Der Wahn der Gotteskrieger: Warum ist Religionskritik oft so hilflos?

Die neunte Frage der Reihe „Unerhörte Fragen“. Anläßlich des 11.9. 2001

Von Christian Modehn, veröffentlicht am 11.9.2021

1.

An den 11. September 2001 erinnern heißt: An die zerstörerische Gewalt eines fundamentalistischen Glaubens erinnern. Also an einen Wahn. Wie viele Berichte wurden über einen der wichtigsten Massen-Mörder des 11. September 2001, über Mohammed Atta, Sohn eines ägyptischen Rechtsanwaltes, geschrieben?

2.

In aller Kürze und auf dem neuesten Stand der Forschung schreibt die Frankfurter Dschihadismus-Forscherin Prof. Susanne Schröter (Die ZEIT, 9.Sept. 2021, S. 68) das Entscheidende: Mohammed Atta war der intellektuelle Kopf von fünf Entführern des „American-Airlines“-Flugzeuges, das in den „Nordturm“ des Welthandelszentrums von New York gelenkt wurde. Er war überzeugter Dschihadist.

3.

Die erste Erkenntnis: “Der Dschihadismus ist ein religiöses Phänomen“. Zweitens: Die Mörder waren deswegen bestimmt von einem religiösen Heilsversprechen des islamischen Glaubens.  Drittens: Prof. Susanne Schröter, schreibt: „Wer diese fromme Spielart des Terrors bekämpfen will, darf sein Heilsversprechen nicht unterschätzen: die Aussicht auf einen unmittelbaren Zugang des Attentäters zum Paradies“. Und dann die nicht gerade zuversichtlich stimmenden Worte: „Wer daran wirklich glaubt, ist mit weltlichen Argumenten kaum zu überzeugen“.

4.

Die aufgeklärten, der Vernunft vertrauenden Menschen, sind nach dieser Erkenntnis in gewisser Weise hilflos… Man könnte mit dieser Einschätzung als Sympathisant der reaktionären Clique der pauschalen rechtsextremen Islam-Feinde eingestuft werden. Mit denen aber haben Dschihadismus-Kritiker gar nichts zu tun…

Trotzdem bleibt die Frage: Was tun mit Menschen, die mit Argumenten nicht mehr erreichbar sind…Man denke, nebenbei, auch an die Leute, die mit esoterischen Gründen sich weigern, sich impfen zu lassen; die Gefährdung des eigenen wie das Leben anderer ist diesen so genannten Freiheitskämpfern schnuppe. Sie sind nichts als eigensinnige Egoisten…, aber das ist ein anderes Thema..

Viel schwerwiegender ist die Erkenntnis: Mit den radikalen Islamisten, den Dschihadisten, ist kein Dialog möglich. Sie sind total eingefangen in ihrer absoluten göttlichen „Idee“.

5.

Die Verteidiger der Vernunft und der hierzulande absolut selbstverständlichen Religionskritik sind zunächst also hilflos angesichts dieser Erkenntnisse von Prof. Susanne Schröter. Es muss die Erkenntnis vertieft werde, ein altes Thema der Religionskritik: Wie stark können Religionen die Menschen vergiften? Das gilt für alle Religionen. Und es stellt sich die Frage: Welche Gestalt einer vernünftigen Religion ist als Bezug zu einer göttlichen Wirklichkeit noch gültig?

6.

Wird die Säkularisierung der Lebensverhältnisse auch für Muslime eine Abkehr von religiösem Wahn nach sich ziehen? Bisher ist davon wenig zu spüren! Die Aufgabe heißt: Die Tendenzen einer säkularen und demokratischen Lebensweise gilt es zu fördern und zu unterstützen und rechtlich durchzusetzen. Darum sollte man etwa in den Gesprächen zwischen Christen und Muslimen nicht so sehr von Gott, sondern von der Chance und dem Glück einer säkularen Lebensform sprechen. Christen sollten den Mut haben zu sagen: Viel mehr Religionskritik und ein Ernstnehmen des Atheismus tun uns menschlich gut. Religiöse Menschen sollten immer auch Kritiker ihrer eigenen Religion sein…

7.

Dann sollten die Kontrollen des demokratischen Recht-Staates über die Moscheen verstärkt werden…Man sollte prüfen, was denn da so alles gepredigt wird etc. Die Franzosen unter Präsident Macron haben jetzt erste richtige Schritte getan zum Schutz des säkularen Staates. Susanne Schröter schreibt in der ZEIT: „Oft vergehen viele Jahre, bevor radikale Vereine verboten oder extremistische Moscheen geschlossen werden. Auch die Hamburger Al-Quds Moschee, die für die Hamburger Zelle große Bedeutung besaß, wurde erst Jahre nach den Attentaten vom 11. September 2001 geschlossen“ (ebd.). Genauer gesagt: Diese Moschee in der Nähe des Hauptbahnhofs wurde erst im August 2010 geschlossen, nachdem weitere Fälle extremistischer Praxis deutlich wurden…

8.

Und die ebenfalls noch immer sehr aufs Jenseits, den Himmel, die Hölle, den Teufel, das Paradies fixierten Christen und ihre oft ja auch noch fundamentalistischen Dogmatiker und Bischöfe? Die sollten den Mut haben und sagen: Von diesen „letzten Dingen“ sprechen wir jetzt nicht mehr. Was Gott mit den Verstorbenen in seinem Himmel „macht“, bleibt sein Geheimnis. Entscheidend ist: „Gestalten wir die Erde, die Staaten und Gesellschaften gerechter“. Das ist der religiöse Auftrag. Und befreien wir uns von den Ängsten vor einem rächenden Gott. Verbrecher müssen irdisch bestraft werden bzw. verhindert werden, das ist keine Sache des „Himmels“. Aber leider ist die maßlose Ikonographie der Christen, vor allem der Katholiken, voll von „himmlischen und höllischen Bildern“…

9.

Werden sich die vielen Millionen fundamentalistischer Christen (Evangelikale etc.) darauf einlassen, vom Himmel und dem Paradies erst mal zu schweigen und „der Erde und den Menschen und dem „Mensch gewordenen Gott“ Jesus treu zu bleiben? Ich glaube dies eher nicht. Auch das Christentum, die Kirchen, haben sich mit einem gewissen religiösen Aberglauben gut eingerichtet. Aber selbst eine utopische Forderung soll formuliert werden.

10.

Noch einmal eine Perspektive zum Schluss: In der ZEIT, ebenfalls vom 9. Sept. 2021, Seite 68, schreibt Ebrahim Afsah, Prof. für islamisches Recht in Wien und Kopenhagen: „Es fehlt die Bereitschaft, die Saat der Gewalt im islamischen Erbe und die umfassende Radikalisierung als ernste intellektuelle Herausforderung anzunehmen“.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Menschlichkeit zuerst: Der katholische Bischof Jacques Gaillot wird 80 Jahre alt

Zu Beginn ein Buchtipp: „Die Freiheit wird euch wahr machen“. Eine Festschrift zum 75. Geburtstag von Bischof Jacques Gaillot. Herausgegeben von Roland Breitenbach, Katharina Haller und Christian Modehn. 2010. Reimund Maier Verlag, Schweinfurt, 223 Seiten mit vielen Beiträgen, die das theologische und politisch-praktische Profil Gaillots deutlich machen. Dies ist die neueste Studie zu Bischof Gaillot in deutscher Sprache.

„Menschlichkeit zuerst“: Jacques Gaillot, katholischer Bischof, wird 80 Jahre

Ein Hinweis von Christian Modehn

Der Religionsphilosophische Salon muss sich gelegentlich auch mit Bischöfen befassen. Aber nur mit solchen, die außergewöhnlich sind. Bischof Jacques Gaillot (ehemals Evreux, Normandie, jetzt Paris) gehört dazu. Ich habe ihn als Journalist für die ARD in Deutschland bekannt gemacht, zuerst 1985 mit der Ra­dio­sen­dung und dem etwas ironischen Titel: “Ein Bischof auf dem Lande“ (SR), dann immer wieder mit regelmäßigen Berichten in meiner ca. 40 Halbstundensendungen umfassenden Sendereihe „Gott in Frankreich“ für den Saarländischen Rundfunk SR, Red. Norbert Sommer, auch zwei 30 Minutenfilme fürs Erste, 1989 und 2005 (WDR), gehören dazu usw…

Am 11. September 2015 wird Bischof Jacques Gaillot 80 Jahre alt.

An ihn zu erinnern ist geradezu Pflicht, wenn man Interesse hat an der Frage: Gab es und gibt es noch einen katholischen Bischof, der einen katholischen Glauben im Gespräch mit der Moderne und im Respekt vor den heutigen Kulturen gestalten will. Für den Menschen mehr zählen als Dogmen und Kirchentraditionen, der keine Angst hat vor deutlichen und wahrhaftigen Worten; der keine Angst hat, dadurch sich seine klerikale Karriere zu beschädigen. Gaillot ist ein Bischof, der Nein sagt zu kleinrarierter klerikaler Ambition, der Nein sagt zu einer kapitalistischen Welt und deren Religionen, die den Gott Geld als den größten Wert verehrt.

Jacques Gaillot wurde 1995 vom Papst als Bischof von Evreux abgesetzt, aus dem „einfachen“ Grund: Weil er zu progressiv war. Die Liste seiner außergewöhnlichen Aktivitäten ist lang und wurde an anderer Stelle dokumentiert, klicken Sie hier.

Nur so viel: Gaillot wollte im Sinne Jesu von Nazareth eine menschenfreundliche Kirche aufbauen, die über ihre eigenen veralteten Gesetze und Gebote hinweggeht. Er war politisch sehr system-kritisch, empfand z.B. mehr (praktisch gelebte !) Sympathien für Wehrdienstverweigerer als für konservative (oft rassistisch angehauchte) Politiker. Bischof Jacques Gaillot lebt seit Ende der 1990 Jahre im Kloster der Ordensgemeinschaft „Väter vom Heiligen Geist“ (Spiritaner) in Paris; bis vor 5 Jahren noch als weltweit aktiver Bischof von Partenia, mit einer immer noch bestehenden mehrsprachigen Archiv-website. Seit 5 Jahren lebt Jacques Gaillot etwas mehr zurückgezogen, sozusagen als „pensionierter Bischof“ von Partenia, einem Ort in der algerischen Wüste: Diesen Ort hatte Rom für ihn als Bischofssitz ausgesucht. Ein imaginärer Titel. Deutlicher Ausdruck dafür, dass da ein progressiver und in den 1980 Jahren sehr beliebter Bischof in die Wüste geschickt wurde. Bischof Gaillot verstand es wie kein anderer in Europa, den Glauben, auch in der katholischen Variante, mit den Denk- und Lebensformen der europäischen Moderne zu versöhnen, wobei die Moderne ernst genommen wird, als Welt, als Kultur, als Demokratie mancherorts, von der es auch katholisch-christlich zu lernen gilt! Die website des „Wüstenbischofs“ Gaillot  und des „Wüstenbistums“ Partenia (die website wurde vor 5 Jahren geschlossen) ist noch in mehreren Sprachen, auch auf deutsch, erreichbar, klicken Sie hier.

In Deutschland ist jetzt in den Medien von Jacques Gaillot nichts bzw. fast gar nichts mehr zu hören und zu lesen. Kardinal Meisner verfügte einst ein Redeverbot für Bischof Gaillot, seit der Zeit wird er von den Bischöfen Deutschlands und auch Frankreichs wie ein Paria behandelt. Auch in der französischen Bischofskonferenz spielte er und spielt er keine Rolle mehr. Die Macht in Rom hat sich durchgesetzt und einen kreativen Bischof, sozusagen einen Hoffnungsträger, ins Abseits gedrängt. Wie sehr sich die Kirchenführung dabei selbst schadet, scheint ihr gar nicht bewusst zu sein. Oder es ist ihr egal! Seit der Absetzung von Bischof Gaillot haben sich tausende progressiver Katholiken eben ihrerseits „abgesetzt“, also von der Kirche verabschiedet. Zur Zeit sollen noch 4 Prozent aller französischen Katholiken (noch ca. 60 Prozent der Bevölkerung) an den Sonntagsmessen teilnehmen. Tendenz: Sehr stark (altersbedingt) sinkend. Bald ist es vorbei mit dem französischen Katholizismus…

Nur in kleinen progressiven katholischen Kreisen ist Gaillot noch willkommen. Seine wahre spirituelle und politische Heimat sind hingegen Menschenrechtsbewegungen in Franreich.

Wir dokumentieren aus verschiedenen französischen Zeitschriften einige der jüngsten Aktivitäten und Statements Bischof Gaillots aus den letzten 5 Jahren

Bischof Gaillot besucht im August 2015 die von Ausweisung bedrohten Roma in Saint Ouen. „Sie sind Menschen wie wir. Wie kann man eine menschliche Gesellschaft aufbauen, wenn man nicht die Schwächsten respektiert?“

In der Tageszeitung „L Humanité“ (Organ des PCF, auch da kennt Gaillot keine Berührungsängste) äußert er sich im November 2014 kritisch zur Synode der Bischöfe in Rom. Die zölibatären Herren debattierten dort über Familien, Homosexuelle und Geschiedene, die noch einmal heiraten wollen! Gaillot sagte dem Blatt der französischen Kommunisten: “Die katholische Kirche soll Menschen so annehmen und aufnehmen wie sie sind und nicht wie sein sollten. Sie soll nicht von Prinzipien ausgehen. Sie soll wohlwollend die Liebe anerkennen, die unter den Paaren besteht, die außerhalb der alten katholischen Normen leben. Am Rande der Kirche (an der Basis) gibt es bereits ein Klima der Toleranz und des Respektes für jene, die von den kirchlichen Reglementierungen ausgeschlossen sind“. Weiteres lesen Sie hier.

Gegenüber der Tageszeitung „Le Parisien“ sagte er im Januar 2015: „Im Sommer habe ich selbst ein homosexuelles Paar gesegnet und später auch mit einem heterosexuellen Paar eine Trauungszeremonie in einem großen Garten gestaltet, diese Menschen konnten nirgendwo kirchlich heiraten, weil sie geschieden waren. Ich selbst lebe außerhalb der kirchlichen Institution („hors le murs“), darum finde ich es auch sehr gut, auch außerhalb der Kirchengebäude Gottesdienste zu feiern“.

Zur Kirche in Frankreich heute sagte Gaillot:
„Sie ist zu konservativ, da passiert nichts Besonders mehr. Ich habe anlässlich der großen Demonstrationen für die „Ehe für alle“ (also auch für Homosexuelle) demonstriert, die Kirche hat sich absolut dagegen gewendet. Ich meine: Wenn sich die Gesellschaft entwickelt, muss sich auch die Kirche entwickeln. Wenn sie diese Entwicklung nicht mit-vollzieht, wird sie verschwinden. Wenn die Kirche sich nur für sich selbst interessiert, wird sie verschwinden. Die Bischöfe verwenden viel Energie darauf, nur die Strukturen neu zu organisieren. Sie bleiben gegenüber der Moderne misstrauisch. Sie blicken nur in die Vergangenheit und lieben pompöse Zeremonien.

Während ich dem Pontifikat von Papst Benedikt XVI. sehr reserviert gegenüber stehe, bewundere ich doch Papst Franziskus. Aber ist ein bisschen isoliert. Dennoch war die Leistung von Benedikt XVI. beachtlich, dass er zurückgetreten ist! Ich wünsche mir, dass die Päpste eine fest begrenzte Regierungszeit haben und das Ende eines Pontifikates nicht vom Willen des einzelnen Papstes abhängt. Der Papst ist kein Monarch. Er ist ein Diener. Man muss die Person des Papstes entsakralisieren“. Papst Franziskus hat er einen Brief geschrieben, auf den dieser sogar geantwortet hat, berichtet Gaillot. Manche Formulierungen/Sprüche  des Papstes erinnern unmittelbar an ältere Äußerungen Gaillots, auch an seine Buchtitel, etwa: „Eine Kirche, die nicht dient, dient zu nichts“ (sogar bei Herder erschienen)… Aber an eine Rehabilitierung, für eine Entschuldigung Roms für seine brutale Absetzung als Bischof, glaubt Gaillot nicht. Er will sich darum auch nicht selbst bemühen.

Weitere Berichte in der französischen Presse (auf die wir nur hinweisen, um die vielen Aktivitäten Bischof Gaillots wenigstes anzudeuten) beziehen sich auf seine Teilnahme an der großen Demonstration im Januar 2015 nach der Tötung der Redakteure von „Charlie Hebdo“ (weitere Informationen klicken Sie hier) und der Opfer aus der jüdischen Gemeinschaft. Außerdem tritt Gaillot für eine gerechte Gesetzgebung für ein Sterben in Würde berichtet: Er fordert, dass – in Ausnahmefällen- schwerkranke Menschen die rechtliche Möglichkeit haben, um Sterbehilfe zu bitten. Es wird auch berichtet, dass Gaillot in der Kirche St. Sulpice in Paris im September 2013 eine Bestattungsfeier für seinen atheistischen Freund Prof. Albert Jacquard gehalten hat. Mit ihm zusammen hat Gaillot Jahre lang für die Rechte der Obdachlosen und Wohnungslosen gekämpft.

Zur christlichen Spiritualität im engeren Sinne wurde er auch befragt: „Seit meinem 76. Lebensjahr nehme ich etwas Abstand von allem. Ich spüre sehr stark die Anwesenheit Gottes in jedem Menschen. Die Messe feiere ich im Haus der Spiritaner-Patres hier. Aber hier in Paris ruft man mich ständig, lädt ich ein, man braucht meine Hilfe“. Menschlichkeit, Solidarität, Teilen des alltäglichen (armen) Lebens der absoluten Mehrheit der Bevölkerung: Das ist für Jacques Gaillot am wichtigsten. Das ist christlich. Spirituell. Religiös.

copyright: christian modehn, Berlin