Marx, Wagner, Nietzsche!

Über ein neues Buch von Herfried Münkler

Ein Hinweis von Christian Modehn

Herfried Münkler, Professor em. für Politikwissenschaft an der Humboldt Universität in Berlin, legt ein gleichermaßen umfangreiches wie originelles Buch vor: Die drei „Denker“, um diesen etwas pathetischen Oberbegriff für Marx, Wagner und Nietzsche zu gebrauchen, haben mit ihren Werken auf je unterschiedliche Weise den globalen Umbruch im 19. Jahrhundert und darüber hinaus mit-bestimmt. Ihr politischer, künstlerischer und kultureller Einfluss ist bis heute evident, nicht nur in Europa. Die Werke der drei Deutschen sind keineswegs „ausstudiert“. Man hätte sich wohl auch drei maßgebliche europäische, nicht-deutsche „Denker“ aus dem 19. Jahrhundert vorstellen können. Aber die Bedeutung der drei Deutschen ist unumstritten, und dies zu sagen, hat nichts mit Nationalismus zu tun..

1. Herfried Münkler bietet einen interessanten neuen Ansatz: Er präsentiert und diskutiert Marx, Wagner und Nietzsche NICHT jeweils für sich getrennt, sondern zeigt in allen Kapiteln seines 620 Text-Seiten umfassenden Buches Querverbindungen, Gemeinsamkeiten, Widersprüche. Das macht die Lektüre spannend, aber manchmal auch anstrengend, weil eben von dem einen zum anderen gesprungen wird. Münkler „bringt die Drei miteinander ins Gespräch“, selbst wenn sie, historisch gesehen, kaum Kenntnis voneinander hatten, sieht man einmal von den Beziehungen zwischen dem jungen Nietzsche und Wagner ab. Die drei können sogar, meint Münkler, Begleiter sein im 21. Jahrhundert, aber, und das ist wichtig, „wobei diese Begleitung eher eine der kritischen Infragestellung als eine der selbstsicheren Wegweisung ist“ (616).

Um das besondere Profil jedes der drei im Sinne Münkles anzudeuten: Marx „als Ökonom und Soziologe setzt auf die Revolution der sozioökonomischen Verhältnisse, Wagner auf die kulturelle Regeneration und Nietzsche auf die Schaffung eines neuen Menschen“ (ebd.)

2. Münkler berichtet, dass er sich als Politologe selbstverständlich seit langem mit Marx auseinandergesetzt hat. Neu dürfte für manche die jahrelange Beschäftigung Münklers mit Richard Wagner sein, er kommt lang und breit in dem Buch zu Wort. Nietzsche hingegen ist wohl erst anlässlich der Studien zu diesem Buch für Münkler wichtig geworden (vgl. S. 715).

3. Unter den neun Kapiteln des Buches, die sich auf gemeinsame Sachthemen der drei beziehen, möchte ich vor allem auf das 5. Kapitel „Zwischen Religionskritik und Religionsstiftung“ hinweisen (S. 209 – 289). Das 19. Jahrhundert war nach der Französischen Revolution einerseits vor allem von einer Krise des Katholizismus bestimmt mit den ersten großen Umbrüchen in Richtung Säkularisierung des religiösen Bewusstseins. Andererseits war es aber auch das Jahrhundert vieler Religionsgründungen und Abspaltungen von den großen Konfessionen im Sinne von „Sekten“-Gründungen: Um nur einige zu nennen: Man denke an die Religion des Positivismus gegründet von A. Comte oder an den Altkatholizismus, an neue religiöse Gemeinschaften in den USA, wie die Christian Science oder die Mormonen oder an sehr beliebte esoterische Bewegungen damals wie den Spiritismus. Ich finde es schade, dass Herfried Münkler in seinem Religionskapitel dieses breite und durchaus diffuse religiöse „Aufblühen“ im 19. Jahrhundert in seiner Darstellung der „drei“ nicht berücksichtigt.

4. Marx, Wagner und Nietzsche haben je verschiedene, ganz ungewöhnliche Verbindungen zum Religiösen bzw. konkret zum Christlichen/Kirchlichen. Bei Marx werden die religiösen, d.h. christlichen und jüdischen Lehren „ins Diesseits verlagert“ (211). Im 20. Jahrhundert wird dann „der Kapitalismus als Religion“ thematisiert. Vom Kommunismus als Religion, etwa mit dem Stalin-Kult, spricht Münkler nicht, weil er als Historiker meint, Karl Marx habe mit dem Staats-Kommunismus in der UDSSR nichts direkt zu tun.

Richard Wagner ist bekanntlich als Antisemit auch ein Religionsgründer, er will mit seinen Festspielen eine Art neuer Kunst-Religion etablieren. „Erst in der 1950er Jahren kam ein Prozess der Desakralisierung (von Wagners Opern) in Gang“ (214). Nietzsche benannte und verkündete in seinen Aphorismen und in seinem „Zarathustra“ das faktische geistige und spirituelle Ende des Christentums. Aber Nietzsche hat mit seiner Lehre vom Übermenschen und der Ewigen Wiederkehr des Gleichen neue religiöse Dimensionen für die „wenigen“ „freien Geister“ erschließen wollen.

In dem Religionskapitel zeigt sich Münkler besonders als Kenner der künstlerischen Welt Wagners. Auf vielen Seiten werden die Inhalte des „Ring“ dargestellt… Dabei zeigt sich „Wagners Sorge um die Zukunft der Religion in einer arelgiösen Welt“ (S. 246). „Was Wagners religiöse Vorstellungswelt durchgängig prägt, ist sein Distanz gegenüber allen Formen der Institutionalisierung des Religiösen, also gegenüber der Kirche und einer dogmatischen Theologie“ (279).

Das ist, möchte man meinen, auch ein ganz aktuelles, “heutiges“ Thema im 21. Jahrhundert, wenn Münkler Wagners Lehre referiert: „Der Theologe als Hüter des religiösen wird durch den Künstler ersetzt“. Heute gibt es neben den Künstlern und Musikern viele “Hüter” des Religiösen, nicht des explizit Christlichen, bis hin in die eher profane Welt der “heiligen” richtigen Ernährung und der “absoluten” Gesundheitspflege als Ideal der Reichen in der reichen Welt…

5. Ich möchte das Thema des Buches etwas erweitern: Was bieten die drei Religionsgründer heute an gemeinsamen Impulsen? Zu dieser Frage führt ja die Lektüre dieses Kapitels…

Die Leidenschaft und geistige Energie von Karl Marx zugunsten einer umfassenden Gerechtigkeit auch für Ausgegrenzten und Armgemachten lebt jetzt in der lateinamerikanischen Befreiungstheologie und den Basisgemeinden weiter. Es gibt also heute ein emanzipatorisches Christentum, das vielleicht Marx erfreuen würde. Weil die dogmatische Hierarchie in Rom spürt, dass in dieser Theologie „etwas Marx“ vorhanden ist, hat der Vatikan diese Theologie auch systematisch zu zerstören versucht, etwa im Bündnis von Papst Johannes Paul II. mit Reagan und dem CIA.

Die Vorstellung, Kunst könnte Religion sein, (siehe Wagner), findet sich fragmentarisch in den letzten Aktualisierungen einer „liberalen Theologie“, die sehr treffend und richtig jedem Menschen eine eigene religiöse Kreativität zutraut. Und religiöse Erfahrungen gerade durch und mit Kunst/Musik etc. für möglich hält und dazu die Chance bietet in den Räumen christlicher Kirchengebäude.

Und Nietzsche? Er ist überzeugend, dass „die Kirche zum Grab Gottes“ geworden ist (in der „Fröhlichen Wissenschaft“, bei Münkler S. 220). Das heißt: Die starren Lehren einer letztlich unwandelbaren und damit vor allem nicht mehr lebendigen Kirche wird für viele, die darin noch verweilen, zum Grab Gottes: Sie werden wegen und durch die Kirchen förmlich zu Atheisten… In dogmatisch erstarrten Kirchen und Sekten wird der Glaube an Gott vertrieben…(Siehe etwa die Studien „Religionsverlust durch religiöse Erziehung“, etwa Erwin Ringel und andere)

6. Das neue Buch von Herfried Münkler bietet überraschende Perspektiven, es ist gut geeignet für Menschen, die ihre Kenntnisse von Marx, Wagner und Nietzsche vertiefen wollen. Münkler zeigt, wie unterschiedlich diese drei Denker des 19. Jahrhunderts auf die globale, politische, ökonomische und kulturelle Krise reagieren.

Man hätte sich gewünscht, in welcher gebrochenen Form die Werke dieser drei je unterschiedlich dann im 20. und nun schon im 21. Jahrhundert rezipiert werden. Dass Marx als Sozialkritiker und Ökonom auch jetzt wieder viel gelesen und debattiert wird, deutet Münkler an. Aber es gibt heute wieder explizite Marxisten und Kommunisten, etwa unter Frankreichs Philosophen (Badiou usw.)…

Dass sich Nietzsches Nihilismus und sein Plädoyer fürs Herrenmenschentum im Bewusstsein und der sozialen/politischen Praxis der Reichen in den reichen Ländern durchgesetzt hat, steht außer Frage. Egismus ist die wichtigste Untugend der Gegenwart. Und Wagners Opern stehen unerschüttert auf den Spielplänen der Opernhäuser, Bayreuth bleibt doch ein säkularer Pilgerort, bei dem die Reichen und Schönen und Spitzenpolitiker sich gern zeigen. Ob sie wirklich von diesen germanischen Mythen innerlich bewegt sind, ist hoffentlich eine offene Frage. Das Hören der Bergpredigt in einem christlichen Gottesdienst kann einige Menschen vielleicht noch verändern, auch politisch zu mehr Solidarität bewegen. Ob dies mit den germanischen Mythen (auch à la Wagner) gelingt, wage ich sehr zu bezweifeln. Es gibt selbstverständlich auch hierzulande einen bisher kaum diskutierten Kultur-“Genuss“ aus purer Langeweile („Ich hörte nun zum 5. Mal Lohengrin“  etc.) oder aus politisch gebotener Repräsentationspflicht (Kanzlerin Merkel in Bayreuth etc).

