Die liberale Theologie führt die Kirchen aus dem Getto. Drei Fragen an Prof. Wilhelm Gräb, Berlin

Weiterdenken heißt unsere Interview – Reihe mit dem protestantischen Theologen Prof. Wilhelm Gräb, Berlin. Dieses Interview  ist die 34. Folge dieser viel beachteten Reihe.

Die Fragen stellte Christian Modehn

1.Das Reformationsgedenken, 10 Jahre hat es gedauert, ist nun zu Ende. Nach meinem Eindruck fehlte bei all den vielen hundert Themen, die im Zusammenhang des Reformationsgedenkens von offizieller kirchlicher Seite vorbereitet und dann abgehandelt wurden, die liberale Theologie. Sie selbst sind einer der wenigen führenden Theologen, die unentwegt theologisch denken unter der Perspektive liberaler Theologie. Liberale Theologie bedeutet ja große Weite im Denken und Respekt vor den religiösen Äußerungen auch der nicht kirchlichen Menschen, auch in der Kultur. Ich möchte provozierend fragen: Hätte das Reformationsgedenken die liberale Theologie thematisiert, wäre vielleicht die Idee einer Zweiten Reformation deutlich geworden?

Ja, die liberale Theologie bedeutet auch für mich eine große Weite im Nachdenken über die Religion als einer Angelegenheit des einzelnen Menschen. Liberale Theologie gehört nicht in eine bestimmte Epoche der Theologiegeschichte. Sie steht im Grunde auch nicht für eine theologische Richtung. Sehr viel eher sehe ich in ihr eine Haltung der Theologie und letztlich dem Leben gegenüber, von der ich denke, dass sie viele Menschen heute zu Freunden der Religion machen könnte.

In der Religion nicht mehr die Notwendigkeit einer Zustimmung zu Glaubenslehren und Lebensregeln zu erkennen, sondern die Ermutigung zu einer dem eigenen Ich wie dem Zusammenleben förderlichen Lebenshaltung bräuchte vermutlich tatsächlich so etwas wie eine zweite Reformation. Vielleicht ist diese neue Reformation aber auch längst in Gang.

Vor die Theologie rückt die liberale Theologie die Religion, oder besser, das menschliche Leben, das für religiöse Erfahrungen und religiöse Fragen offen ist: dort, wo wir uns der Grenzen bewusst werden, der Kontingenz unseres Daseins; dort, wo wir den Anspruch hören, den die anderen an uns machen; dort, wo wir merken, dass wir in unserem Planen und Tun, in unserem Wollen und unserer Kritik immer schon vom Sinn des Ganzen ausgehen, obwohl wir diesen doch nicht wissend vor uns bringen können.

Liberale Theologie nimmt von der so sich uns zeigenden Transzendenzoffenheit unseres Lebens ihren Ausgang. Sie setzt darauf, dass es ein menschliches Bedürfnis ist, sich zu dieser Transzendenz bewusst zu verhalten. Wir Menschen wollen, dass unser Leben gelingt, dass es gut mit ihm wird, wissen aber zugleich, dass wir dieses Gelingen, so sehr wir uns auch anstrengen mögen, doch nicht in der eigenen Hand haben. Wir leben von Voraussetzungen, die wir nicht gelegt haben, noch zu legen im Stande sind, wir geraten an Grenzen, die uns unüberwindlich bleiben, wir setzen auf den Sinn unsers Tun, ohne doch dessen Konsequenzen vollständig überschauen zu können. Sich zu Grund, Grenze und Sinn des Lebens bewusst zu verhalten, das bedeutet für liberale Theologie, Religion zu haben.

Aber sie nimmt gegenüber der so gelebten Religion keine belehrende, normierende oder fordernde Rolle ein. Sie will mit Menschen dann und dort, wo sich ihnen die Lebens- und Sinnfragen selbst stellen, ins Gespräch kommen. Nicht mit fertigen Antworten, denn sie weiß, dass es auf die Fragen der Religion keine fertigen Antworten gibt. Das macht sie ja zu religiösen Fragen. Liberale Theologie definiert die Religion so, dass sie sagt: wer Religion hat, lässt sich auf eben die Fragen ein, auf die es sie keine abschließenden Antworten gibt. Deshalb sind Menschen, die Sinn für die Religion haben und dann vielleicht auch für eine sich im Nachdenken über Religion vollziehende liberale Theologie, Menschen, die neugierig bleiben, die sich nie zufriedengeben mit dem Erreichten, aber doch auch voller Hoffnung, indem sie mit dem 1. Johannesbrief sagen: „Wir sind nun Gottes Kinder“ – und als solche in die in Gott gegründete Freiheit gestellt, „aber es ist noch nicht erschienen, was wir sein werden.“ (1.Joh 3,2)

Auch die Bibel, die kirchlichen Bekenntnisse und dogmatischen Lehrgebäude liefern keine fertigen Antworten. Liberale Theologie findet in den heiligen Texten aber immer wieder hilfreiche Hinweise zu einem uns förderlichen, ja, tröstlichen Umgang mit dem merkwürdigen Dasein, das wir selber sind, eben weil sie in eine bestimmte Haltung dem Leben gegenüber einweist.

Liberale Theologen sprechen von Demut, Gelassenheit und Dankbarkeit, wenn sie die Haltung dem Leben gegenüber, die Religion gewinnen lässt, beschreiben wollen. In der Sicht liberaler Theologie baut sich das Religiöse jedenfalls nicht aus der Zustimmung zu so genannten Glaubensinhalten auf, schon gar nicht zu biblischen oder kirchlichen Lehren. Das Religiöse tritt in jener Haltung dem Leben gegenüber hervor, die mir daraus erwächst, dass ich mich in eine größere, alles umgreifende, göttliche Wirklichkeit hineingestellt und von ihr getragen weiß. Um den Sinn für Religion zu wecken und zu fördern, versucht Liberale Theologie deshalb davon zu überzeugen, dass das Vertrauen auf einen göttlichen Sinngrund der Welt und des eigenen Daseins in ihr, eine entlastende Kraft hat und den Lebensmut auch noch auf brüchigem Lebensgelände zu erhalten vermag.

Wovon liberale Theologie ausgeht, ist, dass Menschen grundsätzlich leben wollen, und sie wollen, dass ihr Leben gelingt. Liberale Theologie tritt deshalb energisch für die Beseitigung von Lebensumständen ein, durch die Menschen daran gehindert werden, sich selbstbestimmt entfalten und ein Leben in Würde und Freiheit führen zu können. Die Menschenrechte und die in sie eingeschriebene Religionsfreiheit sind ihr Credo. Ihre Leitfrage ist nicht mehr die nach dem gnädigen Gott, sondern die nach echtem, befreitem Leben.

2.Warum haben eigentlich die meisten protestantischen und katholischen Kirchenführer in Deutschland Angst vor einer Anwendung liberal-theologischer Impulse?

Das liegt daran, dass die liberale Theologie nicht nur Demut und Dankbarkeit dem Leben gegenüber, sondern auch Freiheit und Kritik zu Haltungen erklärt, die die Religion fördert, und die es sogar ihr selbst gegenüber einzunehmen gilt. Die liberale Theologie vertritt die religiöse Autonomie jedes und jeder einzelnen. Sie hält dazu an, das Kriterium der subjektiv empfunden Lebensdienlichkeit gegenüber allen von außen und oben herangetragenen Ansprüchen auf Belehrung im rechten Glauben und Leben anzuwenden.

Diese souveräne Haltung der eigenen Religion gegenüber, so meinen viele Kirchenleitende, untergrabe die kirchliche Autorität und öffne der subjektiven Beliebigkeit Tor und Tür. Man muss der Gerechtigkeit halber aber auch sagen, dass sich in der pastoralen und seelsorgerlichen Praxis weithin diese Orientierung an der Subjektivität durchgesetzt hat. Absolute Geltungs- und Wahrheitsansprüche werden kaum noch erhoben. Dass etwas in der Bibel steht, gilt nicht per se schon als Argument. Religiöse Rede muss durch das Nadelöhr der jeweils eigenen Einsicht in ihre Wahrheit. Dann erst – und so verfährt heute jede verständnisvolle pastorale Praxis –, wenn die religiöse Rede subjektiv einleuchtet und sie mich in meiner Lebenssituation zu stärken, zu trösten, aber genauso auch zu kritischem Widerstand zu ermutigen vermag, sind wir bereit, sie für uns anzunehmen.

Auch wenn die pastorale Arbeit im Grunde sich längst auf das liberal-theologische Paradigma umgestellt hat, stimmt diese Weite und Offenheit in der pastoralen Praxis immer noch nicht mit dem öffentlich kommunizierten theologischen Selbstverständnis der Kirche zusammen. Dieses verlangt nach wie vor, von absoluten Vorgaben her zu denken, dem Wort Gottes, der biblischen Offenbarung, den Dogmen und Lehrgebäuden. Auch die dezidiert kirchlich arbeitende Theologie bezieht ihren kirchlichen Einfluss immer noch sehr stark aus ihren Anstrengungen, die Aufgabe der Auslegung und Anwendung der autoritativen kirchlichen Vorgaben wahrzunehmen.

Dass es in der seelsorgerlichen Praxis in erster Linie darauf ankommt, nicht Texte, auch nicht die heiligen Texte, sondern das Leben zu verstehen, das hat in die Selbstauffassung der Kirche zu wenig Eingang gefunden. Auch verunsichert eine solche Selbstbeschreibung immer noch und wird als Bedrohung der Identität und des Auftrags der Kirche gesehen.

3.Wenn die offiziellen Kirchen und Gemeinden in Deutschland – im Unterschied zu den Niederlanden – so viel Ausgrenzung liberal – theologischen Denkens betreiben: Müssten wir, das sage ich auch als liberal-theologischer Journalist, nicht viel stärker unabhängige Orte entwickeln für liberal – theologisches Arbeiten, mitten im kulturellen Geschehen, im Dialog mit sich säkular verstehenden Menschen? Mit anderen Worten: Führt das liberal – theologische Denken nicht auch von selbst über die etablierten Kirchenorganisationen hinaus zu einer neuen religiösen Weite? 

Auch da würde ich zunächst sagen, dass das ja längst auch geschieht. Die religiösen Themen werden überall in der Kultur verhandelt. Kultur ist ja das, womit wir dem Ausdruck geben, was uns bewegt und beschäftigt, was uns bedrängt, weil unsere eigene Identität daran hängt und womit wir doch nicht fertig werden – im persönlichen Leben, in der Gesellschaft, in der Politik. Das alles findet aber auch Eingang in das Engagement so vieler Menschen, sei es durch ihre Mitarbeit in NGOs oder auch durch die verantwortliche Ausübung ihrer beruflichen oder ehrenamtlichen Arbeit. Sie unternehmen dieses Engagement, weil sie ihren Vorstellungen vom guten Leben folgen. Sie gründen Initiativen oder schließen sich solchen an, in denen sie den Kampf für mehr Humanität und die Durchsetzung der Menschenrechten aufnehmen, – denken wir nur noch einmal an die „Willkommenskultur“ im Sommer und Herbst 2015.

Die Weite liberal-theologischen Denken zeigt sich gerade auch darin, dass wir, sofern wir ihm folgen, nicht meinen, wir müssten alle diese Initiativen und Aktivitäten im christlichen Geist der Freiheit und der Menschlichkeit in die Kirche zurückführen oder an sie anbinden. Eine starke Kirche liegt überhaupt nicht im liberal-theologischen Interesse. Ihm geht es am Ort des einzelnen Menschen um die Ermöglichung einer freien und selbstverantwortlichen, in dem allem aber auch gelassenen Einstellung zum Leben.

Copyright: Prof. Wilhelm Gräb und Religionsphilosophischer Salon Berlin

Die liberale Theologie führt die Kirchen aus dem Getto. Drei Fragen an Prof. Wilhelm Gräb, Berlin

Weiterdenken heißt unsere Interview – Reihe mit dem protestantischen Theologen Prof. Wilhelm Gräb, Berlin. Dieses Interview  ist die 34. Folge dieser viel beachteten Reihe.

Die Fragen stellte Christian Modehn

1.Das Reformationsgedenken, 10 Jahre hat es gedauert, ist nun zu Ende. Nach meinem Eindruck fehlte bei all den vielen hundert Themen, die im Zusammenhang des Reformationsgedenkens von offizieller kirchlicher Seite vorbereitet und dann abgehandelt wurden, die liberale Theologie. Sie selbst sind einer der wenigen führenden Theologen, die unentwegt theologisch denken unter der Perspektive liberaler Theologie. Liberale Theologie bedeutet ja große Weite im Denken und Respekt vor den religiösen Äußerungen auch der nicht kirchlichen Menschen, auch in der Kultur. Ich möchte provozierend fragen: Hätte das Reformationsgedenken die liberale Theologie thematisiert, wäre vielleicht die Idee einer Zweiten Reformation deutlich geworden?

Ja, die liberale Theologie bedeutet auch für mich eine große Weite im Nachdenken über die Religion als einer Angelegenheit des einzelnen Menschen. Liberale Theologie gehört nicht in eine bestimmte Epoche der Theologiegeschichte. Sie steht im Grunde auch nicht für eine theologische Richtung. Sehr viel eher sehe ich in ihr eine Haltung der Theologie und letztlich dem Leben gegenüber, von der ich denke, dass sie viele Menschen heute zu Freunden der Religion machen könnte.

In der Religion nicht mehr die Notwendigkeit einer Zustimmung zu Glaubenslehren und Lebensregeln zu erkennen, sondern die Ermutigung zu einer dem eigenen Ich wie dem Zusammenleben förderlichen Lebenshaltung bräuchte vermutlich tatsächlich so etwas wie eine zweite Reformation. Vielleicht ist diese neue Reformation aber auch längst in Gang.

Vor die Theologie rückt die liberale Theologie die Religion, oder besser, das menschliche Leben, das für religiöse Erfahrungen und religiöse Fragen offen ist: dort, wo wir uns der Grenzen bewusst werden, der Kontingenz unseres Daseins; dort, wo wir den Anspruch hören, den die anderen an uns machen; dort, wo wir merken, dass wir in unserem Planen und Tun, in unserem Wollen und unserer Kritik immer schon vom Sinn des Ganzen ausgehen, obwohl wir diesen doch nicht wissend vor uns bringen können.

Liberale Theologie nimmt von der so sich uns zeigenden Transzendenzoffenheit unseres Lebens ihren Ausgang. Sie setzt darauf, dass es ein menschliches Bedürfnis ist, sich zu dieser Transzendenz bewusst zu verhalten. Wir Menschen wollen, dass unser Leben gelingt, dass es gut mit ihm wird, wissen aber zugleich, dass wir dieses Gelingen, so sehr wir uns auch anstrengen mögen, doch nicht in der eigenen Hand haben. Wir leben von Voraussetzungen, die wir nicht gelegt haben, noch zu legen im Stande sind, wir geraten an Grenzen, die uns unüberwindlich bleiben, wir setzen auf den Sinn unsers Tun, ohne doch dessen Konsequenzen vollständig überschauen zu können. Sich zu Grund, Grenze und Sinn des Lebens bewusst zu verhalten, das bedeutet für liberale Theologie, Religion zu haben.

Aber sie nimmt gegenüber der so gelebten Religion keine belehrende, normierende oder fordernde Rolle ein. Sie will mit Menschen dann und dort, wo sich ihnen die Lebens- und Sinnfragen selbst stellen, ins Gespräch kommen. Nicht mit fertigen Antworten, denn sie weiß, dass es auf die Fragen der Religion keine fertigen Antworten gibt. Das macht sie ja zu religiösen Fragen. Liberale Theologie definiert die Religion so, dass sie sagt: wer Religion hat, lässt sich auf eben die Fragen ein, auf die es sie keine abschließenden Antworten gibt. Deshalb sind Menschen, die Sinn für die Religion haben und dann vielleicht auch für eine sich im Nachdenken über Religion vollziehende liberale Theologie, Menschen, die neugierig bleiben, die sich nie zufriedengeben mit dem Erreichten, aber doch auch voller Hoffnung, indem sie mit dem 1. Johannesbrief sagen: „Wir sind nun Gottes Kinder“ – und als solche in die in Gott gegründete Freiheit gestellt, „aber es ist noch nicht erschienen, was wir sein werden.“ (1.Joh 3,2)

Auch die Bibel, die kirchlichen Bekenntnisse und dogmatischen Lehrgebäude liefern keine fertigen Antworten. Liberale Theologie findet in den heiligen Texten aber immer wieder hilfreiche Hinweise zu einem uns förderlichen, ja, tröstlichen Umgang mit dem merkwürdigen Dasein, das wir selber sind, eben weil sie in eine bestimmte Haltung dem Leben gegenüber einweist.

Liberale Theologen sprechen von Demut, Gelassenheit und Dankbarkeit, wenn sie die Haltung dem Leben gegenüber, die Religion gewinnen lässt, beschreiben wollen. In der Sicht liberaler Theologie baut sich das Religiöse jedenfalls nicht aus der Zustimmung zu so genannten Glaubensinhalten auf, schon gar nicht zu biblischen oder kirchlichen Lehren. Das Religiöse tritt in jener Haltung dem Leben gegenüber hervor, die mir daraus erwächst, dass ich mich in eine größere, alles umgreifende, göttliche Wirklichkeit hineingestellt und von ihr getragen weiß. Um den Sinn für Religion zu wecken und zu fördern, versucht Liberale Theologie deshalb davon zu überzeugen, dass das Vertrauen auf einen göttlichen Sinngrund der Welt und des eigenen Daseins in ihr, eine entlastende Kraft hat und den Lebensmut auch noch auf brüchigem Lebensgelände zu erhalten vermag.

Wovon liberale Theologie ausgeht, ist, dass Menschen grundsätzlich leben wollen, und sie wollen, dass ihr Leben gelingt. Liberale Theologie tritt deshalb energisch für die Beseitigung von Lebensumständen ein, durch die Menschen daran gehindert werden, sich selbstbestimmt entfalten und ein Leben in Würde und Freiheit führen zu können. Die Menschenrechte und die in sie eingeschriebene Religionsfreiheit sind ihr Credo. Ihre Leitfrage ist nicht mehr die nach dem gnädigen Gott, sondern die nach echtem, befreitem Leben.

2.Warum haben eigentlich die meisten protestantischen und katholischen Kirchenführer in Deutschland Angst vor einer Anwendung liberal-theologischer Impulse?

Das liegt daran, dass die liberale Theologie nicht nur Demut und Dankbarkeit dem Leben gegenüber, sondern auch Freiheit und Kritik zu Haltungen erklärt, die die Religion fördert, und die es sogar ihr selbst gegenüber einzunehmen gilt. Die liberale Theologie vertritt die religiöse Autonomie jedes und jeder einzelnen. Sie hält dazu an, das Kriterium der subjektiv empfunden Lebensdienlichkeit gegenüber allen von außen und oben herangetragenen Ansprüchen auf Belehrung im rechten Glauben und Leben anzuwenden.

Diese souveräne Haltung der eigenen Religion gegenüber, so meinen viele Kirchenleitende, untergrabe die kirchliche Autorität und öffne der subjektiven Beliebigkeit Tor und Tür. Man muss der Gerechtigkeit halber aber auch sagen, dass sich in der pastoralen und seelsorgerlichen Praxis weithin diese Orientierung an der Subjektivität durchgesetzt hat. Absolute Geltungs- und Wahrheitsansprüche werden kaum noch erhoben. Dass etwas in der Bibel steht, gilt nicht per se schon als Argument. Religiöse Rede muss durch das Nadelöhr der jeweils eigenen Einsicht in ihre Wahrheit. Dann erst – und so verfährt heute jede verständnisvolle pastorale Praxis –, wenn die religiöse Rede subjektiv einleuchtet und sie mich in meiner Lebenssituation zu stärken, zu trösten, aber genauso auch zu kritischem Widerstand zu ermutigen vermag, sind wir bereit, sie für uns anzunehmen.

Auch wenn die pastorale Arbeit im Grunde sich längst auf das liberal-theologische Paradigma umgestellt hat, stimmt diese Weite und Offenheit in der pastoralen Praxis immer noch nicht mit dem öffentlich kommunizierten theologischen Selbstverständnis der Kirche zusammen. Dieses verlangt nach wie vor, von absoluten Vorgaben her zu denken, dem Wort Gottes, der biblischen Offenbarung, den Dogmen und Lehrgebäuden. Auch die dezidiert kirchlich arbeitende Theologie bezieht ihren kirchlichen Einfluss immer noch sehr stark aus ihren Anstrengungen, die Aufgabe der Auslegung und Anwendung der autoritativen kirchlichen Vorgaben wahrzunehmen.

Dass es in der seelsorgerlichen Praxis in erster Linie darauf ankommt, nicht Texte, auch nicht die heiligen Texte, sondern das Leben zu verstehen, das hat in die Selbstauffassung der Kirche zu wenig Eingang gefunden. Auch verunsichert eine solche Selbstbeschreibung immer noch und wird als Bedrohung der Identität und des Auftrags der Kirche gesehen.

3.Wenn die offiziellen Kirchen und Gemeinden in Deutschland – im Unterschied zu den Niederlanden – so viel Ausgrenzung liberal – theologischen Denkens betreiben: Müssten wir, das sage ich auch als liberal-theologischer Journalist, nicht viel stärker unabhängige Orte entwickeln für liberal – theologisches Arbeiten, mitten im kulturellen Geschehen, im Dialog mit sich säkular verstehenden Menschen? Mit anderen Worten: Führt das liberal – theologische Denken nicht auch von selbst über die etablierten Kirchenorganisationen hinaus zu einer neuen religiösen Weite? 

Auch da würde ich zunächst sagen, dass das ja längst auch geschieht. Die religiösen Themen werden überall in der Kultur verhandelt. Kultur ist ja das, womit wir dem Ausdruck geben, was uns bewegt und beschäftigt, was uns bedrängt, weil unsere eigene Identität daran hängt und womit wir doch nicht fertig werden – im persönlichen Leben, in der Gesellschaft, in der Politik. Das alles findet aber auch Eingang in das Engagement so vieler Menschen, sei es durch ihre Mitarbeit in NGOs oder auch durch die verantwortliche Ausübung ihrer beruflichen oder ehrenamtlichen Arbeit. Sie unternehmen dieses Engagement, weil sie ihren Vorstellungen vom guten Leben folgen. Sie gründen Initiativen oder schließen sich solchen an, in denen sie den Kampf für mehr Humanität und die Durchsetzung der Menschenrechten aufnehmen, – denken wir nur noch einmal an die „Willkommenskultur“ im Sommer und Herbst 2015.

Die Weite liberal-theologischen Denken zeigt sich gerade auch darin, dass wir, sofern wir ihm folgen, nicht meinen, wir müssten alle diese Initiativen und Aktivitäten im christlichen Geist der Freiheit und der Menschlichkeit in die Kirche zurückführen oder an sie anbinden. Eine starke Kirche liegt überhaupt nicht im liberal-theologischen Interesse. Ihm geht es am Ort des einzelnen Menschen um die Ermöglichung einer freien und selbstverantwortlichen, in dem allem aber auch gelassenen Einstellung zum Leben.

Copyright: Prof. Wilhelm Gräb und Religionsphilosophischer Salon Berlin

Sollen wir an der Idee des Fortschritts auch heute festhalten? Fragen an Prof. Wilhelm Gräb

Weiterdenken:

Die Fragen stellte Christian Modehn.

Der Begriff Fortschritt hat heute in Europa, aber nicht nur dort, keinen guten Klang. Zu deutlich werden etwa die Nachteile des industriellen „Fortschritts“ gesehen, z.B. bei Adorno und Horkheimer. Sehr berechtigt ist sicher die Kritik an der pauschalen Ablehnung der Vergangenheit in zweifelsfrei dummen Fortschrittssprüchen „Vorwärts immer, rückwärts nimmer…“. Aber ist die heute so offensichtliche Ablehnung „des“ Fortschritts nicht zu wenig differenziert? Sollte man nicht immer sagen, in welcher Hinsicht, Rücksicht, es doch auch heute noch Fortschritt gibt und geben sollte?

Die Kritik des Fortschritts lebt ja tatsächlich immer noch von den Motiven, die Adorno und Horkheimer in der „Dialektik der Aufklärung“ (1944) während ihres amerikanischen Exils und unter dem Eindruck der totalitären Herrschaft der Nazis gegen das allein auf den ökonomisch-militärischen Komplex gerichtete Fortschrittsdenken vorgebracht haben. Die Kritik des Fortschritts gilt seither, und das zurecht, einer oft rücksichtslosen, von Wissenschaft, Technik und kapitalistischer Ökonomie vorangetriebenen Naturbeherrschung, der alles, schließlich auch die arbeitenden Menschen, zu Mitteln für Zwecke wird, die selbst kein Gegenstand von Reflexion, Diskussion und Kritik mehr sind. Diese Fortschrittskritik ist nach wie vor berechtigt, als Kritik einer „instrumentellen Vernunft“, die sich dominant an technischen Neuerungen und ökonomischen Produktivitätsraten orientiert, aber die Fragen nach dem allgemeinen Wohl und die desaströsen Folgen des ungehemmten Ressourcenverbrauchs für die nachkommenden Generationen ausklammert.

Diese Kritik ist ja auch in Öffentlichkeit und Politik angekommen. Obwohl der Begriff des Fortschritts immer noch vor allem an ein „immer mehr“, „immer größer“ „immer besser“, „immer weiter“ denken lässt, hat in gesellschaftliche Debatten durchaus Eingang gefunden, dass es neben Wissenschaft, Technik und Ökonomie weitere wichtige Dimension des Lebens gibt, wo Fortschritte im Sinne von Verbesserungen durchaus wünschenswert sind und zurecht auch angestrebt werden.

Der Fortschritt in Wissenschaft, Technik und Ökonomie ist ja auch gar nicht aufzuhalten. Was wir daher brauchen, sind gesteigerte Aktivitäten und Reflexionen dort, wo es darum geht, was wir mit all den Fortschritten in Wissenschaft, Technik und Ökonomie anfangen, somit, wie wir eigentlich leben wollen.

Fortschritte der diskursiven und moralischen Vernunft braucht es. Für sie sollten wir uns engagieren, was viele ja auch tun, dort, wo die ökologische Nachhaltigkeit unseres Wirtschaftens zur Debatte steht, die Steigerung der Lebensqualität auch der bislang Marginalisierten, die weltweite Durchsetzung der Menschenrechte, die Achtung vor der unverletzlichen Würde jedes Menschen. Es ist schon einiges geschehen, denken wir an die gesetzliche Abschaffung der Sklaverei und die Ächtung der Folter. Aber es ist eben noch längst nicht genug geschehen und der Rassismus lebt wieder neu auf, auch in unserem Land.

Wir leben in einem Europa, in dem populistische Parteien die demokratischen Werte von Toleranz, Meinungsvielfalt, kritische Kultur in den Dreck ziehen, also Resultate der fortschrittlichen Aufklärungsphilosophie schlecht machen. Wie können die bei Vernunft gebliebenen Europäer diese Werte gegen die Reaktionären verteidigen?

Genau dadurch, dass wir einen Fortschritt reklamieren, wie ihn G.F.W. Hegel in kritischer Bezugnahme auf die Aufklärung und die Französische Revolution aufgefasst hat, dass nämlich jetzt der „Fortschritt im Bewusstsein der Freiheit“ alle unsere Anstrengungen verlangt. Es gilt die Errungenschaften einer liberalen demokratischen Kultur zu verteidigen, dafür einzutreten, dass Individualität und Pluralität respektiert werden, Fremde willkommen geheißen, Toleranz gegenüber anders Denkenden und anders Glaubenden praktiziert wird.

Die „Allgemeine Erklärung der Menschenrechte“ (1948) war die Reaktion der Weltgemeinschaft auf die Barbarei und die Gräueltaten der Nationalsozialisten. Ohne den „Fortschritt im Bewusstsein der Freiheit“, die Achtung der unverletzlichen Würde eines jeden Menschen und die Anerkennung des jedem und jeder zukommenden Rechts auf ein selbstbestimmtes Leben, wird unsere Gesellschafft die Offenheit, Integrationsfähigkeit und Veränderungsdynamik, die sie bislang auszeichnet und so lebenswert macht, nicht nur nicht steigern können, sondern zunehmend verlieren.

Die uns heute bedrängende und die medialen Debatten bestimmende Frage ist denn auch, gerade nach der Bundestagswahl am 24.9.2017, wie der tief sitzenden Fremdenangst begegnet werden kann. Auch da wird die Antwort in Richtung eines nötigen Fortschritts im Bewusstsein der Freiheit liegen. Aufgabe der Politik ist es, Fortschritte dort zu erzielen, wo es gilt, die strukturellen Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass Menschen sich nicht abgehängt fühlen, dass sich ihnen Chancen der Beteiligung an gesellschaftlichen Entscheidungen eröffnen und Chancengleichheit erreicht wird.

