Der Gott der Liebe. Drei Fragen an den Theologen Prof. Wilhelm Gräb, Berlin

Über Glauben und Hoffen haben wir theologische Meditationen mit dem protestantischen Theologen Wilhelm Gräb (Berlin) schon kürzlich publiziert.Nun drei Fragen zum “Gott der Liebe”. Glauben, Hoffen, Lieben gelten als Grundhaltungen (Tugenden) von Menschen, nicht nur von Christen.

Die Fragen stellte Christian Modehn.

1.
Ein komplexes Thema: „Der Gott der Liebe“. Die ersten Christen tei-len im „1. Brief des Johannes“ ihre Überzeugung mit: „Gott ist die Liebe“ (4. Kap., Vers 8). Angesichts der Lebenserfahrungen im Laufe der Geschichte (Krieg, Gewalt, Krankheit) meinen aber viele, den Ge-danken an einen liebenden Gott aufgeben zu müssen. Ist das Thema „Der Gott der Liebe“ bzw. „Der Gott, der Liebe IST“, de facto also ob-solet und nur noch eine Art Ballast kirchlicher Sprache?

Mit dem Gott der Liebe, so denke ich, verhält es sich nicht anders als mit dem Gott des Glaubens und der Hoffnung. Immer geht es um un-sere Beziehung zu Gott und Gottes Beziehung zu uns. Das Beziehungs-verhältnis zwischen Gott und uns Menschen bildet sich im Glauben, den wir ein Grundvertrauen genannt haben. Es wird zum Grund einer Hoffnung, mit der wir unser Handeln auch noch in scheinbar ausweg-loser Situation mutig nach vorne ausrichten. Wenn wir nun von Gott auch als dem Gott der Liebe sprechen, so sagen wir damit aus, dass Gott derjenige ist, der uns und die Welt im Innersten zusammenhält. Über alle Gegensätze und Widersprüche hinweg tut er das, trotz der Grausamkeiten, dem Hass und der Gewalt, den Kriegen und Katastro-phen, den Erfahrungen von Krankheit, Sterben und Tod.

Nur weil Gott voll Liebe ist, ist überhaupt vorstellbar, dass er es ist, der diese Welt, so wie sie ist, in seinen Händen hält, er als ein leben-diger Gott in der Welt wirksam ist. Wäre das Handeln Gottes vom Zorn über die Bosheit der Menschen bestimmt und darauf ausgerich-tet, Vergeltung zu üben und mit Gewalt gegen das Unrecht, das ge-schieht, vorzugehen, dann würde durch seine Interventionen ja alles noch viel schlimmer. Ist Gott hingegen der, der aus Liebe handelt, dann ist er der Grund dafür, weshalb wir allen schlimmen Erfahrun-gen zum Trotz, nichts und niemanden je ganz verloren geben müssen.

Es ist wichtig, die biblische Aussage, dass Gott die Liebe ist, von dem her zu verstehen, was mit „Liebe“ gemeint ist, was es heißt, aus Liebe zu handeln und Liebe zu erfahren. Auch da hilft uns das Neue Testa-ment weiter, vor allem die Hymne auf die Liebe, die Paulus im 13. Kap. des Korintherbriefes angestimmt hat. Dort setzt Paulus die Liebe nicht nur neben den Glauben und die Hoffnung, sondern er meint so-gar, sie sei die größte und stärkste Kraft unter diesen dreien, dem Glauben, der Hoffnung und der Liebe, denen gleichermaßen Ewig-keitswert, eine göttliche Qualität also, zukomme.

Die Liebe aber ist deshalb die größte und stärkste unter den göttli-chen Wirkkräften in der Welt, weil sie, wie Paulus ausführt, „alles verträgt, alles glaubt, alles hofft und alles duldet“ (1. Kor 13, 7), weil sie „das Ihre nicht sucht und … das Böse nicht zurechnet“ (13, 5).