Herfried Münkler,“ Marx, Wagner, Nietzsche. Welt im Umbruch“. Rowohlt-Verlag Berlin, 2021, 718 Seiten, 34 Euro.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Armin Laschets Lügen und sein Opus Dei.

Ein Hinweis auch zur widerwärtigen Rote-Socken Kampagne der CDU im Jahr 2021.  Siehe unten auch den aktuellen, per email versendeten Kommentar von Heribert Prantl über “Stinkstiefeleien im Wahlkampf” (am 19.9.2021 von H. Prantl veröffentlicht)

Von Christian Modehn

1.Der Kanzlerkandidat der UNION Armin Laschet kämpft mit allen Mitteln, auch mit unanständigen, um seinen Wahlsieg. So auf dem CSU-Parteitag am 11.9.2021. Ich zitiere den  Deutschlandfunk: „Laschet hatte in seiner Rede gesagt, in allen Entscheidungen der Nachkriegsgeschichte hätten die Sozialdemokraten immer auf der falschen Seite gestanden. Laschet hatte die Warnung vor einer Regierung aus SPD und Grünen in den Mittelpunkt seiner Rede gestellt. Steuererhöhungen und mehr Bürokratie würden den Wohlstand gefährden, sagte der CDU-Chef in Nürnberg. Dem SPD-Kanzlerkandidaten und Finanzminister Scholz warf Laschet vor, sich eine Hintertür für eine Koalition mit der Linken offenzuhalten“.

2.Führende Vertreter der SPD äußerten sich zu Laschets Polemik, dies berichtet etwa der Deutschlandfunk am 11.9.2021: „Bundesarbeitsminister Heil erklärte, den Beitrag der Sozialdemokratie zum Aufbau des Landes und der Demokratie zu leugnen, sei nicht nur geschichtsvergessen, sondern unanständig und würdelos. SPD-Generalsekretär Klingbeil äußerte sich ähnlich und meinte, die Union unter Laschet gehöre in die Opposition“.

3.Angesichts dieser „unanständigen und würdelosen Äußerungen“ Laschets könnte man erneut reflektieren über die Bedeutung des „C“ für den Vorsitzenden dieser C Partei und die C – Partei insgesamt.  Vom C ist in diesen Parteien nichts mehr übrig geblieben, heißt die bekannte Erkenntnis.

4.Naheliegend ist es, Herrn Laschet an einige theologisch-ethische Auffassungen zum Thema Lüge zu erinnern, die sogar in OPUS-DEI Kreisen verbreitet werden. Das könnte Herrn Lachet interessieren, wo doch seine Familie bekanntermaßen eine familiäre Bindung an das Opus Dei hat. LINK.

5.Die Lügen und das Opus Dei:

Der Wiener Psychiater Dr. Raphael Bonelli hat auf einer Opus-Dei-Veranstaltung im Münchner Opus-Dei-Zentrum „Weidenau“ über die „Lüge als schreckliches Drama“ im Oktober 2010 referiert. Bonelli ist bekanntermaßen eng verbunden mit sehr konservativen katholischen Institutionen, wie kath.net oder der theologischen Hochschule in Heiligenkreuz usw., Bonelli ist Opus Dei Mitglied (Belege dafür unten, Fußnote 1)

6.Die Opus Dei-Website fasst den Vortrag des Opus Dei -Mitgliedes Bonelli zusammen.

Der Inhalt dürfte dem Opus Dei affinen Herrn Laschet und seinen C Wähler vielleicht noch zu denken geben, vielleicht folgen sie den Opus-Dei-Weisungen?

„In den Sitzungen mit seinen Patienten stelle er (Bonelli) immer wieder fest, dass die Unwahrheit wie ein Gift wirke, das alle menschlichen Beziehungen zerstöre. Die Lügner würden in der Regel höchstens ein wenig Schwindelei zugeben und überdies für sich in Anspruch nehmen, damit ihren Mitmenschen nur Unbehagen ersparen zu wollen. Wörtlich sagte Bonelli: „Der Lügner lügt aber nicht aus Nächstenliebe. Sein Problem ist vielmehr die Feigheit vor kleinen Schwierigkeiten. Es geht ihm um eine momentane Unlustvermeidung. Was morgen kommt, ist ihm egal“, beschrieb der Referent einen Prozess, der in einen Gewöhnungseffekt des allmählichen Wegschauens einmünde. Je tiefer der notorische Lügner in seinen Unwahrheiten versinke, desto weniger sei er sich dessen bewusst. Daher lautet Bonellis dringende Empfehlung: „Ich darf niemals etwas sagen, was nicht stimmt“. Und dann berief sich  Bonelli auf die „kluge“ Opus-DEI-Praxis: „Das heißt aber auch, dass ich nicht immer die volle Wahrheit sagen muss.“ (Quelle: https://opusdei.org/de-de/article/die-luge-ist-ein-schreckliches-drama/)

Fußnote 1 zur Opus Dei-Mitgliedschaft von BonellI:: https://www.falter.at/zeitung/20070912/raphael-bonelli/1836150010;; https://www.biologie-seite.de/Biologie/Raphael_M._Bonelli; https://www.aargauerzeitung.ch/verschiedenes/bischof-huonder-holt-mitglied-von-opus-dei-als-referenten-ld.1617745

Copyright: Christian Modehn. Religionsphilosophischer Salon Berlin

Der aktuelle Kommentar von Heribert Prantl, Süddeutsche Zeitung vom 19.9.2021

 

 

STINKSTIELEIEN IM WAHLKAMPF:
Heribert Prantl beleuchtet ein Thema, das in der kommenden Woche wichtig ist – und manchmal auch darüber hinaus am 19.9.2021

 

In den letzten wilden Wahlkampftagen kam mir der alte Spruch vom Zeigefinger in den Sinn. Er stammt von Gustav Heinemann, dem dritten Bundespräsidenten, der ein unbequemer Demokrat war, ein nachdenklicher Jurist und ein engagierter Christ. Heinemann hat 1968, es war in einer Zeit heftiger innenpolitischer Auseinandersetzungen und er war noch Justizminister im Kabinett von Willy Brandt, an eine anatomisch-moralische Tatsache erinnert: “Wer mit dem Zeigefinger allgemeiner Vorwürfe auf den oder die vermeintlichen Anstifter oder Drahtzieher zeigt, sollte bedenken, dass in der Hand mit dem ausgestreckten Zeigefinger zugleich drei andere Finger auf ihn selbst zurückweisen.”

In diesen letzten Wahlkampftagen gilt dies für Armin Laschet und seine Parteifreunde. Der CDU-Kanzlerkandidat versucht, unter Hinweis auf staatsanwaltschaftliche Durchsuchungen im Bundesfinanzministerium seinem Konkurrenten Olaf Scholz einen Skandal anzuhängen – irgendwas mit Geldwäsche. Ja, es gibt einen Skandal, aber dieser Skandal ist kein Scholz-Skandal, sondern ein Justizskandal. Die Staatsanwaltschaft Osnabrück hat ihre Ermittlungen gegen die Geldwäsche-Zentralstelle des Zolls in Köln so in Szene gesetzt: Sie hat einen von ihr erwirkten richterlichen Durchsuchungsbeschluss so unsauber und verfälscht in die Öffentlichkeit getragen, dass der Eindruck entstehen musste, es würde gegen Scholz ermittelt. Und damit nicht genug: Als Scholzens Staatssekretär Wolfgang Schmidt diesen Eindruck zu korrigieren versuchte, indem er das einschlägige richterliche Dokument auf Twitter präsentierte, wurde er von der Staatsanwaltschaft Osnabrück deswegen mit einem weiteren strafrechtlichen Ermittlungsverfahren gegen ihn persönlich traktiert.

Chefermittler und CDU-Funktionär

Sind das nur merkwürdige Zufälle? Oder sind das Aktionen, um dem SPD-Kanzlerkandidaten bewusst zu schaden oder eine solche Schädigung zumindest billigend in Kauf zu nehmen? Der Chef der Osnabrücker Ermittler, also der Betreiber dieser Aktionen heißt Bernard Südbeck. Er ist nicht nur Leitender Oberstaatsanwalt, sondern auch CDU-Mitglied und CDU-Funktionär, nämlich Chef der CDU in Cloppenburg. Ist der ein Schelm, wer Böses dabei denkt? Egal, welcher Partei Staatsanwälte angehören, sie haben unvoreingenommen zu ermitteln und dabei verhältnismäßig vorzugehen. Daran darf man im vorliegenden Fall zweifeln.

Wie man mit Presseerklärungen Geschichte schreibt

Historisch interessierte Menschen wissen, dass man durch missverständliche, dass man durch Presseerklärungen, die die Tatsachen verfälschen, nicht nur einen Wahlkampf beeinflussen, sondern sogar einen Krieg auslösen kann. Bismarck hat 1870 ein Telegramm des preußischen Königs Wilhelm I., der im Kurort Bad Ems weilte, so schroff als Pressemitteilung umformuliert, verkürzt und dann verbreiten lassen, dass aus einer eher harmlosen diplomatischen Auseinandersetzung mit Frankreich eine giftige Provokation wurde. Napoleon III. sah in dieser Provokation, wie von Bismarck gewollt, den Grund für seine Kriegserklärung an Preußen. So begann mit der “Emser Depesche” der deutsch-französische Krieg von 1870/71. Eine solche Bedeutung hat nun der deutsche Wahlkampf von 2021 ganz gewiss nicht und die Presseerklärung der Staatsanwaltschaft Osnabrück ist keine Emser Depesche im Miniformat. Aber eine Stinkstiefelei ist die ganze Sache schon. Sie sollte wohl auch die Erinnerung an alte Skandale wachrufen, in denen Scholz nicht besonders gut aussah. Mit bloßem Verfolgungseifer ist das nicht zu erklären. Aber mit solchem Verfolgungseifer ist Staatsanwalt Südbeck schon einmal aufgefallen, als er – wie die SZ es am 15. Mai 2009 -beschrieb (“Jagdszenen aus Oldenburg“), seine Kompetenzen überschritt, um an einer anonymen Strafanzeige mitzuwirken.

Das Recht dient nicht dem Wahlkampf

Nicht nur Heinemanns Satz vom Zeigefinger kam mir in diesen Laschet/Scholz/Baerbock-Tagen in Sinn, sondern auch ein berühmter juristischer Vortrag: Rudolf von Jhering, ein hochgelehrter Starjurist des 19. Jahrhunderts, hat ihn vor fast 150 Jahren gehalten, im Jahr 1872. Der Vortrag trug den Titel: “Der Kampf ums Recht”. Das gedruckte Manuskript wurde eines der erfolgreichsten juristischen Bücher, die in Deutschland je erschienen sind – es gab zwölf Auflagen in zwei Jahren; das Buch wurde in 26 Sprachen übersetzt. In diesem Buch findet sich der markige Satz: “Das Leben des Rechts ist ein Kampf”; der Kampf ums Recht sei “ein Akt der ethischen Selbsterhaltung”. So ein Paragraphen-Militarismus ist heute nicht mehr ganz so angesagt wie damals. Gleichwohl: Sollte der Leiter der Osnabrücker Staatsanwaltschaft das Buch gelesen und goutiert haben, dann hat er es missverstanden. Da steht: “Das Recht ist ein Kampf”. Da steht nicht: “Das Recht ist ein Wahlkampf”, da steht auch nicht “Das Recht dient dem Wahlkampf”. Seit meinem Newsletter vom vergangenen Sonntag sind einige einschlägige Merkwürdigkeiten hinzugekommen, die den Verdacht des Rechtsmissbrauchs nähren.

Schauen wir uns die Sache näher an: Die für Geldwäsche zuständige Behörde heißt FIU (Financial Intelligence Unit), sie sitzt in Köln und steht seit längerer Zeit im Verdacht, Hinweise von Banken oder Notaren auf Geldwäsche nicht an Polizei und Staatsanwaltschaft weitergeleitet zu haben. Die FIU gehörte ursprünglich zum BKA; der Vorgänger von Scholz als Finanzminister, Wolfgang Schäuble, hat die Geldwäsche-Zentralstelle dann dem Zoll zugeschlagen; lege artis war das nicht. Nicht nur Banken und Notare, auch die Compliance-Abteilungen großer Konzerne wunderten sich immer wieder, dass ihre Anzeigen bei der FIU im Sande verliefen. Insofern war und ist es zunächst einmal begrüßenswert, dass die Staatsanwaltschaft Osnabrück seit 2020 in Fällen ermittelt, in denen es konkrete Hinweise gibt, dass die FIU dem Verdacht der Geldwäsche nicht nachgegangen ist.

Verwunderliches, Merkwürdiges, Suspektes

Ein wenig verwunderlich war freilich, dass die Staatsanwaltschaft sich Korrespondenzen zwischen der FIU und dem Finanz- sowie dem Justizministerium von den beiden Ministerien nicht einfach hat vorlegen lassen. Vielleicht haben die Ermittler befürchtet, dass die Ministerien von sich aus nicht alles offenlegen. Angesichts der schon länger dauernden Ermittlungen ist aber bemerkenswert, dass die Staatsanwaltschaft einen richterlichen Durchsuchungsbeschluss erst so spät, nämlich am 10. August, also in der heißen Wahlkampfphase, erwirkt und dann, in der heißesten Phase, zwei Wochen vor der Bundestagswahl vollstrecken lässt. Diese Vorgehensweise hatte zwar ein Gschmäckle, ließ sich jedoch damit begründen, dass die Staatsanwaltschaft als Ermittlungsbehörde nicht auf Wahlkämpfe Rücksicht nehmen muss – ja möglicherweise dazu beiträgt, dass neue, gewichtige Fakten auf den Tisch kommen, die den Wählern bei ihrer Beurteilung der Kandidaten nicht vorenthalten werden sollten.

Spätestens von da an wird es aber suspekt: Die Staatsanwaltschaft teilt in ihrer Presseerklärung etwas Anderes über den von ihr erwirkten richterlichen Durchsuchungsbeschluss mit, als es dieser Durchsuchungsbeschluss vorsieht und erlaubt: Die Presseerklärung spricht nämlich von Ermittlungen auch in Richtung der Leitung der Ministerien, also potentiell gegen Finanzminister Scholz. Der richterliche Beschluss erlaubt aber lediglich die Suche nach Korrespondenzen zwischen Mitarbeitern der FIU und solchen des Finanzministeriums. Dieser Unterschied war und ist gravierend. Mit diesen von der Staatsanwaltschaft falsch dargestellten Fakten geriet Scholz in die politische Schusslinie.

Und nun kommen wir vom Suspekten zum Anrüchigen: Finanzstaatssekretär Schmidt, ein sehr enger Vertrauter von Scholz, der durch Veröffentlichung von Auszügen beider Dokumente (also Presseerklärung und Durchsuchungsbeschluss) auf diese Ungereimtheit hinweist, wird deswegen von der Staatsanwaltschaft Osnabrück mit einem Ermittlungsverfahren wegen der angeblichen Begehung einer Straftat nach Paragraf 353 d Strafgesetzbuch überzogen. Nach diesem Paragraf 353 d StGB wird mit Geldstrafe oder Haft bis zu einem Jahr bestraft, wer amtliche Dokumente eines Strafverfahrens in wesentlichen Teilen öffentlich mitteilt, bevor sie in öffentlicher Gerichtsverhandlung erörtert worden sind oder das Verfahren abgeschlossen ist. Mit dieser Strafnorm soll der Beschuldigte vor Vorverurteilungen bewahrt und die Laienrichter, die im Strafverfahren keine Einsicht in die Strafakten erhalten, sollen in ihrer Unvoreingenommenheit geschützt werden. Auch wenn die Strafnorm, weil pressefeindlich, umstritten ist, hat sie das Bundesverfassungsgericht bisher in seinen Entscheidungen für verfassungsgemäß erklärt. So weit, so gut.

Ein böser Witz

Aber wer ist hier als Erster an die Öffentlichkeit getreten? Es war die Staatsanwaltschaft mit einer Presseerklärung, in der sie den Durchsuchungsbeschluss unrichtig wiedergegeben hat! Mit dieser Unrichtigkeit hat sie die Voreingenommenheit der Öffentlichkeit selbst präpariert – und der Staatssekretär hat mit seiner Veröffentlichung des Durchsuchungsbeschlusses dazu beigetragen, die Unvoreingenommenheit wieder herzustellen. Das ist nicht strafbar, das wird vom Schutzzweck der Strafnorm nicht erfasst. Das Ermittlungsverfahren ist daher rechtsmissbräuchlich. Es bleibt auch rechtsmissbräuchlich, wenn die Staatsanwaltschaft Osnabrück es nun an die Staatsanwaltschaft in Berlin abgegeben hat. Es ist auf dem Mist des Osnabrücker Staatsanwaltschaft gewachsen. Mit solchen Rechtsmissbräuchlichkeiten sollte sich Armin Laschet nicht munitionieren.

Laschet muss auf seinen Zeigefinger achten. Die drei Finger, die auf ihn selbst zeigen, weisen ihn darauf hin, dass sein Parteifreund erstens eine verfälschte Presseerklärung in die Welt gesetzt hat, zweitens denjenigen, der das aufklärt, mit Strafverfolgung überzieht, und drittens dabei jede Verhältnismäßigkeit vermissen lässt. Das Recht mag ein Kampf sein. Ein Wahlkampf ist es nicht.

Ich wünsche Ihnen eine gute letzte Wahlkampfwoche – und die Kraft der Erkenntnis, die man beim Wählen braucht.

Ihr
Heribert Prantl,
Kolumnist und Autor der Süddeutschen Zeitung

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

 

 

Atheismus im Christentum: Das heißt: Atheismus inmitten des Glaubens.

Wer ist ein religiöser Mensch? Jemand, der auch Atheist ist.

Ein Hinweis von Christian Modehn

Das Buch „Atheismus im Christentum“ von Ernst Bloch, 1968 veröffentlicht, sollten religiöse Menschen, Christen, Muslime, Juden wie auch Atheisten neu entdecken, auch Atheisten, die bekanntlich auch „nur“ glauben können, nämlich: Dass es Gott nicht gibt.

1.

Der Titel des Buches ist Programm. Man könnte ihn verwandeln in „Atheismus im persönlichen Glauben“. Oder: „Atheismus in meiner, in unserer Spiritualität“. Impulse werden freigesetzt für einen Glauben, der heutige Lebenserfahrungen respektiert, also auch den Inhalt des Glaubens neu gestaltet. Denn bekanntlich ist religiöser Glaube etwas Lebendiges, d.h. Wandelbares, und entgegen vielerlei rigider Praxis der Kirchen und Religionen nichts Versteinertes, nicht auf ewig Dogmatisches.

2.

Ernst Bloch will ein Gottesbild überwinden, um jetzt nur beim Christentum, den Kirchen zu bleiben, das dort bestimmend wurde: Gott wird als Himmels-Herrscher verehrt oder als „Rachegott“ gefürchtet. Dieser Gott bremst die Freiheit aktiver Lebensgestaltung, behindert den Elan, für die universale Gerechtigkeit unter den Menschen auf dieser Erde einzutreten. Bloch wehrt sich aber auch gegen eine andere Gestalt banalen Glaubens, den banalen Atheismus, etwa in „Gespräche mit Ernst Bloch“, 1975, Seite 170. Dieser Atheismus begrenzt sich schlicht darauf, die Materie für „alles“ zu halten und diese zu verehren und … Gott zu bekämpfen. „Mir geht es hingegen um revolutionären Atheismus in Religionen selber, insbesondere dem Christentum, wie man weiß“ (S. 170).

3.

Bloch zeigt, dass Menschen wesentlich von der geistigen Kraft des Transzendierens bestimmt sind. Das heißt: Sie haben die innere, die geistige Energie, über jeden vorfindlichen Zustand hinauszustreben, das erinnert deutlich an Hegel. Bloch denkt entschieden an politische und ökonomische Verhältnisse, die die Menschenwürde aller bekämpfen und ausschließen. Diese Energie für ein „Transzendierens nach vorne, in die bessere Zukunft der Menschheit und der Welt zu entwickeln, ist die wahre spirituelle Leistung der Menschen, vor allem derer, die sich Christen nennen.

4.

Damit wird die Dimension des „Atheismus in meinem, in unserem Glauben“, erreicht:

Wer den Herrscher – Gott im Himmel, den Rächer und wundertätigen Willkürgott, der mal hier, mal dort Wunder für diesen oder mal für jenen tut, wer also diesen Willkür-Gott ablehnt und vernünftig und emotional überwindet, gerät in eine Art Zwischenraum, in eine Leere. Die ist bestimmt von der Erfahrung des Verlustes des alten Gottes UND dem Nicht-Dasein einer neuen zentralen Lebensmitte, sagen wir eines „neuen Göttlichen“, das man in Erwartungshaltung vielleicht den neuen gründenden Sinn, das Heilige, nennen könnte. Aber eben nicht mehr den angelernten Gott aus Kindeszeiten.

Im leeren Zwischenraum ist die Stimmung des Abschieds bestimmend, auch der Angst, etwas Wesentliches und Altvertrautes verloren oder aufgegeben zu haben. Aber doch setzt sich die Einsicht und die Gewissheit durch: Das „alte, überkommene, angelernte, Gottesbild“ stört unsere gegenwärtige Lebenserfahrung und die vernünftige Einsicht. Denn das überwundene, alte Gottesbild ruhte also wie ein „erratischer Block“ in unserem Leben. Damit deutet sich schon an, dass die Leere, der Zwischenraum, um der geistigen Gesundheit willen verlassen werden sollte. Eine neue, humanere Vorstellung von dem Göttlichen oder dem Sinn-Gründenden deutet sich an.

5.

Man könnte bei Bloch also lernen: Wer als Christ diese Situation der Leere, des Übergangs, erfährt und begrifflich denkt, erlebt für sich selbst und in sich selbst den „Atheismus im Christentum“: Der religiöse Mensch, der Christ, ist also Gott „los“ geworden, d.h. gottlos geworden, befreit von einem Gott, der das Leben behindert und die Unreife der Menschen fördert. Bloch weist sehr treffend darauf hin, dass der Philosoph und Mystiker Meister Eckart im 14. Jahrhundert seinen dringenden Wunsch formulierte, er möge „Gottes quitt“ sein, also gott-los werden. Dies sagte er nicht aus einer unreflektierten Zustimmung zu einem vulgären Atheismus. Vielmehr wusste er: Das dingliche und greifbare und verfügbare allgemeine christliche Gottesbild verfälscht den „göttlichen Gott“. Und die Bindung an ihn macht den Menschen unfrei, kettet ihn an Phantome, die Angst erzeugen und verwirren.

6.

Bloch hat also einen Vorschlag, diese Phasen der Leere und des Atheismus als Phasen der Gesundung, der Reifung, des geistigen und politischen Wachstums zu verstehen. So können diese Momente und Zeiten des Übergangs, der Leere, des Atheismus, gelebt werden. Sie sind immer wieder neu sich einstellende Momente einer spirituellen Lebendigkeit. Man könnte also sagen: Wer als Christ nicht oft auch Atheist gewesen ist, hat nicht in einem lebendigen Leben, in einer lebendigen Spiritualität, gelebt. Und diese Lebendigkeit ist wesentlich das dauernde Transzendieren als das Überwinden jeglicher Fixierung. Und gerade dieses dauernde Transzendieren ist das eigentlich Feste und Bleibende im Leben.

7.

Darauf kommt es entschieden an: Religiöse Menschen, also noch einmal Christen, Juden, Muslime, Atheisten sollten diese ihre geistige Struktur, das Transzendieren, als ihren religiösen Mittelpunkt erkennen. Transzendieren ist im Sinne Blochs das  sehr weltliche und politische Transzendieren in eine bessere Zukunft für die Menschheit! Das Ziel des Transzendierens ist für Bloch nicht der vertikal zu denkende göttliche Herr des Himmels und der himmlischen Heere, sondern das umfassend humane Reich der Zukunft. Bloch sprich in dem Zusammenhang von „Transzendieren ohne Transzendenz“, also ohne göttlichen „Himmel“. Es wäre jedoch zu fragen, ob dieses Transzendieren in eine umfassend humane Zukunft („vorwärts“, wie Bloch sagt) nicht bereits schon das Göttliche im Menschen ist. Ich würde den Gedanken unterstützen. Bloch lehnt ihn ab, weil er mit der Voraussetzung einer mit der „Schöpfung“ gegebenen, sozusagen an gelegten geistigen Kraft des Transzendierens rechnet.

8.

Der Atheismus Blochs ist etwas sehr Spezielles. Für Bloch ist die Gestalt Jesu von Nazareth zentral, den er – wie viele andere auch – als „Menschensohn“ versteht, im Anschluss an das Neue Testament. Jesus als der „Menschensohn“ ist die herausragende Gestalt unter den Menschen mit einer radikalen humanen Botschaft. Bloch schreibt: „Jesu Wort: Was Ihr dem Geringsten meiner Brüder tut, das habt ihr mir getan ist entscheidend: Plötzlich erscheint keine Obrigkeit mehr…hier also ist der Gott, der von oben herrscht, vollkommen weg. Und eine Rückwendung auf den Menschen ist da, und zwar zu den Armen, Erniedrigten…Man kann das schon Atheismus nennen, da der theos, der Gott (in seiner Macht) gestürzt wird“ („Gespräche mit Ernst Bloch, S. 171). Jesus wird also gerade als Zeuge einer Humanität zugunsten der Armen und Ausgegrenzten zu einer Art erlösendem, befreienden Vorbild.

9.

Wer sich von den Einsichten Blochs anregen lässt, wird auf eine philosophische und theologische Entdeckungsfahrt geschickt: Ohne Atheismus als Erfahrung inmitten des Lebens gibt es keine Spiritualität. Diese Aussage steht etwa gegen die Kirchen, die immer als Ideal predigen, nur den reinen Glauben allzeit zu leben sei Ausdruck der Heiligkeit und Vollkommenheit. Nur das Gute, nur das Fromme allein zu leben ist in der Sicht Blochs naiv: Glauben ohne in atheistische Phasen zu gelangen, ist etwas Stagnierendes. Der reflektierte Atheismus findet immer wieder zu einer neuen Glaubenshaltung. So entsteht eine geistvolle Dialektik inmitten des Lebens.

10.

Noch einmal: Auch der Atheist ist von einer Glaubenshaltung bestimmt , von der Überzeugung, dass kein Gott ist. Atheisten als Glaubende: Das wäre auch ein Aspekt, der sich aus Blochs „Atheismus im Christentum“ ergeben könnte. „Atheismus ist auch Glauben“ wäre dann der weiterführende Titel. Dieser Atheist kann sich aber von „christlichen Atheisten“ belehren lassen: „Den Gott, den ihr Atheisten ablehnt, den lehne ich als Glaubender genauso ab. Insofern sind wir, Atheisten wie Glaubende, in der Dialektik des Lebens immer in ganz neuer Weise Atheisten. Wir beide, Christen und Atheisten, sind gottlos, nämlich in unserer Ablehnung des banalen Gottesbildes.

11.

Das Nachdenken müsste natürlich Konsequenzen haben in der religiösen oder auch in atheistischen Bildung. Bleiben wir bei der religiösen, der christlichen Bildung etwa der Kinder. Kindgemäße Hinweise auf die göttliche Wirklichkeit lassen sich bestimmt nicht durch das Auswendiglernen von Sprüchen und Gebeten oder durch Kindergottesdienste mit viel kindlichem Tralala erreichen. Wichtiger wäre eine kindgemäße Einführung in das, was man die Tiefe und das Geheimnis des Lebens und der Welt nennt. Dann ist von dem unmittelbar eingreifenden wundertätigen Gott keine Rede mehr, Lehren, die so viel Verwirrung stiften bis ins hohe Lebensalter:  Da wird dann mit einem naiven kindlichen Glauben noch im reflektierten, reifen Alter behauptet: „Wenn Gott dies und das zulässt und nicht als Gott direkt eingreift, dann glaube ich nicht an ihn“.

12.

Solche religiös-kindliche Dummheit kann aber überwunden werden, wenn Kinder und Jugendliche anstelle des üblichen religiösen Tralala eben Meditationen, Achtsamkeit, sowie im Spiel das Nachgestalten bestimmter Parabeln Jesu lernen und üben. Das Verstehen der Religionen darf nie auf einer kindlichen, ich möchte sagen, infantilen Stufe stehen bleiben. Insofern ist mancher „Atheismus“ im Christentum auch oft nichts anderes als die Ablehnung des infantilen Glaubens im Christentum. Der Wiener Psychoanalytiker Erwin Ringel hat dieses Phänomen schon vor einigen Jahren auf den Begriff gebracht: „Religionsverlust durch religiöse Erziehung“, heißt sein Buch, 1985 erschienen. Oder den Titel variierend: „Atheismus durch das Sich Klammern an infantile Gottesbilder“. Dieser „Atheismus“ sollte unbedingt überwunden werden. Aber diese authentische, „sachgemäße“ religiöse Bildung kann kaum noch vermittelt werden, weil sich so viele von der Religion längst abgewandt haben. Sie meinen, es gäbe Religion, es gäbe Christentum, nur in dieser dummen, naiven, infantilen Gestalt. Die freilich die Kirchen aus Mangel an spiritueller Lebendigkeit und , dogmatischer Sturheit fortsetzen, bis zu ihrem eigenen Ende, dem Absterben des Christentums. Nietzsche hat treffend gefragt: Wird die Kirche zum Grab Gottes? (Siehe Friedrich Nietzsches, Die fröhliche Wissenschaft, 1887, III. Buch, Nr. 12).  LINK.

 

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Jean-Luc Nancy: „Das Christentum hat sich von mir abgewandt. Aber die wahre Mystik blieb mir“

Der Philosoph Jean-Luc Nancy ist gestorben

Ein Hinweis von Christian Modehn

Der französische Philosoph Jean-Luc Nancy ist am 23.8.2021 im Alter von 81 Jahren gestorben, er war viele Jahre Professor in Straßburg, er ist einer der wichtigsten Philosophen unserer Gegenwart.  Sein philosophisches und literarisches Werk ist äußerst lebendig und umfangreich, mehr als 100, zum Teil viel beachtete Bücher hat Nancy publiziert. Er war auch mehrfach in Berlin zu Vorträgen und Debatten. Etliche längere Interviews auf Deutsch sind in der sehr empfehlenswerten Zeitschrift „Lettre International“ erschienen….

Dieser Hinweis ist natürlich keine „Gesamtwürdigung“ seines Werkes.  Es ist sehr komplex und zudem für „schnelle Lektüre“ ungeeignet…Das sollte aber niemanden hindern, Nancy zu studieren. Hier werden nur einige Stellungnahmen Nancys genannt werden, die in der Pariser Tageszeitung „La Croix“ kürzlich veröffentlicht wurden. Die ausgewählten Stellungnahmen beziehen sich vor allem auf das immer deutliche religiöse bzw. auch religionsphilosophische Interesse von Jean-Luc Nancy. Und das passt gut in den Schwerpunkt unseres philosophischen Salons.

1. Zur christlichen Biographie Nancys:

Im Alter von etwa 28 Jahren trennt sich Nancy vom christlichen Glauben und der katholischen Kirche, er war in der Gemeinschaft J.E.C., „Jeunesse Etudiante Chrétienne“, in der „Christlichen studierenden Jugend“, einer Organisation der katholischen Kirche, aktiv engagiert und interessiert“. (Zur J.E.C. gehörten viele Intellektuelle und Politiker, wie Francois Mitterrand, René Rémond, Georges Montaron und andere. Die J.E.C. besteht bis heute, als progressive, linke katholische Organisation). Jean-Luc Nancy: „Die Zugehörigkeit zum Christentum war für mich absolut untrennbar mit einer politischen und sozialen Vision. Wir waren in der JEC sehr engagiert zugunsten der Demokratisierung des Unterrichts und der Ausbildung. Ich war Christ, ganz und gar. Aber ich muss sagen: Das Christentum hat sich von mir abgewandt, wie von einer ganzen Generation. Denn im Jahr 1957 kritisierten die französischen Bischöfe die progressive Haltung der J.E.C. Das war für mich wie ein Donnerschlag und so befreite ich mich von der Kirche, die mir als eine Gestalt des Konservativen und der Macht erschien. Diese Loslösung von der Kirche war möglich, weil ich die Philosophen Hegel, Heidegger und Derrida entdeckte. Diese Philosophen sagten mir nicht: Ich bringe dir das Heil. Aber sie ließen mich lebendig sein“.

Aber es bleibt für Nancy nach dem Abschied vom Christentum: „Etwa die Interpretation der Bibel. Ich sah, dass man förmlich bis ins Unendliche den Sinn eines Textes entdecken kann“.

2. Das andere Herz

Nancy hat oft davon gesprochen, dass ihm 1992 ein Herz transplantiert wurde, darüber hat er 2000 ein Buch geschrieben mit dem Titel „L Intrus“, „Der Eindringling“. Er wendet sich an den Menschen, der, ohne es zu wissen, ihm sein zweites Herz gegeben hat.

3. Gemeinschaft leben und Gemeinschaft denken

Ein Mittelpunkt der Philosophie Nancys steht sicher die Reflexion über die Gemeinschaft der Menschen, auch die Gleichheit der Menschen, sowie ihre Krankheiten, aktuell von ihm reflektiert das Corona-Virus. Dazu das Buch „Un trop humain virus“ 2020, erschienen in den Editions Bayard Paris. In dem Interview mit „La Croix“ spricht er über das Gesundsein heute.  „Wir leben in einer Gesellschaft, in der die Gesundheit ein wesentliches Gut ist, aber auch ein Recht. Jeder kann es fordern. Trotzdem: Die Gesundheit ist nicht die Wahrheit der Existenz…Heute ist die Gesundheit zu einer Art Selbstzweck geworden. Wozu  sollen wir denn bei guter Gesundheit sein? Für welche Ziele leben wir? Das ist nicht mehr klar.“

4. Der kulturelle Bruch

„Seit der Verkündigung des Todes Gottes durch Nietzsche sind wir in eine Epoche der Unsicherheit eingetreten. Ich denke oft an den Satz von Jean-Christophe Bailly, einem überzeugten Atheisten, der in seinem Buch „Adieu“ geschrieben hat: Der Atheismus war nicht imstande, seine eigene Wüste zu bewässern. Ich glaube, diese Diagnose ist völlig korrekt. Die moderne Zivilisation hat nichts vorgeschlagen, um die Gestalt des Gottes zu ersetzen, die ausgelöscht wurde. Ich habe die Gewissheit, dass es eine neue spirituelle Revolution geben wird, dass die Zeit dafür gekommen ist, aber das kann vielleicht noch 300 Jahre dauern.“

5. „Wir sind Kinder Gottes“?

Nancy fragt sich, was denn letztlich die Gleichheit der Menschen heute legitimieren und beweisen könnte. „Man muss anerkennen, dass wir es nicht wissen… Im Laufe unserer Geschichte wurde das Christentum wichtig…Man sagte: Man ist ein Kind Gottes, das legitimierte die Gleichheit. Aber außerhalb der Religion, wie kann man die Gleichheit denken“?

6. “Wir tappen im Dunkeln

„Aber was die Zukunft angeht, kann ich nichts voraussagen und vorschlagen. Ich tappe im Dunkeln. Trotzdem: Wenn man sich im Dunkeln befindet, ist man niemals gänzlich in der totalen Finsternis. Im „Schwarzen“ lebend, sieht man auf andere Weise, nicht durch die Augen, sondern durch andere Sinne, das hören, das tasten…

7. Was bleibt?

„Ich habe in der Philosophie Hegels so etwas wie die Wahrheit des Christentums gefunden!  Hegel ist jemand, der in der wahren Bewegung des Geistes bleibt, eines Geistes, der die Grenzen überschreitet. Wichtig ist für mich auch der Philosoph Meister Eckart. Er sagte: „Bitten wir Gott, dass er uns in der Freiheit erhält und dass wir von Gott frei werden“.  Bei der Mystik heute muss ich eine gewisse Erschöpfung feststellen, heute sind die großen Debatten über die Mystik förmlich banalisiert. Ein sehr großer Teil der Menschheit heute verlangt nach Religion, aber die Menschen begnügen sich mit groben und dummen Sprüchen, die ihnen vorgesetzt werden. Unerträglich, was man so an Predigten der Evangelikalen hört…

8. Was ist Philosophie?

“Die Philosophie ist die Arbeit des Denkens. Philosophie gehört nicht zur Ordnung eines Wissens. Sondern eher: Dazu kommen, Worte für das zu geben , was man lebt. Die Aufgabe des Denkens ist die (Wiederer)-Öffnung, das Erwachen, das Aufgreifen der dringenden Bitte um Sinn. Philosophieren beginnt da, wo der Sinn unterbrochen ist. Aber der Sinn ist nicht eine Art Lager an Bedeutungen, kein Lager der Antworten und der Erklärungen der Welt, die irgendwo niedergelegt sind und die man teilen sollte”. Nein! Das Teilen, das ist der Sinn.  (Philosophie Magazine, Paris, August 2021).

9. Und die Freude?

Die Philosophie von Nancy ist geprägt von der Freude, der Anwesenheit der Lebensfreude. „Aber Freude ist nicht Zufriedenheit. Sie ist ein Affekt des Geistes, man weiß sich über jede Zweckbestimmung Begrenzung und jede Ganzheit hinausgetragen. Was die Freude für einen Grund hat, vermag ich nicht zu sagen…in jedem Fall: Die Freude kommt immer von einem „anderswoher“ (d`ailleurs). Von anderen, nicht von mir. Von den großen Gedanken der Philosophen, der Worte der Poeten, der warmen Zuneigung der Personen, der Schönheit der Kunst und der Körper. Natürlich, diese Erfahrung der Freude ist nicht immer da. Aber wenn sie kommt, dann berührt das, dann ist das ergreifend“.

Copyright: Religionsphilosophischer Salon Berlin

Die 8. unerhörte Frage: Warum ist Verzichten heute die notwendige Lebensform für die Reichen?

Ein Hinweis von Christian Modehn.

Was bedeutet „unerhört“?
„Unerhört“ werden außerordentliche Themen genannt.
Als „unerhört“ gilt, wenn ein wahres Wort, ein vernünftiger Vorschlag, von anderen nicht gehört und nicht wahr-genommen wird, also un-erhört bleibt. Unerhörte Fragen müssen entfaltet , beschrieben werden, um ihre provokative Kraft zu bezeugen.

1.
Wie können Menschen als Bürger auf den 6. Bericht des Weltklima-Rates von August 2021 vernünftig reagieren? Es geht bei dem Thema bekanntlich nicht um Theorie, sondern um unser Erleben von Dürren und Starkregen, Überflutungen und monströsen Waldbränden, von einer rigorosen Hitzewelle im Süden Europas ganz zu schweigen.

Zunächst: Die zentrale Aussage heißt: Der Weltklimarat IPCC betont: Es wird immer schwieriger, die Erwärmung der Erde unter 2 Grad zu halten. Die Emissionen von Treibhausgasen müssen „sofort, jetzt, schnell, drastisch reduziert werden“. Es geht wirklich um das Überleben der Menschheit und um das Bewahren dessen, was der Mensch von der Natur noch übriggelassen hat. Darüber wurde seit dem berühmten Bericht des „Club of Rome“ „Grenzen des Wachstums (1972), vielfach palavert, aber relativ wenig ist geschehen.
Das Versprechen einer wirksamen Reduzierung der Treibhausgase durch demokratische Regierungen (wie in Deutschland zur Merkel-Zeit) waren eher leere Versprechen, Ankündigungen, Beruhigungspillen. Die damals genannten Klima-Ziele wurden nachweislich nicht erreicht. Die Lobby der Ignorierenden in der neoliberalen Wirtschaft hat sich durchgesetzt. Sind sie die wahren „Herren“? Bis jetzt ja.
Bei der Wahl am 26. 9.2021 sollte deswegen nur die Partei gewählt werden, die noch am deutlichsten begründet argumentiert und verspricht, sich gegen die irreversible Veränderung des Klimasystems noch einmal wirksam aufzulehnen…
2.
Die unerhörte 8. Frage gilt dem persönlichen Beitrag des einzelnen, des Bürgers. Was ist zu tun? Philosophisch, also vernünftig, steht fest: Es geht um die Wiederentdeckung dessen, was man Moral, auch politische Moral, nennt.
Ohne eine Neuorientierung des Selbst-Bewusstseins („Geistes“) eines jeden lassen sich die Kipppunkte, also die Momente irreversibler Veränderungen des Klimasystems, nicht verhindern. Die mögliche Katastrophe haben Menschen gemacht, gemacht wegen der totalen Fixierung auf das Dogma „Wirtschaftswachstum“. Es ist wahrscheinlich das einzige verbliebene wirksame Glaubensbekenntnis der Reichen in den reichen Ländern und der mit ihnen verbundenen Reichen in den armen Ländern.
Es geht philosophisch gesehen also um die Frage: Welche Tugend als Lebensform muss jetzt Denken und Handeln der der Reichen leiten? Es wäre obszön, den Hungernden in Madagaskar, Tschad oder Haiti usw. das Verzichten zu empfehlen. Oder den prekär lebenden Armen in Europa und den USA…
3.
Es geht also philosophisch gesehen um das nicht gerade sehr beliebte Wort Moral und dabei um das noch unbeliebtere Wort Verzichten. Aber vielleicht beginnen beide Begriffe zu glänzen, wenn man sich die Mühe macht, sie näher zu betrachten.
So sehr der gelegentliche Verzicht auf ein Rinder-Steak ein kurzfristig gutes Gewissen erzeugt, es geht wahrlich nicht um gut gemeinte Symbolhandlungen, es geht um die Einübung eines neuen Bewusstseins, das auch politische und ökonomische Verbesserungen gestaltet. Und dies kann nur gelingen mit dem Verzicht auf die alten ökonomischen Dogmen des bisherigen Systems.
4.
Von vornherein steht philosophisch fest: Tugend ist alles andere als etwas Verstaubtes. Man denke an die breite philosophische Literatur zur Tugend-Forschung, etwa an das wichtige, übrigens leicht nachvollziehbare empfehlenswerte Buch des Philosophen Martin Seel “111 Tugenden – 111 Laster“ (2011). Gelebte Tugenden sind die Bedingung für humane Lebensformen. Und: Tugenden sind bereits in unserem Leben „vorhanden“, wir leben sie bereits, selbst wenn sie nicht als solche von vielen benannt werden: Das gilt sogar für ein „populäres“ Beispiel: Man denke daran, dass manche Dickleibige die Tugend des Fastens (für viel Geld) in speziellen Kliniken praktizieren. Sie wollen auf Körperfülle verzichten, um besser auszusehen oder gesünder zu leben. Die Tugend des Verzichts wird also von den Reichen in den reichen Ländern und den Reichen in den armen Ländern nicht nur akzeptiert, sondern sogar geschätzt. Auf wie viele Millionen Dollar ihres Privateigentums verzichten etwa reiche US-AmerikanerInnen oder BrasilianerInnen, um das Fettabsaugen zu finanzieren oder die teuren Schönheitsoperationen? Wie gern verzichten die männlichen Fußballfans, um, selbst bei knapper Kasse, eine teure Karte im Stadion zu „ergattern“ anstatt zum Beispiel ein gutes Buch zu kaufen oder mit der Familie einen gemeinsamen Ausflug zu machen.
5.
Abgesehen von diesen alltäglichen Beispielen: Verzichten hätte alle Chancen, DIE Tugend als vernünftige Lebensform in der Gegenwart werden, um in letzter Stunde, möchte man sagen, noch die Kipppunkte zu verhindern, die zu einer irreversiblen Veränderung des Welt-Klima-Systems führen.
Es ist wichtig, bei der Reflexion aufs Verzichten als Tugend auch auf die Sprachgeschichte dieses Wortes zu achten. Verzichten bedeutet: Etwas nicht länger noch beanspruchen; nicht auf einer Sache bestehen. Einen Anspruch nicht länger geltend machen. Verzichten bedeutet: Sich lossagen, etwas aufgeben, sich von einer Angewohnheit verabschieden, etwas verlassen, aufgeben, weil der neue Ort des Lebens viel mehr Lebenssinn, und sagen wir das schwierige Wort, auch Glück, verheißt. (Diese sprachlichen Hinweise verdanke ich der Website dwds.de, Der deutsche Wortschatz)
6.
Verzichten als erfreuliches, gar nicht trauriges Abschiednehmen vom Krankmachenden und Tödlichen ist also neues Denken und auch Neues (!) Denken. Das kann bei dem einzelnen nur dann ohne eine dauerhafte Bewusstseinsspaltung gelingen, wenn diese Erkenntnis, also das neue Denken, gleichzeitig auch ins Handeln, zur politischen Praxis, führt. Und diese neue Praxis gelingt nur wirksam in Verbindung mit Gruppen (siehe als Beispiel German Watch: https://germanwatch.org/de/weitblick oder „Fridays for future“ oder „Extinction Rebellion“ etc…)
7.
Dabei hat man sich längst von dem Irrtum befreien, Verzicht sei nur Sache der frömmelnden Leute aus der Kirche(ngeschichte), die freitags kein Fleisch essen, sondern ordentlich beim Fisch zulangen. Die Mönche verzichteten in der Fastenzeit vor Ostern aufs üppige Essen, sie tranken dafür aber sehr gern selbstgebrautes Starkbier. Auch die unmenschliche Zumutung, auf Sexualität zu verzichten in der Unkultur des Zwangs-Zölibates katholischer Priester ist nicht gemeint. Verzichten wurde als eine Art persönliches Opfer kaschiert, das man aus Liebe zu Gott und der Kirche bringen muss. Aber Verzichten als erfreulicher Abschied von tödlichen Denkzwängen hat gar nichts mit einem „Sich aufopfern“ zu tun. „Weniger ist mehr“, dies wird so oft gedankenlos in banalen Situationen geplappert. „Weniger ist mehr“ ist das Leitwort von Verzichten als Abschiednehmen…
Man sieht schon, wie sehr ein heutiger Begriff des Verzichtes gegen die eher absurde Verzichts-Tradition christlicher Spiritualität argumentieren muss.
Verzichten heute bedeutet eine neue Chance für ein sinnvolles Leben im Miteinander der Menschen, die sich gegen die irreversiblen Veränderungen des Klimasystems wehren. Die gleichzeitig aber wissen, dass weitere zentrale Projekte realisiert werden müssen, etwa Respekt der Menschenrechte auch für die Armen, im eigenen Land und weltweit, also auch Umgestaltung der ökonomischen Strukturen, die es noch zulassen, dass eine winzige Minderheit von Milliardären über Unmengen von Eigentum verfügen: „Nach Zählung des Forbes-Magazins gab es im Jahr 2021 weltweit 2.755 Menschen mit einem Vermögen von mindestens einer Milliarde US-Dollar“. Das waren 660 mehr als 2020.
(Quelle: https://de.statista.com/statistik/daten/studie/220002/umfrage/anzahl-der-dollar-milliardaere-weltweit/)
Und „DIE WELT“ berichtete schon 2018 eine Studie von OXFAM: „42 Milliardäre besitzen so viel wie die halbe Welt“., gemeint sind die Bewihner dieser Welt. Ich denke, wer diese Verhältnisse nicht obszön findet, hat nur ein geringes moralisches Bewusstsein. Verzichten sollen also zuerst die Milliardäre. Und man sollte nicht glauben, wenn diese Herren zehn oder hundert Millionen spenden, dann wäre dies eine „ganz tolle“ Leistung des Verzichtes…
Aber zu wirksamen Veränderungen dieser obszönen Eigentumsstruktur wird es unter den gegebenen politischen Verhältnissen in den Demokratien wohl kaum kommen. Denn: Eigentum ist den Demokraten und ihren Religionen heilig. So steht also die Tugend Verzicht geradezu hoffnungslos gegen das unumstößliche, auch religiös verbrämte Dogma „Eigentum ist heilig“.
8.
Die Menschheit lebt längst über ihre Verhältnisse, was die „Nutzung“ der Erde und der Natur angeht. Am 29. Juli 2021 war wieder einmal der sogenannte „Weltüberlastungstag“: Das bedeutet: Die Ressourcen der Erde waren an diesem Tag für das restliche Jahr 2021 (also für fünf Monate) de facto aufgebraucht: Eigentlich hätte unter der Rücksicht das Jahr 2021 zu Ende gehen müssen… Diese Tatsache aber war den TV-Nachrichten kaum 30 Sekunden wert, sie wurde sozusagen als „Vermischtes“ behandelt wie etwa der Tod eines zweitklassigen Filmstars… Am 29. Juli 2021 haben die Menschen (und das sind hier wieder vorwiegend die Reichen) mehr von der vorhandenen Natur verbraucht als die Ökosysteme der Erde in diesem Jahr noch erneuern können. Wir tun also ab August 2021 so, als hätten wir fast 2 Erden zur Verfügung, um unseren jetzigen Bedarf an Ressourcen zu befriedigen… Diese Überlastung der Welt durch extremen Konsum ist die Kehrseite der Unfähigkeit, Verzichten als politische Haltung zu praktizieren. Aus ökologischen Gründen und klimatologischen Gründen wäre eine Umkehr der Konsumhaltung, also Verzicht, als Form eines bescheidenen und solidarischen Lebensstils dringend geboten. Die grundlegende Idee der Gleichheit aller Menschen käme dann zur Geltung.
Aber was sagen rechtslastige Politiker, die dem Dogma des Neoliberalismus und des Wirtschaftswachstums absolut verpflichtet sind, wie der FDP – Chef Christian Lindner: „Ich will nicht verzichten, und ich will auch nicht, dass andere verzichten müssen. Ich will durch Technik erreichen, dass die Menschen frei leben, sich frei bewegen können.“ (Zit.: LINK https://www.deutschlandfunk.de/politik-und-verzicht-weniger-konsum-als-antwort-auf-. die.724.de.html?dram:article_id=464406)
„Frei leben“ ist das verschlüsselte ideologische Wort für das freie (egoistische) Leben der wenigen Reichen, die unter Freiheit ihren totalen Konsum verstehen…Es ist manchmal befremdlich, dass die Konsum-und Wachstumsideologie der neoliberalen Herren so selten als Gefährdung für die Menschheit und für das Fortbestehen der Welt eingeschätzt wird.
9.
Wie stehen die Chancen, dass sich Verzicht als die neue Lebensform durchsetzt? Wer ehrlich ist wird sagen: Die Chancen sind – realistisch betrachtet – sehr gering, bei den politischen Verhältnissen heute … und der bekannten Abwehr von Neuem und Richtigen unter so vielen Leuten, die nur das Heute sehen und denen die Zukunft ihrer eigenen Kinder und Enkelkinder offenbar egal ist. Das teure Fleisch, das man isst, ist meistens ungesund; die teure Luxusyacht ist überflüssig angesichts des Klimawandels; das „SUV“ Auto ist etwas völlig Verrücktes auf den engen Straßen der Großstädte, um nur davon zu sprechen. Aber an dieses verrückte Leben klammert man sich., man kann sich von diesem Lebensstil nicht verabschieden.
Ist dies die herrschende „Lebens-Philosophie“: Es ist alles langweilig, gleichgültig, es ist alles nichts, es ist nichtig, das Alles-Haben verdeckt nur diesen Zustand.
Der herrschende Nihilismus ist der größte Feind der Tugend, des sinnvollen Lebens, des Verzichts. Eher soll die Welt untergehen, als dass wir verzichten, das ist die herrschende Ideologie unserer Welt, vorwiegend. Eine Haltung, die keine moralisch-politischen Maßstäbe kennt. Politiker sprechen nicht von dieser Situation, sie sind selbst Teil dieser Welt und wollen vor allem bei Wahlen gewinnen, mit Stimmen von vielen ahnungslosen Bürgern.
10.
Eigentlich könnte man noch denken, die Kirchen wären die Orte, wo ein neuer Lebensstil eingeübt werden könnte. Aber die Kirchen sind zu sehr mit sich selbst befasst, mit ihren internen Struktur- Reförmchen und ihrem endlosen Kampf gegen sexuellen Missbrauch durch Priester oder sie bemühen sich die Tatsache zu kaschieren, dass der katholische, angeblich zölibatäre Klerus sehr bald in Europa ausgestorben sein wird. Das sind aber mit Verlaub gesagt angesichts der genannten globalen Herausforderungen der Menschheit doch wirklich nur Themen, die nur Insider interessieren. Das ist die Situation: Die breite kritische und gebildete Öffentlichkeit erwartet von den Kirchen keinen effektiven und spürbaren Beitrag zum Thema Klimawandel, auch wenn Päpste manchmal einschlägige Texte publizieren. Aber die Vielfliegerei der Bischöfe und Prälaten aus aller Welt nach Rom, zum Papst und zur zentralen Kirchenbürokratie hat ja nur wegen der Pandemie etwas abgenommen. Und der Bildungsauftrag der Kirchen in dieser Sache? Die Katholiken feiern stur und unbewegt ihre immer selben Messen, anstatt die Chance zu nützen, in ihren Sonntagsversammlungen sich mit den Menschen auszutauschen und zu verabreden über Möglichkeiten gemeinsamen Handels angesichts der genannten Katastrophen. Ja, auch dies, auch öfter mal auf die übliche, ewig gleiche Messe zu verzichten, gerade, um das religiöse Denken auch politisch zu weiten…
11.
Wer die Hoffnung auf eine Abwehr des genannten „Kipppunktes“ noch als seine Lebenspraxis bewahren will, wende sich also an politisch wache und wirksamere Organisationen…Und studiere weiter die Erkenntnisse zum wirksamen Klimaschutz, die allerorten dargestellt und auf Demos, etwa von „fridays für future“, geradezu berechtigterweise eingehämmert werden.
12.
Eine gerechte Gesellschaftsordnung, die den Namen verdient, wird ohne Auseinandersetzungen mit dem Thema Enteignungen nicht auskommen, auch die wirksame Vermögenssteuer muss diskutiert und realisiert werden sowie der dringenden Aufforderung von Politikern an die Milliardäre, um der Humanität willen auf einen Teil ihrer Milliarden zu verzichten … zugunsten der Abschaffung von Hunger und Seuchen in Afrika und zugunsten einer Gesundheitspflege und Ausbildung für alle Menschen. Das werden die Milliardäre und die multi-Millionäre nicht tun, das ist sehr wahrscheinlich. Und sie wissen dabei genau, dass sie sich mit ihrem egoistischen Wahn außerhalb jener Menschheit bewegen, die Gerechtigkeit als wesentliches und unverzichtbares Kennzeichen des Menschlichen, geltend für jeden Menschen begreift.
Trotzdem bleibt uns nichts anderes, als die Hoffnung zu pflegen, die Hoffnung, dass die Welt nicht völlig „umkippt“.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Die 6. “unerhörte Frage“: Sind Menschen bloß noch “andere Tiere”?

Von Christian Modehn.

Was bedeutet „unerhört“?
„Unerhört“ werden außerordentliche Themen genannt.
Als „unerhört“ gilt, wenn ein wahres Wort, ein vernünftiger Vorschlag, von anderen nicht gehört und nicht wahr-genommen wird, also un-erhört bleibt. Unerhörte Fragen müssen entfaltet , beschrieben werden, um ihre provokative Kraft zu bezeugen.

Ein Motto: “Denn wahrlich, der Mensch ist dem Leibe nach dem Tiere verwandt; ist er aber nicht dem Geiste nach Gott verwandt, so bleibt der Mensch ein gemeines und unedles Geschöpf. Ebenfalls wird die Seelengröße und der Glaube an die Veredlung des menschlichen Wesens zerstört” (so der Philosoph Francis Bacon, in: “Essays”, Leipzig, 4. Aufl., 1979,S. 68).

Und weiterer Hinweis zu Beginn: Diese unerhörte Frage wäre gar nicht formuliert worden, hätte nicht der australische Philosoph Singer das Thema seit langer Zeit mit aller Bravour nach vorn gebracht, so dass viele seine Thesen nachplappern. Singer hat, das ist bekannt, moralisch gesehen abartige Vorstellungen von dem Unwert bestimmter (etwa behinderter) Menschen und dem angeblichen Wert bestimmter Affen oder Schweine. Sein gefährliches Denken “geht mit der Negation der universalen Gültigkeit der Menschenrechte für Menschen einher” (Andreas Speit, Verqueres Denken, Berlin 2021, S. 210). Dieses Urteil zugunsten der universalen Menschenethik gilt, selbst wenn Singers Werk zur “Animal Liberation” manche Veganer als ihre neue Bibel betrachten. Und den Tierschutz wichtiger nehmen als den Schutz eines jeden menschlichen Wesens.

Warum sprechen heute so viele Menschen, auch Philosophen, salopp „Von Menschen und anderen Tieren“? Oder wie der „berühmte Philosoph“, Prof. Markus Gabriel sagt: “Wir als Tiere“ (S. 116, in „Zwischen Gut und Böse”, Hamburg 2021). An die unsinnigen Thesen von Peter Singer habe ich gerade oben erinnert.
Es könnnen zahllose weitere Beispiele genannt werden, wie es Mode ist, die Menschen als andere Tier zu bezeichnen, d.h. den Menschen als Menschen abzuwerten. Das ist wohl auch ein politischer Trend? Etwa Thilo Hagendorff in seinem Buch:”Was sich am Fleisch entscheidet”(Büchner -Verlag):”Die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Emotionen usw. bei Tieren macht deutlich, dass nicht-menschliche den menschlichen Tieren ähnlich sind“. Und bei Sloterdijk kann man Entsprechendes finden, etwa in seiner Preisrede anläßlich der Übergabe des Helmuth Plessner Preises: “Der Mensch als Tier, dem etwas fehlt“, fasst der Tagesspiegel Sloterdijks Position zusammen. Und er selbst sagt in dem Vortrag nach bekannter Manier sich nicht festlegend und schwankend:”Der Mensch ist eine Randexistenz der Tierwelt”.

1.
So sehr ich selbstverständlich weiß, dass Menschen innerhalb der Evolution entstanden sind und dass Menschen auch animalische (d.h. oft: brutale) Tendenzen haben. Und ich weiß auch: Hundefreunde tun alles für ihren „Liebsten“ und meinen zu sehen, wie er sich freut, anhänglich ist usw. Aber ist das Hunde – Verhalten Ausdruck ihrer vermuteten Freiheit oder gar Liebe? Gewiss nicht, es ist Ausdruck für die Dressur, die seinem Hunde-Wesen entspricht…
Mir scheint es sehr problematisch zu sein, immer wieder, sich den Naturwissenschaften offenbar anbiedernd, von „Menschen und anderen Tieren“ zu sprechen oder bekenntnismäßig zu sagen „Wir als Tiere“.
Welche Interessen stehen dahinter, den Menschen als Tier zu bezeichnen, ihn in die Tierwelt (des Unvernünftigen, vielleicht Dressierten) einzuordnen?
Polemisch gefragt: Wie viele Mücken haben Konzerte komponiert, wie viele Hyänen haben Romane geschrieben, wie viele Löwen gastronomische Leistungen vollbracht, wie viele Eulenhaben von Mystik gesprochen?
Könnte man den Freunden der Behauptung „Menschen und andere Tiere“ eine Freude machen, wenn man ihren Satz einfach umdreht und sagt: “Tiere und andere Menschen“? Oder sogar: „Tiere sind doch auch (nur) Menschen“. Vielleicht stimmen sie dem zu. Manche sind, so sagte meine Mutter, im Blick auf in Hunde verliebte Hundefreunde: „Diese Leute sind auf den Hund gekommen“. Sie können einem vielleicht leidtun, weil sie keine Menschen gefunden haben, die sie lieben können.
2.
Ich verstehe den philosophischen Kontext im Hintergrund dieser modischen Thesen, es ist die Abwehr von einer rein aufs Geistige zielende Definition des Menschen. Bloß weil die Menschen als Geistwesen/Vernunftwesen de facto so viel Unsinn und Verbrechen begangen haben und begehen, gibt es trotzdem keinen Grund, dem Menschen innerhalb der Natur und der Evolution eine besondere Stellung abzusprechen, die durch Geist und Vernunft als „typische Unterscheidung“ gekennzeichnet ist. Oder wollen wir einem unfähigen und trägen Politiker die Entschuldigung abnehmen: „Ich war eben beim Schutz der Umwelt oder beim kritischen Umgang mit Lobbyisten einfach nur faul wie ein Schwein“?
Wenn ich mich also gegen diese Thesen wehre, will ich nicht wieder die totale Herrscherrolle des Menschen bzw. des Mannes herausstellen. Ich will nur an die Erkenntnis erinnern: Ein Tier hat als Tier keine Vernunft und damit auch keine Freiheit. Das diskriminiert die Tiere ganz und gar nicht, es ist eine artgerechte Beschreibung ihres tierischen Wesens. Wir sollten unsere lieben Tiere (lieb sind alle, siehe Haie) nicht als mögliche Vernunftwesen überfordern. T. Viele Tiere behandeln wir als Fleischfresser nach wie vor brutal wie Sachobjekte in der üblichen Massentierhaltung. Wenn man das bedenkt, ist diese Rede von „Wir als Tiere“ nichts als modisches, ein bisschen modische Geschwätz.
3.
Reden wir also vom Menschen als dem Wesen der Freiheit, der Mensch, der noch die Klimakatstrophe etwas einschränken kann oder der das Massensterben in den Hungerregionen überwinden könnte, wenn er nur will. Tiere würden nicht einmal auf solche Gedanken kommen…

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

60 Jahre Berliner Mauer am 13. August…Und Mauern entstehen allerorten.

Ein Hinweis zum „Mauerbau-Jubiläum” am 13. August 2021.
Von Christian Modehn

1.
„Fast alle haben heute die Absicht, Mauern zu errichten“. Wenn Walter Ulbricht (SED) noch lebte, würde er seine altbekannte Lüge „Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten“ (mitgeteilt am 15.6.1961, also knapp zwei Monate vor dem Bau der Berliner Mauer) verändern. Und ausnahmsweise kritisch und richtig sagen: “Fast alle haben heute die Absicht, Mauern zu errichten“. Und Ulbricht hätte ausnahmsweise recht!
2.
Ohne Ironie: Dieser Satz ist der nüchterne Befund derer, die auf die sozialen Verhältnisse in ihrem eigenen Land schauen wie auf die soziale Ungleichheit weltweit oder speziell auf die unüberwindlichen Abgrenzungen, was Berufswahl und Karriere für Arme angeht oder auch, was die Wohnverhältnisse betrifft. In zentralen Lagen deutscher Städte, wie München, Frankfurt, Berlin, Hamburg kann kein „Normalverdienender“ mehr wohnen und leben. Ganze Innenstadt-Bezirke errichten immer höhere (unsichtbare) Mauern in den Städten. Und die demokratischen Regierungen sehen dem machtlos zu, sehen zu, wie es Massen von Vertriebenen gibt, vertrieben von international agierenden Spekulanten. Mauern unter den „gleichen Bürgern“ werden errichtet.
3.
„Gated communities“ („geschlossene Wohnanlagen“) sind jetzt nicht mehr nur die mit Mauern und Wachpersonal behüteten Wohnquartiere der Millionäre und Millionäre in Californien oder Brasilien, gated communties sind schon längst auf andere, nicht sofort erkennbare Art bestimmend, etwa für die größten Teile der Innenstädte von London, Amsterdam und Paris (durchschnittlicher Preis für einen Quadratmeter Eigentumswohnung etwa in der Nähe des Pariser Rathauses, also im 4. Arrondissement, ca. 14.000 Euro).
4.
Unsere Welt ist heute nicht nur von Grenzen, oft für viele nicht passierbar, durchzogen, sondern von Mauern: Das sind jene materiellen oder virtuellen massiven Abwehrsysteme, um in einer sozial gespaltenen Welt die „anderen“, die „Störenden“, die „Benachteiligten“ von den Reichen auszuschließen. Bestes Beispiel ist die Abwehr von Flüchtlingen im Mittelmeer. Um Walter Ulbrichts Wort zu variieren: Da hat die ganze EU-Mauern errichtet, mit abwehrenden Wächtern, die sogar bereit sind, Flüchtlinge ertrinken zu lassen. Grenztruppen also, bekannt aus der DDR. Auf diesem Ulbricht – Niveau ist Europa (E.U.) wieder angekommen. Und selbst die heftigsten und störrischsten „Grenzer“, wie Herr Orban in Ungarn, können ungestört antihuman walten und empfangen dickes Geld von der E.U.
Das heißt ja nicht, dass es keine Grenzen geben sollte, aber sie sollten keine unüberwindbaren Mauern sein, sondern durchlässig, vor allem für Hilfesuchende. Wie viele Menschenleben hätten gerettet werden können, wenn die europäischen und amerikanischen Staaten bedrohte Juden ab 1933 aufgenommen hätten. Walter Benjamin hätte noch glückliche Jahre erlebt…
5.
Also bitte kein Jubel am 13. August 2021 mit dem Motto: Die Mauer ist weg. Ja, die Berliner Mauer ist als materielle Gegebenheit fast ganz verschwunden, aber wo sind die Mauern heute? Da ist die Liste, siehe oben schon begonnen, endlos lang.
7.
Ich nenne nur die „Mauer in den Köpfen“, wie ein Bonmot sagt, also den Beton im Kopf, der kritisches Nachdenken im einzelnen Menschen verhindert. Wer hat der Beton in die meisten Köpfe gesteckt? Es waren und es sind die Macher von menschenfeindlichen Ideologien, von Rassismus, Antisemitismus, Homophobie, Antifeminismus, die Feinde der Demokratie und der universal geltenden Menschenrechte und so weiter. Sie sind die Mauer-Bauer in den Köpfen. Weil die Köpfe so vieler leer waren oder keine Widerstandsreserven gegen den Wahn hatten, konnten sie von ideologischen Machthabern gefüllt werden. Wer wohl diese ideologischen Machthaber sind? Sie agieren oft eher anonym, hinter den Kulissen der angeblich hilflosen Regierungen, also etwa die Neoliberalen, jeder und jede kann weitere ideologische Beton-Mischer und Mauer-Bauer finden…
8.
In unserer Sicht ist es besonders tragisch, dass die christliche Religion, die vom Kern ihrer Botschaft Nächstenliebe predigt und leben will, also alles gegen Mauern haben sollte, dass diese Religion selbst Mauern baut. Das gilt für viele fundamentalistische Kirchen, wie für viele Evangelikale und Pfingstkirchen, das gilt für den immer noch dogmatisch erstarrten offiziellen Katholizismus. Der Vatikan ist bekanntlich von hohen und meterdicken Mauern umgeben. Ein Symbol! Vom Betongeist islamistischer Fundamentalisten wäre zu sprechen oder dem der Ultra-Orthodoxen in der russischen Putin -Kirche oder in Israel oder im Hinduismus usw…
9.
Religionen als Institutionen sind Mauer-Institutionen, sie lieben die Mauern, die streng bewachten Grenzen, in denen es nur Freunde oder Feinde gibt.
10.
Wer kann Mauern einreißen: Der kritische Geist der reflektierenden Vernunft im einzelnen. Und die einzelnen können sich zum spirituellen und politischen Überleben Organisationen und Gruppen suchen, die dem Wahn der Mauern Widerstand leisten und versuchen ,diese einzureißen…
11.
Eine Anregung:
Die Gruppen des kritischen Katholizismus (mit ihrem „Synodalen Weg“ jetzt) werden an den „Mauern des Vatikans“ selbstverständlich wieder scheitern, wie so viele ähnliche Projekte zuvor … und sich dann auf die Suche nach ihrer verlorenen Lebens-Zeit begeben.
Wie wäre es, wenn diese Katholiken sich von dem Modell der Aktionen des „Zentrums für politische Schönheit“ (Berlin) inspirieren ließen. Sie könnten in einer wohl geplanten Aktion an vielen Stellen die hohen Mauern des Vatikan-Staates erklimmen und schließlich hoffentlich unbemerkt überwinden. Die Reformer landen förmlich auf den Schreibtischen der Prälaten und Kardinäle… Das wäre ein politisch-theologischer Symbolakt, der mehr gedanklich bewirken könnte und langfristig im Gedächtnis bliebe als die ewigen, aber hoffnungslosen Debatten über die Reform der eingemauerten römischen Kirche.

Zur Vertiefung: Hohe Mauern sperren den Vatikan ein, das Zentrum der römisch-katholischen Kirche LINK

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin