„Religion: Gefährlich UND unentbehrlich“. Drei Fragen an Prof. Wilhelm Gräb

Die Fragen stellte Christian Modehn: 1. Zur Kultur des Gedenkens. 2. Zur Aktualität Schleiermachers. 3. Zu den Namen berühmter Kirchen, wie der „Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche“.

1.Dieser Monat November ist von vielen „großen Gedenktagen“ bestimmt. Wie können wir verhindern, dass diese vielen Tage der Erinnerung, etwa an die Pogromnacht, den schwierigen Start der Republik 1918 usw. von der oft wirkungslosen Routine der Kulturveranstaltungen überdeckt werden. Mit anderen Worten: Wie kann das eigene kritische Nach- und Vorwärts – Denken inmitten der Ge-Denktage neu bewegt wird?

Ich bedauere es jedes Jahr wieder aufs Neue, dass in den 1990er Jahren aufgrund einer Entscheidung der Regierung Kohl der 3. Oktober, der Tag des Beitritts der neuen Länder auf dem Gebiet der DDR zur Bundesrepublik Deutschland, und nicht der 9. November, der Tag des Mauerfalls durch die friedliche Revolution der Menschen in der DDR, zum Feiertag erklärt wurde. Der 9. November ist das richtige Datum für einen deutschen Nationalfeiertag – wenn es einen solchen Tag überhaupt geben soll. Wenn schon, dann dieser Gedenktag, mit diesen Erinnerungen, die widersprüchlicher nicht sein könnten.

Die Novemberrevolution von 1918, die Ausrufung der Republik und dann der Unwille weiter Teile des Bürgertums, der ganz großen Mehrheit auch in den Kirchen, die junge deutsche Demokratie zu wollen! Viel zu eng war gerade in den evangelischen Landeskirchen die Bindung an die Monarchie und das landesherrliche Kirchentum. Thron und Altar gehört für die meisten Protestanten zusammen. Der 9. November gibt daher mit seiner Erinnerung an die Ausrufung der Republik in Deutschland eine Veranlassung, für die Demokratie als die beste aller Staatsformen einzutreten und sich klarzumachen, dass sie die Mitbeteiligung aller braucht, ebenso die parlamentarische Kontrolle, die Gewaltenteilung und eine freie Presse. Angesichts des weltweiten und auch bei uns aufkommenden Populismus von rechts, durch den Minderheiten für sich in Anspruch nehmen, Volkes Wille auszusprechen, sind die Stärkung des demokratischen Bewusstseins und die Aufklärung darüber, wie Demokratie funktioniert, ungemein wichtig.

Gedenktage bieten immer die Chance, nicht nur des Vergangenen zu gedenken, sondern sich zu fragen, ob wir heute nicht vor vergleichbaren Herausforderungen stehen.

Der 9. November 1938 kann nicht bei dem Entsetzen über die Judenpogrome und die Ermordung der europäischen Juden durch die Deutschen stehen bleiben. Denn wir erleben erneut Anschläge auf Synagogen und andere jüdische Einrichtungen. Ebenso schlimm finde ich die bis in die bürgerliche Mitte unserer Gesellschaft reichende Islamfeindlichkeit, wie sie sich im Widerstand gegen die Errichtung von Moschen in unseren Städten ausdrückt und in der Angst vor fremden Religionen und Kulturen, die Geflüchtete und Migranten seit langem zu uns bringen, sich zeigt. Der 9. November ist kein Tag nur der Erinnerung an den Nazi-Mob, der vor 80 Jahren die Synagogen anzündende und jüdische Geschäfte plünderte. Er ist ein Tag, der uns zur Stellungnahme herausfordert, wie es um unser Verhältnis bestellt ist zu den 5 Millionen Muslimen, die in unserem Land wohnen und arbeiten und auch zu dem glücklicherweise wieder neu aufblühenden jüdischen Leben in unseren Städten.

Gedenktage sind eine gute Gelegenheit, die Probleme anzusprechen, vor denen unser Gemeinwesen heute steht. Alle Gedenktage halten, wenn sie sinnvoll begangen werden, sich in der Widerspannung zwischen einer gefährlichen Erinnerung und einer problembewussten Erwartung. Der 9. November 1989 erinnert an die unfassliche Freude über den Fall der Mauer. Jeder, der damals dabei war, weiß, was er gerade getan hat, als ihn die Nachricht erreichte. Eine Revolution ohne Blutvergießen ist möglich! Zugleich sehen wir heute aber auch das Problem, dass viele in den neuen Ländern das Empfinden haben, nicht anerkannt, bis heute Bürger zweiter Klasse zu sein. Da ist psychologische vieles ganz schwierig. Es gibt keine einfachen Lösungen. Aber der 9. November als Tag des Gedenkens an eine friedliche Revolution in Deutschland ist eine große Ermutigung für alle, die den Glauben daran festhalten, dass Menschen, die guten Willens sind, ohne Waffen, ja ohne Androhung von Gewalt, die Welt zum Guten verändern können.

2.Auch an einen der viel zitierten und immer studierten protestantischen Theologen wird im November erinnert: An den 250. Geburtstag von Friedrich Schleiermacher am 21. November. Manche Beobachter stellen sich bei solchen immer wieder kehrenden Gedenktagen die provozierende Frage: Ist nicht auch über Schleiermacher alles gesagt? Und ist nicht das Gedenken an ihn mit entsprechenden Feierstunden, Festschriften etc. auch Ausdruck „kultureller“ Gedenk-Routine? Und vielleicht Verschleierung der Tatsache, dass man kirchlicherseits einige Aspekte seines Denkens nicht realisieren kann und will? Etwa seine aktuelle Lehre von der christlichen Gemeinde?

Schleiermacher wird von Theologen und Kirchenleitungen gern der „Kirchenvater des 19. Jahrhunderts“ genannt. Es gibt jetzt sogar eine Sonderbriefmarke zu Ehren seines 250.Geburtstages. Als diese im Berliner Dom vor kurzem der Öffentlichkeit vorgestellt wurde, ist auch wieder an diesen angeblichen „Kirchenvater des 19. Jahrhunderts“ erinnert worden. Doch er wurde dies leider nicht und auch heute müsste sich in unseren Kirchen erst noch enorm viel ändern, bevor Schleiermacher seine Ideen zu einer Kirche, die in die moderne Zeit passt, auch nur einigermaßen verwirklicht sähe.

Gewiss, Schleiermacher ist seiner Zeit selbst auch Kompromisse mit der dem landesherrlichen Kirchenregiment unterstehenden preußischen Kirche eingegangen. Aber er hat sich doch mit dem König, Friedrich Wilhelm III., aufs heftigste angelegt als dieser im sog. Agendenstreit auch noch über die gottesdienstlichen Ordnungen bestimmen wollte. Schleiermachers Ideal war eine sich von unten, durch die Selbsttätigkeit der Gemeinden aufbauende Kirche, die radikale Trennung von Thron und Altar, Kirche und Staat. Er wollte eine christliche Gemeinde, die ihre Angelegenheiten selbst regelt, weil sie durch die Mitbeteiligung aller an einer Verständigung über die alle gleichermaßen betreffenden Belange des Lebens zusammengehalten wird. Die Religion gehörte für ihn essentiell zum Menschsein, weil ihm das Bewusstsein der Gottesbeziehung zugleich der Grund menschlicher Freiheit war. Den religiösen Glauben verstand er als eine unerschöpfliche Quelle der Lebenskraft, als Grund einer allen Menschen mitgegebenen Befähigung zu Autonomie, zur Selbstbestimmung in den religiösen wie in allen anderen Dingen des Daseins.

In seinen „Reden über die Religion an die Gebildeten unter ihren Verächtern“ (1799), 10 Jahre nach der französischen Revolution, entwickelte Schleiermacher sein bis heute inspirierendes Kirchenideal. Er sprach von der Kirche als einer „vollkommenen Republik“, in der alle wechselseitig aufeinander wirken, Geben und Nehmen allen gleichermaßen eigen, die Unterscheidung zwischen Priestern und Laien aufgehoben ist. Eine Kirche, die dennoch nicht nur ein frommer Zirkel ist, sich nicht aus der Welt zurückzieht, sondern die „Anschauung des Universums“ betreibt, die Suche nach dem Sinn des Ganzen und unseres eigens Dasein zu ihrer Sache macht.

Es braucht Orte und Gelegenheiten in der Gesellschaft, wo wir uns über die existentiellen Fragen des eigenen Lebens und wie über das, was die Gesellschaft im Innersten zusammenhält, verständigen können. Dass die Kirche ein solcher Ort in der Gesellschaft sein könnte, das war Schleiermachers Traum. Ich meine seine Impulse sind aktueller denn je!

