine Angst vor dem streit in der Kirche bei einer so wichtigen Sache wie den Dingen, die christliche Glaube vertritt, ist doch natürlich, dass man darüber sich streitet, wie das richtig zu verstehen ist. Habt keine Angst, wenn es solchen Streit gibt, als ob dann der Untergang der Kirche bevorstünde, wenn so etwas mal von päpstlicher Seite aus gesagt würde, das würde Mut machen.

1.SPR.:
Aber das bleibt ein frommer Wunsch. Die meisten Oberhirten halten sich lieber an die Gruppen und Zirkel treu ergebener Schäfchen. Hubert Gindert vom sehr konservativen „Forum deutscher Katholiken“ hat diese Vorliebe Roms mit Kardinal Ratzinger besprechen können:

20. O TON, 0 14“
Er hat sich einmal geäußert, ihm kommt es nicht auf die große Zahl an. Nein, ihm kommt es drauf an: Gibt es innerhalb der Volkskirche, gibt es also hier missionarische Bewegungen, missionarische Zellen.

1. SPR.:
Die Kirche als kleine Herde der hundertprozentig treuen Seelen: das ist das Kirchenbild heutiger Hierarchen. Kritische Beobachter fürchten, die römische Kirche könnte sich bald dem intellektuellen Niveau einer großen Sekte nähern. Der Baseler katholische Theologe Xaver Pfister hat diese Mentalität der Behüter und Bewahrer genau beobachtet:

21. O TON 0 14“
Wir müssen die sammeln, die noch übrig sind. Und die sollen zusammenbleiben und die sollen eine Heimat finden. Und in dieser Einseitigkeit, denke ich, ist das wirklich der Selbstvollzug des Endes.

1. SPR.:
Aber selbst vom Schwund an Gläubigen lassen sich Bischöfe wie der Kölner Kardinal Joachim Meisner nicht irritieren. Sie sind eher stolz darauf, dass noch einige Kreise der offiziellen Lehre treu ergeben sind und dies auch lautstark bekennen, wie Pater Klaus Einsle vom Orden der Legionäre Christi:

22. O TON, 0 30“ Einsle
Wir wissen, dass Christus die Kirche gegründet hat mit einer bestimmten Struktur, einer bestimmten Hierarchie und diese Hierarchie ihre Funktion hat. Und in dem Sinn haben wir ein ganz krampfloses Verhältnis und positives Verhältnis zum Papst, den Christus bewusst eingesetzt hat. Die Kirche ist für uns das Lehramt und die Bischöfe, die in Einheit mit dem Lehramt sind. Da würde ich sagen, dass unsere Denkart sehr die des Lehramtes ist.

1. SPR.:
Wie das Lehramt denken und alle Glaubenssätze möglichst unverändert bewahren: Darin sieht auch die weltweite Gemeinschaft der konservativen Neokatechumenalen Gemeinschaften ihre Aufgabe, betont der Missionar Bruno Caldera:

23. O TON, 0 14“ Caldera
„Unsere Theologie ist das Katechismus der katholischen Kirche. Gott ist derjenige ist, der uns lehrt. der jenige, der uns lehrt, der uns die Antwort gibt. Ich bin der Meinung, dass Gott da ist, um uns Antworten zu geben“.

1. SPR.:
In den Kreisen der neuen geistlichen Gemeinschaften, also der Neokatechumenalen und Legionäre, der Charismatiker und Opus Dei Mitglieder, fühlten sich konservative Amtsträger sehr wohl, betont der katholische Theologe Pfarrer Ferdinand Kerstiens aus Marl. Er hat sich als Mitglied im „Freckenhorster Kreis“, einem Forum von Kirchenreformern, mit diesen „Bewegungen“ auseinander gesetzt.

24. O TON, 0 17″ Kerstiens
Solche Gruppierungen sind immer bei der Hierarchie beliebt, weil sie keine Schwierigkeiten machen, weil sie keine kirchlichen Strukturen in Frage stellen, weil sie keine kirchlichen Gesetze in Frage stellen, weil Sachen wie Zölibat und Priestertum der Frau und solche Fragen bei ihnen nicht diskutiert werden.

1. SPR.:
Angesichts der machtvollen Hierarchie ist die römische Kirche heute gespalten: Selbstbewusste, kritische Gläubige sehnen sich noch immer nach dem geschwisterlichen „Volk Gottes“. Ihnen steht die einflussreiche Gruppe derer gegenüber, die den Ruhm des Papsttums und der Hierarchie wie ein Glaubensbekenntnis verstehen:

25. O TON, 0 22“, Meisner
Der Petrus von heute heißt Benedikt XVI. Sein Verkündigungsdienst ist heilsnotwendig für Kirche und Welt. Mit hoher Authentizität verkündet der Papst die rettende Kraft des Evangeliums, um dann einen überzeugenden Weg zum Heil aufzuweisen.

