Meine Biografie – meine Theologie.

Meine Biografie – meine Theologie. Hinweise zum Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon am 27. 11. 2015

Von Christian Modehn

Wir danken Prof. Johan Goud aus Den Haag, dass er uns mit seinen Beiträgen im Salon am 27.11.2015 zu Einsichten und weiteren wichtigen Fragen geführt hat.

Das Thema des Abends (mit 26 TeilnehmerInnen) “Autobiografie und Theologie” wird uns auch im nächsten Jahr weiter beschäftigen.

Es ist für mich als Veranstalter des Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salons Berlin interessant zu sehen, wie stark das Interesse an dem Thema ist. Wir mussten etliche Interessierte leider wegen Platzmangel abweisen. Zugleich wird dabei deutlich, wie in Zeiten der Krise, wie jetzt, der Wunsch wächst, sich über Grundlegendes auszutauschen. Dies sollte in kleinen, überschaubaren Kreisen geschehen, eben in philosophischen Salons.

Zum Salon am 27. 11. 2015 selbst:

Es geht um eine Erkenntnis, die viele ahnen, spüren, aber selten auszusprechen wagen: Als Ausgangspunkt und Quelle der Inspiration von Theologien und auch Philosophien gilt das eigene Leben. Nicht das abstrakte, neutrale, a-historische Ich, befreit von allen Bindungen an Geschichte und Kultur. Sondern das Individuum, die Person, geprägt in einer religiösen oder eben auch einer nicht-religiösen Welt, die sich mit der Frage befasst: „Wer bin ich, wo will ich hin, was ist mir entscheidend wichtig, was ist für mich ein gutes Leben, was will ich in der Gesellschaft sein?“ usw. Wer diesen Fragen nicht ausweicht, kommt oft dazu, seine Autobiografie zu schreiben. Das kann auch „nicht-professionell“ geschehen. Man muss nicht den Ansprüchen der großen „Confessiones“ eines Augustin oder Rousseau nacheifern.

Autobiografie kann in Fragmenten geschehen, oft nur in Gedanken und Meditationen, am besten aber doch in schriftlicher Form. Und dann kommt immer wieder später der Rückblick auf mein Leben, dann zeigen sich in wachsendem Abstand neue Erkenntnisse, dann wird weiter geschrieben, immer im Verzicht auf Banales, Nebensächliches, sondern im Blick auf Entscheidendes, Prägendes, Sinnstiftendes. „Was lässt mich leben?“

Diese Fragen nach der Autobiografie sind keineswegs Ausdruck eines egozentrischen Denkens. Sie sind Ausdruck dafür, dass ich mich – in Gemeinschaft mit anderen – wichtig nehmen soll. Es geht ja um mein Leben, um die Gestaltung (m)eines guten Lebens. Darin wird das angezielt und vielleicht erlebt, was man klassisch-theologisch „Erlösung“ nennen könnte.

Um den Grund der Theologie in meinem eigenen Leben zu erkennen und wahr- zu nehmen, gibt es wohl eine spezifische praktische Einstellung, als Bedingung der Möglichkeit der Wahrnehmung: Dies ist etwa die Praxis der Ruhe, der Gelassenheit. Offenbar zeigt sich dieser gründende Sinn, den manche göttlich nennen, nur, wenn er sich mir schenkt, mich überrascht, als eine Gabe für mich. Welche Rolle spielt dann noch das eigene Aktivsein? Hat Suchen den Anspruch, Wesentliches zu finden? Ist also eine gewisse „passive“ Haltung die Voraussetzung für das Wahrnehmen des „Göttlichen“ in meinem Leben? Auch darüber wurde in unserem Salon gesprochen. Welche Rolle spielen Texte der Poesie, spielt die Musik, die Kunst, wenn ich nach Vertiefung oder Erweiterung meiner eigenen Erfahrungen suche? Wenn ich die Zeugnisse der Kunst usw. wichtig nehme, weil sie ja auch Ausdruck des Lebens sind: Dann entsteht die Frage: Warum werden sie so selten in der religiösen, christlichen Praxis als Quelle wahrgenommen? Warum gibt es weithin diese starre Fixiertheit ausschließlich auf biblische Texte im christlichen Raum, etwa auch in den offiziellen „Gottesdiensten“? Entspricht diese enge Haltung überhaupt noch der „religiösen Globalisierung“ heute? Gott und das Göttliche zeigen sich in der Vielfalt. Aber gibt es ein Kriterium für die Auswahl hilfreicher oder eher verstörender Texte? Kann dieses Kriterium nur ein bestimmtes Verständnis der Bibel sein? Oder auch die selbstkritische Vernunft?