3.Im Jahr 1918 wurde das Kaiserreich in Deutschland beendet. Kaiser Wilhelm II. zog ins Exil. Er ist der Enkel von Kaiser Wilhelm I., der nun wahrhaftig nicht als Friedensfreund und Anti-Kolonialherr (bezogen auf seine Afrika-Politik) gelten kann. Warum hat die evangelische Kirche heute nicht die Courage, die nach Kaiser Wilhelm I. benannte „Gedächtniskirche“ endlich mit einem neuen, dem biblischen Glauben entsprechenden Namen auszustatten? Das gleiche gilt für die Kirchennamen „Kaiser Friedrich Gedächtniskirche“ oder „Königin Luise Gedächtniskirche“? Was soll diese offenkundige Bindung der Kirche an ihre alten Herren und Herrinnen der Staatskirche?

Was wäre gewonnen, würden diese Kirchen umbenannt in „Christuskirche“ oder „Johanneskirche“? Es würde doch die gefährliche Erinnerung, die die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche oder auch die anderen, die Sie nennen, potentiell wachhalten, um die Chance ihrer öffentlichen Aktualisierung gebracht. Es ist sicher richtig, darauf hinzuweisen, dass das zu wenig geschieht. Aber dass diese Kirchen immer noch die Namen wahrhaft unrühmlicher deutscher Kaiser und Königinnen tragen, gibt doch wenigstens die Chance, bei Gelegenheit öffentlich anzusprechen, wie gefährlich es wird und welch ruinöse Folgen es hat, wenn die Religion politisch vereinnahmt wird und die Kirche dies um eigener Vorteile willen auch noch willfährig unterstützt.

Gerade die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche ist eine der wenigen Kirchen, die für weit mehr als nur kirchliche Belange stehen. Sie repräsentiert als Ruine zugleich ein Mahnmal und wird als solches durchaus wahrgenommen. Daran lässt sich anknüpfen und das riskante Verhältnis von Kirche und Staat in die öffentliche Debatte ziehen. Diese Chance würde mit einer Namensänderung vertan. Die Kirche hätte vielleicht ein besseres Gewissen, aber sie hätte sich zugleich aus der Öffentlichkeit nur noch weiter auf ein vermeintlich moralisch einwandfreies Ruhekissen zurückgezogen.

Wir hatten im Frühjahr mit dem sog. Bayrischen Kreuzerlass auch die Situation, dass die CSU sich vom Aufhängen des Kreuzes in bayrischen Amtsstuben politische Vorteile versprach. Anders als zu Zeiten der Kaiser Wilhelm I und II haben sich die Kirchen, die katholische vor allem, dagegen gewehrt. Das war sicher auch richtig so. Dennoch hätte ich mir gewünscht, dass sie nicht nur darauf bestanden hätten, dass das Kreuz ein religiöses und kein kulturelles Symbol ist, sondern sie in die Offensive gegangen wären – etwa so: Wenn ihr schon das Kreuz als Symbol unserer kulturellen Identität anerkannt wissen wollt, dann müsste das ganz massive Konsequenzen für eure Politik haben. Dann verträgt sich das überhaupt nicht damit, dass ihr gerade in Bayern diese inhumane Rhetorik gegenüber Flüchtlingen betreibt und für eine immer rigorosere Abschottung Deutschlands und Europas gegenüber Migranten eintretet.

Ich finde, angesichts der immer offenkundigeren gesellschaftlichen Randständigkeit, um nicht zu sagen Belanglosigkeit der Kirchen, sollten sie jedem Versuch eines weiteren Rückzugs auf sich selbst und ihre rein religiösen Belange widerstehen. Ihre Aufgabe ist es, die kulturelle und politische Ambivalenz der Religion, damit ihre Gefährlichkeit wie ihre Unentbehrlichkeit zum öffentlichen Thema zu machen.

copyright: Prof. Wilhelm Gräb und Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

Schleiermachers 250. Geburtstag: „Religion ist etwas Eigenständiges im Leben des Menschen“

An Friedrich Schleiermacher denken: Vor 250 Jahren geboren (21. November 1768 – 12. Februar 1834)

Ein Hinweis von Christian Modehn

Die Auseinandersetzung mit dem Werk des protestantischen Theologen, Philosophen, Platon – Übersetzers und Predigers Friedrich Schleiermacher bleibt inspirierend, wichtig für ein Christentum, das sich nicht fundamentalistisch – dogmatisch einschließt, sondern in neuer Sprache die religiösen Fragen zur Diskussion stellt.

Schleiermacher war ein mutiger Theologe, indem er eher vom Unendlichen (und Universum) sprach als den klassischen Begriff „Gott“ zu verwenden.

