Wenn die Rechtspopulisten zornig werden…

Ein neues Buch der Soziologin Cornelia Koppetsch über „Rechtspopulismus im globalen Zeitalter“

Ein Hinweis von Christian Modehn

Den Rechtspopulismus neu verstehen: Das ist das Ziel der umfangreichen Studie der Soziologin Cornelia Koppetsch (Prof. an der TU Darmstadt), ihr Buch aus dem Transcript Verlag ist am 19. Mai 2019 erschienen und hat seitdem viel Aufmerksamkeit in der Presse gefunden.
1.
Das Buch erfordert von den LeserInnen, die nicht professionelle Soziologen oder Politologen sind, eine große Lektüre Anstrengung, weil etwa allein die (langen) Sätze voller Substantive sozusagen „wimmeln“, was bekanntlich jegliche Lesefreude, die einem guten Stil voller Verben verpflichtet ist, sehr erschwert.
2.
Zudem ist das Buch vor dem Mord an dem Regierungspräsidenten Walter Lübcke (Kassel) am 2.Juni 2019 geschrieben worden: Dieser Mord stellt bekanntlich eine nun ganz offensichtliche „Qualität“ der Aktionen sehr rechtslastiger Kreise dar: Mord und Totschlag, sowie Brandattacken, von sehr rechtslastigen Kreisen gelten ab sofort nicht mehr „nur“ den Flüchtlingen und ihren Unterbringungen, von „Heimen“ sollte man angesichts dieser Unterbringen besser nicht reden. Die üblichen verbalen Attacken und Beleidigungen, dieses Schmähen der Demokratie und der Menschenrechte, wird nun offenbar praktisch, d.h. mörderisch. Diese Attacken gelten gezielt demokratischen, den Menschenrechten verpflichteten Politikern. Von bloßem „Rechtspopulismus“, wie der Buchtitel suggeriert, nur zu sprechen, erscheint mir schon deswegen als gar nicht treffend und auch etwas zu wohlwollend für diese Kreise.
3.
Es ist wohl einzig angemessen, auch angesichts der AFD Führer etwa in Thüringen oder Brandenburg, von Rechtsextremismus im Zusammenhang der AFD zu sprechen. Wie dies andere Forscher und kompetente Journalisten, etwa im WDR tun, und nun ihrerseits mit dem Leben bedroht werden. „Der AFD geht es letztlich um einen Bruch mit zentralen Werten des Grundgesetzes“, schreibt nicht etwa Cornelia Koopetsch, sondern Wissenschaftler wie Christoph Butterwegge, Gudrun Hentges und andere in dem Buch „Rechtspopulisten im Parlament“ sehr richtig.
4.
Von der AFD als einer Gestalt des bloßen Rechtspopulismus zu sprechen, erscheint mir also als überholt, und sogar falsch selbst wenn die Autorin zwischen den radikalen Führern der AFD (Höcke und Co.) und den Mitgliedern bzw. Wählern unterscheidet. Diese Mitglieder und Wähler der AFD hält Cornelia Koppetsch letztlich für konservative Irregeleitete: Wenn diese Kreise aber nur diese Merkmale haben, also noch kritisch reflektieren können, dürfte man konsequenterweise erwarten, dass sie die AFD als Partei Mitglieder verlassen oder diese Partei nicht mehr wählen: Beides tun diese Kreise aber nicht, und zwar wider besseren Wissens über die permanent verbale und oft schon faktische Gewalt einiger Leute aus dem AFD Umfeld. Das wichtige Buch von Andreas Speit, (Hg.) „Das Netzwerk der Identitären“ ist im Oktober 2018 erschienen, es wird von Koppetsch nicht erwähnt. Aber es zeigt: „Die AFD steckt mit den Identitären unter einer Decke“.
5.
Mich freut, wenn die Autorin ganz am Ende ihrer Studie „die Rechtsparteien“ (von Extremisten ist wieder keine Rede) ein so wörtlich „hochwirksames Gift“ nennt, das diese “Rechtsparteien“ „in den Gesellschaftskörper schleusen“ (Seite 258). Sie schreibt anschließend die für mich kryptische, aber irgendwie auch gefährliche Prognose: “Wenn die Zeichen nicht trügen, dann stehen uns konfliktreiche Zeiten bevor. Das muss nicht zwangsläufig eine schlechte Nachricht sein“ (ebd.) Die konfliktreichen Zeiten sind doch längst da, mindestens seit 4 Jahren. Was soll denn an den konfliktreichen Zeiten „keine schlechte“!, also eine gute Nachricht sein, wenn man die Unbelehrbarkeit der AFD Führer bedenkt und die faktische tötende Gewaltbereitschaft. Ich habe den Eindruck, die Professorin Cornelia Koppetsch unterschätzt deutlich die AFD.
6.
Freilich: Die Darstellung dieses „Gifts“, also die AFD, hat schon dadurch ihre erhebliche und sehr bedauerliche Grenze, dass in dem Buch fast ausschließlich nur von der AFD die Rede ist. Als hätten wir nicht in unserer unmittelbaren west-europäischen Nachbarschaft nicht längst hochgiftige, also nicht nur „rechtspopulistische“, sondern eben rechtsextreme Parteien in ihren Aktionen vor Augen: So ist von der von so vielen Beobachtern rechtsextrem genannte FPÖ in dem Buch soweit ich sehe keine Rede. Dieser Mangel ist besonders gravierend, weil die FPÖ seit Jahrzehnten mit widerlichen Hasstiraden die Reste demokratischer Kultur in Österreich zerstört. Die Partei von Marine Le Pen in Frankreich wird ganz kurz im Zusammenhang der „Nouvelle Droite“ erwähnt, von den rechtspopulistischen Parteien in den Niederlanden oder Belgien ist keine Rede, obwohl die AFD sichtbar seit Jahren mit den Parteiführern dieser europäischen so genannten rechtspopulistischen Parteien auch gemeinsam auftritt. Auch von der Beziehung dieser Parteien, auch der AFD, mit PUTIN ist in dem Buch keine Rede.
Nebenbei: Ich empfehle nicht nur der Autorin, sondern allen Lesern dieses Textes die kritische Studie über die FPÖ, die ja bekanntlich heftig verbandelt ist mit der ÖVP( mit Sebastian Kurz und Co). Siehe das Buch von Robert Misik. https://religionsphilosophischer-salon.de/11616_niedergang-der-demokratie-heute-ueber-oesterreich-und-europa_aktuelle-buchhinweise/philosophische-buecher
7.
Was ich an dem Buch von Cornelia Koppetsch noch problematischer finde: Die Autorin schreibt in ihrer „Danksagung“ auf Seite 259: Sie bedanke sich „bei meinen Bekannten aus der AFD, die mir in vielen Diskussionen ihre gesellschaftlichen Sichtweisen dargelegt haben“. Wenn die Autorin also erläuternde „Bekannte“ in der AFD hat, von Freunden ist ja nicht die Rede, warum werden diese nicht ein einziges mal zitiert: Haben die Bekannten der Autoren Angst, genannt zu werden? Dann hätte die Autorin doch wenigstens aus der einschlägigen AFD Presse und den Stellungnahmen der AFD Führer wichtige Zitate bringen und diskutieren können. Man wird aber keinen einzigen O TON aus AFD Kreisen in dem soziologischen (!) Buch über die AFD finden, sondern nur Zitate aus (z.T. älteren) Studien ÜBER die AFD. Das finde ich, gelinde gesagt, für eine soziologische Studie ( „Feldforschung“ ?) etwas seltsam. So wird kein Wort gesagt über das Parteiprogamm der AFD, das bei Lektüre jeglichen Anschein zerstört, als wäre die Partei sozialpolitisch ganz aufseiten der Armen und Ausgegrenzten.
8.
Trotz dieser Kritik an dem Buch lohnt sich die für gebildete Kreise mühsame Lektüre des Buches doch ein bißchen: Es geht ja um eine Erläuterung des „Zorns“, der sich in den AFD Kreisen Ausdruck verschafft. Dabei folgt Koppetsch den Zorn – Analysen von Peter Sloterdijk. Der Kern ihrer Aussage: Vielfältige Kreise der Gesellschaft, nicht nur Menschen aus dem „Prekariat“, sondern auch vor allem konservativ bürgerliche Männer, sind böse und zornig: Weil sie angesichts der Globalisierung nicht nur die dadurch bedingten Umbrüche nicht mehr verstehen. Sondern weil sie sich beruflich, finanziell und existentiell degradiert sehen. Sie fühlen sich förmlich aus der altvertrauten Bahn ihres üblichen Lebens geworfen. Und sie geben für diesen Verlust an innerer wie äußerer vertrauter Heimat den Fremden, den Flüchtlingen, vor allem die Schuld. Und indirekt auch den Politikern, die sie für die „abgehobenen Eliten“ halten und manchmal noch kosmopolitisch und humanistisch denken, wie die Kanzlerin in den ersten Tagen, als 2015 viele Flüchtlinge nach Deutschland kamen. .
Diese Zusammenhänge werden von Cornelia Koppetsch sehr ausführlich dargestellt. Zusammenfassend glaubt sie sogar feststellen zu müssen, dass die AFD Wähler „auch nachvollziehbare Gründe für die Zurückweisung liberaler Gesellschaftsbilder, emanzipatorischer Politikmodell und linksliberaler Eliten haben“ (257). Diese rechtspopulistischen Kreise, die ja, wie gesagt, in dem Buch nie rechtsextreme Kreise genannt werden, haben also für Frau Koppetsch subjektiv gute Gründe, antiliberal zu sein. Also damit wohl auch gegen die vom Liberalismus nun einmal formulierten Menschenrechte zu stimmen: Weil diese Rechtspopulisten schlicht und einfach meinen, summarisch gesagt, diese liberalen Kreise seien arrogant, herrschsüchtig, verlogen, kosmopolitisch und empfinden damit anti-heimatlich. Sie werden von den Rechtspopulisten förmlich zu „Volksfeinden“ erklärt.
Der feine Unterschied ist doch der: Diese liberalen oder sozialdemokratischen oder grünen Kreise halten jedenfalls noch sehr viel von den Menschenrechten, auch wenn sie wissen, dass sie den Forderungen der Menschenrechten sehr selten persönlichen ganz entsprechen. Aber sie halten die Menschenrechte immerhin noch hoch und fordern sie von den Politikern. Die AFD Leute setzen sich meines Wissens hingegen nicht subjektiv und auch nicht objektiv in der Politik für die Geltung der universalen für alle Menschen geltenden Menschenrechte ein. Denn: „Wir sind das Volk“, also alles bestimmend. Deswegen: Germany first, USA first: Menschenrechte, wenn überhaupt, ganz zuletzt. Das sind die Unterschiede, die leider Frau Koppetsch bei ihrem Verständnis, ich sage ja nicht versteckte Sympathie für die AFD nicht sieht und auch nicht sagt. Mit der Elite der, Gott sei Dank, noch herrschenden Demokraten sind die Menschenrechte noch einklagbar. Und es gibt noch Menschen bei Greenpeace oder Ärzte ohne Grenzen oder an der lebendigen Basis der Kirchen, die diese Menschenrechte faktisch leben. Mit der AFD Clique ginge das ganz und gar nicht. Schade, dass das Frau Koppetsch nicht sagt.
9.
Mit scheint, dass Cornelia Koppetsch durchgängig die These variiert: Schuld am Aufkommen des Rechtspopulismus sind die liberalen, demokratischen Kreise: Sie grenzen aus, sie ignorieren die alten Werte, sie sind egoistisch. Man lese die immer wieder kehrende Beschreibung, dass sich die Liberalen als Wohlhabende abschotten von den ärmeren Leuten; dass die Liberalen den Kapitalismus faktisch bejahen, selbst wenn sie ihn theoretisch ablehnen. Und vor allem auch dies ist eine wichtige These der Autorin: Sie sind verlogen, weil sie selbst ausländerfeindliche oder flüchtlingsfeindliche Ressentiments haben. Diese aber verstecken und nicht öffentlich zugeben.
10.
Aber immerhin sind die von Frau Koppetsch kritisierten liberal-wohlhabenden Kreise, zu denen sie ja als Professorin selbst gehört, immer noch zur Selbstkritik in der Lage. Sie sind lernbereit. Und auch dies: Sie sind bekanntlich, gerade aus Kirchenkreisen, sehr hilfsbereit. Auch für die Flüchtlinge. Mit ist nicht bekannt, dass auch nur im entferntesten irgendein AFDler aktiv positive Flüchtlingshilfe leistet. Falls ja, bitte melden!
11.
Religionen und Kirchen werden in dem Zusammenhang von der Autorin äußerst marginal erwähnt, sie sind für sie eher eine vergangene Gestalt gesellschaftlicher Präsenz, lediglich die Evangelikalen werden kurz gewürdigt. Bezeichnenderweise ist soweit ich sehe das wichtigste und zitierte Buch über Religionen für die Autorin das Buch von Martin Riesebrodt von 1990.
12.
Was mich am meisten erstaunt, mit welcher Naivität positiv gestimmt die Autorin mit dem Begriff des „Nationalen“ und der „Nation“ umgeht. Sie schreibt: „Die Identifikation mit der Nation war eine progressive, keine regressive Kraft“ (186, ähnlich auch 252). Die Identifikation mit einer Nation war und ist die Hauptursache für Kriege und Aggressionen: Man muss kei Fachhistoriker sein, um dies zu wissen. Erstaunlich, dass eine Soziologin sich zu solcher Verteidigung der Nation hinreißen lassen kann. Vielleicht hat sie etwas zu viel mit ihren Bekannten von der AFD verständnisvoll geplaudert…
13.
Schlimm finde ich auch die eher nebenbei geäußerte Meinung zur Holocaust-Erinnerung: Cornelia Koppetsch schreibt: „Als wenig hilfreich erweist sich auch eine Holocaust-Erinnerung, die in leeren Ritualen und monumentalen Denkmälern und auf das Singuläre (kursiv von Koppetsch) der Gräueltaten von Auschwitz und Treblinka gerichtet ist, während dem bis heute wirksamen kolonialen Rassismus sowie tief verwurzelten islamophoben Einstellungen weitaus weniger Beachtung geschenkt wird“ ( 252 f.). Dass Islamophobie zu wenig kritisiert wird genauso wie die koloniale Rassismus, ist wohl klar. Aber muss man deswegen die Holocaust-Erinnerung herunterspielen und falsch beschreiben, indem die Autorin von „leeren Ritualen“ und monumentalen Denkmälern spricht: Welche monumentalen Denkmäler meint sie eigentlich? Was ist „leer“ an humanen Ritualen, wenn Menschen voller Trauer auf dem Gelände ehemaliger KZs mit den wenigen noch Überlebenden ins Gespräch kommen und gemeinsam laut ein „Nie wieder“ sagen oder schreien?
Angesichts des zunehmenden aggressiven Antisemitismus in Deutschland und Europa (die AFD tut nur so, als wäre sie pro-jüdisch, um dann nur um so mehr anti-islamisch zu sein), sind diese Sätze von Cornelia Koppetsch nicht nur überflüssig, sondern falsch. Hat sie die Äußerungen von Herrn Gauland über die Nazi-Terror-Herrschaft mit der systematischen Ermordung von 6 Millionen Juden vergessen? Als dieser AFD Führer im Juni 2018 (!), also noch zur Zeit der Arbeit an dem Buchmanuskript, sagte: „Die NS Zeit ist nur ein Vogelschiss in der deutschen Geschichte“.
14.
Auch wenn einige Aussagen, sowie einige gut nachvollziehbare grundlegende Darstellungen etwa über Norbert Elias (206 f.) interessant sind: Abgesehen von der zweifellos zu bedenkenden und manchmal bedenklich arroganten Haltung der Liberalen und der Demokraten sehe ich in dem so ausführlichen Buch keinen bedeutenden Erkenntnisgewinn. Die politische Geschichte in Deutschland (und bei den europäische Nachbarn) ist im Zusammenhang des so genannten Rechtspopulismus und der AFD über die Erkenntnisse dieses Buches längst hinausgegangen, siehe die tiefe historische Zäsur durch den Mord an Walter Lübcke. Dieser Bruch in der Demokratie begann wahrscheinlich schon, als die NSU Morde geschahen und die deutsche Justiz Jahre lang geschlafen hat in der Verfolgung dieser Verbrecher.
15.
Das von Koppetsch angedeutete GIFT des Rechtspopulismus wird bereits heute mehrfach „eingesetzt“. Und zwar tödlich. Und die nun ja auch bereits zum Teil rechtslastige Polizei ist überfordert, angeblich. Und die Richter urteilen im Falle von rechtsextremer Gewalt meist sehr milde.
Das ist unsere Situation. Und da zeigt sich meines Erachtens genauso wichtige ZORN der Demokraten. Sie wollen in ihrem Zorn aber im Unterschied zur AFD eine bessere Demokratie. Und die Geltung der für alle Menschen geltenden Menschenrechte!

Cornelia Koppetsch, Die gesellschaft des Zorns. Rechtspopulismus im globalen Zeitalter. 283 Seiten, Transcript Verlag im Mai 2019, Taschenbuch 19,99 Euro.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Die Kraft des Vergebens. Eva Kor vergibt dem SS Arzt Mengele

Im „Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon“ berichten auch KorrespondenTinnen über Erfahrungen, Begegnungen, Einsichten. Diesmal Monika Herrmann, Berlin, über eine Begegnung mit der Jüdin Eva Kor. Ihre Botschaft: Verzeihen ist eine Fähigkeit, die den Menschen befreit; er kann sich aus den angeblich ewigen negativen Gefühlen aus Haß und Verachtung lösen. Der dunkle Horizont im Leben lichtet sich im Akt der Vergebung, er ist ein Zeichen der Größe.

Vergebung bedeutet Freiheit
Über den Mut einer ungewöhnlichen Frau berichtet Monika Herrmann, Berlin, zuerst veröffentlicht am 17.9.2010

Eva Kor ist am 4. Juli 2019 gestorben. Eine großartige Frau. Ein Mensch, der vergeben kann (ohne dabei zu vergessen). Vor fast 10 Jahren veröffentlichten wir einen Beitrag von Monika Herrmann, als Erinnerung an Eva Kor.

