Meinungsfreiheit neu definieren!

Hinweise aus philosophischer Sicht.
Von Christian Modehn
1.
Über die Meinungsfreiheit innerhalb eines demokratischen Rechtsstaates wie der Bundesrepublik Deutschland muss heute endlich umfassend debattiert werden. Die Meinungsfreiheit wird hier und heute missbraucht. Das ist kein Zweifel! Die Gesellschaft der freien Meinungen gerät in den Strudel der Beliebigkeit, des Hasses, der Zerstörung. Freie Meinungen kaschieren sich nur als frei; sie sind aber tatsächlich unreflektierte, zerstörerische Ergüsse einzelner, vor allem in den so genannten sozialen Medien verbreitet. Diesen Missbrauch des Wertes „freie Meinungsäußerung“ nutzen rechtspopulistische und rechtsextreme Parteien und Gruppen in Deutschland und ganz Europa. Leider bedienen sich einzelne demokratisch gewählte Politiker, wie Mister Trump, auch ihrer konfusen subjektiven Ergüsse, um sich des Rechtes der freien Meinungsäußerung zu bedienen.
Die normative Frage: Was ist eine freie (d.h. als freie immer auch vernünftige) Meinungsäußerung muss neu gestellt werden.
Denn Meinungsfreiheit in der Demokratie ist keineswegs eine fixierte, festgelegte Selbstverständlichkeit. Meinungsfreiheit ist eines der wichtigsten Menschenrechte überhaupt. Demokratie lebt von der Meinungsfreiheit, siehe Grundgesetz Art. 5, Abs.1. Und dies gilt es heute zu verteidigen, aber auch neu zu definieren. Die Feinde der Demokratie am Rande, „rechts außen“, müssen als solche benannt und politisch bekämpft werden.
2.
Das Menschenrecht der Meinungsfreiheit muss heute neu bestimmt werden. Die rechtsextremen Kreise profitieren von der demokratischen Meinungsfreiheit auf eine perfide Art, um die übergeordneten Rechte, also die Menschenrechte und die Werte der Demokratie, langsam aber systematisch zu zerstören. Rechtspopulistische und rechtsextreme Kreise leben bewusst im Selbstwiderspruch: Sie bedienen sich der Meinungsfreiheit, um einen autoritären Staat zu errichten. Solche Agitatoren nannte man früher „Totengräber der Demokratie, der Republik“. In Kreisen der AFD Führer wird diese Ideologie verbreitet: Sie behaupten: Die Bundesrepublik sei eine Diktatur, die überwunden werden muss, so wie 1989 die Diktatur der DDR überwunden wurde.
3.
Meinungen sind Worte, auch Taten sind (sichtbare) Worte: Etwa die 169 rassistisch motivierten Mord-Taten seit 1990, wahrscheinlich sind es mehr Morde. Kaum zu zählen ist die Menge der Aggressionen körperlicher und verbaler Art ebenfalls aus rechtspopulistischen und rechtsextremen Kreisen. Viele dieser Verbrechen werden nicht umfassend verfolgt und bestraft, weil die Polizei, die Richter, der Verfassungsschutz in unserer der Demokratie versagen, weil sie die Gefahr von Rechtsaußen üblicherweise unterschätzten.
4.
Die rechtsextreme Gewalt (eine Form von Meinungsäußerung!) nimmt auch zahlenmäßig zu. Sie wird durch den Gebrauch der „sozialen Medien“ inspiriert. Man denke an den Massenmord durch Anders Breivik, Oslo; an den Anschlag auf die Synagoge in Halle; an den Mord an dem Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke; an den Massen-Mord in den Moscheen von Christchurch, Neuseeland usw.
Über den Zusammenhang von Nutzung sozialer Medien und Gewalt müsste noch umfassender geforscht werden. Diese Notwendigkeit kritischer Forschung gilt auch der Anonymisierung der Autoren von Hasstexten. Ist die Demokratie hilflos einem Schwarm von Wahn und Hass ausgesetzt?
5.
Die demokratischen Verfassungen, der Rechtstaat und die universal geltenden Menschenrechte, sind Resultate der politischen Kämpfe vernünftiger Menschen seit der Aufklärung. Diese Resultate müssen heute wieder verteidigt und entwickelt werden.
Man muss erkennen: Der entsprechende Artikel 5 des Grundgesetzes wurde vier Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges beschlossen, zu einer Zeit, als nicht so viele nach dem Ende des Hitler-Faschismus sich vorzustellen wagten: Es käme noch einmal eine Epoche, wie in Weimar, wo Propaganda-Hetze der Nazis die Demokratie zerrütteten.
Angesichts dieser Erfahrungen wissen heute Demokraten: Sie dürfen niemals mehr schlafen, wenn ein Rechtstaat von reaktionären und populistischen Bewegungen auf das Niveau von Diktatur, Einheitspartei und Nationalismus bzw. – damit identisch – Kriegstreiberei, zurückgetrieben wird. Anfänglich geschieht das durch Propaganda-Sprüche und öffentliche Hetz-Hass-Tiraden. Später dann durch das Vernichten demokratischer Grundrechte. Man denke an die Geschichte der Weimarer Republik und den in ihr entstandenen Hitler-Faschismus. Gegen diesen Rückschritt, gegen diese Abkehr von der Humanität, muss sich die Demokratie, müssen sich die Bürger der Republik verteidigen. Das gilt für die heutige Situation in Deutschland, vor allem, aber auch in Österreich, Frankreich, Holland, Italien usw. In Polen und Ungarn sind die jetzigen politischen Verhältnisse schon viel schlimmer…
6.
In den sozialen Medien wie im unmittelbaren Gespräch in sichtbaren, „leibhaftigen“ Gruppen: Immer ist impliziert der Schritt in die Öffentlichkeit: Ich will mich als Redner vernehmbar sprechend dem Disput der anderen stellen. D.h.: Ich setze als Sprechender im Akt des Sprechens schon das Gespräch mit anderen voraus. Man will im Gespräch die eigenen Erkenntnisgrenzen überwinden. Demokratie ist ein Lernprozess, in dem niemand von vornherein Recht hat und etwa behaupten kann, nur „er wäre das Volk“. Dies ist eine Haltung, die nur in eine Diktatur passt.
7.
Philosophisch grundlegend ist: Meinungen eines einzelnen oder Überzeugungen einer Gruppe oder Partei können niemals mit dem Anspruch auftreten, in jeder Hinsicht und für alle gültig zu sein. Es sind immer „meine, unsere Meinungen“, die sich aufgrund meiner subjektiven Verfassung und der immer gegebenen Perspektivität meines Erfahrens und deswegen begrenzten Erkennens ergeben.
Das heißt: Meine Meinungsäußerung als einzelner, als Gruppe, Partei, Kirche etc. ist immer begrenzt. Sie stammt von in jeder Hinsicht endlichen, begrenzten Menschen. Diese Begrenztheit kann niemand abwerfen, loswerden, keine Partei, keine Kirche hat „immer recht“. Lediglich die allgemeine Basis der universalen Menschenrechte ist unaufgebbar!
8.
Kein Demokrat denkt daran, die Meinungsfreiheit einzuschränken. Kein Demokrat denkt daran, die Vielfalt der Meinungen, typisch für die Demokratie, zu verbieten. Kein Demokrat denkt daran, Zensur auszuüben. Das ist die klassische und wahre Überzeugung der vernünftigen Menschen, sie verteidigen die liberalen Freiheitsrechte. Und diese Verteidigung ist kein persönliches, bloß zweitrangiges Hobby, sondern ein Beitrag für die Bewahrung des humanen Lebens der Menschheit, wenigstens in diesem Teil der Welt.
9.
Demokraten sind keine Masochisten. Sie wollen sich von den neuen Rechtsextremen nicht bedrängen und quälen lassen. Sie nehmen es nicht gelassen hin, wenn Feinde der Demokratie die Regeln der Demokratie ausnutzen, um die große reaktionäre Wende und Kehre zurück anzustreben. Demokraten als Verteidiger der Menschenrechte treten deswegen gegen die Gewalttäter an, gegen die Akteure und Ideologen des Antisemitismus und Rassismus, der Homophobie, des ANTI-Feminismus usw.
Dafür brauchen die Demokraten wirksame demokratische Gerichte, demokratisch orientierte Richter und demokratische denkende Polizisten. Dazu gibt es vielfach heftige Forderungen nach dringender „Verbesserung“… Manche wünschen sich bereits, dass wenigstens die bestehenden Gesetze voll umfänglich angewendet würden im Umgang mit Rechtsextremen.
10.
Ein philosophischer Hinweis:
Subjektive Überzeugungen sind absolut anzuerkennen. Es gibt die plurale Breite der politischen demokratischen Meinungsäußerungen, auch in der Kunst, der Literatur…
Subjektive Überzeugungen sind keine naturwissenschaftlichen Erkenntnisse, keine mathematische Ableitungen, auch nicht Fakten, etwa derart, dass die Erde um die Sonne kreist. Aber subjektive Überzeugungen, sind ihrerseits bestimmt von objektiv gültigen Kriterien, die ihre Wahrheit überprüfen. Kann denn eine rassistische Überzeugung sich Humanismus nennen? Ist Antisemitismus etwa nur eine beliebige Variante ideologischer Überzeugungen? Philosophisch – ethisch gesehen absolut nicht!
11.
Es gibt also allgemein gültige Erkenntnisse der Philosophie, diese sind sozusagen „Fakten-Erkenntnisse“ eigener Art sind. Und sie sind als Menschenrechte von universeller Bedeutung. Es gibt eine allgemein gültige Erkenntnis von dem, was die Würde eines jeden Menschen ist. Es gibt die allgemeine Erkenntnis des „kategorischen Imperativs“. Wie müssen sich Demokraten zu Menschen verhalten, die die gleiche Würde der Menschen ablehnen? Man muss sie überzeugen, im Gespräch der Argumente, auch in der Anerkenntnis der immer zu verbessernden Demokratie… Es gilt diese Menschen auf die Ebene der Vernunft und ihrer demokratischen Freiheiten zurückholen.
12.
Der Artikel 5 des Grundgesetzes muss heute als ein Impuls zur umfassenden Verteidigung der Meinungsfreiheit verstanden werden. Als Aufruf, diese jetzt bedrohte Meinungsfreiheit nicht nur als große „Errungenschaft“ zu preisen, sondern politisch zu schützen und zu verteidigen. Die Meinungsfreiheit muss um ihrer selbst willen begrenzt werden. Nicht jeder Feind der Demokratie darf in einer Demokratie allen Wahn verbreiten. Es ist schwer, für liberal gestimmte Menschen, dies anzuerkennen. Aber die bedrängende Situation verlangt diese Einschränkung um der Menschlichkeit willen.