1. SPR.:
Kardinal Joachim Meisner bei einer Messe zu Ehren des Papstes in der Berliner Sankt Hedwig – Kathedrale im April 2007:

26. O TON, 0 33“. Meisner
Papst Benedikt XVI ist es gegeben, die den Menschen heil machende Botschaft des Evangeliums in ihrer Schönheit, in ihrer Faszination und Harmonie aufzuzeigen, so dass man ihn Mozart unter den Theologen nennt.
Seine Worte klingen wie Musik in den Ohren und Herzen des Menschen. Ihm gelingt es wirklich meisterhaft, die Noten des Evangeliums in hinreißende Musik umzusetzen.

1. SPR.:
Diese „hinreißende Musik“ päpstlicher Stellungnahmen enthält aber auch kritische Töne, zum Beispiel den Vorwurf: In den Staaten der westlichen Welt herrsche „der Relativismus“.

27. O TON, 0 24“, Meisner
Als Diktatur des Relativismus bezeichnet der Papst das Grundübel unserer westlichen Gesellschaften, für die es keine oberste und unveräußerlichen Wahrheit und Werte mehr gibt, für sie ist alles gleichgültig, was die Menschen dann gegenüber der Frage nach gut und böse gleichgültig macht.

1. SPR.:
Relativismus bedeutet für die modernen demokratischen Gesellschaften das Ringen verschiedener, aber gleichberechtigter Positionen um die Wahrheit. Niemand „hat“ die Wahrheit, alle suchen sie. Relativismus und Demokratie sind untrennbar! Die Frage drängt sich auf: Ist die Zurückweisung des Relativismus durch den Papst zugleich eine Zurückweisung der Demokratie? Ein Jahr vor seiner Wahl zum Papst hat Kardinal Ratzinger mit dem damaligen italienischen Senatspräsidenten Marcello Pena über den Relativismus in den westlichen Gesellschaften diskutiert, dabei nannte er ein typisches Beispiel:

2. SPR.:(Zitat Ratzinger)
Dass Homosexualität, wie die Katholische Kirche lehrt, eine objektive Ordnungsstörung im Aufbau der menschlichen Existenz bedeutet, wird man bald nicht mehr sagen dürfen.

1. SPR.:
Ein wenig irritierend ist die Aussage Kardinal Ratzingers! Könnte denn für die Kirche eine Zeit kommen, in der eine freie kirchliche Stellungnahme nicht mehr möglich sei? Befürchtete der damalige Kardinal Ratzinger etwa eine „Diktatur“ der Demokraten? Eine Angst, die er übrigens mit vielen muslimischen Machthabern gemeinsam hat, wie kürzlich der Publizist Alan Posener zeigte, in seinem Buch „Benedikts Kreuzzug. Der Angriff des Vatikan auf die moderne Gesellschaft.“

2. SPR.:
Der Vatikan ist sich mit fundamentalistischen islamischen Staaten immer einig, wenn sie sich gemeinsam gegen kritische, angeblich blasphemische Karikaturen wehren. In diesen Fällen treten sie gemeinsam für die Einschränkung der freien Meinungsäußerung ein.

1. SPR.:
Die Entwicklung solcher Denkmodelle findet der protestantische Theologieprofessor Friedrich Wilhelm Graf aus München alles andere als erstaunlich:

28. O TON, 0 37“, Graf
Es gibt keine römisch-katholische Demokratie-Theorie, in der nicht die Zustimmung zur Demokratie von Vorbehalten abhängig gemacht worden ist. Es heißt immer: die wahre Demokratie, die rechte Demokratie, nie die Demokratie als solche. Und die eigentliche Demokratie ist die Demokratie, die sich den sittlichen Einsichten, den moralischen Vorschriften des Lehramtes öffnet. Es ist jedenfalls nicht eine parlamentarische, pluralistische Parteiendemokratie, in der die Kirche in ihren Mitbestimmungsansprüchen an den Rand gerückt wird.

1. SPR.:
Die römische Kirche kann zwar nicht mehr die Gesetze der Staaten bestimmen. Aber sie kann in der Gesellschaft versuchen, ihre traditionellen Moralvorstellungen durchzusetzen, etwa zu Fragen der Schwangerschaft. Die katholische Ethik gilt den Konservativen innerhalb der Hierarchie als die letzte Bastion, die es unbedingt zu verteidigen gilt. Der Theologe Friedrich Wilhelm Graf:

29. O TON, 0 40“. Graf.
Man kann sagen, dass die Römisch-Katholische Kirche seit 200 Jahren den Prozess der Modernisierung darin kritisch begleitet, dass sie sich als eine Gegeninstitution etabliert. Deshalb hat sie die Autorität des Papstes zunehmend verstärkt im 19. Jahrhundert, deshalb hat sie immer stärker auf römischen Zentralismus gesetzt. Was wir jetzt erleben ist im Grunde genommen eine innerlich stimmige, konsequente Kirchenpolitik: Je mehr religiösen Pluralismus es gibt, desto konsequenter stellt die Römisch katholische Kirche ihre spezifischen Merkmale in den Raum. Hier RAUS GEHEN

1. SPR.:
Hingegen meint der katholische Theologe Hermann Häring, Relativismus und Katholizismus seien durchaus zu versöhnen:

30. O TON, 1 03“. Häring
Ich bin Relativist, weil ich weiß, ich hab nicht die ganze Wahrheit. Und nicht, weil ich die andere Meinung als Bedrohung, sondern als Ergänzung, als Erweiterung, als eine andere Perspektivierung meiner eigenen erfahre. Deshalb verstehe ich nicht, dass manche Leute Relativismus so schlimm finden. Jeder, der die Wahrheit in einer Organisation sieht, der kann keine Abweichung dulden, für den ist die Wahrheit in der Sprachregelung. Das verstehe ich wohl. Aber das Problem, dass man eben meint, diese Organisation sei die Wahrheit. Ich halte bei Gott viel von der katholischen Kirche oder von den christlichen Kirchen, aber sie sind nicht die Wahrheit, sondern sie haben sie weiter zu tragen. Es gibt ein rabbinischen Spruch, der sagt: Ein Schriftwort, das nicht 99 Auslegungen zulässt, hat die Wahrheit Gottes nicht.

1. SPR.:
Aber von jüdischer Weisheit lässt sich der Vatikan nicht so häufig inspirieren: Vielfalt der Meinungen zuzulassen, könnte ja bedeuten, den demokratischen Staat nachzuahmen und demokratische Prinzipien für die Kirche selbst anzuerkennen. Tatsächlich gleicht der Vatikan eher einem spätantiken Feudalstaat. Dort vereinte der eine Herrscher alle Gewalten in seiner Person. Der Vatikan glaubt, diese Rolle habe der Papst von Anbeginn gehabt. Aber gibt es wirklich eine ungebrochene Linie vom ersten Papst, dem Fischer Petrus vom See Genezareth, hin zu Benedikt XVI. in seinem Palast? Der katholische Theologe Otto Hermann Pesch warnt vor einer allzu weitgehenden Interpretation:

31. O TON, 0 30“. Pesch
Wie kommt es dann, dass die Nachfolger des Petrus bis hin zu Clemens absolut legendarische Figuren sind. Auf festem Boden einer römischen Gemeinde mit ganz bestimmter Leitungsstruktur sind wir wieder erst mit dem ersten Clemens, der nach Corinth schreibt, aber nicht mit Weisungsbefugnis, sondern mit Ermahnung. Dieser Clemens ist nun mitnichten Papst Clemens der Erste, sondern Mitglied des römischen Presbyteriums.

1. SPR.:
Der Papst als der erste unter vielen anderen Bischöfen inmitten vieler Gemeinden: Ist diese frühchristliche Tradition wirklich nicht mehr gültig? Könnte sich der Stellvertreter Christi auf Erden nicht daran orientieren, fragt Otto Herman Pesch:

32. O TON, 0 43“.
Er sollte sein Amt verstehen und auch ausüben, wie es allein vom Neuen Testament her begründet werden kann, nämlich als Petrusdienst. Man sagt heute schon mal ganz gerne Petrusdienst und meint das Petrusamt, das ist aber in der Form dann etwas eine Schönfärberei. Petrusamt heißt Vollmacht des Papstes in jede einzelne Diözese hineinregieren zu können, nach gutem Ermessen, um nicht zu sagen nach Gutdünken. Petrusdienst heißt, dass der Papst als Bischof von Rom und eben Haupt des Bischofskollegiums einen Dienst tut, da, wo er helfen muss und helfen kann.

1. SPR.:
Der Papst als bescheidener Helfer, als Ratgeber, als Freund und Begleiter: Das ist keine Utopie, sondern biblischer Auftrag. Ein Zitat aus dem Markus Evangelium:

2. SPR.:
„Wer bei euch groß sein will, der sei der Diener aller“.

1. SPR.:
Joseph Ratzinger hat bei einem Vortrag im österreichischen Aigen vor 15 Jahren einmal angedeutet, dass es den Amtsträgern nicht in erster Linie auf Macht und Einfluss ankommen sollte:

33. O TON, 0 43“ Ratzinger,
Auch in der Kirche ist nicht das entscheidende, welche Funktion einer einnimmt. Sondern das Höchste, was wir erreichen können, ist nicht, dass man Kardinal wird oder ich weiß nicht sonst etwas wird, sondern das Höchste, was wir erreichen können, ist, dass wir Gott nahe und ihm ähnlich werden, dass wir heilig werden. Und wenn ein Bischof oder Kardinal es nicht wird, dann nützt ihm seine ganze Würde nichts, dann ist er wirklich eben bei den geringsten im Reich Gottes, wo wir immer noch hoffen, dass er wenigstens noch drinnen ist. Lachen und Beifall.

1. SPR.:
Kritische Äußerungen zum Umgang mit päpstlicher Macht hat man von Joseph Ratzinger als Papst Benedikt XVI. nicht gehört. Darum sind sich viele kritische katholische Theologen in aller Welt einig: Das vom Vatikan geförderte System kann nur zu einer in sich geschlossenen Herrschaftselite führen, zu Abwehr, Ausgrenzung und neurotischem Freund – Feind – Denken. Trotzdem: Mit dieser Vorherrschaft maßgeblicher kirchenamtlicher Kreise wollen sich Kirchenreformer nicht abfinden, falls ihnen nicht zuvor die so viel beschworene „Freude am Glauben“, also die positive Zustimmung, katholisch zu sein, verloren geht. Pater Josef Imbach:

34. O TON, 0 32“, Imbach
Wie können wir eigentlich froh unseren Glauben leben, wenn es in unserer Kirche so unfroh zu- und hergeht? Der französische Schriftsteller Paul Claudel hat einmal gesagt: Dort, wo die meiste Wahrheit ist, ist auch die meiste Freude. Ja, wenn sie sich dann so umschauen innerhalb unserer Kirche, dann muss ich mich ja fragen, wie viel Wahrheit ist eigentlich in unserer Kirche, in meiner Kirche?

………………………………………………………………….
LITERATUR:
Graf, Friedrich-Wilhelm: Missbrauchte Götter. Zum Menschenbilderstreit in der Moderne. C. H. Beck, München 2009, ISBN 978-3-406-58478-7

Graf, Friedrich-Wilhelm: Die Wiederkehr der Götter. Religion in der modernen Kultur. C. H. Beck, München 2004, ISBN 3-406-51750-1

Häring, Hermann: Im Namen des Herrn. Wohin der Papst die Kirche führt. Gütersloher Verlagshaus. 2009, 192 Seiten.

Imbach, Josef: „Der Glaube an die Macht und die Macht des Glaubens.
Woran die Kirche heute krankt“. 248 Seiten, Patmos Verlag Düsseldorf, 2.
Aufl., 2005,

Modehn, Christian: „Alles, was rechts ist.. Politisch theologische Optionen Joseph Ratzingers“, S 143 – 162. in: Sommer, Norbert. und Seiterich, Thomas (Hg.): Rolle rückwärts mit Benedikt. Wie ein Papst die Zukunft der Kirche verbaut. Publik – Forum- Edition, Oberursel, 2009, 222 Seiten.

Pesch, Otto-Hermann: Katholische Dogmatik aus ökumenischer Erfahrung, Bd. 1/1: Die Geschichte der Menschen mit Gott, Ostfildern 2008

Posener, Alan: „Benedikts Kreuzzug. Der Kampf des Vatikans gegen die moderne Gesellschaft“ (Ullstein 2009)

Sommer, Norbert und Seiterich, Thomas (Hg.): Rolle rückwärts mit Benedikt. Wie ein Papst die Zukunft der Kirche verbaut. Publik – Forum- Edition, Oberursel, 2009, 222 Seiten.

Heiliger Stuhl, Vatikanstaat, Papst: Was Sie schon immer wissen wollten…

Was Sie schon immer vom “Heiligen Stuhl” wissen wollten…
Eine Neufassung des Beitrags vom 21. Juli 2011.
Immer wieder erreichen uns Fragen, auch anlässlich des Papstbesuches in Deutschland, die wir gern weitergeben …mit einer knappen Antwort vor allem aus Originaldokumenten. Wir verstehen unsere Hinweise lediglich als Beitrag zu einer Philosophie der Aufklärung.

– Ist der Papst Staatschef des Vatikanstaates?
Antwort:
Eigentlich nicht. Denn der Papst repräsentiert als Person den Heiligen Stuhl. Der „Heilige Stuhl“, auch „apostolischer Stuhl“ genannt, bezeichnet den Sitz (Stuhl, „cathedra“, von daher „Kathedrale“) des römischen Bischofs.
Seit Papst Damasus I. (366- 384) verbreiten römische Bischöfe die Idee, nur (!) der Bischof von Rom habe den Anspruch, sich „Heiliger Stuhl“ zu nennen. Unter Papst Siricius (384) setzt sich der Titel „Papa“ (Papst) als Monopol – Begriff für den römischen Bischof durch. Unter Papst Leo I. ( 440-461) wird der Titel „vicarius Christi“, also „Erbe aller Vollmachten Christi“, auf das Papstamt bezogen, Unter Leo I. wird das Papstamt gleichwertig neben das römische Kaisertum gestellt.
Die politischen Machtansprüche des Heiligen Stuhls wachsen: Im 8. Jahrhundert wird das zweifelsfrei gefälschte Dokument verbreitet, die sogen. „Konstantinische Schenkung“, wonach Kaiser Konstantin dem Papst Silvester I. ( 314 – 335) als dem Heiligen Stuhl den absoluten Anspruch auf weltliche Macht“ übergeben hätte, (so der katholische Theologie Professor Josef Imbach in seinem empfehlenswerten seinem Buch „Der Glaube an die Macht und die Macht des Glaubens, Düsseldorf 2005, Seite 107).
Wer an der Echtheit dieses „ominösen Schriebs zweifelte“, so Josef Imbach, wie ein gewisser Johannes Drändorf in Heidelberg, der wurde 1425 noch, als Ketzter (!) verbrannt. Heute sprechen Historiker nur von der „Konstantinischen Fälschung“.
Die Macht des Heiligen Stuhls beruht also auf höchst zweifelhaften Dokumenten und man distranziert sich zumindest nicht offiziell bis heute nicht von diesen merkwürdigen Traditionen.
Denn weiter ging der Ausbau der politischen Macht des „Heiligen Stuhls“, also des Papstamtes, in der sogen. Pippinischen Schenkung“ (754- 756), wonach der zuvor vom Papst zum König gekrönte Pippin dem Papst nicht nur Rom, sondern weite Teile Mittelitaliens – nach der Verdrängung der Langobarden) – „schenkt“. Somit ist der heilige Stuhl auch politischer Herrscher (Vatikanstaat).

In dieser Doppelfunktion handelt der Papst bis heute. Am wichtigsten ist ihm, als Inhaber des Heiligen Stuhls“ zu gelten, als solcher IST der Papst „Völkerrechts – Subjekt“. Dies ist eine einmalige völkerrechtliche Erscheinung. Der Heilige Stuhl (der Papst) ist die höchste Institution der katholischen Kirche, er steht über allen Bischöfen und Konzilien. Man kann seine Macht absolut nennen, von niemandem kontrolliert.
Das Papsttum will aber seine Souveränität auch politisch international sichtbar und wirksam machen, eben durch einen Staat, dies ist heute der heute winzige Vatikanstaat, der mit den Lateranverträgen (mit Benito Mussolini) am 11. 2. 1929 geschaffen wurde.
Der Heilige Stuhl ist also mehr als der faktische Vatikanstaat, er geht nicht in diesem Staat auf. Entscheidend ist, dass der Heilige Stuhl auch heute mit aller Machtfülle ausgestattet sein will. Darum ist er Mitglied in zahlreichen Internationalen Organisationen.
Die Menschenrechtserklärung des Europarats hat er nicht unterzeichnet.

– Sind die „Nuntiaturen“ diplomatische Vertretungen des Vatikanstaates?
Antwort:
Trotz einer immer wiederkehrenden Behauptung auch in journalistischen Kreisen heißt die Antwort: Nein. Die päpstlichen Nuntien sind diplomatische Vertretungen des Heiligen Stuhls. D.h. Der Papst als die höchste Institution der katholischen Kirche meint Botschafter in möglichst allen Ländern, zur Zeit 174, zu brauchen, um das Wohl „der“ Kirche zu sichern, auf die Staaten und Gesellschaften einwirken zu können, möglichst auch durch Konkordate. Diese Nuntien üben auch Kontrollfunktion aus über die Kirche ihres jeweiligen Landes und melden „Missbräuche“ dem Papst und seiner Administration. Man könnte Nuntius also auch mit „Kontrolleur“ und „Geheimdienst“ übersetzen. Innerhalb des diplomatischen Corps hat der Nuntius immer eine Vorrangstellung.

– Welche Regierungsform besteht im Vatikanstaat?
Antwort:
Die klare Antwort gibt der Katechismus selbst:
„Die Regierungsform ist die absolute Monarchie. Staatsoberhaupt ist der Papst, der die absolute gesetzgebende, ausführende und richterliche Gewalt inne hat“.
Gewaltenteilung gibt es also nicht.
Quelle: http://www.vaticanstate.va/DE/Staat_und_Regierung/Geschichte/Die_Vatikanstadt_heute.htm

– Will der Papst auf die Politiker Einfluss nehmen?
Antwort:
Wieder gibt der Katechismus eine klare Antwort: „Einzig die göttlich geoffenbarte Religion (also das Christentum und dort die katholische Kirche unter päpstlicher Leitung, CM) hat in Gott, dem Schöpfer und Erlöser, klar den Ursprung und das Ziel des Menschen erkannt. Die Kirche lädt die politischen Verantwortungsträger ein, sich in ihren Urteilen und Entscheidungen nach dieser geoffenbarten Wahrheit über Gott und den Menschen zu richten“. Quelle: Katechismus der Katholischen Kirche, 1993, Nr. 2244.
Man lese parallel das mittelalterliche „dictatus Papae“ von Papst Gregor VII. (1073 – 1085), dort steht der ähnlich klingende Satz: „Der Papst darf von niemandem gerichtet werden“. (Nr 19 des Dictatus).

– Spielt diese Lehre von der politischen Führung des Heiligen Stuhls heute noch eine Rolle?
Antwort:
Selbstverständlich, nur ein Beispiel für viele andere: .
Man lese eine Stellungnahme von Erzbischof Rino Fisichella, (am 30. Juni 2010 ernannte ihn Papst Benedikt XVI. zum Präsidenten des neu errichteten Päpstlichen Rates zur Förderung der Neuevangelisierung). „Aufgrund seiner demokratischen Verfassung muss der Staat die Auseinandersetzung mit der Kirche nicht nur akzeptieren, sondern er muss etwaige Einmischungen der Kirche auch aufgreifen und erst in einem zweiten Moment zu temperieren wissen…. Die Kirche hingegen, die sich auf Prinzipien beruft, die einen höheren als den menschlichen Ursprung haben (sic), könnte niemals eine irgendwie geartete Einmischung des Staates in ihre Inhalte akzeptieren“.
Quelle. R. Fisichella, Identita dissolta, zit in C. Augias, Die Gehimnisse des Vatikan, 2011, S. 443.)

– Ist der Papst tatsächlich die letztlich alles entscheidende Person im Katholizismus?
Die Antwort bezieht sich auf eine wortwörtliche Interpretation des Neuen Testaments: „Der Herr (also Jesus Christus, CM) hat einzig (!) Simon, dem er den Namen Petrus gab, zum Felsen seiner Kirche gemacht“.
Quelle: Katechismus der katholischen Kirche: (Nr. 881) ….
„Der Römische Bischof (also der Papst, CM) hat kraft seines Amtes, nämlich des Stellvertreters Christi und des Hirten der ganzen Kirche, die volle, höchste und allgemeine Vollmacht über die Kirche, die er immer frei ausüben kann“ .
Quelle: Das Dokument Lumen Gentium vom 2. Vatikanischen Konzil, im Katechismus zitiert als unter Nr. 882).

– Sind die beiden „Rollen“ des Papstes als geistliches Oberhaupt UND als politisch agierender Chef des Heiligen Stuhl bzw. auch eines Staates klar getrennt?
Antwort:
Nein. „Wenn der Papst das Wort ergreift, ist es fast nie ganz eindeutig, ob er dies als Oberhaupt einer großen Religion oder als Oberhaupt eines souveränen Staates tut, als Monarch, der in seiner Person alle Gewalten,vereint“.
Quelle: C. Augias, Die Geheimnisse des Vatikan, München 2011, S. 8.

– Wie wird im Römischen / päpstlichen Katechismus der Begriff Demokratie behandelt?
Antwort:
Der Begriff Demokratie kommt im Römischen Katechismus nicht vor!
Lediglich Anklänge an das, was die moderne Demokratie meint, gibt es im § 1901. Dort heißt es: „Während die Autorität als solche auf eine von Gott vorgebildete Ordnung verweist (damit wird auf „die“ menschliche Natur verwiesen, CM), muss die Bestimmung der Regierungsform und die Auswahl der Regierenden dem freien Willen der Staatsbürger überlassen bleiben“.
Interessant ist, dass der Katechismus ausdrücklich dann auch „unterschiedliche Regierungsformen als sittlich zulässig beurteilt“, um welche dann offenbar nicht mehr demokratische Regierungsformen es sich im einzelnen handelt, wird nicht gesagt. Monarchien, Autokratien, Plutakratien, Anarchien?? Offenbar will man sich im Katechismus einen Weg freihalten, um Verständnis zu wecken, dass der Vatikan Staat eben eine „absolute Monarchie ohne Gewaltenteilung“ ist (siehe oben). Allerdings wird im Katechismus zugegeben, das Regierungen, deren Wesen den Grundrechten der Personen widersprechen, “nicht das Gemeinwohl verwirklichen können“ (also aus päpstlicher Sicht abzulehnen sind, CM). An welche Regierungen, etwa absolute Monarchien, dabei gedacht wird, bleibt im Text völlig unklar.

Auch in den Dokumenten des 2. Vatikanischen Konzils kommt – laut Register im “Kleinen Konzilskompendium”, Herder Verlag – der Begriff Demokratie nicht vor.

—Wir weisen auf einen Text hin, in dem sozusagen “typischerweise” deutlich wird, wie der Heilige Stuhl, also der Papst, schwere Menschen­rechts­ver­letz­ungen, etwa in Uganda, ignoriert bzw. aus diplomatisch – taktischen Gründen im Gespräch mit Diplomaten nicht erwähnt!
Pope Benedict commends Uganda
Sunday, 20th December, 2009

By Steven Candia, Quelle: http://www.newvision.co.ug/D/8/13/704876, gelesen am 10.8.2011

POPE Benedict XVI has commended Uganda for the freedom and respect extended to the Catholic Church, enabling it fulfill its goals.

Speaking at the Vatican at a function in which Ugandas Ambassador to the Holy See, Canon Francis Butagira, presented his credentials, the Pope said the cordial relations between the Holy See and Uganda had borne tangible fruits.

The climate of freedom and respect in your nation towards the Catholic Church has allowed her to be faithful to her proper mission.

The fruits of cooperation between the Church and the State, especially in areas related to development, education and healthcare, are widely recognised, the Pope said.

He added that such a solid foundation should promote personal integrity, justice and fairness in local communities and hope for the whole nation, an important factor in stability and growth.

The Pope, however, noted that despite the sound economic growth Uganda has enjoyed lately, there was still need to promote more productive forms of agriculture, the proper use of the countrys resources and the implementation of concrete policies of regional cooperation.

The Pope singled out Northern Uganda, which he said had been devastated by the LRA insurgency and hoped that lasting peace would soon return to the region.

The Pope assured Butagira of the Vaticans continued support.

Wikipedia schreibt:
For its part, the Holy See has maintained excellent relations with Uganda, with Pope Benedict XVI receiving the Ugandan ambassador in December 2009 and commending the climate of freedom and respect in the country towards the Catholic Church. During this meeting, there was no mention of the anti-homosexuality bill.
Quelle:

http://www.google.de/search?q=catholic+church+in+uganda+against+gays&ie=utf-8&oe=utf-8&aq=t&rls=org.mozilla:de:official&client=firefox-a

copyright: christian modehn.

gelesen am 10.8. 2011
Tags: Benedikt XVI. Staatschef oder religiöser Führer, Corrado Augias, Demokratie und katholische Kirche, Heiliger Stuhl und Vatikan, Homosexualität und katholische Kirche, Nuntius, päpstlicher Nuntius, politische Macht der katholischen Kirche

Kommentar wurde abgehakt.

Der Papst: Oberster Bischof und Staatschef. Zu einem neuen Buch von Corrado Augias

Der folgende Text ist eine „etwas längere Fassung“ eines Beitrags für NDR INFO am 10.7. 2011.

Buchbesprechung:
Die Geheimnisse des Vatikan
Von Christian Modehn

In einigen Wochen, Ende September, wird Papst Benedikt XVI. Berlin, Erfurt und Freiburg im Breisgau besuchen. Dabei wird eine Frage viel zu selten diskutiert: In welcher Funktion unternimmt eigentlich der Papst seine so genannten „apostolischen Reisen“, die er auch gern „Pilgerfahrten“ nennt. Wann tritt der Papst als spirituelles, geistliches Oberhaupt der katholischen Kirche auf? Und wann äußert er sich als ein Politiker von höchstem Rang, nämlich als Repräsentant des „Heiligen Stuhls“ in Rom, dem der Staat Vatikanstadt untersteht. Ist der Papst also in erster Linie Theologe und Seelsorger oder doch mehr Diplomat und Politiker? Auf diese Fragen gibt ein neues Buch Antwort, es hat den Titel: „Die Geheimnisse des Vatikan“

Mit seinem Buch „Die Geheimnisse des Vatikan“ will der italienische Journalist Corrado Augias keine finsteren Schauergeschichten verbreiten. Entscheidend ist der Untertitel „Eine andere Geschichte der Papststadt“. Der vielseitig gebildete Autor bietet einen gründlichen Einblick in die Geschichte Roms und der Vatikanstadt. Aber immer sind seine Beschreibungen der Renaissance Paläste oder der barocken Prunk – Kirchen von der zentralen Frage geleitet: Wie äußerte sich dort politischer Einfluss und geistliche Macht der Päpste? Seit dem frühen Mittelalter hatte das Papsttum ein doppeltes Gesicht: Der Bischof von Rom wollte als maßgebliches Staatsoberhaupt in allen ethischen Fragen das Leben aller Menschen weltweit bestimmen; gleichzeitig wollten die Päpste auch als die fürsorglich agierenden Hirten der Gläubigen erscheinen.

Die Pointe dieses umfangreichen Buches ist: Jeder Papst verhält sich je nach Situation einmal als geistliches Oberhaupt, ein anderes Mal als hochrangiger Politiker und Diplomat. Wehren Päpste das Priestertum der Frauen in der Kirche ab, sprechen sie als theologische Lehrmeister. Wollen sie, etwa in den Gremien der Vereinten Nationen, die Geburtenkontrolle verbieten, dann sprechen sie als Staatsmänner. Welche der beiden Funktionen ein Papst in den Vordergrund stellt, wird einzig von dem Kalkül geleitet: Was fördert die kirchliche Macht im Vatikan und was bringt die katholische Kirche voran? Diese Überlegungen waren maßgeblich für den Umgang Papst Pius XII. mit der Nazi Diktatur in Deutschland. Auch heute denken Kirchenfürsten in Kategorien der Überlegenheit und Unterordnung: Der Autor zitiert Erzbischof Rino Fisichella, er organisiert jetzt in päpstlichem Auftrag die „Neuevangelisierung Europas“:

„Der Staat muss Einmischungen der Kirche aufgreifen. Die Kirche hingegen, die sich auf höhere Prinzipien beruft, kann niemals Einmischungen des Staates akzeptieren“.

Dieses gar nicht so demokratische Denkmuster bestimmte über viele Jahrzehnte den Umgang des Vatikans mit den pädophilen Verbrechen durch Priester und Ordensleute, das Motto war: „Unsere Angelegenheiten regeln wir heimlich selbst“. Der Autor erinnert auch an die Verschleierungstaktiken vatikanischer Behörden bei der Aufklärung von Verbrechen im Umfeld der Schweizer Garde im Mai 1998. Augias schreibt:

„Drei Stunden nach dem Mord und noch vor den Ermittlungen, den Verhören usw. verbreitet der Vatikan bereits seine offizielle Version des Tat – Hergangs, so soll jeder Zweifel im Keim erstickt werden: Schuldig soll einzig der Vizekorporal Cédric Tornay sein. Weitere Hintergründe sollen nicht ermittelt werden“.

Das Buch „Die Geheimnisse des Vatikans“ liest sich fast wie ein Krimi, wenn man mit Schicksal der 15 jährigen Emanuela Orlandi konfrontiert wird, der Tochter einer Familie mit vatikanischer Staatsangehörigkeit. Das Mädchen wurde 1983 in Rom entführt. Der Vatikan hat die Ermittlungen des italienischen Staates massiv behindert und sogar terroristische Hintergründe herbeigeredet. Dem Vatikan war es äußerst peinlich, vermutet der Autor mit vielen anderen Beobachtern, öffentlich einzugestehen, dass das Mädchen von einem Priester missbraucht und anschließend ermordet wurde. Augias schreibt:

Diese Beispiele demonstrieren: Es gibt von vatikanischer Seite nicht die geringste Unterstützung bei polizeilichen Ermittlungen, keine Reaktion oder aber absolute Zurückhaltung bei Anfragen der Justiz.

Auch weitere „Geheimnisse“ werden in dem Buch dargestellt: Kein Außenstehender darf z.B. wissen, wie viele Milliarden Euro der italienische Staat jährlich dem Vatikan aufgrund des Konkordates überweist. Kein Journalist hat je erfahren, wie viele kriminelle Transaktionen über die Konten der Vatikanbank abgewickelt wurden.
Darum kann „Die andere Geschichte der Papststadt“ keine Sympathiewerbung für den institutionell verfassten Katholizismus sein. Der Autor lässt seine Enttäuschung über diese Zustände gelegentlich durchblicken. Er erwähnt aber auch die wenigen Katholiken, die den armen, den machtlosen Jesus nicht ganz vergessen haben; er findet diese kritischen Katholiken in den römischen Basisgemeinden und bei Mitgliedern einzelner Ordensgemeinschaften. Im ganzen gesehen aber kann Augias keine Verbindung mehr erkennen zwischen den machtgierigen Herren des Vatikans und der Gestalt, vom dem diese klerikalen Politiker so oft sprechen, von Jesus Christus.
Auch Benedikt XVI. wird sich in Deutschland als liebvoll lächelnder oberster Hirte zeigen … und als gewiefter Diplomat. Dass er im Deutschen Bundestag reden wird, hängt damit zusammen, dass er als „Völkerrechtliches Subjekt“ der Heilige Staat IST, der den Staat Vatikanstadt mit 500 Bürgern, leitet. Es spricht also im Bundestag ein Staatschef! In Lexika wird diese einmalige rechtliche Konstruktion (nirgendwo sonst IST eine lebende Person ein völkerrechtliches Subjekt!) des Heiligen Stuhls und der Vatikanstadt als „absolutistische Monarchie“ beschrieben. Wer also dem geistlichen Oberhaupt, dem Papst folgen will, folgt also gleichzeitig auch einem absolutistischen Herrscher. Er folgt einer Person, die ihm zugleich religiöse Weisungen und politische Vorschriften vorlegt, also etwa an die Gottheit Jesu zu glauben und die absolute Zurückweisung der Geburtenkontrolle zu akzeptieren. Es ist diese Doppelrolle, die heute demokratisch gesinnte Menschen nicht gerade zu Fans des Papsttums macht.

Corrado Augias, Die Geheimnisse des Vatikan. Eine andere Geschichte der Papststadt.
Aus dem Italienischen von Sabine Heymann. Verlag C.H. Beck, München 2011, 496 Seiten, 22,95 Euro.

Welche Spiritualität braucht Berlin? Dialog im Radial -System

Termin: 14. September | 20 Uhr
Gastgeber: Ursula Richard, Literaturmanufaktur

Welche spirituellen Formen und Angebote braucht Berlin? Was kann eine urbane Spiritualität leisten?

Auch eine Großveranstaltung mit dem Papst kann nicht darüberhinwegtäuschen, dass die Bindung an die christlichen Kirchen nachlässt und ihnen die Mitglieder abhanden kommen, aber auch der Zulauf zu traditionellen Zentren östlicher Spiritualität ist rückläufig. Mehr als 50 Prozent der BerlinerInnen bezeichnen sich als konfessionslos. Doch gleichzeitig kann man feststellen, dass das Interesse an spirituellen Fragen und Erfahrungen gerade in Großstädten wie Berlin zunimmt. Was braucht Berlin, um diesen Bedürfnissen mehr Raum zu geben? Welche (neuen) Formen und Angebote einer urbanen, undogmatischen Spiritualität sind hilfreich und anschlussfähig? Wie können Respekt, Offenheit und Stille im Miteinander einer Großstadt gelebt werden?

Diese und weitere Fragen werden an diesem Abend näher beleuchtet und diskutiert von der Autorin und Verlegerin Ursula Richard (Autorin u.a. von „Stille in der Stadt“ (Kösel Verlag), dem buddhistischen Lehrer und Arzt Dr. Wilfried Reuter, Christian Modehn, Initiator des religionsphilosophischen Salons Berlin sowie In-Sun Kim, Leiterin des Interkulturellen Hospizes Berlin.