Wenn der Dialog heute verweigert wird

Die Philosophie und das Verschwinden vernünftiger Kommunikation heute

Ein Hinweis von Christian Modehn zur Philosophie von Karl-Otto Apel

Die Krise der Kommunikation heute, als Verleumdung, Lügenpropaganda, Abbruch des Dialogs, Niveauverlust in den Gesprächen usw. ist auch eine Krise der Demokratie heute. Zu diesem Krankheitssyndrom kann die Philosophie hilfreiche Hinweise geben, wenn sie auf die unaufgebbaren Voraussetzungen der Kommunikation aufmerksam macht. Wer sie nicht beachtet, schädigt sich selbst auf Dauer.

Philosophieren als Praxis der Philosophie kann die Welt zwar nicht unmittelbar, nicht sofort, nicht „ad hoc“, verbessern. Aber Philosophie bringt Klarheit in die von Menschen verwendeten Begriffe und Werte bzw. Unwerte: Wer will schon selber in einem widersprüchlichen Wirrwarr von Meinungen und Behauptungen leben, wie im Nebel orientierungslos herumirren? Philosophie zeigt Irrtümer und Lügen auf und stellt die Frage: Ob Menschen mit der Lüge leben wollen.

Die Stärke der Philosophie ist die tief greifende Analyse der Sprachwelten, in denen die Menschen sich heute bewegen. Philosophie klärt auf über das, was wir sagen und tun und welche Konsequenzen das hat.

Philosophen sagen also eher selten, was denn konkret jetzt im einzelnen zu tun ist. Sie sind dem Allgemeinen verpflichtet, der Reflexion auf das allen Gemeinsame, die Vernunft. Aber gerade darin liegt die Bedeutung der Philosophie bzw. einer bestimmten Form des Philosophierens. Philosophie hat Wesentliches in der Krise zu sagen. Leider sagen das so wenige PhilosophInnen heute. Die demokratischen Gesellschaften haben heute ein tief greifendes Kommunikationsproblem. Man könnte sagen: Menschen unterschiedlicher Herkunft, Bildung, Parteienzugehörigkeit, Religionsbindungen usw. verstehen einander nicht mehr. Und das ist in dieser radikalen Dimension neu. Heute haben sich die Feinde der immer zu verbessernden (!) Demokratie innerhalb der Demokratie auch in Europa breit gemacht, das ist das Besondere und Gefährliche.

Jetzt reden Menschen aneinander vorbei, auch wenn sie noch die gleich klingenden Begriffe verwenden. Einen gemeinsamen sachlichen verbindenden und verbindlichen Inhalt gibt es oft nicht mehr: „Demokratie“, „Rechtsprechung“, „Gleichheit vor dem Gesetz“ usw. werden in widersprüchlichen Bedeutungen verwendet. Und die Kontrahenten sehen nicht mehr, was ein gemeinsames inhaltliches Verstehen leisten könnte.

