Vielfalt des Bösen. Ein Sonderheft des Philosophie Magazins

Eine Lektüre Empfehlung von Christian Modehn: Das neue Sonderheft des „Philosophie Magazin“

Von Christian Modehn

Die Frage nach dem Bösen ist eine der besonders komplexen Themen der Philosophie. Und eine der ganz dringenden auch politischen Fragen!

Wer sich auf die neue, sehr lesenswerte Sonderausgabe des „Philosophie – Magazin“ einlassen will, bringt ja Fragen mit: Sollen Philosophen zuerst von „den“ Bösen sprechen, bevor sie über den sachlichen Begriff „das“ Böse reflektieren? Drängt sich dann aber die Gefahr auf, einen anderen Menschen deswegen böse zu nennen, weil man sich selbst gut findet? Und wo sind die begrifflichen Grenzen zwischen schlecht und böse?

Wer wäre denn „der Böse“ oder „die Böse“? Setzt diese Qualifizierung bereits die Kenntnis von „dem“ sachlich Bösen voraus? Wahrscheinlich. Aber auch dieser Begriff ist wohl entstanden im Angesicht der Bösen, d.h. der als böse wahrgenommenen Menschen. Sind sie zahlreich? Sind vielleicht alle Menschen irgendwie manchmal, in erträglichem Maße, böse? Jemanden böse zu nennen, ist nichts Leichtfertiges. Und dies darf nicht kultisch – religiös – rituell noch gefeiert werden: Siehe Hexenverbrennungen.

Gibt es Abstufungen unter „den“ Bösen? Hitler, Stalin, den Massenmörder aus den Kliniken von Oldenburg und Delmenhorst, Anders Breivik in Norwegen, um nur einige extreme Beispiele zu nennen? Darf man einen Menschen als „den Bösen“ qualifizieren und auf diese Qualität sogar definitiv festlegen? Wohl kaum, denn in einem demokratischen Rechtsstaat gibt es keine Todesstrafe für den absolut großen Verbrecher, schon gar nicht eine Hexenverfolgung. Demokratische Verhältnisse rechnen immer noch mit einer Besserung „der Bösen“. Total böse, gibt es das also? War es Hitler, waren es die Leute von der SS und SA? Gab es bei diesen Bösen noch einen Funken „Gutes“? Welcher Mensch will das beurteilen?

Zeigten die Akteure in dem Film von Pasolini „Salo oder die hundert Tage von Sodom“ absolut böse Menschen? Man möchte es meinen, wenn man den Film bis zum schrecklichen Ende ausgehalten hat. Pasolini wollte die Bösen, also die durch und durch bösen Menschen, böse geworden durch das faschistische System, also die Sadisten, vorführen; wohl als Lehrstück der Warnung vor dem immer wieder auftretenden Faschismus. Die bekannte US-amerikanische Philosophin Susan Neiman (Potsdam) findet – durchaus provozierend – ein aktuelles Beispiel, an das sicher schon viele andere zustimmend gedacht haben: “Kein Mensch ist an sich böse. Bei Donald Trump habe ich ehrlich gesagt meine Zweifel. Das klingt wie ein Witz, aber das ist es nicht. Da haben wir einen Menschen vor uns auf der Weltbühne, der anscheinend keine Moralprinzipien versteht – dem schlicht das Verständnis für Gut und Böse fehlt“ (Seite 14). Leider sagt Susan Neiman nicht, wie man diesen Bösen von der „Weltbühne“ wieder herunternimmt und ihn in eine dauerhafte Pension schickt. Mit dem demokratischen Mitteln wird dies angesichts all der Lügen – Kampagnen und Twitter Attacken von Trump und seinen Freunden kaum gelingen. Ein Theologe hat vorgeschlagen: Vielleicht sollte man die Lehre vom Tyrannenmord des heiligen Thomas von Aquin neu debattieren? Nebenbei: Die Vater-Unser Bitte „Erlöse von =dem= Bösen“ erhält angesichts der treffenden Hinweise von Susan Neiman einen neuen, einen personal – politischen Inhalt. Aber die Frommen werden dann auch Putin, die Machthaber in Saudi-Arabien, Pakistan oder Nord – Korea und anderswo in ihr Gebet einbeziehen müssen…

In jedem Fall macht Susan Neiman erneut aufmerksam, welche Gefährdung von diesem, von Psychiatern längst als krank bezeichneten Herrn Trump in Washington ausgeht.

Ich möchte dieses graphisch sehr lesefreundlich gestaltete Heft empfehlen, es bietet in gewisser Weise einen vielseitigen Einstieg in die Debatten. Besonders einige Interviews finde ich großartig: Etwa das Gespräch mit der Psychologin Francoise Sironi (sie ist auch Expertin am Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag) über ihre Erfahrungen mit Folterknechten der Roten Khmer. „Dieses System – wie auch die Nazis – rekrutierte nicht in erster Linie Sadisten oder nachweislich brutale Kerle. Das wichtigste Kriterium war das Bedürfnis dieser Leute nach Anerkennung, also die Fähigkeit zu gehorchen“ (S. 60). Sironi weist darauf hin, dass auch der häufige Wechsel von Aufenthaltsorten, bedingt durch globale geopolitische Umbrüche die Gewaltbereitschaft (der Flüchtlinge?) steigert (S. 61). Sehr erhellend, weil differenziertes Verstehen fördernd, auch der Beitrag des englischen Philosophen Julian Baggini über „Zehn Figuren des Bösen“ (S. 34 ff), etwa über das Böse der Mittäterschaft, das gleichgültige Böse, das selbstgerechte Böse usw. „Mehrheitlich liegt subjektiv sogar die Absicht vor, Gutes zu tun. Einzig der sadistisch Böse handelt böse aus völlig bewusster böser Absicht (S. 39). Erwartungsgemäß wird auch die Einsicht Hannah Arendts diskutiert: Sie hatte als Beobachterin des Eichmann Prozesses in diesem Verbrecher eher einen Ausdruck für die Banalität des Bösen gesehen. Für sie ist Gedankenlosigkeit auch eine Ursache des Bösen. Diese Erkenntnis zu Eichmann wurde inzwischen durch die Arbeiten von Bettina Stangneth korrigiert.(„Eichmann in Jerusalem“, 2011).

Kritisch möchte ich meinen, dass etwa Texte des Kirchenvaters Augustinus präsentiert werden, ohne dass auf das Wichtigste in unserem Zusammenhang, auf dessen Konstruktion der bis heute gültigen Erbsündenlehre hingewiesen wird. Es wird nicht der Wahn dieses offiziellen Kirchen-Dogmas auseinander genommen, wonach alle Menschen durch den Geschlechtsverkehr der Eltern Anteil haben an der Erbsünde. Die Menschen sind also für den späten Augustinus von Anfang an böse, nur durch die Taufe kann die Kirche in ihrer Allmacht von dieser Erbsünde befreien. Siehe meine kleine Studie zur Erbsündenlehre.

 

Kritisch möchte ich meinen, dass das ganze Heft doch sehr eurozentrisch ist. Philosophisches Nachdenken über das Böse findet doch wohl auch in Afrika, Asien und Lateinamerika statt. Was denken Guerillas in Kolumbien über das Böse? Was denken die braven und reichen Bürger in Kolumbien, wenn sie ganz selbstverstädnlich Guerillas töten? War der leider fast vergessene katholische Guerillo Priester Camillo Torres aus Kolumbien etwa ein Böser? Er war alles andere als dies! Dem Heft würde im ganzen insgesamt eine Öffnung auf die „Weltphilosophie“ gut tun! Wie wird sich der neu gewählte Präsident Brasiliens, Bolsonaro, als böse zeigen: Böse sind seine Worte schon. Und Worte sind bereits Taten…

Und noch etwas: Es ist löblich, sozusagen zentrale Basistexte von berühmten Philosophen zum Thema zu präsentieren. Mühe haben wohl alle, die nicht über Immanuel Kant promoviert wurden, die eine Seite „Ein natürlicher Hang zum Bösen“ aus Kants schöner Religionsschrift zu verstehen, weil schlicht und einfach der Text ziemlich unverständlich ist. Kant selbst hat über seinen eigenen Stil geklagt! Zurecht!!!! Da wäre mein Vorschlag: Auf einer anderen Seite sollte ein philosophischer Dolmetscher Satz für Satz diesen unglaublich wichtigen Kant Text in der Alltagssprache wiedergeben, Satz für Satz. Wäre auch eine schöne Übung für Profi-Philosophen. Philosophen sollten ohnehin Dolmetscher sein, gerade die Leute des „Philosophie Magazins“… Denn dieser Text von Kant z.B. wird so oft auch theologisch missverstanden, etwa: Kant sei für die Erbsündenlehre usw. Siehe meine kleine Studie zur Erbsündenlehre.

Abdrucken allein genügt nicht, selbst wenn es gut gemeint und natürlich sehr bequem ist.

Noch etwas: Die meisten Bösen sind offenbar Männer! Historisch stimmt das ja wohl. Gibt es und gab es auch böse Frauen? Gibt es eine feministische philosophische Interpretation „der“ Bösen?

Das Böse. Sonderausgabe des Philosophie Magazin. Oktober 2018. 100 Seiten. 9,90€. Herausgegeben von Catherine Newmark. www.philomag.de

Am Kiosk finden: www.mykiosk.com

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

„Der Mensch ist böse und Gott hat ihn geschaffen“. Thesen im Rückblick auf den Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon am 26.10.2016

Von Christian Modehn

Notiert am 9. November 2016: Entscheidend bleibt die Erkenntnis von Hannah Arendt: Böses entsteht, wenn Menschen nicht mehr die Kraft und den Willen haben, selbstkitisch nachzudenken, wenn sie weithin gedankenlos handeln. Und unverzichtbar bleibt, selbst wenn es manchmal zu „spät“ ist, die fundamentale Erkenntnis Kants, die auch im Politischen gilt: Wenn sich die Maximen des einzelnen und ganzer  großer Gesellschaftsgruppen vom dummen Egoismus bzw., was prinzipiell dasselbe ist, sich vom ebenso dummen Nationalismus bestimmen lassen  und nicht mehr in Übereinstimmung mit dem kategorischen Imperativ handeln, entsteht Böses.

Über „das Böse“ nachzudenken: Da bleiben mehr Fragen als Antworten. Aber Fragen führen weiter. Antworten, etwa religiöser Traditionen, fixieren auf eine bestimmte Weise zu denken. Entscheidend ist die Frage:

„Gibt es“ „das Böse“ überhaupt ? Das Böse verstanden als dingliche Gegebenheit, als Macht und Kraft, vielleicht sogar irgendwie als „Subjekt“, wie ein Teufel und böser Dämon?

Sicher „gibt es“ für kritische Erkenntnis nicht dieses greifbare und verfügbare und umfassend erkennbare Böse verdinglichter Art. Den Menschen fällt es leicht, diese Verdinglichung, „das Böse“, vorzunehmen und es dann zu beschwören in Riten usw., die den klaren Verstand gerade aber ausschalten. Insofern wird dann oft noch mehr Böses befördert. Man spricht, um der schnellen Verständigung willen, auch in philosophischen Büchern, von „dem Bösen“. Denkt aber dabei nicht an eine dinghafte oder „personale“ Gegebenheit. „Das Böse“ ist also lediglich eine begriffliche Hilfskonstruktion. „Den Teufel“ sollte man vernünftigerweise längst aus dem Denken und der furchtbaren religiösen Praxis vertrieben haben (Teufelaustreibungen gibt es bis heute im Katholizismus und eine Schande fürs Christentum: Die Verteufelungen etwa von Frauen, Hexen usw.).

Das Böse ist also nur ein Begriff, der wie eine abstrakte Idee dann verwendet wird, wenn Menschen so handeln, dass sie in ihrem Gewissen, dem „moralischen Gesetz“ (Kant), wissen: Diese meine Handlung war nicht gut, sie beschädigt mich und andere. Diese meine Handlung ist also böse.

Das Wort böse hat eigentlich nur Sinn, wenn man es auf Handlungen aus Freiheit bezieht. Darin zeigen sich dann unterschiedliche Aspekte des Tuns des Bösen.

In einer philosophischen Reflexion über das Böse, die auch das Religiöse einbeziehen will, muss an die Schöpfung der Welt und den Sündenfall erinnert werden. Im ersten Kapitel der hebräischen Bibel, Altes Testament genannt, ist davon die Rede. Die beiden dort erzählten Mythen sind sicher die am meisten besprochenen und am meisten künstlerisch gestalteten: Nur ein Beispiel: Lucas Cranach der Ältere und der Jüngere haben schätzungsweise 50 mal dieses hübsche Thema des fast nackten Paares in kürzester Zeit gemalt. Wer hat diese Gemälde bestellt, und warum gewollt gerade in der Reformationszeit?

Dieser Mythos enthält viele bedenkenswerte Elemente, die bis heute in den Köpfen sich festgesetzt haben: Das Paradies, die verführerische Schlange, sozusagen ein erstes Bild des Teufels, der Glaube an Teufel und Hexen hat letztlich in der verführerischen Schlange ein gewisses Urbild. Durch den Ungehorsam Evas und Adams haben die beiden Menschen Erkenntnis gewonnen, sie erkannten einander als sexuelle Wesen. Aber Gott hat den Ungehorsam bestraft. Ohne Ungehorsam keine Erkenntnis, könnte man denken. Im Alten Testament ist als göttliche Strafe nur die Rede von der Notwendigkeit zu arbeiten für den Mann; und für die Frau, dass sie Kinder nur unter Schmerzen zur Welt bringen kann. Dass sie aus Adams Rippe stammt, also dem Mann unterlegen und von ihm abhängig ist und untertan, das haben die alten Theologen nicht als Übel betrachtet. Das war offenbar normal. Paulus ist in seinem Römerbrief der Überzeugung, dass „der Tod durch die Sünde des einen Menschen, Adam, in die Welt gekommen ist“ (Kap. 5, 12). Die Sterblichkeit der Menschen ist also eine Strafe für die Sünde im Paradies, die dann später als Erbsünde (schon durch Paulus) gedeutet wird.

Philosophen haben sich von der unmittelbaren Lektüre des Mythos gelöst und auf einige Unstimmigkeiten in den Erzählungen aufmerksam gemacht.

Ich nenne hier nur den Philosophen Pierre Bayle, einen Protestanten aus Frankreich, der sich unter Ludwig XIV. nach Holland, nach Rotterdam, retten konnte und dort u.a. ein umfassendes und viel gelesenes Dictionnaire, eine Art Lexikon, verfasste. Darin geht es um die zentrale Frage, damals, um 1690, genauso aktuell wie heute:

Wenn man annimmt, Gott habe die Welt und die Menschen geschaffen: Dann stellt sich die Frage: Wie ist es dann möglich, dass Gott, wenn er denn Gott ist, also allmächtig und gütig, es zulassen kann, dass in seiner Schöpfung die Menschen, als seine Geschöpfe, moralisch Böses tun? In dieser Reflexion wird Gott sozusagen zum verfügbaren Gegenstand für die Reflexion. Die Sache wird komplizierter: Wer aber hat denn die Freiheit geschaffen? Ist es nicht Gott gewesen, der den Menschen als Menschen, also als freies Wesen mit Vernunft, geschaffen hat? Ist also Gott nicht nur unweise und unallmächtig, also ohnmächtig, zu nennen, sondern auch unfähig, weil er den Menschen mit der Freiheit ausgestattet hat, eben auch Böses zu tun. Ist die Freiheit selbst also etwas Böses, heißt die Frage, die dann viele umtreibt. Die Spekulation reicht noch weiter: Oder versteckt sich hinter dem offenbar böse agierenden Gott noch der eigentliche Gott, der diesen bösen Gott als Gegner sich gegenüber sieht. Aber durch diese Verdoppelung Gottes wird das Problem nur verschoben.

Die Erbsündenlehre interpretiert den genannten biblischen Mythos. Die Erbsündenlehre wurde im 4. Jahrhundert als eine bis heute allmächtige Kirchenlehre erfunden, um irgendwie theoretisch zu klären, warum denn alle Menschen irgendwie immer Böses tun. Diese universale Dimension, dass der Mensch, jeder Mensch, immer und überall, ein irgendwie auch böses Wesen hat, sollte mit dem Begriff der Erbsünde erklärt werden. Da gab es nur die Schwierigkeit, dass Sünde immer eine vom einzelnen begangene in freier Entscheidung getätigte Untat ist. Sünde des einzelnen ist also etwas Erlebbares. Die Erbsünde hingegen ist als solche nicht erlebbar. Sie ist ein gedankliches Konstrukt, pure Theorie, manche sagen Ideologie. Warum wurde von Augustinus dieses Konstrukt erfunden? Er wollte die totale Übermacht des gnadenhaften göttlichen Handelns angesichts des Bösen und der sündigen Menschen unterstreichen. Nur Gott rettet ist seine Devise.

Wegen der Erbsünde müssen schon Babys getauft werden, wenn sie als Babys sterben, kommen sie in die Hölle, darum ist die Kirche und der taufende Klerus so wichtig usw. Die Erbsünde wird übertragen im Moment der Zeugung. Sex überträgt das Böse, deswegen ist, so heißt es dann weiter, Sex sowieso irgendwie doch nicht so gut, wenn nicht böse. Wenn Kinder geboren werden und nicht getauft werden, dann kommen sie in die Hölle. Denn vor der Hölle kann einzig die Gnade Gottes bewahren.

Die Lehre von der Erbsünde hat das Bewusstsein der Christen verdorben. Es hat jede Lebensfreude genommen, jede Zuversicht, im freien Tun etwas Gutes zu schaffen. Eine düstere Wolke der Verzweiflung und Angst („Hat mich denn nun der willkürlich erlösende Gott tatsächlich erlöst? ) hat sich über das sich christlich nennende Europa gelegt. Die Überwindung der Erbsündenlehre des Augustinus ist eine der dringenden Aufgaben der heutigen Theologie, die aber noch nicht angepackt wird

Immanuel Kant versucht, die Debatte über das Böses Tun weitgehend von der Bezogenheit auf Gott zu befreien, er ist ein Gegner der orthodoxen Erbsündenlehre. Wenn Kant über „das Böse“ nachdenkt, dann nur Zusammenhag der gelebten menschlichen (Willens)-Freiheit. Ich kann mir Maximen, individuelle für mich geltende Lebensentwürfe, schaffen: Und dabei das moralische Gesetz, den Gewissensspruch, ignorieren. Wenn Maximen nicht mehr dem kategorischen Imperativ entsprechen, sind sie böse. Im Spruch des Gewissens äußert sich das moralische Gesetz, wer ihm folgt, folgt dem moralisch guten Leben. Aus der dauerhaften Praxis moralisch böser Taten entwickelt sich der „Hang“ zum Bösen, von dem Kant in einer gewissen Unentschiedenheit spricht: Ist er „angeboren“ oder/und erworben? Es gibt für Kant jedenfalls so wörtlich einen „faulen Fleck“ in unserer Gattung, den herauszubringen, also lozuwerden, notwendig ist, um den „Keim des Guten“ in uns zu entfalten (S. 48 in „Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft“, Hamburg 2003).

Für Kant aber ist die Anlage zum Guten herrschender und stärker als der “Hang“ zum Bösen: Denn selbst wer als Egoist Böses tut, meint noch in dieser Tat zumindest für sich selbst etwas Gutes getan zu haben. Das heißt: Der Bezogenheit auf Gutes kann kein menschlicher Geist entkommen. Man könnte diese Bezogenheit auf Gutes „transzendental notwendig“ nennen.

Für Kant ist Religion und die Stimme eines göttlichen Wesen im Gewissen zu vernehmen. Das Gewissen ist der ort, wo das moralische Gesetz und letztlich auch Gott spricht. Kant sieht: Es gibt Vorwürfe des Gewissens gegen unser Tun. Diese Stimme des Gewissens ist nur dann von Wirkung, wenn man sie als Repräsentanten Gottes denkt: „Gott hat einen erhabenen Stuhl über uns und in uns einen Richterstuhl“, so in der „Schrift über Pädagogik“, 1803. Zit nach „Kant Reader“, Würzburg 2005, S. 335. Dieser Gott im Gewissen vernehmbar ist für Kant die Grundlage aller vernünftigen Religion. Alle anderen Formen (dogmatischer Fremdbestimmung) lehnt er als unvernünftig und für den Menschen eher schädlich ab. Über dieses Gottes-„Bild“ von Kant wäre heute aus aktuellen Gründen einer veräußerlichten, gewalttätigen Religion vermehrt zu sprechen! Kant spricht auch vom Hang zum Bösen, wenn er an die Geschichte der Kirchen erinnert, an ihre Machtbesessenheit, an das blinde Wüten der verfeindeten Konfessionen. Kurz: Die Religionen folgen selbst nicht dem Kategorischen Imperativ. (Dazu S. 177 ff. in „Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft“)

Ein Hinweis auch zu Hannah Arendt, sie ist stark bezogen auf Kant, mit ihm oft verbunden, auch in ihrem Buch „Über das Böse“, bei Piper erschienen.

Von Hannah Arendt stammt das Stichwort von der „Banalität des Bösen“. Damit meinte sie nicht, dass das Böse banal sei. Sie meinte, Böses tun kann bei Menschen den Charakter des Banalen haben. Etwa: Wenn denn diese Menschen blind und stumm den Weisungen anderer folgen. Der autoritäre Charakter spielt da rein. Nur das eigene Nachdenken, das Reflektieren auf das, was man tut, kann vom Böses Tun befreien. Notwendig ist: Man denkt noch mal über das eigene Denken nach. „Denken ist Reden mit sich selbst“.

Und auch zum Willen zeigt sich diese Doppelung: Ich bin zum Handeln bewegt und muss mich aber entscheiden, wenn ich etwas tue und handle. Ich muss also IM Handeln urteilen können. Im Handeln und dem Willen zu handeln zeigt sich immer ein Urteilen. Es gibt einen Schiedsrichter, sagt Arendt, der in meinem Handeln entscheidet.

DUMM ist der, der nicht urteilen kann. Der Mangel an Urteilskraft ist das Schlimmste. „Mangel an Urteilskraft ist das, was man Dummheit nennt“, sagt Kant. Das angewendet auf die Mitläufer in der Nazis. Auf die Mitläufer heute.

Im Urteilen innerhalb einer praktischen Entscheidungssituation, in der mein Wille aufgerufen ist, wird auch die Einbildungskraft lebendig. Ich stelle mir vor, was ist mit den anderen, die ich kenne oder die ich vor Augen habe, wenn ich diese Tat vollziehe.

Die Freiheit ist gut. Aber der Mensch ist niemals auf etwas „nur Gutes“ oder „nur Böses“ festzulegen. Es bleibt die Ambivalenz in jedem Menschen selbst. Jeder ist gut und böse. Wer sich nur für rundum gut hält, ist dumm und neigt deswegen zum Bösen, weil das Böse gar nicht mehr wahrnimmt und vor allem die Dimensionen der Freiheit ignoriert. Die Macht der eigenen egoistischen Maximen. „Der Tugendhafte“ wurde Robespierre genannt. Dies ist auch das ganze Problem der Heiligen und der Heiligenverehrung, die oft als rundum gute Menschen dargestellt werden. Und bei denen auch Makel und Böses offiziell oft verschwiegen und verdrängt werden.

Was bleibt angesichts „des Bösen“? Die bösen Taten müssen so weit es geht, überwunden werden. Das ist eine Aufgabe der Pädagogik und des politischen Handelns in der Demokratie. Es gibt aber auch böse Strukturen, Verfestigungen der individuell bösen Taten, die den einzelnen von vornherein belasten und prägen und vielleicht gar keine Ahnung schaffen, was Freiheit ist und was Gutes Tun überhaupt sein könnte. Diese üblen Strukturen der Unfreiheit und im ganzen Strukturen der Unmenschlichkeit müssen abgebaut werden. Das muss als Ziel immer wieder formuliert werden.

Die Freiheit der egoistischen Maxime führt zu falschen, moralisch verwerflichen Entscheidungen auch bei Politikern. Das Böse, das unsere westliche kapitalistische und immer noch imperialistische Politik(er) und Ökonomen erzeugen, wird von uns Bürgern meistens verdrängt und beschönigend-naiv„weg-interpretiert“. Gegen dieses Böse muss man handelnd eingreifen. Der Gedanke, dass wir doch alle Erbsünder sind, also irgendwie hilflose arme Typen, beschwichtigt da nur. Und ist ohnehin falsch. „Das Böse“ ist auch eine Form des Verdrängens und falschen Entschuldigens.

Copyright: Christian Modehn Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Können wir das Böse verstehen? Hinweise zu einem Salonabend über Attar und Hiob

Können wir Böses verstehen?

Einige Hinweise zu einem schwierigen Thema anlässlich des Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salons am 27. 3. 2015

Von Christian Modehn  —Zu einigen Hinweisen zu Attars Buch der Leiden und zu Hiob klicken Sie hier

Die Texte Attars und Hiobs zeigen: Die ausdrückliche Klage Gott gegenüber, vor allem auch die explizite und heftige ANklage Gottes als eines ungerechten Wesens hinterlässt die Überzeugung: Bei Attar bleibt es – besonders im definitiven Ende, dem Epilog – bei der Verzweiflung angesichts eines eher menschenfeindlichen Gottes. Bei Hiob folgt nach der Anklage Gottes dann doch zum Schluss der demütige Respekt vor seiner unergründlichen Wirklichkeit.

Welche Konsequenzen ergeben sich für eine philosophische, vernünftig argumentierende Lebensweise aus diesen zweifellos schwierigen und verstörenden Texten?

Das Aussprechen der Anklage Gottes kann dem einzelnen Leidenden helfen, zu einer deutlichen Wahrnehmung seiner Situation zu gelangen. Der leidende Mensch hört sich selbst zu; er nimmt wahr, worunter er leidet. Das kann zur Klärung der eigenen Situation führen. Klage und Anklage Gottes sind poetische Formen, denen sich die Reflexion anschließen muss. Sonst bleiben sie bloße Worte der Erregung.

Wenn man aber nach-denkt: Was zeigt sich dann heute? Gott kann in einem reflektierten, vernünftigen Denken und Fühlen nicht direkt als Subjekt angesprochen und einbezogen werden. Warum soll denn Gott gerade nur mich in meiner Not erhören und direkt eingreifend retten und meinen Nachbarn nicht? Ist Gott also eher willkürlich-launig? Ist dies etwa sein Wesen, seine göttliche „Geheimnishaftigkeit“? Doch wohl nicht. Diese Überzeugung zu haben, ist keine menschliche Arroganz, kein Allmachtsgefühl! Sie ist, wenn man es fromm formuliert, Ausdruck der göttlichen Kraft der Vernunft, die Gott der Schöpfer den Menschen gegeben hat. Und diese Vernunft sollen wir „gebrauchen“, weil sie als Gabe Gottes uns auch dem Göttlichen nahe bringt. Totale Beliebigkeit und Willkür entspricht einem tyrannischen Gottesbild. Aber: „Gott ist Geist“, sagt das Neue Testament…Hegel war deswegen überzeugt: Wenn Gott Geist ist, dann ist er auch Vernunft. Aber das ist ein anderes Thema. Die Überzeugung von Gott als dem Wundertäter, der Leiden aufhebt, ist theologisch und philosophisch heute nicht nachvollziehbar.

Aber damit endet nicht das Nachdenken über die Wirklichkeit des Bösen. Denn „Gott“ kann in dieser Debatte mit dem Begriff „Sinn“ übersetzt werden. Dann wird die „Gottes“-Klage zur Klage über den im Augenblick nicht sichtbaren und spürbaren Sinn, also meinen subjektiven Sinn wie den Sinn überhaupt. Dann wird der klagende Mensch deutlich auf sich selbst reflektierend zurückgeworfen. Es kommt nur darauf an, in dieser Situation sich zu vergewissern: Auch in der Suche nach dem Sinn weiß ich implizit, dass es Sinn gibt. Ich habe ihn ja früher einmal erfahren, ich habe mich an ihm erfreut. Nun ist er entschwunden. Ich kann nur klagen und suchen, weil ich weiß, was ich suchen kann: den Sinn, der mich immer noch auch im verzweifelten Suchen hält. Gottesklage wird zur Sinnsuche. Dadurch wird das Thema besprechbar und in die Argumentation gezogen. Es werden nicht mehr fromme Geschichten erzählt oder autoritäre Weisungen der Vertreter Gottes auf Erden gegeben. Denn der Übergang von göttlichem Wort zu amtlich interpretierten Wort des „Klerus“ ist immer da und fließend. So aber wird ein freier Raum geschaffen in der Erkenntnis: Wir selbst suchen selbständig verzweifelt nach Sinn, weil wir immer noch in ihm stehen und leben, und weil wir ihn einmal in ganzem Licht erlebt haben. Ob wir zu diesem Sinn sprechen (beten) können, ihm Worte der Poesie „widmen“, ist eine andere Frage. Wer aber den Sinn als personal – wohltuende Wirklichkeit erlebt, kann sich dann durchaus zu diesem Grund des Lebens (das ist der Sinn) poetisch verhalten. Oder er kann auf dieser Reflexionsstufe das Symbol „Gott“ (mit dem verwandelten Inhalt) wieder vorsichtig verwenden. In jedem Fall zeigt mir die verzweifelte Suche nach Sinn, nach dem tragendem Grund: Ich habe noch Widerstandsreserven bei mir, das zeigt mir allein schon die Leidenschaft der Frage .Ich bin auch in der Sinn-Suche noch immer vom Sinn als Grund des Daseins getragen.

Manche stellen sich die Frage: Leide ich, weil ich Böses getan habe? Straft mich Gott? Am wichtigsten ist es in einer philosophischen Lebensform, diese volkstümliche Überzeugung abzuweisen: Gott greift nicht als ein strafendes Subjekt aus Himmelhöhen ins Weltgeschehen, in mein kleines Leben, ein. Er bestraft nicht den angeblich oder tatsächlich moralisch böse handelnden Menschen, er bestraft nicht die Welt (-Gesellschaft) mit schlimmen Naturkatastrophen. Das ist ein zu personales, wir meinen infantiles Gottesbild. Die Naturkatastrophen gehören zur bleibenden Unvollkommenheit dieser Welt (und der Erkenntnis des Menschen): Wer in der Welt lebt, muss diese Unvollkommenheit dieser Welt annehmen. Sie ist sozusagen die kosmische Seite der ebenso unveränderbaren menschlichen Endlichkeit, Sterblichkeit. Die wir auch als solche annehmen müssen als Struktur unserer Weltverbundenheit. Das unübersehbare Durcheinander der Natur (Natur ist keineswegs immer verzückend und verzaubernd, wie einige Romantiker glaubten und glauben) gehört zur Struktur der Welt. Diese gegebene Struktur pauschal als „die beste aller denkbaren Welten“ (Leibniz) vorzustellen, führt nicht weiter. Der zwiespältige Zustand der Natur kann nicht verändert werden. Er bleibt die bleibend offene Frage. Diese offene Frage als Existenz-Form anzunehmen ist wohl die entscheidende Leistung eines jeden reifen Menschen. Zum „moralisch Bösen“ siehe Punkt 3.

Wie können wir noch aktiv agieren, wenn sich Sinnloses und Vernichtendes in unserem Leben zeigt: Ein extremes Beispiel: Menschen können inmitten höchster Not und schlimmsten Leidens doch noch rettend, für andere, Nachkommende, sich verhalten. Ich denke etwa an den 11. September, und da besonders an den „flight 93“. Die Piloten wussten bereits kurz nach dem Start, dass andere Flugzeuge in die Tower mit hilflosen Opfern rasten. Diese Piloten verhinderten einen offenbar geplanten Absturz ihrer Maschine im Washingtoner Regierungsviertel und stürzten hingegen auf einem freien Feld ab. Das heißt: In größter Not und größtem Leid kann noch der Verstand bewahrt werden und eine schlimme Massen-Katastrophe verhindert werden, in der Bereitschaft, sich selbst dabei zu opfern.

Das zeigt: Das Böse als erfahrbare Welt-Wirklichkeit hätte wohl kaum eine solche Übermacht in der Gesellschaft und den Staaten, wenn alle Menschen ihre Augen und ihren Verstand vor dem (sich anbahnenden) Bösen offen halten… und widerstehen.

Beispiel: Wie viele Millionen Menschen haben zu Beginn der Nazizeit aus Feigheit und Dummheit weggesehen?

Es hilft ja auch nicht, nach einem Tsunami-Vorfall Gott anzuklagen, wenn etwa dabei Atomkraftwerke zerstört werden. Sinnvoll ist hier nicht die Gottes-An-Klage, sondern die Frage: Wie kommen wir von der Atomkraft los? Wer hat das veranlasst, dass direkt am Meer, etwa in Japan, AKWs gebaut wurden.

Wichtig ist es auf das Wesen der menschlichen Freiheit zu achten und dabei die Frage nach dem „moralisch Bösen“ zu bedenken. Da kann eine Überlegung von Kant hilfreich sein: Im April 1792 publizierte er in der „Berlinischen Wochenschrift“ den Beitrag: „Von der Einwohnung des bösen Prinzips neben dem guten“ (im Menschen). Veröffentlicht dann als erstes Stück in dem immer aktuellen Buch „Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft“, Königsberg, 1793. In der Meiner Ausgabe: S. 21 ff.

Nur so viel: Aufgrund der Freiheit des Geistes gibt es – für Kant – einen „Hang“ zum Bösen im Menschen, dieser Hang, diese Tendenz, zeigt sich, wann immer von den vernünftigen Maximen des moralischen Gesetzes abgewichen wird. Dieser Hang zum Bösen als Möglichkeit der Freiheit äußert sich für Kant in Selbstliebe, Eigendünkel, kurz: als bewusste Zurückweisung, dem Spruch des Kategorischen Imperativs zu entsprechen. Diese Möglichkeit, aus freier Reflexion unvernünftig und unmoralisch zu handeln, wurzelt in der Tiefe der menschlichen Freiheit. Freiheit ist also das erste, das Bösesein-Können und tatsächliche böse Leben ist das Zweite. Grundlegend ist die Anlage zum Guten; der Hang zum Bösen ist eine Konkretisierung der Freiheit. Nun hat – theologisch gesprochen – Gott diese Freiheit geschaffen, die in sich die Möglichkeit des Bösen enthält: Hat Gott also dann letztlich doch das Böse mit-geschaffen? Diese Frage zeigt, wie das Denken da an Grenzen stösst.

Auf das kritische Denken kommt es an, auf die vernünftige Fähigkeit, Widerstand zu leisten, wo immer Böses sich zeigt. Ohne dabei zu glauben, dass definitiv Böses aus der Welt geschafft wird. Aber dieser Widerstand kann als Ausdruck der Kraft des Geistes verstanden und erlebt werden: Gibt es Schöneres?  Wer ständig bei diesen Fragen Gott ins Spiel bringt, folgt Phantasien, verbreitet Nebel, erzählt Mythen, analysiert (sich selbst und den Weltzustand) nicht klar. Wobei letzte Klarheit als Durchschaubarkeit niemals erreichbar wird bei dem Thema Freiheit und das Böse. Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie hat also bei dem Thema die Aufgabe, Gott als Argument eher außen vor zu lassen. Philosophie kann begründen, warum es richtig ist, ihn außen vor zu lassen… Philosophisch ist es wohl so: Je mehr wir lernen, die Ursachen des Bösen zu erkennen und verzichten, das Böse religiös/mystisch zu verfärben, um so eher könnte den bösen Tendenzen Einhalt geboten werden.

Wer den SINN als die Basis seines Daseins wahrnimmt, kann sich auch zu dem alles Tragenden Sinn positiv verhalten. Warum nicht: Er kann sich diesem Sinn poetisch nähern, dankend, dass es ihn gibt. Denn das Erfahren, vom Sinn des Ganzen getragen zu sein, wird oft als Geschenk erlebt.

Welche Bedeutung hat dann noch die religiöse Poesie, etwa, wie sie Attar und Hiob vorlegen?

Deren Anklagen Gottes sind verschleierte Anklagen gegen die umgebende Gesellschaft, die als autoritäre Organisationen den Menschen keinen freien Lebensraum lassen. Oder es sind Klagen, dass sich der Sinn momentan entzieht, dass sie ihn aber einmal erlebt haben, denn sonst wüssten sie gar nicht, wonach sie schreien.

Jedenfalls wird man philosophisch nie zu einer schlüssigen und allseits und immer geltenden „Lösung“, Antwort kommen. Denn diese Frage nach dem Sinn des Ganzen bezieht sich eben wirklich auf das Ganze, das Alles- Begründenden, also jenes, das die Religionen Gott nennen. Dieses Ganze und Gründende (Gott) kann der erkennende Mensch, eben weil es das Ganze und Gründende ist, nie erkennend umfassen. Das heißt: Diese Frage bleibt offen. Das Ganze und Gründe kann philosophisch nur berührt, nicht aber definiert, also bestimmt (umfasst) werden.

Mit anderen Worten: Die Frage nach dem Sinn des Ganzen bleibt wesentlich das, was man philosophisch Geheimnis nennt, niemals total aufzuklärendes Gründendes. Insofern ist der erkennende Mensch immer wesentlich auf das Geheimnis verwiesen bzw. mit ihm verbunden.

Wenn Religionen behaupten, sie hätten die Antwort auf das, was das Geheimnis (Gottes) ist: Dann sind diese Antworten eben Antworten frommer und selbstverständlich ernst zu nehmender Menschen: Sie sagen unreflektiert, was sie erlebt haben, etwa die Autoren der Bibel und anderer heiliger Bücher. Sie machen Vorschläge, die beachtet werden können: Etwa die Botschaft Jesu: Gott, das Gründende, der tragende „Sinn“, ist wesentlich Liebe. Es steht jedem Menschen philosophisch natürlich frei, dieses Angebot spiritueller Menschen persönlich geistig und umfassend im eigenen Leben zu prüfen. Das Gefühl, von einer letzten Liebe getragen zu sein, TROTZDEM und TROTZ ALLEM, kann sich dann einstellen. Davon berichten viele Menschen, die als Märtyrer der Menschenrechte (!) ihr eigenes Leben (und nicht wie die Selbstmordattentäter auch noch das vieler anderer Unschuldiger) opfern, etwa die Widerstandskämpfer gegen Hitler, Dietrich Bonhoeffer, Widerstandskämpfer gegen moderne Verbrechersysteme, wie in El Salvador der selige Erzbischof Oscar Romero. Aber auch diese Menschen haben erlebt: Eine definitive runde und umfassende Antwort auf das Böse gibt es nicht. Und Gott kann nicht dazu missbraucht werden, unsere Wünsche nach umfassenden Antworten zu befriedigen. Gott ist bleibend Geheimnis, wie das Leben selbst bleibend Geheimnis ist. Wer solches sagt, weiß, dass Gott Geheimnis, das ist etwas anderes als eine fromme Vision.

Copyright: Christian Modehn, geschrieben am 31.3.2015