Papst Leo XIV.: Künder des Friedens und der rückständigen Moral. Von Michael Meier, Zürich.

Ein Gast-Beitrag von Michael Meier, Zürich, Journalist und Publizist, veröffentlicht am 30.4.2026.

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Ein Jahr im Amt: Frauen mag er nicht gleichstellen. Die Sexualmoral nicht modernisieren. Demokratien begegnet er mit Vorbehalten.

Seit dem Schlagabtausch mit dem US-Präsidenten Donald Trump ist der sonst so zurückhaltende Papst Leo XIV. im Hoch. Als Donald Trump am Dienstag nach Ostern drohte, Iran in die Steinzeit zurückzubomben und eine ganze Zivilisation auszulöschen, trat der behutsame Pontifex aus der Reserve. «Das ist inakzeptabel», sagte er in Castelgandolfo. Und forderte die Amerikaner nicht etwa nur zum Gebet, sondern auch zur Intervention bei Kongressabgeordneten auf, sich nicht für Krieg, sondern für Frieden einzusetzen. Als Trump ihm daraufhin eine schreckliche Aussenpolitik vorwarf und ihn mahnte, sich nicht in die Politik einzumischen, konterte der Pontifex, er fürchte Trump nicht, er verkündige nur die Friedensbotschaft des Evangeliums.
Schon am Palmsonntag hatte der erste Amerikaner auf dem Papstthron gepredigt, Jesus sei der König des Friedens.  Gott lehne den Krieg ab, niemand dürfe Gott benutzen, um Krieg zu rechtfertigen. Gott erhöre nicht das Gebet derer, die Krieg führen, denn ihre Hände seien voller Blut, sagte er mit dem Propheten Jesaia.
Von Anfang an interessierte die Medien besonders, wenn sich Leo XIV. zu Themen äussert, die mit Trumps Politik zu tun haben, etwa zur rigiden Migrationspolitik, zur aggressiven Einwanderungspolizei ICE oder zum Angriff auf Venezuela.

Leo XIV. relativiert
Erst recht seit Beginn des Iran-Kriegs sehen Journalistinnen und Vatikanisten nun alle seine Äusserungen durch die amerikanische Brille und werten sie gerne als Frontalangriff gegen Trump und seine Politik. So auch die Aussage auf seiner Afrikareise im April, die Welt werde «von einer Handvoll Tyrannen zerstört». Leo selber musste richtigstellen, dass seine Rede schon Wochen zuvor im Vatikan formuliert worden sei. Es werde aber so aufgefasst, «als wolle ich dem Präsidenten widersprechen. Das liegt überhaupt nicht in meiner Absicht.» Der Papst selbst also relativierte seine Trump-Kritik und machte klar, dass er kein Anti-Trump sein will. Denn selbst sonst so besonnene Stimmen wie jene des Historikers und Theologen Massimo Faggioli überhöhten den Schlagabtausch zwischen den beiden mächtigsten Amerikanern völlig unangemessen. Faggioli prophezeite allen Ernstes, die Attacke von Trump gegen den Papst markiere «wahrscheinlich den Anfang vom politischen Ende» für den US-Präsidenten.
Dabei nimmt Leo einfach die von ihm bei Amtsantritt versprochene Rolle als Künder des Friedens ernst. «Der Friede sei mit euch allen» waren seine ersten öffentlichen Worte als Papst, gleich nach der Wahl am Abend des 8. Mai 2025 von der Mittelloggia des Petersdoms zur Menge der Gläubigen gesprochen. Angesichts der unsicheren und kriegerischen Zeiten dürfte Leo XIV. In der Tat eine Stimme des Friedens mit grosser Resonanz werden, indes kaum ein eigentlicher Friedenspapst.  Sein Beitrag wird im Appellativen verbleiben. Als er vor einem Jahr sein Amt übernahm, war sein Fokus auf den Krieg in der Ukraine gerichtet. Er bot die guten Dienste des Heiligen Stuhls an und schlug den Vatikan als Ort von Friedensverhandlungen vor.  Russland ging darauf gar nicht ein, und heute ist keine Rede mehr davon. Irritierende Aussagen des neuen Pontifex nimmt die breite Öffentlichkeit kaum zur Kenntnis, wie etwa jene zum Wert der Demokratie in seinem ersten grossen Interview vom letzten September: «Wenn wir uns in der heutigen Welt umschauen, ist die Demokratie nicht unbedingt die beste Lösung für alles.» Findet er womöglich, dass autoritäre Staaten einen bessern Job machen?

In der konservativen Spur
Vergessen geht ebenso, dass der Augustiner ganz auf der Linie der Trump-Regierung Abtreibung , Sterbehilfe, Gender und Homo-Ehe verurteilt. Wenn Leo warnt, Religion dürfe nicht für Populismus, Nationalismus oder gar zu Krieg instrumentalisiert werden, muss man ihm umgekehrt vorwerfen, er benutze Religion dazu, die Rechte von Frauen und sexuellen Minderheiten zu beschneiden.
Denn in besagtem ersten grossen Interview mit der US-amerikanischen Journalistin Elise Ann Allen vom Portal «Crux» lehnte er Reformen bezüglich der Stellung der Frau in der Kirche ab. Ja, er werde weiterhin Frauen in Spitzenämter ernennen, und die Weihe von Diakoninnen werde in verschiedenen Kommissionen und im Rahmen der Weltsynode Thema bleiben. Derzeit aber habe er «nicht die Absicht die Lehre der Kirche zu diesem Thema zu ändern».  Ein deutliches Nein zur Weihe von Frauen zu Priesterinnen und Diakoninnen. Reformkatholiken kehrten jedoch Leos Aussage geflissentlich unter den Teppich, genau so wie jene andere, dass er es für höchst unwahrscheinlich halte, dass sich die Lehre der Kirche bezüglich Sexualität und Ehe in naher Zukunft ändern werde.

Das traditionelle Familienbild
Im gleichen Interview beklagte er, dass jedes Thema, das mit LGBTQ-Fragen zu tun habe, die Kirche sehr stark polarisiere. Er wolle diese Polarisierung in der Kirche nicht verstärken. Auch lehne er die in Deutschland und anderen europäischen Ländern eingeführte förmliche Segnung homosexueller Paare ab, weil sie eindeutig gegen das von Papst Franziskus genehmigte Dokument Fiducia supplicans, das einen nicht-liturgischen Instant-Segen zulässt, verstosse. Bei seiner Rückkehr von Afrika verschärfte er diese Kritik sogar. Leo machte wiederholt klar, dass er auf die Komplementarität der Geschlechter und das traditionelle Familienbild setzt. Auch will er nicht, dass sich die Kirche «vollständig vom Missbrauchsskandal in Beschlag nehmen lässt». Schliesslich habe die Kirche den Auftrag, die Botschaft Jesus zu verkündigen, und die grosse Mehrheit der Geistlichen habe nie einen Menschen missbraucht.

Keine substanzielle Reform
Mit dem Interview machte Leo vier Monate nach seiner Wahl die unter Reformkatholiken vorherrschende Erwartung zunichte, er werde den von Franziskus geöffneten pastoralen Spielraum definitiv im Kirchenrecht verankern. Namentlich der bekannte Vatikanist Marco Politi oder der Jesuit Andreas Batlogg waren es, die das gängige Narrativ prägten, Leo werde ernten, was Franziskus gesät habe. Ihre Fehleinschätzung blieb bisher unkommentiert. Auch die Reformbewegungen gehen einfach darüber hinweg. Zumal der amerikanische Papst gleich nach Amtsantritt bekräftigt hatte, er werde den von Papst Franziskus angestossenen weltweiten Synodalen Prozess für eine geschwisterliche und partizipative Kirche fortsetzen. Absehbar ist jedoch, dass dieser Prozess auch unter Leo viel Aufwand und Energie kosten wird, ohne substanziell etwas zu ändern.
Wie schon Franziskus ist auch ihm die deutsche Kirche ein Dorn im Auge, die mit einem eigenen Synodalen Weg weitgehende Reformen wie Frauendiakonat, ökumenisches Abendmahl, Segnung gleichgeschlechtlicher Paare und neue Gremien der Laienmitsprache einführen möchte. Gewiss mit Absicht hat Leo mit dem holländischen Erzbischof Hubertus van Megen für Deutschland gerade einen äusserst konservativen Nuntius berufen, der die reformfreudige deutsche Kirche in Schach halten soll. Als Nuntius in Nairobi etwa warnte dieser 2019 die ostafrikanischen Bischöfe vor den westlichen Standpunkten zu Abtreibung, Euthanasie und Gender-Theorie – für den Nuntius «klare Symptome einer Gesellschaft, die ihren inneren Kompass verloren hat».

Vorbild Heiliger Augustin
Innerhalb des ersten Jahres hat Leo verschiedene Rollenbilder bedient: Vom Anti-Trump und Friedenspapst bis zum Befreiungstheologen. Jeder Papst ist eine Projektionsfläche und sein Image wird von den Wünschen der Gläubigen und der Öffentlichkeit geformt. All die Leo zugeschriebenen Bilder dürfen indes nicht darüber hinwegtäuschen dass er, der mit 22 Jahren in den Orden der Augustiner eintrat, ein Kirchenmann mit theologisch strikt konservativen Positionen ist. Fast schon mantraartig beruft sich der Augustiner auf den Heiligen Augustin als grosses Vorbild für unsere Zeit und hat bereits dessen symbolisches Grab im nordafrikanischen Annaba (ehemals Hippo) besucht. Demgegenüber ruft der Berliner Religionsphilosoph Christian Modehn immer wieder in Erinnerung, wie nachhaltig und folgenschwer der Bischof von Hippo vor 1600 Jahren mit seinen Lehren von der Erbsünde, der bösen Lust und der Errettung nur der wenigsten erwählten Menschen der westlichen Christenheit geschadet hat.
Leo betont gern, den Kurs seines Vorgängers fortzusetzen und beispielsweise Frauen in Leitungsämter zu berufen. In seinem ersten Lehrschreiben «Dilexi te» hat er die befreiungstheologische Option für die Armen und die Kapitalismuskritik von Franziskus bekräftigt. Einen eigenen starken Schwerpunkt setzt er bei der Bewertung der KI, die am Massstab der Menschenwürde reguliert werden müsse.

Drohendes Schisma
Doch ist der amerikanische Papst insgesamt wesentlich traditioneller, der kirchlichen Orthodoxie verpflichtet und nimmt gewisse Schritte der Öffnung seines Vorgängers zurück. Er wohnt wieder im Apostolischen Palast und erholt sich in der Sommerresidenz Castelgandolfo. Am Gründonnerstag hat er zwölf Priestern die Füsse gewaschen und nicht wie Franziskus auch Laien und Frauen. Den Traditionalisten hat er gar erlaubt, im Petersdom die Messe nach dem alten lateinischen Ritus zu feiern. Die Ironie dabei: Am 1. Juli wollen die traditionalistischen Piusbrüder ohne die Erlaubnis von Leo im Walliser Ecône eigene Bischöfe weihen, womit sie automatisch die Exkommunikation auf sich ziehen. Wie schon 1988 Johannes Paul II. bescheren die ungehorsamen Ewiggestrigen auch Leo XIV. ein Schisma, was ihn, der die Einheit ins Zentrum seines Pontifikats stellt, sehr schmerzen dürfte. Bei der Amtseinsetzung vor einem Jahr trug er den Hirtenstab des Polen-Papstes. Tatsächlich ähnelt Leo von allen seinen Vorgängern Johannes Paul II. am meisten: Wie dieser ist er politisch und sozialethisch offen, in der Lehre aber nicht kompromissbereit.

copyright: Michael Meier, Zürich.