Jeder Mensch lebt seine eigene Philosophie

Philosophieren ist eine kritische Lebensform

Statement am Welttag der Philosophie im AFRIKA HAUS Berlin.

Wir, d.h. mein Freund Hartmut Wiebus und ich, haben vor etwa 4 Jahren in Schöneberg einen Salon gegründet, einen Gesprächs – Kreis. der sich Religionsphilosophischer Salon nennt. Und wir haben seit der Zeit etwa 25 Gesprächsrunden gehabt. Zu diesem vielleicht etwas merkwürdig klingenden Titel Religionsphilosophischer Salon werde ich gleich noch ein Wort sagen.

Vorweg aber ein Wort zu der philosophischen Perspektive, die uns leitet, und die ist nicht „unsere“ im engeren Sinne, sondern sie verdankt sich einer breiten philosophischen Tradition. Und die lässt sich auf den Punkt bringen: Jeder Mensch als ein Wesen, das Geist hat, Verstand und Vernunft, denkt immer schon im Alltag. Jeder Mensch entscheidet sich immer schon im Alltag, entwickelt in dieser Dialektik von Freiheit und Abhängigkeit, etwa schon durch die Herkunft bedingt, sein eigenes Leben, seine Individualität, die man als gesammelte und über die Jahre geformte unausdrücklich und indirekte leibhaftige Philosophie nennen könnte. Da gilt dann bei einem das Naturerlebnis als höchster Wert, bei dem anderen die Solidarität, bei einem die ständige Gesprächsbereitschaft, bei anderen die Lust, andere Länder kennen zu lernen usw. Überall da lebt bereits unausdrücklich Philosophie, man muss sie im Gespräch nur ausdrücklich machen. Da kann dann der einzelne sich viel besser in seinem Lebensentwurf erkennen und dadurch besser leben, wenn er auch die Grenzen seines Lebensentwurfes z.B. erkennt. Das alles klingt sehr gundsätzlich, wir haben diese Fragen diskutiert etwa im Zusammenhang von Achtsamkeit, Glückserfahrungen, Respekt vor den anderen usw.

Was hat das nun alles mit religionsphilosophischen Fragen zu tun? Wir gehen von einer zweiten Vermutung aus, dass jeder Mensch in diesem beschriebenen alltagspraktischen Leben bestimmte oberste oder höchste Prioritäten setzt: Etwa die Selbstbehauptung um jeden Preis oder die Verehrung des (Neo) Kapitalismus als der höchsten und schönsten Wirtschaftsform. Oder die Fürsorge für die eigene Familie, oder die Fürsorge für die Fremden, oder das Geld oder den Sex oder die Kunst usw…In diesen oft unbewusst vorgenommenen Absolutsetzungen lebt unserer Meinung nach, das was man Religion nennt: die oft stillschweigende Absolutsetzung. Kann man darin etwas „Göttliches“ erkennen?

Ich will mich kurz zu einem uns alle sicher auch viele TeilnehmerInnen persönlich bewegenden Thema äußern:

Warum Spiritualität kritisches Denken braucht.

Es ist ja philosophisch heute eine beinahe allgemeine Überzeugung, dass die Säkularisierung der Moderne nicht zu einem Verschwinden des Religiösen, der Religionen und Konfessionen und Spiritualitäten geführt hat. Das war ja eine starke Vermutung in den neunzehnhundert siebziger und achtziger Jahren, dass die immer deutlichere Weltlichkeit der Welt zum definitiven Tod Gottes führt. Die Welt ist Gott sei Dank weltlich geblieben, in einigen europäischen Ländern legt man immer richtigerweise noch wert auf die Autonomie der Welt und damit auf die Trennung des Religiösen vom Weltlichen, aber Gott und die Götter haben sich zurückgemeldet. Je weltlicher die Welt desto stärker der Boom der Spiritualitäten. Im „entchristlichten“ Paris gibt es bereits mehr Wahrsager und Handleser als katholische Priester. Das ist eine Feststellung, keine Bewertung.

Philosophen müssen fragen: Welche Götter sind es, die da ein Come back erleben? Natürlich bleiben die klassischen Götter der christlichen Konfessionen, natürlich muss die Rede sein von Allah im vielfachen Sinne, von der Sufi Mystik bis zu den Fundamentalisten; oder auch von dem letzten Nichts der Buddhisten bis zu absoluten und beinahe heiligen Werten der Humanisten und bis hin zu den Esoterikern, die man vor kurzem noch New Age nannte.

Was hat damit Philosophie zu tun?

Ich gehe davon aus, dass Philosophie in guter aufklärerischer Tradition Glaubenslehren und religiöse oder esoterische Überzeugungen konfrontiert mit den Grundsätzen der allen gemeinsamen, deswegen sagen wir ja, all – gemeinen Vernunft, so wie wir sie in der europäischen Tradition ausgebildet haben. Also Menschenrechte werden mit den praktischen Auswirkungen religiöser Dogmen im Individuum, in der Gesellschaft und im Staat konfrontiert. Jeder kann in seinem stillen Kämmerlein glauben, was er will, etwa im Himmel sei Jahrmarkt, philosophisch interessant wird der private Glaube dann, wenn jemand diesen himmlischen Jahrmarkt hier in unseren Gesellschaften aufziehen will.
Da gibt es genug zu tun, den neuen Göttern auf die Spur zu kommen, die können sich ja auch in den begriffen Geld, Wirtschaftswachstum oder auch Erfolg und Arbeit verstecken. Deswegen nennen wir unseren philosophischen Salon in Schöneberg religionsphilosophisch, weil wir auch diesen versteckten Göttern verstehend, d.h. nicht: akzeptierend, auf die Spur kommen wollen.

Noch kurz eine 2. Überzeugung: Für mich ist Philosophie kein neutrales Handwerkszeug des Denkens, so, als wäre Philosophie eine gute Schere, die vernünftige von unvernünftigen Stoffen trennt. Philosophie ist kein neutrales Instrument, sie ist eine ganzheitliche Lebenshaltung, das sagen die alten, die griechischen Philosophen deutlich, das hat kant gelebt, das hat Heidegger gesagt. Darum gibt es eine Frömmigkeit des Denkens, eine Art philosophischen Innewerdens des Göttlichen im Geist. Dieser philosophische Glaube wie Karl Jaspers sagte, kann durchaus auf klassische und dogmatische Religionen verzichten. Philosophie schenkt Freiheit, wenn sie in Freiheit vollzogen wird. Dieser „philosophische Glaube“ lebt von der sich stets weiter entwickelnden Vernunft. Seine Kennzeichen sind: Empathie, Liebe, Respekt. Dass es da und dort, etwa in Holland, kleine christliche Kirchen gibt, die die lebendige, sich entwickelnde Vernunft und den lebendigen, sich entwickelnden und niemals statischen Glauben verbinden (wie die Remonstranten), soll hier nur erwähnt werden.

Barcelona – Dialog der Religionen

Dialog der Religion in Barcelona

In Katalonien sorgt die Regierung dafür, dass sich alle Religionen frei entfalten können – wenn sie die Staatsgewalt anerkennen
Von Christian Modehn

– angesichts des Besuches des Papstes in Barcelona am 8. 11.2010 dürfte dieser Beitrag von Interesse sein-
Katalonien mit der Hauptstadt Barcelona ist eine besonders ehrgeizige Region in Spanien: Ökonomisch in guter Verfassung, fördert die Landesregierung nicht nur kulturelle Innovationen im Bereich von Literatur und Theater. Sie will auch die Religionen fördern und dafür sorgen, dass sich alle Konfessionen frei und gleichberechtigt entfalten können. Aus diesem Grund hat die sozialistische Regierung vor acht Jahren – einmalig in Europa – das staatliche Büro für religiöse Angelegenheiten geschaffen. Es wird von der Philosophin Montserrat Coll geleitet, die der linken Partei ERC nahesteht. Die ERC setzt sich für einen eigenständigen katalonischen Staat ein.

In Katalonien sind 13 verschiedene Religionen vertreten, darunter Buddhisten und Hindus, Juden und Sikhs, Baha’i und Taoisten sowie einige evangelische und orthodoxe Kirchen. Der Anteil der einst dominierenden Katholiken nimmt kontinuierlich ab. Jeder zehnte Einwohner Barcelonas nennt sich »Atheist«. Bei den lateinamerikanischen Immigranten werden die evangelischen, zum Teil pfingstlerischen Freikirchen immer beliebter.

Alle diese Gemeinschaften will das Amt für religiöse Angelegenheiten beraten und unterstützen, etwa wenn sie Bauland für ihre Kirchen und Tempel benötigen oder Hilfe bei sozialen Projekten erforderlich ist. Doch diese Unterstützung erfolgt nur unter klaren Bedingungen: »In Katalonien haben alle Religionen die Trennung von Politik und Glaube anzuerkennen. Religiöse Vorschriften dürfen niemals staatliches Gesetz werden«, sagt Montserrat Coll.

Diese Forderung ist vor allem auf die muslimischen Gemeinden gemünzt: Die Scharia darf keine Gültigkeit haben. »Allerdings kann sich jeder und jede so kleiden, wie es der eigenen religiösen Tradition entspricht, unter der Bedingung, dass dabei nicht die Freiheit anderer beeinträchtigt wird.« Radikale Tendenzen sollen dadurch unterlaufen werden, dass der Staat sich um die Ausbildung Katalanisch sprechender Imame kümmert. »Die Religionen sollen ihre eigenen Werte einbringen, sie müssen aber das bürgerliche Zusammenleben respektieren und für die Integration ihrer Gläubigen in unserem Land sorgen. Das bedeutet für uns Laizität des Staates«, sagt die 56-jährige Politikerin, die sich selbst als progressive Katholikin bezeichnet.

Erst kürzlich organisierte das Amt für religiöse Angelegenheiten »Tage der offenen Tür« in etwa 100 muslimischen Gebetshäusern. Im Mai 2005 wurde das Katolanische Parlament der Religionen einberufen: 800 Vertreter aller Konfessionen kamen zusammen. Einmal mehr musste die katalonische Öffentlichkeit zur Kenntnis nehmen, dass oft noch verfeindete Religionen durchaus auch partnerschaftlich miteinander umgehen können. Ohne staatlichen Einsatz wäre das nicht möglich gewesen. »Die Tatsache, dass es dieses staatliche Amt für Religionsfragen gibt, ist ein klares Zeichen dafür, dass die sozialistische katalonische Regierung die Notwendigkeit und Bedeutung von Religion in der sogenannten postsäkularen Gesellschaft anerkennt«, meint der deutsch-katalonische Philosoph Alexander Fidora aus Barcelona. »Ich sehe darin eine Chance: Es wird Druck auf die religiösen Gemeinschaften ausgeübt, im politischen Diskurs die eigenen Positionen und religiösen Überzeugungen für alle verständlich darzustellen.«

Da die meisten Religionen ökonomisch und personell zu schwach sind, um auf breiter Ebene den interreligiösen Dialog organisieren zu können, müssen auch konfessionell neutrale Gruppen aktiv werden: So bemüht sich zum Beispiel Unesco CAT (CAT steht für Katalonien) seit 1999 um eine Überwindung des Konfessionalismus und Fundamentalismus an der Basis. »Unsere Vereinigung will durch den interreligiösen Dialog für den sozialen Frieden sorgen. Dabei werden wir von der Landesregierung finanziell unterstützt. Unsere Mitglieder gehören verschiedenen Religionen an«, berichtet der Geschäftsführer des Vereins, der Religionswissenschaftler Francesc Torradeflot. »Evangelische Pfarrer sind dabei und Rabbiner, katholische Priester und Laien sowie buddhistische Mönche. Selbst die Muslime machen mit. Und auch Organisationen der Atheisten nehmen am Dialog teil, es haben sich schon Freundschaften zwischen Atheisten und Christen in unserem Verein gebildet.«

Über diese Erfahrungen wird in der Zeitschrift Dialogal berichtet. Sie wird von Unesco CAT herausgegeben und vom Amt für religiöse Angelegenheit finanziert. Dialogal vertieft aus religionswissenschaftlicher Perspektive die Kenntnisse über die Weltreligionen, berichtet über religiös bedingte Konflikte weltweit, aber auch über interreligiöse Gesprächskreise in den Haftanstalten Kataloniens oder über wissenschaftliche Diskussionen im Kloster Montserrat bei Barcelona.

Am wichtigsten ist die Vereinsarbeit in den Neubauvierteln am Rande der großen Städte. Dort kümmern sich Teams von Pädagogen, Religionswissenschaftlern und Psychologen um den sozialen Frieden. Sie schalten sich ein, wenn es Konflikte gibt, wenn sich arabisch geprägte Jugendliche mit Spaniern prügeln. »Unsere Mediatoren gehen in die sogenannten schwierigen Wohnviertel und besuchen alle religiösen Gruppen des Stadtteils«, berichtet Francesc Torradeflot. Sie arbeiten mit der Stadtverwaltung und den verschiedenen religiösen Gemeinden zusammen.

Inzwischen gibt es ein weltweites Netzwerk »religionswissenschaftlicher Mediatoren in Krisengebieten«. Die Teams der Friedensstifter in Barcelona plädieren dafür, in allen Schulen den Religionskunde-Unterricht einzuführen, der über alle Religionen objektiv informiert. Wer nur den konfessionellen Unterricht erlebe, sei dem religiösen Pluralismus nicht gewachsen, heißt es. Die katalonische Regierung steht dem Projekt sehr positiv gegenüber. Doch die katholischen Bischöfe sind strikt dagegen. Sie berufen sich auf das Konkordat mit dem Vatikan, in dem der konfessionelle Religionsunterricht in Verantwortung der Kirche festgeschrieben ist.

Doch der interreligiöse Dialog kommt auch in der katholischen Kirche voran: Der Kardinal von Barcelona, Luis Martinez Sistach, empfing kürzlich eine Gruppe von Muslimen. Wenige Tage später nahm er sich Zeit, mit dem Dalai Lama zu sprechen. Beide betonten: »Der Dialog kann den Geist eines jeden Gesprächspartners reinigen sowie zum Mitleid mit den Ausgegrenzten führen.«

Für einen modernen Katholizismus

Katholizismus und Moderne verbinden.
Perspektiven von Jacques Gaillot.

Auszüge aus einem Buchbeitrag von Christian Modehn

Klicken Sie zur Lektüre einen aktuellen Link vom Juni 2013 hier

Jacques Gaillot hatte als Bischof von Evreux (1982 bis 1995) zahlreiche Kontakte mit jungen Menschen, auch mit Atheisten, mit Menschen, die durch ihn wieder Interesse an der Kirche fanden. Aber „dieser Hoffnungsträger“ wurde 1995 von Rom abgesetzt. Unverschämt geradezu der Vorwurf seiner vatikanischen Richter: „Gaillot hat sich als Bischof als unfähig erwiesen“. Im Rückblick muss man die Absetzung Bischof Gaillots als Beispiel für die „Selbstzerstörung des Katholizismus“ durch die Kirchenführung selbst interpretieren. Indem sie sich in den alten Mauern einschließt, gibt sie dem lebendigen Leben keine Chance. Ausdruck für den versteinerten Geist und die versteinerte Institution ist das Bemühen Benedikt XVI., die besonders Versteinerten, die in das Uralte verliebt sind und den Antisemitismus verteidigten, die Pius-Brüder, wieder in die römische Kirche „zurückzuholen“. Psychologen sprechen in dem Zusammenhang von der Lust am Morbiden…
Gleichermaßen politisch wie theologisch konservative bzw. reaktionäre Kräfte haben Jacques Gaillot zu Fall gebracht. „10 Jahre wurde Gaillot vom Vatikan beobachtet“, also praktisch seine ganze Zeit als Bischof von Evreux, betonte ganz freimütig einer seiner Richter im Vatikan, Msgr. J. Tauran im Januar 1995 in einem Zeitungsinterview. Danke für die Offenheit! Zu Gaillots heftigsten Widersachern gehörte, um nur ein Beispiel von vielen anderen Beispielen zu nennen, Abt Gérard Calvet vom traditionalistischen Benediktiner Kloster Le Barroux bei Avignon. Ursprünglich eng mit den Lefèbvre Leuten (den „Piusbrüdern“) verbunden sowie den Ideen des rechtsextremen Front National (Le Pen), war es Kardinal Ratzinger gelungen, diese Mönche mit ihrem Abt Calvet wieder an den Papst zu binden…Auf ihn hörte der Vatikan, als man Gaillot zu Fall brachte. Der „Fall Gaillot“ war also immer auch ein „politischer Fall“, wobei sich der Vatikan stets auf der sehr rechten Seite präsentierte…
Die Absetzung Jacques Gaillots als Bischof wurde zu recht schon damals als das symbolische Ende eines um Freiheit und Evangelium bemühten Flügels innerhalb der römischen Kirche wahrgenommen. Historiker werden bei noch größerem zeitlichen Abstand feststellen: Jacques Gaillot war als Bischof eine für katholische Verhältnisse „einmalige Gestalt“ im Europa des 20. Jahrhunderts, eine Verbindung von Moderne und Evangelium, wie sie sonst kaum möglich erschien, vergleichbar vielleicht den von Rom ebenso ungeliebten Bischöfen Pedro Casaldaliga oder Dom Helder Camara, beide Brasilien…Dass auch Jacques Gaillot (wie alle anderen Bischöfe auch) einmal sozusagen im Dauerstress übereilt reagierte oder dabei Fehler machte, versteht sich von selbst. Aber seine theologische Linie, Moderne und Katholizismus zu verbinden, blieb und bleibt zweifelsfrei vorbildlich und, sagen wir es ruhig, einmalig.
Auch wenn jetzt noch einige „Reformkatholiken“ die ewig selben Reformvorschläge wiederholen und wiederholen: Der „Fall Gaillot“ hat meines Erachtens klargemacht: Reformen grundlegender, radikaler Art haben im römischen System keine Chance. Einzig eine neue Reformation hätte Sinn, dann bliebe aber zumindest ein Teil der römischen Kirche nicht mehr „der selbe“ wie vorher…(siehe Martin Luther). Jacques Gaillot hat sich entschieden, nicht zum Reformator zu werden, er wollte kein französischer Luther sein. Das ist seine Entscheidung, die es zu respektieren gilt, auch wenn niemals wenigstens gedanklich durchgespielt wurde und auch heute nicht durchgespielt wird, was denn eine neue Reformation bedeutet hätte und immer noch bedeuten würde, gerade angesichts der tiefen Krise und des absoluten Vertrauensverlustes des Katholizismus etwa jetzt im Frühjahr 2010.
Im Rückblick bleibt auch das Bedauern, dass Jacques Gaillot nie deutlich spürbare Unterstützung von prominenten Theologen gefunden hat: Die Namen der „großen“ Theologen z.B. in Tübingen oder Münster brauchen hier nicht genannt zu werden, sie haben meines Wissens diesem bescheidenen Mann des Evangeliums niemals öffentlich und deutlich zur Seite gestanden. Waren sie sich – von der Solidarität Eugen Drewermann einmal abgesehen – zu fein, waren sie sogar so unbescheiden, dass sie meinten, dieser Bischof aus Evreux und später in Partenia „biete theologisch zu wenig“? So viel Arroganz wäre schlechthin unverständlich.
Eine andere entscheidende Frage lautet: Wird Jacques Gaillot noch zu Lebzeiten rehabilitiert werden? Wird sich Rom bei ihm für die Absetzung entschuldigen und sich dann bedanken für die zahlreichen Impulse, die er den Menschen von heute gegeben hat? Wird sich die französische Bischofskonferenz entschuldigen, dass sie ihn seit 1995 weitestgehend ignoriert hat und praktisch niemals mehr zu ihren Versammlungen eingeladen hat? Wird sie diesem Bischof mit der einfachen und deswegen so befremdlich wirkenden Botschaft die Hand reichen? Gibt es noch Menschen, die glauben, der römische Katholizismus könne sich wie durch ein Wunder reformieren und dem Geist des Evangeliums entsprechen? Was bleibt für die anderen? „Um das Licht zu sehen, müssen wir aus den Mauern heraustreten“, so Bischof Jacques Gaillot zu Ostern 1983.

Den vollständigen Text und viele andere interessante Beiträge zu Jacques Gaillot finden Sie in dem neu erschienen Buch:

„Die Freiheit wird euch wahr machen“, herausgegeben von Roland Breitenbach, Reimund-Maier-Verlag Schweinfurt: ISBN 978-3-926300-64-5, Preis: 18,80 Euro
Direktbestellung des Buches: info@reimund-maier-verlag.de

Erasmus kontra Luther

Erasmus kontra Luther

Im Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon wird immer wieder auf entscheidende Diskussionen zwischen Theologen und Philosophen hingewiesen. Eine für die „lutherische Welt“ alles Weitere prägende Debatte fand im 16. Jahrhundert statt zwischen Luther und Erasmus. Religionspolitisch hat sich Luther gegen über dem mehr philosophisch argumentierenden Erasmus durchgesetzt; der Hinweis auf diese Debatte ist deswegen von besonderer Dringlichkeit: Denn sie berührt den Kern lutherischen Denkens, von besonderer Aktualität angesichts der bevorstehenden bzw. längst begonnenen Feierlichkeiten und „Gedenkveranstaltungen“ zum großen Luther Jubiläum 1517 (500 Jahre „The­sen­an­schlag“) in Wittenberg und anderswo.

Luther wurde zu recht als Befreier begrüßt im Hinblick auf die persönliche Glaubensentwicklung des einzelnen, die Bibelübersetzung und die Überwindung der Bindung ans Papsttum. Aber in einem zentralen Aspekt ist die theologische Überzeugung Luthers höchst und äußerst problematisch: Darauf weist der Philosoph Kurt Flasch in seinem äußerst lesenswerten Buch „Kampfplätze der Philosophie“ (2008) hin (S. 248 ff):

„Erasmus brach mit Luther, denn er hielt (im Gegensatz zu Luther) die Willensfreiheit für die Voraussetzung aller Moralität und aller Religion. Als Philologe und Kenner des Neuen Testaments stellte Erasmus klar, dass der Wortlaut der Schrift die radikal – antihumanistische Interpretation Luthers nicht erzwinge…Angesichts der Erbsündenlehre Luthers verweist Erasmus darauf: Ein Gott, der so wahllos straft und grundlos vernichtet, verliert alle ethischen Prädikate, er wird zum Ungeheuer… Genau genommen sprach Luther nicht einfach von der „Schwäche“ unserer Vernunft, er sah sie im Besitz des Satans“, soweit Kurt Flasch.

Wir sind gespannt, wie sehr es den Jubiläumsfeierlichkeiten zu 2017 gelingt, die kritische Distanz zu Luther auszubauen. Bezeichnend und sympathisch und äußerst bedenkenswert für eine tiefere und menschliche Spiritualität finden wir einen Hinweis von Kurt Flasch (S. 251): „Nach Egon Friedell war Luthers Reformation Mönchsgezänk im Vergleich mit der intellektuellen Revolution Meister Eckharts“. Mit anderen Worten: Wie hätte sich der christliche Glaube, wie hätten sich die christlichen Kirchen entwickelt, hätte sich Meister Eckhart im 13. Jahrhundert durchgesetzt mit seiner Überzeugung: Der unbegreifliche Gott als Geheimnis zeigt sich in Geist und Seele eines JEDEN Menschen ohne die Notwendigkeit einer „Vermittlung“ durch kirchliche Institutionen. Die Frage „Was wäre wenn“ ist natürlich müßig, aber sie verweist erneut auf die absolute Zeitgebundenheit (und deswegen wohl auch Überwindbarkeit) des Denkens Luthers an dieser Stelle…

„Keuschheit“- ist auch politisch

Keuschheit – eine unmögliche Tugend ? Ein Plädoyer für einen modernen erotisch – vernünftigen Diskurs.
Ist die Tugend der Keuschheit „OUT“?
Wenn sie als rigide Abwehr und Verdammnis der sexuellen Lust verstanden wird, sicher. Wenn sie als autoritärer Zwang zu sexueller Enthaltsamkeit (als Gesetz im Zölibat) verstanden wird, sicher.
Aber vielleicht sollte man doch einen neuen Diskurs wagen über eine erotisch – freundliche Form sexuellen Lebens, die bei aller Lust doch die Vernunft mit einbezieht.
Darüber handelt die RADIO Sendung im WDR 3 am Sonntag 27.6. um 8. 30 und am selben Tag in WDR 5 um 22. 35. Man kann sie nach Sendung im WDR nachlesen und nach – hören.
Hier vorweg zwei Statements aus der Sendung.

-Von Annabelle Zinser, sie ist Mitarbeiterin im Meditationszentrums „Quelle des Mitgefühls“ in Berlin, das den Lehren des Zen Meisters Thich Nhat Hanh folgt.:
„Achtsamer Umgang mit Sexualität heißt einfach, dass ich wirklich nur schaue, dass ich in meinem Sexualverhalten nicht verletzend bin, grundsätzlich,
dass die Sexualität, die ich ausübe, dass die einfach aus einer sehr freundschaftlichen und großen Nähe entsteht, einer Beziehung, die auch eine Verpflichtung beinhaltet gegenüber der Person. Das tut mir selbst sehr gut. Meiner Meinung ist das total vernünftig, wenn ich anderen Menschen nicht schade, sondern alles tue, um sie nicht zu verletzen, und ihr Wohlsein zu fördern“ (Originalton) .

-Von Wolfgang Bittner, er ist evangelischer Pfarrer und Meditationsleiter in Berlin und der Schweiz. Für ihn hat eine moderne, erotisch – vernünftige Keuschheit auch politische Dmensionen.
„Keuschheit ist etwas Hochpolitisches. Wenn uns die Informationen, die wir haben, das Wissen, das wir haben über einander, nur noch Mittel zur Macht und zum Besitz sind, dann geht auch im ganzen politischen Dialog, gesellschaftlichen Dialog, im Umgang mit einander, einfach die Luft aus; dass Leute ihre Korruption nur noch etwas eingestehen, wenn es ihnen nachgewiesen wird. Schuld ist nur das, was nachgewiesen wird, nicht mehr das, was getan wird, in dem man etwas abstreitet bis das Gegenteil bewiesen wird, und redet sich dann noch heraus. Das hat tiefste Züge der Unkeuschheit.
Wer unkeusch ist, der wird erpressbar. Wer innerlich unkeusch wird, wird sich immer nach der Decke richten, nach dem Wind richten und sehen, wie er durchkommt. Nur wer keusch ist, kann nicht manipuliert werden“.
(Originalton)

„Gott besteht nicht“. Zur Kontroverse um Pastor Klaas Hendrikse

„Gott besteht nicht“
Ist der holländische Pastor Klaas Hendrikse ein Atheist?
Von Christian Modehn

Bei der Frage nach Gott kommen die Gemüter noch immer recht heftig in Wallung. So „säkularisiert“ – oder besser so wenig säkularisiert – sind heute die meisten Menschen in Westeuropa! Jeder will seinen Glauben oder seinen Unglauben verteidigen. Und die Emotionen kochen richtig hoch, wenn sogar ein Pfarrer öffentlich von sich bekennt: „Ich bin ein Atheist“. Aber was meint er damit wirklich? Was bedeutet schon das Wort Atheist? Mit den großen Worten wie Glaube, Gott und Atheismus muss man wohl sehr achtsam und behutsam umgehen, da ist jede Nuance wichtig. Das zeigen die Diskussionen um den so genannten atheistischen Pfarrer Klaas Hendrikse aus Holland.

Middelburg ist ein hübsches Städtchen mit alten Grachtenhäusern im Südwesten der Niederlande, zur Nordsee sind es fast nur ein einige Schritte. „Unsere Stadt ist ein Erlebnis“, verkündet die Tourismusbehörde. Seit drei Jahren ist Middelburg auch wegen eines ihrer Mitbürger berühmt – oder soll man sagen berüchtigt? Denn in der dortigen „Koorkerk“, (sprich Kohr kerk) der zentral gelegenen „Chorkirche“, predigt Klaas Hendrikse. Der zweiundsechzig Jährige protestantische Pastor bezeichnet sich selbst als „Atheisten“. Sein ungewöhnliches Bekenntnis erläuterte er vor 3 Jahren in dem Buch „Glauben an einen Gott, der nicht besteht“. Und sogleich gab es in Holland ein riesiges Medienspektakel mit wütendem Aufbegehren: „Gott besteht, er existiert und er ist eine Realität“, betonen bibeltreue Christen. Und sie fordern das sofortige Predigtverbot des angeblichen Ketzers. Die Leitung der „Protestantischen Kirche der Niederlande“ nahm sich des Falls an, prüfte wochenlang, diskutierte und sondierte. Vor einigen Wochen kam sie schließlich zu dem Ergebnis: Pastor Hendrikse soll NICHT aus dem Dienst entlassen werden. Die theologische Vernunft hat sich also durchgesetzt, sagen Beobachter heute. Denn Hendrikse ist kein militanter Atheist, man muss nur seine Texte wirklich lesen und nicht übereilt polemisieren! Denn für ihn zeigt sich Gott z.B. als überraschendes Ereignis mitten im Leben. „Gott geschieht, ER ist ein Ereignis mitten im Leben“, sagt der umstrittene Pfarrer und verweist dabei auf die Geschichten der hebräischen Bibel: Dort fordert Gott die Menschen auf, den Exodus, den Aufbruch in ein neues Land zu wagen. „Wenn Menschen einander befreien, geschieht Gott“, sagt der Pastor. Wie eine unsichtbare Kraft wirke ER, belebend wie ein Hauch, inspirierend wie ein guter Gedanke. Das erinnert an mystische Traditionen, die seit Jahrhunderten versuchen, Gott nicht banal, nicht allzu menschlich, sondern stammelnd und suchend auszusagen. Und hat nicht der deutsche Theologe Dietrich Bonhoeffer seine Mitchristen provoziert, als er sagte: „Ein Gott, den =es gibt“=, den gibt es nicht“? Diese Überzeugungen sind eher selbstverständlich unter vielen holländischen Protestanten. Sie nennen sich freisinnig und liberal; mit diesen Kreisen und der Remonstranten Kirche, den Freigeistern unter den Christen, ist Pastor Hendrikse eng verbunden. Der Kampf gegen ihn ist auch eine Auseinandersetzung zwischen verschiedenen Flügeln der holländischen protestantischen Kirche!
Warum also die ganze Aufregung? Der freisinnige Pastor will populäre Gottesbilder korrigieren. Der Unendliche und Ewige sollte nicht als etwas Bestehendes, Fix und Fertiges, wahrgenommen werden, meint er, nicht als eine Art himmlischer Gegenstand, über den man vieles exakt wissen könne. Diesen greifbaren und verfügbaren Gott lehnt Hendrikse ab, DESWEGEN nennt er sich Atheist.
Die Synode der Protestantischen Kirche der Niederlande will im Herbst dieses Thema erneut aufgreifen. Diese theologische Gesprächsbereitschaft ist in Holland noch selbstverständlich.
Und genau diese Offenheit fordert jetzt der ehemalige Hamburger Paul Schulz auch von der Lutherischen Kirchenleitung in Deutschland: Die hatte ihn 1979 aus dem Dienst als Pfarrer entlassen, weil er sich öffentlich zum Atheismus bekannt hatte. Bis heute ist Paul Schulz überzeugt, der Mensch sollte ohne jeglichen Gottesbezug sein Leben gestalten. Aber jetzt möchte der Hamburger Atheist doch wieder Pfarrer werden. In Klaas Hendrikse sieht er seinen Bündnispartner und im toleranten Umgang der holländischen Protestanten ein Vorbild für die Lutherische Kirche in Deutschland. Aber stimmen die Vergleiche? Zwischen Klaas Hendrikse und Paul Schulz liegen tatsächlich Welten: Der Holländer will den statischen, den „bestehenden“ Gott überwinden zugunsten einer neuen Lebendigkeit des Ewigen; Paul Schulz lehnt Gott prinzipiell ab. Vielleicht könnten die beiden einmal ihre Differenzen gemeinsam besprechen. Denn theologische Dispute lieben ja die säkularisierten Zeitgenossen noch immer.

Jesus war ein Religionskritiker

Jesus war ein Religionskritiker. Im Alltag das Heilige entdecken.

Gelegentlich bieten wir im Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon auch Hinweise auf interessante aktuelle Entwicklungen in den konkreten Religionen. Diesmal ein Hinweis auf die protestantische Kirche der Remonstranten. Sie ist Mitglied in der Ökumene, geht aber entschieden ihren eigenen Weg der Unabhängigkeit des Denkens. D.h. Kritisch gegenüber allen Dogmen, für die Anerkennung der spirituellen Freiheit und auch der Religionskritik.
Tom Mikkers, der „Allgemeine Sekretär der Remonstranten Kirche“, hielt am Sonntag, 16. Mai 2010, in der Kirche „de Vrijburg“ in Amsterdam eine bemerkenswerte Predigt. Anlass war ein besonderer Gottesdienst, in dem die Lieder des Song Contests, der Eurovision, im Mittelpunkt standen. Mehr als 400 Teilnehmer waren bei diesem ungewöhnlichen spirituellen Ereignis dabei, als Angebot und Einladung wurde deutlich: Auch in der Populärkultur, sogar in den Songs und Liedern des „Eurovision Song Contest“, kommen spirituelle und religiöse Aspekte vor. Die Remonstranten haben immer schon die kritische Theologie gefördert, etwa die historisch – kritische Methode der Bibelinterpretation. Sie wollen aber auch sensibel sein für Spuren der Spiritualität in der Alltagskultur. Diese „Spuren“ sollten auch von Kirchen beachtet werden, sie können nämlich hilfreich sein, auch wenn es lar ist, dass viele dieser Songcontest Lieder banal und kitschig sind.
Tom Mikkers sagte unter anderem:

„Ganz eingefleischte Theologen („hardcore theologen“ im niederländischen Text) könnten sagen: Diese Lieder sind schön, aber das hat mit Kirche oder Christentum nichts zu tun. Andere sagen: Es kann ja sein, dass einige Songfestival – Lieder ein bisschen Friede und ein bisschen Liebe brachten. Aber für die Antworten zu den großen Lebensfragen muss man doch bei dem alten kirchlichen Repertoire sein Heil suchen. All das andere sei nur eine Art Verdünnung der alten Lehre.
Wer das sagt, hat eine Voraussetzung: Es gibt eine große Wahrheit, und die ist buchstäblich zu finden in der Bibel, und diese Wahrheit wird genau formuliert von Priestern und Kardinälen. Und wehe dir, wenn du beginnst, dein eigenes Lied zu singen!
In meinen Augen pervertiert der christliche Glaube, wenn er zu einem fest umschriebenen kirchlichen Exklusiv – Programm wird.
Warum? Weil Glauben nichts zu tun hat mit einer Stellungnahme (mit dem „nur so ist es“), sondern mit einem innerlichen Abgestimmtsein auf das eigene Selbst, auf den Mitmenschen und das große Ganze, das wir vielleicht auch, (wenn genaue Begriffe fehlen), Gott nennen.
Jesus war ein Religionskritiker der reinsten Art! Nun ist es ein Gewinn von wahrer Religionskritik, dass sie religiös inspirierte Menschen herausfordert, die Bitterkeit und die Unbarmherzigkeit der harten Wahrheit („nur so und nicht anders“) wirklich anzusehen, aber sie dann auch zu verlassen und aufzugeben! Übrigens ist für mich die Angst vor der Religionskritik vollkommen unbegründet. Denn Religion versteinert nur ohne Kritik.
Jesus hielt nichts von bürokratischen Dogmatikern, die meinten bestimmen zu können, wer etwas taugt und wer nicht. Jesus rief das Establishment zur Ordnung!
Die Kirche als Gemeinschaft von Menschen, die auf dieser Spur Jesu von Nazareth weiter gehen will, kann nicht machtvolle Verurteilungen vornehmen und an einer festen Ordnung hängen. Nicht das haarscharfe Urteil, sondern das Mitleiden mit jedem, der leidet und stirbt, ist das geistliche Brot, das in der Kirche an alle Menschen ausgeteilt wird…Jesus machte das Heilige wieder zum Alltäglichen, und das Alltägliche wurde für ihn heilig. Jesus bezweifelte in aller Offenheit die religiös korrekten Antworten und Annahmen“. weitere ausführliche Informationen: www.remonstranten-berlin.de