Mister Trump erschüttert das Zusammenleben vernünftiger Menschen durch sein von Psychologen auch bestätigtes verrückt zu nennendes Agieren. Er sieht sich, der Autokrat, als der Herr der Wahrheit (ebenso Putin und die vielen anderen, die sich in Europa Politiker nennen): Um bei Mister Trump zu bleiben: Er kann heute die Wahrheit A und schon ein paar Stunden später die der Wahrheit A völlig widersprechende Wahrheit B verkünden. Die Bürger bzw. wenigstens seine Getreuen sollen gehorsam dem herrschaftlichen Umgang mit seiner Wahrheit folgen. Trump etabliert sich so als „der Führer“. Durch diese krankhafte Weise permanenter Verwirrung werden Menschen auf Dauer dann müde und zermürbt. Ihr Vertrauen in Erkenntnisse und Sätze mit Wahrheitsanspruch schwindet; ebenso wird das elementare Vertrauen in einen Mann, der sich Präsident nennt, zerstört. So bilden sich feinselige Fraktionen in ein und derselben Gesellschaft: Die einen halten sich an Wahrheit A, die anderen an Wahrheit B, und einige noch an die tatsächliche Wahrheit; vielen aber wird dieses ganze Thema dann doch ganz egal: Sie überlassen den Führern das Feld. Die permanente Verwirrung angesichts der Fakes und der Fakes – Behauptungen zerstört letztlich die letzten Reste von Demokratie. Und das wollen diese Herren, man befasse sich intensiver mit dem rechtsradikalen Freund von Mister Trump, mit Steve Bannon, der jetzt sein Netz knüpft zwischen allen rechtsradikalen Parteien Europas, auch die AFD hat Kontakte zu Bannon. Angesichts dieser eher hoffnungslos stimmenden Situation fragen sich einige: Und was haben Philosophen zu diesen Verhältnissen zu sagen? Philosophie hat es bekanntlich mit den „allgemeinen“ Fragen zu tun. Sie beschäftigt sich kritisch reflektierend mit der Vernunft und weiß, dass es tatsächlich nur eine gemeinsame Vernunft der Menschen geben kann. Selbst wer als Philosoph etwa in der Postmoderne von der Vielfalt verschiedener historisch – kulturell differenter „Vernünfte“ spricht oder sprach, verbindet doch die Vielfalt dieser „regional“ verschiedenen Vernünfte in seiner vernünftigen, von allen Lesern nachvollziehbaren Beschreibung zu einer gemeinsamen Verständlichkeit zusammen; d. h. wer von vielen Vernünften spricht, MUSS sich doch wieder einer gewissen „einheitlichen“ Sprache zur Erklärung dieser Behauptung bedienen. Noch einmal: Alle Interpretationen der vieler Vernünfte gelingen nur in der Verwendung dann doch einer gemeinsamen Sprache, der sich der darstellende Philosoph bedient.

Eine Privatsprache, die nur ich und vielleicht ein Freund verwenden und verstehen, kann man ja als Hobby entwickeln, nur wird sie als Privatsprache nie allgemeine Sprache werden (dürfen). Darauf hat der späte Wittgenstein bekanntlich hingewiesen.

Selbst wenn man die, kulturell bedingt, inhaltlich differenten Begriffe respektiert, etwa die unterschiedliche Bedeutung von „Welt“ oder „Transzendenz – Immanenz“ in Westeuropa und in China, wird man doch bei aller Differenz dann in einer gemeinsamen (englischen ?) Sprache die kulturell bedingten inhaltlichen Verschiedenheiten herausstellen. Man wird sich also verständigen, weil es eben doch eine allgemeine Verstehensmöglichkeit auch begrifflicher Art gibt. Selbst wenn große kulturelle Errungenschaften wie die Menschenrechte in einem bestimmten Teil dieser Erde entstanden sind, eben in Westeuropa, haben die Menschenrechte doch als solche universale Gültigkeit. Die regionale Herkunft einer Erkenntnis schließt nicht die universale Geltung aus! Das verstehen leider viele immer noch nicht! Alle, die die Menschenrechte sozusagen auf den europäischen Raum begrenzen wollen (auch aus machtpolitischen Gründen), müssen sehen: Selbst die heutigen Chinesen wollen sich für den allgemeinen Respekt der Menschenrechte einsetzen, man denke an die Dissidenten, an das Nein der Leidenden zum Regime. Im Nein der Leidenden zeigt sich die Universalität der Empfindung für die Menschenrechte und in der Empfindung dann für die Inhaltlichkeit der Menschenrechte und deren universeller Geltung. Dass die Menschenrechte heute in den Ländern, in denen sie einst formuliert wurden, nicht praktisch umfassend genug gelebt werden, ist ja kein Widerspruch zu ihrer universalen Gültigkeit. Menschnrechtler aber protestieren gegen den Verfall der Humanität etwa im neuen nationalistischen Wahn in Europa. Aufgrund des Nichtrespekts der Menschenrechte durch Herrscher und Autokraten in der westlichen Welt zu behaupten: Dann gelten in dieser Situation die Menschenrechte eben nicht mehr, wäre eine Art Suizid der Menschheit.

Diese hier nur kurz in Erinnerung gerufenen Tatsachen sind allgemein bekannt oder sollten allgemein bekannt sein.

