Das Göttliche ist auch weiblich. Drei Fragen an Prof. Wilhelm Gräb

Drei Fragen an Prof. Wilhelm Gräb: Maria, das Göttliche ist auch weiblich

Die Fragen stellte Christian Modehn   Der Beitrag wurde am 17. 5. 2015 publiziert.

1. Die Verehrung Marias, der Mutter Jesu, ist fast ausschließlich in der katholischen (und orthodoxen) Spiritualität zuhause. In einer breiteren Öffentlichkeit wird über Maria, wie sie im Neuen Testament erwähnt wird, manchmal bloß geschmunzelt, etwa in einem (oberflächlichen) Verständnis der Jungfrauen-Geburt. Kann denn in einer neuen liberal-theologischen Perspektive die Auseinandersetzung mit der Gestalt Marias wichtig und sinnvoll sein?

Ich muss gestehen, dass ich persönlich mit der Gestalt Marias immer noch recht wenig anfangen kann. Die protestantische Prägung sitzt auch bei mir tief. Jesus Christus allein ist der Weg zu Gott, so hatte ich es von früh auf gelernt. Später dann, im Studium der Theologie, wurde es mir sogar zur tiefen Überzeugung, dass all diese Heiligen, allen voran die Gottesmutter Maria, die die katholische Kirche ins Christentum eingeführt hat, lediglich dazu angetan sind, die Macht der Kirche zu steigern. Die Heiligen – und allen voran eine die Kirche symbolisierende Maria – werden, so hatte ich gelernt, im Katholizismus zwischen Christus und die Gläubigen gestellt. Sie sind religiöse Mittlergestalten, die dafür aber auch gewisse Dienstleistungen von den Gläubigen verlangen. Im evangelischen Christentum hingegen, so hatte ich gelernt, ist der einzelne Gläubige, dann, wenn er allein auf Christus, den mit Gott eins seienden Menschen blickt, selbst unmittelbar verbunden mit Gott und in ihm des unbedingten Sinns seines Daseins gewiss.

Der Einspruch gegen die Heiligenverehrung, ja, gegen die die Kirche selbst in ihrer Mittlerstellung symbolisierende Maria, war der Grundimpuls der Reformation. Er beschreibt immer noch die grundlegende Bedeutung der reformatorischen Rechtfertigungslehre und damit, nach protestantischem Selbstverständnis, des wahren Grundes christlicher Freiheit, Freiheit auch und gerade vom zwanghaften religiösen Regulierungswahn der Kirche.

Inzwischen bin ich gegenüber solchen theologischen Argumentationen sehr viel vorsichtiger geworden. Ich halte sie zwar auf der theologisch-argumentativen Ebene immer noch für richtig. Auch denke ich, dass sie religionskulturelle Differenzen zwischen Katholizismus und Protestantismus, insbesondere was die unterschiedliche theologische Bedeutung, die der Kirche und vor allem dem Priesteramt zugeschrieben wird, immer noch ganz gut erklären. Dennoch, so denke ich heute, ist diese die kirchlichen Dogmen und Lehren erklärende Theologie unendlich weit weg von der gelebten Religion und den spirituellen Interessen der Menschen. Eine heutige liberale Theologie denkt aber nicht mehr von den Dogmen und kirchlichen Lehren her, sondern versucht die gelebte Religion der Menschen tiefer über sich zu verständigen und die spirituellen Bedürfnisse der Menschen aufzunehmen.

Der religiöse Sinn der reformatorischen Rechtfertigungslehre war es, dass wir, allein auf Jesus Christus blickend, dessen gewiss sein können, mit Gott auf dem Grunde der je eigenen Seele innerlich eins zu sein. In der alten liberalen Theologie, wie sie von dem Berliner Theologen Friedrich Schleiermacher um 1800 auf den Weg gebracht und um 1900 von dem Berliner Kirchenhistoriker Adolf von Harnack mit dem historischen Denken vermittelt wurde, begegnet in dem irdischen Jesus die beeindruckende und zu eigenen Gottvertrauen ermutigende Gestalt des mit Gott innerlich verbundenen Menschen. Der mit Gott einige Mensch ist in der alten liberalen Theologie der irdische Jesus, fraglos der Mann Jesus.

Unter den gewandelten, in Genderfragen ungleich sensibleren religionskulturellen Bedingungen der Gegenwart, könnte sich eine neue liberale Theologie durchaus offen zeigen für die Maria, die in die Vorstellungswelt des Christentums eingelassene, weibliche Symbolgestalt eines mit Gott innerlich verbundenen Lebens. Auch der biblische Bezug wäre dafür gegeben. Von Maria wird in einem der bekanntesten Texte der Bibel, der Weihnachtserzählung des Lukasevangeliums (Lk 2), das Wichtigste gesagt, was von einem Menschen überhaupt gesagt werden kann: „Maria aber behielt alle diese Worte und bewegte sie in ihrem Herzen.“ (Lk 2, 19), die Worte von der Geburt des Erlösers.

So ist es eben nicht der Mann Jesus allein, in dem wir dem zur Welt gekommenen Gott begegnen. Wir blicken ebenso auf Maria, die Frau, die Mutter, die uns zeigt, wie es zugeht, wenn in einem Menschen Gott zur Welt kommt. Das geht so zu, dass Menschen die Geschichte, die von ihrer Erlösung erzählt, in ihrem Herzen bewegen, sie sich das Wort von der liebevollen Nähe Gottes innerlich aneignen. Das zeigt Maria, die Gottesmutter. Sie zeigt, wie Gott im Menschen zur Welt kommt.

Gott wohnt nicht droben im Himmel, er herrscht auch nicht über die Menschen. Er wirkt die Geburt des wahren Menschen. Dabei erschließt sich, wozu des Menschen Dasein in dieser Welt bestimmt ist. Davon haben die Engel über dem Stall von Bethlehem, in dem Maria, die Gottesmutter, den Gottessohn zur Welt gebracht hat, gesungen: Vom Frieden auf Erden und dem Wohlgefallen, das allen Menschen, die guten Willens sind, werden soll.

2. Wer die religiöse Praxis an katholischen Marien-Wallfahrtsorten kritisch betrachtet, kommt oft zu der Überzeugung: Für viele religiöse Menschen dort ist Maria die weibliche Seite Gottes. Und die „brauchen“ sie förmlich. Ist diese Erfahrung etwas Erstaunliches, sollte sie vertieft werden in das Bekenntnis: Gott ist (auch) weiblich. Gott ist mütterlich? Oder sollten solche Gott-Vater- und Gott-Mutter Vorstellungen vom einzelnen eher abgewehrt werden?

Wenn wir Gott in seinem Verhältnis zur Welt denken, erscheint es wenig plausibel, Gott als weiblich oder männlich, oder auch als beides, aufzufassen. Gott ist der Sinn des Ganzen. Gott ist es, der in uns Menschen die Kraft freisetzt, für das Gelingen aller guten Dinge einzustehen. Dennoch kann ich der Vorstellung von der Gottesmutter einen tiefen religiösen Sinn abgewinnen. Die Vorstellung von Gott als dem Vater bleibt ja immer mit patriarchalen Herrschaftsverhältnissen verbunden. Auch wenn wir das Beschützende und Bewahrende im göttlichen Handeln an uns betonen und im Bild des Vaters, der den aus der Fremde zurückkehrenden, verlorenen Sohn liebevoll in seine Arme schließt, alle strengen und Angst machenden Züge getilgt haben, die männliche Seite Gottes bleibt doch diejenige, die die Distanz zwischen Gott und uns aufrechterhält.

Maria hingegen, sie ist die Frau. Maria ist die Mutter. Aus der Frau wird das neue Leben geboren. In Maria, der Gottesmutter, erscheint uns das Bild des vollkommen sich zu Gott verhaltenden menschlichen Lebens. Oder besser noch, in Maria erscheint uns das Bild des wahren Menschen, des Menschen, in dem Gott zur Welt kommt, des Menschen, zu dem zu werden wir alle bestimmt sind.

Eine neue liberale Theologie hat allen Anlass, deutlich zu machen: Gott ist in unseren Vorstellungen von ihm bzw. von ihr nicht nur männlich, sondern auch weiblich. Die weibliche Seite Gottes ist die, die uns die Einheit mit ihm fühlbar macht. Der mütterliche Gott ist die, die uns die Gewissheit schenkt, dass wir im Grunde unseres Daseins anerkannt, ja geliebt werden, aus einer Liebe leben, die nichts auf dieser Welt je uns nehmen kann. Alle leben in und aus dieser Liebe, alle, die aus Gott geboren sind.

3. Die Marien-Frömmigkeit im allgemeinen führt zur Frage an Protestanten, zumal eher kopflastige, vernunft-betonte liberale Protestanten: Brauchen sie nicht mehr Emotionen, mehr Bilder und Mythen, auch im Gottesdienst? Das ist ja keine taktische Frage angesichts der Erfolge der emotionalen Pfingstkirchen. Und die emotionalen Taizé-Lieder können ja auch nicht „die“ Lösung sein.

Dass wir aus Gott geboren sind und es die Kraft des göttlichen Geistes ist, aus der in Wahrheit wir unser Leben als ein sinnbewusstes und zielorientiertes führen, das können wir nicht gegenständlich vor uns bringen. Das können wir nicht wissen, nicht rational zum Gegenstand unserer Erkenntnis machen. Gott, der die Quelle unseres sinnbewussten Lebens ist, dessen mütterliche Nähe vor allem, können wir nur fühlen. Aber, was heißt hier „nur“? Das Gefühl ist es, das uns in einen unmittelbaren Kontakt zu uns selbst bringt. Fühlend sind wir uns selbst gegenwärtig, allerdings, ohne dass wir diese Selbsterschlossenheit in ihrem göttlichen Grunde zu bestimmen in der Lage wären. Genau dazu brauchen wir die religiösen Symbole und mythischen Bilder, die rituellen Inszenierungen und ästhetischen Performanzen, alles das, was der religiöse Kult zu ermöglichen versucht. Die Bilder der Religion sind es, die die Objekte der religiösen Anschauung schaffen. Die Musik und die Bewegung des Körpers sind es, die jene innere Erregung schaffen, die es macht, dass wir uns zu dem göttlichen Grunde unseres sinnbewussten Daseins auch bewusst verhalten.

Die bildende Kunst hat wunderbare Marienbilder geschaffen. Wenn wir es lernen, der emotionalen Seite der religiösen Erfahrung wieder größere Aufmerksamkeit zu schenken, dann dürfte Maria als die Mutter des Gottes, der im eigenen Herzen zur Welt kommt, auch in den protestantischen Spielarten der christlichen Religionskultur größere Aufmerksamkeit finden.

