Die Stoa und die digitale Welt: „Einfach abschalten“

Mit Seneca die Herrschaft der digitalen Welt einschränken

Von Christian Modehn

Er hat sich, wie viele Millionen anderer Menschen, ganz in die digitale Welt der „Bildschirme“ hineinbegeben und sich von ihr abhängig gemacht; jetzt lebt er mit der Familie den „Internet – Sabbat“, um sich aus der totalen Bindung an Laptops, Handys, E book- readers und Tablet PCs zu befreien. William Powers, Schriftsteller und Journalist  (u.a. The New York Times, The Atlantic) plädiert in seinem neuen Buch „Einfach abschalten“ (Goldmann Verlag 2011) dafür, gelegentlich Abstand zu nehmen von der digitalen Welt. Die permanent propagierte Verheißung, je mehr man vernetzt sei, um besser sei das Leben, hat sich für ihn als haltlos und gefährlich erwiesen. „Wenn wir so weitermachen wie bisher, wird der Preis dieses Lebens auf die Dauer die Vorteile übertreffen. Die Lösung liegt eher darin, sich eine neue Weltsicht anzueignen, durch die wir zu einer bedachteren, überlegteren Lebensweise kommen…Wann immer ich einen Zwischenraum zwischen mir und meinem Bildschirm eröffne, geschieht etwas Gutes“  (S. 287).

William Powers weiß genau, wovon er spricht: Die permanente Erreichbarkeit, das damit gegebene Dauer –Gerede/Geschreibe über Banales und allzu Privates, der dauernde Zwang, emails zu checken, am Wochenende, in jedem Hotel, bei jedem Urlaub, hat auch ihn eingeschränkt, sie hat ihm beinahe die Seele geraubt.  Jetzt weiß er: Die digitale Welt macht das Leben eindimensional, es bildet sich die Unfähigkeit, „unsere Gedanken zu verlangsamen und zu konzentrieren“ (S. 23). Der total digitale Mensch wird abhängig von Einreden von außen, von den Sprüchen der anderen, der Werbung, der Propaganda. Die Pflege und die Achtsamkeit auf die eigene, „nur meine“ innere Welt, das leibhaftige Interesse am anderen, an der Familie, deb Freunden,  geht verloren. „Das eigene Innenleben wird immer beliebiger, fremdbestimmt durch das, was andere sagen“ (S. 162).  William Powers berichtet, wie in Finnland sich Menschen bereits rituell  aus der Allmacht des Digitalen befreien, indem sie öffentlich den Handy- Weitwurf praktizieren, „eine symbolische geistige Befreiung vom unterdrückenden Joch ständiger Erreichbarkeit“ (S. 100).

Philosophen und philosophisch Interessierte nehmen es mit einer gewissen Genugtuung zur Kenntnis, dass der kompetente Nutzer der digitalen Welt und ihr nun heftiger Kritiker sich auf „therapeutische Ansätze“ von Philosophen beruft.  Etw auf Seneca, den Meister der stoischen Philosophie, er lebte vor 2000 Jahren. Seine Erkenntnisse hält Powers für aktuell und hilfreich. Er weist zurecht die dumme Klischeevorstellung zurück, die Stoa sei eine banale Lehre von der Duldsamkeit. Im Gegenteil, Powers zeigt, wie auch die Menschen in der antiken Welt auf ihre Weise bereits von Stress geplagt waren, von permanentem Lärm in den Großstädten, von den Herausforderungen, im weiten Römischen Reich zu reisen, Bücher zu kaufen, Briefe „in alle Welt“ zu schreiben. Der Philosoph Seneca wird sozusagen zu einem Zeitgenossen/Leidensgenossen von uns. „Eines seiner häufigsten Themen ist die Gefahr, anderen, der breiten Masse, zu erlauben, zu viel Einfluß auf das eigenen Denken auszuüben“. (s 161). Alles kommt darauf an, „in sich selbst zu ruhen, auf sein eigenes Gespür und auf die eigenen Gedanken zu vertrauen“. Die Ruhelosigkeit ist für Seneca eines der schlimmsten Übel. Und vor allem der Wahn, in einem tatsächlich immer (zu) kurzen Leben „alles“ erleben zu wollen. „Berechne deine Lebenszeit. So viel passt gar nicht hinein“, schreibt Seneca (S. 165). Oder das stressige Viel – Lesen sollte konkreter werden, wenn man sich für einen Tag einen wichtigen Satz als eine Art Weisheit des Tages aussucht und ihn dann meditierend bedenkt. (S. 166).

William Powers will nicht die digitale Welt in Grund und Boden verdammen. Sie ist und bleibt hilfreich, ist unverzichtbar. Aber alles kommt darauf an zu erkennen: Die digitale Welt ist nur EINE Welt von vielen anderen. Und es gibt wichtigere „Welten“: Nämlich „die Sorge um sich selbst“, wie der Philosoph Michel Foucault einmal sagte.

William Powers, Einfach abschalten. Goldmann Verlag 2011, 350 Seiten, 9,99 Euro.

copyright: christian modehn

 

 

 

Aktualisiert am 22. Mai 2013 durch

Mitgefühl ist politisch – Zur Aktualität der „Goldenen Regel“

Der Schlüssel zum Mitgefühl

Die »Goldene Regel« gilt als eine universale Wahrheit.

Von Christian Modehn

Ein kurzer Spruch, zwar hübsch gereimt, kann doch so schlicht erscheinen, dass viele Leute ihn bestenfalls in Sonntagsreden ertragen können:  „Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem anderen zu“. Diese „Lebensweisheit“ musste die ganze Klasse in der Schule, so erinnere ich mich, laut vorsprechen, „damit sie sich einprägt“. Schließlich handele es sich doch um die Goldene Regel. Und Gold sei ja nun besonders wertvoll. Dabei dachten wir, dieser Reimvers habe das selbe Niveau wie „Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmer mehr“ oder „Es kommt immer alles anders als man denkt“. Eben ein netter Spruch unter anderen. „Und genau das ist falsch“, betont heute die Religionswissenschaftlerin Karen Armstrong (London). „Die Goldene Regel ist der Schlüssel zum Mitgefühl. Und Mitgefühl ist wesentlich für unser Leben, befinden wir uns doch in einer gefährlich polarisierten Welt. Es gilt, eine Welt aufzubauen, in der Menschen in Respekt miteinander leben können. Deswegen sollen wir auch das Ethos der Goldenen Regel in die Tat umsetzen“.  Für Karen Armstrong ist die Orientierung an der Goldenen Regel zwar anspruchsvoll, aber nicht kompliziert.

Sie hat sich als Religionswissenschaftlerin und Philosophin in den letzten Jahren intensiv mit dieser Lebensweisheit beschäftigt. 1944 in England geboren, war sie als junge Frau katholische Nonne; nach dem Austritt aus dem Orden hat sie u.a. als Professorin am Leo Baeck – College  zahlreiche Bücher veröffentlicht, zuletzt über „Die Achsenzeit. Vom Ursprung der Weltreligionen“  oder ein „Plädoyer für Gott“, für ihre Arbeiten  hat sie viele Auszeichnungen erhalten. Die Goldene Regel, so Karen Armstrong, kann jeder Mensch anwenden, gerade weil sie so einfach ist: Es kommt nur darauf an, sich selbst kritisch zu befragen und in die Welt der eigenen Gefühle, des „Herzens“, zu blicken: Was lässt mich leiden? Welche seelischen und körperlichen Schmerz will ich unter allen Umständen vermeiden? Die goldene Regel vor Augen, muss ich die anderen Menschen respektieren. Entscheidend ist die Frage: Kann ich im Ernst den anderen das Negative und Belastende antun wollen, was mir selbst widerwärtig erscheint? So wird nicht nur mein Horizont geweitet. Karen Armstrong meint: „Es wird die enge Welt meines Ego gesprengt: Die goldene Regel fordert uns auf, mit dem anderen Menschen zu fühlen. Wir nehmen uns selbst dann aus dem Mittelpunkt der Welt heraus und setzen den anderen dort hin“.

Die Gültigkeit der Goldenen Regel wird also aus der Nische des Privaten befreit: Vielleicht beachtete man bisher diesen Maßstab für ein gutes Miteinander nur dann, wenn es z.B. Streit mit dem Nachbarn gab. Wenn man die Familie nebenan wegen des Kinderlärms beschimpfte, dabei aber vergaß, wie alle anderen Mieter im Haus die eigenen unbeholfenen Übungen auf dem Klavier ertragen mussten.

Karen Armstrong setzt die Goldene Regel in politische und ökonomische Zusammenhänge. Sie hat sich das Vertrauen in die verändernde Kraft der Erkenntnis bewahrt: Wer nicht selbst erleiden will, was er alles an Bösem anderen Menschen antut, ändert seine Pläne, nimmt Abstand von bisherigen eher fragwürdigen und unmenschlichen Vorhaben,  wird mitfühlend, also mitmenschlich. Und dazu sollten sich die Menschen in allen Ländern und Kulturen ausdrücklich verpflichten: Karen Armstrong hat im Jahr 2008 eine „Charta des Mitgefühls“ publiziert, inzwischen wurde sie von vielen tausend Menschen in allen Erdteilen unterzeichnet. Darin heißt es: „ Zudem ist es absolut zu unterlassen, anderen im öffentlichen wie im privaten Leben Leid zuzufügen. Es verleugnet unsere gemeinsame Menschlichkeit, aus Bosheit, Chauvinismus oder Selbstinteresse gewalttätig zu handeln oder zu sprechen; andere auszunutzen oder deren Grundrechte zu verweigern, und Hass durch Erniedrigung anderer hervorzurufen“.

Die goldene Regel – ein Kompass für eine friedliche Welt: Und die kann nicht allein durch Strukturveränderungen aufgebaut werden, sondern vor allem durch die Erneuerung unseres Denkens und Fühlens. Karen Armstrong hat etliche Verbündete für dieses Programm, den Theologen Hans Küng zum Beispiel. Er hat vor vielen Jahren schon das Projekt Weltethos inszeniert. Auch Erich Fromm, immer noch viel beachteter Psychotherapeut und Philosoph, schätzte die Goldene Regel als den „Kern des Humanismus“. Karen Armstrong geht einen Schritt weiter: Sie stellt auch alle Religionen und Konfessionen, alle politischen Ideologien und weltanschaulichen Theorien, unter den Maßstab der Goldenen Regel. „Wir rufen daher alle Männer und Frauen auf, die mitfühlende Anteilnahme wieder in den Mittelpunkt von Moral und Religion zu stellen und zum Prinzip zurückzukehren, dass jede Auslegung der Schriften, die Gewalt, Hass und Missachtung lehrt, nichtig ist“.

Für exklusive Wahrheitsansprüche ist dann kein Platz mehr. Denn sie sind die Quellen von Rechthaberei, die nur in gewalttätigen Auseinandersetzungen enden können. Die großen humanistischen Weisungen und Lehren aller Religionen und Weltanschauungen müssen gestärkt werden. „Erst wenn die Religionen die Menschen dazu bewegen, mitfühlend zu handeln und den Fremden zu ehren, dann sind sie gut, hilfreich und vernünftig“ (K. Armstrong).

Darum ist die Erinnerung so wichtig, dass alle Religionen in ihrem Ursprung, und vor allem unabhängig voneinander eine gemeinsame Überzeugung gelehrt haben: die Goldene Regel. Sie gilt als eine universale, allgemein menschliche, im besten Sinne „ewige“ Wahrheit: Bildlich gesprochen reinigt sie den Verstand, bewegt das Herz, läutert den Geist eines jeden Menschen. Sie macht den Menschen menschlich.

Der chinesische Weisheitslehrer Konfuzius ( 551 – 479 vor Chr. ) war wohl einer der ersten, der die Goldene Regel in der uns heute bekannten Gestalt formuliert hat. „Seine Schüler sollten diese Lehre täglich praktizieren, meinte  Konfuzius, denn nur so gelangen sie zum Wichtigsten im Leben, das chinesisch „Ren“ genannt wird, also zu Wohlwollen und Güte“, sagt Karen Armstrong und fährt fort: „Konfuzius hat als erster betont, dass Religion nicht vom Altruismus zu trennen ist. Und dass es darauf ankommt, andere mit absolutem und heiligem Respekt zu behandeln“  Sehr früh wurde auch im Hinduismus und Jainismus die Goldene Regel als elementare ethische Orientierung formuliert. Im Pali Kanon, der ältesten Zusammenfassung der Lehrreden des Buddha heißt es:

„Wie ich bin, so sind auch diese;

Wie diese sind, so bin auch ich. Wenn so dem anderen ein Mensch sich gleichsetzt, mag er nicht töten oder töten lassen“.

In einer anderen Lehrrede Buddhas heißt es:  „Auf mich selbst achtend, achte ich auf den anderen,

Auf den anderen achtend, achte ich auf mich selbst“.

Die Goldene Regel ist auch in rabbinischen Kreisen absoluter Mittelpunkt der Ethik: Ein Zeitgenosse Jesu, Rabbi Hillel der Ältere (30 vor Chr. bis 9 nach Chr.), war überzeugt, die ganze jüdische Lehre in den Worten zusammenfassen zu können: „Was dir nicht liebt ist, das tue auch deinem Nächsten nicht. Das ist die ganze Thora, die ganze Weisung, und alles andere ist nur die Erläuterung“. Die gesamte jüdische Frömmigkeit, mit ihrer reichen Tradition von Exodus und Sinai, von Propheten und Gesetz, wird von Rabbi Hilel unter die Goldene Regel gestellt. Ein radikaler Ansatz, der von Jesus von Nazareth geteilt wird. Die Evangelisten Matthäus und Lukas berichten, dass auch Jesus die Goldene Regel hochgeschätzt hat. Er hat allerdings eine leicht ins Positive gewendete  Formulierung gebraucht:  „Alles nun, was ihr wollt, dass euch die Leute tun, das tut ihnen auch. Das ist das Gesetz und die Propheten“, heißt es bei Matthäus (7, 12), fast gleich lautend ist das Zitat bei Lukus (6, 31). Jesus hat dabei ausschließlich das Gute tun und das Gute erleben vor Augen. Die eher krankhafte Vorstellung, dass jemand darauf besteht, unter der Gewalt anderer zu leiden und sich deswegen auch das Recht herausnimmt, diese Gewalt auch anderen anzutun, scheidet als Interpretation dieser Form der Goldenen Regel aus. Sie bleibt gebunden  an die „Erfüllung des Gesetzes und der Lehre der Propheten“, also an die Perspektive, allseitigen Frieden und Gerechtigkeit zu fördern.

Auch wenn Mohammed selbst keine „eigene“ Goldene Regel formuliert hat: So wurden doch nach seinem Tod weitere „Überlieferungen“ von ihm verbreitet, die so genannten Haddithe. In einem Vers heißt es: „Keiner ist gläubiger Muslim, solange er nicht für seinen Bruder wünscht, was er sich selbst wünscht“.  Dass mit Bruder wohl jeder Mensch – und nicht nur der Muslim gemeint ist – daran erinnert Abu Hurayra, ein Gefährte Mohammeds: „Wünsche den anderen Menschen, was du dir selbst wünschst. Dann erst wirst du ein wahrer Muslim“.

Auch Philosophen haben sich immer wieder für die Goldene Regel interessiert. Das früheste Zeugnis stammt wohl  aus dem Jahr 600 vor. Chr. Damals hatte sich der griechische Philosoph Tales von Milet mit der Frage auseinander gesetzt, wie denn der Mensch gerecht leben könne. Seine Antwort enthält eine Art Fragment der Goldenen Regel: „Indem wir das, was wir an anderen tadeln, selbst nicht tun“.

Im 20. Jahrhundert hat vor allem der Psychologe und Philosoph Erich Fromm (1900 -1980) die authentische Lehre der Goldenen Regel weiterentwickelt. Ohne den Respekt vor diesem universalen Grundsatz werden Menschen krank, betonte er: „Was du anderen antust, das tust du auch dir selbst an. In irgendeinem menschlichen Wesen die Kräfte zu verletzen, die auf das Leben gerichtet sind, schlägt unfehlbar auf uns selbst zurück. Unser eigenes Wachstum, unser Glück und unsere Stärke beruhen auf der Achtung vor diesen Kräften, und es ist nicht möglich, sie in anderen zu verletzen und zugleich selber unberührt zu bleiben“.

Erich Fromm warnte davor, diese ethisch so anspruchsvolle Orientierung nur noch als eine pragmatische Strategie zu verstehen, die im wirtschaftlichen Zusammenhang lediglich für korrektes Handeln und Verhandeln sorgt. Bei der Allmacht ökonomischen Denkens heute, so fürchtet Fromm, werde die Goldene Regel stillschweigend umformuliert, etwa in den oberflächlichen Spruch: „Ich gebe dir ebenso viel, wie du mir auch gibst“. Dabei verzichtet die Handelspartner zwar auf Betrug und Tricksereien, sie verhalten sich nach außen korrekt oder „fair“, wie Fromm ausdrücklich anerkennt. Mit dem Respekt vor der Fairness sei schon viel gewonnen in unserer kapitalistischen Welt, meint er. Spätere Philosophen wie John Rawls werden diesen Gedanken aufgreifen und die Fairness weiter verteidigen. Aber für den Psychotherapeuten Erich Fromm kommt es der seelischen Gesundheit wegen darauf an,  unbedingt an der authentischen Goldenen Regel festzuhalten, wie sie in den Religionen gelehrt wird. Nur sie fördert die Nächstenliebe und das Mitgefühl und damit menschliche Leben. „Die Fairness Regel verfolgt hingegen das Ziel, sich nicht verantwortlich für den anderen und eins mit ihm zu fühlen, sondern von ihm getrennt und distanziert zu sein. Die Fairness Regel bedeutet, dass man zwar die Rechte seines Nächsten respektiert, nicht aber, dass man ihn liebt“.

Die Goldene Regel ist als universale Spiritualität hilfreich in unserer Zeit globalen Wandels, wo das Überleben von 3 Milliarden Verarmter und Ausgehungerter auf der Kippe steht und der von Menschen verursachte Klimawandel die Erde als ganze bedroht. Da kann die Goldene Regel allen, die heute noch den Wohlstand genießen und den Großteil der Ressourcen der Erden verbrauchen,  nahe legen: Verändert den Lebensstil, damit ihr selbst überleben könnt. Wenn heute alle Menschen die Möglichkeit hätten, die Güter der Erde in derselben Weise auszuplündern wie es heute die Minderheit der Reichen tut, dann hätte die Welt insgesamt ab sofort keinen Bestand mehr.

Wer die Goldene Regel als spirituelle Kraft respektiert und ihr folgt, verändert sein Bewusstsein, wird ein neuer Mensch, nur so können  Reformen und Revolution gelingen.

copyright: christian modehn

Der Beitrag erschien in Heft 5/2012 der Zeitschrift PUBLIK Forum, auf die wir empfehlend hinweisen!

Uns erreicht eine ergänzende Stellungnahme von Wolfgang Hamburger aus Denzlingen:

„Der Tiefenpsychologe Arno Gruen vertritt in seinem Buch „Der Verlust des Mitgefühls — Über die Politik der Gleichgültigkeit“ die Auffassung, dass dem Menschen das Mitgefühl angeboren ist. Das Mitgefühl sei die Schranke, die verhindert, dass der Mensch unmenschlich wird. Ähnliches haben ja auch die Gehirnforscher in Form der Spiegelneuronen herausgefunden. Der junge Mensch (das Kind) verliere aber mehr oder weniger die Fähigkeit zum Mitgefühl, wenn er durch die Erziehung mehr oder weniger starke Gewalt – Misshandlungen – erfährt.
Der Mensch mit uneingeschränkter Fähigkeit zum Mitgefühl braucht demnach die Goldene Regel nicht, da er sie von selbst einhält. Die Goldene Regel hat also eine Ersatzfunktion für die eingeschränkte Fähigkeit zum Mitgefühl, wie dies für einen Großteil der Menschen auch in unserer europäischen Kultur zutrifft.
Eine entsprechende Ersatzfunktion haben die jüdisch-christlichen zehn Gebote. Jesus sagt dagegen, liebe Gott und Deinen Nächsten wie Dich selbst, darin sind alle anderen Gebote enthalten. Liebesfähigkeit ist Voraussetzung für die Fähigkeit zum Mitgefühl. Arno Gruen sagt, den Nächsten wirklich lieben kann nur der, der sich selbst liebt. Der Hass beginnt durch den mehr oder weniger verdrängten Selbsthass, der zum Beispiel durch Hilflosigkeit gegenüber der bedrohlichen elterlichen Gewalt und durch Anpassungszwang entsteht“.

Aktualisiert am 19. August 2013 durch CM

Wie lebt Gott in den Mega – Städten?

 

Gottes Geist in Mega-Städten

Was macht die Religion mit der Stadt? Architekten, Geografen und Soziologen schauen bei einer Tagung in Berlin genau hin – und entdecken die Gestaltungsmacht der Pfingstkirchen

Von Christian Modehn

In Kiew, der Hauptstadt der Ukraine – sie hat drei Millionen Einwohner -, hat Gott eine eigene Botschaft: »Embassy of God« nennt sich dort die größte Pfingstkirche mit 25000 Mitgliedern. Ihr Gründer ist der aus Nigeria stammende Journalist Sunday Sunkanmi Adelaja. Inzwischen hat er für seine Embassy Church in 45 Ländern Filialen geschaffen. Sie widmen sich – neben dem inbrünstigen Gebet – der Betreuung von Alkoholkranken und Drogenabhängigen.

In Nairobi, der Hauptstadt Kenias – sie hat ebenfalls drei Millionen Einwohner -, haben mehr als tausend Missionare aus Südkorea ihr »Hauptquartier« bezogen: Allein die Manmin Church of Jaerock Lee verfügt in Kenia über 600 Gemeinden. Die Koreaner in Afrika nennen ihre Missionstätigkeit »Kreuzzüge«, sie wollen in ganz Afrika »die kosmische Macht Satans abwehren und die Individuen vom Teufel befreien«.

In Rio de Janeiro – einer der größten Städte der Welt mit zwölf Millionen Einwohnern – gehört eines der größten Gebäude der Universal-Kirche des Gottesreiches, 11000 Gläubige finden darin Platz. Diese Pfingstkirche, 1977 von dem Katholiken Edir Macedo gegründet, hat heute weltweit etwa zehn Millionen Mitglieder. Mit seiner Kirchengründung hat der ehemalige Lotterieverkäufer Macedo das Super-Los gezogen: Dank der Spenden seiner Gläubigen ist er inzwischen ein steinreicher Mann, er besitzt 62 Radiostationen und zwei nationale TV- Sender. Wegen Verwicklungen in den Drogenhandel wurde er verurteilt. Heute betreut er als Bischof seine wachsende Gemeinde in New York.

Drei Beispiele, die eine der wichtigsten Veränderungen in der religiösen Kultur der Gegenwart beschreiben: Die einst durch den Kolonialismus Missionierten treten jetzt weltweit als Missionare auf. Sie gehören fast ausschließlich zu neu gegründeten Pfingstkirchen. Ihr Missionseifer sorgt dafür, dass heute Soziologen und Philosophen nicht mehr umstandslos, wie noch vor zwanzig Jahren, vom Sieg der Säkularisierung mit einem langsamen Absterben der Religionen sprechen.

Es sind vor allem die Großstädte in Afrika, Asien und Lateinamerika, in denen sich die Renaissance des Religiösen durchsetzt. Mit offensiver Werbung und apokalyptisch gefärbten Heilsversprechen werden bibeltreue Evangelikale und geistbewegte Pfingstler, so die wissenschaftliche Prognose, den traditionellen Großkirchen – Katholiken, Lutheranern, Reformierten – zahlenmäßig bald ebenbürtig sein.

600 Millionen Menschen nennen sich »Pfingstler«, gehören also zu einer Bewegung mit vielen Tausend unabhängig agierenden Kirchen. Jeder vierte Christ versteht sich heute als »born again«, als neu geboren durch die (zweite) Taufe im Heiligen Geist. Ein Beispiel: 1960 nannten sich 91 Prozent der Brasilianer katholisch, vierzig Jahre später waren es nur noch 73 Prozent. Millionen Katholiken wenden sich den pfingstlerischen Freikirchen zu. Jeder fünfte Brasilianer gehört zu dieser Bewegung, in Guatemala schon fast jeder zweite.

Der aus Argentinien stammende, international geschätzte katholische Theologe und Philosoph Enrique Dussel studiert von Mexiko aus diese Entwicklung: »Die katholische Kirche hat sich vom Volk abgewandt. Der Vatikan hat hier Bischöfe ernannt mit niedrigem intellektuellen Niveau und keinerlei pastoraler Erfahrung. Es müsste längst verheiratete Priester geben. Mit ihrem Machismo hat die Kirche kein Verständnis für die Frauen. Das Volk trennt sich vom Katholizismus. Das ist eine gerechte Strafe für Rom.«

Professor Dussel hat sich dieser Tage zusammen mit Kulturwissenschaftlern und Künstlern im Berliner Haus der Kulturen der Welt mit der Rolle neuer Pfingstgemeinden in den Großstädten auseinandergesetzt. »Global Prayers« war der treffende Titel, um die Expansion der Pfingstkirchen – parallel dazu auch einiger islamischer und hinduistischer Bewegungen – zu untersuchen.

Das Projektbüro Metrozones in Berlin befasst sich seit drei Jahren mit diesem Thema. Es handelt sich um eine private Initiative von Kulturwissenschaftlern, die kirchenunabhängig und interdisziplinär arbeiten. »Seit drei Jahren haben wir Metrozones als eine Art Plattform der Forschung«, berichtet eine der Initiatorinnen, die Lateinamerikanistin Anne Huffschmid aus Berlin. »Wir wollen die eurozentrische, also immer auch besserwisserische Blickweise überwinden, also verständnisvoll, aber doch unparteiisch recherchieren. Wir entdecken die Bedeutung der Religion im Gesamtzusammenhang der Stadt, gegenüber der Theologie ist dies ein umfassenderer Ansatz.«

In den Slums von Rio, São Paulo oder Mexiko-Stadt haben die Pfingstkirchen meist nur bescheidene Häuser. Sie sind dafür aber an jeder Ecke präsent als Orte lautstarken Betens, Singens, Predigens … und das bis spät in die Nacht. Sie übertönen damit die beinahe ständigen ortsüblichen Schießereien zwischen Drogenbossen und der Polizei. Stadtforscher (Urbanologen) haben den Sound dieser Viertel längst dokumentiert. Fotografen und Künstler setzen sich mit diesen »geistvollen Orten inmitten des Elends« auseinander.

Religionen in den Megastädten: So heißt das neue Thema für Architekten, Geografen, Soziologen. Sie untersuchen, welche Auswirkungen die neuen kolossalen Pfingst-Tempel im Gesamt der Stadt haben.

In der elf Millionen Einwohner zählenden Mega-Stadt Lagos (Nigeria) bauen Pfingstkirchen ihre monumentalen Tempel entlang der Schnellstraße nach Ibadan. Nicht nur die vielen Tausend nigerianischen Frommen strömen dorthin. Aus aller Welt kommen Geistbewegte millionenfach und kurbeln damit den sonst eher schwach entwickelten Tourismus in Nigeria an. Dicht nebeneinander haben sich mehr als zwanzig Pfingstkirchen niedergelassen. Riesige Ländereien wurden gekauft, um Tempel und Wohnungen, Bildungseinrichtungen und Betriebe protzig und monumental aufzubauen.

Das größte Gelände gehört der Redeemed Christian Church of God (RCCG), der »Erlösten Christlichen Gemeinde Gottes«. Vor fünfzig Jahren von dem Nigerianer Pa Josiah Akindayomi gegründet, verfügt sie jetzt über eine Gottesdiensthalle mit einem Ausmaß von 1200 Metern Länge und 500 Metern Breite. Sie kann einige Hunderttausend Menschen fassen. Eine Großküche mit über 300 Feuerstellen sorgt für das leibliche Wohl der Massen. Die RCCG besitzt auf ihrem Gelände auch eine Privat-Universität, es gibt gepflegte Wohnanlagen für rund 18000 Gemeindemitglieder. Man hat eine eigene Stromversorgung und eigene Müllabfuhr, ein eigener Flughafen ist geplant. Diese »pfingstlerische« Stadt, die Redemption City mit einer Fläche von 48 Quadratkilometern, »ist das größte christliche Anwesen der Welt«, so der nigerianische Religionssoziologe Asonzeh Ukah. Auch er ist mit dem Projekt »Metrozones« verbunden. Die gepflegte und Sicherheit bietende Infrastruktur dieser Stadt der Frommen ist kaum zu vergleichen mit den Lebensbedingungen der Mega-Stadt Lagos, die jeder Besucher nur noch als »Moloch« bezeichnet. Die »Stadt der Erlösten«, also die RCCG-Church, ist aber keine hilfreiche Alternative: »Ungewöhnlich wohlhabende Personen aus Politik und Wirtschaft – Christen wie Muslime – fungieren als Finanziers des RCCG-Projekts«, so der Soziologe Asonzeh Ukah. Er betont: »In Redemption City genießt nur eine Minderheit Wohlstand und Anerkennung. Diese Minderheit setzt nun noch die Macht des Sakralen ein, um sich ihren Zugriff auf die knappen materiellen Ressourcen zu sichern. Die medizinischen Dienstleistungen der Pfingstkirchen bleiben für die den Kirchen zuströmenden Armen unbezahlbar, obgleich diese Kirchen maßgeblich von ebendiesen Armen mit aufgebaut worden sind.«

Diese sich machtvoll gebärdende RCCG, in gewisser Weise ein Geldbeschaffungsinstitut, steht an vorderster Missionsfront der »Global Prayers«: Sie ist inzwischen in vielen Ländern aktiv, auch in Indien und Birma. Von Hongkong aus ist sie auf dem Sprung nach China. In den USA expandiert sie genauso wie in Großbritannien, in London gibt es 150 RCCG-Gemeinden, in Deutschland sind es »erst« zwanzig. Die zentrale Botschaft dieser Kirche wird auch unter Bankern gern gehört: Begnadet ist, wer finanziell erfolgreich ist.

Diese protzige Form pfingstkirchlicher Selbstdarstellung durch die RCCG steht in scharfem Kontrast zu vielen Tausend anderen bescheidenen Pfingstkirchen. »Auf diese Differenzierung legen wir in unserer Forschergruppe allen Wert«, betont Anne Huffschmid. »Denn viele Pfingst-Pastoren etwa in Argentinien teilen mit den Verarmten in den nahezu endlosen Slums der Mega-Städte das erbärmliche Leben der Leute.« Tatsächlich leisten sie ohne institutionelle Barriere menschliche Hilfe, weil sie die immer erreichbaren Nachbarn sind. Sie leben mit den Ausgegrenzten im »kulturellen Gleichklang«, wie der argentinische Soziologe Pablo Semán betont, auch er ein Mitarbeiter der Studiengruppe Metrozones. Diese Gemeinden bieten einen letzten Halt für entwurzelte Menschen.

Die katholischen Pfarrgemeinden in den Megastädten Lateinamerikas zählen meist 20000 oder 30000 Mitglieder mit einem verantwortlichen Priester, in Nordostbrasilien sind katholische Gemeinden mit 100000 Mitgliedern beinahe üblich. Wie kann da ein Miteinander entstehen? Im Dickicht der stetig wachsenden Slums kann nur die kleine »Familien-Gemeinde« für eine gewisse seelische Stabilität sorgen. »Das ist fürs Zusammenleben in einer Stadt doch nicht wenig«, meint Anne Huffschmid.

Aber die Bindung an eine Pfingstgemeinde bleibt oft sehr locker und flexibel: »Manche lassen sich ihre katholische Prägung nicht nehmen, wenn sie Pfingstler werden; etliche gehören sozusagen beiden Konfessionen an«, so Anne Huffschmid. Auffällig ist aber auch, dass sich junge Leute in den Städten zunehmend Atheisten nennen. Zum Beispiel sind es in Brasilien sieben Prozent der Bevölkerung, in Chile acht Prozent und Costa Rica elf Prozent. Die Pfingstler werden also eine säkulare Gesellschaft nicht unbedingt verhindern können. Fördert ihr oft fundamentalistischer Glaube vielleicht sogar den Atheismus?

Auch in Europas Metropolen hat sich die Darstellung kirchlicher Präsenz längst verändert. Kirchengebäude werden verkauft, nicht nur in Holland, wo Gotteshäuser in Kaufhallen umgewandelt werden. In Berlin hat die katholische St. Agnes Kirche jetzt ein Galerist gekauft. Die Zwingli-Kirche in Friedrichshain wurde zu einem Kulturzentrum umgebaut. Gleichzeitig werden im selben Stadtteil neue freikirchliche Gemeinden gegründet. Die Kirche International Christian Fellowship mietet den Musik-Club Lovelite für ihre Gottesdienste am Sonntagnachmittag. Die kürzlich gegründete Freikirche Berlin Projekt feiert sonntags – nach einem ersten Kaffee im Foyer – ihren Gottesdienst im Kino Babylon Berlin Mitte mit 200 bis 300 vorwiegend jungen Leuten. Und die Jesus Freaks Berlin treffen sich in der alten Kindl Brauerei Neukölln zum Gebet.

Zeigt sich da ein neuer Trend? Wenn weltliche Gebäude als Orte sakraler Handlungen genutzt werden, wird auch neu über die Sakralität des Weltlichen zu diskutieren sein. Ein schöner Kinosaal hat ja auch eine »transzendierende Aura«.

Die Bewegung der Global Prayers aus dem pfingstkirchlichen Raum könnte die altehrwürdigen, etablierten Kirchen inspirieren, neu über das Verhältnis von Glaube und Mega-City nachzudenken. Die kleinliche Debatte über die Größen von Pfarreien zum Beispiel wird dem globalen Thema kaum gerecht. Etwas pfingstlerische Kreativität könnte belebend wirken.

Copyright:christian modehn.

Dieser Beitrag erschien in Heft 5/2012 von PUBLIK FORUM, diese Zeitschrift empfehlen wir ausdrücklich.

 

 

Aktualisiert am 22. Mai 2013 durch

Kein Gott in Frankreich? Die Krise der Kirche und die Suche nach Neubeginn

Kein Gott in Frankreich? Die Krise der Kirche und die Suche nach Neubeginn

Eine Ra­dio­sen­dung von Christian Modehn  im Saarländischen Rundfunk, 2. Progr., SR2, am Ostersonntag, 8.4.2012 von 9.04 bis 9.30 Uhr.

Wird Frankreich atheistisch? Dies ist alles andere als eine rhetorische Frage; sie wird seit einigen Wochen diskutiert. Laut neuesten Umfragen bekennen sich 33 % aller Franzosen zum Unglauben, ein fast  gleicher Anteil nennt sich religiös uninteressiert. Nur noch jeder dritte Franzose bekennt sich zum christlichen Glauben. Und die religiöse „Praxis“ (Gottesdienstbesuch) ist noch viel geringer. „Ein tiefer Wandel der religiösen Mentalitäten hat Frankreich erfasst“, meint der Theologe J.P. Jossua, Paris. Werden in Zukunft Kirchen und Kathedralen zu Museen werden? Wie reagieren Pfarrer und Gemeindemitarbeiter? Welche Chancen sehen sie für den Glauben der Kirchen? Kann der Krise auch ein Neubeginn, ein religiöser Frühling, folgen?

 

 

Paulo Freire: „Von befreiender Pädagogik zur Pädagogik der Autonomie“

 

         „VON BEFREIENDER PÄDAGOGIK ZUR PÄDAGOGIK DER AUTONOMIE“

                                        Eine Begegnung mit Paulo Freire (1927-1997)

                                          Von Hernán Silva-Santisteban Larco. Biografische Hinweise zur Person am Ende dieses Beitrags.

Der nächste Salon am 23. März 2012 wird sich mit wichtigen philosophischen und pädagogischen Anregungen des brasilianischen Philosophen und Pädagogen Paulo Freire befassen.

Unser Referent, der Philosoph Hernán Silva -Santibestan Larco, hat schon einige Thesen und Fragen zusammengestellt:

 

Die besondere Leistung von Paulo Freire lag in dem Widerstand, den er mit seinem Werk in der

Praxis der Erwachsenenbildung gegen die Unterdrückung der Menschen in der sogenannten

„Dritten Welt“ geleistet hat. Die von ihm genannte „Pädagogik der Befreiung“ ist eine

Erziehungstheorie, die aus dem alltäglichen Leben hervorgeht, sich in dem alltäglichen Leben

bewährt und eine mögliche „Praxis der Befreiung“ einleitet zur Überwindung der sozialen-,

kulturellen-, ökonomischen-, und politischen Unterdrückungen. Das eigentliche Ziel der

Pädagogik Paulo Freires ist die Ausbildung einer konkreten „Utopie der Befreiung“ um die Welt

menschlicher zu gestalten. In Hinblick auf die Erfüllung dieser Aufgabe, entwickelte Paulo Freire

eine Methodik und Didaktik der Bewusstmachung, das sogenannte Alphabetisierungsprogramm,

dessen wesentliches und einziges Erziehungsinstrument die „Haltung des Dialogs „ ist.

Laut Gustavo Gutierrez „stellen die Erfahrungen und Arbeiten Paulo Freires eines der

schöpferischsten und fruchtbarsten Werke dar, die in Lateinamerika je entstanden sind“ (1). Auch

im gesellschaftlichen Kontext der Industrienationen des Westens wird die These vertreten, dass

man von Paulo Freire lernen kann, denn seine Pädagogik ist „als eine Art allgemeiner Didaktik

anzusehen, die sich  auf jede potentielle Lernsituation anwenden lässt“ (2)

I.- Einige Frage für unsere Teilnehmer des Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salons:

– Welches ist mein Bewusstsein von mir als Mensch in der heutigen Leistungs-, Konsum-,

Unterhaltungs-, und Massenmedien Gesellschaft?

– Wie ist mein Lebensprojekt?  Ist es das Resultat einer Selbstgestaltung als Ausdruck meiner

Initiativkraft, oder ist  mein Lebensprojekt eine Anpassung an die Welt?

– Wie kann ich ein klareres Bewusstsein meines Menschsein und damit Selbstsicherheit, Stärke,

Authentizität und Autonomie gewinnen?

– Wie kann ich eine Distanzierung gewinnen, um damit zu lernen, die fraglos akzeptierten

unterdrückerischen Normen und sozialen Strukturen zu relativieren und schließlich aufzuheben?

– Inwiefern bin ich ein Teilnehmer einer „Kultur des Schweigens“, der unmenschliche soziale

Umstände unkritisch gelten lässt, anstatt ein Teilnehmer einer „Kultur des Sprechens“ zu sein, der

diese Umstände kritisch versucht zu hinterfragen und zu verändern?

– Wie können wir „die spezifische Unverständlichkeit systematischer verzerrter Kommunikation“

(J. Habermas) in unserer heutigen Gesellschaft der Massenmedien aufklären

– Wie können wir uns in unserer Lebenswelt vernünftig verhalten und „Verantwortung als

Ausdruck der Freiheit“ (Joachim Gauck) für diese tragen?

– Wie können wir unsere heutigen Konflikte in Beziehungen zwischen verschiedenen Gruppen,

Kulturen, Länder in unserer heutigen Welt menschlich lösen?

II.- Einige Frage in Beziehung zu staatlichen Schulen und staatlicher Erziehung (3):

– Wie werden Schüler mit ihren Bedürfnissen, Interessen und Vorstellungen von den Lehrern

wahrgenommen und angenommen?

– Wie werden Kenntnisse und Erfahrungen der Schüler, ihr kulturelles Umfeld und ihre

„Schichtenherkunft“ von der Schule aufgenommen?

– Welchen Stellenwert haben die konkreten Lebenszusammenhänge der Schüler?

– Erscheint der Unterricht eher als Programmierung der Schuler mit Fremdwissen und fremder

Wirklichkeit anstatt als Erkenntnisvorgang zur Veränderung des Lebens?

– Wie werden die Unterrichtsabläufe im Verhältnis zu den Entfaltungsmöglichkeiten der Schüler

gestaltet?

– Gründet sich das Verhältnis zwischen Lehrer und Schüler auf einem respektvollen und kreativen

Dialog, oder unterdrückt der Lehrer den Schüler (oder der Schüler den Lehrer) unter seiner

angebliche Autorität als Ausdruck der Macht?

– Welche Möglichkeiten haben die Schüler in der Bestimmung am Lernprozess teilzunehmen?

– Welchen Stellenwert bekommt die Freiheit der am Erziehungsprozess Beteiligten?

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(1) Gustavo Gutierrez, Theologie der Befreiung. Mit einem Nachwort von Johann Baptist Metz,

3. Auflage, München 1978, S.90.

(2) René Bendit/ Achim Heimburger, Von Paulo Freire lernen. Ein neuer Ansatz für Pädagogik

und Sozialarbeit, München 1977, S.125.

(3) mehr über das Thema in: Joachim Dabisch, Die Pädagogik Paulo Freires im Schulsystem,

Saarbrücken 1987. Auch in: Dimas Figueroa, Paulo Freire zur Einführung, Hamburg 1989

 

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Zur Person: Hernán Silva-Santisteban Larco

• Geboren 1948. Deutsch-Peruaner.

• Primär- und Sekundarschule in Lima.

• Universitätsstudium der Philosophie, Theologie

und Pädagogik in Peru, Argentinien und Chile.

Master of Arts in Philosophie.

• Hochschuldozent für Philosophie in Peru.

• Dozent in indigenen Bauerngemeinschaften in

den Zentral-Anden und dem Amazonasgebiet in Peru.

• Ausbildung zum Waldorflehrer am Waldorflehrerseminar

in Berlin. Lehrertätigkeit (Primär- und

Sekundarstufe) an Waldorfschulen in Deutschland

und Mexiko.

• Langjähriges Studium der Anthroposophie

und Dozent in der anthroposophischen

Erwachsenenbildung.

• Ausbildung als Biographie-Berater und Leiter von

Seminaren zur Biographiearbeit bei Hellmuth ten

Siethoff (Schüler von Bernard Lievegoed) in Frankreich

und Deutschland.

• Veröffentlichung von drei Gedichtsammlungen sowie

Aufsätzen zu philosophischen und pädagogischen

Themen.

 

 

 

 

 

 

Aktualisiert am 12. März 2012 durch