Ein Denker des Christlichen: Zu René Girard, verstorben am 4. November 2015 in Stanford, Kalifornien

Ein Denker des Christlichen: Zu René Girard, verstorben am 4. November 2015 in Stanford, Kalifornien

Ein Hinweis von Christian Modehn

Er ist einer der kreativen Denker, kreativ im Sinne von Neues schaffend, keiner Mode nachlaufend, eigenständig und eigensinnig, über alle wissenschaftlichen „Disziplinen“, nicht ohne Stolz, erhaben: Er hat streitbare Erkenntnisse formuliert, deswegen war er immer umstritten, deshalb hatte er aber auch viele Freunde, viele Schüler, viele LeserInnen, auch wenn er wohl immer ein Einzelgänger blieb. Einige Jahre, seit 2005, gehörte er zu dem erwählten und erlauchten Kreis der Mitglieder der „Académie Francaise“ in Paris. Dabei hatte er zu Frankreich eher ein etwas gespanntes Verhältnis; die deutlichste Rezeption seines Denkens erlebte er wohl in den USA und Italien. Seine Wirkung bezieht sich heute auf Philosophen, Psychologen, Theologen… Seinen viele „Disziplinen“ übergreifenden und deswegen umfassenden Forschungsbereich nennt man wohl am besten „Kulturanthropologie“.

René Girard wurde 1923 in Avignon geboren, er war ein mittelmäßiger Schüler, wurde dann, ab 1947, in den USA erfolgreich, lehrte dort (an der John Hopkins University von Baltimore zuerst) französische Literatur. Dann wurde er Professor in Stanford für Anthropologie, mit starken Interessen an den Religionen, besonders am Judentum und Christentum. Seine Entdeckung, die er sein Leben lang erklärte und verteidigte: Die Mimesis ist die Basis, um menschliches Miteinander zu verstehen. Der Mensch ist das nachahmende Wesen! Wenn zwei Menschen dieselbe Sache begehren, so die Grundkonstellation, entsteht ein Konflikt; diese Rivalität ist für Girard die Basis, um die Gesellschaft zu verstehen. „Der westliche Humanismus sieht nicht, dass die Gewalt sich spontan entwickelt, wenn die Menschen ein und dasselbe Objekt begehren“, so Girard im Interview mit dem „Magazine Philosophie, Hors Serie, November 2011, Seite 12.) Aus der Mimesis folgt, um Frieden zu schaffen inmitten der Rivalitäten und Konflikte, das Bedürfnis, einen Sündenbock zu haben, der „an allem“ schuld ist bzw. schuld sein soll; über den sich die rivalisierenden Kräfte (kurzfristig) vereinen und versöhnen können. Auf dem Opfer eines Unschuldigen beruht also der (kurzfristige) Friede. Der entscheidende Punkt ist: Die Jesus Gestalt ist auch ein Sündenbock, aber sie legt den Wahn der Sündenbock Mechanismen frei, sie offenbart den Zusammenhang von Mimesis, Gewalt und … Sündenbock. Und weil durch Jesus die realen Verhältnisse der Gewalt offenbar werden, kann Frieden möglich werden. Jesus ist kein passiv erduldender Sündenbock, er ist unschuldig und er weiß das, dieses Leben ist einzig möglich für ihn im Glauben an seinen „Vater“. Die Offenbarung des Neuen Testaments ist damit für Girard ein geradezu notwendiges Buch der Analyse der menschlichen, elenden Wirklichkeit mit der Zusage der Erlösung. Der Gott der Bibel solidarisiert sich mit dem Opfer! Nicht mit den Tätern!

Das Evangelium als Text kultureller und politischer Relevanz wird somit durch Girard in die Kultur der Gegenwart „zurückgeholt“. Selten hat man in den letzten Jahren eine solche Lehre der Erlösung, also des Friedens in der Gesellschaft, gelesen, anspruchsvoll und bei den Prämissen dann auch fundiert. Selten hat sich der christliche Glaube so einbringen können als Deutung der Wirklichkeit! Das Ende der Gewalt ist möglich durch Einsicht in die tiefsitzenden seelischen „Mechanismen“. Noch enmal: Gewalt kann durch Einsicht und Vernunft überwunden werden. Wodurch denn auch sonst? Eine Welt ohne Sündenböcke ist möglich, und damit auch eine Welt ohne das irrige Bewußtsein der Täter, Recht zu haben in ihrem Töten des Sündenbocks. Der Zwang der Mimesis, der sich auch als Zwang der Tötung des Sündenbocks äußert, kann durch kritische Selbst-Erkenntnis überwunden werden.

Girard verstand sich also explizit als christlicher Denker, eine Rarität in der intellektuellen Welt von heute. Er war, wie er selbst sagt, Autodidakt, er vertiefte sich in die Grundtexte des Christentums: „Ich bin Christ geworden, weil mich meine Forschungen dahin geführt haben, was ich denke, und so bin ich Christ geworden“. Also ein Christwerden durch das Studium; eher ein seltenes Ereignis heute, könnte man meinen. In dem Buch „Des choses cachées depuis la fondation du monde“ von 1978 wird diese „Umkehr“ deutlich. Tatsächlich hat sich Girard in den USA spirituell in den letzten Jahren eher den lateinischen, den klassischen Messen zugewandt. Das Heilige sprach sich für ihn offenbar am besten auf Latein aus.