Dass sie müde ist, lässt Eva Mozes Kor sich nicht anmerken. Die 76-jährige alte Dame mit der blond gefärbten Kurzhaarfrisur sitzt in der Berliner Martha-Kirche und erzählt ihre Geschichte: Rund 100 Zuhörer sind gekommen. Es ist die Geschichte eines Holocaust-Opfers, das seinen Peinigern vergeben hat.
Eva war ein kleines jüdisches Mädchen als sie und ihre Zwillingsschwester Miriam für so genannte Rassen-Experimente von Josef Mengele missbraucht wurden, von jenem SS-Arzt, der im Auftrag der Nationalsozialisten Menschenversuche an KZ-Insassen durchführte. Eva ist eines seiner Opfer; aber sie hat ihre Opferrolle verlassen. „Ich habe Mengele und all den anderen Nazis vergeben“, erklärt sie an diesem Abend in der Kreuzberger Kirche. Kann man das überhaupt?, fragen sich viele Zuhörer? Muss man nicht Menschen wie Mengele hassen? Und zwar für immer?
Seit rund 50 Jahren lebt Eva Mozes Kor in den USA. Aber Deutschland, das Land der Täter, ist immer wieder Ziel ihrer Reisen. Auch Berlin besucht sie dann. „Ich liebe diese Stadt, die Menschen sind sehr nett“, sagt sie höflich. Manchmal, wenn ihr beim Reden der Ärmel des hellblauen Kostüms ein wenig nach oben rutscht, wird die Häftlingsnummer sichtbar, die sie in Auschwitz eintätoviert bekam: A-7063 steht da noch immer lesbar auf ihrem rechten Arm.
Eva und Miriam werden 1934 im rumänischen Portz in einer jüdischen Familie geboren. Als 10-jährige werden sie mit ihren Eltern und den älteren Schwestern in das Konzentrationslager Auschwitz deportiert. „Als wir aus dem Waggon getrieben wurden, sah ich den grauen Himmel und den Stacheldraht. Miriam und ich wurden dann sofort von der übrigen Familie getrennt. Wir haben uns nie wieder gesehen“, erzählt Eva Kor. Die kleinen Mädchen begreifen erst allmählich, dass sie gebraucht werden für medizinische Experimente, die Mengele im Rahmen seiner Rassenforschung in Auschwitz an Zwillingspaaren macht. „Miriam und ich erfuhren von Gaskammern und Krematorien, wir lebten von da an mit dem Sterben der Menschen. Wir sahen ausgemergelte Kinderleichen und schliefen zwischen Ratten und Mäusen. In diesem Moment beschloss ich, zu überleben“, erklärt die alte Dame. Mehrmals pro Woche werden sie und Miriam von Mengele und seinen Assistenten für Versuchszwecke missbraucht. Weit über tausend Zwillingspaare haben unter diesen Versuchen in Auschwitz gelitten. Sie bekommen Tropfen in die Augen und Injektionen mit der Folge von hohem Fieber, manchmal reagieren sie mit Ausschlag am ganzen Körper. Es sind Chemikalien und Krankheitserreger, deren Wirkung im Körper getestet werden soll. Manche Kinder werden dabei ohnmächtig oder sterben.
Am 29. Januar 1945 wird Auschwitz von sowjetischen Soldaten befreit. „Wir hatten überlebt und waren endlich frei“. Wenn Eva Mozes Kor heute diesen Satz sagt, schwingt ein Hauch von Stolz mit in ihrer Stimme. Und dann erklärt die alte Dame, woher sie die Kraft zum Weiterleben nahm: Dass es immer Dinge in ihrem Leben gab, die ihr wichtiger waren als die Opferrolle. Dass sie Michael Mozes geheiratet und Kinder bekommen hat. In den USA führte sie eine Immobilienfirma, auch eine Hilfsorganisation für Kinder, die den Holocaust überlebt haben, hat sie gegründet. Eigentlich das ganz normale Leben einer emanzipierten Frau, Familienmutter und Unternehmerin. Ihre Schwester Miriam lebt inzwischen in Israel. Sie leidet an ihrer schweren Nierenerkrankung. 1992 spendet Eva ihre eine ihrer Nieren, um ihr Leben zu retten. Doch Miriam stirbt. Auch Eva Mozes Kor erkrankt an Tuberlose. Sind es die Spätfolgen der Versuche in Auschwitz? Sie vermutet es und weiß, dass die damalige IG-Farben-Pharmazeutika die Giftcocktails für die Versuche geliefert hat. Deshalb verklagt Eva Mozes Kor zusammen mit anderen Opfern die Nachfolgefirma BAYER. Sie fordern eine Entschädigung, die bisher nicht gezahlt wurde.
Als Eva Mozes Kor 1993 von einem amerikanischen Filmproduzenten gefragt wird, ob sie an einer Dokumentation über die Mengele-Experimente mitwirken möchte, sagt sie zu. „Es wäre schön, wenn sie einen ehemaligen SS-Arzt mitbringen könnten“, bittet sie der Filmemacher. Eva Mozes Kor findet Hans Münch, jenen Naziarzt, der mit Mengele zusammen gearbeitet hat. Sie besucht ihn in seinem Haus in Bayern. Münch, der Nazitäter, berichtet freimütig von Gaskammern und Krematorien in Auschwitz. Er gibt zu, dass er derjenige war, der die Totenscheine im Lager unterzeichnet hat. Eva Mozes Kor ist beeindruckt von seiner Offenheit und bittet ihn, mit ihr gemeinsam nach Auschwitz zu reisen. Münch soll dort – so will sie es – öffentlich die Existenz der Vernichtungsmaschinerie der Nazis erklären. Der ehemalige Lagerarzt stimmt zu und Eva Mozes Kor bedankt sich bei ihm dafür, indem sie ihm vergibt. Ein Freund stellt ihr schließlich die Frage, ob sie bereit wäre, auch Josef Mengele zu vergeben? Eva Mozes Kor sagt, dass sie dazu innerlich sofort bereit gewesen sei. „Warum sollte ich das nicht tun“? fragt sie sich und beschließt, diesen Akt der Vergebung öffentlich und in Auschwitz zu vollziehen. „Ich fühlte, dass ich dazu die Kraft hatte“.
Es ist der 50. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz als Eva Mozes Kor, begleitet von einem Kamerateam und ihrer Familie auf dem Gelände des ehemaligen Konzentrationslager steht. Auch der Täter Hans Münch ist gekommen und verliest seine Erklärung, die bestätigt: Ja es gab Auschwitz, lautet seine Botschaft, die Eva Mozes Kor wichtig war. „Es gab ja immer noch die vielen Holocaustleugner, die nun endlich von einem ehemaligen Täter die Wahrheit erfuhren“. Dann geht sie selbst ans Mikrophon: „Ich vergebe Josef Mengele und allen Nazis, die an der Ermordung der Juden beteiligt waren“, lautet ihre Amnestie-Deklaration. In diesem Moment sei die Bürde des Schmerzes von ihren Schultern gefallen, sagt die alte Dame. „Ich fühlte mich frei, glücklich und vor allem nicht mehr als Opfer. Ich war keine Gefangene meiner tragischen Vergangenheit mehr“.
Wenn sie heute gefragt wird, wie ihre Vergebungsbotschaft bei anderen überlebenden Juden angekommen ist, wird ihre Stimme deutlich leiser. „Ich bin sehr traurig, dass die meisten Überlebenden meine Haltung nicht teilen“, sagt sie. „Aber so einen Schritt zu tun, erfordert sehr viel Kraft und jeder muss für sich selbst entscheiden, ob er diese Kraft hat“. Die meisten der noch lebenden Opfer hätten ihre Haltung gegenüber den Nazitätern nicht geändert. „Sie denken gar nicht über eine Vergebung nach, sie hängen vielmehr an ihrem Schmerz, und schweigen lieber über ihre Leiden und ihren Hass unf geben all das weiter an die nächsten Generationen! Damit werden sie dann selbst zu Tätern. Dabei bedeutet Vergebung auch Heilung der Seele“. Eva Mozes Kor wird nicht müde, immer wieder zu betonen, dass ihr Schritt ein ganz persönlicher war und ist. Sie verschweigt auch nicht, dass es in ihrem Leben immer wieder Phasen gab, in denen sie zornig und wütend war auf alle Naziverbrecher. „Aber nur in der Vergebung, können die Opfer überhaupt weiterleben“, daran hält sie fest und stellt klar, dass ihre Art der Vergebung nicht religiös motiviert sei. „Ich bin keine fromme Jüdin“. Eva Mozes Kor will auch nicht die Erinnerung und das Vergessen verdrängen. Sie sagt, dass sie ihren Schritt der Vergebung letztendlich für die Opfer getan habe und nicht den Tätern damit helfen wollte.
Solche Sätze irritieren und provozieren auch. Und die alte Dame wird deswegen oft missverstanden, ja sogar angefeindet, sie erhält bitterböse Briefe, Anrufe und Emails. Denn die Filmdokumentation läuft immer wieder im amerikanischen und auch im israelischen Fernsehen. Gerade ist die Fassung ins Deutsche übersetzt worden. In der Kreuzberger Martha-Kirche war der Film Teil der Veranstaltung. Darin finden sich auch kritische Sätze. Die von Jana Laks beispielsweise. Sie ist auch ein überlebender „Mengele Zwilling“. Eva Mozes Kor’s Vergebungsakt bezeichnet sie als „unanständig“ und erklärt, dass man nicht etwas verzeihen könne, was Millionen Juden angetan wurde. Eva Mozes Kor hält solche Art von Kritik und Anfeindung aus. „Ich spreche für mich und nur für mich“, sagt sie immer wieder. An diesem Abend lautet ihre Botschaft: „Vergebung ist doch ganz einfach und kostet kein Geld, deshalb kann das auch jeder“.
Der Berliner Rabbiner Andreas Nachama sagt, dass eine Auschwitz-Überlebende natürlich Mengele und all den anderen Naziverbrechern vergeben könne. „Sie kann es nicht im Namen aller Opfer tun, aber wenn sie das für sich selbst so entscheidet und nur für sich spricht, ist es OK“. Der „reformierte Rabbiner“ will Eva Mozes Kor Vergebung nicht kritisieren. Auch in der Kreuzberger Martha-Kirche findet sie viel Zustimmung. Kritik gibt es an diesem Abend nicht, eher Verständnis. Schließlich spiele Vergebung auch in der Bibel eine wesentliche Rolle, meint ein Zuhörer. Eine Frau im mittleren Alter sagt, dass die Praxis der Vergebung tatsächlich ein großes Geschenk für denjenigen sei, der vergibt. Eva Mozes Kor ist in die USA zurückgekehrt. Aber sie hat versprochen wiederzukommen.
Copyright: Monika Herrmann

Die Hedwigs – Kathedrale in Berlin wird jetzt umgebaut: Mindestens 60 Millionen Euro nur für Steine…

Ein Hinweis von Christian Modehn

1.

Alle Kritik, alle Debatten, sogar der Gerichts-Prozess haben nichts genützt. Die Hedwigskathedrale in Berlin-Mitte wird jetzt definitiv umgebaut. Die Arbeiten haben begonnen, meldet die „erzbischöfliche Pressestelle“. Wie hat doch Erzbischof Koch treffend schon am 1.11.2016 geschrieben: Er habe entschieden: „Die Umgestaltung der Kathedrale in ANGRIFF ZU NEHMEN“.

2.

Es ist wirklich ein Angriff, diese Entscheidung für den Umbau, ein Angriff auf die Vernunft in mehrfacher Hinsicht. Nicht nur, wenn man dringend den Erhalt dieses kunsthistorisches Denkmals fordert. Darüber ist inzwischen das meiste gesagt worden.
Erinnern sollte man sich in den kommenden Jahren an die Worte des Richters Marcus Rau vom Verwaltungsgericht, der die Klage im Januar 2018 zugunsten des Erhalts dieser Form der Kathedrale zurückgewiesen hatte. Er nahm in seiner Entscheidung FÜR den Umbau explizit Rücksicht auf die „Selbstbestimmung der Kirche“. „Ginge es um eine normale unter Denkmalschutz stehende Immobilie, könnte die Entscheidung durchaus anders ausfallen“, berichtete die Presse, etwa auch die „Berliner Morgenpost“. Das heißt: Die doch wohl unabhängige Justiz in Deutschland nimmt im Fall der Hedwigskathedrale also Rücksicht auf den rechtlichen Sonderstatus der Kirche. Kann man besser belegen, dass es nicht nur keine Trennung von Kirche und Staat in Deutschland gibt? Sondern auch, dass die Rechtssprechung, angeblich neutral, die kirchlichen Eigenwelten und Eigengesetze voll respektiert. Wofür braucht die Kirche noch eine staatliche Rechtsprechung?

3.

Wichtiger scheint mir aber: Es sind bis jetzt (die Summe wird sicher noch größer, wie üblich bei Bau-Maßnahmen) 60 Millionen Euro für den Umbau der Kathedrale und die Neugestaltung des benachbarten Bernhard Lichtenberg-Hauses geplant. Dort wird auch eine Wohnung für den Erzbischof und seinen Haushalt renoviert bzw. neu errichtet, dieses Detail erwähnt die Pressemeldung vom 1.7.2019 nicht.
Und es ist Ausdruck des prächtigen Zusammenarbeitens von Kirche und Staat, dass 12 Millionen Euro vom Bund und 8 Millionen Euro vom Land Berlin für die Umgestaltung der Kathedrale stammen.

Armes Land, arme Republik, die so viel Geld in ein sinnloses Umbauprojekt vergeuden. Denn eine maßvolle, bescheidene Renovierung der Kirche und damit das Belassen im alten Zustand, hätte, so sagen Fachleute, nicht mehr als 10 Millionen gekostet. Und die hätte die Kirche ja durch Spenden aufbringen können.

4.

So werden mindestens 60 Millionen Euro in Steine „gesteckt“. Bloß damit der Klerus seine Messen und Pontifikalämter etwas dichter an der Gemeinde steht, also an einem neu eingerichteten Altar, die ewig selbe Liturgie zelebrieren kann. Als würde dadurch eine neue Nähe zwischen Laien und Klerus erzeugt! Nachdenkliche Laien haben sich ohnehin von diesem, die Steine und die eigene Herrschaft liebenden Klerus abgesetzt und „à Dieu Kirche!“ gesagt. Meint der Klerus im Ernst, eine teuer umgebaute Kathedrale würde die Zustimmung zum (Berliner) Katholizismus insgesamt erhöhen, wie die offizielle Pressemeldung suggeriert….

40 Millionen stellt nun die Kirche selbst zur Verfügung. Sie hat ja ohnehin Geld wie Mist , obwohl sie ständig um Spenden bettelt. Denn die Katholiken treten zwar in Scharen aus der Kirche aus, aber die Kirchensteuern fließen noch heftig hinein in den bekannten Milliarden Euro –Bereich.

5.

Warum so viel Phantasielosigkeit in dieser Klerus Kirche? Was hätte denn die Kirche tun können, wenn sie sich an ihre eigenen Worte erinnert hätte, von dem armen Propheten Jesus von Nazareth und seinem Lebensentwurf ganz zu schweigen: Also, allzu viele Predigten tönen doch vollmundig so: Zuerst den Menschen nahe sein. Eine Kirche für die Armen sein, wie dies Papst Franziskus ständig fordert und nicht durchsetzt: Bekanntlich werden Bischofspaläste nach wie vor großzügig errichtet. Und vom Verkauf einiger Immobilien des Vatikans in Rom hat man auch nichts gehört. Alles frommes Gerede also, diese „Option für die Menschen, besonders die Armen“. .
Um noch einmal, und für uns zum letzten Mal in dieser Sache, um die christliche Phantasie in Gang zu bringen: Nur einige Beispiele: Die Kirche hätte doch bei einer bescheidenen Renovierung die übrig gebliebenen 50 Millionen für Bildungsprogramme ausgeben können, auf dem Land, in Brandenburg, um die „Ursünde“ des Rassismus, der Fremdenfeindlichkeit und des Antisemitismus zu bekämpfen. Oder: Sie hätte viele kleine Bildungshäuser für ökologische Aktionen einrichten können, hätte zwei kaum noch genutzte große Kirchen zu Wohnungen für Familien und Flüchtlinge umbauen können; sie hätte so genannte Laien, Frauen und Männer, ausbilden können, die in den zunehmend „priesterlosen Gemeinden“ verantwortlich das Gemeindeleben wieder in Schwung bringen und selbstverständlich Gottesdienste und Eucharistie feiern. Sie hätte offene kleine Treffpunkte des Gesprächs mieten können für den Dialog der Berliner untereinander, über Gott und die Welt. Um dem langweiligen Programm der katholischen Akademie Berlin einen Gegenakzent zu setzen…

6.

Die Kirche hätte also in Menschen „investieren“ können und damit öffentlich gesagt: Diese umfassende Neugestaltung der Kathedrale ist uns überhaupt nicht so wichtig. Wichtiger sind uns die Menschen. Die Stärkung der Kommunikation, der Friede in der Stadt usw….
Die Hedwigs- Kathedrale ist auch ihrem Gründer und Bauherrn in gewisser Weise verpflichtet: Dem Philosophenkönig Friedrich II.! Für ihn war die religiöse Toleranz entscheidend wichtig. An den Geist ihres Baumeisters denkt kaum noch ein Katholik im positiven Sinne! Den Geist der Toleranz zu verbreiten, wäre jetzt möglich gewesen, wenn man die 50 Millionen für einen Total-Umbau eingespart hätte – zugunsten der Menschen.
Vielleicht hätten dann bei dieser Großzügigkeit die Menschen Beifall gespendet und endlich mal Bravo zu dieser Kirche gesagt, die in der Korruption des Missbrauchs förmlich erstickt und deswegen zurecht den allgemeinen „Vertrauensschwund“ beklagt-

7.

Aber nein: Der Klerus und die wenigen ihm noch gehorsamen Laien lieben mehr die Steine, die neuen Granitplatten in der Hedwigs – Kathedrale und sonstiges Gestein: Ein Jammer ist das und ein theologischer Skandal.
Und jetzt ist man so hartnäckig und wird wohl zu jeder Kleinigkeit des Umbaus zu einem Fototermin eingeladen, Start ist die Abnahme der Pfeifen, der Orgelpfeifen, in der Kathedrale am 3.7.2019. Und dann gehen die Foto Termine sicher weiter.

Copyright: Christian Modehn, Journalist und Theologe. Religionsphilosophischer Salon Berlin

Die rechten Populisten und Rechtsextremen sind Flüchtlinge

Ein Kommentar zum Weltflüchtlingstag am 20.6.2019
Von Christian Modehn

Der Beitrag unten hat bei einigen LeserInnen Fragen hervorgerufen, das ist gut so und der Sinn dieser Beiträge auf dieser Website. Aber auch Irritationen und Missverständnisse zu diesem Hinweis wurden mitgeteilt.

Ich will deswegen noch einmal, am 23.6.2019, in aller Kürze den Gedankentag meines Beitrags deutlich machen.

Der Beitrag ist anlässlich des Welttages der Flüchtlinge (20.6. 2019) geschrieben worden. Darauf liegt der Focus.

Die zentrale These ist darauf bezogen: Es gibt zunehmend in Deutschland (und in ganz Europa) Menschen, die ihre politische Einstellung, ja ihre Lebenseinstellung im ganzen, vor allem über ihre Ablehnung der jetzt hier schon lebenden oder noch kommenden Flüchtlinge, etwa aus Afrika, definieren.
Diese Menschen lehnen die Flüchtlinge als „wesensfremd“, also auch als „gefährlich“ für unsere hiesige Gesellschaft ab. Sie wollen und können sich kein gerechtes Miteinander der Kulturen in Deutschland und Europa vorstellen. Diese Kreise werden im allgemeinen Sprachgebrauch rechtspopulistisch oder manchmal auch rechtsextrem genannt. Gelegentlich sind sie gewalttätig.

Ich schlage vor: Diese erklärten Gegner, wenn nicht Feinde der Flüchtlinge hier, sind selbst Flüchtlinge.
Das heißt: Rechtspopulisten und Rechtsextreme sind aus dem demokratischen, freiheitlichen, den Menschenrechten unbedingt verpflichteten Werten geflohen
.

In einer mehr formalen, allgemeinen Definition sind Flüchtlinge bekanntlich Menschen, die eine Gesellschaft, Gemeinschaft, einen Staat verlassen, freiwillig oder unter dem Druck der für sie subjektiv nicht mehr akzeptablen Verhältnisse.

Diese rechtspopulistischen Flüchtlinge geben als subjektiven Grund ihrer „inneren“, ideologischen Flucht an: Wir wollen mit allen Mitteln raus aus dieser Demokratie. Ein Grund dafür: Die Angst, den eigenen Wohlstand angesichts der „anderen“, also der Flüchtlinge aus Afrika und späteren Mitbürger hier, zu verlieren. Es ist die Angst vor einer gerechteren, demokratischen Gestaltung dieser Welt voller Ungleichheit.

Man könnte diese Flüchtlinge auch also als eine neue Form von Wirtschaftsflüchtlingen bezeichnen: D.h.: Sie leben in der Angst, dass Fremde, auch Flüchtlinge etwa aus Afrika, ihnen ihren Besitz und ihre Privilegien in Deutschland wegnehmen. Deswegen hassen eine demokratische Ordnung, die eine gewisse Gerechtigkeit für alle Menschen noch wünscht und auch fördern will.

Die Arroganz der Rechtsradikalen kann mindestens intellektuell gebrochen werden, wenn die Mehrheitsgesellschaft sie als Flüchtlinge im eigenen Land betrachtet und behandelt und als solche anspricht. Diese Leute sind aus der demokratischen Mehrheitsgesellschaft förmlich selbst „heraus gefallen“. „Flüchtlinge im eigenen Land“ gibt es ja in vielfacher Form, etwa in Kolumbien.
Nur ist es so, dass die Flüchtlinge im eigenen Land, in Deutschland, sich förmlich selbst vertrieben haben aus der Kultur dieses Landes, sie wurden zu Flüchtlingen, weil sie die Demokratie nicht mehr ertragen konnten und wollten.

D.h.: Diese Kreise sollten also, aufgrund dieser ihrer nicht zu akzeptierenden Ideologie, gründlich gebildet und informiert werden über die demokratische Kultur und ihre Gesellschaft. So, wie hierzulande die Flüchtlinge aus den muslimischen Staaten, manchmal fundamentalistisch orientiert, hier gründlich gebildet werden und mit der demokratischen Kultur der Menschenrechte vertraut gemacht werden. Dies als Voraussetzung für einen weiteren Aufenthalt in unserer Kultur.

Die rechtspopulistischen Flüchtlinge in Deutschland verlassen aber „nur“ geistig, „nur“ ideologisch, „nur“ politisch unser Land, unsere Kultur. De facto leben sie weiterhin in dem Land, der Kultur, der Gesellschaft, die sie eigentlich ablehnen. Und ihr Ziel ist: Dass dieses Land, aus dem sie ideologisch geflohen sind (auch wenn sie leibhaftig hier noch ihre Präsenz heftig zeigen), nach ihren Normen umgestaltet wird, Normen, die sie durchsetzen wollen: Diese Normen widersprechen dem Geist der Menschenrechte. Mit anderen Worten: Diese Leute als rechtsextreme Flüchtlinge unter uns haben das Ziel: Dass dieses Land die demokratischen Werte aufgibt, also die absolute Bindung an die Menschenrechte.

