Der § 175 in der römisch-katholischen Kirche.

Ein Hinweis von Christian Modehn am 28.4.2017

1. Zum Anlass dieser Überlegungen:

Am Freitag, den 28. April 2017, soll nun, man glaubt es kaum, ein Gesetz im Deutschen Bundestag verhandelt werden, das einer damals in der Bundesrepublik Deutschland verfemten und vergessenen Minderheit etwas Gerechtigkeit und bescheidene finanzielle „Wiedergutmachung“ bringen soll: Dem SPD Minister Heiko Maas sei Dank, aber auch den politisch Aktiven (Schwulen), die dieses Thema vor dem Vergessen bewahrten.

Es geht um Männer, die in der Nazi-Zeit als Untermenschen in KZs gesteckt wurden. Sie haben dann aber unter den nach wie vor weiter bestehenden Nazi-Gesetzen (von 1935) noch in der Bundesrepublik leiden müssen. Ca. 64.000 homosexuelle Männer wurden zwischen 1949 und 1994 noch verfolgt, diffamiert, ausgegrenzt, als Untermenschen angesehen… Erst 1969 begann die demokratisch-freiheitliche Regierung, sich vom unsäglichen Nazi- § 175 zu befreien. Solange war Nazi-Gesetzgebung eben normal!

Als normale Menschen mit allen Rechten werden homosexuelle Männer (und Frauen) bis heute selbst in Deutschland noch nicht angesehen: Sie haben etwa, im Unterschied zu den Niederlanden oder Spanien, kein Recht, eine Ehe zu schließen und Kinder zu adoptieren, also Familie zu sein. Und so viele Bürger regen sich auch hier nicht auf, wenn Homosexuelle auf den Straßen Gewaltattacken ausgesetzt sind. Das ist längst Alltag, so groß ist die Toleranz gegenüber Rechtsextremen längst!

Also: Nazi – Gesetze haben in der BRD fortbestanden … und die Opfer haben bis heute keine öffentliche Aufmerksamkeit gefunden oder gar Entschädigung erhalten. Warum? Weil in einem autoritären BRD Staat auch die BRD Richter fast immer ehemalige Nazis waren.

Nun also soll es eine gewisse Form der Gerechtigkeit für die Männer, die in der frühen Bundesrepublik verfolgt wurden. Ihre bewegende Geschichte sollte man etwa im Tagesspiegel vom 27. 4. 2017, Seite 3, nachlesen…

2.

Was uns im Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon viel mehr noch interessiert ist: Dieser Anti-Homo-Wahn besteht jetzt, besteht heute; diese Ausgrenzung, dieser Zwang, die anderen, die homosexuellen Menschen, zu verfolgen und zu töten. Dies gilt für fundamentalistisch-muslimisch geprägte Staaten, die noch nicht erkannt haben, dass der Koran eine zeitgebundene und historisch relative, also poetische Aussage frommer Leute ist. Die Liste der Staaten, die Homosexuelle verfolgen und ermorden, ist auch heute lang. Die Solidarität mit diesen Menschen hält sich nach meinem Eindruck in der westlichen Welt sehr in Grenzen. Die lieben Tanten und Onkels am Straßenrand deutscher Städte winken dem bunten und schrillen CSD – Festival im Sommer zu, kommen aber nicht auf den Gedanken, bei Amnesty International für krepierende Homosexuelle in Iran, Saudi-Arabien usw.usw. einzutreten…Man nennt dieses ignorante Verhalten heute die „feucht-fröhliche Form der repressiven Toleranz“.

3.

Der religionsphilosophische Salon interessiert sich auch aufgrund verschiedener biografischer Erfahrungen des Gründers dieser Basis- Initiative besonders für die Verfolgung bzw. Verachtung und Ausgrenzung homosexueller Menschen in den Kirchen, vor allem der römischen Kirche.

Die evidente Tatsache ist: Die römische Kirche ist eine homofeindliche Welt-Organisation. Noch heute. Sie spricht von der Akzeptanz „des anderen“ in zahllosen Dokumenten und theologischen Dissertationen, aber dies ist nur Theorie, nichts Ernstgemeintes, man könnte sagen: Ideologie.

Das ist ein evidentes Faktum, um es zugespitzt zu sagen. Und mir tun alle leid, die innerhalb der römischen Kirche gegen dieses Faktum anrennen und treuherzig „Reformen“ erwarten. Das ist Masochismus, den man aufgeben sollte – etwa zugunsten dringender Forschung und vor allem: eines befreiten Lebens.

Die Verfolgung homosexueller Männer in der römischen Kirche gilt für alle Männer die als Priester und Ordensleute in dieser Welt-Organisation mitarbeiten möchten. (Ich freue mich, dass offenbar die vielen lesbischen katholischen Nonnen in Ruhe gelassen werden, der Vatikan braucht ja auch Frauen nicht so dringend, da ist es ihm egal, ob da viele Lesben in den Klöstern sind, man möchte fast zynisch sagen: Gott sei Dank lässt die Inquisition die Lesben in Ruhe.)

Zu den Männern: Sie dürfen nur Priester oder hauptberufliche Laientheologen (etwa Pastoralreferenten) werden, wenn sie sich selbst als Homosexuelle verstecken und verleugnen und als Zeichen der Treue zur Hierarchie laut gegen Homosexuelle öffentlich sprechen.

Dieses Sich Verstecken ist eine Form systematischen geistigen Selbstmordes. Können solche geschädigten Männer Seelsorger sein?

Viele begehen aus Karrieregründen diesen geistigen Selbstmord und verstecken sich, gelegentliche Sex-Abenteuer, die bitte niemand sieht, eingeschlossen.

Die eher kranken Typen, möchte man beschreibend sagen, die man im Klerus allenthalben findet und fand, sind eben seelisch irritiert und, sorry,  kaputt, weil sie auf Dauer, lebenslänglich, zur absoluten Verlogenheit verpflichtet sind. So wird das klerikale System, und das römisch- katholische System ist absolut klerikal, zum Lügensystem. Lüge wird zur Angewohnheit, auch in finanziellen Belangen, man denke an den zerrütteten Zustand der Vatikan-Finanzen, an die Paläste, in denen die Diener des Herrn (oder der Herren), Kardinäle genannt, leben. Lüge bestimmt förmlich den vatikanischen Alltag. Man denke an den Gründer des Ordens der Legionäre Christi, Pater Marcial Maciel, den man den Großmeister der Lüge nennen kann. Wir haben im Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon über ihn berichtet, den selbst Papst Benedikt XVI. wegen der pädophilen Untaten einen Verbrecher nannte. Mit diesem Gründer vor Augen besteht der Orden der Legionäre Christi nach wie vor.

Wer dieses Lügen-System mit dem Verlust des Selbst nicht mitmachen will und noch jung genug ist, andere berufliche Perspektiven sich zu erarbeiten, der verlässt diesen verlogenen Club. Dieser Schritt ermöglicht Freiheit und Selbstsein.

4.

Ich habe in einem früheren Beitrag, klicken Sie hier, ansatzweise einige wenige Elemente genannt, wie stark sich Homosexuelle dann doch in der römischen Hierarchie festsetzten und Karriere machten. Ich habe einige Namen Verstorbenen genannt. Sie lebten unter der einen Bedingung: Immer gegen Homosexuelle predigen … und sie möglicherweise schädigen.

5.

Es wird oft gesagt, Papst Franziskus sei ein bisschen aufgeschlossener in der Akzeptanz von Homosexuellen im allgemeinen und homosexuellen Klerikern im Besonderen. Man sagt dann: Papst Franziskus könne sich nur nicht durchsetzen, weil die afrikanischen Katholiken (und ihre Bischöfe) und viele in Asien eben homo-feindlich seien. Diese Katholiken folgen dabei auch den Missionspredigten der Europäer, die ihnen im 19. Und 20. Jahrhundert der Lehre getreu einredeten: Homosexualität ist Sünde. Diese Lehre wird ja noch im offiziellen Katechismus der Katholischen Kirche (1993) verbreitet. Man sagt also dann: Papst Franziskus will doch die angebliche Einheit der einen römischen Kirche nicht aufs Spiel setzen.

Tatsache ist: Dieses Argument ist eine Ausrede. Wenn ein Papst wirklich etwas als für ihn richtig erkannt hat, setzt er dies auch durch. Und selbst wenn sich eine afrikanisch-katholische-antihomo Kirche von Rom abspaltet: Was wäre dann so schlimm? Die viel beschworene Einheit der römischen Kirche ist ja ohnehin nur eine Behauptung und, schon wieder, eine Lüge. Sollen die katholischen Afrikaner doch antihomo bleiben und sehen, wie sie damit zurecht kommen. Für Europa wäre diese Spaltung ein Signal für einen progressiven, vernünftigen Aufbruch. Die viel beschworene Einheit in der ganzen Weltkirche (1,3 Milliarden Mitglieder) besteht ohnehin nicht.

Natürlich kann man das Insistieren auf der Normalität der Homosexualität durch Europäer gleich wieder als europäische Überheblichkeit (als neuen Kolonialismus) kritisieren. Aber es ist eine Tatsache: Bestimmte Erkenntnisse zur Menschenwürde aller Menschen haben nichts mit regionalen, europäischen Herkünften zu tun. Die Gleichberechtigung homosexueller Menschen ist ein Fakt, ebenso die Tatsache: Homosexualität ist eine normale Variante des sexuellen Lebens. Da ist es egal, ob diese Erkenntnis einmal in Frankreich oder in Sri Lanka oder Burundi entstanden ist. Sie ist wahr, unabhängig von der Herkunft und sie ist trotzdem universal gültig.

Wenn also der § 175 heute noch fortbesteht in Europa, dann in der weltweiten römischen Kirche. Wer spricht noch darüber? Wer klagt die Kirche wegen der Verletzung der Menschenrechte an? Diese Kirche zwingt zum Verleugnen und verhängt Berufsverbote für Männer, die sich outen und bestraft immer noch jene, die oft als Priester oder Bischöfe sich outen, dann bestraft werden und ins oft ärmliche bürgerliche Leben zurückkehren.

6.

Ein großer Skandal ist, dass die deutsche Rechtssprechung den absurden Sondergesetzen der römischen Kirche folgt, und eben Entlassungen von homosexuellen Priestern und Laien-Theologen normal und rechtlich in Ordnung findet, wenn diese die „Sünde“ begehen, sich zu outen oder mit dem Partner eine feste Verbindung einzugehen.

7.

Nebenbei: Mich persönlich freut es, dass es eine undogmatische und freisinnige protestantische Kirche gibt, die sozusagen völlig normal homosexuelle Menschen als solche, aber eben als normale Menschen wie alle anderen, als Mitglieder oder als Pastoren willkommen heißt, und die, wenn gewünscht, nun schon seit 1987 auch eine Ehe-Segnung vollzieht. Es sind die Remonstranten in Holland.

Zur Lektüre wird empfohlen: Krzysztof Charamsa, Der erste Stein. Als homosexueller Priester gegen die Heuchelei der katholischen Kirche. Bertelsmann Verlag, 2017.

Copyright: Christian Modehn, Berlin.

 

Der § 175 besteht noch: In der katholischen Kirche

Wir wurden gefragt, was der “Religionsphilosophische Salon Berlin” zur Emanzipation der Homosexuellen an Informationen und Kommentaren “bietet”. Sie lesen also jetzt hier die immer noch gültigen Beiträge, die vor einigen Monaten zu dem Thema “Der § 175 besteht in der katholischen Kirche noch immer” veröffentlicht wurden.

Man muss in dieser Deutlichkeit sprechen, um die Dimension der (seelischen, körperlichen) Unterdrückung und Ausgrenzung von Homosexuellen (auch der Theologen, der Priester, der Theologie – Studenten, der Gemeindemitarbeiter) in der Kirche zu begreifen. Diese Kirche hat weltweit so viel Macht, so viel Einfluß, dass sie mit dieser so genannten “Moral” auch noch die staatliche Gesetzgebung beeinflussen will und so die Menschen schädigt und knechtet; auch dadurch, dass so viele fromme, aber theologisch dumm gehaltene Leute diese “Moral” ihrerseits auch politisch vertreten, wie in Frankreich jetzt deutlich wurde oder in Lateinamerika und Afrika und auf den Philippinen.

Ich bin der Meinung, dass eine moderne liberale und freisinnige Theologie, wie ich sie als Remonstrant vertrete, keineswegs zur allgemeinen und naiv – pauschalen Anerkennung aller nur möglichen auch indiskutablen theologischen Überzeugungen führen kann. Auch liberale und freisinnige Theologie hat normative Elemente. Sie werden von der aktuellen, kritisch reflektierten Vernunft (!) vorgegeben. Diese Vernunft ist selbstverständlich Ausdruck des Geistes, des heiligen Geistes, um es klassisch theologisch zu sagen! Das heißt, ein paar übliche Bibel-Sprüche zum Thema helfen überhaupt nicht weiter! Wenn man so will: Der (heilige) Geist “sagt”: Homosexualität  ist normal. Sie verdient kirchlichen Segen, auch der homosexuellen Ehen, wie die Ehen der Heterosexuellen. Die niederländischen Remonstranten waren 1986 die erste Kirche weltweit, die sich zum Segen homosexueller Paare entschlossen hatte, selbstverstädnlich auch solcher, die nicht zur Remonstranten Kirche gehören. Die katholische Kirche ist so borniert, dass sie lieber Autos, Handys, Walrösser (wie durch den Hamburger Erzbischof) usw. segnet als homosexuelle Menschen. Dieses arrogante Verhalten der Kirchenführung ist eine Schande.

Eine aktuelle Ergänzung zum Thema am 28.4. 2017: Klicken Sie hier. 

Am 23.1. 2017 wurde publiziert::

Der Vatikan hat in diesen Tagen erneut davor gewarnt, homosexuelle Männer zu Priestern zu weihen. Damit werden schwule Männer in ihrer religiösen Berufung und in ihrer Freiheit, ihren Glaubens auf ihre Weise (eben als Priester) zu gestalten, eingeschränkt. Schwule erleben insofern ein Berufsverbot, sie werden diskriminiert und zurückgewiesen. Diese Vorgänge erinnern an Zeiten, als der § 175 in Deutschland homosexuelle Männer ausgrenzte und verfolgte, die Nazis brachten viele von ihnen ins KZ, viele wurden dort ermordet. Der Vatikan ist also einer der letzten Staaten und eine der letzten Organisationen in der westlichen Welt, die dieses Berufsverbot und diese Fortdauer des § 175 betreibt. Erst jetzt beginnt der demokratische Staat Deutschland langsam die eigenen Verfehlungen auch gesetzlich “aufzuarbeiten”.

Also: Tatsache ist, überall bekannt: Männer, die sich offen als homosexuell bekennen, haben keine Chance, Priester zu werden oder als Laientheologen, etwa als Pastoralassistenten, zu arbeiten. Selbst Mitglieder eines katholischen Laiengremiums oder Angestellte der Kirche, etwa in katholischen Privatschulen, sind gut beraten, sich nicht zu “outen“. Sie sollten um ihrer Karriere willen schweigen zu ihrer Identität! Diese Regelung gilt weltweit, sie wurde unter Kardinal Joseph Ratzinger bzw. Papst Benedikt XVI. erneut bestätigt. Und jetzt wieder einmal (römisches Dokument „Das Geschenk der Berufung zum Priestertum“ vom 8.Dezember 2016) durch die neuen Weisungen aus Rom zur Priesterausbildung bekräftigt. Das hat jedenfalls Papst Franziskus zugelassen, der angeblich ein bißchen liberale… Die offizielle katholische Lehre betont, so wörtlich, dass homosexuelle Handlungen „auf keinen Fall zu billigen sind“ (so im „Katechismus der katholischen Kirche“ von 1993, § 2357). Homosexuelle werden offiziell nur geduldet, wenn sie auf Sexualität, also auf körperliche Liebe, auf homosexuelle Ehe, auf Miteinanderleben und Lebenteilen verzichten. Sie sollen also verzichten auf das, was bekanntlich im Neuen Testament das Höchste genannt wird, die Liebe. Niemals hat eine andere Religionsgemeinschaft ein so drastisches Liebes-VERBOT erlassen… Diese Katechismus-Formulierungen könnten jedoch wörtlich auch von fundamentalistischen muslimischen „Gelehrten“ stammen… Und dieses Fortleben des § 175 im römischen Katholizismus zeigt sich weltweit: Im katholischen Polen wird diese päpstliche „Missbilligung“ Homosexueller politisch von der klerikalen Rechten “umgesetzt”. In katholischen Ländern Lateinamerikas gibt es immer noch heftige Attacken gegen homosexuelle oder transsexuelle Menschen, etwa in Brasilien oder Mexiko und in Zentralamerika, vor allem in Honduras. Von den dort ermordeten Aktivisten spricht hierzulande fast niemand. Und Homophobie ist nach wie vor auch in Deutschland vorhanden, in dem zunehmend rechten, manchmal fundamentalistisch-rechten christlichen Milieu.

Dabei ist es – auch theologisch gesehen – längst zweifelsfrei und eigentlich keiner theologischen Diskussion mehr wert:  Homosexualität ist eine Variante der menschlichen Sexualität, eine normale Variante, “eine gute Gabe des Schöpfers”, wie sich Pater Jan van Kilsdonk SJ, Amsterdam , gern ausdrückte; Homosexualität ist also  genauso gut wie die Hetero-Variante. Weil Homosexualität normal ist, deswegen ist auch die so genannte HOMO – Ehe, die Ehe für alle, selbstverständlich normal. Und deswegen eigentlich kaum der Rede wert. Wenn denn auch Homosexuelle die Ehe wünschen…

Die Bibel (auch der Koran) sagt zur modernen Erfahrung von Homosexualität gar nichts. Man setze also auf die Vernunft, nicht auf religiöse Traditionen in dieser Frage! Lege also Bibel und Koran in dieser Frage guten Gewissens beiseite!

Wer sich in diesem 21. Jahrhundert als homosexueller Theologe in der Kirche allerdings verleugnet, also sein wahres Wesen verstellt und es verschweigt, hat durchaus – wie früher schon immer – Chancen, in der römischen Kirche als Priester (Bischof, Kardinal, Papst etc.) bzw. Pastoralmitarbeiter zu arbeiten und Karriere zu machen. Und insofern ist die römische Kirche heute voller “verschwiegener” homosexueller Priester. Der “Preis” dafür ist für den Betroffnen nicht nur hoch, sondern für die psychische Gesundheit katastrophal: Es führt zu verlogenen, verkrümmten Gestalten, eben zu solchen, die nie ihr wahres Wesen offen mit anderen teilen können und eben auch nicht Liebe erfahren, und wenn, dann nur heimlichen Sex –etwa in Saunen und Dark Rooms – haben oder in versteckten Beziehungen. Dies alles ist weltweit bekannt inzwischen. Und wer sich als Journalist mit kritischen Insidern der römischen Kirche in Rom, Paris, Barcelona, New York, Warschau, Köln oder Berlin usw. unterhält, der kann förmlich ganze lange Listen von versteckt homosexuell lebenden Priestern zusammenstellen. Und es sind unter den Jüngeren, so wird glaubhaft, auch aus Kirchen-Gemeinden, berichtet, sehr viele schwule „Geistliche“, gerade in den so genannten neuen „geistlichen Bewegungen“. Das sind dann eben jene Priester, die versteckt ihr Schwulsein ausleben, also den Normen der Kirche nicht entsprechen, aber zum Beispiel frommen wiederverheirateten katholischen Eheleuten den Empfang der Kommunion verweigern. Und diese Priester schimpfen auf der Kanzel laut gegen die Ehe von Homosexuellen und organisieren, wie in Frankreich, Massen-Demonstrationen: Sie haben die sozialistische Regierung letztlich auch zu Fall gebracht…

Darum merke: Je stärker die Homophobie eines Priesters, um so stärker das eigene, homosexuelle Betroffensein…

Der § 175 besteht also in der römischen Kirche weiter. Und es gibt förmlich eine gut vernetzte klerikale Sittenpolizei der Kirchenbehörden. “Sittenpolizei” kannte man auch im Umfeld des § 175 etwa zur Zeit der Nazis oder der frühen BRD.  Zu Folter und Feuertod, wie bis ins 17. Jahrhundert, dürfen die heute „entdeckten“ homosexuellen Priester bzw. Priesterkandidaten nicht mehr verurteilt werden. Denn einige Staaten Europas sind, gegen den Willen der Kirche von einst, inzwischen Demokratien und Rechtsstaaten, die Homosexuelle jetzt – offiziell – schützen.

Die Verteidigung von Menschenrechten aus offiziellem katholischem Munde ist angesichts dieser Situation heute oft nicht mehr als leere Propaganda. Das elementare Menschenrecht, etwa das Recht, auch „anders“ zu lieben und Sexualität „anders“ zu leben, gilt in dieser Kirche eben nicht(s). Die katholische Kirche, auch der Papst, müssten eigentlich vor Scham erbleichen, wenn sie nur wahrnehmen könnten: Eigentlich gilt in unserer Kirche immer noch ein Naziparagraph.

Mit dieser Haltung „verliert“, so möchte man sagen, die römische Kirche heute nicht nur ganze Generationen von (jungen) Schwulen und Lesben, sondern auch deren vernünftige Freundinnen und Freunde. Und dann wird über die „Säkularisierung“ und Kirchendistanz auch noch kirchlicherseits offiziell geklagt… Es ist die römische Kirche selbst, die religiös interessierte Menschen, eben auch Homosexuelle, schädigt, aus spirituellen, kirchlichen Zusammenhängen vertreibt und vertrieben hat. Es gibt also eine Form der kirchlichen Selbst-Marginalisierung.

Alles wurde tausendmal gesagt: „Es ist ein purer Wahn, wenn die römische Kirche behauptet: Sie habe eben ihr eigenes, ihr katholisches Gesetz in ethischen Fragen“. D.h.: Die allgemeine, vernünftige Ethik, die sich immer weiter entwickelt, gelte also nicht innerhalb der Rechtsprechung der Kirche!

Es ist merkwürdig, dass die Verurteilung lesbischen Lebens und Liebens in der römischen Kirche kaum ein Thema ist, Gott sei dank, möchte man im Sinne der Frauen sagen. Man soll ja keine – in diesem Fall- schlafenden Glaubenswächter wecken… Aber dieses römische Verhalten hat nichts mit partieller Toleranz zu tun. Denn Frauen sind im römischen Kirchensystem ohnehin nicht wichtig, ob lesbisch oder nicht. Sollen doch in den Klöstern viele Lesben leben, denkt der Klerus; Frauen nun auch auf diese Weise – Gott sei dank in diesem einen Fall – ignorierend.

Copyright: Christian Modehn

Es wäre wert, in historischen Studien  zu untersuchen, wie der § 175 schon in der Weimarer Zeit und auch nach 1933 von der Kirche, den Kirchen, verteidigt wurde. Wie faschistische Diktaturen (und kommunistische) die „Ideen“ dieses Paragraphen anwandten und etwa faschistische Diktaturen auch in der Hinsicht katholische Unterstützung fanden. Eine extreme Leidens-Geschichte würde freigelegt werden. Eine ähnliche Forschung könnte sich etwa auf die Klöster und Orden beziehen. Ein weites Feld, wie mit schwulen Mönchen umgegangen wurde und wird. Aber es gehört zur Marginalisierung der Homosexuellen in der Geschichte, dass Verfolgung und Unterdrückung (und Tötung durch die Inquisition) kaum dokumentiert sind. Es fehlen heute einfach viele Fakten. Alle Dokumente wurden vernichtet oder sind als Dokumente nicht zugänglich in den Kirchenarchiven.

Die Ausgegrenzten, die Schwulen, wurden auch auf diese Weise ins Nichts des Vergessens gestürzt. Die Erinnerung an schwule Priester usw. wurde und wird offiziell sofort ausgelöscht und verhindert und wer davon spricht, muss mit kirchlichen – römischen Strafen rechnen.

Nicht zu verheimlichen ist hingegen die allgemein bekannt gewordene, offen gelebte und als solche bekannte Homosexualität einiger katholischer Bischöfe, wie Kardinal Spellman, New York; Bischof Juan Carlos Maccarone, Santiago del Estero, Argentinien; oder Bischof Juliusz Paetz, Posznan, Polen. Die Liste ist unvollständig. Die genannten Namen wurden in diesem Fall zuverlässigen wikipedia entnommen.

Zu den Erfahrungen des Philosophen Michel de Montaigne in Rom, im Jahr 1580/81. Dargestellt in dem Buch “Tagebuch einer Reise nach Italien”, Diogenes Verlag, 2007, Seite 223 f.

Dort berichtet Montaigne, wie er, vom Petersdom kommend, einen Mann trifft, der berichtet: In der Kirche “San Giovanni a Porta Latina” hätte es vor kurzem eine Bruderschaft gegeben, von Portugiesen gegründet. “Während einer Messe dort schlossen damals Mann und Mann die Ehe. Und zwar nach denselben Ritualen, die in unseren Trauungen üblich sind…um dann zusammen zu ziehen und einander beizuwohnen”, soweit berichtet Montaigne von der Begegnung. Er selbst habe dann, so wörtlich, “mit römischen Kirchenrechtlern gesprochen”, die die Männer als Schlaumeier bezeichneten, weil diese glaubten: Die korrekte Imitation einer (Hetero) Eheschließung  sei dann auch für sie als Männer gültig… Montaigne beendet seine ungewöhnliche Notiz ziemlich lapidar: “Dies war also ein Irrtum, den acht, neun der Portugiesen auf dem Scheiterhaufen büßten”. Glaubwürdig ist dieser Bericht Montaignes durchaus, zumal in Rom damals ja allerhand “moralisch” möglich war: Bekanntermaßen gab es Päpste wie PAUL II. oder Julius II. und Julius III.,  die offen homosexuell lebten! Andere waren hetero-verheiratet waren, wie Alexander VI.. Und in den Orden, wie den Piaristen, dominierten schon nach der Gründung pädophile Kreise, (Stefano Cherubini u.a.), über die der Religionsphilosophische Salon ebenfalls berichtet hat. Nur eben der Unterschied: Homosexuelle Katholiken wurden damals verbrannt, wenn sie nicht gerade Päpste und Kardinäle waren…

copyright: Religionsphilosophischer Salon Berlin.