In dem oben genannten Heft der Reihe „Philosophie Magazine“ von 2011 über Girard äußert sich auch Peter Thiel über diesen vielseitigen Anthropologen. Thiel, ein Schüler von Girard an der Stanford University, ist der Erfinder von PayPal, und erster Aktionär von facebook, er hat den Hegdefond Clarium geschaffen, der Tea –Party soll er nahe stehen (gestanden haben) usw. Bei allen Bindungen an den Neoliberalismus ist doch eine religiöse Entdeckung für Peter Thiel durch Girard wichtig geworden: „Girard hat die Vernunft des Christentums neu gedacht“ (Seite 97). Den Glauben an das permanente Wirtschaftswachstum hat Peter Thiel, so im Interview, jedenfalls nicht verloren. Und eine Bekehrung zu den Armen hin eigentlich Kernbotschaft des Evangeliums,  wird auch nicht einmal von ihm angedeutet im Interview. Girard selbst hat immer wieder vom „subversiven Charakter des Christentums“ gesprochen. Diese Lehre ist offenbar nicht bei allen seiner Schüler in den USA angekommen! Christentum als Theorie eben. In seinem Buch „Achever Clausewitz“ von 2007 sagt Girard angesichts der zunehmenden Gewalt und des Egoismus: „Das Christentum ist gescheitert“. Ihm (und uns) bleibt die Hoffnung: Dass die Menschen weltweit nicht die globalen kriegerischen Gewalttaten ständig nach-ahmen, diese wieder und wieder wiederholen zu ihrem eigenen immer heftigeren Verderben. Nein. Dass die letzten „Restbestände“ einer ethisch guten Praxis nachgeahmt werden, dass die Menschen wieder lernen, das ethisch Gute (nach kritischer Selbstprüfung) nachzuahmen und zu leben. Wenn diese ethische Aufgabe das Christentum fördert, dann wäre es wohl doch nicht ganz gescheitert.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Unbefangen Gott denken: Ein Hinweis auf ein neues Buch des niederländischen Theologen Johan Goud.

Unbefangen Gott denken. Ein Hinweis auf das neue Buch von Johan Goud.

Der remonstrantische Theologe Johan Goud ist Autor des Buches „Onbevangen. De wijsheid van de liefde“, „Unbefangen. Die Weisheit der Liebe“. Erschienen 2015 bei Meinema, Holland.

In einem Beitrag in der Zeitschrift ADREM (Mai 2015) erläutert Peter Korver das Buch: „Einerseits wird darin die solide theologische Kenntnis deutlich, andererseits wird nach einer Verbindung mit der modernen Kultur gesucht, besonders in der Kunst und der Literatur. Johan Goud beschreibt sich als jemand, der sein Leben lang versucht hat, tief das Wort Gott zu verstehen. Er sagt selbst: “Ich bin ziemlich sicher, dass das Rätselwort Gott von einer Wirklichkeit beantwortet wird, einer Wirklichkeit, die in letzter Hinsicht unbegreiflich ist, die aber in den Menschen wohnt und die es anstellt, dass die Menschen tun, was sie tun, zum Schlimmen, aber auch zum Guten. Das Wort Gott selbst brauchen Menschen dabei nicht einmal auszusprechen“.

Peter Korver fährt fort: Dabei ist der Titel des Buches „Unbefangen“ wichtig: Es geht um eine unbefangene Weise des theologischen Denkens, weg von Dogmen und Konventionen, das ist keine einfache Sache. In der Kunst, der Literatur und der Mystik gibt es Raum für diese Unbefangenheit. Gott ereignet sich in Gedichten oder in der Musik, aber auch zuweilen unerwartet in Reflexionen. Was wird dabei entdeckt? Das Überraschende und Ergreifende ist, dass nicht du am Suchen und am Finden von Antworten bist. Es ist eher umgekehrt. Du entdeckst, dass du gefunden wirst durch das, was du suchst und findest. Dieser Wechsel (Umschlag) ist wesentlich, er wird von Goud Liebe genannt.

Diese Denkhaltung ist etwas anderes, als wenn in Untersuchungen Gott als ein etwas objektiviert wird und beurteilt wird.

Der Untertitel des Buches verweist auf den Philosophen Emmanuel Lévinas, mit dessen Denken sich Goud schon sehr früh befasst hat.

Am Freitag, den 27. November 2015, um 19 Uhr, ist Prof. Johan Goud zu Gast im Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon Berlin, Hektorstr. 9 in Berlin-Wilmersdorf. Anmeldungen bitte an: christian.modehn@berlin.de

Übersetzung: Christian Modehn.

Zur Vernunft kommen. Unterwegs zu umfassender Menschlichkeit. Eine Ra­dio­sen­dung auf NDR Kultur

Zur Vernunft kommen. Unterwegs zu umfassender Menschlichkeit. Eine Ra­dio­sen­dung auf NDR Kultur von Christian Modehn

Am Sonntag, den 8. November 2015 um 8.40 Uhr auf NDR KULTUR

Wir sind nie vernünftig. Wir werden es, aber wir müssen uns zur Vernunft aufmachen, ihr entgegenstreben, dabei Kritik, vor allem Selbstkritik, wie einen Kompass gebrauchen. Dann werden Vernunft und Freiheit für alle als Einheit erkannt. Unterwegs treffen wir Irregeleitete, die glauben, die Vernunft gepachtet zu haben. Andere geben Willkür und Egoismus als Leitprinzipien aus. Woher kommt die Energie, sich trotz Elend und Not an der Vernunft zu orientieren? Sie ist für Philosophen auch mit „Licht“ identisch; einem Licht, das unzerstörbar ist, solange der Geist lebendig bleibt.

Die Vernunft entscheidet, was heute als Offenbarung Gottes gelten kann. Ein Hinweis auf Abu Zaid und eine Reform-Moschee in Amsterdam

Die Vernunft entscheidet, was heute als Offenbarung Gottes gelten kann.

Ein Hinweis auf Abu Zaid und eine Reform-Moschee in Amsterdam

Von Christian Modehn

Der „Humanistische Islam“ in seinen verschiedenen Ausprägungen beschäftigt den Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon schon seit langem. Dass wir von der hervorragenden Bedeutung der kritischen Philosophie bei diesem Thema überzeugt sind, ist selbstverständlich.

2010 etwa gestaltete Christian Modehn z.B. eine Ra­dio­sen­dung im NDR (Reihe Lebenswelten, NDR INFO) zu dem damals in der Öffentlichkeit noch nicht umfassend bekannten Thema, zur Lektüre dieses Beitrags klicken Sie hier.

Unvergessen bleibt eine Begegnung mit dem kritischen Islam-Forscher Nasr Abu Zayd anlässlich einer Konferenz über den „Reform-Islam“ in der „Friedrich Ebert Stiftung“ in Berlin 2010. Abu Zaid war, nachdem er aus Ägypten, seiner Heimat, wegen angeblichen Abfalls vom Glauben flüchten musste, an der Universität der Humanisten in Utrecht NL als Professor tätig. Abu Zaid, geboren 1943 ist am 5. Juli 2010 in Kairo verstorben.

Er erläuterte mir noch 2010 in Berlin, wenige Monate vor seinem Tod, was denn für ihn der entscheidende, der wesentliche Mittelpunkt der Koran-Interpretation sei im O TON: „Mein Konzept eines humanistischen Islam besteht darin, die wirklich menschlichen Elemente des Korans aufzuzeigen. D.h. wir gehen zum Text zurück und entdecken dabei, was noch bedeutsam ist für unsere heutige moderne Zeit. Dabei kann nur die Vernunft entscheiden, was wirklich Offenbarung Gottes ist. Wir müssen dringend daran weiter arbeiten! Wir müssen diese Fragen weiter pflegen, um gegen die Tabus zu kämpfen“.

Die Autobiographie Abu Zaids, aufgeschrieben von Navid Kermani, ist schon 1999 erschienen. Im Oktober 2015 ist sie, pünktlich zur Verleihung des Friedenspreisesdes Deutschen Buchhandels, noch einmal im Herder Verlag erschienen. „Nasr Hamid Abu Zaid – Ein Leben mit dem Islam“. Aus dem Arabischen übersetzt von Cherifa Magdi. 222 Seiten, 2015.

Es gab einmal eine Reform-Moschee in Amsterdam…

Im Oktober 2008 entdeckte ich im Viertel Slotervaart, am Rande der Stadt Amsterdam, eine neue, eine ungewöhnliche Moschee. Sie ist in einem zweistöckigen ehemaligen Bürogebäude untergebracht. Ihr typisch niederländischer Titel: “Poldermoschee“. Mindestens 10 unterschiedliche Räume gehören zur Poldermoschee. Eine zierliche Frau, 25 Jahre alt, mit kleinem bunten Kopftuch, stellt sich als die Leiterin der erst 3 Monate alten Moschee vor. Sie heißt Yassmine Elksaihi, ihr Niederländisch ist perfekt:

„Das wichtigste ist, dass wir dem Islam in den Niederlanden ein Gesicht geben und zwar nicht nur ein liberales oder ein orthodoxes Gesicht oder eines des Mittelweges, sondern wir wollen auch die fröhliche und die gute Seite des Islam zeigen und damit nach außen treten. Daher versuchen wir mit dieser Moschee auch Jugendliche zu erreichen, sie können dann unsere Botschaft weitergeben. Man merkt auch, dass die Moschee viel mehr umfasst als das Haus des Gebetes. Die Menschen kommen nicht nur hierher, um zu beten oder wegzugehen. Vor allem junge Muslims unterschiedlicher Herkunft können hier ihre Freizeit gestalten“. Auch Europäer, selbst Atheisten sind willkommen. Mit dem symbolischen Titel „Polder“ – Moschee soll bewusst auf die Verwurzelung in der holländischen Kultur verwiesen werden.

Yassmine Elksaihi betont: „Die Predigten in dieser Moschee sind anders als in den übrigen Moscheen. Bei uns werden alle Predigten auf Niederländisch gehalten werden. Die Freitagspredigt zum Beispiel, die wichtigste Predigt, gibt’s auf Niederländisch. Manchmal werden kurze Stücke aus dem Koran auf Arabisch übersetzt, aber die Basissprache ist Niederländisch. Uns unterscheidet auch, dass wir einen gemeinsamen Gebetsraum haben für Männer und Frauen. Die Männer sind vorn und die Frauen hinten in demselben Raum“.

Der auch in Deutschland bekannte und geschätzte niederländische Schriftsteller Geert Mak (Amsterdam) äußerte sich zu dieser ungewöhnlichen Moschee: „Das ist auch ein Symbol, dass auch der Islam modernisiert, nicht nur in Holland, im ganzen Westen Europas. Es entwickelt sich ein neuer europäischer Islam. Man muss marokkanische traditionelle Islam umbauen zu etwas ganz Neuem, aber am Ende glaube ich, dass das möglich sein muss.

Im Herbst 2010 musste die Poldermoschee bereits wieder schließen, weil es, so heißt es, an finanziellen Mitteln fehlte…. Darf man die utopische Frage wagen: Wird es in absehbarer Zeit wieder eine REFORM-Moschee geben, in Holland, in Deutschland, eine Moschee, in der auf Niederländisch oder auf Deutsch gepredigt und gebetet wird, in der es nur einen einzigen gemeinsamen Gebetsraum für Männer wie für Frauen gibt usw.? Eine Reformmoschee ist – wie der Name sagt – viel „radikaler“ angelegt in ihrer richtigen Bereitschaft zur Modernisierung des Islam als eine bloß „liberale“…

Einen ausführlicheren Bericht über die Schließung der Poldermoschee siehe Zenitz, Zeitschrift für den Orient.

http://www.zenithonline.de/deutsch/koepfe/a/artikel/mitten-in-den-niederlanden-001231/

 

Cpyright: Christian Modehn Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

Reden von Gott und von dir selbst: Über Theologie und Autobiographie

Der Religionsphilosophische Salon und das Forum der Remonstranten Berlin am 27. November 2015 um 19 Uhr in der Galerie Fantom, Hektorstr. 9 in Wilmersdorf:

Reden von Gott und von dir selbst: Über Theologie und Autobiographie

Ein Abend mit dem Theologen und Kulturwissenschaftler Prof. Johan Goud aus Den Haag

Leider ist der Religionsphilosophische Salon am 27.11. 2015 AUSGEBUCHT. Alle bisherigen Anmeldungen (bis zum 24.11.) werden selbstverständlich berücksichtigt. Bitte um Verständnis, aber 1. sind die Raum – und Sitzzplatzkapazitäten begrenzt. Und 2. soll im Salon die Gesprächsmöglichkeit unbedingt – bei kleinerer Anzahl der TeilnehmerInnen – erhalten bleiben.

Gott und die Seele möchte ich kennen lernen, sonst nichts‘, so Augustin (356-430), der vielleicht grösste Denker in der Geschichte des Christentums – er schrieb seine Confessiones in denen er diese beiden Themen mit einander verbunden hat. In diesem Vortrag geht es um die Verbindung von Autobiographie und Theologie unter heutigen Bedingungen. Der Vortragende ist Theologe der protestantischen Kirche der Remonstraten in Holland mit großem Interesse an Literatur und Kunst, in denen das Autobiographische fast immer mitspielt.

Der Vortrag ist in deutscher Sprache.

Der remonstrantische Theologe Johan Goud ist Autor des Buches „Onbevangen. De wijsheid van de liefde“, „Unbefangen. Die Weisheit der Liebe“. Erschienen 2015 bei Meinema, Holland.

In einem Beitrag in der Zeitschrift ADREM (Mai 2015) erläutert Peter Korver das Buch: „Einerseits wird darin die solide theologische Kenntnis deutlich, andererseits wird nach einer Verbindung mit der modernen Kultur gesucht, besonders in der Kunst und der Literatur. Johan Goud beschreibt sich als jemand, der sein Leben lang versucht hat, tief das Wort Gott zu verstehen. Er sagt selbst: “Ich bin ziemlich sicher, dass das Rätselwort Gott von einer Wirklichkeit beantwortet wird, einer Wirklichkeit, die in letzter Hinsicht unbegreiflich ist, die aber in den Menschen wohnt und die es anstellt, dass die Menschen tun, was sie tun, zum Schlimmen, aber auch zum Guten. Das Wort Gott selbst brauchen Menschen dabei nicht einmal auszusprechen“.

Peter Korver fährt fort: Dabei ist der Titel des Buches „Unbefangen“ wichtig: Es geht um eine unbefangene Weise des theologischen Denkens, weg von Dogmen und Konventionen, das ist keine einfache Sache. In der Kunst, der Literatur und der Mystik gibt es Raum für diese Unbefangenheit. Gott ereignet sich in Gedichten oder in der Musik, aber auch zuweilen unerwartet in Reflexionen. Was wird dabei entdeckt? Das Überraschende und Ergreifende ist, dass nicht du am Suchen und am Finden von Antworten bist. Es ist eher umgekehrt. Du entdeckst, dass du gefunden wirst durch das, was du suchst und findest. Dieser Wechsel (Umschlag) ist wesentlich, er wird von Goud Liebe genannt.

Diese Denkhaltung ist etwas anderes, als wenn in Untersuchungen Gott als ein etwas objektiviert wird und beurteilt wird.

Der Untertitel des Buches verweist auf den Philosophen Emmanuel Lévinas, mit dessen Denken sich Goud schon sehr früh befasst hat.

Johan Goud, Jahrgang 1950, geboren in Dordrecht, NL, studierte Theologie und Philosophie in Amsterdam und Tübingen, Promotion in Leiden (NL) über den jüdischen Philosophen Immanuel Lévinas. Goud ist Pfarrer in verschiedenen Gemeinden der liberal-theologischen, „freisinnigen“ Remonstranten Kirche, zuletzt in Den Haag, dort auch Initiator einer religionsphilosophischen Akademie. Die Remonstranten sind ja bekanntermaßen die einzige christliche, protestantische Kirche, (Mitglied im „Weltrat der Kirchen“ in Genf), die ihre Mitglieder nicht zu einem festen überlieferten Glaubensbekenntnis auffordert. Jeder Remonstrant ist eingeladen, sein eigenes, individuelles Glaubensbekenntnis zu sprechen und mit anderen darüber ins Gespräch zu kommen. Die Remonstranten haben als erste christliche Kirche schon 1987 homosexuellen Paaren – gleich welcher religiöser Herkunft – in ihren Kirchen die Segnung der Partnerschaft, der Ehe angeboten, bis heute ist dies eine Selbstverständlichkeit. Sie sind die einzige Kirche, die auch Mitglieder anderer Kirchen und Religionsgemeinschaften als Freunde willkommen heißt mit dem gleichen „Status“ wie die Mitglieder.

Johan Goud war bis vor kurzem Prof. in Utrecht (NL) für Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie und Theologische Ästhetik, speziell Religion und Sinnerfahrung in Literatur und Kunst. Seit einigen Monaten ist Prof. Goud emeritiert. Er ist Autor zahlreicher Bücher und Zeitschriftenbeiträge zu dem Thema.

Prof. Johan Goud in einem Interview mit der großen niederländischen Tageszeitung NRC Handelsblad, 16.5. 2015:

Einige wichtige Zitate in einer Übersetzung von Christian Modehn.

„Es handelt sich in der Rede von Gott um eine Wirklichkeit, die unbegreiflich ist, aber die doch IN den Menschen wohnt, die sie antreibt, zu tun, was Menschen tun, zum Bösen, aber auch zum Guten. Genau wegen dieser Doppelung, die sich in dem Wort Gott verbirgt, Gutes und Leiden, Liebe und Hass, haben religiöse Traditionen auch Theologie nötig, das heißt, ein kritisches Nachdenken über Gott.

Frage: Die christliche Tradition zerfällt langsam in Europa, was verschwindet da?

Antwort: Ich frage mich, ob Menschen, die diese Themen (etwa die Frage nach Gott) für sich ausschließen und unsinnig finden, sich nicht doch von einem Teil unserer Wirklichkeit abschließen. … Damit könnte auch die Erinnerung an eine „Seele in uns“ verschwinden. Damit meine ich: Dass da mehr ist als das, was wir mit unserem Selbstbewusstsein wahrnehmen und denken. Dadurch haben wir Teil an etwas, das größer ist als unser Leben. Vielleicht verschwindet mit dem Gedanken an Gott auch die Erinnerung an die Liebe, die eine Wirklichkeit (wirksam) ist…Den grundlegenden Zusammenhang finde ich in Kunst und Literatur, bisweilen auch im Nachdenken und Meditieren. Gott ist in hohem Maße sozusagen „jemand“, der auf eine literarische Weise gelesen werden will..

Frage: Warum spricht die literarische Form Sie so sehr an, um dem Glauben eine Form zu geben?

Antwort: Dichter wie Rutger Kopland und Willem Jan Otten versuchen ein semantisches Äquivalent zu finden für die Glaubenssprache. Um diese Suchbewegung, darum geht es mir. Gott hat ständig neue Beschreibungen nötig. Bisweilen stößt man dann bei der Suche auf etwas. Dieses Gefühl: Jetzt treffe ich das Gesuchte, – „das ist es!“ – dauert vielleicht nur solange, wie ein Gedicht dauert. Diese Erfahrung kann durch Gedichte entstehen, aber auch in der Musik und auch unerwartet im Nachdenken.

Übersetzung: Christian Modehn.

 

Mouhanad Khorchide und der Friedensnobelpreis 2015 für Tunesien

Mouhanad Khorchide und der Friedensnobelpreis 2015 für Tunesien

Mouhanad Khorchide, Professor für islamische Religionspädagogik an der Universität Münster, Autor und beliebter Referent, hat dieser Tage sein neues Buch im Herder Verlag unter dem Titel „Gott glaubt an den Menschen. Mit dem Islam zu einem neuen Humanismus“ veröffentlicht. Christian Modehn traf Prof. Khorchide am 10. Oktober 2015 in Berlin (anläßlich einer Tagung des „Humanistischen Verbandes Deutschlands“) zu einem Interview. Darin äußert sich Khorchide unter anderem auch zum Friedensnobelpreis 2015, den das tunesische „Quartett“ für den nationalen Dialog erhalten wird. Die Gruppe bemühte sich, nach dem Sturz des tunesischen Machthabers Zine El Abidine Ben Ali im Jahr 2011, die Demokratie möglich zu machen und aufzubauen.

Mouhanad Khorchide:  „Der Nobelpreis für Tunesien ist ein sehr wichtiges Signal, wenn man bedenkt, dass in der arabischen Welt vor ein paar Jahr noch Regime dort geherrscht haben. Nun sieht man, dass Menschen in Tunesien in der Lage sind, sich demokratisch zu entfalten, dass auch demokratische Grundwerte dort gewürdigt werden. Das zeigt: Es macht Sinn, daran zu arbeiten. Und der Nobelpreis ist ein Symbol für andere Länder, die noch nicht so weit sind. Sie sollen sehen: Es macht Sinn für die Menschenrechte einzutreten, aber man muss selber die Veränderungen in die Hand nehmen“.

Steht diese Aussage auch im Zusammenhang mit Ihrer Theologie?

„Wir Muslime glauben an einen humanistischen Gott, der an den Menschen glaubt. Das heißt, gerade demokratische Grundwerte, Menschenrechte, alles, was im Sinne des Menschen steht, ist im Sinne Gottes.

Der Koran unterstreicht, dass man bestehende politische Realitäten kritisch hinterfragt. Und wenn man die heutige islamische Welt anschaut, dann wird man feststellen, es fehlen dort Menschenrechte großenteils. Da und dort gibt es Ausnahmen. Und dann ist es Aufgabe der Theologie, diese Grundwerte in den Kern der Theologie zu rücken; es geht nicht um dogmatische Sätze, sondern darum, dass praktisch die Werte der Menschenrechte umgesetzt werden.

Es gibt einen Grundsatz im Koran, in der 21. Sure, Vers 107, da heißt es: „Wir haben dich, Mohammed, lediglich als Barmherzigkeit für alle Welten entsandt.“ Barmherzigkeit in dem Sinne: Alles, was den Menschen gut tut. Das heißt: Wir können aus diesem Grundsatz der Barmherzigkeit heute die Menschenrechte genauso ableiten wie unsere demokratischen Grundwerte, weil alles, was im Sinne des Menschen ist, auch im Sinne Gottes ist. Wir glauben an einen humanistischen Gott, der an den Menschen glaubt. Das heißt, alle demokratischen Grundwerte, Menschenrechte, alles was im Dienste des Menschen ist, ist eben auch im Sinne Gottes.

copyright: Christian Modehn Berlin, Religionsphilosophischer Salon

 

Die Hüter der absoluten Wahrheit werden aggressiv. Philosophisches zur Bischofssynode

Die Hüter der absoluten Wahrheit werden aggressiv: Zur Bischofssynode in Rom (4. – 25. Oktober 2015)

Ein Hinweis von Christian Modehn

Wer die gegenwärtige „Lage“ der Welt vor Augen hat: Syrien, Ukraine-Russland, Flüchtlinge, Elend, Kinderarbeit, Ökokatastrophen, Missachtung der Menschenrechte weltweit, Korruption, Völkermord und so weiter und so weiter, der wundert sich, dass am 4. Oktober 2015 im Vatikan aus aller Welt ca. 260 Bischöfe, Erzbischöfe und Kardinäle, zusammenkommen, um über „Die Berufung und Sendung der Familie in Kirche und Welt von heute“ zu debattieren. Haben diese Prälaten kein wichtigeres Thema, haben sie keine Ideen mehr, wie der Menschheit in der Krise geholfen werden könnte? Vielleicht haben sie wirklich keine hilfreichen Vorschläge… Und reden lieber über das genannte Thema.

Wie auch immer: Diese Synode mit dem Papst als Vorsitzenden und Letzt-Entscheidenden wird, so berichten Insider weltweit einmütig, trotzdem ein wichtiges Ereignis sein, das den Weg der römischen Kirche und das Schicksal des eher reformfreudigen Papstes Franziskus bestimmen wird. Deswegen ist diese Synode auch für religionskritisch Interessierte von Bedeutung.

Warum also wird dieses im ganzen doch nicht absolut relevante Thema in Rom debattiert? Weil die Bestimmung dessen, was Familie ist, und damit, was Sexualität und Kindererziehung und Partnerschaft bedeuten, die allerletzte Bastion ist, die die römische Kirche noch als ihr eigen betrachtet: Die Gesetzgebung der Staaten kann die Kirche nicht mehr, wie noch bis ins frühe 20. Jahrhundert, mitbestimmen. Zum Frieden kann sie zwar immer wieder mahnen, aber sie kann keinen politischen Frieden schaffen. Und selbst das subjektive Glaubensbewusstsein der einzelnen kann die Kirchenführung nicht mehr beeinflussen. Zahllose Umfragen haben ergeben: Die Katholiken halten sich de facto nicht mehr an die Gebote der Ehe – und Sexualmoral. Sie sind darüber – „Gott sei Dank “ hinausgewachsen. Trotzdem reden mehr als 250 ältere Prälaten erneut über diese starre fixierte Ethik, an die sich fast niemand mehr hält. Irgendwie wollen die konservativen Kirchenführer diese veralteten Moralvorstellungen am liebsten den Katholiken vielleicht einimpfen…Heftige Debatten wird sicher das öffentliche coming-out eines Priesters, Theologen und Mitarbeiters in der obersten vatikanischen Glaubensbehörde (Chef: Kardinal Müller) in Gang bringen: Der aus Polen stammende Priester Krzysztof Charamsa hat sich am 3. Oktober 2015 als homosexuell geoutet und sich mit seinem Partner öffentlich gezeigt, siehe auch Fußnote 2 unten.  Der Theologe Charamsa ist zweifellos eher dem theologisch-konservativen „Lager“ zuzurechnen, er studierte u.a an der bekanntermaßen konservativen Hochschule von Lugano (eng mit den Neokatechumenalen verbunden) und war bis zuletzt als Dozent an der Universität des Ordens „Legionäre Christi“, Regina Angelorum, in Rom, tätig. Die „Legionäre“ nehmen bekanntermaßen nur konservative Theologen in ihre Universität als Dozenten auf. Diese theologische Orientierung Charamsas ist für die konservative Kirchenführung ein um so größerer Schock.

Jedenfalls, Tatsache ist: Die römische Kirche hat jetzt de facto alle äußere Macht und damit allen „Glanz“ verloren, die sie im Mittelalter, bis über die Französische Revolution hinaus besaß. Wenn nun die Kirche jeglichen Einfluss auf die „Familienfrage“ und auf die Vorschriften zur Sexualität verliert, dann steht sie in der Öffentlichkeit definitiv arm und förmlich nackt da. Sie ist dann nur noch eine spirituelle Organisation. Aber welche Spiritualität hat sie zu bieten? Das ist ein anderes Thema.

Hat die Kirche zur Familie und dem weiten Umfeld der Sexualität nichts mehr zu sagen, dann ist das Mittelalter definitiv zu Ende. Davor haben die Prälaten natürlich Angst.

DESWEGEN kämpfen die konservativen Kleriker in Rom jetzt besonders heftig um den Erhalt der letzten noch verbliebenen kirchlichen Machtansprüche für „die Welt“, also für „die Familie“. Und diese Kleriker verunglimpfen in ihrem Kampf jene, die, etwas sich aufgeschlossener zeigen und durchaus ein bisschen Verständnis für Veränderungen in der Ehe-„Lehre“ und im Tolerieren der „Homosexuellen“ haben.

Tatsache ist: Selten wurde in solchen Schlammschlachten von konservativ-reaktionärer Seite auf die halbwegs noch etwas aufgeschlossenen Kleriker eingedroschen. Es würde im Rahmen der für unseren Philosophischen Salon selbstverständlichen Religionskritik zu weit führen, alle diese Attacken zu dokumentieren. Man wird ihnen vom 4. Oktober erneut vom Vatikan aus begegnen, falls denn eine objektive Berichterstattung gelingt und nicht nur offizielle Propaganda von kirchlicher Seite als „Information“ verabreicht wird.

Was erstaunt ist: In einer Zeit, in der gebildete Menschen äußerst zurückhalten sind, wenn es gilt, inhaltlich fest beschriebene Wahrheiten als gültig für alle und immer hinzustellen, treten konservative Kleriker, ohne vor Scham zu erbleichen, möchte man sagen, auf und verfügen: Unsere inhaltlich präzise Meinung ist die Wahrheit für alle und für immer. Vor allem sehen sie sich förmlich auf der Seite des „lieben Gottes“ und haben keine Angst, ein dermaßen verdinglichtes Gottesbild zu propagieren! Wann gibt es nicht den Aufstand der Mystiker gegen diese unsäglichen Gottesbilder, wenn etwa Kardinal Sarah sagt: „Unsere Wahrheit stammt von Gott selbst!“ Man lese die Stellungnahme des aus Guinea stammenden Kurienkardinals Robert Sarah, er ist der oberste Chef in allen Fragen, die Gottesdienste (Liturgien) betreffen. Sarah hat jetzt ein Buch verfasst mit dem eindeutigen Titel „Gott oder Nichts“. Also kurz zusammengefasst: „Wer meinem Gott nicht folgt, landet im Nichts“. Oder: „Wer meinem Gott, er ist der einzig Wahre, nicht folgt, zerstört sich selbst, zerstört die Kirche, zerstört die Welt“. Dabei nimmt Kardinal Sarah das Neue Testament wortwörtlich, in diesen vielfältigen und z. T. widersprüchlichen Texten spricht für ihn Gott selbst, behauptet er, weil es ihm in seinen eigenen ideologisch-politischen Kram passt! Und der heißt: Die alte Ordnung der Hetero-Ehe muss streng bewahrt bleiben. Dabei müsste er wissen, dass die Hetero-Liebesehe eine Schöpfung des 19. Jahrhunderts ist, die jetzt als DIE Ehe in manchen Kreisen Europas gilt. In Afrika ist diese europäische Liebesehe des 19. Jahrhunderts überhaupt keine Realität, auch in Lateinamerika hat eine katholische Frau normalerweise 5 Kinder von 3 verschiedenen Männern. Die Frau allein kümmert sich um die Kinder. Werden diese Menschen jemals zur förmlich in Rom heilig gesprochenen Liebesehe des 19. Jahrhunderts finden? Oder wären nicht ganz andere Fragen wichtig? Wie kann die Gesellschaft so gerecht gestaltet werden, dass Frauen und Kinder und auch die Väter wenigstens ein Minimum an Menschenrechten genießen dürfen? Aber Nein, die Kardinäle reden über Wiederverheiratet-Geschiedene. Darf man aus philosophischer Sicht erneut sagen? Das ist angesichts der „Lage“ der Welt geradewegs lachhaft, wenn nicht skandalös; zumal: wenn man auch bedenkt wie viele Millionen Dollar diese Synode an Unkosten verursacht, von den weltweiten Flügen und ihren ökologischen Implikationen der aus allen Ländern anreisenden Prälaten einmal ganz abgesehen.

Wenn das Wort nicht so abgegriffen wäre: Kardinal Sarah vertritt puren FUNDAMENTALISMUS. Merken wir uns: Es gibt ihn also nicht nur in islamischen oder hinduistischen Kreisen…

Es ist bezeichnend, dass dieses Buch „Gott oder Nichts“ im September 2015 im Schloss der Frau Fürstin von Thurn und Taxis in Regensburg vorgestellt wurde, das Vorwort schrieb kein Geringerer als der Intimus Benedikt XVI., Erzbischof Georg Gänswein, der wohl immer noch zusätzlich als Sekretär von Papst Franziskus tätig ist (1). Da schreibt also der engste Mitarbeiter des etwas aufgeschlossenen Papstes Franziskus ein Vorwort in einem Buch, das sich zumindest indirekt entschieden gegen Franziskus selbst richtet. Eine hübsche Geschichte vom „Hofe“ (früher soll ähnliches am Hofe Ludwig XIV. passiert sein). Aber wichtiger ist, dass dieses Buch von Kardinal Müller, einst Regensburg, jetzt oberster Glaubenswächter im Vatikan, bei der Fürstin vorgestellt wurde. Da sieht man, was sich da an Connections im Vatikan gegen Franziskus zusammengebraut hat. Zu Kardinal Sarah, der ebenfalls durch seine Anwesenheit die Fürstin erfreute, (auch Martin Mosebach war selbstverständlich dabei und der Bruder des Papstes Emeritus, also der einstige oberste Regensburger Domspatz Georg Ratzinger). Zum Buchautor Kardinal Sarah bemerkt Hannes Hintermeier in einem wertvollen Beitrag in der FAZ (am 3.9.2015): „Bei der nächsten Papstwahl dürfte Sarah zu den „papabile“ zählen. Mit siebzig Jahren ist er in einem Alter, in dem man in der Kurie zur Kategorie „Hoffnungsträger“ zählt“.

Ein Hoffnungsträger in der Sicht Roms also, dieser Fundamentalist, der Denker in Kategorien des „Alles oder Nichts“, Verzeihun:  „Gott oder Nichts“. Sandro Magister, Vatikan-Spezialist, berichtet über ihn in La Repubblica“, wir zitieren Sarah in einer Übersetzung: “Homosexual unions are completely against God’s plan, which was to create man and woman who complement one another perfectly. And the family and the future of society comes from this [hetrosexual] union. A homosexual union has no future, it does not create life . . .”

Warum werden solche Äußerungen nicht als Volksverhetzung erkannt? Warum wird Herr Sarah wegen dieser Diffamierung Homosexueller nicht angeklagt? Die Antwort dürfte bekannt sei: Es handelt sich eben um Äußerungen innerhalb einer Glaubensgemeinschaft, diese Äußerungen muss die Glaubensgemeinschaft selbst regeln, da darf sich kein Gericht einmischen. Das sind noch Restbestände mittelalterlichen Denkens, von der eigentlich in zivilisierten demokratischen Ländern gültigen Laizität ist da wenig zu spüren!

Der AFP Pressedienst (Autor: Jean-Louis Vaissiere, am 28.2.2015) bietet weitere Zitate von Kurienkardinal Sarah: „Gott hat sich deutlich über Homosexualität ausgesprochen. (…) Wenn ein Prälat sich gegen die Offenbarung stellt, ist das seine Sache, aber wir werden auch weiterhin unterstreichen, was Gott von Homosexualität hält. Das bedeutet nicht, dass man diese Menschen nicht pastoral begleiten muss“, sagt Sarah. Offenbar geht die Begeleitung dahin, dass sie ihre Homosexualität, nach allerlei drangsalierenden „Therapien“, aufgeben.. Sarah fährt fort:

„Das gleiche gilt für die bürgerlich wiederverheirateten Geschiedenen: Da gab es eine Erklärung des Katechismus der Katholischen Kirche und eine starke Aussage von Johannes Paul II (…), dass es nicht möglich ist, wiederverheirateten Geschiedenen die Kommunion zu geben. Dennoch muss der Priester diese Menschen begleiten, sie ermutigen, zur Messe zu gehen und ihren Kindern eine christliche Erziehung zu geben“, fügt er hinzu.

Direkt auf die Debatten der Synode bezogen, warnt Sarah vor einem nicht-fundamentalistischen Verständnis der Bibel, denn diese enthält ja wie alle wissen, die direkten Äußerungen Gottes: „Wie soll man verstehen, dass katholische Pfarrer die Doktrin, das Gesetz Gottes und die Lehre der Kirche zur Homosexualität, Scheidung und Wiederheirat zur Abstimmung freigeben?“

Und Kardinal Sarah tut so, als wäre eine Neuinterpretation der katholischen Doktrin über die Homosexualität z.B. ein Abfall vom Glauben, den möglicherweise dieser Papst mitzuerantworten hat. Da sagt Sarah wie in einer Drohgebärde: „Ich versichere feierlich, dass die afrikanische Kirche stark sein wird gegen jede Rebellion gegen die Lehre von Jesus und dem Lehramt! Wie kann eine Synode die beständige Lehre von Paul VI, Papst Johannes Paul II und Benedikt XVI. revidieren wollen? Ich setze mein Vertrauen in die Treue von Franziskus.“

Das heißt: Der Reaktionär aus Guinea rechnet damit, dass die Synode die angeblich ewige Lehre Gottes aufgeben könnte. Er hofft aber, deutlich in seiner Zweideutigkeit, „auf die Treue von Papst Franziskus“. Was meint da Treue von Papst Franziskus: Treue zum reaktionären Flügel der afrikanischen Kirche? Oder gar noch tief greifender: „Treue zu Evangelium“? Sarah unterstellt also, dass der Papst dem Evangelium untreu werden könnte, also ein Ketzer werden könnte. Das Klima in der römischen Kirche ist vergiftet, vor lauter Wahrheitsbehauptungen und dem Wahn, auf der Seite Gottes zu stehen, hat sich römische Kirche wie in einem riesigen Netz verklammert. Wie löst man eigentlich ideologisch-wahnhaft bedingte „gordische Knoten“? Martin Luther wusste es noch.

Diese Hinweise zeigen, dass der Streit um die angeblich absolute Wahrheit die alten wackeren Herren in ihrem römischen Barock-Palästen förmlich aus dem Häuschen bringt, die Emotionen steigen, der Hass, die Ablehnung. Manche Beobachter sprechen von einer Spaltung der Institution der Kirche, die die schon längst de facto bestehende theologische Spaltung der römischen Kirche in reaktionär und ein bisschen aufgeschlossen nur institutionell deutlich machen würde. Dann könnten sich die Piusbrüder wenigstens dem offiziell reaktionären vatikanischen Flügel anschließen.

Aber so weit wird es wohl nicht kommen: Der Papst als der oberste definitive Entscheider, als der absolute Herr des letzten Wortes, wird um des lieben (angeblichen) Friedens willen, den Konservativen und Reaktionären recht geben und weitere, etwas progressivere Entwicklungen auf spätere Jahre (Sankt Nimmerleinstag) verschieben. Er wird nachgeben müssen, um selbst in diesem heißen Kessel aus Polemik und Hass zu überleben. Mächtig sind ja bekanntlich in jeder Hinsicht immer die Konservativen. Weil sie eben nur alte „Wahrheiten“ wiederholen müssen, weil sie nur die alten Autoritäten zitieren müssen. Die Reaktionären brauchen nicht zu argumentieren, sie müssen alte Texte nur zitieren. Das ist, nebenbei, ein interessantes philosophisches Thema, das sich im Blick auf die Synode erneut zeigt.

Papst emeritus Benedikt XVI. wird aus der Nähe seinen geschulten Blick auf die Synode werfen und über Herrn Gänswein einige Worte, direkt oder indirekt, verbreiten. „Macht weiter ihr lieben Konservativen, kämpft den guten Kampf“ wird er sagen.

Philosophisch ist dieser Vorgang interessant, weil er zeigt, auf welch einem so wenig reflektierten, um nicht zu sagen blamablen theologischen Niveau sich die maßgeblichen vatikanischen Herren und Glaubenslehrer bewegen. Herr Sarah hat ja als junger Kleriker zahlreiche Studien in Rom absolviert. Und diese mit diesem jetzt sichtbaren „Erfolg“ bestanden. Wie soll sich auch jemand von ewigen Wahrheiten befreien, dem Jahre lang in allen theologischen Fakultäten Wahrheit und nichts als Wahrheit eingepaukt wurden. Sarah und die anderen römischen Wahrheitsfanatiker sind nur das sichtbare Ergebnis einer in sich schon hoch problematischen (um nicht zu sagen arrogant-verkorksten) offiziellen Theologie, einer Theologie des Hofes, der Curia romana.

Interessant wäre auch eine öffentliche, interdisziplinäre Debatte: Warum sind so viele Afrikaner gegen den menschlichen Respekt für Homosexuelle? Wer erzeugt diesen Hass, dieses Morden homosexueller Menschen? Wer tritt eigentlich für sie ein? Wer schützt homosexuelle Menschen in Kenia, Uganda, Simbabwe und so weiter? Doch wohl nicht katholische oder pfingstlerische Gemeinden? Aber erhalten diese nicht viele Spenden aus Europa? Spenden da etwa noch gebildete Europäer für diese Verächter der Menschenwürde? Warum müssen die Kirchenführer Afrikas, auch Kardinal Sarah, diese rassistische homophobe Ideologie ihrer Staaten wichtiger nehmen, diesen irren Wahn, als die humanistische Menschenfreundlichkeit, die ja ein bisschen wohl auch im Neuen Testament durch die Gestalt Jesu repräsentiert wird? Wie verblendet sind diese alten Herren? Gibt es da noch Hoffnung auf Licht, auf Aufklärung, fragen sich philosophisch Interessierte? Gibt es Hoffnung auf einen schwachen Sieg der Philosophie der Aufklärung? Man lese bitte „unbedingt“ Kants Schrift „Über die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft“. Man erkennt dann: Die faktisch bestehenden Religionen mit ihren so vielfältigen angeblich absoluten Wahrheiten sollten durch das Licht der Vernunft „gereinigt“ werden, also zur Menschlichkeit finden, zum humanen Maß. Dann ginge es etwas menschlicher zu in dieser Welt. und in unserer Sicht: Jesuanischer! Aber wird außerhalb kleine philosophischer Kreise noch über eine moderne Religion der Vernunft debattiert? Hat die christlich orientierte Vernunft-Religion noch eine Chance? Vielleicht wäre eine moderne liberale Theologie der Ort dafür.

(1) In seinem Vorwort tut Gänswein so, als wäre das Buch Sarahs eine hübsche und harmlose Geschichte eines alten afrikanischen Prälaten: Tatsächlich vertritt Gänswein erneut – wie der Buchautor – die offizielle römische traditionelle Theologie der völligen Unwandelbarkeit der katholischen Lehre: „Es wäre falsch, dieses Buch als einen Beitrag zu einer ganz bestimmten Debatte oder eine Erwiderung auf konkrete Standpunkte anderer zu lesen. Damit würde man der Tiefe dieser Theologie und der Strahlkraft dieses bewegenden Glaubenszeugnisses nicht gerecht. Kardinal Sarah geht es gerade nicht um die einzelne Konfliktfrage, sondern um das Ganze des Glaubens; er beweist, wie aus dem richtig verstandenen Ganzen auch das Einzelne zu verstehen ist – und wie, umgekehrt, mit jedem theologischen Versuch, Teilfragen zu isolieren, auch das Ganze beschädigt und geschwächt wird. Mag sein, dass Politik die Kunst des Machbaren ist, die Fertigkeit des Kompromisses unter sich ständig wandelnden Bedingungen; die christliche Botschaft aber kann niemals Verhandlungsmasse sein. Sie ist uns anvertraut und kann nur unverfälscht ihre heilbringende Wirkung in der Welt entfalten – auch und gerade in der Welt von heute“. Vatikanstadt, am Gedenktag Jean-Marie Vianneys, des heiligen Pfarrers von Ars, am 4. August 2015 + Georg Gänswein

(2) Der Vatikan-Theologe Krzysztof Charamsa betont: „Die Kirche ist im Vergleich zu dem Wissen, das die Menschheit inzwischen hat, zurück geblieben“, sagte der 43-Jährige Priester und Theologe Krzysztof Charamsa. „Es ist nicht möglich, noch weitere 50 Jahre zu warten. Die katholische Kirche müsse hinsichtlich gläubiger Homosexueller „die Augen öffnen und verstehen, dass ihre Lösung, totale Abstinenz und ein Leben ohne Liebe zu leben, unmenschlich ist“. Der polnischen Ausgabe des Magazins „Newsweek“ sagte Charamsa, der Klerus sei „überwiegend homosexuell und traurigerweise auch homophob bis zur Paranoia, weil es an Akzeptanz der eigenen sexuellen Orientierung mangelt“. Er wolle die Kirche nicht zerstören, sondern ihr helfen. „Mein Coming Out soll ein Appell an die Bischofssynode sein, ihr paranoides Handeln gegenüber sexuellen Minderheiten aufzugeben“, sagte er weiter. Charamsa sagte dem „Corriere della Sera“, die homosexuelle Liebe sei eine „familiäre Liebe“. Überdies habe er das Gefühl, dass er ein „besserer Priester, der bessere Predigten hält“, geworden sei, seit er zu seiner Orientierung stehe. (afp)

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