Geiz und Hab-Gier: Die herrschenden Laster der (politischen) Gegenwart

Ein Hinweis auf „Hauptsünden“, Laster genannt, von Christian Modehn am 3. April 2026

1.
Die Inszenierung des „Geizigen“ („L` Avare“, von Molière) der „Schaubühne“ in Berlin im April 2026 (Regie: Thomas Ostermeier, mit Lars Eidinger in der Hauptrolle) führt in eine Reflexion über den Geiz, aber auch über die Gier: Beide Laster sehen wir in engem Zusammenhang. In klassischen Reflexionen werden Geiz und Habsucht (Gier) ohnehin oft verbunden, der lateinische Name „Avaritia“ bedeutet beides, Geiz und Habgier. Wer von Geiz spricht, sollte also immer auch an Habgier denken. Mag der „Geizige“ von Molière auch eine Komödie sein: Lustig ist Geiz eigentlich gar nicht, zumal für jene, die unter dem Geiz des Geizigen zu leiden haben, zumal, wenn denn die Geizigen auch noch die Gierigen sind.

2.
Ohne hier eine umfassende Tugend/Untugend-Lehre aufzumachen:
Geiz bedeutet: Sparsamkeit um der Sparsamkeit willen. Geiz zielt auf die Anhäufung von Reichtum, Geld, Eigentum jeder Art, nur mit dem einzigen Ziel: damit diese Dinge meine Dinge werden.
Den Geizigen beglückt einzig das Nehmen, das Sich-Aneignen, das Bei-Sich-Halten des Eigentums. Diesen angehäuften Reichtum kann der Geizige – schon wegen der Menge – selber gar nicht genießen. Geben, Verteilen, Gerechtsein, Soldarischsein sind für den Geizigen geradezu selbstzerstörerisch.

3.
Der Geizige braucht für sein Lebensmodell eine starke innere Kraft, man möchte sagen: eine verdorbene „Spiritualität“: die Gier, die Sucht zu Haben. Der Geizige will auch über immer mehr Eigenes verfügen. Die Geizigen werden dann die Habgierigen, die können nie genug über Eigentum verfügen. Darum brauchen die Gierigen eine enorme Durchsetzungskraft gegen die anderen. Sie werden nur als Konkurrenten gedacht, mit denen man einen „Deal“ zu eigenem Vorteil machen muss. Hat der Hab-Gierige (der Hab – Süchtige) wieder etwas erobert, gekauft, vereinnahmt, freut er sich über die Anhäufung seines Eigentums, das er, geizig, für sich behält und mit allen Mitteln schützt und auf „Teufel komm raus“ verteidigt, natürlich auch mit Waffen. Nationalismus in allen Spielarten Habgier. Geiz und Habgier führen zum Krieg, und habgierigen Politikern gelingt es immer, ideologisch verblendete, man möchte sagen dumm gemachte Massen, für die Zwecke ihrer Habsucht einzuspannen, also etwa als „Kanonenfutter“ für die Eroberungskriege zu „verwenden.“ Menschen sind für den Geizigen wie für den geizig – Habsüchtigen nur Dinge, nur „Menschen-Material“ – ein Wort aus dem Wörterbuch der Unmenschen der Nazis – damals und heute.

4.
„Der Geizige“ ist also alles andere als „nur“ eine Komödie. Das Thema führt in die Politik. Das sagt Intendant Thomas Ostermeier in einem Interview mit dem „Tagesspiegel“, 30. März 2026, S, 12, deutlich: „Die Gegensätze verschärfen sich in Berlin. Das Kapital hat die Stadt übernommen, die Mieten steigen ins Astronomische. Alternative oder künstlerische Milieus , die früher den Wert dieser Stadt ausmachten, werden verdrängt. Es gibt wesentlich mehr Armut und das Kleinbürgertum kämpft gegen seine Abstiegsängste…Der Ton wird rauer und die bürgerliche Mitte igelt sich ein.“ Man kann etwa durch ein Beispiel ergänzen: Die individuellen Geschäfte, Läden, von Privat geführt, sehr beliebt bei den Menschen, die mehr sein wollen als „Konsumenten“, werden durch die Gier der Vermieter von Gewerbe-Immobilien zugunsten von finanzstarken, anonymen, neutral erscheinenden „Ketten“ verdrängt: So wird den Menschen in ihrem Kiez ein Stück Vertrautheit und Nähe, man möchte sagen auch ein Stück Heimat genommen … durch die Gier der Kapitalisten! Und die Politikerinnen sehen dem machtlos zu. Sie sind ja oft genug mit entsprechenden Lobbyisten eng verbunden…