Lektüreempfehlungen:
Wichtig ist die Studie des Literaturwissenschaftlers Prof. Heinrich Detering, „Was heißt hier wir?“ (Reclam 2019). Darin wird gezeigt: Unter „wir“ versteht sich die AFD exklusiv als „das“ Volk“. Das Volk, das sind nur „wir“, die Rechtsextremen: D.h: „Wir“ grenzen die anderen, die Fremden, die Flüchtlinge, die Minderheiten aus. Diese Ideologie muss in einer Demokratie praktisch, politisch und gesetzlich zurückgewiesen werden.

Man lese auch noch einmal das schon 1993, also kurz nach der „Wende“, herausgegebene Buch „Deutsche Zustände“(Rowohlt Verlag, hg. von Bahman Nirumand): Von besonderer aktueller Bedeutung sind die vor über 25 Jahren (!) veröffentlichten Beiträge von Asher Reich (Tel Aviv) „Der Nazismus ist nicht tot – er schläft nur“ und Hans Joachim Schädlich (Berlin) „Für Gewalt der Demokratie gegen die Gewalt der Nazis“.

Es wären weiter zu debattieren über die Studien des Soziologen Emile Durkheim, die sich auf die notwendige staatsbürgerliche Moral in der Gesellschaft beziehen. Sie sind unter dem Titel „Physik der Sitten und des Rechts“ als Vorlesungen aus dem Jahre 1896 erschienen. Der Frankfurter Philosoph Axel Honneth bezieht sich in seinem Buch „Das Recht der Freiheit“ (Suhrkamp Verlag 2011) auf diese Studie Durkheims (dort S. 494 f.) und erinnert an ähnliche Überlegungen des Philosophen John Dewey (S. 497).
Unter „staatsbürgerlicher Moral“ versteht Durkheim, so berichtet Axel Honneth, „die geschriebenen und ungeschriebenen Moralnormen, deren Einhaltung die Mitglieder eines demokratischen Staatswesens dazu befähigt, sich trotz der wechselseitigen Respektierung ihrer individuellen Unterschiede an der gemeinsamen Beratschlagung und Aushandlung von allgemeinverbindlichen Grundsätzen staatlichen Handelns zu beteiligen“ (S. 494).
Ob rechtspopulistische und rechtsextreme Kreise und Parteien an einer gemeinsamen „Beratschlagung“ überhaupt interessiert und in der Lage sind, wäre eine Frage.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Buchmesse: Norwegen – ein religiöses Land ? Über Edvard Munch und die lutherische Staatskirche.

Über den „Ehren-Gast“ der Buchmesse in Frankfurt 2019
Ein Hinweis von Christian Modehn

Wird man auf der Buchmesse auch explizit über Religion(en) in Norwegen sprechen? Der religionsphilosophische Salon Berlin kann hinsichtlich der eigenen Interessen nicht darauf verzichten: Und weist zur weiteren Diskussion auf einige interessante Fragen zu „Religion in Norwegen“ hin.

1.
Edvard Munch war nicht nur ein Interpret eigener, aber auch allgemein – menschlicher Ängste, sondern ein Künstler, der auch heute noch das „innere Leben“, die Ängste der Seele des heutigen Norwegen, d.h. der Norweger, zum Ausdruck bringt. Und dies trotz oder wegen des umfassenden Wohlfahrtssystems und der Ölmilliarden? Man denke an das Massaker auf der Insel Utoya, an den Massenmörder Anders Breivik und seine rassistische Ideologie; an die „Black-Metal-Jünger“ und ihren Nihilismus; an die Zerstörer, die Brandstifter von Kirchen vor einigen Jahren: Transparenz und Demokratie und Reichtum, „typisch norwegische Eigenschaften“, stehen im Schatten von Katastrophen. Wird die Lust an den stets zahlreicher werdenden norwegischen Kriminalromanen da hilfreich sein? Und: Falls die Welt einmal untergehen sollte, gibt es wenigstens in Nordnorwegen, in der Stadt Mo i Rana, eine umfassende und bleibende Sammlung von Literatur und Musik…

2.
Eine interessante These: Edvard Munch sah, „entdeckte“, schon die Klimakatastrophe. Lassen sich seine Gemälde mit dem Titel „Der Schrei“ nicht auch in der Hinsicht interpretieren? Für Munch ist die Landschaft ein Spiegel der gar nicht lebensfreundlichen, der unbehausten, der fremden (Um)Welt. „Der Schrei“, so sehr auch Ausdruck der Angst des einzelnen, findet vor einer unerträglich erlebten Landschaft statt. Diese ist förmlich selbst der Schrei: Die Umgebung, das Meer und der Himmel sind erfüllt vom Schrei. Munch schreibt: „Ich ging die Straße hinunter, als die Sonne unterging. Und sich der Himmel plötzlich blutrot färbte. Ich blieb stehen, lehnte mich todmüde an das Geländer… und ich fühlte, dass ein unendlicher Schrei durch die Natur ging.“ Der Freund Munchs, der Dichter August Strindberg, meint: Der Maler hörte den Schrei der Natur, „und des Entsetzens der Natur, die vor Zorn errötet und sich anschickt durch Sturm und Donner zu den törichten kleinen Wesen zu sprechen, die sich einbilden, Götter zu sein, ohne ihnen zu gleichen“.
Der Kunsthistoriker und Theologe Horst Schwebel betont: „Der Schrei“ (1893) ist das stärkste religiöse Bild des 19. Jahrhunderts“ (in: „Die Kunst und das Christentum“, Beck-Verlag, 2002, S. 90).

3.
Edvard Munch, geboren am 12. Dezember 1863, wächst bei seinem Vater in einem von Angst erfüllten pietistischen Glauben auf. Edvard wurde gleich nach der Geburt, wie man sagte, „notgetauft“, aus Angst, es könne sterben, ohne durch das Sakrament der Taufe von der Erbsünde befreit zu sein. Denn so meinten die lutherischen Pfarrer, ohne Taufe droht den Neugeborenen nach ihrem plötzlichen Tod eine Art Hölle. „Krankheit, Wahnsinn und Tod hielten wie schwarze Engel Wache an meiner Wiege. Sie haben mich mein ganzes Leben begleitet“, schreibt Edvard Munch. Die Mutter stirbt früh an Tuberkulose, sie hat einen Abschiedsbrief geschrieben, aus dem immer wieder den Kindern vorgelesen wird mit den schauerlichen Kommentaren: „Mutti hört im Himmel zu und beobachtet uns“.
Edvard Munch wächst in einem Christentum auf, in dem das ganze Leben von Angst zerfressen ist. Er selbst bleibt sein Leben lang davon seelisch belastet. Ein Mittel, die Angst zu bearbeiten, wird für ihn die Kunst. „Ebenso musste er den Tod malen, um persönliche böse Erinnerungen loszuwerden“, schreibt Ragna Stang in ihrem großen Buch „Edvard Munch – der Mensch und der Künstler“ (1979, Königstein im Taunus, S. 121).

4.
Sehr bekannt sind die fünf um 1894 entstandenen Gemälde mit dem Titel „Madonna“. Diese Madonna, wenn sie denn auch auf Maria, die Mutter Jesu, bezogen werden kann, könnte auch als eine Pietá interpretiert werden: Sie ist vom Leiden, vom Tod, gezeichnet, hat dabei aber auch eine erotische Ausstrahlung bewahrt. Auch die Madonna der Renaissance hat in ihrer blühenden Leiblichkeit erotische Züge. „Liebendes Weib“ nannte Munch diese Madonna, vielleicht ein Titel, der die Spannung zwischen Hingabe bis zum Tod andeuten will. Vielleicht auch ein Werk, das seinen eigenen starken erotischen Leidenschaften Ausdruck gibt. Eine Ausstellung seiner Bilder musste wegen der Proteste des angeblich moralischen Publikums geschlossen werden.

5.
Viermal (1893, 1895) hat Munch „Der Schrei“ gemalt, inzwischen längst eine Ikone, weltweit verbreitet und wie ein Kultbild verehrt und als Massenware missbraucht. Munchs seelisches Erleben und Erschaudern bleibt inspirierend bis heute. Sein Freund Janes Thiis hielt Munch für einen metaphysisch begabten Menschen: „Er gab in seiner Kunst Ausdruck vom Wunder des Lebens“. Munch selbst bekannte: „Gott ist in uns und wir leben innerhalb von Gott, einem ursprünglichen und originalen Licht von überall her“. Und er betonte: „Aus allen (meinen) Reden wird man sehen, dass ich ein Zweifler bin, aber niemals die Religion verleugne oder verspotte“ (ebd. S 123). Diese alle Dogmen der Kirche überwindende, mystische oder „pantheistische“ Spiritualität spricht in Munchs Werken. Sie ist ein Hoffnungsschimmer, auch in den Bildern der Verzweiflung.
1909 war Munch nach längeren Auslands-Aufenthalten, auch in Deutschland, vor allem Berlin, nach Norwegen zurück gekehrt.
Edvard Munch ist am 23. Januar 1944 auf Ekely/ Oslo gestorben.

