Zuflucht beim Philosophen: Der Apostel Paulus in Ephesus.

14. Jan 2017 | von | Themenbereich: Denken und Glauben, Theologische Bücher

Ein Hinweis von Christian Modehn

Luther hat wohl von dem berühmten Philosophen in Ephesus mit dem nicht gerade sympathischen Namen Tyrannus nichts gewusst. Sonst wäre sein negatives Urteil über die Philosophie im allgemeinen anders ausgefallen. Vielleicht hätten Luther und die spätere philosophiefeindliche Kirche gewusst: Philosophen waren selbst dem Apostel Paulus behilflich. Und: Die christliche Lehre lässt sich auch, freilich immer neu und deswegen immer anders, philosophisch aussagen. Das hat Luthers großer Meister Paulus ja tatsächlich selbst auf dem Areopag in Athen bewiesen.

Aber der Reihe nach: Jedenfalls war der Philosoph Tyrannus alles andere als ein „Alleinherrscher“ (im Denken), wie sein Name nahe legen könnte. Er war großzügig, gastfreundlich und tolerant. Und es gab diesen Philosophen Tyrannus wirklich: Im neutestamentlichen Buch der „Apostelgeschichte“ wird von der dritten Missionsreise des Paulus berichtet, die ihn nach Ephesus führte. Dort predigte er als Jude, der an den auferstandenen Jesus Christus glaubt, „drei Monate lang in der dortigen Synagoge“ (so Apg. 19, Vers 8). Dies muss um das Jahr 53 gewesen sein, also etwa 20 Jahre nach dem Tod Jesu von Nazareth. Zu der Zeit war die eher überschaubare Gruppe der ursprünglich jüdischen Jesus-Freunde noch stark in den Synagogen verwurzelt. Aber es gab dann schon in Ephesus um das Jahr 53 doch konfessionellen Streit, so berichtet später der Autor der Apostelgeschichte: In der Synagoge von Ephesus zeigten sich einige Juden angesichts der Predigten des jüdischen Jesus-Freundes Paulus „verstockt“, sie redeten „übel von der Lehre des Paulus“, berichtet die Apostelgeschichte, die mindestens 20 Jahre später, also sicher nach 70, verfasst wurde, zu einer Zeit also, als die ersten Christen sich von den Synagogen immer mehr lösten. Und was tat der Apostel Paulus im Jahr 53 in Ephesus, in dieser lebendigen Kulturmetropole? Er wandte sich in seiner Not, an einen Philosophen, eben an den genannten Tyrannus, und er fand bei ihm Zuflucht, zwei ganze Jahre lang!  Ob der Philosoph von Ephesus tatsächlich Tyrannus hieß oder ob da eine gewisse Distanz des Autors der Apostelgeschichte der Philosophie im allgemeinen zum Ausdruck kommt, ist ungewiss. Jedenfalls hat es diesen Obdach gewährenden Philosophen gegeben. Dazu muss man wohl wissen, dass damals Philosophen eigene, oft geräumige Häuser hatten als Treffpunkte für die philosophische Debatte unter der Anleitung eines Meisters. Der Philosoph Tyrannus stellte sich also der Konkurrenz, und ließ Paulus „täglich in seiner Schule“ predigen. „Und das geschah zwei Jahre lang, so dass alle, die in der Provinz Asien wohnten, das Wort Gottes hörten, Juden und Griechen“, so heißt es im 19. Kapitel, Vers 10. Dass damals schon eine Art hysterischer Pauluskult existierte, eine Art Heiligenverehrung zu Lebzeiten, wird ebenfalls in Vers 11 und 12 berichtet: Die fromm gewordenen Christen nutzten die abgelegten Kleidungssstücke des Apostels Paulus und „hielten diese (wie Wundermittel) über die Kranken und … die Krankheiten wichen von ihnen und die bösen Geister wichen aus“. Was dazu der Philosoph Tyrannus gesagt hat, wird nicht überliefert, aber er ließ den Apostel und dessen Kreis in seinem Haus gewähren. Das nennt man Toleranz!

Es ist schon erstaunlich, dass von dem gastfreundlichen Philosophen in Ephesus, also von Tyrannus, nichts weiteres im Detail berichtet wird. Kein Wort der Anerkennung, nichts! Selbst die heute vorliegenden historisch-kritischen Kommentare zur Apostelgeschichte erwähnen ihn oft sogar nicht. Es muss schon der frühen Kirche peinlich gewesen sein, dass ausgerechnet eine philosophische Schule zum Ort der Missionspredigt des Apostels Paulus werden konnte.

Im Kolosserbrief des Neuen Testaments, (der nicht von Paulus stammen kann, der Text wurde erst 10 Jahre nach dessen Tod geschrieben, also um das Jahr 80,) wird schon ausdrücklich vor „der“ Philosophie gewarnt. Im 2. Kapitel des Kolosserbriefes heißt es: “Seht zu, dass euch niemand einfange durch Philosophie und leeren Trug, gegründet auf die Lehre von Menschen und auf die Mächte der Welt und nicht auf Christus“: Hier wird Philosophie als Leistung der Menschen radikal der viel wertvolleren Botschaft der Kirche als „Gottes Wort“ gegenübergestellt, wie es denn auch im folgenden Vers heißt: “Denn in ihm, in Christus, wohnt die ganze Fülle der Gottheit leibhaftig“ (Vers 9). Mit anderen Worten: Wer Christus folgt, braucht keine Philosophie, und er braucht nicht zu fragen, ob denn die Bibel vom Himmel gefallen ist oder nicht auch eine Variante von Menschenwort ist, eben: Menschenwort von frommen Leuten. So ereignete sich schon im Kolosserbrief eine verhängnisvolle Begrenzung des christlichen Glaubens, die sich dann immer mehr durchgesetzt hat, bis hin zu der bis heute vertrauten Kirchenlehre: „Die Philosophie ist bloß die Magd (ancilla) der Theologie“…

Dabei hat der authentische Apostel Paulus durchaus viel von Philosophie verstanden. Bekanntlich stammte er als römischer Bürger aus Tarsus, dort erlebte er die Vielfalt philosophischer Schulen. Auf die Stoa und den Neoplatonismus haben sich später viele so genannte Kirchenlehrer bezogen und deren Begriffe (und Inhalte) übernommen. Schließlich mussten sie das Evangelium im Kontext der damaligen Kulturen aussagen. Und dieser Mix aus Neuplatonismus und jüdischem Denken wurde dann in den Glaubensbekenntnisse und frühen Dogmen festgeschrieben. Das mag für das 4. oder 5. Jahrhundert sinnvoll gewesen sein; problematisch ist, dass die Bindung an die Sprache des Neuplatonismus bis heute in den allgemeinen Glaubensbekenntnisse weiter gepflegt wird, obwohl heute kaum nich jemand in neuplatonischen Vorstellungen denkt. Wer kann sich etwas vorstellen, dass der Logos als „gezeugt aber nicht geschaffen“ zu denken sei, um nur ein Beispiel aus dem allgemeinen Glaubensbekenntnis zu nennen. Die Kirchen tun auch heute so, als gäbe es nur eine mögliche Philosophie, die für ihr Glaubensbekenntnis akzeptabel ist, nämlich die neuplatonische oder die stoische…Was sollen sich da die Inder oder Chinesen bloß denken, wenn sie etwa katholisch werden oder den Lehren Calvins folgen müssen? Es sind die Verfügungen der Hierarchie, die diese Bindung an eine veraltete Philosophie verewigt haben. Aber das ist ein anderes Thema…

Entscheidend ist: Mit seiner philosophischen Kenntnis konnte Paulus in Athen auf dem wichtigen (Gerichts-)Platz, dem Areopag, eine philosophische Predigt halten (Apg., 17, 16 ff). Interessant bis heute sind die Aussagen des Paulus dort: Alle religiösen Menschen verehren über ihren konkreten Gott noch einen unbekannten (größeren) Gott…Und Gott wohnt „NICHT in Tempeln, die mit Händen gemacht sind“. Gott braucht nicht den Dienst (den Kult) von Menschen; er ist nicht ein Gott, „der etwas nötig hätte“, „da er doch selbst jedermann Leben und Odem und alles gibt“, so in Vers 25. Das ist philosophische Religionskritik, die Paulus da bietet. Und weiter: Gott ist der Schöpfer der Welt. DESWEGEN können die Menschen als Menschen Gott suchen und finden. Und dann die entscheidenden Aussagen: “Gott ist nicht ferne von einem jeden von uns, denn in Gott leben, weben und sind wir, wie auch einige Dichter bei euch (Athenern) gesagt haben: Wir Menschen sind seines, also Gottes, Geschlecht…Wir sind göttlichen Geschlechtes“.

Welche Weite des Denkens spricht da: Der Mensch, jeder Mensch kann als Mensch Gott suchen und finden, so die Behauptung des Paulus. Seine Gnadenlehre, seine Kirchenfixierung wie im Römerbrief, dem Lieblingstext des Reformators Luthers, bleibt hier außen vor! Das heißt: Es gibt und darf theologisch auch eine Theologie geben, die für die Universalität der Gottes-Beziehungen aller Menschen eintritt und nicht kleinlich den Zugang zu Gott von der Kirchenbindung (Taufe, Rechtfertigung usw.) abhängig macht. Allerdings spricht Paulus am Ende seiner Areopag Rede dann doch von Jesus als dem von Gott Auferweckten und Auferstanden. Offenbar waren des Paulus Worte hier so ungeschickt und schon wieder so dogmatisch, dass einige Zuhörer darüber spotteten und andere sagten: “Wir wollen dich darüber ein andermal hören“…

Warum fehlten dem Apostel Paulus diese Worte: Wenn wir Menschen in Gott sind und mit ihm verbunden, eins,  sind, dann sind wir über den Tod hinaus in Gott bewahrt. Also auferstanden?

Weiter hilft die Erkenntnis, die etwa Pierre Hadot, einer der besten Kenner der griechischen und römischen Philosophie, verbreitet: Auch das Christentum ist eine philosophische „Schule“ unter anderen philosophischen „Schulen“, wobei das Christentum dann selbst mehrere Schulen umfasst. Das Christentum wurde in der Frühzeit von anderen philosophischen Schulen so wahrgenommen. Später wurden die philosophischen christlichen Schulen zu Kulttempeln mit abgehobenen und ausgesonderten Klerikern, Bischöfen usw. an der Spitze: Der treffende Gedanke des Paulus in Athen, dass Gott NICHT in Tempeln wohnt, wurde verdrängt und vergessen. Der Klerus muss sich präsentieren in seiner Macht. Dazu wurden dann schon ab dem 4. Jahrhundert prachtvolle Tempel, Kirchen, errichtet. Dass Gott zuerst und vor allem in den Herzen der Menschen wohnt, trat in den Hintergrund. Einige Philosophen und viele Mystiker-Philosophen haben diese Einsicht bewahrt.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 

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