Wichtiger ist es, sich in dieser Situation allgemeiner Kommunikationsverwirrung mit der Diskursphilosophie von Karl-Otto Apel (1922 – 2017) wieder intensiver zu beschäftigen. Er ist zweifellos einer der ganz großen Philosophen der Gegenwart, sein Einfluss auf das Denken von Jürgen Habermas ist eine Tatsache. Nachteilig ist nur für viele nicht so geübte Leser philosophischer Autoren: Karl-Otto Apel schreibt eher sehr anspruchsvoll, die Mühe des denkenden Lesens sollte man aber unbedingt wagen. Empfehlenswert ist die Einführung in sein Denken von Walter Reese-Schäfer erschienen im Junius Verlag.

Um den Kern der Sache, um die es Apel und uns in dieser Krise der Kommunikation geht, kurz zu skizzieren:

Apel geht davon aus, dass mit dem Eintritt verschiedener Menschen in ein gemeinsames Gespräch, in einen Disput oder Diskurs, bestimmte Voraussetzungen von selbst (!) mit – gegeben sind; diese müssen philosophisch freigelegt werden. Nur so kann jeder Sprechende wissen, was er/sie eigentlich im Argumentieren schon mit-bringt an nicht thematisierten Voraussetzungen. Philosophie wird so bei Apel – in der Bindung an Kant – zu Implikationsforschung bzw. Freilegung von Implikationen, die immer schon in unserem geistigen Handeln, im Reden etwa, mitgegeben sind. „Apels Weg ist die hermeneutische Besinnung auf die notwendigen Voraussetzungen der Argumentation“, schreibt Reese-Schäfer, S. 56.

Diese Voraussetzungen sind nicht in erster Linie Voraussetzungen äußerer Art, etwa ein angenehmes Gesprächsklima mit entsprechenden Räumen oder die Entscheidung für eine allen Gesprächsteilnehmern gemeinsame Sprache.

Entscheidend sind vielmehr die „unsichtbaren“ Voraussetzungen im Sprechen und Zuhören und Antworten selbst. Diese unsichtbaren Voraussetzungen (Aprioris im Sinne von Kant, er spricht von transzendentalem Apriori) ) bringen die Menschen IMMER SCHON mit, als mit Geist/Vernunft ausgestattete Wesen, ob sie das wollen oder nicht, ob sie diese apriorischen Voraussetzungen für sich bejahen oder nicht. Man entkommt diesen Voraussetzungen förmlich gar nicht. Es geht also um Dimensionen de Vernunft „die man nicht bestreiten kann“ (Reese- Schäfer, S. 47). Wer diese immer schon mitgebrachten Voraussetzungen bestreitet, bedient sich aber ihrer noch einmal gerade im Bestreiten selbst; er wird diese Voraussetzungen nicht los. Sie sind „unhintergehbar“, wie Apel sagt. Im Reflektieren auf sie kommt der Geist/die Vernunft auf etwas Letztes, das er als Geist/Vernunft nicht noch einmal tiefer begründen kann.

Im Gespräch/Diskurs gehen die Redner, Zuhörer, Antwortenden immer schon de facto davon aus, dass sie einander verstehen wollen. Der Eintritt in den Diskurs ist freiwillig, es sei denn, es handelt sich um Friedensverhandlungen etwa nach einem Krieg. Wenn in Krisenzeiten Menschen sich dem Diskurs entziehen, kann dies Ausdruck von Misstrauen, Schwäche, Ablehnung von kommunikativer Nähe sein, diese Haltung wäre eigens zu bedenken.

Aber: Im allgemeinen gilt: Wer in die Kommunikation eintritt, will tatsächlich kommunizieren. Will verstehen, will sich selbst und andere verstehen in Richtung auf ein gemeinsames Ziel.

Dies ist die Voraussetzung ihrer Zusammenkunft. Selbst wenn ein Gesprächsteilnehmer an dem Diskurs teilnimmt, um sein Nichtverstehen und Nichteinverstandensein bald zu dokumentieren, so sagt er das in Worten, die alle anderen verstehen. Er will sich gerade als „Nichteinverstandener“ ja für andere verständlich etablieren. Selbst wenn er seine Haltung (nur) durch symbolisches Agieren dokumentiert, muss dieses symbolische Agieren, etwa durch Schreien, Aufstehen, den Raumverlassen usw. als symbolische Tat von den anderen verstanden werden. Ein symbolisches Handeln in einer „Privatsprache“, die nicht allgemein verstanden würde, wäre total sinnlos auch für diesen Agierenden.

Das heißt: Alle Gesprächsteilnehmer binden sich, meist unbewusst, aber doch gültig und tatsächlich, an die gemeinsam geteilte Überzeugung: zu einer einzigen Kommunikationsgemeinschaft zu gehören. Sie bekennen förmlich: Wir sind eine sich verstehende bzw. verstehen wollende Gemeinschaft. Nur aus diesem Grund kommen wir ja zusammen, nur aus diesem Grund sprechen wir miteinander.

Inhaltlich kann natürlich wirklich alles Mögliche gesagt werden. Nur: Formal steht das inhaltlich Gesagte immer unter einem nicht abzuwerfenden Apriori: Alles Gesagte darf nicht dem formal festzustellenden inneren Widerspruch unterliegen. Wenn jemand sagt: “Alle Sätze, alles Urteilen, sind sinnlos“, dann ist in diesem einfachen Beispiel natürlich auch sein Satz sinnlos und bedarf keiner weiteren Debatte. Dieser Redner lebt in einem Selbstwiderspruch, der für ihn nicht nur blamabel, sondern wohl auch seelisch schädlich ist. Der Selbstwiderspruch im Denken und Sprechen muss kommunikativ gelöst werden.

Wenn jemand sagt: „Jetzt behaupte ich als Faktum: Die Einwohnerzahl von Berlin beträgt zur Zeit 3,7 Millionen Menschen“. Was wissenschaftlich betrachtet korrekt ist. Wenn dieselbe Person dann aber ein paar Stunden später sagt: „Jetzt sage ich als Faktum, die Einwohnerzahl von Berlin beträgt zur Zeit nur 2 Millionen Einwohner“, dann ist das nicht nur ein dummer, autoritärer Umgang mit Fakten. Diese Person, die ja Kenntnis hat von der Einwohnerzahl hat, also durchaus gebildet ist, fühlt sich überhaupt nicht gebunden an die innere Verpflichtung des Geistes, der Vernunft, die Wahrheit zu sagen. Anders formuliert: Diese Willkür im Umgang mit Fakten kann vor dem universalen Wahrheitskriterium des Kategorischen Imperativs nicht bestehen. Eine Person, die die formale Bindung eines jeden Menschen an den Anspruch der Wahrhaftigkeit autoritär überspringt, muss zudem damit rechnen, dass Menschen auftreten und sagen: Jetzt ist diese Person noch der Präsident, ein paar Stunden später ist er es nicht mehr, weil wir Bürger ihn in ein Altersheim einweisen…Subjektive Willkür im Umgang mit Wahrheit rächt sich also.

Die große Frage ist: Wie gehen vernünftig und selbstkritisch argumentierende Gesprächsteilnehmer mit einem Menschen um, der gar nicht ernsthaft argumentieren will? Es ist ja im persönlichen, privaten Bereich möglich, sich vernünftigen Argumenten zu entziehen. Schwierig wird es, wenn diese Person auch politisch sehr einflussreich ist und etwa über das berühmte Knöpfchen verfügt, um einen Atomkrieg anzuzetteln…Walter Resse- Schäfer behauptet sogar, die Diskurstheorie von Apel enthalte „die stille Drohung , diese Irrationalisten in eine Heilanstalt zu sperren“ (Seite 51), was ja im Falle der für Atombomben Verantwortlichen, aber unvernünftigen Politiker so falsch wohl nicht wäre… Reese – Schäfer verweist auf Seite 157, Fn. 17, auf Apels Aussage in „Diskurs und Verantwortung“, S. 336 und er weist auf eine ähnliche Position bei Habermas hin, „Moralbewusstsein und kommunikatives Handeln“, S. 109ff.

