Die AFD – ihre Widersprüche, ihr Zorn. Ein philosophischer Hinweis.

Zugleich eine begründete Meinungsäußerung von Christian Modehn

Philosophisch gesehen ist es evident: Wer sich selbst in seinen verbalen Äußerungen (sie sind bekanntlich immer Ausdruck des eigenen Denkens) widerspricht und die allgemeinen, für alle geltenden Gesetzen der Logik ignoriert, der lebt nicht-konsistent, der zeigt sich zerrissen, doppelbödig, widersprüchlich. Deswegen sollten solche Leute eigentlich ihre nicht-konsistenten Äußerungen korrigieren; es sei denn, sie wollen esoterische Weisheiten verbreiten, die nur Eingeweihten zugänglich sind. Damit gehören sie zu einer kommunikativ „abgekoppelten“ Sekte.

1. Sprechen, falls logisch, ist der Allgemeinheit verpflichtet

Leute, die in politischen Debatten bewusst logische Inkonsistenz zeigen und praktizieren, sind im sonstigen Leben  zumeist – notgedrungen von der Lebenspraxis – doch logisch konsistent. Sie benutzen wie alle anderen technische Geräte, verwenden im Alltag die allgemeinen üblichen Begriffe, um sich bei anderen verständlich zu machen. Aber sie schützen ihre politische Haltung vor der Logik, werfen Nebel um sich, bleiben bewusst unpräzise, wecken Ahnungen, wenig Einsicht. Logik hat immer mit Allgemeinheit zu tun.

2. Gilt die These: AFD gehört nicht zu Deutschland, aber AFD-Wähler durchaus“?

Die Führer der AFD behaupten als zentrale These, die so einfach klingt und deswegen so viel Wirkung erzielt in Kreisen, die gerne ohne lange nachzudenken autoritären Sprüchen folgen: Diese AFD Kernthese also heißt: „DER Islam gehört nicht zu Deutschland. Aber damit (so wird beschwichtigend gleich hinzugefügt, CM) ist nichts gegen einzelne Muslime gesagt“. Diese Aussage darf man nicht schnell übergehen wie es viele Journalisten tun, sondern eben auf seine Konsistenz prüfen: Gemeint ist nämlich: Die einzelnen Muslime dürfen bei einer Zurückdrängung und dann wohl auch bei einem Verbot DES Islam durchaus hier weiterleben. Sie dürfen wohl privat ihren Koran lesen und nicht nach außen hin erkennbaren Moscheen auch beten.
Diese These ist irrig und falsch: Der einzelne religiöse Mensch, eben auch ein Muslim, kann ohne den institutionellen Rahmen seine Religion, also ohne Gemeinde, ohne Lehrer, ohne Pfarrer wie auch immer, nicht als solcher leben. Auch der einzelne fromme Muslime, den die AFD ja freundlicher nicht vertreiben, sondern leben lassen will, braucht logischerweise die islamische Institution. Er braucht, wenn man den von der AFD verwendeten pauschalen Ausdruck verwendet, DEN Islam.

Zur weiteren Klärung des Problems: Die AFD Führer sollten sich mit dem Satz als „Gedankenspiel !“  auseinandersetzen, der der gleichen (un)logischen Struktur folgt: Der Satz heißt: „Die Partei AFD passt nicht zu Deutschland. Hingegen kann das einzelne AFD Mitglied und der einzelne AFD Sympathisant durchaus in Deutschland leben“.  Kann man AFD-Mitglied sein, ohne Bindung an die AFD-Führer, ohne Verbindung zur AFD Institution? Eher wohl nicht.

3. Ohne Islam gäbe es kein Europa, ebenso ohne Judentum und ohne Humanismus gäbe es kein Europa.

Zur üblichen und schon floskelhaften Beschwörung „des“ christlichen Abendlandes durch die AFD Führer: Da wird das christliche Abendland nur als polemischer Gegen-Begriff zum verhassten Islam verwendet. Diese Ideologie des gepriesenen „Abendlandes“ beruht auf historischer Unkenntnis: Wesentliche Erkenntnisse verdanken die Abendländer der intellektuellen Leistung des Islam, etwa in der Zeit von al andalus. Die Philosophie des Aristoteles (kaum zu überschätzen für die Entwicklung des modernen Europa) oder die Grundlagen der Medizin usw. verdanken „wir“ „dem“ Islam. Und das Abendland war also nie „nur“ christlich, sondern verdankt den muslimischen Gelehrten viel, und das Abendland ist auch noch humanistisch, seit der Renaissance. Und es ist jüdisch geprägt, die Zehn Gebote sind bekanntlich jüdischen Ursprungs, die Prophetische Rede von Gerechtigkeit und Gleichheit aller Menschen ist jüdisch. Europa ist auch jüdisch. Diese zweifelsfreie Erkenntnis wird von AFD Leuten und deren Führern nicht genannt. Und Journalisten sollten in ihren Interviews – zwischen den Zeilen – auf das hören, was von AFD nicht gesagt wird. Und wer „das Christentum“ authentisch verstehen will, weiß, dass die Liebe zum Fremden zum KERN des Christentums gehört. Wer sich zum christlichen Abndland bekennt, bekennt sich automatisch zur Liebe gegenüber den Fremden und Flüchtlingen. Wenn die AFD dieses authentische Christentum nicht mag, und vieles spricht dafür, dass sie es nicht mag, dann sollte sie wie Herr Gauland (AFD) ehrlich sein und sagen: „Wir von der AFD sind nicht christlich, sondern heidnisch“

Nebenbei: Zwar utopisch, aber möglich: Es könnte ja sein, dass eines Tages AFD Leute auch irgendwo als Fremde im Ausland auftauchen und um Asyl bitten: Was machen sie dann, wenn sie im Zufluchtsland hören: „Die AFD passt nicht in unser Land“.

Immanuel Kant hat, immer logisch völlig überzeugend, empfohlen zur Überprüfung der eigenen ethischen Haltung sich selbst zu fragen: „Ist meine Maxime („Der Islam gehört nicht zu Deutschland“) als Gesetz für alle möglich?“ Kant hätte diese genannte Maxime als Unsinn und Irrsinn zurückgewiesen.

Also noch einmal: Die Führer der AFD haben vom Christentum keine Ahnung, sie bedienen sich des „Christlichen Abendlandes“ nur, um ihre ANTI-Islam-Haltung polemisch und dem Scheine nach ein bisschen hübsch- freundlich und fromm zu kaschieren. Es gibt keine Wertschätzung des christlichen Abendlandes bei den AFD Führern. Das ist ideologische Propaganda. Frau von Storch hätte – als explizite Pro-Life-Verteidigerin – am liebsten auf Frauen und Kinder an der Grenze geschossen (wurde später von ihr irgendwie revidiert und wie immer von der „Lügen-Presse falsch verstanden).

Politische Gegner werden Feinde, und in der AFD selbstverständlich – so lange „man“ noch nicht an der Macht ist – bloß bedrängt usw. In der FPÖ hingegen wurde nach dem knappen Wahlsieg des Demokraten Alexander van der Bellen gesagt: „Na wartet ab, wenn wir FPÖ Leute erst mal die Macht haben, dann, ja dann…“  wird’s keine Demokratie mehr geben, möchte man sinngemäß fortsetzen. Der AFD Philosoph Marc Jongen hat in einem Interview mit der „ZEIT“ (vom 25. Mai 2016, Seite 42 im Feuilleton, nicht in der ZEIT Rubrik Politik, auch seltsam …) frei und offen das demokratische System –etwa Österreichs – MORSCH genannt. In Österreich habe man noch alle Ressourcen gegen die FPÖ zusammengekratzt, „bevor es (das System) um so eindrucksvoller (eben morsch) einstürzen wird“. Zu der Aussage vom Zusammenbruch des angeblich morschen demokratischen Systems wird von den Journalisten nicht weitergefragt….Später wird AFD Jongen noch in der ZEIT sagen, dass aufgrund eines deutschen Passes niemand automatisch Deutscher sein sollte. Wie denn sonst? Offenbar ist in der Sicht des AFD Jongen ein Deutscher nur, wer sein deutsches „reines Blut“ nachweisen kann. Das führt gedanklich in die Nähe von 1933 usw ist meine Meiungsäußerung. Und wenn die demokratische Legislative der Bundesrepublik das Gesetz verabschiedet hat, dass mit dem deutschen Pass jemand Deutscher ist, dann ist an diesem Rechtsverhältnis NICHTS zu deuteln. Genau diese demokratische Überzeugung aber will die AFD aushebeln.

