Ökumene mit Protestanten leben: Bischof Jacques Gaillots Perspektiven

Keine Kirche besitzt die ganze Wahrheit”

Von Jacques Gaillot, Paris und römisch – katholischer Bischof von Partenia, zum Ökumenischen Kirchentag in Berlin 2003
Übersetzt von Christian Modehn

Für aktuelle Informationen über Jacques Gaillot v0m 19.6. 2013 klicken Sie hier.

Angesichts der Diskussionen über ein gemeinsames Abendmahl von Katholiken und Protestanten können die Überlegungen von Bischof Jacques Gaillot aus dem Jahr 2003 immer noch von Interesse sein.

“Es ist für mich eine Freude, mit Protestanten und Katholiken vor Ort zusammenzuarbeiten. Ihr Hauptinteresse ist, die Gerechtigkeit zu fördern. Sie machen die Erfahrung, dass man das Evangelium nicht verkünden kann, ohne dabei leidenschaftlich für die Gerechtigkeit für alle einzutreten. Deswegen treffen sie sich auch bei internationalen Kongressen z.B. in Genua und Florenz, um die neoliberale Globalisierung anzuklagen; sie schicken Delegationen der Solidarität nach Palästina. Sie fordern, daß die Kirche ihren Beitrag leisten angesichts der enormen sozialen Ungerechtigkeit in der Welt. Kirchen, die Ungerechtigkeit nicht länger hinnehmen und Ungerechtigkeit anklagen und bekämpfen: Erst diese Kirchen werden für die Menschheit zu einem prophetischen Zeichen der Befreiung.
Christen aus der Ökumene mischen sich unter die vielen anderen Menschen, um gegen den Krieg im Irak zu protestieren. Sich allein schon für einen Krieg zu entscheiden, ist bereits eine Katastrophe. Diese Christen aus der Ökumene wissen, dass der Friede auch in ihre Hände gelegt ist. Sie wollen die Gewaltfreiheit fördern. Darum wünschen sie, dass auch die Kirchen selbst auf (psychische) Gewaltanwendung verzichten. Das ist eine schwere Entscheidung, aber sie entspricht so dem Evangelium. Liegt darin nicht auch die Bedingung für den Dialog? Der Dialog ist nur möglich zwischen Menschen, die keine Waffen haben. Wenn man zum anderen mit blossen Händen geht, verzichtet man auf jeden Wunsch, ihn für die eigene Position zu gewinnen.
Christen aus der Ökumene müssen sich um den Umwelt-Schutz kümmern und um die Zukunft des Planeten besorgt sein. Christen aus der Ökumene haben verstanden, dass der Mensch nicht mehr im Zentrum der Welt steht. Der Mensch ist ein “Erdenwesen”, ein Sohn und eine Tochter des Kosmos, ein Staubkorn der Sterne. Sollten die Kirchen nicht zeigen, dass es keine Trennung gibt zwischen der Schöpfung der Welt und der Schöpfung des Menschen? Sollten uns die Kirchen nicht zeigen: Die Versöhnung des Menschen mit sich selbst setzt die Versöhnung mit der Natur voraus!

Die Christen an der Basis, die ich immer wieder treffe, sind davon überzeugt: Keine Kirche besitzt die Wahrheit. Aber jede Kirche hat eine Art, sich der Wahrheit zu nähern. Entsteht nicht erst im Dialog, der natürlich die Öffnung für den anderen verlangt, die gemeinsame Wahrheit? Wenn man mit dem Dialog, sogar mit der Debatte, beginnt, muss man wissen: Man nimmt das Risiko auf sich, anders als vorher zu denken. Die Wahrheit bedeutet unterwegs sein, die Wahrheit kann man nicht wie in einem Laden verfügbar vorfinden.
Ich kenne Protestanten und Katholiken, die gemeinsam das Heilige Abendmahl feiern. Es kommt vor, dass ich auch an diesen Feiern teilnehme. Das gemeinsame Abendmahl ist für diese Christen der Ökumene – und natürlich auch für mich – ein starkes Erlebnis. Das Brot des Lebens erweist sich als Brot fürs Unterwegssein. Im gemeinsamen Unterwegssein gehen wir mit diesem Brot der Einheit und der ganzen Wahrheit entgegen”.

Übersetzung anläßlich des Ökumenischen Kirchentages in Berlin 2003

Erinnerung an Erich Fromm. Vor 30 Jahren gestorben, seine Erkenntnisse leben

Erinnerung an Erich Fromm.
Vor 30 Jahren, am 18. März 1980, ist der Psychoanalytiker und Philosoph Erich Fromm gestorben. Für ihn stand die „Menschlichkeit des Menschen“ im Mittelpunkt seines Arbeitens. Außer Freud und Marx wurde für ihn auch die humanistische Interpretation der jüdischen und der christlichen Tradition wichtig. Auch die Mystik, etwa Meister Eckart, war für ihn entscheidender Impuls. Für ihn ist deutlich: Es gibt eine autoritäre Religion, die der Entfaltung der Menschen im Wege steht. Wer dem autoritär geformten Gewissen folgt, ist von der Angst der Autorität geprägt. Ungehorsam erzeugt dann Schuldgefühle. Wahre Gottesbeziehung ist für Fromm identisch mit Befreiung von autoritären Gottesbildern, gleichzeitig sollte der Mensch sich selbst befreien von egozentrischen Strukturen.
Aus der Fülle der Anregungen Erich Fromms greifen wir nur einen Impuls heraus: Sein Eintreten für die in vielen Religionen und Philosophien empfohlene ethische Regel: die so genannte „Goldene Regel“.

In seinem Buch „Die Kunst des Liebens“ erinnert Erich Fromm daran, dass diese ethische Lebensregel NICHTS zu tun hat mit der im Kapitalismus verwurzelten, rein aufs Handeln und Geschäftemachen bezogenen „Fairness-Regel“, die propagiert: „Sei fair in deinem Tauschgeschäft mit anderen“.
Fromm schreibt:
„Die Goldene Regel ist nur eine andere Formulierung des biblischen Gebotes der Nächstenliebe und der Selbstliebe und der Gottesliebe. Seinen Nächsten lieben heißt, sich für ihn verantwortlich fühlen und mit ihm eines fühlen. Die Fairness Regel besagt nur, dass man die Rechte seines Nächsten (äußerlich) respektiert, nicht aber, dass man den Nächsten liebt. Es gibt einen Unterschied zwischen Fairness und Liebe. (S. 130, Kunst des Liebens)

Schon in dem Buch „Psychoanalyse und Ethik“ (1947) greift Erich Fromm einen nicht weniger wichtigen Gedanken zur „Goldenen Regel“ auf:
„Alles, was wir einem anderen antun, es mag gut oder böse sein, tun auch wir uns selbst an. Man kann also sagen: Was du anderen antust, das tust du dir selber an. In irgendeinem menschlichen Wesen die Kräfte zu verletzen, die auf das Leben gerichtet sind, schlägt unfehlbar auf uns selbst zurück. Unser eigenes Wachstum, unser Glück, beruhen auf der Achtung vor diesen Kräften. Und es ist nicht möglich, sie in anderen zu verletzen und zugleich selber unberührt bleiben. Die Achtung vor dem Leben, dem fremden wie dem eigenen, gehört zum Lebensvollzug selbst und ist eine Bedingung für die psychische Gesundheit“ (s. 226)

PS: Siehe auch im Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon zu Erich Fromm in dem Beitrag: “Wider die Macht der Gewohnheit”.

Die “goldene Regel”. Impulse zur Meditation

Wie hilfreich im Alltag ist die “goldene Regel“ ?

„Was du nicht willst, dass man es dir (an)tut, das füg auch keinem anderen zu“.
Konfuzius:
„Was du selbst nicht wünschst, das tu auch nicht anderen Menschen an“.

Kant:
„Handle so, dass du die Menschheit, sowohl in deiner Person als auch in der Person eines jeden anderen jederzeit zugleich als Zweck, niemals bloß als Mittel brauchst“. (Grundlegung der Metaphysik der Sitten)

Der englische Arzt Thomas Sydenham:
„Niemand ist anders von mir behandelt worden, als ich behandelt sein möchte, wenn ich dieselbe Krankheit bekäme“.

Die goldene Regel ist ein Prinzip eines gemeinsamen Menschheitsethos.

Was hilft die goldene Regel für die Gestaltung der Bioethik, der Sexualethik, der Wirtschafts- und Staatsethik?

Warum halten sich offenbar so wenige Menschen an die „Goldene Regel“? Denn dann sehe die Welt wohl besser aus. Welche praktische Kraft hat eine Ethik der Freiheit? Haben wir dazu eine Alternative?

Hans Küng nennt vier weitere ethische Imperative, die sich nicht nur in der Bibel (Zehn Gebote) und im Koran, sondern auch in Texten des Yoga, im Buddhismus und in chinesischen Traditionen finden:
-Nicht morden
-Nicht stehlen
-Nicht lügen
-Nicht die Sexualität missbrauchen
„Dieses Urethos liegt an der Basis eines Weltethos“ (H. Küng)

Auf dieser Basis werden auch politische und soziale Verhältnisse erreicht:
– Verantwortung für eine Kultur der Gewaltlosigkeit und der Ehrfurcht vor allem Leben: Beachte: Nicht töten
– Verantwortung für eine Kultur der Solidarität und einer gerechten Wirtschaftsordnung: Beachte: Nicht stehlen
– Verantwortung für eine Kultur der Toleranz und der Wahrhaftigkeit: Beachte: Nicht lügen
– Verantwortung für eine Kultur der Gleichberechtigung und der Partnerschaft von Männern und Frauen: beachte: Die Sexualität nicht missbrauchen.
„Gut ist für den Menschen, was ihm hilft, wahrhaft Mensch zu sein“ H. Küng).

www.weltethos.org

Zwei Zitate aua der buddhistischen Tradition:

Wie ich bin, so sind auch diese;
Wie diese sind, so bin auch ich.
Wenn so dem anderen er sich gleichsetzt,
Mag er nicht töten oder töten lassen”
(Sutta Nipata, Nalaka)

“Auf mich selbst achtend, achte ich auf den anderen,
Auf den anderen achtend, achte ich auf mich selbst:”
(Satipatthana Amyutta. Nr. 19)

Gleichgültigkeit – ein Laster oder auch eine Tugend?