6.
Die Staatskirche in Norwegen
Luthertum und Staatskirche haben sich historisch sehr oft als Einheit verschmolzen. In Norwegen wurde der lutherische Glaube den Menschen aufgezwungen, als das Land im Zuge der Reformation um 1550 Teil des dänischen Königreiches wurde. Das Kirchengut wurde vom dänischen König übernommen: Reformation war auch ein kommerzieller Gewinn. Die lutherische Kirche Norwegens wurde als „nationale Kirche“ offiziell Staatskirche mit dem König als dem Oberhaupt der Kirche!
Es gab lange mühsame Debatten über die Trennung von Kirche und Staat. Die synodalen (demokratischen) Strukturen der Kirchenleitung wurden erst langsam Realität, am 21.5. 2012 gab es eine Verfassungsänderung: Der König ist nicht mehr formelles Kirchenoberhaupt.
Ob diese Staatsnähe der Kirche auch verantwortlich ist für die zunehmende Entfremdung der Norweger von der lutherischen Kirche, wäre als These zu untersuchen: 2016 waren nur noch 73 % der Norweger Mitglieder der Kirche; am Sonntagsgottesdienst nehmen laut Angaben der Kirche selbst 2 bis 3 Prozent der Mitglieder teil. Nur 58 % der neugeborenen Kinder werden getauft. Ob sich junge Menschen auch eher abgestoßen fühlen von den immer noch starken pietistischen Kreisen, wäre ebenfalls zu untersuchen: Nur etwa die Hälfte der Jugendlichen wird konfirmiert. Siehe auch:
https://kirken.no/nb-NO/die-norwegische-kirche/
Die Sehnsucht nach Gemeinschaft auch außerhalb der Kirchengemeinden ist offenbar groß: Die eher atheistisch eingestellten „Humanisten“ Norwegens haben beachtlich viele Mitglieder: etwa 90.000!
Die religiöse, weltanschauliche Pluralität ist längst Tatsache: Es gibt eine Verbindung von „Extreme Metal“ und sich selbst explizit nennendem Heidentum. So wurden kleine germanisch-neuheidnische Gruppen von der Regierung als Glaubensgemeinschaft anerkannt: Etwa 1996 die Åsatrosamfundet Bifrost, sie kann rechtlich wirksame Zeremonien wie Eheschließungen abhalten.
Die katholische Kirche war bis zum Jahr 200 etwa eine kleine Minderheiten-Kirche, erst als viele (polnische) Arbeitsmigranten nach Norwegen kamen stieg die Zahl der Katholiken den Bischöfen zufolge rasant an: Die Bischöfe sprechen heute von 200.000 Katholiken in Norwegen. Es wurde der Vorwurf gemacht, die Katholiken manipulierten die Zahl der Katholiken in Norwegen, um auf diese Weise hohe staatliche Zahlungen zu erhalten, indem man kurzerhand Einwanderer automatisch als katholisch deklarierte. (https://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/kriminalitaet/norwegens-bischof-bernt-eidsvig-betrugsverdacht-13457343.html)

7.
Bischöfe im Widerstand
In der norwegischen lutherischen Staatskirche gab es rebellische Bischöfe: Im besetzten Norwegen herrschte seit 1940 eine pro-nazistische Regierung unter Ministerpräsident Vidkun Quisling. Er war mit dem dort tätigen NS „Reichskommissar“ Josef Terboven eng verbunden. Quisling war Führer der faschistischen norwegischen „Nasjonal Samling“.
Gegen die Praxis der Besatzungsmacht und gegen Quilsling und seine Nazis traten am 1. März 1942 alle sieben Bischöfe der lutherischen Staatskirche zurück. D.h.: Sie blieben zwar geistliche Leiter ihrer Kirche, hatten aber keine amtlichen, sozusagen politischen Funktionen innerhalb der Staatskirche. Dies war vielleicht schon eine kurzzeitige, vorweggenommene Trennung von Kirche und Staat! Dabei hatten kirchliche Kreise die Partei von Quisling bis 1935 durchaus unterstützt, sie war nationalistisch und antikommunistisch.
Am 2. April 1942 wurde der Bischof von Oslo, Eivind Berggrav, von der Nazi-Regierung unter Hausarrest gestellt. Darauf legten auch die meisten Pfarrer in Verbundenheit mit ihrem Bischof und im Protest gegen die Nazis ihre offiziellen, staatsbezogenen Ämter nieder. Weite Teile der norwegischen Kirche verweigerten sich der Besatzungsmacht und „waren zu Streik und Sabotageaktionen bis hin zu direktem Widerstand bereit“ (Sabine Dramm, Orientierung Zürich, 2005, Seite 165). Der berühmte deutsche Theologe und Nazi-Feind Dietrich Bonhoeffer besuchte Mitte April 1942 Oslo, er hatte auch Kontakte zu der rebellischen Kirchenführung! Bischof Berggrav hatte schon 1941 zu zivilem Ungehorsam aufgerufen!
Bonhoeffer ermunterte die Christen, ihre Pfarrer und Bischöfe weiterhin zum Widerstand. „Er dürfte sich an seine eigenen – vergeblichen Hoffnungen auf Pfarrerstreik und Amtsniederlegungen vor neun Jahren (1933) in Deutschland erinnert haben. In jedem Fall versuchte er, die norwegischen Protestanten zu überzeugen, in ihrem Protest nicht nachzulassen und den neuen Weg, die sie eingeschlagen hatten, nicht gegen einen glatteren, gefügigeren preiszugeben“. (Sabine Dramm, a.a.O, S.166) Sabine Dramm schreibt, dass der Osloer Bischof Breggrav am 16. April 1942 aus dem Gefängnis entlassen und in einer Waldhütte bis zur Befreiung von den Nazis interniert wurde.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Die Ehre – das veräußerliche Leben. Das Gegenteil von Würde.

Ein Hinweis von Christian Modehn

Warum soll man sich mit dem Begriff und der Wirklichkeit der EHRE und der EHR-ERBIETUNG befassen? Wenn Ehre und Ehr-Erbietung zum Mittelpunkt des Lebens werden, wird das Leben selbst völlig veräußerlicht, oberflächlich, unpersönlich. Nicht alle wollen so leben. Deswegen sollten wir uns mit der Ehre und der Ehrerbietung befassen. Etwas anderes ist hingegen die Ehrfurcht.

1. Würde ist mehr als Ehre
Dem Begriff der Würde eines jeden Menschen steht scheinbar der Begriff der Ehre und des Ehrgefühls nahe. Aber nur scheinbar!
Denn Würde ist eine innere Dimension der menschlichen geistigen personalen Existenz. Sie ist eine (meine, deine, unsere) Dimension, die letztlich von keinem anderen Menschen zerstört werden kann. Denn bekanntermaßen können noch unter unmenschlichen, unwürdigen Bedingungen die Opfer ihre innere Würde bewahren und sich so inmitten der Unmenschlichkeit wenigstens seelisch, menschlich retten. Was nicht bedeutet, nicht gegen unmenschliche Zustände aufzustehen und zu rebellieren!

2. Nur der einzelne selbst kann seine innere Würde verlieren.
Die eigene unantastbare Würde kann nur vom einzelnen selbst in seinem eigenen würdelosen Verhalten zu einem gewissen Verschwinden gebracht werden. Ob die „innere Würde“ eines Menschen jemals von ihm ganz zu „töten“ ist, bleibt die Frage. Die KZ-Mörder, ein klassisches Beispiel, wurden im Nazi-System geehrt. Sie haben aber als Menschen, die sie ja waren, fast ganz ihre innere Würde – durch eigene Tat – verloren. Und diese Würde ist vor allem eine „innere“ Realität, im Geist, in der Seele, im Gewissen zu spüren. Vielleicht kann eine gewisse Fürsorge der KZ Mörder noch für die eigenen Kinder als ein kleiner Restbestand von eigener Menschenwürde deuten. Das würde meiner These entsprechen, dass kein Mensch seine Würde total verlieren kann. Dies ist auch ein Argument gegen die Todesstrafe: Man hofft immer noch auf eine gewisse Resozialisierung selbst de Mörders…

3. Veräußerlichtes Gefühl, „geehrt zu werden“
Ehre und Ehrgefühl des einzelnen sind äußerliche Zuschreibungen anderer. Die Literatur des 20. Jahrhunderts ist voller Darstellungen dieser „Ehren-Problematik“ bzw. Sucht, als ehrenwerter Mensch angesehen zu werden. Man denken nur an Hermann Broch und vor allem an den ersten Teil seiner „Schlafwandler-Trilogie“.
Das ist typisch: In einer hierarchisch verfassten Gesellschaft bzw. einem hierarchisch geprägten Staat (und diese gibt es immer) werden bestimmte „hohe“ Amtsträger wie automatisch von anderen als „ehrwürdig“ betrachtet und angesprochen. Zum Beispiel: So müssen wohl oder übel die demokratischen Politiker bei Staatsbesuchen etwa bei Mister Trump oder Mister Orban oder bei afrikanischen bzw. arabischen Despoten gewisse „ehrerbietige“ Höflichkeitsregeln befolgen, obwohl die genannten Herren diese Ehre eigentlich nicht verdienen. Aber die Diplomatie schreibt Verlogenheit vor. Aber die Überzeugung, dass es sich bei den Genannten (Trump usw.) um würdelose Wesen handelt, ist doch sehr zurecht angesichts von deren Taten und Worten sehr weit verbreitet. Hinterlässt aber bei der demokratischen kritischen Bevölkerung immer noch Hilflosigkeit. Diktatoren lieben das Ostentative, die Monumentalität etwa in ihren Bauvorhaben. Dieses sollen die Ehre, das Prestige erhöhen. So nimmt etwa Erdogans Palast das Vierfache des Schlosses von Versailles ein und das Fünfzigfache des Weißen hauses in Washington. Bezogen auf Erdogan, Türkei, schreibt der Philosoph Marcel Hénaff: „In vielerlei Hinsicht konnte man diese Art Pathologie (des Monumentalen-Wahns) bereits im Monumentalismus bei den Nationalsozialisten, Faschisten und Stalinisten beobachten“ (Lettre International, Frühjahr 2018, S. 77).

4. Respekt und Achtung
Achtung gebührt dem (gerechten) Gesetz, wie Kant treffend bemerkte. Und wenn man eine „Amtsperson“ achtet, dann nur wegen des (gerechten) Gesetzes, „wovon jene Person uns das Beispiel gibt“ (Kant, Grundlegung zur Metaphysik der Sitten).
Respekt bezieht sich auf den Umgang mit anderen Menschen. Dieser Respekt gilt prinzipiell jedem Menschen, darin drückt sich die Anerkennung der Würde, des „Wertvollen im Menschen“, aus; diese Würde ist etwas Unantastbares, einem jeden Menschen „Innerliches“.

5. Der gute Ruf und die bürgerliche Moral
Wer hingegen geehrt werden will, ist bedacht auf seinen (angeblichen) guten Ruf. Er will nach außen hin, bei anderen, „etwas“ gelten, als etwas Besonderes erscheinen. „Mehr Schein als Sein“ ist das unzerstörbare Lebensprinzip dieser „Ehrenvollen“. Man freut sich etwa über Auszeichnungen. Die können im Falle für sportliche oder für künstlerische Leistungen sinnvoll sein; selbst wenn diese Auszeichnungen oft eher durch zufällige (auch parteipolitische) Konstellationen oder „connetions“ zustande kommen. Sehr oft wird bei einer Ehrung nicht die Person als solche hervorgehoben oder gar als Vorbild gepriesen. In der Ehrung wird das von der Person immer noch verschiedene künstlerische, literarische „Werk“, die „Leistung“, geehrt. Ist die Leistung etwa durch Doping betrügerisch erschlichen worden, wird auch die Person eher höchst kritisch betrachtet. Und von der Masse der Enttäuschten geächtet.
Diese Ehrungen in der Kultur, vor allem in der Politik sind oft sehr problematisch, weil übereilt: Man denke an angebliche „Friedenspolitiker“ wie Obama, er erhielt 2009 den Friedensnobelpreis. Man denke auch daran, welche merkwüridgen Gestalten etwa auf die „Ehre der Altäre“ als Heiliggesprochene und ehrenvolle Vorbilder erhoben wurden: Etwa der Scharlatan und Volksheilige Pater Pio in Italien oder der reaktionäre Papst Pius IX. oder der Gründer des katholischen Geheimclubs „Opus Dei“, Pater Escriva y Balaguer… Zu diesen so ehrenvollen Herren sollen also die frommen Katholiken um himmlischen Beistand bitten!

6. Der gute Ruf als Ehre in der Familie
Spielt die Ehre noch im alltäglichen Familienleben eine Rolle? Vielleicht ist das Insistieren auf der Bedeutung der Ehre für die Familie in nicht-muslimisch geprägten Familien West-Europas nicht mehr so groß wie noch vor 60 Jahren: Als etwa die braven, (klein)bürgerlichen Eltern den Kindern extravagante Kleidung oder Rock-Musik oder Formen der sexuellen Freiheit verboten hatten mit dem Argument: Wer das tut, schädigt den guten Ruf, die Ehre der Familie. Wie oft hörte man das Argument: „Was sollen denn dann die Nachbarn denken?“
Die Ehre wird selbst noch in Deutschland heute verteidigt, man denke daran, dass es christlich geprägte Familien für eine Schande halten, wenn der Sohn oder die Tochter sich öffentlich als homosexuell outen.
In muslimisch geprägten Kulturen spielt die Bewahrung der Ehre (also das äußerlich korrekte Verhalten nach den Geboten der Traditionen) eine sehr große Rolle, aber das ist ein eigenes Thema. Ein Stichwort wären: Ehrenmorde. Oder die „arrangierten Ehen“, die die Würde der Mädchen und Frauen verletzen. Ehre zeigt sich hier besonders als Ausdruck einer grausamen „Macho-Religion“.

7. Die Ehre als Mittelpunkt
Die Ehre war vor allem im 18. und 19. Jahrhundert in Europa eines der „höchsten Güter“. Es war eine Art „symbolisches Kapital“, wie es in der „Geschichte des privaten Lebens“ (Band IV, S. 270) heißt. Je mehr Ehre einem Menschen, einer Familie oder einer Firma zugesprochen wurde, um so bedeutender und erfolgreicher konnte man gelten und leben. Aber dieses Kapital der Ehre war stetst gefährdet, durch üble Nachrede konnte es zerstört werden. Davon handelten die ständigen, heftigen Streitereien der Menschen, etwa schon in Paris des 18. Jahrhunderts. Da gab es die staatlich angestellten „commissaires“, an die sich die Beleidigten wenden konnten, um die verlorene Ehre rechtlich wiederherzustellen.
Man wollte ja schließlich wieder „angesehen“ zur „Gesellschaft“ gehören.

8. Das Duell
Auf die lange Jahrzehnte dauernde, beinahe übliche Praxis des Duells kann hier nur hingewiesen werden, erst nach 1918 wurde das Duell verboten, 1970 gab es noch ein Duell in Uruguay.
Man bedenke aber, dass in dem allgemein bis zum 2. Vatikanischen Konzil verbindlichen „Handbuch der katholischen Moraltheologie“ von Heribert Jone (Paderborn 1953), das Duell noch als erlaubt galt, wenn denn dadurch das Gemeinwohl geschützt werden kann. So in § 216, S. 180 in diesem Buch, das den ganzen Klerus bis ca. 1965 prägte. Hingegen wird das nur aus privaten Gründen praktizierte Duell als schwere Sünde bezeichnet: Wobei unklar bleibt, ob nicht auch das private Duell irgendwie dem Allgemeinwohl dienen kann. Man denke etwa an den Wahn, mit dem sich die katholischen Feinde des (jüdischen) Hauptmanns Alfred Dreyfus ins Duell stürzten, in der Überzeugung, dadurch der Nation Frankreich zu dienen und den Juden Dreyfus zu bekämpfen….Nebenbei: Für diese Moraltheologie von Heribert Jone ist hingegen, so wörtlich, „ein Kampf mit Stöcken und Ruten noch kein Duell“, also erlaubt (S. 180 in Jone). Diese kirchliche Duldsamkeit fürs Schlagen mit Stöcken wurde gelegentlich in kirchlichen und staatlichen „Elite“-Schulen und Internaten angewendet. Schlagen war ja offiziell kirhlich nicht verboten. Man sieht hier die ideologische Abhängigkeit kirchlicher Moralvorstellungen von der herrschenden, aber verblendeten Moral. Der Theologie fiel es immer sehr schwer, selbstkritisch diese ideologischen Bindungen überhaupt zu erkennen. Man hielt das Gesagte oft genug für „Gottes-Wort“.

9. Das 8. Gebot
Die Ehrerbietung, also die Praxis der Ehrenbezeugung, spielt in den Religionen immer noch eine große Rolle.
Dass im 8. Gebot, von Gott an Moses angeblich übergeben, auch die Ehre von Vater und Mutter eine zentrale Rolle spielt, sollte weiter untersucht werden. Wenn man den häufigen Umgang heutiger Söhne und Töchter mit den alten Eltern betrachtet, meint man, in einer gottlosen Zeit zu leben..

10. Der Kult der Ehrerbietungen:
Der Dalai Lama wird auch hierzulande mit „Seine Heiligkeit“ angesprochen. Der Papst wird selbst in weltlichen Medien „Heiliger Vater“ genannt. Wer wagt es schon, etwa im Interview Papst Franziskus einfach und normal mit „Herr Bergoglio“ anzusprechen. Ehrerbietung und Achtung vor dem Amt spielen da fast zwanghaft zusammen. Katholische Pfarrer hießen und heißen in manchen Gegenden immer noch „Hochwürden“, Nonnen werden „ehrwürdige Schwestern“ genannt. Wer sich mit den Katholikentagen der neunzehnhundertfünfziger Jahre befasst, etwa mit dem Berliner Katholikentag 1958, wird immer wieder auf die Anrede „Seine Durchlaucht“ stoßen als Anrede für den obersten katholischen Laien damals, einen gewissen Karl Fürst zu Löwenstein. Ich habe als Kind damals so oft das Wort „Durchlaucht“ gehört und dachte, es handle sich dabei um ein Schiffbrüchigen oder vom Hochwasser Durchspülten
Die Ehre, die für die Frommen einzig dem transzendenten Gott selbst zukommen sollte, wurde und wird also pervertiert angewandt auf Menschen. Nebenbei: Welcher klerikale Hochwürden hat schon einmal einen Armen, der sich durchs Leben recht und schlecht kämpfen muss, wegen seines ungebrochenen Lebenswillens „Hochwürden“ genannt. Der Arme und die Bettlerin hätten diesen Titel verdient.