4. Das diffuse Plädoyer für den Zorn. Zugleich ein Hinweis zum Thema Sloterdijk und die AFD

Ein neuer, klug klingender Begriff taucht unter AFD Führern oft auf, der Begriff „Thymos“, der gern von der AFD-Philosophen mit „Zorn“ übersetzt wird. Dabei ist diese enge Bedeutung eher selten, Thymos heißt eigentlich im Alt-Griechischen Gemüt und Lebenskraft, nur selten Leidenschaft und Zorn.

Aber seit dem Buch „Zorn und Zeit“ mit dem Untertitel „Politisch-psychologischer Versuch“ (erschienen bei Suhrkamp, 2006) wird viel von Thymos und der wichtigen Rolle des Zorns im „(deutschen) Volk“ schwadroniert, auch in den Kreisen der intellektuell noch etwas interessierten AFD Führung. Sloterdijk ist in seinen Thymos-Reflexionen von 2006 von Francis Fukuyama angeregt worden, der schon 1989 (!) den Begriff einführte in seinem Buch „Das Ende der Geschichte“. Marc Jongen, der AFD-Philosoph, zeigt in dem ZEIT Interview vom 25. Mai 2016 Verständnis für die rebellische Form des Thymos : „Wenn die Regierung den Bürgern von oben etwas aufdrückt, dann kommen notwendigerweise rebellische Energien noch“. Und es ist im Zusammenhang klar, dass er mit den „rebellischen Reaktionen“ die AFD Aktionen und wohl auch Pegida Attacken meint. Denn er fährt fort: “Wäre es denn wünschenswert, wenn es gar keine Abwehrreaktionen gäbe?“ Da wird wieder nicht nachgefragt: Denn mit dem eher noch ein bisschen freundlichen Wort „Abwehrreaktionen“ sind wohl auch Attacken gegen Flüchtlingsheime und Drohungen gegen demokratisch gewühlte Politiker gemeint. Dabei wird von Jongen indirekt behauptet: Nur die AFD (bzw. wohl auch Pegida) gestalten die richtigen Abwehrattacken gegen die Demokratie, die „von oben etwas aufdrückt“, so Jongen. Demokratie wird in diesen undemokratischen Kreisen bereits als etwas erlebt, das „von oben aufdrückt“…

Die in der AFD verhassten Linksradikalen („sie reißen alle Grenzen ein“, so wörtlich Jongen) gelten in der AFD als „verirrte Abkömmlinge des Christentums“, sie sind die eigentlichen Übeltäter. Warum? Weil sie das deutsche Volk und die deutsche Nation in ihren Grenzen nicht mehr lieben. Volk und Nation werden wieder zum Maßstab von anständig und unanständig. Man erinnere sich bitte …

Jongen ist zwar im ZEIT Interview ein bisschen sauer, dass Sloterdijk offenbar die AFD kritisiert. Der Sloterdijk Assistent, wohl ein intimer Kenner seines einstigen Meisters, meint dann aber doch glücklich: „Mein Eindruck ist, dass seine, Sloterdijks, Äußerungen zur Flüchtlingskrise so fern zu dem nicht stehen, was ich sage und was auch die Position der AFD ist. Und das ist letztlich wichtiger und auch wirksamer (!) als seine oder meine persönlichen Befindlichkeiten“. Mir ist nicht bekannt, dass Sloterdijk sich gegen diese Einbeziehung seines Denkens zur Flüchtlingsfrage in die AFD Ideologie öffentlich gewehrt hat.

Auf diese aktuelle Bedeutung des Sloterdijkschen Thymos-Begriffs weist jetzt Ijoma Mangold in DIE ZEIT vom 2. Juni 2016, Seite 37, hin. Der ZEIT-Journalist zeigt in seinem sehr lesenswerten Artikel, dass AFD und Pegida gern vom „Ausnahmezustand“ sprechen, als dem Moment, wo die geltenden Gesetze der Demokratie eben nicht mehr gelten und eben besonders Berufene, eben die AFD etc., in tiefster Not zur Rettung des Volkes die Macht ergreifen. Mangold schreibt: „Sie (die AFD Leute) sprechen gern vom Ausnahmezustand, denn der beendet qua Gewalt die (angeblichen, in der AFD Sicht) bloß künstlich-abstrakten Rechtsverhältnisse. Der Ausnahmezustand, der Ausbruch des Volkszorns (also Thymos, siehe Sloterdijk), ist der feuchte Traum aller Rechten. Der Vordenker der neuen Rechten, Götz Kubitschek, spricht vom Ernstfall. Marc Jongen, Solderdijks Assistent bis vor kurzem, bezeichnet das mit dem griechischen Begriff Thymos und fügt hinzu, dass es sich dabei hoffentlich um einen gerechten Zorn handelt“. (Vielleicht irrt diese AFD/Pegida-Masse auch in ihrer Wut, rechnen damit AFD Führer?

Man sieht, wie dieser schwammige und diffuse Thymos Begriff und diese Thymos, also Wut Ideologie, durch Sloterdijk 2006 verbreitet, Wirkungen im rechtslastigen Lager hat. Auch Martin Lichtmesz, ein rechter Ideologe, sprach nach der Wahl des Bundespräsidenten in Österreich im Mai 2016 diese verschwommen-drohenden Worte: „Ein Freund meinte, sein Thymos Spiegel wäre gerade am Platzen“ (Heißt das, er wäre bereit, seinen Zorn öffentlich auszutoben?) “Der Rekurs auf den Volkszorn ist immer eine verhohlene Gewaltanwendung. Wenn dem Volk erst mal der Geduldsfaden reißt, dann schützen euch eure Schein-Wahlergebnisse auch nicht mehr“: Mit diesen Worten fasst Ijoma Mangold die Thesen der Thymos-Besessenen neu rechten Ideologen zusammen.

5. Nietzsche wieder einmal der Meisterdenker ganz rechts

Es wäre wichtig, erneut auf das allen rechtslastigen und populistischen Zorn stimulierende Buch „Zorn und Zeit“ von Sloterdijk näher einzugehen. Schon dieser Titel hat ja für Philosophen einen gewaltigen Anspruch, er erinnert an Martin Heideggers grundlegendes Werk „Sein und Zeit“ (1927). Heidegger wollte den Sinn von Sein aus der Zeit verstehen. Sloterdijk will jedenfalls hohe Ansprüche wecken und möchte wohl unsere Zeit im Horizont des Zorns neu lesen oder, wer weiß das schon genau bei der Unschärfe der Formulierungen, den Sinn von Zorn aus unserer Zeit verständlich machen… Sloterdijk lobt den Thymos im Blick auf die frühe griechische Mythologie: Homers Thymos-Lehre wird freundlich zugestimmt, von den mythischen Helden ist die Rede, die zum Hüter des Zorns auserkoren sind. Und Heidegger wird fiktiv in das Thymos-Geschehen eingereiht: Sloterdijk legt dem Meister aus Messkirch die vielleicht sogar treffenden thymotischen Worte in den Mund: “Auch kämpfen heißt danken“ (S. 24). Nebenbei: Heidegger konnte (dem Sein) danken, dass er nur am Schreibtisch „kämpfen“ musste in seinem antisemitischen Wahn ab 1933… Aber man könnte den Satz auch allgemeiner verstehen: Der thymotische Mensch kämpft also für seine Sache und ist dankbar, dass er kämpfen, also auch töten und ausmerzen kann. Für Sloterdijk hat die platonische Philosophie (leider) „die Austreibung des großen (!) Zorns aus der Kultur“ begonnen… O ihr Helden des Homer, möchte man weiter fantasieren, was wart ihr doch für thymotische Kämpfer. Ihr hattet wenigstens noch den „Mannesmut“ (so Sloterdijk, S. 26) und wart nicht in die furchtbaren (menschlichen) „demuts-trunkenen Subkulturen“ versackt, „in denen schöne Seelen sich (in der Demokratie, CM) gegenseitig (bloß) Friedensgrüße schicken“(so Sloterdijk, S. 31). O ihr thmyotischen und mythischen Kämpfer, möchte man im Sinne Slotderdijks weiter schwadronieren, ihr hieltet – den Göttern sei Dank – nichts von Frieden und Friedensgrüßen….Kein Wunder also, wenn Sloterdijk explizit den Egoismus lobt als „die beste der menschlichen Möglichkeiten“. (Seite 31).

Und dann kommt die zentrale Aussage. Sie zeigt Sloterdijks meist in der Schwebe belassene, oft aber auch offene Vorliebe für Nietzsches radikales „Reformatorentum“, wie er sagt. Dieses bedeutet für Sloterdijk: Nietzsche vollbringt eine wertvolle Leistung, er schafft neue, eben „nicht-metaphysische, nicht-christliche moralische Gesetze“ (so Sloterdijk in seine Buch „Philosophische Temperamenten, 2009, Seite 116f.). Sloterdijk schreibt in „Zorn und Zeit“: „Erst Nietzsche hat in dieser Frage wieder für klare Verhältnisse gesorgt“. Das heißt im Sinne des Übermenschen, wie es Nietzsche in seinen sehr späten Werken lehrte, etwa im „Antichrist“ (verfasst 1888) heißt es gleich am Anfang: „Die Schwachen und Missratnen sollen zugrunde gehen: Erster Satz unserer Menschenliebe. Und man soll ihnen (den Schwachen und Missratnen) noch dazu helfen, zugrunde zugehen. Was ist schädlicher als irgendein Laster? Das Mitleiden der Tat mit allen Mißratnen und Schwachen – das Christentum…“

Aber solche unmittelbaren Nietzsche-Zitate erspart sich Sloterdijk in seinem Plädoyer für den Egoismus „als der besten Möglichkeit“. Er lässt mit großen Worten und großer Geste vieles schön schwammig und ahnungsvoll offen. Marc Jongen etwa, der AFD Philosoph, versteht seinen Meister in Karlsruhe. Jongen sagt: „Es wäre abwegig zu meinen, der Zorn (Thymos) haben seine besten Zeiten bereits hinter sich“. Also:Der Zorn gegen das angebliche „morsche demokratische System“ wird bald stärker werden.

Sind Demokraten nun noch mehr gewarnt? Oder versuchen demokratische Politiker jetzt, bloß um zu verhindern, dass die AFD die Mehrheit erlangt, die AFD ihrerseits zu imitieren und Forderungen der AFD zu übernehmen? Man hat stark diesen Eindruck in der Flüchtlingspolitik jetzt, Juni 2016. Offenbar fehlt den Politikern und den Bürgern der demokratische Thymos. Und es fehlt das Bewusstsein, dass Politik eben auch etwas mit Moral und Menschenrechten zu hat.

6.Nietzsche -ein philosophisch-politischer Schwerpunkt ab sofort 

Die bisherigen Hinweise machen deutlich: Die so freundliche, so wohlwollende Rezeption zentraler Behauptungen des Spätwerkes Nietzsches zur neuen In(Un)-Humanität durch die neue Rechte, auch durch die AFD, angefeuert durch die eher undeutlichen Aussagen Sloterdijks zu Nietzsche, muss weiter bearbeitet werden. Nietzsche ist „am Kommen“, das ist keine Frage. Er ist ohnehin schon der Meisterdenken der Nouvelle Droite, die es bekanntlich seit 1970 in Frankreich gibt; es ist Nietzsche, den die extreme Rechte in ihre eigene Weltanschauung als Chefdenker eingliedert.

Dabei darf es nicht bleibe: Als erste Einführung zur kritischen Nietzsche Lektüre empfehle ich in dem Buch von Vittorio Hösle „Eine kurze Geschichte der deutschen Philosophie“ (C.H.Beck Verlag, München, 2013), das Nietzsche Kapitel mit dem Titel „Die Revolte gegen die universalistische Moral“ (Seite 185-207). Nietzsche und mit ihm seine Freunde und Deuter heute in der AFD und anderswo, so die Erkenntnis, wehren sich gegen die universalistische Moral, also gegen die allgemeinen und für alle (auch für Flüchtlinge) geltenden Menschenrechten. Es wird ein Regime etabliert von wertvollen und weniger wertvollen Menschen, die Ideologie der Herrenmenschen.

7.Wer wird die universalen Menschenrechte verteidigen?

Es geht also heute an erster Stelle für alle Demokraten darum, dass nicht noch die Geltung der Menschenrechte ertrinkt, untergeht und verschwindet. Dies zu debattieren hat absoluten Vorrang, auch in den Kirchen. Aber wie kann eine multinationale Organisation, wie die römische Kirche, im Ernst die Menschenrechte verteidigen, wenn sie in sich selbst, in ihrer eigenen Struktur, die Menschenrechte und damit die Demokratie nicht realisieren will (weil Gott es nicht will, wie es im Vatikan fundamentalistisch heißt..). Die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte hat der Vatikan bekanntlich NICHT unterzeichnet. Alle netten, menschenfreundlichen Aktionen von Papst Franziskus sollten auch in diesem Licht gesehen werden.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon.
Dieser Beitrag ist eine begründete Meinungsäußerung.

Sommerausflug des Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salons nach Karlshorst am 26. August

Herzliche Einladung zum Ausflug des Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salons am Freitag, den 26. August 2016, nach Karlshorst.

Bitte beachten Sie, dass der S Bahn Verkehr nach Karlshorst an dem Tag leider unterbrochen ist. Man muss mit der S Bahn bis NÖLDNERPLATZ fahren und dort in den Schienersetzverkehr (SEV), Busse, umsteigen bis S Bahnhof Karlshorst. Fahrzeit von dort ca. 15 Minuten. Von Bahnhof Karlshorst die Treskowallee Richtung Norden bis Bopparder Str., dann rechts wird die Kirche und das Pfarrhaus Lahnsteiner Str. 4 schon sichtbar.

Karlshorst ist ein hübscher Stadtteil im Bezirk Lichtenberg, im „Westen“ eher wenig bekannt.

Wir treffen uns um 10 Uhr im Haus von Edgar Dusdal, ev. Pfarrer in Karlshorst und gelegentlich auch Teilnehmer (und Referent) unserer Salonabende. Adresse: Lahnsteiner Str. 4 dicht an der Kirche.

Wir sprechen mit Herrn Dusdal über „Formen der Erinnerung“: Wie wird (auch politische) Erinnerung immer neu konstruiert, auch in meiner eigenen Lebensgeschichte. Ein philosophisches Thema zum Sich-Selbst-Verstehen.

Dies ist ein guter gedanklicher Einstieg auch für die spätere Besichtigung des vielen sicher noch unbekannten Deutsch-Russisches Museums in Karlshorst.

Zuvor, gegen 12. 30 hat Herr Dusdal für uns eine Orgel-Führung in der Kirche organisiert, eine wunderbare, Chance die bedeutendste Barock-Orgel Berlins dort kennenzulernen: http://www.amalien-orgel.de/

Danach gehen wir ins Deutsch-Russische Museum, Zwieseler Str. 4. Dort haben wir, durch Vermittlung von Herrn Dusdal, eine Führung.

Dann gehen wir mit Herrn Dusdal ein Stück durch Karlshorst zu einem italienischen Restaurant, dort gemeinsames Essen und weitere Diskussionen.

Teilnahme-Kosten: Nur 5 Euro (geht an die Gemeinde). Im Museum ist der Eintritt frei.

Man muss tatsächlich mit der S Bahn nach Karlshorst fahren wegen Bauarbeiten der Regionalbahnen.

Anmeldung bis 22. August erforderlich an: christian.modehn@berlin.de

 

Das „goldene Zeitalter“: Realität und Utopie. Ein philosophischer Salon.

Einen ausführlichen Beitrag vom 16.7.2016 über das „siglo de oro“, das „Goldene Zeitalter in Spanien“ mit dem Titel „Das goldene Jahrhundert:Es war gar nicht so golden“ können Sie nachlesen, klicken Sie hier.

Dies ist die Einaldung zum salon am 15.7.2016:

Der Religionsphilosophische Salon im JULI findet am Freitag, den 15. Juli 2016 in der Galerie Fantom, Hektorstr. 9 in Berlin-Wilmersdorf statt. Anläßlich der großen Ausstellung „El siglo de Oro“ (Spanien im 17. Jahrhundert und die spanischen Künstler) in der Gemäldegalerie (ab 1.7. 2016) wollen wir die Hintergründe (künstlerisch, philosophisch, religiös) näher verstehen, vor allem, was denn wirklich das „Goldene Jahrhundert“ bedeutet. Denn „golden“ waren vor allem die Arbeiten der großen Maler, die sich allerdings sehr zurückhielten, wenn es um die Darstellung der elenden Lebensverhältnisse der Bevölkerung ging. Der Hof, vor allem der von Philipp IV., lebte am Rande des Bankrotts. Die Gesellschaft war gespalten in stolze „Altchristen“ und in Konvertiten aus dem Judentum, denen die „Altchristen“ nicht trauten, weil sie in antisemitischem Wahn eben Juden unter diesen Katholiken vermuteten. Das „goldene Jahrhundert Spaniens“ ist also ein ideologisches Konstrukt, wenn man auch die verheerenden Zustände (Verletzung der Menschenwürde der „Indianer“ usw.) in den südamerikanischen Kolonien betrachtet und an den aussichtslosen Kampf einiger Dominikanermönche, wie Bartholomé de la Casas, berücksichtigt.

Warum haben Menschen immer Sehnsucht nach dem goldenen Jahrhundert, em Goldenen Zeitalter, was war golden in den goldenen Zwanziger Jahren in Berlin? Für wen waren sie goldig, für wen waren sie bleierne Zeiten?

Darüber hinaus sprechen wir über die Sehnsucht (unsere Sehnsucht ?) nach dem Goldenen Zeitalter als Mythos und Utopie.

Ein Abend, voller Perspektiven, die dann um so intensiver wahrgenommen werden, wenn die TeilnehmerInnen  zuvor die Ausstellung besuchen oder sich mit den Künstlern (Velázquez u.a.) und Theologen (z. B. den umstrittenen Jesuiten Balthasar Gracian) in dieser Zeit in Spanien intensiver beschäftigen. Der ungarische Philosoph Béla Hamvas nannte etwa die Zwerge des Velázquez Philosophen…

Herzliche Einladung! Für die Raummiete: 5 Euro. StudentInnen haben freien Eintritt.

Eine weitere inhaltliche Ergänzung am 7.7.2016:

Die große Ausstellung „El siglo de oro“, „Das goldene Jahrhundert“, zur Zeit in der Gemäldegalerie, ist der Anlass unseres Themas: Was ist das goldene Zeitalter? Unter welchen Bedingungen wird von wem eine bestimmte Epoche „golden“ genannt bzw. als golden verklärt?

Haben wir in unserem Leben auch die Tendenz, bestimmte eigene Lebenszeiten oder die erlebte politische Geschichte als golden oder gar goldig zu (v)erklären?

Über diese Fragen werden wir uns unterhalten. In jedem Fall geht es also um Ideologiekritik:

Die Werke des „Siglo de Oro“, Velazquez, Zurbaran und die vielen hierzulande noch unbekannten Meister im 17. Jahrh henswert, sehr individuell, berührend, zum Teil mit ganz sanfter Herrschaftskritik.

Aber in unserem Salon wird deutlich: Alle diese Gemälde waren bestellte Arbeiten, bestellt von den Königen und inhaltlich dirigiert von der allmächtigen katholischen Kirche. Gerade sie sorgte für die unendliche Wiederkehr immer desselben Themas: der gekreuzigte Christus… Als gäbe es nichts anderes in dieser (schönen, furchtbaren) Welt. Wird da die Gewöhnung ans Leiden versteckt sprituell propagiert?

Wir werden uns mit einem außergewöhnlichen Philosophen dieser Zeit befassen, mit Baltasar Gracián aus dem Jesuitenorden, besonders mit seinem viel gelesenen Werk „Handorakel und die Kunst der Weltklugheit“ (bei Fischer auf deutsch erschienen, übersetzt von Artur Schopenhauer (sic!). Gracián vertritt eine Weisheitslehre, die ganz auf das erfolgreiche Überleben des einzelnen in einer feindlichen Umgebung setzt. Aus Angst vor der allmächtigen Inquisition in diesem angeblich goldenen Zeitalter empfiehlt er u.a. die Kunst, sich richtig zu verstellen…Gracian wurde dann von seinem Orden bestraft…

Hilfreich ist auch für Spanien-Freunde die Lektüre des kritischen Buches des spanischen Philosophen Juan Goytisolo „Spanien und die Spanier“ bei Suhrkamp erschienen, auf den ersten Seiten wird die ganze machtvolle Tristesse Spaniens erläutert nach der Vertreibung der Muslime aus dem Land der erzwungenen Konversion der spanischen Juden. Nicht golden, sondern eisern war dieses 17. Jahrhundert. Und man fragt sich, warum ausgerechnet jetzt, mitten in der tiefen europäischen Krise, auch der politischen Krise Spaniens, der Flüchtlingsabwehr in ganz Europa usw., eine Ausstellung „Goldenes Zeitalter“ gemacht wird. Soll Kunst noch etwas Glanz in trübe Zeiten bringen?

Bitte vormerken: Am Freitag, den 26. August 2016, machen wir wieder -am Ende der Berliner Schulferien- unseren kleinen „Ausflug im Sommer“. Diesmal fahren wir in den vielen sicher noch unbekannten schönen Stadtteil Karlshorst und treffen dort um 10 Uhr den Pfarrer der Gemeinde, Edgar Dusdal. Er spricht mit uns über die vielfältigen Formen des persönlichen und politischen Erinnerns. Zudem werden wir die ungewöhnlich wertvolle Orgel der Karlshorster Kirche kennen lernen, die Amalien-Orgel, die bedeutendste Barockorgel Berlins, geschaffen 1755 und original erhalten. Auch dies ein besonderes Ereignis.

Danach besuchen wir das „Deutsch-Russische Museum“ in Karlshorst, das sicher viele noch nicht kennengelernt haben. Das passt gut zum Thema: Was heißt politische Erinnerungheute? Selbstverständlich gibt es danach genug Zeit für ein gemeinsames Essen und weiteres Debattieren.

In den vergangenen Jahren haben wir als Sommer Ausflug Jüterbog und Kloster Chorin besucht.

 

 

 

Rupert Neudeck und Albert Camus.

Rupert Neudeck: Von Albert Camus inspiriert

Ein Hinweis von Christian Modehn

In den zahllosen wichtigen Erinnerungen an den großen Humanisten Rupert Neudeck wird meines Erachtens oft vergessen: Rupert Neudeck wollte nicht nur in der Tat den radikalen ethischen Forderungen des Jesus von Nazareth entsprechen, den ursprünglichen, noch kirchlich nicht verfälschten Lebensweisheiten Jesu, wie sie im Neuen Testament, etwa in der Bergpredigt oder den „Endzeitreden Jesu“, deutlich werden. Wichtig ist: Rupert Neudeck lebte auch aus dem Geist des humanistischen Philosophen Albert Camus. Das Denken Albert Camus war ihm, darf ich sagen, genauso wichtig wie die Bibel. Humanismus ist eben niemals nur „atheistischer Humanismus“. Humanismus ist in der weitenTradition vielmehr immer auch eine Verbindung von religiösem-etwa auch christlichem- und philosophischem Denken. Das hat Rupert Neudeck als Einheit gelebt. Dafür sind ihm so viele so dankbar. Er ist ein Lebens-Retter.  Insofern ist Rupert Neudeck auch ein Mensch, der zeigt: Auch philosophische Vorschläge und philosophische Erkenntnisse können ein Leben gestalten. Philosophieren hat mit dem Leben zu tun. Sie ist keine graue Theorie…

Über „Die politische Ethik bei Jean Paul Sartre und Albert Camus“ wurde Rupert Neudeck 1972 in Münster zum Doktor der Philosophie promoviert.

Im Jahr 2013 hatte ich erneut Gelegenheit, Rupert Neudeck in Berlin (anläßlich einer Konferenz über das „ROTE KREUZ“) zu sprechen und für die ARD Sender zu interviewen. 2013 war das Jahr der Erinnerung an Albert Camus (geboren 1913).

Nur drei zentrale Zitate Rupert Neudeckes zu Albert Camus:

1. „Ich erzähle immer die Geschichte, dass wir unseren Mitarbeitern bei Cap Anamur, wenn sie rausgegangen sind nach Kambodscha, Somalia, Uganda, immer ein Buch mitgegeben haben, und das geradezu das Vademecum der humanitären Arbeit ist, nämlich die „Die Pest“ von Camus, von Albert Camus“.