Der jetzt folgende, etwas längere Beitrag, wurde schon zum Welttag der Flüchtlinge am 20.6. 2019 verfasst. Er umschreibt die hier mitgeteilten Thesen noch einmal auf andere Weise. Und empfiehlt u.a. den geduldigen Dialog mit diesen Kreisen.

Dies ist der Beitrag, der am 18.6. 2019 zum Welttag der Flüchtlinge veröffentlich wurde:

Die rechten Populisten und ihre rechtsextremen Freunde sind Flüchtlinge.
Dies ist keine ironische Behauptung, sondern eine Tatsache. Diese sich lautstark und ständig unverschämt äußernden sehr rechten Kreise soll man also ganz stark einbeziehen, wenn man die umfassende Bedeutung des „Weltflüchtlingstages“ bedenkt. Damit soll der Ernst dieses „Welttages“ im Blick auf die materiell leidenden und seelisch tief verletzten und oft rechtlosen Flüchtlinge etwa aus Afrika überhaupt nicht geschmälert werden.
Es wird nur an die Tatsache erinnert, dass die Rechtspopulisten und Rechtsextremen fliehen oder geflohen sind: Sie sind Flüchtlinge aus der demokratischen Welt und ihres grundlegenden Prinzips: Und das sind die Menschenrechte. Diese können eben nur absolut und universal gelten, selbst wenn sie von den Demokratien allzu oft leider ignoriert werden. Aber an der absoluten Gültigkeit der Menschenrechte können und wollen Demokraten gar nicht rütteln.
Diese Rechtspopulisten und Rechtsextremen sind also aus der demokratischen Welt geflohen, weil sie diese nicht ertragen konnten, nicht verstehen konnten oder verstehen wollten, weil sie ihnen keine unmittelbaren ökonomischen Vorteile zu bringen schien , weil sie sich von herrschsüchtigen Agitatoren verführen ließen, weil sie eigensinnig und störrisch ihre begrenzte nationale bzw. kleinbürgerliche Weltanschauung heilig sprachen und sprechen. Und zunehmend zur Gewalt neigen bis hin zum Mord an Politikern. Diese rechtsradikalen Flüchtlinge aus der Menschlichkeit und aus den Menschenrechten müssen dann bestraft werden…
Rechtspopulisten und Rechtsradikale lehnen als Flüchtlinge aus der Demokratie die demokratischen Prinzipien ab. Sie lehnen den Rechtsstaat ab, die Unabhängigkeit der Gerichte, den Pluralismus, die Pressefreiheit usw. Noch einmal: Die rechten, populistischen und rechtsextremen Kreise und Parteien haben also als Flüchtlinge diese Lebensgrundlage einer humanen Ordnung verlassen. Sie sind geflohen in die z.T. altbekannte Ideologie mit ihrer katastrophalen (kriegerischen) Auswirkungen: Diese Ideologie setzt sich zusammen aus Ressentiments, Rassismus und offenem bzw. verstecktem Antisemitismus, Nationalismus („Deutschland zuerst“): Die einzige Moral dieser Herren ist der Egoismus als unbedingte Verteidigung des eigenen Luxus, den andere, Arme, erzeugt haben: Dahinter steht die Ideologie: Es gibt Herrenmenschen und Untermenschen.
Mit diesem Gebräu aus ideologischen Versatzstücken leben sie nun als Flüchtlinge unter uns: Und diese Flüchtlinge sind alles andere als untätig: Sie wollen ganz öffentlich und unverschämt diese demokratische Ordnung langsam in Richtung „illiberales“ Herrschaftssystem umbauen, im Rahmen einer „rechten Revolution“, von der diese Flüchtlinge schwadronieren. Und sie haben schon „Erfolge“ vorzuweisen: Unter diesen rechtsradikalen Flüchtlingen sind Gefährder, das ist deutlich, aber wissen das alle Mitglieder der Polizei, alle Richter, alle Bürgermeister etc.? Wahrscheinlich nicht.

Wie sollen Demokraten mit diesen rechtsextremen Flüchtlingen in ihrem eigenem Land umgehen? Indem man sie mit den demokratischen Werten und Lebensformen energisch und heftig vertraut macht als der Bedingung, unter der sie als Flüchtlinge eben hier leben dürfen und sich neu orientieren können. Mit einem Dialog sollten es Demokraten immer wieder versuchen. Die allgemeine universale Vernunft hat ja diese Menschen nicht verlassen, denke ich. Aber klar ist das Ziel dieser Schulung und Bildung klar: Lebendige Anerkennung der Menschenrechte auch in der eigenen LebensPRAXIS durch diese sonderbaren Flüchtlinge. Es ist ein Skandal, dass einfach so eher nebenbei berichtet wird, es gebe so und so viele hundert rechtsextreme Gefährder etwa in Brandenburg: Diese Leute müssen beobachtet und gebildet, meinetwegen: zur Demokratie erzogen werden.
Das ist ja bekanntlich eine Forderung, die sich an alle Flüchtlinge, zumal aus muslimischem, besonders extremistischen Kontext, richtet. Also nicht nur gründliche Umschulung ist angesagt, auch strafrechtliche Verfolgung bei Untaten vonseiten dieser rechtsextremen Flüchtlinge.

Hilfreich ist es, diese „rechtsextremen Flüchlinge aus der Demokratie“ mit den leidenden Flüchtlingen aus Afrika und Syrien hier ins Gespräch zu bringen, vielleicht sogar unmittelbar Freundschaft unter diesen so unterschiedlichen Flüchtlingen zu stiften. Vielleicht ist aber auch am Anfang Polizeischutz für die Flüchtline aus Afrika bei solchen Begegnungen nötig? Aber die Aggressionen der Rechtsextremen werden wohl geringer, wenn sie das reale Leben der Flüchtlinge direkt, „von Angesicht zu Angesicht“, kennen lernen und die Menschlichkeit dieser Menschen schätzen lernen… Wo sind nur bloß die Orte der Begegnung? Die Kirchengemeinden verschwinden bekanntlich gerade in den Regionen, wo diese rechtsextremen Flüchtlinge sich ziemlich stark aufhalten, etwa in den neuen Bundesländern. Die Demokraten bereiten ihr eigenes Ende vor, wenn es etwa Jugend“arbeit“ nur von den rechtsextremen Flüchtlingen auf den Dörfern z.B. gibt.
Und wenn die rechtsradikalen Flüchtlinge nicht mitmachen bei ihrer „Re-Demokratisierung“? Da gilt der Vorschlag: Sicherlich bietet Herr Orban Ungarischkurse oder Herr Kaczynski von seiner PIS Partei Polnisch Kurse für diese Flüchtlinge aus Deutschland an! Sie werden bei dieser rechtsextremen Gesinnung der Herrscher in Ungarn oder Polen sicher nicht abgewiesen, zumal doch auch der „Bevölkerungsschwund“ in Ungarn und Polen nachweislich sehr beträchtlich ist. Vielleicht aber kehren diese Flüchtlinge nach einiger Zeit aus Polen und Ungarn wieder lernbereit und voller Sehnsucht nach Demokratie wieder nach Deutschland zurück… weil sie unter den Bedingungen der illiberalen Systeme in Polen und Ungarn doch etwas zur Vernunft gekommen sind?

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Wer oder was ist schon normal?

Einige Hinweise von Christian Modehn anlässlich des philosophischen Salons am 14.6.2019

1.
Zur seelischen Verfassung der Menschen in Deutschland heute:
Der Psychologe, Meinungsforscher und Autor Stephan Grünewald, Köln, sagt in einem Interview zu seinem neuen Buch „Wie tickt Deutschland?“ (ein Buch, das nach zahlreichen Tiefeninterviews geschrieben wurde):
„Rastlosigkeit und Aufgewühltheit und innere Unruhe bestimmen die seelischen Orientierungen. Es schwindet der Zusammenhalt, der Gemeinsinn wird durch Lügen und Verschwörungstheorien ersetzt“… „ Die Gesellschaft zerfällt immer stärker in Gruppen, die ihre eigenen Werte und Überzeugungen für die einzig wahren halten: Ich bin richtig, du bist falsch. Es ist eine infantile Art der Auseinandersetzung“.

2.
Aussperren und Ausgrenzen gelten heute wie immer als „Maßnahmen“ der Ordnung und des Schutzes „angestammter“ üblicher Verhältnisse gegenüber „anderen“, Befremdlichen, Kranken: Einige Aspekte:

a) Die Abwehr der Fremden und der Flüchtlinge. Man nimmt es jetzt auch per Gesetz in Europa als ganz „normal“ hin, dass Menschen auf der Flucht im Mittelmeer ertrinken. Die sich demokratisch nennenden europäischen Staaten helfen nicht und Italien bestraft sogar die wenigen Menschen, die noch helfen. Bei diesem Verhalten bleiben die Europäer bei ihrer Fixiertheit auf alte europäische Identitäten und sehen nicht, dass die Flüchtlinge und die Fremden erst zeigen, wie weit der Horizont für Europa ist. „Sie, die Flüchtlinge, werden zum Segen für uns alle“, sagt etwa Papst Franziskus.
b) Die soziale Ausgrenzung: Die „Anderen“ sind auch die Armen und arm Gemachten: Die Gehälter der Top – Manager erreichen im Vergleich zu den Arbeitern, die den Reichtum dieser Herren bekanntlich erarbeiten, ein Niveau, das skandalös und unmoralisch ist. Weiteres Beispiel: Durch die Allmacht der Immobilien-Spekulanten werden weltweit ärmere Menschen aus Heimat, also ihren Wohnungen in ihrem „Viertel“, vertrieben. Sehr extremes Beispiel: San Francisco, dort vertreiben die Herren des Silicon Valley (Apple, google usw.) die Menschen aus ihren Wohnungen in San Francisco…Siehe auch Berlin mit den bis jetzt hilflosen Versuchen, humanes Wohnen für alle noch politisch durchzusetzen.
c) Die Versuche der sexuellen Ausgrenzung: Homosexuelle werden wieder als Perverse wahrgenommen, also als Menschen, die nicht als normal gelten. Sie sollen wieder in die normale Heterogesellschaft zurück geführt werden mit allerhand obskuren Therapien. Fundamentalistische christliche Kreise sind da maßgeblich weltweit, auch in Deutschland, tätig. Tödlich ist homosexuelles Leben und Lieben immer noch in vielen Ländern, die sich muslimisch nennen und sich auf den Koran berufen. Der § 175 besteht in der katholischen Kirche fort, Homosexuelle dürfen laut offiziellen vatikanischen Erklärungen der letzten Jahre keine Priester (mehr) werden.
d) Das Einsperren und Ausgrenzen gehört zu den Gründungsideen der Bundesrepublik. Der Historiker Martin Diebel hat diese Entwicklungen studiert: „Das ging so weit, dass man zur Ausarbeitung der Notstandskonzepte munter Vorlagen aus der Zeit nach 1933 heranzog. … Schutzhaft: Warum nicht! Das Grundgesetz hielten die damaligen Beamten für etwas Vorläufiges. Grundrechte waren in ihren Augen verhandelbar. Für diese Männer zählte einzig der Staat“ (in: Die ZEIT, 23. Mai 2019, Seite 22. Martin Diebel hat das Buch “Die Stunde der Exekutive“ verfasst). Er weist in dem Beitrag darauf hin, dass Behörden wie der Bundesnachrichtendienst, der Verfassungsschutz und das Bundeskriminalamt mit ehemaligen Parteimitgliedern, SS Leuten und Gestapo Beamten durchsetzt waren…
e) Ausgrenzung religiös: Z. B.: Die katholische Kirche grenzt immer noch Frauen aus und lässt nicht, dass sie Priesterinnen werden können. Die Herrschaft des Klerus beruft sich auf Jesus, der nur Männer als Apostel zuließ. Was historisch und theologisch falsch ist. So wird ein Prophet, Jesus von Nazareth, der selbst alles gegen Ausgrenzung tat (auch gegen die Ausgrenzung von Frauen damals) durch den allherrschenden Klerus zum Symbol der Ausgrenzung gemacht.

3. Was ist seelische Gesundheit? Also eine seelische „Verfassung“, die man normal kennen kann.
Darauf hat z.B. Erich Fromm eine Antwort gegeben: „Gesundheit ist der Zustand, in dem die Vernunft ihr volles Entwicklungsstadium erreicht hat, und zwar die Vernunft nicht im Sinne einer rein intellektuellen Urteilsfähigkeit, sondern in dem Sinne, dass man die Wahrheit erfasst“, also „offen, aufnahmefähig, empfindsam, wach und leer (im Sinne des Zen) ist…“

4. Wie lässt sich noch von normal und unnormal sprechen?
Normal ist ein Begriff der Herrschaft. Die bestimmenden Herrscher, unterstützt von abhängigen Medien, schreiben vor, was und wer normal ist. Den vorgegebenen Normen zu entsprechen, also gehorsam zu sein, galt und gilt als oberste Tugend für viele.
Normal ist also ein ideologisch bestimmter Begriff, der für die Beschreibung der Verhältnisse unter Menschen nichts taugt.
„Normal“ ist verwendbar in der üblichen Vorstellungswelt ein Begriff für Technisches: man denke etwa an die DIN Normen, sie dienen dazu, Gegenstände einheitlich zu gestalten. Normieren ist Teil der Alltagssprache. Normal und ordentlich, also gehorsam und ergeben und sauber.
Normal spielt als Begriff auch in der Medizin eine große Rolle, etwa die Blutwerte. Diese sind Durchschnittswerte. Der einzelne soll sich auf Durchschnittswerte beziehen und dem Durchschnitt entsprechen. Durchschnittlichkeit ist gesund, sagt die Werbung.
Normal nennen sich die Gesunden, vor allem, diejenigen, die behaupten einen gesunden Menschenverstand zu haben. Aber wer prüft die Gesundheit des gesunden Menschenverstandes? Wer da abweicht, gilt als nicht normal. Das fängt schon an in der Wahrnehmung ungewöhnlicher Künstler und ungewöhnlicher Kunst. Wer etwas „schräg“ denkt und sich „schräg“ kleidet, gilt an vielen Orten schon als verrückt. Berlin ist deswegen beliebt, weil dort „schräge“ Menschen leben können bzw. ignoriert werden.
Der Verrückte wird von seinen Platz aus der Gesellschaft heraus – ge – rückt. Er wird anderswohin platziert, ins Abseits der Kliniken und Heime und Gefängnisse.
Normal ist ein Begriff tatsächlicher oder angeblicher Mehrheiten: Konfessionsfreie Menschen in Ost-Deutschen nennen sich, weil sie die Mehrheit sind, normal. Eben weil sie sich in ihrer Sicht nicht spinösen transzendenten Vorstellungen hingeben. Aber alle Menschen, auch die Konfessionsfreien, haben ihren Gott bzw. ihre Götter (jetzt: „Nation“, Volk, mein Wohlstand etc.)
Normal nennen sich Politiker, die nichts gegen den Klimawandel unternehmen und alle versprochenen Ziele zur Rettung des Klimas und der Erde aufgeben bzw. auf spätere Zeiten verschieben, wie die Regierung der BRD. Diese Politiker sind nicht normal.
Normal und gesund sind aber Jugendliche wie Greta Thunberg, die einen Klimawandel jetzt von den Politikern fordern, sie wird von einigen konservativen Politikern für naiv, wenn nicht für verrückt erklärt.

5. Normal: Ein Begriff der Ethik?
Normal ist also nicht identisch mit dem ethischen Begriff gut. Wer den vorhandenen Gesetzen entsprechend handelt, lebt legal. Und legal gilt als normal. Aber legal ist nicht identisch mit gerecht und gut. Ich kann als Widerstandskämpfer gegen die Nazis moralisch gut handeln und von den Herrschenden als unnormal bestraft werden.
Normal ist nicht identisch mit dem philosophischen Begriff wahr: Es gibt Verblendungszusammenhänge, in denen Wahres propagiert wird und dieses als wahr Propagierte dann tatsächlich von vielen als wahr hingenommen wird. Von solchen Ideologien falscher Wahrheit kann sich die Menschheit nur schwer lösen: Man denke an Rassismus, Kolonialismus, die in Europa mehrheitlich als wahr angenommen wurden und werden.
Man denke daran, dass sich auch heute implizit viele Europäer als die herrschende und bessere und wertvolle Rasse empfinden: Sonst würden sie den bestehenden Kolonialismus und die Ausbeutung der Armen etwa in Afrika beenden.
Man bedenke, dass wir uns an den Begriff „fair gehandelt“ gewöhnt haben als Qualifizierung weniger „guter“ Lebensmittel. Alle anderen Lebensmittel sind, logischerweise, dann nicht fair gehandelt, also sie stammen aus ausbeuterischen Verhältnissen. Und daran haben wir uns selbstverständlich gewöhnt. Wahr wäre es, wenn nur noch ganz wenige Produkte mit dem Titel „unfair gehandelt“ im Handel wären.
Normal ist nicht identisch mit einem populären Verständnis des ästhetischen Begriffes schön. Ich kann die Skulpturen von Joseph Beuys schön finden und dennoch von herrschenden Kritikern als Banause bezeichnet werden.

EIN EXKURS zum Thema Kunst und Normalität:
Pablo Picasso: Er zeigt etwa in seinem berühmten Bild „Les Demoiselles d Avignon“, von 1907, diese brutal gemalten fünf nackten Frauen. Sie sagen den braven Bürgern: Diese Frauen gehören zu eurer Welt, diese eure Welt ist nicht normal, weil sie es zulässt, dass diese Frauen in der Realität auch so leben und so aussehen wie die „Demoiselles d Avignon“. Man muss nur genau hinschauen und dem Leiden begegnen willen.
John Berger sagt in seinem Buch über Picasso: Es wird von Picasso die Gesellschaft als dekadente Gesellschaft gezeigt. Was bedeutet dekadent: Degeneriert, verfallen, entartet. Also: Nicht „normal“.
Noch deutlicher bei Picasso: Das Thema der weinenden, leidenden Frau, drei Monate lang malte Picasso weinende Frauen im Jahr 1937, fast monoman, sagen Kunsthistoriker. Picasso zeigt: Schmerz, Trauer, Tränen, Klage sind alltägliche Realität, auch in Spanien, man denke an das Umfeld von Guernica. Die Formensprache der Bilder lässt die „normale Anatomie“ (eines Gesichtes) fast vollständig außer Acht und konzentriert sich nur auf den Ausdruck des zerstörten Daseins. Das Antlitz wird deformiert und destruiert, dies aber nicht als ästhetische Spielerei, sondern als Aufschrei eines humanen Menschen, der diese Deformiertheit als üblich, als „normal“, zu seiner Zeit empfinden muss. Kunst ermöglicht also im Sinne Picassos die Annäherung an die Wahrheit.
Man sollte also wahrnehmen: Die sich normal zeigende Welt und ihre angeblich schönen und gepflegten Menschen sind nur Fratzen. Die Fratzen, die entstellten Gesichter der Frauen, sind jetzt das Normale. Nicht normal ist das Morden und Töten im spanischen Bürgerkrieg (von Juli 1936 bis August 1939), aber es wird in der herrschenden Ideologie als üblich und richtig genannt.

Vincent van Gogh: Es gab 2016 eine Ausstellung in Amsterdam über „Van Gogh am Rande des Wahnsinns:“ Die Ausstellung verdeutliche, dass van Goghs Kunst nicht als ein Produkt seiner Krankheit gesehen werden sollte, sondern dass sie trotz dieser Erkrankung entstand, betonen die Kuratoren“ Quelle: http://www.rheinische-art.de/cms/topics/am-rande-des-wahnsinns.-van-gogh-und-seine-krankheit-van-gogh-museum-amsterdam.php „Andere Zeitzeugnisse, etwa aus dem Gemeindearchiv von Arles, die noch nie zuvor ausgestellt wurden, ermöglichen eine Sicht auf van Goghs geistigen Zustand und seine schwierige Situation. So leiteten seine Nachbarn van Goghs eine Unterschriftenaktion in die Wege, um ihn einsperren zu lassen oder eine Hospital-Einweisung zu erreichen. Letztendlich beschloss der Maler im Mai 1889, sich freiwillig im Hospital von Saint-Rémy-de-Provence aufnehmen zu lassen, wo er ein Jahr lang bleiben sollte. Gemälde und Zeichnungen aus jenen Monaten, wie Der Garten des Hospitals und Mandelblüte – beides im Bestand des Van Gogh Museums – veranschaulichen, wie er mit seiner Krankheit kämpfte und in seiner Arbeit Halt suchte, um nicht zugrunde zu gehen“.

Louis Soutter, (1871 bis 1942), er stammt aus der Schweiz, war ein Cousin des Architekten le Corbusier. Soutters Arbeiten werden der „art brut“ zugerechnet, also einer Kunst, die man „roh“ nennt, als autodidaktische Kunst von psychisch Leidenden. Man spricht auch von „outsider-Kunst“. Und dieser Outsider sieht Wahres und Normales in einer heillosen Welt. Nur ganz kurz: Soutter lebte einen aufwändigen Lebensstil, wurde dann zwangsweise entmündigt, und auf Betreiben der Familie in ein Altersheim abgeschoben. In der Ausgrenzung und Einsamkeit hat ihn die eigene Kunst gerettet. Friedhelm Mennekes hat mir in einem Radio-Interview vor etlichen Jahren gesagt:
„Soutter stand eigentlich ständig in der Gefahr, in die geistige Umnachtung zu fallen. Er begann nun, Figuren zu malen, Schreckgespenster. Aber das Entscheidende, Aufbauende, war für ihn die Christusgestalt. Aber es sind Christusgestalten von einer unglaublichen Spannung und Dichte, bei denen sich zeigt, dass hier in der Gestaltung dieser Figuren ein Mensch um sein Überleben als vernünftiger Mensch kämpft, wie ein Mensch im Malen des Christus dann Trost und Lebensmut erringt, sich „erzeichnet“. Am Ende seiner Tage mit bloßen und sogar blutigen Händen. Wir verdanken ihm die ersten Fingermalereien, ohne Pinsel, sondern direkt mit der flachen Hand und den Fingern auf das Papier gemalt. Das Entscheidende ist, dass diese Arbeiten so kraftvoll sind, dass sie belegen, was für ihn der entscheidende Christusbeitrag zu nennen ist. Nämlich, dass in der Befasstheit mit Christus es ein Mensch wirklich schafft, dass er nicht in die völlige geistige Umnachtung zurückfiel“.

Das Normale und Unnormale in der Philosophie hat eine eigene Bedeutung: Weil Philosophie über das als normal empfundene Alltags-Verständnis von Welt und Selbst hinausführt:
An Hegel wäre zu erinnern: Philosophie bringt das Denken von den üblichen Festgefahrenheiten des als normal Geltenden ab. Philosophie sorgt also unter Normalen für Irritation, für ein Gefühl, dass einem ganz schwindelig wird, dass der angeblich so vertraute Boden, auf dem man steht, wankt und zerbricht.
In seiner Jenaer Zeit sprach Hegel davon im Zusammenhang mit der Grundlegung seiner Philosophie, dass einem erst einmal im Philosophieren, so wörtlich, „Hören und Sehen vergehen muss“. Das heißt, ganz kurz, die unmittelbare sinnliche Gewissheit des einzelnen muss gebrochen und überwunden werden. Es muss die Dialektik erkannt werden, die verborgene Einheit der Entgegengesetzten. Und in ihrer Einheit bleiben die Entgegengesetzten doch different. Das alles spielt sich im Selbstbewusstsein ab, dieses sieht sich dann als Teil des allgemeinen Geistes…

Zurück zum Thema „Wahnsinn“: Vor allem Michel Foucault muss genannt werden. https://michel-foucault.com/2019/04/07/centre-michel-foucault-nouveau-site-web-2019/
Schon seine erste Publikation „Psychologie und Geisteskrankheit“ (1968) war eine programmatische Schrift: Zuerst auf Französisch: „Maladie mentale et personalité“. Presses universitaires de France, Paris 1954; ab 2. Auflage 1962: „Maladie mentale et psychologie“.
Foucault zeigt u.a., dass eine Geisteskrankheit – ob es sich nun um eine auf einen Persönlichkeitssektor begrenzte Neurose oder um eine die Gesamtpersönlichkeit betreffende Psychose handelt – nicht in der gleichen Weise verifizierbar ist wie z.B. ein zu niedriger Blutdruck oder ein Tumor (1968, S. 21 ff).
Es gibt das Abweichende in der „normalen Gesellschaft“ auch heute: etwa Mystik und Schamanentum . Aberglauben, etwa der Umgang mit der Zahl 13 usw.
Ausführlicher äußert sich Foucault in „Wahnsinn und Gesellschaft“, 1973 auf Deutsch erschienen; schon 1961 auf Französisch.
Den „Wahnsinn“ interpretiert als das Andere der Vernunft für Foucault. Als unvernünftige Bedrohung. Von daher geht die Entwicklung auch konsequent weiter zu Gefängnis und Klinik.
Foucault zeigt: In den Kliniken des 17. und 18.Jahrhunderts ging es weniger um die Behandlung der Krankheit als darum, den Kranken mit der vorgegebenen gesellschaftlichen Konformität zu versöhnen, ihn in die Arbeitswelt einzugliedern und den herrschenden patriarchalischen Moralvorstellungen zu unterwerfen. Es gab keinen Dialog mehr mit der Unvernunft. „Die Verrückten“ wurden abgegrenzt.
Es geht Foucault darum:. Den Wahnsinn also nicht zu reparieren, sondern zu respektieren. Foucault behauptet, dass der „Irre“ der Gesellschaft nicht entfremdet ist, sondern im Gegenteil, dass sich gerade in seinem Wahnsinn die Wahrheit des Menschen offenbart.
Laut Foucault enthüllt der Irre jedoch auch eine elementare Wahrheit des Menschen: Für Foucault ist der Wahnsinn die von der Gesellschaft abgetrennte menschliche Erfahrungswelt, die seit dem Mittelalter nur noch in besonders begabten Menschen fortbesteht. Er will sie in die Gesellschaft zurückholen, um ihre Strukturen zu durchbrechen und um die bürgerliche Gesellschaft durch den Wahn zu revolutionieren.
Eine Überlegung am Schluss:
Normal ist ein Übergangsbegriff aus einer Grauzone: Eine und dieselbe Person kann in vielerlei Hinsicht als normal oder eben unnormal angesehen werden. In jedem stecken „wahnsinnige“ Elemente, Denkstrukturen, Orientierungen. Die meisten lassen diese “wahnsinnigen“ Elemente in sich nur partiell und oft kontrolliert zu.

Entscheidend ist: Wer legt fest, wer und was als normal gilt:

Sind die herrschenden Politiker normal: Leute wie Trump oder Orban, Putin und die unzähligen Herrscher in Afrika und Asien und Lateinamerika wurden zwar oft noch dem Scheine nach normal und formal wohl auch halbwegs korrekt von den Bürgern gewählt. Ihr politisches Verhalten mag manchmal noch legal sein, den vorhandenen Gesetzen entsprechend, also auch nach außen hin als normal erscheinen.
Dennoch zeigt der Widerstand gegen ihre autoritäre Regierung: Ihre Legalität steht unter der Kritik umfassender Gerechtigkeit. Und diese Gerechtigkeit muss sich durchsetzen. Sonst hat die Welt der Menschen keinen Anspruch darauf, als menschlich zu gelten.

Es gibt die Überzeugung der Identität des Üblichen und des Normalen. Das Übliche ist oft nicht normal: Viele meinen: Was üblich ist, und was im Laufe der Zeit üblich wurde und sich also als Brauch durchsetzte, das hat recht.
Eine Fülle von unterschiedlichen Beispielen zur Identität des Üblichen und des Normalen: Etwa Krawalle im Fußballstadion. Etwa die Überzeugung, dass große Gruppen wo auch immer laut sein dürfen. Etwa die Überzeugung der reichen Länder, dass für die armen Länder Almosen ausreichend sein. Etwa die Überzeugung vieler Männer, dass Frauen am besten eine untergeordnete Stellung einnehmen sollten usw…

Wie kann es zu einem vernünftigen Umgang mit dem „Normalen“ kommen?
Durch Freilegung und öffentliche Rede über das in einer Gesellschaft als normal Geltende mit der öffentlichen Befragung, ob dieses Normale tatsächlich den Normen des Wahren und Guten entspricht, also den Menschenrechten.

Das Normale unterliegt der größeren Norm der Vernunft

Meine These zur Diskussion:
Die Definition des Unnormalen, Kranken, wurde und wird von der großen Mehrheit der Wissenschaftler und der politischen Führerstalten vorgenommen: Diese hielten sich selbst für normal und vernünftig und priesen ihren gesunden Alltagsverstand. Und setzten diesen als Norm. Sie grenzten sich gegenüber „den anderen“ (den Kranken und für krank Erklärten) ab. Politiker und Ökonomen und Kleriker folgten dieser Definition. Nebenbei: Und sie ließen bei den Herrschern Verhaltensweisen gelten, die beim „einfachen Volk“ als Sünde und abartig galten. Man denke etwa an die kirchliche Akzeptanz der Maitressen der Adligen; man denke an die Akzeptanz der Kriege durch Theologen.
Diese unterschiedliche Form der Bewertung von Moralität etwa durch die Kirchenvertreter kann man nur als institutionalisierte Schizophrenie bezeichnen.

Heute gibt es die grundlegende Erfahrung:
In der sich gesund fühlenden und sich gesund nennenden Mehrheit und ihrer Führergestalten (ökonomisch, politisch, religiös) ist das Unnormale, das Krankhafte und Zerstörerische stark anwesend. Auch in der „gesunden“ Mehrheit lebt das Kranke, Zerstörerische. Man denke an Gestalten wie Trump, die von vielen kritischen und selbstkritischen Beobachtern als Gefahr für die Menschheit beschrieben werden; oder an andere demokratisch gewählte Politiker, wie Orban oder die PIS Polen-Politiker oder Matteo Salvini oder Bolsonaro in Brasilien.
Die reiche Welt ist krank, seelisch abgestumpft. Sie ist de facto strukturell und in vielen ihrer Führergestalten nicht gesund, nicht vernünftig. Man sollte die vernünftige Welt – partiell ? – verrückt nennen. D.h.: weg – gerückt von der vernünftig fühlenden Menschheit und Menschlichkeit. Therapie und Heilung sind notwendig. Wer kann sie bieten?

Mit anderen Worten: Die Auseinandersetzung mit dem Thema „normal und unnormal“ beginnt mit der Erkenntnis: Viele der so genannten Normalen sind krank. Und die „Kranken“ sind vielleicht auch die Sensiblen, die die „offizielle“ und allgemeine Verrücktheit in Staat und Gesellschaft nicht ertragen können. D.h. Die Voraussetzungen für ein wechselseitiges Respektieren, für Nähe, sind längst gegeben. Werden aber nur selten realisiert. Wann begreifen sich alle Menschen als irgendwie und in unterschiedlicher Stufung als unnormal bzw. normal? Dies wäre der erste Schritt zu einer Normalität, die den Namen verdient!

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Leszek Kolakowski: Vor 10 Jahren gestorben und lebendig

Ein Hinweis von Christian Modehn auf den „König von Mitteleuropa

„Die kulturelle Funktion der Philosophie besteht nicht darin, die Wahrheit zu verkünden, sondern den ‚Geist der Wahrheit’ herauszuarbeiten. Und das heißt: niemals die Wissbegierde des Verstandes einschlafen zu lassen. Niemals aufzuhören, das zu hinterfragen, was selbstverständlich und endgültig erscheint…“

Was für ein Satz eines Philosophen, der sich der großen Tradition humanistischer und skeptischer Philosophie anschließt: Eine Erkenntnis des polnischen Philosophen Leszek Kolakwoski, an den zu denken und mit ihm zu denken es jetzt allen Anlass gibt: Vor 10 Jahren, am 17. Juli 2009, ist der polnische Philosoph gestorben. Geboren wurde er am 23. 10. 1927 in Radom, einer Industriestadt bei Warschau. Er war als junger Mann in die Kommunistische Partei eingetreten, weil er dort hoffte, nach dem Grauen des 2. Weltkrieges und dem Wahn des Nationalismus (Nationalsozialismus) universale Werte der Menschheit gestalten zu können. Ein Irrglaube, von dem er sich auch als Professor für Philosophie kontinuierlich befreite. Ein Schlüsselerlebnis war die Freilegung der Verbrechen und Massenmorde von Stalin. In der umfangreichen Studie „Hauptströmungen des Marxismus“ wirft er dem ihm bekannten Marxismus “Selbstvergötterung des Menschen“ vor.
Biographische Details lassen sich leicht im Internet finden.

Inspirierend bleiben Kolakowskis Bücher bis heute. Um nur das einleitende Zitat aus dem Buch „Narr und Priester, Ein philosophisches Lesebuch“ fortzusetzen: „Die kulturelle Funktion der Philosophie besteht darin, immer wieder zu vermuten, dass es auch die ‚Kehrseite’ dessen geben könnte, was wir als sicher annehmen, und niemals zu vergessen, dass es Fragen gibt, die jenseits
des legitimen Horizonts der Wissenschaft liegen und dennoch für das Überleben der Menschheit, wie wir sie kennen, bedeutend sind.
“ (Kolakowski, „Ende der Utopie aufs Neue erwogen“, in: ders: Narr und Priester. Ein philosophisches Lesebuch, hrsg. von Gesine Schwan, Frankfurt/M. 1995, S. 236 – 259).
Da spricht Kolakowski von seiner zentralen, für manche unbequemen Einsicht: Es gibt lebenswichtige Fragen jenseits der Wissenschaften, es gibt also unabweisbare, immer existentiell wichtige und bleibende Fragen nach der Transzendenz, dem Mythos, der Religionen. Es gibt für Kolakowski unbedingte geistige Wirklichkeiten wie Wahrheit, Wert, Sein… Mit dem Thema befasste sich Kolakowski in seinem Exil in Kanada und England ständig; unbequem war er, manche nannten ihn etikettierend „konservativ“. Bewahren wollte er eine moderne Form der Transzendenz, ist das konservativ? Auch hat er leicht nachvollziehbare Einführungen ins Denken „großer“ Philosophen der Vergangenheit verfasst.
Nicht zu vergessen: Jürgen Habermas schätzte Kolakowski sehr und wollte ihn gern 1970 als Nachfolger von Adorno auf dem Lehrstuhl in Frankfurt am Main sehen; was die „Fachschaft“ ablehnte.
In einem seiner letzten Interviews erinnerte Kolakowski daran, dass sich die heutige Welt der Grenzen des eigenen Wohlstandes bewusst sein sollte. Es komme sogar darauf an, die eigenen so selbstverständlichen Wünsche um des Überlebens der Menschheit zurückzustellen. Man könnte das auch VERZICHTEN nennen. Aber das werde nur gelingen, wenn die Menschen ein religiöses Bewusstsein pflegen bzw. neu entdecken.
Sonst werde alles, so Kolakowski, „in furchtbarer Frustration und Aggression enden, was katastrophische Ausmaße annehmen könnte. Der Grad von Frustration und Aggression hängt dabei nicht vom Grad einer absoluten Befriedigung ab, sondern von der Lücke, die zwischen den Wünschen und ihrer wirkungsvollen Befriedigung klafft. Die religiöse Tradition hat uns Beschränkung gelehrt. Alle großen religiösen Traditionen haben uns über Jahrhunderte gelehrt, uns nicht an eine Dimension allein zu binden – die Akkumulation von Reichtum und die ausschließliche Beschäftigung mit unserem gegenwärtigen materiellen Leben. Sollten wir die Fähigkeit verlieren, diese Distanz zwischen unseren Wünschen und Bedürfnissen aufrechtzuerhalten, wäre das eine kulturelle Katastrophe. Das Überleben unseres religiösen Erbes ist die Bedingung für das Überleben der Zivilisation“. Das Interview mit Nathan Gardels hatte den Titel „Ich rechne nicht mit dem Tod Gottes“ (https://www.welt.de/kultur/literarischewelt/article4455514/Ich-rechne-nicht-mit-dem-Tod-Gottes.html)
Kolakowski war ein vielseitiger Autor, auch begabt im Erzählen und Erfinden phantastischer Zusammenhänge, man denke an sein Buch „Gespräche mit dem Teufel“. Er hat sich auch vielfach mit theologischen Fragen befasst, etwa, so ein Beitrag von Christian Modehn, mit der Bedeutung bzw. Nicht-Bedeutung der Philosophie für die Reformatoren Luther und Calvin. Oder eben mit kurzen Einführungen wie „Mini-Traktate über Maxi-Themen“, Reclam Verlag, Leipzig 2000, Taschenbuch, 108 Seiten. Philosophisch inspirierend sind die Beiträge, die in dem Buch „Geist und Ungeist christlicher Traditionen“ (1971) zusammengestellt sind. Darin auch der Beitrag „Der philosophische Sinn der Reformation“ sowie sehr lesenswert: „Erasmus und sein Gott“.
Der Leichnam Leszek Kolakowskis wurde mit einem Flugzeug der polnischen Luftwaffe nach Warschau transportiert, von Polens Außenminister Sikorski am Flughafen mit militärischen Ehren in Empfang genommen und auf dem Powszki-Friedhof in einem Staatsbegräbnis beigesetzt. „Polen in Trauer“ titelte die Tageszeitung „Gazeta Wyborczka“ ihren Nachruf und krönte Kołakowski posthum zum „König von Mitteleuropa“.
Copyright: Religionsphilosophischer Salon Berlin

Giorgio Agamben: Was ist Philosophie ?

Ein Buch aus dem S. Fischer Verlag. 188 Seiten. 18 €
Ein Hinweis von Christian Modehn

Philosophie gibt es nur im Plural. Darum ist der Titel irreführend: Der italienische Philosoph bietet in 5 Essays einige Hinweise zu seinem eigenen Denken. Diese zum Teil älteren Aufsätze sind hochkomplex, reflektieren Zeitloses und esoterisch Wirkendes. Sie handeln von „Elementarem“, von der Stimme und dem Sprechen, dem Sagbaren und der Möglichkeit, überhaupt philosophisch zu schreiben. Aber dies interessiert wohl nur den Kreis derer, die sich bereits in das Werk des viel-schreibenden Philosophen vertieft haben. Etwas aktuell-politisch wirkt der Aufsatz über das „Erfordernis“, also über die Vorstellung, dass sich etwas Dringend-Gebotenes in alle seine Möglichkeiten entfalten können sollte. Aber auch dies bleibt für den Autor nur eine „Idee“. Man spürt, dass Agamben beim späten Heidegger studiert hat und dessen allgemeine Abgehobenheit (um nicht zu sagen Esoterik) des philosophischen Denkens hier fortführt. Wer Einführungen ins philosophische Denken sucht, sollte sich anderswo umsehen.

Gregor Dotzauer schreibt in seinem Beitrag über Agamben im „Tagesspiegel“ (14. Juni 2019, Seite 19) sehr treffend: Dass Agamben wohl auch sehr das poetische Denken liebt, „das Schärfe und Unschärfe zwischen den Textgattungen vereint“. Und an anderer Stelle: „Abstraktion und vermeintliche Konkretion gehen (bei Agamben) eine raunende Liaison ein“. Siehe Heidegger. Alles werde „dunkel“. Im ganzen nennt Dotzauer sehr treffend vieles von Agamben Publizierte ein „Vorgehen, das die Würde von Philosophie und Poesie gleichermaßen beschädigt“. Warum? Weil hier Philosophie wie eine Obskur-Wissenschaft betrieben wird, sage ich. Philosophie lebt aber prinzipiell vom Dialog, und Dialog ist nur möglich ohne obskures Raunen. Es gibt ja einen philosophischen Begriff des Geheimnisses, aber der bezieht sich einzig und allein auf die Frage: „Warum ist überhaupt etwas und nicht vielmehr nichts?“ Dies ist das einzige „Geheimnisthema“ der Philosophien.
Und man darf sich doch wohl wundern, warum so viele Menschen diesem Geheim-Obscur-Philosophen Agamben nacheifern und ihm – hoffentlich verstehend- zuhören. Es darf doch wohl noch philosophische Philosophen-Kritik geben, ohne dass der Kritiker als Banause hingestellt wird!
Vielleicht lesen dieselben Agamben Freunde auch alsbald wieder den späten Heidegger, etwa „Vom Ereignis“: Dann beginnt hoffentlich das Sein sich ihnen zuzusprechen, falls sie hörend und gehorsam sind und zu Hirten und Horchern des Seins bzw., sorry, des Seyns bzw. Sein (kreuzweise durchgestrichen) werden. Oder vielleicht gleich die „Schwarzen Hefte“ des Schwarzwald-Philosophen lesen und be—denken.
copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin