Weisheit – biblisch und griechisch (philosophisch)

Hinweise von Christian Modehn,  geschrieben für den Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon am 24.8. 2018

Weisheit ist der Inbegriff griechischer Philosophie, die sich, wie der Name sagt, als Liebe, als Freundschaft zur Weisheit definiert. Der Weisheit strebt der Mensch nach, das ist für Aristoteles wichtig. Aber für Platon gilt: Erreichen können Menschen die Weisheit in vollem Umfang nie. Nur Gott ist weise.

In der Neuzeit wird Philosophie als Weltweisheit verstanden: Dann wird Weisheit noch einmal eingeschränkt auf Lebensweisheit. Die Philosophie entwickelt dann zwei Wege: Die der Lebenslehre verpflichtete Weisheit außerhalb der Universitäten, man denke an Montaigne und seine Essays, vielleicht auch an Blaise Pascal, an Kierkegaard oder auch an den späten Schopenhauer: „Aphorismen zur Lebensweisheit“ von 1851. Dieses Buch hat Schopenhauer populär gemacht. Die an der Universität etablierten Philosophen seit dem 18. Jahrhundert verstehen diese als Wissenschaft, oft in Konkurrenz zu anderen Wissenschaften. Der Aspekt der Lebenshilfe durch Weisheit entfällt dann meist. Auch (den späten) Wittgenstein kann man wohl eher als Weisheitslehrer ansehen.

1.Kohelet (auch genannt der „Prediger Salomo“)

Es gibt heute viele Übersetzungen ins Deutsche, man vergleiche, wie unterschiedlich die Übersetzungen gestaltet sind. Ich bevorzuge die Züricher Bibel.

Es ist erstaunlich, dass es im 3. Jahrhundert (vor Christus) in dem kleinen Tempelstaat, genannt Judaia mit der Hauptstadt Jerusalem, einen jüdischen Lehrer gab, der sich der umgebenden, allmächtig erscheinenden griechischen Kultur annäherte und von dieser kulturell vorherrschenden Kultur etwas für den eigenen Glauben lernen wollte. Die Oberschicht in Jerusalem sprach Griechisch. Das Buch Kohelet ist also ein Dokument eines gewissen Lernens einer Religion von den damaligen griechischen Popular – Philosophen aus dem Kreis der Kyniker und Skeptiker vor allem, aber auch von der Stoa und Epikur. Es gab schon vor Kohelet Weisheitslehren in der jüdischen Kultur, später dann auch in der hebräischen Bibel versammelt, wie etwa das „Buch der Sprüche“. Es enthält viele kurze Sprüche zur Alltagsgestaltung in einem bäuerlich geprägten Milieu. Es geht um Fleiß, Sparsamkeit, Redlichkeit. Alles Handeln soll auf der Gottes- Furcht gründen: Gottesfurcht ist das zentrale Ziel alles von Weisheit geprägten Denkens und Verhaltens. Also wohl Furcht vor diesem allmächtigen Gott! Wobei es interessant ist, dass der Alttestamentler Prof. Bernhard Lang darauf hinweist, dass viele Mahnungen im 22. und 3. Kapitel des „Buches der Sprüche“ Nachbildungen sind ägyptischer Lehren, etwa aus der Lehre für Amenemope, eines altägyptischen Königs. (in Die Weisheit des Alten Testaments, DTV, C. H. Beck, 2007, S. 138)

Also es gab immer schon einen gewissen Kulturaustausch und eine gewisse Lernbereitschaft zwischen der Jahwe- Religion und der „heidnischen“ Kultur, aber immer so, dass der Rahmen vom Glauben an Jahwe beherrschend bleibt, bei aller Freiheit der Lernbereitschaft. Das sieht man am Beispiel des Buches Kohelet.

Der Autor des Kohelet Buches: Kohelet ist ein „Deckname“ (wie auch der Hinweis auf König Salomo, dies soll der Aufwertung des Textes dienen). Kohelet bedeutet „Versammlungsleiter“ in einer ekklesia, wie man auf Griechisch sagt. Der Alttestamentler Norbert Lohfink schreibt: „Ekklesia bezeichnete auch philosophische Zirkel, und ein Kohelet, ein ekklesiastés, könnte dann auch Gründer und Leiter eines solchen Kreises gewesen sein“ (S. 11).

„Kohelet hat seine Lehre auf dem Marktplatz gegen Bezahlung öffentlich angeboten, das war neu in Jerusalem und hat Aufsehen erregt, von seinem Schülerkreis bekam der Marktplatz-Philosoph seinen Namen“ (Lohfink, S 12.) Nebenbei: Man bedenke, dass auch Paulus auf einem berühmten Platz sprach und mit dortigen Philosophen argumentierte, auf der Agora in Athen, und dort eine der schönsten Reden des Neuen Testaments überhaupt gehalten hat, etwa mit der Weisheit: „In Gott bewegen wir uns, leben wir und sind wir“… (Apg., Kap. 17, Verse 16 bis 34). Und noch etwas: Als Paulus in Ephesus wegen seiner Predigten dort aus der Synagoge geworfen wurde, fand er Zuflucht bei einem toleranten Philosophen (!). Paulus wohnte 2 Jahre bei ihm und lehre in seinem „Salon“, der Philosoph hatte den für ihn gar nicht zutreffenden Namen Tyrannus, Apostelgeschichte, 19, Vers 9.

Der Autor des Kohelet Buches verfasste seinen Text auf Hebräisch, aber eben in einem zeitgemäßen, umgangssprachlichen Hebräisch (gesprochen wurde Aramäisch).

Zum Buch selbst: Es wurde von vielen herrschenden Kreisen als störend wahrgenommen. Sicher auch vom Establishment im damaligen Jerusalem. Denn die großen Themen jüdischen Glaubens, der Bund Gottes mit dem Volk Israel, das Einhalten der vielen Gebote, die prophetischen Lehren, auch die heftige Gesellschaftskritik, die Psalmen, das Gebet, all das kommt im Kohelet-Buch nicht vor. Viele Leser sehen eine gewisse Eintönigkeit im Text, in dem alles darauf hinausläuft, dass das Leben der Menschen, aller Menschen, in allen nur denkbaren Zuständen, Reiche, Arme usw. letztlich zum Tod führt. Alles, aber auch alles,  ist Windhauch, es verschwindet, führt ins Nichts.

Nebenbei: Die absoluten Herrscher im ancien régime ließen die Übersetzung des Kohelet, geschaffen vom Philosophen Voltaire, verbrennen, im September 1759 in Paris: Denn in der Sicht der Zensur zersetze dieses Buch Kohelet die Grundlagen der Moral. („Récits de l Ecclesiaste et Précis du Cantique des Cantiques“1759, die Urteilsschrift vom 3.9.1759. Arrest de la cour de Paralement). Wahrscheinlich waren die damaligen Machthaber entsetzt über Kritik an der Beamtenherrschaft im Buch Kohelet, im Kapitel 5, Verse 5 ff. ist die Rede von der Ausbeutung der Armen und noch aktueller geradezu die Erkenntnis: „Ein Mächtiger deckt den anderen, hinter beiden stehen noch Mächtigere“.

Zum Zentralen Begriff Häwäl: Alles ist Häwäl. Meint Windhauch, auch etwas Windiges, etwas Nichtiges, vielleicht auch Absurdes, meint der protestantische Alttestamentler Jürgen Ebach in einem Vortrag für den Evangelischen Kirchentag 2015 in Stuttgart. Interessant wäre eine genaue Untersuchung zu dem anderen hebräischen Begriff für Geist und Wind eben für RUACH. Er wird später ein Begriff für Rettung und Heiliges…Der heilige Geist kommt in der Beschreibung des Pfingstereignisses in der Apostelgeschichte als Brausen vom Himmel wie ein gewaltiger Wind. Dadurch wurde die Gemeinde vom heiligen Geist erfüllt.

Ich will auf den allgemeinen Rahmen des Textes aufmerksam machen, der die einzelnen Verse verständlicher werden lässt. Der Autor geht als gläubiger Jude im 3. Jahrhundert zur Zeit der hellenistischen Herrschaft in Jerusalem (die Herrschaft der Ptolemäer) davon aus: Es muss förmlich in dieser Kultur der Philosophien auch eine philosophisch erscheinende Lehre aus gläubiger, jüdischer Sicht geschrieben werden.

Dennoch ist für ihn gültig, und das wird im Text deutlich:  Gott ist und bleibt im Bekenntnis der Herr der Welt, derjenige, der alles vorweg bestimmt (dies ist eine Art personaler Ausdruck für den Glauben an die Macht des Schicksals). Und dieser Gott verfügt alles im voraus, alles ist sozusagen vorherbestimmt. Die Vorstellung, Gott als den allseits liebenden Vater zu denken, kommt nicht vor.

Und das ist das Neue im ganzen Alten Testament: Weisheit im Sinne Kohelets ist mit Erkenntnis identisch. Und dieser Weise im Sinne Kohelets weiß eben: Dieser unser alles verfügende und alle schon vorher bestimmende Gott ist nicht umfassend erkennbar. Einzelne „Wesens“-Aspekte Gottes werden nicht genannt. Bei Kohelet ist Gott nur die unbekannte alles bestimmende Urmacht.

Aber auch dieses gilt für Kohelet: Gott ist der Schöpfer dieser Welt und der Menschen. Und dieser Gott „hat die Ewigkeit in das Herz der Menschen gelegt“ (…“ohne dass sie herausfinden können , was Gott von Anfang bis Ende gewirkt hat“, Kap. 3, Vers 9 ff). .

Das heißt: Gott als der Ewige hat das, was er ist, was ihn auszeichnet, nämlich der Ewige zu sein, ewig zu sein, in die innerste Mitte der Menschen gelegt. Das heißt Gott und Mensch sind letztlich verbunden und eins. Auch wenn es eine wesentliche Differenz zwischen Gott und Mensch gibt…“Gott ist im Himmel und der Menschen ist hier“, sagt Kohelet.

Aber die alte Glaubenslehre bleibt: Gott ist der Richter über Weise und Törichte. Aber mehr kann der weise Mensch nicht über Gott sagen. Gott ist nicht  zu durchschauen. Er ist ein Geheimnis für den Menschen.  Aber wäre ein durchschaubarer Gott noch Gott?

Interessant bzw. höchst ungewöhnlich sind die weisheitlichen Mahnungen Kohelets in Kap. 7, Vers. 16 (in der Lutherübersetzung) „Sei nicht allzu gerecht und allzu weise. Damit du dich nicht zugrunde richtest“ )Also sehr viel Weisheit richtet zugrunde? Vers 17: „Sei nicht allzu gottlos und sei kein Tor, damit du nicht sterbest vor deiner Zeit“. Also: Etwas gottlos, etwas religionskritisch soll der Weise durchaus sein. In der Katholische Einheitsübersetzung heißt Vers 17 viel milder und moderater: „Entferne dich nicht zu weit vom Gesetz…“ Auch die Züricher Bibel ist da radikal: „Sei nicht überfromm und gebärde dich nicht gar zu weise. Warum willst du dich zugrunde richten?“ Vers 17: „Sei auch nicht zu gottlos und sein kein Tor…“ Das muss erst noch theologisch bearbeitet werden: Ein biblischer Autor, dessen Buch als kanonische Schrift in der Bibel (Altes Testament) versammelt ist, gibt den Rat: „Sei nicht zu gottlos…“ Also: „Ein bisschen gottlos solltest du sein“ Aber was heißt ein bisschen?

Auch wenn immer wieder betont wird: Wie sinnlos, wie verhauchend und verschwindend alles ist: Dennoch wird da keine Sinnlosigkeit verbreitet, weil eben alles umrahmt und verbunden ist mit dem ewigen Gott. Der Gott Kohelets ist kein deistischer Gott, kein „Uhrmacher – Gott“ des 17. Jahrhunderts…

Zentral ist dann doch: Angesichts der totalen Windhauch- Struktur allen Lebens empfiehlt Kohelet der Jugend doch eine ausgelassene Freude am Leben, mit üppigem Essen und Trinken. Nirgendwo wird sonst in der Bibel so deutlich der üppige Lebensgenuss geradezu empfohlen, allerdings nur für die Jugend. Wo bleibt der Genuss für die Alten?

Aber diese kleinen Freuden des Lebens gönnen sich die Menschen in einem Bewusstsein, dass sie eigentlich nicht wissen, was das Ganze, was das Leben sinnvoll macht; nur der Glaube bleibt: dass Gott alles geschaffen hat und er alles vorherbestimmt. (Ob da Anklänge an Gnade und Prädestination – also bei Paulus im Römerbrief – durch scheinen, ist ein anderes Thema) „Wir sind Gottes Hand aufgehoben“: Das ist das zentrale Bekenntnis, „auch wenn wir mehr nicht wissen“.

Oft ist von Furcht Gottes“ die Rede. Dies ist eine Haltung, die im Alten Testament oft beschrieben wird, denn Jahwe hat in der Geschichte furchtbare Taten vollbracht, etwa die Ägypter vernichtet und wunderbar sein Volk erwählt und gerettet. Die Gottesfürchtigen sind die Frommen. Der Gottesfürchtige fühlt sich geborgen. Gottes Furcht ist Gehorsam gegenüber Gottes unergründlichem Willen. „Gottesfurcht ist der Weisheit Beginn“. Und ist eine Form der Unterwerfung unter die Allmacht Gottes. Gibt es im Neuen Testament noch diese Gottesfurcht?

2.Weisheit in der griechischen Philosophie. Ein knapper Hinweis fürs Weiterstudium.

Die griechische Philosophie in der Antike war in viele unterschiedliche Schulen gespalten. Wer in eine Schule eintrat, musste die Lehre des Meisters verinnerlichen, d.h. auswendig lernen, darauf weisen die Studien von Pierre Hadot immer wieder hin. Jeder Schüler einer Schule sollte die zentralen Lebensweisheiten immer „griffbereit“ für alle (schwierigen) Lebenslagen zur Verfügung haben.

Das wussten auch die frühen christlichen Theologen, indem sie den kirchlichen Glauben auch als SCHULE bezeichneten und ihn der Konkurrenz zu den anderen Schulen aussetzen. Durch die Kirchenpolitik der Kaiser setzte sich dann diese christliche Schule (eigentlich schon immer schon in sich selbst in Vielfalt) dann machtvoll durch und zerstörte die anderen philosophischen Schulen.

Ich will zu diesem komplexen Thema nur einige Hinweise geben:

Etwa in der Stoa und bei Epikur: Es geht beiden Schulen um die Erlangung der Ataraxia, der Ruhe im Leben, durch konkrete Übungen und Weisungen. Und man kann fragen: Ist diese ganze Windhauch Lehre von Kohelet nicht auch ein Einüben der Atarxia, der Unerschütterlichkeit? Ich denke, so ist es. Gerade dies hat Kohelet von den griechischen Philosophen gelernt!

Wenn man nur den Text „Selbstbetrachtungen“ (am Ende seines Lebens, um 172 nach Chr. geschrieben)   von Marc Aurel betrachtet, gibt es durchaus inhaltliche Anklänge an Kohelet: Etwa im 6. Buch, Nr. 15: Da ist vom ständigen Werden und Vergehen die Rede, also gewissermaßen vom Windhauch. „In diesem Strom kann man keinen festen Fuß fassen..“

Und doch ist Marc Aurel konkreter in seinen Hinweisen zum Umgang mit dieser Situation, in Nr. 16 schreibt er: „Was bleibt aber wirklich Achtungswertes übrig? Ich glaube dieses: Dich nach den dir innewohnenden Fähigkeiten zu rühren (tätig zu sein) und Zweckentsprechendes zu schaffen…“   Also in einer Situation des „Windhauches“ bzw. des ständigen Fließens kann der Mensch doch etwas konkret „aus sich machen und Gutes für die Welt tun“. Irgendwie wird der Gedanke einer verbesserlichen Welt, einer Weltgestaltung durch den einzelnen, bei den Griechen besser ausgesagt. Von einem expliziten Willen zur Weltgestaltung sehe ich bei Kohelet nicht so viele Anregungen.

Angesichts der vielen belastenden Erfahrungen, in denen so vieles, wörtlich „eitel, modernd, nichtig ist“ (N. 33 im 5. Buch, gib Marc Aurel den Ratschlag: Alles, was außerhalb deiner geistigen und körperlichen Sphäre ist, „ist nicht dein und hängt nicht von dir ab“, also kümmere und sorge dich nicht darum (Nr. 33). „Bedrückend sein kann für den Menschen nicht das Vergangene und Zukünftige, sondern nur das, was ist, was jetzt ist. (N. 36 im 8. Buch).

Nebenbei: Philosophie muss von „Sophismus“ unterschieden werden: Dies nur am Rande: Sophismus kommt vom Verb sophitestai, also ausklügeln, sich etwas ausdenken, kluge Worte machen, auch als Propaganda, auch als Irreführung: “Es gibt ja sowieso keine Wahrheit“… Ein Sophist kann jede noch so abwegige Theorie logisch scheinbar begründen und verteidigen. Darum waren sie oft auch glänzende Rhetoriker. Sie sind die „Relativisten“, die Sokrates als Ethiker verschmähte… Sokrates setzte sich mit Sophisten auseinander, etwa Kritias und Alkibiades… Sophisten arbeiteten philosophisch für Geld. Philosophen taten es gratis, wie Sokrates… Sophisten sind heute wohl viele Rechtsanwälte.

3.Welche Weisheit ist hilfreicher? Kohelet oder Marc Aurel „Selbstbetrachtungen“?

Diese Frage kann jeder für sich beantworten natürlich.

Der Eindruck ist wohl gültig: Schon aufgrund seines größeren Umfangs sind die „Selbstbetrachtungen“ von Marc Aurel wesentlich differenzierter und konkreter als das Buch Kohelet. Das wird etwa deutlich, wenn Kohelet der Jugend empfiehlt: „Wandle, wie es deinem Herzen gelüstet und genieße, was deine Augen schauen“ (11. Kap. Ende)

Essen und Trinken als Lust wird auch in Kap. 5 empfohlen als Gabe Gottes. Aber alles wird auf die Jugend bezogen. Aber im Unterschied etwa zu Epikur wird nicht eine Lehre des reflektierten Maßhaltens geboten! Und der junge Genießer in Jerusalem soll auch schon wissen, „dass um alle diese genussvollen Dinge wird Gott dich vor Gericht ziehen“. (Ende 11. Kap.) Der Gedanke an Gottes Gericht soll vor allzu großer Üppigkeit warnen.

Da sind mir die griechischen Philosophen sympathischer und reflektierter: Sie wollen den Genuss in seinen Exzessen dadurch eingrenzen, dass sie auf das Wohl, auch das körperliche, des Genießenden acht geben. Sie argumentieren, aber drohen nicht mit einem rächenden Gott. Etwa bei Epikur ist das deutlich. Die Bibel bietet keine argumentative Weisheitslehre zur Ataraxia, zur lernbaren Unerschütterlichkeit, oder zum Gleichmut und zur Ausgeglichenheit! Dies tun die griechischen Philosophen. „Erwache und finde dich selbst wieder“, sagt Marc Aurel, Nr. 16 in Buch 6. „Erwache zu dir selbst“: Dieses Ernstnehmen der Entwicklung des eigenen Lebens fehlt mir im Buch Kohelet.

Ich meine: Kohelet spricht von einem sehr überlegenen, endgültigen Status aus, wie in einem Blick aus der Ewigkeit heraus spricht er und muss dann, sub specie aeternitatis, fast alles auf der Welt und im begrenzten Leben des Menschen, eben NICHTIG zu finden. Er sieht in dieser Sicht von oben alle Menschen eingesperrt in ein Leben zwischen (eigentlich abzulehnender) Geburt und dem Versinken in ein Nichts im Tod. Diese Beurteilung alles Lebendigen und Konkreten aus der Ewigkeit heraus ist problematisch: Dieser Standpunkt ist nur in der HINSICHT des Überblicks auf das gesamte Leben formal gültig. Es fehlt „trotzdem“ die Lust, Details zu entwickeln.

Ich finde die Aussage in Kohelet auch falsch: „Es gibt nichts Neues unter der Sonne“. Natürlich, alle Menschen sterben. Dennoch gibt es auch positive Entwicklungen, vielleicht sogar doch Fortschritt im Bewusstsein der Freiheit. Dass heute sehr viele Menschen die universal geltenden Menschenrechte richtig finden, ist ein Fortschritt, selbst wenn sich sogar demokratische Politiker aus Egoismus etc nicht daran halten.

Ich finde die Aussage Kohelet falsch: Je mehr Wissen, desto mehr Schmerz.

Heute gar nicht annehmbar ist das Denken, auch der Krieg habe seine Zeit, also seinen Kairos. Gewöhnung an den Krieg als etwas weisheitlich Normalem ist grundlegend falsch.

Ende von Kap. 3 dieser furchtbare Satz: Der Mensch hat vor dem Tier keinen Vorzug.

Kurz und gut: Man lese manchmal das Buch Kohelet, kehre dann aber zum eigenständigen, umfassend slebstkritischen Denken der Philosophie zurück.

Wie viel seelisches (Un)Heil dieses Buch Kohelet unter den Frommen angerichtet im Laufe der Jahrhunderte der immer wiederholten Lesung im Gottesdienst und der privaten Lektüre, wäre eine interessante Studie.

Für Kohelet endet offenbar das menschliche Leben mi dem Tod. In der christlichen Tradition hingegen haben sich, den Evangelien folgend, Vorstellungen von der Auferstehung durchgesetzt, als Formen des Ewigen im Menschen. LINK

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Literaturhinweis:

Norbert Lohfink, Kohelet, Ein Kommentar, Echter Verlag, 3. Aufl. 1986, 86 Seiten. Antiquarisch preiswert zu haben!

Die Weisheit des Alten Testaments. DTV und C.H. Beck Verlag, 2007 (hg. Bernhard Lang) . 6 Euro.  Aus der empfehlenswerten preiswerten Kleinen Bibliothek der Weltweisheit. Nebenbei: Dort auch von Baltasar Gracian, Handorakel und Kunst der Weltklugheit.

Zur griechischen Weisheit der Philosophen:Sie die wichtigen Werke des Philosophen Pierre Hadot. Sieh den Link zu einem Beitrag von Christian Modehn

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Wenn der Dialog heute verweigert wird

Die Philosophie und das Verschwinden vernünftiger Kommunikation heute

Ein Hinweis von Christian Modehn zur Philosophie von Karl-Otto Apel

Die Krise der Kommunikation heute, als Verleumdung, Lügenpropaganda, Abbruch des Dialogs, Niveauverlust in den Gesprächen usw. ist auch eine Krise der Demokratie heute. Zu diesem Krankheitssyndrom kann die Philosophie hilfreiche Hinweise geben, wenn sie auf die unaufgebbaren Voraussetzungen der Kommunikation aufmerksam macht. Wer sie nicht beachtet, schädigt sich selbst auf Dauer.

Philosophieren als Praxis der Philosophie kann die Welt zwar nicht unmittelbar, nicht sofort, nicht „ad hoc“, verbessern. Aber Philosophie bringt Klarheit in die von Menschen verwendeten Begriffe und Werte bzw. Unwerte: Wer will schon selber in einem widersprüchlichen Wirrwarr von Meinungen und Behauptungen leben, wie im Nebel orientierungslos herumirren? Philosophie zeigt Irrtümer und Lügen auf und stellt die Frage: Ob Menschen mit der Lüge leben wollen.

Die Stärke der Philosophie ist die tief greifende Analyse der Sprachwelten, in denen die Menschen sich heute bewegen. Philosophie klärt auf über das, was wir sagen und tun und welche Konsequenzen das hat.

Philosophen sagen also eher selten, was denn konkret jetzt im einzelnen zu tun ist. Sie sind dem Allgemeinen verpflichtet, der Reflexion auf das allen Gemeinsame, die Vernunft. Aber gerade darin liegt die Bedeutung der Philosophie bzw. einer bestimmten Form des Philosophierens. Philosophie hat Wesentliches in der Krise zu sagen. Leider sagen das so wenige PhilosophInnen heute. Die demokratischen Gesellschaften haben heute ein tief greifendes Kommunikationsproblem. Man könnte sagen: Menschen unterschiedlicher Herkunft, Bildung, Parteienzugehörigkeit, Religionsbindungen usw. verstehen einander nicht mehr. Und das ist in dieser radikalen Dimension neu. Heute haben sich die Feinde der immer zu verbessernden (!) Demokratie innerhalb der Demokratie auch in Europa breit gemacht, das ist das Besondere und Gefährliche.

Jetzt reden Menschen aneinander vorbei, auch wenn sie noch die gleich klingenden Begriffe verwenden. Einen gemeinsamen sachlichen verbindenden und verbindlichen Inhalt gibt es oft nicht mehr: „Demokratie“, „Rechtsprechung“, „Gleichheit vor dem Gesetz“ usw. werden in widersprüchlichen Bedeutungen verwendet. Und die Kontrahenten sehen nicht mehr, was ein gemeinsames inhaltliches Verstehen leisten könnte.

Mister Trump erschüttert das Zusammenleben vernünftiger Menschen durch sein von Psychologen auch bestätigtes verrückt zu nennendes Agieren. Er sieht sich, der Autokrat, als der Herr der Wahrheit (ebenso Putin und die vielen anderen, die sich in Europa Politiker nennen): Um bei Mister Trump zu bleiben: Er kann heute die Wahrheit A und schon ein paar Stunden später die der Wahrheit A völlig widersprechende Wahrheit B verkünden. Die Bürger bzw. wenigstens seine Getreuen sollen gehorsam dem herrschaftlichen Umgang mit seiner Wahrheit folgen. Trump etabliert sich so als „der Führer“. Durch diese krankhafte Weise permanenter Verwirrung werden Menschen auf Dauer dann müde und zermürbt. Ihr Vertrauen in Erkenntnisse und Sätze mit Wahrheitsanspruch schwindet; ebenso wird das elementare Vertrauen in einen Mann, der sich Präsident nennt, zerstört. So bilden sich feinselige Fraktionen in ein und derselben Gesellschaft: Die einen halten sich an Wahrheit A, die anderen an Wahrheit B, und einige noch an die tatsächliche Wahrheit; vielen aber wird dieses ganze Thema dann doch ganz egal: Sie überlassen den Führern das Feld. Die permanente Verwirrung angesichts der Fakes und der Fakes – Behauptungen zerstört letztlich die letzten Reste von Demokratie. Und das wollen diese Herren, man befasse sich intensiver mit dem rechtsradikalen Freund von Mister Trump, mit Steve Bannon, der jetzt sein Netz knüpft zwischen allen rechtsradikalen Parteien Europas, auch die AFD hat Kontakte zu Bannon. Angesichts dieser eher hoffnungslos stimmenden Situation fragen sich einige: Und was haben Philosophen zu diesen Verhältnissen zu sagen? Philosophie hat es bekanntlich mit den „allgemeinen“ Fragen zu tun. Sie beschäftigt sich kritisch reflektierend mit der Vernunft und weiß, dass es tatsächlich nur eine gemeinsame Vernunft der Menschen geben kann. Selbst wer als Philosoph etwa in der Postmoderne von der Vielfalt verschiedener historisch – kulturell differenter „Vernünfte“ spricht oder sprach, verbindet doch die Vielfalt dieser „regional“ verschiedenen Vernünfte in seiner vernünftigen, von allen Lesern nachvollziehbaren Beschreibung zu einer gemeinsamen Verständlichkeit zusammen; d. h. wer von vielen Vernünften spricht, MUSS sich doch wieder einer gewissen „einheitlichen“ Sprache zur Erklärung dieser Behauptung bedienen. Noch einmal: Alle Interpretationen der vieler Vernünfte gelingen nur in der Verwendung dann doch einer gemeinsamen Sprache, der sich der darstellende Philosoph bedient.

Eine Privatsprache, die nur ich und vielleicht ein Freund verwenden und verstehen, kann man ja als Hobby entwickeln, nur wird sie als Privatsprache nie allgemeine Sprache werden (dürfen). Darauf hat der späte Wittgenstein bekanntlich hingewiesen.

Selbst wenn man die, kulturell bedingt, inhaltlich differenten Begriffe respektiert, etwa die unterschiedliche Bedeutung von „Welt“ oder „Transzendenz – Immanenz“ in Westeuropa und in China, wird man doch bei aller Differenz dann in einer gemeinsamen (englischen ?) Sprache die kulturell bedingten inhaltlichen Verschiedenheiten herausstellen. Man wird sich also verständigen, weil es eben doch eine allgemeine Verstehensmöglichkeit auch begrifflicher Art gibt. Selbst wenn große kulturelle Errungenschaften wie die Menschenrechte in einem bestimmten Teil dieser Erde entstanden sind, eben in Westeuropa, haben die Menschenrechte doch als solche universale Gültigkeit. Die regionale Herkunft einer Erkenntnis schließt nicht die universale Geltung aus! Das verstehen leider viele immer noch nicht! Alle, die die Menschenrechte sozusagen auf den europäischen Raum begrenzen wollen (auch aus machtpolitischen Gründen), müssen sehen: Selbst die heutigen Chinesen wollen sich für den allgemeinen Respekt der Menschenrechte einsetzen, man denke an die Dissidenten, an das Nein der Leidenden zum Regime. Im Nein der Leidenden zeigt sich die Universalität der Empfindung für die Menschenrechte und in der Empfindung dann für die Inhaltlichkeit der Menschenrechte und deren universeller Geltung. Dass die Menschenrechte heute in den Ländern, in denen sie einst formuliert wurden, nicht praktisch umfassend genug gelebt werden, ist ja kein Widerspruch zu ihrer universalen Gültigkeit. Menschnrechtler aber protestieren gegen den Verfall der Humanität etwa im neuen nationalistischen Wahn in Europa. Aufgrund des Nichtrespekts der Menschenrechte durch Herrscher und Autokraten in der westlichen Welt zu behaupten: Dann gelten in dieser Situation die Menschenrechte eben nicht mehr, wäre eine Art Suizid der Menschheit.

Diese hier nur kurz in Erinnerung gerufenen Tatsachen sind allgemein bekannt oder sollten allgemein bekannt sein.

Wichtiger ist es, sich in dieser Situation allgemeiner Kommunikationsverwirrung mit der Diskursphilosophie von Karl-Otto Apel (1922 – 2017) wieder intensiver zu beschäftigen. Er ist zweifellos einer der ganz großen Philosophen der Gegenwart, sein Einfluss auf das Denken von Jürgen Habermas ist eine Tatsache. Nachteilig ist nur für viele nicht so geübte Leser philosophischer Autoren: Karl-Otto Apel schreibt eher sehr anspruchsvoll, die Mühe des denkenden Lesens sollte man aber unbedingt wagen. Empfehlenswert ist die Einführung in sein Denken von Walter Reese-Schäfer erschienen im Junius Verlag.

Um den Kern der Sache, um die es Apel und uns in dieser Krise der Kommunikation geht, kurz zu skizzieren:

Apel geht davon aus, dass mit dem Eintritt verschiedener Menschen in ein gemeinsames Gespräch, in einen Disput oder Diskurs, bestimmte Voraussetzungen von selbst (!) mit – gegeben sind; diese müssen philosophisch freigelegt werden. Nur so kann jeder Sprechende wissen, was er/sie eigentlich im Argumentieren schon mit-bringt an nicht thematisierten Voraussetzungen. Philosophie wird so bei Apel – in der Bindung an Kant – zu Implikationsforschung bzw. Freilegung von Implikationen, die immer schon in unserem geistigen Handeln, im Reden etwa, mitgegeben sind. „Apels Weg ist die hermeneutische Besinnung auf die notwendigen Voraussetzungen der Argumentation“, schreibt Reese-Schäfer, S. 56.

Diese Voraussetzungen sind nicht in erster Linie Voraussetzungen äußerer Art, etwa ein angenehmes Gesprächsklima mit entsprechenden Räumen oder die Entscheidung für eine allen Gesprächsteilnehmern gemeinsame Sprache.

Entscheidend sind vielmehr die „unsichtbaren“ Voraussetzungen im Sprechen und Zuhören und Antworten selbst. Diese unsichtbaren Voraussetzungen (Aprioris im Sinne von Kant, er spricht von transzendentalem Apriori) ) bringen die Menschen IMMER SCHON mit, als mit Geist/Vernunft ausgestattete Wesen, ob sie das wollen oder nicht, ob sie diese apriorischen Voraussetzungen für sich bejahen oder nicht. Man entkommt diesen Voraussetzungen förmlich gar nicht. Es geht also um Dimensionen de Vernunft „die man nicht bestreiten kann“ (Reese- Schäfer, S. 47). Wer diese immer schon mitgebrachten Voraussetzungen bestreitet, bedient sich aber ihrer noch einmal gerade im Bestreiten selbst; er wird diese Voraussetzungen nicht los. Sie sind „unhintergehbar“, wie Apel sagt. Im Reflektieren auf sie kommt der Geist/die Vernunft auf etwas Letztes, das er als Geist/Vernunft nicht noch einmal tiefer begründen kann.

Im Gespräch/Diskurs gehen die Redner, Zuhörer, Antwortenden immer schon de facto davon aus, dass sie einander verstehen wollen. Der Eintritt in den Diskurs ist freiwillig, es sei denn, es handelt sich um Friedensverhandlungen etwa nach einem Krieg. Wenn in Krisenzeiten Menschen sich dem Diskurs entziehen, kann dies Ausdruck von Misstrauen, Schwäche, Ablehnung von kommunikativer Nähe sein, diese Haltung wäre eigens zu bedenken.

Aber: Im allgemeinen gilt: Wer in die Kommunikation eintritt, will tatsächlich kommunizieren. Will verstehen, will sich selbst und andere verstehen in Richtung auf ein gemeinsames Ziel.

Dies ist die Voraussetzung ihrer Zusammenkunft. Selbst wenn ein Gesprächsteilnehmer an dem Diskurs teilnimmt, um sein Nichtverstehen und Nichteinverstandensein bald zu dokumentieren, so sagt er das in Worten, die alle anderen verstehen. Er will sich gerade als „Nichteinverstandener“ ja für andere verständlich etablieren. Selbst wenn er seine Haltung (nur) durch symbolisches Agieren dokumentiert, muss dieses symbolische Agieren, etwa durch Schreien, Aufstehen, den Raumverlassen usw. als symbolische Tat von den anderen verstanden werden. Ein symbolisches Handeln in einer „Privatsprache“, die nicht allgemein verstanden würde, wäre total sinnlos auch für diesen Agierenden.

Das heißt: Alle Gesprächsteilnehmer binden sich, meist unbewusst, aber doch gültig und tatsächlich, an die gemeinsam geteilte Überzeugung: zu einer einzigen Kommunikationsgemeinschaft zu gehören. Sie bekennen förmlich: Wir sind eine sich verstehende bzw. verstehen wollende Gemeinschaft. Nur aus diesem Grund kommen wir ja zusammen, nur aus diesem Grund sprechen wir miteinander.

Inhaltlich kann natürlich wirklich alles Mögliche gesagt werden. Nur: Formal steht das inhaltlich Gesagte immer unter einem nicht abzuwerfenden Apriori: Alles Gesagte darf nicht dem formal festzustellenden inneren Widerspruch unterliegen. Wenn jemand sagt: “Alle Sätze, alles Urteilen, sind sinnlos“, dann ist in diesem einfachen Beispiel natürlich auch sein Satz sinnlos und bedarf keiner weiteren Debatte. Dieser Redner lebt in einem Selbstwiderspruch, der für ihn nicht nur blamabel, sondern wohl auch seelisch schädlich ist. Der Selbstwiderspruch im Denken und Sprechen muss kommunikativ gelöst werden.

Wenn jemand sagt: „Jetzt behaupte ich als Faktum: Die Einwohnerzahl von Berlin beträgt zur Zeit 3,7 Millionen Menschen“. Was wissenschaftlich betrachtet korrekt ist. Wenn dieselbe Person dann aber ein paar Stunden später sagt: „Jetzt sage ich als Faktum, die Einwohnerzahl von Berlin beträgt zur Zeit nur 2 Millionen Einwohner“, dann ist das nicht nur ein dummer, autoritärer Umgang mit Fakten. Diese Person, die ja Kenntnis hat von der Einwohnerzahl hat, also durchaus gebildet ist, fühlt sich überhaupt nicht gebunden an die innere Verpflichtung des Geistes, der Vernunft, die Wahrheit zu sagen. Anders formuliert: Diese Willkür im Umgang mit Fakten kann vor dem universalen Wahrheitskriterium des Kategorischen Imperativs nicht bestehen. Eine Person, die die formale Bindung eines jeden Menschen an den Anspruch der Wahrhaftigkeit autoritär überspringt, muss zudem damit rechnen, dass Menschen auftreten und sagen: Jetzt ist diese Person noch der Präsident, ein paar Stunden später ist er es nicht mehr, weil wir Bürger ihn in ein Altersheim einweisen…Subjektive Willkür im Umgang mit Wahrheit rächt sich also.

Die große Frage ist: Wie gehen vernünftig und selbstkritisch argumentierende Gesprächsteilnehmer mit einem Menschen um, der gar nicht ernsthaft argumentieren will? Es ist ja im persönlichen, privaten Bereich möglich, sich vernünftigen Argumenten zu entziehen. Schwierig wird es, wenn diese Person auch politisch sehr einflussreich ist und etwa über das berühmte Knöpfchen verfügt, um einen Atomkrieg anzuzetteln…Walter Resse- Schäfer behauptet sogar, die Diskurstheorie von Apel enthalte „die stille Drohung , diese Irrationalisten in eine Heilanstalt zu sperren“ (Seite 51), was ja im Falle der für Atombomben Verantwortlichen, aber unvernünftigen Politiker so falsch wohl nicht wäre… Reese – Schäfer verweist auf Seite 157, Fn. 17, auf Apels Aussage in „Diskurs und Verantwortung“, S. 336 und er weist auf eine ähnliche Position bei Habermas hin, „Moralbewusstsein und kommunikatives Handeln“, S. 109ff.

Wie auch immer man dieses schwere Problem weiter diskutiert: Wie Demokratie mit den inneren Zerstörern der Demokratie umgeht, ist eine der Hauptfragen der Zukunft. Der Krieg im Innern der Demokratie ist ja seit dem Faschismus und dem Nazi-Wahnsinn bekannt. Damals handelten nur sehr wenige rechtzeitig gegen die „Feind im Innern“, der letztlich ein Feind der vernünftigen Kommunikation war: Wenn Goebbels 1943 rief: „Wollt ihr den totalen Krieg“, war das, philosophisch betrachtet, auch der Wille von Goebbels, selbst in diesem totalen (!) Krieg unterzugehen. Es waren Massen, die manipuliert wurden und schon im nationalistischen rassistischen Wahn lebten, sie waren von kritischer Reflexion nicht mehr erreichbar. Solche Niederlage der Vernunft geschieht durch populistische Agitatoren immer wieder. Widerstand muss rechtzeitig sein!

Wenn Philosophie etwas beitragen kann in dieser Krise, dieser Zerstörungssucht der Demokratien in Europa von innen her: Dann ist es das umfassende kritisches Nachdenken für alle und mit allen pflegen. Auf die inneren Widersprüche der Feinde der Demokratien aufmerksam machen. Wer den dummen Spruch sagt „Merkel muss weg“, muss sich logischerweise auch gefallen lassen. „Auch du rechtsextremer Politiker musst als Politiker weg“. „Denn du passt mit diesen brutalen Sprüchen nicht in eine demokratische Gesellschaft“. Diese rechtsradikale Argumentationsstruktur, falls sie noch den Namen verdient, lebt von inneren Widersprüchen. Philosophen müssen mit Psychologen zeigen, was es bedeutet, wenn Menschen mit logischen und inneren Widersprüchen leben. Wir sind wieder beim Thema, das schon in Punkt 6 angesprochen wurde.

10 Wenn der Mensch sich doch wesentlich noch als Wesen des Geistes, des Verstandes, der Empathie versteht, denn nur dann ist er Mensch und eben kein irrational agierendes Tier, dann muss er offen sein für Argumente, Diskussion, Ringen um die gemeinsame Wahrheit. Oder er verweigert sich und will eben Krieg aller gegen alle (siehe die zerstörerisch – apokalyptischen Visionen von Steve Bannon).

Es geht um die Frage: Wollen wir wirklich noch menschlich bleiben, wollen wir mental gesund bleiben? Wollen die allen Menschen gemeinsame Vernunft, die sich in den Menschenrechten äußert, als oberste Instanz anerkennen, wirklich als oberste Instanz, also auch über allen verschiedenen Religionen und sonstigen Weisheitslehren stehend. Über die Versöhnung der Differenzen in den unterschiedlichen Religionen können ja bekanntlich nicht die einzelnen Religionen befinden: Das Gemeinsame, Friedvolle, Humane kann nur die übergeordnete Philosophie entdecken und freilegen. Es ist also die Aktualität eines Hegelschen Gedankens, dass die Philosophie ÜBER den Religionen steht, die beachtet werden sollte. Womit nicht gesagt ist, dass nicht religiöse Menschen ihre Religion leben dürfen, im Rahmen der Menschenrechte, d.h. der allen gemeinsamen Vernunft.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Gegen das Entgleisen der Moderne und das Verschwinden des demokratischen Rechtsstaates

Ein Salonabend zur Aktualität von Jürgen Habermas am 20.7. 2018

Hinweise von Christian Modehn

1.

Diese Hinweise (von 2018) sind bestimmt für Menschen, die sich bisher eher beiläufig oder fast gar nicht mit dem Denken von Jürgen Habermas befasst haben. Es werden hier sozusagen elementare Verstehenshilfen zu zwei zentralen Begriffen vorgeschlagen, mit dem Zweck: Selbst Habermas zu lesen und die Habermas Texte zu bedenken.