….. Der Roman „Die Pest“ handelt von menschlicher Solidarität in verzweifelter Lage: Rupert Neudeck:

2. „Wenn man diese Parabel gelesen hat, verstanden hat, dann weiß man die Richtung, in die man gehen muss. Und die Richtung ist nicht, dass man auf etwas verzichten muss, sondern das einzige, wozu wir in der Lage sein müssen, ist, dass wir uns schämen müssen, allein glücklich zu sein.“

Aus den Vorschlägen Albert Camus` zieht Rupert Neudeck diese Konsequenzen:

3. „Wenn wir uns ehrlich vor Augen was wir sind, was für Waschlappen wir sind, dann ist es schon etwas ganz Erfreuliches, wenn man nicht aufgibt. Wenn man nicht sagt: Macht alles keinen Sinn. Ich denke, dass es nicht stimmt, dass alles auf der Welt zum heulen ist und kaputt geht. Das ist nur eine Hälfte der Realität, es gibt eine andere, in der uns was gelingt, in der Solidarität gelingt, in kleinen Einheiten, in Kommunen, Gemeinden Dinge passieren, die großartig sind. Diese Geschichten vom Gelingen, die brauchen wir, um uns nicht immer wieder zu verzehren im Wortsinn“.

Zwei kurze, zentrale Zitate von Albert Camus, die Rupert Neudeck genau gesprochen hätte:

– „Schöpferisch sein, bedeutet zweimal zu leben“.

– „Ich empöre mich. Also sind wir!“

Zur Vertiefung in die Spiritualität von Albert Camus finden Sie u.a. in einem Beitrag des NDR, klicken Sie hier.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

 

 

 

Berlin-Babylon-Bagdad: Ein Festival in Berlin (bis 4. Juni 2016)

Ein Hinweis von Christian Modehn

In Berlin findet noch bis zum 4. Juni 2016 ein Festival, Kunst und Wissenschaft, zum Thema Babylon in thematischer Verbindung mit Berlin und Bagdad statt. Für weitere Informationen zu diesem internationalen Festival klicken Sie bitte hier.

Der Religionsphilosophische Salon Berlin hat auf ein wichtiges, sehr umfassendes und inspirierendes Buch zum Thema Babylon von Frank Kürschner Pelkmann schon vor einigen Monaten aufmerksam gemacht.

Allen, die sich für das weite Umfeld des Symbols wie der Realität „Babylon“ interessieren, wird dieses Buch dringend empfohlen. Zur Vertiefung: In einem Interview erläutert der Autor einige Hauptthemen, klicken Sie bitte hier.

An Michel Foucault erinnern: Von der Zerstörung der üblichen Evidenzen.

Ein Hinweis von Christian Modehn. Anläßlich von Michel Foucaults Todestag am 25.6.1984.

Michel Foucault (gestorben am 25.6. 1984in Paris , geboren am 15.10.1926 in Poitiers) ist einer der besonders anregenden Denker der Gegenwart. Er war und ist umstritten. Seine Thesen und grundlegenden Einsichten, etwa zum Humanismus und zur Frage nach dem „Wesen DES Menschen“, wurden heftig kritisiert. Oft hat man in der Polemik nicht genau hingeschaut, was er eigentlich meinte.

Foucault bleibt also ein Anreger, einer der aufweckt aus Selbstverständlichkeiten; er unterstützt subversive Formen des Lebens und Denkens. Er selbst sah sich als „Zerstörer der (üblich gewordenen) Evidenzen“, er suchte Formen der Lebenskunst in der „Nach-Moderne“. Dabei hat er sich als umfassend (historisch, psychologisch, philosophisch) gebildeter Denker selbst gewandelt, entwickelt, korrigiert.

Seine erste größere Arbeit erschien 1961. Sie bezog sich auf die Ausgegrenzten, Kranken, Unvernünftigen, für wahnsinnig gehaltenen Menschen:Wahnsinn und Gesellschaft: Eine Geschichte des Wahns im Zeitalter der Vernunft“ , „Folie et déraison“.

Die dort aufgeworfenen Fragen bleiben aktuell: Wer definiert den Wahnsinn, das Aus-dem-Rahmen-Fallen? Wer lässt es zu, dass diese Menschen eingesperrt werden? In Fez z.B gab es, so Foucault, schon im 7. Jahrhundert Hospize für Wahnsinnige. Ist die Mehrheit vernünftig und als „nichtwahnsinnige“ Mehrheit etwa auch gesund? Woher kommt dieser Anspruch? Ist die Mehrheit, etwa in der Politik, die heute wieder die Nation als absoluten Wert hochspielt, ist diese Mehrheit etwa gesund, d.h. rational auf der Höhe der Menschlichkeit? Angesichts der Kriege, die Nationalismus IMMER erzeugt, kann man da „im Ernst“ noch von gesunden und vernünftigen Politikern und Bürgern sprechen? Sind Politiker, die Kriege führen, etwa Assad in Syrien, die Mörderbanden in der arabischen Welt usw., sind die alle gesund, also nicht-wahnsinnig? Warum werden diese Kategorien in dem Zusammenhag nicht angewendet? Wer verbietet diese Anwendung? Ist die Ausgrenzung bestimmter, tatsächlich schwer belasteter seelisch Kranker, auch ein Alibi für die Mehrheit, sich selbst für vernünftig zu halten? In diesen störenden Fragen sah auch Michel Foucault die Notwendigkeit neuer Philosophie: “Philosophie ist jene Verschiebung und Transformation der Denkrahmen, die Modifizierung etablierter Werte und all die Arbeit, die gemacht wird, um anders zu denken, anders zu machen und anders zu werden als man ist“ (zit. in „Metzler Philosophen Lexikon“, Beitrag Foucault, Michel, von Thomas Schäfer, Seite 224). Und noch einmal zur Bedeutung der Philosophie: „Philosophie ist eine Bewegung, mit deren Hilfe man sich nicht ohne Anstrengung und Zögern, nicht ohne Träume und Illusionen von dem freimacht, was für wahr gilt und nach anderen Spielregeln sucht“ (ebd. 228).

Foucault stellt die Frage nach der Ausgrenzung und Abschiebung der anderen, der Minderheiten, der Schwachen und Kranken aus dem großen Rahmen der sich vernünftig wähnenden Gesellschaften und Staaten. Die Frage der Ausgrenzung der Armen stellte er meines Wissens leider nicht. Dabei ist diese Ausgrenzung, Degradierung, Verachtung, Abschiebung der Armen auch in den reichen Gesellschaften des Westens und der Demo-kratien“, wo die Armen eben nicht herrschen, ein Skandal, an den sich die Mehrheit gewöhnt hat. Wahrscheinlich sind westliche „Demo-Kratien“ auf dem Weg zu Pluto-Kratien“… Die „Säuberung“ der Städte  in Deutschland von den Armen, besonders in den touristisch attraktiven und Geld bringenden Innenstädten, ist längst leider selbstverständlich. In Paris wohnt im Zentrum kein Armer mehr, in London nicht, in Manhattan nicht, in München nicht und in Berlin, wenn diese Politik sich fortsetzt, bald auch nicht mehr. Es sind längst Gettos entstanden. Zu diesen Hinweisen inspiriert die Lektüre von Michel Foucault.

Er stellt die Frage: Ist Vernunft vielleicht immer ausgrenzend und repressiv? Ist etwa die oft nur vorgebliche sorgende Haltung der Staaten für die Bürger nichts als eine pastorale Attitude? Bezogen auf die christliche Gemeinde hat er sich 1979 zur „pastoralen Macht“ geäußert, wo die selbst ernannten, nicht von den Gläubigen gewählten Führer und Herrscher sich als Hirten ausgeben und die Gläubigen eben zu Schäfchen machen, die sich unterdrücken lassen. Diese Arbeit Foucaults sollte theologisch endlich bearbeitet werden, zur Lektüre dieses Foucault Beitrages klicken Sie hier.

Foucault war ein Denker, der mit allem Nachdruck das Interesse auf den einzelnen, den singulären Menschen lenkte. Er wollte den einzelnen förmlich retten vor der Gewalt der (Denk) Systeme. “Das einzige was für ihn, Foucault, existiert, sind Singularitäten“, so Paul Veyne, Historiker und (explizit heterosexueller) Freund von Michel Foucault in dem Buch „Foucault. Der Philosoph als Samurai“ (Reclam, 2009, Seite 50). Auch wenn Foucault die metaphysischen und letzten und endgültigen Wahrheiten als Skeptiker entschieden zurückwies, so hat sicher Paul Veyne recht, wenn er Foucaults letztlich immer offene Haltung dann auf den Punkt bringt und damit meines Erachtens zugleich eine gültige Aussage zur Skepsis „insgesamt“ macht: “Ein Skeptiker hält es nicht für unmöglich, dass die Welt sehr anders ist, als wir sie wahrnehmen“(ebd. 51).

 

Copyright: Christian Modehn Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 

 

Katholikentag in Leipzig: „Ich bin normal“. Es gibt (fast) keine „Atheisten“ in den „neuen Bundesländern“.

Von Christian Modehn, zum ersten Mal veröffentlicht am 24. 5. 2016. Auf das Buch „Forcierte Säkularität“ wird am Ende des Beitrags hingewiesen (2.6.2016)

Etliche LeserInnen haben gefragt, ob man diesen Beitrag in drei Thesen zusammenfassen kann:

1.“Angesichts der religiösen Gleichgültigkeit derer, die sich (im Osten wie im Westen) in ihrer Lebensphilosophie als `normal` definieren und angesichts der Unkenntnis in Fragen des Christlichen bei den normalen Christen, ist weiterführend: Sich miteinander über die vielfältigen Dimensionen des „normalen Lebens“ austauschen und selbstkritische Fragen stellen. Wie man hört, ist es auch auf dem 100. Katholikentag in Leipzig nicht gelungen, Nähe, Freundschaft, Dialog mit den so genannten Nicht-Religiösen zu bewirken. Die Gründe dafür finden Sie weiter unten in dem Beitrag“.

2. „Und im Blick auf die katholische Hierarchie, die sich selbstherrlich immer noch als Meisterin „der“ Lehre betrachtet: Sie soll nur dazu ermuntern, dass jeder selbst die Anwesenheit des Göttlichen, des persönlich „absolut Wichtigen“ usw. in sich selbst entdeckt und Kirche als Ort des Austauschs darüber erlebt. Die dicken und angestaubten Handbücher der Dogmatik und Moral sollten beiseite gelegt werden. Denn „Glauben ist einfach“ mit einem einfachen, für alle nachvollziehbaren Inhalt. Siehe etwa die Gleichnisreden Jesu“.

3. Wenn die Kirchenführer und die mit ihnen verbundenen, also gehorsamen Laien den Dialog mit Nichtglaubenden, Atheisten, „Normalen“ wirklich und im Ernst, und nicht als Spiel bzw. Propaganda, wollen: Dann muss das ein Dialog auf Augenhöhe sein, bei dem alle, selbstverständlich auch die Bischöfe und die Laienfunktionäre, etwas lernen von den Gesprächspartnern. Wie diese von den Theologen natürlich auch. Dialog heißt von einander lernen. Wer das nicht will, sollte sich in seiner Gruppe (Sekte?) einschließen und viel Geld sparen und dies den Armen in Afrika geben …und seinem eigenen, geistigen Ende entgegensehen. Leben ist voneinander Lernen…   CM.

……………………………………………………………….

Wer in diesen Tagen spontan unterschiedliche Menschen unterschiedlichen Alters anspricht, etwa in Leipzig oder in den östlich gelegenen Stadtbezirken Berlins, und sie nach ihrer weltanschaulichen oder religiösen Bindung/Orientierung befragt, erhält oft das stillschweigende und manchmal peinliche „Schulterzucken“ als körperlichen Ausdruck für das „Ich weiß es (selbst) nicht“. Oder er/sie hört die knappe Antwort: „Ich bin normal“. Dieses „Ich bin normal“ als Antwort auf die Frage nach der persönlichen Religion habe ich schon vor 15 Jahren oft gehört, als ich für die ARD Filmaufnahmen zum Thema „Glauben in der EX-DDR“ machte, etwa in Berlin-Lichtenberg, Treptow, Pankow oder Rostock, Leipzig, Dresden…

Ich finde das Bekenntnis „Ich bin normal“ hoch interessant und bedenkenswert. Es ist das Bekenntnis zur bislang wenig erforschten „Religion der Normalen“. Und dies sind natürlich nicht die Christen, nicht die Juden, nicht die Muslime, nicht die Buddhisten: Denn diese Religionen sind kleine Minderheiten in den neuen Bundesländern. Können denn Minderheiten „normal“, also auch „üblich“, gar gewöhnlich sein? Wer dort sagt, „ich bin normal“, fühlt sich ganz selbstverständlich als Mehrheit der angeblich an keine Ideologie Gebundenen. Er schließt also auch die aktive Mitgliedschaft in humanistischen oder freidenkerischen oder atheistischen Gruppen und Verbänden aus. Man will sich also nicht festlegen, weder für Gott noch gegen Gott. Man lebt sein Leben offenbar einfach so dahin, „ganz üblich“, ganz normal, meint man, mit allem Kummer, allem Alltag, allen kleinen und großen Freuden. Es ist deswegen meines Erachtens Unsinn, „die“ Menschen in der ehemaligen DDR pauschal „Atheisten“ zu nennen. Atheisten sind Menschen, die sich mit der Frage nach einem letzten, tragenden Lebenssinn auseinandergesetzt haben, die gefragt haben, die gezweifelt haben. Und dann eben Nein sagen, Nein sagen zu einer göttlichen Wirklichkeit. Die „Normalen“ tun das überhaupt nicht. Sie leben in der als Frage gar nicht auftauchenden Überzeugung: Es lohnt sich nicht, tiefer auf das eigene Leben zu schauen, es lohnt sich nicht grundsätzlicher, vielleicht sogar philosophisch, weiter zu fragen. Auf diese Fragen wird meines Erachtens auch gar nicht ausdrücklich verzichtet, man lehnt diese Fragen ja gar nicht explizit ab: Sie kommen im Alltag einfach nicht vor. Das eben ist normal. Es ist letztlich eine Welt ohne Transzendenz. Es ist ein Leben, das einfach von tiefer Müdigkeit geprägt ist, von einer Abweisung tieferer Neugier. Man ist offenbar satt und zufrieden, obwohl sozial eher auf der unteren Stufe steht oder sich dort fühlt. Darum sagt man sich: Sollen doch die verrückten Minderheiten tiefer fragen, die Gothics oder die Astrologen, die Zeugen Jehovas oder die Christen. Die Mehrheit der Normalen schließt sich in sich selbst ein.

Also heißt das Motto: „Bleiben wir in der Welt“. Das Wort Immanenz (anstelle von „Welt“) wird vermieden. Denn es ist nur in dialektischer Abhängigkeit von Transzendenz sinnvoll zu verwenden. Man bleibt als Normaler sozusagen in der flachen Ebene des Vertrauten und Gewöhnlichen. Bloß nichts Spinöses, bloß nichts Religiöses, das reimt sich. Man interessiert sich dafür nicht, aus purer gepflegter Unkenntnis, aus Müdigkeit: „Der Alltag ist schwierig genug“. Der Himmel ist darum auch kein tiefgründiges Symbol, sondern eben nur die riesige, oft blau erscheinende Wölbung über uns, wo die Wolken so hübsch dahin ziehen usw. Und wenn Tote zu beklagen sind, tröstet man sich mit der umgebenden Pflanzenwelt, der Natur, die blüht, verwelkt und eben auch vergeht: „So geht es uns eben auch. Basta“. Gott sei Dank, möchte man sagen, wird das eigene Menschenleben nicht am Beispiel der anderen Natur, also der Tierwelt, durchbuchstabiert, da geht es ja bekanntlich, in der Wildnis, fast nur ums Fressen und Gefressenwerden.

Diese knappen Interpretationen des „Ich bin normal“ sind keineswegs zynisch gemeint. Es sind Hinweise auf einen überwältigend mehrheitlichen Lebensstil, der sozusagen in der Welt aufgeht. Und der auch das vitale Interesse hat, möglichst viel von dieser Welt zu Lebzeiten noch („wann denn sonst?“) „mitzubekommen“.

Diese Haltung (sich mit der Welt zu begnügen) ist ja auch in der tatsächlichen Lebenspraxis normal für sehr viele, die auch Mitglieder der Kirchen sind und sich gläubig oder eben humanistisch/atheistisch nennen. Insofern ist der Wunsch nach einem gewissen Welt-Genuss für alle oder die meisten eben „normal“. Für die oben genannten „Normalen“ ist nur die überirdische, religiöse oder atheistische Lehre nicht normal.

Warum aber lehnen diese mehrheitlich Normalen dann aus Unkenntnis die Religionen, Philosophien, Atheismen ab? Wenn sie diese religiöse Welt einmal von außen betrachten, was ja manchmal vorkommt, erscheint sie den Normalen als aufgesetzt, befremdlich, „gewollt“. Das heißt ja nicht, dass diese Normalen nicht auch gern allerhand Mysteriöses mögen, etwa Science-Fiction oder ähnliche Verzauberungen im Fernsehen und im Computer-Spiel. Und man liebt die Musik, nicht unbedingt die h-moll-Messe, sondern eher die Songs und Lieder, ja auch dies: die deutschen Schlager. Aber das ist nun einmal das entspannende Tralala am Abend beim Glas Bier. Das ist die schlichte, die normale Lebenswelt. „Ich bin normal“ – diesem Bekenntnis ist – nun doch bewertend – eine gewisse Biederkeit, „Kleinbürgerlichkeit“ nicht abzusprechen. Zu dieser Mehrheit der Menschen gehören in den neuen Bundesländern etwa um die 75 Prozent (15 Prozent der Menschen dort sollen evangelisch sein, 5 Prozent katholisch). Damit ist nicht gesagt, dass es viele Nicht-Religiöse gibt, die durchaus Interesse an Formen der etablierter erscheinenden „Hoch-Kultur“ haben, also Oper, Konzert, Theater usw. Aber der „Osten“ Deutschlands, sicher auch bald der „Westen“  ist religiös äußerst verstummt, verschwiegen, nicht anspruchsvoll, nicht metaphysisch interessiert. Nur eben politisch oft ausrastend, weil man die Selbst-Reflexion, die Selbstkritik ja nicht so mag. Als Normaler hat man das ja auch nicht nötig, glaubt man. Gefährlich werden etliche „Normale“ im Hass gegen jene, die nicht so sind, wie man selber ist, also die Fremden, die Flüchtlinge. Darin zeigt sich die Begrenztheit des Normalen als eine schandhafte Borniertheit. Die Normalen sind also nicht so normal, wenn denn zum Menschsein immer (!) elementar Respekt, Nicht-Totschlagen, Nicht die Häuser der Armen/Flüchtlinge anzünden, Nicht-Pöbeln und Diffamieren usw. usw. gehört. Die guten Normalen (die all das nicht tun in ihrem biederen Alltag) befinden sich also auch in schlechter Gesellschaft der gewalttätigen Leute, die sich normal („Deutsch“, „Nationalist“) verstehen.

Aber täuschen wir uns nicht: Hinsichtlich der möglichst genießenden, möglichst immer lustvollen Lebensgestaltung, sind sich „Normale“ wie auch kirchliche Gebundene Menschen sicher einig, und dies gilt auch für etliche Christen in „Westdeutschland“. Es gibt also doch eine gemeinsame Basis sehr vieler, die hier in Deutschland leben, egal ob im Osten oder im Westen, egal ob sie eine Transzendenz, einen Gott, für wichtig halten oder nicht. Es ist dann doch das allgemeine Aufgehen im Alltag, mit gelegentlichen Unterbrechungen, die man Event, Fest usw. nennt, also Urlaub, Wochenende, Sport,  Schlagerfestival. Und vor allem Fußball, dies ist der absolute Gott, dem man alles opfert: Zeit, Geld, intellektuelle (Gedächtnis) Anstrengung („wer hat von Bayern München im Jahr 2012 Tore geschossen?“) usw. Mögen die obersten Fußball Manager noch so korrupt sein, am Gott Fußball wird festgehalten. Wenn in den Kirchen Korruption frei gelegt wird, bekommen diese normalen Herrschaften -zurecht- Tobsuchtsanfälle. Bei korrupten Fußball-Millionäre (Managern) nicht so sehr; dem Fußball bleibt man treu. Sonst hat man ja nichts. Fußball bietet offenbar mehr als der religiöse Gott. Meint man. Das Fernsehen (auch ARD und ZDF) fördert heute diesen Fußball-Gott maßlos, zum Schaden des öffentlichen Bildungsauftrags der beiden Sender, aber das nur nebenbei.

Sind eigentlich also die meisten Menschen „normal“ im beschriebenen Profil? Das scheint mir so zu sein. Denn die metaphysischen Aufschwünge, die glühenden Glaubensgespräche, sind auch unter Christen eher selten. Man geht vielleicht noch zur Messe, hört etwas vom armen Jesus von Nazareth, „all das war ja früher so“ und ist danach wieder „normal“. Wie sollte man auch die Bergpredigt heute leben können, leben wollen? Selbst diese Frage wird kaum gestellt. Selbstverständlich gibt es viele solidarische Christen, solidarisch mit Armen, Flüchtlingen, aber es ist die Minderheit.

Der Unterschied ist: Viele westliche christliche Normale (oder eben die wenigen Christen im Osten) sind zwar auch die das Leben-normal-Genießenden;  aber sie haben oft noch einen spirituellen (man könnte auch sagen ideologischen) Überbau, den sie noch etwas fragmentarisch kennen: Etwa die Grundlehren des Christentums, das Vater Unser, das klassische Glaubensbekenntnis. Aber selbst dieses ganz elementare ideologische Gerüst der Christlich-Normalen gerät bekanntermaßen immer mehr ins Wanken. Fragen Sie mal einen katholischen Rheinländer, was Fronleichnam bedeutet. Oder einen Protestanten in Hamburg, „wer“ denn zur Trinität gehört. Sonst eigentlich gebildete Menschen meinen im Ernst, mit ihrem Wissen in religiösen und theologischen Fragen auf infantilem Kinderniveau bleiben zu dürfen. Und sie schämen sich dafür nicht einmal. Und verbreiten ihre Weisheiten leidenschaftlich -dumm in Diskussionen: „Gott ist doch bärtig“…

Damit will ich sagen: Diese religiösen Lehren, die noch bei den „christlich Normalen“ vorhanden sind, haben tatsächlich schon etwas Künstliches. Denn diese Lehren sind aufgesetzt und angelernt und deswegen eben schnell wieder vergessen. Sie haben die Seele und den Geist nicht in Bewegung gebracht. Im Blick auf den Tod sagen viele christliche Normale oft dieselben Sprüche wie die weltlich Normalen: „So geht es halt in der Natur“. Von der Freude, gemäß der einst gelernten Auferstehungs-Lehre, dann bei Gott zu sein, habe ich in letzter Zeit wenig gehört.

Der einzige Unterschied noch zwischen christlichen Normalen und weltlichen Normalen ist: Die christlichen Normalen haben oft noch einen Bezug zu einer größeren und großen Gruppe, Gemeinde genannt. Das ist von größter Bedeutung für die Kommunikation gerade in der Anonymität der Städte. Aber die katholische Kirche in Deutschland (und ganz Europa) unternimmt alles, diese Kommunikation in einer wunderbar bunt zusammengewürfelten Gemeinde stark einzuschränken, indem die Gemeinden zu administrativen Großräumen „zusammengelegt“ werden. Denn die Priester (die wenigen, die bald kaum noch vorhanden sind, also de facto „aussterben“, das sagen Religionssoziologen) sind für die Hierarchie wichtiger, als die Orte der Kommunikation zu pflegen: Nur ein Priester darf Gemeinden leiten, und seien es 10 Gemeinden gleichzeitig. Ein Skandal ist diese „Herrschafts-Theologie“ auch für alle, die an sozialer Kommunikation interessiert sind.

So wird also, soziologisch betrachtet, ganz Deutschland allmählich „normal“, sehr weltlich, sehr „flach“, nicht „metaphysisch“. Und das heißt: Die Traditionen der überlieferten Transzendenz von einst verschwinden. Und sie sind oft schon verschwunden. Und darin sind die Kirchen selbst schuld: Sie halten in blinder Sturheit an den Jahrhunderte alten Formeln und Floskeln der alten Transzendenz-Deutung in Gebet, Theologie und Gottesdienst auch heute fest. Man stelle sich vor: Die Sprache der römischen Messe, bis heute weltweit zwanghaft von Rom vorgeschrieben, stammt aus dem 11. Jahrhundert in Rom: Das offizielle Glaubensbekenntnis kommt aus dem 4. Jahrhundert und wird immer noch so gesprochen wie zu Zeiten des heiligen Augustinus. Einige Prälaten sind sogar noch stolz darauf auf diese musealen Begriffe. Man muss schon Neoplatoniker werden, um diese mysteriösen Worte ohne lange Bedenkzeit zu verstehen, etwa: „Gezeugt, nicht geschaffen“ sei der Logos…Die übliche religiöse Lehre ist keine Auslegung unseres Lebens mehr. Deswegen ist sie so langweilig, so irrelevant.

Hinzu kommt bei den nicht religiösen wie christlichen Normalen eben auch die Abwehr der Institution Kirche, darüber sind tausendfach kluge Bücher geschrieben, Reformvorschläge unterbreitet worden: Nichts hat sich geändert.

Nicht nur eine neue Sprache ist wichtig, sondern vor allem eine neue,  inhaltlich neue Theologie! Das heißt: Die Kirchen sollten endlich vieles beiseitelassen. Sollten sich endlich von unverständlichen Traditionen befreien. Und der Mut ist wichtig, der Mut zum experimentellen, neuen poetischen Sprechen in der Gottesrede. Die katholischen Theologieprofessoren, bestens bezahlt als Beamte, erstarren heute vor Angst, die Inhalte des Christlichen neu und sebstverständlich auch anders zu sagen. Aber sie haben Angst vor der Hierarchie. Sie repetieren und paraphrasieren weitgehend den alten Formelkram und betreiben kaum interdiszipliär Theologie als immer neue Rede von Gott. Und das erzeugt dann eben die desinteressierte Normalität derer, die von Transzendenz nichts mehr wissen wollen.

Die beiden großen Kirchen, Protestanten und Katholiken, haben sich noch nicht versöhnt und als gleichberechtigt anerkannt. Sonst würde man ja etwa beim Katholikentag in Leipzig (4 Prozent Katholiken dort, also 26.000 Katholiken, oft aus dem Westen zugezogen) den vernünftigen Vorschlag einer neuen Ökumene hören: Lasst uns, Protestanten und Katholiken, von nun an und ab sofort (worauf warten wir eigentlich?) möglichst alles gemeinsam machen. Also: Besuchen wir sonntags wechselseitig unsere Gottesdienste, pflegen wir den Kanzeltausch, laden wir einander ständig zum gemeinsamen Abendmahl, der Kommunion, ein. Lassen wir den Schrott (das sind bekanntlich unbrauchbar gewordene, verfallene Gegenstände) der Traditionen beiseite.

Es könnte sein, dass sich dann die nichtreligiösen Normalen (in Leipzig z.B. fast alle, nämlich 480.000 der Einwohner) wundern und staunen, dass dieser alte Kirchenclub doch noch etwas Vitalität und Mut hat. Gerade im (bevorstehenden) Reformationsgedenken. Vielleicht würden diese „normalen“ Kreise ihre von Fragen befreite Müdigkeit überwinden.

Und alle Normalen, ob religiös oder nicht, könnten sich sagen: Wenn wir schon diesen Titel „normal“ gemeinsam als Basis der Menschen beanspruchen, dann wollen wir uns eben, normalerweise, gemeinsam für die Menschenrechte einsetzen, für die Flüchtlinge, die Fremden, die Armen und gegen die dummen Sprüche der so harmlos genannten Populisten und ihrer Parteien argumentieren und kämpfen. Lasst uns also gemeinsam Menschen werden. Eben endlich wahrhaft Normale, könnte man ja sagen.

Monika Wohlrab-Sahr, Prof. für Soziologie an der Universität Leipzig, hat mit anderen Soziologen 2009 das hoch interessante, leider kaum beachtete Buch „Forcierte Säkularität“ veröffentlicht (Campus Verlag). Darin werden ausführliche Interviews mit Menschen in den neuen Bundesländern dokumentiert und auch bewertet. Interessant ist, dass zum Schluß des Buches von „eigenen Transzendenzen“ der Menschen in dem Gebiet der ehemaligen DDR gesprochen wird. Die Säkularität ist also soziologisch gesehen nicht als total zu bewerten, geht ja auch nicht, philosophisch gesehen. In dem Buch werden explizit „mittlere Transzendenzen“, also  „Gemeinschaft und Ehrlichkeit, aber auch „Arbeit als idealisierter Bezug“ (S. 351) genannt. Ausdrücklich wird von Bezogenheit auf Werte gesprochen, aber auch von der Schwierigkeit, emotional und intellektuell die seit 1989 neue ökonomische (!) und politische Situation zu verarbeiten. Warum haben die Kirchen im Osten Deutschlands also so wenig Anklang gefunden, trotz der demokratischen Leistungen in der Wendezeit? „Die Kirchen des Ostens leiden unseres Erachtens an dem Gestaltwandel, den sie im Zuge der Einbindung in die kirchlichen Strukturen der Bundesrepublik Deutschland mit einer gewissen Zwangsläufigkeit durchgemacht haben. Die Kirchen im Osten bekommen zu spüren, dass dieser Prozess von vielen ehemals Aktiven als Abkehr von einer kirchlichen Gemeinschaft (!) hinzu einer Organisation (!) erfahren wird, von der sich die an gemeinschaftliche Strukturen Gewöhnten entfremdet fühlen … In gewisser Weise sind die Kirchen die Leidtragenden einer gesellschaftlichen Transformation, zu der sie als Kirchen selbst beigetragen haben“ (S. 352). Darüber sollte man sprechen und sich deutlich fragen, ob Kirche als Gemeinschaft, selbstverständlich als offene, undogmatische Gemeinschaft, und nicht moralisierende, sondern solidarische, wie in den Jahren der Wende, wiederzugewinnen ist. Und ob nicht im Westen seit Jahren bereits diese Gemeinschaftserfahrung von der Hierarchie selbst bereits gestört und zerstört wird (siehe „Gemeindezuzsammenlegungen“ etc.)

Einige Zitate aus einem Interview mit Prof. Monika Wohlrab-Sahr, das ich im März 2010 mit ihr in Leipzig führte, die Aussagen sind immer nich treffend:

1.“In einem Teil dieser Gespräche haben wir eine Frage gestellt an die Familien, was glauben Sie, kommt nach dem Tod. Und in diesem Zusammenhang fällt eben diese Äußerung: Ich würde mir das offen lassen. Das ist gewissermaßen so eine Zwischenstellung zwischen einer klar entweder atheistischen oder christlichen Positionierung und in der Mitte eben diese Haltung: ich lass mir das offen. Man sagt klar nicht mehr dezidiert: Da kommt gar nichts. Also man ist nicht mehr klar atheistisch positioniert. Eine Tür steht offen im Hinblick auf das, was da vielleicht kommen könnte. Aber es deutlich eine Grenze da gegenüber einer klar inhaltlichen Füllung“.

2. „Es gibt aber natürlich auch Umfrageergebnisse, die sich auf 19 bis 29 beziehen. Da ist deutlich, dass sich eine spirituelle Öffnung andeutet. Oder eine Öffnung gegenüber religiösen Denkräumen. Das zeigt sich auf statistischer Ebene insbesondere daran, dass diese Altersgruppen wieder stärker von sich sagen, dass sie an ein Leben nach dem Tod glauben. Also die Zahlen sind stark angestiegen. Und interessant ist, dass der Glaube an ein Leben nach dem Tod oder der Glaube dass da was könnte, um es mal vorsichtig auszudrücken, nicht unbedingt was zu tun hat mit christlicher Orientierung oder hinduistischer Orientierung, also mit einer inhaltlichen rel. Orientierung! Sondern eher einen Denkhorizont aufstößt“.

3. „Dieses Spekulieren über das Leben hat etwas mit Transzendenz zu tun. Das Leben ist nicht begrenzt auf das, was hier und jetzt erfahrbar ist. Ob da was Göttliches mitspielt, da wäre ich vorsichtig. Ich hab den Eindruck, dass eher gedacht wird in Vorstellungen, es gibt vielleicht eine höhere Macht, aber dass diese höhere Macht doch in der Abstraktion belassen wird und nicht personlaisiert im Sinne einer christlichen Gottesvorstellung etwa gedacht wird“.

4. „Die SED hat es doch geschafft, einen Gegensatz zu erzeugen zwischen Religion und Wissenschaft insbesondere, den man bis in die Gegenwart spürt. Das man sehr viel stärker, glaube ich, als es im Westen der Fall ist, hier auf ein Selbstverständnis stößt der ostdeutschen Bevölkerung: Wer ein klar denkender, rationaler Mensch ist, dass der eigentlich mit Religion nichts zu tun haben kann, in den mittleren und älteren Generationen fühlt man das nach wie vor sehr stark“.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.