5.
Darüber gibt es unter Demokraten Konsens: Unsere Welt wird heute von absolut gierigen Herrschern beherrscht. Sie sind diejenigen, die gegenüber anderen, den Milliarden Armen und vom Kapital arm Gemachten, ihr eigenes Ding, ihren „Deal“ rücksichtslos durchziehen.
Und die Bürger sowie die Politiker der wenigen bis jetzt noch verbliebenen demokratischen Staaten sind hilflos dieser Gewalt und der verrückten Laune der Politik – Milliardäre und deren hilfreichen Milliardärs- Freunde ausgesetzt: Das gilt für die USA, die durch den Multi – Milliardär Trump ins Diktatorische abdriften, wie für Russland, dort sind Putin und die Seinen bekanntlich Multi-Milliardäre. Auf Bolsonaro (Brasilien) und die vielen arabischen Milliardäre wollen wir nur hinweisen oder den König von Thailand, erwähnen wir hier schon die Millionäre unter afrikanischen „Politikern“, sehr heftig etwa in Simbabwe. Auf den Milliardär und jetzt erneut wieder-gewählten (!) Ministerpräsidenten Herrn Andrej Babis in Tschechien weisen wir nur hin… Immerhin wird auch Herr Netanyahu (Israel) als ein Multi-Millionär in der Presse gewürdigt: Sehr bescheiden hingegen der deutsche Kanzler Friedrich Merz, er hat nur ein Vermögen „um die 12 Millionen“ Euro (Quelle:LINK . Bescheiden dagegen auch der CDU – Politiker Jens Spahn:Sein geschätztes Vermögen beträgt nur 3 Millionen (Quelle: LINK
Damit wollen wir überhaupt nicht andeuten, dass die genannten deutschen Politiker geizig oder gar habgierig seien. Nein, sie sind als christliche Politiker bekanntlich die bewährten Verteidiger der sozialen Gerechtigkeit für die Armen und der Großzügigkeit für Flüchtlinge – in enger Verbundenheit mir dem sehr „liberal“ denkenden Christlich (!) -Sozialen (!) Innenminister Alexander Dobrindt, ein wahrer Freund der Flüchtlinge? Sie alle sind doch auch die entschiedenen Befürworter einer Reichensteuer ….. oder irre ich mich da? Muss man sich bei diesem dringenden Thema ins Utopische flüchten?

6.
Wohin also führen diese wenigen unvollständigen Überlegungen anläßlich der Inszenierung des „Geizigen“ in der „Schaubühne“, Berlin, im April 2026?
Sie führen zur Erkenntnis, dass die Menschen der meisten Staaten, tatsächlich von Plutokraten beherrscht werden. Plutokraten – das ist nur ein anderer Name für die absolut Gierigen und Geizigen. Und die treffende Anrede von Staatspräsidenten sollte immer sein: „Der Herr Plutokrat Trump, der Herr Plutokrat Putin, der Herr Plutokrat Babis usw…auch für Mohammed VI. (Marokko) gilt dies, auch: Herr Plutokrat Teodoro Obiang Nguema Mbasogo (Präsident von Äquatorialguinea), Herr Plutokrat Paul Biya (Präsident von Kamerun), Herr Plutokrat João Lourenço (Präsident von Angola) die treffende Anrede…
Es ist irgendwie verwunderlich, dass genau diese drei von extremen Plutokraten regierten afrikanischen Staaten Papst Leo im April 2026 auf seiner apostolischen Reise besucht, er will dort die Armen treffen, heißt es im Vatikan. Vielleicht hofft der Papst auf eine milde Gabe, einen üblichen „Peterspfennig“, der Plutokraten für seinen so bettelarmen“ Heiligen Stuhl“..

7.
Merke also: Umfassende gerechte Sozialpolitik, die diesen Namen verdient, ist von diesen Milliardärs-, Millionärs – Politiker Herren überhaupt nicht zu erwarten. Es sei denn, sie bekehrten sich von ihrer Hab – Gier und ihrem Geiz. Das ist nahezu ausgeschlossen. Und eine gerade jetzt dringend gebotene gerechte Reichensteuer ist von diesen Herren auch nicht zu erwarten: Welcher Gierige, Geizige, schneidet sich mit einer humaner Politik des Teilens und der Solidarität in das eigene, bestens gepflegte Fleisch?

8.
Von Enteignung der Milliardäre zur Rettung der Welt und zugunsten einer humaneren, d.h. gerechteren Welt, wagt heute kaum jemand zu sprechen. Warum sitzen, um Gottes Willen, so viele Menschen ungestraft und eben nicht ein bißchen enteignet auf ihren so vielen hunderten von Milliarden Dollar oder Euro oder Schweizer Franken? Warum empört sich keine Massenbewegung gegen diesen Wahn der Ungerechtigkeit? Einige wenige Milliardäre sind ja mit menschlichem Vorbild aufgetreten – und haben etwas Geld verteilt, weil sie Mit – Menschen geblieben sind.

9.
Ist das Thema Enteignung wirklicher nur ein Thema des radikalen Sozialismus? Dabei passieren doch Enteignungen vieler Millionen Menschen ständig vor aller Augen: Da werden viele Millionen ArbeiterInnen in den Fabriken um ihr eigenes gesundes Leben enteignet … durch horrende Arbeitsbedingungen; da schuften Kinder in den Goldgruben Afrikas… Arbeitssklaven auf den Baustellen der arabischen Welt und so weiter: Millionen Menschen werden längst ent-eignet, um das Eigene ihres eigenen freien, menschenwürdigen Lebens gebracht.
Enteignung, durch die Plutokraten und ihre Freunde, gibt es also längst und seit langem. Geht auch mal der umgekehrte Weg? Der von der Enteignung der Enteignenden handelt? Eine interessante, aber nur spekulative und selbstverständlich völlig sinnlose, wenn nicht verbotene Frage einiger Demokraten.

10.
Es sieht also für die Bürger düster aus, wenn man sich vom „Geizigen“ (Molière) ins weitere Reflektieren führen lässt. Vielleicht kann man anläßlich dieser Komödie aus dem 17. Jahrhundert und dem geizigen Harpagon (d.i. jetzt Lars Eidinger) dann doch wenigstens für ein paar Minuten schmunzeln, um dann wieder, leicht verzweifelt, in die Welt der verrückt gewordenen Plutokraten zurückkehren zu müssen. In die Stadt Berlin etwa, von der Intendant Ostermeier treffend sagt: „Das Kapital hat die Stadt übernommen“. Man lebt zudem in einer Stadt, in der es kritische Propheten aus christlichen Kreisen längst nicht mehr gibt! Bischöfe und Theologen sind eher Verwalter ihrer eigenen gut bezahlten Stellung geworden. Einst waren manchmal einige christliche Theologen und Bischöfe noch so etwas wie Propheten.
Sollen sich doch mal Berliner TheologInnen und Bischöfe mit der treffenden These des Künstlers Thomas Ostermeiers auseinandersetzen: „Das Kapital hat die Stadt übernommen“. Sollen sie doch mal eine Berliner-Theologie in diesem Zusammenhang entwickeln.
Ein großer Künstler hat den Mut, den menschlichen Niedergang (nicht nur) dieser Stadt zur Sprache zu bringen. Es ist ein Niedergang – von der Demokratie zur Herrschaft des Kapitals … verursacht von Geiz und Habgier.

Copyright: Christian Modehn, religionsphilosophischer-salon.de