Simone Weil: Auf der Schwelle leben…

Auf der Schwelle, wartend verharren. Die Philosophin Simone Weil ist am 24. August 1943 in Ashford/Kent gestorben

Ein Hinweis von Christian Modehn

Sie ist eine der „besonders“ ungewöhnlichen (wenn ich das „so“ sagen darf) Philosophinnen: Simone Weil, am 3.2.1909 in Paris geboren, vor 74 Jahren gestorben.

„Die eigentliche Methode der Philosophie besteht darin, die unlösbaren Probleme in ihrer Unlösbarkeit klar zu erfassen, sie dann zu betrachten, weiter nichts, unverwandt, unermüdlich, Jahre hindurch, ohne jede Hoffnung, im Warten“ (Simone Weil). Eine herausragende Philosophin, eine ungewöhnliche spirituelle Frau, radikal nicht nur im Denken, vor allem auch in der eigenen Lebenspraxis. Eine Frau, die heute vielen zu denken (und zu leben ?) gibt. Sie interessierte sich für die Kirche, ist aber nie (als Mitglied) eingetreten, wollte auf der Schwelle bleiben.

Auf der Schwelle, im Zwischen leben: eine Lebensweise, der sich heute viele spirituelle Menschen anschließen.

Blaise Pascal – Menschenkenner, vom Augustinismus verdorben. Hinweise zu seinem Geburtstag

Am 19. Juni 1623 wurde Blaise Pascal in Clermont – Ferrand geboren, der Hochbegabte und Vielseitige, der Mathematiker und Erfinder, Städteplaner und Mystiker mit philosophischen Interessen. Seine “Pensées” werden noch immer gelesen. Einige “Gedanken” auch heute oft zitiert von Menschen, die von der Abgründigkeit der menschlichen Seele gern in kurzen Formeln sprechen. In dem Zusammenhang sollten wir uns vor allem an Pascals im ganzen gesehen verheerenden geistigen, religiösen Bindungen an den Augustinismus erinnern, auch an seine Bindung an den Jansenismus, der auf das absolute, willkürliche Gnadenhandeln Gottes setzte. Und so bescheidene Ansätze eines humanistischen Christentums störte und zerstörte. Der fromme Pascal hat auf diese Weise für die Stärkung eines vernunftfeindlichen Glaubens beigetragen. Man wird sich fragen: Welche Macht können tatsächlich noch die zentralen augustinischen Ideen, Ideologien, haben, etwa die Vorstellung von der “Erbsünde”. Welche (nicht explizit religiösen) Ideologien beherrschen heute das Bewusstsein der Menschen. Und dann gilt es zu verstehen: Welche Bedeutung hatte der Jansenismus in Frankreich damals möglicherweise als verstecke protestantische Haltung im Katholizismus? In welcher Weise war der Jansenismus auch ein Protest gegen die absolute Herrschaft der Könige? Gestorben ist Pascal am 19.8.1662 in Paris.

„Die Religion als Opium des Volkes“. Zum 199. Geburtstag von Karl Marx (5. Mai 1818)

„Die Religion als Opium des Volkes“

Die aktuelle Diagnose auch im Reformationsgedenken 2017

Zum 199. Geburtstag von Karl Marx (5. Mai 1818)

Ein Hinweis von Christian Modehn

Sehr schön passend, kurz vor Beginn des Evangelischen Kirchentages in Berlin am 24.Mai (Das Motto: „Du (Gott) siehst mich“) werden einige philosophisch und religionsphilosophisch Interessierte erneut an Karl Marx denken: anlässlich seines 199. Geburtstages am 5. Mai. Und sie werden im religiösen Umfeld dieser frommen Kirchen-Tage an das viel zitierte (und historisch so oft bestätigte) Wort des Philosophen Karl Marx denken: „Die Religion ist das Opium des Volkes“ (1843 formuliert in der Einleitung der Schrift „Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie“).

Abgesehen von einer breiten und partei-ungebundenen Marx-Exegese, die trotz des Zusammenbruchs und Verschwindens der meisten sich kommunistisch nennenden Regime aktuell bleibt: Dieser Spruch „Religion ist Opium des Volkes“ verdient alle Aufmerksamkeit in einer Welt, die alles andere als säkular ist, sondern in der Religionen und Sekten und esoterische Bewegungen ständig ihr sichtbares, problematisches und auch politisch gefährliches Wesen zeigen. Man denke an den Boom der Evangelikalen in den Hunger-Staaten Afrikas, an die verschiedenen Formen des Islams, an die so vielfältigen, oft aber tyrannisch-geldgierigen Pfingstkirchen in Brasilien usw. Die Frage bleibt: Gibt es Religion, die kein Opium des Volkes sind, sondern wahre inspirierende Nahrung, um im Bild von Marx zu bleiben. Das es nicht-beruhigende Religion gibt, ist für uns klar.

Darüber später mehr, sonst siehe die Beiträge zur Theologie der Befreiung auf dieser website. Und auch dies: Die moderne “liberale Theologie” (dies ist natürlich keine FDP-Theologie)  und auch die Theologie der freisinnigen protestantischen Kirche in Holland, der “Remonstranten”, (ebenfalls Infos auf der website), sind de facto eine Überwindung der These “Religion ist Opium des Volkes”, es sind freie und selbständig-kritische Theologien und Glaubensformen.

Mit anderen Worten: „Religion ist Opium des Volkes“ könnte als kritische Begleitmusik auch alle Veranstaltungen des Kirchentages beleben. Etwa mit der Frage: Verbreiten wir jetzt Opium, wollen wir beruhigen? Aber welchen Aufstand des Gewissens wollen wir? Welche grundlegende Veränderung auch der Kirchen wollen wir? Warum haben wir als ängstliche Lutheraner, staatsteu wie einst, Thomas Müntzer, dem Reformator und Kollegen Luthers, keinen Platz beim Kirchentag eingeräumt? Wer wird diese Frage nach der Abwesenheit Müntzers stellen?

Insofern ist es fast ein philosophisches Geschenk, dass wir am 5. Mai an Karl Marx, an den kritischen Philosophen, wieder einmal “besonders” denken. Und uns hoffentlich befreien von der dogmatischen Starre, in der sein philosophisches Denken durch die Regime des Ostens eingesperrt und stillgelegt wurde. Nun haben die Kirchen allen Grund, nach dem Tod des Erzfeindes Kommunismus, sich erneut dem Denken von Marx zu stellen, dem Philosophen und auch dies: dem Ökonom.

Und es könnte eine Art philosophiehistorischen Aberglauben fördern, wenn wir nun auch noch bedenken: Ausgerechnet an einem 5. Mai wurde auch noch der Philosoph und dialektisch-lutherisch-Glaubende Sören Kierkegaard geboren (im Jahr 1813). Und man hätte Lust, Marx und Kierkegaard einmal in einen religionsphilosophischen Disput zu verwickeln. Solche philosophischen religionskritischen Salons wären doch ein schöner, geistvoller Gottesdienst.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer salon Berlin

 

Karl-Otto Apel wird 95 Jahre. Gegen Skepsis und Relativismus.

Einer der anregendsten Philosophen unserer Zeit wird am 15. März 95 Jahre alt: Karl-Otto Apel, geboren in Düsseldorf, der Begründer der Diskurs-Ethik, mit ihrer Darstellung universaler Ansprüche im vernünftigen Argumentieren. Apel scheute nicht die Auseinandersetzung mit der Postmoderne. Welcher Philosoph nennt sich – nach all den Debatten – heute noch ernsthaft “postmodern”? Hingegen ist das Denken Apels über die letztbegründeten Regeln im Argumentieren nach wie vor von drängender Aktualität: Mit unserer “Entscheidung zur Vernunft”, also in der reflektierten Bejahung, nicht in performative Widersprüche kommen zu wollen, folgen wir nur der für Vernunftwesen einzig möglichen Entscheidung. Karl-Otto Apels Denken ist aktueller denn je. Hat schon jemand versucht, die Debatten um den sich verkrampfenden, unvernünftigen, aggressiven Populismus in der Denkweise Apels auseinanderzunehmen? In einer vernünftigen Widerlegung natürlich. Was denn sonst? Denn indem Populisten die Öffentlichkeit bedrängen mit ihren Sprüchen, behaupten sie ja selbst, sich argumentativ in die allgemeine, sprachliche Debatte einzuschalten. Also müssen sie bei dieser von ihnen selbst gesetzten Behauptung der Vernunft es auch ertragen, dass andere, Demokraten, Freunde der allgemein gültigen Menschenrechte usw. vernünftig, argumentierend mit ihnen sprechen und ihnen vernünftig widersprechen…

copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Karl Rahner: „Jesus zeigt die göttlichen Dimensionen in jedem Menschen“.

Ein Hinweis von Christian Modehn am 1.3.2017:

Er hat der katholischen Theologie und der katholischen Variante der Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie die Weite und die Universalität geschenkt, die im dogmatischen Mief der Schultheologie vor dem 2. Vatikanischen Konzil erstorben war und nach dem Konzil wenigstens an einigen Orten überwunden wurde. Karl Rahner SJ, geboren am 5.3. 1904, gestorben am 30. März 1984, wollte für einen modernen Katholizismus sorgen, der den Herausforderungen durch Kant z.B. wenigstens ansatzweise gewachsen war. Rahner dachte niemals eng und kleinlich, auch wenn er als äußerst gefragter Theologieprofessor zu vielen konfessionell geprägten, also explizit katholischen Themen Stellung nehmen musste und manche seiner konfessionellen Schriften etwas Apologetisches haben, etwa seine Verteidigung der Unfehlbarkeit des Papstes. War dies dem Druck der kirchlichen Autoritäten geschuldet, die sich bekanntlich immer ins freie Denken der Theologen einmischen? Das wurde bisher noch nicht untersucht. Andererseits hat er schon in 1970 Jahren klar gesagt: Die Kircheneinheit mit den Protestanten ist jetzt möglich. Dieses Buch leider total verschwunden aus den Debatten, würde heute aber Mut machen, in gutem Ungehorsam einfach gemeinsam Abendmahl/Eucharistie zu feiern. gerade jetzt, im Reformationsgedenken. Karl Rahner war in dieser Frage niemals “brav”, heutige Katholiken und Theologen sind nach wie vor brav und verängstigt (“Ungehorsam könnte die Karriere kosten” usw…)

Karl Rahner hat aber vor allem bewiesen, dass Argumentieren und Fragen und philosophisches Debattieren einen festen Platz in der menschlichen Haltung, Glauben genannt, haben müssen. Entscheidend ist: Karl Rahner hat sich bemüht, die zentralen Lehren und Überzeugungen der christlichen Tradition (Dogmen genannt) mit den Erfahrungen der Menschen in Verbindung zu bringen, bis dahin, dass er die Dogmen als Ausdrucksformen der menschlichen religiösen Selbsterfahrungen deutete. So sollte die Fremdheit zwischen Glauben und Lebenserfahrung überwunden werden, ein großartiges Unternehmen, das heute schon wieder vergessen ist.

Dies ist wohl seine bleibende Bedeutung, darin bleibt er eine Provokation. Diese großartige Leistung bringt ihn in meiner Sicht und in dieser Perspektive (!) in die Nähe einer modernen liberalen Theologie bringt. Bis heute hingegen werden von Theologen, nicht nur in der römischen Kirche, Dogmen etc. als hinzunehmende “Fremdkörper” des Denkens hingestellt, so wird der Bruch zwischen Glauben und Vernunft vertieft, also der enorme Abstand zwischen geistvollem Leben und Glauben zementiert. „Credo quia absurdum“, dieser furchtbare Spruch geistert noch immer in den Köpfen der Kirchenleute und der Christen herum, vielleicht gerade jetzt, in den Erinnerungen an das Reformationsgeschehen. Luther war ja bekanntlich ein entschiedener Gegner philosophischer Debatten. Er hat die dialektische Theologie inspiriert und den unvernünftgen „Sprung in den Glauben“. Zurück zum Luther-Jahr: Ob darüber offen gesprochen wird? Ob das freie Nachdenken wieder eine Chance im Protestantismus und vor allem in den enthusiastischen evangelikalen Kreisen erhält? Ob es ein Ende gibt in dem bloßen Zitieren von Bibelsprüchen, um etwa katholische Sonderlehren zu begründen? Man denke etwa an die fundamentalistisch anmutende Begründung des Papsttums durch angebliche Sprüche Jesu von Nazareth (siehe etwa das neue Papstbuch von Kardinal Müller, Rom).

In jedem Fall: Karl Rahner bleibt von unerreichter Größe, wenn es um die Universalität der christlichen Grundüberzeugungen geht. Im Band 9 seiner „Schriften zur Theologie“ (1970, Seite 212) schreibt er zum Beispiel: „Wir setzen die Einmaligkeit Jesu falsch an, wenn wir ihn nur als den Sohn Gottes betrachten, der Menschen gegenüber tritt, die zunächst einmal mit Gott gar nichts zu tun haben; wenn wir Jesus bloß als Boten aus einem göttlichen Jenseits sehen hinüber zu einer Welt, die mit Gott noch gar nichts zu tun hat“. Diese Fremdheit zwischen Christus und den Menschen im allgemeinen ist für Rahner völlig unzutreffend! Er fährt fort: “In Wirklichkeit sind wir aber in der ganzen Geschichte der Menschheit Kinder Gottes“. Sind es „immer schon“, müsste man in Rahners eigenen Worten weiterformulieren. Das heißt: Jesus von Nazareth macht in seinem Leben und Sprechen und Handeln nur sichtbar und offenbar, dass die Menschheit im ganzen mit Gott selbst immer schon eins und verbunden ist…Jeglicher konfessionalistischer Wahn ist so zurückgewiesen. Welchen Sinn dann Predigt und Mission haben, hat Rahner klar gesagt. Auch dies wird heute gern und bewusst beiseite geschoben.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Karl Jaspers: Plädoyer für den philosophischen Glauben.

Ein Hinweis von Christian Modehn

Am 26.2 1969 ist der Philosoph Karl Jaspers in Basel gestorben (geboren wurde er am 23.2. 1883 in Oldenburg). Der Religionsphilosophische Salon Berlin erinnert an Jaspers als einen kritischen politischen Denker in der BRD und einen entschiedenen Kritiker der politischen Verblendung von Martin Heidegger und: Vor allem als einen Denker, der die Vernunft so reflektierte, dass er für einen “philosophischen Glauben” (so der Buchtitel von 1948) eintreten konnte und für den “philosophischen Glaube angesichts der Offenbarung” (1962) sich stark machte. Die Konzeption und Weiterentwicklung eines vernünftigen philosophischen Glaubens bleibt ein Thema unser Diskussionen. Der “philosophische Glaube” bietet nicht nur Denk-Möglichkeiten, gerade in Zeiten, in denen der konfessionelle dogmatische Glaube der Kirchen nicht mehr als geistig-bewegende Lebendigkeit erfahren wird. Der philosophische Glaube im Sinne von Jaspers kennt nur Grundsätze, keine Dogmen. Gewalt gegen Andersdenkende wird selbstverständlich abgelehnt, er ist offen für Einwände, hält nicht wunderbare Behauptungen für selbstverständlich, er gibt keine Ruhe im Denken und Fragen. Aber der philosophisch Glaubende interessiert sich für die “Chiffren”, für vieldeutige Zeichen, die aber auch auf Transzendenz weisen können.

Es wäre interessant, den philosophischen Glauben im Sinne von Jaspers mit den Thesen des südafrikanischen Theologen und Bischofs Desmond Tutu zu konfrontieren, Thesen, die er in dem Buch “Gott ist kein Christ. Mein Engagement für Toleranz und Gerechtigkeit” (2012) mitgeteilt hat. Tutu weist die Vorstellung zurück, dass Christen im Besitz einer alleinigen Wahrheit sind, er sucht das Gemeinsame in den Religionen…; jeder Mensch lebt in enger Verbindung mit dem Göttlichen, die Vernunft in allen Menchen ist das wahrhaft Religiöse…

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

Spinoza und die kritische Bibelforschung

Ein Hinweis auf einen Gedenktag, also einen Tag zum Denken….an Spinozas Bibelkritik und seine Verteidigung der Philosophie….

Von Christian Modehn

Am 21. 2.1677 ist in Den Haag der Philosoph Baruch de Spinoza gestorben (geboren wurde er am 24.11. 1632 in Amsterdam). Auch als Verteidiger und Förderer der historisch-kritischen Bibelexegese muss er für weite Kreise (besonders der unbegildeten heutigen Bibel-Fundamentalisten)  noch entdeckt werden. Genau so wichtig ist Spinozas Forderung: Die Theologie (also auch die Leitung der Religionsgemeinschaften) darf der Philosophie nicht das Recht auf eigenständige Erkenntnis, auch Gotteserkenntnis, streitig machen. Der wahre Gottesdienst für Spinoza ist die lebendige Gestaltung von Gerechtigkeit und Nächstenliebe. Wichtig ist hier das Buch Spinozas “Tractatus Theologico-Politicus“, (1670 anonym erschienen).Darin wendet sich Spinoza auch gegen den schlichten Wunderglauben, der da meint: Gott wirke im Ungewohnten und Außergwöhnlichen. Man solle Gott vielmehr suchen in der durchgängigen Gültigkeit der Gesetze der Natur. Jeder Mensch hat das Recht, frei seine eigenen religiösen Überzeugungen zu sagen, diese Freiheit sei die Bedingung für eine staatliche Ordnung.

….Goethe sagte über Spinoza: “Ich fühle mich ihm sehr nahe, obgleich sein Geist viel tiefer und reiner ist als der meinige”.

Der Text des Tractatus von Spinoza ist erreichbar unter: http://www.linke-buecher.de/texte/romane-etc/Spinosa–Theologisch-politische%20Abhandlung.pdf