Noch einmal: Die zentrale These, an diesem Abend ausgesprochen, über die weiteres gemeinsames Nachdenken lohnt:

Nur aus der eigenen Biografie wächst der eigene Glaube bzw. die eigene Ablehnung eines religiösen Glaubens. Nur unter dieser Voraussetzung wird „authentische“ Theologie bzw. A-Theologie möglich.

Dann muss die klassische Theologie befragt werden: Ist die abstrakte Gegenüberstellung von Theologie und A-Theologie, von Glaube und Nicht-Glaube, tatsächlich ein wahrer Gedanke, der die gemeinte „Sache“ trifft? Wird da nicht viel zu objekthaft von dem Göttlichen bzw. dem Nichtgöttlichen gesprochen, so, als würde man von vorhandenen Gegenständen reden und mit diesen vergleichend hantieren und gedanklich „probieren“. Die Beschreibungen der positiven Wesenseigenschaften gelten ja nicht Gott als Gott, sondern sie sind Aufforderungen an uns, sozusagen göttliche Eigenschaften zu leben, selbst barmherzig zu sein, Frieden zu stiften, Gerechtigkeit zu praktizieren. Die literarisch bezeugten negativen Eigenschaften Gottes (Rache, Gewalt gegen anders usw.) sind nur historisch zu verstehende Bilder einer noch eher unreif lebenden religiösen Gemeinde, die sich als schwache Gemeinde aufwerten muss, indem sie Andersdenkende – auf Gottes Befehl angeblich – ausschaltet.

Wichtig ist die Erkenntnis: Nicht die Frage: „Gott oder Atheismus? „ist entscheidend, sondern die Art, wie ich, wie wir, als Mensch(en), leben in der Welt: Ist es Liebe und Solidarität, ist es Hass und Diffamierung? Ist die Sehnsucht nach Schönheit wichtiger als die destruktiven Kräfte? Die Antwort ist für jeden vernünftigen Menschen klar. Gibt es also eine neue Ökumene derer, die Liebe und Gerechtigkeit als die oberste Norm ansehen? Dabei ist es diesen Menschen eher zweitrangig, ob sie sich das eigene Leben mit oder ohne Gott begründen.

Sollte es also eine neue Ökumene der Menschen geben, derer, die das Menschliche über alles schätzen, also humanistisch leben? Dabei ist klar, dass es kulturell unendlich viele Ausdrucksformen des Humanismus gibt und geben muss. Aber diese Vielfalt ist immer auch Humanismus, es gibt etwas Universal-Menschliches, es gibt also bei aller Vielfalt einen gemeinsamen „Nenner“ des gemeinsamen „Humanums“. Wären hier Projekte geboten, angesichts des Terrors? Vielleicht gerade als prophylaktische Aufgabe aller Humanisten, Fundamentalismus und anderen Wahn argumentativ zu besprechen und dadurch stark einzuschränken. Dass dies ohne eine Politik, auch Sozialpolitik, des Respekts nicht gelingen wird, ist auch klar.

Mit anderen Worten: Der Humanismus als die sich stets erneuernde und wandelnde Lebens-Philosophie ist die Basis für alle Menschen. Religiöse oder nicht-religiöse Lebensdeutungen und Dogmen gehören an die zweite Stelle! Diese Überzeugung dient dem Frieden, zumal dann die Religionen durch den Geist eines sich stets reformierenden Humanismus sich selbst weiter reformieren, also etwa alle Gewalttexte eigener religiöser Traditionen wissenschaftlich verstehen, aber dann eben existentiell und praktisch beiseite legen.

Wo sind die Räume für einen Austausch solcher Erfahrungen? Das bloße Nachsprechen von vorgefertigten alten traditionellen Lehren, Dogmen usw. ist da wenig hilfreich und führt eher zur Begrenzung der eigenen spirituellen Lebendigkeit.

Diese wenigen, nur skizzenhaften Fragen, die hier notiert wurden, zeigen, welche Dimensionen der Diskussion sich im Laufe des Abends eröffneten, dank der Vorschläge und Beiträge auch von Prof. Johan Goud.   Sein neuestes Buch in niederländischer Sprache hat den Titel „Onbevangen“. Es ist im Verlag Meinema in Zoetermeer, NL, erschienen. 127 Seiten. 15 Euro. ISBN: 978 90 2114386 6

Copyright: Christian Modehn

 

Ein Denker des Christlichen: Zu René Girard, verstorben am 4. November 2015 in Stanford, Kalifornien

Ein Denker des Christlichen: Zu René Girard, verstorben am 4. November 2015 in Stanford, Kalifornien

Ein Hinweis von Christian Modehn

Er ist einer der kreativen Denker, kreativ im Sinne von Neues schaffend, keiner Mode nachlaufend, eigenständig und eigensinnig, über alle wissenschaftlichen „Disziplinen“, nicht ohne Stolz, erhaben: Er hat streitbare Erkenntnisse formuliert, deswegen war er immer umstritten, deshalb hatte er aber auch viele Freunde, viele Schüler, viele LeserInnen, auch wenn er wohl immer ein Einzelgänger blieb. Einige Jahre, seit 2005, gehörte er zu dem erwählten und erlauchten Kreis der Mitglieder der „Académie Francaise“ in Paris. Dabei hatte er zu Frankreich eher ein etwas gespanntes Verhältnis; die deutlichste Rezeption seines Denkens erlebte er wohl in den USA und Italien. Seine Wirkung bezieht sich heute auf Philosophen, Psychologen, Theologen… Seinen viele “Disziplinen” übergreifenden und deswegen umfassenden Forschungsbereich nennt man wohl am besten “Kulturanthropologie”.

René Girard wurde 1923 in Avignon geboren, er war ein mittelmäßiger Schüler, wurde dann, ab 1947, in den USA erfolgreich, lehrte dort (an der John Hopkins University von Baltimore zuerst) französische Literatur. Dann wurde er Professor in Stanford für Anthropologie, mit starken Interessen an den Religionen, besonders am Judentum und Christentum. Seine Entdeckung, die er sein Leben lang erklärte und verteidigte: Die Mimesis ist die Basis, um menschliches Miteinander zu verstehen. Der Mensch ist das nachahmende Wesen! Wenn zwei Menschen dieselbe Sache begehren, so die Grundkonstellation, entsteht ein Konflikt; diese Rivalität ist für Girard die Basis, um die Gesellschaft zu verstehen. „Der westliche Humanismus sieht nicht, dass die Gewalt sich spontan entwickelt, wenn die Menschen ein und dasselbe Objekt begehren“, so Girard im Interview mit dem „Magazine Philosophie, Hors Serie, November 2011, Seite 12.) Aus der Mimesis folgt, um Frieden zu schaffen inmitten der Rivalitäten und Konflikte, das Bedürfnis, einen Sündenbock zu haben, der “an allem” schuld ist bzw. schuld sein soll; über den sich die rivalisierenden Kräfte (kurzfristig) vereinen und versöhnen können. Auf dem Opfer eines Unschuldigen beruht also der (kurzfristige) Friede. Der entscheidende Punkt ist: Die Jesus Gestalt ist auch ein Sündenbock, aber sie legt den Wahn der Sündenbock Mechanismen frei, sie offenbart den Zusammenhang von Mimesis, Gewalt und … Sündenbock. Und weil durch Jesus die realen Verhältnisse der Gewalt offenbar werden, kann Frieden möglich werden. Jesus ist kein passiv erduldender Sündenbock, er ist unschuldig und er weiß das, dieses Leben ist einzig möglich für ihn im Glauben an seinen „Vater“. Die Offenbarung des Neuen Testaments ist damit für Girard ein geradezu notwendiges Buch der Analyse der menschlichen, elenden Wirklichkeit mit der Zusage der Erlösung. Der Gott der Bibel solidarisiert sich mit dem Opfer! Nicht mit den Tätern!

Das Evangelium als Text kultureller und politischer Relevanz wird somit durch Girard in die Kultur der Gegenwart „zurückgeholt“. Selten hat man in den letzten Jahren eine solche Lehre der Erlösung, also des Friedens in der Gesellschaft, gelesen, anspruchsvoll und bei den Prämissen dann auch fundiert. Selten hat sich der christliche Glaube so einbringen können als Deutung der Wirklichkeit! Das Ende der Gewalt ist möglich durch Einsicht in die tiefsitzenden seelischen “Mechanismen”. Noch enmal: Gewalt kann durch Einsicht und Vernunft überwunden werden. Wodurch denn auch sonst? Eine Welt ohne Sündenböcke ist möglich, und damit auch eine Welt ohne das irrige Bewußtsein der Täter, Recht zu haben in ihrem Töten des Sündenbocks. Der Zwang der Mimesis, der sich auch als Zwang der Tötung des Sündenbocks äußert, kann durch kritische Selbst-Erkenntnis überwunden werden.

Girard verstand sich also explizit als christlicher Denker, eine Rarität in der intellektuellen Welt von heute. Er war, wie er selbst sagt, Autodidakt, er vertiefte sich in die Grundtexte des Christentums: „Ich bin Christ geworden, weil mich meine Forschungen dahin geführt haben, was ich denke, und so bin ich Christ geworden“. Also ein Christwerden durch das Studium; eher ein seltenes Ereignis heute, könnte man meinen. In dem Buch „Des choses cachées depuis la fondation du monde“ von 1978 wird diese „Umkehr“ deutlich. Tatsächlich hat sich Girard in den USA spirituell in den letzten Jahren eher den lateinischen, den klassischen Messen zugewandt. Das Heilige sprach sich für ihn offenbar am besten auf Latein aus.

In dem oben genannten Heft der Reihe “Philosophie Magazine” von 2011 über Girard äußert sich auch Peter Thiel über diesen vielseitigen Anthropologen. Thiel, ein Schüler von Girard an der Stanford University, ist der Erfinder von PayPal, und erster Aktionär von facebook, er hat den Hegdefond Clarium geschaffen, der Tea –Party soll er nahe stehen (gestanden haben) usw. Bei allen Bindungen an den Neoliberalismus ist doch eine religiöse Entdeckung für Peter Thiel durch Girard wichtig geworden: „Girard hat die Vernunft des Christentums neu gedacht“ (Seite 97). Den Glauben an das permanente Wirtschaftswachstum hat Peter Thiel, so im Interview, jedenfalls nicht verloren. Und eine Bekehrung zu den Armen hin eigentlich Kernbotschaft des Evangeliums,  wird auch nicht einmal von ihm angedeutet im Interview. Girard selbst hat immer wieder vom „subversiven Charakter des Christentums“ gesprochen. Diese Lehre ist offenbar nicht bei allen seiner Schüler in den USA angekommen! Christentum als Theorie eben. In seinem Buch „Achever Clausewitz“ von 2007 sagt Girard angesichts der zunehmenden Gewalt und des Egoismus: „Das Christentum ist gescheitert“. Ihm (und uns) bleibt die Hoffnung: Dass die Menschen weltweit nicht die globalen kriegerischen Gewalttaten ständig nach-ahmen, diese wieder und wieder wiederholen zu ihrem eigenen immer heftigeren Verderben. Nein. Dass die letzten “Restbestände” einer ethisch guten Praxis nachgeahmt werden, dass die Menschen wieder lernen, das ethisch Gute (nach kritischer Selbstprüfung) nachzuahmen und zu leben. Wenn diese ethische Aufgabe das Christentum fördert, dann wäre es wohl doch nicht ganz gescheitert.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Unbefangen Gott denken: Ein Hinweis auf ein neues Buch des niederländischen Theologen Johan Goud.

Unbefangen Gott denken. Ein Hinweis auf das neue Buch von Johan Goud.

Der remonstrantische Theologe Johan Goud ist Autor des Buches „Onbevangen. De wijsheid van de liefde“, „Unbefangen. Die Weisheit der Liebe“. Erschienen 2015 bei Meinema, Holland.

In einem Beitrag in der Zeitschrift ADREM (Mai 2015) erläutert Peter Korver das Buch: „Einerseits wird darin die solide theologische Kenntnis deutlich, andererseits wird nach einer Verbindung mit der modernen Kultur gesucht, besonders in der Kunst und der Literatur. Johan Goud beschreibt sich als jemand, der sein Leben lang versucht hat, tief das Wort Gott zu verstehen. Er sagt selbst: “Ich bin ziemlich sicher, dass das Rätselwort Gott von einer Wirklichkeit beantwortet wird, einer Wirklichkeit, die in letzter Hinsicht unbegreiflich ist, die aber in den Menschen wohnt und die es anstellt, dass die Menschen tun, was sie tun, zum Schlimmen, aber auch zum Guten. Das Wort Gott selbst brauchen Menschen dabei nicht einmal auszusprechen“.

Peter Korver fährt fort: Dabei ist der Titel des Buches „Unbefangen“ wichtig: Es geht um eine unbefangene Weise des theologischen Denkens, weg von Dogmen und Konventionen, das ist keine einfache Sache. In der Kunst, der Literatur und der Mystik gibt es Raum für diese Unbefangenheit. Gott ereignet sich in Gedichten oder in der Musik, aber auch zuweilen unerwartet in Reflexionen. Was wird dabei entdeckt? Das Überraschende und Ergreifende ist, dass nicht du am Suchen und am Finden von Antworten bist. Es ist eher umgekehrt. Du entdeckst, dass du gefunden wirst durch das, was du suchst und findest. Dieser Wechsel (Umschlag) ist wesentlich, er wird von Goud Liebe genannt.

Diese Denkhaltung ist etwas anderes, als wenn in Untersuchungen Gott als ein etwas objektiviert wird und beurteilt wird.

Der Untertitel des Buches verweist auf den Philosophen Emmanuel Lévinas, mit dessen Denken sich Goud schon sehr früh befasst hat.

Am Freitag, den 27. November 2015, um 19 Uhr, ist Prof. Johan Goud zu Gast im Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon Berlin, Hektorstr. 9 in Berlin-Wilmersdorf. Anmeldungen bitte an: christian.modehn@berlin.de

Übersetzung: Christian Modehn.

Zur Vernunft kommen. Unterwegs zu umfassender Menschlichkeit. Eine Ra­dio­sen­dung auf NDR Kultur

Zur Vernunft kommen. Unterwegs zu umfassender Menschlichkeit. Eine Ra­dio­sen­dung auf NDR Kultur von Christian Modehn

Am Sonntag, den 8. November 2015 um 8.40 Uhr auf NDR KULTUR

Wir sind nie vernünftig. Wir werden es, aber wir müssen uns zur Vernunft aufmachen, ihr entgegenstreben, dabei Kritik, vor allem Selbstkritik, wie einen Kompass gebrauchen. Dann werden Vernunft und Freiheit für alle als Einheit erkannt. Unterwegs treffen wir Irregeleitete, die glauben, die Vernunft gepachtet zu haben. Andere geben Willkür und Egoismus als Leitprinzipien aus. Woher kommt die Energie, sich trotz Elend und Not an der Vernunft zu orientieren? Sie ist für Philosophen auch mit “Licht” identisch; einem Licht, das unzerstörbar ist, solange der Geist lebendig bleibt.

Die Vernunft entscheidet, was heute als Offenbarung Gottes gelten kann. Ein Hinweis auf Abu Zaid und eine Reform-Moschee in Amsterdam

Die Vernunft entscheidet, was heute als Offenbarung Gottes gelten kann.

Ein Hinweis auf Abu Zaid und eine Reform-Moschee in Amsterdam

Von Christian Modehn

Der „Humanistische Islam“ in seinen verschiedenen Ausprägungen beschäftigt den Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon schon seit langem. Dass wir von der hervorragenden Bedeutung der kritischen Philosophie bei diesem Thema überzeugt sind, ist selbstverständlich.

2010 etwa gestaltete Christian Modehn z.B. eine Ra­dio­sen­dung im NDR (Reihe Lebenswelten, NDR INFO) zu dem damals in der Öffentlichkeit noch nicht umfassend bekannten Thema, zur Lektüre dieses Beitrags klicken Sie hier.

Unvergessen bleibt eine Begegnung mit dem kritischen Islam-Forscher Nasr Abu Zayd anlässlich einer Konferenz über den „Reform-Islam“ in der „Friedrich Ebert Stiftung“ in Berlin 2010. Abu Zaid war, nachdem er aus Ägypten, seiner Heimat, wegen angeblichen Abfalls vom Glauben flüchten musste, an der Universität der Humanisten in Utrecht NL als Professor tätig. Abu Zaid, geboren 1943 ist am 5. Juli 2010 in Kairo verstorben.

Er erläuterte mir noch 2010 in Berlin, wenige Monate vor seinem Tod, was denn für ihn der entscheidende, der wesentliche Mittelpunkt der Koran-Interpretation sei im O TON: „Mein Konzept eines humanistischen Islam besteht darin, die wirklich menschlichen Elemente des Korans aufzuzeigen. D.h. wir gehen zum Text zurück und entdecken dabei, was noch bedeutsam ist für unsere heutige moderne Zeit. Dabei kann nur die Vernunft entscheiden, was wirklich Offenbarung Gottes ist. Wir müssen dringend daran weiter arbeiten! Wir müssen diese Fragen weiter pflegen, um gegen die Tabus zu kämpfen“.

Die Autobiographie Abu Zaids, aufgeschrieben von Navid Kermani, ist schon 1999 erschienen. Im Oktober 2015 ist sie, pünktlich zur Verleihung des Friedenspreisesdes Deutschen Buchhandels, noch einmal im Herder Verlag erschienen. „Nasr Hamid Abu Zaid – Ein Leben mit dem Islam“. Aus dem Arabischen übersetzt von Cherifa Magdi. 222 Seiten, 2015.

Es gab einmal eine Reform-Moschee in Amsterdam…

Im Oktober 2008 entdeckte ich im Viertel Slotervaart, am Rande der Stadt Amsterdam, eine neue, eine ungewöhnliche Moschee. Sie ist in einem zweistöckigen ehemaligen Bürogebäude untergebracht. Ihr typisch niederländischer Titel: “Poldermoschee“. Mindestens 10 unterschiedliche Räume gehören zur Poldermoschee. Eine zierliche Frau, 25 Jahre alt, mit kleinem bunten Kopftuch, stellt sich als die Leiterin der erst 3 Monate alten Moschee vor. Sie heißt Yassmine Elksaihi, ihr Niederländisch ist perfekt:

„Das wichtigste ist, dass wir dem Islam in den Niederlanden ein Gesicht geben und zwar nicht nur ein liberales oder ein orthodoxes Gesicht oder eines des Mittelweges, sondern wir wollen auch die fröhliche und die gute Seite des Islam zeigen und damit nach außen treten. Daher versuchen wir mit dieser Moschee auch Jugendliche zu erreichen, sie können dann unsere Botschaft weitergeben. Man merkt auch, dass die Moschee viel mehr umfasst als das Haus des Gebetes. Die Menschen kommen nicht nur hierher, um zu beten oder wegzugehen. Vor allem junge Muslims unterschiedlicher Herkunft können hier ihre Freizeit gestalten“. Auch Europäer, selbst Atheisten sind willkommen. Mit dem symbolischen Titel „Polder“ – Moschee soll bewusst auf die Verwurzelung in der holländischen Kultur verwiesen werden.

Yassmine Elksaihi betont: „Die Predigten in dieser Moschee sind anders als in den übrigen Moscheen. Bei uns werden alle Predigten auf Niederländisch gehalten werden. Die Freitagspredigt zum Beispiel, die wichtigste Predigt, gibt’s auf Niederländisch. Manchmal werden kurze Stücke aus dem Koran auf Arabisch übersetzt, aber die Basissprache ist Niederländisch. Uns unterscheidet auch, dass wir einen gemeinsamen Gebetsraum haben für Männer und Frauen. Die Männer sind vorn und die Frauen hinten in demselben Raum“.

Der auch in Deutschland bekannte und geschätzte niederländische Schriftsteller Geert Mak (Amsterdam) äußerte sich zu dieser ungewöhnlichen Moschee: „Das ist auch ein Symbol, dass auch der Islam modernisiert, nicht nur in Holland, im ganzen Westen Europas. Es entwickelt sich ein neuer europäischer Islam. Man muss marokkanische traditionelle Islam umbauen zu etwas ganz Neuem, aber am Ende glaube ich, dass das möglich sein muss.

Im Herbst 2010 musste die Poldermoschee bereits wieder schließen, weil es, so heißt es, an finanziellen Mitteln fehlte…. Darf man die utopische Frage wagen: Wird es in absehbarer Zeit wieder eine REFORM-Moschee geben, in Holland, in Deutschland, eine Moschee, in der auf Niederländisch oder auf Deutsch gepredigt und gebetet wird, in der es nur einen einzigen gemeinsamen Gebetsraum für Männer wie für Frauen gibt usw.? Eine Reformmoschee ist – wie der Name sagt – viel “radikaler” angelegt in ihrer richtigen Bereitschaft zur Modernisierung des Islam als eine bloß “liberale”…

Einen ausführlicheren Bericht über die Schließung der Poldermoschee siehe Zenitz, Zeitschrift für den Orient.

http://www.zenithonline.de/deutsch/koepfe/a/artikel/mitten-in-den-niederlanden-001231/

 

Cpyright: Christian Modehn Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

Reden von Gott und von dir selbst: Über Theologie und Autobiographie

Der Religionsphilosophische Salon und das Forum der Remonstranten Berlin am 27. November 2015 um 19 Uhr in der Galerie Fantom, Hektorstr. 9 in Wilmersdorf:

Reden von Gott und von dir selbst: Über Theologie und Autobiographie

Ein Abend mit dem Theologen und Kulturwissenschaftler Prof. Johan Goud aus Den Haag

Leider ist der Religionsphilosophische Salon am 27.11. 2015 AUSGEBUCHT. Alle bisherigen Anmeldungen (bis zum 24.11.) werden selbstverständlich berücksichtigt. Bitte um Verständnis, aber 1. sind die Raum – und Sitzzplatzkapazitäten begrenzt. Und 2. soll im Salon die Gesprächsmöglichkeit unbedingt – bei kleinerer Anzahl der TeilnehmerInnen – erhalten bleiben.

Gott und die Seele möchte ich kennen lernen, sonst nichts’, so Augustin (356-430), der vielleicht grösste Denker in der Geschichte des Christentums – er schrieb seine Confessiones in denen er diese beiden Themen mit einander verbunden hat. In diesem Vortrag geht es um die Verbindung von Autobiographie und Theologie unter heutigen Bedingungen. Der Vortragende ist Theologe der protestantischen Kirche der Remonstraten in Holland mit großem Interesse an Literatur und Kunst, in denen das Autobiographische fast immer mitspielt.

Der Vortrag ist in deutscher Sprache.

Der remonstrantische Theologe Johan Goud ist Autor des Buches „Onbevangen. De wijsheid van de liefde“, „Unbefangen. Die Weisheit der Liebe“. Erschienen 2015 bei Meinema, Holland.

In einem Beitrag in der Zeitschrift ADREM (Mai 2015) erläutert Peter Korver das Buch: „Einerseits wird darin die solide theologische Kenntnis deutlich, andererseits wird nach einer Verbindung mit der modernen Kultur gesucht, besonders in der Kunst und der Literatur. Johan Goud beschreibt sich als jemand, der sein Leben lang versucht hat, tief das Wort Gott zu verstehen. Er sagt selbst: “Ich bin ziemlich sicher, dass das Rätselwort Gott von einer Wirklichkeit beantwortet wird, einer Wirklichkeit, die in letzter Hinsicht unbegreiflich ist, die aber in den Menschen wohnt und die es anstellt, dass die Menschen tun, was sie tun, zum Schlimmen, aber auch zum Guten. Das Wort Gott selbst brauchen Menschen dabei nicht einmal auszusprechen“.

Peter Korver fährt fort: Dabei ist der Titel des Buches „Unbefangen“ wichtig: Es geht um eine unbefangene Weise des theologischen Denkens, weg von Dogmen und Konventionen, das ist keine einfache Sache. In der Kunst, der Literatur und der Mystik gibt es Raum für diese Unbefangenheit. Gott ereignet sich in Gedichten oder in der Musik, aber auch zuweilen unerwartet in Reflexionen. Was wird dabei entdeckt? Das Überraschende und Ergreifende ist, dass nicht du am Suchen und am Finden von Antworten bist. Es ist eher umgekehrt. Du entdeckst, dass du gefunden wirst durch das, was du suchst und findest. Dieser Wechsel (Umschlag) ist wesentlich, er wird von Goud Liebe genannt.

Diese Denkhaltung ist etwas anderes, als wenn in Untersuchungen Gott als ein etwas objektiviert wird und beurteilt wird.

Der Untertitel des Buches verweist auf den Philosophen Emmanuel Lévinas, mit dessen Denken sich Goud schon sehr früh befasst hat.

Johan Goud, Jahrgang 1950, geboren in Dordrecht, NL, studierte Theologie und Philosophie in Amsterdam und Tübingen, Promotion in Leiden (NL) über den jüdischen Philosophen Immanuel Lévinas. Goud ist Pfarrer in verschiedenen Gemeinden der liberal-theologischen, „freisinnigen“ Remonstranten Kirche, zuletzt in Den Haag, dort auch Initiator einer religionsphilosophischen Akademie. Die Remonstranten sind ja bekanntermaßen die einzige christliche, protestantische Kirche, (Mitglied im „Weltrat der Kirchen“ in Genf), die ihre Mitglieder nicht zu einem festen überlieferten Glaubensbekenntnis auffordert. Jeder Remonstrant ist eingeladen, sein eigenes, individuelles Glaubensbekenntnis zu sprechen und mit anderen darüber ins Gespräch zu kommen. Die Remonstranten haben als erste christliche Kirche schon 1987 homosexuellen Paaren – gleich welcher religiöser Herkunft – in ihren Kirchen die Segnung der Partnerschaft, der Ehe angeboten, bis heute ist dies eine Selbstverständlichkeit. Sie sind die einzige Kirche, die auch Mitglieder anderer Kirchen und Religionsgemeinschaften als Freunde willkommen heißt mit dem gleichen „Status“ wie die Mitglieder.

Johan Goud war bis vor kurzem Prof. in Utrecht (NL) für Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie und Theologische Ästhetik, speziell Religion und Sinnerfahrung in Literatur und Kunst. Seit einigen Monaten ist Prof. Goud emeritiert. Er ist Autor zahlreicher Bücher und Zeitschriftenbeiträge zu dem Thema.

Prof. Johan Goud in einem Interview mit der großen niederländischen Tageszeitung NRC Handelsblad, 16.5. 2015:

Einige wichtige Zitate in einer Übersetzung von Christian Modehn.

„Es handelt sich in der Rede von Gott um eine Wirklichkeit, die unbegreiflich ist, aber die doch IN den Menschen wohnt, die sie antreibt, zu tun, was Menschen tun, zum Bösen, aber auch zum Guten. Genau wegen dieser Doppelung, die sich in dem Wort Gott verbirgt, Gutes und Leiden, Liebe und Hass, haben religiöse Traditionen auch Theologie nötig, das heißt, ein kritisches Nachdenken über Gott.

Frage: Die christliche Tradition zerfällt langsam in Europa, was verschwindet da?

Antwort: Ich frage mich, ob Menschen, die diese Themen (etwa die Frage nach Gott) für sich ausschließen und unsinnig finden, sich nicht doch von einem Teil unserer Wirklichkeit abschließen. … Damit könnte auch die Erinnerung an eine „Seele in uns“ verschwinden. Damit meine ich: Dass da mehr ist als das, was wir mit unserem Selbstbewusstsein wahrnehmen und denken. Dadurch haben wir Teil an etwas, das größer ist als unser Leben. Vielleicht verschwindet mit dem Gedanken an Gott auch die Erinnerung an die Liebe, die eine Wirklichkeit (wirksam) ist…Den grundlegenden Zusammenhang finde ich in Kunst und Literatur, bisweilen auch im Nachdenken und Meditieren. Gott ist in hohem Maße sozusagen „jemand“, der auf eine literarische Weise gelesen werden will..

Frage: Warum spricht die literarische Form Sie so sehr an, um dem Glauben eine Form zu geben?

Antwort: Dichter wie Rutger Kopland und Willem Jan Otten versuchen ein semantisches Äquivalent zu finden für die Glaubenssprache. Um diese Suchbewegung, darum geht es mir. Gott hat ständig neue Beschreibungen nötig. Bisweilen stößt man dann bei der Suche auf etwas. Dieses Gefühl: Jetzt treffe ich das Gesuchte, – „das ist es!“ – dauert vielleicht nur solange, wie ein Gedicht dauert. Diese Erfahrung kann durch Gedichte entstehen, aber auch in der Musik und auch unerwartet im Nachdenken.

Übersetzung: Christian Modehn.

 

Mouhanad Khorchide und der Friedensnobelpreis 2015 für Tunesien

Mouhanad Khorchide und der Friedensnobelpreis 2015 für Tunesien

Mouhanad Khorchide, Professor für islamische Religionspädagogik an der Universität Münster, Autor und beliebter Referent, hat dieser Tage sein neues Buch im Herder Verlag unter dem Titel „Gott glaubt an den Menschen. Mit dem Islam zu einem neuen Humanismus“ veröffentlicht. Christian Modehn traf Prof. Khorchide am 10. Oktober 2015 in Berlin (anläßlich einer Tagung des “Humanistischen Verbandes Deutschlands”) zu einem Interview. Darin äußert sich Khorchide unter anderem auch zum Friedensnobelpreis 2015, den das tunesische „Quartett“ für den nationalen Dialog erhalten wird. Die Gruppe bemühte sich, nach dem Sturz des tunesischen Machthabers Zine El Abidine Ben Ali im Jahr 2011, die Demokratie möglich zu machen und aufzubauen.

Mouhanad Khorchide:  “Der Nobelpreis für Tunesien ist ein sehr wichtiges Signal, wenn man bedenkt, dass in der arabischen Welt vor ein paar Jahr noch Regime dort geherrscht haben. Nun sieht man, dass Menschen in Tunesien in der Lage sind, sich demokratisch zu entfalten, dass auch demokratische Grundwerte dort gewürdigt werden. Das zeigt: Es macht Sinn, daran zu arbeiten. Und der Nobelpreis ist ein Symbol für andere Länder, die noch nicht so weit sind. Sie sollen sehen: Es macht Sinn für die Menschenrechte einzutreten, aber man muss selber die Veränderungen in die Hand nehmen”.

Steht diese Aussage auch im Zusammenhang mit Ihrer Theologie?

“Wir Muslime glauben an einen humanistischen Gott, der an den Menschen glaubt. Das heißt, gerade demokratische Grundwerte, Menschenrechte, alles, was im Sinne des Menschen steht, ist im Sinne Gottes.

Der Koran unterstreicht, dass man bestehende politische Realitäten kritisch hinterfragt. Und wenn man die heutige islamische Welt anschaut, dann wird man feststellen, es fehlen dort Menschenrechte großenteils. Da und dort gibt es Ausnahmen. Und dann ist es Aufgabe der Theologie, diese Grundwerte in den Kern der Theologie zu rücken; es geht nicht um dogmatische Sätze, sondern darum, dass praktisch die Werte der Menschenrechte umgesetzt werden.

Es gibt einen Grundsatz im Koran, in der 21. Sure, Vers 107, da heißt es: „Wir haben dich, Mohammed, lediglich als Barmherzigkeit für alle Welten entsandt.“ Barmherzigkeit in dem Sinne: Alles, was den Menschen gut tut. Das heißt: Wir können aus diesem Grundsatz der Barmherzigkeit heute die Menschenrechte genauso ableiten wie unsere demokratischen Grundwerte, weil alles, was im Sinne des Menschen ist, auch im Sinne Gottes ist. Wir glauben an einen humanistischen Gott, der an den Menschen glaubt. Das heißt, alle demokratischen Grundwerte, Menschenrechte, alles was im Dienste des Menschen ist, ist eben auch im Sinne Gottes.

copyright: Christian Modehn Berlin, Religionsphilosophischer Salon