11. Jesus – der Mensch ohne Ehre
Es kann hier nur daran erinnert werden, dass die Gestalt des Propheten Jesus von Nazareth von den Herrschenden als ehrlose, störende Gestalt gewertet wurde. Aber dieses Lebensmodell Jesu war gerade seine Würde. Sein Tod und die Form seiner Hinrichtung sind das Ehrloseste, das in der damaligen Gesellschaft gab. Christen verehren also zunächst einmal den „Ehrlosen“, der sich dann aber in der Überzeugung der Gemeinde als der Würdevollste, überhaupt zeigte: In dem Selbstbewusstsein der Gemeinde wuchs die Überzeugung: Gerade dieser Mensch Jesus birgt förmlich Göttliches in sich, also Ewiges, das den Tod überdauert. Und dieses Ewige, so wuchs die Überzeugung, gilt für alle Menschen. (Als dringende Buchempflehlung: “Der schwierige Jesus“ von Gottfried Bachl, Tyrolia Verlag 1996. Bachl war Theologieprof. (Dieses Buch, nur 100 Seiten, ist antiquarisch noch vorhanden. Besonders die Kapitel „Der nackte Jesus“ und „Der hässliche Jesus“ geben zu denken.)

12. Ehrfurcht und Gehorsam geloben
Der Kult um die Ehre und damit die Ehrerbietung der Hierarchen ist ungebrochen im römischen Katholizismus. Das sei allen gesagt, die irgendwie von einem fortschrittlichen, d.h. vernünftig-human gewordenen Katholizismus träumen. Bestes Beispiel, das die seelische Prägung der Priester insgesamt betrifft: Die jungen Männer, die sich im Dom vom Bischof zu Priestern weihen lassen, legen sich als Zeichen der Unterwerfung ganz flach auf den steinernen Boden. Sie sollen förmlich als Nichts, als Untertane, als Staub gelten.
Dann versprechen diese neu geweihten Prister auch dem Bischof, als ihrem Vorgesetzten, ausdrücklich „Ehrfurcht und Gehorsam“: Die Priester, alle Priester des römischen Systems, sollen ihrem Chef, voller Ehrfurcht und voller Gehorsam begegnen. Ob sie das dann de facto auch tun, ist eine andere Frage. Aber: Ehrfurcht, Zuweisung von Ehre und auch Angst vor der Amtsperson gehören zentral ins innere Gefüge der römischen Kirche.
Sicher kennen auch andere große hierarchische Organisationen solchen Zwang zur Ehrerbietung gegenüber dem Chef. Die Untertanen gehen dabei selbst seelisch sozusagen vor die Hunde, weil sie buckeln müssen und ergeben erscheinen müssen. Auch die Mafia kennt solche Bindungen durch Ehrerbietung und Gehorsam. Und sie erzeugt dabei ein tödliches System.

13. EHRFURCHT vor dem Leben
Wie der Begriff schon andeutet, ist in der Haltung der Ehr-Furcht auch die Haltung der FURCHT enthalten. Ob Furcht in Angst übergeht, ist eine andere Frage: Angst vor der zu ehrenden Person, das gibt es ständig: Einer „hohen“ Person soll also dem Begriffe nach voller Furcht begegnet werden, weil sie Macht hat. Man soll förmlich erschaudern vor dieser „Amtsperson“.
Da muss aber wieder die bleibende Einsicht Kants ins Spiel kommen: Nicht die Person wird ehr-fürchtig verehrt, sondern das (gerechte) Gesetz, das sie repräsentiert.
Ehrfurcht gegenüber Menschen sollte es also eigentlich nicht geben. Kant sagte ja in seinem berühmten so viel zitierten Satz: „Zwei Dinge erfüllen das Gemüt mit immer neuer und zunehmender Bewunderung und EHRFURCHT: Der bestirnte Himmel über mir und das moralische Gesetz in mir (also der kategorische Imperativ).“
Albert Schweitzer sprach von der „Ehrfurcht VOR DEM LEBEN“, also vor der Natur als der geschenkten Schöpfung sollen wir uns ehrfürchtig, also nicht herrschsüchtig, nicht destruktiv, verhalten. Ein Beispiel für unsere Welt ohne Ehrfurcht: Das verbrecherische Abholzen etwa der Amazonas Wälder durch den rechtsextremen Präsidenten Bolsonaro in Brasilien, von evangelikalen Kirchen dort heftig unterstützt, widerspricht total der Ehrfurcht vor dem Leben. Dieser von den Einwohnern gewählte Präsident – „Diktator“ ist schon fast würdelos: Er will wie ein Rassist das Leben der indigenen Völker am Amazonas offenbar vernichten und einzig aus ideologischer Verblendung und Frauenfeindlichkeit das „ungeborene Leben“ schützen…Das schon lebende personale Leben ist diesem Rechtsextremen und seinen frommen Anhängern egal. Und die Bewahrung der Natur, „Schöpfung“ eigentlich in seiner religiösen Ideologie, sowieso, solange sie Geld bringt und die reichen Nationen durch das verbrecherische Abholzen der Wälder mit Soja und Rindfleisch versorgt.
Das Motto dieser evangelikal frommen Leute und Diktatoren ist: „Nach uns die Sintflut“. Oder „Sünd-Flut“, als Flut unserer Sünden ? …
Warum ist die demokratische Welt nicht in der Lage, einen solchen Politiker in dauer-hafte Pension zu schicken?

14.
Ehre und Würde sind doch gelegentlich verbunden
Tzvetan Todorov schreibt in „L Honneur“ (Paris 1991, S. 221 ff.) über den Aufstand im Warschauer Getto 1943 und der Stadt Warschau 1944: Immer wieder betonen dort die Widerstandskämpfer, sie wollten in Ehre sterben. Ehre heißt: Kämpfen bis zum Ende. Sich nicht wie geduldige Schafe töten lassen“. Selbst an den Häuserwänden im Getto stand: „Sterben in Ehre, ehrenvoll sterben“. Ehre hieß: Das Aussichtslose tun.
Ehre erscheint als einziger Wert in dieser Situation:
Ehre ist hier auch bezogen auf die Wahrnehmung anderer: Sie sollten, wenigstens später, nach dem Grauen, sehen, dass Juden sich wehrten.
Aber hier ist dieser „Ehr- Begriff“ auch stark verbunden mit der Würde: Diese Widerstandskämpfer wollten in ihrem Tun ihre menschliche Würde bewahren. .

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Richtig falsch. Philosophische Impulse für ein richtiges, ein humanes Leben

Hinweise zu einem neuen Buch von Michael Hirsch.
Von Christian Modehn

1.
Das oft zitierte und weit verbreitete Buch von Theodor W. Adorno „Minima Moralia“ (verfasst 1944) hat den Untertitel „Reflexionen aus dem beschädigten Leben“. Der Untertitel legt nahe zu denken, also aus einem „bloß“ „beschädigten“ Leben und nicht aus einem total zerstörten und hoffnungslos korrupten Leben. Das gilt vor allem wohl, wenn man den besonders häufig nachgesprochenen Satz aus „Minima Moralia“ hört: „Es gibt kein richtiges Leben im falschen“ ( S. 43, in: Gesammelte Schriften, Suhrkamp). Kann also in einem insgesamt falschen Leben, etwa in einem falschen System, auch mein und unser Leben insgesamt nur falsch sein? Wahres humanes Leben ist dann offenbar unmöglich.

2.
Gegen diese eher defätistische Interpretation des Adorno – „Spruches“ wendet sich in seinem neuen Buch „Richtig falsch“ der Philosoph und Politikwissenschaftler Michael Hirsch: Er hat ein überaus anregendes philosophisches Buch ganz eigener Art verfasst: 123 kurze Essays oder „längere Aphorismen“ lassen sich von diesem Satz Adornos inspirieren, sie umkreisen ihn förmlich und kritisieren und korrigieren ihn. Und diese Leistung finde ich sehr hilfreich! Denn Michael Hirsch weitet das Denken insgesamt. Für mich sind manche Beiträge philosophische Meditationen, Texte zum Innehalten. Zu einer neuen Form des Umgangs mit philosophischen Erkenntnissen wird man förmlich aufgefordert.

3.
Das Buch, so wird vom Autor betont, wendet sich an „linke Intellektuelle“. Auf diese Gruppe bezieht er sich kritisch, auch mit neuen Vorschlägen. Zum Trost für die sich nicht als „Intellektuelle“ verstehenden LeserInnen: Man sollte den Begriff „Intellektuelle“ sicher nicht zu eng verstehen und bedenken: Jeder Mensch, der selbstkritisch umfassend reflektiert, ist in gewisser Hinsicht ein Intellektueller. Insofern sind Intellektuelle jene, die unter den widerwärtigen Verhältnissen der Gesellschaft, Rassismus, Ausgrenzung, Ungleichheit etc. leiden und doch noch reflektierend in der Praxis Auswege suchen. Die Grundüberzeugung ist: Es darf jedenfalls nicht so weiter gehen wie bisher. „Es reicht“ (26).

4.
Bei allem differenzierten Wohlwollen für Adorno wird der „berühmte Adorno – Spruch“ kritisch betrachtet. Der Autor meint explizit, Adorno sei dabei im Irrtum: „Der Einzelne kann nicht nicht nach einem guten Leben suchen – unter welch schlechten und falschen Bedingungen auch immer“ (38, auch 34). Auf Seite 165 spricht er von Adornos Obsession, überall nach Falschem und nach Schuldzusammenhängen zu suchen…Und das sei sein Fehler…“Wir müssen die kleinen Spuren des Richtigen festhalten und genießen“ (165). Andererseits hat der Spruch doch noch die Möglichkeit eines dialektischen Sprungs: „Dort, wo das Ganze, wie Adorno sagt, als das Unwahre erscheint, dort schlägt Erkenntnis in die Möglichkeit messianischer Rettung um“ (141). Diese „messianische Rettung“ ist eine „Grundmelodie“ im Buch von Hirsch.
Der Autor bietet Hinweise dafür, dass die als falsch erlebte Gesellschaft gerettet werden könnte: Wenn die Menschen wieder imstande wären, auch zu „empfangen“ (sic!) und nicht nur zu „machen“. Diese Haltung wäre die „Außerkraftsetzung der Herrschaft, der Hierarchien der bestehenden Ordnung. Darin konvergieren emphatisches philosophisches Denken und Religion“,
Die große Veränderung, der wahre Fortschritt (!) der Gesellschaft „hängt nicht nur von uns ab, steht nicht ganz in unserer Macht.“ (S. 141) Wir stehen vielmehr im Zusammenhang „eines göttlichen Elements der Rettung“ (ebd.) Die religionsphilosophischen Thesen beziehen sich auf ein sozusagen konfessionsfrei formuliertes „Göttliches“!

5.
Ich finde es jedenfalls erstaunlich, mit welcher Intensität der Autor in diesen doch knappen Kapiteln Themen religiöser Traditionen aktualisiert, vor allem auch im III. Kapitel: Dort wird im Gedenken an Kafka auch vom Gebet gesprochen. Wobei Michael Hirsch von der im Gebet geschehenden „Magie des Rufens und Herbeirufens“ (des Göttlichen) spricht, und dann betont: „Das Heil oder das Heile muss nicht neu erfunden oder erschaffen werden, sondern es ist immer schon da, es liegt irgendwo verborgen…Unsere Aufgabe ist es, diese Herrlichkeit des Lebens zu suchen, immer wieder und immer von neuem“ (71f.) Allerdings finde ich Hirschs Qualifizierung des Betens als „Magie“ unzutreffend. Wenn man philosophisch Gebet als „göttliche“ Poesie versteht, ist sie eine freie Leistung des Menschen, der seine ihm gegebene (!) schöpferische geistige Kraft lebendig werden lässt. Dann ist Gebet keine Magie mehr. Man staunt eher über die gegebenen (!), also geschaffenen geistigen Möglichkeiten…

6.
Das Buch bietet viele weitere, der Form des Buches entsprechend knapp formulierte Anregungen, Impulse, die zu denken „GEBEN“. Nur noch ein Beispiel: Zum Umgang mit der Arbeit: Diese wird heute als Zwang zur Selbstvermarktung erlebt und entsprechend erlitten. Gemeint ist das unternehmerische Selbst. „Handle unternehmerisch, heißt der Imperativ“. Damit wird umfassende Selbstverwirklichung, Muße, Zeithaben, politisch Aktivsein usw .fast ausgeschlossen. Das ist „Kapitalismus pur“.

7.
Interessant ist, dass Hirsch Denkmotive Heideggers aufgreift, etwa wenn von der „Fülle des Seins“ die Rede ist, in der „uns alles zufällt“ (167), als Gabe. Hirsch spricht wie Heidegger vom „Geheimnis einer Existenz, die als Öffnung, als Da des Seins erscheint“ (158). Auch wenn man den Heidegger der „Schwarzen Hefte“ ablehnt: Die Aussagen Heideggers aus „Sein und Zeit“ haben eine Gültigkeit.
Das von Hirsch präsentierte Denken und denkende Leben setzt sich ab von einer passiven, zuwartenden Existenzform. Sondern tritt ein für das politische Handeln. Ideen haben für Hirsch entschieden „Gebrauchswerte“ (171). „Denken hat eine verändernde Kraft“ (174). Und die Veränderung gilt der Beförderung der Menschenwürde für alle und der Überwindung einer neoliberalen Welt der Herrschaft der Privilegierten und der so genannten Eliten.
Wichtig ist: Wir haben „das Begehren“ in uns, jene unstillbare geistige Leidenschaft, für eine wahre, humane Welt. Bei einer noch so klugen bloß theoretischen Analyse des Elends darf es also nicht bleiben. Das Elend des Ichs, der Gesellschaft, der Welt ist kein Schicksal. Noch einmal: Denn wir leben immer schon inmitten der Utopie des wahren Lebens: Sie spendet das Licht der Erkenntnis. „Diese Utopie lehrt uns, dass wir noch unendlich weit entfernt sind von unseren wahren Möglichkeiten. Das ist die Wahrheit, von der wir ausgehen“ (167).

8. Ich würde mir wünschen, dass bald ein weiteres Buch von Michael Hirsch folgt, in dem seine angedeuteten religionsphilosophischen Hinweise vertieft werden. Und in dem auch die aktuellen Fragen der Natur, der Ökologie, des Klimas und die vielleicht noch mögliche Rettung der Welt einbezogen werden … sowie die Gleichheit aller Menschen, auch der Flüchtlinge (in Deutschland und weltweit).

Michael Hirsch, „Richtig falsch“. „Es gibt ein richtiges Leben im Falschen“. TEXTEM Verlag, Hamburg, 2019, 192 Seiten. 16 Euro.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Die Würde des Menschen. Thesen im Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon Berlin am 30.8.2019

Von Christian Modehn
Diese Thesen sind Einladungen zum Weiterdenken und Diskutieren.

1. Das ist evident: Wir sind Teil einer Welt, in der die Würde des Menschen ständig verletzt wird. Viele fühlen sich hilflos und total frustriert in dieser Welt. Dass das würdelose Leben früher auch so war, etwa in der Sklaverei, dem Kolonialismus, der totalen Unterdrückung der Frauen und Homosexuellen, ist keine Entschuldigung dafür, dass die Würdelosigkeit heute auch in der angeblich „aufgeklärten“ und so reichen westlichen Welt noch besteht. Und vor allem in vielen Ländern außerhalb Europas sowieso.

2. Um nur an gewählte, so genannte demokratische Politiker zu denken: Trump oder Bolsonaro: Politiker, die ihre eigene menschliche Würde als Politiker preisgeben. Sie sind offenbar auf diese ihre allgemein wahrgenommene Würdelosigkeit noch stolz. Weitere Politiker könnten genannt werden.

3. Wir erleben AFD Politiker nicht nur im Wahlkampf, die ohne jeden Respekt demokratische Politiker und deren Leistungen in den Dreck ziehen. Und viele AFD Fans jubeln über so viel Verhetzung.

4. Dies führt zu zwei zentralen Fragen: Was ist Menschenwürde? Und: in welcher Weise können Menschen ihre Menschenwürde verlieren? Im reflektierten Erleben der Würdelosigkeit (anderer) „blitzt“ die Idee der Würde des Menschen inhaltlich – konkret (etwas) auf. In dieser Kontrast – Erfahrung des Nicht-Vorhandenen (der Würde) zeigt sich implizit das „Anwesende“, es zeigt sich als Utopie, als Ziel, als Ideal: das Gesuchte, die Menschenwürde.

5. Was ist Menschenwürde? Da werden wir als Philosophierende uns selbstverständlich an die grundlegenden Erkenntnisse von Immanuel Kant halten. Nur kurz gesagt: Für Kant ist Menschenwürde etwas Gegebenes, allerdings nicht sinnlich Greifbares: Denn die Würde des Menschen und aller Menschen ist deren Vernunft und damit deren Freiheit. Im Vollzug der Vernunft entdeckt der Mensch in sich das moralische (universale) Gesetz: den Kategorischen Imperativ. In der Entdeckung der Vernunft durch den Menschen wird also deutlich, dass er „etwas Heiliges“ in sich hat. Etwas, das den Menschen zum „Selbstzweck“ macht. Der Mensch hat niemals einen Preis. Niemand ist austauschbar wie ein Gegenstand.
Noch einmal: Diese in mir zu entdeckte „Gegebenheit“ der moralischen Selbstgesetzgebung und Freiheit macht meine Würde aus, und es ist niemals nur „meine“ Würde. Diese Würde teile ich sozusagen mit der Würde der ganzen Menschheit, und diese Menschheit lebt in allen Individuen. Wenn Individuen also im Sinne Kant würdevoll sind und Respekt verdienen, dann: Weil sie Teil der an sich würdevollen Menschheit sind.

6. Diese Erkenntnisse Kants in dieser formalen universalen Allgemeinheit sind auch inspirierend für die Autoren des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland gewesen. Sie hatten (obwohl vielfach Nazi-Mitläufer) die Gräuel der Nazi-Herrschaft vor Augen: Da sahen sie, und sie erlebten es ja auch auf die eine oder andere Weise: Die Menschenwürde kann sehr stark der Vernichtung ausgesetzt sein, wenn auch nicht auf Dauer definitiv ausgelöscht werden: Etwa in den KZs und in der Juden-, Sinti-Roma-Auslöschung, der Verfolgung und Ermordung der Homosexuellen und der Euthanasie Morde durch die Nazis als großem Teil des deutschen Volkes.
Tatsache ist: Die Menschenwürde als in jedem Menschen prinzipiell gegebene Struktur des Geistes kann nie total ausgelöscht werden, aber sie ist prinzipiell auch sehr bedroht, etwa auch in der „Gehirnwäsche“….

7. Das Grundgesetz sagt allgemein formuliert: „Die Würde des Menschen ist unantastbar“. Also: Diese Würde ist unantastbar für andere wie für den einzelnen Menschen selbst. Was heißt UNANTASTBAR: Der andere Mensch darf den unantastbaren anderen nicht manipulieren, nicht total instrumentalisieren (denn begrenzte und rechtlich kontrollierte Instrumentalisierung gibt es ständig: Beruflich lassen wir uns partiell z.B. notgedrungen „instrumentalisieren“…). Ausgeschlossen ist totale Instrumentalisierung, die den anderen zum Objekt macht; es darf keine Gehirnwäsche geben, keine Übergriffigkeit.

8. Kann der einzelne durch sich selbst, durch sein Tun, seine Würde korrumpieren, wenn nicht fast ausschalten? Ich meine, das passiert. Der einzelne kann zu einem würdelosen „Subjekt“ werden. Restbestände der Würde als geistige Freiheit und etwas Autonomie gibt es aber immer, man denke an die KZ Mörder, die doch noch so taten als wären sie liebevolle Väter. Aber dieser Restbestand an Würde hatte keine Wirkung der umfassenden Humanität mehr!

9. Der demokratische Rechtsstaat glaubt an Restbestände der Würde auch bei Schwerverbrechern, deswegen gibt es in einem Rechtsstaat keine Todesstrafe. Deswegen auch die Anstrengung und Hoffnung, dass eine „Resozialisierung“ im Knast möglich sein könnte.

10. Es gibt eine andere traditionsreichere Begründung der Menschenwürde in der biblischen Tradition.
Sie lehrt: Der Mensch ist ein Abbild, ein Ebenbild, Gottes selbst. „Gott schuf den Menschen als sein Ebenbild“, heißt es im Buch Genesis, Kapitel 1, Vers 27. Dieser Text stammt von Autoren, die um 600 lehrten und schrieben. Man nennt diesen Text die „Priesterschrift“. Ebenbild heißt: Der Mensch ist in gewisser Weise so „heilig“ wie Gott heilig ist. Eine detaillierte Beschreibung des „Gesichtes“ Gottes ist natürlich nicht gemeint.
Diesem Text schließt sich gleich an im Buch Genesis, also dem 1. Buch Moses, die viel ältere Schöpfungslehre, die 3000 Jahre alt sein soll, die so genannte Jahwistische Schöpfungslehre. Dort ist keine Rede von der Gott – Ebenbildlichkeit. Es ist die Rede davon, dass der Mensch vom Lebensatem Gottes lebt. Beim Jahwisten wird der Mensch, der Mann zuerst, von Gott aus der Erde, vom Ackerboden, geschaffen. Und dann heißt es: „Gott blies in seine Nase den Lebensatem. So wurde der Mensch zu einem lebendigem Wesen“ (Genesis, 2, 7f.)
Eine interessante Perspektive: Der Mensch lebt vom Lebensatem Gottes. Mensch und Gott sind also wesentlich im Atem, im Atmen, verbunden.
Leider wurden diese Perspektiven später verdeckt durch die kirchliche theologische These: Der Mensch sei wesentlich Sünder. Auch haben die Kirchen aus dieser Lehre der so wertvollen Gott- Ebenbildlichkeit des Menschen keine politischen Konsequenzen gezogen. D.h. Sie haben die Menschenrechte nicht erfunden und nicht verteidigt.

11. Es gibt neue philosophische Debatten über die Menschenwürde. Einige Autoren halten die Menschenwürde nicht für etwas Innerliches, allen Menschen von vornherein Gegebenes. Menschenwürde sei vielmehr etwas jeweils erst zu Gestaltendes. Der Philosoph Franz Josef Wetz behauptet (in: Der Wert der Menschenwürde, Paderborn 2009, Seite 61): „Menschenwürde ist nur ein Gestaltungsauftrag, nicht jedoch ein Wesensmerkmal des Menschen“. Menschenwürde ist also nicht, wie Kant sagt, etwas allen Menschen schon Vor-Gegebenes. Sondern etwas, das nur durch Anstrengungen der Menschen überhaupt erst existiert.
Meine Meinung: Anstrengungen zur Entwicklung der Menschenwürde sind ja richtig, aber sie beziehen sich auf etwas Vorgebenes, vielleicht „Schlummerndes“, das in der Tat wachgerufen wird. Wetz meint hingegen, es gebe keine „vorgefundene Wertabsolutheit des Menschen und der unantastbaren Heiligkeit des menschlichen Lebens, dies müsse man hinter sich lassen (S. 58).
Ich halte diese Überzeugung für falsch und politisch (im Sinne der universalen Menschenrechte) für gefährlich. Der australische Philosoph Peter Singer etwa hält – allen Ernstes – in seinen Publikationen die Würde eines Menschenaffens für schützenswerter als die Würde eines schwerstbehinderten Babys. Dieses zu behaupten ist nicht nur grober Unfug, sondern politisch – ethisch desaströs.

12. Menschenwürde ist von „Ehre“ unterschieden. Ehre ist etwas Äußerliches und Veräußerlichtes. Ehrenvoll leben heißt nicht automatisch würdevoll leben. So viele „Ehrwürden“ oder gar klerikale „Hochwürden“ waren und sind alles andere als voller Würde. Da werden Leute im Rahmen eines bestimmten (falschen?) Wertesystems geehrt, die dies eigentlich, moralisch, gar nicht verdient hätten. Nicht jeder Geehrte ist auch würdig. Oder wird voreilig geehrt, wie etwa einige Preisträger… Andererseits leisten etwa Widerstandskämpfer gegen Diktaturen (um ihres öffentlichen Nachlebens wegen) ihren Widerstand oft explizit „aus Gründen der Ehre“. Sie meinen aber tatsächlich ihre Würde.
Die meisten Ehrendenkmäler und Heldengedenkstätten sind überflüssig, sie dienen nur der Propagierung des Krieges. Und dienen dem Wahn des Nationalismus.

13. Würde der Menschen ist etwas, das verteidigt werden MUSS! Deswegen gehört zu einer philosophischen Reflexion automatisch die Frage: Was tue ich, um die Würde der Milliarden Würdeloser und Entwürdigter Menschen zu verteidigen und schützen? Ich kann immer nur einzelne Entwürdigte schützen und verteidigen. Aber jeder und jede sollte als notwendige Konsequenz dieser Überlegungen für Würdelose und Entwürdigte eintreten, durch Informationen, Korrespondenzen, Kontakte, und auch dies: materielle Hilfe. Dieser Hinweis hat nichts mit „Moralin“ zu tun, sondern mit der Aufforderung, der eigenen Würde zu enstprechen. Die es auch zu schützen gilt.

14. Über das Buch von Gerald Hüther, Würde, 2019, habe ich schon früher einen Hinweis geschrieben.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Philosophische Stadtführer: Ein Buch über Bamberg

Ein Hinweis von Christian Modehn

Das hat es bisher noch nicht gegeben, auf dem wachsenden Markt der „Reiseführer“: Bücher, die speziell die Vergangenheit und Gegenwart der Philosophie in einer Stadt anschaulich beschreiben und auch speziell „philosophische Spaziergänge“ anbieten: Dabei hat es doch einen ungewöhnlichen Charme, auf den Spuren von Philosophen und philosophierenden Künstlern oder Schriftstellern durch eine Stadt zu wandeln … einiges zu lesen, unter kompetenter Begleitung zu Debattieren und ins Reflektieren zu kommen.

Für Bamberg ist vor kurzem ein „Stadtphilosophischer Lehrpfad“ erschienen: Meines Wissens in dieser Form ein Novum! Das Buch der Philosophen Andreas Reuß und Matthias Scherbaum verdient also Beachtung nicht nur bei denen, die sich für diese Stadt als „Weltkulturerbe“ interessieren, sondern auch bei allen, hoffentlich bei Verlegern, die „Philosophie und Stadt“ bzw. noch spezieller „Philosophie und Tourismus in der Stadt“ in Büchern gestalten wollen. Bekanntlich sind spezielle Reiseführer zur jüdischen Geschichte und zum jüdischen Leben sehr erfolgreich, wie auch Reiseführer „auf den Spuren von Künstlern, Literaten und Dichtern“. Nun also könnte eine neue Dimension von Reiseführern entstehen, zumal die Philosophien und damit auch etliche Philosophen heute aus der engen Welt der Universität herausgefunden haben.

Der philosophische Stadtführer zu Bamberg beschreibt viele Orte in der Stadt, die eine philosophische Vergangenheit für die Gegenwart sichtbar machen: Dabei wird nicht nur an den Aufenthalt Hegels in der Stadt erinnert und bei der Gelegenheit einiges Wesentliche über dessen philosophischen Ansatz vermittelt. Immerhin hat ja Hegel sein erstes ganz großes Werk „Die Phänomenologie des Geistes“ im Jahr 1807 in Bamberg veröffentlicht. Er arbeitete dort übrigens als Chefredakteur der „Bamberger Zeitung“, ein Job, der ihm gar nicht gefiel. Und von journalistischer Leichtigkeit und Zugänglichkeit ist seine „Phänomenologie“ jedenfalls nicht geprägt. Aber das Buch hat trotzdem bis heute „Geschichte gemacht“. Leider fehlt es offenbar an Orten und philosophischen Salons in Bamberg, wo Interessierte, auch Touristen, über die „Phänomenologie des Geistes“ oder Hegel „überhaupt“ ins Gespräch kommen könnten.
Vor Hegel hatte schon sein Studienfreund Schelling Bamberg besucht und naturphilosophische Vorlesungen gehalten, im Zusammenhang auch mit dem berühmten Arzt und vorbildlichen Klinikgründer Dr. Marcus. Auch der Philosoph Ludwig Feuerbach hat Beziehungen mit Bamberg: Er ging hier zur Schule. Schwer zu sagen, ob er sich angesichts der Überfülle von Kirchen und katholischen Traditionen damals (heute eher etwas marginaler) gerade deswegen zu einem Religionskritiker entwickelt hat.
Natürlich werden in dem Buch die großen Bamberger Kirchen auch philosophisch gewürdigt, etwa der Dom und der Domplatz oder das Karmeliterkloster mit seinem berühmten Kreuzgang. Philosophen und Theologen des Mittelalters begegnen dem Leser und Stadtbesucher etwa auf dem Michelsberg, die Autoren bieten einige Hinweise zu den „Lehren“ der jeweiligen Philosophen, diese Hinweise wirken manchmal etwas lexikalisch und „abstrakt“. Auch der Begründer des „Gregorianischen Kalenders“, der Jesuit Christophorus Clavius (1538 – 1612) ist, weil in Bamberg geboren, in dem Buch erwähnt.
Und das ist wohl gut so: Denn ein philosophischer Stadtführer, bestimmt „für viele“, muss den Begriff der Philosophie eher weit fassen und auch Forscher, Schriftsteller, Dichter und Künstler einbeziehen: Denn auch sie inspirieren zum philosophischen Reflektieren. So wird etwa E.T.A. Hoffmann in dem Buch „Stadtphilosophischer Lehrpfad Bamberg“ zwar erwähnt, für mich leider viel zu kurz. Und der „Lehrpfad“ selbst führt leider nicht zu seinem Wohnhaus, das heute ein kleines, aber feines Museum ist.

Was könnte ein philosophischer Reiseführer alles bieten, etwa über Berlin: Leibniz, Fichte, Hegel auch und Schelling, Kierkegaard, Marx, Schleiermacher, Guardini, sie alle und viele andere, etwa die Kantianer oder philosophisch gebildeten protestantischen Theologen hatten in Berlin ihre Orte, Benjamin auch in Grunewald … und all die Künstler, auch die Russen, die in Berlin (kurz) lebten, etwa der russische Philosoph Berdjajew: Was für ein prächtiges philosophisch und sicher auch unterhaltsames Buch könnte entstehen, auch ein Gedenken an den philosophierenden König Friedrich II, den „Alten Fritz“, der, tolerant wie er war, den Katholiken in Berlin die St. Hedwigskathedrale baute im Stil des römischen Pantheons. Ein solches Buch, das Philosophieren in die jeweiligen Lebensbedingungen der Stadt platzierend, und mit Adressen gegenwärtiger philosophischer Orte (Salons z.B.), könnte Menschen in die Philosophie führen. Es wäre ein Projekt, selbstverständlich mit entsprechenden Büchern über München, Frankfurt, Heidelberg, Paris, Amsterdam usw. für junge journalistisch begabte PhilosophInnen…

„Stadtphilosophischer Lehrpfad Bamberg“. Von Andreas Reuß und Matthias Scherbaum. Erich Weiss Verlag, Bamberg 2018. 168 Seiten.

Copyright: Christian Modehn Religionsphilosophischer Salon Berlin.

PS: Der Obertitel für die hier empfohlene Buchreihe könnte heißen: „Denk-Städte“. Diesen Titel reserviere ich mit copyright: 16.8.2019 Christian Modehn

Die freien Geister und Freigeister suchen ihre eigene Spiritualität: Über ein Buch von Lorenz Marti

Ein Buch – Hinweis von Christian Modehn

Das neue Buch von Lorenz Marti hat den Titel „Türen auf“. Natürlich sind damit auch die massiven Kirchenportale und schweren Eichentüren der Kathedralen gemeint, die, wie z.B. in Deutschland, so oft verschlossen sind. In „heiligen Tempeln“ sollte hingegen immer, bei offenen Türen, frischer Wind wehen. Davor haben aber bestimmte Herren (der Kirchen) Angst. Sie mögen den alten Staub und den leicht muffigen Geruch.
Also: „Türen auf“. Und dies ist vor allem eine Forderung an den einzelnen, sich selbst zu öffnen und Verpanzerungen abzulegen. Entscheidend für die Lektüre dieses anregenden Buches von Lorenz Marti ist der Untertitel „Spiritualität für freie Geister“. Auf Spiritualität kommt es an, nicht auf Dogmen, nicht auf religiöse Institute, „Religionen“. Sondern auf die ungebrochene und niemals zu kontrollierende Lebendigkeit des Geistes, des „spiritus“, der alle Menschen auszeichnet in allem Fragen, Forschen und religiösem Suchen. Also ist jeder und jede „irgendwie“ spirituell. Lorenz Marti legt Wert darauf, sich an „freie Geister“ zu wenden. Man möchte meinen, wohl auch an „Freigeister“, an Menschen also, die alte Verklammerungen an überlieferte Dogmen aufgegeben haben. Und zum Beispiel aus der Kirche ausgetreten sind. Die also aus der Sicherheit des „Gott-Habens“ ausbrechen mussten aufgrund eigener Lebenserfahrungen. Und die nun Ausschau halten, experimentieren, fragen, das neue Eigene suchen, das ihnen vielleicht vorübergehend eine Basis im Leben sein kann. Eine solche Spiritualität ist in Zeiten der „Kirchenaustritte“ förmlich eine Notwendigkeit!

Lorenz Marti, Publizist und früher Journalist beim Schweizer Radio DRS in Bern, wendet sich also an die vielen Menschen, die in den Kirchen „spirituell heimatlos“ geworden sind. Aber doch einige Einsichten und Weisheiten des Christentums (und anderer Religionen) für sich bewahren wollen. Diese zunehmend große Gruppe der vielen tausend Menschen in Europa bezeichnet die Religionssoziologie als „Konfessionslose“, definiert sie also über einen Verlustbegriff „ – lose“. So, als hätten sie nichts mehr an Spiritualität. Dabei sind diese vielen Menschen doch gar nicht „ohne“ oder „-los“. Sie bilden oft ihre eigenen spirituelle Haltungen. Sie sind also, institutionell meist nicht mehr organisiert, freie Geister. Ob sie neue Orte des Gesprächs suchen und wollen, wäre eine Frage. Marti erwähnt als seinen Gewährsmann zu recht den Theologen Friedrich Schleiermacher: Für ihn war ja Kirche auch ein „Ort geselligen Miteinanders und des Zusammenseins“ unterschiedlicher Menschen. Solche neuen offenen Gemeinden, warum nicht als „offene Salons“ gestaltet, bräuchten vielleicht einige der „freien Geister“ zum Austausch. Warum nicht auch dies: Zum Lernen als Neues Entdecken.

Und genau sie werden von Lorenz Marti in seinem Buch zum Mitdenken und vor allem zum Weiterdenken eingeladen in insgesamt 46 kurzen Essays, die nie mehr als drei bis vier Buchseiten beanspruchen. So ist förmlich eine Art „Brevier“ für den Alltag entstanden: Ich würde fast den praktischen Rat geben: Man lese jeden Tag einen Beitrag und verwende mindestens die doppelte Zeit noch einmal zur Reflexion, wenn nicht zur Meditation. Manche Beiträge bieten grundsätzliche Reflexionen, etwa über „Gott“: „Ein unmögliches Wort“ (S. 144), andere Essays orientieren sich an Dichtern, wie Rilke, Gertrude Stein oder Mascha Kaleko.
Diese Essays sind unter neun Kapiteln zusammengefasst, die sich auf zentrale Haltungen und Werte beziehen: Aufbruch, Freiheit, Sinn, Vertrauen, Verbundenheit, Gelassenheit, Wahrheit, Offenheit, Zuversicht. Und zum Schluss noch der schöne Text „Eine Kerze anzünden“.
Was an den Essays fasziniert, ist auch die persönliche Sprache. Da spricht ein „Ich“, das selbst als freier Geist doch bewegt ist von einigen Weisheiten des Christentums, andererseits doch die Last der dogmatischen Lehren nicht mehr mit sich herumschleppen will. So plädiert der Autor in „sanfter Argumentation“, möchte man sagen, ruhig, nie arrogant, nie belehrend, für eine Unterscheidung der eigenen Geister, die in jedem Menschen auch religiös drängen und drängeln. Lorenz Marti plädiert letztlich für eine „Religion in ihrem humanistischen Gewand“. Und er weiß, was das reformierte Christentum, der Protestantismus, „eigentlich“ sein könnte, wenn er den liberalen Theologen Ulrich Barth (Halle an der Saale) zitiert: „Protestantismus heißt der Traum einer Religion für freie Geister“ (S. 50). Diese freien Geister wissen von ihren Grenzen, verzichten aber nicht aufs Hoffen: “Ein japanisches Sprichwort: Fällst du sieben Mal um, so stehe achtmal auf. Das ist Gnade… und dafür sage ich Danke“ (S. 112). Und dann wird der offene Geist als solcher deutlich formuliert: „Vielleicht hat dieses Danke eine konkrete Adresse, vielleicht aber auch nicht…“ Suche also jede Leserin, jeder Leser, ob er eine konkrete Adresse finde für sein „Danke fürs Dasein“. Es ist diese wohlwollende Offenheit, die keinen theologischen oder ideologischen Denk-„Zwang“ ausübt, dies macht die Lektüre des Buches so erfreulich … und hilfreich.
Was mir besonders gefallen hat? Vor allem dieser Satz: “Das Feuer hüten und nicht die Asche bewahren. Der Geist der Rebellion darf nicht erlöschen“ (S. 95).

Lorenz Marti, „Türen auf. Spiritualität für freie Geister“. Herder Verlag, August 2019, 192 Seiten. 18 Euro.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.