2.

Jürgen Habermas (geb.1929) ist Philosoph und Sozialwissenschaftler. Sein leidenschaftliches Interesse gilt einer Philosophie, die Kants Erkenntnisse neu formuliert und die dabei die Ethik in den Mittelpunkt stellt. Moralphilosophie, Ethik, wird deutlich durch vernünftiges, allen Denkenden zugängliches Argumentieren.

Dabei darf man das persönliche Profil von Jürgen Habermas nicht vergessen: Er ist ein aufmerksamer Dialog – Partner, er versucht, den anderen vorbehaltlos zu verstehen, er äußert sich gern in der Öffentlichkeit: Sein philosophisches Profil begann wohl damit, als er 1953 die bruchlose Ausgabe von Heideggers Vorlesungen „Einführung in die Metaphysik“ von 1935 kritisierte, die Veröffentlichung nach dem Krieg war bruchlos deswegen, weil Heidegger ohne jeden Hinweis einen in der Nazizeit veröffentlichten Text „einfach so“ publizierte. Habermas zeigte, wie in dem Text versteckt Nazi – Ideologie enthalten ist. Überhaupt reagierte der junge Habermas sehr früh empört über die Tatsache, wie sich in den frühen Jahre der BRD unter Adenauer Nazi – „Größen“ in führender Stellung etablieren konnten.

Habermas hält sich gegen die postmodernen Philosophen an eine universal geltende Ethik: Diese hat nichts mit willkürlichen Entschlüssen, nichts mit Befolgung von Machtsprüchen oder mit unreflektierter Realisierung religiöser Weisheiten zu tun. Die Vernunft prüft – wie Kant – alle inhaltlichen ethischen Weisungen auf ihre vernünftige formale Geltung (siehe „Kategorischer Imperativ“). Die Vernunft will dann jeweils historisch – konkret inhaltliche vernünftige Normen erzeugen. Dabei stellt Habermas Mythos gegen Philosophie. Die Wahrheiten der Mythen müssen, falls sie – auch weltlich, politisch, relevant sein sollen – in Vernunft-Sätze übersetzt werden.

Das ist grundlegend: Die Vernunft steht im Dienst der Bewahrung und Rettung des menschlichen Miteinanders in demokratischen Rechtsstaaten. Nur in einer „Mobilisierung“ der Vernunft, zu der auch Empathie, Gefühle gehören, kann die Moderne vor der „Entgleisung“ bewahrt werden.

3.

Habermas prangert gerade in seinen Stellungnahmen der letzten Jahre den „unverfrorenen Wirtschaftsegoismus“ an, er fürchtet den „Zerfall Europas“, will die Solidarität mit vernünftigen Gründen in den Mittelpunkt stellen.

Habermas ist ein politischer Philosoph, ein engagierter Philosoph. Er weiß: Der Mensch ist nicht ein in sich verkapseltes (egoistisches) Individuum, sondern zuerst „Sein mit anderen“, also inter-subjektitiv von vornherein bestimmt. Nur durch das Mitsein mit anderen entsteht individuelles Selbstbewusstsein. Es ist also auch vernünftig, solidarisch zu sein. Wer unsolidarisch ist und nur das Ego pflegt, widerspricht der Struktur seines eigenen Menschseins.

4.

Ein Hinweis zur Diskursethik:

Hier wäre vom Einfluss des mit Habermas befreundeten Philosophen Karl-Otto Apel zu sprechen.Die These ist: Durch den Diskurs, d.h. das vernünftige Gespräch möglichst mit allen, kann die Demokratie gerettet werden. Weil der Diskurs von der Erkenntnis ausgeht, dass im Sprechen und Miteinander Diskutieren implizit eine (formale) Wahrheit anerkannt wird: Eben, dass wir einander verstehen können (wenn wir die gleiche Sprache sprechen…) Zum Diskurs selbst: „Alle relevanten Stimmen finden Gehör“. Alle „beim gegenwärtigen Wissensstand besten Argumente gelangen ins Gespräch und damit zu einer Geltung“.

Wenn es Ja und Nein Stellungnahmen, also Entscheidungen, der Teilnehmer gibt, dann unter dem „zwanglosen Zwang (Habermas) des besseren Arguments“.(J.H., Diskursethik, Studienausgabe, S. 162). Es zählt nur das Argument, unabhängig von sozialen Status etc. Es geht um die Vorrangstellung des kommunikativen Handelns (anders als das instrumentelle Handeln, also Arbeit). Kommunikatives Handeln ist vor aller Arbeit das durch gemeinsames Sprechen ermöglichte Schaffen einer gemeinsamen vernünftigen Welt.

Sprechen IST Handeln.

Sprechen ist nicht nur faktischer Informationsaustausch („es ist 10 Uhr“), sondern eine Tathandlung, die in der Zusage den anderen verändert („Ich wünsche dir gute Gesundheit“)

Noch einmal: Allem Sprechen „wohnt“ als implizites, nicht abzuschaffendes Ziel die Verständigung mit anderen inne. Wir sind im Sprechen a priori auf Verständigung mit anderen aus. Auch auf die Erzeugung von einem gemeinsamen Projekt. Etwa ist das Urteil „Alles ist sinnlos“ ein Selbstwiderspruch, denn dieses Urteil ist dann selbst sinnlos. Wer dies leugnet, lebt in einem Selbst-Widerspruch. Wie ein jeder mit Selbstwidersprüchen umgeht, ist ein anderes Thema. Mit der eigenen (Lebens)Lüge (bequem) leben, wäre ein Ansatz dafür, welche Krankheitsbilder sich dabei zeigen, ein anderes Thema.

Jeder Gesprächsteilnehmer sieht sich genötigt im Diskurs, die Perspektive des anderen zu übernehmen, um zu prüfen, wie dadurch ein vernünftiges Miteinander gefunden werden kann. Diese Vernunft findet – sehr schnell verkürzt gesagt -in ihren Ausdruck in gerechten Gesetzen.

5.

Zum wechselseitigen Lernen von säkularen (also explizit nicht-religiösen) Menschen und religiös/konfessionell gebundenen Menschen.

Habermas geht davon aus, dass in den Lehren, Weisheiten, der (meist uralten) Religionen Erkenntnisse enthalten sind, die heute wichtig sein können auch für die Rettung der Demokratie. Habermas spricht oft von der Gefahr der „Entgleisung der Moderne“, die nur durch die vernünftige Einbeziehung religiöser Ideen und religiöser Energien verhindert werden kann.

Für Habermas sind Religionen Ausdruck des „objektiven Geistes“, darin folgt er Hegel: Kunst, Religionen, Philosophien sind Ausdruck (Aussage), je unterschiedlich, des einen universalen Geistes. Auch Religionen haben auf ihre Art Wesentliches zu sagen. Ein Beispiel für eine Übersetzung religiöser Weisheit von der Sicht von Habermas: „Der egalitäre Universalismus, aus dem die Ideen von Freiheit und solidarischem Zusammenleben entsprungen sind, ist unmittelbar ein Erbe der jüdischen Gerechtigkeit und der christlichen Liebesethik. In der Substanz unverändert, ist dieses Erbe immer wieder kritisch angeeignet und neu interpretiert worden. Dazu gibt es bis heute keine Alternative.’ (Jürgen Habermas, Zeit der Übergänge, Suhrkamp, 173 ff)

6.

Habermas sieht heute „knapper werdende Sinn -, Solidaritäts- und Gerechtigkeitsressourcen“ (S. 99) Darum sein Interesse an der vernünftigen Pflege religiöser Weisheiten und deren reflektierte Einbeziehung ins gesellschaftliche Miteinander. Diese Weisheiten will er aktuell retten, dadurch, dass er die religiösen Menschen auffordert, ihre eigenen religiösen Weisheiten allgemein verständlich, vernünftig, auszudrücken.

Dies ist wichtig, um das Entgleisen der Moderne zu verhindern: Denn die Philosophie selbst zeigt, auch in der Bindung an Kant, „es gibt eine motivationale Schwäche der Vernunftmoral“ (J.H.: „Ein Bewusstsein von dem, was fehlt“, Suhrkamp, S. 97). „Die säkulare Moral ist nicht von Haus aus in gemeinsame Praktiken eingebettet. Demgegenüber bleibt das religiöse Bewusstsein wesentlich mit der fortdauernden Praxis des Lebens in einer Gemeinde verbunden und mit der im Ritus vereinigten Glaubensgenossen“ (ebd.). (Meine Frage: Wenn Kirchengemeinden verschwinden, verschwindet auch die hilfreiche solidarische Praxis? Und: Sind pauschal alle sich Religion nennenden Religionen in der Hinsicht relevant ? Wer unterscheidet die religiöses Qualität von Mystikern von Scientology oder den Zeugen Jehovas? Das kann nur die mit eigenen Massstäben argumentierende, allen Religionen übergeordnete Philosophie. Diesem Satz würde Habermas nicht zustimmen.

7.

Aber darüber hinaus: Schon Kant sah ein Defizit der praktischen Vernunft. Er sah, dass kollektive Ziele etwa in der Gesellschaft mit der Kraft der Vernunft eher schwach nur verwirklicht werden (Die Religion, meinte er, habe kräftige Begriffe der Sittlichkeit… Kritik der Urteilskraft, S 603). Ob diese Einschätzung heute noch so stimmt, ist die Frage…

Habermas fordert jedenfalls von den säkularen Menschen Respekt vor den religiösen Weisheitslehren. Der barmherzige Samariter praktiziert als Fremder die Fernsten/Fremden Liebe, indem er spontan einen Fremden umfassend pflegt. Das heißt: Nächstenliebe ist immer Fernsten/Fremdenliebe. So viel Verständnis für Religiöses haben säkulare Kritiker dem erklärtermaßen „religiös unmusikalischen“ Habermas übel genommen. Habermas verteidigte sich angesichts seiner Dialoge mit Kardinal Ratzinger und den Jesuiten, es sind ja Exempel gelebter Dialgpraxis und zudem sagte er: Er sei nicht im Alter auch noch fromm geworden. Obwohl er bekennt, manches doch in seiner Herkunft aus einer liberal – protestantischen Familie gelernt zu haben. Nach meinem Eindruck hat sich Habermas zu diesem wechselseitigen Lernen zwischen muslimisch Frommen und säkularen Menschen nicht sehr ausführlich geäußert.

8.

Religiöse Menschen übersetzen ihre religiösen Glaubensweisheiten nur für die und in der Gesellschaft! Um ein besseres Verstehen in der pluralen Gesellschaft zu erzeugen. Sollten aber religiöse Menschen in den Dienst des säkularen Staates treten, und Rechtsstaaten sind immer säkular !, dann müssen sie sich strikt an die allgemeinen säkularen Überzeugungen halten. Religiöse Menschen dürfen also nicht ihre religiösen Weisungen als solche etwa zum staatlichen Gesetz machen wollen. Ein religiöser Staatsbeamter handelt insofern als säkularer Bürger wie alle anderen Beamten. Dass das gerade sehr schwierig ist gerade in der ideologischen Bindung so vieler Richter in Deutschland ist klar. Darum fallen ja auch Urteile so unterschiedlich aus, weil die Richter eben doch bestimmte Vorlieben haben… Das heißt grundsätzlich: Der religiöse Bürger muss seine religiösen Weisheiten im staatlichen Bereich als sekundär wahrnehmen und entsprechend säkular handeln.

Eine Einschätzung des Theologen und Habermas Kenners Edmund Arens, Prof. in Luzern „Habermas bleibt bei aller respektvollen Annäherung an Religion ein auf Abstand bedachter Beobachter, der sich gegen Vereinnahmung wehrt. Er bleibt ein scharfsinniger Diagnostiker der postsäkularen Gesellschaft, der gegen religiös-fundamentalistische Selbstabkapselung ebenso dezidiert Stellung bezieht wie gegen säkularistisch-bornierte Selbstgewissheit. Er bleibt ein verständigungsorientierter Anwalt der öffentlichen Vernunft, der sich dafür stark macht, dass die Religion in die gesellschaftliche und politische Öffentlichkeit gehört, dass sie darin ihre Beiträge einzubringen und im Diskurs zu prüfen, zu präzisieren und nötigenfalls zu korrigieren hat. Er bleibt ein nachmetaphysischer Denker, der der Theologie hilft, sich ihres eigenen Vernunftpotenzials ohne metaphysische Aufblähung einerseits und postmoderne Schwächung andererseits zu vergewissern. Er bleibt ein zugleich lernbereiter und herausfordernder Gesprächspartner, der in seinem der Wahrheit und Gerechtigkeit, der Solidarität und Gleichheit verpflichteten Denken unberechtigte Macht- und unbegründete Geltungsansprüche einschließlich religiöser, kirchlicher und theologischer kritisiert und gleichzeitig zur wechselseitigen Verständigung über begründete und gerechtfertigte Geltungsansprüche aufruft“. (Herder – Korrespondenz, 2009)

9.

Habermas ist überzeugt: Entgegen früherer Prognosen von Soziologen: Religionen verschwinden nicht. Darum nennt er sein Denken „post—säkular“, also einer Zeit zugehörig, die die Dominanz des Säkularen überwunden hat.

Gleichzeitig nennt er sein Denken nach–metaphysisch, um den Abschied von der alten metaphysischen Traditionen und Systemen deutlich zu machen. Dabei hält an der Qualität philosophischer Reflexion selbstverständlich fest.

Es gibt also eine neue gemeinsame Basis in der zersplitterten Gesellschaft von säkularen und religiösen Menschen: Säkulare Menschen lernen von religiösen Weisheiten, SOFERN diese in allgemein zugängliche vernünftige Sprache übersetzt werden und praktisch fruchtbar gemacht werden: Man denke etwa auch an praktisches Tun religiöser Menschen, etwa an die Praxis des Kirchenasyls, dies ist eine moderne, säkulare Form der biblischen Forderung, den Fremdling als Nächsten zu behandeln… Man denke aber auch andererseits an die Lernschritte einiger fundamentalistischer Christen, Homosexuelle zu respektieren bis hin zur entsprechenden Ehe: Dies haben diese Christen gelernt durch die von säkularen Wissenschaftlern vorgetragenen Argumente, dass zum Thema der modernen Homosexualität die Bibel nichts, aber auch gar nichts zu sagen hat, das selbe gilt für den Koran etc.)

„Die Säkularisten haben das Verdienst, energisch auf der Unverzichtbarkeit der gleichmäßigen zivilgesellschaftlichen Inklusion aller Bürger zu bestehen. Weil eine demokratische Ordnung ihren Trägern nicht einfach auferlegt werden kann, konfrontiert der Verfassungsstaat seine Bürger mit Erwartungen eines Staatsbürgerethos, das über bloßen Gesetzesgehorsam hinauszielt. Auch religiöse Bürger und Religionsgemeinschaften dürfen sich nicht nur äußerlich anpassen. Sie müssen sich die säkulare Legitimation des Gemeinwesens unter den Prämissen ihres eigenen Glaubens zu eigen machen“. (Jürgen Habermas, 2007, in: Blätter für deutsche und intern. Politik…)

10.

In der Einleitung seines Bandes „Zwischen Naturalismus und Religion“ (Frankfurt 2005) nennt Habermas wichtige Ressourcen und Potenziale von Religionen: „Religiöse Überlieferungen leisten bis heute die Artikulation eines Bewusstseins von dem, was fehlt. Sie halten eine Sensibilität für Versagtes wach. Sie bewahren die Dimensionen unseres gesellschaftlichen und persönlichen Zusammenlebens, in denen noch die Fortschritte der kulturellen und gesellschaftlichen Rationalisierung abgründige Zerstörungen angerichtet haben, vor dem Vergessen. Warum sollten sie nicht immer noch verschlüsselte semantische Potenziale enthalten, die, wenn sie in begründende Rede verwandelt und ihres profanen Wahrheitsgehaltes entbunden werden, eine inspirierende Kraft entfalten können? Religion verfügt offenbar über eine Sprache, welche zum Ausdruck zu bringen vermag, was einerseits noch fehlt, weil es noch nicht realisiert beziehungsweise was fehlt, weil es verschwunden, verdrängt oder verloren ist. Mit dem Bewusstsein für das Unabgegoltene, Unrealisierte oder Unversöhnte verbindet sich eine Sensibilität für das Vorenthaltene. Religion hält Intuitionen für verweigertes Recht, verwehrte Solidarität sowie vorenthaltene Lebensmöglichkeiten wach. Religiöse Überlieferungen bewahren elementare Erfahrungen und Perspektiven des persönlichen Lebens und gesellschaftlichen Zusammenlebens, welche durch „entgleisende“ Modernisierungs- und Rationalisierungsprozesse bedroht sind, vor dem Vergessen und Verschwinden“.

11.

Zur politischen Krise Deutschlands und Europas heute: Rede am 5. 7. 2018 in Berlin (Die ZEIT hat den Text veröffentlicht!) „Dass sich eine Bundesregierung, die mit dem Rücken zur Wand steht, ihren zähen Widerstand gegen jeden einzelnen Integrationsschritt scheibchenweise abkaufen lässt, ist skurril. Ich kann mir nicht erklären, warum die deutsche Regierung glaubt, die Partner zur Gemeinsamkeit in Fragen der für uns wichtigen Flüchtlings-, Außen- und Außenhandelspolitik gewinnen zu können, während sie gleichzeitig in der zentralen Überlebensfrage des politischen Ausbaus der Euro-Zone mauert… Die Bundesregierung steckt ihren Kopf in den Sand, während der französische Präsident den Willen deutlich macht, Europa zu einem globalen Mitspieler im Ringen um eine liberale und gerechtere Weltordnung zu machen….

Heute werden die nationalen Bevölkerungen von politisch unbeherrschten funktionalen Imperativen eines weltweiten, von unregulierten Finanzmärkten angetriebenen Kapitalismus überwältigt. Darauf kann der erschrockene Rückzug hinter nationale Grenzen nicht die richtige Antwort sein“.

12.

Habermas unterstützt den zivilen Ungehorsam:

Der Philosoph und Soziologe Jürgen Habermas hat zivilen Ungehorsam folgendermaßen definiert: „Ziviler Ungehorsam ist ein moralisch begründeter Protest, dem nicht nur private Glaubensüberzeugungen oder Eigeninteressen zugrunde liegen dürfen; er ist ein öffentlicher Akt, der in der Regel angekündigt ist und von der Polizei in seinem Ablauf kalkuliert werden kann; er schließt die vorsätzliche Verletzung einzelner Rechtsnormen ein, ohne den Gehorsam gegenüber der Rechtsordnung im Ganzen zu affizieren; er verlangt die Bereitschaft, für die rechtlichen Folgen der Normverletzung einzustehen; die Regelverletzung, in der sich ziviler Ungehorsam äußert, hat ausschließlich symbolischen Charakter – daraus ergibt sich schon die Begrenzung auf gewaltfreie Mittel des Protests.“ (Jürgen Habermas, Ziviler Ungehorsam – Testfall für den demokratischen Rechtsstaat, in: Peter Glotz (Hrsg.), Ziviler Ungehorsam im Rechtsstaat, Frankfurt/M. 1983, S. 35.)

Quelle: http://www.bpb.de/apuz/138281/ziviler-ungehorsam-ein-umkaempfter-begriff?p=all

 

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

 

Der 17. Juni 1953: Für Albert Camus ein Tag der „Revolte“ in Berlin

Der 17. Juni 1953 in Berlin: Für den Philosophen Albert Camus ein Tag der Revolte
Ein Hinweis von Christian Modehn

1.

Albert Camus hat sich schon früh, seit Ende der vierziger Jahre, von den französischen Freunden kommunistischen Denkens und kommunistischer Parteien, vor allem der  Hochschätzung der Sowjetunion, etwa durch Jean Paul Sartre, abgesetzt. 1934 war Camus selbst für kurze Zeit Mitglied der KP gewesen, weil er meinte, diese Partei könne die Autonomisten in Algerien unterstützen; darin hatte er sich gewaltig getäuscht, die KP folgte blind den Weisungen Stalins.

2.

Camus hat seit seiner „Übersiedlung“ nach Paris 1944 die sich links (meist kommunistisch) nennenden Pariser Intellektuellen eher gemieden, später verachtet, was entsprechende Polemiken von deren Seite hervorrief. Die Camus – Spezialistin Brigitte Sändig schreibt in „Albert Camus“, Rowohlt Monographie, Hamburg, 2000, Seite 109, dass in der Sicht von Camus die kommunistenfreundlichen Literaten in Paris „für jede totalitäre Maßnahme der russischen Regierung eine vorgefertigte Entschuldigung bereithielten“. Camus hingegen setzte auf die offene Opposition, auf die intellektuelle Unterstützung der Opposition in Ost – Europa. Seine Texte, die der Unterstützung der Aufständischen in der DDR, Polen und Ungarn galten, wurden in Dissidentenkreisen dort herumgereicht. Insofern ist Camus einer der wenigen, die damals schon an das größere Europa, eben auch an ein Europa MIT Ost – Europa, glaubten.

3.

