„Im blinden Glauben an die Patriarchen“. Der Philosoph Hegel kritisiert die orthodoxen Kirchen: „Sie blieben im Traum des Aberglaubens“!

Ein Hinweis von Christian Modehn am 16.3.2022

1.
Kann Hegel, als “Philosoph der Religion“ und „Philosoph der Geschichte“, inspirierend sein für ein aktuelles kritisches Verständnis der orthodoxen Theologie und der orthodoxen Kirchen? Also auch zum Verstehen jener Kirche, die sich in Russland befindet und sich russisch-orthodoxe Kirche nennt?
Diese Frage kann jeder für sich prüfen angesichts der hier vorgestellten Erkenntnis Hegels. Sie trifft sicher wichtige Aspekte der orthodoxen Kirchen.
2.
Zunächst einige Vorbemerkungen:
Seine „Vorlesungen über die Philosophie der Geschichte“ hat Hegel fünfmal in Berlin seit 1822 gehalten. Und dabei wird im Dritten Teil innerhalb der frühen Kirchengeschichte auch die Ostkirche erwähnt, bei Hegel unter den Titel „Das byzantinische Reich“ (in der Hegel-Suhrkamp Ausgabe von 1970, S. 406-412).
Entscheidend ist: Hegel weiß seit 1822: Selbst wenn er über theologische und politische Zustände dieser „Ost-Kirche“ im 4. und 5. Jahrhundert spricht, sind die dort schon sichtbaren Strukturen bis in Hegels eigene Gegenwart gültig. Darum kann Hegel betonen: „Die Christen des byzantinischen Reiches (also die Orthodoxen) BLIEBEN in dem Traum des Aberglaubens versunken, im blinden Gehorsam gegen die Patriarchen und die Geistlichen verharrend“ (S. 411).
3.
Heute können wir diese Erkenntnis Hegels gut verstehen: In einer allgemeinen Einschätzung der so genannten Orthodoxen, also der „rechtgläubigen“ Kirchen im Osten Europas, ist deutlich: Die orthodoxen Kirchen, in Russland, aber auch Serbien, Griechenland, Georgien usw. waren und sind in einer so engen Verflochtenheit mit dem jeweiligen Staat und der Regierung bzw. dem so genannten Volksgeist, dass diese Kirchen außerstande waren und sind, die universalen Menschenrechte als oberstes Prinzip kirchlichen Handelns zu akzeptieren. Es muss nun in aller Deutlichkeit betont werden: Diese orthodoxen Kirchen und ihre Patriarchen waren und sind gut bezahlte Staatsdiener ihrer jeweiligen Länder. Dass damit nicht gesagt ist, die westlichen Kirchen, also der Katholizismus und der vielfältige Protestantismus, seien immer entschiedene Verteidiger der Menschenrechte, steht fest. Aber um diesen Aspekt geht es jetzt nicht.
Andererseits ist heute auch deutlich: Es gibt vereinzelte in Russland lebende russisch-orthodoxe Priester und Theologen, die sich heute gegen die Verbundenheit ihres Patriarchen Kyrill mit Putin öffentlich wehren. Kirchenkritische russisch-orthodoxe Theologen, wie Prof.Cyril Hovorun (Stockholm), leben ist immer außerhalb des Machtbereichs der Patriarchen. Der kirchenkritische Dichter Leo Tolstoi hat sich von dieser Kirche abgewandt, bis heute ist diese Kirche nicht bereit, sich mit ihm zu „versöhnen“. Tolstoi bleibt exkommuniziert!
4.
Hegels Ausführungen zu den so genannten Ostkirchen, den „Orthodoxen“, sind ziemlich knapp, aber wertvoll hinsichtlich der mitgeteilten Perspektiven. Er spricht von dem Bilderstreit und der orthodoxen Vorliebe für die Anschaulichkeit Gottes, Christi, Marias der „Gottesmutter“ und der Trinität in den Ikonen. Hegel kennt alte Kirchenväter wie Gregor von Nazianz und zitiert ihn aus der berühmten Textsammlung „Migne“(S. 410); er zeigt, wie es bei den Auseinandersetzungen über dogmatische Sonderfragen „zu blutigen Kämpfen” unter den Orthodoxen kam; wie sie zwar von „der Idee des Geistes“ sprachen, dieses Dogma aber „völlig geistlos behandelten“ (S. 410). Das heißt für Hegel: Die Orthodoxen haben viel vom heiligen Geist gesprochen, aber nicht verstanden, was Geist meint, also kritisches Selbstbewusstsein der Menschen, sie haben also geistlos vom Geist gesprochen.
5.
Hegel wehrt sich gegen die übliche Vorstellung, im oströmischen Reich, also im Gebiet der Orthodoxie, drehe sich alles Denken und Tun um die behauptete Wahrheit und Reinheit (also „Orthodoxes“) des Christentums. Vielmehr handelt es in Hegels Sicht und Forschung um „eine tausendjährige Reihe von fortwährenden Verbrechen, Schwächen, Niederträchtigkeiten und Charakterlosigkeit, das schauderhafteste Bild…“ (S. 409).
Hegel denkt dabei an die religiösen Führer, die Bischöfe und Patriarchen.
6.
Worin sieht Hegel den Grund für das völlig unchristliche Verhalten? Die orthodoxe Theologie bleibt „abstrakt“, sagt der Philosoph. Und „abstrakt“ meint für ihn: Die Lehre der Orthodoxie verhält sich sozusagen „abgekapselt“, also: „rein und in sich nur geistig“, und das heißt für Hegel: Diese christliche Kirche hat kein Interesse, den Geist des Christentum, die universale Menschlichkeit, also die im Evangelium ausgesprochene Gleichheit aller Menschen, in die politische Wirklichkeit zu „überführen“, also dafür zu sorgen, dass die politische Welt nach gerechten Gesetzen regiert wird. Die orthodoxe Kirche also verhält sich nur „rein“, wie in einer heiligen Sonderwelt; sie kritisiert nicht die politische Welt, und sie bleibt „in sich geistig“, d.h. sie feiert ihre so genannten göttlichen Liturgien in Kirchen, die den Himmel schon symbolisieren sollen in altertümlichen Sprachen, die keiner versteht. Dem stellt Hegel die Aufgabe der Kirche gegenüber: „Der Staat muss eine vernünftige Organisation haben, „das Rechte muss zur Sitte, zur Gewohnheit werden“ (S. 409), auch durch den Beitrag der Kirche! Aber das geschieht nicht in der orthodoxen Kirche.
7.
Ist diese politische „Abstraktheit“ sozusagen der äußere Aspekt, so ist auch innerkirchlich für Hegel die Orthodoxie erstarrt. „Die Besetzung des Amtes der Patriarchen zu Konstantinopel, Antiochien und Alexandrien sowie die Eifersucht und Ehrsucht dieser Patriarchen untereinander verursachte ebenfalls viele Bürgerkriege“ (S. 411). Man denke aktuell nur daran, mit welcher Wut der Patriarch von Moskau und Putin Vertraute, Kyrill I., das Oberhaupt der Orthodoxie, den Patriarchen von Konstantinopel, kritisierte: Dieser hatte den russisch-orthodoxen Erzbischof von Kiew anerkannt, als er sich von der Herrschaft des Moskauer Patriarchen kürzlich befreite.
8.
Hegel bietet in seiner „Vorlesung über die Philosophie der Geschichte“ kein geschichtswissenschaftliches Kompendium. Er deutet auch die Geschichte und Gegenwart der Kirchen normativ, und die Normen entnimmt er den Prinzipen seiner Philosophie: Und deswegen erkennt er auch in der Geschichte der Religionen und Kirchen einen langsam sich durchsetzenden Fortschritt im Bewusstsein der Freiheit. Mit anderen Worten: Die orthodoxen Kirchen lebten für Hegel in einer sehr unterentwickelten, unfreien Theologie des Christentums. Sie dachten und denken und handeln „abstrakt“, wie ich oben erläuterte.
Über den Katholizismus kam dann das christliche Denken im Sinne Hegels erst im Protestantismus zum vollen Bewusstsein der christlichen Freiheit, prinzipiell jedenfalls. Freiheit ist nun die geistige Verbundenheit des einzelnen Menschen mit Gott als Geist, also lebt der Mensch in einem Geist zu Geist-Verhältnis der Freiheit. Und die wesentliche religiöse Gleichheit aller Menschen soll in den Gesetzen des modernen Staates ihren Ausdruck finden. Erst mit der Reformation wird die Erkenntnis formuliert: Zu diesem göttlichen Geist hat der Mensch – ein Teilhaber an diesem göttlichen Geist – ein Verhältnis der Freiheit.
9.
Die Orthodoxie ist also auch eine Art Ansammlung von eifersüchtigen und ehrsüchtigen Patriarchen, die gern die Gläubigen im Aberglauben (Ikonen-Kult, Bilder-Kult) belassen oder im Nichtverstehen der Gebete in der unverständlichen alt-slawischen Sprache während der „heiligen Liturgie“ belassen? Hegel sieht das jedenfalls so!
10.
Die Führung der Russisch-orthodoxen Kirche ist meilenweit davon entfernt, eine wirksame oppositionelle Kraft gegen den Diktator Putin zu sein. Sie könnte die einzige große Opposition gegen Putin sein. Diese Orthodoxie in Moskau ist aber heute meilenweit davon entfernt, eine politisch-kritische Bedeutung zu haben, etwa so, wie sie die Evangelische Kirche in der DDR in den Jahren vor der Wende 1989 hatte. Gar nicht daran zu denken, dass die russischen Kirchen und äußerst geräumigen Kathedralen zu Orten des politisch – kritischen Beten und Diskutieren werden. Dies wäre doch mal ein test, ob Putins Soldaten in die Kirchen eindringen und auch dort Betende während des Gottesdienstes verhaften? Das wird nie passieren, weil der Patriarch vom Putin System auch materiell profitiert. Wer die so genannten Predigten von Patriarch Kyrill I. jetzt, in Kriegszeiten hört, muss erkennen: Dieser Herr, der sich allen Ernstes immer noch als „Seine Heiligkeit“ ansprechen lässt, ist ein Kriegstreiber. Welch ein Wahn, diese Heiligkeit – einst zudem, nachgewiesen, KGB-Mitarbeiter wie Putin – in ökumenischen Gremien auch des Westens noch zu belassen. Auch das muss man der Ehrlichkeit wegen sagen. Kyrill I. macht in seinen Aussagen einen ziemlich verkalkten Eindruck, etwa wenn er behauptet: „Homosexuelle sind schuld am Krieg in der Ost-Ukraine“.
Nietzsche stellte einst die richtige Frage: „Wird die Kirche zum Grab Gottes?“ Im Falle der russischen Orthodoxie und ihrer Patriarchen muss man leider den Eindruck haben. Diese Kirchenführung in Moskau glaubt, folgt man ihren Worten und Taten, nicht an den Gott des Evangeliums, den Gott des Friedens.
11.
Zu einer deutlichen kritischen Analyse der Orthodoxie kann jeder auch ohne die hier mitgeteilten Inspirationen Hegels kommen.

Aber manche tröstet es dann doch, dass schon ein bedeutender Philosoph seit 1822 eine treffende Kritik an der Orthodoxie vortrug. Man findet sich also als Kritiker der russischen Orthodoxie in guter Gesellschaft. Und auch diese Frage: Welcher deutsche oder französische Theologe hat 1822 schon eine deutliche Kritik an der (russischen) Orthodoxie formuliert?

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Die christlichen Kirchen können keinen Frieden stiften.

Ein Hinweis von Christian Modehn am 24.2.2022: Putin beginnt seinen Krieg gegen die Ukraine.

Zur nationalistischen Russisch-orthodoxen Kirche von Moskau: https://religionsphilosophischer-salon.de/14618_putins-aggression-und-seine-wichtigste-stuetze-der-patrirach-von-moskau-und-seine-russisch-orthodoxe-kirche_befreiung

Man muss die Frage stellen: Warum haben sich die Kirchen und ihre Theologen so sehr auf den „inneren Frieden“, den Frieden der Seele, fixiert und Jesu Worte als Verheißung eines nicht-weltlichen, also eines nur innerlichen Friedens verstanden: „Frieden hinterlasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch. Nicht einen Frieden wie die Welt ihn gibt, gebe ich euch“. Dieses Zitat aus seinen „Jesu Abschiedsreden“, stammt aus dem Johannes Evangelium im Neuen Testament, Kap. 14, Vers 27. Die Kirchen haben aber oft nicht gesehen, dass vorher Jesus vom heiligen Geist spricht, „der wird euch lehren“… Vers 26: Aber wenn der heilige Geist auch Geist im Menschen ist, dann ist er doch auch Vernunft, und als Vernunft umfasst er auch politische Gestaltung der Welt als einer friedlichen Welt. Aber die Christen waren letztlich froh, sich nur um den inneren Frieden, den Seelenfrieden, kümmern zu müssen. Das ist bequemer.

Man muss die Frage stellen: Welche praktischen, sichtbaren Erfolge haben denn alle Gebete um Frieden gebracht, zu denen nun wieder von der Kirche aufgerufen wird. Gebet um Frieden mag als Form der psychischen Beruhigung in Krisenzeiten durchaus sinnvoll sein, genauso wie das stille Sitzen in der Meditation. Aber das meinen die Bischöfe und Päpste nicht, wenn sie zum Gebet um Frieden aufrufen: Sie wollen Gott im Himmel höchstpersönlich bewegen, den Frieden zu schaffen, den sie sich, die Menschen, wünschen. Im Augenblick beten wohl die Russen für ihren Frieden für ihr Russland, und die Ukrainer beten um Frieden für ihre Ukraine. Auf welche Nation soll Gott bloß hören? Soll er etwa dem Kriegsherrn Putin seinen Frieden bescheren, seinen Sieg? Oder sollen die Gebetswünsche der Ukraine Erfüllung finden? Man sieht, Beten um Frieden ist widersprüchlich, wenn nicht widersinnig, es sei denn man sagt: Das Gebet um Frieden soll nur die innere Stabilität in Kriegszeiten fördern. Und man will, wenn man schon glaubt, eben auch widersinnig glauben, gegen alle Vernunft sozusagen. Gott sei Dank wollen das nicht alle Menschen!

Man muss die Frage stellen: Glauben die um Frieden Betenden wirklich, dass Gott im Himmel als „Person“ das Bittgebet erhört? Welches Gottesbild steht hinter dem Bittgebet? Wird da Gott wie ein menschlicher machtvoller Kumpel vermenschlicht? Wird es nicht Zeit, sich von dem Bild Gott als Person zu verabschieden oder eher von einem tragenden Sinn-Grund der Existenz und der Welt zu sprechen?

Man muss die Frage stellen: Worin liegt eigentlich der größte Fehler, wenn die Kirchen und die Christen Jahrhunderte lang um Frieden beteten und beten, aber de facto kein Frieden entsteht oder entstanden ist? Im Gegenteil: In allen Jahrhunderten wurde eigentlich permanent Krieg geführt, Sklavenhandel betrieben, ganze Völker wurden „missioniert“ und dabei ausgerottet. Der Antisemitismus wurde wie ein permanenter Vernichtungskrieg gegen die Juden geführt. Wie lächerlich ist die Frage: Soll man für die Überwindung des Antisemitismus beten? Wer Antisemitismus besiegen will, möge bitte nicht beten, er soll bitte schön politisch wirksam handeln und z.B. rechtsradikale Täter tatsächlich verfolgen und bestrafen!

Man muss die Frage stellen: Welchen Sinn haben jetzt Friedensgebete und Friedensgottesdienste „Dona Nobis pacem“ ,zu denen die Kirchen im Krieg Russlands gegen die Ukraine auffordern? Sinnvoll ist nur, das tiefe innere Verbundensein mit den Menschen in dieser Region, ein inneres Mitgefühl mit den Leidenden, Sterbenden zu pflegen, um das eigene Denken zu weiten und das Herz in Verbindung mit diesen Menschen zu bringen. Das könnte in der Gemeinschaft eingeübt werden, wenn man auch Zeugnisse der Leiden, der Ukrainer oder der russischen Mütter hört, die von ihrem im Krieg umgekommenen Sohn erzählen.

Man muss die Frage stellen: Ist nicht die entscheidende Wurzel für alle Kriege die Bindung der Kirchen, aller Kirchen, aller Bischöfe, an ihre jeweilige Nation? Hat der Nationalismus unter den Kirchenführern und Christen nicht immer schon total den Geist vernebelt und den Krieg gefördert? Wurde Nationalismus nicht immer wichtiger als das vernünftige Nachdenken über die Menschheit und die Weltgemeinschaft? Hat der kleingeistige Nationalismus das Eintreten für die eine Menschheit, für die Brüderlichkeit und Geschwisterlichkeit aller, zerstört?

Man muss die Frage stellen: Ist der nationalistische Ungeist, der nachweislich die ideologisch verrannten und von Putin privilegierten Popen und Bischöfe der russisch-orthodoxen Kirche beherrschte und heute beherrscht, eine entscheidende Ursache für die Unterstützung im Krieg Putins gegen das so genannte „Brudervolk“. Wie maßgeblich war der Nationalismus der Bischöfe, als sie als Franzosen oder als Deutsche den 1. Weltkrieg leidenschaftlich unterstützten? Diese Herren waren mit Verlaub gesagt keine Christen, sondern kriegerische Nationalisten.

Man muss auch klar sagen: Ihr Christen, hört auf, in der altbekannten Form um Frieden zu beten. Wenn ihr zusammenkommt, sonntags, zu euren Gottesdiensten, lasst die uralten Riten und Lieder mal beiseite, strengt euren heiligen Geist an und fragt gemeinsam, wie können wir aktiv für den Frieden in der Welt, für den Frieden in Ukraine z.B. eintreten? Wie können wir uns umfassend informieren, um gar nicht mehr auf einen Typen wie Putin reinzufallen? Man muss sich also fragen: Wäre nicht politische Aufklärung eine genauso wichtige Aufgabe für die Kirchen, wenn sie sich dem Frieden widmen will? Dazu gehört die Analyse der eigenen westlichen Aggression, man denke an die Kriege, die die USA ohne Ergebnis führten: Vietnam, Libyen, Afghanistan usw., man denke an die Kriege im „Hinterhof der USA“, wie die US-Politiker sagen, in Lateinamerika…

Man muss sich fragen: Warum sind eigentlich nur einige wenige kleinere Kirchen (Quäker, Mennoniten usw.) explizit als Friedenskirchen tituliert? Warum nennen sich nicht alle großen Konfessionen, Katholiken, Protestanten, Orthodoxe ausdrücklich Friedenskirchen? Das wäre doch im Sinne Jesu Christi, den manche gern als Kirchengründer ansehen. Jesus Christus ist der Prophet und Meister auch des politischen Friedens. Wenn man das anerkennt: Dann wäre ein Christ nicht mehr römisch-katholisch, sondern friedenskirchlich-katholisch; man wäre friedenskirchlich evangelisch und vor allem auch dies: Man wäre friedenskirchlich-orthodox. Welch ein Signal wäre dies für die Welt.

Man muss sich fragen: Werden diese Vorschläge irgendeine Resonanz bei den großen Kirchen und ihren etablierten Theologen haben? Ich denke nein. Und diese bloß ganz allgemein um Frieden betenden Kirchenchristen werden auch dann, wenn die Ukraine in ein paar Monaten russisch ist oder die Mörderbanden in Syrien ihr Regime weiter aufbauen usw. Immer weiter um Frieden beten, singen und flehen: „Verleih uns Frieden gnädiglich“, adressiert an einen personalen Vater im Himmel, der aber doch nicht das Flehen seiner Kinder erhört…
Man wird also als Kirche weitermachen, wie bisher. Man wird ein paar kleine friedenspolitische Clubs in den Kirchen zulassen, wie Pax Christi bei den Katholiken oder Church and Peace bei den Protestanten, man wird weiterhin also beten und alte Lieder singen … und die Welt wird in Kriegen versinken.

Man muss sich fragen: Wann werden sich die Kirchen eingestehen: Eigentlich ist die auch empirisch spürbare Bilanz des Christentums, die Bilanz der Wirkungsgeschichte der Lehre Jesu, weitgehend eine Katastrophe. Oder mindestens ein Misserfolg oder eine Illusion. Und trotzdem werden Theologen naiv weiterhin von Erlösung schwadronieren, etwa zu Weihnachten beim Lied „Stille Nacht, alles schläft, aber auch alle schlafen“…Und das Arbeiten am Friedensreich Gottes, diese zentrale, auch politische Idee Gottes von dieser Welt, wird ebenfalls eingeschlafen sein.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Houellebecqs Roman „Vernichten“: Von katholischem Erzbischof gelobt.

Pascal Wintzer (Poitiers) als Literaturkritiker
Ein Hinweis von Christian Modehn am 8.2.2022; siehe auch den ausführlicheren Hinweis LINK.

1.
Es geschieht nicht gerade häufig, dass ein katholischer Bischof sich über einen neu erschienenen Roman eines umstrittenen Autors ausdrücklich „freut“: Erzbischof Pascal Wintzer (Poitiers) hat am 3.2.2022 in der Tageszeitung „La Croix“ (Paris) wie auch auf der Website des Erzbistums Poitiers (LINK: https://www.poitiers.catholique.fr/michel-houellebecq-aneantir/ ) eine ausführliche Leseempfehlung publiziert: Sie gilt dem kurz zuvor erschienen Roman „Anéantir“ („Vernichten“) von Michel Houellebecq. Das Buch hat eine Startauflage von 300.000 Exemplaren in Frankreich. Das Interesse ist enorm! Und Bischof Wintzer hat schon recht, wenn er Houellebecq „einen der ersten französischen Autoren von heute“ nennt, es gibt längst eine breite Houellebecq-Forschung in Frankreich.

2.
Bischof Wintzer sagt ausdrücklich, dass „man“ auch in dem neuen Roman das wiederfindet, was „man“ (also auch Wintzer) an Houellebecq schätzt: Der Autor „stellt uns vor die großen Verstörungen („dysfonctionnements) der Gegenwart“: Etwa die schlimmen Verhältnissen in den Pflegeheimen für alte und behinderte Menschen. Aber er zeigt in dem Roman auch die Kraft der familiären Bindungen, betont der Bischof. „Wie üblich, ist dies ein Roman einer inkarnierten, fleischlichen Menschlichkeit. Die Körper haben in dem Roman ihren Platz, auch das Vergnügen, der Schmerz und das Leiden…Houellebecq plädiert für das, was einzig den Menschen ehrt, die Beziehung“. Soweit der Bischof, der sogar noch schreibt: „Es ist wahrscheinlich übertrieben, Houellebecq einen Propheten zu nennen, die Zeitung Charlie Hebdo qualifizierte Houellebecq als einen Magier“. Und dann auch dieses persönliche Bekenntnis: „Warum liebt man es, Michel Houellebecq zu lesen, oder auch seinen Auftritten im Fernsehen zu folgen? Weil er Vergnügen bereitet. Zuerst das Vergnügen der Lektüre – und das ist ja auch das, was einen Geschmack am Leben schenkt, aber auch das Vergnügen an seinem schlauen und spöttischen Blick auf die Gesellschaft und auf den Leser selbst. Der Roman Anéantir (Vernichten) erfüllt diese Erwartungen!“

3.
Und am Ende seines lobenden Beitrags zu Houellebecq neuem Roman muss der Erzbischof doch noch einmal seiner Freude Ausdruck geben, den dieser wichtige Autor schreibe doch auch vieles über Religion bzw. die katholische Kirche. Und der Erzbischof zitiert aus einem gerade erschienen Sammelband über den Glauben im Werk Houellebecq, darin definiert er sein Katholischsein: „Ich bin Katholik in dem Sinne, dass ich das Entsetzen über eine Welt ohne Gott ausdrücke … aber einzig in diesem Sinne bin ich katholisch.“

4.
Erstaunlich bleibt, dass ein Erzbischof eine gewisse Berufung als Literaturkritiker entdeckt. Und dann noch seine Begeisterung über einen ja auch politisch zweifelsfrei umstrittenen Autor ausdrückt. Und dabei sogar übersieht, dass Houellebecq in einem Interview mit „Le Monde“ seine geistige Nähe und Verbundenheit mit theologisch – traditionalistischen und politisch reaktionären Kreisen offen bekannte. Dass diese Zusammenhänge Pascal Wintzer übersah, finde ich erstaunlich. Und genauso, mit welcher Leichtigkeit er als Bischof einer nicht gerade erotisch/sexuell-freizügigen Kirche dann doch die „fleischliche Lust“ einiger der Roman-Protagonisten offenbar richtig findet. Dies ist immerhin eine erfreuliche Einschätzung eines katholischen Bischofs.

5.
Bischof Pascal Wintzer wurde am 18. Dez. 1959 geboren, seit Januar 2012 ist er Erzbischof von Poitiers.

6.
Der genante Sammelband mit Studien zu Houellebecq: Misère de l’homme sans Dieu. Michel Houellebecq et la question de la foi. Champs, Essais, Flammarion, 2022, das Zitat ist auf S. 366.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Der neue Roman von Houellebecq: „Vernichten“. Bekenntnisse eines Reaktionären.

Über den neuen Roman und die Religion Houellebecqs

Ein Hinweis von Christan Modehn.  Siehe auch: Ein katholischer Erzbischof lobt “Vernichten”: LINK

1.

Der neue Roman von Michel Houellebecq liegt jetzt auch auf Deutsch vor. „Vernichten“ ist der Titel. Was oder wer vernichtet wird, erscheint erst am Ende des umfangreichen Romans, der Titel lässt Schlimmstes erahnen. Der Titel “Vernichten” bedient sich eines Verbs, einer Tätigkeit, der Eindruck ist: Es handelt sich um ein Geschehen, eben Vernichten, das zwangsläufig geschieht, schicksalsmäßig. Ein Ausrufungszeichen als Befehl findet sich hinter “Vernichten” nicht. Ein Befehl würde noch Freiheit der Täter voraussetzen.

Dabei liest sich das neue Opus des „Stars“, manche sagen „Popstars“ der gegenwärtigen Literatur auch ausnahmsweise, möchte man sagen, manchmal wie eine Art Familiengeschichte mit Einsprengseln einer Art von „Liebesroman“ und kurzen Szenen einer Naturmystik und politischen Irritationen durch Terroranschläge… wobei das Elend der menschlichen Beziehungen selbstverständlich – wie üblich – weit ausgebreitet wird.

Es ist eine elende Welt vornehmlich der Reichen, die da vorgeführt wird, elend hinsichtlich der seelischen Verfassung, der Langeweile, des Scheiterns im Miteinanderleben in Beziehungen und Ehen. Dabei ist es keine Frage: Die sprachliche Gestalt, die „Komposition“ des Romans, der Mix aus Reportage und Elementen philosophischer Reflexion, diese Analysen des seelischen Zustandes einer gewissen Oberschicht können die LeserInnen an das umfangreiche Buch durchaus binden.

Der Roman enthält viele Fakten, das ist evident…Wenn Houellebecq etwa Kirchengebäude nennt, dann sind diese nicht fiktiv, sondern real; wenn er das Kapuzinerkloster der Traditionalisten in Morgon nennt (siehe die ausführlichen Hinweise in Fußnote 1, unten), dann gibt es dieses Kloster wirklich; wenn er von der katholisch-rechtsextremen Bewegung “Civitas” Bewegung spricht, dann gibt es diese wirklich. Er kennt diese Leute! Man denke bloß nicht, dieser Text, Roman genannt, sei im ganzen Fiktion. Dieser Roman hat auch den Charakter eines religionskritischen Sachbuches. “Die Ordnung der Welt ändet sich also gerade” (S. 225) könnte als Leitwort gelten.

2.

In Frankreich ist „Anéantir“ seit dem 7.1. 2022 in den Buchhandlungen, Startauflage 300.000. Auch Raubkopien hat es vorweg gegeben. Das Interesse an Houellebecqs Werk ist enorm, trotz oder auch wegen seiner oft ins politisch Rechte und Rechtextreme abdriftenden Statements. Es ist ja bekannt, dass sich Houellebecq etwa in seinen als Essays titulierten Schriften deutlich absetzt vom Geist der modernen Aufklärung, auch vom Protestantismus und der Renaissance, so etwa erneut in seinem vierten Essayband „Ein bisschen schlechter. Neue Interventionen“(2020). „Die Linken“ sind die Feinde des Autors, das bekam einmal mehr deutlich zu spüren Daniel Lindenberg (Prof. für Politologie und Mitglied der Sozialistischen Partei P.S.), als er in seinem Buch „Le rappel à l ordre“ („Der Ruf zur Ordnung“) von 2002 Houellebecq ein diffuses reaktionäres Denken nachweisen konnte. In seiner Erwiderung anlässlich der Annahme des „Schirrmacher Preises“ 2016 fand Houellebecq äußerst scharfe und polemische Worte gegen Daniel Lindenberg. Houellebecq ist eben nicht nur Literat, schon gar nicht ein „klassischer Dichter“. Er hat sich einem gesellschaftlichen Projekt mit aller Kunst und Leidenschaft und Ironie verschrieben, und das Projekt heißt: Rückkehr zu den alten Werten, etwa der „intakten“ Familie, dem Respekt der religiösen (nicht nur der politischen!) Lehren des traditionellen Katholizismus. Das wird etwa deutlich in einem langen Interview, das Houellebecq dem Journalisten Geoffroy Lejeune von der extrem rechten Wochen-Zeitschrift „Valeurs Actuelles“ im Jahr 2019 gab. Darin sagte Houellebecq offenbar allen Ernstes: „Zu den Zeiten, als der Islam verborgen war, wo es einen Islam im Keller gab, da lief alles gut. Jetzt, machen die Muslime Probleme. Weil man ihnen sagt, sie könnten sichtbar sein. Um das zu regeln, wäre es besser, die katholische Religion würde stärker werden („reprenne le dessus“)“.

Der Schriftsteller Thomas Lang schreibt dazu: „Bemerkenswert scheint mir einerseits der grundlegende Konsens zwischen dem Journalisten und Houellebecq in der Sehnsucht nach einer unangreifbaren Institution, die im Besitz der Wahrheit ist und Trost spenden kann. Andererseits findet sich auch wieder die Konfrontationsstellung unterschiedlicher Richtungen. Rechts gegen links, christlich gegen muslimisch, das sind die besten Voraussetzungen für die Ausweitung einer Kampfzone“ (zit. in „Volltext“, Wien, Heft 4 (2020, S. 7). Die katholische Kirche braucht Houellebecq für seine politischen Ideen und Nostalgien als Stützen der Moral und des Staates. Das ist die alte, aber immer noch nicht vergessene  französische Konzeption der „Action Francaise“, die sich zu Beginn der Zwanzigsten Jahrhunderts als politische Ideologie katholischer Franzosen etablieren wollte, die keinen religiösen und biblisch geprägten Glauben hatten, wohl aber eine politische Liebe zur Institution Kirche als Hüterin der alten Ordnung. „Jesus Nein, hierarchische Kirche Ja“, war die Devise, die auch Houellebecq zentral findet, Jesus ist ihm viel zu links, viel zu revolutionär…(Siehe dazu: Yann du Cleuziou: Apologie du catholicisme dans les romans de Houellebecq, https://halshs.archives-ouvertes.fr/halshs-02296265/document).

3.

Der maßgebliche Literaturkritiker von „Le Monde“, Jean Birnbaum, hat im Dezember 2021 mit Houellebecq einige Stunden in dessen Arbeits-„Studio“ in Paris sprechen dürfen. Auf drei Seiten berichtet er ausführlich von dem Besuch, der ganz dem  neuen Buch gilt (Le Monde, 7. Janvier 2022,  Seite 1-3 in der Abteilung „Le Monde des Livres“). Der Titel des Beitrags sagt schon Entscheidendes über den neuen Roman: „Houellebecq, die Versuchung des Guten“.  Dazu passend, auf Seite 1, ein Zitat des Schriftstellers: „Mit guten Gefühlen macht man gute Literatur“. Diese Aussage mag überraschen! Houellebecq sagt: „Es gibt (bei mir) kein Bedürfnis, das Böse zu feiern, um ein guter Schriftsteller zu sein. Und es gibt wenige Übeltäter in dem Roman „Anéantir“. Damit bin ich sehr zufrieden. Der größte Erfolg wird sein, wenn es überhaupt keine Übeltäter mehr gibt“.

Während des Gesprächs mit dem Redakteur von „Le Monde“  fällt Houellebecq plötzlich ein, so heißt es dann in der Zeitung:  „Das ist verrückt, seit vier Stunden diskutieren wir und man hat noch immer nicht von Zemmour (einem der rechtsradikalen Präsidentschaftskandidaten 2022) gesprochen“. Darauf der Redakteur: „Das ist stimmt. Man kann es immer noch tun“. Aber wollen Sie das wirklich?  „Non“ antwortet Houellebecq sehr knapp „a mi-voix“, heißt es, „halblaut“. Dem Journalisten fällt nichts anderes ein als das eine Wort zu sagen: „Bon“, also: “Na gut“. Keine Nachfrage also, eine verpasste Chance mehr Klarheit über die Beziehung Houellebecq – Zemmour zu erfahren.

4.

Jean Birnbaum erwähnt im Gespräch auch die ihn emotional berührenden Aussagen im Roman. Houellebecq antwortet darauf mit einem Hinweis zum eigenen Erleben beim Schreiben: „Jene Passagen im Roman, die Sie berührt haben, die habe ich nicht gedacht, die haben sich mir aufgedrängt. Wenn Sie das ernst nehmen, was ich schreibe, dann muss man eine irrationale Voraussetzung annehmen, nach der die Personen im Roman wie von selbst handeln… Oft glaubt der Autor, die Persönlichkeiten im Roman zu kontrollieren, aber die Persönlichkeiten drängen ihr Sein dem Autor auf“. Houellebecq erlebt sich offenbar wie einer Art „Diktat“ ausgesetzt. Aber: Wer „diktiert“ da eigentlich? In den biblischen Schriften, die ja auch manche für „inspiriert“, säkular gesagt von anderem „diktiert“ halten, war es Gott, der da die Feder führte…. In jedem Fall sieht sich Houellebecq offenbar wie ein Meister der Weisheit, der Gesehenes, Gehörtes, kundtut.

5.

Über seine spirituelle Suche hat Houellebecq oft gesprochen, auch über seine Versuche, sich in den katholischen Glauben zu vertiefen. Auch in dem Roman „Vernichten“ ist oft von der Bedeutung des katholischen Glaubens die Rede: Cécile, die Schwester des Protagonisten Paul Raison, ist eine tief-fromme praktizierende Katholikin, der es sogar gelingt, ihren eher skeptischen Bruder zur Weihnachtsmesse in die Dorfkirche im Beaujolais mitzunehmen. Die Reflexionen Pauls über die Bedeutung Gottes angesichts des menschlichen Leidens könnte man wohl auch als persönliche Fragen Houellebecqs denken (S. 261)..

Der Katholizismus ist jedenfalls immer ein Thema bei Houellebecq, auch wenn er in „Vernichten“ durch ausführliche Beschreibungen des Wicca-Kultes wohl andeutet: Es könnte auch eine andere, eine neue (alte) Religion in Europa wichtig werden. Bekannt ist zudem, dass er die Gastfreundschaft der Benediktinermönche von St. Martin de Ligugé (bei Poitiers) erlebt hat (im Gästezimmer 11). Die Mönche berichteten später, sehr aufmerksam die Romane Houellebecqs zu lesen.  Und die Zeitschrift „Le Point“ schrieb  am 21.4.2015, in ihrer Klosterbuchhandlung hätten die Mönche auch die (damalige) Neuerscheinung des Houellebecq Romans „Soumission“  („Unterwerfung“) zum Kauf angeboten.

Für den Redakteur von Le Monde berichtet Houellebecq: Zu Weihnachten (2021) hätten ihm, so wörtlich, “reaktionäre Katholiken”, „die Freunde geworden sind“, Grüße und Nachrichten geschickt. „Darin sagten sie, dass sie für mich gebetet hätten, das ist bewegend, finden Sie nicht auch? Es gibt Leute, die interessieren sich für meine Seele. Das deute ich als Zeichen von sehr starker Freundschaft. Sie hoffen, dass ich von der Gnade berührt werde“. Bemerkenswert ist, dass Houellebecq selbst offenbar ohne ironischen Unterton (ohne ein “so genannte”) von seinen “reaktionären katholischen Freunden” spricht. Diese Haltung dieser Katholiken findet er offenbar gut, in diesem Freundes-Milieu fühlt er sich wohl. Hat Houellebecq endlich seine katholische Ecke gefunden, wo er sich wohlfühlt?

Ob die reaktionären Katholiken, auch in moralischer Hinsicht nicht gerade liberal, mit Houellebecqs Satz (gesprochen vom Protagonisten Paul) einverstanden sind: “Dafür waren Nutten da, um einem wieder Leben einzuhauchen” (S. 307)? Wahrscheinlich sehen reaktionäre Katholiken auch über die Sex-Szenen im Roman “Vernichten” hinweg, wichtig ist ihnen die politische Haltung Houellebecqs, da ist er wohl einer der ihren…

Tatsache ist: Reaktionäre Kreise im französischen Katholizismus sehr viel zahlreicher und “bunter” und einflußreicher als etwa im deutschen Katholizismus.  Es sind in Frankreich nicht nur die zahlreichen traditionalistischen Pius-Brüder von Mgr. Lefèbvre und deren Gemeinden, es sind die Katholiken aus den Kreisen “Manif pour tous”, von der Zeitschrift Valeurs Actuelles, die Katholiken, die von “Bevölkerungsaustausch” wegen der Muslime in Frankreich schwadronieren usw., von “Civitas” war schon die Rede.

6.

Der Schriftsteller Thomas Lang hat in der Zeitschrift VOLLTEXT manche Aussagen Houellebecqs zur Politik treffend „schwammig“ (S. 6) genannt. Schwammig sind auch einige Ausführungen des Schriftstellers in dem genannten Gespräch mit Jean Birnbaum von Le Monde. Darin ist erstaunlich, wie milde Houellebecq die bekannten Nazi-Autoren der Okkupationszeit bewertet. Er sagt: „Man war im 20. Jahrhundert fasziniert von der Transgression, dem Bösen. Von daher auch das Wohlgefallen gegenüber Autoren wie Morand, Drieu, Chardonne. Und dann das Urteil Houellebecqs: „Autoren, die ich mittelmäßig finde“.

Morand und Drieu waren von ihrer formalen schriftstellerischen, sprachlichen Leistung her gesehen sicher viel mehr als mittelmäßig. Aber sie waren viel weniger als mittelmäßig, nämlich schändlich, in ihrer antisemitischen Nazi-Ideologie. Von der Nazi-Ideologie der Autoren spricht Houellebecq vornehmerweise nicht. Oder „Le Monde“ zitiert unvollständig.

7.

Was oder wer ist also „Vernichtet“, um den Titel des neuen Romans aufzugreifen? Das werden die LeserInnen entdecken. Aber betrachtet man die Grundüberzeugung und die herrschende „Stimmung“ von Houellebecq dann steht fest: Vernichtet ist die alte europäische Ordnungswelt. PolitikerInnen, die angeblich noch diese alte Werte bzw. Unwerte -Ordnung reanimieren wollen, werden von Houellebecq in „Vernichten“ freundschaftlich mit dem Vornamen angespochen, eben Marine Le Pen, im Jahr 2022 Chefin der rechtsextremen Partei „Rassemblement National“ (früher „Front National“). Sie heißt im Roman nur freundschaftlich „Marine“.

Wichtiger als Ergänzung zum Thema „Vernichten“ dürften die Ausführungen Houellebecqs sein anlässlich der Verleihung des „Oscar-Spengler Preises“ 2018, ein Preis, der auch stark von rechten CDU und auch AFD Politikern inszeniert und finanziert wird. Bei der Entgegennahme des Preises in Brüssel sagte Houellebecq: „Bezogen auf die Demographie und die Religion ist es evident, dass ich zu den exakt identischen Schlussfolgerungen wie Spengler komme: Der Westen befindet sich in einem Zustand sehr fortgeschrittenen Niedergangs.“ Das hat man schon oft gehört von Houellebecq…

8.

… Es ist das Jammern des Reaktionären heute…Ob es weiterhilft in der umfassenden Krise der Gesellschaften und Staaten ist sehr fraglich, meine Antwort heißt nein. Trotzdem werden wieder viele tausend Menschen auch den neuen, den etwas freundlicher gestimmten Houellebecq-Roman lesen. Weiterführende Impulse für eine humanere Welt (der Menschenrechte) werden sie von dem umfangreichen Buch nicht erhalten. Politische Prognosen eines „Weisen“ oder gar prophetische Perspektiven wird man auch diesem Houellebecq – Roman nicht entnehmen können. Da verbreitet ein “weltberühmter Autor” nur auf seine Art “Stimmung” für eine autoritäre Gesellschaft und einen entsprechenden Staat der “uralten Werte”. Und viele, werden dies, leider, glauben.

Fußnote 1:

Im November 2017 hatte Houellebecq ein Interview („Testament“ genannt), ursprünglich für den SPIEGEL gegeben, das dann von der reaktionären Wochenzeitung „Valeurs actuels“ übersetzt  wurde . LINK Houellebecq betont in dem Interview: „Die Integration der Muslime könnte nur funktionieren, wenn der Katholizismus (in Frankreich) wieder Staatsreligion (Religion d Etat) wird“.  Diese Forderung „Katholizismus als Staatsreligion“ wird von der rechtsextremen Partei „Civitas“ vertreten. Ein Kapuziner aus dem traditionalistischen Kloster in Morgon ist offizieller „Partei-Kaplan“ (aumonier genannt) von „Civitas“.   Von diesem Kloster ist in „Vernichten“ die Rede, Houellebecq kennt diese Leute offenbar. Es lohnt sich, zum Studium die website dieser Mönche anzusehen! LINK: Das Houellebecq-Zitat zur katholischen Staatsreligion ist auf Deutsch erreichbar (gelesen am 15.1.2022): LINK

Die reaktionären und traditionalistischen Katholiken von Civitas gehören auch zu den heftigen „Impfgegner“ in Frankreich, sie nennen die staatliche Impfkampagne „Plandémie satanique“. Diese Tatsachen werden ausführlich ausgebreitet in der religionswissenschaftlich-politologischen Studie „Le Nouveau Péril sectaire“, von Jean-Loup Adénor und Timothée de Rauglaudre, erschienen in den Editions Laffont, 2021, 21,50 EURO.

Michel Houellebecq, “Vernichten”. Roman.  2022, Dumont – BuchVerlag Köln. Aus dem Französischen von Stephan Kleiner und Bernd Wilczek. 621 Seiten, 28 Euro. 

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Eric Zemmour, der rechtsextreme jüdische Präsidentschaftskandidat und seine katholischen Freunde.

In Frankreich könnte 2022 ein Rechtsextremer Präsident werden.

Ein Hinweis von Christian Modehn am 3.12.2021. Es ist in der religionssoziologischen Forschung üblich, bestimmte Phänomene, Parteien und Personen auch hinsichtlich ihrer weltanschaulichen, religiösen Bindung zu beschreiben.

1.

Er wird in der französischen Presse oft nur „essayiste“ genannt. Damit erinnert man an seine frühere journalistische Tätigkeit, etwa in der konservativen Tageszeitung „Le Figaro“. Aber „essayer“ bedeutet auch „versuchen“: Und das probiert Zemmour mit aller Bravour und Unverschämtheit, bisher erfolgreich: Er tritt nun an,  im nächsten Jahr, im April 2022, Staatspräsident Frankreichs zu werden. Und dies will er mit noch extremeren Forderungen erreichen, extremer, als die Positionen der extrem rechten Marine Le Pen (früher „Front National“, jetzt „Rassemblement National“). Noch extremer als Le Pen? Das funktioniert also, und zwar ziemlich erfolgreich.

2.

Rechte politische Milieus sind von Eric Zemmour fasziniert,  die Finanzwelt interessiert sich für ihn sehr und, wen wundert es bei dem Zustand des französischen Katholizismus, einflussreiche konservative Katholiken schmeicheln ihm.

Welches Frankreich will Zemmour schaffen? Es ist das nationalistische, nach außen hin katholische, anti-muslimische und ausländerfeindliche Frankreich als stolzer Nation. Der Historiker Jacques Semelin scheibt in „Le Monde“ (3. Dec. 2021, S. 33). „Zemmours Rhetorik ist die der Identität, der andere (der Fremde) soll bekämpft und ausgelöscht werden, der andere ist „zu viel“: Hier stehen also die weißen Franzosen gegenüber `denen da`, den anderen, den Fremden. Ich sehe einen analogen Diskurs in Ex-Jugoslawien, bei den nationalistischen Serben gegen die muslimischen Bosnier…Die Geschichte zeigt, dass diese identitäre Gegenüberstellung von denen da und wir, den Fremden und den Franzosen also, ein Land in den Bürgerkrieg und ins Massaker reißen kann“.

3.

Die Anhänglichkeit konservativer bzw. traditionalistischer Katholiken in Frankreich an den rechtsextremen Zemmour wird nun immer deutlicher untersucht.

Die so genannten „Eveilleurs“, Mitglieder eines katholischen Vereins, hatten am 19. Oktober 2021 Zemmour erneut zum Vortrag mit über eintausendfünfhundert Teilnehmern eingeladen, nach Versailles, in die alte französische Königsstadt, ins Zentrum des bourgeoisen Katholizismus. Laurence Trochu, Präsidentin des „Mouvement conservateur“, der mit der Partei die Republikaner verbunden ist, betont: „Erich Zemmour hat den Mut, unser ererbtes kulturelles Modell des Christentums zurückzufordern und zu verteidigen“. Das heißt: Die alte Welt des herrschenden Christentums soll wiederkehren, die vertrauten angeblichen Werte der Familie mit dem Oberhaupt „Mann“ und der häuslichen Gattin. Die „Homoehe“ ist für diese Katholiken – wie für Zemmour – eine Schande, die abgeschafft werden muss, auch der Schwangerschaftsabbruch sollte eingeschränkt werden; der unbedingte Schutz jeglichen Privateigentums (an Produktionsmitteln) ist sowie unbestritten und vor allem: Frankreich muss katholisch bleiben. Und das bedeutet: Für den Islam, also für Muslime, sollte es eigentlich nur einen sehr eingeschränkten Platz geben. Man muss die muslimische „Machtergreifung“ verhindern, heißt es bei Zemmour immer wieder. (Über die prominente Unterstützung für Zemmour durch konservative Katholiken, wie sie in Versailles am 19.Okt. 2021 sichtbar wurde: siehe Fußnote 1 am Ende dieses Beitrags)

4.

Mit etlichen Netzwerken eines „politischen Christentums“ hat sich Eric Zemmour von Anfang eng verbunden: Also mit den Parteien rund um die strengen Katholiken Philippe de Villiers oder Marion Marechal (der Nichte von Marine Le Pen) oder Jean-Frédéric Poisson oder Christine Boutin….  Auch der katholische Politiker Jean-Paul Bolufer gehört nun zu Zemmours Wahlkampf-Team, er ist eng mit den Traditionalisten verbunden aus dem Aktions-Kreis „ICHTHUS“.

Sie alle und ihre Anhänger sind mit Zemmours Zielen eng verbunden. Diese Parteien oder Gruppen sind im Umfeld der Demonstationen, „Manif pour tous“  genannt, entstanden, also der Massenbewegungen gegen die gesetzliche Einführung der Ehe für Homosexuelle. Die Demonstrationen begannen 2013, zum Teil mit offizieller Unterstützung einzelner Bischöfe (wie Msgr. Rey von Toulon). Von Anfang an kam es zu Gewalttätigkeiten der rechtsradikalen Demonstranten gegen Homosexuelle und deren Treffpunkten, rassistische Sprüche wurden dabei verbreitet… Eine gute Übersicht zur „Manif pour tous“ bietet die website: https://fr.wikipedia.org/wiki/La_Manif_pour_tous.

5.

„Jetzt sind erst einige katholische Bewegungen aus dem Umfeld der Demonstrationen „Manif pour tous“ eng mit Zemmour verbunden. Aber hinter den Kulissen fragen sich viele über ein mögliches Bündnis“, schreibt die katholische Tageszeitung La Croix, Paris, am 2.12.2021. „Die politischen Bewegungen, die aus den Aktivitäten der „Manif pour tous“ gegen die Homo-Ehe entstanden sind, die sind gescheitert in ihrem Bemühen, ihre Überzeugungen in den besehenden politischen Parteien durchzusetzen. Eric Zemmour kann für diese Gruppen nun einen glaubwürdigen politischen Ausweg bedeuten“, sagt der Politologe Emilien Houard-Vial, Paris.

6.

Für Zemmour ist das Christentum nichts anderes als eine Art Stabilisator des alten europäischen Herrschaftssystems. „Um Franzose zu werden, muss man sich prägen lassen vom Katholizismus, der Frankreich gemacht hat“, sagt etwa Zemmour, für die sehr konservative katholische Zeitschrift „France catholique“. Er betont: „Man muss sich auch vom christlichen Universalismus und von diesem Mitleid für die Schwachen bestimmen lassen, selbst wenn ich dem misstraue!“. Das moderne Christentum sieht Zemmour sehr kritisch, es sei eine „verrückte Maschine geworden der Nächstenliebe…“ Für ihn ist es eine kulturelle Katastrophe, wenn das Christentum nur noch Solidarität und Brüderlichkeit bedeutet, sagte er schon 2018 der konservativen Zeitschrift „France Catholique“. Später hat Zemmour seine heftige Kritik an Papst Franziskus geäußert, und damit wohl auch noch mal Sympathien gefunden in katholisch-reaktionären Kreisen. In der sehr rechtslastigen Zeitschrift „Valeurs actuelles“ (6. Oct. 2020) sagte er anlässlich der Enzyklika „Fratelli tutti“, „Alle sind Brüder“: Da verkünde der Papst einen naiven Idealismus, er mache linke Politik, und sei nicht mehr katholisch. Außerdem verachte der Papst Frankreich, er verteidige nicht das katholische Erbe.

Als ihn der Europa-Abgeordnete Raphael Glucksmann kritiserte, er sei doch nur für die Kirche, aber gegen Christus, antwortete Zemmour: “Ja, sicherlich, das sage ich klar und deutlich“.

Damit wird einmal mehr die Position der alten reaktionären „Action Francaise“ (ihre Zeitschrift bis 1992 „Aspects de la France“) vertreten, die zu Beginn des 20.Jahrhundert als nationalistische und antisemitische katholische Bewegung einen großen Einfluss ausübte, nicht zuletzt eben durch ihre Parole, sie finde die Kirche wichtig als Institution für die Förderung der Moral, sie finde aber nicht Jesus Christus bedeutsam. 1926 wurde die „Action francaise“ vom Papst verboten. Nebenbei: In diesen Kreisen sind auch die heftigen Feinde der staatlichen Impf-Politik gegen Corona zu finden. Es ist wohl nur als Witz zu bezeichnen, dass sich ausgerechnet der Rechtextremist Eric Zemmour, jüdischen Glaubens wie er selbst immer betont, nun auf eine antisemitische katholische Bewegung positiv bezieht. Man könnte sehr zynisch sagen, es bahne sich nun eine neue rechtsextreme jüdisch-katholische Zusammenarbeit an.

Ludovine de la Rochère, Geburtssname Ludovine Mégret d’Étigny de Sérilly, als „praktizierende Katholikin“ seit 2013 Präsidentin der Bewegung „Manif pour tous“, kann Zemmour nur zustimmen: „Er will einen Teil des  christlichen Erbes verteidigen, das mit dem Auftreten des Islam in unserer Gesellschaft fraglich wurde“…. Allerdings wollen selbst die konservativsten Katholiken darauf achten, dass Monsieur Zemmour doch bitte etwas Rücksicht nimmt auf die Schwächsten in der Gesellschaft.

7.

Der rechtsradikale jüdische „Essayist“ als Politiker ist angetreten, um Frankreich, das christliche, zu verteidigen und wieder aufzubauen, Dass dieses christliche Frankreich lange Zeit antisemitisch war, interessiert ihn als Juden offenbar kaum. Er hat sich u.a. zu der völlig unqualifizierten These verstiegen, das nazifreundliche Regime von Vichy hätte versucht, Juden zu retten…Tatsache ist: Juden in Frankreich wurden nicht dank der Vichy-Regierung gerettet, sondern trotz Pétain und seiner rechtsextremen Freunde.

8.

Marine Le Pen und ihre sich nun seit einigen Monaten etwas milder gebende Partei „Rassemblement national“ sieht sich bedroht in ihren Ansprüchen, selbst 2022 Präsidentin zu werden: Zemmour stört. „Soll er sich doch meiner, der Le Pen Partei anschließen, heißt es von ihr. Wird er aber kaum machen, dazu ist er radikaler als Madame Le Pen. Für die Demokraten ist dies vielleicht eine Hoffnung: Eine gespaltene Rechtsextreme ist eine Chance für den Sieg von Demokraten. Nur traurig, dass sich im französischen Katholizismus, anders als in Deutschland, so viele Gruppen und Parteien mit einer explizit antiislamischen Haltung organisieren in Verbindung mit einer allgemeinen Ablehnung der universal geltenden Menschenrechte, etwa für Homosexuelle. Aber in der Hinsicht folgen diese katholischen Kreise auch den aktuellen Weisungen des Vatikans zur umfassenden UN-Gleichberechtigung Homosexueller auch heute noch.

9.

Und wie reagiert die jüdische Gemeinschaft in Frankreich, mit 600.000 Juden in Frankreich sicher eine der bedeutendsten europäischen Gemeinschaften, sie debattiert natürlich heftig über den Juden Erich Zemmour. Die Wochenzeitung „Jüdische Allgemeine“ schrieb kürzlich (Quelle. https://www.juedische-allgemeine.de/juedische-welt/der-spalter/):

„Zemmour spaltet nicht nur die französische Zivilgesellschaft, sondern auch die jüdische Gemeinde. Etliche sefardische Juden unterstützen ihn. Sie fühlen sich bedroht in ihrer Lebensweise.

Und auch Gilles-William Goldnadel, ein franko-israelischer Anwalt und Kolumnist, verteidigt Zémmour und dessen patriotischen Widerstand. Francis Kalifat hingegen, der Präsident der französisch-jüdischen Dachorganisation CRIF (Conseil Représentatif des Institutions Juives de France), ruft dazu auf, Zemmour nicht eine einzige Stimme zu geben. Frankreichs Oberrabbiner Haïm Korsia nannte ihn vor einigen Tagen in einem Interview mit France 2 gar einen Antisemiten“.

10.

Ein Jude als Antisemit, wie der Oberrabbiner sagt, das ist gewiss eine Neuigkeit.  Beklagt wird zurecht in der französischen jüdischen Gemeinschaft vor allem, dass die „Große Synagoge“ in Paris Eric Zemmour am 1. Juni 2021 zu einer Debatte mit dem ehemaligen Großrabbiner Gilles Bernheim eingeladen hatte. (Quelle: http://www.slate.fr/story/119925/zemmour-kippa-precheur-petainiste).

11.

Seine jüdische Herkunft (aus Algerien) hat Zemmour tatsächlich nie verleugnet und auch die religiöse Bindung ans Judentum bei seinen Eltern betont, er erklärte in einem Interview etwas konfus. „Ich bin ein Mensch des Alten Testamentes, der eine Kultur des Neuen Testamentes erhalten hat. Aber zur Existenz Gottes bin ich sehr am Zweifeln, darüber weiß ich nichts. Ich bin ja nicht im Katholizismus aufgewachsen, und ohne Glauben ist es für mich schwer, dem Credo zuzustimmen. Bei den Riten aus meiner Kindheit ist dies anders. Wenn ich mich darin vertiefen und mich an meine verstorbenen Eltern erinnern will, gehe ich in die Synagoge. Dagegen, ich spüre sehr, ist es so, dass meine ganze Kultur das Christentum ist, davon bin ich imprägniert.“ (Quelle. https://www.france-catholique.fr/Zemmour-Je-suis-impregne-du-christianisme.html). Aber wie gesagt, es ist ein Christentum, das von der Degradierung und dem Ausschluss des anderen, des Fremden, bestimmt ist. Es handelt sich also doch nicht bei Zemmour um ein authentisches Christentum! Alles nur Sprüche, Fassade, Polemik, Wahlpropaganda….

Dabei gehörte doch die Familie Zemmour selbst einmal zur Gruppe der Fremden, der anderen. Das hat Eric Zemmour vergessen. Siehe dazu:

« Moi, mes parents viennent d’Algérie, comme je dis toujours, je ne suis pas un Français de souche, (…), je ne prétends pas être Français depuis 1000 ans », a-t-il déclaré. Zemmour fait savoir qu’il avait appris « à être Français ».  « Simplement, j’ai appris les codes de cette assimilation à la française et je croyais que tout le monde marchait comme moi », a indiqué le polémiste.

(Quelle: https://observalgerie.com/2020/05/28/faits-divers/france-eric-zemmour-evoque-ses-origines-algeriennes/.  28. Mai 2020)

FUSSNOTE 1:

Am Abend des 19. Oktober 2021 in Versailles eine Liste konservativer Katholiken und deren Organisationen: : „Dans le sillage de Zemmour, un élément est visible : le nombre de catholiques conservateurs qui le suivent, l’entourent et le promeuvent. Ce soir, on reconnaît aux premiers rangs Charlotte d’Ornellas, journaliste de Valeurs actuelles, Gabrielle Cluzel, rédactrice en chef du site Boulevard Voltaire, Jean-Frédéric ­Poisson, dirigeant de VIA – la voie du peuple (ex-Parti chrétien-démocrate), Laurence ­Trochu, présidente du Mouvement conservateur (anciennement Sens commun), l’essayiste Patrick Buisson et le chanteur Jean-Pax Méfret, barde de l’Algérie française et de la lutte contre le communisme dans les années 1980. Enfin, l’homme qui assure la sécurité d’Éric Zemmour est Albéric Dumont, porte-parole officiel de la Manif pour tous. À Versailles, bastion de la bourgeoisie catholique, cette présence ne doit pas surprendre : l’association locale à l’origine de l’événement, les Éveilleurs, a invité Zemmour quatre fois depuis 2015 ! Mais l’engouement pour « le Z » dépasse l’ancienne cité royale, et la question de savoir si cet intérêt ira au-delà des classes aisées pour percer dans les milieux populaires sera l’un des enjeux de la présidentielle. « De plus en plus de personnes l’écoutent », se félicite Pierre Nicolas, cofondateur des Éveilleurs“.

(Quelle: „La Vie“, 27.10.21, https://www.lavie.fr/actualite/societe/mais-qui-sont-ces-catholiques-qui-suivent-eric-zemmour-78654.php)

Copyright: Christian Modehn, www.religionsphilosophischer-salon.de

 

800 Millionen Menschen hungern heute. Das ist Mord!

Anlässlich des „Welttages gegen Hunger“ am 16. Oktober 2021

Ein Hinweis von Christian Modehn.

1.Selten hat ein deutscher Politiker, noch dazu ein CSU-Minister, so deutlich, so wahr und radikal gesprochen, wie jetzt Gerd Müller, der bald ausscheidende und sehr vernünftige Minister für „Entwicklungshilfe“ der Regierung Merkel. „Hunger ist Mord“ heißt seine Erkenntnis. Sie sollte sich wie ein Mantra überall und bei jedem festsetzen. “Eigentlich”, wenn es den Willen für eine gerechte Weltwirtschaft gäbe, bräuchte niemand zu hungern.

Besser wäre es, die sachliche Ebene „Hunger“ zugunsten der persönlichen Ebene „Hungernde“ zu ersetzen. Also zu sagen: „Hungernde werden ermordet“. Dann muss die Frage beantwortet werden: „Von wem werden denn Hungernde ermordet?“

Bei der Suche nach Antworten darauf sind wir wieder bei dem leidigen Stichwort gelandet, das so oft als Entschuldigung dient für konkretes politisches Handeln: Es ist der Begriff „Komplexität“. Natürlich ist es ein komplexes Phänomen, dass zurzeit (Herbst 2021) mehr als 800 Millionen Menschen ,vor allem in Afrika, hungern. Wie auch immer die Gründe aussehen: Eines ist klar: Hungern heißt für diese Elenden eben nicht, ein bisschen Bauchweh zu haben, weil der Magen leer ist oder, wie üblich dort, kein sauberes Wasser zur Verfügung zu haben. Hungern heißt für die 800 Millionen Menschen: Sich Im Zustand des langsamen, aber sicheren Krepierens zu befinden.

Minister Gerd Müller sagte also vor wenigen Tagen: „Hunger ist Mord, da wir dies heute ändern können“. Worte, die jeder mindestens zweimal lesen und sprechen sollte: HUNGER IST MORD, da wir dies heute ändern könnten“. Der Hunger und das Verhungern sind also kein Schicksal, ist nichts Unabwendbares, wenn auch die Klimakatastrophe eine Rolle spielt, aber die ist von Menschen vor allem im reichen Norden dieser Erde gemacht.

Gerd Müller also sagt: „Hunger ist Mord, da wir dies ändern können“. Wer ist wir? Sicher nicht die Hungernden in der Sahelzone, sondern eben wir, auch wir Europäer, auch wir Deutsche.

2. Aber WIR haben absolut andere Sorgen: Nur ein Beispiel: Der 16. Oktober ist bekanntlich der „Welttag gegen Hunger“. Wenn man abends im ZDF das Heute-Journal sieht, wird etwa 6 Minuten über das Treffen der „Jungen Union“ in Münster lang und breit berichtet und etwa 40 Sekunden über die Tatsache, dass 800 Millionen Menschen hungern. Es werden dabei die üblichen Bilder gezeigt und einfallslos wie immer werden die ZuschauerInnen zum Spenden aufgerufen. Also: Ein paar Euro locker machen, spenden und schon haben einige Hungernde eine Schale Reis. Von der Aufforderung, sich politisch zu informieren, warum denn die Anzahl der Hungernden schon wieder zugenommen hat, vor 2 Jahren waren es „nur“ 690 Millionen“, also keine Spur davon in der Nachrichtensendung. Laschet und Söder und die JU sind absolut wichtiger für uns, wir sind begrenzte Nationalisten geworden, vielleicht sogar blind für die „fernen Nächsten“, die Mitmenschen in Hunger und Dreck…Mit Spenden sollen wir also unser Gewissen beruhigen und es hinnehmen, wie gering etwa der Etat des Miniserums für „Entwicklungshilfe“ ist. Dabei ist es fraglos, dass Spenden oft eine letzte Rettung sind für die Elenden. Gerd Müller (CSU!) sagt es selbst: „Schauen Sie, allein für Rüstung werden weltweit jedes Jahr 1700 Milliarden Euro ausgegeben. Für Entwicklung nur 170 Milliarden. Dies ist ein inakzeptables Missverhältnis.“

Aber die meisten finden das normal. Weil sie auch die kapitalistische Gesellschaft normal finden und die neoliberale WirtschaftsUNordnung normal finden. Wo und wann wurde denn bei diesem Bundestagswahlkampf von Entwicklungshilfe gesprochen, welcher der so genannten Spitzenpolitiker sprach davon, setzte sich für mehr Gerechtigkeit in der kommenden Regierung? Mir ist davon nichts begegnet.

Um beim Thema „Hunger ist Mord“ bzw.: „Wenn 800 Millionen Menschen jetzt hungern, sind wir die Mörder“, die richtige Erkenntnis präziser zu fassen: Dieses Thema ein philosophisches, es muss die Frage aufgeworfen werden: Wie „wir“ denn endlich zu einem menschenwürdigen Verständnis von Gerechtigkeit auf dieser einen Welt („Mutter Erde“ ?) kommen können. Wollen „wir“ das überhaupt? Oder brauchen wir die Elenden, um unseren Wohlstand zu halten und auszubauen? Brauchen wir moderne Sklaven? Etwa doch einige Flüchtlinge aus Afrika?

Philosophisch ist eindeutig in dieser grausamen Situation: „Wir“ sind Mörder, ein schwieriger Gedanke, aber wir sind meist Mörder durch Unterlassung von wirksamer Hilfe, weil uns die eigene kleine bürgerliche oder spießbürgerliche Welt, der eigene begrenzte Horizont, der in der Merkel Regierung so heilig war, selbstverständlich geworden ist. Wer wagt das Eingeständnis: „Wir sind totale Egoisten“?

3. Wir müssen uns also angesichts der fast einer Milliarde Hungernder Menschen eingestehen: Unser Reden von Menschenrechten, von Solidarität, von Herrschaft der Vernunft etc. ist oft nur ein Ausstoßen von leeren Wort-Blasen. Denn sonst würden wir doch aufstehen und massenhaft „Fridays for hungry peoples“ organisieren und vor den Verteidigungs-, Finanz-und Wirtschaftsministerien protestieren.  Dass immer mehr so genannte demokratische Regierungen, wie in Polen, Ungarn oder jetzt in Österreich wider den Geist der Demokratie handeln und in der Korruption versinken, ist bezeichnend: Korrupte Politiker kümmern sicher eher um das nächste Staats-Bankett als um die 800 Millionen Hungernde.

Und die Kirchen in Deutschland? Vor einigen Jahren waren sie manchmal noch ein bisschen der öffentlichen sozialen und prophetischen Kritik verpflichtet, sie sind jetzt absolut mit allen ihren Missbrauchsfällen befasst oder mit synodalen Prozessen oder dem Zölibat…Woelki und Co. wurden den Katholiken viel wichtiger als die Menschenrechte! Und den Hilfswerken fällt auch nichts anderes ein, wie schon seit Jahrhunderten, als um Spenden zu betteln, also um die berühmten „Tropfen auf die heißen Steine“. Zur politisch-prophetischen Rebellion für die Hungernden sind die Kirchen in den reichen Ländern gar nicht in der Lage. Sie sind müde und schwach und geldgierig für eigene Zweck.

Es werden vielleicht politisch noch viele kluge Worte zum Hunger gesagt. Aber wir haben uns längst daran gewöhnt, dass es Untermenschen (Hungernde, „Schwarze“) und gut genährte Übermenschen bzw. Herrenmenschen, dies sind die Europäer, Amerikaner, Japaner, Saudis und andere sich islamisch – scheinheilig fromm nennende Gewaltherrscher in ihrem absoluten Saus und Braus … gibt. Die Kategorie Untermenschen contra Herrenmenschen hat ja bekanntlich schon seit Urzeiten gegolten und in der Nazizeit zum Massenmord an den Juden und anderen geführt…

In der „Augsburger Allgemeinen Zeitung“ sagte Müller weiter: „Man kann kaum glauben, zu welchen Verbrechen Menschen in der Lage sind.“ In einem Flüchtlingslager in Myanmar habe er mit Frauen gesprochen, deren Babys von Regierungstruppen in brennende Hütten geworfen wurden. Im Camp von Moria lernte er Frauen kennen, die auf der Flucht vergewaltigt wurden. Im Tschad haben wir ein Krankenhaus in einem Slum besucht: abgemagerte Kleinkinder, deren Mütter sie nicht stillen konnten, weil sie selbst unterernährt waren. Die eigene Regierung hat seit Jahren keine Mittel gegeben. Und drei Kilometer weiter saß der Präsident in seinem Palast aus Gold und Marmor. Er kannte das Krankenhaus nicht und sagte, wenn man krank ist, dann fliegt man in die USA. Vollkommene Ignoranz. Er wollte öffentliche Entwicklungszusammenarbeit von uns. „Ich habe ihm gesagt, das kann er vergessen. Stattdessen unterstützen wir das Krankenhaus direkt. Da war der Präsident stinksauer und hat sich bei der Bundeskanzlerin über mich beschwert“.

4. Wie kommt man philosophisch weiter? Im Denken allein sicher nicht. Es braucht wohl eine Revolution des politischen Handelns. Aber dafür gibt es keine Subjekte. Und keinen Willen, keine „Umkehr“, unter den Reichen.

Philosophen und die wenigen noch dem befreienden Evangelium Jesu von Nazareth verpflichteten Menschen müssen sich eingestehen: „Wir sind gescheitert“: Die Philosophie als Gesellschaftskritik und die christliche Religion, in ihrem humanen, nicht gewalttätigen Kern. Sie sind gescheitert. Die Bilanz des Christentums ist – historisch gesehen – katastrophal. Das weiß jeder.

Nur wer das Scheitern eingesteht, hat die Chance, irgendwo und irgendwie neu zu beginnen. Wenn einem dazu die Kraft nicht genommen wurde…

 

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

 

 

 

 

Nichts tun: Ein neues Buch und eine alte chinesische TAO -Weisheit (Zhunangzi).

Ein Hinweis von Christian Modehn

1. Philosophieren ist nicht an Institutionen oder „Fachleute“ gebunden, die sich explizit philosophisch nennen. Dies ist eine alte Erkenntnis.  Mit anderen Worten: Jeder Mensch philosophiert „immer schon“, selbst wenn er sein Nachdenken nicht als Philosophie bezeichnet…

2. Zweifelsfrei ist deswegen auch, dass Romane und Gedichte, Gemälde und Musik, Architektur sowie selbstverständlich die Natur (bzw. die von Menschen noch nicht ganz zerstörte Natur) oder die Welt der Götter PHILOSOPHISCH zu denken geben, also philosophische Impulse freisetzen. In zahleichen Hinweisen dieser Website wurde das dokumentiert und kommentiert.

3. Der Philosoph und Journalist Gert Scobel erinnert im „Philosophie-Magazin“ (Heft 4/2021) ebenfalls an diesen „weiten Philosophiebegriff“: „Gegenwärtig scheint ein neuer Typ des philosophischen Buches zu entstehen. Es gedeiht zwischen den Genres…“ Und damit bezieht sich Scobel auf ein Buch der US-amerikanischen Künstlerin und Autorin Jenny Odell (Kalifornien). Und Scobel empfiehlt das Buch sehr! Nennt es sogar „brillant“.

4. Der Titel weckt also große Erwartungen: „Nichts tun. Die Kunst, sich der Aufmerksamkeitsökonomie zu entziehen“. Erschienen 2021 im C.H.Beck Verlag. In den USA ist das Buch „How to do nothing“ seit 2019 ein Bestseller, schließlich hat Barack Obama dieses Werk als eines der wichtigsten Bücher empfohlen. (Quelle: https://www.nytimes.com/2020/01/16/books/review/inside-the-list-jenny-odell.html). In einem Interview mit der New York Times verriet die Autorin: “Ich bin aufrichtig erstaunt darüber, dass irgendjemand die Geduld hatte, dieses gelegentlich beschränkte, oftmals seltsame Buch durchzuackern.”  (Quelle: https://www.zeit.de/kultur/literatur/2021-02/nichtstun-jenny-odell-meditation-analog-fomo-rezension/seite-2).

5. Wer also dieses „seltsame und gelegentlich beschränkte“, aber als „brillant“ bewertete Buch liest, muss feststellen:

Die Autorin plädiert für eine grundlegende Neuorientierung des heutigen Lebens der westlichen Menschen bzw. der nicht ganz Armen in den armen Ländern: Die meisten Menschen heute sind fixiert, so die zentrale Analyse, durch eine falsche „Aufmerksamkeitsökonomie“, wie sie sagt. Das heißt, sie betrachten sehr aufmerksam stundenlang ihre Smartphones und Computer, sind mit Facebook und Instagram rund um die Uhr beschäftigt. Die Autorin denkt an eine Alternative: „Für mich bedeutet nichts zu tun, mich von einem Bezugssystem (die Aufmerksamkeitsökonomie) zu lösen. Nicht nur, damit ich Zeit habe nachzudenken, sondern auch um etwas Neues in einem anderen Rahmen zu tun“. (S. 242).

Ob es nun wirklich Menschen gibt, die bei der Computernutzung oder beim Smartphone-Betrieb NICHT nachdenken, sei dahingestellt. Die Autorin ist aber der begründeten Überzeugung: Wir müssen die Unterbrechung im routinierten und oft suchthaften Verhalten beim Gebrauch der sogenannten „sozialen Medien“ einüben. Die nun einmal kapitalistisch beherrschte Ökonomie der sozialen Medien verhindert eher vielfältiges Leben, etwa das Naturerleben, die Kunsterfahrung, die Pflege von Freundschaften etc. Unter Nichtstun versteht Jenny Odell also nicht etwa das lange dauernde Dösen oder das Eremitendasein. Den gelegentlichen Rückzug aus dieser von Ökonomie-Gesetzen beherrschten Welt, das unterstützt sie. Aber im ganzen geht es darum, wieder zur Fülle des menschlichen Erlebens zu finden, mit nur sehr gelegentlichem sinnvollen Gebrauch der Smartphones und Co. Die Autorin empfiehlt die „kleinen Schritte“ zu einem lebendigeren Leben durch die Einübung von meditativer Wahrnehmung oder durch einen noch so bescheidenen Einsatz zugunsten der bedrohten Natur.

6. Derartige Kulturkritik hat man schon oft in den letzten Jahren gelesen und gehört, man denke an Hartmut Rosa. Bernard Stiegler oder Jaron Lanier („Gadget“) usw.

7. Jenny Odell sagt offenbar für die USA Neues, man glaubt das kaum, aber Barack Obama hat das Buch so hoch gelobt! Die Autorin ist eine junge „multidisziplinäre“ Künstlerin und Dozentin für Internetkunst etc.. In ihrem Buch überwiegt meiner Meinung nach die  Beschreibung sehr vieler persönlicher Erlebnisse in ihrer schönen und teuren Heimat, der Bay Area rund um San Francisco. Die weitausschweifenden Schilderungen ihrer alltäglichen Erlebnisse (Kino-Besuche, Spaziergänge etc.) lenken eher ab vom Zentrum ihrer Aussagen: Sie will aber doch, so schreibt sie im Vorwort (S. 9), zu „politischem Widerstand gegen die Aufmerksamkeitsökonomie anleiten“. Aber das Profil dieses von ihr genannten „antikapitalistischen  Widerstandes“ bleibt auf bescheidenem Niveau. Ihre  politischen Hinweise zugunsten  eines „anderen  Lebens des „Nicht-Tuns“  fallen dürftig aus, so lobenswert auch etwa die Erörterungen zum „Bioregionalismus“ auch sein mögen (S.211).

Sie selbst nennt ihr Buch „einen offenen und ausgedehnten Essay“, und auch treffend: „keine abgeschlossene Informationsübermittlung“ (S. 21). Dabei hätte schon der Begriff „Aufmerksamkeitsökonomie“ für viele LeserInnen näher definiert werden müssen.

Das Buch ist im ganzen viel zu sehr auf kalifornische bzw. US-amerikanische LeserInnen bezogen, die den ausführlichen regionalen Orts-, Park- und Wald-Beschreibungen folgen wollen oder sich in die weiterführenden Verweise auf die fast ausschließlich US-amerikanische Literatur vertiefen wollen.

8. Interessant ist für den „Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon Berlin“, dass am Rande auch der Kirchenvater Athanasius und der Eremit Antonius, der aus der ägyptischen Wüste, erwähnt werden. Etwas ausführlicher wird auf den in den USA immer noch sehr bekannten politischen Aktivisten und Mystiker, den Trappistenmönch Thomas Merton (S. 92), hingewiesen. Ansonsten sind spirituelle/religiöse Hinweise bei dem Thema eigentlich nahe liegend, doch sehr spärlich. Für die Autorin ist ihre Liebe zur Natur, besonders zu den Vögeln, offenbar ihre persönliche Spiritualität.

9. Meine Meinung: Hätte sich die Autorin ausführlich argumentierend auf ihr Thema „Nichts tun“ begrenzt ohne weitausgreifende subjektive Erlebnisse zu schildern, hätte sie einen hübschen Aufsatz von 20 Seiten publizieren können. Aber: Vielleicht kam das Buch mit diesem Titel (!) zur richtigen Zeit, als ab Frühjahr 2020 sehr viele Menschen wegen Corona tatsächlich zum Nichts-Tun gezwungen waren.

10. Immerhin beweist diese Publikation, dass moralische Maximen und sanft formulierte ethische Standpunkte heute doch noch respektiert werden. Würden die Kirchen solche Selbstverständlichkeiten wie die in dem Buch verbreiten, würde kaum jemand hinhören…

11. Ich hätte das Buch nie gekauft und nie gelesen (wie gesagt, das Thema ist gar nicht neu), wenn nicht der Philosoph Gert Scobel dieses Opus über alles gelobt und es sogar „brillant“ genannt hätte. Man folge also nur sehr skeptisch “Autoritäten”.

Ich bin also leider der Empfehlung Scobels gefolgt, habe das Buch gekauft und einmal mehr gelernt: Vertraue nicht zu sehr noch so klugen Rezensenten. Das Buch kostet 24 Euro und hat 296 Seiten.

12. Das Buch endet wie üblich mit einer ausführlichen Danksagung. Der letzte Satz dieses Dankes (S. 276) heißt:“ Zu guter Letzt möchte ich Krähe und Krähensohn dafür danken, dass sie weiterhin, Morgen für Morgen, meinen Balkon besuchen und jenem vergleichsweise plumpen Homo sapiens ihre fremdartige Aufmerksamkeit schenken. Mögen wir alle das Glück haben, unsere Musen in unserer eigenen Umgebung zu finden“. Schade, dass nicht noch ein AMEN folgt.

13. Auf einen anderen Autor muss in dem Zusammenhang hingewiesen werden: Jenny Odell nennt ihn kurz selbst – bei ihrem Thema  fast ein „Pflichtprogramm“: Es ist der chinesische Weise und Philosoph Zhuangzi. Zhuangzi (eigentlich Zhuang Zhon) lebte von 365 -290 v.Chr.), er ist an der Seite des bekannteren Laotzi der wichtigste Denker des Taoismus.

Von Zhuangzi wird ein umfassendes Buch, vor allem ein Werk seiner Schüler, verbreitet, es trägt ebenfalls  den Titel „Zhuangi“.

14. Das Buch Zhuangzi ist jetzt in einer kleinen Auswahl durch Viktor Kalinke im Reclam Verlag, 2021, erschienen. Während von Laotse kurze Sprüche und Poesie verbreitet wurden, haben die Schüler Zhuangzis längere Prosastücke gesammelt. Das „Nichts-Tun“ ist die grundlegende Haltung des Abstandnehmens inmitten der Konflikte und endlosen Theorie-Debatten. Und welcher Weg führt daraus? Die Sinologin Anne Cheng spricht in ihrer großen Studie „Historie de la pensée chinoise“ (Paris 1997) von einer „harmonischen Musik“, die im Alltagsleben trotz aller Belastungen vernehmbar wird: Das Dao. Bekanntlich ist das umfassende gründende Dao kaum eindeutig  übersetzbar. Aber interessant ist, dass Zhunagzi die Wahrnehmung einer Art inneren Musik für entscheidend hält, die auch erlebbar wird im Rückzug aus der Welt. Daran lag Zhuangzi über alles. Von dieser inneren sanften und leichten, von der Welt distanzierenden Musik spricht Anne Cheng auf S. 102 und 106.

Zum Rückzug aus der Welt und dem entsprechenden Nichts-Tun gehört für Zhunagzi auch die Kritik an der angeblichen Klarheit der (Alltags)Sprache, die behauptet, alles genau zu wissen und zu definieren. Auszug aus der Welt heißt also auch Auszug aus den Üblichkeiten der Sprache und ihrer fixierenden Logik. Also: Abschied von der Welt des angeblich Eindeutigen.

Bei Laotse erscheint dann das Nichts-tun (=wuwei) sehr häufig in seinem Text „Daodejing“. An Laotse erinnern diese Worte Zhunagzis: “Wer viel weiß, hat Schwierigkeiten; wer wenig weiß, hat Muße. Wer viel redet, entfacht Feuer, wer wenig spricht, hat etwas zu sagen“ (S. 12 im zit. Reclam Band). Interessant die Aussage Zhuangzis: „Des Menschen Leben, es schwankt wie ein Grashalm“ (S. 13), eine fast gleichlautende Formulierung findet sich in der hebräischen Bibel, im Pslam 103, Vers. 15…

Geradezu politisch-kritisch äußert sich Zhuangzi: „Menschen, denen keine Menschlichkeit eigen ist, krempeln die lebendige Natur um in ihrer Gier nach Reichtum und Ruhm … Wer sich für Besitz und Wohlstand aufopfert, der gilt gewöhnlich als Kleinbürger“ ( S.26 /27).

15. Eine intensive Beschäftigung mit Zhunagzi und dem Daoismus hätte der Autorin Jenny Odell sehr gutgetan. Aber das kommt vielleicht noch, denn nach den Gesetzen des ganz auf Profit setzenden Buchmarktes wird sie nach ihrem „Bestseller“ „Nicht tun“ sicher sehr bald das zweite und dritte Buch vorlegen. Vielleicht diesmal mit einer Empfehlung von Jo Biden…

16. Das „Nichts Tun“ bleibt eine große philosophische Herausforderung, ein zentrales Thema philosophischer Lebensgestaltung. Nichts Tun meint eher das Abstandnehmen von dem üblichen,eingefahrenen und nur von der herrschenden (Un)Kultur bestimmten Tun. Zu unterscheiden wäre also wieder Tun und Handeln, diese klassische Unterscheidung verdient heute mehr Beachtung. Und Tun ist auf im weitesten Sinn auf Technik bezogen, Handeln auf das ethisch verantwortliche, auch politische lebendige Agieren.

Heute bestimmen die Maximen des technischen Tuns (Kalkül, materieller Profit, Taktik im Verhalten usw.) das politische Handeln. Korruption hat dort ihren Ursprung. Das Handeln in Deutlichkeit der Abgrenzung vom Tun wieder zu entdecken, auch mit dem immer gelegentlich erforderlichen Nichts-Tun (etwa in der Meditation), bleibt die dringende Aufgabe!

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