Wie auch immer man dieses schwere Problem weiter diskutiert: Wie Demokratie mit den inneren Zerstörern der Demokratie umgeht, ist eine der Hauptfragen der Zukunft. Der Krieg im Innern der Demokratie ist ja seit dem Faschismus und dem Nazi-Wahnsinn bekannt. Damals handelten nur sehr wenige rechtzeitig gegen die „Feind im Innern“, der letztlich ein Feind der vernünftigen Kommunikation war: Wenn Goebbels 1943 rief: „Wollt ihr den totalen Krieg“, war das, philosophisch betrachtet, auch der Wille von Goebbels, selbst in diesem totalen (!) Krieg unterzugehen. Es waren Massen, die manipuliert wurden und schon im nationalistischen rassistischen Wahn lebten, sie waren von kritischer Reflexion nicht mehr erreichbar. Solche Niederlage der Vernunft geschieht durch populistische Agitatoren immer wieder. Widerstand muss rechtzeitig sein!

Wenn Philosophie etwas beitragen kann in dieser Krise, dieser Zerstörungssucht der Demokratien in Europa von innen her: Dann ist es das umfassende kritisches Nachdenken für alle und mit allen pflegen. Auf die inneren Widersprüche der Feinde der Demokratien aufmerksam machen. Wer den dummen Spruch sagt „Merkel muss weg“, muss sich logischerweise auch gefallen lassen. „Auch du rechtsextremer Politiker musst als Politiker weg“. „Denn du passt mit diesen brutalen Sprüchen nicht in eine demokratische Gesellschaft“. Diese rechtsradikale Argumentationsstruktur, falls sie noch den Namen verdient, lebt von inneren Widersprüchen. Philosophen müssen mit Psychologen zeigen, was es bedeutet, wenn Menschen mit logischen und inneren Widersprüchen leben. Wir sind wieder beim Thema, das schon in Punkt 6 angesprochen wurde.

10 Wenn der Mensch sich doch wesentlich noch als Wesen des Geistes, des Verstandes, der Empathie versteht, denn nur dann ist er Mensch und eben kein irrational agierendes Tier, dann muss er offen sein für Argumente, Diskussion, Ringen um die gemeinsame Wahrheit. Oder er verweigert sich und will eben Krieg aller gegen alle (siehe die zerstörerisch – apokalyptischen Visionen von Steve Bannon).

Es geht um die Frage: Wollen wir wirklich noch menschlich bleiben, wollen wir mental gesund bleiben? Wollen die allen Menschen gemeinsame Vernunft, die sich in den Menschenrechten äußert, als oberste Instanz anerkennen, wirklich als oberste Instanz, also auch über allen verschiedenen Religionen und sonstigen Weisheitslehren stehend. Über die Versöhnung der Differenzen in den unterschiedlichen Religionen können ja bekanntlich nicht die einzelnen Religionen befinden: Das Gemeinsame, Friedvolle, Humane kann nur die übergeordnete Philosophie entdecken und freilegen. Es ist also die Aktualität eines Hegelschen Gedankens, dass die Philosophie ÜBER den Religionen steht, die beachtet werden sollte. Womit nicht gesagt ist, dass nicht religiöse Menschen ihre Religion leben dürfen, im Rahmen der Menschenrechte, d.h. der allen gemeinsamen Vernunft.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

An Fakten glaubt man nicht!

An Fakten glaubt man nicht!

Drei Fragen an Prof. Wilhelm Gräb, Berlin

Die Fragen stellte Christian Modehn

Die neue US – amerikanische Regierung unter Trump will der Öffentlichkeit einhämmern, dass sie allein weiß, was Fakten sind. Wir sollen Tatsachen (etwa: wie viele Leute bei der Amtseinführung Trumps dabei waren) in einer offiziell vorgegebenen Umdeutung als Glaubenshaltung akzeptieren. Glauben an die Machthaber soll Wissen ersetzen. Was kann der einzelne dagegen tun?

Es ist wirklich grotesk, was zurzeit im Weißen Haus in Washington geschieht. Es geht schlicht nicht, Faktenwissen zur Glaubensfrage zu erheben und dann auch noch über den richtigen Glauben durch willkürlichen Machtentscheid zu befinden. Was die Fakten sind, wie also sich etwas tatsächlich verhält oder verhalten hat, können wir wissen. Um solches Wissen können wir uns zumindest bemühen und das tun wir ja auch ständig. Deshalb recherchieren seriöse Journalisten, bevor sie mit einer Meldung an die Öffentlichkeit gehen. Auch die Wissenschaft, also das methodisch kontrollierte Bemühen um das Wissen, verlöre jeden Sinn, wenn das Wissen-Können durch ein Glauben-Müssen ersetzt würde.

Allerdings, worauf uns Trumps unverschämte Attacke auf die Freiheit der Medien und der Wissenschaft aufmerksam machen kann, ist, dass es Wissen und Glauben nicht nur zu unterscheiden gilt, sondern diese auch miteinander zusammenhängen.

Was wir wissen können, müssen wir auch wissen dürfen. Das ist die Basis einer freien und demokratischen Gesellschaft. Wo das Wissen, das möglich ist, nicht zugelassen oder unterdrückt oder schlicht per Machtentscheid zur Unwahrheit erklärt wird, haben wir es mit einer Diktatur zu tun. Das, was wir wissen oder zu wissen meinen, ist allerdings immer fraglich und umstritten. Ob hinsichtlich der Besucherzahl bei der Inaugurationsfeier die Medien oder die Trump-Leute Recht haben, muss geprüft werden. Das ist keine Glaubensfrage, sondern verlangt das Bemühen, herauszufinden, welche der strittigen Behauptung wahr ist. Jedes Wissen ist falsifizierbar, kann widerlegt werden. Von der Widerlegbarkeit des Wissens lebt die Wissenschaft. Die Bestreitung von Wissen will aber nie das Wissen durch einen Glauben, gar einen befohlenen Glauben ersetzen, sondern will ein zutreffenderes Wissen hervorbringen, herausfinden, was wirklich der Fall war oder der Fall ist, was also die Wahrheit ist.

Das Wissen kann und darf nicht durch den Glauben ersetzt werden. Gleichwohl ist das Wissen elementar auf den Glauben angewiesen, eben auf den Glauben an das Wissen-Können bzw. auf den Glauben an die Wahrheit. Wenn wir nicht mehr an die Wahrheit glauben und deshalb nach ihr suchen, ist kein kooperatives Zusammenleben mehr möglich.

Was kann der einzelne, was können wir tun, angesichts der empörenden Arroganz der Macht, die die neue US-amerikanische Administration demonstriert und mit der sie die Gefahr eines Endes der Freiheit der Medien, der Wissenschaft und damit der Demokratie heraufbeschwört?

Mir fällt nichts Besseres ein als zu sagen, es gilt ebenso treu wie trotzig am wahren Glauben, der ein Glaube an die Wahrheit ist, festzuhalten. Ermutigen kann uns dabei ein Wort Jesu aus dem Johannesevangelium: „Ihr werdet die Wahrheit erkennen und die Wahrheit wird euch frei machen!“ (Joh 8, 32)

In den USA spielen fundamentalistische christliche Organisationen leider eine über-große Rolle auch in der öffentlichen Propaganda. Ist Trumps Eintreten für den autoritär vorgegebenen Glauben, entgegen der Faktenlage, auch ein Produkt dieser Kultur verirrter Frömmigkeit?

Der wahre Glaube, der ein Glaube an die Wahrheit ist, begrenzt nicht das Wissen, schon gar nicht ersetzt er das Wissen. Der wahre Glaube stachelt zum Wissen an. Wer an die Wahrheit glaubt und dann sogar auch noch weiß, dass wir an die Wahrheit glauben müssen, der will immer mehr wissen, will herausfinden, was wirklich der Fall ist. Der wahre Glaube führt in den Streit um die Wahrheit. Dieser Streit aber muss mit besseren Argumenten und mit dem Verweis auf die Evidenz von Fakten ausgetragen werden.

Insofern ist der Vorgang, den der neue US-amerikanische Präsident darstellt, in der Tat auch ein Resultat der heillosen Verwirrung im Verhältnis von Wissen und Glauben, den die religiösen Fundamentalisten aller Couleur seit längerem schon anstiften. Die religiösen Fundamentalisten behaupten ja z.B. zu wissen, dass Gott die Welt in 6 Tagen geschaffen hat. Sie versuchen dafür geologische Beweise vorzubringen. Sie kennen keinen Glauben, der wirklich Glaube ist, Vertrauen in die Durchsetzung der Wahrheit, um die wir Menschen uns immer nur strebend bemühen können. Die religiösen Fundamentalisten behaupten, zu wissen, wo es recht eigentlich um das Glauben geht und sie glauben, wo sie sich um ein besseres Wissen bemühen sollten.

Der heillosen religiösen Verirrung, der die Fundamentalisten erliegen und in deren Bannkreis auch Trump und seine Leute stehen, ist leider nur mit religiös-theologischer Aufklärung zu begegnen.

Glauben und Wissen sind zwei unterschiedliche menschliche Haltungen der Wirklichkeit gegenüber. In welcher Beziehung zur Wirklichkeit hat Glauben, wohl immer verbunden mit fragendem Zweifeln, überhaupt Sinn und ist vernünftig vertretbar?

Je mehr wir wissen, wissen können und wissen wollen, desto dringender brauchen wir den Glauben, den wahren Glauben, der ein Glaube an die Wahrheit ist. Der Glaube an die Wahrheit treibt uns dazu an, immer mehr wissen zu wollen. Er führt uns in den Streit um die Wahrheit, eben weil mit ihm das Wissen verbunden ist, dass unser Wissen immer strittig bleibt. Ohne die Auseinandersetzung zwischen miteinander streitenden Wahrheitsansprüchen gibt es kein Wissen. Wissen ist auf Dialog und Dialektik angewiesen. Nichts ist ohne sein Gegenteil wahr!

So gesehen macht dann das Glauben gerade dem, der wissen will und sich am Streit um die Wahrheit beteiligt, enorm viel Sinn. Unser Bemühen um das Wissen, herauszufinden, was wirklich ist, ergibt überhaupt erst in Verbindung mit dem Glauben an die Wahrheit einen Sinn. Würden wir nicht an die Wahrheit glauben, wären wir im Grunde alle in der Lüge gefangen. Dann träte aber auch genau der Zustand ein, in dem ein kooperatives menschliches Zusammenleben gar nicht mehr möglich ist.

Also, wer an der Möglichkeit des Wissen-könnens und damit an der Unterscheidung von wahr und falsch festhält, und das sind im Grunde alle, denen es um eine demokratische Verständigung über die unser Gemeinwesen betreffenden Angelegenheiten geht, der muss zugleich ganz stark glauben, muss an die Wahrheit glauben. Ja, die Wahrheit ist das, woran wir glauben müssen, weil wir sie selbst nicht wissen können. Die Wahrheit bleibt uns entzogen, letztlich unbegreiflich, ist aber gerade so das Ziel all unseres Streben nach Wissen. Diesen Glauben gibt es nicht ohne den Zweifel, eben weil er wahrer Glaube und kein Wissen ist, zu einem solchen auch niemals werden kann.

Statt vom Glauben an die Wahrheit können wir dann aber auch vom Glauben an Gott sprechen. „Gott“ ist das Wort für den unbegreiflichen Sinn des Ganzen. Wer wahrhaft an Gott glaubt – und nicht an einen zum Zwecke eigenen Machtstrebens aufgestellten und die eigene Größe demonstrierenden Götzen –, der strebt nach der Wahrheit, setzt sich argumentativ mit den Wahrheitsbehauptungen anderer auseinander, bleibt im Gespräch.

Wer nicht an Fakten, sondern an Gott als die Wahrheit glaubt, strebt nach der Wahrheit, indem er sie herausfinden will. Er behauptet nie, die Wahrheit zu besitzen und in der eigenen Tasche zu haben.

Copyright: Prof. Wilhelm Gräb, Berlin, und Religionsphilosophischer Salon Berlin