Was die Liebe so stark macht und sie zum primären Qualitätsmerk-mal der Wirksamkeit Gottes in der Welt werden lässt, das ist ihre enorme Fähigkeit zum gewaltlosen Widerstand. Die negativen Erfah-rungen, die Sie, lieber Herr Modehn, nennen (Kriege, Gewalt, Krank-heit) und die uns ja in der Tat immer wieder fragen lassen, wie Gott, wenn er denn ein liebender Gott ist, all das Schreckliche in der Welt und im menschlichen Leben zulassen kann, sind recht verstanden kein Einwand gegen Gott. Sie sprechen weder gegen Gottes Liebe noch gegen seine Allmacht.

Liebe bedeutet Partnerschaft, wechselseitige Anerkennung, Rück-sichtnahme, Vertrauen, ein Selbst sein können, in der Beziehung zum, ja am Ort des anderen. Ein liebevoller Gott ist so in der von ihm ge-schaffenen Welt wirksam: Partnerschaftlich, in Anerkennung der Selbständigkeit der Welt und der in Freiheit – und nicht nur mit ihrer Liebe, sondern auch mit all ihrer Bosheit – in ihr tätigen Menschen. So ist Gott in der Welt wirksam, dass er das Böse nicht mit Bösem vergilt und dem Hass nicht mit Hass begegnet. Letztendlich ist es die Feindesliebe, wie sie Jesus empfohlen hat, mit der Gott in der Welt am Werke ist.

Spektakulär ist die Wirksamkeit dieser göttlichen Liebe, die nicht nach dem Motto wie du mir, so ich dir, verfährt, sondern das Böse durch das Tun des Guten überwindet, selten. Aber ohne diese Liebe, mit der Gott in der Welt da ist, dessen bin ich gewiss, müssten wir al-le Hoffnung auf Besserung und erst recht die auf einen guten Aus-gang aller Dinge gänzlich fahren lassen.

2.
Nun hat das Thema Liebe unter den Menschen, auch die erotische Liebe, in allen kulturellen Traditionen trotzdem die höchste Achtung. Und viele neigen dazu, die Liebe selbst als etwas Göttliches zu bewer-ten. Das passt gut zu der Aussage der frühen Christen im 1. Johannes-brief: „Wir wollen einander lieben, denn die Liebe ist aus Gott“ (4. Kap., Vers 7). Können wir daraus schließen: „Die Liebe der Menschen selbst ist göttlich?“

Die Liebe ist etwas Göttliches. Sie macht die Wirksamkeit Gottes in der Welt aus. Sie ist der Grund dafür, dass die Welt und der Men-schen Leben in ihr trotz Hass und Gewalt, trotz der Kriege und Kata-strophen, der Krankheiten und Epidemien nicht nur fortbesteht, son-dern wir uns Hoffnung darauf machen können, dass es Triebkräfte in der Welt gibt, die uns zumindest auf einen moralischen Fortschritt hoffen lassen.

Wir setzten darauf und kämpfen dafür, dass Kriege geächtet werden, die Würde jedes einzelnen Menschen anerkannt, die Menschrechte (ohne Gewalt) durchgesetzt, Hunger, Not und Krankheiten besiegt werden, und – die Liebe stärker bleibt als der Tod! Dies alles aus Lie-be zum Leben!

Die Liebe, so könnte man daher auch sagen, ist das göttliche Welt-prinzip. Nicht in dem Sinne, dass man damit eine Weltformel hätte, mit der der faktische und zumeist immer noch viel zu grausame Gang der Dinge sich (weg-)erklären ließe. Eine solche Weltformel wird nie gefunden werden, weil es die Welt als objektiven, abgeschlossenen Tatbestand nicht gibt.

Die Liebe ist das göttliche Weltprinzip in genau dem Sinne, den die Stelle aus dem 1. Johannesbrief, den Sie, lieber Herr Modehn, zitie-ren, zum Ausdruck bringt. Gott ist mit seiner das Böse im Tun des Gu-ten überwindenden Liebe in der Welt wirksam, indem er Menschen unablässig und auch noch, wo es vergeblich erscheint, zu Taten der Liebe ermutigt und befähigt.