Von daher ist auch selbstverständlich, dass Camus zur Revolte des 17. Juni 1953 in Ost – Berlin klar Stellung nahm:
In einer Rede am 18. Juni 1953 wandte sich Camus gegen die Meinung der kommunistischen Tageszeitung „L Humanité“, die die Ereignisse des 17. Juni auf die Taten einiger Rädelsführer herunterspielen wollte. Dagegen sagte Albert Camus: „Wir können nicht mehr ignorieren, dass es sich zuerst um eine Arbeiter- Revolte (révolte ouvrière) gegen die Regierung und gegen eine Armee handelt, die vorgaben und so taten, als ob sie im Dienst der Arbeiter stehen“.
Camus forderte auf, der Wahrheit ins Gesicht zu sehen und wahrzunehmen, dass auch Arbeiter in Ost – Berlin, so wörtlich, „massakriert“ wurden. Allen, die diese Wahrheit nicht sehen wollten, rief Camus zu: „Bevorzugt nicht länger eure Vernünfteleien und eure Träume diesem Elend gegenüber, das nun schon seit Wochen uns entgegen schreit. Entschuldigt nicht länger das Blut und den Schmerz von heute dadurch, dass ihr – ideologisch – die (große) historische Zukunft erwägt, die ohne jeden Sinn ist zumindest für die Menschen, die jetzt getötet wurden. Glaubt uns, zum letzten Mal, wenn wir euch sagen: Kein Traum des Menschen, so groß er auch sein mag, rechtfertigt, dass man jemanden tötet, der arbeitet und der arm ist“. Wenige Tage nach dem 17. Juni 1953 organisierte Albert Camus „einen Grand Meeting“ im berühmten Saal Mutualité in Paris; Camus war der „Präsident“ der Veranstaltung, das Motto war „Les Ouvrièrs insurgés de Berlin-Est“, bei dem auch ein Film über den Aufstand gezeigt wurde; die Redner waren Gewerkschaftsführer (CGT – FO) und CFTC (christliche Gewerkschaft), Politiker der Sozialistischen Partei sowie ein Vertreter der „Revolution prolétarienne“.

4.

In ähnlicher Weise hat sich Albert Camus auch für den Aufstand in Poznan, Polen, am 28. Juni 1956 eingesetzt und für jene, die dem Totalitarismus in Ungarn 1956 Widerstand leisteten. „Die Oppositionellen in den osteuropäischen Staaten haben diese Unterstützung dankbar als eine Ausnahmeerscheinung inerhalb der westeuropäischen Linken wahrgenommen“, so Brigitte Sändig, a.a.O. 110. (Im übrigen empfehlen wir dringend allen, die sich erstmals oder wieder mit Albert Camus befassen wollen, diese ausgezeichnete Arbeit von Brigitte Sändig im Rowohlt Verlag).

5.

Es ist interessant, dass sich erst in den letzten Jahren deutsche Historiker der Einschätzung von Camus anschließen, den 17. Juni 1953 als Revolte, wenn nicht gar als Revolution zu deuten. Und noch ein Hinweis, eigentlich überflüssig zu betonen: Albert Camus hat sich mit seinem Eintreten etwa für die Rebellen des 17. Juni 1953 alles andere als „ein konservativer Denker“ gezeigt. Er behielt sich als „linker, aber unabhängiger“ Denken die Freiheit auch im Handeln, sich nicht Parteidoktrinen zu unterwerfen…Und Camus machte seit 1944 einen Unterschied zwischen Revolte und Revolution, 1953 erklärte er: „Das große Ereignis des 20. Jahrhunderts war das Aufgeben der Werte der Freiheit durch die revolutionäre Bewegung und der Rückzug des Sozialismus der Freiheit vor dem imperialen und militärischen Sozialismus“ (zit. in „Dictionnaire Albert Camus“, ed. par Jeanyves Guérin, Edition Robert Laffont, Paris 2009, Seite 789).

copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer-salon.de (Berlin)

Berliner Realismus: Über das unsoziale Berlin um 1925. Eine Ausstellung im Bröhanmuseum

Eine Ausstellung im Berliner Bröhan Museum, die man nicht versäumen sollte.

Ein Hinweis von Christian Modehn 2018

Ergänzung am 28.8.2024: Im Bröhan Museum in Berlin (-Charlottenburg) findet bis zum 1. Sept. 2024 wieder eine Ausstellung einiger wichtiger Arbeiten von Hans Baluschek statt. Wer diese Ausstellung nicht mehr besuchen kann, sollte sich in jedem Fall das wichtige Begleitbuch zu dieser Ausstellung besorgen mit dem Titel „Geheimcodes. Hans Baluscheks Malerei NEU LESEN!“ (hg. von Tobias Hoffmann und Fabian Reifferscheidt.) Das Buch ist über das Bröhan Museum zu beziehen. Es umfasst 136 Seiten, (16 €) , mit etlichen Wiedergaben von Baluschek Gemälden und vor allem: Es bietet weiterführende Bild – Interpretationen: Baluschek ist eben mehr als „nur“ ein sozialkritischer realistischer Maler…Das Bröhan Museum sorgt dafür, dass Baluschek allmählich immer „bekannter wird“…

……………………..

1.

Bis zum 17. Juni 2018 haben alle an der Berliner „sozialen (Un-)Kultur“ Interessierten noch eine Chance, die sie nicht verpassen sollten: Das schöne Bröhan Museum in Charlottenburg, Schloßstr.1a., bietet bis zum 17. Juni noch die – ohne Übertreibung – hervorragende Ausstellung “Berliner Realismus“ in den zwanziger Jahren, also in den angeblich goldenen Zwanzigern, die für so viele, wohl die meisten Berliner, lebensmäßig und sozial gesehen eher düstere Jahre des Elends, der Ausgrenzung, waren. Jahre, in denen sich Rechtsradikale immer mehr breit machten und die Demokratie auslöschten.

2.

Zwischen den beiden Weltkriegen also wird das Berliner Armuts – Leben dargestellt, von Künstlern, die angeblich alle schon von Kennern tausendmal „besichtigt“ wurden; aber diese Arbeiten müssen immer wieder neu entdeckt werden: Um der eigenen Erweiterung und Sprengung des Horizonts willen. George Grosz also, Käthe Kollwitz, Otto Dix, Hans Baluschek und auch Heinrich Zille sind da vertreten und mit anderen Künstlern in etwa 200 Exponaten zu studieren! An die asoziale Schmäh Kaiser Wilhelm des Zweiten wird erinnert, der sozialkritische Kunst dumm und arrogant „Rinnsteinkunst“ nannte: Damit wird schon das Feld eröffnet, das Feld des Gegeneinanders von wenigen herrschenden, sich abkapselnden Etablierten und den allzu vielen, minderwertig genannten, den „Arbeitskräften“, den Proletariern, Armen, Bettelnden, Hungernden in einer Stadt, die vor Luxus und Dekadenz auch damals -in Mitte, Wilmersdorf etc.  – nur so strotzte. Wie heute. Nebenbei: Wie kommt es, dass auf diese WILHELM Kaiser („Rinnsteinkunst“) immer noch dem Titel nach eine zentrale evangelische Kirche in Berlin benannt ist, selbst wenn sie heute oft nur neutralisiert und fast schon schamhaft „Gedächtniskirche“ heißt. Aber wem gilt das Gedächtnis? Wohl kaum den arm Gemachten damals und heute. War denn Kaiser Wilhelm (1.) ein so vorbildlich Heiliger, dass man heute noch ihm zu Ehren eine Kirche benennen muss? Aber das ist ein anderes Thema. Ich empfinde jedenfalls diesen offiziellen Titel dieser Kirche heute als theologische Schande. Hoffentlich bin ich nicht der einzige… Es ist eine theologische und spirituelle Ignoranz, an diesem Titel dieser Kirche immer noch festzuhalten! Denn Kaiser Wilhelm der Erste war alles andere als ein Friedensfreund und ein Kämpfer gegen Kolonialismus und Rassismus.

3.

Eine philosophische und deswegen gar nicht überflüssige Frage im Zusammenhang der Ausstellung: Waren die Armen damals ärmer als die Armen heute? Geht es also den Armen in Deutschland, in Berlin, heute besser als den Armen im Jahr 1925? Diese philosophische Frage drängt sich förmlich auf: Man könnte ja sagen, die Armen heute haben doch ihr Hartz IV, schlimmstensfalls ihre Suppenküchen und Kleiderkammern, sie haben ihre (engen) Wohnungen sehr fern ab von der City. Aber sie hungern nicht, meistens. Der Sozialstaat kümmert sich und überlässt den Ehrenamtlichen die soziale praktische Hilfe. Und die Kirchen (die Freiwilligen) machen da gern mit der Entlastung des eigentlich geforderten „Sozial – Staates“…Die Kirchen helfen also mit,  dass der Staat so bleibt wie er ist…Sozial? (Nebenbei: Stadtentwicklungssenatorin Kathrin Lompscher teilte Anfang Juni 2018 in einer Studie mit: „Berlin ist für die Studie in 447 Gebiete aufgeteilt. Für etwa zehn Prozent(44 Gebiete) ergibt sich im Untersuchungszeitraum ein sehr niedriger sozialer Status. Sie gelten als „Gebiete mit besonderem Aufmerksamkeitsbedarf und sollen in der Stadtentwicklungsplanung besonders berücksichtigt werden. Überraschend ist dabei, dass lediglich vier der 44 genannten Gebiete mit besonderem Aufmerksamkeitsbedarf im Osten Berlins liegen. Quelle: Audio: Inforadio RBB | 07.06.2018 | Sebastian Schöbel)

4.

Noch einmal: Der Vergleich damals – heute muss sich auf die unterschiedlichen Lebensverhältnisse und die sozialen, ökonomischen Bedingungen beziehen: Da sind die heutigen Armen auch aktuell vergleichsweise gegenüber den „Wohlhabenden heute“ sehr benachteiligt. Denn es ginge ja prinzipiell auch anders in einer sozialen Sozialpolitik in diesem an sich ultra reichen Land. Die Armen (und ihre Kinder) könnten heute prinzipiell bessere Lebenschancen haben, wenn die Politiker es nur möchten….Und so sind die heutigen Armen, beim Respekt der historischen Differenz zum Berlin von 1925, letztlich „genauso“ arm wie die Armen damals, die Kollwitz, Baluschek und andere in ihren Werken darstellten. Mit anderen Worten: Es ist bei einem reflektierten Vergleich kein Fortschritt zu sehen hinsichtlich der Armut damals und heute.

5.

Und das ist  wichtig: Man darf die Ausstellung nicht also verlassen in der frohgemuten Überzeugung: Gott sei Dank sind die heutigen Armen nicht mehr so arm wie die Armen damals. Die heutigen Armen bräuchten so wenig wie die damaligen Armen arm sein, wenn es eine gerechte Sozialordnung in einer Demokratie gäbe. Die gibt es aber weder heute noch damals. Nur mit dem Unterschied, dass uns die heutigen Künstler und Maler Kollwitz, Dix und Grosz einfach fehlen, sie sind nicht da: Oder kann mir jemand einen prominenten und teuer gekauften Maler nennen, der Armut und Arme und Klassenkampf in Berlin und Deutschland heute darstellt? Bitte melden, falls dies der Fall ist. Die meisten „teuren“ und deswegen angesehenen Künstler, was nicht auf ihre Qualität schließen lässt, malen anderes, etwa Farbwogen und Farbwellen, Kleckse und verschlüsselte Symbole, um es mal etwas durchaus polemisch – zugespitzt zu sagen: Auch zu solchen Gedanken führt wie von selbst die Ausstellung im Bröhan Museum.

5.

Was mir immer auffällt: Natürlich kann eine Kunstausstellung nicht auch eine literarische, philosophische oder theologische Ausstellung sein, die auch diese Aspekte kulturellen Lebens mit berücksichtigt. Aber weiter führend wäre es doch, wenn dies gerade an dem Thema sichtbar geworden wäre: Was taten eigentlich die Kirchen mit den Armen und für die Armen in Berlin damals? Nach meiner Kenntnis recht wenig, abgesehen von Sonderorganisationen wie der „Stadtmission“ oder dem einzigartigen katholischen Pfarrer Dr. Carl Sonnenschein. Ihn schätzte Elsa Lasker Schüler oder Kurt Tucholsky! Warum erwähnt man das nicht zur Vervollständigung wenigstens am Beispiel zweier Kunstwerke, Fotos etc. Immerhin hatte der junge evangelische Theologe Paul Tillich eine Sensibilität  für die materielle Armut der Armen in Berlin….Aber das Ausblenden dieses Themas (Religionen, Kirchen, Philosophien) fällt mir immer mehr auf. Das Ausblenden des explizit Religiösen oder Philosophischen ist, sorry,  sicher auch Ausdruck der Mentalität der „Macher“: Bei diesen explizit „religiösen“ Sachen sei ohnehin nichts zu „holen“, meinen sie. Aber diese Überzeugung, aus Unkenntnis und Vorurteil, ist falsch!

Die Kirchen jedenfalls waren wohl selbst in den Arbeiterbezirken eher bürgerlich, eher fürsorglich, nicht sozialkritisch mit Armen beschäftigt. Man schreibe einmal die Geschichten der Kirchengemeinden in Wedding, Friedrichshain oder Neukölln, wäre spannend. Macht leider auch niemand…

6.

Von der Philosophie in Berlin damals in dieser Hinsicht  (!) wollen wir lieber schweigen: Mir ist kein prominenter Philosoph der Berliner Universität bekannt, der Armut als Thema einer sozialkritischen Theorie gemacht hätte. Der immer noch so verehrte, bald „selig gesprochene“ (d.h. Katholiken dürfen ihn dann im Himmel um Beistand bitten!) katholische Theologe und Religions-Philosoph Romano Guardini redete an der Uni Unter den Linden lieber feinsinnig über Rilke als über den „Charme“ der dunklen krankmachen Hinterhöfe… Und Marxisten waren damals eher nur in den Parteien zu finden. Da hat sich heute einiges verändert, man denke an das weite vielfältige Umfeld der „Frankfurter Schule“. Vielleicht gibt es also doch einen ganz kleinen Fortschritt…Vielleicht auch mal in der Berliner Welt der Ausstellungsmacher…

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Junge PhilosophInnen philosophieren auf der Straße in Berlin – Reinickendorf

Berlin hat am 21. Jui 2018 eine „Allee der Fragen“

Ein Hinweis von Christian Modehn

Ein philosophisches Ereignis in Berlin: Aber was ist ein philosophisches Ereignis? Vielleicht dies: Ein lange dauernder prägender Moment, wo Menschen mit einander in ein tieferes Gespräch kommen voller Fragen, die weiterführen und ins Weite führen.

Ein philosophisches Ereignis gibt es am 21. JUNI 2018 ab 16 Uhr in Berlin Reinickendorf: Da schlagen philosophisch interessierte und gebildete Schüler eine, wie sie sagen, „Denkachse“ durch den Alltag Berlins: Auf 200 Plakaten werden Resultate philosophischer Gespräche mit Leuten auf der Straße dargestellt: Sokrates philosophierte ja bekanntlich auch auf der AGORA von Athen. Die Schüler der Max-Beckmann-Oberschule in Reinickendorf wollen anlässlich dieser Plakate, Ergebnisse von Gesprächen,  mit den Menschen ins Philosophieren kommen: Denn jeder Mensch philosophiert „immer schon“, ob er das weiß oder nicht.

Die Schüler, die für die Philosophien ihre Leidenschaft haben, sprachen also mit Menschen in Kirchen, Seniorenzentren, Schulen, Büchereien usw. sogar in Kneipen und Supermärkten: Bravo, genau dort überall lebt Philosophie, weil Philosophie auch alltäglich ist und nicht nur eine akademische Disziplin an der Uni. Die Philosophie Lehrerin Melanie Heise hat das Projekt begleitet, sicher ein Vorbild für weitere ähnliche Unternehmungen an anderen Schulen. Hoffentlich nehmen auch viele andere Lehrerinnen anderer Schulen teil. Eigentlich ja ein Muss!

Ab 16 Uhr kann man also auf der Auguste Viktoria Allee in Reinickendorf, gut erreichbar mit der U Bahn, nicht nur die Plakate mit ihren philosophischen Fragen studieren, sondern auch mit den SchülerInnen debattieren, vielleicht bleibt mancher stundenlang nachdenkend stehen wie Sokrates einst in Athen.

Das Projekt „Allee der Fragen“ verdient alle Aufmerksamkeit. Denn Philosophie kommt wieder unter die Menschen, weil sie als ständiger kritischer Impuls zum Menschen gehört. Und es sind Schüler, die uns das zeigen! Vielleicht wird die „Allee der Fragen“ bald einmal ins Regierungsviertel verlegt, oder in die Nähe vieler großer religiöser (dogmatischer) Zentren oder in die Nähe eines gescheiterten Flughafens oder in die Nähe der großen Ausflugsgebiete, etwa am Wannsee:

Die Philosophie kommt unter die Leute. Was für eine Chance! Lassen wir uns also im Fragen verunsichern. Diese Unsicherheit ist heilsam, man muss es nur mal im Denken probieren… Wenn die Mitglieder vieler populistischer Parteien philosophisch, also selbstkritisch, sich selbst kritisch zuhören würden in ihren erbärmlichen Schimpftiraden und Hassattacken gegen seriöse PolitikerInnen, würden sie endlich vor intellektueller Scham den Mund halten und weiter nachdenken.

Also: Kritisches Reflektieren auf sich selbst ist politisch. Philosophie kann vergiftete Atmosphären und vergiftete Mentalitäten etwas heilen…Hoffentlich.

„Spiritus rector“ des Projekts ist der Schulleiter Matthias Holtmann, der sich auch überzeugt zeigt, dass es so etwas wie einen philosophischen „Urinstinkt“ gibt, den alle teilen. Die Philosophie Dozentin Melanie Heise, Initiatorin und Koordinatorin des Projekts, betont: „Die Tatsache, dass alle Menschen solche Fragen in sich tragen zeigt uns, dass wir uns oft näher sind als wir wissen und uns mehr verbindet als uns trennt. Und gerade heute, in nervösen Zeiten in einer schnelllebigen Welt, die von vielen existentiellen Erschütterungen verunsichert wird, bietet es sich an, die Kraft und die Weisheit der uralten philosophischen Praxis zu nutzen.“

Die „Allee der Fragen“ ist ein Projekt des Quartiersmanagement Auguste-Viktoria-Allee und wird aus Mitteln des Städtebauförderungsprogramms „Soziale Stadt“ der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Wohnen finanziert.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Die Wahrheit sagen: Der Schriftsteller Michael Köhlmeier legt die Ideologie der FPÖ frei: Ein Vorbild im Umgang mit der AFD

Ein Hinweis von Christian Modehn

Beim Katholikentag in Münster (10. bis 13. Mai 2018) wird heftig über die AFD debattiert werden. Werden da auch öffentlich die tatsächlich verstörenden Erkenntnisse formuliert über die Ideologie der AFD, ihre Vernetzung mit rechtsextremen Parteien, etwa mit Österreichs FPÖ und Frankreichs Front National?

Es gibt ein Vorbild, mit welcher Kompetenz, auch das muss man in diesen rechtslastigen Zeiten schon sagen: mit welchem Mut in Wien der bekannte, international geschätzte Schriftsteller Michael Köhlmeier eine Rede gehalten hat, anläßlich des Holocaust Gedenkens am 5. Mai 2018: Köhlmeier hat präzise und schonungslos, mit großer Kraft, die Ideologie der dort mit – regierenden FPÖ freigelegt. Er geißelte die Partei, „deren Mitglieder den Nationalsozialismus verharmlosen“.

Wird man solche Worte auch in Münster beim Katholikentag in der Auseinandersetzung mit der AFD vernehmen?

Die Rede Köhlmeiers dauerte nur 6 Minuten. Sie sollte hier nachgelesen werden.

Die SZ hat mehrfach über diese durchaus historisch bedeutende Rede Köhlmeiers berichtet.

Über die widerwärtigen Formen des Umgangs sehr vieler Österreicher mit Verbrechern aus der Nazi -Zeit ist wieder einmal eine Studie über den „Schlächter von Wilna“ erschienen, sein Name: Franz Murer. 1955 nach Unterzeichnung des Staatsvertrages wieder freigelassen, wurde er in seiner Heimat Gaishorn begeistert begrüßt. Ebenso 1963, als er in einem erneuten Prozess freigesprochen wurde: Die Zeugen wurden von Murers Verteidiger der Lüge bezichtigt; man glaubte dem Täter, nicht denwenigen überlebenden Opfern. Wie ein Held konnte Murer den Gerichtssaal verlassen…(Johannes Sachlehner, Rosen für den Mörder. Die zwei Leben des SS Mannes Franz Murer. Molden Verlag, Wien 2017, 288 Seiten). In der Steiermark, der Heimat von Murer, wurde die FPÖ (nach der ÖVP) die zweistärkste Partei mit fast 28 % der Stimmen.

 

copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon, Berlin.