“Mir doch egal. Über die Gleichgültigkeit”,
Von Christian Modehn, 2010.

In der griechischen Philosophie, die ja niemals eine bloß akademische Angelegenheit von Theoretikern war, sondern immer eine Schule des „guten Lebens“, spielt die Gleichgültigkeit als eingeübte Lebenshaltung eine herausragende Rolle, nicht nur bei den Skeptikern, vor allem auch in der Schule der Stoa.
Diese „Stoiker“ haben die bis heute respektierte Lehre eines gleichgültigen Lebens vorangebracht. Der Philosoph Epiktet (55 bis 135 n. Chr.) musste erleben, wie die griechischen Stadtstaaten zerfielen, wie der vertraute Lebensraum der Demokratie längst verschwunden war. Da blieb dem einzelnen als Ausweg nur die „Selbsterziehung“, um zum inneren Glück zu finden. Wer die Seele wichtiger findet als das irdische Wohlergehen, wird “gleichgültig”: Es ist für ihn egal, ob er nun lebt oder stirbt, ob er gesund ist oder krank. Es ist „letztlich“ egal, ob er sich vergnügt oder leidet, ob er schön oder hässlich ist. Alle diese Lebensumstände sind von der göttlichen Vernunft ohnehin vorgegeben. Der Mensch muss dieses göttliche Prinzip annehmen, wie es ist.
So wird alles Weltliche relativiert, es gibt keine Auseinandersetzungen mehr um dieses oder jenes schöne Gut oder um dieses oder jenes Vergnügen. Die Zerstreutheit des Lebens, das innere Zerrissensein, kann in einem gleichgültigen Lebensstil überwunden werden, weil alle Dinge dieser Welt für den Stoiker von gleichem Wert sind. Nur eine Sache ist jeder Gleichgültigkeit enthoben, und darin liegt der besondere Beitrag der Stoa:

Das moralische Bewusstsein eines jeden Menschen ist absolut wertvoll. Gutes tun ist oberstes Gebot. Ein gewisser Spielraum der Freiheit bleibt also erhalten, auch wenn der Logos, die göttliche Vernunft in ihrer Vorsehung alles bestimmt. Es gilt das Gute zu tun, auch wenn man nicht weiß, ob das Handeln tatsächlich erfolgreich ist. Ist alles Tun ein Missgeschick, so muss es gelassen angenommen werden. Die göttliche Vernunft, die alles durchwirkt, wird es schon richten. Nur so stellt sich die „Ruhe der Seele“ ein, das Lebensziel.

Aber die Seelenruhe ist keineswegs ein passives Erdulden aller nur möglichen Lebensumstände. Philosophen aus der Schule der Stoa schalteten sich in die Politik ein, um die Korruption zu bekämpfen, auch wenn sie wussten, wie selten konstruktive Verbesserungen der politische Lage gelingen. Trotzdem setzten sich Philosophen der Stoa für politische und soziale Reformen ein. Der Stoiker Epiktet versuchte schon das System der Sklaverei zu sprengen, als er an die Brüderlichkeit aller Menschen appellierte. Und der Philosoph Sphairos versuchte, die Könige von Sparta, Agis und Cleomene zu einer Vernunft geleiteten Politik zu motivieren. „Die Philosophen haben niemals die Hoffnung aufgegeben, ihre Gesellschaft zu verändern, und sei es nur durch das Vorbild ihres Lebens“, schreibt der in Paris lebende Philosoph Pierre Hadot.

Die Gleichgültigkeit konnte in der Stoa als Tugend nur gepriesen werden, weil sich die Menschen letztlich von einem alles umfassenden göttlichen Sinn, dem Logos, getragen wussten.

Was bedeutet heutigen Menschen die Pflege der Gleichgültigkeit im Sinne der Stoa? Gleichgültigkeit kann nicht dazu führen, sich wie einst die Eremiten aus dieser Welt völlig zurückzuziehen. Gleichgültigkeit meint nicht, immer und überall still zu halten oder gar wieder die politisch belastete Parole „Ruhe ist die erste Bürgerpflicht“ zu propagieren. Das heute gängige Prädikat „stoisch“ trifft die wahre Stoa ganz und gar nicht! Wer sich in der Gleichgültigkeit übt, wird zum ständigen Nachdenken aufgefordert: Was ist wichtig für mein eigenes und einmaliges menschliches Leben und die Gesundheit meiner Seele? Woran binde ich mich und was ist mir egal? Die Stoiker waren radikal: Nur im Tun des Guten findet der Mensch sein Glück. Alles andere ist gleich – gültig! Und diese Haltung bedeutet heute, aktiv die Unkultur der permanenten Ruhelosigkeit zu überwinden, Widerstand zu leisten gegen alle Propaganda, die uns angesichts der wirtschaftlichen Krisen auch seelisch beunruhigen und erschüttern will. Warum kann denn nicht weniger auch mehr sein, fragen die Stoiker? Warum kann der Verlust an Gütern nicht ein Gewinn ganz anderer Art sein?

Philosophen können nur Vorschläge machen. In der Meditation, dem Innehalten, kann sich der tragende Lebensgrund zeigen. Nur in Verbindung mit ihm kann ein „gleichgültiger Lebensstil“ praktiziert werden.

Dies ist eine Kurzfassung eines Textes in PUBLIK Forum EXTRA, Thema “Mir doch egal”. Publik Forum, 61410 Oberursel. www.publik-forum.de

Humanistischer Islam. Menschenrechte sind wichtiger als die religiösen Gesetze

Für einen humanistischen Islam
Wenn Menschenrechte wichtiger sind als Gottes Gebote

Von Christian Modehn
Diesem Beitrag liegt eine Ra­dio­sen­dung für den NDR zugrunde.