So jedenfalls meine Hoffnung: Wenn Menschen sich mit ihrem eigenen Leben und ihrer Lebensleistung anerkannt erfahren, verlieren sie die Angst vor den Fremden. Diese werden nicht mehr als unbotmäßige Eindringlinge, sondern als Bereicherung wahrgenommen.

Auch in den Kirchen gibt es und gab es in den letzten Jahrzehnten gewisse Fortschritte: Man denke an die Anerkennung antisemitischer Traditionen in der Theologiegeschichte; man denke an einige Reformen im römischen Katholizismus, wie die Anerkennung der Religionsfreiheit. Sie persönlich sind immer für weitere, auch dogmatische Reformen eingetreten: Welche Fortschritte in der Hinsicht wären Ihrer Meinung nach heute für die Kirchen dringend geboten?

Natürlich hängt es sehr von der jeweils eigenen religiösen und theologischen Position ab, ob bestimmte Entwicklungen als „Fortschritt“ oder als Irrweg angesehen werden. Ich selbst vertrete in der Tat die Auffassung, dass die entscheidenden Impulse zur Befreiung der Kirchen aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit dem Geist der philosophischen und theologischen Aufklärung entspringen. Die Anregungen dazu, den christlichen Wahrheitsabsolutismus aufzugeben, den Wahrheitsanspruch anderer Religionen anzuerkennen, die Menschenrechte zu achten, unabhängig von rassischen, ethnischen und religiösen Zugehörigkeiten, das alles verdankt sich Impulsen der Aufklärung.

Es gilt auch, die von Adorno / Horkheimer diagnostizierte „Dialektik der Aufklärung“ zu sehen. Aber die Konsequenz darf eben nicht sein, dabei ihre befreienden, auch die Kirchen fortschrittlich verändernden Effekte zu verkennen. Die Aufklärung leitete Prozesse der Umformung von Theologie und Kirche in Richtung der Anerkennung individueller Selbstbestimmungs- und Menschenrechte ein. Sie ermöglichte ein Verständnis des religiösen Glaubens, wonach dieser nicht die Anerkennung vorgegebener Satzwahrheiten (Dogmen) verlangt, sondern ein auf eigener Lebenserfahrung aufbauendes, vertrauensvolles Verhältnis zu Gott, dem Grund des Seins, bedeutet.

Das Verhältnis von Theologie, Religion und Politik ist allerdings kompliziert. Denn wie wir jetzt gerade wieder an Positionen in der katholischen Kirche sehen, es kann eine in der Flüchtlings- und Migrationsfrage sehr offene und vom Menschenrechtsdenken beeinflusste theologische Haltung mit einer schroffen Ablehnung des Selbstbestimmungsrechts in religiösen und ethischen Fragen – wie etwa der gleichgeschlechtlichen Partnerschaft – einhergehen. Es können unter Umständen ganz konservative, an alten Dogmen wie der Erbsündenlehre oder der Lehre vom stellvertretenden Opfertod Christi orientierte theologische Positionen dennoch mit einer Politik der Befreiung aus ökonomischer Unterdrückung und Ausbeutung korrelieren.

Ein Fortschritt in theologischer und religiöser Hinsicht liegt jedoch m.E. immer dann vor, wenn sich die Einsicht durchsetzt, dass ein souveräner Glauben möglich ist, der nicht autoritätshörig von anderen übernommen wird oder lediglich kirchlichem Gebot folgt. Dann verdankt er sich der Begegnung mit Menschen, die im Geist der Freiheit engagiert sind. „Christlich Glauben“ verlangt keine autoritätshörige Anerkennung von Satzwahrheiten und starren moralischen Gesetzen, sondern führt in die aktive Teilhabe an der von Jesus ausgehenden, der Erniedrigung des Menschen ein trotziges und mutiges Hoffnungsversprechen entgegensetzenden Befreiungsgeschichte.

Sie sind auch mit Studien über die Kirchen und Theologien in Afrika beschäftigt, etwa in Ghana. Dort erleben Sie einerseits, wie der ganze Müll und Dreck aus europäischer Computer – Technologie in Ghana miserabel entsorgt wird und wie die landesüblichen landwirtschaftlichen Strukturen dort durch europäische Importe (etwa von europäischem, meist aber minderwertigem (Hühner)Fleisch) zerstört werden. Wie können Sie sich erklären, dass so viele Menschen in Ghana doch immer noch so viel Interesse an einem doch letztlich europäisch geprägten Christentum haben?

Das ist eben nicht so! Das Christentum in Afrika ist längst nicht mehr von den europäischen Missionskirchen geprägt. Was die christlichen Kirchen in Afrika wachsen lässt und zur stärksten gesellschaftlichen Kraft macht, hängt eng damit zusammen, dass sich in den letzten 50 Jahren ein indigenes afrikanisches Christentum gebildet hat. Höchst lebendig sind zwar auch die traditionellen Missionskirchen, dies aber inzwischen vor allem deshalb, weil sie ebenfalls viel von der traditionellen afrikanischen Religionskultur und auch von den Pfingstkrichen übernommen haben.

Den pfingstlichen, charismatischen und Unabhängigen afrikanischen Kirchen (AICs) gelingt es jedoch noch viel besser, die christlichen Vorstellungen vom Heiligen Geist als unwahrscheinlicher Lebenskraft sowie das Vertrauen auf Jesus als geistbegabtem und über himmlische Kräfte verfügendem Heiler mit der die afrikanischen Kultur prägenden Weltansicht zu verbinden, in der böse und gute übernatürliche Mächte die erfahrbare Wirklichkeit durchdringen und miteinander ringen.

Mit unseren europäischen Augen mag uns vieles an dieser Religionskultur fremd erscheinen, vor allem dann, wenn wir uns von einer allzu verstandesmäßig und eindimensional verstanden Aufklärung (orientiert an der instrumentellen Vernunft) leiten lassen. Und es gibt auch nicht wenige Theologen, sowohl bei uns wie an afrikanischen Universitäten (wenn auch mit unterschiedlichen Wertungen auf den beiden Seiten), die diese afrikanische, von einem ganzheitlichen Menschen- und Weltbild geprägte, Spirituelles und Materielles verbindende Religionskultur in einem harten Gegensatz sehen zur europäischen, die historische Kritik der Bibel betreibenden und an die vernünftige Einsicht appellierenden Theologie. Gerne wird von afrikanischen Theologen ein direkter Zusammenhang behauptet zwischen dem die europäische Kultur dominierenden wissenschaftlich-technischen Rationalismus und den von Ihnen, mit ihrer Frage angedeuteten, nach wie vor verheerenden Folgen des europäischen Imperialismus und Kolonialismus.

Ein Zusammenhang ist da auch nur schwer zu bestreiten. Und dennoch gibt es interessante, bislang allerdings viel zu wenig diskutierte Gemeinsamkeiten zwischen einer aus der Aufklärung hervorgegangen rationalen, liberalen Theologie und den pentekostalen, charismatischen Kirchen, die in Afrika die meisten Menschen, und dabei besonders die Armen und Benachteiligten, erreichen. Diese Gemeinsamkeiten liegen nicht im theologischen Ausdruck des Glaubens, nicht auf der dogmatischen, lehrhaften Ebene und auch die moralischen Normen sind oft ziemlich rigide. Nimmt man nur die Satzwahrheiten, stößt man in der Tat auf harte Unterschiede.

Die Gemeinsamkeiten können wir hingegen sehen, wenn wir darauf achten, wie stark sowohl die rationale, liberale Theologie wie die pentekostalen, charismatischen Kirchen den Erfahrungsbezug des Glaubens betonen, damit die befreiende, zur Selbstbestimmung und vor allem Selbstentfaltung befähigende Kraft, die von ihm ausgeht. Gerade dann, wenn wir, belehrt durch die riskante Dialektik der Aufklärung, den jetzt notwendigen Fortschritt in der Ermächtigung zum Bewusstsein der Freiheit erkennen, in der Befähigung von Menschen, die Verbesserung ihrer sozialen und ökonomischen Lage selbst in die Hand zu nehmen, können die rationale, liberale Theologie und die pfingstlich-charismatische Bewegung durchaus zusammenfinden.

Unter dem Label einer „Befreiungstheologie“ hat man diese Zusammenhänge verschiedentlich auch zu erfassen unternommen, zumeist leider jedoch ohne die Religion der pfingstlichen und charismatischen Kirchen wirklich zu würdigen. Die „Befreiungstheologen“ grenzen sich in der Regel sowohl von der liberalen Theologie wie von den Pfingstkirchen ab. Die Pfingstkirchen bezichtigen sie, ein primär am ökonomischen Fortschritt interessiertes „Prosperity Gospel“ zu predigen. So verkennen sie, dass viele von ihnen eine ganzheitliches, auf ein erfülltes Leben ausgehendes Verständnis des Evangeliums (Human Florishing) propagieren und einen Fortschritt wollen, der auf die Förderung sowohl des spirituellem wie des materiellem Wohlergehens zielt. So treten sie, als Stimme der Armen, für mehr Chancengleichheit und Befähigungsgerechtigkeit ein.

In ihrer Kritik der rationalen, liberalen Theologie übersehen die „Befreiungstheologen“ gern deren Insistieren auf der erfahrungsbasierten und Lebensgewinn verschaffende Kraft des Glaubens, verkennen das transformative Potential, das der Religion im Unterschied zur Moral innewohnt.

Diese Antwort ist jetzt etwas allzu lang ausgefallen, aber das liegt daran, dass ich von meinen Feldforschungen bei den pfingstlichen und charismatischen Kirchen in Ghana noch ganz erfüllt bin. Vielleicht können wir diesem Thema bald mal noch ein weiteres Interview widmen.

Copyright: Prof. Wilhelm Gräb, Berlin

 

Zwischenräume schätzen lernen: Interview mit Prof. Wilhelm Gräb

Weiterdenken: Zwischenräume schätzen lernen.

Die Fragen stellte Christian Modehn

Die Ferien sind Unterbrechungen im Alltag. Wir finden uns in einem zeitlichen und räumlichen „Zwischen“ wieder: Der Alltag liegt hinter uns und was nach den Ferien kommen wird, ist letztlich nicht genau bekannt, selbst wenn es irgendeine Form des Vertrauten hat.  In diesem „Zwischen“ liegt ein eigener Charme. Das Zwischen ist ja keine banale „Verschnaufpause“. Es geht um Wesentlicheres: Ist unser Leben im ganzen ein „Zwischen“, hineingesetzt zwischen Geburt und Tod? Halten Sie diese Frage eigentlich für sehr fromm oder gar antiquiert? Oder hat sie heute eine hilfreiche Bedeutung?

Ich mache im Urlaub, in dem ich jetzt auch diese Zeilen mit dem Versuch einer Antwort auf Ihre Fragen schreibe, die Erfahrung, dass sich die Zeit ungeheuer dehnt. 14 Tage kommen mir viel länger vor als dies zuhause der Fall ist. Der Rhythmus des Tages ist ein anderer, die Routinen vor allem, sie werden weitgehend verlassen. Eine Struktur zur Einteilung der Tageszeit fehlt oder muss, wenn sie jetzt überhaupt sein soll, neu entwickelt werden. Doch das eigentlich merkwürdige ist, genau diese Umstände sind es, die die Zeit lang machen. Die Zeit dehnt sich, weil wir sie in ihrem unaufhaltsamen Dahinfließen ausdrücklich erleben. Wir erleben gewissermaßen unser Erleben der dahinfließenden und zerrinnenden, ebenso aber mit Gewicht und Inhalt sich füllenden Zeit.

In den Gewohnheiten des Alltags geht die Zeit dahin, oft ist ein Tag wie der andere oder es sind die Pflichten und Geschäfte, die Sorgen und Lasten, die unsere ganze Kraft und Aufmerksamkeit erfordern. Im Urlaub hingegen kann es geschehen, dass uns das Erleben der Zeit an sich selbst bewusst wird. Dadurch spannt sie sich aus und gewinnt zugleich einen Richtungssinn. Wir blicken zurück, woher wir kommen – und schauen voraus, wohin wir gehen.

Sobald wir uns gesteigert des Richtungssinns unseres Lebens bewusst werden, liegt aber auch der Ausgriff auf dessen religiöse Deutung nahe. Woher komme ich und wohin gehe ich? Im Zwischenraum des aus dem Alltag herausgehobenen Zeiterlebens, wie ihn ein Urlaub öffnet, kann diese Frage durchaus deutlicher ins Bewusstsein dringen, womit allerdings noch nicht gesagt ist, dass die Antwort, die sich mir einstellt, einen religiösen Charakter trägt. Es ist die in der Dehnung der Zeit aufkommende Frage nach meinem Woher und Wohin jedoch genau diejenige, in der wir die Grundfrage der Religion erkennen. Von jeder Religion wird eine Antwort auf die Frage nach dem (Richtungs-) Sinn unseres Lebens erwartet. Insofern, so denke ich, kann der Urlaub durchaus zur religiösen Meditation Anlass geben oder für die religiöse Ansprache empfänglich machen. Bedenkenswert kann dann vielleicht auch die Antwort erscheinen, die der christliche Glaube auf die religiöse Grundfrage nach dem Woher und Wohin unseres Lebens gibt. Für ihn sind die Anfangs- und Endpunkte, zwischen denen unser Leben sich erstreckt, nicht mit Geburt und Tod gesetzt, sondern mit der Taufe und dem Eingang in Gottes Ewigkeit gesetzt. Gemeint ist damit, dass der Glaube dem, der ihn erschwingen kann, sein Leben mit einem hoffnungsvollen Richtungssinn erfüllt – der unendlich weit trägt, auch wenn es die Mühen des Alltags wieder zu bestehen gilt.

Wer sich auf religiöse Erfahrungen einlässt, tritt förmlich aus den Üblichkeiten des Alltags heraus. Er / sie lebt eine Unterbrechung des Alltags in einem „Zwischen“: Wer meditiert, zuhause die Bibel liest und dabei auch zur eigenen Poesie, zum Beten, gelangt, tritt in eine Art Zwischenraum: Er /sie verlässt den linearen Zeitrhythmus, erlebt nur andauernde Gegenwart: Kurzum: Ist der christliche Glaube insgesamt eine Unterbrechung alltäglicher Strukturen?

Die Frage ist vielleicht gar nicht so sehr, inwieweit wir uns auf diese Erfahrung des „In Between“, des „Dazwischen“, einlassen. Sie kommt doch relativ leicht auf, dort, wo der Alltag unterbrochen wird, wir in das Erleben der Zeit, in das Erleben unseres Erlebens, in die reale Gegenwart, hineinfinden. Schwieriger dürfte es heute sein, Verständigung darüber zu gewinnen, ob und wenn ja welche religiöse Deutung wir dem empfundenen Richtungssinn unseres endlichen Lebens geben wollen und können.

Die Kategorie der „Unterbrechung“ wählte um 1800 schon der Theologe und Philosoph Friedrich Schleiermacher, um auf human plausible Weise zu beschreiben, warum es uns gut tut, am Sonntag von der Arbeit zu ruhen und den Gottesdienst zu feiern (Urlaub als Massenphänomen gab es damals noch nicht). Die „Unterbrechung des geschäftlichen Lebens“ (Schleiermacher) sollte der Gottesdienst durch die Besinnung auf den göttlichen Seins- und Sinngrund unseres Daseins mit einem tieferen Inhalt füllen.

Das ist ein Verweis, der in der Erfahrung des „Dazwischen“ m.E. immer noch trägt. Wir brauchen die Unterbrechung unserer alltäglichen Geschäfte und Beanspruchungen, um zur Besinnung auf den Grund dessen zu kommen, was es macht, dass wir – trotz allem, was dagegen steht und uns den Mut immer wieder nehmen kann – von hoffnungsstarker Zuversicht erfüllt unser Leben führen können.

Es gibt Menschen, die religiös interessiert sind, sich aber nicht an eine Kirche binden wollen. Sie leben also in einem Zwischen; stehen mit einem Bein förmlich noch in ihrer alten Überzeugung, z.B. dem Buddhismus, mit einem anderen schon in der christlichen Welt. Und viele entscheiden sich, auf dieser Schwelle, zwischen diesen beiden „Räumen“, zu verweilen. Entsteht also, heute vermehrt, im Zwischen eine ganz eigene Lebensform und Spiritualität?

Menschen, die auf der Suche nach dem Wohin ihres Lebensweges sind und für die die Unterbrechungen des Alltags gute Gelegenheiten sind, sich auf ihr Woher zu besinnen, verhalten sich zumeist auch selbständig zu den Antworten, Hinweisen und Anleitungen, die die Kirchen und Religionen geben. Für gar nicht so wenige scheint auch etwa der buddhistische Weg attraktiv zu sein. Denn er bedeutet offenbar, sich auch noch von der Sinnfrage zu lösen, gar nicht mehr so fixiert zu sein auf Ziele, die den eigenen Einsatz zu ihrer Erreichung verlangen. Sich von all dem zu lösen, was das Begehren weckt, an nichts mehr anzuhaften, was die Offenheit für das göttliche All-Eine begrenzt, wird dann zur Daseinsmaxime. In welche Richtung die Suche auch immer gehen mag, die Situation dürfte heute tatsächlich weithin so sein, dass die religiösen Traditionen eher zu Steinbrüchen geworden sind, aus denen die, die auf der Suche nach der spirituellen Dimension ihrer Daseinsform sind, sich herausbrechen, was sie für ihre Lebensdeutung „gebrauchen“ können. Und manchmal pendeln sie dabei auch zwischen verschiedenen Steinbrüchen hin und her, um sich das jeweils für sie passende herauszusuchen.

Im Dazwischen sich zu bewegen, zwischen verschiedenen religiösen Traditionen und ihren Lebensdeutungsangeboten, kann anstrengend sein. Es gehen diesen Weg deshalb auch nur diejenigen, die fast schon zu den „religiösen Virtuosen“ (Schleiermacher) zu zählen sind. Sie aber stehen dafür ein, dass die Religionen und Kirchen nicht dazu da sind, die Menschen Glaubenszwängen auszusetzen und sie mit Verhaltensnormen zu gängeln, sondern mit einer Wahrheit zu überzeugen, die in ihrer Lebensdienlichkeit zwanglos einzuleuchten vermag. Dazu fällt mir als christlichem Theologen allerdings gleich wieder ein Bibelwort ein, das Wort Jesu aus dem Johannesevangelium: „Ihr werdet die Wahrheit erkennen und die Wahrheit wird euch frei machen.“ (Joh 8, 32).

Copyright: Prof. Wilhelm Gräb und Religionsphilosophischer Salon Berlin

Sollten nicht alle Menschen zuerst Humanisten sein? Fragen zum Kirchentag 2017 an Prof. Wilhelm Gräb

Weiterdenken:  Prof. Wilhelm Gräb im Gespräch

Die Fragen stellte Christian Modehn

1. Wer das Programm des Kirchentages in Berlin (vom 24. bis 27.Mai 2017) liest, findet in der Liste „Programm im Überblick“ auf Seite 24 tatsächlich nur zwei Veranstaltungen zum „Dialog mit humanistischen Gemeinschaften“. Man glaubt zu träumen, wenn man bedenkt, dass in Berlin mindestens jeder zweite Einwohner sich konfessionslos nennt. Unter dem Oberbegriff „konfessionslos“ finden sich Menschen wieder, die aus der Kirche ausgetreten sind, Skeptiker, Atheisten oder organisierte Humanisten. Man kann also sagen, dass mindestens die Hälfte der Einwohner Berlins (und Ostdeutschlands sowieso) nicht ins direkte Gespräch des Kirchentages einbezogen ist. Warum haben offenbar die Kirchen und die meisten Theologen Angst, mit Atheisten und Humanisten ins Gespräch zu kommen, der als expliziter Dialog selbstverständlich immer wechselseitige Lernbereitschaft voraussetzt?

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Christen im Dialog mit Buddhisten: Drei Fragen an Prof. Wilhelm Gräb

Weiterdenken: Drei Fragen an den protestantischen Theologen Prof. Wilhelm Gräb, Berlin

Warum Christen am Dialog mit Buddhisten interessiert sind.

Die Fragen stellte Christian Modehn

Das Programm des Evangelischen Kirchentags in Berlin (im Mai 2017) begrenzt sich nach meinem Eindruck sehr stark auf innerkirchliche, politische und soziale Themen. Philosophie spielt als Thema keine Rolle, dies hängt wohl mit der radikalen Abwehr des freien, philosophischen Denkens durch Luther zusammen. Bedauerlich ist genauso, dass dem Dialog der Religionen wenig Raum gegeben wird. Dialog der Christen gilt in der globalen Welt nicht nur dem Gespräch mit Juden und Muslimen, sondern auch dem Austausch mit Buddhisten. Ich habe den Eindruck, dass ein breiter Strom evangelischer Theologie insgesamt wenig Interesse hat, mit dem Buddhismus, der in Europa unter jüngeren Leuten viel Zuspruch findet, ins lernbereite Gespräch einzutreten. Ist diese Einschätzung treffend? Wenn Ja: Woran liegt dieses offenkundige evangelische Desinteresse am Buddhismus?

Ja, woran liegt das, dass der Dialog mit den Religionen und Weltanschauungen kaum eine Rolle spielt, allenfalls der Dialog mit dem Islam und dem Judentum – aber dies dann auch nur aus religions- und sicherheitspolitischen Gründen!? Warum findet der Buddhismus so wenig Beachtung, ebenso wenig wie philosophische Lebens- und Weltdeutungen, atheistische Positionen und humanistische Weltanschauungen? Mit dem allem wird auch auf dem nächsten Kirchentag Ende Mai in Berlin kein energischer Dialog geführt werden.

Warum ist das so? Ich denke, weil man in den Kirchen und zumeist auch in der Theologie den christlichen Glauben gar nicht als eine Position in den alle Menschen angehenden Fragen der Lebensdeutung und Weltorientierung versteht und zu verteidigen unternimmt. Man tritt leider nicht dafür ein, dass zunächst einmal „Glauben“ überhaupt zu uns Menschen gehört: Erstens, sofern wir uns zum Ganzen der Wirklichkeit, das unser Wissen immer übersteigt, verhalten. Und zweitens: Sofern wir über unsere eigene Stellung in diesem Ganzen und damit über die Bestimmung unseres Daseins nachdenken. Da können wir auf den Ausgriff ins Metaphysische, auf das unserem Wissen Transzendente, insofern auf das, was uns auf Glauben angewiesen sein lässt, nicht verzichten. Das gilt für alle, auch für Atheisten. Auch sie vertreten, indem sie sagen, dass kein Gott sei, eine auf metaphysische Setzungen ausgreifende Glaubensposition.

Statt sich auf solche Debatten um die religiöse bzw. weltanschauliche Dimension unseres bewussten Lebens einzulassen, dogmatisiert man in den Kirchen lieber die Säkularisierungsthese, wonach die „Gläubigen“, also jene, die nach wie vor ihren Kirchen und Religionen anhängen, der immer größer werdenden Schar der religiös Desinteressierten und Atheisten gegenüberstehen. Man redet sich ein, dass die meisten Menschen an Religion gar nicht mehr interessiert seien und beschränkt sich deshalb, die „Gläubigen“ betreffend, auf innerkirchliche Themen, und zur Gesellschaft hin darauf, dass man politische und sozialethische Themen favorisiert.

Im Grund demonstriert dieses Verhalten der Kirchen, dass man es aufgegeben hat, den christlichen Glauben selbst als Religion, d.h. als eine das Verhältnis von uns Menschen zum Ganzen der Wirklichkeit und die Sinnbestimmung unseres Daseins reflektierende Lebens- und Weltdeutung zu behaupten, plausibel zu machen und zu verteidigen – im protestantischen Raum ist dies in der Tat noch stärker als im katholischen. Man traut sich keine rationalen Argumente für den Glauben mehr zu, beschränkt seine Zuständigkeit auf die – aus welchen lebensgeschichtlichen Motiven heraus auch immer – „Gläubigen“. Man sucht diese „Gläubigen“ in ihrem Glauben durch die Einschwörung auf die traditionellen Glaubensartikel zu bestärken und zielt auf Eindeutigkeit in ethisch-moralischen Konsequenzen, die das „christliche“ Leben verlange.

Es wird nicht eingestanden, geschweige denn ergebnisoffen diskutiert, dass auch der „christliche Glaube“, wie alle Religionen, ein wagender Versuch von uns Menschen ist, uns deutend zur transzendenten, weil aufs Ganze gehenden Wirklichkeit unseres Lebens in der Unendlichkeit des Universums zu verhalten, indem wir auf biblische, kirchliche, theologische, philosophische, literarische, ästhetische, symbolische und rituelle Überlieferungen zurückgreifen. Solange die Kirchen die Religionsunfähigkeit des christlichen Glaubens demonstrieren, kann gar keine Motivation entstehen, sich mit den vielen anderen menschlichen Versuchen – den religiösen, weltanschaulichen, philosophischen Unternehmungen – deutend zur transzendenten Ganzheit unseres Daseins in der unendlichen Welt zu verhalten und damit zu beschäftigen. Das macht dann auch den sog. interreligiösen Dialog zumeist so geistesarm, dogmatisch beschränkt, moralisch eng geführt und religionspolitisch in seiner Absicht durchschaubar.

Nun ist gerade der Buddhismus in seinen vielen Spielarten so etwas wie eine philosophische, auf das Selbst-Denken setzende Religion. Er kommt ohne einen Schöpfer- und Erlösergott aus. Der Buddhismus spricht die Menschen auf das an, was sie selbst durch entsprechende meditative Praktiken, die man erlernen kann, tun können, damit sie frei oder zumindest freier werden, gegenüber dem, was sie bedrückt und belastet, worunter sie leiden und womit sie in dieser Welt nicht fertig werden. Er offeriert sich offensiv als eine bestimmte Lebens- und Weltdeutung und zeigt weite Wege, auf denen man so in diese hineinfinden kann, dann man effektiv die Erfahrung macht, wie gut es einem tut, sich zu teilen.

Man kann den Buddhismus durchaus als eine „Religion ohne Gott“ bezeichnen, eine Auffassung von der Religion als einer lebensführungspraktisch orientierenden Lebens- und Weltdeutung, die auch im Westen, also im kulturellen Einflussbereich des Christentums, immer wieder vertreten worden ist und vertreten wird. Aber solange man sich im Christentum theologisch nicht darauf einlässt, den christlichen Glauben überhaupt als eine Möglichkeit der Lebens- und Weltdeutung unter anderen zu verstehen und stattdessen Argumente dafür aufzubieten unternimmt, worin denn die Vorzüglichkeit des Christlichen im Vergleich mit dem Lebens- und Weltdeutungskonzept des Buddhismus besteht, wird das interreligiöse Gespräch keine Belebung erfahren, auch und schon gar nicht auf Kirchentagen.

Buddhistisch geprägte Meditationsformen (etwa Zen) sind weit über explizit – buddhistische Kreise hinaus beliebt, werden als Lebenshilfe entdeckt. Es ist doch wohl keine Blamage, wenn sich die Christen eingestehen: Diese Meditationsformen, auch diese Praxis der Stille und des Schweigens, haben wir nicht in unserer Tradition! Ist es tatsächlich so, dass Christen auf dem weiten Feld des Religiösen ohnehin nicht „alles“ bieten können?

Ob wir vieles von dem, was die Zen-buddhistische Meditationspraxis zu bieten hat, nicht auch in christlichen Traditionen finden können, bin ich mir gar nicht so sicher. In den monastischen Praktiken und Exerzitien finden sich auch zahlreiche Anleitungen und teilweise strenge Regel, die in die Stille und innere Einsamkeit des Weges zu Gott führen sollen. Aber es ist dort eben immer der auf diese Weise vorgezeichnete Weg zu dem Gott, der in Christus sein menschliches Antlitz gezeigt hat. Die Wendung nach innen ist zielgerichtet die Hinführung zu dem Gott, der unendlich größer ist als jedes Menschen Herz. Er ist der Gptt, der die Welt und alle Kreatur geschaffen hat und, wie christliche Spiritualität sagt, „treu sorgend in seinen liebenden Händen hält“.

Ganz anders ist die Meditationspraxis im Zen-Buddhismus. Nicht nur, dass sie in ihren, an die westliche Kultur adaptierten Formen von dogmatisch-lehrhaften Anteilen losgelöst wird. Sie ist im Unterschied zu christlichen Praktiken der Stille und inneren Versenkung gerade nicht zielgerichtet. Sie lebt von dem performativen Selbstwiderspruch, dass es ihr Ziel ist, kein Ziel zu haben, ja gerade von jeder Form der Zielsetzung, des Sich-Ziele-Setzen-Müssens und sogar des sich Ziele-Setzen-Wollens, befreit.

Damit kommt der andere lebens- und weltanschauliche Hintergrund des Buddhismus zum Vorschein. In ihm geht es nicht darum, durch die Wege nach Innen, zu einer, durch die Gründung im Göttlichen gefestigten, personalen Identität zu finden, zu gesteigerter Selbstbestimmung und Freiheit. Der Weg im Zen-Buddhismus führt vielmehr gerade zur Befreiung vom Selbst, zum Loslassenkönnen auch noch vom eigenen Selbst und dessen Wollen.

Der Buddhismus stellt eine zur Christentumskultur alternative und damit heute hochgradig attraktive Lebens- und Weltdeutung vor. Als solche gilt es, sich mit ihm aus christlicher Sicht dann auch zu befassen und die Argumente, die für das eine oder das andere sprechen könnten, auszutauschen. Das wäre ein auch intellektuell attraktiver Religionsdialog.

Ohne die Unterschiede der kulturellen Wurzeln von Christentum und Buddhismus zu verwischen: Den Christen und ihren Theologen könnte es doch gut tun, auch das buddhistisch gepflegte Nicht-Wissen gegenüber dem alles Gründenden, dem letzten Bergenden, dem Göttlichen, einzugestehen. Vielleicht treffen sich sogar christliche Mystiker (Meister Eckart) und zen-buddhistische Meister in der aktuell bedeutsamen Erkenntnis: Das Göttliche ist eigentlich Nichts, also nichts Greifbares, nichts Verfügbares?

Wenn Christen und Buddhisten in einen Religionsdialog eintreten, dass liegt es nahe, dass sie zunächst einmal darin übereinkommen: Wenn sich beide zum Ganzen der Wirklichkeit und damit zur Stellung von uns Menschen in der Unendlichkeit der Welt verhalten, dann machen sie Aussagen über etwas, vom dem wir kein wirkliches Wissen haben. Wir können uns aber gleichwohl darüber Gedanken machen und um einer bewussten Führung unseres Lebens willen sollten wir uns auch diese Gedanken machen. Es ist vernünftig, an diese Transzendenz zu denken, die unserem Wissen unzugänglich ist und immer bleiben wird, die aber dennoch in die Immanenz unseres In-der Welt-Seins gehört.

Die große Alternative im Begreifen unserer Stellung in der Welt, die sich zwischen fernöstlichem, buddhistischen Denken und dem christentumskulturellen, westlichen Denken auftut, liegt allerdings eben gerade in der Stellung, die der humanen Selbstbeziehung, der individuellen Subjektivität in unserem Selbst- und Weltumgang zukommt. Die Entgegenständlichung der Transzendenz des Göttlichen ist beiden religiösen Denkformationen gemeinsam. Sofern sie sich nur recht verstehen, wissen sie: Würden sie die Transzendenz gegenständlich denken, dann würden sie diese in die Immanenz der Welt und ihrer Erfahrungsdinge hineinziehen!

Die Differenz zum Buddhismus sehe ich darin, dass im Christlichen mein Weg in die Transzendenz, zum Göttlichen, letztlich wieder zu mir selbst zurückführt, mich mir näher bringt, als ich mir in der reflexiven Selbstbeziehung je kommen könnte. Denken wir an Augustins Confessiones, die „Bekenntnisse“. In der Besinnung auf sich selbst und sein Dasein in der Welt findet der große, von der platonischen Philosophie tief beeinflusste, christliche Theologe zu dem Spitzensatz: „Unruhig ist, Gott, mein Herz, bis dass es Ruhe findet in Dir!“. Oder denken wir auch an den Theologen im NAZI-Widerstand, Dietrich Bonhoeffer, mit seinem Gedicht, verfasst 1944 in der Gefängniszelle in Tegel. Es beginnt mit der Frage „Wer bin ich“ und endet nach langer Suche mit dem Bekenntnis: „Einsames Fragen treibt mit mir Spott, wer ich auch bin, Du weißt es, oh Gott!“

Anders läuft es, wenn ich es recht verstehe, im Buddhismus. Dort geht es nicht um die Erfahrung, dass sich mir die unbegreifliche Einheit der Wirklichkeit – und damit der Sinn und die Bestimmung meines eigenen individuellen Daseins in ihr – auf dem Wege meditativer Selbstversenkung erschließt. Es geht im Buddhismus vielmehr darum, dass ich frei werde von mir selbst und damit auch all dem, worauf mein Begehren geht, was mich an diese Welt bindet, in Freude und Leid. Dass in all den weltlichen Dingen nicht die letzte, alles bestimme Wirklichkeit liegt, somit auch nicht das, was über meine Lebenserfüllung entscheidet; sondern diese alles bestimmende Wirklichkeit liegt in dem, das unendlich über mich selbst hinaus ist. Diese Erkenntnis ist es, so scheint mir, worauf der Buddhismus hinaus will. Selbstauslöschung ist es wohl, was der Buddhist von der „Erleuchtung“ im „Nirwana“ erwartet.

Was für die eine und was für die andere religiöse Lebensdeutung spricht, welche rationalen Argumente sich für den einen oder den anderen „Glauben“ aufbauen lassen, was lebensführungspraktisch aus dem einen oder dem anderen Konzept folgt: Ich vermute, an diesen Themen sind durchaus viele Menschen, auch Christen, interessiert, auch auf dem Kirchentag im Mai in Berlin!

Copyright: Prof. Wilhelm Gräb und Religionsphilosophischer Salon

„Ich selbst bin auch der andere“. Drei Fragen an Prof. Wilhelm Gräb

„Ich selbst bin auch der andere“

Ein Interview mit dem protestantischen Theologen Prof. Wilhelm Gräb, Berlin

Die Fragen stellte Christian Modehn

„Andere“ Menschen – als „die Fremden“ vor allem – werden heute in vielen Staaten und Gesellschaften als Bedrohung erlebt. Dies kann man durchaus als die tiefste geistige Krise der Gegenwart betrachten: Man möchte „die anderen“ ausgrenzen und vertreiben. Populismus, „mein Land zuerst“ und Rassismus sind der politische Ausdruck dieser Haltung. Sie hat gewiss auch ökonomische Ursachen. Wie aber lässt sich argumentativ zeigen, dass die Zurückweisung der anderen und Fremden unser eigenes Leben selbst beschädigt?

Im Sommer 2015 waren wir positiv überrascht, angesichts der verbreiteten „Willkommenskultur“ in Deutschland. Wir beide haben damals auch einige Gespräche geführt und in der Reihe „Weiterdenken“ publiziert. Dabei ging es uns vor allem um 2 Dinge. Zum einen, dass die große Bereitschaft zur Aufnahme der Flüchtlinge und Asylsuchenden ein Gebot der Menschlichkeit ist. Wir haben uns dessen versichert, dass in einer Weltlage, in der so viele Menschen vor Krieg, Hunger und Perspektivlosigkeit über die Balkanrute bzw. das Mittelmeer ins wohlhabende und politisch gefestigte Europa fliehen, es die Menschenrechte verlangen, Aufenthalts- und nach positivem Ausgang des Asylverfahrens auch Bleiberecht zu gewähren.

Inzwischen haben sich die positive Stimmung und die große Aufnahmebereitschaft vom Sommer 2015 verflüchtigt oder fast gar in ihr Gegenteil verkehrt. Die „Willkommenskultur“ wurde durch eine Politik der Abschottung ersetzt. Der zunächst vorherrschenden Aufnahmebereitschaft treten die Angst vor den Fremden, den ethnisch, kulturell und religiös anderen entgegen. Statt den Migranten mit offenen Händen und Herzen zu begegnen, greifen in vielen Ländern des „Westens“ Kulturrassismus, Xenophobie, Islamophobie und Homophobie um sich. Es scheint eine Wende auch im Innern sich zu vollziehen, ein erneuter Wertewandel, der von den liberalen Freiheitswerten einer offenen Gesellschaft wegführt.

Wie soll man sich das erklären? Plötzlich diese verbreitete Akzeptanz einer Rhetorik der Abgrenzung und Ausgrenzung, der Verunglimpfung von Minderheiten, der Missachtung anderer Ethnien, Religionen und Kulturen! Wie kommt es, dass dies alles auf einmal wieder so viel Zustimmung findet, in allen Schichten der Bevölkerung?

Soziologische Studien haben herausgefunden, dass es nicht stimmt, was zunächst vielfach behauptet wurde, dass die sozial Benachteiligten und Abgehängten den – beschönigend „Populisten“ genannten – Rechtsradikalen auf den Leim gehen. Fremdenhass und rassistische Vorurteile stoßen bis in die bürgerliche Mitte hinein auf Resonanz. Ich erlebe es im eigenen Bekanntenkreis. Der Kulturrassismus ist gewissermaßen hoffähig geworden. Selbst einige ansonsten durchaus seriöse Politiker, Journalisten und Intellektuelle suchen nicht nur Erklärungen für dieses Phänomen, sondern liebäugeln mit dessen Rechtfertigung.

Dabei müsste eigentlich allen klar sein, dass die Ausgrenzung der Fremden und erst Recht die pauschale Zurückweisung von Asylsuchenden einer eklatanten Verleugnung des aufgeklärten Menschenrechtsdenkens gleichkommt. Viele glaubten, auch ich, dass das Wissen um die ungeheuren Verbrechen, zu denen der antisemitische Rassismus geführt hat, ähnlichen Entwicklungen für immer Einhalt zu gebieten in der Lage sei. Schließlich ist die UN-Charta von 1948 mit ihrer Erklärung der Menschenrechte unter dem Eindruck der nationalsozialistischen Gräuel auf den Weg gebracht worden.

Doch offensichtlich ist das schon wieder zu lange her oder es ist die Rede von der „Einzigartigkeit“ dieses Verbrechens zu oft und unbedacht wiederholt worden, so dass eine gewisse Blindheit gegenüber ähnlichen Entwicklungen, die längst wieder weltweit in Gang sind, eintreten konnte. Dabei haben hierzulande die liberalen Freiheitswerte für die meisten, nicht nur für Minderheiten, enorme Steigerungen an Lebensqualität bewirkt. Aber vielleicht sind auch diese Werte, wie die freie Selbstentfaltung in politischer, ökonomischer, religiöser und sexueller Hinsicht, wie die Gleichheit aller vor dem Gesetz, inzwischen schlicht zu selbstverständlich geworden.

Die Kämpfe, die deren Durchsetzung verlangt haben, werden vergessen und die Schätzung des Gewinns, der darin liegt, dass Menschen nicht mehr wegen ihrer politischen, religiösen oder sexuellen Orientierung diskriminiert werden dürfen, geht verloren. Die Anstrengungen vor allem, deren es nach wie vor bedürfte, um diese Freiheits- und Gleichberechtigungsrechte zu bewahren und fortschreitend durchzusetzen, geraten aus dem Blick.

Stattdessen fordern viele jetzt wieder die Stärkung angeblich ererbter ethnischer, religiöser und kultureller Zugehörigkeitsgefühle, gilt ihnen die Nation wieder etwas, missbrauchen sie sogar das Christentum als kultureuropäischen Identitätsmarker. Damit befördern sie zugleich die Abgrenzung gegenüber den anderen, denen, die aufgrund ihrer kulturellen Herkunft, ihrer Religion, ihrer ethnischen Einweisung nicht dazugehören und nicht dazugehören sollen – es sei denn, sie „integrieren“ sich, sie passen sich an, sich lassen sich „uns“ gleich machen. Das Fremde jedenfalls, das andere gegenüber dem eigenen, es soll verschwinden, und wenn es sich schon nicht wieder vertreiben lässt, möglichst unsichtbar werden. Man hält es nicht aus mit ihm. Dann passiert auch noch ein Terroranschlag und es wird die Angst „vor allen diesen Flüchtlingen“ immer größer. Was aber verbirgt sich hinter dieser Angst? Vom Nationalismus sprach ich schon. Sicher spielt auch ein elementarer Egoismus eine Rolle, verbunden mit der Furcht, den eigenen Wohlstand zu verlieren und die Unfähigkeit, die Freude im Miteinander Teilen zu erleben. Diese Fragen der Ethik sind ein eigenes, dringendes Thema.

Wir möchten an die philosophische Erkenntnis erinnern, die Hannah Arendt formuliert hat: „Ich selbst bin auch der andere!“ Das heißt: Ich erlebe mich in der Reflexion selbst als den anderen, den Befremdlichen, der sich gegenüber seinem Jetzt-Zustand noch anders, besser, entwickeln sollte. Wo aber gibt es noch Raum für diesen inneren Dialog?

Vielleicht ist für diesen inneren Dialog und damit die Verständigung über die eigenen Gefühle deshalb so wenig Raum, weil uns die Freiheitsgewinne zu selbstverständlich geworden sind. Die universalistischen Werte, wie Freiheit, Gleichheit, Menschwürde, wir betrachten sie gewissermaßen als unseren fraglosen Besitz. Sie sind für uns weithin nicht mehr das, was es durch uns selbst zu erkämpfen und zu verteidigen gilt, zudem für die meisten Menschen auf dieser Erde noch längst nicht eingelöst ist. Vergessen scheint, dass es die Werte sind, die für alle Menschen gelten, unabhängig von Ethnie, Rasse, Religion, Sexualität und Gender. Übersehen wird, dass sie uns verpflichten, andauernd, den Anderen und Fremden gegenüber, den Migranten, Flüchtlingen und Asylsuchenden.

Sich selbst an der Stelle der anderen zu erkennen, den anderen als Teil von sich selbst zu sehen, diese Fähigkeit scheint uns in der Tat weithin verloren gegangen zu sein. Die Erinnerung an die verheerenden Folgen des rassistischen Antisemitismus ist verblasst, ebenso die an Flucht und Vertreibung, wie sie nach 1945 Millionen Deutscher zu Fremden im eigenen Land gemacht haben.

Bei meinem letzten Besuch in Südafrika, im Februar 2017, bin ich auf eine große, vom ANC und der von ihm getragenen Regierung beförderte, von Rundfunk und Fernsehen, dem Internet und den sozialen Medien betriebene Öffentlichkeitskampagne aufmerksam geworden. Unter Berufung auf die sog. UN-Durban-Declaration von 2002 hat die südafrikanische Regierung einen mehr als 60-seitigen „National Action Plan“ (2016-2022) aufgelegt, der dazu aufruft, Rassismus, die Xenophobie und die Diskriminierung von Minderheiten, energisch zu bekämpfen. (http://www.gov.za/sites/www.gov.za/files/NAP-Draft-2015-12-14.pdf)

Detailliert wird dargelegt, was in den Jahren bis 2022 in den Schulen, Universitäten und Kirchen, den NGOs und durch alle aktiven Kräfte der Zivilgesellschaft unternommen werden sollte, um dem in der Gesellschaft nach wie vor herrschenden Rassismus, dann aber auch dem zuletzt besonders gewalttätig gegenüber Migranten aus dem ärmeren Norden Afrikas ausbrechenden Fremdenhass entgegenzutreten.

Festgestellt wird, dass Rassismus, Xenophobie und die Diskriminierung von Minderheiten ein Problem aller Gesellschaften sei. Es sei jedoch, so heißt es weiter, nun eine ganz besondere Verpflichtung der jungen südafrikanischen Demokratie, für die Verteidigung der universalen Menschenrechte, die Anerkennung der unverletzlichen Würde und die rechtliche Gleichheit aller Menschen, unabhängig von rassischen, ethnischen, religiösen Zugehörigkeiten und sexuellen Orientierungen zu kämpfen.

Ungeheuer lebendig ist in Südafrika immer noch das Wissen um die kaum wieder gut zu machenden Schäden, die der Rassismus und die Angst vor dem kulturell und ethnisch anderen und Fremden in der Gesellschaft angerichtet haben, gipfelnd schließlich in der Politik der Apartheit. Fortdauernd sind die verheerende ökonomische Ungerechtigkeit und die ungleiche Verteilung der Bildungs- und Aufstiegschancen im Land. Dass eine von rassistischen Vorurteilen und der Angst vor dem anderen und Fremden gesteuerte Gesellschaft sich am Ende selbst zerstört, ist in Südafrika so sehr im öffentlichen Bewusstsein präsent, dass eine von der Regierung gestartete Initiative zur Bekämpfung des nach wie vor existierenden Rassismus und der zunehmenden Angst vor den Fremden, auf breite Zustimmung bei vielen Akteuren in den Kirchen und der Zivilgesellschaft stößt.

Die größte Südafrikanische Kirche, die der Methodisten, hat in ihrem theologischen Ausbildungsseminar in Pietermaritzburg gerade ein Forschungs- und Fortbildungsinstitut zur Bekämpfung von Rassismus, Xenophobie und sexueller Diskriminierung eingerichtet: Das „Khoza Mhojo Centre For Social Justice And Transformation“ (http://www.smms.ac.za/khoza-mgojo-centre/)

Nach den konfliktreichen kulturellen Debatten in Europa ist klar: Der aufgeklärte Mensch muss überhaupt keine Angst haben vor Gesprächen mit anderen, Fremden und Befremdlichen. Dialog und Geduld gehören dabei wohl zusammen. Grenzen der Gesprächsbereitschaft sollte man nicht zu schnell ziehen. Wann aber können sie, förmlich als letztes Mittel, hilfreich sein?

Angst vor dem Fremden ist völlig fehl am Platz, das ist klar. Denn die Wahrung und Verteidigung der eigenen kulturellen Identität westlicher Gesellschaften, die die universalistischen Werte von Freiheit, Gleichheit und Menschenwürde in sich aufgenommen haben, ist nur möglich, wenn eben diese Werte nicht verleugnet oder gar missachtet werden. Allerdings bringt die Behauptung dieser vom Menschenrechtsdenken bestimmten kulturellen Identität auch Verpflichtungen mit sich, für alle, die sich in die von ihm bestimmte Praxis der Anerkennung einbezogenen finden. Das Menschrechtsdenken und seine universalistischen Werte verpflichten auch die, die zunächst als die „Fremden“ begegnen. Ihnen gilt das „Willkommen“. Wir brauchen das Gespräch mit ihnen, ohne das keine Begegnung, kein Kennenlernen stattfinden können. Das führt immer auch zu Auseinandersetzungen und Streit. Nicht alles will uns verständlich oder gar akzeptabel erscheinen. Doch es gilt die Anerkennung der anderen gerade in ihrem Anderssein zu lernen.

Dabei darf die Gesprächsbereitschaft, wie ich meine, so schnell kein Ende finden. Doch es gibt Grenzen. Diese sehe ich erst dort, wo diese Gesprächsbereitschaft von den anderen verweigert wird. Denn dann haben wir es mit einer Haltung zu tun, die die Bedingungen untergräbt, unter denen Offenheit für andere und Fremde möglich wird, die Liberalität im Umgang sogar mit dem uns Unverständlichen gewahrt bleiben kann. Die Grenzen der Freiheit liegen dort, wo diese anfängt, ihre Realisationsbedingungen selbst zu zerstören.

Copyright: Prof. Wilhelm Gräb, Berlin und Religionsphilosophischer Salon Berlin.