Ja, die Liebe, die wir Menschen füreinander empfinden, sie ist göttli-chen Ursprungs. Die Liebe, die uns, weiß nicht wie, überkommt, die uns ineinander verschmelzen und zugleich doch selbständige Wesen bleiben lässt, sie ist göttlich. Die Liebe gar, die die Feindschaft über-windet, sie ist göttlich. Überall, wo geliebt wird, ist das göttliche Weltprinzip wirksam.

Wie trostlos wäre es in der Welt, wenn es die Liebe nicht gäbe! Die Taten und Erfahrungen der Liebe sind der beste Gottesbeweis.

3.
Wird durch die Praxis des Lebens und die Praxis der Liebe eine Spur des Göttlichen in der Menschenwelt erfahrbar? Erhalten die üblichen philosophischen und theologischen Debatten über Sinn und Unsinn des Atheismus nicht eine ganz neue Dimension, wenn man in dem „1.Brief des Johannes“ liest: „Wer nicht liebt, hat Gott nicht erkannt“ (4., 8). Kann man diese Erkenntnis auch so formulieren: „Wer liebt, hat Gott erkannt“? Und zwar jeder und jede, die lieben, egal, ob sie nun ein kirchliches Bekenntnis haben oder nicht?“

Die Taten und Erfahrungen der Liebe zeichnen die Spuren des Göttli-chen in unser Leben und die Welt. Gott ist da, wo Menschen sich in Liebe begegnen, erst recht da, wo es dazu kommt, dass die Liebe Hass und Feindschaft überwindet.

Aber es liegt natürlich Gottes Wirken nicht offen zutage. Es ist unsere auf Symbole ausgreifende Deutung, die uns davon sprechen lässt, dass Gott uns zu Taten der Liebe ermutigt und er dort erfahren wird, wo Menschen einander, trotz allem was sie trennt, in Liebe begeg-nen.

Wie kommen wir dazu, die Liebe, die uns Menschen miteinander und mit den Dingen, die uns wichtig sind, auf elementare Weise verbin-det, auf Gottes Handeln in der Welt zurückzuführen? Nirgendwo sonst sind wir doch so sehr mit unserem Fühlen, Denken und Wollen selbst beteiligt wie eben dort, wo wir aus Liebe handeln und wir die Liebe anderer erfahren.

Wahr ist aber auch, dass die Liebe etwas ist, das über uns kommt, uns ergreift, uns widerfährt. Einen anderen Menschen oder auch eine Sa-che, die uns wichtig ist, zu lieben, dazu können wir uns schwerlich aus eigener Kraft entschließen. Die Liebe verwickelt uns in Erfahrungen, in denen wir auf beglückende Weise von Anderwärts her bestimmt, angefasst, angetrieben und erfüllt sind.

So verweist die Liebe uns auf Erfahrungen, in denen wir über uns selbst hinausgeführt werden. Wollen wir diesem uns selbst transzen-dierenden Von-Woher der alles verwandelnden Kraft der Liebe einen Namen geben, der sich mit einer personalen Vorstellung verbindet, dann legt es sich nahe, von Gott als dem Gott der Liebe zu sprechen.

Selbstverständlich ist Gott in den Taten und Erfahrungen der Liebe auch dann wirksam, wenn wir ihn nicht bei diesem Namen nennen und keine Vorstellung von ihm entwickeln. Er ist auf unser Bekenntnis zu ihm nicht angewiesen. Aber uns kann es helfen, ihn und nicht uns selbst als den Quellgrund der Liebe, die uns und alle Welt im Inners-ten zusammenhält, zu wissen.

An den Gott der Liebe zu glauben und auf seine Kraft zu hoffen, macht das eigene Bemühen um Taten der Liebe und das eigene Ver-langen nach Erfahrungen der Liebe nicht überflüssig – im Gegenteil. Aber es befreit uns von der hybriden Vorstellung, wir selbst müssten in unserer Liebe von göttlicher Vollkommenheit sein.

Copyright: Prof. Wilhelm Gräb und Religionsphilosophischer Salon Berlin