Copyright: Prof. Wilhelm Gräb und Religionsphilosophischer Salon Berlin

Kritik an Seligsprechung Oscar Romeros: Stellungnahme der Basisgemeinden

Basisgemeinden kritisieren die Feier der Seligsprechung Oscar Romeros

Ein Hinweis von Christian Modehn

Auf den leidenschaftlichen Vorkämpfer für die Menschenrechte in El Salvador und Lateinamerika insgesamt hat der Religionsphilosophische Salon Berlin schon mehrfach hingewiesen. Zum Thema “Oscar Romero und das Opus Dei” als vollständigem Text klicken Sie bitte hier.

Nun wird Oscar Romero, katholischer Erzbischof in San Salvador (von 1977 bis 1980), am 24. März 1980 am Altar während der Messe auf Befehl der rechtsextremen Militärs und ihrer Verbündeter erschossen, selig gesprochen, also der besonderen offiziellen Verehrung der Katholiken, wahrscheinlich vieler anderer Menschen anempfohlen. Die Feier soll am 23. Mai 2015 in der Hauptstadt stattfinden.

Es gibt im Vorfeld dieses Ereignisses ideologisch-theologisch-politisch motivierten Streit: Verschiedene Organisationen von Basisgemeinden (wie z.B. „Articulación Nacional de las Comunidades Eclesiales de Base“ –CEBES- oder das „Comité Nacional Monsenor Romero“) werfen den Bischöfen im Land vor, ein Motto für die Feierlichkeiten gewählt zu haben, das der Person Bischof Oscar Romeros nicht entspricht: Die bischöflichen Verantwortlichen für die sicher internationale beachtete Feier am 23. Mai in San Salvador haben das Motto ausgegeben: „Romero – martír del amor“, also: „Bischof Romero – ein Märtyrer der Liebe“. Hingegen hat selbst der Vatikan bei der Ankündigung der Seligsprechung Romeros das Motto ausgegeben: „Romero ist gestorben aus Hass auf den Glauben“ („por odio a la fe“). Also: Bischof Romero wurde ermordet (von Katholiken) aus Hass auf seinen, also Romeros, Glauben. Das heißt: Die Mörder und ihre Auftraggeber im Militär haben den Glauben, so wie ihn Romero praktisch lebte, nicht respektieren können! Sie haben diesen auch politisch eindeutigen Glauben Romeros gehasst. Eben weil dieser Glaube sich ausdrückte in der radikalen Verteidigung der Menschenrechte und vor allem der Rechte der arm gemachten Bevölkerung, der absoluten Mehrheit im Land El Salvador.

Nun soll bei der Seligsprechung dieser radikale Glaube also neutralisiert werden, in dem die Bischöfe als Verantwortliche für die Feier am 23. Mai erklären: Romero sei ein „Märtyrer der Liebe“. Damit wird die Radikalität der Überzeugungen Romeros verwaschen und neutralisiert! Natürlich hat wohl Bischof Romero alle Menschen geliebt. Aber die mordenden Militärs im Land eben nur unter der Bedingung, dass sie den Krieg gegen die Armen beenden und die Menschenrechte umfassend achten.

Einer der Sprecher der Basisbewegung der Armen, die Erzbischof Romero von sich aus, auch ohne vatikanische Zustimmung selbstverständlich, seit seiner Ermordung als einen der ihren, als Heiligen verehren, José Roberto Lazo Romero, hat betont: „Mit dem neuen Motto werde Erzbischof Romero zu einem total passiven (d.h. unpolitischen) Heiligen stilisiert“.

José Roberto Lazo Romero hat außerdem beklagt, dass für die Feier am 23. Mai 2015 eine eigene Sitzordnung, „Abteilung“, der Armen und der Bauern, vorgesehen sei, so, als sollten die Armen und die Bauern nur die Teilnehmer Statistik erhöhen. Jose Robero Lazo Romero nannte das Verhalten der Hierarchie freundlicherweise bloß unsensibel. „Man könne keine Feier gestalten, mit der alle einverstanden sind“, meinte hingegen einer der offiziellen klerikalen Sprecher, Padre Simeon Reyes.   Quelle: elmundo.com.sv/polemica….   am 17. Mai 2015.

Diese Neutralisierung Romeros, um nicht zu sagen, diese Verfälschung seines Wesens, wird vom Opus Dei und seiner römischen Zentrale, nachdrücklich betrieben: Am 17. Mai 2015 veröffentlichte die dortige Opus Dei Zentrale einen Text aus dem Jahr 1995, den das Opus Dei Mitglied, der Priester Fernando Saenz (er wurde später Erzbischof in San Salvador) geschrieben hatte, nach einer letzten Begegnung mit Romero am Tag seiner Ermordung: Saenz schreibt und das Opus Dei verbreitet das noch heute:

„Immer wenn ich an diesen Tag zurückdenke, kommen mir diese weniger bekannten Tugenden des Erzbischofs in den Sinn: seine Sorge um die Priester, seine aufrichtige Frömmigkeit, seine Einfachheit“. So wird Romero zu einem bloß frommen, kirchentreuen Oberhirten gestylt, fern ab von jeglicher Politik.

Die offizielle klerikale Linie zur Seligsprechung in San Salvador mit dem Motto „Märtyrer aus Liebe“ hätte das Opus Dei nicht anders formulieren können.

Zur Vertiefung:

1.ADVENIAT hat im Jahr 2010 erfreulicherweise über Jose Lazo Romero berichtet: http://www.adveniat.de/aktionen-kampagnen/jahresaktion10/gaeste2010/jose-lazo.html

2.Für alle, die Spanisch lesen können, noch ein Kommentar der Jesuiten in San Salvador vom 15. 5. 2015:  „basta con escarbar un poco para darse cuenta de que algunos de los que ahora vitorean la beatificación de Romero pretenden convertirlo en una figura insípida en nombre de la diplomacia, de la reconciliación o de la despolarización de la sociedad. No es justo invocar la reconciliación sin antes pedir perdón por el asesinato de Romero y de tantos otros salvadoreños inocentes. No es honesto ni cristiano prepararse para encender cirios ante la foto de Romero y seguir negando la verdad que él denunció. Honrar la memoria del arzobispo pasa por reconocer las razones que lo llevaron a la muerte en aquella difícil situación en la que le tocó vivir. Monseñor Romero denunció las injusticias que sufría el pueblo y señaló a quienes las cometían. Exhortó a los ricos a compartir ante la pobreza de la mayoría de la población. Condenó la violencia como mecanismo para resolver los problemas y animó a procurar la justicia social para evitar un derramamiento de sangre. Exigió, en nombre de Dios, desobedecer las órdenes de los jefes castrenses y policiales que mandaban asesinar a gente inocente. En verdad, monseñor Óscar Romero es para todos. Pero solo puede serlo desde el reconocimiento de su vida, su mensaje y las causas de su martirio. No se puede ocultar que es un mártir por odio a la fe y, por eso, mártir de la justicia; como dijo el papa Francisco, es un mártir por el odio que le granjeó seguir con fidelidad el camino de Jesús, optar clara y decididamente por las víctimas de la violencia y de la injusticia. Y por esa razón es un santo. Ese hecho es el que se reconocerá el sábado 23 de mayo y el que celebrará el pueblo que siempre ha querido y honrado a Óscar Arnulfo Romero“    Quelle: http://www.uca.edu.sv/noticias/texto-3655

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

 

Was ist “ein Hauch von Transzendenz”? Die Sunday assemblies, die atheistischen Gottesdienste”

„Ein Hauch von Transzendenz“: Die Sonntagsfeiern ohne Gott

Von Christian Modehn. (Dieser Beitrag erschien in der empfehlenswerten Zeitschrift PUBLIK-Forum, am 8.5.2015,  in einer etwas kürzeren Fassung.)

In den Song „99 Luftballons“ stimmt die Gemeinde voller Inbrunst ein: Mit diesem (etwas angestaubten) “Hit” der achtziger Jahre wird die „Sunday Assembly“ in Berlin eröffnet. 60 TeilnehmerInnen, auch jüngere Menschen, sind zusammen gekommen, interessiert, in dieser Gruppe „das Leben zu feiern“, wie es im Programm heißt. Die meisten nennen sich „nicht-religiös“ oder „konfessionslos“. Aber sie brauchen – wie die Frommen – das Gemeinschaftserlebnis, das „zwecklose Miteinander“, eine Art Sonntagsgottesdienst ohne Gott, zur ausgeschlafenen Zeit, um 14 Uhr.

Zu Beginn erheben sich alle von ihren Plätzen. Einige strecken enthusiastisch ihre Arme in die Höhe, dankbar, dass man hier gemeinsam singen darf. Wie in einer Kirche blicken alle nach vorn. Dort befinden sich weder Altar noch Kerzen oder Bilder, sondern nur ein Tisch, ohne Decke, ohne Blumen sowie ein Pult mit dem Mikro. Von hier aus werden die Ansprachen gehalten, heute über den „Weg der weißen Wolken“ und „Die Reise des Helden“. Die Vorträge werden wie in einer liturgischen Ordnung von Songs umrahmt, dafür tut eine Vorsängerin ihr Bestes.

Wir befinden uns in dem schlichten Sitzungssaal des „Akademischen Verein Hütte“ in Charlottenburg. Hier hat die „Sonntagsversammlung Berlin“ – zur Miete – Unterschlupf gefunden. Sie ist eine Filiale der inzwischen weltweiten Bewegung der „Sunday Assemblies“: Von London aus gesteuert, werden sie in 86 Städten angeboten. Auf dem Flyer der Londoner Zentrale werden die für alle Assemblies gültigen „atheistischen Glaubensprinzipien“ formuliert. Man will „keine Doktrin verbreiten“ und auf „kämpferischen Atheismus“ verzichten, um offen „für alle“ zu sein. Aber sind die „Prinzipien“ kohärent? „Wir glauben nicht an Übernatürliches“. Trotzdem soll auch „ein Hauch von Transzendenz“ in den Alltag wehen“.

Wo kommt dieser „Hauch“ von Transzendenz zum Wehen, fragt sich der Besucher angesichts der vielen bloß gut gemeinten, meist englischen Songs und der eher nüchternen (Volkshochschul-)Vorträge. In der Feierstunde selbst findet die „Pflege der Gemeinschaft“ kaum statt. Das Gespräch etwa mit den Sitznachbarn ist kurz und knapp. Die Teilnehmer dürfen auch nicht spontan zum Mikro gehen. Wie in der Kirche bestimmen einzig die „Liturgen“ das Geschehen. Muss eine Lebensfeier also reglementiert sein?

Schließlich wird auch die Kollekte eingesammelt. Denn die Gemeinde arbeitet ehrenamtlich, erhält von der offenbar finanziell gut ausgestatteten Londoner Zentrale keine Zuschüsse. In den „Vermeldungen“ wird auf weitere Veranstaltungen hingewiesen, etwa einen philosophischen Gesprächskreis und eine Meditationsrunde.

Nach der Feierstunde bleiben einige im Nebenraum bei Kaffee und Kuchen beisammen. Etliche Teilnehmer betonen, unbedingt diese Gemeinschaft zu brauchen und eine gewisse Feierlichkeit außerhalb der Kirchen erleben zu wollen. Einige finden das Motto der Assemblies hübsch: „Lebe besser, hilf öfter, staune mehr“. Was diese Prinzipien im Berliner Alltag bedeuten, wird nicht erläutert. Was nützen sie den Obdachlosen oder den Flüchtlingen?

Um die Organisation kümmert sich in Berlin die Autorin Sue Schwerin von Kroswig. Sie hatte sogar zur „Wintersonnenwende“ eine eigene Veranstaltung vorbereitet. Im Katholizismus groß geworden, hat sie, wie sie sagt, für Rituelles eine gewisse Sensibilität. Von daher wird die Vorliebe für ein rituelles Gerüst, aus der katholischen Messe bekannt, verständlich.

Im September 2014 fanden in Berlin die ersten nicht-religiösen Feierstunden statt; auch in Hamburg ist man erfolgreich. „Wir stehen finanziell ganz gut da“, berichtet der dortige Leiter Rainer Sax. Über seine Gemeinde sagt er: „Unter den Nichtreligiösen sind erstaunlich viele Esoteriker. Wir wissen noch nicht so recht, wie wir damit umgehen“. Wie weit sind rituelle Erweiterungen im Angebot dieser „Gottlosen Kirche“ möglich? Wird es Namensfeiern geben, die den christlichen Taufen nachempfunden sind? Oder Hochzeitsfeiern? In dem Bereich haben die Humanisten schon ihre rituellen Angebote. Der „Humanistische Verband Deutschland“ steht den assemblies wohlwollend, aber nicht gerade enthusiastisch gegenüber.

Die assemblies wurden in London im Januar 2013 von beiden Komikern Sanderson Jones und Pippa Evans gegründet. Jones hat eine schlichte Antwort auf die Frage, nach der inhaltlichen Konzeption: „Wir haben uns die besten Elemente einer Kirche genommen, und lassen Gott einfach weg“. „Aber das ist doch so, als könne man eine Oper aufführen, und die Arien einfach weglassen oder zum Steak Essen einladen und aufs Fleisch verzichten“, sagt ein kritischer Beobachter schmunzelnd, „aber einigen gefällt das“.

Selbst in den so christlichen Vereinigten Staaten kommt die Assembly Idee gut an. Dort gibt es aber die ersten Abspaltungen vom „Mutterhaus“ in London: Viele Gottlose dort sind nicht bereit, den offenbar universal vorgeschriebenen Weisungen des Gründer-Pärchens zu folgen.

Werden die assemblies trotz ihrer doch eher oberflächlichen Botschaft bzw Inhalte und trotz ihrer doch äußerst bescheidenen „Riten“ erfolgreich sein? Die Sehnsucht nach Kontakten ist wohl so groß, dass sich viele Menschen zumal in den Großstädten auf diese unverbindlichen Feiern einlassen werden. Für theologisch und philosophisch Interessierte bleibt die Frage: Ist dies wirklich eine auf der Höhe der Reflexion sich bewegende “atheistische” Botschaft? Wird über die permanente Verklammerung von Theismus und Atheismus überhaupt nachgedacht, so dass eigentlich Atheismus nur die andere Seite des Theismus ist, also “heillos” mit diesem verbunden bleibt. Gäbe es denn eine Position jenseits von Theismus UND Atheismus? Wäre dies nicht ein dringendes Thema auch für die assemblies? Oder ist dieses Thema vielleicht zu anspruchsvoll? Es führt in die Mystik, in eine Ebene des Unanschaulichen, des Geheimnisses (das, allen philosophischen Laien sei dies gesagt, selbstredend etwas ganz anderes ist als das Rätsel). Anders gesagt: Müssen diese assemblies so intellektuell bescheiden, so anspruchslos, volkshochschulmäßig bleiben? Das frage ich als Theist, der den Theismus auf eine höhere, mystische Ebene, wenn man so will, überwinden will.

Die andere Frage ist: Warum haben die assembly Teilnehmer keinerlei Erwartungen mehr an die Kirchen? Sollten die Kirche nicht interessiert sein, Näheres von diesen Menschen zu erfahren? Und die Kirchen? Sollten sie sich nicht herausgefordert sehen, endlich zur Gemeinschaft für alle zu werden und jeden Menschen in der Gemeinde, in jeder Gemeinde, vorbehaltlos zu akzeptieren, auch im Gottesdienst, und selbstverständlich auch beim Abendmahl. Sind die Chrisen etwa die verfügenden „Herren“ des Abendmahls? Die Kirchen sollten sich bemühen, eine von jeglicher esoterischer Sondersprache befreite, also eine möglichst vielen verständliche Sprache zu sprechen. Dann könnten sie auch neu Gottesdienste feiern, warum sollten die nicht „Feiern des Lebens“ heißen? Eine neue „liberale Theologie“ könnte dabei hilfreich sein.

Copyright: Christian Modehn Religionsphilosophischer Salon

 

Jede Religion ist esoterisch. Über die Rolle Vernunft bei esoterischen Lebensweisen

Jede Religion ist esoterisch

Oder: Warum private Überzeugungen übersetzt werden sollten und das Esoterische das Exoterische braucht

Hinweise von Christian Modehn

In unserem religionsphilosophischen Salon am 24.4. 2015 hatten wir uns ein recht umfangreiches Thema vorgenommen. Es ist zudem sehr komplex. Aber es ist ein notwendiges Thema, auch für eine „philosophische Lebensgestaltung“. Und die liebt bekanntlich nicht den Nebel des Ungefähren und Verschwommenen, des Mutmaßlichen und Rätselhaften, sondern eben Klarheit, so weit sie möglich ist.

Jeder/jede hat seine persönliche „Lebensphilosophie“ mit einem Mittelpunkt/Zentrum allen persönlichen Interesses. Diese eigene, Lebensphilosophie enthält oft esoterische Elemente und Inhalte. Aber sie sollte, wenn sie kommuniziert wird, in exoterischer Sprache, also in allgemeinen Vernunftbegriffen, ausgesprochen werden. Nur so verstehen die anderen, was ich (oder mein Freundeskreis) tatsächlich „präzise“ meine und wichtig finde. Ein bloßes Wiederholen meiner esoterischen Begriffe fördert kein wechselseitiges Verstehen und steht einer vernünftigen Gestaltung von Welt und Gesellschaft im Wege: Was nützt es, wenn jemand behauptet, ein Engel hätte ihm befohlen, dieses oder jenes gesellschaftlich zu tun? Oder gar ein Gott hätte es ihm einflüstert, also offenbart.

„Esoterisch“ bezieht sich auf das griechische Wort ἐσωτερικός, esōterikós, also innerlich‘, dem inneren Bereich zugehörig‘.Und mit diesem inneren Bereich, unserer privaten „Welt“ und mit unserer inneren Sprache haben wir immer zu tun. Diese innere Welt kann sich dann ausweiten zu einem großen Gebäude von Weltanschauungen usw. ein religiöser Mensch kann so tief die Sprache seiner Religion übernehmen, dass er alle Weltdeutung in dieser Sprache vollzieht. Das aber führt letztlich zu einer sektenhaften Abgeschlossenheit des eigenen Daseins.

Man könnte eigentlich annehmen, Esoterik spiele in der „total technisierten“ Gegenwart keine Rolle (mehr). Der Soziologe Max Weber sprach von der Entzauberung der Welt und meinte, „dass es prinzipiell keine geheimnisvollen unberechenbaren Mächte gebe, die da (in die Welt CM) hineinspielen, dass man vielmehr alle Dinge – im Prinzip – durch Berechnen beherrschen könne. Das aber bedeutet: die Entzauberung der Welt“. (Max Weber, Wissenschaft als Beruf, München 1919). Heute jedoch gilt: Je mehr die Entzauberung der Welt als das Vertreiben des Numinosen um sich greift, um so stärker werden die Interessen an Wahrsagerei, Magie, Astrologie, new-age-Praktiken wie „Rückführungen“ usw. Es fällt den meisten Menschen in Europa schwer, ausschließlich in einer verstandesmäßig organisierten Welt zu leben. Sie meinen, der Verstand sei zu nüchtern, zu kalt, lasse die Gefühle unbefriedigt etc. Es müsste – gut hegelisch – der Unterschied zwischen Verstand und Vernunft herausgearbeitet werden. Vernunft ist das Umfassendere, Gründende, Verstand eher das technisch-praktische Organisieren: Aber ist die „innere“ Qualität der Vernunft tatsächlich „kalt“? Ist nicht das Gegebensein der Vernunft selbst schon etwas Erstaunliches? Führt Vernunft, tief genug reflektiert, nicht auch in eine „vernünftige innere Welt“? Aber für solche Reflexionen braucht man Zeit und Stille. Und die wollen nur wenige Menschen. Deswegen greifen sie schnell auf das große Warenangebot des kommerziell vorgefertigten Esoterischen zurück, um etwa abends, nach dem Stress, in eine andere (verklärte?) Welt einzutreten. Viele meinen, Esoterisches sei a priori heilsam, also der Gesundheit dienlich, möglichst auch als Melange mehrerer esoterischer Traditionen. Weil die Schulmedizin oft als kalt und inkompetent erlebt wird, erhofft man sich Heilung aus dem Gegenteil, der Esoterik. Diese hat nur deswegen einen so großen Zuspruch, weil das Gesundsein (und das lange Leben) unter allen nur denkbaren Werten im Westen an oberster Stelle steht. Deswegen zählt eine Religion, die nicht unmittelbar gesund macht, auch nur noch recht wenig…

In jedem Fall muss philosophisch die Vernunft in ihrer Tiefe auch als „Gabe“ verstanden verteidigt werden, sie ist mehr als eine kalte Form von Technik und „Gebrauchsanweisungen“. Die Reflexion auf die Vernunft selbst, auf ihren Grund, kann doch Erschütterungen und starke „innere“ Wahrnehmungen auslösen. As muss später weiter vertieft werden!

Viele Esoteriker waren zuvor Naturwissenschaftler, wie etwa der Kirchengründer und „Seher“ Emanuel Swedenborg. Ihm reichte die rationale Welt nicht, er erlebte das subjektive Wunder, Wunderbares zu sehen. Er hatte Gespräche mit Engeln und Geistern, die er nach seiner eigenen Aussage tatsächlich erlebte. Ihm war bewusst, dass er damit auf viel Unverständnis stoßen würde: „Ich sehe voraus, dass viele, welche das hier Folgende und die Denkwürdigkeiten hinter den Kapiteln lesen, dieselben für Erfindungen der Phantasie halten werden; allein ich versichere in Wahrheit, dass sie keine Erfindungen, sondern wirklich Geschehenes und Gesehenes sind. Gesehen nicht in irgendeinem Betäubungszustande des Gemüths, sondern im Zustande des völligen Wachens.“

Das ist dann ein durchgehendes Argument aller Esoteriker: Es ist sozusagen ihr Standard-Argument gegenüber den Exoterikern, dass sie an das Vertrauen der Leser appellieren. „Glaubt es bitte, denn ich bin es, der es euch sagt“. Tatsächlich geben sich viele mit solchen autoritären Vertrauens-Appellen zufrieden und folgen blind dem „Meister“. Welchen Stellenwert kann/darf also Esoterisches in meinem Leben spielen? Darf sie die prägende geistige Kraft sein? Etwa die Astrologie: Richte ich mich nach den Sternen oder denke ich noch selber über meine eigenen Entscheidungen?

Esoterik hat im religiösen Bereich stets einen kritischen Aspekt, sie ist Kritik an veräußerlichter, dogmatischer Religion. Von den dogmatischen, religiösen Führern wird sie deswegen kritisiert, oft verfolgt. Wahrscheinlich ist Friedrich Hölderlins Leben und Werk nur in dem Zusammenhang zu verstehen: Er litt unter dem rigiden Kirchenregiment in Tübingen, wandte sich der griechischen Welt zu und entdeckte -verehrend- die Mythen des klassischen Griechenlands als eine neue, bessere, tiefere religiöse Welt.

Die Beziehung „Mythen und Esoterik“ wäre weiter zu vertiefen…

Oft verfolgen auch Esoteriker, im Glauben, absolut die Wahrheit zu haben, jene Wissenschaftler, die das Esoterisch-Fromme ins Exoterische übersetzen wollen. Dafür gilt es tausende von Beispielen, man denke etwa an den Religionshistoriker Ernest Renan im 19. Jahrhundert: Er wurde massiv beleidigt und bedroht, weil er ein historisches, und nicht bloß ein frommes erbauliches und wunderbares Jesus Bild beschrieben hatte. Man denke an den Widerstand vieler muslimischer Kreise, wenn der Koran als ein literarischer Text behandelt wird und historisch-kritisch ausgelegt wird und die Frage gestellt wird: Kann denn Gott als Gott sich in einem einzigen Buch sozusagen „begrenzen“ lassen. Man denke an die Ausschluss-Verfahren des Vatikans gegen Hans Küngs Neuinterpretation zur „Unfehlbarkeit des Papstes“…

Wir begegnen dem Esoterischen auch in der Gesellschaft, der Politik, der Wirtschaft: Etwa das Glaubens-Dogma von Madame Thatcher: „Es gibt zum Neoliberalismus keine Alternative“: Das erinnert an die ebenso esoterische These von der allein selig machenden Kirche. Politische, ideologische Propaganda ist esoterisches Blendwerk, etwa das Buch Hitlers oder die antisemitischen Kampfschriften (Die Weisen von Zions) usw. Auch die heftige Polemik gegen die Feimaurer hat oft ihre Wurzeln in biblischen Bücher, etwa der Apokalypse des Johannes, dies ist ein ein hochkomplexer Text, der von Frommen wie ein Zeitungsbericht gelesen wird und entsprechend politisch umgesetzt wird.

Entscheidend ist die Erkenntnis: Jede Religion ist esoterisch, selbstverständlich auch die christliche ist esoterisch, denn sie basiert auf Schriften, in denen fromme Menschen von einst ihre eigenen frommen Überzeugungen unmittelbar darstellen: Nur einige Beispiele zur esoterischen christlichen, kirchlichen „Lehre“: „Gott ist dreifaltig“, „ Jesus wurde von einer Jungfrau geboren“, „Maria ist die Himmelskönigin“. „Jesus starb für unsere Sünden am Kreuz und erlöste uns durch seinen Tod“, „Der Papst ist der Stellvertreter Christi auf Erden“ usw. Jesus von Nazareth hat, soweit wir das histroisch rekonstruieren können, hat nur gelegentlich esoterisch gesprochen, etwa im Zusammenhang des bevorstehenden Reiches Gottes usw. Aber seine ethischen Weisungen (Nächstenliebe) sind so allgemein vernünftig einsichtig, dass sie nichts esoterisches haben. Die spätere Kirchenlehre hat aus Jesu Überlieferung ein hoch komplexes esoterisches Lehrsystem gemacht. Alle diese dogmatischen oder bloß volkstümlichen Überzeugungen (etwa das Antlitz Christi in Turin usw.) erschließen sich nicht einem vernünftigen Verstehen. Sie sind nichts als Ausdruck – durchaus subjektiv legitimer- persönlicher Glaubensüberzeugungen einer Gemeinschaft.

Der Unterschied zwischen kleineren und größeren esoterischen Religionen bzw. Kirchen ist entscheidend: Größere Religionen mit vielen Millionen Mitgliedern neigen dazu, im Rahmen der Theologie argumentativ von ihren esoterischen Grundüberzeugungen Brücken zu bauen ins Exoterische, also Vernünftige und allgemein Kommunizierbare. Wobei dann Gott nicht bewiesen werden kann, aber es kann gezeigt werden, dass es nicht unvernünftig ist, an eine transzendente „Wirklichkeit“ zu glauben. Hingegen schließen sich die kleinen esoterischen Glaubensgemeinschaften, etwa die Zeugen Jehovas oder die Christliche Wissenschaft oder die Heiligen der Letzten Tage, völlig von vernünftigen Argumenten ab. Sie kennen nicht die Spur eines Versuchs, allgemein vernünftig argumentierend ihre Lehre darzustellen. Deswegen sind diese Kreise auch in der gesellschaftlichen Öffentlichkeit und ihrer Diskurse nicht präsent. Und sie wollen das selbst auch gar nicht. Die christlichen Kirchen etwa in Deutschland genießen gesellschaftlich ein so hohes Ansehen, dass sie – obwohl auch ihre Lehren esoterisch sind – in exoterische Kreise, wie etwa in den Ethik Rat usw. berufen werden. Die Theologie der großen christlichen Kirchen ist, abgesehen von den historischen Fächern, eigentlich eine Interpretation esoterischer Lehren. Oft, wie im Katholizismus, steuern die Meister der esoterischen Lehren, etwa die Bischöfe, dann noch die theologische Forschung. Katholische Esoteriker bestimmen also die esoterische dogmatische Deutung. Sie sagen: „Der Heilige Geist geht vom Vater und vom Sohn aus“ (und nicht bloß vom Vater, wie die Orthodoxen glauben). Schon dieses zentrale trinitarische Thema zeigt, wie tief esoterisch die christlichen Lehren sind, die noch heute in diesen Worten im Glaubensbekenntnis an jedem Sonntag nachgesprochen werden von der aufgeklärten (?) Gemeinde…

Ein eignes Thema ist der Unterschied zwischen Mystik und Esoterischem. Allgemein könnte man in einer ersten Annäherung sagen: Der christliche Mystiker spricht von seinem inneren und eigenen Glauben; er will an dem Glauben zwar festhalten, kann sich aber nicht mehr der gängigen Begriffe der herrschenden Theologie und Kirche bedienen. Er bevorzugt die negative Theologie, das Nein zu dogmatischen Sätzen, er will sie tiefer verstehen. Während der ursprünglich noch aus dem dogmatischen Christentum stammende, aber ihm entwachsende Esoteriker meist eine Überfülle positiver Inhalte und Weisungen verbreitet. Man denke an die katholische Esoterikerin Gabriele Bitterlich, die Seherin und Begründerin des offiziell-katholischen Engelwerkes und des offiziellen „Kreuzordens“: Sie hat, über den Daumen gepeilt, ca. 150 verschiedene Engel namentlich gesehen und nennen können. Esoteriker zeichnen sich dadurch aus, dass sie enorm viel vom Himmlischen zu wissen behaupten. Dass das tiefe Lebensgeheimnis inhaltlich kaum in Worte zu fassen ist, wie die seriösen Philosophen sagen, vgl. Karl Jaspers, können Esoteriker nicht ertragen: Sie erdrücken die Menschheit mit einer stetig wachsenden Masse an Ahnungen, Offenbarungen, Einsichten usw. Esoteriker passen insofern gut in die „Überfluß-Gesellschaft“. Sie sind deren ideologischer Ausdruck. Mit dieser Masse an Esoterik-Lehren können die Meister immer noch viel Geld, sehr viel Geld verdienen. Wie sagte Kant so schön: „Wir leben noch nicht in einer aufgeklärten Welt“…

FORTSETZUNG folgt…

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Die liberale Theologie lebt. Literarische Zeugnisse für eine neue religiöse Perspektive

Die liberale Theologie lebt. Zeugnisse aus Kunst, Musik, Literatur, Film … für eine neue religiöse Perspektive

Von Christian Modehn

Zu diesem Artikel, der hoffentlich bald umfangreich wird und Diskussionen fördert, aber immer Essay bleibt, wurde ich angeregt ausgerechnet von dem obersten römischen dogmatischen Glaubenswächter Kardinal Gerhard Ludwig Müller (zuvor Erzbischof von Regensburg und bleibender Ratzinger-Getreuer): Er hat in der katholischen Tageszeitung „Deutsche Tagespost“ einfach verkündet: „Die Lebenswirklichkeit ist keine Offenbarungsquelle“, so in einem Interview vom 28. März 2015, das weltweit verbreitet wurde, unter anderem auch auf der konservativen www.kath.net. http://www.kath.net/news/50039

Eine neue liberale (protestantische, vielleicht später auch einmal explizit katholische) Theologie plädiert genau für das Gegenteil: Die Lebenswirklichkeiten eines jeden Menschen, das Aussprechen seiner Lebenserfahrungen, verbal oder non-verbal, sind Offenbarungsquellen, also mitten im geistvollen Leben “lebt” das Göttliche/Gott und Menschen finden dafür den ihnen eigenen Ausdruck..

Das heißt: In jedem Leben offenbart sich auf eine individuelle Art und in persönlichen Worten Gott. Und jeder drückt diese Wirklichkeit anders aus, als Kunst, als Musik, als Poesie, als politisches radikales Engagement, als stilles Dulden, als Schweigen, als hilfloses Suchen usw. Und das hat bitte jeder und jede, selbst Kardinal Müller, zu respektieren. Er sitzt doch nicht auf dem Thron der Weisheit. Da haben ihn einige Fromme hingesetzt, damit sie zu etwas Exklusivem aufschauen können..

Dabei wird liberale Theologie vorschlagen, dass die unterschiedlichen (religiösen) Menschen miteinander ins Gespräch kommen. Das ist der Sinn der christlichen Gemeinde: Religiöse Menschen miteinander in ein (selbst)kritisches Gespräch einladen, damit sie besser und tiefer ihre eigene Lebensphilosophie, die nun einmal jeder hat, bzw. ihren je eigenen Glauben wahrnehmen. Diese Theologie hat Schleiermacher vertreten. Eine solche Gesprächsrunde (also Kirche) will niemals Missionierung betreiben, sondern die Vielfalt der Meinungen wird als Geschenk erlebt.

Diese Erkenntnis verdanke ich dem Berliner Theologen Wilhelm Gräb, Humboldt Universität, er ist mit dem Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon Berlin freundschaftlich verbunden und hat dieser website schon zahlreiche Interviews gegeben. Sie sind unter www.religionsphilosophischer-salon.de nachzulesen, klicken Sie hier.

Als Motto soll über unserem (Langzeit)-Projekt ein Wort von Wilhelm Gräb stehen: “Vom heutigen Glauben und dem, was die Menschen als ihren eigenen Glauben zuzumessen bereit sind, gilt es auszugehen. Es gilt, den Glauben zu durchdenken, der ein souveräner Glaube ist, ein Glaube, den die Menschen selbst hervorbringen, aus den Bezügen ihres Lebens”. (in: dem empfehlenswerten Buch von Wilhelm Gräb, “Glaube aus freier Einsicht”. Gütersloher Verlagshaus 2015, S. 12 f.)

Zur Methode unseres Projekts:

Es gilt, zahlreiche Lebensberichte, “Lebensbeichten” oder bloße Interviews aufmerksam zu lesen und herauszuspüren, wie sich da, jeweils persönlich sehr verschieden, der Sinn des eigenen Lebens oder der erlebte Sinn von Welt ausspricht oder der Wille, sich an die eigene Basis-Überzeugung „absolut“ zu halten. Es soll sozusagen, die bei immer schon gelebte Spiritualität dokumentiert werden. Eine solche Dokumentation von individuellen Lebens-Sinn-Geschichten ist keine Vereinnahmung in eine Kirche hinein. Diese Dokumentation ist nichts als die Wahrnehmung aus einer liberal-theologischen und dann auch religionsphilosophischen Perspektive, dass die Lebenswirklichkeit eben doch die Offenbarungsquelle des Göttlichen ist. Das gilt, selbst wenn manche Menschen sicher aus Abwehr gegenüber allem Kirchlichen von Göttlichem in ihrem Leben eher nicht sprechen wollen, weil Gott zu sehr mit der Institution Kirche konnotiert ist. Trotzdem kann ein Betrachter „von außen“ dann doch Gott/Göttliches im jeweiligen Leben wahrnehmen und als solches benennen, ohne diese Sprache dann den anderen aufzudrängen.

1.

Sehr viel Aufmerksamkeit verdient das Interview in „DIE ZEIT“ vom 26. 3. 2015 (Seite 45) mit dem Autor und Theatergründer (in Maputo) HENNING MANKELL. Das Interview bezieht sich vor allem auf die Krebserkrankung Mankells. Angesichts des eigenen Todes sagt er:
„Dass ich mich vor dem Sterben nicht fürchten muss. Man geht über in etwas anderes. In meinem Fall: in die Dunkelheit, für religiöse Menschen in das Paradies, was auch immer. Wir gehen in verschiedene Richtungen, aber wir gehen…“

Dann erinnert sich Mankell an Johann Sebastian Bach, der eines Tages nach Hause kam und seine Frau sowie zwei Kinder waren gestorben. „Wie Luther war Bach ein Mann, der die Erotik liebte, und auch für mich ist die Erotik die wahre Freude des Lebens. Es ist das Wundervollste des Lebens. Unvergleichlich“.

Das Wundervollste im Leben: Gibt es etwas Größeres als dieses? Erlebt ein Mensch bei dem Wundervollsten das, was in anderer Sprache Transzendenz genannt wird?

Susanne Mayer, die Journalistin, fragt direkt nach: „Mehr als Schreiben?“

Mankell antwortet: Schreiben ist die Nummer zwei. Erotik ist fundamental“.

Zuvor hatte Mankell auf die Frage, woher bei ihm die Kraft kommt, so viel zu arbeiten und in Afrika Gutes

zu tun, geantwortet: „Woher kommt das? Von Luther und Calvin. Ein bisschen von beiden. Ich meine, ich möchte die Welt ein bisschen besser zurücklassen, als ich sie vorfand“. Auf diese provozierende Antwort eines „an sich“ bekennenden Agnostikers: „Luther und Calvin…“ geht die Journalistin leider nicht näher ein. Das wird verdrängt, diese überraschende Antwort überhört.

PS. von Christian Modehn: Das habe ich oft beobachtet, dass JournalistInnen, die mit Religionen, Kirchen usw. nicht so viel „am Hut haben“, überraschende religiöse Antworten übergehen und gleich zum nächsten „Punkt“, zur nächsten Frage, weitergehen.

2.

Über Musik (verbal) zu sprechen, ist eine besondere Schwierigkeit, nicht nur für Menschen, die Musik hören. Mehr noch für Künstler, die Musik “spielen”. Der besonders bedeutende Pianist der Gegenwart ist Grigory Sokolov. Er gibt prinzipiell keine Interviews, nur wenige Zitate (aus Gesprächen) werden in Reportagen über seine Konzerte wiedergegeben. In “Die Zeit” vom 16. April 2015 sagte Sokolov: “Die Musik hört niemals auf. Sie bleibt , sie ist immer da”. Nebenbei: Bei seinen Konzerten verlangt Sokolov, dass die Beleuchtung stark reduziert wird, es entsteht also eine eher meditative Dunkelheit. “Die Zeit”- Autorin Christine Lemke-Matwey spricht gar davon, dass die Berliner Philharmonie dann “in eine Höhle verwandelt wird”, in “einen Uterus des Noch-nicht-Seins”. Sie relativiert diese Einschätzung jedoch – korrekterweise ?- durch eine prosaische Erklärung des Künstlers, bei vollem Licht werde “alles alles einfach zu heißt”…

3.

Der Dichter (und Philosoph) Friedrich Hölderlin verlässt im Jahr 1798 seelisch stark belastet (verzweifelt) Frankfurt am Main und findet Zuflucht in einem Haus am Rande von Bad Homburg, das ihm sein Freund Isaac von Sinclair vermittelt hat. Hölderlin findet dort Ruhe und “Kraft zum Leben”: “Da gehe ich dann hinaus, wenn ich von meiner Arbeit müde bin, steige auf den Hügel und setze mich in die Sonne. Und sehe über Frankfurt in die weiten Fernen hinaus. Und diese unschuldigen Augenblicke geben mir dann wieder Mut und Kraft zu leben und zu schaffen”. Der Autor Gunter Martens fährt dann fort: “Hölderlin schließt diesen Brief an seine Schwester mit der Bemerkung, solche Naturgänge seien, “so gut, als ob man in der Kirche gewesen ist” (RoRoRo Monographie, Hölderin, Seite 95) Hölderlin erlebt “Mut zum Leben” in der meditativen Betrachtung der Natur “als ob man in der Kirche“, er meint: in einem Gottesdienst gewesen ist”: Denn was soll eigentlich ein Gottesdienst bewirken: Stärkung, Heilung, Befreiung. Also eine Form irdischer Erlösung. Erlösung im Himmel allein ist ja Gott sei Dank obsolet geworden. Wenn das ein Gottesdienst nicht (mehr) leistet, etwa aufgrund ritueller Erstarrung oder hermetischer/esoterischer Sprache oder allzu banaler Alltagsfloskeln, dann kann eine meditative Naturerfahrung auch dieselben heilsamen Wirkungen haben. Kommt es nicht in den Evangelien Jesu einzig auf diese Heilung, also Erlösung, an. Die kann doch wohl nicht die Kirche allein vermitteln! Insofern ist das knappe Zitat Hölderlins ein Beispiel für eine Spiritualität, an die sich viele Menschen halten, damals wie heute. Und Hölderlin bietet ein weiteres Element für einen Essay einer umfangreichen, literarisch-empirischen liberalen Theologie. Dabei muss ein Hölderlin Kapitel natürlich sehr umfangreich sein, weil er sich explizit vom dogmatisch erstarrten Christentum absetzte und in der dichterischen Erfahrung das Mythische als solches wiederbelebte als mögliche Existenzform.

4.

Erneuter Eintrag zur musikalischen Erfahrung:

An den Komponisten Karlheinz Stockhausen muss erinnert werden. “Ich bin im Bergischen Land in der Nähe des Altenberger Doms aufgewachsen. In dieser frühgotischen Zisterzienser-Kirche gibt es eine große Michael-Figur, die mich schon als kleines Kind fasziniert hat. Ich habe zu ihr gebetet und von ihr geträumt. Michael ist in meinem ganzen Leben so immer die erste und höchste geistige Macht gewesen, an die ich mich wandte”(Stockhausen im Jahr 2005). Besondere Beachtung verdient wohl Stockhausens sieben Teile umfassende Oper “LICHT”. Günter Peters schreibt: “Stockhausen verstand seine Werke als Folge von Annäherungen an das Absolute. In einer musikalischen Welt, die sich nicht durch Ausschlüsse, sondern durch Nachbarschaften und Einschübe definiert, sind die Übergänge vom Physischen zum Spirituellen, von der Realität zur Transzendenz fließend… Stockhausen glaubte fest an einen alles umschließenden Gott, in dessen jenseitiges Reich er nach dem Tod auffahren würde…” (in: Musikfest Berlin 2015, hg. von den Berliner Festspielen. Seite 11).

 

FORTSETZUNG FOLGT.

Copyright: Christian Modehn Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

 

Jesus am Kreuz: Elend, nackt und bloß

Elend, nackt und bloß:

Jesus am Kreuz

Ein Beitrag von Christian Modehn,  NDR INfO am 3.4.2015

Der hier für den privaten Gebrauch angebotene Text entspricht der Form, wie sie für Hörfunkproduktionen üblich sind. CM.

Der Beitrag kann gehört werden, klicken Sie hier.

 

Musik, Statio I, 1 Lachrimae tristes (Jordi Savall)

O TON, Bachl

Das Kreuz ist in unserer christlichen Kulturwelt, in unseren Räumen, doch weithin ein Möbel geworden. Zwar ein Möbel mit einer gewissen Ehrfurcht behandelt, es ist ein Möbel, ein hübsches Ausstattungsstück für eine Wohnung. Wenn das Kreuz etwas ist in der Kultur, dann ist es der Querbalken in der Kultur.

O TON, Sander

Man identifiziert sich mit jemandem, der ohnmächtig ist. Und das ist eine ganz schwierige Identifikation. Weil man sich damit mit seiner Ohnmacht auch aus-einandersetzen muss. Von daher ist die Auseinandersetzung mit dem Gekreuzigten immer auch das Zu-sich-Selber-Finden in die eigenen Abgründe hinein.

O TON, Manfred Richter

Die Nacktheit war verbunden mit gesellschaftlicher Ausgrenzung. Und je mehr die Hinfälligkeit des irdischen Lebens bewusst wurde, hat man diesen Aspekt des ausgegrenzten Christus als Trost verstanden

Musik

Titelsprecherin:

Elend, nackt und bloß – Jesus am Kreuz . Eine Sendung von Christian Modehn

Musik, Statio VI, Spiritu Morientis

Sprecher:

Der katalanische Komponist Jordi Savall kann seinem Entsetzen über das Sterben Jesu nur musikalisch Ausdruck geben. In der Sprache der Musik äußert er die Gefühle der Freunde Jesu, erzählt von ihren Tränen, dem Schluchzen, dem Schrei des Entsetzens.

Musik

Sprecher:

Jordi Savall lässt sich von einem Gemälde des italienischen Meisters Caravaggio inspirieren. Es hat den Titel „Grablegung Christi“ und wurde im Jahr 1603 für eine Familienkapelle in der Kirche Santa Maria in Vallicella zu Rom geschaffen: Der fast nackte Leichnam Jesu wird von Joseph von Arimathäa, einem treuen Jünger, und von Johannes, dem Apostel, sanft gehalten, bevor er ins Grab gelegt wird. Maria von Magdala verbirgt inmitten der Trauernden ihr Gesicht, sie will ihre Verzweiflung nicht zeigen. Maria, die Mutter Jesu, wendet sich, vom Schmerz bewegt, noch einmal ihrem verstorbenen Sohn zu. Dessen rechter Arm, reglos und schlaff, berührt bereits das Grab. Der Apostel Johannes ist so verwirrt, dass er beim Heben des Leichnams in Jesu offene Wunde greift. Sie wurde verursacht, als die römischen Soldaten das Herz durchbohrten. Diese Szene wird von einem schwarzen Hintergrund beherrscht. Die Trauerden stehen wie vor einer undurchdringlichen Mauer. Der Kunsthistoriker Dominique Fernandez schreibt:

Zitator.:

Es ist ein nicht mehr zu steigerndes, ein absolutes Schwarz. Ein solches Drama ist eigentlich unbegreiflich, unsäglich, jenseits jeglicher Form.

Sprecher:

Jesus von Nazareth hängt leblos am Kreuz, ausgeblutet, qualvoll verendet an diesem Todes-Balken, mit dem die Römer in ihrem Imperium gewöhnliche Verbrecher, politische Fanatiker und Rebellen hinrichteten. Seit mehr als tausend Jahren beherrscht diese Szene das Christentum und seine Kirchen. Jeder Altar braucht sein Kruzifix. Christen verehren den geschundenen Heiland in seiner Todesstunde, ein Motiv, das auch Künstler immer wieder beschäftigt. So wird der Schmerzensmann in alle nur denkbaren Landschaften platziert, in Städte, Häuser, Kirchen.

Musik Statio I, Deploratio I,

Sprecher:

Jeder Künstler nimmt auf seine Weise das Kreuzesgeschehen wahr. Raffael und Rembrandt, Tizian und El Greco, Hieronymus Bosch und Rubens, Altdorfer und Caravaggio, um nur einige prominente Maler des 16. und 17. Jahrhunderts zu nennen, schaffen alles andere als dokumentarische, gar historisch korrekte Arbeiten. Sie bieten dem Betrachter ihre Sicht des Kreuzweges; sie interpretieren ihren Kalvarienberg und ihre Kreuzesabnahme und Grablegung. So können die Gläubigen immer wieder einem neuen Antlitz des Gekreuzigten begegnen. Aber immer wird ein fast nackter Jesus gezeigt, bemerkt der Salzburger Theologe Hans – Joachim Sander:

O TON, Sander

Der nackte Jesus am Kreuz ist eine Demonstration, und zwar die Demonstration einer Ohnmacht. Der Gekreuzigte selbst, der dann im Mittelpunkt rückt, das ist die Darstellung eines zerstörten, zerbrochenen Männerkörpers, der einer politischen, religiösen Konstellation zum Opfer gefallen ist. Und damit das Zurschaustellen, das Ausstellen, das Aussetzen eines ohnmächtigen Menschen.

Musik

Sprecher:

Für die Christen der ersten Jahrhunderte war das Kreuz noch nicht das entscheidende Symbol ihres Glaubens. Sie hatten vielmehr eine große Scheu, die Gestalt Jesu von Nazareth bildhaft darzustellen. Der Berliner Theologe und ehemalige Leiter des Kunstdienstes der evangelischen Kirche Manfred Richter hat sich mit dieser Frage befasst:

O TON Manfred Richter

Man hat nun, jahrhundertlang, also die erst zwei bis drei Jahrhunderte lang, keine Bilder gehabt. Man hatte keine gebauten Gottesdienststätten. Man ist in den Hauskirchen zusammen gekommen. Und dann hat man ganz andere Motive für Jesus verwendet, wie der gute Hirte, der das Lämmchen auf der Schulter trägt, den verlorenen Menschen. Für die Christenheit, für die Jüngerschaft, war es ein Skandal erster Ordnung, dass der, auf den sie gesetzt hatten, am Kreuz wie ein aufbegehrender Rebell hingerichtet wurde in entehrender Weise. Die Hinrichtung hat ja außerhalb der Stadt stattgefunden, also an einem unreinen Ort.

Sprecher:

Der elend ans Kreuz Geschlagene, der soll der Erlöser sein? Er soll der Gottmensch sein, dem alle Ehre gebührt? In den ersten Jahrhunderten nach Christus stellten die Gebildeten, vor allem die Philosophen, diese Fragen. Sie konnten die positive Antwort der Christen nicht nachvollziehen und fanden sie eher merkwürdig. Erst unter Kaiser Konstantin im 4. Jahrhundert gelang es, die breite Öffentlichkeit umzustimmen und für die Verehrung des Gekreuzigten zu gewinnen. In den neu gebauten Kirchen, den Basiliken, wurde dann ein Kreuz besonderer Art gezeigt: Es verzichtete auf den Corpus, den Leichnam Jesu. Die riesigen Mosaike präsentierten voller Stolz den neuen Herrscher, den Gottmenschen Jesus Christus: In der Apsis der römischen Kirche Santa Pudenziana ist ein entsprechendes Mosaik noch heute zu sehen. Der Kunsthistoriker Horst Schwebel schreibt:

Zitator:

Das neue Christusbild des 5. Jahrhunderts greift auf die Darstellungen des Kaiserbildes zurück. Die Kirche, Basilika genannt, wird zur Königshalle des himmlischen Kaisers Christus. In Purpur gekleidet sitzt er auf dem Globus als Symbol für den Kosmos. Bis in die Zeiten der romanischen Kunst wird Jesus hoheitsvoll dargestellt, finster blickend, aber den Sieg Gottes verheißend.

Musik

Sprecher:

Im Mittelalter verlangten die Menschen nach anderen Bildern. Seit dem 11. Jahrhundert setzt sich die Überzeugung durch: Dieser machtvoll herrschende Christus ist viel zu abweisend! Er hat kein Mitgefühl. Die Erfahrungen von Leid, Krieg und Gewalt waren so einschneidend, dass nur der mitleidende Jesus, der Schmerzensmann am Kreuz, eine Antwort auf die letzten Lebensfragen sein konnte. Ein demütiger Mann, wie ihn die Evangelisten beschreiben, in einer armseligen Krippe im Stall geboren. So elend, nackt und bloß wie er auf die Welt gekommen war, so endete er auch, einsam am Kreuz. Diesem Jesus will Franziskus von Assisi nachfolgen, der Sohn einer reichen Tuchhändlerfamilie. Er befreit sich im Italien des 12. Jahrhunderts von seinen bisherigen Überzeugungen und wirft im Moment seiner Bekehrung tatsächlich alles von sich, sagt Pater Cornelius Bohl, der Provinzial des Franziskanerordens in München:

O TON, Pater Cornelius Bohl,

Franziskus trennt sich von seinem Vater, er gibt ihm also alles zurück, selbst die Kleider, die er hat. Und sagt eben: Bisher habe ich dich meinen Vater genannt, aber jetzt habe ich nur noch den Vater im Himmel. Er steht nackt vor dem Vater und vor der ganzen Stadt, und das wird zum äußeren Zeichen auch seiner radikalen Trennung von seinem bisherigen Leben. Also wenn er sich von den Kleidern trennt, die auch einen Stand ausgedrückt haben, die Reichtum bedeutet haben, die gesellschaftliche Stellung ausgedrückt haben, dann trennt er sich nicht nur vom Vater, sondern von diesem ganzen System, in das er hineingeboren ist; ein System, das auf Macht basiert, auf Geld, all das lässt er los, um etwas ganz Neues zu beginnen.

Sprecher:

Franziskus von Assisi gründet eine Ordensgemeinschaft von Brüdern und Schwestern, die sich zu einem Leben in radikaler Armut verpflichten. Viel weiter noch reicht seine Anregung, die allen Christen gilt: Sie sollen den leibhaftigen, den historischen Jesus verehren, vor allem sein Leiden am Kreuz.

Musik

Sprecher:

Seit dem 14. Jahrhundert werden Kreuzesdarstellungen immer beliebter, sie zeigen einen von Schmerzen gekrümmten Jesus, festgenagelt am Balken des Todes, nackt bis auf ein Lendentuch. Diese Darstellung setzt sich endgültig durch. Nur einmal und bloß für kurze Zeit, präsentieren Künstler einen schönen Gekreuzigten. Michelangelo zum Beispiel will in der Renaissance, im 15. und 16. Jahrhundert, für einen anderen Christus werben: Einen wunderschönen Jüngling, einen idealen Menschen, der gelassen und vom Schmerz unberührt am Kreuz seinem Tod entgegen sieht. Michelangelo hat als junger Künstler für die Augustinerkirche in Florenz eine viel beachtete Skulptur eines schönen nackten Jesus geschaffen und später für die Sixtina in Rom nackte Leiber der Heiligen gemalt. Dabei ließ sich auch Michelangelo von biblischen Impulsen leiten, meint Pater Cornelius Bohl:

O TON, Cornelius Bohl

Die Nacktheit ist eigentlich der natürliche Zustand, der paradiesische Zustand des Menschen, der Mensch, der so ist, wie er von Gott geschaffen ist, der sich nichts vormacht, der anderen nichts vormacht, der sich nicht verstecken muss, auch durch Kleider nicht verstecken muss. Weil er sich annehmen kann, auch von Gott angenommen ist. Also Nacktheit ist gut und Nacktheit ist paradiesisch.

Sprecher:

Je mehr sich jedoch die genaue Kenntnis der biblischen Erzählungen durchsetzte, umso deutlicher wurde: Von ästhetisch gefälliger Schönheit kann bei Jesus nicht die Rede sein. Sein Lebensende heißt Leiden, Blut, Schmerz, Einsamkeit. In Zeiten von Pest und Hungersnot stand dieser Schmerzensmann den Menschen näher als ein wohlgeformter Jüngling am Kreuz, sagt der emeritierte Professor für katholische Dogmatik Gottfried Bachl:

O TON, Gottfried Bachl

Das, meine ich, müsste man auch sich vergegenwärtigen: Die Hässlichkeit Jesu in ihren verschiedenen Brechungen. Ich meine damit nicht den charakterlichen Mangel oder dass er unsympathisch gewesen sei oder abstoßend gewesen sei. Ich meine damit seine wirkliche Querlage zu dem, was wir gemütlich nennen, hübsch, zu all dem, was wir mit einer gewissen Lust über unser wirkliches Leben hinweg schmieren und zumachen und verniedlichen.

Sprecher:

Ein hübscher Jesus, der selbst am Kreuz noch eine gute Figur macht – das hätte den Sterbenden im Hospiz von Isenheim im Elsass wohl kaum gefallen. Sie suchten den verständnisvollen Freund, ein Vorbild auch im Leiden. Sie waren überzeugt: Wer an Jesus Christus glaubt, wird wie er den Tod überwinden. Matthias Grünewalds Wandelbild des Gekreuzigten des Isenheimer Altars von 1515 zeigt Jesu’ ganze grauenvolle Qual. Doch wenn die Kranken den Hingerichteten genauer betrachteten, konnten sie in dem Gemälde durchaus Trost und Hoffnung erkennen, erklärt Pfarrer Manfred Richter:

O TON, Manfred Richter

Wenn man mal beobachtet, gerade bei Grünewald, dass der Lendenschurz, zugleich geschwungen gezeigt wird, dass er nämlich quasi spricht. Das ist das Zeichen, dass sein Leiden sprechend ist und einem Zuspruch bedeutet. Als Trost ja. Als Zuspruch erst mal der Leidenden, die also da im Krankenhaus diesen Christus vor Augen hatten, dass er wie sie leidet, und durch dieses Leiden hindurch die Irdischkeit hinter sich gelassen werden kann.

Sprecher:

In einer religiös geprägten Kultur gab es für die Menschen keine Zweifel: Die Kreuzesdarstellungen verweisen auf die Lebensgeschichte Jesu. Es gilt also, sich bewusst zu machen, wie er in Palästina aufgetreten ist. Dann werden überraschende Erkenntnisse geschenkt, meint der Jesuitenpater Klaus Mertes:

O TON, Klaus Mertes

Das ist ein ganz wichtiger Punkt, also dass Jesus ganz offensichtlich jemand ist, der ich sagt. Also er predigt nicht über Dinge, sondern er spricht über sich. Wenn er zum Beispiel sagt: Ich bin die Auferstehung und das Leben. Dann sagt er nicht: Ich verkündige euch die Auferstehung und das Leben. Sondern er sagt: Ich bin die Auferstehung und das Leben. Was ich zu sagen habe, zeige ich durch das, was ich bin. Durch mein Sein. Also ich habe nicht etwas im Kopf, was ich euch sagen will, sondern ich zeige euch, was ich lebe, ich zeige euch, welche Menschen ich liebe, ich zeige euch, welche Dinge mich verletzen. Ich zeige euch, was meine Sehnsucht ist. Das ist meine Verkündigung. Es ist ein Sprechen durch Sein mehr als durch Worte. Und das ist die tiefere Nacktheit bei Jesus!

Musik: Spiritum Morientis

Sprecher:

Vom Kreuz Jesu kommen die Künstler nicht los, selbst wenn sie nicht mehr im Dienst der Kirchen stehen. Seit dem 18. Jahrhundert kommt es kaum noch vor, dass ein Bischof oder gar ein Papst einen angesehenen, aber kirchenkritischen Maler mit einer Arbeit beauftragt. Und auch die Kirchengemeinden sind selten bereit, auf den üblichen Gebrauchskitsch der Kunsthandwerker zu verzichten und sich ein wirkliches Kunstwerk zu leisten. Wenn seit dem 18. Jahrhundert Künstler ihren Schmerzens-mann malen, dann nur aus ihrem eigenem, individuellen spirituellen Interesse. Lovis Corinth hat die Schrecken des Ersten Weltkrieges überstanden. Er sieht das Gemetzel noch Jahre später vor sich, die Leichenberge, die zerfetzten Köpfe der Soldaten. 1922 malt er ein außergewöhnliches Bild. Es zeigt einen völlig blutbespritzten Christus mit Dornenkrone, dem ein Mann eine Lanze in die Brust rammt.

O TON, Manfred Richter

Lovis Corinth: Der rote Christus, da wird der existentiell bis zum Letzten zerrissene und kaputt gemachte Mensch, wie er im Ersten Weltkrieg erlebt werden konnte, und im zweiten auch erst recht, dargestellt. Und dieser Lovis Corinth Christus ist rot und Fleisch, wie Francis Bacon in drastischerer Weise die Zerrissenheit der menschlichen Figur, darstellt. Da ist noch mal ein neuer Typus der Christusbesinnung da, die ihn aber mit uns, mit unserem zeitgenössischen Schicksal, in engste Verbindung bringt.

Sprecher:

Lovis Corinth ist nicht der einzige Künstler, der überzeugt ist: Dieser leidende Jesus lebt heute, er ist gegenwärtig. Auch andere Künstler wie Max Beckmann oder Arnulf Rainer, Francis Bacon, Georges Rouault, Alfred Hrdlicka und Herbert Falken haben den Schmerzensmann gemalt. Und etliche gehen soweit, dass sie sich mit dem sterbenden Jesus identifizieren. Der Schweizer Maler Louis Soutter war dem Ende nahe, seelisch zerrüttet, von der eigenen Familie abgeschoben in ein Heim. Nackt und auf dem Boden kauernd, hat er dort 1935 seinen persönlichen Heiland Jesus am Kreuz gemalt, sagt der Kunstexperte Pater Friedhelm Mennekes:

O TON, Pater Mennekes

Er hat die Christusgestalt immer wieder gemalt, ans Kreuz geheftet. Aber es sind Christusgestalten von einer unglaublichen Spannung und Dichte, bei denen sich zeigt, dass hier an der Gestaltung dieser Figur ein Mensch um sein Über-leben als vernünftiger Mensch kämpft, wie ein Mensch im Malen des Christus Trost und Lebensmut erringt, erzeichnet. Am Ende seiner Tage mit bloßen und sogar blutigen Händen. Wir verdanken ihm die ersten Fingermalereien, ohne Pinsel, sondern direkt mit der flachen Hand und den bloßen Fingern gemalt: Das Entscheidende an seinem Christusbild ist, dass hier ein Maler im Zeichen des Christusbildes für sich eine dauerhafte Hoffnung errungen hat und die Therapie: dass er nicht in die völlige geistige Umnachtung zurückfiel.

Sprecher:

Kann man sich ein solches Christusbild über dem Altar vorstellen? Gehören künstlerische Darstellungen des nackten Jesus am Kreuz in die Mitte eines Kirchengebäudes? Darüber wird kaum noch gestritten: Viele Gemeinden begnügen sich mit einem Kruzifix nach der Art der Schnitzwerkstätten von Oberammergau. Anders die evangelische Gemeinde in Berlin – Plötzensee. In den 1960er Jahren hatte ihr damaliger Pfarrer Bringfried Naumann den Bildhauer und Maler Alfred Hrdlicka aus Wien eingeladen, für diese Berliner Kirche ein umfangreiches Werk zu schaffen, den Plötzenseer Totentanz. Mit diesem Auftrag wollte die Gemeinde auch bezeugen, wie stark sie von der Nachbarschaft zur ehemaligen Hinrichtungsstätte der Nazis in Plötzensee betroffen ist. So entstanden mehrere große Tafeln, in schwarz –weiß gehalten. Auf einer Arbeit wird auch die Kreuzigung Jesu gegenwärtig. Sein Leichnam ist total nackt, erläutert der heutige Pfarrer Michael Maillard:

O TON, Michael Maillard

In dem Hinrichtungsschuppen in Plötzensee gibt es einen Stahlträger mit Haken dran. An dem wurden Hitlergegner mit einer Schlinge um den Hals herum gehängt. Ein sehr grausamer Tod. Dann hat Alfred Hrdlicka gesagt, er möchte die Kreuzigung Jesu in diesen Kontext stellen. Obwohl er ansonsten auf diesem Bild Klassisches darstellt, Jesus in der Mitte mit Dornenkrone und anderen Zeichen, die wir aus der biblischen Überlieferung kennen, rechts und links die beiden Verbrecher, mit denen er zusammen hingerichtet worden ist. Bei uns ist er völlig nackt dargestellt, die beiden Schächer auch. Es soll dargestellt werden, dass die Leute, die da hingerichtet wurden, aller Würde entblößt worden sind. Und das passiert heute in Gefangenenlagern, Foltercamps, immer noch.

Sprecher:

Auch hier bricht das Grundmotiv moderner Künstler durch: Jesu Leiden ist keineswegs nur ein Ereignis der Vergangenheit; seine Kreuzigung geschah gestern und geschieht heute in den Hungerregionen Afrikas oder den Todeslagern Nordkoreas. Aber, so will Alfred Hrdlicka sagen, schaut genau hin! Dann werdet ihr Lebensmut empfangen: Denn dieser Jesus, der Gerechte, verhält sich sogar sterbend noch wie ein Erhabener:

O Ton, Michael Maillard

Auf der Kreuzigungsdarstellung des Plötzenseeer Totentanzes fällt auf, dass die Christusfigur die Fäuste nach oben reckt, die Hände der beiden anderen Gehängten hängen schlaff nach unten. Aber die Christusfigur hat Kraft in den Händen. Das ist auch sehr wichtig. Da hat Alfred Hrdlicka, das ist überliefert, an Menschen gedacht, die nach dem Todesurteil aufrecht, ungebrochen, in den Hinrichtungsschuppen gegangen sind. Und gewusst haben, eigentlich sind sie die Sieger, und nicht der Freisler, der sie gerade zum Tode verurteilt hat, weil sie das Richtige gemacht haben und den richtigen Weg gegangen sind.

Musik: Lacrimae Tristes

Sprecher:

Ist der irdische Tod das absolute Ende? Diese Frage kann bei der Auseinandersetzung mit dem Kreuz Jesu gar nicht ausbleiben. Aber die Hoffnung auf eine Überwindung des Todes stellt sich bei modernen Künstlern nicht so schnell ein. Hrdlicka denkt zwar an den Auferstandenen. So malt er eine Szene der Emmausjünger: der lebendige, auferstandene Jesus teilt mit seinen Freunden das Brot – doch das tut er im Dunkel einer Gefängniszelle. Ein optimistisches Bild ist das nicht. Und dennoch scheint auch Hrdlicka zu sagen: Inmitten des Grauens gibt es Spuren des Lichts, der Hoffnung. An dem Thema hat sich auch der weltweit bekannte Joseph Beuys abgearbeitet. Als spiritueller Mensch war er von der geistigen Präsenz des Gottmenschen Christus in der heutigen Wirklichkeit überzeugt. Selbst noch in den hässlichen Abstellkammern der Kliniken, wo Schwerkranke mit dem Tod kämpfen, gibt es für ihn Hoffnungsschimmer. Eine seiner Installationen nannte Joseph Beuys „Zeig mir deine Wunde“, sagt der Jesuitenpater Friedhelm Mennekes.

O Ton, Pater Mennekes

Beuys ist ja wirklich einer, der tief davon überzeugt ist, dass auch die Welt der Todeszonen, wie etwa ein Sezierraum, umgriffen ist, von einer Welt, die durchpulst, durchseelt ist, ist von der Christussubstanz.

Sprecher:

Wer sich mit dem Kreuz Jesu meditativ betrachtend auseinandersetzt, sucht Antworten auf seine spirituellen Interessen. Es geht um die Frage, wie man angesichts des Todes persönlich reifen und wachsen kann. Die Beschäftigung mit dem nackten Jesus am Kreuz eröffnet dann Möglichkeiten, sich selbst authentisch wahrzunehmen, sagt Pater Klaus Mertes:

O TON, Klaus Mertes

Ich kann dem nackten Gott nicht begegnen, wenn ich selbst bekleidet bleibe. Eigentlich habe ich immer das Christentum so verstanden, dass es ein Bekenntnis zur eigenen Nacktheit ist. Und zur Nacktheit Gottes in mir. Und nur in dieser Nacktheit begegne ich Gott.

Sprecher:

Wer dieser Sichtweise folgt, wird im Blick auf den sterbenden Gottmenschen die Fragwürdigkeit des Daseins erkennen, meint Pfarrer Manfred Richter:

O TON Manfred Richter

Es ist die condition humaine, die Grundbefindlichkeit des Menschen, die und das ist ja die Stärke der zeitgenössischen Kunst, die darauf verzichtet, jetzt eine definitive Antwort zu geben, sondern das ist ein so lauter Schrei oder eine so totale Stille, dass du selbst aufgerufen wirst, eine Antwort zu suchen. Aber nicht zu schnell, denke erst mal nach.

Sprecher:

Aus der Kraft des Innehaltens, der Unterbrechung und des Nachdenkens im Angesicht des Kreuzes wächst dann eine neue Spiritualität: Sie braucht keine glanzvollen, keine entzückenden Bilder und wortreichen Lehren. Sie wird als christliche Religion selbst einfach, nackt und bloß!

 

 

Attar und Hiob: Wenn die Frommen Gott anklagen. Zu einem Salonabend am 27.3.2015

ATTAR und Hiob: GOTT anklagen angesichts des Leidens

Einige Hinweise für das Gespräch im Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon am 27.3.2015

Von Christian Modehn

Wir wollen in gewisser Weise unser Gespräch vom Februar 2015 fortsetzen, darum zuerst einige Hinweise zum islamischen Mystiker Attar aus Nischapur, Persien (1145-1220) und sein Werk „Das Buch der Leiden“. Dabei beziehen wir uns auf die Ausführungen von Navid Kermani „Der Schrecken Gottes“, Becksche Reihe, München 2011. Die Seitenzahlen beziehen sich auf dieses Buch. —-Zu einer systematischen Reflexion “Über das Böse” klicken Sie hier

Attar war Apotheker, also „Heiler“, in einem Persien, das von den Mongolen bedroht und dann brutal überrannt wurde. In seiner persönlichen wie auch gesellschaftlichen Verzweiflung wendet sich Attar an Gott. Er ist in der damaligen Kultur sozusagen die oberste „Beschwerdestelle“. Aber die islamischen Herrscher dulden die Anklage Gottes nur für einen ganz kleinen Kreis, für die Narren und Weisen. Das normale Volk darf nicht Gott anklagen. In jedem Fall sagt „Das Buch der Leiden“ etwas, was der islamischen Elite nicht gefällt! Sie kennen die Hiob-Gestalt, die im Hintergrund zu Attars Aussagen steht, wohl eher aus dem Koran, dort wird an nur 4 Stellen recht kurz und knapp von dem geduldigen Hiob gesprochen (Sure 38, 41-44; Sure 6, 84; Sure 21,83-84; Sure 4, 16). Attar ist ein Autor (ein Sufi) mit einem umfangreichen Werk, bekannt sind hier auch „Die Vogelgespräche“, die sogar in der Schaubühne (Berlin) aufgeführt wurden. Zur Form von „Das Buch der Leiden“ nur so viel: Es ist eine Seelenreise von 40 Tagen durch den Kosmos auf der Suche nach einem barmherzigen Gott…Der Text liegt in deutscher Sprache in der Übersetzer des berühmten Orientalisten Hellmut Ritter (zu teurem Preis) vor.

„Das Buch der Leiden“

Navid Kermani schreibt: Dies ist ein „Furcht erregendes und verstörendes Stück Weltliteratur“(95). „Erkenntnis wird hier darauf reduziert, die Sinnlosigkeit zu erkennen“. (96). Die Grundaussage ist: Gott quält. Er verachtet das Leiden der Menschen, er ist unbarmherzig, ohne Großmut, Gott erlaubt dem Menschen noch nicht einmal, sich von ihm zu befreien.

„Aber das soll man bloß nicht Gott sagen, dann macht er alles noch hundertmal schlimmer“, sagt ein weiser „Narr“ im Text: „Gott hat mir auf mein Bitten um Brot geantwortet: Ich solle doch Schnee essen. Selbst ein Irrer sagt so etwas nicht“. (S.131)

Wie später auch, etwa bei dem Philosophen Emil Cioran, kommt das Motiv vor: „Es sei ein Nachteil geboren zu sein (98). Der fromme Mensch will „in diesem Leben nicht leben“ (99). „Wer an ein Jenseits glaubt, muss sich eingestehen, dass es nach dem Tod im Himmel mit dem schrecklichen Gott weitergeht“ (100) … und das will man nicht. Es gibt also eine Jenseits-Abwehr bei frommen Leuten.

„Mit Gott geschimpft hat niemand so leidenschaftlich wie Attar“ (170). „Mit Attar wird Gott attackiert, und zwar von einem, der Gott verfallen ist“ (172). „Die meisten Narren Attars klagen ohne Hoffnung. Frieden finden sie nur in der Resignation oder im Irrsinn. Weil Gott für sie der Schrecken ist, fürchten viele Narren gar, das ER sie erhöre, und dann würde er sie noch ärger quälen“ (243).

Im Islam bleibt dieser radikale Protest gegen Gott nur dem Heiligen, dem Propheten und dem Narren vorbehalten, Protest kann nicht Sache aller Frommen sein (209). Und nur in der Mystik ist diese Klage möglich. Im Koran selbst ist diese An-Klage nicht zu finden. (S. 230)

HIOB, aus der Hebräischen Bibel, dem Alten Testament.

Attar kennt die Geschichte von Hiob (176), aber nicht den Text, wohl kennt er die Erzählung, die mündlich in dieser islamischen Kultur verbreitet wurde. Bei Attar werden viele Hiob Motive des AT variiert. Es ist interessant, dass in der noch recht frühen islamischen Kultur die Kultur der Bibel (AT) irgendwie populär bekannt war. Also religiöse Abgrenzungen nicht so deutlich waren. (182). Unsere philosophische Mitstreiterin Heike schreibt dazu: „Die Hiob Geschichte ist immer weiter geschrieben worden. Die Urform, die Rahmenhandlung als Volksmärchen wurde um 900 v. CHR. aufgeschrieben. Nach der Exilserfahrung (und dem Erleben des Bösen) kam der Teufel in der Erzählung dazu (520 v.Chr.). Und damit ist Gott nicht mehr der Verursacher des Unglücks. Hiobs Monolog und die Gespräche der Freunde entstanden wohl um 450 v. Chr. (Rede Elihus 430 vor) und das Lob der Weisheit um 300 v. Chr. Das Kapitel 28, um Hiobs Begegnung mit Gott vorzubereiten“.

Der fromme und vorbildliche Hiob leidet ohne jeden für ihn erkennbaren Grund. Gott spielt auf Vorschlag des Teufels ein Spielchen mit ihm, will ihn testen.

Kermani meint: Gott straft in diesem Text ohne Ansehen von Sünden, ohne erkennbaren Grund. Gott kann ungerecht sein (S.153). Ein Hinweis auf die Klagelieder des Jeremias. „Du hast ohne Barmherzigkeit Menschen geschlachtet“ (Klagelieder 2.21)

Der Beter des AT klagt nicht nur, er klagt Gott an. Etwa Psalm 88 ist da wichtig.

Einige Zitate:

Hiob 3,11: „Warum bin ich nicht gestorben bei meiner Geburt…“

Hiob 7,16:“Ich vergehe. Ich leb ja nicht ewig. Gott, lass ab von mir, denn meine Tage sind nur noch ein Hauch“. … 9, 18: „Gott lässt mich nicht Atem schöpfen.. Geht es um Recht, wer will ihn vorladen“ (schon damals die richtige Erkenntnis, wie sinnlos ein Blasphemie Gesetz ist: Gott ist kein Rechtssubjekt und kann es als Gott gar nicht sein).

Hiob 12, 23: „Gott macht Völker groß und bringt sie wieder um“

Hiob 16,11: „Gott mich in die Hände der Gottlosen kommen lassen, ich war in Frieden, aber er hat mich zunichte gemacht. Er hat mich beim Genick genommen und zerschmettert“. Und so weiter und so weiter.

Einer der wichtigsten Texte der Empörung gegen den Gott. Er hat zahlreiche  Autoren, wie Attar, und andere (wie Joseph Roth) zu literarischen Aktualisierungen eingeladen…

Die Übersetzungen aus Hiob stammen aus der LutherBibel, 1985.

Copyright: Christian Modehn Berlin