Wenn politische Regression unser Leben bedroht

Hinweise von Christian Modehn am 15. April 2026

1.
Wenn Philosophieren noch die gegenwärtige Zeit auf den Begriff bringen will, ist es angebracht, diese Gegenwart als Zeit der Regression zu verstehen. Manche Soziologen sprechen auch von „Großer Regression“, allerdings in einem Buch aus dem Jahr 2015. (Fußnote 1). Die Zeitdiagnose des Politologen Giuliano da Empoli, zehn Jahre später publiziert, ist deutlich heftiger, schonungsloser: Wir leben in der „Stunde der Raubtiere“ (Fußnote 2). Wahrlich defätistisch seine Erkenntnis: „Die Weltuntergangs-Uhr in Manhattan… zeigt seit 2023 Mitternacht minus 90 Sekunden an – seit diese Uhr 1947 geschaffen wurde, waren wir dem Ende noch nie so nahe.“(S. 33).
2.
Die Raubtiere da Empolis können uns alle zerfetzen. Wer noch Regressionen feststellt, spricht nicht von Tieren, sondern von Menschen, also von „eigentlich“, „grundsätzlich“, „wesentlich“ doch immer noch etwas vernünftigen Menschen. Aus Gier, aus Bequemlichkeit, Nationalismus sinken sie in einen unvernünftigen Zustand zurück. Aber wer noch Regression festzustellen meint, hat immerhin noch den Begriff der Heilung, der Überwindung von Regression im Hinterkopf, also letztlich noch die Idee eines Fortschritt. Wer sich aber von Raubtieren umzingelt sieht, muss sich verstecken, aus Angst einmauern, bis dann doch die Raubiere alles zerfleischen. Wer die Übeltäter, die Kriegstreiber, noch für regressive Typen hält, kann noch handeln, versuchen, die Wende zur Demokratie, zu den Menschenrechten, zur Humanität zu probieren.
3.
Mit der Wahlniederlage des nationalistischen, antidemokratischen, populistischen Herrschers Viktor Orban in Ungarn, hat dort und für die EU wahrscheinlich die Demokratie wieder eine Chance. Es waren Kämpfe der noch demokratisch orientierten Bürger gegen die Allmacht Orbans, die zum Erfolg führten. Orban ist – hoffentlich – definitiv entmachtet und … er wird bestraft…
4.
Die Herrschaft Orbans war eine Zeit der Regression, der radikalen Rückkehr zu nationalistischer Willkür und zur Zerschlagung demokratischer Werte und Strukturen. Dieser Herrscher der Regression war eng verbunden mit anderen Herrschern der Regression, vor allem mit dem allmählich ins Wahnsinnige abirrenden Donald Trump und mit Putin sowie den nationalistischen Ministerpräsidenten der Slowakei und Tschechiens sowie mit den reaktionären erz-katholischen PiS Politikern in Polen. Vielleicht beginnt die Mauer der Regressiven in Europa nun etwas zu bröckeln.
5.
Es könnten andere Beispiele besprochen werden: Das entschiedene, kämpferische demokratische Handeln der Demokraten kann noch regressive Regime zu Fall bringen: An Brasilien wäre zu denken, an den Sieg des linken Demokraten Inacio Lula da Silva über den Verbrecher Bolsonaro. Oder: In den Niederlanden konnte bei den Parlamentswahlen 2025 die rechtsradikale Partei PVV von Herrn Wilders auf Position zwei – nach dessen Wahlsieg 2023 – gedrückt werden durch die linksliberale Partei D66.
6.
Regression ins Rechtsradikale und Rechtsextreme ist also kein Schicksal. Obwohl heute vielfach der Eindruck vorherrscht, der Aufstieg der rechtsradikalen AfD etwa in Sachsen-Anhalt sei eine Art von Schicksal. Wenn die CDU dort mit den Linken zusammenarbeiten würde und auch mit den anderen demokratischen Parteien eine Art „demokratische Front“ bilden würde, wäre die AfD erstmal stark eingeschränkt. Man erinnere sich: Die total regressive, rechtsradikale Partei „Front National“ von Le Pen konnte die Präsidentschaftswahl 2002 nicht gewinnen, weil sich alle demokratischen Parteien dort für die Wahl des konservativen Chirac im 2. Wahlgang entschieden hatten und ihm ein Wahlergebnis von 82 Prozent bescherten. Das ist gemeinsamer, überparteilicher Widerstand von Demokraten gegen regressive, rechtsradikale Politiker.
7.
Zum Begriff Regression. Er bezieht sich erstens auf die seelische, geistige Verfassung vieler Menschen. Und dann, im weiteren Sinne, auch auf die politische, ökonomische, soziale, kulturelle, religiöse Situation dieser Welt. Diese Regression ist immer das bewusst eingesetzte Aufgeben bisher errungener Standards demokratischen Lebens und des Respektes der Menschenrechte.
8.
Regression ist also erstens eine krankhafte Verirrung des einzelnen Menschen: „Regression psychoanalytisch betrachtet, bezeichnet einen Vorgang, in dem ein Individuum oder eine Gruppe ein schon erreichtes psychisches Struktur – und Funktionsniveau verlässt und zu einem früheren, und /oder niedriger strukturierten Niveau des Denkens, Fühlens und Handelns zurückkehrt.“ (Rachel Jaeggi, „Fortschritt und Regression“, Berlin 2025, S. 215.). Nebenbei: Es gibt allerdings auch gelegentlich die kurzfristige, etwa die spielerisch ausgelebte und gestaltete Regression, etwa, wenn Erwachsene ihre Kindheit nachspielen… Darum geht es hier nicht.
9.
Regression ist dann auch politisch das bewusste Abdriften in unvernünftigere, längst überwundene und eher offiziell minderwertig eingeschätzte Formen der Lebensgestaltung, des Zusammenlebens, der Gesetze, der internationalen Kooperationen usw.
Politiker und die ihnen folgenden Wähler handeln im Sinne der Regression, etwa in der MAGA-Bewegung der USA, für den autoritären Staat der Weißen in einem System, das nur noch den Namen Demokratie hat. Regression ist, etwa in den USA, unter den Bewohnern auch der Verzicht auf immer mühsames kritisches Nachdenken über eine bessere, gerechtere Zukunft für alle Menschen.
Wir sind deswegen geneigt zu sagen: Regression ist auch das Sich – Durchsetzen von Dummheit. Wobei die Dummen zu verstehen sind als die von despotischen Herrschern und ihren Staats-Medien Dumm-Gemachten. Skepsis und Selbst-Denken werden in diesen despotischen Regimen zu Un-Werten.
10.
Regression ist mit Rückschritt identisch, mit der Entscheidung einzelner oder Gruppen, mit einer Leidenschaft für Nostalgie, hinter die Standards demokratischer Prinzipien der Gegenwart zurückzugehen. Rückschritt, Regression, ist ein Zurückdrehen der Zeit auf einen früheren, angeblich glorreich imaginierten Zustand. Rückschritt als Nostalgie ist Flucht aus der belastend empfundenen Gegenwart. Regression führt bei den politischen Akteuren zu seelischer Erstarrung, maßloser Polemik und Feindschaft gegen die Verteidiger des Neuen und Richtigen. Regression führt oft zum (Bürger)Krieg.
11.
Noch einmal: Regressive PolitikerInnen leben und handeln unter dem Niveau heutiger Menschlichkeit. Die unflätige, unverschämte Sprache etwa von Präsident Trump liefert den Beweis: Regressive Politik wird von seelisch – geistig regressiven Herrschern betrieben. Weitere Beispiele lassen sich leicht finden, in Russland, Iran, Belarus, Israel etc..
12.
Wer von Regression und Rückschritt spricht, muss immer auch an den schwierigen Begriff Fortschritt denken: Fortschritt verstanden als Überwindung der für den einzelnen wie für Gesellschaften tödlichen Fixierung auf überlebte, überholte Lebensmodelle. Der Philosoph G.W.F. Hegel ist bekanntlich einer der deutlichsten Verteidiger des Begriffs Fortschritts in der Philosophie der Weltgeschichte. Er behauptete nicht, dass alles im Laufe der Weltgeschichte global und überall immer besser und „fortschrittlicher“ wird. Hegel wollte lediglich darauf aufmerksam machen, dass Fortschritt zu verstehen lediglich in der bescheiden wirkenden Dimension als „Fortschritt im Bewusstsein der Freiheit“. Lediglich das Wissen der Menschen hat sich im Laufe der Geschichte ziemlich universell verbreitet: dass der Mensch wesentlich frei sein sollte. Und die geistige, im Bewusstsein nie auszulöschende Überzeugung drückt sich „materiell“ aus, wie Hegel betont, sie wird Welt, gestaltet also Gesellschaft, Staat, Kultur, Religionen. Diese Realisierungen der Freiheit sind aufgrund der Willkür der Menschen immer wieder bedroht. Aber nie mehr abzuschaffen…„Fortschritt ist Fortschritt im Bewusstsein der Freiheit“ ist selbstverständlich überhaupt keine „europäische (`kolonialistische`) Idee“, also nur für den Ort ihres Entstehens gültig. Die Idee „Fortschritt ist Fortschritt im Bewusstsein der Freiheit der Menschen“ wird nach langen Kämpfen endlich heute weltweit geschätzt, in den Diktaturen Afrikas oder Asiens mindestens von den Oppositionellen in den Gefängnissen und Lagern. Sie alle fordern nicht nur in ihrem Bewusstsein, nicht nur ihrem Denken: Freiheit. Und mit dieser Forderung meinen sie letztlich die Geltung der Menschenrechte für sich selbst und für alle. Und die Bestrafung der Herrscher, die sich Politiker nennen.
13.
Regression ist die Ablehnung der Menschenrechte für alle. Fortschritt die Geltung von Freiheit und Menschenrechten für alle. Die „Stunde der Raubtiere“ kann vielleicht noch im Kampf für die Demokratie etwas hinausgezögert werden. Auch wenn man nach der Lektüre dieses Buches skeptisch bleibt. Aber den Elan des Widerstandes – selbst gegen die „Raubtiere“ – erhalten wir nur in einer Philosophie der Vernunft. Und die sammelt Menschen des Widerstandes gegen die Populisten, Rechtsradikalen und Faschisten heute, nicht nur in Deutschland…

Fußnote 1:
Die große Regression. Edition Suhrkamp, Berlin 2017.

Fußnote 2:
Giuliano da Empoli, Die Stunde der Raubtiere. C.H.Beck Verlag 2025.

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