Vor allem sein Buch „Über die Religion. Reden an die gebildeten unter ihren Verächtern“ von 1799 ist bis heute viel diskutiert, ebenso wichtig ist wohl auch seine Lehre vom Verstehen, der Hermeneutik: Verstehen gibt es nur als schöpferisches Geschehen der Sinndeutung.

Religionsphilosophisch bedeutsam ist seine zentrale These: Religion ist eine eigene Form der Wahrnehmung im Menschen, Religion ist unabhängig von Wissen und Ethik. Religion ist also etwas Eigenes und Eigenständiges im geistigen Leben des Menschen: Sie ist Anschauung und Gefühl. Diese These ist selbstverständlich keine Absage an kritische wissenschaftliche Forschung, keine Freigabe des Glaubens an oberflächliche „Gefühlsduselei“.

Schleiermacher verkehrte in den damals in Berlin sehr beliebten literarischen Salons etwa von Henriette Herz; er war zunächst Pfarrer an der Charité, später (1810) Professor an der Berliner Universität, dann auch beliebter Prediger an der Dreifaltigkeitskirche.

Ich hatte 2010 eine Ra­dio­sen­dung sozusagen als Hinweis zu einigen Aspekten im Denken Schleiermachers verfasst. Diese Zitate als Einladung, sich weiter mit Schleiermacher zu befassen einige Zitate aus der Ra­dio­sen­dung:

Der protestantische Theologe und Schleiermacher Forscher Prof. Wilhelm Gräb, Berlin betont:

„Religion ist ein Vollzug der Einkehr des Menschen in sich selbst. Wobei eben dann diese Fragen auftreten nach dem Woher und Woraufhin des eigenen Lebens, nach dem Grund, in dem ich selbst unbedingt gründe und von dem ich mich gehalten und getragen wissen kann auch in den Krisen des Lebens, die ich machen muss“.

Der Theologe Dr.Martin Schuck, Speyer: „Das religiöse Bewusstsein lebt bei Schleiermacher davon, dass es einen Sinn und Geschmack für das Unendliche gibt und das bezeichnet er später dann in der Glaubenslehre als eine „schlechthinnige Abhängigkeit“. Der Mensch kann für Schleiermacher ohne diese Dimension des Unendlichen im Grunde nicht leben. Für Schleiermacher ist Abhängigkeit von Gott durchaus etwas Positives. Für ihn wäre es im Gegenteil schlimm, wenn es diese Abhängigkeit von Gott nicht gäbe, weil der Mensch dann auf sich selbst gewiesen wäre und dann würde ihm etwas Entscheidendes fehlen. Das ist, finde ich, für die heutige Zeit ein wunderbarer Satz, der sagt: Mensch, denk immer dran, es gibt eine Dimension, die für dich unverfügbar ist und die du immer mit bedenken musst, in deinem Handeln“.

Prof. Wilhelm Gräb über die besondere Idee, Kirche zu leben „Und so hat sich Schleiermacher Kirche vorgestellt: Im Grunde als einen Ort eines religiös – geselligen Verkehrs, religiös geselligen Miteinander-Umgehens, und in Austausch kommen über das, was einzelne als religiöse Erfahrung meinen gemacht zu haben. Und er sagt, dass das uns religiös Bewegende etwas ist, was uns auch menschlicher sein und werden lässt. Und ihm schwebte eben eine offene Kirche vor, des Dialogs.

Es ist die „liberale“ Theologie, die sich von Schleiermacher nach wie vor inspirieren lässt, betont Dr. Martin Schuck: „Natürlich gibt es ein Profil liberaler Theologie, und dieses Profil besteht darin, dass man den Menschen ernst nimmt mit seinen religiösen Fragen und versucht Dinge, die dem heutigen Menschen vielleicht mit einer traditionellen Sprache nicht mehr klar zu machen sind, auf einer anderen Sprachebenen auszusagen. Man versucht die Inhalte zu retten zugunsten einer erneuerten Darstellung“.

Siehe auch auch auf Youtube die kurzen, einführenden Beiträge über Schleiermacher, die der Berliner Theologe Christian Stäblein realisiert hat: https://www.youtube.com/watch?v=kDt1ifOsG2A

Literaturhinweise:

Friedrich Schleiermacher, Reden über die Religion. Reclam Stuttgart, 6 €.

Wilhelm Gräb, Religion als Deutung des Lebens. Perspektiven einer praktischen Theologie gelebter Religion. Gütersloher Verlagshaus, 2006, 206 Seiten, 19,95€

Hermann Fischer, Friedrich Schleiermacher. Becksche Reihe, München 2001, 168 Seite; 12,50

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin