Ein Glaubensbekenntnis eines Atheisten: Über Julian Barnes

Ein Hinweis von Christian Modehn am 25.3.2026

1.
Bei der Lektüre des Buches von Julian Barnes „Abschied(e)“ (englischer Originaltitel „Departure(s)! “) stolpert der Leser über das Glaubensbekenntnis des Autors. Auf Seite 111 heißt es: “Wir kommen aus dem ewigen Nichts, und dorthin kehren wir zurück.“

2.
Eine starke Behauptung, das Glaubensbekenntnis eines Autors, der sich in dem Buch meist Atheist, manchmal nur Agnostiker nennt (S. 237 ). In diesem seinen Bekenntnis zeigt sich Barnes als Atheist, der offensichtlich sehr genau weiß, woher er kommt und wohin er nach dem Tod geht.

3.
Wer sich philosophisch – kritisch mit diesem Bekenntnis befasst, muss feststellen: Der Satz: “Wir kommen aus dem ewigen Nichts, und dorthin kehren wir zurück“ ist eine von vielen existentiellen Überzeugungen. Der Satz ist nichts als ein Ausdruck eines Glaubens, den heute viele Leute, nicht ohne Stolz, als „meine Lebensweisheit“ daher sagen, oft mit dem Anspruch: „Dies ist doch wohl auch eine wissenschaftliche Wahrheit“.

4.
Jeder kann natürlich sagen und behaupten, was er will, solange andere existentiell nicht gefährdet sind. Für letzte metaphysische Wahrheiten gibt es in Demokratien stets freie Rede. Aber jeder und jede muss selbstverständlich bereit sein, das eigene Glaubensbekenntnis kritisch zu befragen oder von anderen befragen zu lassen. Das gilt selbstverständlich auch für die christlichen Glaubensbekenntnisse und Überzeugungen, aber die sind hier nicht unser Thema.
Hier geht es darum, mit philosophischen Argumenten zu dem Bekenntnis “Wir kommen aus dem ewigen Nichts, und dorthin kehren wir zurück“ kritisch Stellung zu nehmen. Dabei ist klar: Dieses atheistische Glaubensbekenntnis öffnet weite philosophische und religionsphilosophische Horizonte für ausführliche Reflexionen. Hier sollen nur einige, wesentliche Anmerkungen mitgeteilt werden.

5.
„Wir kommen aus dem ewigen Nichts“ ist der Teil des Barnes – Bekenntnisses. Woher weiß der Autor, dass wir aus einem Nichts kommen? Es ist faktisch, auch wissenschaftlich eviden, dass wir Menschen aus der Verschmelzung einer Eizelle unserer Mutter und der Samenzelle unseres Vaters „kommen“, also nicht aus dem Nichts in die Welt gesetzt wurden. Und diese unsere Eltern haben selbstverständlich ihre Eltern und diese Eltern wieder ihre Eltern und so weiter: Unsere Geburt und unsere Existenz führt uns in eine endlose Linie der Evolution. Sicher sind wir Menschen auch Nachfahren der Affen, aber auch diese haben Nachfahren usw..

6.
Der erste Teil des Glaubensbekenntnisses von Julian Barnes und der vielen anderen, die diesen Spruch dahersagen, führt uns in die Evolution, die sicher nicht als „ewiges Nichts“ bezeichnet werden kann. Und von der Evolution aus stellt sich die Frage: Wie kommt diese Evolution zustanden? Und da gibt es die eine Erkenntnis: Die Evolution kann ein ewiger und nur erstaunlich zu nennender Prozess sein, dessen Ursprung wir nicht kennen. Oder auch, wie etliche Philosophen und Wissenschaftler sagen: Es gibt durchaus eine andere ernsthaft zu diskutierende Erkenntnis: Irgendwie ist durch einen „Urknall“ das Ganze entstanden. Das ist eine naturwissenschaftliche Erklärung zu der Frage, WIE das Universum entstanden ist. Warum und wodurch das Universum (und damit auch „wir“) entstanden ist, darüber kann und will Naturwissenschaft selbstverständlich keine Erkenntnis mitteilen.

7.
Die sehr relevante Frage „Warum und durch welche Kräfte ist das Universum und mit ihm die Evolution entstanden?“ führt also notwendigerweise in die Philosophie oder auch die Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie. Sie hat die Aufgabe, das klassische wie auch aktuell – moderne Thema „Schöpfung durch eine göttliche Wirklichkeit“ zu reflektieren. Auch diese weiter zu bedenkende Hypothese einer „Schöpfung“ ist angesichts dieses globalen Themas Ausdruck eines Glaubens, der als Glaube selbstverständlich die gleiche Würde und Wertung hat wie der erste Teil des Glaubens – Satzes von Julian Barnes “Wir kommen aus dem ewigen Nichts“…

8.
Man muss weiterfragen: Mit welcher Erkenntnis begründet Barnes sein Bekenntnis, das Nichts wäre seiner Behauptung nach „ewig“? Damit bedient er sich einer Qualifizierung des Nichts, nämlich des „ewigen Nichts“, das führt in die von ihm als Atheisten eigentlich gar nicht verwendbare oder relevante Metaphysik. Kommt eine Atheist also ohne Metaphysik („ewig“) vielleicht nicht aus?

9.
Wir sind philosophisch überzeugt: Der erste Teil des Satzes “Wir kommen aus dem ewigen Nichts“ ist angesichts der sehr lebendigen, alles andere als „nichtigen“ Evolution schlicht und einfach falsch. Er könnte unsrer Überzeugung nach nur Ausdruck eines beliebten, weit verbreiteten Geredes, vielleicht einer bequemen Ideologie heute sein.

10.
Was bedeutet der zweite Teile des Barnes Satzes: „Und dorthin (also ins Nichts) kehren wir zurück.“ Auch hier wird ein Glaubensbekenntnis ausgesprochen. Denn woher weiß der jetzt noch lebendige Julian Barnes, dass er im Tod ins ewige Nichts geht bzw. „zurückkehrt“ wie Barnes sagt? Berichte von Verstorbenen über eine postmortale „Seinsweise“ liegen Barnes und allen anderen Menschen nicht vor, um allen Ernstes und als Ausdruck von gedanklicher Reife behaupten zu können: Wir versinken mit dem Tod in einem „ewigen Nichts“…Das ist pure Glaubenssache.

11.
Barnes will wohl seinen LeserInnen beweisen, so möchte ich vermuten, dass auch er sich als Atheist den populären Sprüchen seiner weithin sich säkular nennenden Umgebung anschließt. Der Autor, der zweifellos viele körperliche Leiden und manche seelische Schmerzen erlebt hat, bekennt in dem Buch selbst, „dass ich mit meiner Lebenszeit Glück gehabt habe….und in der zweiten Hälfte meines Lebens beruflich erfolgreich war.“ (S. 237). Dann sagt er noch freundlicherweise: „Ich sage Ihnen nicht, was sie denken und wie sie leben sollen. Ich schreibe nicht ex cathedra“. Barnes betont also: Es ist nur sein privates atheistisches Glaubensbekenntnis, das er da mitteilt. Auf Seite 235 bekennt Barnes: Er habe „den Verfall seines Körpers akzeptiert“. Also ist sein Abschied dann doch von der Stoa geprägt? Immerhin lehrten aber die meisten Stoiker: Wir Menschen sind ein Bestandteil des Kosmos, dem wir entstammen und in den wir zurückkehren, als kleiner Teil eines ewigen Kreislaufs…

12.
Barnes nennt sein Glaubensbekenntnis, das zu kritischen Nachfragen führt. Und auch Christen haben ihre eigene Philosophie zur Frage „Woher kommen wir – wohin gehen wir.“ Dieses Thema wird leider sehr oft durch Dogmen und uralte, verstaubte Überzeugungen der Klerus-Kirchenleitungen irritierend und sogar falsch gelehrt. Man denke nur an die fundamentalistischen Vorstellung einer „leiblichen Auferstehung eines toten Menschen“… Das ist ein anderes Thema.

13.
Ein kritischer Schöpfungsbegriff, der die Evolution einbezieht, kann zeigen: Mit der Schöpfung von allem und allen durch eine „göttliche Wirklichkeit“ ist der göttliche „Geist“, die „Vernunft“, also die ewige göttliche Wirklichkeit in allem und allen lebendig. Und dieser „ewige“ Geist, diese „ewige Vernunft“ in allem und allen, bedeutet: Dieser göttliche Geist in allen wird auch den Tod des einzelnen menschlichen Körpers überleben, weil der Mensch in seinem Geist Teil des Ewigen selbst ist. Man lese den Philosophen Hegel in dem Zusammenhang. Es gibt also für diese christliche Glaubenshaltung kein Verschwinden des Toten in einem Nichts. Es sei denn, man ist philosophisch so gebildet, und kann sich das „Nichts“ auch als göttlich denken. Dieses Nichts ist für Mystiker (Meister Eckhart) und einige Religionsphilosophen als das „göttliche Nichts“ das letztlich bergende helle Licht, um es in der Sprache der (westlichen) Mystik zu sagen.

14.
Natürlich hat niemand etwas dagegen, dass Julian Barnes an seiner atheistischen Überzeugung festhält. Er will ja auch gar nicht „ex cathedra“ sprechen, ist also offenbar froh und dankbar für kritische Anfragen; nur dies haben wir hier in aller Kürze versucht.

15.
In seinem – angeblich letzten – Buch „Abschied(e)“ erinnert er sich an einige offenbar für ihn entscheidende Stationen seines Lebens, es sind sehr persönliche und dann auch stolz erzählte literarische Erinnerungen. Politische Erinnerungen oder gar Erinnerungen an seine (möglichen?) Hilfen und Leistungen für die bedrohte Menschen auch in der Ferne (Stichwort: Solidarität) sucht man allerdings vergebens. Ein gewisser Egozentrismus wird sichtbar. Es verabschiedet sich in dem Buch – in unserer Sicht – ein ziemlich egozentrischer, aber berühmter alter Mann, der vor allem als Autor gelten will. Und der nun gern und offenbar angstfrei (?) ins „ewige Nichts“ schreitet…

16.
In einigen Gegenden Deutschlands und der Schweiz sagte man früher oft: „Adieu“ bei der Verabschiedung: „A – Dieu“ also, d.h. zu Gott. Und in Spanien gibt es noch heute die gängige Abschieds-Formel „Adios“, „zu Gott“ wörtlich, aber mit der Bedeutung. „Leb wohl“…weil das Wohlleben doch irgendwas mit Gott (dem Schöpfer von allem) zu tun hat.

17.

2022 hat sich Julian Barnes mal zur Abwechslung zum “Polytheismus” bekannt, der “Religionsphilosophische Salon Berlin” hat das dokumentiert:LINK 

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