„Ich habe persönlich nichts gegen den Koran. Ich bin damit aufgewachsen. Ich hab wohl etwas dagegen, dass man mit diesem Buch oder im Namen dieses Buches Menschen unterdrückt“.
Hamed Abdel – Samad weiß genau, wovon er spricht: 1972 in einem Dorf in Ägypten geboren, lernte er schon als Kind große Teile des Korans auswendig, eine Ehrensache für den Sohn eines Imams. Aber „Allah, der Barmherzige“, stand dem Knaben nicht bei, als Männer über ihn herfielen und vergewaltigen. Anzeige zu erstatten war unmöglich in einer Kultur, die jegliches Sprechen über Sexualität als ein Tabu betrachtet. Der Alltag war von Gewalt bestimmt: Der Hausvater durfte die „eigenwillige“ Mutter verprügeln und die Kinder „selbstverständlich“ auch. Mädchen mussten die Genitalverstümmelung über sich ergehen lassen, weil die Gebote des Korans es angeblich so verlangten. Erst in Europa hat sich Abdel – Samad aus der religiösen Unterdrückung befreien können. „Mein Abschied vom Himmel“ heißt sein neues Buch. Es ist ein Plädoyer für einen aufgeklärten, einen menschenfreundlichen Islam:
„Keine Kultur kann sich entwickeln, ohne sich anderen Kulturen gegenüber zu öffnen. So ging es allen Kulturen der Moderne, sie mussten sich dem Westen öffnen. Und nicht nur die Instrumente der Moderne, sondern auch den Geist der Moderne ausleihen. Das bedeutet Individualismus, Einhaltung der Menschenrechte, Selbstkritik“.
Seit 13 Jahren lebt Hamed Abdel – Samad in Deutschland. Hier hat er die demokratische Kultur des Westens schätzen gelernt, in München arbeitet er inzwischen als Politologe und Islamforscher. Sein arabischer Name bedeutet: „Dankbarer Sklave Gottes“. Dieser Bezeichnung will er heute nicht mehr entsprechen. Hamed Abdel – Samad schreibt in seinem Buch:
„Ich nahm Abschied von einem Glauben, der Andersdenkende und Andersgläubige schikaniert und die eigenen Anhänger in die Isolation treibt, so dass sie keine Antworten mehr auf das Weltgeschehen finden außer Wut und Verschwörungstheorien. Dieser Glaube macht die Menschen entweder passiv oder explosiv“.
Diese lebensfeindliche Alternative gilt es zu überwinden in einer radikalen Erneuerung des Islams:
„Ich würde es mir wünschen, dass mehr muslimische Intellektuelle in Europa sich für diese Reformen einsetzen. Ich sehe aber, dass viele von ihnen mit sich selbst beschäftigt sind, mit der bedingungslosen Verteidigung des Islam. Das hilft niemandem, das hilft Muslimen nicht, das hilft Europäern nicht. Wir haben hier eine privilegierte Situation, dass man in Freiheit lebt, dass man schreiben und sagen kann, was man will. Und statt sich für Reformen in der islamischen Welt einzusetzen, sind viele leider Gottes damit beschäftigt, das Islam Image aufzupolieren“.
Im deutschsprachigen Raum ist der Kreis der Reformer des Islams nicht sehr groß. Nur einige Intellektuelle treten in öffentlichen Debatten hervor. Die so genannte Basis, die „normalen Frommen“ und die Besucher von Moscheen, äußern sich kaum über die Qualität muslimischer Theologie. In der Schweiz allerdings gibt es seit 5 Jahren eine Art Bürgerbewegung für einen humanistischen Islam. Saida Keller – Messahli, in Tunesien geboren, hätte eigentlich in ihrer neuen Heimat, in Zürich, genug zu tun als Lehrerin für Romanistik. Aber sie wollte praktisch beweisen, dass es auch einen anderen, einen progressiven Islam geben kann.
„Mir wurde einfach klar, dass ich immer Unbehagen hatte, wenn ich Vertreter von islamischen Organisationen in der Schweiz hörte im Namen aller Muslime sprechen. Das hat mich unheimlich gestört. Weil die haben auch über mich gesprochen, für mich, und ich wollte das einfach nicht mehr. Und dann hab ich mir gesagt: jetzt mach du auch etwas, du kannst nicht nur klagen“,
Und so gründete Saida Keller Messahli das „Forum progressiver Islam“: In dem Gesprächskreis treffen sich Muslime, die den Glauben an Allah mit der demokratischen Kultur versöhnen wollen:
„Ich hatte diese Idee, dieses Forum zu gründen und hatte sehr viele Schwierigkeiten, Leute davon zu überzeugen. Die Reaktion war sehr ambivalent. Sicher dreiviertel der Leute, die ich gefragt, sagten: Wir müssen unbedingt so etwas machen. Aber: Ich würde mich nie getrauen, das zu machen. Also, die Angst vor den organisierten Muslimen! Und als ich merkte, das viele Angst haben, war mir wie zusätzlicher Antrieb, unbedingt das zu machen. Weil ich dachte, das kann es ja nicht sein, dass alle schweigen“.
Inzwischen setzen sich 150 Frauen und Männer in der Schweiz für einen humanistischen Islam ein. Ihnen ist das kritische Studium des Korans besonders wichtig:
„Diese heilige Schrift ist aus dem 7. Jahrhundert, und wir leben im 21. Jahrhundert. Und es kann nicht sein, dass wir die Entwicklung von 1400 Jahren in der Menschheitsgeschichte einfach ignorieren. Das heißt: Wenn diese Vorschrift sagt: Einem Dieb muss man den Arm abhacken, das macht man heute in Saudi Arabien oder in Afghanistan oder in Pakistan, dann sagen wir: Das darf nicht sein: Jeder Mensch ein schützenswertes Menschenrecht auf körperliche Integrität hat. Also ist diese Vorschrift wegzuschaffen. Menschenrechte, demokratische Regeln und internationales Recht sollen höher gewertet sein und stehen höher als jede religiöse Vorschrift“.
Die Reformvorschläge könnten radikaler kaum sein: Menschenrechte sollen im Islam wichtiger sein als religiöse Gesetze. Und die menschliche Vernunft soll darüber entscheiden, welche religiösen Traditionen heute noch Gültigkeit haben. Nur in dieser Haltung glaubt Saida Keller – Messahli den religiös gefärbten islamischen Extremismus abwehren zu können:
„Der Missbrauch dieser heiligen Schrift ist enorm. Wer ist schon demokratisch an die Macht gekommen? Niemand. Jedes Staatsoberhaupt legitimiert seine Macht durch Gott“.
Die Reform – Muslima erinnert sich bei aller Kritik gern an die Traditionen eines menschenfreundlichen islamischen Glaubens.
„Meine Eltern konnten weder lesen noch schreiben. Und dennoch: Ich vermisse ihre Haltung zur Religion so stark wie nie. Sie haben den Islam so humorvoll gelebt. Mein Vater trank sehr gern Wein z.B. Und wenn ihm einer wagte zu sagen, warum trinkst du? Dann sagte er: Hör mal zu: Glaube hat gar nichts damit zu tun, was ich in meinem Glas habe. Belästige mich nicht mehr. Mein Vater war Bauer, meine Mutter Hausfrau, und haben für sich die Haltung entwickelt, dass man die Großzügigkeit haben muss zu akzeptieren, dass ein anderer Religion anders macht“.
…und eben auch andere Kleider trägt als seine Nachbarin:
„Mein Problem ist, dass jene Frauen, die die Burka tragen, mich diskriminieren. Und das kann ich nicht akzeptieren, Wenn sie das einfach für sich machen würden. Das Problem ist, dass sie das im öffentlichen Raum tun und immer mit dem immanenten Vorwurf gegen alle anderen, die das nicht so machen. Es gibt Kopftuch und Kopftuch. Es gibt Kopftücher, die sind politisch dermaßen aufgeladen, die empfinde ich als Affront. Und es gibt ein Kopftuch, so wie es meine Mutter trägt, wo man die Haare auch sehen darf, das überhaupt nicht politisch aufgeladen ist“.
Aber die politischen Machthaber haben einen totalen Anspruch: Über ihre Kleider Vorschriften wollen sie auch die Sexualität kontrollieren.
„Die ganze Verhüllungsgeschichte, das machen sie, weil sie ein riesiges Problem mit der Sexualität haben im Leben. Und dieses Problem ist so gigantisch, es findet hinter der Kulisse statt und nur nach ganz bestimmten festgelegten Regeln, also vor der Ehe nicht, nach der Ehe nicht. Dadurch haben diese jungen Männer keine Möglichkeit, eine Erfahrung zu machen mit einer Frau, weil die Frau darf auch keine Sexualität aus leben vor der Ehe. Und sehr oft sind die Männer von Natur aus gar nicht homosexuell, sondern sie haben keine andere Wahl, als ihre sexuellen Erfahrungen mit einem Mann zu machen, d.h. sie werden gezwungen, etwas zu machen, was sie gar nicht wollen. Das ist politisch bedingt und auch sozial bedingt“.
Die Reform des Islams kann auf die freie Aussprache über die Sexualität und die Rechte der Frauen niemals verzichten. Manchmal können solche Gespräche auch in der Öffentlichkeit arabischer Länder angestoßen werden. Die Politologin Elham Manea hat das erlebt. Sie stammt aus dem Jemen; auf beinahe wunderbare Weise konnte sie ihr Buch über die „Frauenfrage im Islam“ noch in der muslimischen Welt veröffentlichen:
„Dass ich das gemacht habe auf Arabisch, publiziert in Beirut, aber auch in Jemen, war einfach klar und deutlich meine Meinung betreffend Frauenrechte, Frauensituationen in unserer Gesellschaft klar und deutlich zu sagen.
Es wurde als Skandal betrachtet am Anfang, aber die Tatsache, dass ich das überlebte, hat mir wie einen Schwupps gegeben.
Vor dem 11. Sept. habe ich nichts gesagt. Ich habe einfach geschluckt,
Wenn man nicht dagegen steht, dann macht man mit auch“.
Elham Manea lebt inzwischen in der Schweiz, auch sie ist Mitglied des Forums für einen humanistischen Islam. Die Kritik an einem machtvollen Islam ist für sie selbstverständlich; aber sie legt Wert darauf, nicht mit einer Atheistin, einer „Ex-Muslimin“ verwechselt zu werden.
„Es geht um humanistischen Islam, d.h.in unserer Freiheit unser Leben zu gestalten, wie wir wollen“.
Elham Manea hat ihre Lebensphilosophie in ihrem Buch „Ich will nicht mehr schweigen“ auf den Punkt gebracht:
„Ich bin in erster Linie Humanistin, dann Araberin und an dritter Stelle Muslimin“.
Als Dozentin an der Universität Zürich hat sie den Mut, öffentlich das dringendste Thema zu besprechen, die „Natur“ des Korans, seine Textgestalt.
„Wenn wir eine Reformation wirklich durchsetzen wollen, dann müssen wir auch mit der Natur des Koran umgehen. Es geht um eine menschliche Natur von dem heiligen Text. Die Koranverse wurden von Menschen gesammelt, von Menschen geschrieben“.
Worte, die für die meisten Muslime heute als einen Skandal empfinden. Denn sie werden seit Jahrhunderten von ihren Herrschern belehrt: Der Koran sei eine völlig eigenständige Literaturgattung, sie entziehe sich dem vernünftigem Begreifen des Menschen. Als „ewiges Wort Gottes“ sollte man den Text nicht in den Zusammenhang der Geschichte stellen. Aber gerade davon sind heute humanistische Islamtheologen überzeugt. Weltweit bekannt ist z.B. der Ägypter Nasr Hamid Abu Zaid. Er plädierte schon 1990 in seiner Heimat für eine menschliche Verstehensweise des „Heiligen Buches“. Ihm gelang der Nachweis, dass mehrere Autoren die einzelnen Verse des Korans zu einem Buch zusammengefügt haben. Wegen dieser historisch – kritischen Koranlektüre wurde Abu Zaid als Apostat, als Atheist, verurteilt, er musste nach Holland fliehen. Heute ist er Professor an der Humanistischen Universität von Utrecht:
„Mein Konzept eines humanistischen Islam besteht darin, die wirklich menschlichen Elemente des Korans aufzuzeigen. D.h. wir gehen zum Text zurück und entdecken dabei, was noch bedeutsam ist für unsere heutige moderne Zeit. Dabei kann nur die Vernunft entscheiden, was wirklich Offenbarung Gottes ist. Wir müssen dringend daran weiter arbeiten! Wir müssen diese Fragen weiter pflegen, um gegen die Tabus zu kämpfen“.
Die Autoren des Korans konnten wie alle anderen spirituellen Schriftsteller gar nicht anders, als ihre eigenen begrenzten Traditionen mit allgemein gültigen Weisheitslehren zu vermischen. Historisch Bedingtes muss nun von bleibend Gültigen unterschieden werden. Daran arbeiten die Reformer des Islams heute. Einer von ihnen ist Rachid Benzine, er stammt aus Marokko und lehrt heute als Islamwissenschaftler im französischen Aix en Provence:
„Unsere Dogmen wurden in der Geschichte erarbeitet, sie sind die Ergebnisse der Geschichte, sie sind an einen bestimmten Zeitpunkt gebunden. Es besteht eine enge Verbindung zwischen dem universalen Gedanken des Korans und seiner historischen Sprache. Es muss ein neues Verständnis des Korans entstehen, einen neuen Horizont, in dem sich sein Sinn zeigt, eine neue Hoffnung gerade für Leute, die heute an ihm verzweifeln. Denn im Namen unumstößlicher Wahrheiten hat man Menschen ermordet, die nicht die gleiche Glaubenswahrheit teilen. Wir müssen heute verstehen, dass es keine Religion gibt, die vollständig wahr oder vollständig falsch ist. Wir müssen die Relativität der Glaubenssysteme erkennen. Wenn wir unsere religiösen Texte betrachten, die sich als Wort Gottes verstehen, dann gibt es immer darin angeblich Worte des Lebens, die sich aber in Worte des Todes verwandeln“.
Vorbilder für ihre tolerante Glaubenshaltung finden die Islam Reformer in der weiten Vergangenheit, etwa bei den Sufi Mystikern im Mittelalter, wie z.B. bei Ibn Arabi, der im 12. Jahrhundert in Andalusien lebte und dort schrieb:
„Mein Herz ist bereit zur Aufnahme von jeder religiösen Form. Mein Herz wurde ein Kloster für Mönche, ein Tempel für heidnische Götter und die Kaaba des muslimischen Pilgers, mein Herz wurde ein Platz für die Tafeln der jüdischen Tora und der Lehren des Korans. Ich folge einzig der Religion der Liebe“.
Diese mystischen Traditionen der religiösen Toleranz gingen im Islam nie ganz verloren. Und auch das kritische Forschen ist nie ganz verloren gegangen. Aber Islam – Wissenschaftler riskierten ihr Leben, als sie schon Anfang des 20. Jahrhunderts den Koran als einen literarischen Text interpretierten, wie die Professoren Al-Khuli oder Ahmand Kalafallah in Ägypten.
Die heutigen Reformer des Islams arbeiten eng mit nicht – muslimischen Wissenschaftlern zusammen. Georges Tamer z.B. arbeitet an der Ohio State University. Er ist Christ und stammt aus dem Libanon. In Deutschland hat er Islamwissenschaften studiert. Tamer setzt sich mit fundamentalistischen Strömungen auseinander, die behaupten: Heutige Herrscher in arabischen Staaten müssen Weltliches und Religiöses in einer Hand vereinen. Professor Tamer:
„Nur zu Zeiten des Propheten waren die Belange des Staates und einer religiösen Gemeinschaft in einer Hand. Das ist aber die prophetische Ära im Islam. Der Anspruch, dass man beides in einem haben müsse, ist einfach der Anspruch, die prophetische Ära wieder zu beleben. Und das kann nicht möglich sein, weil man dafür einen Propheten braucht. Und es gibt im Islam die Lehre, dass Mohammed der letzte Prophet ist. Die prophetische Ära ist auch nach gutem islamischen Verständnis schon vorbei. Und nicht wiederholbar“.
Eine fundamentalistische Verschmelzung von weltlicher Herrschaft und religiöser Führung verbietet der Koran, eine Erkenntnis, die für Länder wie den Iran oder Saudi Arabien wie eine Art Kriegserklärung erscheinen muss. Der Staat, so heißt es dort, solle völlig von der Scharia, dem religiösen Gesetz, bestimmt sein. Wie reagieren die Studenten, wenn diese Ideologie zurückgewiesen wird? Professor Tamer:
„Es ist immer beim ersten Mal ein Schock. Aber wenn man intensiver ins Gespräch einsteigt und auf Dauer wirken solche Gespräche einiges. Es hat Auswirkungen auch in muslimischen Gesellschaften. Ich bin davon überzeugt, dass solche Bemühungen ausstrahlen“.
Über das Internet werden diese weltweit verbreitet. Auch das gebildete Publikum in der arabischen Welt verlangt förmlich nach wissenschaftlichen Informationen. Hamded Abdel – Samad musste sein Buch „Abschied vom Himmel“ allerdings offiziell einen „Roman“ nennen, um vor der ägyptischen Zensur bestehen zu können:
„Also ich spreche nicht nur in islamischen Kreisen in Deutschland darüber. Ich spreche in Ägypten und in arabischen Ländern. Ich schreibe auch darüber wöchentlich in einer ägyptischen Zeitung. Und das, was ich hier sage, sage ich in der islamischen Welt. Ich habe auch viel Wert darauf gelegt, dass das Buch zuerst auch in Ägypten erschienen war“.
Mit den Islam Reformern im Westen arbeiten bereits einzelne Wissenschaftler in arabischen Ländern zusammen. Saida Keller Messahli berichtet von einer befreundeten Islam Spezialistin in Nordafrika:
„Die forscht auch über Tabuthemen, und macht das clandestin. D.h. ihre Forschung darf sie nicht gegen außen vertreten. Sie forscht über Apostasie. Das ist ein absolutes Tabu. Wenn jemand von Ihnen erfährt, dass sie sich offiziell von Gott verabschiedet haben, dann riskieren sie ihr Leben. Und sie trifft diese Leute, zuerst anonym, sie schickt ihnen Fragebogen, und spielen sich sehr viele Tragödien ab in diesem Sinn“.
Die Vertreter des humanistischen Islams sind vor allem Kritiker ihrer Religion. Aber sie fühlen sich als Demokraten immer auch den Menschenrechten verpflichtet und damit der Religionsfreiheit. Darum erheben sie nach wie vor ihre Stimme, etwa gegen den Baustopp von Minaretten etwa in der Schweiz:
„Man kann nicht den Bau eines Minaretts in der Verfassung verbieten. Religionsfreiheit heißt nicht nur, seine Religion frei wählen zu können, es heißt auch, seine Religion praktizieren u können.
Ich hab sehr viel auszusetzen an islamischen Organisationen in der Schweiz, das ich tu ich regelmäßig. Aber man kann nicht ein Menschenrecht beschneiden mit der Begründung von Ehrenmorden oder was auch immer .Sie verhindern keine Ehrenmorde, wenn sie einen Turm verbieten“.
Wieder den Sinn für Nuancen entwickeln und Pauschalurteile zurückweisen: Elham Manea widerspricht in ihrem Buch „Ich will nicht mehr schweigen“ z. B. dem beliebten Klischee, „die“ Terroristen aus der arabischen Welt seien nur „islamisch“ geprägt:
„Die Menschen, die diese Gräueltaten begingen, benutzten den Islam als Rechtfertigung für ihr Handeln. Aber die Verwendung des Adjektivs „islamisch“ trägt nicht dazu bei, den Feind greifbarer zu machen. Sie fördert lediglich seine Obskurität, was das Angstgefühl noch verstärkte“.
Denn die Terroristen sind vor aller religiösen Identität zuerst Mörder und Verbrecher, Menschen, die auf diese Weise ihre Frustration über die eigenen korrupten Herrscher oder die „westliche Dekadenz“ „abarbeiten“ wollen. …Angesichts dieser Verhältnisse erwarten die Reformer keinen unmittelbaren Erfolg ihrer Arbeit, betont Elham Manea:
„Ich werde nicht versuchen, die Generationen, die jetzt hier leben, zu ändern. Ich versuche eher die Jungen, die in die Schule gehen, zu ändern. Es ist wichtig, dass wir mit dieser Generation arbeiten, dass wir ihnen eine Alternative bieten.
Es gibt es die andere, die offen sind, die sind bereit, einen anderen Weg zu haben“.
Die Reformer des Islam sind nicht bereit, Demokratie und Menschenrechte nur als begrenzten Ausdruck ausschließlich westlicher Werte anzusehen. Sie sind überzeugt: Demokratie und Menschenrechte sind von universaler Bedeutung für alle Menschen, selbst wenn sie in einer bestimmten Tradition Europas entstanden sind. Und den Glauben des einzelnen in die Privatsphäre zu setzen, ist nicht bloß für Europäer oder Christen gültig: Saida Keller Messahli:
„Die Glaubensfrage ist eigentlich die intimste Frage, die man jemandem stellen kann. Es ist immer ein Missverständnis zu meinen, das Intimste sei der Körper. Das ist ein absolutes Missverständnis. Das Intimste ist die Glaubensfrage, d.h. jene Frage, die ein Mensch zuinnerst mit sich herumträgt, und diese Frage muss ich ja niemandem beantworten. Es ist mein Recht, diese Frage für mich zu behalten, nicht so dogmatisch zu glauben wie von mir erwartet wird. Ja, ich nehme mir diese Freiheit“.
Der Humanistische Islam wird Zukunft haben, weil sich die Muslime nicht mehr davon abbringen lassen, ihren eigenen, individuell gefärbten Glauben zu pflegen: Elham Manea:
„Ich glaube an Gott, ich glaube nicht an einen Text, ich glaube nicht an ein Buch. Ich glaube an Gott. Und es bleibt diese spirituelle Beziehung, trotz aller meiner Zweifel, aller meiner Rationalität bis heute. Religion lebt noch, aber in verschiedenen Formen privater Sphäre, man sieht einfach das nicht, das ist alles“.
In der „privaten“ Welt lebt die Religion, und dort bildet sich auch eine neue Spiritualität. Islam Reformer wie Hamded Abdel Samad stellen sich die Frage: Wie kann in dieser individualistischen Frömmigkeit Gott beschrieben werden?
„Das, was jeder für sich selber entdeckt, und nicht irgendjemand von oben, der das diktiert. Nicht der Patriarch, der über alles herrscht. Kein Gott, der nur diktiert, aber niemals verhandelt“.
Hamed Abdel – Samad hat sich von einem feudalistischen, wenn nicht diktatorischen Gottesbild befreit zugunsten eines Gottes, der als „oberster Garant der Demokratie“! verehrt werden kann. Dass diese Überzeugung keine neue ideologische Verblendung ist, steht außer Frage: Denn Gott, der Barmherzige, kann nur als Menschenfreund verehrt werden, wenn er tatsächlich in gleicher Weise aller Menschen Freund ist, vor allem der Unterdrückten. Aber diese Überzeugung heute öffentlich zu äußern, ist lebensgefährlich: In seinem Buch „Mein Abschied vom Himmel“ schreibt Hamed Abdel Samad:
„Vor dreizehn Jahren verließ ich Ägypten mit der Hoffnung, in Freiheit leben zu können. Nun bin ich sogar mitten in Europa auf Polizeischutz angewiesen, weil ich von meinem Recht auf freie Meinung Gebrauch mache. Ich bin lediglich Teil eines Konfliktes zwischen Absolutismus und Ambivalenz, Dogma und Vernunft, Monokultur und Vielfalt. Dieser Konflikt beschränkt sich allerdings nicht auf den Islam“.

Literatur:
Hamed Abdel – Samad, Mein Abschied vom Himmel. Fackelträger Verlag, Köln, 2009, 312 Seiten, 19.50 Euro.

Elham Manea, Ich will nicht mehr schweigen. Herder Verlag 2009, 200 Seiten. 17,95 Euro.

Nasr Hamid Abu Zaid, Gottes Menschenwort. Für ein humanistisches Verständnis des Koran. Herder verlag 2008, 235 Seiten. 15 Euro.

Ein Katholik wird ungläubig. Reinhold Schneiders Aktualität

„Zweifel und Unglaube gehören in die Kirche“
Zur Aktualität Reinhold Schneiders

Hinweise von Christian Modehn

(Dieser Beitrag bezieht sich nur auf die religiöse Krise, die Reinhold Schneider in Wien erlebte. Es wäre gleichermaßen wichtig zu dokumentieren, in welcher Weise der offizielle Katholizismus nach 1945 Reinhold Schneider ausgrenzte: Einst als konservativer katholischer Autor gerühmt, wurde er nach 1945 wegen seines friedenspolitischen Engagements diffamiert. Daran hat z.B. mehrfach Heinrich Böll erinnert, etwa in seinem Nachwort zu Carl Amerys Buch “Die Kapitulation. Oder deutscher Katholizismus heute” , 1963).

1.

Über das Gegeneinander von Glauben und Unglauben, Religion und Atheismus, wird wieder weltweit gestritten. Spirituelle, religiöse Menschen stehen den Verteidigern eines gottlosen Diesseits ziemlich unversöhnt gegenüber. Ein katholischer Dichter könnte die verhärteten Fronten etwas „auflockern“: Der inzwischen fast vergessene Reinhold Schneider (1903 bis 1958) bleibt gerade zu dem Thema „modern“ und zeitgemäß.

2.

„Das Antlitz Gottes hat sich für mich ganz verdunkelt. Es ist die schreckliche Maske des Zerschmeißenden, des Kelter-Treters“. So beschreibt der katholische Dichter Reinhold Schneider gegen Ende seines Lebens seine Beziehung zu Gott. Von Glaubensgewissheit oder Hoffnung auf ein ewiges Leben ist keine Rede. Bei einem Aufenthalt in Wien, im Winter 1957 – 58, hat er Tagebuch geführt und in radikaler Wahrhaftigkeit nur das notiert, was er wirklich noch glauben kann, was für ihn noch „wirklich“ ist. „Ich weiß, dass Christus auferstanden ist. Aber meine Lebenskraft ist so sehr gesunken, dass sie über das Grab nicht hinauszugreifen vermag“.
Reinhold Schneider, 1903 in Baden-Baden geboren, viel beachteter Autor zahlreicher Romane, Novellen und Erzählungen, hat sich in Wien entschlossen, seine innerste Wahrheit, seinen Glauben am Rande des Unglaubens, darzustellen, ungeschützt und ohne jede Rücksicht auf kirchliche Autoritäten. Er nennt seine spirituelle Entwicklung einen „inneren Unfall“, spricht von einem „Hinausgleiten“ aus dem traditionellen Glauben der Kirche. Seine Tagebuch Notizen wurden 1958 unter dem Titel „Winter in Wien“ veröffentlicht, nur wenige Tage vor seinem Tod hat er das Manuskript dem Herder Verlag übergeben.

3.

Reinhold Schneider hatte Wien besucht, um mit der Sensibilität eines Gott- Suchers den „Geist dieser Stadt“ zu erfahren. Er spürte der Größe und den Verirrungen des österreichischen Imperiums nach, ließ die monumentalen Kirchen und Klöster in ihrer kalten Pracht auf sich wirken. Trost für seine Seele oder gar Hoffnung auf Besserung seiner angeschlagenen Gesundheit findet er in einer dogmatisch geschlossenen Glaubenswelt nicht: „Christus ist für mich nicht der allmächtige Ordner der Welt. Die Beweise Gottes helfen nichts. Werden denn die Gläubigen noch innerlich bewegt, wenn gezeigt wird: Gott kann auch noch auf krummen Zeilen gerade schreiben?“
Reinhold Schneider, der vielseitig gebildete Autor, bezieht sich im Wiener Winter auch auf die Natur, lässt den wilden Kampf ums Überleben in der Tierwelt auf sich wirken: Er findet das ewig wiederkehrende Naturgeschehen von Fressen und Gefressenwerden auch in dem zerstörerischen Wahn kriegerischer Auseinandersetzungen wieder. Die Fratze des Sinnlosen starrt ihm überall entgegen. Und er hat als gläubiger Katholik den Mut, von der Ohnmacht Gottes zu sprechen: „Wie viele Fesseln hat Gott nicht abgenommen. Wie viele schauerliche Verliese schloss er nicht auf. Gott ist da, aber nur mit unbedeckten Wunden“.

4.

Gott wird nur noch als der mit der Schöpfung Leidende, als der machtlose Gott erlebt. Der Widerspruch zur offiziellen Lehre ist eindeutig, kein Wort mehr von dem Gott, „der alles so herrlich regieret“. Dieses Kirchenlied („Lobe den Herren“) erscheint ihm geradezu lächerlich. Wie kann man so etwas noch ernsthaft singen? Dabei galt Reinhold Schneider Jahre lang als Vorbild, als Inbegriff eines christlichen Dichters: Während des Zweiten Weltkrieges hatte er zahllosen Menschen spirituell beigestanden, als „dichtender Sanitäter“, wie er sagte: Mehr als 30.000 Briefe Reinhold Schneiders in die Lazarette und Lager, in die Gefängnisse und Bunker sind erhalten: Sie sind Zeugnisse eines Glaubens, der inmitten der totalen Vernichtung vor einer abgründigen Verzweiflung bewahren und Mut zum Überleben machen wollen. Die Geschwister Scholl waren begeisterte Leser seiner Publikationen. Erst zu Beginn der dreißiger Jahre hat sich der Schriftsteller Reinhold Schneider, 1903 in Baden- Baden geboren, zum katholischen Glauben bekehrt: Seine zahlreichen Bücher und Studien sind jedoch kein Seelentrost, keine Verkündigung, sondern Analyse machtpolitischer Verhältnisse, etwa das viel beachtete Werk „Las Casas vor Karl V.“ Es handelt von der Vernichtung der indianischen Völker durch die spanischen katholischen Kolonisten. Aber mit dem so genannten Wiederaufbau Deutschlands nach 1945 kommen Reinhold Schneiders immer mehr Zweifel an der Wirkkraft des Religiösen: Die Wiederbewaffnung Deutschlands in der Adenauer Zeit können Gläubige nicht verhindern, so werden kriegerische Ambitionen wieder wahrscheinlich. Schneider leidet darunter, dass die meisten Theologen die Katastrophen der Nazizeit verdrängen. Deren Publikationen nennt er nichts als Narkose, Betäubung. Die überlieferten Lehren der christlichen Kirchen erscheinen ihm wie kraftlose Floskeln. Die offizielle Glaubenslehre, auch die Theologie, wird für ihn zur Indoktrination, zur Weltanschauung und Ideologie. Entsprechend ablehnend waren den auch die Reaktionen der Mächtige in Staat und Kirche.

5.

Aber in dieser kritischen Distanz zum Überlieferten machte er sich auf, will Wien „von Innen her kennenlernen“, offenbar möchte er zu einer letzten radikalen Ehrlichkeit sich selbst gegenüber finden. Dabei verschweigt er nicht sein seelisches Leiden, den Kampf gegen die Depressionen. Aber er meint: Depressive Menschen haben religiös etwas zu sagen, sie können z.B. von einem banalen Jubel-Katholizismus befreien. Am Ende seines Wiener Winters gibt er offen zu, am Rande Unglaubens zu leben. Er fühlt sich den Skeptikern, den Zweifelnden, den Atheisten tief verbunden. Aber er hat noch die Kraft, sich in leere kleine Kirchen zu setzen und den fernen Gott anzusprechen im Gebet, in einer Art Poesie, die sich wie in eine Leere hinein artikuliert. Reinhold Schneider hat seiner Kirche einschärfen wollen: „Es muss einen Platz für den Unglauben und den Zweifel in der Kirche geben“. In Reinhold Schneiders autobiografischer Theologie können sich heute religiöse und vielleicht auch atheistische Menschen wieder finden. Denn ihnen wird sozusagen eine gemeinsame Gesprächsebene vorgeschlagen: Das Zerbrechen der Gottesbilder, das Warten auf Neues. Wichtig bleibt das Annehmen der Leere, vielleicht sogar des Nichts.

6.

Vergessen wir nicht, welches Leitwort sich Reinhold Schneider für „Winter in Wien“ gewählt hat: „Sterbliche Gedanken soll der Sterbliche hegen. Nicht unsterbliche Gedanken der Sterbliche“.
Epicharmos aus Krastos. (Philosoph, 540 – 460 vor Chr.)

Das Buch in „Winter Wien“ ist nach wie vor wie die meisten anderen Werke Schneiders im Buchhandel erhältlich.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Die Jesusgestalt – zwischen Mythos und Geschichte

Die Jesusgestalt zwischen Mythos und Historie:

Geboren aus der Jungfrau – oder ein uneheliches Kind?

Im Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon befassen wir uns auch mit den Gründergestalten der Weltreligionen. Über Jesus wird in verschiedenen “Sprachspielen”  und literarischen Formen berichtet. Wir haben einmal gefragt: Welche Perspektiven ergeben sich, wenn man z.B. die Berichte von der Geburt Jesu von Nazarteh mythologisch ernst nimmt? Was aber passiert, wenn man die historische und kritische Forschung ernst nimmt?  Da kommt man zu spannenden Einsichten für weitere Diskussionen, die immer auch zu der Frage führen: Wie stark fördern bestimmte kirchliche Strukturen und Hierarchien ein bestimmtes Jesusbild. Welches Interesse haben die Vertreter der Dogmen,  z.B. einseitig und ausdauernd das Bild eines himmlischen Kindes oder göttlichen Erlösers weiter einseitig zu propagieren?

Besonders zur Weihnachtszeit verehren Christen aller Konfessionen Maria als süße Jungfrau und „reine Magd“. Aber auch während des ganzen Jahres, in jedem Gottesdienst am Sonntag, betonen sie im Glaubensbekenntnis:  Jesus Christus sei „geboren aus der Jungfrau Maria“. In den „Bekenntnisschriften der Lutherischen Kirche“  ist seit alters her von der „unversehrten Jungfrau Maria“ die Rede. Katholiken werden in ihrem offiziellen Glaubensbuch, dem Katechismus aus dem Jahr 1993, belehrt:

„Maria ist auch bei der Geburt des menschgewordenen Gottessohnes Jungfrau geblieben. Ihre jungfräuliche Unversehrtheit wurde durch die Geburt Jesu nicht gemindert“.

Bei der Geburt Jesu Christi sollen also auf unerklärliche Weise biologische Gesetzmäßigkeiten außer acht gelassen worden sein. Seit dem 4. Jahrhundert waren Theologen davon überzeugt. Bis heute wird im Vatikan die Lehre des mittelalterlichen Theologen Thomas von Aquin hochgeschätzt, er schreibt:

„Wenn das Wort Gottes Fleisch wird, ist es angemessen, dass der Leib dieses Wortes Gottes, also Christus, aus dem unversehrten Uterus der Jungfrau geboren wird“.

In dieser Sicht hatte Maria auch keine Schmerzen bei der Geburt. Und bei der Empfängnis ihres Sohnes, so glaubte die Tradition, habe sie lediglich die Öffnung eines ihrer Ohren gebraucht. Ein Relief am Nordportal der Würzburger Marienkapelle zeigt dies in aller Deutlichkeit: Dort erreicht ein Schlauch vom himmlisch thronenden Gottvater aus ein Ohr der Jungfrau. Die Gläubigen nennen diese Darstellung „Gottvater mit dem Blasrohr“. Musiker, wie  Marc Antoine Charpentier, haben im 17. Jahrhundert Lieder geschaffen, die ausdrücklich Maria preisen, weil sie „per aurem“, durch das Ohr, ihr Kind empfangen hat:

Das Bild mag ja ganz hübsch sein und einen tieferen Sinn haben, etwa, dass vom gläubigen Hören auf Gott eben eine wunderbare Verbundenheit mit dem heiligen Geist geschieht. Nachdenkliche Christen und kritische Theologen wollen mit dieser befremdlichen Bilderwelt nichts mehr zu tun haben. Der in Basel arbeitende katholische Theologe Xaver Pfister meint:

„Jungfrau gehört nicht zur Glaubensaussage, sondern das ist eine Interpretation, die sich als sehr fragwürdig erweist und damit für uns nicht mehr vollziehbar ist. Es gibt ja Dinge, die man annehmen muss, so unverständlich sie sind,  aber das ist nicht etwas, was in diese Kategorie hineingehört“.

Aber einige Theologen sind überzeugt: Vielleicht lohnt es sich doch, die Bedeutung der biblischen Bilderwelt zu prüfen. In der historisch – kritischen Forschung der vergangenen 200 Jahre haben Bibelwissenschaftler die besondere literarische Gestalt der Weihnachtsbotschaft genau untersucht. Mit der Eigenart dieser Texte beschäftigt sich seit vielen Jahren der evangelische Theologe Pfarrer Michael Göpfert aus München:

„Die Weihnachtsgeschichten sind natürlich keine historischen Berichte im heutigen Sinn. Wir würden heute vielleicht sagen, sie sind religiöse Legenden, Predigten, Legenden auf jeden Fall für den Gemeindegebrauch, für den Glauben, geschrieben. Das ist eine andere literarische Gattung! Und deswegen kann man sie auch nicht behandeln als historische Reportagen. Es ist ja auch keiner dabei gewesen. Aber auch dann, wenn solche Erzählungen Legenden sind, ändert es nichts daran, dass sie einen Wahrheitsgehalt haben“.

Auch für Menschen von heute kann diese an Wundern so reiche Geschichte von der Geburt Jesu wichtige Einsichten mitteilen: Zum Beispiel, dass ein Mensch ganz eng mit Gott verbunden sein kann. Theologen schätzen den Wert dieser „Mythen“:

„Dass ein Mensch wie Maria so in Anspruch genommen ist von dem heiligen Geist, das finde ich so schön, aber das ist Mythologie.

Das ist doch sehr schön mythologische Sprache, dass der Mann ausgeschaltet wird, und dass hier die Frau die Mutter Gottes geworden ist, wie man das in der Tradition gesagt hat. Und dass das ein Bild, ein Mythos, geworden ist für den sehr besonderen Menschen Jesus“, sagt Gijs Dingemans, er war bis zu seiner Emeritierung Professor für protestantische Theologie an der Universität Groningen in den Niederlanden. Kritischer Umgang mit der Bibel ist für ihn selbstverständlich. Dennoch möchte er gerade zu Weihnachten nicht auf die ungewöhnliche Sprache der biblischen Mythen verzichten:

„Ich kann nur über Liebe oder Tod oder Leben mit Mythen, mit mythologischer Sprache, sprechen. Dafür habe ich andere Worte als Naturwissenschaften, da habe ich genaue Begriffe. Aber wenn ich über die letzten Dinge des Lebens rede, dann brauche ich Symbole, Mythen, Poesie, auch Prosa, Mythos ist auch Prosa, das ist Kunstsprache, die wahrscheinlich noch tiefer geht und noch mehr von uns selbst sagt, als die Sprache der Naturwissenschaften“.

Die Verfasser des Neuen Testaments, auch die Autoren des Matthäus – und Lukas – Evangeliums, nahmen am kulturellen Leben ihrer Umgebung teil. Und da waren mythische Erzählungen über die außergewöhnliche Geburt göttlicher Menschen selbstverständlich. Die Göttin Athene beispielsweise wurde aus dem Kopf ihres Vaters Zeus geboren;  im ganzen Mittelmeer Raum gab es ähnliche Berichte. Auch in Ägypten und Persien verkündeten die dortigen Religionen, dass reine Jungfrauen die Götter oder Halbgötter zur Welt brachten. Die Evangelisten bedienten sich der mythischen Erzählungen, um auf diese Weise bei ihren eigenen Lesern das Verständnis für die besondere Gestalt Jesu zu wecken. Daran erinnert der katholische Theologe Josef Imbach aus Basel:

„Da steckt schon Absicht dahinter, Jungfrauengeburt, da wollte man eben die Jungfrau als solche darstellen. Und die theologische Aussage lautet: Indem Gott Jesus seinen Sohn schickt und die Jungfrau ihn zur Welt bringt, macht er einen absoluten Neuanfang“. 

Dieser Mythos vom Zusammenwirken Gottes mit der asexuellen Jungfrau fand in der frühen Kirche eine geradezu enthusiastische Aufnahme. Aus Maria, der schlichten Frau aus Nazareth, wurde die „jungfräuliche Gottesmutter“, weil sie den Gott – Menschen Jesus Christus zur Welt gebracht hatte. So ist Maria mit der göttlichen Wirklichkeit aufs engste verbunden. Schon die ersten Einsiedler und Mönche verehrten die Jungfrau Maria leidenschaftlich. Sie galt ihnen als himmlisches Vorbild, weil auch sie, so glaubte man, die  Sexualität als „schmutzige Befleckung“ verachtete. Der Berliner  Kirchenhistoriker Christoph Marschies schreibt in seinem Buch „Das antike Christentum“:

„Den Unverheirateten empfahl ein Theologe namens Thomas im 3. Jahrhundert, ehelos zu bleiben. Den Verheirateten gab er den Ratschlag, sich dem Ehepartner zu verweigern. Sexuelle Enthaltsamkeit war „besser“.

Auch wenn die Jungfräulichkeit in der katholischen Kirche von heute nicht mehr höher geschätzt wird als die Ehe: Maria wird nach wie vor als die jungfräuliche Gottesmutter am Throne Gottes angerufen, als Hilfe bei Versuchungen aller Art und als Gnadenmittlerin gepriesen.

Die Marienfrömmigkeit hat ihren Ursprung sicher auch in volkstümlichen Weihnachtslegenden. Diese Geschichten wurden immer wieder erzählt, interpretiert ,um Details bereichert….bis die Gottesmutter schließlich zum Mittelpunkt des katholischen Glaubens wurde,  meint der katholische Theologe Josef Imbach :

„Im Christentum hat das eine große Rolle gespielt, weil das Christentum doch eine sehr patriarchalische Religion ist: der strenge Vater, Gott Vater, der straft, der die Vergehen ahndet. Und da flüchtet sich natürlich das Menschenkind vor diesem strengen Vater unter die schützende Schürze der Mutter. Man muss das psychologisch auch sehen“.

Es gibt zweifellos noch immer viele Katholiken, die eine Art innerer Freude oder gar „einen Seelentrost“ erleben, wenn sie zu Weihnachten die Gottesmutter verehren können, die gottnahe Frau, die mit dem Engel sprechen darf. Dieses Bild Marias hat sich in den Jahrhunderten durchgesetzt. Der Mythos vom göttlichen Kind und der wunderbaren Geburt verleiht dem grauen Alltag Glanz und Würde.

ABER: So sehr viele Christen heute die zauberhafte Welt einer Weihnachtsidylle mit Engeln und Schäfchen sowie der knieenden Jungfrau an der Krippe im Stall respektieren: Sie wollen ihr vernünftiges Denken nicht ausschalten, wenn sie Weihnachten feiern. Denn sie wissen, wie sehr das allseits propagierte Bild von der asexuellen Jungfrau und der reinen Gottesmutter missbraucht wurde: Nicht nur die rigide Ablehnung sexueller Lust, vor allem die Abwertung der Frauen im allgemeinen hat hier ihren Ursprung: Die wahre, die gottgefällige Frau konnte nur die Jungfrau sein. Als Alternative gab es in dieser Symbolwelt nur die Hure. Und Männer, die sich als katholische Priester zum Zölibat verpflichteten, wurden zu den innigsten Verehrern der Jungfrau Maria. Das gilt für die meisten großen männlichen Heiligen! Für Augustinus, Bernhard von Clairvaux, Dominikus und so weiter. Denn wer als  Mann asexuell leben musste, fand eben in der asexuellen Jungfrau Maria Stütze und Halt. Die vielen anderen Männer fühlten sich aber degradiert, wenn im Wort von Marias  „unbefleckter Empfängnis“ ihr männlicher Sperma nur als Fleck bzw. als Befleckung letztlich als Schmutz angesehen wurde.

Angesichts der Last einer solchen Tradition ist es vielen Christen heute wichtig, die authentische Mutter Jesu kennen zu lernen, die Maria von Nazareth. Bibelwissenschaftler haben allerdings erkannt, dass das Neue Testament keine umfassende Biografie Marias vorlegt. Nur in wenigen Versen oder einzelnen Begriffen können sie etwas von der Mutter Jesu erfahren. Deswegen untersuchen sie die Bedeutung des Titels „Jungfrau“.  Mit diesem Thema hat sich die Theologieprofessorin in Basel, Luzia Sutter – Rehmann befasst:

„Also ich denke, die neuere Forschung stimmt mir da zu, dass man heute darunter junge Frau, ganz ganz junge Frau verstehen sollte. Also ein zwölfeinhalb jähriges Mädchen, d.h. ein heiratsfähiges junges Mädchen. Natürlich waren die auch im biologischen Sinn Jungfrauen, die jungen Mädchen, die sollten es wenigstens sein. Aber der Begriff meint vor allem ein noch nicht verheiratetes Mädchen, jetzt bereit zum Leben“.

„Jungfrau“ im Sinne der sexuellen Unberührtheit kann Maria also nicht genannt werden. Der Evangelist Matthäus bezieht sich auf einen Text des alttestamentlichen Propheten Jesaja. Er kündigt in einer Weissagung lediglich das außergewöhnliche Leben „einer jungen Frau“ an. Sie werde einst den Retter Immanuel zur Welt bringen. Der Prophet spricht ausdrücklich nicht von einer „Jungfrau“. Als man später die hebräische Bibel ins Griechische übersetzte, wurde aus dieser, natürlich auch sexuell lebendigen jungen Frau,  die asexuelle „Jungfrau“.  Das „Mädchen Maria“ wandelte sich  durch einen Übersetzungsfehler zu einer durch Wunder begnadeten Jungfrau. Die Autoren des Matthäus und Lukas Evangeliums sprechen davon. Sie haben ihre Texte nach dem Jahre 80 geschrieben. Christen, die noch eine Generation vorher lebten, hatten von Maria eine andere Vorstellung: In den frühesten Schriften des Neuen Testaments, den Briefen des Apostels Paulus, ist ausdrücklich nicht von Maria, schon gar nicht von der Jungfrau die Rede, betont der katholische Theologe Josef Imbach:

„Jesus wurde geboren von einer Frau. Das finden wir schon bei Paulus im Galaterbrief: Was sagt er: Geboren von einer Frau. Punkt. Wichtig ist, dass da die Menschheit Jesu betont werden soll. Da ist von Jungfrau nicht die Rede“.

Im ältesten Evangelium, das Markus um das Jahr 70 verfasst hat, wird die Geburt Jesu gar nicht erwähnt. So belanglos erschien sie dem Autor gegenüber dem Leiden, Sterben und Auferstehen Jesu. Auch das jüngste aller 4 Evangelien, das Johannes Evangelium, geschrieben nach dem Jahre 90, bietet keine Weihnachtsgeschichte! Lediglich die Evangelisten Lukas und Matthäus erzählen einige Details zur Geburt Jesu. Bei Matthäus wird Josef als der Verlobte Marias vorgestellt. Er muss erleben, dass seine künftige Ehefrau bereits schwanger ist. Darüber ist er offenbar so irritiert, dass er die Beziehung mit Maria abbrechen will. Luzia Sutter – Rehmann stellt diesen Fall in die Ehegesetze der damaligen Zeit:

„Also eine Verlobte, die schwanger wurde, da gab es zwei Möglichkeiten vom Verlobten: Dann muss er still sein, dann muss er eheliches Recht wahr machen, vollziehen. Oder von einem anderen. Und wenn Josef so reagiert, dann sieht das so aus, dass es nicht von ihm wäre“.

Erst nach einem Traum, durch den Zuspruch eines Engels, lässt sich Josef umstimmen, betont Luzia Sutter – Rehmann:

„Das ist eine ganz schöne Geschichte. Der Engel sagt, steht auf, und nimm deine Braut zu Dir. Und dann tut er das auch. Und ich denke, rein rechtlich ist es wichtig, dass er seine Frau geheiratet hat. Rein vor dem Recht ist Jesus sein Sohn, das ist das, was den Text interessiert“.

Trotz dieser nun „geordneten Verhältnisse“ weiß Josef:  Seine Frau, Maria, bringt ein Kind zur Welt, das nicht von ihm stammt. Sonst hätte der Evangelist Matthäus nicht von einer möglichen Trennung des Paares berichtet. Die Bibelwissenschaftlerin Luzia Sutter Rehmann:

„Das wäre ein Erzählschub, den man nicht freiwillig erfinden würde, wenn er nicht wahr wäre. Der wäre zu problematisch“.

Auch das  älteste Evangelium nach Markus betont, dass Josef nicht der leibliche Vater Jesu sei. Im  6. Kapitel berichtet dieser Evangelist, wie Jesus von seinen Landsleuten in aller Öffentlichkeit  als „der Sohn der Maria“ bezeichnet wird. Diese Aussage ist sensationell: Einen Mann nicht nach dem Vater, sondern nach der Mutter zu benennen, war in der damaligen Kultur Ausdruck für eine uneheliche Herkunft. Nur illegitime Söhne wurden damals nach der Mutter benannt. Darauf weist die Bibelwissenschaftlerin Luzia Sutter Rehberg  hin:

„Da gibt es auch Forschungen von Jane Schaberg, die gezeigt hat, dass es zu Zeit der römischen Besatzung in Palästina sehr gut möglich wäre, sich Maria als, ja sag ich mal, Opfer von Soldaten vorzustellen.

Junge Mädchen wurden da irgendwie schwanger, man weiß nicht von wem. Da waren keine geordneten Verhältnisse, da waren Landbesitzer oder Beamte oder Männer, die sich das junge Mädchen mal vorgeknöpft haben. Die Lebensumstände im 1. Jahrhundert in Palästina waren nicht einfach für junge Mädchen. Das ist sicher“.

Jesus ein uneheliches Kind?

Wenn man diesem Forschungsergebnis folgt: Dann ist Jesus als uneheliches Kind anzusehen, und Josef ist sein Stiefvater. Diese Erkenntnis klingt in den Ohren einiger Christen vielleicht befremdlich. Zu sehr sind sie durch das bürgerlich geprägte glanzvolle Weihnachtsfest an bruchlose Harmonie  gewöhnt. Aber für die Bibelwissenschaftlerin Luzia Sutter Rehberg wird die so „un- bürgerliche“, eher randständige Herkunft Jesu von einem weiteren Bericht aus dem Lukas – Evangelium bestätigt, dem Gebet Marias:

„Da spricht auch noch das Magnificat dafür, wo Maria davon spricht, dass Gott sie angesehen hat in ihrer Erniedrigung. Meistens wird das übersetzt in ihrer Niedrigkeit. Und Niedrigkeit macht so was Bescheidenes aus diesem Mädchen. Aber das Wort tapeinosis vom Griechischen her  bezeichnet eigentlich eine Gewalttat, die jemandem geschieht, die jemanden erniedrigt. Das muss nicht Vergewaltigung sein, es gibt andere Möglichkeiten von Gewalt. Aber sie sagt, in ihrer Erniedrigung hat Gott sie gesehen. Und da denke ich schon, sie hat erlebt, was das Volk erlebt zu dieser Zeit, das hat viel Gewalt erlebt“.

Luzia Sutter Rehberg hat auch als Pastorin und Predigerin beim Schweizer Radio diese Erkenntnisse verbreitet … und durchaus Zustimmung gefunden:

„Das wäre eine feministische Deutung, die auch heute sehr viele Frauen anspricht, die solche Dinge erlebt haben, also Vergewaltigungen z.B. Und denen dann plötzlich die ganze Jungfrau Maria Geschichte unheimlich einfährt, weil sie merken, mein Gott, die hat das erlebt, was ich auch erlebt habe. Das sind Erfahrungen auch von Gemeindegliedern mit eigenen Kindern und eigenen Leben, die plötzlich theologisch zur Sprache kommen können. Und das allein hat schon einen großen Wert. Es geht ja nicht nur um den exegetischen Buchstaben, und  wer hat jetzt recht. Sondern immer auch um die Frage: Wie wirkt das, wie leben wir das menschlich aus“.

Auch die Bedeutung des heiligen Josef wird dann neu interpretiert: Er ist als Stiefvater alles andere als ein Greis, wie er oft dargestellt wird. Der katholische Theologe Daniel Picot leitet in Montréal, Kanada, eine internationales Studienzentrum über den heiligen Josef:

„Seit langer Zeit wurde Joseph als alter Mann vorgestellt, mit einem Bart, ein „armer alter Typ“. Aber wir erleben seit einiger Zeit eine neue Entwicklung, da stellt man sich Josef vor als einen jungen Mann, der sehr verleibt ist in seine junge schöne Frau, der sein Kind liebt. Josef ist dann doch ein glücklicher Mann, väterlich, und dabei normal“.

Die historisch kritische Bibelforschung fördert ungeahnte Perspektiven zum Weihnachtsfest: Maria bringt als wirkliche Mutter ihr Kind Jesus zur Welt; sie rühmt Gott, dass er auf der Seite der Frauen steht. Und Josef überwindet alle Vorurteile und heiratet seine Verlobte „trotz allem“.  So werden beide ein Ehepaar mit Jesus als dem „Erstgeborenen“, wie es im Lukas Evangelium ausdrücklich heißt. Im „Bibelportal“ der angesehenen Deutschen Bibelgesellschaft heißt es kurz und bündig:

„Keiner der neutestamentlichen Texte weist darauf hin, dass Jesu Geburt und Herkunft außergewöhnlich gewesen wären“.

Eine Erkenntnis, die heute von den meisten Theologen geteilt wird. Der französische Theologe und Publizist Jacques Duqenesne schreibt in seinem Buch „Maria“:

„Jesus wird in den Kirchen als wahrer Mensch verehrt. Dann hatte er als Mann eben auch wie alle anderen Männer ein X Chrosom von der Mutter und ein Y Chrosom vom Vater“.

Jesus wuchs also als „ganzer Mann“ bei Maria und Josef auf. Als Ehepaar hatten sie selbstverständlich weitere Kinder. Der Evangelist Markus erwähnt ja namentlich Jakobus und Joses, Judas und Simon. Und er fragt weiter: „ Leben nicht die Schwestern Jesu hier unter uns?“ Und der jüdische Historiker Flavius Josephus erwähnt Jacobus, und nennt ihn ausdrücklich den „Bruder Jesu“. Die Kirchen hatten früher größte Mühe, die leiblichen Geschwister Jesu anzuerkennen. Schließlich geriet dadurch ihr Glaube ins Wanken, Maria sei „auf ewig“ die asexuelle, die reine Jungfrau geblieben. Luzia Sutter – Rehberg hat sich mit diesem Thema befasst:

„Wenn Paulus seine Adressaten Geschwister nennt, dann ist das für alle klar, er meint seine jüdischen Landsleute und nicht biologische Geschwister. Und da könnte man natürlich jetzt auch irgendwie behaupten, auch bei Jesus wären das irgendwelche Verwandte weiterer Art. Das sind dann eben so Dinge, die man strickt, die der Text eigentlich nicht festlegt.

Ich würde jetzt sagen, das waren weitere Geschwister, weil es nicht anders geht. Maria hatte offenbar weitere Kinder. Und weitere Jungfräulichkeit wäre ganz sicher nicht zu haben“.

Maria als die leibhaftige, als biologische Mutter Jesu: Diese Erkenntnis öffnet auch neue Horizonte für Spiritualität und Frömmigkeit.

„Für mich wäre das Wunder des Lebens eher noch größer als eine Verherrlichung einer außergewöhnlichen Geburt. Weil das verletzliche Leben dann im Zentrum steht, das verletzte Leben Marias, vielleicht auch Josefs, als des nicht stolzen Vaters. Der Sohn kommt in ganz arme Verhältnisse hinein zur Welt. Also das würde  uns viel mehr die Türen öffnen für ungewöhnlichen Zwischenfälle im Leben“.

Inzwischen folgen auch männliche Theologen dieser feministisch – theologischen Perspektive, wie der Basler katholische Theologe Xaver Pfister:

„Auf der anderen Seite gibt es sehr interessante Versuche Maria zu verstehen in der feministischen Theologie als einen Mensch, der bereit ist, auf das Leben einzugehen und das Leben anzunehmen und zu gestalten. Von daher ist Maria eine sehr interessante Figur, wenn dieser Aspekt im Vordergrund wäre, wenn sie nicht die Himmelskönig ist, sondern die wahre Frau, ein Modell des Frauseins, dann hat sie eine reale Bedeutung“.

Maria ist eine Frau, die die Unterdrückung selbst kennen lernte und trotz allem die Hoffnung bewahrte: In Lateinamerika ist Maria ein Vorbild des armen Volkes. Die katholische Nonne Barbara Kiener aus München lebte viele Jahre im brasilianischen Staat Goiania in den Slums. Dort hat sie in Basisgemeinden und Sozialprojekten vor allem Frauen unterstützt. Mit ihnen hat sie „alternativ“, nämlich sehr menschlich Weihnachten gefeiert:

„Sie sprechen von Maria der Befreiung. Maria ist für sie so eine Frau, die Hoffnung stärkt, die angepackt hat, die wusste, wann sie Ja und wann sie Nein sagen muss. Die wirklich aufsteht und mit ihnen für Gerechtigkeit eintritt. Das Evangelium  ist nicht nur eine geschmeidige Botschaft, dass Gott uns alle liebt, sondern auch die Botschaft Jesu vom Reich Gottes ist eine Botschaft, die wirklich die ungerechten Machtverhältnisse umkrempelt. Und dafür setzen sich diese Menschen ein.  Maria, die Mutter Jesu, geht in die gleiche Richtung. Sie verkündet in dem Magnificat, dass Gott die Mächtigen vom Thron stürzen wird und dass er die Niedrigen erheben wird, dass er die Hungernden beschenken wird, und dass er die Reichen mit leeren Händen davon schicken wird.  Diese Hoffnung, dass Gerechtigkeit geschieht, einmal Gerechtigkeit kommen wird, das ist die große Hoffnung dieser Frauen und das erleben sie im Kleinen schon jetzt“.

Nicht nur in Lateinamerika, in allen Teilen der Welt beginnen Christen, Weihnachten „anders“ zu feiern: mit weniger „Glanz und Lametta“, dafür aber  zurückhaltend gegenüber der frommen Phantasiewelt mythischer Erzählungen. Diese Christen und Theologen wollen eine Versöhnung schaffen zwischen kritischem Denken und biblischer Botschaft! Darum sind sie interessiert, Jesus als einen „Menschen unter uns“,  zusammen mit seiner Familie,  zu verstehen. Je menschlicher die Jesus Gestalt erscheint, um so größer sei der Gewinn für den Glauben, meint der evangelische Pfarrer Michael Göpfert:

„Jesus ist Mensch und zwar ganzer Mensch, und kein halber Mensch- Und gerade wenn Gott Mensch wird, was der christliche Glaube beinhaltet, dann ist es überhaupt kein Problem anzunehmen, dass er biologisch von leibhaftigen Eltern abstammt. Die Göttlichkeit bedeutet ja gerade, dass in diesem Menschen, der nichts ist als ein Mensch,  Gott sich offenbart und zeigt, dass Gott in diesem Jesu ein menschliches Antlitz annimmt. Wir glauben an Weihnachten die Menschlichkeit Gottes. In einem Menschen wird sie sichtbar, nicht in einem Halbgott!“.

Dieses Manuskript ist wie alle anderen Texte des „Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salons“  urheberrechtlich geschützt. Copyrigtht: Christian Modehn. Berlin.

Buchempfehlungen:

Josef Imbach. Marienverehrung zwischen Glaube und Aberglaube. Patmos Verlag, Düsseldorf, 2008. 253 Seiten, 19,90 EURO.

Christoph Markschies, Das antike Christentum. Becksche Reihe, München, 2006, 271 Seite, 12, 90 Euro.

Jacques Duquesne, Maria. DVA 2005, 272 Seiten. 14, 95 Euro.

Alan Posener, Maria. Rowohlts Monographien, Reinbek bei Hamburg. 2001, 160 Seiten, 8, 50 Euro.