„Skandal der Skandale“: Ergänzungen zu einem Skandalbuch von Dr. med. Manfred Lütz

Ein Sachbuch, als Bestseller?

Ein Hinweis von Christian am 28.9.2018

1.Ob das Buch „Der Skandal der Skandale“ von Manfred Lütz tatsächlich ein Bestseller mit hohen Auflagen ist, kann ich nicht belegen. Meine entsprechenden Fragen an den HERDER Verlag wurden nicht beantwortet, ebenso wurde meine Frage nicht beantwortet, ob das Buch auch in anderen Sprachen erscheinen wird.

Warum muss man noch einmal über den „Skandal der Skandale“ sprechen, erschienen Ende Februar 2018? Man tut dies eher ungern, weil jede Kritik im letzten doch vielleicht noch der „Werbung“ für ein bestimmtes Opus dient. Trotzdem: Je länger man forscht, um so mehr wird deutlich, und das ist wichtig zu zeigen, wie heute ein Sachbuch entsteht, das zudem von Anfang an als Bestseller beworben wurde Das Lütz Buch ist dafür ein klassisches Beispiel.

Die ersten Kritiken zu dem Buch „Skandal der Skandale“ wurden geschrieben: Von dem Theologen und Journalisten Christian Modehn am 6.3. 2018, danach von Prof. Herbert Schnädelbach und dem Historiker Dr. Josef Breinbauer.

Schon zur Präsentation des Buches in Berlin am 28.2.2018 hatte ich den teilnehmenden Politiker Dr. Gregor Gysi befragt, warum denn von seiner Seite aus kein kritischer kommentar zum Buch vorkam: Gregor Gysi schreibt mir am 13.3. 2018: „Sehr geehrter Herr Modehn, herzlichen Dank für Ihre Nachricht vom 6. März. Leider kam ich nicht dazu, Lütz für die Art und Weise der Schilderung der Gewalt durch das Christentum zu kritisieren. Er bagatellisiert es und versucht es regelmäßig irgendwie zu rechtfertigen. Aber während der Podiumsdiskussion wurde darauf nicht eingegangen. Ich hatte eine Rede vorbereitet, in der ich dazu Stellung genommen hätte.   Mit freundlichen Grüßen Gregor Gysi“

2.Die Buchkritik des ev. Theologieprofessors Friedrich Wilhelm Graf in der FAZ vom 23.3. 2018, Seite 14, wurden aus der website der FAZ wieder entfernt. Geblieben ist eine Zusammenfassung von „Perlentaucher“: Darin heißt es: „Friedrich Wilhelm Graf ist bloß froh, dass das intellektuelle Niveau, das Manfred Lütz in seiner Affirmationsgeschichte des Christentums an den Tag legt, nicht repräsentativ ist im deutschsprachigen Bildungskatholizismus. Peinlich findet er, wie der Autor die Kirche vom Blut der Kreuzzüge und der Gewalt gegen die Juden reinzuwaschen versucht. Schuld war immer der Pöbel und habgierige weltliche Herrscher, lernt Graf. Dass der Autor die Verwicklungen katholischer Priester in Missbrauchsskandale kritisiert, findet Graf da schon fast erstaunlich. Im Ganzen eine dürftige Apologetik, meint er, die sich auf einen naiven Wissenschaftsglauben stützt“. Quelle: https://www.perlentaucher.de/buch/manfred-luetz/der-skandal-der-skandale.html

3.Seitdem werde ich immer wieder gefragt, wie denn dieses Skandalbuch von Manfred Lütz, Dr. med. und Dipl. Theol. sowie Arzt an den Katholischen Alexianer-Kliniken in Köln, zustande gekommen ist. Lütz ist zudem eng eingebunden in das konservative katholische Netz in Köln und Aachen, etwa durch den MM Verlag. Dort gemeinsame Publikation mit Kardinal Brandmüller, einem der ärgsten Gegner von Papst Franziskus.

Lütz hat die große Studie von Prof. Angenendt „Toleranz und Gewalt“ stark bearbeitet und gekürzt hat und dann seinen Text ohne jeden Quellenhinweis publiziert hat. Bisher hat sich Prof. Angenendt nicht öffentlich zu dem Lütz Opus geäußert.

Am wichtigsten ist wohl: Lütz nennt mehrere Theologieprofessoren und Historiker im Buch selbst (S. 15): Sie hätten sein Buch vor Veröffentlichung als Fachleute gelesen.

4.Einer von ihnen ist der bekannte Historiker Prof. em. Heinz Schilling, Berlin. Er antwortete auf meine Frage, ob er denn, wie Lütz behauptet, den Buch – Text gelesen habe, am 21.9. 2018:

„Kurz, da im Ausland auf Exkursionen: Nein, ich hab den Text NICHT gelesen, nur kleine Auszüge vor dem Druck gesehen. Als ich das Buch und insbesondere die völlig unangemessene Präsentation durch Dr. MED. Lütz sah, war ich entsetzt und habe beim Verkauf unter Protest mein „BLURB, also mein Statement auf dem Klappentext des Buches, zurückgezogen. 

Freundlich grüßend Heinz Schilling“ (siehe weiter unten: In einem Leserbrief behauptet Lütz nach wie vor: Vier protestantische und katholische Historiker haben den Text des Buches korrekturgelesen…)

Das „BLURB“ ist immer noch auf der Rückseite des Buches präsent.

Es haben auch etliche katholische Theologieprofessoren – angeblich -das Werk von Lütz vor der Drucklegung gelesen. Z.B. Prof. Bertram Stubenrauch, Uni München. Er schrieb mir zu meiner Frage, freundlich, aber eher ängstlich und etwas kryptisch: „Ich bitte im Verständnis, dass ich mich hinter dem Rücken von Herrn Lütz weder zu seiner noch zu meiner Arbeitsweise bezüglich des Buches äußere. Aber darf ich eine Bitte anschließen? Wie bei jedem Buch steht das Mittel akademischer Kritik jederzeit offen und ist ja erwünscht. Wenn Sie dazu beitragen, dass dies in aller Deutlichkeit und Fairness geschieht, wird man dem Buch sicher am Besten gerecht“.

Ich interpretiere diese Zeilen so: Entweder sind Stubenrauch und Lütz irgendwie befreundet. Oder Prof. Stubenrauch ist nicht sehr motiviert einzugestehen, dass er den Text von Lütz gar nicht oder kaum gelesen hat. So ist es nun mal mit dem Verständnis kryptischer, aber freundlichen Antworten.

5.Immerhin hat der katholische Politologe und einstige ZK Chef der deutschen Katholiken, Prof. em. Hans Maier kritische Töne zu dem Buch von Lütz in „Christ in der Gegenwart“ veröffentlicht. Nur ein Satz aus der Rezension vom 8.4.2018: „Auffällig sind zeitliche und sachliche Lücken“

Manfred Lütz hat selbst leidenschaftlich für sein Opus geworben. Auf meine knappe Kritik in PUBLIK Forum reagierte er doppelt: Durch häufiges dringendes Anrufen in der Redaktion, doch eine Gegendarstellung schreiben zu dürfen. Nach Ablehnung durch die Redakion veröffentlichte er einen Leserbrief (in Heft 7/2018, Seite 64) und entdeckte in meinem Text „böswillige Absicht“. In diesem Leserbrief schreibt Lütz ausdrücklich: „Vier protestantische und katholische Historiker haben es korrekturgelesen“, Was ja nicht ganz stimmt, siehe die Stellungnahme des Historikers Prof. Schilling Nr. 4 in diesem Text. Mit anderen Worten: Darf man sagen: Lütz lügt ?

6. Offenbar hat Lütz auch in der Wochenzeitung DIE ZEIT auf einer Rezension „bestanden“, die dann ein fast ein halbes Jahr (!) nach Erscheinen des Buches am 6. September unter dem Namen Jens Jessen veröffentlicht wurde, diese Rezension ist eine Lobeshymne, die offenbar und vermutlich Lütz selbst weitgehend verfasst hat.

7.Dokumentiert werden muss noch die Tatsache, dass es durch seine engen Kontakte zur offiziellen katholischen Kirchenführung in Köln gelungen ist, aus seinem Buch „Skandal der Skandale“ sogar im Rahmen der kirchlichen Verkündigungssendungen vorzulesen.

Dazu hat mir eine Hörerin dieser Sendungen auf WDR 2 und WDR 4 geschrieben. Nur ein Auszug aus den mails von Monika Nitsch vom 20.9. 2018 an mich: „Der WDR 2 und 4 hatte vierzehntägig freitags über sechs Wochen (Juli/August 2018)  Morgenandachten von und mit Herrn Lütz (Sprecher) zu den Themen seines Skandal-Buches. Dabei bezog er sich expressis verbis auf sein Buch und zu den jeweiligen Andachten war sein Buch im Internet auf der WDR-Seite (Kirche Im WDR) groß abgebildet. Mein Protest nach der ersten Sendung bei dem Rundfunkbeauftragten blieb ohne Resonanz, so dass ich nach der zweiten Andacht mich schriftlich wieder an den Rundfunkbeauftragten und den WDR-Rundfunkrat wandte. Eins meiner Argumente war, dass es nicht sein könne, eine Buchwerbung in einer Sendung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks zu machen.

Von meiner inhaltlichen Kritik an Lütz‘ Buch wollte man nichts wissen („Sind Sie Historikerin?“).  Die Morgenandachtsreihe wurde nicht aus dem Programm genommen, jedoch nannte Lütz sein Buch nicht mehr in seinen Sendungen und der WDR bildete das Buch nicht mehr an den Andachtshinweisen ab. Wie kann es angehen, dass Medien so unverhohlen Werbung für diesen Skandal machen?

Dann ergänzte Monika Nitsch später Ihre Mail, sie verwies auf Ihre (portestierende) Korrespondenz mit dem WDR Rundfunkrat… Und fährt dann fort:

„Auf die Beiträge von Lütz habe ich so direkt (und persönlich betroffen) reagiert, weil wir in unserer Arbeitsgemeinschaft der Solidarischen Kirche im Rheinland über das „Skandal“-Buch gesprochen hatten. Unser Mitglied, das darüber referiert hat, war von Günter Wallraff gebeten worden, eine Rezension zu diesem Machwerk zu schreiben. Unser Historiker und Theologe hat sich dermaßen über die Verfälschungen aufgeregt, dass er ernsthaft erkrankt ist!

Lütz‘ Morgenandachten und der darin verkündete Wahrheitsanspruche sind eine bewusste Irreführung der Öffentlichkeit, offensichtlich mit dem Segen verantwortlicher Stellen in der katholischen Kirche und im WDR.

Dieser Infiltration der veröffentlichen Meinung muss entschieden entgegen getreten werden. Monika Nitsch“.

8.Das Buch „Skandal der Skandale“ verdient doch noch journalistisch – kritische Aufmerksamkeit: Weil im Rahmen einer Recherche sichtbar wird, wie heute ein Sachbuch entstehen kann. Und wie durch allerhand z.T falsche Behauptungen („Korrekturlesen durch Historiker“) der Eindruck der Seriosität geweckt wird. Und wie ein konservativer gut etabliert – katholischer Autor sich in der tiefsten Krise des Katholizismus heute förmlich getrieben fühlt, mit aller Bravour eine Apologie des Katholizismus zu schreiben …und dieses Opus von vornherein als Bestseller darzustellen. Als wäre die Kategorie „Bestseller“ von vornherein ein Zeichen für gute Qualität.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

 

 

 

Die Irrtümer des Manfred Lütz in seinem Buch „Skandal der Skandale“: „Auf hohem Ross reitend und besserwisserisch“…

Ein Beitrag des Historikers Dr. phil. Josef Breinbauer.

Das von einigen Stellen mit viel Lorbeeren bedachte Buch von Manfred Lütz, kann nicht unwidersprochen bleiben. Sein durch fromme Scheuklappen eingeengter Blick lässt ihn viel, was er mit seiner Argumentation nicht als kompatibel empfindet, unter den Teppich kehren.

Im Lob von Toleranz und Gewaltlosigkeit der Christen (S. 35 ff.) kann sich Lütz kaum eingrenzen. Doch nicht einmal untereinander kamen die Christen ohne Gewalt aus. Natürlich bleibt daher bei ihm unerwähnt, dass bei der Papstwahl im Jahre 366 die Leute des dann erfolgreichen Damasus eine Kirche stürmten und darin 137 Anhänger seines Rivalen Ursinus umbrachten. Auch die sog. „Räubersynode“ von Ephesos (449) kann nicht gerade als Muster des respektvollen Umgangs der Christen miteinander gewertet werden. Skandale gibt es für Lütz aber erst nach der Jahrtausendwende. „Und wenn das Ende der Welt damals gekommen wäre, müssten wir uns bei der Bilanz des Christentums nicht mit den klassischen Skandalen aufhalten, denn es gab sie nicht. Es gab in den ersten tausend Jahren des Christentums weder Kreuzzüge noch Inquisition oder Hexenverfolgungen, auch keine Pogrome und eben so wenig eine dauerhafte Kirchenspaltung mit der Ostkirche. Man erwarb sich Verdienste bei der Humanisierung der Barbarei…..“( S.63 f.). Allein schon das frevelhafte Handeln von Papst Stephan VI. gegen seinen Vorgänger Formosus auf der Leichensynode von 896/97 macht eine solche Behauptung unglaubwürdig. Fehlanzeige auch der kirchliche Rangstreit 1062/63, als sich in Goslar die Leute des Bischofs von Hildesheim und die des Abtes von Fulda in der Kirche gegenseitig die Köpfe einschlugen, bis feststand, wer neben dem Mainzer Erzbischof sitzen darf. Lampert von Hersfeld, Annalen a. 1063: …multi utrimque vulnerati, multi occisi sunt…Mit der Solidarität der Glaubensbrüder untereinander war es also noch nicht so gut bestellt wie es uns Lütz glaubhaft machen will. Und wenn es ums Geld geht, hört die Friedensliebe der Christen auch gegenüber anderen Christen rasch auf: Siehe Eroberung von Zara beim Kreuzzug (1202).

Auf Seite 44 unterstellt Lütz dem Kaiser Konstantin, der sich erst am Ende seines Lebens taufen ließ, dass dieser im Sinne der Gewaltlosigkeit des Christentums handeln wollte. Ob das Licinius, Fausta und Crispus, denen er zu einem vorzeitigen Tod verholfen hat, auch so sehen, dürfte fraglich sein. Nicht zu vergessen, dass der Christengott für Konstantin zunächst ein Schlachtenhelfer war. Bei der Regelung der Osterfrage hatte Konstantin auch ein paar „Streicheleinheiten“ für die Juden übrig: „Nichts sei uns gemein mit dem feindlichen Volk der Juden!“

Bei der Ketzer- und Hexenverfolgung (Kapitel IV bzw. VI) hält Lütz den Anteil der Päpste möglichst gering, obwohl diese den Inquisitoren die gewünschte Autorität verliehen. Konrad von Marburg (S. 109 f.) wütete demnach eigenmächtig gegen Ketzer und sei auf die geschlossene Gegenwehr der Bischöfe gestoßen. Nach Konrads Ermordung 1233 sei Papst Gregor entsetzt gewesen, auch über das Vorgehen des Inquisitors. Dass ihm der Papst zuvor am 11.10.1231 die volle Gewalt, ohne Zulassung einer Appellation mit Prozessen gegen die Häretiker in Deutschland vorzugehen, übertrug, fällt bei Lütz unter den Tisch. Vgl. NDB, Bd.12, S. 545. Auch die päpstlichen litterae „Vox in Rama audita est“ von 1233, in denen die „luziferianischen“ Initiationsriten geschildert werden, bleiben unerwähnt. Konrad hatte die Phantasiekonstruktionen dem Papst übermittelt. Dem Handeln nach muss Gregor IX. diese für wahr gehalten haben. Ähnlich sparsam mit Informationen geht Lütz (S. 153) beim Hexenhammer (1487) um. Heinrich Kramer, „ein windiger deutscher Dominikaner“ habe sich vorher geschickt bei der päpstlichen Bürokratie ein „routinemäßiges Dekret“ besorgt und dann sein Machwerk gebastelt. Jetzt darf der Leser raten. War das nicht die berüchtigte Bulle „Summis desiderantes affectibus“ des Papstes Innozenz VIII., der sich zum Eingreifen verpflichtet fühlte ? Die in diesem Dokument von 1484 aufgeführten Untaten erklärte Innozenz als Tatsachen, deren Realität man nicht bezweifeln durfte. Für Lütz ist all das keinen Federstrich wert.

Sicherlich ist de Las Casas ein rühmliches Beispiel für die kath. Kirche. Gerne habe ich schon als Schüler Reinhold Schneider, Las Casas vor Karl V. gelesen. Stolz schreibt Lütz auf S. 188: „Die Päpste blieben bei ihrer strikten Verurteilung der Sklaverei.“ Er nennt dabei Urban VIII. (1568-1644) als seinen ersten Gewährsmann. Kein Wort fällt allerdings zu Nikolaus V, der gut hundert Jahre früher dem König von Portugal in der Bulle „Dum diversas“ (leicht im Internet zugänglich) die Vollmacht verlieh, heidnische, ungläubige Reiche, Ländereien… anzugreifen, zu erobern oder zu unterjochen, die Personen für immer in Knechtschaft zu halten…“ Erwähnen können hätte man in diesem Zusammenhang auch den römischen, also nichtchristlichen Philosophen Seneca, der in seinen Epistolae morales 47 entgegen dem damaligen mainstream die Sklaven als Menschen ansah (servi sunt, immo homines).

Das Kapitel um die Unfehlbarkeit des Papstes wird ziemlich flach abgehandelt (S. 198-202). Lütz kommt dabei aus ohne Konstantinische Schenkung, ohne Honorius-Frage, ohne Sutri (1046) und ohne Konziliarismus, welcher 1417 mit Martin V. dem Papsttum einen Neustart ermöglichte. Dieses war dann bedacht, konziliare Fesseln alsbald abzustreifen. Nach katholischer Lehre könne ein Papst nicht eine neue Lehre, die ihm irgendwie gefällt, zum Dogma erheben (S. 200). Da wäre nun eine Erläuterung fällig zu Kapitel IV der dogmatischen Constitution „Pastor aeternus“, wo es heißt: „..ideoque ejusmodi Romani Pontificis definitiones ex sese, non autem ex consensu Ecclesiae, irreformabiles esse“. In diese Zeit von Pius IX. gehört auch dies hinein: Der Skandal um die Nonnen von Sant‘ Ambrogio. Was Hubert Wolf ausführlich beschrieben hat, kann natürlich bei Lütz keine Erwähnung finden. Der Gipfel von Heuchelei aber ist es, wenn Joseph Kleutgen, der sich als Beichtvater der Nonnen zu deren hübschesten ins Bett gelegt hatte, sich später in einer Predigt an die studierende Jugend wendet und die Unkeuschheit als Weg zur Hölle anprangert (Predigten von Joseph Kleutgen, Zweite Abtheilung, Pustet Verlag 1874, S. 99-117). Unbequemen Wahrheiten muss man einfach aus dem Weg gehen.

Beim Thema „Frau“ ist der Autor voll des Lobes für die emanzipatorischen Leistungen der kath. Kirche. Zunächst heißt es auf S. 29 ganz allgemein : „Noch ein anderer Keim ist im Monotheismus angelegt. In den kosmologischen Religionen der Vorzeit entspricht der Mann gewöhnlich der Sonne und die Frau dem Mond, womit Letztere immer nur ein Abglanz ist und nie Gleichberechtigung erhält. Hingegen spricht ihr der Monotheismus dieselbe Menschenwürde zu.“  Gegen Frauen im Dienst am Altar schritten Papst Gelasius (ep. 14,26) und später das Konzil von Paris (829) vehement ein. Logischerweise übergeht Lütz bei seiner Zitation von Paulusstellen jene in 1Kor11,7, wonach der Mann Abglanz Gottes ist, die Frau aber nur Abglanz des Mannes. Dementsprechend heißt es im maßgebenden Decretum Gratiani C.XIII. …ideoque mulier non est facta ad Dei imaginem…Diese nachgeordnete Gottebenbildlichkeit begegnet auch noch beim Brautsegen im Schott/ Das vollständige Römische Meßbuch, mit imprimatur von 1958, [125]. Was der heilige Abt Odo von Cluny, gest. 942, in diffamierender Weise über das weibliche Geschlecht sagt, ist schon mehr als skandalös. Könnte man unter die Haut sehen, würde man sich ekeln, da man nur Schmutz und Schleim vorfände (PL 133, Sp. 556). Nach Lütz sei aber die Kirche keineswegs sexualfeindlich (S. 261) und habe immer wieder prüde Sexualitätsgegner bekämpft (S. 263). Ob für ihn Abt Odo und Petrus Damiani zu diesen gehörten, erfahren wir leider nicht. Letzteren vermisst der kundige Leser auf S. 259. Dieser Heilige und auch Kirchenlehrer war energischer Vertreter der Kirchenreform und gestrenger Verfechter einer restriktiven Sexualmoral, nicht nur im Sinne der Durchsetzung des Zölibats für Priester. Mit seinen putzigen, am Tierreich orientierten Vorstellungen von Sexualität ( PL 145, Sp.777:…admiremur fecundam in vulturibus virginitatem. Perhibentur enim vultures caeterum avium more concubitui nullatenus indulgere, sed absque ulla prorsus masculini sexus admistione concipere…) passt er nicht in die Behauptung von Lütz. Auf S. 266 gelangt der Autor zu der erstaunlichen Feststellung, der hl. Alphons von Liguori, der Patron der Beichtväter, habe dazu geraten, „dass die Priester bei der Beichte in sexuellen Dingen nicht weiter nachfragen sollten.“ Wozu aber hat dieser dann sein großes Werk, die „Theologia moralis“, geschrieben? 1748 erstmals erschienen und dann über 70mal wieder aufgelegt! Sein Ziel war es, gute Beichtväter heranzubilden, die den Grad der Sündhaftigkeit aller möglichen sexuellen Handlungen beurteilen können. Mit Details wird bei Liguori nicht gespart. Seine Einstellung zum Sextum wird schon im ersten Band deutlich: „Nur mit Widerwillen schreiten wir jetzt zur Behandlung jenes Gegenstandes, dessen Name schon die Geister der Menschen unangenehm berührt….Doch diese Sünde muss nur allzu häufig und allzu reichlich Gegenstand der Beichten werden. Gerade ihretwegen wird der größte Teil der Verdammten in die Hölle gestürzt.“(zitiert nach Karl-Heinz Kleber, De parvitate materiae in sexto, S. 275). Dass die Kirche keineswegs sexualfeindlich und prüde sei, lässt sich nach Lütz (S. 261) an Papst Johannes XXI. aus dem 13. Jahrhundert ablesen, der für das Edelste, was es in der Ehe gebe, den Geschlechtsverkehr, offen ins Detail geht. Etwa 400 Jahre später verurteilt aber Innozenz XI. folgenden Satz: Opus conjugii ob solam voluptetem exercitum omni penitus caret culpa ac defectu veniali.“ Inwieweit das nun eine lässliche oder schwere Sünde ist, auch darüber muss Alphons von Liguori Rat geben.

Was Lütz zum Nationalsozialismus schreibt, bleibt ebenfalls geschönt. Von Brückenbauern wie Karl Adam, Joseph Lortz oder Michael Schmaus nimmt er natürlich Abstand. Um sein Bild des Katholizismus in der NS-Zeit nicht trüben zu müssen, liest man bei ihm weder vom „Bekenntnis der Professoren an den deutschen Universitäten und Hochschulen zu Adolf Hitler und dem nationalsozialistischen Staat“, welches die Philosophisch – Theologischen Hochschulen Bayerns 1933 unterzeichneten, noch vom „Handbuch der religiösen Gegenwartsfragen“, hrsg. mit Empfehlung des deutschen Gesamtepiskopats von Erzbischof Conrad Gröber (1937). Vom kath. Feldgesangbuch von 1939 und diversen Hirtenbriefen deutscher (Erz-)Bischöfe aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs hat Lütz offensichtlich keine Ahnung Am Erscheinungsort seines Buches hat 1940 der damalige Erzbischof ein Hirtenwort an die Soldaten im Feld gerichtet unter dem Motto: „Arbeite als ein guter Kriegsmann Christi“. Dessen Paderborner Amtskollege stellt zu Beginn der Fastenzeit 1942 in einem Hirtenwort die rhetorische Frage, ob nicht das arme, unglückliche Russland Tummelplatz von Menschen sei, „die durch ihre Gottfeindlichkeit und durch ihren Christenhaß fast zu Tieren entartet sind.“ Das liest sich konträr zu dem, was Lütz auf S. 213 hervorhebt: „Den Christen verbot die Überzeugung von der Gottebenbildlichkeit jedes Menschen den Gedanken „minderwertiger Rassen:“ “

Fazit: Manchmal fragt man sich schon, wie klar oder unklar der Kenntnisstand von Herrn Lütz ist. Es ist tröstlich, dass sich viele seiner Aussagen problemlos zurechtstutzen lassen. Von dem hohen Ross, auf dem er besserwisserisch durch die Kirchengeschichte reitet, kann man ihn leicht herunterholen.

Manfred Lütz, Der Skandal der Skandale Die geheime Geschichte des Christentums, Verlag Herder, Freiburg im Breisgau 2018, 286 S. , ISBN 978-3451-37915-4, gebundene Ausgabe 22 €.

COPYRIGHT: Dr. phil. Josef Breinbauer

Manfred Lütz und die Juden in seinem Buch „Skandal der Skandale“

Ein Hinweis von Christian Modehn am 16. 4. 2018

Einige LeserInnen meines Beitrags auf dieser website haben mich gefragt, was denn eigentlich der problematisch wirkende Satz von Lütz auf Seite 31 in seinem Buch „Skandal der Skandale“ bedeuten könnte.

Sie zitierten dann diesen Satz: „Der amerikanische Politologe Gary Remer ist sogar der Meinung, hätte im Mittelalter ein jüdischer Staat bestanden, dürften manche Heiden der Verfolgung ausgesetzt worden sein“. Nur das von mir kursiv Gesetzte stammt von Gary Remer. Der erste Teil des Satzes, der Hauptsatz, stammt von Herrn Lütz.

Mein Hinweis: Die Interpretation dieses Satzes erschließt sich wie so oft nur aus dem Kontext: ENTSCHEIDEND ist der Gesamtzusammenhang, in dem das Zitat von Gary Remer steht:

Denn einige Zeilen vor dem Zitat von Gary Remer spricht Lütz von der politischen Rolle des Judentums in der Geschichte: Das Judentum war als Minderheit nirgendwo eine dominante Religion, schreibt Lütz. Dann schreibt er wörtlich „Wie aber die jüdische Existenz stets eine geschlagene war, so blieb sie doch lange vor einer Herausforderung bewahrt: Der Toleranz-Gewährung“. Das heißt also: Die Juden kamen historisch nie in die Lage, anderen Toleranz zu gewähren… Diesen Hauptgedanken variiert Lütz noch einmal wörtlich: „Nicht weniger absolut als die beiden anderen Monotheismen, musste das Judentum den Rahmen einer „Erlaubten Religion“ nie selbst aktiv bestimmen.“ Das Judentum hat in der Sicht von Lütz also keinen Beweis seiner eigenen Toleranzpolitik vorgelegt. Das schwache Judentum brauchte nie und konnte nicht als Minderheit politisch die Grenzen der Toleranz in den Staaten bestimmen. Das Judentum hat also keine Ahnung und keine praktische Vorstellung von Toleranz. Diese Behauptung will dann Lütz durch eine spekulative Frage verschärfen, indem er fragt: Hätten denn unter anderen Bedingungen die Juden etwa den Heiden gegenüber sich tolerant verhalten? Diese Frage verneint Lütz selbst, lässt aber diese Verneinung einen Juden sagen, den amerikanischen Juden Gary Remer.  Wo genau Herr Remer diesen Halbsatz in welchem Buch sagt, verrät uns der angeblich wissenschaftlich arbeitende Herr Lütz nicht. Ob Herr Remer und jüdische Freunde von Lütz über diese seine Inszenierung eines möglichen intoleranten Judentums froh sind, ist die Frage…

Noch einmal: ERST nachdem Lütz die mögliche Intoleranz der Juden freigelegt hat, schließt Lütz den ominösen halben (!) Satz an, der in dem Gesamtzusammenhang eindeutig als Fortführung des eigenen, Lützschen Denkens zu verstehen ist, also als spekulative Interpretion der These von Lütz: Dass Juden politisch keine Ahnung von Toleranzgesetzen haben können.

Und dann folgt der Halbsatz, als Bruchstück, von Gary Remer, in den Lützschen Gedanken eingebau. Er ist in der Funktion des Halbsatzes eindeutig eine Verdeutlichung des Lützschen Denkens. Den Nebensatz von Remer baut Lütz also evident in seine eigene Interpretation ein. Es ist also förmlich Lütz selbst, der das sagt, was Remer in den acht Worten sagen darf.

Lütz schreibt also: „Der amerikanische Politologe Gary Remer ist sogar der Meinung, hätte im Mittelalter ein jüdischer Staat bestanden…., UND JETZT erst beginnt das Remer Zitat: “dürften manche Heiden der Verfolgung ausgesetzt worden sein“.

Lütz hätte in einem anschließenden Satz diesen Halbsatz von Remer kritisch kommentieren können. Macht er aber nicht. Stattdessen springt er sofort in die Gegenwart. Er schreibt: „Erst heute steht der Staat Israel vor der Aufgabe der Regelung religiöser Vielfalt“. Ob der Staat Israel als Staat der Juden nun endlich mal politisch Toleranz lebt (etwa gegenüber den Palästinensern) oder nicht, lässt Lütz offen.

Im ganzen ist dieser Gedanke von Lütz eigentlich auch skandalträchtig: Mit dem ins eigene Argumentieren eingebauten halben Satz von Remer suggeriert Lütz: Juden wären auch intolerant gewesen, wenn sie denn politsch über andere hätten herrschen können.

Damit wird das intolerante Bild „der“ Christen relativiert. Das nennt man christliche Apologie, sogar noch mit den Mitteln einer spekulativen Frage nach der Gewalt durch Juden gegenüber Heiden. Auch dieses Beispiel zeigt: Lütz hat oberflächlich und polemisch gearbeitet. Einmal musste er sich schon, ebenfalls im jüdischen Zusammenhang, öffentlich einen gravierenden Fehler eingestehen: In der Frankfurter Rundschau vom 28.3. 2018, Seite 32. Der FR  Journalist zitiert Lütz aus seinem Buch zum Thema Holocaust: „Manches im christlichen Verhalten (im Holocaust) mag skandalös gewesen sein“. Joachim  Frank weist auf dieses unpräzise Gerede hin. Darauf Lütz: „So steht das? Oh! Da bin ich für Ihren Hinweis dankbar. Da muss –ist- stehen. Wird in der 2. Auflage nach gebessert“.

Ich bleibe dabei und bitte den Herder Verlag um öffentliche Auskunft, warum gerade er als doch etwas theologisch ambitionierter Verlag dieses Buch von Lütz herausgebracht hat. Und so viele Käufer fallen offenbar auf dieses „“Opus“  rein. Geht es wirklich nur ums Geld?

Vor allem: Haben die sechs im Buch genannten hochkarätigen Theologieprofessoren wirklich dieses Opus vorweg gelesen?  Falls Ja, wäre auch diese eine Blamage.

Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 

 

 

Manfred Lütz: „Der Skandal der Skandale“: Ein Skandal.

Über das Buch von Manfred Lütz „Der Skandal der Skandale. Die geheime Geschichte des Christentums“ (Herder Verlag 2018).

Siehe auch die aktuelle Ergänzung vom 28.9.2018.

Die ersten Hinweise von Christian Modehn wurden verfasst am 6.3. 2018.

Der Historiker Josef Breinbauer hat das Buch von Lütz untersucht, klicken Sie hier.  Zum Thema Manfred Lütz  „Skandal der Skandale“ UND die Juden klicken Sie bitte hier. Wer sich für die pauschale Ablehnung jeglicher aktiver Sterbehilfe durch Dr. Manfred Lütz  interessiert, lese diesen Beitrag.

Zu einer Entgegnung des Philosophen Herbert Schnädelbach auf  Manfred Lütz „Skandal der Skandale“ klicken Sie hier.

Das Motto dieses Beitrags: „Manchmal muss Philosophie not-gedrungen vor allem Religions – und Kirchenkritik sein“. (Voltaire). Der Beitrag „Skandal der Skandale“ wurde bis zum 26.Mai 2018, also innerhalb von 2 Monaten, direkt, also ohne den Umweg über die Startseite des Reigionsphilosophischen Salons, 720 mal aufgerufen; der Beitrag „Professor Herbert Schnädelbach erwidert Manfred Lütz“ ebenso 664 mal; der Beitrag „Die Irrtümer des Manfred Lütz“ 117 mal, „Manfred Lütz und die Juden“ 71 mal.

Die ideologische und politische Einordnung des Buches von Lütz:

Das der Kirchen – und Religionsgeschichte gewidmete Buch von Manfred Lütz „Skandal der Skandale“ wurde vom katholischen Herder Verlag am 28.2. 2018 nicht etwa, wie sonst bei katholischen Verlagen üblich, in einem katholischen Haus, etwa einer katholischen Akademie, präsentiert. Sondern ganz groß und ganz offiziell, also durchaus entschieden in einem politischen Ambiente, im „Haus der Bundespressekonferenz“ inmitten des Berliner Regierungsviertels. Zwei Politiker wurden bezeichnenderweise zur Präsentation eingeladen, Herr Spahn (CDU) und Herr Gysi (LINKE), die, mit Verlaub gesagt, nicht gerade herausragende Spezialisten für Religionsgeschichte sind…

Und das Ganze wurde zu einem Zeitpunkt inszeniert, als der Koalitionsvertrag der Großen Koalition vorlag. Und darin ist auch, damals kaum bemerkt, eine Art Religionskapitel enthalten, allerdings ohne entsprechende Überschrift. „In der Eile der Verhandlungen hat die Gruppe (der Groko Leute) die Überschrift vergessen“, so Fabian Klask in „Christ und Welt“ vom 13. März 2018, Seite 3. Dieser Religionstext im Koalitionsvertrag soll „die religiöse Identität markieren“: „Von christlicher Prägung unseres Landes“ ist da die Rede! Auf dieser christlichen Basis will sich die Regierung dann freundlicherweise „für ein gleichberechtigtes gesellschaftliches Miteinander in Vielfalt einsetzen“. Konkret heißt das auch: Es wird in der neuen Regierung einen „Beauftragten für die Religionsfreiheit“ geben. Diese Religionsfreiheit, so viel ist klar, soll vor allem zugunsten der vor allem in islamischen Ländern bedrohten Christen verteidigt werden. „Der“ Islam gerät so schnell weiter in den Geruch der Gewalttätigkeit. Differenzierungen werden mühsam…

Jedenfalls muss die Präsentation des Buches von Manfred Lütz „Skandal der Skandale“ in diesem Zusammenhang gesehen werden: Das Buch will oft deutlich und sehr oft zwischen den Zeilen auch deutlich die hervorragende, eigentlich wesentlich „gute“ Rolle des Christentums, der römischen Kirche vor allem, herausstellen, was Friedfertigkeit und Toleranz angeht. Und die eher schwache Rolle des Islams herausarbeiten, was Toleranz, Milde, ja Kultur im ganzen angeht. Insofern, möchte man meinen, entspricht das Buch von Lütz der herrschenden CSU Mentalität, dass der Islam doch nicht zu Deutschland gehört, siehe die Stellungnahmen von Herrn Söder.

Das Buch von Lütz ist eine hervorragende Unterstützung der CDU/CSU Politik. Man möchte meinen, es versucht, Schützenhilfe zu bieten für eine Renaissance der christlichen Basis deutscher Kultur. Dass diese Ideologie völlig an der faktischen Situation der Konfessionen in Deutschland heute vorbei geht, ist evident: Mindestens 33 Prozent der (zumal jüngeren) Bevölkerung sind konfessionsfrei, außerkirchlich, oft atheistisch. Merkwürdig erscheint, wenn jetzt sogar in rechtsextremen Kreisen, denen an dem „christlichen Abendland“ angeblich so viel liegt, immer auch das Wort „jüdisch“ im Zusammenhang europäischer Kultur mit auftaucht: So etwa bei Madame le Pen, die immer von jüdisch – christlicher Kultur Frankreichs spricht und damit die antisemitischen Äußerungen des FN Gründers Jean Marie Le Pen überspielt. Klar ist: Da wird nur aus ideologischen taktischen Gründen eine gewisse Nähe zu Jüdischem betont, die de facto gar nicht vorhanden ist in diesen rechtsextremen Kreisen. Auch die AFD spricht von „jüdisch christlicher Kultur. Das macht sie nur, um sich damit von der islamischen Kultur abzugrenzen.

In diesem ideologischen Raum ist also das Buch „Skandal der Skandale“ von Manfred Lütz aus dem katholischen Herder Verlag bewusst platziert.

Eine Ergänzung am 10.3.2018: Ganz offensichtlich ist diese Herabsetzung des Islams gegenüber dem Christentum ein aktueller (politischer) Focus des Buches im ganzen. So beruft sich Lütz ohne Quellenangabe auf Hans Küng (S. 81) und behauptet, schon Küng sei vom gotteskämpferischen Charakter des Islams überzeugt. Lütz beruft sich zudem auf den höchst umstrittenen Bernard Lewis (S. 81). Lütz behauptet wider alle  Forschung, „das Christentum sei immer eine Friedensreligion gewesen“ (ebd.) Das gute Christentum soll dem belasteten Islam  (und der „Aufklärung“ ) gegenüber gestellt werden. Das nennt sich Apologie des Christentums bzw. der römischen Kirche…

………………..Die Leitlinie für „Skandal der Skandale“ formulierte Lütz schon 1999 in seiner Hochschätzung des Mittelalters und einer gewissen Verachtung der Demokratie:  In seinem Buch „Der blockierte Riese“ Seite (106 f.) verbindet Manfred Lütz seine Hochschätzung der Freiheiten im Mittelalter (bekanntlich eine sehr demokratische Zeit) mit seiner Verachtung der modernen Demokratie und ihrer demokratischen Wahlen. Lütz schreibt: „Heute muss man historisch nüchtern feststellen, dass es das finstere Mittelalter nicht gab. Das Mittelalter kannte für den einzelnen Menschen womöglich mehr konkrete Freiheiten, die libertates, als man sie heute besitzt, wo man in unzählige Zwänge eingebunden ist und am Wahltag eine doch eher abstrakte Freiheit wahrnimmt, die dann in Zahlenverhältnissen untergeht“ (zitiert nach Peter Hertel, Glaubenswächter. Katholische Traditionalisten im deutschsprachigen Raum“ (2000)………..

Manfred Lütz, Psychotherapeut in den großen Alexianer – Kliniken, römisch – katholischer Diplom – Theologe, Gast in Talk- Shows und auf Katholikentagen, beliebter Interviewpartner in bischöflichen Radiosendern (Dom – Radio) und vor allem, wie der Herder – Verlag jetzt schreibt, Autor zahlreicher Bestseller. Lütz wollte nun wohl einen weiteren Bestseller vorlegen. Es bleibt zu hoffen, dass dieses neueste Buch „Der Skandal der Skandale“ eher übersehen wird, trotz des Medienwirbels um diese Schrift. Denn das Buch ist selbst ein theologischer Skandal. Und dies aus vielerlei Gründen, die hier kurz vorgelegt werden.

1.Zum Inhalt: Lütz will zeigen, wie in Öffentlichkeit schon seit längerer Zeit, also durch die Medien, d.h. durch die Journalisten, die globale, aber in seiner (Lütz) Sicht irrige These verbreitet wird: Die Geschichte des Christentums, vor allem der katholischen Kirche, sei hoch belastet, unangenehm kriegerisch, also unmenschlich. Kurz: Die Geschichte des Christentums sei eben ein Skandal. Gegen diesen Skandal will der Autor argumentieren, indem er die Argumente der von diesem Skandal Sprechenden selbst schon einen Skandal nennt. Soviel Skandal war selten, möchte man meinen, im katholischen Bücherwesen; zumal hier nun darauf hingewiesen wird, dass dieses Buch auch noch ein theologischer Skandal ist. Man könnte auch von einer theologischen Blamage sprechen.

2.Dass in der Geschichte des Christentums und der Kirchen, vor allem der katholischen Kirche, trotz einiger Lichtblicke und einiger Vorbilder und Heiliger weithin – in heutiger Sicht – skandalöse Verhältnisse und, vernünftig betrachtet, eben auch skandalöse Denkformen und Inhalte verfestigt wurden, ist ja bekanntlich ein Urteil, zu dem reflektierte Theologen, Religionswissenschaftler und Historiker ziemlich einmütig kommen. Dies ist der wissenschaftliche Gesamteindruck heutiger Wissenschaftler, die natürlich wissen: Das von ihnen in der Gegenwart frei gelegte Elend dieser Kirche(n) (der Skandal), wurde auch schon damals von vielen Beteiligten, den Verfolgten und Leidenden wegen dogmatischer Abweichungen, als solches erlebt. Der Skandal wurde als Skandal als solcher also damals schon von den Leidtragenden erlebt. Warum soll das Gesamtbild einer zweitausend Jahre alten Institution auch besser sein als die Herrschergeschichte der Franken-Könige oder der Bourbonen oder des Hauses Habsburg? Nur: Die Geschichte der Kirche wird gemessen an dem hohen Anspruch, den die Kirchenführer nach außen vertraten und heute behaupten. Aber diesen hohen Anspruch selbst kaum lebten, etwa seit dem 16. Jahrhundert in ihrer Bindung an reaktionäre Denkformen, die sich jedem Dialog mit der Moderne verweigerten. Man denke an Gregor XVI., Pius IX. und so weiter.

Lütz will also diese dunklen Seiten bzw. unangenehmen Strukturen der Kirche etwas reinwaschen. Dabei übersieht er die Liste der international geschätzten Wissenschaftler, die den Skandal dieser Kirche ohne apologetische Angst freilegten, etwa Prof. Jean Delumeau, übrigens ein überzeugter Katholik in Frankreich, lange Jahre Professor am Collège de France, Paris: Es steht im Zentrum seiner ausführlichen Studien die giftige Angst der Kirchenführung, diese machte die katholische Kirche zu einer „belagerten Festung“. Dies ist heute allgemeine wissenschaftliche (!) Überzeugung, daran sollte man eigentlich um der Erkenntnis willen nicht „wackeln“.

3. Im ganzen will Lütz die alte und theologisch längst veraltete und oft überwundene Apologetik wieder neu beleben. Bis etwa 1960 bestimmte bekanntlich die tatsächlich so auch genannte „Apologetik“ als Studienfach die Ausbildung aller katholischen Priester weltweit. Da wurde etwa eingehämmert, die Größe und Einzigartigkeit der römischen Kirche dadurch zu beweisen, dass man sagte: „Die katholische Kirche ist die wahre Kirche, weil ihre Lehre wahr ist“. Diese Wiederaufwärmung der alten Apologetik ist vielleicht selbst schon ein Skandal. Denn immer versucht Lütz im Laufe seiner Texte zu zeigen: Die katholische Kirchenführung hat da und dort zwar Fehler gemacht, aber die anderen Kirchen haben auch viele Fehler gemacht. Das kann man schreiben, wenn von der tieferen Reflexion auf die ureigenen Fehler im römischen Kirchensystem ablenken will.

Entscheidend ist für Theologen hingegen: Das sich schon sehr früh etablierende römisch katholische Kirchensystem als Klerus – Hierarchie produzierte förmlich diese Skandale ständig. Diesen systembedingten Skandal legt Lütz nicht frei. Er konzentriert sich auf viele Einzelfälle, auf Kreuzzüge und Renaissance-Päpste, die Unfehlbarkeit des Papstes und die Abtreibungen heute. Darüber wird weiter unten noch die Rede sein müssen, wie Lütz mit diesen Skandalen umgeht.

4.Das Komische ist, dass Lütz im Vorwort betont, welche theologischen Spezialisten ihn in seinem Opus unterstützten, allen voran der pensionierte Kirchenhistoriker Prof. Arnold Angenendt, (83), dessen große Studie „Toleranz und Gewalt“ (2006) einige Aufmerksamkeit fand. Auf dieses Buch bezieht sich Lütz, ohne selbst im einzelnen zu zeigen oder nachzuweisen, wo er aus diesem Buch zitiert. Ist der größte Teil seines Textes ein Angenendt – Text? War die Motivation, diese sehr umfassende Angenendt Studie zu popularisieren, weil, so Lütz, sogar der atheistische Philosoph Herbert Schnädelbach von diesem Buch etwas gelernt hat? Bei der Lütz Lektüre fragt man sich, ob der Autor auch die Studie von Arnold Angenendt „Grundformen der Frömmigkeit im Mittelalter“ (2003) gelesen hat.

Schlimm ist und das wird viele schon vor der Lektüre bewahren, dass das Lütz Buch (immerhin 288 Seiten) auf präzise Quellenangaben, auf ein Literaturverzeichnis und auf ein Namensregister verzichtet. Das haben ihm offenbar auch nicht die mitlesenden und korrigierenden Theologieprofessoren einreden können, die alle Lütz dankend auf Seite 15 erwähnt, ich zähle 6 Namen. Witzig soll sein, wenn Lütz schreibt: „Wie üblich hat das Buch mein Frisör kontrolliert, damit alles allgemein verständlich, Locker und lesbar bleibt“. Der arme Frisör, möchte man meinen, der sich da durch den Text durchgeboxt hat. „Locker“ ist ja der Lütz Text manchmal. Aber locker heißt überhaupt nicht: auch gut oder wichtig. Hilfreich sollen dem Autor zwei Dr.h.c.mult., also zwei multiple geehrte Theologie – Kapazitäten, zu Seite gestanden haben: Heinz Schilling und Christoph Markschies. Dass diese beiden und die anderen Theologen den Arzt nicht vor hoch problematischen und theologisch einfach falschen Äußerungen gewarnt haben, ist schon erstaunlich. Wie sah denn die Mitarbeit der Theologieprofessoren aus? Kein Wort darüber. Ist das Lütz Buch bei so vielen Helfern überhaupt ein Lütz – Buch? Hat vielleicht nur der Frisör die meiste Lese-Arbeit vor Drucklegung geleistet? In jedem Fall gehört der Haarschneider aus dem Kölner Raum in die nächste Talkshow zum Thema: Frisöre als Theologen. Vielleicht hat sich der Frisör über die flapsige Bemerkung von Lutz über Karl den Großen besonders gefreut: “Sein Sexualleben hält jeden Vergleich mit Mick Jagger aus“ (Seite 56). Der Frontmann der Rolling Stones könnte sich über so viel Ehre vielleicht freuen…

5.Schon auf Seite 13 verschlägt es einem Theologen die Sprache: Da wird behauptet, Jesus aus Nazareth, hätte „seiner Kirche“ keine ungebrochene Heiligengeschichte „vorausgesagt“ (sic). Hat Jesus von Nazareth nicht – laut NT – ganz was anderes vorausgesagt, nämlich das baldige Ende der Welt und seine, Jesu, Wiederkunft? Es ist naiv, gelinde gesagt, zu meinen: Dieser Jesus von Nazareth hätte diese römische Kirche förmlich schon vor Augen gesehen und als Papst-Kirche gegründet. Lütz schreibt gleich anschließend: „Die von ihm persönlich berufenen Säulen der Kirche, die Apostel, waren durchaus von durchwachsenem Charakter…“ Soll das heißen: Mäßige Typen, tatsächlich ja Analphabeten, Männer, die zudem ihre Frauen und Familien im Stich ließen etc? Also Jesus von Nazareth hat die Säulen „der“ Kirche schon etabliert. Noch komischer wird es, wenn Lutz auf Seite 284 schreibt: Jesus habe förmlich zu seinen eigenen Lebzeiten schon „Kirchenbesuch bei ihm selbst erlebt“, weil man ihn als Herrn der Kirche besuchte. Wer waren die ersten Kirchgänger in der Sicht von Lütz: Die Apostel natürlich. Wer solches heute in einem theologischen Unter- Seminar schreibt, fliegt raus.

5.Lütz hingegen hält „die Kirche“, die römische, für, so wörtlich eine „göttliche Gründung“. Das kann man er ja wider alle theologische und sonstige Vernunft persönlich in aller Freiheit glauben. Nur ist diese subjektive Meinung niemals ein hermeneutischer, theologisch gesicherter Ausgangspunkt für die Wissenschaft, an der Lütz so viel liegt. Und sein ganzes Buch soll ja angeblich Wissenschaft verbreiten…Lütz spricht, gar nicht so typisch für einen Psychotherapeuten, von dem „Skalpell der Wissenschaft“ (Seite 14 schon und später auch), mit dem er der so weit verbreiteten angeblichen Skandalgeschichte des Christentums, so wörtlich, zu „Leibe rücken will“. Gott sei Dank braucht sich auch der Autor der umfangreichsten Studien zum Thema, Karlheinz Deschner, vor dem Skalpell des Herrn Lütz nicht mehr zu fürchten. Deschner, den unter anderem „Die Zeit“ in ihrer Objektivität noch 2013 sehr treffend für seine Verdienste würdigte, ist 2014 verstorben.

6.Manche Behauptungen bleiben im vagen, wenn Lütz etwa zugeben muss, dass das Abschlachten im Rahmen der Schwertmission nur „ein brutaler politischer Gewaltakt war“ (Seite 60), die Kirche steht also relativ fein da! Und selbst die Heiligsprechung dieses sehr potenten Machtmenschen Karl d. Gr. betrifft die Kirche nicht: Sie war ein illegaler Akt und ein Provokation. Weil Lütz ahnt, dass man fragt: Und warum wird dieser dann doch nicht heilige Herrscher immer noch in Aachen als Heiliger verehrt, nämlich am 28. Januar? Doch wohl nicht nur aus folkloristischen und geldbringenden touristischen Motiven? Da schreibt Lütz weise voraussehend diese Entschuldigung für diese Feier dieses heiligen Herrn: „Für eine Entschuldigung käme also etwa der deutsche Bundespräsident in Frage – oder sein Kaplan, wenn es den gäbe“. Man sieht an diesem Stil, pendelnd zwischen Zynismus und der vom Frisör gebotenen Lockerheit, in welcher Weise Lütz argumentiert als Apologet. Zwischendurch stehen immer wieder einzelne Sätze, die von Vernunft zeugen: Etwa: „Christlich kann man eine solche gewalttätige Ausdehnung des Christentums im Mittelalter nicht nennen“ (Seite 63). Dann wird auch dies wieder relativiert mit einer an Eurozentrismus grenzenden Behauptung von Johannes Fried: „Ohne (gewalttätige) Mission keine höhere (!) Zivilisation“. Das Töten usw. hat sich also letztlich gelohnt. Das nennt man wiederum gute alte Apologetik, der Zweck heiligt die Mittel.

7.Immer werden katholische Missstände und Verbrechen im Vergleich zu anderen Religionen relativiert. Etwa auf Seite 31: „Hätte es im Mittelalter einen jüdischen Staat gegeben, dürften manche Heiden dort der Verfolgung ausgesetzt worden sein“. Juden als Verfolger…Ein hübsches Thema für den katholisch – jüdischen Dialog…

Oft arbeitet Lütz auch die Mängel des Protestantismus gegenüber dem Katholizismus heraus, etwa wenn er meint: Protestanten seien viel mehr gegen die Weimarer Republik eingestellt gewesen als Katholiken. Das ist wieder die alte Masche der überholten katholischen Apologetik: Rom steht doch vergleichsweise recht gut da! (Seite 209 f). Dass die Zentrumspartei Hitler etwa durch den „Steigbügelhalter“ Hitlers Franz von Papen an die Macht mit beförderte, wird verschwiegen. Ebenso, dass etliche Bischöfe den Krieg der Deutschen gegen Russland als Kreuzzug (!) rühmten. Oder dass Benediktiner Äbte wie Albanus Schachleitner oder Abt Albert Schmitt aus Grüssau Nazis waren… Pater Delp, Pfarrer Metzger und Prälat Lichtenberg waren die absolutesten Ausnahmen! In Österreich musste in vielen Kloster – Stiften das ganze Leitungspersonal nach 1945 ausgetauscht werden, weil so viele Nazis waren… Es ist dieser Mangel an Differenzierung, die so sehr dieses Buch eigentlich wertlos macht. Um der Apologie des Christentums willen werden Fakten verschwiegen!

Allen Ernstes erwähnt Lütz etwa Martin Heidegger als Beispiel für die Attraktivität des Katholizismus bei den Intellektuellen in der Weimarer Zeit: Er wertet positiv die Tatsache, dass Heidegger öfter mal im Benediktiner Kloster Beuron weilte und doch offenbar still saß, vielleicht betete. Dies gilt bei Lütz als Beleg für katholisches Denken bei Heidegger. Dabei weiß inzwischen jeder philosophisch Gebildete, dass der katholisch getaufte Martin Heidegger aus der Kirche austrat und in die Nazi Partei eintrat und ihr bis 1945 angehörte.

  1. Die Ausführungen zum Dogma der Unfehlbarkeit des Papstes in Glaubens und Sittenfragen von 1870 finde ich skandalös. Es wird auf jegliche Verbindung dieses Dogmas mit der damaligen politischen Situation verzichtet, auf das Ende des großen Vatikanstaates 1870. Keine Rede vom heftigen Wunsch des Papstes Pius IX., wenigstens noch ideologisch machtvoll, eben unfehlbar zu sein. Erst unter dem Faschisten Mussolini wurde ein kleinster Vatikan Staat wieder eingerichtet, zur Riesenfreude der Päpste, die nun auf politischer Ebene wieder voll mitmischen dürfen, diese Doppelrolle des Papstes als politischer Herrscher und geistlichem Oberhaupt wird nirgends angesprochen… Hingegen schreibt Lütz apologetische Albernheiten: “Das Unfehlbarkeitsdogma wirkt eher als Unfehlbarkeitsverbot, es begrenzt Rechthaberei, verhindert Selbstüberschätzung und Sektenbildung“ (Seite 201). Die Päpste bis Papst Franziskus seien also vor Rechthaberei geschützt gewesen… lächerlich diese Apologetik. Man denke an die Theologenprozesse gegen Leonardo Boff oder Hans Küng und andere bestrafte katholische Theologen weltweit.
  2. Schlimm ist auch das Kapitel über die Euthanasie, durch die Nazis betrieben: Da ist dann von der Erbsündenlehre die Rede und Lütz behauptet allen Ernstes (S. 213), diese von Adam und Eva an die ganze Menschheit überlieferte Erb-Sünde ohne individuelle Vergehen (!) sei „ein tagtäglich erfahrbares Phänomen“. Dabei ist diese Erbsünde, durch den Geschlechtsverkehr der offiziellen Lehre nach übermittelt, als solche gar nicht erfahrbar. Erbsünde ist eine pure Behauptung. Erfahrbar sind lediglich die einzelnen Verfehlungen, dogmatisch Sünden, genannt. Die Erbsünde ist ein Konstrukt, das Augustin mit aller Macht im 5. Jahrhundert durchsetzte. Das ist historisch evident. Warum hat da keiner dieser Doctores multiple h.c den Arzt Lütz aufgeklärt? Immerhin nennt Lütz an anderer Stelle die eher düstere Deutung des späten Augustins, also die erbsündliche Begierde des Fleisches, sei „etwas zu pessimistisch“! „Etwas zu pessimistisch“, wie hübsch. Wie vielen Millionen gläubiger Katholiken wurde die durch diese „etwas pessimistische“ Deutung des Sex durch Augustin die Lebensfreude auch als Freude an Erotik und Sex verdorben? Diese Art zu schreiben, etwas eben „etwas pessimistisch“ zu finden, ist die typische alte Apologetensprache, nach dem Motto: „Alle Übel, die die Kirche verursacht, sind halb so schlimm“…Selbst die Pillenenzyklika Papst Paul VI. verteidigt Lütz noch apologetisch mit den Worten: “Es war die Neigung weniger informierter Journalisten (wieder mal diese bösen Journalisten, CM), in der katholischen Kirche fälschlicherweise im Wesentlichen eine Institution zur Verhinderung sexueller Freude zu sehen“ (Seite 265). Wie konnte Lutz auf einen solchen abwegigen Gedanken kommen? Viele zölibatäre Priester suchten sich bekanntermaßen sexuelle Freuden eben in pädophilen Beziehungen. Oder sie leisteten sich eine Freundin, falls ein Kind geboren wurde, zahlte und zahlt der Bischof die Alimente. Natürlich schreibt der Apologet Lütz davon nichts.
  3. Im Zusammenhang der Frauenemanzipation kommt Lütz zu überraschenden Thesen: Die Reformation brachte zwar manche (welche ? CM) Liberalisierungen, aber für die Rolle der Frau auch manchen Rückschritt“. Denn: „Das Ordensleben war Frauen im Protestantismus verwehrt“ (S. 253). Aber seit wann gibt es eigentlich Diakonissen und evangelische Frauenorden, hätte Herr Lütz recherchieren können. Natürlich verteidigt Lütz auch die Werte des Zölibats für Priester. Jesus selbst lebte zölibatär, meint er, vergisst dabei aber die Freundschaft Jesu zu etlichen Frauen und die tiefe Zuneigung zu dem explizit Lieblingsjünger genannten Johannes, der immer so hübsch an der Brust des Herrn ruhte. Der Mann Jesus und seine Erotik, bislang theologisch leider total tabuisiert, wäre doch mal ein Thema für den Psychologen Lütz.
  4. Ganz unerträglich werden die Ausführungen von Lütz, wenn er auf den Schwangerschaftsabbruch zu sprechen kommt und als Pro-Life – Fan offenbar jede Abtreibung bereits pauschal „Kindestötung“ nennt. Es sind immer „ungeborene Kinder“ (Seite 268), die in seiner Sicht abgetrieben werden. Nuancen sind doch aber in dem Zusammenhang ein bisschen üblich geworden, oder? Lütz meint, heute wären „die Ärzte die einzige Gruppe, die Abtreibungen vornimmt“, so auf Seite 268. Wenn das doch bloß so wäre, möchte ich ihm zurufen! Soll sich der Arzt Lütz doch etwa in Lateinamerika umschauen, in den noch immer katholischen Ländern. Dort verfügen Bischöfe politisch sehr einflussreich (oft vom Opus Dei unterstützt) das absolute gesetzliche Verbot des Schwangerschaftsabbruchs, wie in der Dominikanischen Republik (man denke an den unsäglichen politisch allmächtigen Kardinal Lopez Rodriguez) oder in El Salvador oder sogar in Chile… So müssen Frauen und Mädchen dort, wenn sie abtreiben wollen und abtreiben müssen, zu den „Kurpfuschern“ gehen, viele Frauen sterben bei dieser Prozedur. Es sind diese so undifferenzierten Äußerungen in dem Buch, die total stören, weil sie falsch sind oder miserabel recherchiert sind, wie in unserem Beispiel. So wird auch Kindertaufe verteidigt, mit dem Argument, die Eltern würden sich dadurch um die christliche Erziehung des Kindes kümmern. Mag ja manchmal noch so sein. Aber der entscheidende Grund für die Kindertaufe ist: Die Seelen der Babys zu bewahren vor der Hölle und dem Limbus Puerorum, in die ungetaufte Seelchen gelangen könnten. Es ist die Angst, die die Kindertaufe begründet hat…ein Ausdruck dieser furchtbaren Erbsündenlehre…
  5. Katholische Waisenhäuser (S. 270) mögen ja Fantastisches geleitet haben: Nur hat Herr Lütz von den Nonnen in Irland gehört, die Waisenkinder in die USA verkauften oder von den Nonnen in Spanien, die Kinder den republikanisch-sozialistischen Familien wegnahmen und dann nach einem Aufenthalt in den Heimen an offenbar impotente Franco-Freunde weiterreichten? Lütz behauptet weiter vieles Falsche: Dass Joseph Ratzinger schon als Kardinal in Rom „entschieden gegen pädophilen Missbrauch durch Priester vorging“ (S. 274). Das Gegenteil ist der Fall: Der pädophile Verbrecher und Ordensgründer der Legionäre Christi (Pater Marcial Maciel) hatte im Vatikan alle Freiheit, auf seine unsägliche Art zu agieren, auch noch in der Zeit, als Ratzinger Chef der römischen Glaubensbehörde war. Denn der polnische Papst (und viele seiner Kurien Kardinöle) war ein guter Freund von Pater Marcial Maciel. Gegen den konnte/wollte der gehorsame Deutsche Ratzinger nichts machen…Nebenbei: Erst nach dem Tod von Johannes Paul II. wurde der Fall Maciel ein bisschen aufgelöst, der Orden besteht noch heute, in der spanischen Welt „Milionarios de cristo“ treffend und richtig genannt. Ich habe mit Verlaub gesagt seit Jahren darüber publiziert. Kein Theologe einer deutschen Universität hat sich dieses Themas (aus Angst wohl) angenommen…
  1. Gegen Ende des Buches ist wieder vom helfenden Skalpell die Rede. Es wird von Lütz bedauert, dass so viele Menschen die apologetische (rein waschende) Sicht auf den römischen Katholizismus nicht teilen. Lütz sieht darin die Konstruktion eines Sündenbockes: Die Bösen werfen alles Übel auf diese so wunderbare Institution Kirche. Denn die Katholiken und die Christen sind es, meint Lütz, die für Solidarität in der Gesellschaft sorgen. Atheisten seien nicht so hilfsbereit. Und er bezieht sich dabei sogar auf einen Ausspruch von Gregor Gysi. Nun wird der Ärmste noch zum Freund von Lütz hoch gejubelt und er spielt diese Rolle offenar gern mit. Aber Lütz muss dann freundlicherweise gestehen: „Auch viele Atheisten sind zu starken humanitären Impulsen bereit“ (Seite 281). Dann aber dieses:„Das ist aber nicht selbstverständlich“. Also: Nur bei Christen ist also das humanitäre Engagement eben selbstverständlich…. Von René Girard meint er gar, er hätte dieses und jenes „jüngst“ behauptet: Girard ist im November 2015 gestorben, also nicht „jüngst“. Hat ein Lektor diesen Text durchgeschaut?

Das ganze Buch ist eine Zumutung, ich will von den Beschönigungen etwa im Lebensstil des wirklich berüchtigten Papstes Alexander VI. nicht viel reden, die Lütz etwa auf Seite 116 betreibt: Alexander VI., als Papst bekanntlich verheiratet: Er zeigt, so wörtlich als dem Zölibat verpfichteter Papst, „durchaus Verantwortung und Familiensinn“. Und weiter: „Unter Alexander VI. herrschte eine durch und durch liberale (sic!) Stimmung in Rom“ … „Wohl war er tieffromm“, er „hat sogar das Gebet „Gegrüßet seist du Maria“ erweitert“. In dieser also so prächtigen liberalen und frommen Stimmung konnten sich dann die klerikalen sexuellen Lustmolche entwickeln, über die sich dann die Reformatoren ihre eigene Meinung bildeten.

  1. Mit dem theologischen Profil des Arztes und Diplomtheologen Lütz könnten sich andere theologische Fach – Journalisten, die wie ich noch etwas auf kritische Recherche halten, weiter befassen. Werden sie das tun? Es ist kein Zufall, dass Lütz zusammen mit Kardinal Paul Josef Cordes ein Buch unter dem Titel „Benedikts Vermächtnis“ (2013) veröffentlichte. Cordes ist leidenschaftlicher Verteidiger der neu- katholischen Massenbewegung der Neokatechumenalen, die sehr viele seriöse Theologen für eine Sekte halten. Ich habe darüber seit Jahren publiziert. Das sind, kurz und richtig gesagt, die verbissenen Leute, die behaupten, erst nach einem ca. 6 jährigen Katechismus Kurs könne man ein guter Katholik sein. In Berlin und anderswo ist fast der gesamte jüngere Klerus „neokatechumenal“… Kardinal Cordes ist heute einer der heftigsten Kritiker von Papst Franziskus. In dem Verlag MM aus Aachen, der dem Opus Dei sehr nahe steht und eine Art Sammelbecken sehr konservativer Theologen ist, veröffentliche Lütz ein Buch mit dem ebenfalls sehr konservativen (inzwischen Kardinal) Walter Brandmüller. Das sind die Connections, die das theologische Profil von Herrn Lütz deutlicher machen. Lütz hätte ja auch ein Buch zusammen mit Hans Küng oder Leonardo Boff oder dem Protestanten Friedrich Wilhelm Graf herausgeben können. Hat er aber nicht. Er liebt das konservativ- reaktionäre Milieu, tut dabei sehr jovial und liberal, wie es sich für einen alten Rheinländer gehört… Die Autoren der genannten Verlage sind seine Freunde. Dagegen ist nichts zu sagen, nur sollte er bei seinem neusten „Skandal der Skandale“ Buch auch die Karten auf den Tisch legen und sagen: Ich will nun die römische Kirche um allen Preis nach alter apologetischer Art verteidigen und rein waschen. Ich nenne mein Vorhaben Wissenschaft. Ich lasse mich aber bei dieser meiner „Wissenschaft“ von der Glaubensüberzeugung leiten, dass der liebe Gott (Seite 198) bzw. der arme Jesus von Nazareth diese römische Kirche begründet hat. Das ist der hermeneutische wissenschaftlich genannte Ausgangspunkt. Das wäre genauso, wenn heute DKP Funktionäre eine Geschichte des Kommunismus schreiben würden und dabei behaupten: Karl Marx hat selbstverständlich die KPs begründet und er wollte, dass das ZK die einzige Wahrheit und die einzige Macht hat…. Noch einmal:Mit den Bestsellern von Lütz müssten sich viele kritische recherchierende Journalisten befassen, etwa mit dem Buch über Gott. Oder mit seiner Polemik gegen Eugen Drewermann: In einem Interview mit dem kircheneigenen DOMRadio zu Köln sagte Lütz allen Ernstes im zustimmenden Sinne: „Inzwischen weiß ja kein Mensch mehr was von Drewermann“ (Sendung vom 26.3.2017). Soll Lütz doch nur einmal die Drewermann Vorträge in der Berliner URANIA besuchen, von einem solchem leidenschaftlichen Interesse von hunderten Besuchern kann Herr Lütz nur träumen… Beim Katholikentag in Münster im Mai 2018 ist Lütz selbstverständlich als Referent dabei, wie schon vorher bei den Katholikentagen in Regensburg und Leipzig. Man hat den Eindruck, er ist einer der letzten noch verbliebenen „Intellektuellen“ in der katholischen Kirche Deutschlands, sieht man von dem ebenfalls sehr kirchentreuen Herrn Mosebach vielleicht ab. Intellektuellen Kapazitäten hat diese Kirche nicht mehr. Da freut man sich über Arzt und Theologen Lütz, wahrscheinlich auch noch im Vatikan…
  1. Er zeigt sich in dem Buch als Verteidiger der bestehenden katholischen Kirche als einer unbezweifelten Stiftung Jesu. Das ideologische System dieser Kirche interessiert ihn nicht. Ob all die Dogmen und Lehren und Moralvorschriften heute so noch gültig sein sollen und vermittelbar sind, diese Frage stellt er nicht. Die Krise des Christentums bzw. des Katholizismus ist bekanntlich die Krise seiner ausufernden, in unverständlichen dogmatischen Formeln überlieferten Lehre. Und der ewig selben Form der Messe in einer Kunstsprache, die aus dem Lateinischen wortwörtlich übersetzt wurde und voller unverständlicher sprachlicher Merkwürdigkeiten steckt. An den Dogmen und ihrer Sprache müsste also mit dem von Lütz zitierten Skalpell gearbeitet und gesäubert und vieles entfernt werden, um dem Christentum, vor allem der jesuanischen Gestalt dieses Glaubens, eine Zukunft zu bereiten. Aber an ein Beiseitelegen von Dogmen ist gar nicht zu denken, weil die Kirchen – Chefs meinen: Alle einmal formulierten Dogmen seien ewig so in der fixierten Form gültig, weder umzuformulieren noch abzuschaffen. Der Psychoanalytiker Erich Fromm nannte versteinertes Denken „nekrophil“.

Nebenbei: Für mich ist es unverständlich, wie der doch theologisch renommierte Herder Verlag dieses Buch auf den Markt werfen konnte, das, wie oben schon gesagt, durch den totalen Verzicht auf Quellenangaben sowieso unbrauchbar ist. Es wird zweifellos ignoriert werden von den vielen Menschen, die keine der Institution dienende Apologetik des Christlichen und der römischen Kirche wünschen. Sondern freie und unabhängige wissenschaftliche Autoren suchen, also wahrhaftige Auseinandersetzungen, wie sie Hans Küng in seinem umfangreichen Werk vorgelegt hat oder Eugen Drewermann, dessen Bibeldeutung für viele zu einer Art „existentiellem Rettungsanker“ wurden.

Ein Hinweis zum Schluss: Zur „Entspannung“ meditiere man die Behauptung von Manfred Lütz, wenn er sagt: Im Unterschied zu den intellektuellen Wortführern des mittelalterlichen Islams (wie Farabi, Avicenna, Averroes), „war das Christentum immer eine Friedensreligion gewesen, die keinen heiligen Krieg kennt“. (Seite 81) Es gab im Christentum vielleicht keine explizit heilig genannten Kriege, aber viele hundert Kriege, die nationalistisch – heilig waren und von den jeweiligen Kirchenführern gut geheißen wurden. Selbst Päpste führten als Fürsten des Vatikans eben Kriege.

Manfred Lütz, „Skandal der Skandale. Die geheime Geschichte des Christentums“. Herder Verlag. 286 Seiten. 22 EURO.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 

 

Die Legionäre Christi – eine Skandalgeschichte ohne Ende?

Der Religionsphilosophische Salon schwebt nicht in der reinen Luft der philosophischen Spekulation. Er hat sich immer wieder religionskritisch mit verfremdeten Formen des Religiösen auseinanderzusetzen. Dabei geht es um Macht, Einfluß, Lüge, Geld, Sex.

Vorweg: EIN AKTUELLER HINWEIS: Am 26.11.2010 habe ich einen aktuellen Beitrags ins Netz gestellt: „Das Neueste zu den Legionären Christi“.

Der Skandal um den Ordensgründer der Legionäre Christi

Von Christian Modehn

 

Eine Sendung in WDR 5, am Sonntag 23. August 2009

 

Sie gelten als die Hoffnung der Kirche, die jungen Männer aus dem katholischen Orden der Legionäre Christi. Sie leiten in über 20 Ländern Schulen und Universitäten, immer vom Feinsten und nur für die so genannten Eliten, die Finanzstarken und Erfolgreichen. Diese Priester weichen niemals auch nur ein Iota ab von der päpstlichen Glaubenslehre. Aber jetzt ist ihr hoch verehrter Ordensgründer, der Mexikaner Pater Maciel Macial (sprich Masiel Masial), ein Jahr nach seinem Tod, andauernder sexueller Übergriffe auf Jugendliche überführt wurden. Christian Modehn berichtet.

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„DIE ZEIT“ verbreitet Legenden und Fake News zur Kirchengeschichte

Manfred Lütz und sein Skandalbuch „Skandal der Skandale“ wird von Jens Jessen (DIE ZEIT) verteidigt.

In der Ausgabe DIE Zeit vom 6. September 2018, Seite 40.

Ein Hinweis von Christian Modehn

Nun verbreitet auch die eigentlich ja oft geschätzte Wochenzeitung „DIE ZEIT“ theologische und kirchenhistorische Legenden, fake news: Offenbar nämlich durfte, so meine Vermutung, der angeblich „prominente Psychiater und Theologe“ Manfred Lütz, so diese Einschätzung durch „Die Zeit“, dort dem Redakteur Jens Jessen seine eigene Buchkritik fürs Feuilleton dieser Wochenzeitung vorlegen. Auf andere Weise kann ich als Theologe und Kritiker des Skandalbuches „Der Skandal der Skandale“, verfasst von Manfred Lütz, nicht verstehen, dass so viel Unsinn auf einer Spalte verbreitet wird, unterschrieben von Jens Jessen. Man hat den starken Eindruck, dass der Rezensent Jessen das Buch selbst nicht gelesen hat. Denn dann wäre dem Kulturjournalisten wenigstens aufgefallen, dass das Lütz Buch, das sich ja als wissenschaftliches Buch und nicht als Märchen – Buch versteht, keinen einzigen Quellenverweis bei den vielen Zitaten enthält. Wenigstens ein kleines Zitat aus dem Lützbuch hätte ein lesender Rezensent doch mal einfügen können, macht Jessen aber nicht. Zu den Quellenangaben: Lütz redet sich da raus und sagt, dann sollen die LeserInnen eben das umfangreiche Buch des Kirchenhistorikers Angenendt lesen, auf das sich Lütz ja bezieht. Wie nett.

Es ist schon komisch, dass die sonst auf Aktuelles auch im Feuilleton so fixierte ZEIT dieses Lütz Buch erst 6 Monate nach Erscheinen publiziert. Meine Vermutung ist: Offenbar ist aus dem von Anfang an als Bestseller hoch gejubelten Buch doch nicht so viel geworden an Auflagen, so dass nun kurz vor der Buchmesse in Frankfurt mit Hilfe dieser Werbung der ZEIT noch mal das Geschäft befeuert werden soll.

Der Gesamttendenz des ärgerlichen Textes:

Diese Buchbesprechung in DIE ZEIT ist eine Reinwaschung des Skandalbuches von Lütz.

Jessen (bzw. Lütz, wenn man so will) unterstellt, der Philosoph Herbert Schnädelbach würde „landläufigen Urteilen“ folgen in seiner Buchkritik zu Lütz. Was für eine Unverschämtheit, einem renommierten Philosophen eine unreflektierte Folgsamkeit zu „landläufigen Urteilen“ zu unterstellen….Die Rezenten tut weiter so, als sei der Historiker Prof. Angenendt völlig einverstanden mit diesem Lütz Opus. Ich höre von Insidern, dass Prof. Angenendt selbst gar nicht so glücklich ist mit der Reinwascherei, genannt Popularisierung, seines umfangreichen Buches, die Herr Lütz da liefert. Wusste Arnold Angendt, em. Prof. in Münster, Jahrgang 1934, überhaupt vor Drucklegung von dem Lützbuch? Das ist alles nie geklärt worden. Man frage doch mal bei Angenendt nach, wie zufrieden er denn als Wissenschaftler ist mit der Popularisierung seiner umfassend wissenschaftlichen Studie. Das wäre Aufgabe eines Recherche-Journalismus in DIE ZEIT etwa..

Selbst der erzkatholische Politologe und einstige ZK Chef der Laien in Deutschland kritisierte das Skandalbuch von Lütz in „Christ in der Gegenwart“, Ausgabe 8.4.2018.

Mir unterstellte Lütz in einem Leserbrief für PUBLIK FORUM (Heft 7/2018) „böse Absichten der Manipulation“, nur weil ich erwähnte, dass zweifelsfrei zustimmend Lütz den amerikanischen Politologen Gary Remer in seinem Skandal Buch zitiert. Remer schreibt: „Hätte im Mittelalter ein jüdischer Staat bestanden, dürften manche Heiden der Verfolgung ausgesetzt worden sein“… In einem Interview mit Joachim Frank, Frankfurter Rundschau, 28. März 2018, Seite 32, hat Lütz immerhin einen gravierenden Fehler seinerseits eingestanden, als er in dem Skandal Buch schrieb: „Manches“, was die Christen den Juden antaten, „mag skandalös gewesen sein“. Manches, und mag gewesen sein, behauptet Lütz. Gegenüber Frank sagte Lütz, er wolle diese Formulierung korrigieren…

Aber darum geht es jetzt nicht primär:

Die Rezension in DIE Zeit verfälscht die Tatsachen: Die Liste der kirchlich verursachten und von der Kirche in Gang gebrachten Verfolgungen und Tötungen ist grenzenlos. Kirchen und Staaten waren damals, bis ins 18. Jahrhundert, ideologisch eins, es ist darum nur „Weißwäscherei“ zu sagen: Die Verfolgung und Tötung hätte der Staat übernommen. Er musste es in gutem Einvernehmen mit der Kirche tun. Kirche und Staat wollten beide keine „Abweichler“ in ihrem Territorium, darum töteten sie in gutem Einvernehmen (!) die Abweichler…

Es ist auch die Kirchenführung selbst, die eine grausame Verfolgung aller Häretiker einführt, etwa im Verdammungsdekret gegen Petrus Valdès und seine Freunde, siehe dazu den nun einmal wirklich prominenten Historiker Jacques Le Goff, „Die Geburt Europas im Mittelalter“, 2004, Seite 119. Auch die tötende Gewalt der Kirche gegen Homosexuelle seit der Frühzeit der Kirche schreit förmlich zum Himmel.. “Bei den Mächtigen wurde die Sodomie mehr oder weniger (von der Kirche) geduldet“ (S. 126, ebd.) Eine interessante Parallele zur Jahrzehnte, Jahrhunderte langen kirchenoffiziellen Verschleierung des Kindesmissbrauchs durch Priester, Bischöfe, Kardinäle.

Die Hexenverfolgungen sind von den Kirchenleuten eingeleitet worden: „Eine führende Rolle bei der Einstimmung auf die Hexenjagd übernahm das Buch, der so genante Hexenhammer, der beiden Dominikaner Mönche, Jacob Sprenger und Heinrich Institoris,“ so Le Goff, ebd. 215….

Kaum Hinrichtungen habe es in Spanien gegeben, meinen Jessen/Lütz in ihrer Rezension. Welch ein Blödsinn! Wird es wirklich erst unerträglich fürs kirchliche Selbstbild, wenn keine Hinrichtungen geschehen. Sind Verfolgungen, Folter usw. noch kirchlich hinnehmbar? Man studiere nur die Geschichte der frühen Protestanten in Spanien, man studiere, wie dort Juden und selbst konvertierte Juden aufs übelste belästigt, verfolgt (Teresa von Avila, etc.) und z. T. auch getötet wurden.

Der größte Skandal in der ZEIT Rezension ist die unsägliche Behauptung: Die Kritiker, die die Verbrechen der Kirche freilegen, seien Geschichtsklitterer oder schlimmer noch, so wörtlich, moderne Religionsfeinde. Lütz wird doch wohl noch Religionskritik als Kritik von Feindschaft unterscheiden können. Hat der fromme Herr Lütz den Satz Jesu vergessen: „Die Wahrheit wird euch frei machen“?

Wenn Philosophen und kritische Theologen umfassend und ohne Apologetik die furchtbaren Seiten der Kirchen freilegen, sind sie heute in bester Gesellschaft mit Papst Franziskus, der ja wohl kein Religionsfeind ist, nur weil er die furchtbaren, tausendfachen Verbrechen des höheren und niederen Klerus im sexuellen Umgang mit Kindern und Jugendlichen offenbar langsam aber sicher freilegen will?

Ich habe in meiner ausführlichen Rezension gleich nach Erscheinen des Skandal Buches von Lütz gezeigt, in welchen theologischen Kreisen sich der angeblich prominente Herr bewegt, es ist das Gebiet des katholischen Rechtsaußen, aus dem Umfeld des Opus Dei, das ja bekanntlich gern Apologetik betreibt.

Man lese bitte anstelle der Zeit Rezension die ausführlichen Besprechungen zum Skandal-Buch von Manfred Lütz, verfasst von Christian Modehn, Herbert Schnädelbach und des Historikers Josef Breinbauer.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Prof. Herbert Schnädelbach entgegnet Manfred Lütz

Herbert Schnädelbach: Die Anatomie eines Vorworts, oder: Wie lanciert man einen Bestseller ?

Bemerkungen zu: Manfred Lütz, Der Skandal der Skandale. Die geheime Geschichte des Christentums, Freiburg/Berlin (Herder) 2018.

[Der Text des Vorworts erschien unter dem Titel ‚Die Religion, die niemand kennt‘ am 25.2.2018 in der WELT AM SONNTAG]

Das Wichtigste für einen strategisch geplanten Bestseller ist der Buchtitel; er muss neugierig machen auf etwas Aufregendes und radikal Neues. „Der Skandal aller Skandale“ ist so ein Titel. ‚Skandal‘ hätte ja schon genügt, aber nein: es muss ein Superlativ her, also der Skandalöseste aller Skandale. Dieser Superskandal wird mit einem weiteren Superlativ beschworen, mit der Behauptung im Vorwort, das Christentum sei „die unbekannteste Religion der westlichen Welt“; da möchte man fragen, welche Religion hierzulande weniger unbekannt sein soll. Der nachdenkliche Leser wird sicher bezweifeln, dass es sich überhaupt um einen Skandal handelte, wäre das Christentum wirklich so wenig bekannt, wie der Verfasser behauptet; es gibt doch in unserer Zeit andere Skandale genug und darunter alternative Kandidaten für den Titel ‚Skandal aller Skandale‘. Der berühmte „Mann auf der Straße“ wird bestenfalls mit der Achsel zucken, wenn er gefragt wird, wie er es findet, dass das Christentum so wenig bekannt ist. Er wird es sicher bedauern, denn schließlich sei die Religion wichtig für die Moral und für die soziale Wohlfahrt, aber einen Skandal wird er dies sicher nicht nennen. Die Lützsche Skandalrhetorik jedoch entlarvt den Verfasser als einen höchst engagierten Religionspolitiker, der vor keiner Übertreibung zurückschreckt, und der sich erst zufrieden gibt, wenn er verbal das Skandalmaximum erreicht hat

Für Manfred Lütz ist das Christentum „die Religion, die niemand kennt“, wie es beim Zeitungsabdruck des Vorworts seines Buches heißt. Diese in einer Gesellschaft von Millionen Kirchenmitgliedern geradezu absurde These begründet er nicht mit einem „Mangel“, sondern mit einer „Überfülle an Informationen“, die aber „gewöhnlich eine merkwürdige Eigenart“ hätten, nämlich die, „grotesk falsch“ zu sein. Wie ein Verschwörungstheoretiker beschwört er die angeblich totale Unkenntnis des Publikums in religiösen Dingen und führt sie auf vorherrschende Desinformation zurück, ohne freilich hinzuzufügen, wer dafür verantwortlich sein könnte. Mit dieser Frage hält sich dieser Autor aber nicht auf, sondern er verspricht sofortige Abhilfe; wie ein Enthüllungsjournalist beansprucht er, „die geheime Geschichte des Christentums“ endlich aufzudecken und wahrheitsgemäß zu erzählen. Tatsächlich sei diese Geschichte nur als Skandalgeschichte präsent; die Gräuel der Kreuzzüge, der Inquisition, der Hexenprozesse und der Christianisierung der Kolonien dienten dabei als Grundlage für Auffassungen vom Christentum, die allgemein für wahr gehalten werden. Was hier tatsächlich für wahr gehalten wird, möge die Meinungsforschung klären, aber darum kümmert sich Manfred Lütz nicht; schließlich besitzt er dafür einen Kronzeugen, nämlich den „hochgebildeten Menschen…Herbert Schnädelbach“. Dieser „namhafte Philosoph“ habe mit seinem „aufsehenerregenden Text aus dem Jahr 2000 mit dem Titel ‚Der Fluch des Christentums‘ ein „Todesurteil“ über diese Religion gefällt. Dabei argumentierte er nicht theologisch, sondern „fast ausschließlich geschichtlich“. Er bezog sich dabei nicht auf „irgendwelche historische Studien, sondern er konnte sich auf einen breiten gesellschaftlichen Konsens über die skandalöse Christentumsgeschichte stützen“. Was er davon anführte, „präsentierte er unbefangen als genauso unbestreitbar“ wie unsere Überzeugungen über den Mond oder den Mount Everest, und so drückte jener Text nur „prägnant aus, was ohnehin alle dachten.“

Wie man einen Philosophen „hochgebildet“ nennen kann, der ohne eigene Recherche nur wiedergibt, was „ohnehin alle“ denken, ist das Geheimnis von Manfred Lütz. Tatsächlich ist der genannte Artikel ‚Der Fluch des Christentums‘ denkbar ungeeignet als Beleg für christentumsfeindliche Skandalgeschichte, die Lütz überall am Werke sieht; vielmehr distanzierte sich sein Verfasser damals gleich zu Beginn des Textes von einer solchen Sichtweise. Es ging ihm nicht um die Hinrichtung des Christentums durch ein „Todesurteil“, sondern um eine Analyse der verhängnisvollen kulturgeschichtlichen Wirkungen, die durch die Ablösung des entstehenden Christentums vom Judentum in die Welt gekommen sind. Diese „Geburtsfehler“ erzeugten schwere Hypotheken für unsere europäische Kultur – vor allem die Erbsündenlehre, die blutige Opfertheologie und die schreckliche Eschatologie – die durch die neuzeitliche Aufklärung in mühsamen Schritten abgetragen werden mussten. An diesem Prozess war die christliche Theologie selbst beteiligt, denn sie hatte seit ihren Anfängen immer auch Aufklärung betrieben. Weil es dabei immer auch um die Substanz des christlichen Glaubens ging, kann man an dieser Stelle von einer Selbstauflösung des Christentums durch Aufklärung sprechen. Die forderte einen hohen Preis – den der zunehmenden theologischen Entleerung des spezifisch Christlichen und seiner anwachsenden Bedeutungslosigkeit für den Alltag in der modernen Welt. Die Überlebenschancen des heutigen Christentums lassen sich sicher nicht durch skandalgeschichtliche Gegenrechnungen verbessern, sondern bestenfalls durch die nüchterne Einsicht, dass es auf dem besten Wege ist, sich selbst abzuschaffen. Der Text schließt mit der Vermutung, dass dieser Vorgang sich schließlich als segensreich erweisen könnte.

Manfred Lütz erzählt dann, wie Schnädelbach genötigt wurde, „sich zu korrigieren“, was er im Sinn seiner Skandalrhetorik als „spektakulär und völlig unerwartet“ bezeichnet.(Warum eigentlich ?) Es seien die Gründlichkeit und die Qualität des wissenschaftlichen Werkes ‚Toleranz und Gewalt‘ (2007) von Arnold Angenendt gewesen, die Schnädelbach nach seinem eigenen Zeugnis zum Umdenken gebracht hätten. Da jener Artikel gar keine Skandalgeschichte enthalten hatte, brauchte sich sein Autor freilich auch nicht davon zu distanzieren; die Bemerkung, die Lütz wörtlich zitiert, betrifft nur „einige optische Verzerrungen in meinem Rückblick“, und die bezogen sich im Zusammenhang des damaligen Briefes vor allem auf das Problem der gewalterzeugenden Intoleranz in der christlichen Tradition. Die übrigen Themen des Textes blieben davon fast unberührt.

Skandaltitel genügen freilich nicht, um einen Bestseller zu lancieren; das war auch nicht der Fall bei anderen Kandidaten von Manfred Lütz: „Irre. Wir behandeln die Falschen“ und von „Bluff! Die Fälschung der Welt“. Man benötigt den Nachweis von Seriosität und Reputation, von Autoritäten, auf die man sich berufen kann, vor allem aber die Sicherung der Wissenchaftlichkeit; kein Skandalautor kommt ohne dies aus. Lütz nennt nicht weniger als vier bekannte Historiker und einen Theologen, die er habe sein Werk „lesen lassen“, „damit alles stimmt“. (Man beachte: Manfred Lütz lässt lesen !) Er fährt fort: „Und wie üblich hat es mein Friseur kontrolliert, damit alles allgemeinverständlich, locker und lesbar bleibt.“ Dieses eindrucksvolle Kontrollgremium wird freilich in den Schatten gestellt durch die alles überragende Autorität des „international renommierten Historikers“ Arnold Angenendt, an der tatsächlich nicht zu zweifeln ist; sein großes Werk „Toleranz und Gewalt. Das Christentum zwischen Bibel und Schwert“ (2007, 6. Auflage 2012), dessen Entstehung nach eigenem Zeugnis durch Schnädelbachs ZEIT-Artikel angeregt wurde, ist die Grundlage alles dessen, was Manfred Lütz in seiner revidierten Christentumsgeschichte vorzubringen hat. Sein Buch enthält in der Tat nichts anderes als den in erzählende Prosa übersetzten Gehalt des Angenendtschen Buches; es soll dessen „entscheidende Ergebnisse…einer breiteren Öffentlichkeit in lesbarer Form zugänglich machen“. Dazu heißt es: „Ich habe den Text verfasst, aber die historisch wissenschaftliche Substanz dieses Buches verdankt sich zu einem guten Teil Prof. Dr. Dr. h.c. Arnold Angenendt und seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, die dafür gesorgt haben, dass dieses Buch noch über „Toleranz und Gewalt“ hinaus den neuesten Stand historischer Forschung vermittelt.“

Es handelt sich somit nicht um eine Übersetzung, sondern um den Transfer eines Buches von einer Buchgattung in eine andere; trotz der eindrucksvollen Schrumpfung des ursprünglichen Umfangs von 800 auf 287 Druckseiten soll der Gehalt gleichgeblieben sein. Diesem Übergang ist der gesamte wissenschaftliche Apparat zum Opfer gefallen; abgesehen von einigen eignen Einzelnachweisen wird man stattdessen auf die Originalfassung verwiesen, wo alles im Einzelnen nachprüfbar sein soll. Der so nachdrücklich erhobene Wissenschaftlichkeitsanspruch ist somit für den durchschnittlichen Leser einer auf Treu und Glauben, es sei denn, er macht sich die Arbeit und legt, wenn ihn Zweifel plagen, das Original von Angenendt und die Lützsche Version wirklich nebeneinander. Diese entschlossene Auslagerung jeglicher Kontrollmöglichkeit soll das Buch zusätzlich unangreifbar machen – über die leere Beschwörung der wissenschaftlichen Reputation des ursprünglichen Autors hinaus. Und dann stellt sich die Frage nach der Autorschaft: Ist Manfred Lütz wirklich der Autor dieses Buches, sondern nicht vielmehr nur der Hersteller der Paraphrase eines anderen Buches, dessen Autor Arnold Angenendt heißt ? Man erfährt: „Gewisse Texte sind aus „Toleranz und Gewalt“ übernommen, aber völlig neu zusammengestellt“. Damit wird verschleiert, was es mit der tatsächlichen Autorschaft auf sich hat. (Der Verlagsprospekt des Herder-Verlags spricht deshalb an dieser Stelle auch nur von „wissenschaftlicher Mitarbeit“.) Man braucht nur wenige Seiten des Buchtextes zu lesen. um sicher zu sein, dass der kurzweilige und zuweilen flapsige Erzählton von Lütz nicht der wissenschaftliche Sprachgestus von Angenendt sein kann.

Skandalrhetorik, erborgtes Renommee und fremde Federn der Wissenschaftlichkeit – damit kann der Bestseller gestartet werden.

(Der Artikel ‚Der Fluch des Christentums‘ ist nach wie vor im Internet verfügbar.)

Jürgen Habermas wird 90. Sein Thema: Welche Religionen können heute noch hilfreich sein für die säkulare Gesellschaft und den Staat?

Hinweise zu Habermas Vorschlägen zu Religion und Philosophie
Von Christian Modehn

Mein Hinweis zum 85. Geburtstag von Jürgen Habermas, publiziert am 15. Juni 2014, ist nach wie vor als eine Art Einführung interessant.

Dennoch: Zum 90. Geburtstag des Soziologen und Philosophen noch einmal einige weiter führende Hinweise und Fragen. Und es werden die Grenzen der auf Religion bezogenen Äußerungen herausgestellt.

Seit der „Spätphase“ seines Denkens, also ab 2001, setzt sich Jürgen Habermas mit der Bedeutung der Religionen für das säkulare Bewusstsein, die säkulare Gesellschaft und den bleibend säkularen Staat auseinander. Er nennt die heutige westliche Gesellschaft „postsäkular“. So, als wäre die Definition mit dem bislang üblichen Prädikat „säkular“ nicht mehr gültig angesichts der unerwarteten Präsenz der Religionen in den Staaten und Gesellschaften. Ob damit auch eine neue Praxis des Glaubens/der Glaubenden geschieht, ist eine andere, von Habermas nicht beantwortete Frage.

Habermas empfindet es als ungewiss, dass angesichts der globalen Herausforderungen der Gegenwart „die Ressourcen einer unverlierbaren (!), aber nur schwach motivierenden Vernunftmoral … ausreichen“ ( „Politik und Religion“, hg. Friedrich Wilhelm Graf und Heinrich Meier, München 2013, s. 299). Er spricht sogar davon, dass „in der (modernen Aufklärungs-) Philosophie selbst ein Defätismus der Vernunft brütet“ (S. 300). Ist die säkulare Vernunft vielleicht stark angekränkelt? Das sagen ja auch andere, gar nicht so progressiv Gesinnte.
Es ist also für Habermas die Schwäche der Vernunft und damit der Demokratie, die nach einem Dialog mit den Religionen förmlich ruft. Habermas befürchtet ohne die vernünftige Anwesenheit der Religionen ein „Entgleisen der Gesellschaften“. Ein Grund dafür: Die neuzeitlichen Rationalisierungsprozesse sind gar nicht so rational und menschenfreundlich, wie man ursprünglich hoffte.

So kommen in seiner Sicht den Religionen heute konstruktive Beiträge zum Überleben der Demokratien zu, indem sie die Philosophie und den säkularen Staat an religiöse Ressourcen erinnern, die weder die neuzeitliche Philosophie noch der säkulare Staat zur Verfügung hat. Gemeint sind religiöse Lehren, Mythen, Weisheiten.
Aber diese können selbstverständlich nicht unmittelbar geltend gemacht werden als Gestaltungsprinzipien innerhalb der säkularen Staaten. Habermas sagt klipp und klar: “Der liberale Staat ist mit religiösem Fundamentalismus unvereinbar“ (ebd., S. 291) Vielmehr müssen die religiösen Inhalte, so Habermas, in säkulare Sprache übersetzt werden. An welche religiös relevanten Inhalte er dabei denkt, wird von ihm meines Wissens nicht erörtert. Es wird also nicht gesagt, welche bestimmten religiösen Weisheiten auch universal gültige Wahrheiten sein können oder gar sind oder welche der liberale Staat etwa tolerieren sollte
Habermas denkt sozusagen nur eine offene Einladung zum Dialog. Bei dem aber eigentlich die religiösen Menschen in ihren Glaubenshaltungen auch lernen sollten: Auch da werden meines Erachtens keine Beispiel von Habermas genannt. Er spricht lediglich davon, dass religiöse Bürger sich an die universal geltenden, also säkularen Gesetze der Demokratie zu halten haben. Man denke aber etwa an die Debatte um Beschneidung von Knaben im Judentum und Islam, diese Beschneidung wird von etlichen demokratischen Menschen als unerlaubter Übergriff in demokratischen Staaten mit religiöser Neutralität abgewiesen. Die Gerichte in Deutschland haben aber dann zugunsten der Religionen (Judentum, Islam) entschieden.
Zusammenfassend: Habermas mutet dem religiösen Bürger zu, seine religiösen Lehren, wenn sie denn politisch relevant sein sollen, in säkulare Sprache zu „übersetzen“.
Er mutet den säkularen, religionsdistanzierten Bürgern zu, „in der artikulierten Sprache religiöser Stellungnahmen und Äußerungen gegebenenfalls Resonanzen eigener verdrängter Intuitionen wieder zu erkennen, darin also potentielle Wahrheitsgehalte zu entdecken, die in eine öffentliche, religiös ungebundene Argumentation eingebracht werden können“ (ebd. S 293).
Zum Islam in seiner ganzen Vielfalt, die von eher demokratisch orientierten reformbereiten Gemeinden reicht bis zu Fundamentalismen oder zu extrem konservativen katholischen Gruppen (Opus Dei, Legionäre Christi, Neokatechumenale) bzw. dem starken evangelikalen/pfingstlerischen evangelischem Glauben äußert sich Habermas nicht. Insofern sind seine Vorschläge abstrakt, allgemein und nicht mehr auf der Höhe der aktuellen Debatten von 2019. Die zerstörerische politische Kraft evangelikaler Gruppen sieht man heute in Brasilien oder in Nigeria: Welche Bedeutung könnte dort die Religions“theorie“ Habermas haben? Man hat eher den Eindruck, global gesehen, dass die religiösen Fundamentalismen in allen Religionen immer stärker werden und sich auch politisch als solche durchsetzen können. Insofern ist Religionskritik eine der obersten philosophischen Beschäftigungen – um der Menschenrechte und der Demokratie willen. Man denke auch an die scharfen Abtreibungsverbote in vielen lateinamerikanischen (katholischen!) Staaten oder in einigen Bundesstaaten der USA sowie in Polen usw. Überall, wo der politische katholische Klerikalismus die Macht hat, setzt er sich mit seinem absoluten ersten aller Gebote durch: Keine Freiheit für Frauen hinsichtlich der Abtreibung.
Diese Themen berührt Habermas nicht. Und seine Schriften wurden zu einer Zeit geschrieben, als das Vertrauen in die religiöse und grundsätzlich humane Kraft der Kirchen noch groß war. Seit den unglaublich vielen Missbrauchsskandalen in der römischen Kirche weltweit ist es schwer, mit Habermas noch von den konstruktiven Ressourcen der Kirchen für die Gestaltung Europas zu sprechen. Die Kirchen sind ja selbst hilflos, wenn es etwa um das Massensterben der Flüchtlinge im Mittelmeer geht; sie sind hilflos, wenn in den Großstädten die Mieten explodieren und immer mehr Arme „erzeugt“ werden; die Kirchen sind hilflos, wenn die reiche und satte Welt auf die arm gemachten Millionen Menschen des Südens schaut und dabei seit Jahrhunderten keine anderen Ideen hat, als bitte zu schön zu spenden.
Mit anderen Worten: Die religiösen Ressourcen, und das sind im Sinne Jesu von Nazareth humane Ressourcen, mit einer prophetischen Dringlichkeit, sind aufgebraucht. Und manche haben den Eindruck, die Gesellschaft mag zwar mit allerhand Folklore , Kirchentagen, Heilig-Abend-Gottesdiensten etc. noch religiös erscheinen, vom biblisch- prophetischen Glauben der Gerechtigkeit für alle und des nicht bloß verbalen Kampfes für diese Gerechtigkeit, sind die Kirchen weithin weit entfernt.
Insofern sind die Äußerungen von Jürgen Habermas zu Religion noch interessant. Aber, sie sind leider bis jetzt nicht relevant geworden.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Lesenswert ist der Beitrag von Michael Kühnlein über Jürgen Habermas in dem Buch „Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie und Religionskritik“, Suhrkamp, 2018, S. 862

Auf Bittschriften reagiert der Vatikan nicht. Eingaben der Gläubigen sind sinnlos!

Ein Hinweis von Christian Modehn. am 10.2.2019

Gibt es eine Petition, eine Eingabe, einen Aufruf, eine Unterschriftensammlung usw. von katholischen Laien, Priestern und Theologen, die auch nur den leisesten Schimmer von Erfolg hatten bei den höchsten amtlichen Leitern der katholischen Kirche, also dem Papst und seinem Bischofskollegium.

Wie viele Unterschriftensammlungen („Wir sind Kirche“), wie viele Bittbriefe, wie viele Reformvorschläge wurden von der „Basis“ der herrschenden Kleriker-Spitze übergeben: Alles war vergeblich. Und es musste vergeblich sein, und wird vergeblich sein. Das ist eine nüchterne Einsicht, der sich aber alle Unterschriftensammler und „Eingaben-Schreiber“ widersetzen. Sie wissen es, aber ignorieren die Erkenntnis: Die katholische Kirche in ihren gottgewollten, ewigen Strukturen und Gesetzen wird einzig von den bestimmenden herrschenden Klerikern definiert. Wenn diese nicht eine noch so geringe Veränderung wollen, passiert gar nichts! Da können millionenfach Bittschriften im Vatikan landen. Denn einzig Papst und Bischöfe verfügen über die Interpretation der Texte des Neuen Testaments, und behaupten dabei sehr machtbewusst, Jesus Christus persönlich habe dies so gewollt. Sie lesen also diese neu-testamentlichen Texte in der Form, als hätten letztlich nur sie, Papst und Bischöfe, von Christus den Auftrag erhalten, „in seinem Namen und in seiner Vollmacht zu lehren, zu heiligen und zu leiten“ (so der offizielle, weltweit für alle Katholiken geltende „Katechismus der katholischen Kirche“, 1993, § 873).

Noch einmal: „Der Klerus allein lehrt, heiligt“ (was immer das aktuell in den Skandalen um den sexuellen Missbrauch durch Priester bedeuten mag) „und leitet“. Wer diese angeblich gottgewollten Verhältnisse als Laie, als „Basis“ der Kirche, nicht akzeptiert, läuft gegen die viele Meter hohen Mauern, die den Vatikan von der Welt trennen.

Ist das für die Petitionsschreiber so schwer zu verstehen? Offenbar! Sie vergeuden ihre wertvolle Lebenszeit mit solchen Bittbriefen, Bettelbriefen: „Lieber Herr Kardinal, seien Sie doch mal treu dem Evangelium und nicht den Kirchengeboten, hören Sie uns doch bitte mal…“ Das ist der ewige Grundtenor der Bettelbriefe. Sie wirken irgendwie kindlich. Es sind die „Schäfchen, die ihre Hirten anbetteln“. Sie können bestenfalls das Gewissen von Päpsten und Bischöfen etwas ankratzen. Aber Reformen sind von Päpsten und Bischöfen nicht zu erwarten, geschweige denn eine wahrlich Reformation! Denn das würde ihre Macht reduzieren und sicher auch ihren finanzielle guten Status.

Selbst das so genannte Reformkonzil des 20. Jahrhundertes, also das 2. Vatikanische Konzil, hat an der Allmacht des Klerus nichts geändert. Diese ist eine Art feste und fixe DNA-Struktur des Katholizismus, sagte sehr treffend der Bischof von Hildesheim, Dr. theol. Heiner Wilmer.

Papst und Bischöfe sind, was die Kirchenstrukturen und die dogmatischen Lehren angeht, also allmächtig. Sie können de facto ungeniert machen, was sie wollen: Etwa Pfarr-Gemeinden gegen den Widerspruch der Gläubigen zusammenlegen, einzig deswegen, weil der Klerus fehlt. Auf den Gedanken, Laien, Nonnen oder verheirateten Priestern diese Gemeinden als Leiterinnen anzuvertrauen, wollen die Herren nicht kommen. Und wenn im Februar 2019 in Rom diese führenden Herren Bischöfe über sexuellen Missbrauch ihrer lieben, so oft vor den Gerichten geschützten Mitbrüder debattieren, bleiben diese Herren weitgehend unter sich, ohne die ständige Anwesenheit und Mitsprache der Vertreter von Organisationen der Opfer. Selbst die Beschlüsse von Synoden der katholischen „Landes“-Kirchen, etwa einst in Holland oder der Bundesrepublik usw. haben überhaupt keine Bedeutung, sie sind für die Herren der Kirche bestenfalls interessante Hinweise. Diese Synoden waren und sind immer wieder im Blick der römischen Prälaten nette Beschäftigungstherapien und Papierfluterzeugungen…

Freundlicherweise hat der genannte offizielle Katechismus in § 907 aber dann doch (klein gedruckt ) nicht auf den Hinweis einer gewissen Mitwirkung der Laien verzichten wollen. Denn in diesem Paragraphen wird den Laien das „Recht und bisweilen die Pflicht“ zugestanden, ihre Meinung zu dem, was das Wohl der Kirche angeht, den geistlichen Hirten mitzuteilen“. Über die tatsächliche Bedeutung oder gar Wirkung dieser Mitteilungen (manche Laien sind ja froh, wenn ihre Bittschriften überhaupt gelesen werden, wie etwa die vielen Opfer sexuellen Missbrauchs durch Priester) bei den „geistlichen Hirten“ wird im Katechismus gar nichts gesagt. Hingegen werden dort, im § 907, die mitteilenden Laien ermahnt, bei diesen ihren Schreiben auf die „Unversehrtheit des Glaubens und der Sitten und der Ehrfurcht (sic) gegenüber den Hirten“ zu achten! Also bitte nett und höflich bleiben und immer brav-gehorsam…

Außerdem sollen die mitteilenden Laien den „allgemeinen Nutzen“ ihrer Schreiben beachten und die Würde der Personen achten“… Was soll dieser § mit allen seinen Einschränkungen? „Haltet den Mund ihr Laien, eure Schreiben sind so wieso irrelevant für uns Herren der Kirche“. Das ist belegbare historische Erfahrung seit Jahrhunderten. Und auch der jetzige Text der wenigen Petitionsschreiber um Pater Mertes (von Anfang Februar 2019) hat doch eher noch den milden Bittsteller Ton. So reden Verängstigte und Gehorsame gegenüber ihren hohen Autoritäten. Warum schreiben sie nicht: Wir werden uns gewaltfrei, aber wirksam Einlass suchen bei euren Bischofsdebatten zum sexuellen Missbrauch. Wir werden die Eingangstüren des Versammlungsraumes blockieren, so wie einst Wiener Katholiken dem reaktionären Weihbischof und Ratzinger Intimus Kurt Krenn den Zugang in den Wiener Stephansdom versperrten“. So sieht geistlicher Widerstand aus, er hat mit den ewigen netten Petitionen nichts zu tun.

Aber: Warum werden dennoch Petitionen etc. von Laien, von Priestern und Theologen der „Basis“ nach Rom oder an Leiter von Bischofskonferenzen permanent geschrieben: Weil diese armen Laien und Priester der Basis offenbar keine andere Möglichkeit sehen, überhaupt noch ihre Wut irgendwohin zu kanalisieren. Austreten wollen sie nicht, können sie nicht, dazu sind sie zu gehemmt, zu gehorsam. Das Hauptproblem ist ein Glaubensproblem: Tatsächlich wird der Glaube bei Katholiken immer auf den Glauben an diese vorgegebene Kirchenordnung umgelenkt. ABER: Die Kirche ist ein weltlich Ding, das wagt kaum ein Katholik zu denken, geschweige denn danach zu leben. Gerade den Priestern wurde es eingeimpft, dass diese Kirche des allen herrschenden Klerus der liebe Gott so will! Was für eine Gotteslästerung. Oder ist man immer noch so naiv und hofft auf bessere Zeiten, „bei diesem Papst Franziskus“, sagt man dann mit schwärmerischem Blick in ferne Zukunft.

Auf andere Gedanken kommen diese zornig – hilflosen Katholiken der Basis nicht: Ist diese Frage wirklich so abwegig: Man könnte ja durch eine Konversion von sehr vielen Tausend Katholiken in die Lutherische Kirche oder die Reformierte oder progressive liberale und freisinnige (natürlich nicht die evangelikalen oder pfingstlerischen Gemeinschaften) protestantische Kirchen spirituell bereichern! Oder die ewig unzufriedenenKatholiken könnten unabhängige progressive christliche Gemeinden gründen, siehe etwa die Gemeinde Dominikus oder Studentenecclesia (Huub Oosterhuis) in Amsterdam

Dann würde dieses katholische Syndrom aufhören, dass der Glaube sich letztlich erschöpft in einem Sichärgern über die Kircheninstitution.

Christentum gibt es ohnehin nur in Pluralität! Und diese katholische Kirche mit 1,3 Milliarden Mitgliedern kann ohnehin nicht länger auf allen Kontinenten das gleiche Gesicht, die gleiche Liturgie, die gleichen Ämter haben. Warum soll man nicht eine katholische Kirche Afrikas, eine katholische Kirche Lateinamerikas mit eigenen Ordnungen etc. haben. Der alte römische Zentralismus passte vielleicht noch ins 19. Jahrhundert. Er ist heute in der Praxis eine Katastrophe. Das würde selbstverständlich zu einem Ende der jetzigen Form des Papsttums führen, es gäbe dann mehrere „Ober-BischöfInnen“ auf allen Kontinenten, die synodal – demokratisch diese plurale katholische Kirche leiten. Erst dann hätte diese Kirche angesichts der kulturellen Vielfalt den Namen „katholisch“ verdient…Aber das ist absoluteste Zukunftsmusik, ein ferner Traum, denn eher werden die klerikalen Greise in Rom an allem Bestehenden festhalten und dies mit ihrer dogmatischen Gewalt verteidigen.

Und das wäre am wichtigsten: Nicht nur die Amtsstrukturen müssen dringend Richtung Demokratie, Synode etc. verändert werden. Vor allem muss die dogmatische Lehre seit Jahrhunderten mit den ewig selben Formeln und Floskeln entrümpelt werden. So viele dogmatische Sprüche versteht kein Mensch mehr. Gott sei Dank! Ein einfacher, jesuanischer Glaube in Offenheit für andere Religionen und Spiritualitäten, in politischer Verantwortung für diese zerrissene Welt wäre dann lebendig. Also: Entrümpelt auch die Dogmen, schreibt einen Katechismus, der nicht wie der jetzige 816 Seiten umfasst, sondern nur 8 bis 10 Seiten. Der ganze christliche Glaube ließe sich auf den wenigen Seiten als VORSCHLAG und EINLADUNG formulieren. Die katholischen Theologen sollten es doch mal probieren. Oder haben sie als gehorsame Schäfchen auch noch Angst, dass ihnen die vatikanische Lehrerlaubnis entzogen wird. Aber das wäre in der Tat eine Befreiung für eine freie katholische Theologie-Wissenschaft. Weiterarbeiten ohne vatikanische Kontrolle, welch ein Gewinn für die Theologie, die freie Wissenschaft sein will.

Zusammenfassend: Nicht ein paar freundlich gewährte Reformen sind nötig, sondern eine neue Reformation der römischen Kirche ist geboten! Und: Jeder religiöse und fragende und zweifelnde Mensch sollte wissen: Um die je eigene Beziehung zu Gott, zum Göttlichen, zu leben, braucht man nicht autoritäre Kirchen. Die je eigene Mystik wird die Antwort der Zukunft sein, für Menschen, die, trotz der Kirchenmisere, ihren je eigenen Glauben pflegen und in kleinen Kreisen besprechen und feiern.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

Panama: Weltjugendtage des Papstes. Kritische Hinweise

Hinweise von Christian Modehn zum Weltjugendtag in Panama vom 22. – 27.1.2019

Wer weiß: Vielleicht werden bald neue „Panama Papers“ veröffentlicht. Diesmal geht es um theologisch – politische (und dann auch finanzielle) Enthüllungen. Die so schwer eigentlich gar nicht freigelegt werden können. Sie werden in aller Ausführlichkeit im Umfeld der katholischen „Weltjugendtage in Panama“ veröffentlicht, falls es Journalisten gibt, die sich bei dem Kirchen-Thema für objektive, also kirchenunabhängige Recherche und umfassende Investigation interessieren. Dass die äußerst wohlhabende katholische Ordensgemeingemeinschaft „Legionäre Christi“ schon im Dezember 1984 drei OFF-shore Unternehmen in Panama gründete, kann hier nur zum vertiefenden Studium empfohlen werden (8).

Die katholischen, vom Papst und den Bischöfen inspirierten und offiziell vom „Amt“ auch geleiteten internationalen „Weltjugend-Tage“ finden zum 34. Mal in Panama statt. Es war der polnische Papst, der diese Weltjugendtage „erfand“, wohl auch, um zu demonstrieren: Die katholische Kirche hat zumal in den neuen geistlichen, aber sehr konservativen Bewegungen wie den Neokatechumenalen, den Focolarini, dem Opus Dei, dem Regnum Christi etc. doch noch junge Leute vorzuweisen. Sie kann also noch die Jugend „mobilisieren“, die sich von der männlichen Kirchenführung gern leiten lässt. Beim letzten Treffen in Krakau (im Juli 2016) kamen etwa 3 Millionen junge Katholiken zusammen. In Panama rechnen die Veranstalter mit 200.000 TeilnehmerInnen aus etwa 150 Ländern.

Welche Themen müssen in den neuen „Panama –Papers“ kritisch untersucht werden?

Zunächst die neuerbaute luxuriöse Residenz des Botschafters des Vatikans in Panama, dort wohnt der Papst. Man kann sich den Palast des Nuntius im Link ansehen,in einem Land, in dem die überwiegende Zahl der Menschen in Armut lebt, jeder Vierte sogar  „unterhalb der Armutsgrenze“… An dem Beispiel  zeigt sich, was das päpstliche Reden von der „Kirche für die Armen“ bedeutet: Sie ist bloß für die Armen, zynisch gesagt: Sollen sich diese noch an den Luxustempeln des Klerus erfreuen…

Es ist das offizielle Motto dieses Welt- Jugendtreffens in Lateinamerika, das tiefe Irritationen hervorruft, selbst unter fest- angestellten Mitarbeitern der Kirche. Die ihre Kritik natürlich nicht, wie üblich, nach außen hin öffentlich machen können/wollen.

Das Motto dieses Weltjugendtreffens ist ein Zitat, das wie immer bei solchen Treffen dem Neuen Testament entnommen ist. Diesmal ist es ein Wort der Jungfrau Maria, wie es das Lukas – Evangelium übermittelt: „Siehe, ich bin die Magd des Herrn; mir geschehe, wie du es gesagt hast“ (Lukas, 1, 38).

Das heißt: Der biblischen Erzählung, dem „Mythos“, folgend, wird das Mädchen Maria von einem Engel besucht. Und der kündigt ihr als Jungfrau eine Jungfrauengeburt an, also die Geburt ihres Sohnes Jesus, der nicht von ihrem Gatten bzw. Lebenspartner Josef gezeugt ist. Maria ist vorbildlich gehorsam, sie sieht sich ausdrücklich als Magd „des Herrn“, und sie stimmt dieser „wunderbaren“ Empfängnis zu („unbefleckte Empfängnis“ sagte früher die katholische Theologie !, der Titel auch ein Hinweis zum Umgang mit Sexualität in der Kirche: „Befleckung“…)

Ich halte dieses Motto der Weltjugendtage in der Lebenswelt heutiger (junger) Menschen zumal in Lateinamerika und der arm gemachten Bevölkerung weltweit für eine „ideologische Katastrophe“. Denn wer als jugendlicher „Nicht-Theologe“ nur diesen Satz des gehorsamen Mädchens Maria hört und liest, wird förmlich ermuntert, den Gehorsam als entscheidend zu deuten. Gehorsam wird also von der Kirche verlangt! Und vor allem Frauen und Mädchen mögen doch bitte wie Maria gehorsam sein. Also konkret: Den Männern gehorchen.

Die Unterdrückung der meisten Frauen und Mädchen in Lateinamerika ist himmelschreiend: In den meisten lateinamerikanischen Ländern sind dank des politischen Einflusses der römischen Kirche fast alle Formen der Geburtenregelung und des Schwangerschaftsabbruchs gesetzlich verboten. Wie viele tausend Mädchen sterben bei „Kurpfuschern“, die reichen Damen fliegen nach Nordamerika zur medizinisch korrekten Abtreibung. Lediglich Uruguay ist in Lateinamerika eine vorbildliche Ausnahme. Warum? Weil die römische Kirche dort wenig Einfluss hat. Eben ein laizistischer Staat.

Hinzu kommt die ständige Bedrohung junger Menschen, vor allem der Mädchen, die wie Objekte für Vergewaltigungen missbraucht werden, in Zentralamerika, aber letztlich in ganz Lateinamerika: In Zentralamerika herrscht, abgesehen von Costa Rica, die totale Gewalt der Jugendbanden, der so genannten Maras. Diese rekrutieren als brutale männliche Verbrecher eben auch Mädchen. (1) Und die finden nur die Mitgliedschaft bei einer der „Familien“ der Maras, wenn sie sich vorher vergewaltigen lassen. Warum ist es dem so genannten Heiligen Vater nicht bekannt, dass beim Frauenmord, den Femiziden, die Gewalt gegenüber Frauen in ganz Lateinamerika erschreckend hoch ist? (2) Was soll in einer solchen Misere der Mythos von der gehorsamen Maria, die dem HERRN (!) gehorsam folgt und alles annimmt, was der HERR über einen Engel vermittelt ihr da zumutet.

Noch einmal: Diesen Satz aus dem Mythos des Lukas Evangeliums als Motto zu wählen, ist ein skandalöser Fehlgriff.

Die Entscheidung für das Motto soll der angeblich progressive Papst Franziskus selbst getroffen haben: Er und die anderen Herren im Vatikan hätten nur ein paar Verse im Lukas-Evangelium weiter lesen müssen, dann hätten sie DAS wegweisende Motto für die arm gemachten Millionen Menschen gefunden. Da spricht Maria in dem berühmten, sehr politischen Gebet, Magnificat genannt, diese revolutionären Worte:

„Gott stürzt die Mächtigen vom Thron, und erhöht die Niedrigen. Die Hungernden beschenkt er mit seinen Gaben und lässt die Reichen leer ausgehen“. (Verse 52 und 53).

Hätte man diese Worte als Motto gewählt, würden vielleicht ganz andere Jugendliche in Scharen zu den Weltjugendtagen in Panama kommen, nicht unbedingt Mitglieder frommer, eher fundamentalischer Gruppen, sondern eben politisch wache Leute, die Gerechtigkeit fordern und nicht Gehorsam gegenüber den „Herren“. Aber auch für den Vatikan und den Papst selbst wäre dieses Motto gefährlich, möchte er wirklich als Mächtiger im Sinne Marias „vom Thron gestürzt“ werden? Das hat Luther leider vergeblich schon versucht…Das fromme Motto zugunsten der gehorsamen Frau in einer brutalen Macho-Kultur gefällt sicher auch dem Präsidenten Panamas, dem Herrn Juan Carlos Varela Rodriguez (3). Er bekennt von sich selbst, in enger Verbundenheit mit der katholischen Geheimorganisation OPUS DEI zu leben.

Er ist nach außen hin ein sehr eifriger Katholik, er reist gern in den Vatikan mit seiner Familie, er folgt unmittelbar den Reisen des Papstes, wie etwa nach Krakau, zum letzten Weltjugendtreffen der Katholiken. Als engster Freund des Opus Dei hat er sich sogar seine Wahlkampagne vom Opus Dei mitfinanzieren lassen, mindestens 3 Millionen US Dollar hat er von dieser katholischen Geheimorganisation erhalten (4).

Der Opus Dei Staatspräsident Varela und sein Stab mit Verbindungen zur römischen Opus Die Zentrale üben eine großen Einfluss aus, was die Gestaltung der Weltjugendtage im Januar 2019 betrifft. Bei einem seiner Besuche in Rom hat Varela in einem Opus Dei Zentrum förmlich die Leitlinien des Weltjugendtreffens im Januar besprochen (5).

Staatspräsident Varela ist zudem mit dem Erzbischof von Panama Stadt eng befreundet und auch eng liiert mit dem Kardinal Jose Luiz Lacunza, Bischof der Stadt David in Panama. Beide sind mit einem Augustiner Orden verbunden. Sie haben sich zu feierlichen Pontifikal-Ämtern mit Opus Dei Leuten bereit gefunden und dem Staatspräsidenten dadurch viel Freude gemacht. Zahlreiche Dokumente aus der Presse belegen dies!

Über weitere Details wäre zu berichten, über die die noch halbwegs freie Presse Panamas berichtet:So wurde etwa ein roter Teppich für die Begrüßung des Papstes am Flughafen angefertigt, Kostenpunkt: 14.000 US Dollar.

Die Regierung hat in den ersten 19 Monaten ihrer Amtszeit mehr als 16,7 Millionen Dollar für die Kirchen, vor allem die katholische, ausgegeben. Selbst wenn dabei Renovierungen alter Kirchengebäude eingeplant waren: Die Bevorzugung der katholischen Kirche durch den Staat ist schon auffällig, meint etwa der Historiker Ricardo Rios Torres (6):

Die „Neue Panama Papers“ hätten also genug Material, etwa auch zur neu erbauten und luxuoriös ausgestatteten Nuntiatur in Panama – Stadt, wo ja bekanntlich der Reichtum nur in den wenigen monumentalen Türmen der Neoliberalen sichtbar ist und in den entsprechenden Wohnvierteln. Denn die meisten Menschen in Panama leben in Armut, da passt ein luxuriöses Gebäude des päpstlichen „Botschafters“ gut ins Bild: Die Leute wissen, wo Papst und Kirche sich wohlfühlen… Ob Papst Franziskus dort wohnen wird, ist noch unbekannt. (7). Sogar eine offizielle Publikation des katholischen Hifswerkes ADVENIAT erwähnt in „Blickpunkt Latenamerika“, Ausgabe 4, 2018, auf Seite 16, die neue Residenz des päpstlichen Botschafters in Panama, also des Nuntius: „Dieser moderne Prachtbau wurde gerade für mehrere Millionen US Dollar luxuriös saniert und steht deswegen stark in der Kritik“. Ob der Papst als Verkünder der Option FÜR die Armen in der Residenz wohnen wird, ist laut offiziellen Meldungen wahrscheinlich. Über die vorherrschende Gewalt im Land, zumal in der Stadt Colon, berichtet in dem Heft Gaby Herzog: „Kriminaliät gehört bei uns in Panama zum Alltag… Die Straßen werden in Colón von Banden regiert. Die Regierung hat keinen richtigen Plan, wie sie der Gewalt begegnen kann“, sagt der Interviewpartner Yithzak Gonzalez, ein Mitarbeiter von Adveniat in Panama. „Und zu oft schlägt sich die Regierung auf die falsche Seite, lässt Wohnungen abreißen und an die Stelle moderne Wohn – und Geschäftshäuser bauen“….(ebd.)

Panama wird ständig von Korruptionsskandalen erschüttert: 2015 wurden mehrere Ex – Minister verhaftet, der ehemalige Vorsitzende des Obersten Gerichtshofes wurde wegen Urkundenfälschung zu 5 Jahren Haft verurteilt usw.

Man wird in diesem „Sumpf“ den Eindruck nicht los: Das bewusst gewählte,tatsächlich bei den Macho – Verhältnissen  verrückte Motto dieses Weltjugendtages und das Zusammenspiel von Papst Franziskus und dem Opus Dei Staatspräsidenten wecken schlimme Ahnungen … in diesem seit langem bekannten Land der Korruption. Hoffentlich kommen die 200.000 frommen Jugendlichen wie Maria „unbefleckt“ daraus wieder nach Hause.

Zudem werden sich die kritischen Beobachter fragen:

Wie progressiv, um diese etwas abgegriffene Bezeichnung noch mal zu verwenden, ist Papst Franziskus wirklich, wenn er ein solches absurdes Motto für den Weltjugendtag in der von Gewalt geprägten katholischen Kultur Lateinamerikas durchsetzt?

Wie verbunden ist Papst Franziskus, um des eigenen Überlebens willen, mit dem Opus Dei?

Ich meine: Papst Franziskus jongliert hin und her, aber wesentlich ist: Im Grunde aber ist er ein sehr konservativer Theologe. Man lese nur seine Predigten im Haus Santa Marta! Und ein Befreiungstheologe ist er schon gar nicht, auch wenn er von der „Option FÜR (!) die Armen spricht, also von der caritativen Geste „der“ Kirche FÜR die Armen. Und eben nicht MIT ihnen in gleichberechtigter demokratischer Partnerschaft.

–Wie wird des 1971 ermordeten Sozialpriesters Hector Gallego gedacht? Er wurde verschleppt, gefoltert und von Militärs aus einem Hubschrauber  ins Meer geworfen. Gallego organisierte – sozusagen als einer der ersten Begreiungstheologen – arme Landarbeiter. Staat und Kirche nannten ihn in ihrer gemeinsamen Verblendung wie üblich einen Kommunisten. Eine ideologische Redeweise, der sich auch Papst Johannes Paul II. und Ratzinger gern bedienten, um Befreiungstheologen mundtot und dann auch mit staatlicher, d.h. rechtsextremer diktatorischer Hilfe, „tot zu machen“… Siehe Erzbischof Romero etc…

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Quellenangaben:

(1)https://de.globalvoices.org/2016/02/14/die-gefahrliche-und-komplexe-wirklichkeit-der-frauen-in-banden-in-zentralamerika/

(2)

https://www.boell.de/sites/default/files/geschlechtergerechtigkeit_in_zentralamerika_2014.

(3)

http://elpostantillano.net/politica/17912-2016-08-08-15-56-08.html

(4)

https://www.panamaamerica.com.pa/nacion/campana-de-varela-recibe-financiamiento-del-opus-dei-911321

(5) https://www.prensa.com/mundo/Varela-todavia-entendido-impacto-JMJ_0_4996000362.html

(6)

Gobierno de Panamá dona millones de dólares a la Iglesia católica

(7)

http://laestrella.com.pa/panama/nacional/bella-residencia-donde-hospedara-papa-francisco/23965851

(8)

En Panamá, por ejemplo, el propio Marcial Maciel estableció el 6 de diciembre de 1984 tres empresas offshore: First Fountain, Dawn Development Company y Southwest International, Inc., con el auxilio del despacho International Legal Advisors, competidor con Mossack Fonseca en la creación de compañías ‘fachada’ en paraísos fiscales.

Quelle: https://contralacorrupcion.mx/web/paradisepapers/legionarios/      Von   RAÚL OLMOS

 

 

Weltjugendtage in Panama, kritische Hinweise

Hinweise von Christian Modehn zum Weltjugendtag in Panama vom 22. – 27.1.2019

Wer weiß: Vielleicht werden bald neue „Panama Papers“ veröffentlicht. Diesmal geht es um theologisch – politische (und dann auch finanzielle) Enthüllungen. Die so schwer eigentlich gar nicht freigelegt werden können. Sie werden in aller Ausführlichkeit im Umfeld der katholischen „Weltjugendtage in Panama“ veröffentlicht, falls es Journalisten gibt, die sich bei dem Kirchen-Thema für objektive, also kirchenunabhängige Recherche und umfassende Investigation interessieren. Dass die äußerst wohlhabende katholische Ordensgemeingemeinschaft „Legionäre Christi“ schon im Dezember 1984 drei OFF-shore Unternehmen in Panama gründete, kann hier nur zum vertiefenden Studium empfohlen werden (8).

Die katholischen, vom Papst und den Bischöfen inspirierten und offiziell vom „Amt“ auch geleiteten internationalen „Weltjugend-Tage“ finden zum 34. Mal in Panama statt. Es war der polnische Papst, der diese Weltjugendtage „erfand“, wohl auch, um zu demonstrieren: Die katholische Kirche hat zumal in den neuen geistlichen, aber sehr konservativen Bewegungen wie den Neokatechumenalen, den Focolarini, dem Opus Dei, dem Regnum Christi etc. doch noch junge Leute vorzuweisen. Sie kann also noch die Jugend „mobilisieren“, die sich von der männlichen Kirchenführung gern leiten lässt. Beim letzten Treffen in Krakau (im Juli 2016) kamen etwa 3 Millionen junge Katholiken zusammen. In Panama rechnen die Veranstalter mit 200.000 TeilnehmerInnen aus etwa 150 Ländern.

Welche Themen müssen in den neuen „Panama –Papers“ kritisch untersucht werden?

Zunächst die neuerbaute luxuriöse Residenz des Botschafters des Vatikans in Panama, dort wohnt der Papst. Man kann sich den Palast des Nuntius ja mal im Link ansehen,in einem Land, in dem die überwiegende Zahl der Menschen in Armut lebt, jeder Vierte sogar  „unterhalb der Armutsgrenze“… An dem Beispiel  zeigt sich, was das päpstliche Reden von der „Kirche für die Armen“ bedeutet: Sie ist bloß für die Armen, zynisch gesagt: Sollen sich diese noch an den Luxustempeln des Klerus erfreuen…

Es ist das offizielle Motto dieses Welt- Jugendtreffens in Lateinamerika, das tiefe Irritationen hervorruft, selbst unter fest- angestellten Mitarbeitern der Kirche. Die ihre Kritik natürlich nicht, wie üblich, nach außen hin öffentlich machen können/wollen.

Das Motto dieses Weltjugendtreffens ist ein Zitat, das wie immer bei solchen Treffen dem Neuen Testament entnommen ist. Diesmal ist es ein Wort der Jungfrau Maria, wie es das Lukas – Evangelium übermittelt: „Siehe, ich bin die Magd des Herrn; mir geschehe, wie du es gesagt hast“ (Lukas, 1, 38).

Das heißt: Der biblischen Erzählung, dem „Mythos“, folgend, wird das Mädchen Maria von einem Engel besucht. Und der kündigt ihr als Jungfrau eine Jungfrauengeburt an, also die Geburt ihres Sohnes Jesus, der nicht von ihrem Gatten bzw. Lebenspartner Josef gezeugt ist. Maria ist vorbildlich gehorsam, sie sieht sich ausdrücklich als Magd „des Herrn“, und sie stimmt dieser „wunderbaren“ Empfängnis zu („unbefleckte Empfängnis“ sagte früher die katholische Theologie !, der Titel auch ein Hinweis zum Umgang mit Sexualität in der Kirche: „Befleckung“…)

Ich halte dieses Motto der Weltjugendtage in der Lebenswelt heutiger (junger) Menschen zumal in Lateinamerika und der arm gemachten Bevölkerung weltweit für eine „ideologische Katastrophe“. Denn wer als jugendlicher „Nicht-Theologe“ nur diesen Satz des gehorsamen Mädchens Maria hört und liest, wird förmlich ermuntert, den Gehorsam als entscheidend zu deuten. Gehorsam wird also von der Kirche verlangt! Und vor allem Frauen und Mädchen mögen doch bitte wie Maria gehorsam sein. Also konkret: Den Männern gehorchen.

Die Unterdrückung der meisten Frauen und Mädchen in Lateinamerika ist himmelschreiend: In den meisten lateinamerikanischen Ländern sind dank des politischen Einflusses der römischen Kirche fast alle Formen der Geburtenregelung und des Schwangerschaftsabbruchs gesetzlich verboten. Wie viele tausend Mädchen sterben bei „Kurpfuschern“, die reichen Damen fliegen nach Nordamerika zur medizinisch korrekten Abtreibung. Lediglich Uruguay ist in Lateinamerika eine vorbildliche Ausnahme. Warum? Weil die römische Kirche dort wenig Einfluss hat. Eben ein laizistischer Staat.

Hinzu kommt die ständige Bedrohung junger Menschen, vor allem der Mädchen, die wie Objekte für Vergewaltigungen missbraucht werden, in Zentralamerika, aber letztlich in ganz Lateinamerika: In Zentralamerika herrscht, abgesehen von Costa Rica, die totale Gewalt der Jugendbanden, der so genannten Maras. Diese rekrutieren als brutale männliche Verbrecher eben auch Mädchen. (1) Und die finden nur die Mitgliedschaft bei einer der „Familien“ der Maras, wenn sie sich vorher vergewaltigen lassen. Warum ist es dem so genannten Heiligen Vater nicht bekannt, dass beim Frauenmord, den Femiziden, die Gewalt gegenüber Frauen in ganz Lateinamerika erschreckend hoch ist? (2) Was soll in einer solchen Misere der Mythos von der gehorsamen Maria, die dem HERRN (!) gehorsam folgt und alles annimmt, was der HERR über einen Engel vermittelt ihr da zumutet.

Noch einmal: Diesen Satz aus dem Mythos des Lukas Evangeliums als Motto zu wählen, ist ein skandalöser Fehlgriff.

Die Entscheidung für das Motto soll der angeblich progressive Papst Franziskus selbst getroffen haben: Er und die anderen Herren im Vatikan hätten nur ein paar Verse im Lukas-Evangelium weiter lesen müssen, dann hätten sie DAS wegweisende Motto für die arm gemachten Millionen Menschen gefunden. Da spricht Maria in dem berühmten, sehr politischen Gebet, Magnificat genannt, diese revolutionären Worte:

„Gott stürzt die Mächtigen vom Thron, und erhöht die Niedrigen. Die Hungernden beschenkt er mit seinen Gaben und lässt die Reichen leer ausgehen“. (Verse 52 und 53).

Hätte man diese Worte als Motto gewählt, würden vielleicht ganz andere Jugendliche in Scharen zu den Weltjugendtagen in Panama kommen, nicht unbedingt Mitglieder frommer, eher fundamentalischer Gruppen, sondern eben politisch wache Leute, die Gerechtigkeit fordern und nicht Gehorsam gegenüber den „Herren“. Aber auch für den Vatikan und den Papst selbst wäre dieses Motto gefährlich, möchte er wirklich als Mächtiger im Sinne Marias „vom Thron gestürzt“ werden? Das hat Luther leider vergeblich schon versucht…Das fromme Motto zugunsten der gehorsamen Frau in einer brutalen Macho-Kultur gefällt sicher auch dem Präsidenten Panamas, dem Herrn Juan Carlos Varela Rodriguez (3). Er bekennt von sich selbst, in enger Verbundenheit mit der katholischen Geheimorganisation OPUS DEI zu leben.

Er ist nach außen hin ein sehr eifriger Katholik, er reist gern in den Vatikan mit seiner Familie, er folgt unmittelbar den Reisen des Papstes, wie etwa nach Krakau, zum letzten Weltjugendtreffen der Katholiken. Als engster Freund des Opus Dei hat er sich sogar seine Wahlkampagne vom Opus Dei mitfinanzieren lassen, mindestens 3 Millionen US Dollar hat er von dieser katholischen Geheimorganisation erhalten (4).

Der Opus Dei Staatspräsident Varela und sein Stab mit Verbindungen zur römischen Opus Die Zentrale üben eine großen Einfluss aus, was die Gestaltung der Weltjugendtage im Januar 2019 betrifft. Bei einem seiner Besuche in Rom hat Varela in einem Opus Dei Zentrum förmlich die Leitlinien des Weltjugendtreffens im Januar besprochen (5).

Staatspräsident Varela ist zudem mit dem Erzbischof von Panama Stadt eng befreundet und auch eng liiert mit dem Kardinal Jose Luiz Lacunza, Bischof der Stadt David in Panama. Beide sind mit einem Augustiner Orden verbunden. Sie haben sich zu feierlichen Pontifikal-Ämtern mit Opus Dei Leuten bereit gefunden und dem Staatspräsidenten dadurch viel Freude gemacht. Zahlreiche Dokumente aus der Presse belegen dies!

Über weitere Details wäre zu berichten, über die die noch halbwegs freie Presse Panamas berichtet:So wurde etwa ein roter Teppich für die Begrüßung des Papstes am Flughafen angefertigt, Kostenpunkt: 14.000 US Dollar.

Die Regierung hat in den ersten 19 Monaten ihrer Amtszeit mehr als 16,7 Millionen Dollar für die Kirchen, vor allem die katholische, ausgegeben. Selbst wenn dabei Renovierungen alter Kirchengebäude eingeplant waren: Die Bevorzugung der katholischen Kirche durch den Staat ist schon auffällig, meint etwa der Historiker Ricardo Rios Torres (6):

Die „Neue Panama Papers“ hätten also genug Material, etwa auch zur neu erbauten und luxuoriös ausgestatteten Nuntiatur in Panama – Stadt, wo ja bekanntlich der Reichtum nur in den wenigen monumentalen Türmen der Neoliberalen sichtbar ist und in den entsprechenden Wohnvierteln. Denn die meisten Menschen in Panama leben in Armut, da passt ein luxuriöses Gebäude des päpstlichen „Botschafters“ gut ins Bild: Die Leute wissen, wo Papst und Kirche sich wohlfühlen… Ob Papst Franziskus dort wohnen wird, ist noch unbekannt. (7). Sogar eine offizielle Publikation des katholischen Hifswerkes ADVENIAT erwähnt in „Blickpunkt Latenamerika“, Ausgabe 4, 2018, auf Seite 16, die neue Residenz des päpstlichen Botschafters in Panama, also des Nuntius: „Dieser moderne Prachtbau wurde gerade für mehrere Millionen US Dollar luxuriös saniert und steht deswegen stark in der Kritik“. Ob der Papst als Verkünder der Option FÜR die Armen in der Residenz wohnen wird, ist laut offiziellen Meldungen wahrscheinlich. Über die vorherrschende Gewalt im Land, zumal in der Stadt Colon, berichtet in dem Heft Gaby Herzog: „Kriminaliät gehört bei uns in Panama zum Alltag… Die Straßen werden in Colón von Banden regiert. Die Regierung hat keinen richtigen Plan, wie sie der Gewalt begegnen kann“, sagt der Interviewpartner Yithzak Gonzalez, ein Mitarbeiter von Adveniat in Panama. „Und zu oft schlägt sich die Regierung auf die falsche Seite, lässt Wohnungen abreißen und an die Stelle moderne Wohn – und Geschäftshäuser bauen“….(ebd.)

Panama wird ständig von Korruptionsskandalen erschüttert: 2015 wurden mehrere Ex – Minister verhaftet, der ehemalige Vorsitzende des Obersten Gerichtshofes wurde wegen Urkundenfälschung zu 5 Jahren Haft verurteilt usw.

Man wird in diesem „Sumpf“ den Eindruck nicht los: Das bewusst gewählte,tatsächlich bei den Verhältnissen  verrückte Macho – Motto dieses Weltjugendtages und das Zusammenspiel von Papst Franziskus und dem Opus Dei Staatspräsidenten wecken schlimme Ahnungen … in diesem seit langem bekannten Land der Korruption. Hoffentlich kommen die 200.000 frommen Jugendlichen wie Maria „unbefleckt“ daraus wieder nach Hause.

Zudem werden sich die kritischen Beobachter fragen:

Wie progressiv, um diese etwas abgegriffene Bezeichnung noch mal zu verwenden, ist Papst Franziskus wirklich, wenn er ein solches absurdes Motto für den Weltjugendtag in der von Gewalt geprägten katholischen Kultur Lateinamerikas durchsetzt?

Wie verbunden ist Papst Franziskus, um des eigenen Überlebens willen, mit dem Opus Dei?

Ich meine: Papst Franziskus jongliert hin und her, aber wesentlich ist: Im Grunde aber ist er ein sehr konservativer Theologe. Man lese nur seine Predigten im Haus Santa Marta! Und ein Befreiungstheologe ist er schon gar nicht, auch wenn er von der „Option FÜR (!) die Armen spricht, also von der caritativen Geste „der“ Kirche FÜR die Armen. Und eben nicht MIT ihnen in gleichberechtigter demokratischer Partnerschaft.

–Wie wird des 1971 ermordeten Sozialpriesters Hector Gallego gedacht? Er wurde verschleppt, gefoltert und von Militärs aus einem Hubschrauber  Meer geworfen. Gallego organisierte – sozusagen als einer der ersten Begreiungstheologen – arme Landarbeiter. Staat und Kirche nannten ihn ihrer gemeinsamen Verblendung wie üblich einen Kommunisten. Eine ideologische Redeweise, der sich auch Papst Johannes Paul II. und Ratzinger gern bedienten, um Befreiungstheologen mundtot und dann auch mit staatlicher, d.h. rechtsextremer diktatorischer Hilfe, „tot zu machen“… Siehe Erzbischof Romero etc…

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Quellenangaben:

(1)https://de.globalvoices.org/2016/02/14/die-gefahrliche-und-komplexe-wirklichkeit-der-frauen-in-banden-in-zentralamerika/

(2)

https://www.boell.de/sites/default/files/geschlechtergerechtigkeit_in_zentralamerika_2014.

(3)

http://elpostantillano.net/politica/17912-2016-08-08-15-56-08.html

(4)

https://www.panamaamerica.com.pa/nacion/campana-de-varela-recibe-financiamiento-del-opus-dei-911321

(5) https://www.prensa.com/mundo/Varela-todavia-entendido-impacto-JMJ_0_4996000362.html

(6)

Gobierno de Panamá dona millones de dólares a la Iglesia católica

(7)

http://laestrella.com.pa/panama/nacional/bella-residencia-donde-hospedara-papa-francisco/23965851

(8)

En Panamá, por ejemplo, el propio Marcial Maciel estableció el 6 de diciembre de 1984 tres empresas offshore: First Fountain, Dawn Development Company y Southwest International, Inc., con el auxilio del despacho International Legal Advisors, competidor con Mossack Fonseca en la creación de compañías ‘fachada’ en paraísos fiscales.

Quelle: https://contralacorrupcion.mx/web/paradisepapers/legionarios/      Von   RAÚL OLMOS

 

Sexueller Missbrauch, Korruption und ein anderer Katholizismus

Ein Hinweis von Christian Modehn

Die vielen Beobachter, die sich weltweit kritisch mit dem Zustand der katholischen Kirchenführung heute (Anfang Oktober 2018) befassen, kommen insgesamt zu einem gleich lautenden Urteil: Angesichts der sich immer mehr ausbreitenden Kenntnis der Verbrechen von Priestern und Ordensleuten (inklusive das ebenso gravierende Verschweigen und Vertuschen der Bischöfe und Päpste), kann die römische Kirche in der Form und mit dem traditionellen Inhalt (der Lehre) nicht mehr weiter bestehen, wie sie bisher, etwa 1800 Jahre, gelebt hat: Als hierarchische Kleruskirche, ohne demokratische Kontrolle, mit einem Zölibatgesetz und ohne Frauenpriestertum. So wie diese Kirchenführung bisher „führte“, kann es nicht weitergehen, falls diese Kirche weiter als „Weltkirche“ bestehen will.

Und es wird nicht so weitergehen, weil im Fall der Reformunwilligkeit des Klerus die Gläubigen wegbleiben. So wird es kommen:  Die Laien und einige nachdenkliche Priester werden sich zurückziehen, austreten, vielleicht konvertieren in liberal – theologische protestantische Kirchen; als „Seelenrettung“ hoffentlich auch die individuelle Mystik pflegen.

Die „Kirchenführung“, also die Priester, Bischöfe, Kardinäle und Päpste, müssen auf ihre absolute Macht verzichten, falls die Kirche noch Respekt unter den Menschen, den Gläubigen zumal, verdienen will. Aufgrund eines fundamentalistisch verstandenen Spruches Jesu von Nazareth, glauben diese Herren, „der Fels“ und die „Meister“ der Kirche zu sein, von keinem Gemeindemitglied gewählt, von keiner Synode mit gleich berechtigten Laien bestellt.

All das ist tausende Male gesagt, geschrieben, von manchen förmlich erbettelt worden, von Theologen, die diesen Titel verdienen, von mutigen Ordensleuten, von Journalisten und Gemeindemitgliedern, selbst von ganz wenigen katholischen Bischöfen, die über ihre klerikalen Bindungen hinausgewachsen sind, wie Bischof Jacques Gaillo.

Es geht also um nichts Geringeres als eine Reformation der katholischen Kirche, es geht um wirklich jetzt um eine grundlegende, alles verwandelnde Reformation. Eine neue, eine andere katholische Kirche muss entstehen. Dies ist die Aufgabe. Natürlich können einige klerikale Kreise in ihren Palazzi weiterhin ungerührt Gewohntes, „Ewiges“, propagieren, aber sie erreichen dann ein Niveau wie die traditionalistischen Piusbrüder.

Es ist eine Ironie, dass diese Forderung nach einer radikalen Reformation des römischen Katholizismus genau ein Jahr nach dem großen Reformationsfestival 2017 stattfindet: Da wagte niemand in üblicher ökumenischer Vertrautheit die grundlegende Reformation (nicht Reform, darum geht es gar nicht mehr) des Katholizismus anzusprechen. Nun ist das Thema in der großen Öffentlichkeit.

Die Kommentare in dieser Sache werden kürzer, weil alles gesagt ist. Aber die Kritiker sind de facto mit ihrer Kritik so schwach, man muss sagen, dass sie eigentlich mit ihren Forderungen nichts bewirken können. Die Herren da oben können ja weitermachen wie bisher und dann zum Schluss in ihren Palazzi unter sich jubeln und feiern, dass die Orthodoxie gerettet ist, die alte Lehre, die sie dann noch eine gute Lehre voller wahrer Dogmen nennen.

Es war de facto wohl einfacher, das System des Sowjetkommunismus zu Fall zu bringen als das römische System grundlegend von unten, von der Basis aus, zu umzugestalten. Die Diktatoren in Moskau waren eingebunden in ein dialektisches Verhältnis mit dem Westen. Der hat den Sowjetkommunismus zu Tode gerüstet. Und in der DDR haben sich die Oppositionellen so stark entwickeln können, dass die absolut herrschende Staatspartei SED in den Zusammenbruch kam.

Diese dialektische Spannung gegenüber einer „bedrohlichen“ anderen Seite (wie der Kapitalismus gegenüber dem Sozialismus) gibt in der Krise des Katholizismus nicht. Zumal die Protestanten in ihren klassischen, manchmal liberal -theologischen Kirchen (wie manche Lutheraner etc.) ebenfalls (zahlenmäßig) schwach dastehen gegenüber den Millionen fundamentalistischer Evangelikalen und Pfingstgemeinden. Würden z.B. viele tausend progressive Katholiken in die (wenigen) liberal –theologischen protestantischen Kirchen konvertieren, könnten diese liberal –theologischen Kirchen sogar gestärkt werden und neuen Schwung erhalten…

Nur ein Hinweis noch: Es ist in diesen Debatten über die tiefe Krise des Katholizismus nicht das Stichwort KORRUPTION gefallen. Die Gläubigen in Deutschland haben in gutem Glauben und religiösem Vertrauen über die Kirchensteuer und über ständige Spenden diesen Klerus finanziert. In der Hoffnung, dass dieser Klerus ihnen die religiösen Dienste leistet, die sie als Gläubige wünschen. Dies ist eine Beschreibung der Fakten. Aber: Dieses Vertrauen haben so viele Priester missbraucht, sie haben sich am Geld der Gläubigen erfreut und dann ihre sexuellen Vorlieben einfach ausgelebt, haben Kinder und Jugendliche der den Klerus finanzierenden Gemeindemitglieder missbraucht und damit so viele Menschen, Opfer, seelisch ruiniert. Dieses Verhalten des Klerus ist korrupt. Das Vertrauen ist zerbrochen.

Und das berührt die Frage: Auf welche Weise ist eigentlich das sich jetzt korrupt zeigende Klerussystem mit den Priestern entstanden? Jahrhundertlang war es so:  Sehr viele Kinder wurden als 8 Jährige von ihren kinderreichen Familien im „Kleinen Seminar“ abgegeben, einer Vorbereitungsanstalt fürs Priestertum, oft war dies ein Internat, und dann wurden sie nach dem Abitur weitergeleitet ins Priesterseminar und dann mit 24 Jahren (sic) zum Priester geweiht: Es wäre eine Studie wert, wie die sexuelle Aufklärung in diesen kleinen Seminaren oder später im Priesterseminar aussah! Meiner Meinung wurden sehr viele unaufgeklärte, unreife ältere Knaben zu Priestern geweiht, die dann die ganze Karriere im Klerussystem vor Augen hatten: vom Kaplan zum Pfarrer, dann zum Erzpriester, dann zum Domherrn, dann zum Bischof usw…Sexuelle Energie wurde in die Karriere gesteckt, ins korrekte Verhalten nach außen hin wenigstens. Jeder „Mitbruder“ wusste fast alles über den anderen Mitbruder im Bistum, in der Ordensprovinz usw.: Der eine war eben ein bekannter Homo, der andere auch ein gay, man kannte sich entsprechenden Treffpunkten; der andere war ein Hetero, aber mit fester Freundin und vielleicht einem Kind, für das der Bischof Alimente zahlte. Der andere war ein Trinker, der andere besessen von der Reiselust, der andere faul etc. In diesem klerikalen System der „Mitbrüder“ wagte niemand, Klartext zu sprechen, Wahrheit zu sagen, niemand hatte den Mut, schlimme Vergehen, wie sexuellen Missbrauch, anzuzeigen. Man blieb unter sich, jeder schützte die „Sonderwege“ des anderen.

Dieses System ist korrupt. Es sollte von Soziologen detailliert beschrieben werden.

Dieses System der Priester Rekrutierung besteht bis heute in fast allen Ländern, dieses System ist falsch und pervers: Weil keine Alternativen praktiziert werden: Warum kann man nicht 40- oder 50 jährige Frauen und Männer nach einem Theologiestudium zu Priestern ausbilden, warum müssen es 25 Jährige alte Knaben sein? Diese alternative Modell praktiziert die anglikanische Kirche! Nebenbei: Der Orden, der von einem – so Papst Benedikt XVI. – pädophilen Verbrecher gegründet und mehr als 50 Jahre geleitet wurde, die „Legionäre Christi“, führen trotz aller Skandale über diesen Pater Marcial Maciel immer noch weltweit 20 „kleine Seminare“, jetzt diskret „Apostolische Schulen“ genannt, weiter. Für Buben, wie man so sagt…

Man muss kein Prophet sein: Die Krise, ausgelöst durch den massenhaften sexuellen Missbrauch durch Priester und das Schweigen der verantwortlichen Bischöfe, wird zur größten, zur entscheidenden Überlebensfrage des römischen Katholizismus. Einige Herren der Kirche haben das vielleicht verstanden. Aber sind sie bereit, die persönlichen und vor allem die theologischen Konsequenzen zu ziehen?

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Legionäre Christi im Kino – Film

Ein Hinweis von Christian Modehn

Wer als Theologe oder Philosoph den Zustand der katholischen Kirche heute verstehen will, sollte die neuen katholischen extrem konservativen Ordensgemeinschaften untersuchen, zum Beispiel die „Legionäre Christi“…

Am 7. Juni 2018 kommt ein Film (1 Stunde, 44 Minuten) in die Kinos, der in Deutschland zum ersten Mal dem katholischen Orden „Legionäre Christi“ gewidmet ist. Ganz im Mittelpunkt des Dokumentarfilms steht der Legionärs – Priester Martin Baranowski, er ist der Bruder des Regisseurs Peter Baranowski. Pater Martin Baranowski lebt heute in Neuötting –Alzgern.

Beide hatten in der Jugend vielfältige Kontakte mit diesem Orden, der sich in vielen Ländern bemüht, Jungen und junge Männer anzusprechen, um sie für ihren Orden zu werben. Selbst die „Kleinen Seminare“, also Häuser, wo 8 bis 18 Jährige auf den Priesterberuf vorbereitet werden, leitet dieser Orden noch, die „Apostolische Schule“ in Bad Münstereifel. … Der Titel des Kino – Films bezieht sich auf eine Art pädagogische Weisheit der Legionäre: „Die Temperatur des Willens“: D.h.: In den religiösen Freizeiten wollen die Legionäre die Temperaturen der Jünglinge prüfen und einen starken, keinen lauwarmen religiösen Willen unter ihren Jungs erzeugen.

Der Film verzichtet (leider) auf erläuternde Kommentare, was in unserer Sicht problematisch ist, denn dadurch können viele wesentliche Fakten überspielt werden: Die Mitglieder im Orden sprechen öffentlich wohl kaum umfassend kritisch über ihren Gründer, den mexikanischen Priester Marcial Maciel, denn sie waren über all die Jahre doch mit ihm verbandelt. Pater Maciel wurde von Papst Benedikt XVI. nicht nur wegen seiner Jahre langen pädophilen Vergehen und seinem früheren Drogenmissbrauch ein Verbrecher genannt. Der lange Jahrzehnte in Rom hoch verehrte Ordensgründer wurde vor allem von Papst Johannes Paul II. liebevoll unterstützt, er begleite den polnischen Papst auf seinen Reisen nach Mexiko; dass dabei die sozialkritische Befreiungstheologie ausgeblendet wurde, ist klar: Maciel hielt es mit den Reichen, speziell den Millionären und Milliardären, mit dem mexikanischen Milliardär Carlos Slim war Maciel eng befreundet: Wie viele Millionen Dollar er von Slim erhielt, wäre eine hübsche Recherche…Jedenfalls war Maciel ein intimer Freund zahlreicher Kardinäle in Rom, all das habe ich im Laufe der Jahre auf meiner Website religionsphilosophischer–salon.de dokumentiert….

Nachdem die pädophilen Verbrechen und die vielfältigen hetero- und homosexuellen Beziehungen des in dieser Hinsicht absolut heftigst umtriebigen Gründers Maciels freigelegt werden mussten, reagierte der Orden wie die Sowjets nach dem Tode Stalins: Sein Name wird in den offiziellen Publikationen nicht mehr erwähnt, die vielen Bilder und Fotos Maciels wurden aus den Legionärs – Häusern entfernt. Das verlogene Buch Maciels „Christus ist mein Leben“ (was für ein Titel bei diesem Autor!) ist antiquarisch noch zu haben.

Mit all diesem Verschweigen Maciels in den Legionärs-Kreisen aber sind pädophile Tendenzen unter den Ordensmitgliedern keineswegs beendet, etwa in Chile wurden entsprechende Fakten nach dem Tode Maciels und der „Entstalinisierung“ bzw. „Entmacielisierung“ freigelegt.

Nun haben also hoffentlich viele Katholiken die Chance, ein bisschen in das Innere dieses Ordens zu schauen, und sie werden sich danach hoffentlich entsetzt abwenden. In 15 Bistümern Deutschlands und in 4 Bistümern Österreichs ist der Orden, aktiv, vor allem über den mächtigen Zweig der Laien – Mitglieder im „Regnum Christi“. Die Legionäre Christi gestalten in den Pfarrgemeinden ihre eigenen „Volks“ – „Missionen“, wie etwa in Bad Bocklet, Franken.

Die (in Deutschland tatsächlich noch eher marginale) umfassend kritische Berichterstattung hat immerhin bewirkt, dass die Anzahl der Ordenskandidaten, Novizen genannt, in vielen Ländern stark zurückgegangen ist. Die offizielle Legionärs- Statistik nennt für Deutschland noch 3 Novizen, für Chile 1, ebenso 1 für Irland, sogar nur 3 fürs alte Legionärs- Kernland Spanien. 961 Legionärs Priester gab es Ende 2016, viele hatten nach der Freilegung der Verbrechen ihres Gründer Pater Maciel den Orden verlassen. Darüber wird offiziell auch nicht gesprochen…. Wer heute da noch mitmacht erfreut sich wohl des immensen Reichtums dieses Ordens, den ihr der Gründer Maciel durch allerhand trübe Finanzgeschäfte beschafft hat, wie erschlichene Erbschaften usw.

Es wundert kritische Beobachter, dass dieser Orden nach den heftigen Skandalen überhaupt noch als solcher unter dem alten Namen der Legionäre Christi weiter besteht. Warum hat der Vatikan diesen so hoch problematischen Club nicht aufgelöst? Warum nicht verboten? Selbst der Orden der Piaristen (Priester der frommen Schulen) wurde für einige Jahre nach seiner Gründung vom Papst verboten, weil auch dort pädophile Tendenzen deutlich waren, ich habe darüber auf der genannten website publiziert.

Die zentrale Frage ist: Welche Interessen gibt es noch heute in der katholischen Hierarchie, den Orden der Legionäre mit seinen weit verzweigten Kontakten in die Finanzwelt als solchen zu erhalten? Welche finanziellen Interessen waren im Vatikan dafür ausschlaggebend? Oder ist die Liebe zum Klerus im Vatikan schon so umfassend, dass man schlechterdings alle Kleriker, alle Priester, erst mal toll findet, angesichts des allgemeinen Mangels an Priestern? Bekanntlich leiten die Legionäre Christi die römische Universität Regina Angelorum, König der Engel, die besonders durch gut besuchte Kurse für Teufelsaustreibungen, Exorzismus, von sich reden macht.

Es ist für nicht nachvollziehbar, dass die kritische theologische Forschung an den deutschsprachigen Universitäten über die Legionäre Christi keine Studien publiziert hat. Auch die anderen Orden, die noch ein bisschen der Vernunft verpflichtet sind, die ja entsprechende Zeitschriften haben usw…. schweigen sich aus über die Legionäre Christi. Warum? Wer hat da Angst? Gibt es eine geheime Solidarität? Meine zahlreichen Studien zum Thema Legionäre Christi und Pater Marcial Maciel stehen auf der website www.religionsphilosophischer-salon.de zur Verfügung.

Immerhin schrieb mir per E mail am 28.3. 2018 der Regisseur des Kino Films Peter Baranowski u.a.: „Natürlich bin ich im Verlaufe meiner Recherchen zu dem Film auch auf Ihre Arbeit und Website aufmerksam geworden. Tausend Dank für all die hilfreichen Informationen!“

Wollen wir hoffen, dass der Orden nicht noch eine „einstweilige Verfügung“ gegen die Aufführung des Filmes anstrebt… Das wäre allerdings die beste Werbung für den Film!

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

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Über den Protagonisten des Films, Pater Martin Baranowski, schreiben die Legionäre Christi auf ihrer website: (http://forum-deutscher-katholiken.de/pater-martin-baranowski-lc/)

Pater Martin Baranowski LC, Priester der Kongregation der Legionäre Christi, stammt aus Bad Homburg (Bistum Limburg). 1995 trat er nach dem Abitur ins Noviziat ein und gehörte zur Gründungsgeneration der Niederlassung in Bad Münstereifel. Nach der Ordensprofess 1997 absolvierte er im spanischen Salamanca humanistische Studien, worauf das Grundstudium der Philosophie in Rom folgte. Von 2000-2004 war er in der Jugendarbeit in Süddeutschland tätig. Zwei Jahre darauf erwarb er das Lizenziat in Philosophie an der Päpstlichen Hochschule Regina Apostolorum. Darauf folgte das Theologiestudium. Bei der Gründung des Territoriums Mitteleuropa am 6. Februar 2007 wurde er zum Territorialsekretär ernannt. Seit Sommer 2009 ist er für die Kinder- und Jugendarbeit in Bayern zuständig. Am 12.12.09 wurde er in Rom zum Priester geweiht.

Die Zeitschrift der Legionäre schreibt 2015 über die Tätigkeiten Pater Baranowskis, die alle im konservativen katholischen Milieu angesiedelt sind: (Quelle: http://www.magazin-der-legionaere-christi.de/wp-content/uploads/2016/09/L-Magazin-01-2015.pdf)  „Im priesterlichen Einsatz ist er auch bei anderen Gruppen wie Prayerfes­tival der Jugend 2000, Nightfever an verschiedenen Orten, Charismatische Jugendgruppe FCKW, Marriage Encoun­ter, Fatimatage (!) und beim Kongress „Freude am Glauben“ (das ist die konservativ- reaktionäre Alternative zu den Katholikentagen, an denen auch Kardinal Ratzinger einst teilnahm, CM.)

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Marine Le Pen, Front National, und ihre ideologische Basis.

Ein Hinweis von Christian Modehn, veröffentlicht am 12. 4. 2017

Marine Le Pen, Präsidentschaftskandidatin des Front National (FN), will nach außen zeigen, dass ihre Partei, ganz normal ist. Sie lobt die Republik, nach außen, verteidigt die laicité, also die Trennung von Religionen und Staat, aber nur, um damit ein Argument zu haben, gegen „die“ angeblich insgesamt republikfeindlichen Muslime in Frankreich vorzugehen. Dabei vergisst sie, dass die laicité als Gesetz (von 1904) gerade die friedliche Pluralität aller in Frankreich vertretenen Religionen innerhalb der religiös-neutralen Republik ermöglicht. Diesen demokratischen, Frieden – stiftenden Charakter der laicité kennt Madame Le Pen nicht oder er passt nicht in ihre Ideologie.

Und das Schlimme ist: Die Wähler glauben Marine Le Pens Sprüche von der angeblichen Normalität ihrer Partei und bekennen sich jetzt offen als Front National Wähler. Dieser Bekennermut war früher nicht so üblich: Man wählte die rechtsextreme FN, schämte sich aber meist, dies offen zuzugeben. Zwischen Demokraten und Le Pen-Fans wird der Dialog immer schwieriger. Es gibt Gesprächsblockaden.

Der Religionsphilosophische Salon Berlin ist, wie bekannt, auch der Religionskritik verbunden, der philosophisch reflektierten Kritik der Religionen. Dazu gehört, den wirklichen, oft verschwiegenen philosophischen und religiösen Hintergrund der politischen Parteien freizulegen.

Diese Hinweise sind nur eine Aufforderung, die tatsächliche Ideologie des Front National (FN) noch weiter und umfassender zu studieren, diese Ideologie wird eher selten in den aktuellen Berichten, zumal in Deutschland, ausführlich genug erwähnt. Diese Ideologie ist inzwischen international „angekommen“. Auch deswegen ist die Beschäftigung mit dieser stets – von den Wählerzahlen her gesehen – wachsenden Partei wichtig.

1.

Welche Ideologie steckt im Kopf der Marine Le Pen? Diese Frage stellt der Pariser Philosoph Michel Eltchaninoff in seinem neuen empfehlenswerten Buch (Januar 2017) mit dem Titel „Dans la tete de Marine Le Pen“, Edition Solin/Actes Sud, 19 €.

Ich beziehe mich auf einige zentrale Aussagen dieses Essays. Auf Seite 12 betont der Autor, Chefredakteur der angesehenen Pariser Monatszeitschrift „Philosophie Magazine“: „Marine Le Pen ist keine Intellektuelle“ (Übersetzungen von Christian Modehn).

Um die intellektuelle Hebung ihres Niveaus kümmert sich seit 2010 Paul-Marie Couteux (Seite 14), der Madame Le Pen eine ganze Liste von Büchern zur Lektüre nahe legte, darunter Michel Houellebecq, der „die Moderne als Form der Langeweile beschreibt und den Relativismus“; der Le Pen –Lehrer empfiehlt ihr „die Lektüre des rechtsextremen Theoretikers Denkens Renaud Camus“. Er behauptete – eine in FN Kreisen heute verbreitete These – die muslimischen Einwanderer würden Frankreich erobern…

Inzwischen kann Le Pen in ihren Reden mit kurzen Zitaten von zumeist französischen (!) Literaten, Künstlern und Philosophen glänzen (S. 59). Sie nennt sogar den Widerstandskämpfer René Char oder den Schriftsteller Jean Cocteau oder den eher linken Historiker Marc Bloch oder die Katholiken René Girard oder Charles Péguy. Alle diese Zitate und Sätzchen sollen Eindruck hinterlassen…Dann werden die Zitate zu einem „Eintopf“ verrührt, der nur einen Geschmack haben darf: Frankreich muss wieder an erster Stelle, natürlich nur für alle echten Franzosen stehen. Und die Rechte der Flüchtlinge und Muslime müssen weitestgehend eingeschränkt werden. Sie gehören, so sagt se ironisch-freundlich, in ihre Heimat, also nach Syrien, nach Afrika usw… Schließlich: Die EU muss überwunden werden und die Nationen müssen sich an Russland und Monsieur Putin halten, den – auch für den FN – „finanziell Großzügigen“ und den Nationalisten. Über allem steht die Behauptung: Frankreichs Wurzeln seien christlich. Und das kommt gut an in bestimmten katholischen Kreisen.

Interessant und wichtig ist, dass Michel Eltchaninoff in seinem Buch auf die Nähe Marine Le Pens nicht nur zu Putin, sondern auch zum Führer der russischen Rechts-Extremen und oft Faschisten genannten Alexander Dougin hinweist: „Man weiß, dass Alexander Dugin regelmäßig nach Frankreich kommt und dass er in Kontakt steht mit einigen Mitgliedern des Front National. Es ist sehr wahrscheinlich, dass die Schreiber der Reden von Marine Le Pen die französischen Übersetzungen von Dugins Werken kennen“ (S. 85 f.).

2.

Auf die – schon seit 1968 offiziell schon bestehende „philosophische Schule“ „La Nouvelle Droite“ – macht Eltchaninoff aufmerksam: Dort sammeln sich meist sehr rechtslastige Autoren, vor allem in der „Forschungsgruppe“ GRECE (d.h.; “Groupement de recherche et d études pour la civilisation européene). In ihren zahlreichen Publikationen treten die GRECE Leute für das Heidentum (Paganisme) ein, und damit gegen den Monotheismus und somit für die große Ungleichheit unter den Menschen. Diese Differenz verstehen sie als Unterschied zwischen wertvollen und weniger wertvollen Menschen usw. Leute aus dem Umfeld von GRECE haben Marine Le Pen „den Unterbau, den Sockel, ihrer Reden geliefert“, so Eltchaninoff (S. 89). „Wenn der FN eines Tages zur Macht kommt, „schuldet er den Sieg zum Teil auch der neuen rechten Philosophie im Verein GRECE“ (S.88).

Nebenbei: Ich habe schon im Mai und Juni 1982 in zwei Artikeln für die Züricher Kultur-Zeitschrift ORIENTIERUNG (herausgegeben von dortigen Jesuiten,) auf die vielfältigen Dimensionen der „neuen Rechte“ und GRECE aufmerksam gemacht, man kann die Beiträge noch nachzulesen:

http://www.orientierung.ch/pdf/1982/JG%2046_HEFT%2010_DATUM%2019820531.PDF

und:

http://www.orientierung.ch/pdf/1982/JG%2046_HEFT%2011_DATUM%2019820615.PDF

 

3.

Die ideologische Bindung an die „neue rechte Philosophie“ im Club GRECE hat Marine Le Pen von ihrem Vater förmlich übernommen. Ob sie sich, als Parteiführerin, von ihrem Vater, dem FN Parteigründer, jetzt nur aus taktischen Gründen, nur nach außen hin absetzt, wäre eine weitere Frage, die hier nicht weiter verfolgt werden kann.

Jedenfalls kannte Jean Marie Le Pen schon 1979 die Ideologie der Neuen Rechten. In einem Interview in dem Buch „La droite aujourd hui“ (erschienen 1979 bei Albin Michel) herausgegeben von Jean-Pierre Apparu, dort auf den Seiten 173-181, spielt er auf Thesen an, die aus diesen GRECE-Kreisen stammen: „Das Recht des Menschen stammt aus seiner Zugehörigkeit zu einer (biologischen) Gruppe, die fähig ist, ihn zu respektieren. Der Mensch kommt ganz überwiegend aus einer Kette, einer Abstammung, einer Generation, das zählt…“, sagte Jean Marie Le Pen. (S. 175). „Die Einwanderung erscheint uns als eine von beträchtlichen Gefahren, denen man begegnen muss, nicht nur in Frankreich, sondern in Europa… Wenn wir nicht eine mutige Politik der Geburtenförderung hier im Westen machen, werden die westlichen Völker überrollt von der sich ergießenden Woge des, so sagt le Pen, „Demographismus“ (also, übersetzt der Geburtenfreudigkeit, CM) aus Asien und Afrika“ (S. 178)… „Das ist nicht negativ gemeint, aber es ist mein Recht einer legitimen Verteidigung zu sagen, dass auch die Europäer und die Franzosen ein Recht haben zu existieren“ (ebd).

Man sieht: Diese ungeheuerliche Aufbauschung des angeblichen Untergangs der alten europäischen Kultur, verursacht durch so genannte Horden und Wellen von islamischen Immigranten, was für eine Sprache, gibt es seit den frühen Zeiten des FN…. und diese Reden haben sich als Kontinuum bis jetzt – leider sogar in manchen Kreisen auch in Deutschland – durchgehalten.

Diese Polemik wird heute von allen rechtsextremen und sogar bürgerlich-rechten, sich christlich nennenden Parteien (CSU etwa, schlimmer noch Orban, Ungarn und den meisten EU Politiker etwa im katholischen Polen) vorgebracht, als Argument gegen die Flüchtlinge und gegen die Ausländer und gegen die Muslime: Es ist dies eine extreme Form nationalen Egoismus der Regierungen, die damit nur auf den Egoismus der meisten Bürger antworten … Die jetzige Parteiführerin des FN, Marine Le Pen, ist in dieser Ideologie groß geworden. Sie denkt so wie ihr Vater, aber sie sagt es oft nicht so scharf. Sie will die Leute täuschen, indem sie sich als gute französische Patriotin, als Frau aus dem Volk, präsentiert.

4.

Auf die sich philosophisch nennende Bewegung „La Nouvelle Droite“, Neue Rechte ,und ihre Beziehung zu rechtsextremen Parteien wie dem FN hat auch schon 1983 der Politologe Jean-Christian Petitfils in seinem Buch „L extrème Droite en France“ (in der Buch Reihe „Que sais-je?), Presses Universitaires de France, aufmerksam gemacht (S. 113 ff). Petitfils nennt drei zentrale Themen der Neuen Rechten, also noch einmal

a) Die Verunglimpfung der Egalität, der Gleichheit der Menschen. Gegen die Egalité hat sich die Neue Rechte sehr früh ausgesprochen. Alain de Benoist sagte sogar 1979: „Es ist doch ungerecht, dass alle Menschen eine Seele haben“. Hat er, de Benoist, eine Seele, fragten manche Kritiker. De Benoist behauptete dies in seiner Liebe zur Biologie, die ja auch heute als Ideologie missbraucht wird: Weil doch „die“ Biologie zeige, wie unterschiedlich alle Menschen schon genetisch sind, deswegen sind sie auch sozial und politisch von verschiedenem Wert…Das nennt man Logik.

b) Die Zurückweisung der christlichen und marxistischen Utopien. Christlich und marxistisch wird von der Nouvelle Droite oft als ein und dasselbe Denken verstanden und selbstverständlich bekämpft.

c) Die Entdeckung der indo-europäischen Vergangenheit. Dabei wird die Christianisierung Europas als ein besonders unheilvolles Ereignis der Geschichte gedeutet…

5.

Die katholischen Traditionalisten haben stets eine enge Verbindung mit dem FN gehabt, also mit den Kreisen, die sich seit 1965 um Erzbischof Marcel Lefèbvre sammeln; sie spielen in Frankreich eine große Rolle mit Gemeinden im ganzen Land, Klöstern Schulen und eben auch offiziell römisch-katholischen Klöstern, die aber de facto die reaktionäre Theologie und Ideologie der von Rom abgetrennten Traditionalisten vertreten dürfen, man denke an das Benediktiner – Kloster Le Barroux bei Avignon. Und das ist das zentrale Problem, wenn nicht der Skandal für die römische Kirche: Mit diesen reaktionären, zum Teil faschistischen Kreisen hat sich Papst Benedikt XVI. unbedingt versöhnen wollen und auch die ersten Schritte der Versöhnung getan, das ist bekannt. Nur einige Hinweise:

Die Priester aus der traditionalistischen Bruderschaft Sankt Pius X. feiern mit dem FN selbstverständlich gemeinsam Gottesdienste, etwa zu Ehren von der Heiligen Jeanne d Arc. Die einzige Tageszeitung des FN, das Blättchen Présent, wird von katholischen FN Leuten herausgegeben. Marine Le Pen berichtet, ihre Kinder seien in der wichtigsten Kirche der Pius-Brüder in Paris, also in Saint Nicolas du Chardonnet im 5. Arrondissement, getauft worden, also ist diese Traditionalisten Kirche sozusagen Marine Le Pens „Pfarrkirche“.

Dabei muss daran erinnert werden, dass diese große Kirche seit Sonntag, dem 27. 2. 1977, von den Traditionalisten besetzt ist. D.h. diese reaktionären Priester haben an dem Sonntag diese Kirche einfach der römisch-katholischen Gemeinde weggenommen. Und die Justiz hat diesen „Raub“ zwar verurteilt, aber die Pariser Polizei hat sich niemals bemüht, die Kirche von den katholischen Rechts-Extremen zu räumen. So konnten die Traditionalisten kürzlich stolz den 40. Jahrestag ihrer Kirchenbesetzung feiern, also Leute, die sonst so auf Rechtmäßigkeit und Treue zu alten Gesetzen Wert legen, haben sich ungeniert als Revoluzzer verhalten.

Die Pariser Tageszeitung Libération hat schon 2012 diese verwickelten politischen Umstände dokumentiert, dabei spielt auch der damalige Pariser Bürgermeister Jacques Chirac und seine fromme Gattin Bernadette eine entscheidende Rolle… Siehe also: http://www.liberation.fr/societe/2012/05/11/saint-nicolas-du-chardonnet-avec-foi-mais-sans-loi_818169).

6.

Der Front National hat sich in Frankreich etabliert, er ist eine große Gefahr nicht für die Weiterentwicklung der Demokratie in Frankreich, sondern für Europa. Madame Le Pen hat sich, wie gesagt, mit Putin verbandelt, auch aus finanziellen Gründen….um die EU zu zerstören. Dass Nationalismus stets Krieg bedeutet, hat Madame Le Pen offenbar nie gehört…

Europa befindet sich in einem Zustand der Regression, wie der kluge Buchtitel jetzt aus dem Suhrkamp Verlag („Die große Regression. Eine internationale Debatte über die geistige Situation der Zeit“) heißt. Europa will durch die Zustimmung zu den dummen, reaktionären Parteien nicht erwachsen werden. Und breite Kreise des Katholizismus, direkt oder indirekt die Kreise um Joseph Ratzinger/Benedikt XVI. unterstützen diesen Weg ins Verderben: Es ist an die 30 % der katholischen Franzosen zu denken, die laut Umfragen fest entschlossen sind, im April /und im Mai 2017/ zu wählen. Die Bischöfe nennen das Problem nicht beim Namen. Sie haben Angst. Ihr Ruf ist ohnehin sehr angeschlagen im Jahr 2017. Ernsthafte Menschen, darunter Katholiken, zweifeln an deren authentischer Rede, nach all den vielen Skandalen zum sexuellen Missbrauch, in dem auch französische Bischöfe sehr involviert sind, wie Kardinal Philippe Barbarin, Lyon, oder wohl auch Bischof Hervé Gaschignard, vom Bistum Aure et Dax… Die Katholische Kirche, so scheint es, ist jedenfalls keine starke Kraft gegen den FN. Und die Intellektuellen schweigen…

Marine Le Pen, Front National, und ihre ideologische Basis

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Außer den genannten Büchern ist noch empfehlenswert die sehr faktenreiche historische Studie von Valérie Igounet, „Le Front National. De 1972 (Gründung des FN) à nos jours. Le Parti. Les Hommes.Les Idées“. Erschienen bei Seuil, Paris, im Juni 2014, 496 Seiten. 24 Euro.

Martin Heideggers Briefe von 1930 bis 1949 an seinen Bruder Fritz: Viel Nebel und wenig Licht

Ein Buch Hinweis von Christian Modehn

Eine kritische Gesamtausgabe der Werke Martin Heideggers liegt noch immer nicht vor. Die bisher erschienen Bücher nennen sich bloß „Gesamtausgabe“, betreut und redigiert von getreuen Heidegger – Freunden und – Deutern. Auch die kürzlich bei Herder – der bisher nicht als „Heidegger-Verlag“ bekannt wurde – publizierten Briefe von Martin an seinen Bruder Fritz und die wenigen (!) Briefe von Fritz an Martin Heidegger aus den Jahren 1930 bis 1949 sind nur eine Auswahl; jeder Brief weist intern noch viele Kürzungen auf. Wem ist damit gedient? Was da weggelassen wurde, bleibt im Nebel. So hat dieses Buch im Blick auf die veröffentlichten Briefe etwas „Gönnerisches“, von den Erben ausgewählt. Erstaunlich ist aber, dass doch eher nicht so relevante Mitteilungen in den Briefen, wie etwa die ständigen Gratulationen zu den jeweiligen Namenstagen der Brüder, nicht weggelassen wurden. Offenbar soll durch die häufigen Namentags-Gratulationen irgendwie noch ein katholischer traditioneller Restbestand bei Bruder Martin herausgestellt werden, der sich auch abermals in den Briefen an Bruder Fritz als jenseits des Katholischen/Christlichen offenbart. Ständig spricht auch der Philosoph von der Sorge um seine „Kisten“ (also eigene Bücher- und Manuskript-Kisten), die doch bitte schön irgendwo gut versteckt und vergraben werden sollen – angesichts der Bombardements. Von den verfolgten Juden, die sich kaum noch verstecken konnten, ist hingegen an keiner Stelle des Briefswechsels die Rede. Mitfühlende Äußerungen wurden von den Herausgebern gewiss nicht weggelassen. Denn solche Worte hätten ja wenigstens ansatzweise einen menschlich-mitfühlenden Heidegger gezeigt. War er aber nicht! Stattdessen wird die maßlose, durchaus in Lächerliche gehende Selbsteinschätzung Martin Heideggers erneut dokumentiert. So schreibt er am 10. Mai 1944, er müsse „hinauf“ in die Hütte von Todtnauberg. Denn er spüre, dass das Seyn (!) ihm etwas zu sagen habe: „Ich fühle das Erwachen eines Denkens, dem ich mich jetzt einfach hinhalte, umweht von einem weither kommenden Atem der Geschichte des Seyns (sic)..“. Die Menschen sterben, Soldaten erfrieren, Juden werden vergast, und Heidegger „hält sich dem Seyn hin“ und fühlt sich „umweht“…. Dann folgt die maßlose Überhöhung seiner eigenen Rolle: „Zumal ist dies: dass durch einen einzigen Menschen das Geheimnis spricht und in mir die Kühnheit des Denkens dem entgegenkommt und es befreien darf ins klare Wort“ (S. 101). Ob diese Worte Heideggers klar sind und jemals, von ihm angeblich klar gewünscht, auch klar sein sollten, darf wie so oft bezweifelt werden; wichtiger ist hier, dass sich Heidegger eine geradezu prophetische Rolle zuspricht und anmaßt („durch einen einzigen Menschen spricht das Geheimnis“, also das göttliche Geheimnis CM…Also durch ihn, Heidegger, kommt förmlich die Erlösung durch die und als die Seyns-Hörigkeit. Das heißt: Folgen wir bitte Heideggers Offenbarungen des Seyns, auch Schickungen genannt….

Während in den ersten Wochen des Jahres 1944 Bomben auf Berlin fallen und Frankfurt am Main zu der Zeit zerstört wird, von dem Gemetzel in Russland ganz zu schweigen, was Heidegger doch wenigstens ansatzweise wusste, da schreibt der egozentrische Philosoph in dem gleichen Brief an Bruder Fritz: “Ich muss hinauf (zur Hütte in Todtnauberg, CM), um zu danken, dass alles gut geworden und dem Schönen erst zu öffnen sich langsam und verborgen anschickt“… (So schreibt Heidegger, kein Tippfehler meinerseits dabei). In einem Brief vom 11. November 1944 schreibt Martin an Bruder Fritz gar, wörtlich von „Erleuchtung“, die ihm zuteil wurde bei einer Entscheidung hinsichtlich seiner Vorlesungen in Freiburg (die fast alle seinem neuen „Führer“, dem Dichter Hölderlin, als dem „Deutschen“, gewidmet sind). Das Wort „Erleuchtung“ ist nicht ironisch gemeint bei Heidegger.

Dieses kleine Zitat Beispiel zeigt, wie viel tatsächlich differenzierte und genaue Text-Analyse in dem genannten Buch des Herder-Verlages notwendig gewesen wäre. Aber die 22 Beiträge (die ja nach meinem Eindruck vor allem auch wegen der Veröffentlichung der bislang unbekannten Briefe verfasst wurden, nur das macht ja Sinn für ein weiteres „Sammelwerk“) zeigen nur selten einen tieferen Bezug zu den Briefen. Bruno Pieger bietet sogar auf 28 Seiten einen so genannten „Kommentar zur Briefauswahl“. Diese Erläuterungen bleiben aber sehr dürftig und erklären nicht, warum, nur ein Beispiel, Heideggers Sohn Hermann sich in Theresienstadt aufhält „und dort das soldatische Leben der aktiven Truppe vermisst“ (S. 65, ein Brief an „Bruder Fritz, Liesel und die lieben Buben“ vom 3. Juli 1940). Kein Wort von Herrn Piegel, was denn Sohn Hermann in Theresienstadt machte…

Man ist etwas erstaunt, dass Rabbiner Walter Homolka, Potsdam, als Mitherausgeber gewonnen wurde. Meines Wissens trat er als Heidegger Forscher bisher leider nicht so deutlich hervor. Man könnte etwas zynisch werden und meinen, für die Heidegger-Freunde (und den Verlag) tut eben ein prominenter Rabbiner gut – gerade nach der Publikation der explizit antisemitischen „Schwarzen Hefte“ Heideggers –, vielleicht gelingt es einem Rabbiner, den Denker aus dem Schwarzwald wieder in die bessere Gesellschaft zu heben. Und Arnulf Heidegger, Rechtsanwalt, ist als Enkel Martin Heideggers und als Nachlassverwalter der weitere Mitherausgeber. Die Familie also prägt doch noch das Publikationsgeschehen – wenigstens in einem katholischen Verlag! Und kein Geringerer als Manuel Herder, Chef des großen Herder-Unternehmens, stellt dem neuen 1. Vorsitzenden der Heidegger Gesellschaft, Harald Seubert, vier Fragen über „Heidegger heute“. Harald Seubert ist etlichen nicht nur als Philosoph so ein bisschen bekannt, sondern auch als Interview-Partner der sehr rechtslastigen Wochenzeitung „Junge Freiheit“, etwa am 5. Dezember 2008. Auch eines seiner Bücher wurde am 18.9.2015 vorgestellt; da schreibt die Junge Freiheit über Seubert: “Skeptisch ist der Verfasser gegenüber einem verbreiteten unkritischen Verständnis von „Demokratie“ als der besten aller möglichen politischen Welten…“ Der Studentische Konvent der Universität Bamberg veröffentlichte Mitte Dezember 2012 diese Pressemitteilung über Seubert: „Am 15. Dezember 2012 sprach der als Dozent an der Universität Bamberg tätige Harald Seubert nach Informationen der „Antifaschistischen Informations-, Dokumentations- und Archivstelle München e.V.“ auf dem Thomastag der „regionalen Angehörigen des ultrarechten Dachverbands ‚Deutsche Burschenschaft ‘“ in der „Thomaskneipe“ in Nürnberg.“ Auch am 10. Februar 2015 erwähnte die „Junge Freiheit“ Seubert positiv usw…Zumindest wird deutlich: In eher etwas links angehauchten Kreisen ist die Heidegger-Forschung und Heidegger Publikation auch heute nun wirklich nicht beheimatet. „Das Seyn spricht rechts, könnte man Heidegger nachträglich zuflüstern…

In dem Herder-Buch gesteht Seubert „mit einem gewissen Recht“ (S. 351) die Berechtigung der Kritik an Heidegger großzügigerweise zu. Der Familienstreit im Hause Heidegger wird aber von Seubert angesprochen, wenn er die Deutungen der Heidegger-Forscher Trawny oder Mehring für „aufgeblasen“ (S. 348) hält. Mit anderen Worten: Eine etwas kritische Deutung durch die Heidegger Familie und die mit ihr eng verbundene Heidegger Gesellschaft (also Seubert) schließt nicht aus, dass weiter heftig polemisiert wird. Und man ist beinahe etwas enttäuscht, dass nicht auch Friedrich Wilhelm von Herrmann, der vielseitige Herausgeber und engste Heidegger-Vertraute, zu Wort kommt. Und uns vor allem erklärt, warum er lang und breit ein wohlwollendes Fernseh-Interview mit dem rechtsextremen Russen Alexander Dugin (er war Co-Vorsitzender der mittlerweile verbotenen Nationalbolschewistischen Partei Russlands) zwei Stunden lang führen wollte. So rückt Heidegger abermals ins rechte und sehr rechte Spektrum…

Aber solche politischen Merkwürdigkeiten, wenn nicht Skandale, freizulegen meidet der Sammelband. Genauso wertvoll wäre es gewesen, noch einmal Prof. Günter Figal zu befragen, den bekannten und geschätzten Philosophen aus Freiburg i.Br., warum er sich denn aus der „Heidegger-Gesellschaft“ nach vielen Jahren höchst-verantwortlicher Mitarbeit zurückgezogen hat…

So haben wir es also mit dem Buch „Heidegger und der Antisemitismus“ mit besonders interessanten Brief-Fragmenten zu tun, die für die künftige Heidegger Interpretation doch etwas aufschlussreich sein werden. Der Untertitel heißt „Positionen im Widerstreit“: Tatsächlich äußern sich verschiedene kompetente Heidegger-Deuter. Vor allem den Beitrag Micha Brumliks möchte ich da ausdrücklich empfehlen: Er hat die hier auf ca. 130 Seiten publizierten Briefe gelesen und setzt sich mit ihnen in dem hervorragenden Beitrag „Die Alltäglichkeit des Judenhasses – Heideggers Verfallenheit an den Antisemitismus“ (Seite 202 bis 211) auseinander. Auch Donatella Di Cesare hat ihre Lektüre der hier publizierten Briefe in ihren Beitrag eingebracht. Eher nebenbei erwähnt auch Klaus Held die Briefe. Sein Beitrag erinnert abermals daran, dass Heidegger schon sehr früh die Öffentlichkeit verachtete und politisches Engagement mit der Eigentlichkeit der Existenz nicht verbinden konnte und wollte. Die Fixierung auf „Heimat“ machte ihn blind fürs Weltgeschehen. Dabei war er ja durchaus Zeitungsleser, der die Bomben erlebte und von der Vergasung der Juden musste er trotz aller Schwarzwald-Bindung gehört haben!….Auch Reinhard Mehring erwähnt die Briefe in seinem sehr lesenswerten Beitrag „Postmortaler Suizid. Zur Selbstdemontage des Autors der Gesamtausgabe“. Andere Autoren wollen sich, sagen wir es ruhig, „versöhnend und versöhnlerisch, zeigen, sie erinnern an die sehr allgemeine Erkenntnis, dass es doch sehr zu differenzieren gilt, dass vieles doch wichtig bleibt bei Heidegger. Was das genau ist, wird eher behauptet und nicht ausführlich entwickelt. Gerade die viel zitierten Hölderlin-Deutungen Heideggers mitten im Zweiten Weltkrieg sind ja doch keineswegs so ohne weiteres gültig, sondern politisch hoch problematisch und auch in der Interpretation oft eine Zumutung. Wichtiger scheint mir die in dem Buch gar nicht diskutierte Frage: Was bleibt von diesem jetzt antisemitischen und auch gar nicht so konfessionell-christlichen Heidegger in der Rezeption katholischer Theologie (Rahner) und Philosophie (Welte und seine Schüler) noch übrig? Kann man mit Heidegger zum (theologisch vertretbaren) Heiligen kommen? Da muss eine neue kritische Forschungsarbeit geleistet werden und etwa Bernhard Welte kritischer interpretiert werden. Man lese nur noch einmal die Worte des katholischen Theologen und Priesters Bernhard Welte zur Beisetzung Heideggers am 28. Mai 1976 (in: Heidegger-Welte, Briefe und Begegnungen, 2003, S. 124 ff), diese Worte „triefen“ förmlich von Heidegger-Ergebenheiten (etwa: „Heidegger folgte seinem „Geheiß“, S. 127). Aber das ist ein anderes Thema…

Es gibt viele Themen, die durch diese Brief-Fragmente angesprochen werden, etwa, dass Heidegger seine, erst jetzt publizierten berühmten Schwarzen Hefte seinem Bruder Fritz schon zum Lesen gab, so in dem Brief vom 2. November 1938: „Ich brauche in den nächsten Wochen von den schwarzen Heften (Überlegungen) Nr. VII und VIII, wenn du gerade dabei bist, kannst du ruhig zu Ende lesen. Schicke die Hefte am besten in einer Buchscheide gut verpackt und eingeschrieben“. Schon damals wollte Heidegger per Einschreiben selbst in der Nazi-Zeit sicherstellen, dass seine Schwarzen Hefte nicht vor seinem Tod außerhalb der Familie gelesen werden. Die Schwarzen Hefte, bewusst von ihm selbst post mortem veröffentlicht, sollten in seiner Sicht eine Art Schlussakkord unter dem ganzen Gedachten (dem Werk) sein…

Auf die in den Briefen über unüberhörbare Verachtung der (Weimarer) Demokratie wurde andernorts mehrfach treffend hingewiesen, Heidegger findet seine persönliche Situation in der Öffentlichkeit nach dem Krieg schlimmer als in der Nazi-Zeit (129). Wer kann ernsthaft so viel Abwehr der Demokratie Heideggers ertragen?

Sichtbar wird ein Mann, der Sehnsucht hat nach der heimatlichen Scholle, der alten heilen Welt in der Kleinstadt Meßkirch, der gleichzeitig größenwahnsinnig das Seyn hört, dadurch eigentlich Lehrmeister für alle Seienden sein möchte, es aber in der Nazi-Zeit nicht sein darf. Ein Philosoph, der Hitler verehrt, weil er die große Wende bringen soll. Diese aber dann doch nicht bringt, weil er Heidegger nicht zu seinem Meisterdenker machte. So entsteht vor uns ein verärgerter, gekränkter, auf alles Deutsche nach wie vor versessener Denker, der sich als etwas ganz Besonderes und Höchst-Berufenes fühlt, der hört und lauscht auf das Seyn und dann eher lallend manchmal angeblich wesentliche Winke gibt. So möchte man doch des Meisters eigene Worte zitieren, kaum nachvollziehbar, wie so vieles bei ihm: „Es entspricht dem Geheimnis des Seyns, dass zumal mit dem Widerfug der Verwüstung ist der Fug eines Anfangs“ (bei Irritationen der Lektüre: Keine Tippfehler meinerseits, CM, es steht im Brief vom 23. August 1943, Seite 90) Oder in ähnliche (defätistische) Sicht gehend: Die erbauliche Mahnung an Bruder Fritz im Kriegsjahr 1943 (genau am 22. Oktober), nachdem Martin darauf hingewiesen hat, dass nur „die Kleingläubigen in Ratlosigkeit geraten, wenn diese Welt in ihren Fugen kracht“ (S. 93)….selbst wenn durch die Verhandlungen der alliierten Politiker „im äußeren Effekt Grausiges passiert. Darum diese Mahnung Martins als eines, so wörtlich, „Wissenden“ an Fritz: : “Bleibe in deiner stillen Welt ( wieso stillen Welt, gab es in Meßkirch keine Bomben? CM). Und weiter schreibt Bruder Martin: „Das ist keine Flucht, sondern die Inständigkeit, deren das Seyn selbst bedarf“ (Seite 93). Was soll das bloß heißen? Hat das Heidegger selbst verstanden? Meint er mit Seyn vielleicht nicht doch „Gott“? Oder war dieser Satz gar eine „Schickung“, ein „Eräugnis“, die er als Erwählter („Wissender“) förmlich mitteilen musste? Aber: Haben wir schon einmal erlebt, dass das Seyn unserer Inständigkeit bedarf? Aber lassen wir diese Fragen, wohin auch immer sie führen? Wusste das Heidegger selbst?

Der Heidegger Spezialist Prof. Holger Zaborowski (Vallendar) schlägt in seinem Beitrag vor, weiterhin Heidegger, aber eben differenzierter zu lesen und zu erforschen, trotz der von Zaborowski genannten „Mehrdeutigkeiten, Spannungen und Widersprüche“ (S. 430). Er spricht sogar von „Ambivalenz des Heideggerschen Denkens“ (ebd.)

Holger Zaborowski gesteht ein, dass Heidegger in den „Schwarzen Heften“, so wörtlich, „unter seinem eigenen Niveau“ denkt (434). Was aber wäre das „Niveau“? Zaborowski nennt weitere große Schwachpunkte, etwa das schon früher viel besprochene Ausbleiben ethischen Denkens (438). Der Heidegger Kenner (leider bietet er keinerlei Hinweise auf die Briefe!) folgt aber der Interpretationslinie, die Heidegger selbst vorgegeben hat, nämlich der Interpretation im Bild des WEGES… da gibt es dann halt Entwicklungen und Irrwege und Holzwege und viel Gestrüpp und Irrnisse… In jedem Fall sollten wir, so Zaborowski, „mit Heidegger weitergehen“ und auch „immer über ihn hinausgehen“. Wo werden wir dann beim „Hinausgehen“ landen? Immer noch bei einem zur Vernunft gekommenen Heidegger?

Vielleicht hilft ein dialektisch-kritischer Umgang mit dem Denker aus dem Schwarzwald im Augenblick einigen etwas weiter. Damit sie nicht entsetzt sind vor der Tatsache, wie viel Lebenszeit sie mit dem Durchkauen und Entziffern von Heideggers Worten und Weisungen und Schickungen verbracht zu haben … und sich im stillen dann doch fragen: Warum habe ich nicht anstelle Heideggers etwa viel mehr Kant und Aristoteles gelesen? Von Habermas oder Rawl ganz zu schweigen? Solche philosophischen, heideggerisch bedingten Lebensschicksale, verbunden mit der Suche nach der mit Heidegger „verlorenen Zei“t, vielleicht auch dies wiederum Schickung des Seyns ?, wird man später vielleicht noch besprechen müssen.

Der Philosoph Thomas Vasek (Hamburg) schreibt treffend am Ende seines Beitrags: „Es ist an der Zeit, ohne Heidegger zu denken“ (Seite 404).

PS: Es ist deutlich geworden, dass dieser Beitrag leider nicht alle Beiträge des Buches ausführlich diskutieren kann. Und es konnten keine weiteren kritischen Auseinandersetzungen mit den „Briefen“ erwähnt werden. Auf einen Text soll noch hingewiesen werden: Die Philosophin Susan Neiman hat sich schon am 27. Oktober 2016 in „DIE ZEIT“ (Seite 49) mit der auch in den „Briefen“ deutlichen Zurückweisung von Aufklärung und Moderne durch Heidegger befasst. „Die Quelle allen Unglücks ?“ ist der Titel des Aufsatzes von Susan Neiman: „Heideggers Verachtung der Öffentlichkeit ist nur ein Beispiel dafür, wie sich elitäres Denken bedroht fühlt“….“Die alte, antimoderne Nostlagie schimmert durch jede seiner Zeilen hindurch. Wetten, dass Nietzsche ihn zu denjenigen gezählt hätte, die `ihr Gewässer trüben, damit es tief scheine`?“ Susan Neiman hat sich wohl ihre Worte gut überlegt, wenn sie auch im Blick auf die „Schwarzen Hefte“ Heideggers (ebenfalls in „Die Zeit“) schreibt: Diese Texte „enthalten eine Reihe von ressentimentgetriebenen Aussagen, die Heidegger von einer Geistesgröße zum Kleingeist zurückstufen – wenn sie nicht gar Infantiles oder gar Wahnsinniges bloßlegen“.

Heidegger und der Antisemitismus. Positionen im Widerstreit. Mit Briefen von Martin und Fritz Heidegger. Hg. von Walter Homolka und Arnulf Heidegger. Verlag Herder, 2016, 448 Seiten, 24,99 Euro.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.